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Paul Keller

Ulrichshof

Roman

Saga

Ulrichshof

© 1929 Paul Keller

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711517482

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Stück

1. Kapitel

Es fiel einmal ein Kinderherz ins Gras . . .

Das alte Holztor liess einen leisen Wehruf hören. Was hatte dieses Tor schon zusammengeklagt in seinem langen Leben. Über hundert Jahre war es alt. Der Tischler Christian Siel hatte es einmal aus Buchenholz gefertigt. Als das Tor in der Friedhofmauer hing, starb der Tischler Siel. Er war der erste, der durch seine Friedhofspforte hineingetragen wurde. Ganz in der Nähe hatten sie ihn begraben. Das Tor sah auf seinen Hügel, und wenn in der Nacht der Wind ging, klagte es und rüttelte an den eisernen Bändern, mit denen es an die Wand gefesselt war, als wollte es diese Fesseln sprengen und allen, die da begraben lagen, die Auferstehung von den Toten verkündigen, ihnen den Weg freigeben zurück ins Leben. Nach fünfundzwanzig Jahren hatten sie den alten Siel ausgegraben. Der Totengräber hatte eine Knochenhand betrachtet, die noch ganz war. Mit dieser Hand hatte Siel die Friedhofspforte geschaffen, die Bretter behobelt und zusammengefügt, sie mit brauner Farbe bestrichen. Nun stand der Totengräber in der Grube, die er geschaufelt hatte, und betrachtete die Knochenhand, die noch ganz war. „Ach“, sagte er, „alter Christian! Mit dieser Hand hast du mich einmal derb verprügelt, als ich in deinem Garten auf Apfeldiebstahl aus war. Du warst ein starker und zufassender Mann, Christian. Ich nehm dir’s jetzt nicht mehr übel — das von damals. Und zum Zeichen dessen will ich dir diese Hand schütteln.“

Da zerfiel die Hand. „O weh, nun ist die Hand zerfallen; nun bist du freilich kein Tischlermeister mehr, Christian. Ach du lieber Gott, was ist das für ein trauriges Leben und für ein trauriges Amt, Leute zu begraben und auszugraben, die man gekannt hat. Jetzt, Christian, kommt nun dein Sohn in diese Grube. Gestern ist er gestorben, der Ehrenfried. Kommt in deine Grube, wie halt der Sohn das Bett des Vaters erbt.“

Dieser Totengräber war schon lange tot, das wusste das Tor, und ein neuer Totengräber war gekommen, der war auch schon tot, und den Ehrenfried Siel hatten sie nach weiteren fünfundzwanzig Jahren auch ausgegraben und in sein und seines Vaters Bett den Ulrich Siel gelegt.

Das alles wusste das Tor; eine solche Friedhofspforte erlebt mehr als mancher gelehrte Mann und kennt die grosse Weisheit, dass hartes Buchen- und Eichenholz viel länger hält in Sturm und Wetter als Menschenblut und Nerven. Der jüngste Siel hatte jetzt an dem Tore herumgeflickt. Das war wie eine Operation gewesen, und das alte Tor wusste, dass nicht lange nach einer Operation das Sterben kommt. So würde das Tor bald sterben, und man würde ihm kein christliches Begräbnis gönnen in gesegneter Erde, obwohl es lange Wache gestanden hatte an so vielen Gräbern. Man würde es dem Feuertode überantworten. Es gibt nur ein undankbares Wesen auf der Erde, das ist der Mensch.

Das Tor hatte leise gewehklagt, weil ein alter Herr es zu ungewohnter Zeit geöffnet hatte. Etwa fünfzehn Schritte ging der Alte, die Hände auf die Schösse seines altmodischen Gehrocks gelegt, vorsichtig, auf leisen Sohlen. Nach den fünfzehn Schritten blieb er stehen und nickte wehmütig mit dem weissen Kopfe.

„Ich dachte es mir, es ist heute der Todestag.“

Über einen Grabhügel langhingestreckt lag ein Kind, ein Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren. Man sah nicht, ob es weine oder bete. Vielleicht war es besinnungslos, denn es lag ganz ohne Regung. Es zuckte auch nicht zusammen, als der alte Herr näher kam und nun ein wenig lauter auftrat.

„Brigitte! — Brigitte, hörst du mich nicht?“

Das Kind regte sich nicht. Da fasste der Alte das Mädchen sanft an der Hand und zog es empor. Das Mädchen sah ihn mit verweinten Augen gross und verwirrt an und fröstelte in sich, presste die Hände auf die Brust und zog die Schultern zusammen.

„Lass mich, Tobias, lass mich bei der Mutter!“

Tobias schüttelte traurig den Kopf.

„Das Wetter ist kühl! Ich bitte dich, Brigitte, komm mit mir heim! Du weinst und frierst dich krank.“

Er umfasste sie, aber das Mädchen riss sich los und warf sich wieder auf das Grab.

„Meine Mutter — meine Mutter!“

Jetzt stand der Alte still. Er regte sich nicht; hörte ein wehes Weinen irgendwoher, sah in grautrübes Licht, durch das kein Strahl der Hoffnung rann. Dann raffte er sich auf.

„Komm heim, Brigitte!“

Er zog sie abermals empor.

„Brigitte, ich weiss ein Gedicht, das passt auf dich und deine Mutter. Soll ich es dir aufsagen, hier an ihrem Grabe?“

Das Kind antwortete nicht. Nach einer Pause fragte der alte Herr abermals:

„Soll ich es dir nicht aufsagen?“

Das Mädchen antwortete auch jetzt noch nicht; aber endlich sprach es leise:

„Sag’s!“

Da sprach der alte Herr mit schöner, warmer Stimme:

„Es fiel einmal ein Kinderherz

Ins Gras,

Ins Gras, darunter seine Mutter schlief.

Da kam ein Englein, rief:

Gras, Gras, Friedhofsgras,

Mach es nicht mit Tränen nass,

Es ist der Rand von Gottes Wiese,

Es ist der Rand vom Paradiese,

In einem wunderschönen Garten

Wird die Mutter auf dich warten.“

Das Mädchen schmiegte sich an den Alten.

„Hast du es verstanden, Brigitte? Dieses Gras, in das du weinst, gehört schon zum Paradiese, es ist der fernste Rand von Gottes Wiese, es sieht aus dem Jenseits aus der Erde hervor, dieses Gras sagt, dass wir Menschen nicht vergessen sollen, wo unsere Toten sind.“

Das Mädchen flüsterte:

„Es ist ein schönes Gedicht.“

„Ich habe es dir abgeschrieben, Brigitte — mit Rundschrift, und es selber eingerahmt; es hängt über deinem Bette. Kommst du jetzt mit mir?“

Das Kind beugte sich noch einmal über den Hügel, strich mit der Hand über das Friedhofsgras und sagte: „Der Rand von Gottes Wiese!“ — Dann richtete es sich auf und sagte: „Komm!“

*

Das alte Tor jammerte, als die beiden hindurchgingen, und dann waren sie wieder draussen im Leben. Freilich war das „Leben“ hier auf der Landstrasse, die von der Kreisstadt nach Dorf und Gut Ulrichshof führte, nur ein geringes. Aber mit grossem Gepolter kam ein leerer Lastwagen die mässig abfallende Chaussee herunter. Der Kutscher stand, hieb auf die schweren Pferde ein und schrie: „Hallo! Hallo! Wettschnellfahren mit Kartoffelwagen; Rekord breche ich — Rekord. Hallo! Hallo!“

Tobias dachte: Es ist unser Jakob Kabiczek, der Oberschlesier. Er hat wieder getrunken in der Stadt. Ob er wohl heute seine Alte prügelt? Die kräftige Frau Kabiczek hatte dem Doktor Tobias vor einer Woche geklagt: „Bin ich unglückliche Frau! Jakob mir untreu, macht sich nichts mehr aus mir. Hat mich schon sechs Wochen lang nicht mehr gehau’n. Aus ist!“

Wohl wollte dem alten Tobias ein leises Lachen ankommen über solch eheliches Verhältnis und solche Kennzeichen von Liebe und Treue, aber seine Gedanken kehrten bald zurück zu dem traurigen Kinde an seiner Seite.

„Du siehst blass aus, Brigitte. Seit einem Jahr hast du gewiss nicht ein Pfund zugenommen. Das soll nicht sein bei einem dreizehnjährigen Mädchen. Du musst Honig essen, Brigitte, immer reinen Honig, der geht ins Blut, der heilt alles Kranke.“

„Ich mag keinen Honig.“

„Brigitte, ehe die Krankheit deiner Mutter kam, hat sie alle Tage Honig gegessen, und als ihr noch kleiner waret, Julius und du, hat euch die Mutter jeden Tag mit Honig gefüttert. Erinnerst du dich dessen nicht mehr?“

„Ja, jetzt erinnere ich mich. Wir hatten eine weisse Honigdose aus Porzellan, da war ein Bienenkorb darauf gemalt. Ich werde jetzt alle Tage Honig essen. Was Mutter tat, war immer gut.“

Die Chaussee stieg nun wieder bergauf, und Jakob Kabiczeks Rekordfahrt hatte ein Ende gefunden. Das langsame Knarren seines Kartoffelwagens klang nur undeutlich aus der Ferne.

Tobias räusperte sich, hustete dann und holte tief Atem. Man merkte ihm an, er wollte etwas sagen, was ihm nicht leicht fiel.

„Brigitte, ich glaube, dass es dir gar so schwer wird um die Mutter, das rührt von Julius her, der es dir so schwer macht.“

„Julius ist mein Bruder, ich habe niemand ausser ihm.“

„Und die Grossmutter?“

„Die Grossmutter ist freundlich — wenigstens zu Julius — aber sie ist Vaters Mutter.“

„‚Aber sie ist Vaters Mutter‘, das hast du von Julius. Es ist nicht dankbar von euch Kindern gegen die gute alte Frau, wenn ihr so seid.“

Das Mädchen schwieg, und in ihr weiches Gesicht kamen jetzt Zeichen des Trotzes.

Nach einer Weile sagte Tobias:

„Und ich? Was bin ich für euer Leben? Gar nichts als eben nur der Mann, der eure Schularbeiten nachsieht?“

„Du bist unser bester Freund! Du bist unser einziger Freund, Tobias, das sagt auch Julius.“

„Das zu hören, macht mich glücklich,“ sagte der Alte leise und bewegt. Nach einer Weile lachte er ein wenig, schüttelte Brigitte am Arm und sagte: „Rat mal, Brigittchen, was der Julius für eine Note auf seine Klausurarbeit in Latein bekommen hat?“

„Mangelhaft!“

„Hoho! Ganz daneben geraten. ‚Gut‘ hat er bekommen. Nur einen halben Fehler hat er gehabt. Haha, die neuen Pädagogen rechnen mit halben Fehlern, halben Prozenten. Die sind Knauser. Nur einen halben Fehler!“

„Dann wird er von Heinrich Martin abgeschrieben haben. Der sitzt neben ihm!“

„Nein, Heinrich Martin kann selber nichts. Eher hat Heinrich Martin von Julius abgeschrieben.“

„Dann hat ihnen der Sohn vom Pedell, mit dem sie Briefmarken tauschen, einen Tip gegeben, was drankommt. Das tut er manchmal. Julius sagt, der Pedell hat immer scharfe Augen, aber im Lehrerzimmer, wo manchmal Notizbücher herumliegen oder im Überzieher stecken bleiben, hat er hundert Augen wie der Gott Argus und eine flinke Hand im Nachschlagen und Abnotieren. Das sagen Julius und Heinrich Martin.“

Tobias freute sich, dass er das Mädchen etwas von seinen schweren Friedhofsgedanken hatte ablenken können. Er lachte und sagte:

„Oh, der Pedell ist einmal bei uns in Ulrichshof in der Schlossbrauerei gewesen, wo er herstammt, und da hat er geprahlt, er hätte schon zwei Schock Abiturienten durch das Maturium bugsiert, und eigentlich sei es nicht der Direktor, sondern er, der das Zeugnis der Reife bewirke. Das hat der Trinkkumpan in der Stadt weitererzählt, und da wäre es dem jugendfreundlichen Pedell beinahe an den Kragen gegangen. Aber er log sich mit totaler Trunkenheit seines Kumpans heraus, und der Direktor liess Milde walten. Wahrscheinlich hat er früher als Schüler selbst Durchstechereien gemacht. Haha! Wahrscheinlich — höchstwahrscheinlich.“

Das Mädchen war schon nicht mehr zur Hälfte bei dem lustigen Thema.

„Tobias, du hast doch auch studiert, warum bist du denn nicht auch Gymnasialdirektor geworden? Warum bist du bloss so bei uns?“

Tobias seufzte.

„Das kommt halt so! Jeder kann nicht etwas Grosses werden. Und ist es so schlimm, dass ich nur so bei euch bin?“

„Nein, nein, das ist gut!“

Sie stiegen nun die Chaussee bergan. Tobias musste manchmal stehenbleiben und etwas verschnaufen. Auf der Anhöhe, die den Namen „Die schöne Aussicht“ vom Volke erhalten hatte und auf der Brigittes Vater eine Ruhebank aus Eichenholz hatte errichten lassen, blieben sie halten.

„Setz dich“, sagte der asthmatische Tobias „setz dich neben mich, Brigitte. Das war ein böser, langer Anstieg!“

Er wischte sich den Schweiss von dem gelben Gesicht.

„Ich will stehen bleiben!“ sagte das Mädchen.

„Weil sie sich nicht auf die Bank ihres Vaters setzen mag“, brömmelte Tobias in sein Schnupftuch. „Das ist alles der Julius, der Julius, vielleicht auch dieser Heinrich Martin. Sie haben das Mädchen in der Gewalt.“

Es war wirklich eine schöne Aussicht von dieser Anhöhe, die über die Chaussee lief. Nördlich und südlich war stolzer Hochwald mit vorgelagerten freundlichen Wiesen; nach Osten und nach Westen hin war die Aussicht frei; zur Linken lag die Kreisstadt mit ihren vier Türmen und den vielen Häusern, die an zwanzigtausend Menschen Obdach gewährten. Man sah deutlich die Luisenhöhe, auf der sie einen Bismarckturm errichtet hatten. Eine Lindenallee führte hinauf. Im Sommer versteckten sich Liebespärchen hinter den dicken Bäumen, im Winter war dort die Rodelbahn. Da fuhr so mancher an die Bäume und brach ein Bein; einer hatte sich tot gefahren, weil er dem Mädel, das er liebte, zeigen wollte, wie forsch er sei.

Und zur Rechten lag Ulrichshof. Das Dorf war ein wenig dürftig, wie alle Dörfer, in denen durch Jahrhunderte Rittergüter waren. Diese armen Bäuerlein und Handwerksleute waren immer beim Löwen zu Gaste, der das Beste für sich nahm. Aber jetzt in der neuen Zeit hatte sich das Dorf recht herausgemacht. Sie hatten eine Chaussee, hatten elektrische Beleuchtung, einen eigenen Landjäger und auf dem Kirchturm drei sauber abgestimmte Glocken, auch wurden in manchen Häusern Zeitungen gehalten; ein Bauer, er blieb freilich der einzige, hatte sich im Laufe von zwei Jahrzehnten drei Bücher gekauft, und zwei andere Bauern besassen Rasierapparate. Das ist einiges, was zum Lobe des Dorfes Ulrichshof anzuführen wäre.

Hoch und herrlich aber ragte das Schloss des Rittersitzes empor. „Schloss“ musste man sagen, denn „Herrenhaus“ wäre zu wenig gewesen. Der Mittelflügel hatte zwanzig Fenster Front, die Seitenflügel, die sich stumpfwinklig anschlossen, deren je zehn; ein mächtiger Turm überkrönte das Ganze. Ein altes Feudalgeschlecht hatte dieses Schloss erbaut, erweitert, gepflegt, bewohnt. Von den Tagen der Kurfürsten an war hier vornehmes, höfisches Leben gewesen mit Schmaus und Trank, Jagd und Spiel, mit Liebesabenteuern, Duellen, Intrigen, geheimen Abmachungen, mit Abwechselungen zwischen Lärm und rohem Gelächter und andererseits zierlicher „Courtoisie“ und gelehrten „Disputen“. Das Feudalgeschlecht hatte seinen reichen Besitz im Laufe der Jahrzehnte vertan, und seine Mitglieder waren in die schmale Futterweide königlicher Beamten- und Offiziersstellen gekommen. Gut und Schloss waren dann durch verschiedene Hände gegangen, an Menschen geraten, die für die mächtigen Rahmen nicht die entsprechenden Porträts liefern konnten und schliesslich immer froh waren, wenn sie den Besitz, der sie in seinen Ausmassen bedrückte, weiterverkaufen konnten. Jeder dieser Zwischenbesitzer aber hatte vor dem Weiterverkauf Acker- und Waldparzellen zu Gelde gemacht, auch fleissig Bäume schlagen lassen, ohne sich mit der vorgeschriebenen Neuaufforstung übermässig zu übereilen oder durch übertriebene Sorgfalt zu übernehmen, und so war das Gut schliesslich auf fünfhundert Hektar an Acker- und Waldbestand zusammengeschrumpft, ein Areal, das zu dem feudalen Herrensitz nicht im Einklang stand. Zuletzt hatte es ein Generalleutnant gekauft, der den Titel „Exzellenz“ führen durfte. Dieser Mann hatte als schon bejahrter Generalmajor das Herz einer Prinzessin entzündet, man hatte ihn schnell zur Exzellenz befördert, ihn und seine Frau dann ohne Rückfahrkarte nach Ulrichshof geschickt, wo das Paar sein Liebesglück in aller Stille und ganz unbehelligt durch höfische Kreise geniessen sollte. Nun, es war anfangs besser gegangen, als man gedacht hatte. Die Prinzessin gebar der Exzellenz nach einem Jahr einen strammen Sohn, einen kleinen Prachtbengel, und in der Freude seines Herzens lud der glückliche Vater eine Unmenge früherer Kameraden und Bekannter zur Taufe. Noch einmal schien die alte Herrlichkeit zurückgekommen zu sein, noch einmal war das riesige Haus erfüllt von Lachen, Tanz, Trinkgelächter und Liebesgeflüster, noch einmal galt die alte Parole: „Verschwendung“, aber schon drei Jahre später kam ein Teil dieser lustigen Gäste still und bedrückt wieder zum Begräbnis der Exzellenz. Deren kleiner Sohn Eberhard trug bei der Beisetzung seines Vaters die ersten Höschen.

*

„Wollen wir jetzt weitergehen, Brigitte?“ fragte von seiner Bank her der alte Tobias. „In einer reichlichen halben Stunde wird es Nacht werden.“

„Ja, wir wollen gehen!“ sagte das Mädchen. Sie hatte die ganze Zeit, während Tobias das Schloss betrachtete und über dessen Geschichte nachdachte, nach der anderen Seite geschaut, nach dem Friedhofe hin. Man entdeckte ihn sofort von weitem wegen der hohen Pappeln, die an seiner äusseren Mauerseite standen. Die Pappeln sind in ihrer Schlankheit und ihrer ernsten Art, aber auch in ihrer eigentümlich weichen, schwermütigen Stimmung die Zypressen des Nordens. Irgendeine Ratsverwaltung früherer Jahrzehnte hatte einmal die Anpflanzung der Pappeln am Friedhof angeordnet. Da hatte eine fein empfindende Seele gesagt: „Die Pappel ist der Baum des Schmerzes. Seht euch nur eine Pappel an, hört nur, wie klagend sie rauscht, und dann versucht zu lachen! Ihr könnt es nicht!“ Aber in späteren Jahren hatte ein anderer gesagt: „Man sollte die Pappeln am Friedhof ausroden. Auf die Stätte der Trauer soll man nicht weitere Schwermut bringen, sondern Licht und Trost. Birken pflanzt an, die wie weissgekleidete Mädchen sind, die seidene Haare haben wie die Himmelsjungfrauen und zärtliche Lieder singen wie die Bräute. Und auf alle Gräber legt Kränze aus roten Rosen oder aus brennenden Nelken oder aus freudigen Chrysanthemen.“

So denken und empfinden die Menschen verschieden und ereifern und begeistern und widersprechen sich, und wenn sie tot sind, ist ihnen alles gleichgültig.

Sie gingen nun die Strasse weiter, die sich sanft senkte. Im Herzen des Tobias ruhte die Frage: Warum ist der Schmerz dieses Mädchens so andauernd? Wenn ein Kind ein ganzes Jahr lang so tief und andauernd trauert, gibt das zu denken. Kinderschmerz um Tote zerschleisst viel rascher als das Trauerkleid, dann kommt die Sehnsucht nach einem farbigen Gewande; Kinderlust verwelkt mit dem Kranze auf dem Kopfe, dann kommt die Frage nach etwas Neuem; keine Stimmung hält bei Kindern lange an. Ja, die Brigitte war tief wie ein rätselhafter Waldsee, dessen Wasser niemand gemessen hat, und auch der Junge, der Julius, war tief, aber tief wie ein Abgrund, in den niemand schauen kann, ohne vom Schwindel erfasst zu werden. Das waren die Enkelkinder jener Prinzessin und jener alten Exzellenz.

„Von da unten herauf kommt Julius mit Heinrich Martin!“

Tobias rückte an seiner Brille; er sah niemand kommen. Zehn Minuten später trafen sie zusammen. Tobias fragte, ob Julius vielleicht noch nach der Stadt wolle zu seiner geheimen Schülerverbindung. „Nein, Toby, das kannst du dir wohl denken, dass ich heute nicht auf die Kneipe gehe, dass ich heute zum Grabe der Mutter will.“

„Jetzt, Julius? Gleich wird es Nacht sein. Es ist kein Mondschein!“

„Das ist die richtige Zeit, das richtige Wetter. Nacht muss es sein, wenn meine Sterne strahlen.“

Er sagte das abgeänderte Wallenstein-Zitat stolz, aber ziemlich theatralisch.

„Wenn du nun schon durchaus gehen willst, Julius, so will ich mit dir gehen. Wir sind gleich im Dorfe. Brigittchen springt den Schlossberg allein hinauf; sie hat flinke Beine.“

„Hältst du uns für Knaben, Toby? Wir sind siebzehn Jahre. In zwei Jahren haben wir das Maturum. Was brauchen wir eine Begleitung? Kannst du uns beschützen, Toby?“

„Nein“, sagte Tobias demütig; „du bist ja viel stärker als ich.“

*

Brigitte gehörten die drei Zimmer, die früher die Mutter bewohnt hatte: ein Rokokosalon, ein anstossendes Musikzimmer und ein Schlafzimmer. Die Räume waren zu weitläufig für ein dreizehnjähriges Mädchen, aber Brigitte hatte der Grossmutter innig gedankt, als sie diese Zimmer beziehen durfte. Vielleicht war es das einzige Mal, dass sie zu ihrer Grossmutter zärtlich war. Grossmutter aber hatte etwas brummig gesagt: „Schon gut, wer sollte diese Räume sonst benützen?“ Nun wohnte Brigitte in den Zimmern der Mutter. Alles war noch wie einst, da Mutter noch hier sass bei ihrer Handarbeit oder am Flügel oder am Harmonium oder in einem Buch las. An einem Fenster war ein zierlicher Rokokotisch weggerückt und dafür ein festerer Tisch mit einer grünen Decke hingestellt worden. An diesem Tische machten Brigitte und Julius ihre Schularbeiten; die Mutter sass schweigend dabei. Sie konnte viel. Selbst Julius, der doch schon in Untersekunda war, musste sie manchmal im Französischen um eine Auskunft bitten; auch Algebra verstand die Mutter. Nur Latein konnte sie nicht. Die lateinischen Arbeiten liess sich Julius von Tobias machen. Brigitte musste, wenn sie mit Zahlen zu tun hatte, diese Zahlen leise vor sich hinsprechen, sonst bekam sie die Rechnung nicht zustande. Einmal sagte Julius erbost zu ihr: „Still rechnen! Du dumme Gans störst mich!“ Diese Ungezogenheit verwies ihm die Mutter sanft, aber ernst. Da sprang Julius auf, umarmte seine Mutter so heftig, dass sie leise schrie, und bedeckte ihr ganzes Gesicht mit wilden Küssen. Dann ging er zurück zu seiner Arbeit und brummte leise, dass Mutter es nicht hören sollte, der Schwester zu: „Du bist doch eine dumme Gans.“ Aber Mutter hatte es wohl doch gehört. Sie schalt aber nicht mehr, sondern sprach ganz leise für sich hin: „Geschwister.“ Was die Mutter gemeint hatte, als sie gerade damals sagte: „Geschwister!“ wusste Brigitte noch heute nicht. —

Nun wurde es Nacht draussen. Der Himmel war voller Wolken, der Mond schien nicht, nur einige Sterne blinkten manchmal auf und versanken gleich wieder im nächtlichen Wolkenmeere. Der Wind ging. Jetzt würden Julius und Heinrich Martin beim Grabe der Mutter sein. Der Friedhof würde ganz schwarz daliegen, in den hohen Pappeln würde es schaurig rauschen, und das alte Holztor würde jammern.

Ob sich die beiden nicht fürchten würden so zu nächtlicher Zeit auf dem Kirchhof, wenn der Wind über die Gräber ging und die Pappeln so schaurig rauschten und die Grabkreuze und grauen Marmorsteine alle Geistermäntel umhatten? Nein, die fürchteten sich nicht, denn sie waren schon in Obersekunda.

Und dann — warum sollten sie sich fürchten; sie waren ja bei der Mutter. Bei der Mutter konnte sich niemand fürchten, denn sie war wie ein Engel Gottes. Brigitte fürchtete sich auch nicht, in diesen grossen, alten Schlossräumen allein zu sein. Sogar vor der geputzten Ahnfrau mit den strengen Augen, deren grosses Bild im Musikzimmer hing, fürchtete sie sich nicht, obwohl diese Ahnfrau Hofdame bei der gewaltigen Kaiserin Theresia gewesen war. Sie fürchtete sich nicht, in dem Bette zu schlafen, in dem ihre Mutter gestorben war. Nein, nein, es war ihr ja das liebste Bett der Welt. Wie oft war sie aus ihrem Kinderbettchen herausgeklettert und hatte sich zur Mutter gelegt in dieses Bett. Jetzt träumte sie manchmal, die Mutter käme ganz leise herein und huschte zu ihr unter die Decke.

Da hing wirklich das Gedicht, von dem Tobias auf dem Kirchhof gesprochen hatte, in zierlicher Rundschrift geschrieben und schön eingerahmt. Der gute Toby! Woher er nur das Gedicht hatte!

„Es fiel einmal ein Kinderherz

Ins Gras . . .“

Woher er das nur hatte? Sie wird das Gedicht zwei- oder dreimal lesen, und dann wird sie es im Herzen und in der Seele haben als einen schönen Trost.

*

Es klopfte deutlich an die Tür. Tobias war’s. Er schaltete rasch einige Lampen ein.

„Musst nicht so im Dämmern sitzen, Brigittchen! Seit wir auf dem Gute die eigene Wasserkraft ausnützen und die Turbinen haben, kommt es gar nicht darauf an, wieviel Lampen brennen.“

„Es ist ganz schön im Dämmerlichte, ich fürchte mich nicht.“

„Ja, ja, aber der Mensch ist ein Kind des Lichtes, Finsternis taugt nichts für ihn. ‚Die Nacht ist keines Menschen Freund‘, steht geschrieben. Hast du das Gedicht bei deinem Bette gefunden?“

Das Mädel eilte auf den Lehnstuhl zu, in dem Tobias sass, fasste ihn um den Hals und gab ihm einen herzhaften Kuss auf den Mund.

„Nun, nun“, sagte Tobias verlegen, „soviel ist das nicht wert! Aber wenn dir die paar Verse was nützen, will ich darüber froh sein.“

„Wo hast du denn das schöne Gedicht her?“

Tobias wurde noch verlegener.

„Ach, halt irgendwoher! Das tut nichts zur Sache. Um auf etwas Wichtiges zu kommen, Brigittchen: als ich heute nachmittag in deiner Schlafstube das gerahmte Gedicht anmachte, sah ich einen schwarzen Vorhang vor der Tür, die früher aus dem Schlafzimmer deines Vaters in das Schlafzimmer deiner Mutter führte. Wie kommt der Vorhang dorthin? Wer hat ihn angebracht?“

„Julius“, murmelte das Mädchen.

„Das dachte ich mir“, sagte Tobias. „Warum schwarz?“

„Ich wollte einen grünen, aber Julius wurde wieder wild, er sagte, es müsse ein schwarzer Vorhang sein. Da gab ich ihm die Hälfte des Preises von meinem ersparten Taschengelde, Heinrich Martin wollte auch beisteuern, aber Julius sagte, nein, das ginge ihn nichts an. Dann hat Julius den Vorhang in der Stadt gekauft und ihn mit Heinrich Martin angemacht in meiner Schlafstube, und ich habe nichts dagegen sagen dürfen.“

Ein Diener erschien und sagte, Hoheit wolle Herrn Julius, das gnädige Fräulein und Herrn Doktor sprechen. Herr Julius aber sei nirgends zu finden.

„Er ist nach der Stadt“, gab Tobias Bescheid.

„Komm mit zu Grossmama, Brigitte!“

2. Kapitel

Hoheit und ihre Enkel

Die Besitzerin des Gutes Ulrichshof liess sich „Hoheit“ titulieren, nicht nach ihrem verstorbenen Gemahl „Exzellenz“. Denn ob diese Dame auch gutwillig, ja begeistert die Frau eines Mannes vom Kleinadel geworden war, so vergass sie doch nie auf ihre fürstliche Abstammung und hatte diesen „Abstand“ auch den Gatten manchmal fühlen lassen. Hoheit war von schlankem, grossem Wuchse und hatte trotz ihrer fünfundsechzig Jahre noch immer ein ziemlich faltenloses Gesicht. Das tägliche Bad, der Reitsport, vernünftiges Masshalten in Essen und Trinken und geeignete Massage hatten ihre Haut bei guter Durchblutung gehalten, und bei guter Durchblutung der Haut kommen Fettansatz oder Runzeln nicht leicht auf.

Körperliche Trägheit macht rasch alt, geistige auch, zum ganz Altwerden gehört eine gewisse Portion Trägheit und Dummheit; zahlreiche Ausnahmen erhärten diese Regel. Hoheit übernahm sich nie an schwerer geistiger Kost, sie las am liebsten leichte Romane in deutscher oder französischer Sprache. Philosophischen, politischen oder religiösen Auseinandersetzungen war sie abhold. Mit dem Christentum stand Hoheit nur soweit in Verbindung, wie das „offiziell“ von einer Standesdame verlangt wird. Dagegen beschäftigte sich die hohe Dame viel mit Geheimkünsten: mit Kartenlegen, Handlesekunst und mit Spiritismus. Sie war Mitglied eines spiritistischen Zirkels in der nicht weit entfernten Hauptstadt. Einmal hatte Hoheit den Geist Napoleons des Ersten zitiert. Napoleon hatte ihr mit der unverschämten Phrase geantwortet, die er für alle Frauenspersonen hatte, die sich ihm in seinen Privatgemächern aufdrängten, mit einer Phrase, die in anständiger Gesellschaft nicht wiedergegeben werden kann. Wochenlang hatte Hoheit an einem Nervenchok gelitten. Dieser Napoleon blieb auch nach dem Tode noch ein Unflat. Auch mit Goethe hatte Hoheit kein Glück gehabt; er hatte ihr nur zwei Worte geantwortet: „Mehr Licht!“, und Friedrich der Grosse hatte grob gepoltert: „Gehe Sie schlafen, Sie alte Schachtel!“ Daraufhin hatte die Leiterin dieser Sitzungen gesagt: Hoheit solle sich nur trösten, weder Napoleon, noch Goethe, noch Friedrich der Grosse hätten persönlich geantwortet, das seien Koboldereien untergeordneter Geister, die eine Freude daran hätten, die Sitzungen zu stören, die Menschen zu äffen. Die drei zitierten Herren seien auch durch die tausenderlei Seancen, die in jeder Nacht auf Erden veranstaltet würden, so in Anspruch genommen, dass sie nicht immer antworten und ihre elysische Ruhe unterbrechen könnten, wennschon sie — die Leiterin — gehofft habe, sie würden in diesem Falle, da es sich um eine gebürtige Prinzessin handele, eine Ausnahme machen.

Lange Zeit hatte Hoheit versucht, eine Verbindung mit ihrem verstorbenen Gemahl zu bekommen; es war nicht gelungen, keine Antwort kam. Da hatte bei einem abermaligen vergeblichen Versuche ein Gast einem anderen zugeflüstert: „Vielleicht ist er in der Hölle, da kann er nicht antworten.“ Hoheit hatte einen Ohnmachtsanfall erlitten, denn obgleich sie nicht wusste, ob sie an die Existenz einer Hölle glaube, fürchtete sie sich doch insgeheim ganz schrecklich vor ihr. Einen einzigen Erfolg hatte Hoheit in den spiritistischen Sitzungen erzielt. Sie hatte einen verstorbenen Arbeitsaufseher, der zu Lebzeiten „Vogt“ genannt worden war, befragt, ob er denn nicht wisse, wer ihr seit einem Jahrzehnte die Gänse und Hühner stehle. Ja, hatte der Geist geantwortet, das wisse er. Zu Lebzeiten hätte er sie selber gestohlen, zusammen mit Gustav, dem Pferdeknechte, der die Marktfuhren besorge; nun er tot sei, werde Gustav wohl das Geschäft selbständig weiterführen.

Diese Botschaft aus dem Jenseits erwies sich als richtig; am nächsten Markttage konnte Gustav in der Stadt mit gestohlenem Federvieh festgenommen werden.

*

Hoheit hatte eben eine „Patience“ beendet, die zweiundfünfzig Whistkarten lagen noch auf dem Tisch, als Doktor Tobias mit Brigitte eintrat.

„Hoheit haben befohlen —“

„Ja! Wo ist Julius?“

„Er ist nach der Stadt. Wir trafen ihn — Brigitte und ich.“

„Sie waren mit Brigitte aus?“

„Brigitte war nach dem Friedhofe gegangen — ich ging ihr nach — es ist ja heute der Todestag —“

Hoheit zuckte ein wenig zusammen.

„Ja, ja, doch wohl der sechsundzwanzigste März. Ich — ich — ich habe es natürlich durchaus nicht vergessen; nur ich bin gegenwärtig mit den Nerven so parterre, dass ich so traurige Friedhofsbesuche nicht machen kann. Sie werden das verstehen, Herr Doktor.“ Tobias verneigte sich; Brigitte sass steif und wortlos da.

„Wollte denn Julius nach seiner Verbindung?“

„Er sagte, er wolle nach dem Friedhof. Ob er nachher noch in seine Verbindung geht, weiss ich nicht.

Julius wird am sechsundzwanzigsten März niemals in ein Gasthaus gehen“, sagte das Mädchen.

„Du bist nicht gefragt worden, Brigitte“, verwies Hoheit.

Trotz trat in die weichen Kinderzüge. Zornige Tränen glitzerten in den grossen Augen. Sie gehorchte der Grossmutter nicht.

„Es ist unser Karfreitag, wir haben den ganzen Tag weder etwas gegessen noch getrunken, keinen Bissen, keinen Schluck Wasser, weder Julius noch ich.“

„War das eine Verabredung zwischen euch?“

„Ja. Heinrich Martin hat auch mitgefastet, obwohl es ihn nichts angeht. Er tut es aus Freundschaft.“

„Das ist ja wie eine Verschwörung! Was sagen Sie dazu, Doktor?“

„Ich habe davon nichts gewusst.“

„Von so etwas müssen Sie wissen“, sagte Hoheit scharf.

„Wofür sind Sie da?“

Der arme, alte Mann nahm schweigend diesen gallbitteren Bissen seines Gnadenbrotes in Empfang.

Da trat Julius ein. Er war ein bildhübscher Bursch. Der kohlschwarze, dichte Haarschopf krönte und umrahmte ein prachtvolles, kühnes Jungmännergesicht. Freilich, dieses Gesicht hatte nichts Frohes, nichts Vertrauensseliges, kaum etwas Junges, es war bitter und herb, aber in Nase, Stirn, Kinn, in dem Eigensinn der Augen kündete sich grosse Kraft.

Er verneigte sich kurz vor seiner Grossmutter.

„Setz dich, Julius“, sagte diese viel freundlicher, als sie jemals zu dem Mädchen sprach. „Du warst auf dem Friedhofe?“

„Es ist der Todestag der Mutter, der Todestag deiner Schwiegertochter. Ich sah keinen Kranz von dir auf dem Grabe, ich sah nur den Kranz, den Brigitte hingetragen hat und den wir Kinder zusammen gekauft haben. Und dann war noch ein ganz kleiner Kranz da, der sah ganz nach Tobias aus. Ich danke dir, lieber Toby.“

Aufs höchste verdrossen sagte die alte Hoheit:

„Ich verbiete dir, Julius, diesen ungehörigen Ton gegen deine Grossmutter anzuschlagen, von der du alles hast, ohne die du nicht leben könntest. Wenn ich heute nicht auf dem Friedhof war, so lag der Grund darin, dass mir meine Nerven so etwas nicht erlauben. Und um eines will ich dich fragen, Julius: das ganze Jahr jammert ihr um eure Mutter. Denkt ihr auch einmal an euren Vater, der mein einziges Kind ist? Denkst du an ihn, Brigitte?“

„Wenn ich an ihn denke, bete ich für ihn“, sagte das Mädchen leise.

„Und du, Julius, der du das Ebenbild deines Vaters bist, denkst du an ihn? Wie denkst du an ihn?“

Der junge Mann sprang trotzig auf und verliess das Zimmer.

„Das ist unerhört — unerhört — Doktor, holen Sie ihn zurück — er soll augenblicklich wieder hierherkommen!“

Doktor Tobias beeilte sich.

„Und du, Brigitte, gehe in dein Zimmer. Lasse dir das Nachtessen hinaufbringen.“

„Ich esse heute nicht.“

„Ach so — — die Verabredung — — — nun, vielleicht wäre es gut, euch einmal ordentlich hungern zu lassen. — Geh!“

Tobias kam zurück und meldete, Herr Julius hätte Mantel und Hut genommen und sei noch einmal davongestürmt. Wohin, wisse niemand.

Die alte Hoheit sprang auf.

„Wahrscheinlich abermals nach dem Friedhof — wahrscheinlich, um sich noch einmal die Seele voll Gift und Galle zu saugen gegen seinen unglücklichen Vater und gegen mich, seine Grossmutter. Aber das sind die Früchte solcher Erziehung! Die Frau, deren Todestag heute ist, hat mir am Anfang ihrer Ehe die Liebe meines Sohnes genommen, die mein alles war auf Erden, sie hat dann ihre beiden Kinder mir und dem Vater der Kinder völlig entfremdet. Wundert sich jemand, dass ich keinen Kranz auf das Grab dieser Frau trage? Um die Mutter jammern sie, an den Vater, an meinen einzigen Sohn, denken sie nur im Groll, denken in Hass an den armen Gefangenen in der Festung. Und — Sie, Sie, Doktor, Sie stehen auch auf der Seite meiner Gegner!“

„Nein, nein, nein“, stammelte der Alte, „ich bin Euer Hoheit durchaus ergeben.“

„Durchaus ergeben? So, so! — War der kleine Kranz, von dem Julius sprach, von Ihnen?“

„Ja“, sagte Tobias und zitterte.

„Wissen Sie, was das ist, Doktor? Das ist nicht etwas Gutes, nicht etwas Christliches oder Pietätvolles, das ist glatter Verrat an Ihrer Herrin.“

„Hoheit — Hoheit —“, jammerte der Alte, „wie könnte ich meine Wohltäterin verraten!“

„Sie tun es! Der Junge, das Mädel kommen ans Grab. Von der Grossmutter ist kein Kranz da, aber wohl ist einer da von dem edlen Herrn Doktor Tobias. Der Festungsgefangene hat keinen Kranz schicken können oder wollen, aber Herr Doktor Tobias hat einen Kranz niedergelegt, wahrscheinlich in aller Herrgottsfrühe, da Julius und Brigitte noch in der Schule waren, am Vormittag niedergelegt, damit die Kinder ihn nachmittags finden sollten.“

„Hoheit, ich hatte geglaubt, die Kinder würden meinen, der kleine armselige Kranz sei von der Krankenpflegerin, die die selige Frau Schwiegertochter betreut hat.“

„Nein! Ich dulde keine Gegenpartei im Hause. Und eine Gegenpartei bilden Sie mit den Kindern. Was bedeutet der schwarze Vorhang, der zwischen Brigittes Schlafzimmer, dem ehemaligen Schlafzimmer ihrer Mutter, und dem ehemaligen Schlafzimmer ihres Vaters, meines Sohnes, hängt? Ich bin heute oben gewesen, habe alles das angesehen!“

„Ich weiss es nicht, der Vorhang ist ohne mein Wissen angebracht worden.“

„Sie sind nicht gerade ein scharfsichtiger Erzieher, wenn Sie so etwas nicht bemerken. An Brigittes Bett hängt ein Gedicht eingerahmt an der Wand. Wissen Sie auch nicht, wer dieses Gedicht dort aufgehängt hat?“

„Ich tat es selbst.“

„Von wem ist das Gedicht?“

Tobias schwieg.

Hoheit ging durchs Zimmer, suchte in einer Lesemappe, brachte ein Zeitschriftenheft, schlug eine Seite auf und fragte: „Ist es nicht dieses Gedicht? Der Name des Autors darunter ist ‚Tobias‘. Haben Sie dieses Gedicht selbst geschrieben? Sie machen ja doch wohl zuweilen Gedichte. Ist dieses Gedicht von Ihnen? Warum, wozu dichten Sie so etwas?“

Der alte Tobias knickte ganz zusammen.

„Hoheit, man dichtet nur, wenn man dichten muss. Als ich die Verse schrieb, habe ich an Brigitte nicht gedacht. Dichtung verfolgt ja keinen Zweck. Erst, als das Gedicht schon gedruckt war, fand ich, dass es für Brigitte passe. Da schrieb ich es ab und hing es an ihr Bett.“

„Herr Doktor Tobias, Sie werden am ersten April Ihre Kündigung bekommen. Suchen Sie sich für den ersten Juli eine neue Stelle.“

„Hoheit — Hoheit — ich alter Mann — mir gibt doch niemand mehr einen Posten. Wo — wo sollte ich denn hin?“

„Das ist Ihre Sache! Eine Intrigenwirtschaft gegen mich dulde ich in meinem Hause nicht. Nun können Sie gehen.“

Der alte Mann taumelte, als er der Tür zustrebte. Draussen brach er zusammen. Ein Bedienter führte ihn in seine bescheidene Stube und half ihm ins Bett.

Eine halbe Stunde später stand Julius am Bette des Alten.

„Man hat mir gesagt, du seiest erkrankt. Was ist dir, Toby?“

„Ach“, jammerte Tobias, „ich alter Mann werde verhungern müssen. Hoheit hat mir gekündigt. Ich soll fort.“

„Aber das ist ja nicht möglich!“

„Es ist so, Julius.“

Der Jüngling setzte sich auf einen Stuhl und starrte auf den Fussboden. Dann streichelte er die Hand des Greises und sagte:

„Sei unbesorgt, Tobias, ehe du hungerst, werde ich Fabrikarbeiter, und Brigitte wird eher für ein Geschäft Hemden nähen, als dich darben lassen. Solch eine Gemeinheit! Nun, ich gehe jetzt zu ihr.“

Tobias wollte ihn zurückhalten; er sagte, Hoheit sei in denkbar schlechtester Laune, und Julius könne in seiner Aufgeregtheit schwere Fehler machen.

„Ich gehe!“

Er wurde vorgelassen. Hoheit war besserer Laune. Eben war die siebente Patience „aufgegangen“, die sie auf die Frage gelegt hatte, ob wohl das Begnadigungsgesuch für ihren Sohn Erfolg haben werde. Wenn sieben verschiedene Patiencen, auch die schweren, auf die gestellte Frage aufgehen, dann ist das ein absolutes „Ja“. Die Begnadigung des Sohnes würde erfolgen, Eberhard, ihr vergötterter Eberhard, würde bald bei seiner Mutter sein. Nun stand Julius vor ihr, den sie nur deshalb liebte, weil er das Ebenbild seines Vaters war. So, wie jetzt Julius vor ihr stand, so haargenau war Eberhard gewesen, als er siebzehn Jahre alt war, auch so wild, auch so trotzig, genau so aussehend.

„Nun, Julius, kommst du, um dich zu entschuldigen wegen deines unerhörten Betragens von vorhin?“

„Nein!“

„Was willst du also? Warum nimmst du nicht Platz?“

„Ich möchte bitten, stehen bleiben zu dürfen, bis meine Frage erledigt ist. Ich komme wegen Tobias. War es Ernst mit der Kündigung?“

„Ich spasse nicht mit solchen Dingen.“

„Und soll das das letzte Wort in dieser Sache sein?“

„Mein letztes Wort! Unwiderruflich! Dieser unselige Geist, der den Frieden dieses Hauses vergiftet, muss weichen. Doktor Tobias muss gehen, am besten sofort. Sein Gehalt bis ersten Juli werde ich ihm auszahlen lassen.“

„Das ist sehr gnädig. Ich werde mit Tobias zusammen Ihr Haus verlassen, Hoheit, morgen für immer verlassen.“

Die Prinzessin lachte nervös.

„Bitte, Julius, sei nicht theatralisch und spiel dich nicht auf! Verfratz dich nicht! Na, na, du bist siebzehn Jahre. Da läuft man schnell davon, aber man kommt auch ziemlich bald wieder. Es geht nicht draussen in der Welt ohne Halt und Stütze.“

„Es wird gehen. Freilich, am Gymnasium kann ich nicht bleiben. Wovon sollte ich das Schulgeld bezahlen, wovon sollte ich leben? Wenn ich nichts anderes finde, werde ich Fabrikarbeiter werden.“

„O, wie heroisch!“ lächelte die Hoheit. „Fabrikarbeiter! Das klingt! Das ist etwas für übergeschnappte Siebzehnjährige. Das ist etwas, um ihrer Familie zu drohen, aber es ist nicht etwas, das ausgehalten werden kann. Alles um eines entlassenen Hauslehrers willen, der nach keiner Richtung etwas taugt, der seine Studienjahre verliedert hat, wohl zur Not seinen Doktor machte, aber kein Staatsexamen zustande brachte, der natürlich damals mit seinem frischbackenen Doktortitel sofort zur Presse lief, dort alberne Artikel, aufgeblasene Kritiken schrieb, bis es doch die gebildeten Leser satt kriegten, so dass er entlassen wurde — das ist Doktor Tobias, der dann auf die schiefe Ebene geriet, in allen möglichen Berufen und Stellungen war, sogar Varietékünstler soll er mal gewesen sein, und der endlich auf Schloss Ulrichshof landete durch die Gnade deines Vaters. Auf Schloss Ulrichshof versteht er sein Erzieheramt nicht, ja, er missbraucht es geradezu zum Nachteil seiner Herrin. Rede mir nur niemand davon, dass meine Massnahme gegen diesen Doktor Tobias ungerecht oder auch nur hart sei. Es bleibt dabei, er hat zu gehen.“

Der Jüngling, der zuerst puterrot gewesen war, war jetzt blassgrau. Mit fast schleppender Stimme sagte er: „Einiges fehlt in diesem Lebensbilde des Doktor Tobias. Es fehlt zum Beispiel, dass er einmal Lehrer an einer Presse war, die solche Schüler aufnahm, die schon von allen möglichen Gymnasien heruntergeflogen waren. Da kam auch ein gewisser Eberhard von Kobel auf diese Presse.“

„Schweig, du Unverschämter! Du sprichst von deinem Vater!“

„Ich spreche zu dem Falle Tobias. Dieser Eberhard von Kobel verdankte es allein dem Doktor Tobias, dass er durchs Abitur kam, er verdankte es dem Doktor Tobias, dass er in Heidelberg, Bonn und Berlin von den allerschlimmsten Streichen abgehalten wurde, dass er nach zwölf Semestern den Doktor erhielt auf eine Dissertation hin, die Tobias abgefasst hatte.“

„Du Ausgeburt von Niedertracht! Das ist eine infame Lüge von Tobias.“

„Tobias hat mir nie etwas Nachteiliges über den Mann gesagt, der leider mein Vater ist, auch nicht das über die Dissertation. Ich habe andere Quellen. Der Herr Eberhard von Kobel hat mir einmal seine Doktorarbeit mit einer stolzen Widmung und mit der Mahnung, ihm nachzueifern, gedruckt überreicht. Das Manuskript der Dissertation aber fand ich in der Handschrift des Tobias in dessen Schublade, als ich einmal neugierig darin herumstöberte. Es war noch vor Mutters Tode.“

Die alte Hoheit konnte nicht mehr sprechen. Sie lag nach Luft ringend und sich fächelnd in einer Sofaecke. Ein Diener brachte ein Telegramm. Die alte Frau raffte sich sofort auf. „Wahrscheinlich vom Anwalt in Berlin.“

Ein Anwalt in Berlin hatte im Auftrage der Prinzessin die Begnadigung ihres zu fünf Jahren Festungshaft verurteilten Sohnes Eberhard von Kobel bei den zuständigen Behörden mit Hilfe einflussreicher Personen, darunter auch Parlamentarier waren, zu betreiben versucht.

Hoheit las das Telegramm.

„Begnadigung leider abgelehnt.“

Eine Kammerjungfer erschien und brachte die schwererschütterte Hoheit zu Bett. Julius verschwand.

3. Kapitel

Sturmnacht

Dieser Übergang vom sechsundzwanzigsten zum siebenundzwanzigsten März war eine von jenen wilden Nächten, die um die Tag- und Nachtgleiche liegen. Da messen Licht und Finsternis, Winter und Frühling ihre zu gleichen Teilen ausgeloteten Kräfte, jeder hat zwölf Stunden für sich und zwölf Stunden gegen sich. Da gehen noch immer die Nachtalben gegen die Lichtalben an, da wird selbst ein herzhafter Mann nicht gern einsam auf öder Landstrasse wandern. In dieser Zeit sterben die meisten Schwindsüchtigen; der Winter hat sie zum Sterben reif gemacht, der Frühling tötet sie mit seinem zu jähen Licht, seiner zu starken Luft. Unheimlich sind solche Nächte, fast so schlimm wie die Finsternisse, die zwischen Weihnachten und Neujahr liegen, da der wilde Jäger durch die Wälder rast, Wolkenburgen baut auf den Bergen und seine Teufelsreiter über die Welt jagen lässt auf graumähnigen Rossen mit sturmgeblähten Nüstern, das Gesicht in den Nacken gedreht, die Eisen der Pferde verkehrt auf den Hufen.

*

In der grossen Gesindestube von Ulrichshof sassen Knechte und Mägde. Sie besprachen die grosse Neuigkeit, dass Gustav, der Pferdeknecht, vom Markt weg verhaftet worden war.

Die blonde Emma jammerte: „Was soll nur aus mir werden, wenn sie ihn einsperren!“

„Nun“, sagte die alte Grossmagd Ernestine, die so hässlich war, dass ihr selbst in ihren besten Jugendjahren kein Bursch nachgestellt hatte, giftig, „das Geld für die Kinderwäsche, für den Jungfernkranz und den Brautschleier hat dir ja Gustav ganz solide und reichlich zusammengeklaut.“

Die jüngeren Knechte und Mägde lachten.

„Pst!“ sagte Anselm, der älteste Knecht, der unverheiratet und klug war, „pst, keine versteckten Andeutungen, denn mir passt so was nicht. Erst hat der Reiche dem Armen alles genommen und wurde König, und jetzt nimmt der Arme dem Reichen manchmal eine Kleinigkeit und wird ein Gefängnisbrummer. Das nennt sich der Lauf der Welt. Seht, seht unseren Vogt! Der war unsere Obrigkeit, unser Aufseher. Der hat den Gottlieb Kärgel aus dem Hofe gebracht, weil er sich drei Zentner Gerste auf die Seite gebracht hatte, er brauchte die Gerste, es kann auch Weizen gewesen sein, für seine Hühner, und ich glaube für seinen Kanarienvogel als Futter, und seine Frau ass gern Mohnklösse. Fortgejagt ist er worden, und den Weizen hat er bezahlen müssen zum Marktpreise; nicht einmal Prozente haben sie ihm, dem langjährigen treuen Arbeiter, gegeben, sondern ihm einfach das volle Geld abgeknöppt. So ist die Welt! Und denkt ihr noch an den Robert, der unsere Schweinezucht unter sich hatte? Ist „Schweineinspektor“ vielleicht ein schöner Posten? Wer das glaubt, stecke nur mal die Nase in so einen Koben und hör sich die Musik an, die da herauskommt. Ist es zuviel, wenn so ein braver Mann wie Robert vom Schlächter, der die fetteste Sau kauft, sieben Taler „Rüsselgeld“ annimmt, die der Schlächter vom Kaufpreis abzieht, und davon gegen die Hoheit nicht erst gross was dahinerzählt wird? Alles hat der Vogt geklatscht. Oh, der verstorbene, selige Schuft, der! Sogar die Emilie hat er rausgebracht, weil die gern etwas Kristallzucker aus der Küche ass! Und nun — nun — wo sitzt der Vogt? Drüben — im anderen Lande! Wahrscheinlich sitzt er in einer greulichen Klemme. Die Hoheit hat mit ihm gesprochen.“

Ein Sturmstoss liess die Fenster klirren.

„Wer kann mit Toten sprechen?“

Ein neuer furchtbarer Windstoss. Ein Donnerschlag! Anselm und die Grossmagd, die katholisch waren, bekreuzigten sich, die Evangelischen pressten die Hände auf die Brust und senkten den Kopf, wie Evangelische tun, wenn sie in der Kirche das erste Gebet sprechen; ein paar Ungläubige zeigten sich forsch und lächelten verzerrt. Der forscheste schlich gleich darauf nach der „Toilette“, dem verschwiegenen Örtchen, das den vornehmen französischen Namen führte, weil es auf fürstlichem Gebiete lag.

Allen diesen Leuten war durchaus nicht wohl in dieser schwarzen Sturmnacht. Die alte Hoheit war ihnen unheimlich. Wer spricht mit Toten? Sie hatte mit dem Vogt gesprochen, und der hatte von drüben her den Gustav angezeigt, wie er all sein Leben lang seine Genossen verpetzt hatte.

Eine Magd sagte, da sei sicher der Teufel im Spiele. Der Vogt werde in der Hölle sein. Anselm verwies ihr das; er sagte, über die Hoheit möge jedes seine Meinung haben, aber von einem Toten zu sagen, er werde in der Hölle sein, das sei eine grosse Sünde, das sei schlimmer, als wenn man dem Toten das Leben abspräche. Ein Kuhjunge lachte über diesen Ausspruch. Anselm stand langsam auf, ging zu dem Kuhjungen hin und gab ihm eine grosse Ohrfeige; dann setzte er sich still und beschaulich wieder auf seinen Platz.

„Warum nur der tote Vogt gesagt hat, dass er selber Hühner gestohlen hat.“

Der weise Anselm antwortete: „Eben, weil er tot ist, kann er es sagen. Ein Toter kann jedem Gericht der Welt den Marsch blasen, und drüben braucht er nichts zu verschweigen, denn dort wissen sie ja sowieso alles. Vielleicht hat er auch die Alte ärgern und foppen wollen, weil sie ihm beim Tode einen Nachruf hat ins Kreisblatt setzen lassen: ‚Wohlan, du guter und getreuer Knecht, weil du über weniges getreu gewesen bist, will ich dich über vieles setzen; gehe ein in die Freuden deines Herrn!‘ Das stand über den Vogt im Kreisblatt. Jetzt hat sie den Salat! Ja, ja, beim Tode der Menschen werden die schönsten Bibelsprüche missbraucht und die ärgsten Gauner gelobt. Der Tod ist der gewaltigste Schönfärber.“

Einer, der im Verdachte stand, Sozialdemokrat zu sein, sagte:

„Wir sollten in dem Nachruf einen Anreiz haben. Seht, wenn ihr euch auch einmal zu Tode geschuftet habt, steht über euch auch so was Schönes im Kreisblatt. Haha! Was man schon davon hat!“

Anselm, der politisch rechts orientiert war, sagte:

„Ich habe noch keinen Dominialarbeiter gesehen, der sich zu Tode geschuftet hätte. Solche Exemplare von Menschen gibt es gar nicht.“

Er will jetzt selber Vogt werden, dachten die anderen und schwiegen. Um Gustav tat es allen leid, denn was Ehrlichkeit anlangt, hatte keines der Anwesenden ein ganz sauberes Gewissen, nicht einmal Anselm. Er wilderte. Er entschuldigte das vor seinem sonst sehr zarten Gewissen damit, dass seine Ahnen aus Kärnten stammten. Er kannte eine kleine Geschichte, dass einmal ein Bischof von Kärnten auf einer Hirtenreise einen Bauern fragte, ob denn in seiner Gemeinde auch stark gewildert werde, und dass der Bauer geantwortet habe: „Och, g’sessen ham mer alle schon oft, bloss den Herrn Pfarrer haben’s noch net verwischt.“ Die Kärntner müssen wildern, wie die Fische schwimmen müssen. Das ist nicht anders.

Gustav ist ziemlich bald darauf zu sechs Wochen Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt worden. Hoheit nahm ihn aber nicht wieder in Dienst, und auf den anderen Höfen, wo er sich um eine Knechtstelle bewarb, sagte man ihm, er möchte sich lieber wo anders „bewähren“. Da musste Gustav in die Fremde auswandern; erst dreissig Kilometer von Ulrichshof entfernt fand er wieder eine Anstellung. Er liess seine Emma nachkommen, sie feierten der Einfachheit und Billigkeit wegen Hochzeit und Kindtaufe in einem und lebten herrlich und in Freuden, wie Emma schrieb, da sich Gustav auf seinem neuen Posten, der ein Vertrauensposten sei, wesentlich „verbessert“ habe. Das wirkte aneifernd auf den neuen Marktknecht vom Ulrichshofe, der nun seinerseits die Hühner stahl, dabei hoffend, dass es ihm auch einmal gelingen werde, zu einem so guten Endresultate zu kommen wie Gustav. —

Der Sturm tobte weiter. Ein schwerer Knall erschütterte die Stube. Kreideweiss erschien der junge Ungläubige, der draussen gewesen war, und meldete, er sei beinahe erschlagen worden; von der Heuscheuer, in der ja auch die „Toilette“ untergebracht war, sei soeben das halbe Dach abgerissen worden, direkt über seiner harmlosen und ungeschützten Figur.

Ein neuer Knall.

„Das ist die andere Hälfte des Daches“, bemerkte Anselm erläuternd. Er zuckte die Achseln. Was war solchen Naturgewalten gegenüber zu tun? Wenn die Hoheit ein Mittel hatte, den Sturm zu beschwören, mochte sie es anwenden. Sie selbst konnten nichts tun, als abwarten, ob vielleicht auch noch die anderen Dächer abgedeckt werden würden.

Der Sozialdemokrat sagte: „Die Dachdecker wollen auch leben.“

„Nein“, verwies Anselm. „Hoheit kann einem leid tun. Was das wieder für Kosten macht! Rittergutsbesitzer haben oft allerlei Nebenspesen.“

Er will nur selber Vogt werden, dachten die anderen und schwiegen.

„Bei Fräulein Brigitte ist noch Licht“, sagte der Jungknecht, „aber der Turm ist finster.“

„Julius wird bei Tobias sein, der ist krank.“

„Hoheit hat dem Doktor heute gekündigt.“

„Grosser Gott, dem alten Mann! Wo soll er denn hin? Das kann nicht sein!“

„Der Diener hat es gesagt und der weiss es von Tobias selbst. Deswegen ist er ja krank. Der Schreck . . .“

„Niemand ist hier seines Bissens Brotes sicher.“

Sie grübelten alle vor sich hin. Einer sagte:

„Sie wird wieder mit dem Vogt gesprochen haben, und der hat es sicherlich verraten, dass der Doktor Tobias einmal gesagt hat: Hoheit ist eine schmierige Person.“

„Schmierig hat er nicht gesagt“, widersprach jemand; „eine schwierige Person ist sie, hat er gesagt.“

„Wie kann er schwierig sagen, da sie doch so mager ist und kaum hundertzwanzig Pfund wiegt.“

„Ruhe!“ gebot Anselm. „Was versteht ihr? Das Wort schwierig hat mit Gewicht nichts zu tun; man soll nicht von Dingen reden, von denen man nichts versteht. Da soll man lieber mich befragen.“

Er bildet sich viel ein, dachten die andern; das kommt von dem vielen Lesen in seinem Kalender.

Dann kamen sie auf das schwerste Thema des Tages. Eine Magd fragte: „Könnten wir nicht alle diese Nacht munter bleiben, es ist die Todesnacht der jungen Frau. Es ist so unheimlich, weil auch der Sturm so jagt.“

Erst schwiegen sie alle, dann sagte der Sozialdemokrat: „Die Toten sind tot; sie können niemand mehr etwas anhaben —“

„Die Toten sind nicht tot“, sagte Anselm, „sie sind noch irgendwie und irgendwo da . . . das ist bestimmt wahr.“

„Ich fürchte mich“, sagte die junge Magd. „Wisst ihr noch, wie voriges Jahr die beiden Kinder, der Julius und die Brigitte, geschrien haben, als ihre Mutter starb? Voriges Jahr hat in dieser Nacht niemand von uns geschlafen.“

„Wer hätte da schlafen sollen! Die alte Hoheit war nicht zu Hause; sie war im Süden. Als sie merkte, es gehe mit der Schwiegertochter zu Ende, machte sie sich fort. Ja, es hat niemand von uns geschlafen. Die sterbende Frau war mit den beiden Kindern allein.“

Und mit der Krankenpflegerin und mit Tobias.“

„Und mich hat sie rufen lassen“, sagte Anselm, „und hat gesagt: ‚Grüsse alle unsere Leute noch einmal von mir! Bist ein guter, kluger Mann, Anselm; gib mir die Hand. Grüsse die Leute noch einmal‘.“

Dicke Tropfen liefen dem Alten über die Nasenwände herab. Herb sagte er:

„Sie war eine gute Frau! Wär’ nur die Alte lieber gestorben und die Junge am Leben geblieben!“

Er will doch nicht Vogt werden, dachten die anderen, aber auch sie sagten: „Sie war eine gute Frau!“ Und wenn eines zu träge war, etwas zu sagen, nickte es wenigstens mit dem Kopfe zu diesem Lobe der Verstorbenen.

*

In Brigittes Wohnzimmer sassen drei junge Leute um den festen Tisch, auf dem schon zu Mutters Zeiten die Schulaufgaben geschrieben worden waren; Julius, sein Freund Heinrich Martin und Brigitte. Julius hielt zwei Briefe in der Hand. Zornig sagte er: „Er kann mich nicht in Ruhe lassen mit seinen Schreibereien. Heute befiehlt er mir, ihm zu antworten, wahrscheinlich hat ihm das die Grossmutter eingetrichtert. O, ich habe ihm meine Meinung geschrieben. Passt auf!“ Er las seinen Antwortbrief vor.

„An den Festungsgefangenen

Herrn Eberhard von Kobel . . .

Ulrichshof, den 26. März,

am ersten Todestage meiner geliebten,

unglücklichen Mutter.

Ich berichte, dass Brigitte und ich Ulrichshof verlassen wollen. Wir sind so lange hiergeblieben, weil Brigitte sich nicht von den Zimmern ihrer Mutter trennen wollte. Mir ist das Haus, in dem meine Mutter so unglücklich war und sterben musste, schon lange verhasst. Der äussere Anlass zu dem Entschluss, Ulrichshof verlassen zu wollen, ist der, dass Hoheit dem Doktor Tobias gekündigt hat. Der alte, treue Mensch, der Ihnen, Herr Eberhard von Kobel, zum Maturum verholfen hat und der Ihnen auch die Doktordissertation gemacht hat, soll auf die Strasse geworfen werden, hilflos und krank, wie er ist. Der Grund für diese infame Kündigung besteht darin, dass Tobias unserer Mutter einen kleinen Kranz aufs Grab gelegt hat und dass er Brigitte ein Gedicht, das er selbst verfasst hat, über das Bett gehängt hat. Ich lege Ihnen eine Abschrift dieses Gedichtes bei, obwohl ich glaube, dass Sie es sich nicht über Ihr Bett hängen werden. Wie ich dazu komme, zu wissen, dass Ihre Dissertation ein Plagiat ist, will ich Ihnen mitteilen. Tobias hat mir nicht ein Sterbenswort davon gesagt, dass er der Verfasser Ihrer Doktorarbeit ist, aber er hat mir einmal in seiner Gutmütigkeit verraten, dass in seinem alten Sekretär ein Geheimfach sei, das aber so verzwickt zu öffnen sei, dass niemand das vermöge, der nicht die Kniffe wisse. Nun, das will ich eingestehen, ich war neugierig. Ich las ein Buch über Geheimfächer, das in der Schlossbibliothek ist, und als Tobias einmal vierzehn Tage Urlaub hatte, bastelte ich so lange an seinem Schreibtisch, bis ich das Geheimfach entdeckt und geöffnet hatte. Ich fand unter anderen Papieren, die ich natürlich unberührt liess, das Manuskript zu Ihrer Doktordissertation und drei von Ihnen an Tobias gerichtete Briefe, in denen Sie sich für seine ausgezeichnete Arbeit bedanken, durch die Sie ja in der Tat „summa cum laude“ promoviert haben. Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Eberhard von Kobel: als Schüler schreibe ich ab, wenn ich es nötig habe, das ist alter Pennälerbrauch, das ist selbstverständlich; aber wenn ich einmal an den Doktor heran will, dann soll mich eher der Teufel holen, als dass ich mir von einem anderen die Dissertation machen lasse und dann als ein mit fremden Federn geschmückter Hahn in der Welt umherstolziere. Ich habe Ihre in Tobias’ Handschrift verfasste Dissertation und Ihre an Tobias dieserhalb gerichteten Briefe gestohlen und sie in ein viel sichereres Verwahrsam gebracht, als es das Geheimfach des Tobias ist. Tobias weiss noch heute nichts über das Abhandenkommen der Papiere.

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9788711517482
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