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Patrizia Parolini

Almas Rom

Patrizia Parolini

Almas Rom

Roman

orte Verlag

Dieser Roman basiert auf wahren Begebenheiten, jedoch sind die Namen der Personen geändert sowie weitere Figuren und die allermeisten Fakten erfunden.

Die Textauszüge stammen aus dem Buch «Nostalgie» von Grazia Deledda.

Sie wurden von der Autorin ins Deutsche übersetzt.


© 2018 by orte Verlag, cH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Gesetzt in Arno Pro Regular

Satz: Verlagshaus Schwellbrunn

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

ISBN 978-3-85830-240-3

ISBN e-Book: 978-3-85830-241-0

www.orteverlag.ch


für Elvira

ROMA

I

Alma brach die Schale auseinander. Ihre Finger brannten. Sie roch den rauchigen Duft der gerösteten Kastanie und hörte die ciociari – die Bauersleute aus der Ciociaria –, wie sie unter den Arkaden entlang der Piazza weiter riefen: «Calde e arroste, calde e arroste! – Heisse Marroni, heisse Marroni!»

Es war ein kalter Januartag im Jahr 1901. Die Verkäufer sassen eingehüllt in abgetragene Jacken und dicke Decken hinter ihren Röstöfen, neben Körben voller Edelkastanien und aufgeschichteten Holzscheiten für das Feuer. Alma trug ihren rostroten Wollmantel und die weisse Strickmütze, unter der ein zartes, blasses Gesicht mit schmalen Augen und dunkelbraune, gewellte Haare hervorschauten. Während sie auf die Kastanie in ihrer Hand pustete, schaute sie zu, wie der ciociaro vor ihr seinen Atem in die Hände hauchte, um sich zu wärmen. Es waren grosse, abgearbeitete Hände mit russigen Fingern.

Anna, die Mutter, hatte Alma vom Institut an der Via Buonarroti und Romeo von der Sonderschule an der Piazza Pepe abgeholt. Sie hatte die centesimi abgezählt, die Tüte entgegengenommen und die caldarroste an ihre Kinder verteilt, an Alma, Romeo und die kleine Amelia. Neben ihr stand der Kinderwagen, in dem Attilio schlief, das fünf Monate alte Brüderchen. Alma kratzte das haften gebliebene Stück dünne, haarige Haut von der Frucht und steckte diese in den Mund. Mehlig zerfiel das Fruchtfleisch auf ihrer Zunge.

«Meine grosse Schwester hatte gestern Geburtstag!», platzte Romeo voller Stolz heraus.

«Wie alt bist du denn geworden?», brummte der Mann mit dem gegerbten Gesicht, musterte Romeo und fuhr mit der Kelle durch die Kastanien in der Röstpfanne.

«Sieben!», antwortete Alma schüchtern.

Die kleine Amelia stellte sich selbstbewusst vor den Verkäufer hin und streckte ihm drei Finger entgegen: «Tre!»

«Hmm! Kommt her!» Mit seiner Kelle legte er jedem der Kinder eine zusätzliche Kastanie in die Hand. «Ihr müsst blasen, sie sind sehr heiss!»

«Danke!», freute sich Alma und liess die Kastanie von einer Hand in die andere rollen, bis sie nicht mehr brannte auf der Haut.

Langsam gingen sie die Via Leopardi hinunter. An der Mündung in die Via Merulana warteten sie, bis die carrozze – die Kutschen – und die von Pferden gezogene Tramway vorbeigerattert waren. Dann überquerten sie die breite Strasse und standen vor der Bar von Vater und zio Edgardo.

II

Kaffeeduft steigt mir in die Nase. Spirituosen stehen auf dem beleuchteten Glasregal an der Wand. Campari, Fernet-Branca, Ramazotti. Mein Blick schweift zur Kasse, zur Vitrine mit den gefüllten cornetti und hinaus zu den Tischen auf dem Gehsteig unter dem dichten Blätterdach der ahornblättrigen Platanen. Italienische Popmusik ertönt aus dem Hintergrund. Die Serviererin stellt mir die Tasse hin. Unter dem röstbraunen Schaum ist der Kaffee nachtschwarz. Mit der Hand streiche ich über die grünlich gläserne Theke. Das ist sie also, die Kaffeebar, die einst Cristoforo und Edgardo, meinem Urgrossvater und dessen Bruder gehört hatte. Der Ort in Rom, wo das Leben von Alma, meiner Grossmutter, eine erste dramatische Kehrtwende erfuhr.

Ich sehe mich, das sechsjährige Mädchen mit den Stirnfransen, an Almas Beerdigung – nicht in Rom, sondern im Puschlav. Wie ich auf dem engen Vorplatz stehe, rund um mich herum schwarz gekleidete Menschen, die sich begrüssen, flüstern, sich die Nasen schnäuzen. Und mittendrin stand der Sarg. Ich wusste, etwas Wichtiges war passiert, und ich wollte dabei sein. Doch so sehr ich mich auch gewehrt hatte, ich weiss noch genau, ich hatte nicht mitgehen dürfen.

Vage erinnere ich mich, dass auch die zie aus Rom da gewesen waren, die Nichten von Alma. Sie kamen beinahe jeden Sommer hinauf in das Bergtal und schwärmten immer von der aria genuina – der gesunden Bergluft. Sie waren klein, elegant gekleidet und voller Temperament. Meine Schwestern und ich freuten uns, die drei Tanten zu sehen, denn sie gingen jedes Mal mit uns in das Café an der Piazza. Wir Kinder waren wild auf die gelati, die es dort gab, weil man sie so, frisch in der Waffel, nicht bekam an unserem Wohnort in der Deutschschweiz.

Auch wir verbrachten die Sommerferien im Puschlav und nicht etwa am Meer wie meine Schulkameraden. Deshalb war mir Italien kein Begriff, bis ich zum ersten Mal nach Rom reiste und mich in einer verrückten, verkehrsverstopften Stadt wiederfand. Ich war siebzehn und entsetzt darüber, dass abends, wenn wir uns die Nasen putzten, sich die weissen Taschentücher schwarz färbten. Ich weiss auch noch, wie meine Schwestern und ich auf dem Rücksitz des roten Topolino sassen. Am Steuer die zia. Wir brausten über die Piazza Venezia. Ich staunte über das riesige, blendend weisse Monument. Die Tante nannte es spöttisch die «Schreibmaschine». Später raste sie über eine Kreuzung, obwohl die Ampel bereits auf Rot gesprungen war. Sie wollte die andere Tante und unsere Eltern, die vorausfuhren, im Chaos des römischen Stadtverkehrs auf keinen Fall verlieren. Wir Kinder kreischten, vor Schreck und vor Übermut. Und jetzt, zwanzig Jahre später, bin ich zum zweiten Mal in Rom. An der Piazza Venezia habe ich festgestellt, dass die «Schreibmaschine» anders aussieht als in meiner Erinnerung. Auf dem verkehrsberuhigten Platz ist jetzt ein grasbewachsener Kreisel, Sigthseeingbusse und Reisecars fahren heran, Touristen flanieren auf der autofreien Strasse, die zum Kolosseum führt. Meerkiefern spenden Schatten. Das Vittoriano ist eine gigantische Säulenreihe mit Treppen, Balustraden und Ornamenten und der bronzenen Reiterstatue von König Vittorio Emanuele II in der Mitte. Das Weiss des Marmors hebt sich ab vom Rostrot der anliegenden Palazzi. Nach dem Willen der Erbauer sollte das Denkmal zur Ehre des neuen, geeinten Italiens alle bestehenden Wahrzeichen der Stadt überstrahlen. Heute wirkt es fremd und selbstgefällig.

Mit dem Lift bin ich auf das Dach des Monuments hinaufgefahren, um die Stadt von oben zu sehen. Ein Foto in einem Schaukasten auf der Zwischenterrasse zeigt Szenen der Einweihung: ein schwarzes Meer von gedrängt stehenden Menschen und gehissten Fahnen. Jeder Zwischenraum, jeder Vorsprung und sogar das Dach ist von Feiernden besetzt. Man sieht den klein gewachsenen König Vittorio Emanuele III flankiert von den corazzieri – den gross gewachsenen Soldaten seiner Leibgarde. Ich habe mir vorgestellt, wie die Leute damals, von der Piazza aus, nur den hohen Zylinder sahen, wie er sich hob und senkte mit jeder Stufe, die der König emporstieg, im Takt mit den hin- und herpendelnden Rosshaarschweifen auf den Helmen der Gardisten, und wie deren silbrige Brustpanzer glänzten und die Reitersäbel rasselten. Man hatte die Einweihung des Vittoriano im Jahr 1911 zum Anlass genommen, Cavour, Mazzini und Garibaldi und das fünzigjährige Bestehen des italienischen Nationalstaats zu feiern.


Rom, Blick vom Vittoriano in Richtung Kolosseum, im Hintergrund die Basilika San Giovanni in Laterano und die Albaner Berge, 2012.

Das war das Jahr gewesen, in dem Alma Rom hatte verlassen müssen. Mit siebzehn Jahren. Ich denke nicht, dass sie bei der Einweihungsfeier dabei gewesen war. Die Puschlaver Auswanderer hielten, sofern sie denn katholisch waren und nicht reformiert, dem Papst die Treue. Und Kirche und Königreich waren sich spinnefeind. Aber bestimmt war die ganze Familie zur Gelateria Fassi gefahren, die an diesem besonderen Tag des Monats Juni allen Kindern ein Eis frei ausgegeben hatte.

III

Nervös strich sich Cristoforo mit der mageren Hand über den Schnurrbart und zwirbelte ihn nach oben. Er eilte voraus, um am Largo Brancaccio nach einer freien Kutsche Ausschau zu halten. Alma und Pietro, der fünfjährige Bruder mit den pechschwarzen Locken, hielten mit ihm Schritt. Der Vater schaute seine Tochter an. Sie war mittlerweile fast so gross wie er. Angst, dass ihm nur noch wenig Zeit verbleiben könnte, regte sich in ihm. Fahrig zeigte er auf die Ankündigung der Einweihungsfeier an der Plakatsäule und erklärte, mit dem Bau des Vittoriano habe man begonnen, kurz nachdem er in Rom angekommen sei. Damals habe er in der Nähe gewohnt, und ja, den Kapitolshügel habe er noch gesehen, bevor man ihn abzutragen begann. Das sei auch die Zeit gewesen, als man die Piazza in ihrem Quartier erstellt habe, die Parkanlage, ebenfalls zu Ehren des verstorbenen Königs.

«Ah!» Alma nickte.

Vater sprach von einer Vergangenheit, für die sie keine Bilder hatte. Ihr Quartier, das war die Peripherie Roms. Dort, wo all ihre Freundinnen lebten. Die meisten waren Töchter von Landsleuten ihrer Eltern. Von Zugezogenen. Aber Herkunft hin oder her: Sie war Römerin, und die Stadt war ihr Zuhause. Hier würde sie eine Liebe finden, heiraten und Kinder haben. Keines würde früh sterben müssen, weil es für sie alle nur die beste medizinische Versorgung geben würde. Sie würde ins Kino gehen und in den grandi magazzini Kleider kaufen. In der Stube ihrer Wohnung würde ein Grammophon Musik abspielen, und sie würde Fahrrad fahren. Und wenn sie dann einmal ganz alt sein und sterben würde, sollten ihre Kinder sie auf dem Campo Verano begraben.

Zia Ludovica, Vaters ältere Schwester, und Anna, die Mutter, hatten sie eingeholt. Die Tante hielt keuchend an und strich sich weisse Haarsträhnen aus dem Gesicht. Giacomo schmiegte sich an die Mutter. Wie immer. Mammà, dachte Alma, ist das Gegenteil von Vater. Ein kleiner, fülliger Körper und energische Hände, ein schönes rundliches Gesicht. Vater und Mutter kamen aus der Schweiz, aus dem südöstlichsten Zipfel des Landes, der an Italien grenzte. Das winzige Dorf, steile Berge und der ewige Schnee auf den höchsten Gipfeln tauchten in ihrer Erinnerung auf.

Sie war ein einziges Mal dort gewesen. Im Sommer 1900, als Attilio auf die Welt gekommen war. Sie sah das ärmliche Haus der Grosseltern am Fuss des Berges und die Tiere. Sie hatte sich vor den Kühen gefürchtet, aber sie spürte noch, wie aufgeregt sie gewesen war, als sie die Schafe hatte streicheln dürfen. Deren Wollkringel waren nicht weich gewesen, sondern rau und fest.

Sie zuckte zusammen und packte Pietro an der Hand. Vor ihr schrien und winkten Attilio und Irene aufgeregt einem herannahenden Kutscher zu. Pietro riss sich von ihrer Hand los, und Folco, der in der Hocke Kieselsteinchen vom Boden aufgelesen hatte, sprang auf. Vater hob beide in die Kutsche, drückte Anna einen Geldschein in die Hand, sagte: «Ciao, bambini!» und wandte sich hastig ab. Er musste zurück an die Arbeit.

Zia Ludovica nahm Folco, den Jüngsten, auf ihren Schoss, Mutter Pietro, den Zweitjüngsten. Die anderen Kinder kletterten ebenfalls in die Kutsche. Als Letzter, wie immer, und mit der Hilfe von Alma, Romeo. Der sechzehnjährige Bruder, der versehrte Junge im Kind gebliebenen Körper.

Sie sassen zusammengepfercht und schwitzten. Zum Glück hatte sich die Sonne hinter weissen Schleierwolken versteckt. Er Ponentino – die frische Brise vom Tyrrhenischen Meer her – wehte wohltuend durch die Strassen. Pietro beugte sich zu Folco hinüber und stupste ihn.

«Bleibt ruhig, Kinder, sonst wird mir schlecht!» Mutter zog Pietro zurück und warf Folco einen warnenden Blick zu.

Sie ratterten durch die Via Nazionale, den hohen, stattlichen Palazzi entlang, vorbei an flanierenden Fussgängern und durch das Durcheinander der Kutschen hindurch, die in alle Richtungen fuhren. Kurz vor der Piazza delle Terme liess der Kutscher die Pferde nach links in die Via Torino abbiegen. Das Gewicht der Familie hinauf zur Via XX Settembre zu ziehen, machte den Tieren zu schaffen. Vom Fontanone dell’Acqua Felice her streifte sie ein kühler Lufthauch. Dann bogen sie nochmals links ab und stiegen in der Via di Porta Salaria aus. Die Grande Gelateria Elettrica Siciliana di Giovanni Fassi war die modernste Konditorei und die beste Eisdiele der Stadt. Sie erreichten die grosse, laute Menschenmenge, die drängelnd vor dem Eingang stand. Missmutig stellte sich Alma mit den anderen zuhinterst an.

«Mammà, ich will Eis!» Auch dem dreieinhalbjährigen Folco war die Warterei verleidet.

«Es wird dir schmecken.» Mutter lächelte und strich Folco über die Wange.

«Du hast ja keine Ahnung, was es gibt!», spöttelte Irene, die vier Jahre ältere Schwester.

«Do-och! Fata bianca!»

«Und was ist das?»

«Eis!»

«Macché! Die fata bianca ist eine Fee. Die rutscht in deinen Bauch hinunter und verzaubert dich.» Sie bohrte den Zeigefinger in Folcos Bauch.

Dieser schaute mit grossen Augen an sich hinunter. «Aber ich will Eis!» Er packte ihren Finger.

«Und wenn du verzaubert bist, kannst du fliegen.»

«Ich komme mit ins Zauberland», warf Pietro eifrig ein. «Dann fliegen wir zu Pupi und Drago!» Er ruderte heftig mit den Armen.

«Jaa!» Folco und Giacomo lachten aufgeregt.

«So ein Blödsinn», kommentierte Attilio trocken die Begeisterung seiner jüngeren Geschwister.

«Beh, pass du bloss auf! Wenn du Drago nicht magst, dann holt er dich!» Irene packte Attilio an den Schultern und fauchte ihn an.

« Hör auf! » Bevor sich Attilio ihrem Griff entwinden konnte, stürzten sich Pietro und Folco auf ihn. Er rannte davon, um sie loszuwerden, die anderen drei hinter ihm her.

Die Mutter schaute Alma an: «Gehst du?»

Alma verzog das Gesicht und eilte widerwillig den Geschwistern nach. In Richtung Porta Salaria. Als sie zurückkehrten, stand Mutter mit Giacomo, zia Ludovica und Romeo im halbdunklen Innern des Lokals. Die Kleinen stellten sich vor den Glaskasten, der sie magisch anzog, und starrten mit glänzenden Augen in die aneinandergereihten Kübel mit den bunten Eissorten. Als die Kinder endlich die Waffel mit der schneeweissen, flaumigen Eiscreme in die Hand gedrückt bekamen, machten sie sich gierig über das zauberhafte dolce her. Innert weniger Augenblicke waren Münder und Hände verschmiert und Hosen und Jacken verkleckst.

Später, nachdem sie die Hände an einem nahegelegenen Brunnen gewaschen hatten, bummelten sie die Hauptstrasse entlang und fuhren dann mit der elektrischen Tramway zur Piazza Santa Maria Maggiore. Auf dem von neu gepflanzten Platanen gesäumten Strassenstück bis zum Häuserblock, in dem sie wohnten, gingen sie zu Fuss.

Schon bald tauchte Vaters Geschäft auf. Der Eingang befand sich in der Spitze des Winkels, dort, wo die Via Mecenate in die Via Merulana mündete. «Bar e liquoreria» stand darüber in goldgelben Buchstaben auf einem schwarzen Schild. Neben der Tür prangte eine Tafel mit dem weissen schwungvollen Schriftzug «Coca Cola» auf rotem Hintergrund. Ein brandneues kaffeebraunes Getränk, das, so hiess es, aufputsche und Kopfschmerzen lindere. Daneben die Werbung für Fernet-Branca mit dem Bild eines Adlers über einer Erdkugel, das Alma schon als kleines Mädchen fasziniert hatte. Der forno e drogheria – die Bäckerei mit dem Laden – befand sich rechts davon in der Via Mecenate, die Bar und das Eingangsportal zu ihrem Wohnblock links in der Via Merulana.

Übermütig stiegen sie die Treppen hinauf und traten, durch die mittlere der drei Wohnungstüren, direkt in die Küche ein. Nazzarena, die Gouvernante, stand am Kochherd. Die schwarzen Röcke unter der weissen, spitzenbesetzten Schürze standen von ihren Hüften ab wie eine grosse Glocke. Ihr gutmütiges Gesicht war umrahmt von dichtem, pechschwarzem Haar, das in einem strengen Knoten am Hinterkopf zusammengebunden war. Nazzarena klatschte die Hände zusammen und starrte die Flecken auf den Sonntagskleidern der Kinder an: «Mamma mia!»

Alma sah, wie sie mit sich rang und nicht wusste, ob sie lachen oder weinen sollte. Bis Folco die Arme nach ihr ausstreckte, Nazzarena ihn auf den Arm nahm und die anderen Kinder, lachend und schimpfend zugleich, ins Badezimmer dirigierte. Derweil erzählten ihr diese schwärmend von den Zauberkünsten der fata bianca und der Fahrt mit der Tramway.

Alma verschwand unbemerkt in ihr Zimmer.

IV

Über die Via Cavour habe ich die Basilika Santa Maria Maggiore erreicht. Dahinter beginnt die Via Merulana. Sie führt schnurgerade zur Basilika San Giovanni in Laterano hinunter. Von dort aus sind, über die Aurelianischen Stadtmauern und die Bogen der antiken Wasserleitungen hinweg, die Albaner Berge sichtbar. Im oberen Teil der Via Merulana steht der Palazzo Brancaccio. Hinter ihm erstrecken sich dessen riesige Gartenanlage und die Reste der Trajansthermen. Weiter unten befindet sich das Goldene Haus von Kaiser Nero im Parco del Colle Oppio mit seinen hohen Palmen und Zypressen, der zu einem meiner Lieblingsorte in Rom wird. Von da aus sieht man das Kolosseum unten am Fuss des Hügels, das seit fast zweitausend Jahren, zwar halb zerfallen, doch immer noch aufrecht dasteht. Im Rücken des Vittoriano.

Ich hatte den Stadtplan genau studiert. Nach dem Palazzo Brancaccio musste die Kaffeebar sein. An der Ecke zur Via Mecenate. Ich war aufgeregt, neugierig, und ich brauchte einen starken caffè. Den ich jetzt in zwei Schlucken hinunterstürze. Das dazu servierte Wasser ist frisch und gut. Ich behalte das kühle Glas in den Händen, bestelle einen zweiten Kaffee und setze mich draussen an einen Tisch. In meinem Blickfeld der Hauseingang. In den Blättern über mir das Rascheln des Windes.

Wann hatte ich gemerkt, dass ich nichts wusste von Alma, meiner Grossmutter? Ausser an die Beerdigung habe ich eine einzige ferne Erinnerung an eine zerbrechliche Gestalt, die in der Küche sass, in einem Sessel, eine selbstgestrickte Decke über den Knien, und nie sprach. Wie ein verblasstes Foto, auf dem nur noch die Umrisse erkennbar sind. Wie konnte ich mehr über sie erfahren, über den Ort und die Zeit, in die sie hineingeboren worden war? Solange ihre jüngeren Geschwister noch lebten, hätte ich diese fragen können, doch als Jugendliche interessierte mich das alles nicht. Warum denn jetzt diese Suche nach den Vorfahren? Hatte die Krankheit diese Sehnsucht ausgelöst? Die Erfahrung, physisch und psychisch an Grenzen zu stossen? Das Ringen nach Halt im Zerfleddern des Körpers, im bodenlosen Dahinfallen der Seele? Eine Ahnung der Endlichkeit des irdischen Lebens, die mich aufrüttelte?


Rom, Stadtplan (Ausschnitt)

aus Baedeker, Karl: Handbuch für Reisende, Mittelitalien und Rom, Leipzig, 1908.

Ich bemerkte auch, dass Alma auf keinem meiner Kindheitsfotos abgebildet ist. Nur der weisshaarige Attilio. Warum nur? Hatte sie nicht dabei sein wollen an meiner Erstkommunion? Oder hatte man sie nicht eingeladen? Ich war entrüstet. Sie war halt alt. Aber Grossmütter sind alt! Ich begann, Fragen zu stellen. Meinem Vater, seiner Schwester und seinem Bruder, Almas Kindern.

Und jetzt bin ich da, um den Ort und die zie erzählen zu lassen.

Auf einmal fällt mir auf, dass andauernd Leute auf die Klingelknöpfe am Hauseingang drücken und dann das hohe Eingangsportal aufspringt. Wenn auch ich das Haus betreten könnte? Ich fasse mir ein Herz und beschliesse, die Nächsten, die eintreten, anzusprechen. Es sind zwei junge Männer, die zu meiner Überraschung sehr zuvorkommend reagieren und mich, als ich den Grund für mein Hiersein schildere, mit hinauf nehmen. Die Wohnung im ersten Stock habe ein Chinese gekauft und daraus eine Pension gemacht, erzählen sie mir. Und, was für ein Zufall, einer der jungen Männer ist der gerente – der Geschäftsführer. Ich darf einen Blick in jedes der zahlreichen hohen Zimmer werfen, in die Küche, in den engen Innenhof. Ich kann fast nicht fassen, dass ich so unverhofft in Almas Wohnung stehe. In Cristoforos Wohnung. Für andere Enkelkinder mag dies eine Selbstverständlichkeit sein. Ja, im Haus der anderen Grossmutter ging ich auch jahrelang ein und aus. Aber j etzt bin ich sprachlos und emozionata, molto emozionata.

V

Die Absätze seiner Schuhe klopften auf das Kopfsteinpflaster. Im gleichen Takt hämmerten sich die Worte in seinen Schädel: «Cristoforo, du bist krank, schwer krank. Du bist krank, …» Er kehrte von der Sprechstunde zurück. Der Hausarzt in seinem weissen Kittel hatte von esaurimento gesprochen, Erschöpfung. «E-sau-ri-men-to, e-sau-ri-men-to, …», dröhnte es in seinem Kopf, und er fürchtete, die ganze Stadt könnte die Diagnose mithören. Sein Magen war flau, seine Schritte schwer und langsam.

Dottor Venditti hatte ihm noch drei Monate gegeben. «Du musst aufhören, hörst du!»

Das war gnadenlos. Drei Monate! Dottor Vendittis Hand auf seiner Schulter war ein Hohn gewesen, keine Aufmunterung, wie er es vielleicht gemeint hatte. «Kehr zurück in die Heimat! Die Bergluft wird dir gut tun.»

Zurück in die Heimat? Cristoforo lachte auf, der Arzt hatte gut reden. Was sollte er dort? Wie sollte er sieben Kinder durchbringen? Seine Existenz in Rom aufgeben? Und wenn er trotz allem nicht genesen würde? Ein kalter Schauer raste über seinen Rücken. Die Härchen seiner Unterarme stellten sich auf. Es protestierte in ihm. Das ist nicht wahr! Das will ich nicht! Er schüttelte sich.

Die letzten Sonnenstrahlen waren die Hausfassaden hinaufgekrochen und schwanden über der Stadt, als Cristoforo am Haustor anlangte. Er legte seine Hand auf das warme Holz und lehnte seine Stirn daran. Über ihm der Türklopfer, ein grimmig blickender bronzener Teufelskopf. Ihm war schwindlig, und trotz der Hitze fror er am ganzen Körper und zitterte. Mücken sirrten um seine Ohren, ihm fehlte die Kraft, sie fortzuscheuchen. Auf einmal tauchte Anna auf in seiner Erinnerung. Wie sie sich an ihm vorbeidrückte. Ihr noch schlanker Körper an seinem ausgestreckten Arm, mit dem er ihr das Eingangstor aufhielt. Ihr Eau-de-toilette hatte nach Zitronenblüten geduftet. Ein flüchtiges Lächeln huschte über Cristoforos Lippen. Er sah, wie sie lachte und davoneilte ins dunkle Innere. Am Treppenabsatz hatte er sie eingeholt, ihre Hand gestreift und war dann, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen hinaufgestürmt. Auf dem Boden des ersten Stockwerks hatte er sich mit einem beschwingten Hüpfer zu ihr hingedreht.

Und jetzt schleppte er sich hinauf, von Stufe zu Stufe. Die rechte Hand krampfte sich um den Handlauf des Treppengeländers. Er versuchte, seiner weichen Knie Herr zu werden. Nichts war mehr da von der sprühenden Kraft seiner Jugend. Von der Begeisterung von damals, im Dezember 1892, eine Woche nach seiner Hochzeit mit Anna. Mit ausgebreiteten Armen hatte er auf sie gewartet, während sie, ihre langen Röcke raffend, erwartungsvoll die letzten Stufen hinaufgestiegen war.

Das Haus war einige Jahre davor erbaut worden, mitten in den goldenen Jahren des römischen Baubooms. Es war sehr modern gewesen. Die Küche war mit einem neuartigen Holzkohleherd mit drei Kochvertiefungen und Grillgitter ausgestattet, es gab fliessendes Wasser in Küche und Bad und überall elektrisches Licht. Anna hatte gegluckst vor Freude. Voller Stolz hatte er ihr die neue Wohnung vorgeführt. Es war ja schon ein bisschen verrückt gewesen. Nach seiner Ankunft in Rom hatte er sich mit dem Einsammeln von Zigarettenstummeln für wenige centesimi über Wasser gehalten, vierzehn Jahre später hatte er sich den Kauf dieser Wohnung leisten können.

Siebzehn war er gewesen, als er das elterliche Dorf zusammen mit seinem älteren Bruder Edgardo verlassen hatte. Ohne Mittel waren sie, die beiden jüngsten von elf Geschwistern, dem euphorischen Ruf vorausgegangener Landsleute gefolgt. Froh, dass sie nicht nach Übersee hatten auswandern müssen wie die anderen Brüder. Sie waren nach Rom gereist mit der Bereitschaft, für ein besseres Leben auch ganz unten anzufangen, und mit dem unerschütterlichen Willen, es zu etwas zu bringen. Zehn Jahre später hatte das Geschäft im Erdgeschoss des Neubaus ihm und seinem Bruder gehört: Bar e liquoreria, forno e drogheria – Bar, Bäckerei und Gemischtwarenladen.

Später war die Zweigstelle in der Via Macchiavelli dazugekommen. Eisern hatte er weiter gespart, um auch die Wohnung im ersten Stock zu erwerben und sich dann in der Heimat eine Braut zu holen. Inzwischen war Edgardo mit Rosa, seiner Frau, und den Kindern ins Puschlav zurückgekehrt, und Clemente und Tiziano, die Söhne seiner Schwester Ludovica, waren ins Geschäft eingestiegen. Seit seiner Ankunft in der pulsierenden Stadt waren dreiunddreissig Jahre vergangen. Anna hatte ihm neun Kinder geboren, zwei waren viel zu früh gestorben, was ihn sehr bekümmert hatte. Romeo hatte es knapp geschafft. Die anderen waren gesund und munter. Die Kinderschar war, auch wenn sie zuweilen Nerven kostete, sein Ein und Alles. Gleich würden sich die marmocchi – die Kleinen – schreiend auf ihn stürzen, und Giacomo, Pietro und Folco würden darum ringen, seine ganze Aufmerksamkeit zu bekommen.

Cristoforo gab sich einen Ruck, als ob er seine Müdigkeit abstreifen wollte, strich über seinen Schnurrbart und trat ein, durch die mittlere Wohnungstür in die Küche. – Und alles blieb still. Ach ja, ein mattes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Wie hatte er es vergessen können! Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Die Kinder waren noch mit Nazzarena in Gavignano bei deren Familie. Würde er sie wiedersehen? Sein Magen krampfte sich zusammen.

VI

Gavignano war ein Kaff. Alma hasste den Ort. Diese Handvoll dicht aneinander, in die Höhe gebauter steinerner Häuser auf dem steil abfallenden felsigen Hügel. Zuoberst stand der stolze Turm des Baronspalastes, der alles überragte, weiter unten der weissgetünchte Turm der Pfarrkirche, noch weiter unten eine weitere Kirche am Fuss einer langen, steilen Freitreppe. Brunnen gab es keine, fliessendes Wasser schon gar nicht, nur sogenannte pozzi – Tonnen aus Blech oder Holz zum Auffangen des Regenwassers. Das Trinkwasser musste unten in der Ebene geholt werden. Die kräftigsten Frauen des Dorfes trugen es in verzinnten Kupferkrügen, die sie auf dem Kopf balancierten, den weiten Weg ins Dorf hinauf. Almas Geschwistern gefiel es in der Ciociaria, diesem ärmlichsten Provinznest südlich von Rom, in das die Eltern sie zur Hochsommerzeit mit Nazzarena, der Gouvernante, schickten. Dann, wenn in der Stadt die canicola – die Hundstage – herrschten, und man sich nur morgens und abends aus den tagsüber abgedunkelten Wohnungen hinauswagte.

Alma hingegen sehnte vom ersten Tag an den letzten herbei. Da halfen auch die Bücher, die sie hatte mitnehmen dürfen, und die Comics der Kleinen, die sie aus lauter Langeweile bereits mehrmals gelesen hatte, wenig.

Wenn zumindest sie nicht mehr hätte hierherreisen müssen! Doch mit Vater war nicht zu reden gewesen. Heftig rückte Alma den Stuhl vom Esstisch weg. Sie war aufgeregt, wenn sie daran dachte, dass sie in wenigen Tagen endlich nach Hause fahren würden. Die verstörende Beklemmung der letzten Wochen wich einer leisen Zuversicht, ja beinahe Heiterkeit. Sie wischte die Brotkrümel von ihrer weissen Bluse und dem knöchellangen braunen Arbeitsrock und zwang eine Strähne ihrer dunkelbraunen Haare, die sie zu einem Knoten zusammengebunden trug, in eine Haarspange. Dann packte sie den Stapel leergegessener Teller und stürzte damit aus dem Wohnzimmer in den Flur, als könnte sie, wenn sie sich nur genügend schnell bewegte, die Zeitspanne bis zur Rückfahrt verringern, und prallte unversehens mit Romeo zusammen, der mit der Früchteschale in den Händen aus der Küche kam. Ein schriller Schrei entfuhr ihr. Sie sah den Schreck in Romeos schräg stehenden, dunkelbraunen Augen. Dann klirrte und klapperte es. Teller zerbrachen auf den Steinplatten, Besteck tanzte über Scherben und Boden. Hunde bellten, Stimmen schwollen an im Wohnzimmer.

«Mannaggia, was ist los?», hörte sie Nazzarenas alten Vater poltern. «Bringt das sofort in Ordnung!»

Alma sah Irenes dunkelblonden Schopf im Türrahmen, ihr unterdrücktes Grinsen.

«Holt den Besen!» Nazzarenas Mutter, eine kleine, verbrauchte Frau, stieg unverzagt über die Scherben hinweg. «Raus mit euch, bringt ja nicht eure Flöhe in unser Haus!», verscheuchte sie die neugierigen Nachbarskinder, die von der engen, steilen Gasse her zur offenen Eingangstür hereinguckten.

Nazzarena eilte mit dem Besen herbei, ihre jüngere Schwester schickte die Kleinen energisch zurück an den Tisch.

«Ihr seid ja unruhig heute!», schimpfte Nazzarena und schaute Alma vorwurfsvoll an. Diese stand bestürzt da und hielt unbeholfen die wenigen verbliebenen Teller vor sich hin.

«Geh, Romeo!» Nazzarena schubste den Jungen vorwärts.

Alma beobachtete, wie Romeo einen Fuss nach dem anderen über die hölzerne Türschwelle hob, die Früchteschale umklammerte, vorsichtig darauf bedacht, nicht zu stolpern. Dieser krumme Körper. Sie waren im selben Jahr auf die Welt gekommen. 1894. Sie im Januar, er im Dezember.

«Hast du gehört, was ich gesagt habe?» Nazzarenas Stimme schwankte zwischen Ärger und Mitleid.

Alma löste sich aus ihrer Starre und schüttelte den Kopf.

«Trag die Teller in die Küche und bring mir den Putzlappen!»

Alma stotterte leise eine Entschuldigung und verschwand in die Küche. Nazzarenas Schwester klaubte Tellerstück um Tellerstück und Gabeln und Messer vom Boden auf, Nazzarena wischte den Rest zusammen.

Alma stellte die Teller ab. Sie musste sich setzen. Ihre Beine zitterten. Sie sah sich und Romeo, als sie noch klein waren, wie sie beide, ein Herz und eine Seele, mit ihren Stoffpuppen spielten, auf dem hölzernen Schaukelpferd wild hin- und herwippten oder mit einem Tuch um die Schultern als Verkleidung durch die Wohnung rannten, über die Treppe hinunter in den forno, durch die Bar und den Innenhof. Jemand hatte immer mitgespielt. Der Buchhalter, einer der Bäcker oder der Kellner hatte den Unbeholfenen gemimt und war ihnen hinterhergetapst. Und sie, aufgeregt kichernd, hatten sich auf und davon gemacht. Alma lächelte unwillkürlich.

Auch auf die Dachterrasse ihres Wohnblocks hatten sie sich geschlichen, in den sechsten Stock hinauf, obwohl es ihnen strengstens verboten war. Und immer noch haute Romeo gern ab. Meistens besuchte er den Pferdefuhrhalter an der Porta San Giovanni, jenseits der Aurelianischen Mauern. Wie strahlte er dann vor Stolz, wenn man ihn mit der Kutsche nach Hause zurückfuhr!

Nur vage konnte sich Alma an den Tag erinnern, als man Romeo notfallmässig ins Spital gebracht hatte. Mutter, die sonst nicht aus der Ruhe zu bringen war, hatte wie eine Furie reagiert und niemanden ins Zimmer gelassen. Der Bruder hatte mit hohem Fieber im Bett gelegen, unter Halluzinationen und Krämpfen gelitten, geweint und geweint und bei jeder Berührung aufgeschrien. Bis man ihn geholt hatte. Und dann, aus dem Spital, hatten sie die Diagnose bekommen: Meningitis. Alma hatte sich darunter nichts vorstellen können. Aber Romeo war von da an nicht mehr derselbe gewesen. Er war kaum mehr gewachsen und hatte sich nur noch langsam entwickelt. Obwohl beinahe siebzehn Jahre alt, hatte er den Körper eines Kindes und war nicht grösser als der elfjährige Attilio. In der Sonderschule an der Piazza Pepe hatte er ein bisschen Lesen und Schreiben gelernt.

Wieder Nazzarenas Stimme. Alma tat einen tiefen Seufzer, stand auf, nahm den Putzlappen und brachte ihn Nazzarena. Dann machte sie sich ans Abwaschen. Sie goss das verbliebene Wasser, das im Kessel auf dem Holzherd dampfte, in das Waschbecken. Irene, Nazzarena und ihre Schwester halfen mit, die Küche aufzuräumen. Folco fütterte die Katzen. Später schaute Alma zu, wie die Buben und Nazzarenas Brüder die störrischen Ziegen, die sie vom Feld ins Dorf geholt hatten, die enge, steil abfallende Gasse zwischen ihrem und dem Nachbarshaus hinuntertrieben. Zusammen mit den beiden Eseln wurden sie in den Stall gebracht, der sich ein Stockwerk unter dem Wohnzimmer befand. Nazzarenas Familie lebte kärglich von den Tieren, etwas Getreide- und Gemüseanbau und dem Lohn ihrer Brüder, die in Weinbergen und Olivenhainen arbeiteten. Die Schwestern, die nicht in die Stadt gezogen waren, verrichteten Ammendienste, solange sie konnten, und verarbeiteten, Abend für Abend, Stroh, Seide und Wolle. Nazzarenas Mutter schloss die Gehege der Hühner und Gänse. Darüber breiteten sich die Äste des Wacholderstrauchs aus, der sich gegen den dunkelblau leuchtenden Himmel abhob wie ein klappriges, dorniges Gerippe.

Auf den umliegenden Hügeln hockten wie Kappen andere kleine Dörfer. Der Klang der Kirchenglocken breitete sich über die Campagna aus. Der Ruf zum Angelus Domini.

Bevor sie ins Bett geschickt wurden, durften die Kinder im Wohnzimmer noch etwas spielen. Alma und Romeo sassen am Tisch und setzten das abgewetzte Puzzle mit den Pferden zusammen. Am Hauseingang waren die Silhouetten von Nazzarenas Vater und Brüder erkennbar. Sie rauchten Pfeife, ihre Hände waren wie Pranken.

Alma sehnte sich nach Rom. Sie vermisste ihre Freundinnen und war froh, dass der September angebrochen war. Es war höchste Zeit zurückzukehren.

Romeo suchte eifrig nach Puzzleteilen. Alma spürte, dass er glücklich war. Hier in Gavignano tollte er stundenlang mit dem Hund von Nazzarenas Vater herum. Mit den anderen Kindern zog er umher, besuchte die Esel oder Ziegen auf den Weiden, rannte fasziniert den Hühnern und Schmetterlingen nach. Hier passierte es nie, dass er ganz still wurde und in sich versank wie zu Hause, wenn seine Brüder von ihren Erlebnissen in der Schule erzählten und jeder versuchte, lauter und origineller zu sein als der andere. Wenn Traurigkeit in seinen Augen aufflackerte und Alma seinen Schmerz darüber erahnte, dass er anders war, dass für ihn vieles nicht möglich war. Das waren die Momente, in denen sie wusste: Jetzt brauchte er ein Zeichen, dass er dazugehörte, die Gewissheit, dass sie da war. Nur für ihn.

VII

Alma und ihre Geschwister schliefen in einer der beiden Dachkammern. Diese waren über eine schiefe Steintreppe an der Aussenmauer des Hauses erreichbar, genauso wie das Klohäuschen am Ende des Holzstegs über dem Miststock. Alma erwachte viel zu früh, noch vor dem Ave Maria. Sie hörte die Esel schreien. Vogelgezwitscher. Dann Ruhe. Diese lähmende Stille. Erst das Meckern der Ziegen und das Schreien der Ziegenhirten beruhigten sie.

Es war Sonntag, und Alma, Irene und ihre Brüder waren mit Nazzarena, deren Eltern und Geschwistern und deren Familien auf dem Weg zum Gottesdienst. Alle drehten die Köpfe nach ihnen. Auch das konnte Alma nicht ausstehen. Dieses schreckliche Schaulaufen!

Frauen und Männer in ärmlicher Sonntagskleidung strömten zur Kirche. Die älteren Frauen in Schwarz mit Kopftuch, die jüngeren in langen Röcken und mit selbstgestrickten Umhängen über den Schultern. Die Männer in Gilet, Krawatte und Zylinder. Die wenigsten trugen die in der Stadt in Mode gekommene Melone.

Alma hatte ihr neues Kleid an. Es war aus weichem Baumwollstoff mit rot-schwarzem Karomuster und Bordüren aus schwarzem Samt. Mutter hatte es beim Schneider bestellt, weil sie, die älteste, hochgeschossen in den letzten Jahren, nichts Anständiges mehr anzuziehen gehabt hatte. In Rom gefiel sie sich darin, hier aber war ihr, als fiele sie aus dem Rahmen, was ihr gar nicht behagte. Alma schaute weder nach rechts noch nach links, als sie die Kirche betraten, sondern starr auf den Boden. Sie schloss dicht zu Nazzarena auf, hielt Rücken und Schultern gerade, so wie sie es von den Nonnen gelernt hatte, und kniff die Lippen zusammen. Nur nicht die Zähne zeigen, die hervorstehenden. Die neugierigen Blicke der jungen ciociari waren ihr unangenehm, und sie wagte erst wieder aufzuschauen, als sie sich in eine Kirchenbank gesetzt hatten. Ihr war heiss trotz der Kühle im Kircheninneren. Verunsichert wandte sie sich zu Pietro, der neben ihr sass, und nestelte an seinem Hemdkragen herum. Der Bruder wehrte sich sofort heftig.

Endlich! Die Kirchenorgel mit dem Eröffnungsstück. Don Innocenzo und die Messdiener erschienen, das Schwatzen verstummte und die Blicke der Gläubigen richteten sich nach vorn. Weihrauch strömte vom Altarraum in den bis auf den letzten Platz besetzten Kirchenraum.

Die Messe begann, und Alma versank in Gedanken. Sie malte sich die Rückkehr nach Rom aus. Am nächsten Tag würde das ganze Haus sauber gemacht, Vorräte würden bereitgestellt, die Sachen gepackt. Der blecherne Bottich, der neben dem Miststock stand und Regenwasser auffing, auf dessen Rand die Vögel frühmorgens fröhlich zwitschernd hin- und herhüpften, würde in die Küche gebracht. Mit warmem Seifenwasser würden sie den ganzen Staub und Dreck des Sommers abschrubben, bis ihre Haut rosig glänzte. Zuerst die Buben, dann sie und ihre Schwester.

Dann all die Leute, die kommen würden. Die ganze Verwandtschaft von Nazzarena, ihre Freundinnen, die Nachbarn und viele Bekannte. Das halbe Dorf. Die älteren Frauen würden die widerstrebenden Kleinen an die üppige Brust drücken, alle würden ihnen eine gute Heimreise wünschen und hoffen, dass sie das nächste Jahr wieder kommen würden.

Nur das nicht! Nächstes Jahr würde sie sich entschlossener dagegen wehren, aufs Land abgeschoben zu werden, schwor sich Alma. Am Tag darauf, morgens in aller Frühe, würden sie mit der klapprigen Kutsche ins Tal hinunterrattern, den Omnibus besteigen und später mit dem Zug in die Stadt zurückfahren. Sie freute sich auf den Moment, wenn sie in die Stazione Termini einfahren, mit der Kutsche die Piazza Santa Maria Maggiore überqueren und dann endlich in die Via Merulana einbiegen würden. Bei dieser Vorstellung kräuselten sich Almas Nackenhaare, und ein Strahlen huschte über ihr Gesicht.

Nach der Messe verliessen die Frauen die Pfarrkirche und eilten nach Hause an den Herd. Die Männer suchten die nächste Bar auf, bestellten Kaffee und Wein und begannen zu debattieren.

VIII

Unkundig und uferlos beginne ich mit den Recherchen. Beharrlich lese ich mich durch historische Sachbücher und Reiseberichte, Stadtführer und Enzyklopädien. Im Antiquariat finde ich ein rotes Büchlein, das zu meiner Rom-Bibel wird: «Baedekers Handbuch für Reisende, Mittelitalien und Rom, Jahrgang 1908, mit Stadtplan und Strassenbahnplan.» Fasziniert lerne ich die Stadt kennen, in- und auswendig. Ich lebe in ihr! Zumindest auf dem Papier und so weit, als sie noch nicht über den Ring der Aurelianischen Stadtmauern hinausgewachsen ist. Ich lese Werke von Schriftstellerinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und versuche, dem Denken, den gesellschaftlichen Normen und dem Lebensgefühl jener Zeit auf die Spur zu kommen. Neugierig sammle ich Familienfotos und nehme sie unter die Lupe. Ich entdecke die Gedichtbände von Pietro und Attilio und erfahre, dass Pietro, der Zurückgekehrte, zeitlebens die Berge besang, und Attilio, der Zurückgebliebene, sich stets nach der Familie als Hort der Wärme und Geborgenheit sehnte.

Trotz meiner akribischen Suche bleiben viele Fragen offen, und oft wünsche ich mir, ich könnte mich in jene Zeit hineinversetzen, ein Zeitfenster aufstossen und einen Blick erhaschen vom damaligen Leben in der Via Merulana.

IX

Alma lag im Bett und konnte nicht einschlafen. Sie betrachtete die Muster, die das Licht der Strassenlampe durch die Ritzen der Fensterläden an die Blümchentapete zeichnete. Sie hörte den Lärm der Bar durch das geöffnete Fenster und den leichten Atem ihrer Schwester von der anderen Seite des Zimmers her. Die Ankunft in Rom hatte sie sich anders vorgestellt. Den Vater nach einem Monat wiederzusehen, war ein Schock gewesen. Er war dünn geworden, und sein Gesicht war eingefallen. Zwar hatte auch er sich gefreut über das Wiedersehen und hatte die Kleinen in die Arme geschlossen. Doch nur kurz, dann hatte er sie alle ganz nervös aus dem forno und in die Wohnung hinaufgeschickt. Mutter war ihnen entgegengekommen. Sie hatte wenig gesagt und Tränen in den Augen gehabt. Irgendetwas war nicht in Ordnung.

Als Mammà sie an den Tisch gerufen hatte und die Kleinen mit lautem Gelächter aus dem Bubenzimmer gerannt waren, dann aber in die andere Richtung, in den hinteren Trakt der Wohnung, war Vater aus dem Badezimmer gestürzt und hatte zu schimpfen begonnen.

Noch nie war Alma seine Stimme so schrill vorgekommen. Er hatte die Kleinen, einen nach dem anderen, an den Ohren gezogen und sie dann am Angestelltenzimmer und an der engen wohnungsinternen Treppe, die direkt zur Backstube hinunterführte, vorbei durch die eine Wohnungstür ins Treppenhaus und von da durch die gegenüberliegende Wohnungstür wieder in den Flur in Richtung Esszimmer dirigiert.

Wimmernd hatten Pietro und Folco mit der Hand an ihr Ohr gefasst, Giacomo war weinend zur Mutter geflohen. Wieso Vater auch noch mit dem Stock gedroht hatte, konnte Alma nicht begreifen. Doch alle hatten sich sofort mucksmäuschenstill an den Tisch gesetzt, hatten das Tischgebet nachgemurmelt, das der Vater mit kurzatmiger Stimme vorgesprochen hatte, und hatten schweigend gegessen. Alma hätte beinahe gelacht, aber die Lage schien todernst.

«Ist schon gut», hatte er gebrummt, als er die erschrockenen Mienen bemerkt hatte, als hätte es ihm leid getan.

Das war nicht ihr Vater. Er war immer streng gewesen, aber nie jähzornig. Er konnte nachsichtig sein und auch lustig. Nun hatte er die Nerven verloren wegen nichts!

Finster hatte er da gesessen und einige maccheroni und etwas Gemüse hinuntergewürgt. Immer wieder hatte er unruhig hin- und hergeblickt, mit Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen. Hastig hatte er sein Weinglas geleert und die Früchte stehen gelassen, was er sonst nie tat, und war aufgestanden. «Ich muss den Hefeteig vorbereiten.»

«Bleib nicht zu lange», hatte ihm Anna hinterhergerufen, vorwurfsvoll, weil alle noch am Essen waren, und gleichzeitig beunruhigt. Die Kinder hatten aufgeatmet und sich verstohlen angeschaut. Kaum war Vater weg gewesen, hatten sie zu erzählen begonnen.

Alma seufzte, drehte sich zur Wand und versuchte, zu schlafen. Ihr war heiss und die Sorge um den Vater schnürte ihr die Kehle zu. Vater sei sehr krank, hatte Mutter ihr beim Aufräumen in der Küche gesagt. Und auf ihre Frage, was denn los sei, hatte sie erwähnt, dass der Arzt von drei Monaten gesprochen habe.

Drei Monate wofür?

Drei Monate zu leben!

September, Oktober, November. Und dann? Dann sollte er nicht mehr da sein? Die Familie allein, ohne ihn? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Und was würde aus dem Geschäft?

Sie würden zurückkehren in die Heimat, hatte Vater ihnen erklärt, als er von der Backstube zurück im salottino, dem Eckzimmer im vorderen Bereich der Wohnung, vorbeigeschaut hatte, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen. Er müsse! Das sage der Arzt.

Vielleicht will er auch, ging es Alma durch den Kopf.

Nur vorübergehend, hatte er beschwichtigt, als sie ihn entsetzt angeschaut hatte. Der rigorose Ton in seiner Stimme hatte weitere Fragen vom Tisch gewischt. Einige Monate in den Bergen würden ihm gut tun, hatte er beigefügt, als er hinausging.

Ob er damit sich selbst hatte Mut machen wollen? Zuversicht hätte anders getönt, fand Alma besorgt.

Wie gelähmt hatte sie dagesessen, während Attilio mit Begeisterung reagiert und die Kleinen damit angesteckt hatte. Er hatte einmal ein ganzes Schuljahr im Puschlav verbracht und schwärmte noch immer von jener Zeit voller Abenteuer, in der er viele neue Freunde gewonnen hatte.

Sie würde lieber bleiben, hatte Mutter zu Alma bemerkt, als die Kleinen im Bett waren. Sie hatte vage von einer Wohnung in San Saba gesprochen, auf dem Aventin.

Alma wollte auf jeden Fall bleiben. Die Wochen in Gavignano reichten ihr. Allein den Gedanken, die Stadt und mit ihr auch ihre Freundinnen zu verlassen und künftig in einem Bergdorf zu leben, fand sie unerträglich. Das konnte nicht sein! Doch je mehr sie versuchte, ihn zu verscheuchen, desto bedrängender wurde er. Sie betete darum, dass Vater so bald wie möglich gesund würde und dass alles nur ein böser Traum sei. Sie nahm sich vor, noch gehorsamer und fleissiger zu sein. Auf jeden Fall musste sie Rachele sehen und ihr alles erzählen.

Ein frischer Luftzug strich vom Fenster her über Alma hinweg. Schemenhaft sah sie die Umrisse des Waschkrugs auf der Kommode am Ende des Bettes. Sie schloss die Augen und fiel in einen unruhigen Schlaf.

X

Cristoforo stand auf einer hohen Brücke, die Sonne stach, ihm schwindelte, er hörte jemanden von einem Mörder sprechen, Sturmglocken läuteten, ihm wurde wärmer und wärmer. Schweiss brach aus, er schreckte auf, streckte die Hand aus und brachte den Wecker auf seinem Nachttisch zum Schweigen. Sein Herz klopfte heftig. Es war ein Uhr morgens. Das Monster mit dem Feuermaul verwandelte sich in die Madonnenstatue mit dem Kerzenstummel, die zwischen dem Fenster und der Durchgangstür zum salottino stand. Er strampelte das Bettlaken von seinem Körper und streckte Arme und Beine von sich. Er hatte kaum geschlafen und fühlte sich zerschlagen. Wie immer in den letzten Wochen. Die ganze Nacht hatte er sich verzweifelt hin- und hergewälzt, und jetzt war ihm, als sei er eben erst zu Bett gegangen. Kaum war er wieder halbwegs bei Sinnen, brach die ganze Bedrohung der vergangenen Tage wieder über ihn herein. Ah, der Arzt! Er schauderte. «E-sau-ri-men-to. Aufhören. Zurückkehren. Basta!», hörte er dessen feste Stimme. «Sonst bist du in drei Monaten tot.»

Tot, tot, echote es in seinem Kopf. Nein, es ist zu früh zum Sterben, versuchte er, schwach und voller Angst, dem Echo entgegenzuhalten. Zitternd quälte er sich aus dem Bett und zog sich an.

Anna drehte sich vom Rücken auf die Seite und murmelte etwas im Schlaf.

Sie ist gut gebaut und von robuster Gesundheit, dachte Cristoforo mit einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung. Über dem Bett hing das holzgerahmte Hochzeitsfoto. Er war einunddreissig gewesen, Anna dreiundzwanzig. So jung damals! Er dachte an Alfredino, der mit eineinhalb Jahren viel zu früh gestorben war, an die kleine, süsse Amelia, auch sie, mit drei Jahren gegangen vor ihrer Zeit. Seither war das schüttere Haar an seinen Schläfen grau und die Stirn kahl.

Aber seine Anna war stark. Unermüdlich erledigte sie die endlose Hausarbeit, kümmerte sich liebevoll um die Erziehung der Kinder und half klaglos im Laden mit. Sie war gutmütig mit allen und umgänglich mit den Kunden. Selten wurde sie laut, nur dann, wenn jemand sie übers Ohr hauen wollte oder wenn die Kinder vor lauter Übermut gar nicht mehr gehorchten.

Traurig wandte sich Cristoforo ab. Er war müde. Müde in Kopf und Körper. Leise verliess er das Zimmer und schleppte sich in die Backstube hinunter, wo die Bäcker bereits mit der Arbeit begonnen hatten.

Als es dämmerte, strömten die Händler und die Bauern in die Grossstadt. Sie kamen von den Dörfern und den landwirtschaftlichen Gehöften ausserhalb der Stadtmauern. Auf den von Pferden gezogenen Gefährten stapelten sich Kisten und Körbe mit Gemüse und Früchten, Fisch- und Fleischwaren. Obenauf duftende Blumensträusse in allen Farben. Es begann mit dem Rattern der Karren auf der gepflästerten Strasse, dem Widerhall der Hufe zwischen den Häuserfassaden und den ersten Morgengrüssen, die bald in ein fröhliches Stimmengewirr übergingen. Die frühmorgendliche, fast heilige Stille verwandelte sich unversehens in das laute hektische Treiben der Marktfahrer.

In Cristoforos forno wurden die Brote der ersten Ofenbleche auf fahrbaren Kisten in den Laden gebracht, während einer der Kellner in der Bar nebenan die saracinesche – die Rollgitter – hinaufschob. Tiziano füllte die Regale, Cristoforo und der Verkäufer hetzten zwischen Ladentisch und Regal hin und her, streckten sich zu den obersten Tablaren und duckten sich zu den Körben am Boden. Pagnotte und pagnottelle, sfilatini, ciriole und cuscinetti, marchigiani und napoletani. Nach allem wurde verlangt. Clemente sass an der Kasse, auf einem Podest neben einer der drei weit geöffneten Flügeltüren, und tippte ununterbrochen. In der heissen Backstube arbeiteten die Bäcker mit Hochdruck, alle mit entblössten Oberkörpern. Sie brüllten und fluchten, während der Duft der frisch gebackenen Brotwaren auf die Strasse hinausströmte und auch Unschlüssige und Verspätete herbeilockte.

Nach diesem ersten Ansturm lehnte sich Cristoforo an den Türrahmen, sog die morgendlich kühle Luft ein und zündete eine Zigarette an. Es würde die einzige bleiben, nahm er sich vor, hatte ihm doch Dottor Venditti das Rauchen strikt verboten. Er rief den Zeitungsausläufer der Frühschicht herbei und wechselte einige Worte mit Vorbeigehenden. Immer wieder zwirbelte er seinen Schnurrbart nach oben. Sorgen und Beschwerden waren vorübergehend vergessen.

Später füllte Cristoforo ein Stoffbündel mit Brot. Wenn manchmal maritozzi übrigblieben, die weichen, mit Rosinen und Orangenschalenstückchen versehenen Brötchen, mit Rahm gefüllt und Zucker bestäubt, nahm er sie mit in die Wohnung, dann freuten sich die Kinder ganz besonders. Der lange Tisch im Esszimmer war gedeckt, Nazzarena hatte dampfenden Kaffee, Milch und heissen Kakao aufgetischt.

XI

Ratsch! Mit Schwung zog Nazzarena die schweren olivgrünen Vorhänge zurück.

Alma, auf dem Weg zum Badezimmer, sah, wie ihre Füsse den Kontakt zum Boden verloren, als sie sich über das Fensterbrett beugte, um die Fensterläden aufzustossen. Tageslicht drang in das grosse, hohe Zimmer mit der dunkelgrünen Tapete. Die Buben räkelten sich in ihren Betten. Romeo zog sich das Bettlaken über den Kopf, Attilio sass auf der Bettkante und liess die Beine baumeln, Giacomo entwischte der Gouvernante und rannte barfuss an Alma vorbei und über den Flur ins Elternzimmer, wo er zur Mutter ins Bett schlüpfte. Der kleine Folco schlich hinüber zu Pietro, der beim eindringenden Morgenlicht den Kopf ins Kissen gesteckt hatte und nicht aufstehen mochte. Folco riss ihm das Bettlaken weg. Pietro schoss auf wie eine Rakete. Nazzarena packte die beiden und setzte sie nacheinander auf den Nachttopf.

Alma wandte sich ab und verschwand im Badezimmer. Irene folgte ihr. Beide waren bereits angezogen. Seit Alma im Jahr davor ihre erste Blutung gehabt hatte, machte Irene ihr alles nach. Morgens riegelte auch sie das Badezimmer ab, band ihr Haar nicht im Nacken, sondern ebenfalls, wie es Mode war, hoch auf dem Kopf zusammen und benutzte Almas Parfum.

«Gebt Babbo einen Gutenmorgenkuss und setzt euch!», befahl Nazzarena den Kleinen, die gespannt darauf warteten, dass der Vater das Brotbündel öffnete. Ohimè, keine maritozzi! Alma setzte sich schweigend an den Frühstückstisch. Pietro und Folco gaben einen Hustenanfall vor, als ihnen die Duftwolke ihrer Schwestern in die Nase stieg, und ernteten damit böse Blicke. Die Mutter, etwas schläfrig, zog den noch gähnenden Giacomo hinter sich her, rief Romeo, der noch immer im Bett lag, und Attilio, der rasch sein Buch im Nachttisch verstaute. Sie beteten und begannen zu frühstücken. Gleissende Sonnenstrahlen erfüllten das Esszimmer.

Später, als Vater bereits wieder im Laden stand und Nazzarena und Irene schwatzend den Tisch abräumten, half Alma der Mutter, die Kleinen anzuziehen. Sie war schlecht gelaunt und wollte gehen. Aber ausgerechnet an diesem Tag reichten die üblichen Ermahnungen nicht aus, und je mehr sie drängte, desto mehr stellten sich die Buben quer. Sie verlor die Geduld und kniff sie gehörig in den Arm. Almas pizzicotti hassten die Buben, weil sie blaue Flecken davontrugen, die tagelang schmerzten. Sie schrien auf, und Alma verliess entnervt das Schlafzimmer und eilte, bevor Mutter auf die Idee kam, sie mit den Kindern zum Spielen nach draussen zu schicken, zur Wohnungstür, die Treppen hinunter und auf die lichtdurchflutete Via Merulana hinaus. Frischer Wind wehte ihr entgegen: Er Ponentino reinigte die Stadt von schlechten Gerüchen.

Sor Augusto, der alte Zeitungsverkäufer, spannte gerade mit schwerem Atem den grauen Sonnenschirm über seinen Zeitungsstand auf. «Oho, so in Eile, Signorina! Zu wem geht’s denn so geschwind?» Er hielt inne und guckte ihr nach.

Was geht dich das an, du Klatschmaul, dachte Alma gereizt und eilte grusslos weiter. Um sich gleich ihren unhöflichen Gedanken vorzuwerfen. Die Nonnen, bei denen sie zur Schule gegangen war, würden sagen, dass man das beichten müsse. Alma hatte sich immer gefragt, ob denn die Nonnen auch beichteten, wenn sie sich wieder einmal in einer ihrer Schimpftiraden ergangen hatten.

Rachele, Almas Freundin, war eine selbstbewusste junge Frau. Ihrem Vater gehörte die Bar Michelangelo an der Via Buonarroti. Auch diese Bar war, wie Vaters Geschäft, ein Treffpunkt von Landsleuten. Rachele prahlte gern damit, dass sie in der Strasse mit dem berühmten Namen wohnte.

Alma spottete nur darüber, denn diese Seitenstrasse, die zur Piazza hinaufführte, war für sie nichts als kurz und hässlich. Und sie nahm Rachele hoch, weil sie noch nie auf der Peterskuppel, Michelangelos Meisterwerk, gewesen war. Während Alma in die Via Buonarroti einbog, sah sie sich die Wendeltreppe zum Dach des Petersdoms hinaufsteigen, weiter zum Kranz der Laterne und von dort oben, mit noch fliegendem Atem, den Blick über den Petersplatz und die Stadt schweifen lassen, über die Campagna bis zu den Albaner Bergen. Einmal, als das Wetter besonders klar gewesen war, hatte sie sogar das Meer sehen können. Sie war überwältigt gewesen von der Weite und dem Gefühl der Freiheit!

Die Erinnerung an dieses Glück über den Dächern von Rom beruhigte sie, und so stieg sie etwas weniger hastig die Treppen hinauf. Vor der Wohnung zog sie erwartungsvoll an der Klingel, das Dienstmädchen öffnete, und sie trat ein.

Rachele mit ihren rosaroten Pausbacken eilte freudestrahlend herbei, legte die frisch gebügelten Leintücher auf einen Stuhl und umarmte Alma überschwänglich. «Alma, endlich bist du wieder zurück! Wie war’s in Gavignano? Gab es viele schöne Männer da?», lachte sie zwinkernd.

Alma hob den Arm und winkte ab. «Macché! Nein, es war wie immer. Todlangweilig! Ich bin froh, wieder zurück zu sein!» Ihre Stimme wurde leiser und zittrig, Tränen schossen ihr in die Augen.

«Alma, was ist los?» Rachele schaute sie mit ihren kastanienbrauen Augen prüfend an. Racheles Mutter und die jüngere Schwester waren dazugekommen, um sie zu begrüssen.

Alma rang mit sich und stotterte ein leises buongiorno.

«Komm, wir gehen nach draussen. Mutter, ich komme gleich wieder.» Rachele packte Alma am Arm und zog sie ins Treppenhaus. «Du hast Kummer, erzähl doch! Hast du dich verliebt?»

«Sie wollen zurück!»

«Was?»

«Wir müssen weg von Rom», presste Alma hervor.

«Ins Puschlav?»

«Ja!»

Die beiden jungen Frauen, in langen Röcken, langärmligen weissen Blusen und mit hochgesteckten Frisuren, traten auf die Strasse und wandten sich Richtung Piazza. Alma war den Tränen nahe.

«Aber wieso denn, was ist los? So plötzlich!» Rachele schaute die Freundin mitfühlend an.

Alma brachte kein Wort hervor.

«Die Heimwehkrankheit?»

Alma zuckte die Schultern.

«Immer dieses Puschlav!», ereiferte sich Rachele. «Immer träumen die Erwachsenen vom Zurückkehren. Wie kann man nur?» Sie drückte Almas Arm: «Ich will nicht, dass du weggehst!»

«Ich will ja nicht weg!» Almas Beine fühlten sich an wie Blei.

«Die begreifen einfach nicht, dass unser Leben hier ist. Wir wollen doch niemals weg, schon gar nicht zurückkehren!»

«Pah, zurück!» Alma nahm die Händler unter den Arkaden mit ihrer billigen Ware und die Dienstmädchen mit den vollen Körben und Einkaufsbündeln nicht wahr.

«Aber erzähl doch, was los ist!» Als sie die Strasse überquerten, hielt Rachele die Freundin am Arm zurück, bis die Pferdekutschen und die quietschende Tramway vorbeigefahren waren. Dann drängten sie sich an den Marktständen vorbei, hielten sich bei den Fleisch- und Fischständen die Nase zu und betraten, ohne die herumlungernden Bettler zu beachten, durch das schmiedeeiserne Eingangstor die ausgedehnte Parkanlage.

Alma begann zu erzählen. Vom schlechten Gesundheitszustand des Vaters und der Prognose des Arztes, nur die Berge könnten ihm Heilung bringen. Sie seien kaum aus Gavignano zurück gewesen, als er sich über den geringsten Lärm aufgeregt habe. Er habe mit den Kleinen geschimpft wie noch nie, sei dagesessen mit finsterem Blick und habe kaum etwas gegessen. «Dabei ist er nur noch Haut und Knochen. Das ist nicht Babbo, verstehst du?»

Rachele war bestürzt. «Ja, nein, aber … Cristoforo war doch immer so … !» Rachele suchte nach Worten. «So lieb!»

Alma richtete sich auf, und mit Wut in der Stimme meinte sie: «Er hat immer zu viel gearbeitet. Das hatte ihm schon zio Edgardo gesagt!»

«Hmm.»

«Aber er wollte nicht hören!», fügte Alma in bitterem Ton hinzu.

«Und das einzige Mittel, das helfen soll, ist die Heimkehr? Das kann ich nicht glauben! Die Medizin ist doch heute so fortgeschritten!» Rachele schüttelte den Kopf.

«Eben! In drei Monaten werde er tot sein, wenn er nicht sofort zurückkehrt! Was kann ich denn dagegen tun?»

Die beiden Freundinnen schwiegen. Auf dem von Blumenbeeten gesäumten Spazierweg, der sich zwischen den Rasenflächen dahinschlängelte, waren sie zu den Ruinen des monumentalen Wasserkastells gelangt. Zu dessen Füssen war ein Teich angelegt, und Palmen ragten in die Höhe. Sie setzten sich weitab vom hektischen Markttreiben auf eine freie Sitzbank unter einer ausladenden Libanonzeder, die sie vor der stechenden Sonne schützte.

Alma blickte ins Leere, sah plötzlich die Lichtbahnen, die von der Kuppel ins Innere des Petersdoms einfielen. Der goldene Glanz erfüllte sie mit Kraft. Alma fühlte sich in jenes Gefüge von Säulen, Statuen und Inschriften versetzt. Sie sah, wie Vater sie am Ärmel zupfte und sie, Romeo und Attilio zur Marmorskulptur hinführte. Zur jungen Madonna mit dem toten Jesus auf dem Schoss. Andächtig hatte Vater dort zwei Kerzen angezündet. «Beten wir für Alfredino und für Amelia, sie sind im Paradies», hatte er zu ihnen gesagt, das grosse frisch gebügelte Taschentuch aus seiner Hosentasche gezupft und leise die Nase geschnäuzt. Dann hatte er sie an der Hand genommen, und sie hatten den Petersdom verlassen. War das Trost genug, um den Schmerz der Seele auszuhalten? Eine Kerze, ein Gebet?


Rom,

Markt an der Piazza Vittorio Emanuele II, 1913.

«Ich will einfach nicht weg von Rom!»

«Gibt es wirklich keinen anderen Weg?», fragte Rachele.

Alma erzählte, Vater habe bereits zio Edgardo geschrieben und ihn gebeten, für die Familie im Puschlav eine Bleibe zu finden. Mitte November sollten sie abreisen. Allerspätestens. Vater werde das Geschäft Clemente und Tiziano verkaufen, denn die seien nicht bereit, ihn nur für die Zeit seiner Abwesenheit zu vertreten.

«Aber dann kommt ihr ja wieder!», rief Rachele überrascht. «Wenn ihr nur für die Zeit bis zu seiner Genesung wegbleibt?»

«Weisst du, wie lange das dauern kann, wenn es Vater so schlecht geht? Eine halbe Ewigkeit!»

«Nein, Alma, überleg doch, als wie heilsam die Berge gepriesen werden! Aria genuina! Alle schwärmen von der reinen Luft und der Stille der Natur. Vielleicht ist da doch etwas daran?» Rachele sprach eindringlich auf Alma ein. «Ihr werdet in wenigen Monaten wieder in Rom sein», sagte sie voller Hoffnung.

«Ach, na ja, ich weiss nicht!»

«Doch, doch! Ihr werdet zurückkehren. Bald!»

«Vielleicht hast du Recht.»

«Und wenn ihr wieder da seid, zünden wir im Petersdom hundert Kerzen an, und ich komme mit auf die Kuppel! Abgemacht?»

«Abgemacht!» Alma lächelte. Sie fühlte sich besser.

Die Freundinnen erhoben sich. Alma hakte sich bei Rachele ein und fragte, was sie während der Sommerwochen gemacht habe. Während sie plauderten und sich einig waren, dass sie sich so bald wie möglich wieder treffen und auch Marianna besuchen würden, spazierten sie an grün glänzenden Magnolienbäumen vorbei, schritten über die am Boden verstreuten und zertretenen Gemüse- und Fischabfälle hinweg und verliessen die Piazza.

XII

Schlusspunkt! Ich habe gerade die allererste Fassung dieses Buches beendet, als mich eine Tante auf die Kommode hinweist. Sie steht seit Jahren in einem ungenutzten Zimmer im Haus im Puschlav. Ich durchsuche die Schubladen mit den Schriften, die Attilio stapelweise hinterlassen hat, und stosse auf ein Manuskript: Autobiografia d’infanzia. Neugierig hebe ich den hellbraunen Heftdeckel. Die dünnen gelblichen Blätter sind dicht mit Maschine beschrieben und von Hand korrigiert. Ich überfliege den Text. Es sind über dreissig Seiten Kindheitserinnerungen. Ich kann mein Glück kaum fassen! Ich setze mich auf einen Stuhl, beginne zu lesen und finde mich mit Attilio mitten in einer Schar Kindergartenkinder in Rom wieder. Sie sitzen verkehrt herum auf ihren kleinen Stühlen, alle hintereinander, und spielen Zug und Lokomotive.

Attilio erwähnt, wie abweisend der Palazzo Brancaccio im oberen Teil der Via Merulana auf sie gewirkt habe, wie geheimnisvoll dagegen der riesige Park auf dessen Rückseite. Doch die Aufschüttung aus Lehmerde entlang der Via Mecenate, direkt gegenüber demforno, habe den Zugang zu diesem grünen Reich verwehrt. Sie sei wie ein Wall gewesen mit einem flachen Schuppen obenauf. Monte hätten sie das Ganze gennant – Berg. Ihr soziales Leben habe sich strassabwärts abgespielt.

Attilio erzählt auch von der Piazza Vittorio Emanuele II, die damals noch an der Peripherie Roms lag und von ihnen einfach die Piazza genannt wurde. Sie war der Dreh- und Angelpunkt des neuen Wohnquartiers, das nach der Einigung Italiens erbaut worden war. Einwanderer aus den ländlichen Gebieten Italiens und Emigranten aus verschiedensten europäischen Ländern hatten hier eine neue Heimat gefunden, darunter auch eine ansehnliche Puschlaver Kolonie.


Rom,

Piazza Vittorio Emanuele II, Trofei di Mario, ca. 1890.

Diese Schrift ist ein Juwel! Gerührt und voller Freude nehme ich das Heft an mich, studiere und transkribiere es. Die Beschreibungen bestätigen vieles von dem, was ich in stundenlangen Nachforschungen bereits herausgefunden habe. Und viel mehr noch: Sie öffnen mir tatsächlich das Zeitfenster, das ich mir so gewünscht habe. Sie schenken mir einen konkreten Einblick in den bunten Alltag der Via Merulana, in ein Stück römisches Leben. So beschrieben, wie es nur einer kann, der es selbst erlebt hat. Und so füge ich meiner Geschichte zahlreiche neue Puzzleteile hinzu wie leuchtende Farbtupfer auf ein etwas blass geratenes Bild.

XIII

Dottor Venditti legte das Stethoskop weg. Mutter war in äusserster Besorgnis zum Hausarzt geeilt und hatte ihn notfallmässig ins Haus genötigt. Cristoforo hatte gelbgrüne, schleimige Galle erbrochen, wieder und wieder, und über unerträgliche, pulsierende Kopfschmerzen geklagt. Jetzt lag er im Bett und konnte nicht aufstehen, weil sich dann alles um ihn drehte.

«Eine Migräneattacke! Ihr könnt nichts anderes tun, als warten, bis sie vorbei ist. Im Bett bleiben, das Zimmer verdunkeln. Und Ruhe, viel Ruhe braucht er.»

«Und das geht vorbei?» Mutters Stimme tönte verzweifelt.

«Das geht vorbei. In ein bis zwei Stunden.»

«Und wenn nicht?» Böse Ahnungen schienen Mutter erfasst zu haben.

«Bis morgen auf jeden Fall. Hier habt ihr ein paar Tabletten. Falls es wieder kommt, soll er zwei davon sofort schlucken!»

Cristoforo stöhnte, wälzte sich auf die andere Seite und kehrte ihnen den Rücken zu. Mutter eilte zum Fenster, zog die Läden zu und schloss das Fenster. Nazzarena trat leise ins Zimmer mit dem Waschkrug in der Hand, goss frisches Wasser in die Waschschüssel und netzte den Waschlappen. Mutter nahm ihn ihr aus der Hand, wrang ihn aus, beugte sich über das Bett und legte ihn Cristoforo auf die Schläfe.

«Hmm, geht jetzt!», murmelte er schwach und zog die Bettdecke fester an sich.

Dottor Venditti setzte sich auf den Bettrand: «Jetzt ist fertig mit Arbeiten, Cristoforo. Du bist schwer krank!»

«Hmm!»

«Ich meine es ernst!»

XIV

Nicht nur bei der Hausarbeit, sondern auch im Geschäft mithelfen, hiess es von diesem Tag an für Alma. Obwohl sie viel länger hätte schlafen können, stand sie, ohne zu murren, in aller Frühe auf, ging in den Laden hinunter und verkaufte Brotwaren. Nachmittags stand auch Mutter hinter der Ladentheke.

Vater verliess die Wohnung kaum noch. Manchmal legte er sich ins Bett und döste, meistens aber lag er auf dem Sofa im salottino und blätterte missmutig in den Zeitungen. Der Arzt hatte ihm ein Beruhigungsmittel gegeben. Ein wenig nützte es. Wenn nicht, stand Cristoforo auf und schlich unruhig und ziellos in der Wohnung umher.

Wenn die Migräneattacken ihn heimsuchten, verliess er das abgedunkelte Schlafzimmer gar nicht, und alle mussten mucksmäuschenstill sein, sonst wurde er wütend. Dann verzogen sich die Kinder verunsichert in die Küche, Nazzarenas Reich, und drängten sich an den grossen marmornen Tisch, auf dem Mutter die Einkäufe auszupacken pflegte – Berge von Bohnen, Melonen, Artischocken und Zikorie, Kichererbsen und cardi, Thunfisch, Baccalà, Lamm- und Kitzfleisch. Oder sie spielten am Boden und waren Nazzarena im Weg.

Alma begleitete Mutter beim Einkaufen auf dem Markt, holte Eier bei der Eierverkäuferin im kleinen, länglichen Laden gleich neben dem Hauseingang oder besorgte ein Haus weiter beim pizzicarolo Sardinen und Sardellen, Käse, Schinken und Wurstwaren. Milch gab es beim Milchhändler und Holzkohle bei Giulio, dem Juden jenseits der Via Leonardo da Vinci. Bei den zwei älteren Damen auf der anderen Strassenseite erstanden sie Küchengeräte, Porzellan und Glaswaren.

Der Waschtag war der anstrengendste Tag. In der Waschküche auf dem Dach des Wohnblocks begannen Mutter und Alma, von Hand die ärgsten Flecken aus Kleidern, Tüchern und Decken zu scheuern. Nazzarena brachte heisses Wasser hinauf. Die vorbereitete Wäsche steckten sie in einen Holzbottich und fügten Wasser und Seife hinzu. Dann drehten sie abwechslungsweise an der Kurbel, um die Wäsche hin- und herzubewegen. Endlos lange. An den anderen Tagen hiess es bügeln und Wäsche zusammenlegen, putzen, nähen und flicken.

Für die Freundinnen blieb Alma kaum noch Zeit. Sie musste sich damit begnügen, dass sie, wenn sie die Brüder hüten musste, die Piazza aufsuchte und auf dem Hinweg bei Rachele klingelte. Oder sie ging mit ihnen zum Spielen auf die Piazza Dante und schaute bei Marianna vorbei. Auch sie war, wie Rachele, eine Freundin aus der gemeinsamen Schulzeit. Ihre Mutter betrieb in der Via Alfieri eine kleine Schneiderei, um das bescheidene Fabrikgehalt des Vaters aufzubessern. Marianna half beim Flicken und Ausbessern von Kleidern und Anzügen, aber auch beim Anfertigen von Schirmüberzügen, Puppenkleidern und Handschuhen für verschiedene Handelsfirmen. Manchmal nähte sie aus Resten kleine Beutel oder Taschen und verschenkte sie den Freundinnen und deren Geschwistern. Die Kleinen freuten sich und sammelten darin ihre Lieblingssachen: Nüsse, Steine, Münzen, Heiligenbildchen, Blumenknospen und alles, was ihnen sonst noch in die Finger kam und aufbewahrungswürdig erschien. Sie bewunderten Marianna mit ihren langen, pechschwarzen Haaren, die sie zu einem schweren Zopf zusammengebunden trug, den sie immer wieder mit ausholender Geste nach hinten warf. Und sie mochten auch Rachele, die Lustige, und Rosa, die Grysmayr mit dem österreichischen Akzent.

XV

Die Frühschicht war vorbei. Alma legte die weisse Schürze mit den Spitzenbordüren ab, steckte eine widerspenstige Strähne in ihren Haarknoten und verliess den Laden, das mit Brot gefüllte Stoffbündel für das Frühstück in der Hand. Sie bog um die Ecke, sor Augusto war noch nicht da. Zum Glück. Sie mochte es nicht, wie er sie anguckte und Sprüche klopfte. Wie er Irene wegen ihres Fliegengewichts nur tre once e mezza libbra nannte – die halbe Portion – und Pietro er bello de Via Merulana – den Schönling. Ausgerechnet ihren Bruder, Pietraccio, der widerspenstigste von allen!

Sie blickte die Via Merulana hinunter und suchte den Zeitungsausläufer. Der junge Mann mit dem Strohhut über den dichten, schwarzen Haarlocken stand weit unten in der Strasse mitten in einer Traube Menschen und schwatzte und lachte und kam nicht voran. Er trug einen erdfarbenen, abgetragenen Anzug und einen grossen Lederbeutel mit den Zeitungen um den Hals. Sie stellte sich an und beobachtete, wie er geschickt, fast mechanisch Zeitung um Zeitung hervorklaubte, die cinque centesimi – die Fünf-Rappen-Stücke – entgegennahm und in die Hosentasche steckte. Gleichzeitig trug er Schlagzeilen vor und gab Klatsch zum Besten. Wenn er lachte, blitzten seine dunklen, lebhaften Augen auf. Die Leute strömten herbei, warteten und verschwanden wieder. Manche Begegnungen waren hitzig, andere lustig und alle kurz. Antonio hiess er, schnappte sie auf.

«Guten Tag, die junge Dame!», begrüsste er Alma fröhlich und deutete einen Knicks an. «In zwei Tagen wird der Leuchtturm auf dem Gianicolo eingeweiht. Das dürfen Sie auf keinen Fall verpassen!»

«Ah, ja», erwiderte Alma scheu und reichte ihm zwei cinque-centesimi-Stücke. «Il Giornale d’Italia und den Messaggero, bitte!»

«Ja, zum fünzigjährigen Jubiläum unseres Staates. Sein Lichtstrahl wird in den Farben der Nationalflagge über die Stadt hinweg blinken.»

Sie schaute ihn verzückt an.

«Und vergessen Sie nicht, heute Abend wird die principessa gefeiert – die Miss eures Quartiers.»

Sie nickte und spürte, wie sie rot anlief. Aufgeregt packte sie die Zeitungen, die er ihr hinhielt, sagte «Danke!» und drehte sich schnell um.

«Bittesehr, Signorina», hörte sie noch und spürte seinen aufmerksamen Blick in ihrem Rücken.

XVI

An diesem späten Nachmittag war die Piazza dell’Esquilino auf der Rückseite von Santa Maria Maggiore voller wartender Schaulustiger. Rachele und Marianna überhäuften Alma mit Fragen, und sie erzählte betrübt, dass es Cristoforo nicht besser gehe. Dass es schrecklich sei zuzusehen, wie er dünner und dünner werde, dass er sehr oft schlecht gelaunt und gereizt sei. Alma spürte, wie mit dem Erzählen die lähmende Ohnmacht wieder emporkam, nachdem die viele Arbeit der letzten Tage sie ein wenig abgelenkt hatte. Aber nun fand sie den Gedanken, bald nicht mehr mit ihren Freundinnen zusammen sein zu können, wieder genauso unerträglich wie von Anfang an. Selbst das Gespräch mit Rachele auf der Piazza und die Aussicht, vielleicht doch nur einige Monate weg zu sein, erschienen ihr weit weniger hoffnungsvoll, als sie sich einzureden versuchte. Und Antonio?, durchfuhr es sie. Auch den Zeitungsverkäufer würde sie nicht mehr sehen. Hitze wallte in ihr auf. Ob er auch da war? Sie schaute sich um, dann ertönten Fanfaren, und sie kam nicht mehr dazu, Rachele und Marianna von ihm zu erzählen.

Sie reckten die Köpfe hin zur Via Cavour, um die principessa zu sehen. Die Kandidatin aus ihrem Quartier, die an der Wahl zur reginetta di Roma teilgenommen hatte. Zum ersten Mal überhaupt hatte man eine Miss Rom erkoren. Am aufwändigen dreitägigen Wahlprozedere hatte aus jedem Quartier eine junge Frau teilnehmen dürfen. Der Festtagstross kam direkt von der Piazza d’Armi jenseits des Tiber, wo die Wahl und die Feierlichkeiten im Rahmen der Universalausstellung stattgefunden hatten.

Diese Ausstellung zum fünfzigjährigen Bestehen des italienischen Nationalstaats hatte Alma zusammen mit der ganzen Familie an einem warmen Frühlingssonntag besucht. Vom monumentalen dreibogigen Ehrenportal am Eingang aus hatten sie sich zu den prunkvollen padiglioni aufgemacht. Alma sah die venezianischen Gondeln vor sich, wie sie auf den nachgebauten Wasserkanälen schaukelten, und die Segelschiffe aus der Hafenstadt Genua, die die glorreiche Seefahrerzeit veranschaulichten. Sie hatten die trulli, die höhlenartigen Behausungen mit den kegelförmigen Dächern der apulischen Bauern bestaunt, die roten Nelken an den Bauernhäusern des Aostatals und die Schneeschuhe, von denen sie noch nie zuvor gehört hatte. Geworben hatte man mit dem spektakulären, naturgetreuen Nachbau eines hundert Meter langen römischen Schiffes, das in einem künstlich angelegten Wasserbecken schwamm. Aber am meisten fasziniert hatte sie alle der toboggan im Vergnügungsteil der Ausstellung. Der Eintritt in diesen Bereich war zwar unerschwinglich gewesen für die Familie, doch selbst das Zuschauen von der Umzäunung aus hatte Spass gemacht, fast so, als wären sie selbst dabei gewesen, wenn die Mutigen hoch oben auf dem Holzturm sich in den Kahn setzten und über die steile Rutschbahn in das Wasserbecken hinunterschossen. Das Wasser war in die Höhe gespritzt, und nicht nur die Teilnehmenden, auch alle Zuschauer rundherum, hatten laut gekreischt. Den Kleinen hatten sie ein Eis und den Besuch eines Figurentheaters versprechen müssen, um sie, nach mehrstündigem Aufenthalt auf dem Gelände, von dort wieder loszubekommen.

Auch an der Via Cavour war die Stimmung ausgelassen. Trommler und Trompeter zogen vorbei, Knappen in historischen Kostümen, Fahnenträger und Pferdekutschen mit den Amts- und Würdenträgern und ihren Begleitdamen. Dann endlich fuhr der himmelblau ausstaffierte Wagen vor, in dem die Auserwählte auf einem erhöhten Sitz sass, mit der Zweit- und Drittplatzierten an ihrer Seite. Aufrecht und stolz blickten die jungen Frauen in die Menge, lächelten selbstbewusst und winkten. Alle drei trugen kostbare Kleider aus glänzendem Seidensatin und hatten die Haare kunstvoll hochgesteckt. Mit einem schmucken Fächer, passend zum Farbton des Kleides, wedelten sie sich Luft zu.

Alma bewunderte den Mut der Frauen, sich so zu präsentieren. Sie selbst konnte sich nicht vorstellen, dort oben zu stehen. All diese Blicke, die einen durchbohrten, nein!

Marianna war begeistert von den eleganten Kleidern.

Rachele fand die principessa hochnäsig und ihre Nase zu lang. «Und schau, die hat Pausbacken wie ein kleines Mädchen», meinte sie.

«Genau wie du!» Marianna drehte den Kopf zu ihr und grinste.

«Macché! Ich habe keine Pausbacken!» Rachele runzelte die Stirn, und eine Furche bildete sich an ihrer Nasenwurzel.

«Und sie hat einen langen, zarten Hals!»

«Du meinst, sie ist eine Giraffe?», entgegnete Rachele spöttisch.

«Du Esel! »

«Hört doch auf! Mir gefällt sie auch», kam Alma Marianna zu Hilfe.

«Sie ist immerhin gross!» Das war Racheles Retourkutsche an die Adresse der klein gewachsenen Marianna, die ihr postwendend den Ellbogen in die Seite stiess. Rachele und Alma brachen in helles Lachen aus.

«Wenn das genügt, hätte ja auch Angela mitmachen können», meinte Marianna trocken, und die anderen lachten nochmals laut heraus.

«Unsere sportliche ciociara mit ihren feministischen Prinzipien! Schade, wollte sie nicht mitkommen!», meinte Rachele.

Alma bewunderte Angela, ihre ehemalige Mitschülerin, die sich seit dem Umzug ihrer Eltern in die Stadt standhaft und erfolgreich geweigert hatte, den Sommer bei den Verwandten auf dem Land zu verbringen. Nie wieder Magd sein, hatte sie verkündet. Zur selbstsüchtigen Grossmutter, die sie nur ausnützte, nein! Und nie wieder ihrem bornierten Onkel die Schuhe auf Hochglanz polieren!

Als die Glocken des campanile halb acht Uhr schlugen, verabschiedete sich Alma eilig von ihren Freundinnen. Sie hätte schon längst zu Hause sein müssen, um Nazzarena beim Zubereiten des Abendessens zu helfen. Wenn Vater ihre Verspätung bemerkte, würde es ein Donnerwetter absetzen. Alma rannte, so schnell sie konnte.

XVII

«Al sgarbis, al sgarbis!», schrie Tiziano ihr von der Kasse her zu. Doch bevor sie begriff, hatte der Mann das Brot von der Theke genommen, eine Flasche Wein gepackt und war weg gewesen. Tiziano schimpfte mit ihr, weil sie einem notorischen Dieb auf den Leim gegangen war. Sie hätte es wissen müssen, doch sie war in Gedanken versunken gewesen.

«Ich hab dich doch gewarnt!»

«Was hast du mir gesagt?» Erschrocken blickte Alma Tiziano an. Sie verstand den Jargon der Bäckersleute nicht, dieses furchtbare Kauderwelsch aus alten Puschlaver Dialektbrocken und römischer Mundart!

«Diamine!»

Clemente kam ihr zu Hilfe. «Komm, ist schon gut. Pass das nächste Mal besser auf.»

Alma nickte kleinlaut.

«Al sgarbis heisst ‹er klaut›. Und frost heisst ‹Brot› und schirel ‹Wein›!», erklärte er ihr aufmunternd.

«Ohimè!», entfuhr es ihr erleichtert. «Ich muss jetzt.» Sie packte das Brotbündel und verliess den Laden, um vor dem Frühstück noch die Zeitungen zu besorgen.

Antonio bemerkte Almas Aufregung. Sie erzählte ihm von ihrem Missgeschick, und sie lachten. Und er erzählte ihr von der Universität, an der er Italienisch und Geschichte studierte, und davon, dass er sich mit dem Zeitungsverkauf und einigen Privatlektionen Leben und Studium finanziere. Ihm gefiel ihr Quartier, weil viele Strassen nach berühmten italienischen Künstlern benannt waren. «Ihr habt eine Piazza Dante, die Via Petrarca und den Viale Manzoni, die Via Leonardo da Vinci, Buonarroti, Galilei und Machiavelli! Kennst du sie?», fragte er begeistert.

«Ja, in der Schule habe ich I promessi sposi von Manzoni gelesen, gefällt dir die Geschichte?», antwortete Alma interessiert.

Jeden Morgen hoffte sie sehnlichst, dass Antonio die Via Merulana mit den Zeitungen bediente. Jeden Tag hatte sie neue Fragen bereit, und es gelang ihr von Mal zu Mal besser, ihre grosse Schüchternheit zu überwinden.

«Erzähl mir von Foscolo, Leopardi und Ferruccio! Mich nimmt wunder, wer Tasso, Alfieri und Botta waren. Kannst du in deinen Büchern nachlesen, was sie geschrieben haben?»

Und beim nächsten Mal berichtete ihr Antonio, was er herausgefunden hatte. Dazwischen kommentierte er die Schlagzeilen, ereiferte sich über Giolitti, den zu geduldigen Ministerpräsidenten, die Streiks der Fabrikarbeiter im Norden des Landes und die Rückständigkeit des Mezzogiorno. Er beschrieb ihr die Entwicklung in den italienischen Kolonien Ostafrikas und den Konflikt mit dem Osmanischen Reich, der Anfang Oktober mit dem Beschuss der Stadt Tripolis begonnen hatte.

Während Antonio sprach, gab er mit flinken Fingern Zeitung um Zeitung heraus und steckte die Fünfer ein.

Alma stand daneben und hörte fasziniert zu. Nach einer Weile eilte sie dann die Via Merulana hinauf mit dem Brotbündel in der einen Hand, die Zeitungen unter den Arm geklemmt, mit der anderen Hand die Haarsträhnen richtend. Sie fühlte die Röte im Gesicht, und den ganzen Tag über trug sie Antonios dunklen, leuchtenden Blick mit sich. Jede Begegnung mit ihm wurde zum Lichtblick des Tages, die sie mindestens für Momente die schreckliche Krankheit des Vaters und die drohende Rückkehr ins Puschlav vergessen liess.

Doch das Gefühl der Leichtigkeit zerbarst, sobald sie die Wohnung betrat und Vaters dünne, zerbrechliche Gestalt am Esstisch sitzen sah und Nazzarena, die angespannt Kaffee, Milch und Kakao auftischte.

XVIII

Die Schule begann Anfang Oktober. Aufgeregt stürmten Almas Geschwister in den Laden und zeigten sich stolz in ihren Schuluniformen. Alma verabschiedete eine Kundin und fragte dann Attilio, der mittlerweile die letzte Klasse der elementari besuchte, ob er den Weg noch kenne.

«Ma certo! Was denkst du denn!», antwortete Attilio, der sich für den ersten Schultag noch mehr als sonst herausgeputzt hatte. «Palazzo Brancaccio, Via Giovanni Lanza hinunter, die Via Cavour überqueren und dann hinauf in Richtung Madonna dei Monti. Ganz einfach!»

«Geht jetzt, ihr seid spät dran!» Alma tat beeindruckt, lachte und strich Giacomo, der mit den Tränen kämpfte, über die Haare. Attilio nahm Giacomos Hand und mit den schweren Schultornistern auf dem Rücken und den Verpflegungsbündeln in der anderen Hand rannten die beiden die Via Merulana hinauf. Mittags bekamen sie Suppe, für den Rest des Tages musste das reichen, was Nazzarena ihnen mitgegeben hatte.

Auch der kleine Pietro, der schon längst lesen und schreiben konnte, strahlte. Endlich durfte er den Kindergarten besuchen! Die Nonnen werden bestimmt entzückt sein über den gescheiten Bub mit dem Engelsgesicht, dachte Alma. Sie beneidete die Geschwister dafür, dass sie noch zur Schule gehen durften.

Wie vermisste sie den Unterricht! Vor zwei Jahren hatte sie die complementari beendet. Zu ihrem grossen Bedauern war danach keine Rede davon gewesen, in das ginnasio überzutreten oder die Ausbildung zur Lehrerin zu absolvieren. Für Vater war das nicht in Frage gekommen, und ihre bange Frage hatte er damit abgetan, dass auch keine ihrer Freundinnen weiter zur Schule gehe. Ausser Angela, aber die sei ja ohnehin nicht ganz normal. Alma könne bei der Buchhaltung mithelfen, das habe sie ja gelernt. Ausgerechnet!, hatte Alma damals gedacht und seither keinen Schritt in das Buchhaltungszimmer mehr gemacht. Dann doch lieber die Geschwister hüten oder Wäsche waschen.

«Ciao, ciao!» Irene und Pietro drehten sich um und winkten.

Alma stand auf der Türschwelle des forno und sah ihnen nach. Mutter begleitete die beiden über die Strasse zum Istituto delle figlie di Sant’Anna an der Ecke zur Via Buonarroti. Das Institut, in dem auch Alma zur Schule gegangen war, befand sich in einem unscheinbaren Gebäude, in dessen Erdgeschoss ein Barbier und ein Stoffhändler ihre Geschäfte führten. Daneben war das Haushaltgeschäft der beiden älteren Damen.

Alma erinnerte sich an den Innenhof mit dem mit Mosaiken ausgelegten Fussboden, dem plätschernden Brunnen, dem purpurn blühenden Oleander und den Palmen, in deren Schatten sie die Pausen verbracht hatten. Wenn man Glück hatte, ging das Klassenzimmer auf die Via Merulana. Von dort waren die Geräusche der Strasse heraufgedrungen, und man hatte sich ausgemalt, was unten gerade los war. Doch wehe, wenn die Lehrerin eine Schülerin erwischt hatte, die nicht zuhörte! Erbarmungslos waren sie zurechtgewiesen worden. Die Schulzimmer zur Via Buonarroti hingegen hatten als langweilig gegolten, denn dort war nur das Hämmern des Steinhauers aus der Via Giusti zu hören gewesen.

Irene besuchte, wie in ihrem Alter auch Alma, die complementari. Diese Schulkurse sollten die Schülerinnen auf ihre Rolle als Mutter und Erzieherin, Hausfrau und Vorgesetzte vorbereiten. Im Laufe der Schuljahre hatte Alma mit Rachele und Marianna Freundschaft geschlossen. Und auch mit Rosa, der Tochter des Grysmayrs, eines österreichischen Pferdehalters. Ihr Schulweg war so kurz gewesen, dass die Freundinnen schon als kleine Mädchen um einen zusätzlichen Häuserblock herumgegangen waren, um nicht gleich nach Hause zurückkehren zu müssen. Später, in den oberen Klassen, mit vierzehn oder fünfzehn Jahren, waren sie regelmässig durch das Quartier gestreift. Oft hatten sie den Hof von Rosas Vater aufgesucht. Dort, im unteren Teil der Via Merulana, in der Nähe des Stadttors, hatte der Grysmayr die Pferde der Aristokraten, die an Turnieren geritten wurden, in Pension. Rosa hatte heimlich für den Stalljungen geschwärmt, der Tag für Tag die Pferdeboxen reinigte, und Rachele für den Sohn eines reichen römischen Bankdirektors. Kichernd hatten sie jeweils beobachtet, wie der eine das Pferd sattelte, mit dem der andere ausritt. Für Alma hatte es dort viel zu sehr nach Mist gestunken.

Dem Schulunterricht war stets ein Gottesdienst vorausgegangen. Alma sah sich kniend die Kommunion empfangen. In der Schuluniform, dem knöchellangen, dunkelblauen Rock und der weissen Bluse mit den langen Ärmeln. Dann der Marsch durch die langen, düsteren Korridore. Der Nonne nach, deren energische Schritte das schwarze Ordenskleid zum Rauschen brachten. Alma erinnerte sich an den strengen Geruch der Schulzimmer, ein Gemisch aus Seife und öligem Harz, der einem den Atem nahm. An die Leibesübungen bei aufgesperrtem Fenster. Arme nach oben, zur Seite, Rücken dehnen, andere Seite, und ja immer den Rücken gerade halten. Einatmen, ausatmen. Setzen. Gerade sitzen! Fenster schliessen!

Und dann die Strafen! Bei jedem Flüstern eine Kopfnuss, bei jedem gekrümmten Rücken, auch wenn er vom langen Sitzen schmerzte, für den Rest der Stunde vor die Klasse stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und abends den verpassten Schulstoff zu Hause nachholen! Unangenehm, dennoch, mit Ausnahme der zum Gähnen langweiligen Näh- und Sticklektionen, hatte Alma den Unterricht sehr gemocht. Allem voran ihre Lieblingsfächer Geografie und französische Konversation. Aber auch Italienisch, Religion und Moral, Arithmetik und Kalligrafie. Am allerliebsten hatte sie in der kleinen, institutseigenen Schulbibliothek nach Liebesgeschichten gestöbert, die es allerdings fast nur auf Französisch gab, und nach Reiseberichten und Büchern über fremde Länder.

Mutter, Irene und Pietro verschwanden um die Ecke. Die Schulkinder würden erst am Nachmittag wieder zu Hause eintreffen, Mutter würde dann in den Laden eilen, und Alma müsste, wenn man sie dort nicht mehr brauchte, bei den Hausaufgaben helfen und danach mit den Geschwistern nach draussen spielen gehen.

Alma trat wieder in den Laden, froh, vorerst ihre Ruhe zu haben. Im Vergleich zu den anderen war der daheimgebliebene Folco, wenn er allein war, ein Engel, und Romeo, der von der Backstube heraus «Tizio matto, mizio matto – Tiziano, du Spinner» in Richtung Kasse rief, um seinen Vetter zu ärgern, harmlos. Tiziano spielte den Beleidigten, und Romeo und Alma lachten. Dann kehrte sie hinter die Ladentheke zurück.

XIX

«Ich mag nicht mehr!», maulte Pietro und liess sich zu Boden fallen.

Irene, die seine Hand hielt, riss er mit, und sie hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. «Aò, was soll das?»

Es war Abend, und sie kamen von der Piazza Santa Maria Maggiore zurück. Dort hatten die Devotionalienhändler ihre Madonnen- und Heiligenbildchen, die Kruzifixe und Rosenkränze, die sie Pilgern und Reisenden feilboten, zusammengepackt, und die Bildertrödler ihre Landschaftsaquarelle und Kupferstiche auf ihren Karren verstaut. Geblieben waren die Schuhputzer mit ihren Holzkästen und die ciociari hinter ihren lottrigen Röstöfen.

Alma mochte den rauchigen Duft der caldarroste, der in der Luft hing.

«Ich hab Hunger, und es ist noch so weit!», schimpfte Pietro, und auch Folco begann zu jammern: «Ich mag auch nicht mehr, trag mich! Bitte!»

«Aò! Spinnt ihr? Steh sofort auf, Pietro!», befahl Alma bestimmt. «Die wenigen Meter! Gerade noch seid ihr herumgerannt wie eine Fussballmannschaft! Forza – los, hopp!»

«Mannaggia, komm jetzt!», ahmte Irene Alma nach und zog Pietro am Arm hoch.

Dieser setzte eine wehleidige Miene auf und verfiel in einen marionettenhaften Gang.

Alma hob genervt die Augenbrauen. Sie steuerte auf das Schaufenster des Kleidergeschäfts gegenüber der Basilika zu, die Kleinen schauten sich nach den Kutschen um und traten mit den Schuhen gegen die Pferdeäpfel, die auf der Strasse zurückgeblieben waren. Der tabaccaio stand im Türrahmen seines Tabakladens, umringt von Zigaretten rauchenden Herren. Aus dem Coiffeursalon daneben kam eine Dame, umhüllt von einer Wolke würzigen Parfums. Arbeiter in durchgeschwitzten Hemden kletterten aus einem Strassengraben, wo sie Rohre verlegt hatten, einige Arbeiterinnen in abgetragenen Arbeitsröcken stiegen von einem hölzernen Gerüst, und Fabrikarbeiter mit Stoffbündeln über den Schultern überquerten schweren Schrittes die Piazza. Mit diesen staubbedeckten, hungrigen Heimkehrern machten die Schuhputzer und die ciociari einen nicht unbedeutenden Teil ihres Tagesgeschäfts.

Eine Tramway fuhr ächzend an ihnen vorbei, als Pietro plötzlich schrie: «Ein Automobil, ein Automobil! Schaut! Da kommt es!»

Auf einen Schlag war die Müdigkeit der Kleinen verflogen. Aufgeregt und mit leuchtenden Augen zeigten sie auf das schwarz glänzende Fahrzeug mit den Luftreifenrädern, den Laternenscheinwerfern und der Fahrerkabine mit dem Steuerrad. Es fuhr mit lärmigem Knattern die Via Giovanni Lanza hinauf, die von der Via Cavour zum Largo Brancaccio führte. Das Automobil hielt, der Fahrer stieg aus, öffnete die hintere Türe und half dem alten principe aus dem Fond. Der stützte sich mit der behandschuhten Hand auf einen Spazierstock, machte einen unsicheren Schritt auf das Trittbrett, einen weiteren auf den Boden.

Pietro und Folco starrten gebannt zu ihm. Giacomo klammerte sich an Almas Rock. Alma konnte sich noch an Missis Field erinnern, die Ehefrau des principe, die vor wenigen Jahren gestorben war. Sie hatte sie regelmässig in das Automobil steigen und wegfahren sehen. Man hatte erzählt, dass sie sich zum Corso und in die Via del Tritone fahren liess. Dort, beim angesagtesten Schneider der Stadt, habe sie ihre Garderobe anfertigen lassen, und nur in den teuersten Läden habe sie ihren extravaganten Schmuck eingekauft. Nicht nur der kurze Treppenaufgang zum säulenumrahmten Hauptportal des Palazzo Brancaccio war ihre Bühne gewesen. Regelmässig hatte sie in den angeblich prächtigen Sälen des Palazzo grandiose Empfänge gegeben. Dann waren die Damen und Herren der Aristokratie in Heerscharen in die Via Merulana geströmt. Missis Field kam aus Amerika, was sie jedem erzählte, der ihr begegnete, und ihr überschwängliches «Hellou» hatte selbst dann noch durch die Strasse geklungen, als ihre Kräfte mit dem Fortgang ihrer Krankheit sichtbar und rasch nachgelassen hatten.

Der principe verschwand in der Eingangshalle, die Bediensteten entluden das Fahrzeug.

«Wisst ihr, dass die Frau des Prinzen aus Amerika kam? Aus New York?» Alma hatte den Globus im salottino studiert und darauf die Geburtsstadt der principessa gefunden.

«Ah!», staunte Folco.

«Ja klar, weiss ich das! Aber wo ist Amerika?», wollte Pietro wissen.

«Das ist auf der anderen Seite des Ozeans», erklärte Giacomo.

«Ja, richtig, Giacomo. Und man kommt nur mit dem Schiff dorthin und ist mindestens drei Wochen unterwegs», fügte Alma bei.

«Mit einem grossen Schiff?», fragte Folco mit glänzenden Augen. «So gross wie dieses Haus?»

«Ja, mindestens!»

«Dorthin möchte ich gehen!», erklärte Pietro bestimmt.

«Aber die Leute sprechen Englisch dort, da wirst du nichts verstehen, gar nichts!»

«Dann lerne ich eben Englisch! Na also, wenn ich gross bin, fahre ich nach Nujork!», rief er laut und hob die Arme gegen den Himmel, um zu zeigen, wie gross er sein würde, wenn er nach Amerika reiste.

«Ich will auch mit dem Schiff fahren, ich bin dann der Kapitän!», ereiferte sich Folco.

«Toll!», fand Irene spöttisch, und Alma zerzauste dem jüngsten Bruder den dunkelblonden Haarschopf.

Giacomo meinte trocken, er würde bleiben, damit Mutter nicht allein wäre, wenn alle weggingen. Pietro rüttelte an den Stäben des schmiedeeisernen Tors zwischen dem Palazzo und dem monte, der Lehmaufschüttung entlang der Via Mecenate, hinter dem sich die ausgedehnte Gartenanlage erstreckte. Am Zaun rankte Jasmin. Die weissen Blüten verströmten einen aufdringlich süssen Duft. Fiori d’angelo – Engelsblumen. Auf dem monte wuchsen buschige Silberpappeln, dahinter schossen säulenförmige, schwarzgrüne Zypressen und hohe pini marittimi – Meerkiefern – mit ihren eiförmigen Nadelwolken in die Höhe. Von aussen konnte man vor lauter Grün nichts erkennen.

«Seid einmal still, und spitzt die Ohren!»

Die Kleinen drückten die Ohren zwischen die Eisenstäbe.

«Hört ihr das Plätschern des Wassers?»

«Jaa!»

«Da drinnen ist ein Springbrunnen.»

«Warum können wir nicht hineingehen?», fragte Folco.

«Ja, und auch ein Jagdhaus. Das weiss ich schon lang. Das habe ich vom Dach unseres Hauses aus gesehen!», brummte Pietro und rannte davon zum Eingang der Bar.

Strassenkehrer fegten den Gehsteig zwischen den jungen, von Holzpfählen gestützten Platanen. Auf dem Platz vor der Bar verkaufte sor Augusto die Abendzeitungen. Er war aufgebracht. Offenbar hatten es die frecheren der Quartierkinder wieder einmal zu bunt getrieben mit ihm. Keine dummen Bemerkungen heute, dachte Alma erleichtert und wollte schon an ihm vorbeigehen, als er ihr zurief. Sie winkte ab, doch er hielt ihr etwas hin.

«Für das Fräulein, vom Geliebten!», bemerkte er ungehalten, und sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.

Alma schnappte sich den Zettel, wandte sich rasch ab und folgte den Kleinen in die Bar. Rauch und Erregung nahmen ihr den Atem. An den Holztischen hockten Männer mit Wein- und Schnapsgläsern vor sich. Die einen kauten Tabak, die anderen hielten eine Zigarette zwischen den Fingern. Einige lehnten am Tresen. An der Holzwand dahinter hing ein goldgerahmter Spiegel.

Hinter dem Tresen stand einer der Kellner mit einer weissen Serviette über dem Unterarm. Links von ihm war die Kasse mit den grossen Knöpfen und Tasten, rechts die Tür zum Laden. Energisch schob er die Kinder in Richtung Bäckerei. Eigentlich waren Bar und forno tabu für sie, doch das kümmerte sie wenig.

Alma fühlte das Papier in ihrer Hand. Was war das? Von Antonio ? Sie musste es wissen, bevor Mutter sie sah. Sie faltete den Zettel mit zittrigen Fingern auseinander. «Morgen. Siebzehn Uhr. Bei den Trajansthermen. Kommst du?», las sie. Darunter in Grossbuchstaben «Antonio». Ihr wurde heiss. Sie liess den Zettel in ihrer Rocktasche verschwinden. Wie sollte sie das bloss anstellen? Wenn nur sor Augusto sein Maul hielt!

Der Laden war voller Kunden. Lärm und ein strenger Geruch nach Schweiss, Rauch und Brot schwappten ihr entgegen.

Mutter dirigierte die Kleinen zum Laden hinaus. «Geht hinauf, Attilio hat ein neues Heft von Senza Famiglia.»

Giacomo und Pietro machten Luftsprünge und verschwanden sofort, sie liebten die Abenteuergeschichten von Malot.

Folco verzog das Gesicht. «Ich will aber Bilbolbul hören!»

«Dann frag Irene. Vielleicht liest sie dir aus dem Corriere dei Piccoli vor.»

«Mannaggia, nicht schon wieder das Negerlein!», wehrte Irene ab und äffte mit den Händen nach, wie Bilbolbul die Augen aus den Augenhöhlen heraus- und zurückspickten.

«Alma, kommst du?», rief Mutter.

Clemente zerrte einen schweren, braunen Sack voll Reis zur Theke, wo bereits der mit Pasta gefüllte Sack stand.

Alma seufzte, anstatt Getreide und Teigwaren abzufüllen, hätte sie jetzt viel lieber Rachele aufgesucht oder sich in ihr Zimmer verkrochen, um von dem jungen Mann mit dem Strohhut und den dunklen Augen zu träumen. Bis sie sich beruhigt hätte. Dann würde auch sie sich in das Buch vertiefen, das sie gerade am Lesen war, einen Liebesroman aus der Buchreihe für junge Fräulein. Und, kam ihr in den Sinn, sie hatte die neue Folge des Fortsetzungsromans auf Seite drei der Tageszeitung noch nicht gelesen.

Clemente schleppte einen Kanister Olivenöl herbei, stellte ihn ab und verschnaufte. Mutter bediente, Tiziano sass an der Kasse.

Alma schaute zur Kundin, die sich an die Ladentheke drängte. Sie schien ihr Meilen entfernt. Dann gab sie sich einen Ruck und fragte mit höflicher Miene, was sie wünsche.

Auf einmal entdeckte Alma Angela, die an der Tür stand und wild gestikulierte. Ihre schräg stehenden, dunklen Augen blickten unternehmungslustig, die schwarzen Haarlocken schaukelten in alle Richtungen. Almas Gesichtszüge hellten sich auf.

«Alma, komm schon!», rief sie aufgeregt.

«Ich kann jetzt nicht», bedeutete ihr Alma.

«Ich bin mit dem Fahrrad da!»

«Mit der bicicletta von signorina Balducci?» Alma schmunzelte.

Die signorina Balducci war eine gepflegte ältere Dame, die allein an der Via di Olmata, einer kurzen Gasse gegenüber von Santa Maria Maggiore, wohnte, im gleichen Wohnblock wie Angela. Man erzählte sich, dass sie früher einmal eine attraktive Frau gewesen und täglich auf dem Fahrrad mit wehenden Röcken und unter dem Kinn fest gebundenem Hut zur Arbeit auf der Zentralpost an der Piazza San Silvestro gefahren sei. Seit sie nicht mehr arbeitstätig war, hatte man sie manchmal mit Freundinnen in die Campagna ausfahren sehen. Aber eines Tages war sie gestürzt und hatte sich ein Bein gebrochen. Seither hinkte sie mit dem Gehstock durch die Strasse, und das Zweirad stand unbenutzt im schmutzigen Innenhof des Wohnhauses. Es war, als habe der Unfall auch ihre Seele geknickt, denn sie war alt und müde geworden. Angela bewunderte die einst so temperamentvolle Frau und hatte sich anerboten, für sie die Besorgungen in der Stadt zu machen. Dafür hatte signorina Balducci ihr erlaubt, das Fahrrad zu benutzen. Nun stand es vor dem forno an die Wand gelehnt. Grasgrün, mit tiefem Einstieg und sandfarbenem Schriftzug.

«Dai, komm schon. Setz dich auch wieder einmal drauf!»

Es war nicht das erste Mal, dass Angela mit dem Fahrrad von signorina Balducci aufkreuzte, um auch Alma fahren zu lassen.

«Heute nicht!»

«Alma, du solltest öfter üben! Sei nicht immer so übertrieben vorsichtig!» Angela stemmte ihre Fäuste in die Hüfte.

«Schau, der Laden ist voll, heute geht es wirklich nicht! Aber hör mal, tust du mir einen Gefallen?» Alma hatte einen Geistesblitz. «Kommst du morgen nochmals? Etwas vor siebzehn Uhr? Bitte!», bat sie eindringlich.

Angela sah die Röte in Almas Gesicht und packte sie an den Schultern. «Ja klar, wenn du mir sagst, wer der Auserwählte ist?»

«Das erzähle ich dir morgen. Ciao, ich muss jetzt! Komm und hol dein Brot!»

Aufgeregt kehrte Alma hinter die Ladentheke zurück, wickelte ein kleines Weissbrot in Angelas Einkaufsbündel und schob die Freundin hastig zur Kasse. Diese bezahlte achtunddreissig centesimi und blickte augenzwinkernd zur Freundin zurück.

Alma sah die sportliche Gestalt mit den wilden schwarzen Locken, die sich selbstbewusst auf das grasgrüne Fahrrad setzte und davonpedalte. Alma schaute weder nach links noch nach rechts, um sich nichts anmerken zu lassen, tat einen tiefen Atemzug und spürte, wie ihr Blut schnell pulsierte. Sie war zugleich glücklich und verwirrt.

In dieser Nacht konnte sie fast nicht schlafen.

XX

Am nächsten Tag schlich Alma um die Theke herum, an der Kasse vorbei und zum Ausgang, als sie Angela auftauchen sah. Es war nachmittags kurz vor fünf Uhr. Angela hielt ihr das Fahrrad hin.

«Halt mich fest, halt mich fest, ich weiss nicht, ob ich das noch kann.» Alma stieg auf, hielt die Beine von sich gestreckt, um das Gleichgewicht zu halten, und blickte geradeaus. Das Rad rollte langsam auf der leicht abschüssigen Strasse.

«Geht doch! Jetzt musst du mir aber erzählen, was los ist!» Angela ging in grossen Schritten neben ihr her. «Sonst wäre ich nicht gekommen!»

Alma schaute sie aus ihren graubraunen Augen an, ihre Hände hielten krampfhaft den Lenker. Angela war schon so oft von zu Hause abgehauen, hatte jede Regel gebrochen, die ihr nicht passte, und hatte dann zur Strafe tagelang das Haus nicht verlassen dürfen. Trotzdem war sie für jede Art Abenteuer zu haben, je ungehöriger desto besser.

Alma erzählte ihr von Antonio und vom Zettel, den sor Augusto ihr gegeben hatte. Am Ende der Via Mecenate stieg Alma ab, packte Angelas Arm und hielt ihr das grüne Fahrrad hin. «Bitte, kannst du hier auf mich warten? Wenn Vater das erfährt, gibt’s ein Donnerwetter!»

«Macché, lass den doch wettern!»

«Dann sterb ich! Bitte!», flehte Alma.

«Gut, ich mache ein paar Runden und komme dann hierher zurück. Und grüss mir deinen Angebeteten!»

«Danke! Danke! Danke!»

«Schon gut!»

Alma strich ihren Rock glatt und ordnete das Haar. Plötzlich fragte sie sich, was sie tat. In einem Monat würde sie Rom verlassen, das tat schon weh genug, was traf sie sich da noch mit Antonio?

«Alma, geh jetzt!»

Antonio stand an eine Ruine gelehnt, neben ihm ein altes schwarzes Herrenfahrrad. Er schob seinen Strohhut zurecht und winkte Alma schon von Weitem zu.

Alma sah nur noch seine leuchtenden Augen, und auf einmal sprudelte es aus ihr heraus, dass sie gar nicht hier sein dürfte, dass sie ja bald abreisen würde, dass es gar keinen Sinn machte. Dann brach sie in Tränen aus, und sie kam sich dämlich vor.

Antonio strich ihr über die Wange, nahm ihre Hand. «Das weiss ich ja schon!»

«Ah ja?» Alma strich sich die Tränen aus den Augen und versuchte ein Lächeln.

«Das haben Sie erzählt.»

Alma runzelte ungläubig die Stirn.

«Deshalb habe ich Sie gebeten zu kommen. Denn die Vorlesungen haben wieder begonnen, und ich wurde umgeteilt für den Zeitungsverkauf.»

Alma stand da wie gelähmt und verzweifelt.

«Ich werde nicht mehr die Via Merulana bedienen!» Antonio schaute ernst, zog sie näher zu sich und legte den Arm um ihre Schultern.

Sie erschrak, liess dann aber den Kopf an seine Schulter sinken. Da war es wieder, dieses Gefühl der Leichtigkeit. Als würde sie auf Wolken schweben.

«Was ist das?» Etwas Hartes in seiner Jacke drückte gegen ihre Brust. Sie löste sich von ihm.

«Ich hab etwas für Sie!» Aus der Innentasche seines erdbraunen Jacketts zog er ein meerblaues, in glänzendes Leinen eingefasstes Buch. «Schauen Sie, eine Frau, die schreibt!» Er hielt es ihr hin.

Grazia Deledda. Alma liebte die Fortsetzungsromane dieser Schriftstellerin, die im Giornale d’Italia abgedruckt wurden. Sie fühlte, wie sie errötete.

«Ehm, zum Abschied.» Antonio räusperte sich.

Alma nahm es mit gesenktem Blick entgegen, fühlte den Stoff des Einbandes, las den Titel: «Nostalgie». Wieder schossen Tränen in ihre Augen, sie versuchte angestrengt, sie zurückzuhalten.

«Sie ist eine berühmte sardische Dichterin, lebt aber in Rom!»

Alma nickte, drückte das Buch an ihre Brust und brachte vor Rührung kein Wort hervor.

Antonio nahm wieder ihre Hand, drückte einen Kuss auf ihren Handrücken und liess sie lange nicht los. «Sehen wir uns vor Ihrer Abreise?» Er schaute in ihre geröteten Augen und strich nochmals über ihre Wange.

«Ja!»

«Ich lasse Sie wissen, wann ich kommen kann!»

Alma nickte wieder, dann hielt sie das Buch an die Nase, roch den herben Geruch des Leinens, vermischt mit dem Duft von Papier und Druckerschwärze. Sie blickte Antonio an. «Ja, bitte! Sie wissen, wo ich bin.»

Dann schlug sie das Buch auf, blätterte zum Beginn des ersten Teils und las laut: «Sie näherten sich Rom. Der Novembermond, ein grosser perlmuttfarbener Mond, klar und melancholisch, beleuchtete die Campagna: Der wütende Wind traf heftig auf die Wucht des fahrenden Schnellzugs.»

Alma beeilte sich, Angela wartete bereits.

«Willst du fahren?», grinste sie.

«Nein! Auf keinen Fall! Mir zittern die Beine.» Alma strahlte und seufzte tief.

Angela begleitete sie an forno, Bar und sor Augusto vorbei zum Haustor. Alma dankte Angela und schaute zu, wie sie auf das Fahrrad stieg und übermütig in Slalomlinien die Strasse hinauffuhr. Obwohl Alma noch im Laden hätte helfen müssen, eilte sie die Treppen hinauf und zog die Zimmertür hinter sich zu. Ein bisschen Ungehorsam muss drin liegen, dachte sie mit schlechtem Gewissen. Sie legte sich aufs Bett und wartete, dass ihr Herz nicht mehr so heftig klopfte.

XXI

Kein Umzug in die neuen hässlichen Mietshäuser in San Saba! Gut! Cristoforo seufzte erleichtert. Kein Neubeginn in Rom zwischen Schlachthaus und Piramide! Endlich war alles klar. Entschieden. Er sass am runden Nussbaumtisch im salottino, strich sich mit der Hand übers Gesicht und schaute aus dem Fenster des Eckzimmers. Die Pendeluhr tickte. Daneben hing ein Kruzifix an der lindgrün tapezierten Wand.

Edgardo hatte geschrieben. In seinem Brief aus dem Puschlav teilte sein Bruder ihm mit, dass er für sie ein leer stehendes Haus am Dorfeingang gefunden habe. Sie sollten ihm den Tag ihrer Ankunft mitteilen. Er hoffe, es gehe ihm besser. Seine Familie freue sich, sie bald wieder in der Nähe zu haben. Und er wollte wissen, ob der neue Dampfbackofen gut funktioniere, ob sich das Brot damit tatsächlich noch luftiger und doch knusprig backen lasse. Er schloss mit den Glückwünschen für einen reibungslosen Aufbruch und eine gute Reise.

«Was schreibt er?», wollte Anna wissen. Sie räumte gerade den Sekretär auf, wischte Fingerabdrücke vom Globus und Staub von den Büchern auf der Ablage darüber. Eine Bibel, Heiligengeschichten, Gebetsbücher und Klassiker von Manzoni und Verga, Kinderbücher und Comic-Hefte.

Cristoforo schob ihr den auseinandergefalteten Brief zwischen einem Stapel Zeitungen und dem Nähzeug hindurch zu. Anna warf einen Blick aus dem Fenster.

«Die Seiltänzer sind wieder da», sagte sie beiläufig, setzte sich, nahm den Brief in die Hand und suchte ihre Brille.

Cristoforo stand schwerfällig auf, legte sich auf das Sofa und schaute aus dem Fenster hinaus zum monte. Der Wind spielte mit den Blättern der Silberpappeln. So jung waren er und Edgardo, sein älterer Bruder, gewesen, als sie im Spätsommer 1878 angekommen waren. Rom war gerade Hauptstadt von Italien geworden. Eine Stadt im Aufbruch, im Baufieber. Und sie, übermütig und blauäugig, hatten sich vorgestellt, gleich das grosse Glück zu finden. Über all ihre Zweifel und Ängste hatten sie nicht geredet, auch nicht darüber, dass nicht nur pure Abenteuerlust sie aus dem heimatlichen Tal getrieben hatte. Sie beide, die Jüngsten ihrer grossen Familie, hatten eigentlich keine andere Wahl gehabt. War da nicht doch ein leichtes Kribbeln in der Magengegend gewesen, als sie durch die Po-Ebene gerattert waren? Als sie am Bahnhof ausgestiegen waren? Der war ihnen gigantisch vorgekommen. Die Weitläufigkeit der Piazza dei Cinquecento, die damals noch Piazza di Termini geheissen hatte, die riesigen repräsentativen Palazzi, das gleissende Licht auf dem marmornen Stein. Und überall demolierte Mauerstücke, zerfallene Säulen. Was für einen gewaltigen Eindruck ihm das alles gemacht hatte, und wie klein er sich auf einmal vorgekommen war!

Und danach all die Entbehrungen! Der Hungerlohn für die Zigarettenstummel, die sie vor dem Geschäft ihres Puschlaver Bekannten eingesammelt hatten, um den Platz sauber zu halten. Das Zimmer im Dachgeschoss eines heruntergekommenen Häuserblocks hinter dem Trajansforum, eng und stickig. Lange hatte er schlecht geschlafen, auch wegen der ungewohnten Geräusche, die bis zu ihnen heraufgedrungen waren. Das laute Gegröle bis spät nachts, das rechthaberische aò der streitsüchtigen Römer, das Hallen der Pferdehufe, das Gemecker ganzer Ziegenherden morgens in aller Frühe. Im Wirrwarr der dunklen Gassen ohne richtige Kanalisation hatte es fürchterlich gestunken, und überall waren aufdringliche Bettler und Wahrsager herumgelungert.

Die Stadt mit ihren rund zweihunderttausend Einwohnern war ihm damals riesig vorgekommen. Seither hatte sich die Bevölkerungszahl mehr als verdoppelt. Und in diesem Rom, das sich von einer unhygienischen, rückständigen Stadt in eine moderne europäische Grossstadt verwandelt hatte, hatte er sich hochgearbeitet und es zu etwas gebracht. Stolz erfüllte ihn. Und Wehmut, wenn er daran dachte, nun ins Puschlav zurückzukehren, um Ruhe zu finden. Cristoforo setzte sich wieder auf, betrachete den Jasmin auf dem monte. Er war beinahe verblüht. Ja, Heimat könnte Heilung bringen, durchfuhr es ihn. Annas verzagtes vabbè – na dann – hörte er nur von weit weg.

XXII

Die Zeitungszeilen verschwammen ineinander. Cristoforo versuchte, sich zu konzentrieren, doch es erschien ihm immer belangloser, welche Machtspiele Premierminister Giolitti mit seinen Gegenspielern Sonnino und Salandra austrug oder was Italiens Armee in der Türkei und Libyen wollte. Ihn packte Schwindel, sein Herz klopfte schnell. Heftig blätterte er die Zeitungsseiten um und verweilte bei den Auftritten in den café-chantant. Doch es nützte nichts, alles drehte sich, die Worte tanzten. Er stützte sich auf dem Nussbaumtisch ab, tastete sich zum Sofa und setzte sich. Hinlegen wollte er sich nicht aus Angst, dass er keine Luft mehr bekommen oder schlecht träumen könnte. Sogar die Geräusche aus der Küche und das Geplapper von Anna und Nazzarena irritierten ihn. Seine Gedanken kreisten um den Streit mit Anna, die mit ihm geschimpft hatte, weil der Umzug ins Puschlav noch nicht geregelt war. Er wusste nicht, wo anfangen, und brachte die Kraft nicht auf, tätig zu werden, nichts schien ihm mehr wichtig.

Anna brachte ihm den Aufguss aus Pfefferminzblättern, den ihm der Arzt zur Stärkung empfohlen hatte. Er rümpfte die Nase, blies Kringel in das grüne Wasser in der Tasse und dachte ans Puschlav.

«Trink, bevor er kalt wird!» Annas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. «Danach solltest du etwas spazieren gehen! Du weisst, der Arzt.»

Adrenalin in der Magengegend. Allein nach draussen gehen? Das wagte er nicht mehr. Der Schwindel war heimtückisch. Was, wenn er mitten auf der Strasse zusammenbrach? Hilflos daliegen? Nein, das Einzige, wozu er sich noch aufraffen konnte, war zu kontrollieren, dass der Hefeteig richtig angesetzt wurde. Clemente und Tiziano sollten die Kunst des Brotbackens beherrschen, wenn sie das Geschäft allein führten. Vielleicht sollte ich mir doch einen Spazierstock zutun, dachte er.

XXIII

Langsam knöpfte Cristoforo das weisse Hemd zu. Er sass auf dem Bett, neben sich die Sonntagskleider, die Anna ihm aus dem Kleiderschrank herausgelegt hatte. Nachdenklich blickte er aus dem Fenster zum gegenüberliegenden Palazzo, dem Himmel darüber. Alles war zu gross geworden, die schwarze Jacke hing schlaff von seinen knöchernen Schultern, die Hosen flatterten um seine Beine. Dann blickte er zur Madonnenstatue und schickte ein Gebet zur Muttergottes. Dies würde der schwerste Gang seines Lebens werden. Seine Handflächen waren feucht, obwohl die Temperatur im Haus erträglich war.

«Kommst du?» Alma stand ungeduldig an der Wohnungstür. Sie trug ihr rot-schwarzes karogemustertes Kleid und war sorgfältig frisiert.

«Ja-ah!» Der Vater setzte seinen Hut auf.

Babbo wirkte angespannt und verloren. Alma nahm seinen Arm und hakte sich bei ihm ein. Mit langsamen, unsicheren Schritten gingen sie am Palazzo Brancaccio vorbei, stiegen am Largo Brancaccio in eine Kutsche und liessen sich über die steile Via Giovanni Lanza hinunter quer über die Via Cavour und die schmale Via dei Serpenti wieder hinauf zur belebten Via Nazionale fahren. Sie sassen nebeneinander im Fond der offenen Kutsche.

Alma hatte die Lippen zusammengepresst, der Vater schwieg. Die Pferdehufe hämmerten auf dem Kopfsteinpflaster. Kutschen fuhren in alle Richtungen, die Kutscher schrien einander zu und gestikulierten, um aneinander vorbeizukommen. Tramways und Omnibusse ratterten geradeaus. Die meisten Fussgänger blieben auf den Gehsteigen. Elegante Palazzi, prunkvolle Treppenaufgänge und imposante Säulenfassaden zogen an Alma und Cristoforo vorbei. Über den Läden waren die Sonnenstoren ausgefahren, breitkronige, leise raschelnde Platanen säumten die breite Strasse.

Die Kutsche hielt, Alma half ihrem Vater auszusteigen. In der hohen Eingangshalle mit den marmornen Böden und Säulen fragten sie nach dem richtigen Stockwerk. Dann stiegen sie die breite Marmortreppe hinauf, der samtene rote Teppich dämpfte die Schritte. In Wandnischen waren Büsten aufgestellt, steinerne Augen starrten ihnen entgegen. Dort, wo auf dem Messingschild der Name des Notars prangte, zogen sie an der Türglocke.

Cristoforo rang nach Atem. Alma hielt seinen Arm fest und strich mit der anderen Hand ihr Kleid glatt. Sie schwiegen immer noch.

Eine Sekretärin öffnete die Tür und führte sie freundlich lächelnd durch einen langen Flur in einen grossen, mit dunklem Eichentäfer ausgekleideten Raum. Sie setzten sich auf die gepolsterten Fauteuils an der Wand. Stimmen waren zu hören, Schritte auf dem Steinboden, das Klappern einer Schreibmaschine.

Almas Blick wanderte zur Kassettendecke über ihr. Endlich kehrte die Sekretärin zurück und führte sie in einen anderen Raum, hiess sie an einem massiven Eichenholztisch Platz nehmen. Wieder warten. Ein dicker Teppich bedeckte den Boden. Im Hintergrund stand ein Sekretär, übervoll mit Büchern und Papieren, Füllfedern und Tintenfass. Dahinter, unter einem monumentalen Renaissancegemälde, waren auf einer Konsole Stempel und Stempelkissen säuberlich aufgereiht in allen Grössen und Ausführungen, daneben Siegel, Wachs und Zündhölzer.

Cristoforo nahm den Hut ab und rutschte auf dem Stuhl hin und her. Der Notar, endlich! Ein behäbiger, untersetzter Mann trat ein, und sie erhoben sich ehrfürchtig.

«Ihre Papiere!», brummte dieser mürrisch.

Cristoforo erschrak und nestelte in der Innentasche seiner Jacke, zog endlich seinen Pass hervor und legte ihn mit zitternder Hand auf den Tisch.

«So, Sie wollen zurück aufs Land und hier Ihr Hab und Gut verkaufen!», meinte der Notar kopfschüttelnd und setzte sich.

Alma fühlte einen Stich in ihrer Brust.

«Das geht aber nicht so schnell mein lieber sor … wie heissen Sie?» Er langte nach dem Pass.

Cristoforo rutschte an die Stuhlkante, Alma tat es ihm nach. «Nicht?»

«Nein, nein. Zuerst benötige ich die Unterlagen aus dem Registeramt und dem Ministerium, die Bewilligungen des Meldeamts, die Zustimmung der Bank, das dauert alles.»

«Naja», stotterte Cristoforo.

Der Notar verliess den Raum. Sie warteten betreten. Er kam zurück mit der Sekretärin und liess diese nach seinem Diktat Cristoforos Namen notieren, die Adressen von Tiziano und Clemente, die Nummern der zu verkaufenden Liegenschaften, ihre Adresse in der Schweiz, den Namen des Bankinstituts. Dann studierte er lange Cristoforos Pass, blätterte darin und gab ihn wortlos zurück.

Cristoforo zog sein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich den Schweiss von der Stirn.

Die Sekretärin legte das Blatt mit den Angaben vor ihn hin und deutete auf die Stelle, wo er unterschreiben sollte. Die Feder kratzte auf dem Papier. Der Notar drückte einen Stempel darauf und schmolz hingebungsvoll das Siegelwachs.

Wie in Trance klaubte Cristoforo die Geldnoten für die Anzahlung aus der Jackentasche, stand auf und setzte seinen Hut auf.

Der Notar schüttelte ihnen eifrig die Hand, er werde alles daran setzen, dass der Verkauf rechtzeitig erfolge. Die Sekretärin, immer noch lächelnd, begleitete sie zur Tür.

Auf dem Weg nach Hause sprachen sie kein Wort.

Cristoforo empfand Leere. Weggegeben. Alles losgelasssen. Den forno, die Bar, die Filiale, die Wohnung. Er war ohne Sicherheiten. In einem schwarzen Loch zwischen zwei Welten. Eine, in der alles dahinging, die andere, in der nichts war als eine blasse, ferne Kindheitserinnerung.

Alma half Vater in die Wohnung hinauf, wo er sich entkräftet und mürrisch auf das Sofa legte und einschlief. Niemand wagte, etwas zu fragen.

Alma verliess unbemerkt die Wohnung, marschierte ziellos die Via Merulana hinauf und fand sich schliesslich, immer noch im Sonntagskleid, auf dem grünen Wiesenstreifen neben der Kirche San Martino ai Monti wieder. Aufgewühlt setzte sie sich auf eine Bank unter einem ausladenden Oleander, dessen Blüten noch blutrot leuchteten. Sie starrte in die grünen Bäume vor ihr, Tränen rannen über ihre Wangen. Bis sie ruhiger wurde. Bis sie sich eingestand, dass sie den Lauf der Dinge nicht aufhalten konnte.

Sie seufzte, strich sich die Tränen aus den Augen und betrat die Kirche, das kühle Dunkel jenseits der geöffneten Kirchentür. Sie tauchte die Fingerspitzen in das Weihwasserbecken, bekreuzigte sich und setzte sich in eine Kirchenbank. Sie sah die Grimassen des Notars und die Zähne der Sekretärin, die Hinterteile der Kutschenpferde und Vaters Hilflosigkeit, die sie manchmal beschämte. Sie spürte die Wut auf die Krankheit, ihre Ohnmacht. Aber was änderte ihre Auflehnung? Nichts. Was sollte sie anderes tun, als mitgehen und akzeptieren, was sich anfühlte wie ein Abgrund? Eine Wahl hatte sie nicht. Sie kniete nieder, betete zur Muttergottes. Betete. Und irgendwann merkte sie: Wirklich wichtig war nur, dass Vater am Leben blieb. Sie selbst würde im Puschlav schon irgendwie zurechtkommen. Sie würde auch ein Leben haben. Ein anderes eben. Und zudem war es ja immer noch das Ziel, wieder zurückzukehren. Antonio würde bestimmt so lange auf sie warten. Oder nicht? Innerlich übergab sie ihr Schicksal in die Hände Gottes. Er würde es bestimmt zum Guten wenden.

Das Weihwasser beim Ausgang fühlte sich weich und samten an. Gestärkt trat Alma aus dem dunklen Raum und zog die schwere Kirchentür hinter sich zu. Sie hielt dem Windstoss, der ihr Haar zerzauste, das Gesicht entgegen und lächelte. Leichtfüssig kehrte sie nach Hause zurück, grüsste sor Augusto freundlich, nahm im Treppenhaus zwei Stufen auf einmal und trat durch die mittlere Eingangstür in die Küche, von wo ihr der Duft von grilliertem Gemüse in die Nase stieg. Sie merkte, wie hungrig sie war.

XXIV

Fratelli Gondrand stand auf dem zerknitterten Zettel, den Cristoforo von Clemente bekommen hatte. Cristoforo steckte ihn in die Hosentasche. Das Speditionsunternehmen befand sich an der Via della Mercede gegenüber der Zentralpost. Alma stellte sich vor, wie die signorina Balducci früher mit wehenden Röcken geradelt kam. Im Gebäude herrschte Hochbetrieb. Geschäftsleute, Fuhrmänner und Gepäckträger kamen und gingen. Angestellte hetzten in die Büros und zurück, schimpften und fluchten. Schreibmaschinen klapperten. Sie warteten lange. Einige Kunden reklamierten lautstark. Cristoforo sass zusammengesunken auf einem Stuhl, bis sie endlich zum Schalter gerufen wurden. Man schimpfte mit ihnen, weil sie viel zu spät dran waren. Deshalb bezahlten sie mehr als üblich, damit ihre Möbel und ihr Hausrat rechtzeitig abgeholt und in die Schweiz transportiert wurden. Sie erledigten die nötigen Formalitäten und verliessen die stickige Eingangshalle so schnell wie möglich.

«Wenn das nur klappt mit unseren Sachen!», meinte Cristoforo besorgt.

Alma hustete angewidert. Sie überquerten die verkehrsreiche Piazza San Silvestro.

«Babbo, hier, die Strassenbahn!» Alma deutete auf die bereitstehende Tramway, die sie geradewegs nach Hause führen würde.

«Komm!», sagte er, ging mit gesenktem Kopf daran vorbei und überquerte langsam, aber unbeirrt die Via del Tritone.

Alma warf einen neugierigen Blick auf das noble Warenhaus Bocconi am Corso. «Willst du zur Fontana di Trevi?»

Neptun thronte im barocken Triumphbogen. Vor ihm zwei Pferde, ein wildes und ein friedliches. Das Wasser rauschte von den Felsblöcken zu Füssen des Meeresgottes. Cristoforo setzte sich schwerfällig auf eine der obersten Stufen der Treppe, die zum breiten Becken mit dem türkisgrünen Wasser hinunterführte. Gedankenverloren strich er sich mit der Hand über das Gesicht, schloss die Augen und lehnte den Kopf an das Geländer.

Alma stand verlegen und ungeduldig daneben und rätselte, was Vater vorhatte. Schliesslich setzte sie sich neben ihn und liess sich von den vielen Touristen und deren Sprachen, die sie nicht verstand, ablenken. Die Fremdensaison hatte wieder begonnen, nachdem die ersten Herbstregen gefallen waren und damit auch die Temperaturen. Die Gäste kamen an, besuchten die Stadt und fuhren wieder weg. Ich bin noch nie richtig gereist, dachte Alma. In Rom würde sie auch nie fremd sein. Gleichgültig, wie lange es bis zu ihrer Rückkehr dauern würde. Plötzlich sprang sie auf und schüttelte Vaters Hand. «Eine Münze, hast du mir eine Münze?»

Cristoforo schrak auf und schaute müde in ihre schmalen, glänzenden Augen. «Dieser Brauch ist doch Aberglaube, lass das!»

«Babbo, ich sterbe, wenn wir gehen, ohne dass ich eine Münze in den Brunnen geworfen habe!», flehte Alma ihn an.

«Na dann», er kramte ein Kupferstück aus der Geldbörse, «bevor du stirbst!»

Alma lächelte, beugte sich zu ihrem Vater und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

«Geh schon, geh schon.»

Sie nahm das Geldstück, eilte zum Beckenrand hinunter, drehte sich um und tat es den fremden Gästen nach. Der centesimo flog über ihren Kopf hinweg in die Unendlichkeit des Ozeans, und Alma war nun ganz fest überzeugt, dass sie nach Rom zurückkommen würde.

Sie gelangten zum Corso, wo Militärmusik zu hören war.

«Babbo, schau mal! Manzoni! Fogazzaro, Leila! Bilder von Afrika, Edgar Wallace, ach, das ist nicht auf Italienisch!» Alma blieb am Schaufenster der Buchhandlung Bocca stehen.

«Komm! Such dir etwas aus. Dann haben wir im Puschlav etwas zu lesen.»

«Dort wird’s ja auch Buchhandlungen geben, oder nicht?»

Vater hob nur die Augenbrauen, und sie wusste, ihre Frage war eine rhetorische.

Sie traten ein, eine Glocke bimmelte schrill, der Holzboden knarrte. Es roch nach Papier.

«Guten Tag, was wünschen die Herrschaften?»

Cristoforo zeigte auf das Schaufenster. Von innen war nur ein tannengrüner Samtvorhang, auf halber Höhe befestigt, zu sehen.

«Manzoni vielleicht?» Der Buchhändler, ein vornehmer, älterer Herr mit gutmütigen Augen deutete auf ein Gestell.

«Afrika vielleicht», warf Alma schüchtern ein.

«Ja, da hätte ich etwas für Sie!»

Vater und Alma verliessen die Buchhandlung und überquerten den Corso. Stolz und glücklich trug Alma drei in Packpapier gewickelte Bücher unter dem Arm. Einen Salgari für die Kleinen, ein libro rosa aus der Reihe für junge Fräulein mit einer Liebesgeschichte aus dem libyschen Küstenland und einen Taschenatlas für die Reisen in ihrem Kopf. Welch ein Reichtum! Sie erreichten die Piazza Colonna, einen der belebtesten und wichtigsten Plätze der Stadt mit den berühmten Cafés, den Limonadenkiosken und den Wassermelonenständen. In der Mitte stand die hohe Marmorsäule mit der Bronzestatue des heiligen Paulus.

Cristoforo trank vom Hahn des mit Tritonen, Muscheln und Delfinen verzierten Brunnens.

Babbo scheint sich besser zu fühlen, ging es Alma durch den Kopf. Sie lockerte ihre angespannten Schultern und streckte den Rücken. Die Sonne wärmte ihr Gesicht.

XXV

Kleiderbügel an Kleiderbügel hingen die Jacken und Sommermäntel, geordnet nach Grösse, an der Garderobe im Korridor.

«Oh, Nazzarena hat aufgeräumt», rief Alma, als sie vom Markt zurückkamen und die Einkaufsbündel auf dem Marmortisch in der Küche abgestellt hatten.

«Schön!», freute sich die Mutter. «Ach, wie werden wir dich vermissen, Nazzarena!»

«Und ich euch erst!» Die Gouvernante verschwand mit Tränen in den Augen in die Küche.

«Nazzarena wird uns fehlen!», wandte sich die Mutter zu Alma.

«Ja, sehr! Weisst du noch die sora Giuditta?»

«Die haben wir weggeschickt, weil sie zu viel trank und zu wenig arbeitete!»

«Wirklich?», staunte Alma.

«Ja, aber da warst du noch klein.»

«Oh, schau, das ist ja furchterregend!» Auf der Schubladenkommode mit den geschwungenen Füssen lag ein Briefumschlag, der mit einer unheimlichen Serie von Briefmarken und Stempeln versehen war.

«Woher kommt der?» Mutter nahm den Brief an sich. «Den Stempeln nach aus Amerika.»

«Zeig mal! Zeig!» Folco hängte sich an Mutters Arm, als er das Wort «Amerika» hörte.

«Pazienza! Folco! Ja, hier der Absender, es ist zia Mariella!»

In Almas Erinnerung tauchte das blasse Bild einer zierlichen Frau auf, deren aschblondes Haar wie ein Kranz ihr Gesicht umrahmte. Sie hatte immer eine caramella – ein Bonbon – für die Kinder dabei gehabt, als sie vor Jahren ein einziges Mal in Rom zu Besuch gewesen war.

Mutter eilte in den salottino und kramte in der Schublade des Sekretärs nach dem Brieföffner. «Deine Schwester hat geschrieben», meinte sie zu Cristoforo, der auf dem Sofa döste.

Sie öffnete den Briefumschlag, zog einen mit einer winzigen, verschlungenen Schrift beschriebenen Briefbogen hervor, faltete ihn auseinander und setzte sich an den Nussbaumtisch. «Meine liebsten Cristoforo und Anna.» Alma und Romeo schauten neugierig über ihre Schultern, Folco stand mit grossen Augen am Tisch. Sein Kopf reichte knapp über die Tischkante.

Mutter stockte: «Lies du vor, Alma, meine Augen!» Mutter hielt ihr den Brief hin.

Alma packte ihn eifrig: «… ich habe die Stelle gewechselt, die Arbeit im neuen Hotel ist streng. Die Kurgäste verlangen, dass man immer für sie da ist. Die meisten sprechen Amerikanisch. Ich verstehe nun ein paar Brocken dieser Sprache. Zum Glück arbeiten auch Italiener hier. Ich bin froh, dass ich erneut Arbeit gefunden habe. Auch mein Sohn hat einen Job – so sagen sie hier –, er arbeitet bei einem Zimmermann. Die Arbeit ist hart, er balanciert auf den Dächern der Hotels herum, die hier zuhauf neu gebaut werden. Das macht mir Angst. Ich bin froh, wenn er abends heil zurückkommt. Ich denke manchmal an Bernardo, aber die Ferne und die viele Arbeit helfen mir, den Schmerz und das Heimweh zu vergessen.»

Alma schaute auf. «Wieso ging sie weg?»

«Embeh, was sollte sie als Witwe im Puschlav? Sie ist mit der Schwester von Bernardo und anderen Puschlavern ausgewandert, sie hoffte, als alleinstehende Frau im fernen Amerika ein Auskommen zu finden.»

«Hmm», brummte Alma und fuhr fort: «Hier ist es schön. Die Einheimischen nennen die Landschaft die Katzenberge. Es ist hügelig, grün und das Klima mild. Ich denke viel an euch und die schönen Momente, als wir uns in Rom gesehen haben. Damals war Attilio geboren. Wie geht es ihm und Alma und dem armen Romeo? Berichtet mir von den Kindern. Schreibt mir, wie es euch geht. Laufen die Geschäfte gut? Seid alle herzlichst gegrüsst und geküsst, eure Mariella.»

Alma beugte sich zum Sekretär hinüber und suchte nach Briefpapier. Sie wollte zia Mariella sofort antworten. Sie schrieb Zeile um Zeile und berichtete von der Krankheit des Vaters und der Angst um ihn, der geplanten Rückkehr und den damit verbundenen Hoffnungen. Sie schrieb von der aria genuina – der reinen Luft der Berge – dem Argument, das den Ausschlag für die Rückkehr gegeben habe, trotz der Aussicht auf eine Wohnung in San Saba. Von Attilios Begeisterung und Vorfreude auf das Puschlav, von der sich alle Geschwister hätten anstecken lassen, den Vorbereitungen für den Umzug und von Romeo, der sich das Handgelenk verstaucht habe, als er auf einen Kistenstapel habe klettern wollen und dabei zu Boden gestürzt sei. Den Gang zum Notar liess Alma aus. Dann erzählte sie nochmals von Attilio, der die Prüfung für das Gymnasium mit Bravour bestanden habe und nun den neuen Katechismus von Papst Pius X. auswendig büffle, um vor der Abreise noch am Religionswettbewerb aller katholischen Schüler in Rom teilzunehmen. Von seiner ersten Kommunion mit der Audienz beim Papst, auf die er stolz sei wie ein Pfau und um die ihn alle anderen beneideten. Sie berichtete auch von Giacomos Tränen jeden Morgen vor Schulbeginn und von Pietros erstem Kindergartentag, seinem Eifer und seinen Flausen. Sie beschrieb den toboggan, es sei das Lustigste gewesen, das sie an der Universalausstellung gesehen hätten. Aus Gehorsam verschwieg sie ihren eigenen Widerwillen gegen die Rückkehr ins Puschlav. Aber als sie den Brief nochmals durchlas, spürte sie ihre Wut. Sie hätte die Wörter aria genuina am liebsten dick durchgestrichen. Aria genuina! Was konnte der Arzt davon wissen!

XXVI

Folco schämte sich. Pietro und Attilio hänselten ihn, weil er aussah wie ein kleines Mädchen.

«Das war mein schönstes Festtagskleid!», meinte Alma aufmunternd.

«Dieses schneeweisse Röcklein mit dem Spitzenkragen habt ihr alle einmal angehabt!», erklärte Mutter.

Doch Folco interessierte das nicht. Fast wäre er nicht mitgegangen, wenn Nazzarena sich nicht mit rührender Fürsorge um ihn gekümmert hätte. Nun ging er an ihrer Hand, schmollend zwar, aber er ging mit. Alma half Vater, die Tramway zu besteigen, und Mutter schaute, dass alle da waren. Die Buben trugen modische, wadenlange Karottenhosen, Stiefeletten und eine liliengrosse weisse Masche um den Jackenkragen. Mutter ganz in Schwarz und mit Hut, Vater in seinem schlottrigen Sonntagsanzug. Irene war stolz auf den neuen hellblauen Faltenrock mit den zierlich bestickten Bändern. Alma trug ihr rot-schwarz kariertes Sonntagskleid. Sie fuhren Richtung Bahnhof.

Im Fotogeschäft hingen Filmplakate, Landschaftsbilder und Porträts an den Wänden. Auf den Regalen waren Objektive, Glasplatten, Feldstecher und Lupen ausgestellt. Frau Cané führte sie durch einen langen Gang in den Innenhof, der mit Gerümpel überstellt war, betrat das Fotostudio, zog die schweren schwarzen Vorhänge und schloss einen Teil der Dachstoren. Dann platzierte sie Stellwände, falsche Säulen und Steinblöcke und wollte wissen, ob sie auch Einzelaufnahmen wünschten. Vater schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen Stuhl. Attilio und Pietro waren zum Stativ mit dem viereckigen Kasten gerannt, nun drohte das Gestänge aus dem Gleichgewicht zu geraten.

«Piantatela – hört auf! Mannaggia!» Vater fuhr hoch.

Alma zuckte zusammen, Pietro schaute verwundert, und Attilio floh in die andere Ecke. Nazzarena packte das schwankende Ding geistesgegenwärtig und verhinderte, dass es zu Boden fiel.

Just in dem Moment trat Herr Cané ein. Er warf einen misstrauischen Blick auf Nazzarena, einen mitleidigen auf Romeo und hantierte dann am riesigen Fotoapparat herum. Frau Cané arrangierte die Familienmitglieder. Mutter vorne in der Mitte, sitzend.

«Sie haben Recht, jetzt ein schönes Familienfoto zu machen! Man muss die Sprösslinge festhalten, bevor sie anfangen, ihre eigenen Wege zu gehen. Das Foto wird Ihnen bestimmt viel Freude bereiten.»

Was die da redet, dachte Alma und presste die Lippen zusammen. Und das ohne Unterbruch, während ihr Mann immer noch schwieg. Frau Cané richtete Annas Silberkette und drückte ihr ein Ledertäschchen in die Hand. Romeo musste auf einen Sockel neben Alma steigen, da die Geschwister in der Reihenfolge ihres Alters nebeneinander stehen sollten. Der Sockel wurde von Mutters fülligem Körper verdeckt. Die Frau des Fotografen drapierte Irenes hellblauen Rock über den falschen Steinblock, auf dem sie sass, drückte ihr ebenfalls eine winzige Handtasche in die Hand und legte einen Strauss weisser Blumen in ihren Schoss. Alma beobachtete ihre kleine Schwester, die unentwegt und ernst in die Kamera schaute. In ihrem langen, dunkelblonden Haar war eine weisse Masche befestigt. Attilio stand unruhig neben Irene, bis Herr Cané verärgert hinter seinem Gestell hervorschoss, Attilios Hände packte und ihm befahl, sie ineinander zu verschränken und endlich ruhig zu stehen, ansonsten das Foto nicht gelingen würde.

Attilio seufzte und Vater hinter ihm auch. Cristoforo griff in den Stoff von Attilios Jacke, um ihn zur Ruhe zu zwingen. Mit der anderen Hand wischte er sich über die Stirn, holte tief Luft und versuchte, die Krawatte zu lockern. Dem staunenden Folco drückte Frau Cané ebenfalls einige weisse Blumen in die Hand und stellte ihn vor die Mutter. Pietro musste Giacomos Hand halten, in die andere bekam er einen Holzstab gedrückt, als wäre er ein Orchesterdirigent. Alma hinter ihm legte sich die überlange silberne Kette um den Hals und tastete nach ihrer Frisur. Sie hatte die Haare, ganz wie es Mode war, zu einem Knoten auf dem Scheitel hochgesteckt.

«Nicht so fest, du tust mir weh!» Pietro bewegte sich heftig.

«Macché!» Alma löste die Finger von seiner Schulter.

Sie erschraken über Herrn Canés tiefe Stimme, die ihnen befahl, nicht zu lachen und sich nicht zu bewegen. Dann schaute er lange in seinen Apparat.

Folco drehte den Kopf zur Mutter.

«Schau nach vorne», wisperte Nazzarena, die wortlos auf einem Stuhl neben der Eingangstür sass und zuschaute.

Nochmals schaute Herr Cané hinter der Fotokamera hervor. Vater solle mit der Hand die Knopfleiste seiner Jacke fest umfassen. Dann endlich: Klick.

Vater setzte sich. Nazzarena öffnete die Tür. Frische Luft strömte herein. Frau Cané lobte sie überschwänglich. Das Foto würde sicherlich wunderschön sein. Wie sie das jetzt schon wissen könne, hörte Alma Attilio Irene zuflüstern. Diese zuckte die Schultern. Zurück im Laden zückte Vater den Geldbeutel.


Familienfoto im Studio Fotografico Cané in Rom, ca. 1911

Hintere Reihe (v.l.) : Alma, Romeo, Cristoforo, Attilio

Vordere Reihe (v.l.): Pietro, Giacomo, Folco, Anna, Irene.


Rückseite.

«Mannaggia, schaut mal», rief Alma und zeigte auf eine Fotografie an der Wand.

«Via Merulana e San Giovanni, anno 1865 steht da!»

«Unsere Strasse und kein einziges Haus!», rief Attilio ungläubig.

«Dann ist es nicht unsere Strasse», meinte Irene spitz.

«Doch, lies selbst!»

Irene schubste Attilio zur Seite.

«State bòni, bambini – seid brav, Kinder!», mahnte die Mutter.

«Schaut doch, der Palazzo di San Giovanni, der Obelisk aus Theben, rechts davon das Spital», zählte Alma auf. «Die Via Merulana eine Landstrasse auf weitem Feld. Ist das eigenartig!» Was wohl Antonio dazu sagen würde, dachte sie traurig. Ob er sich noch meldete? Sie hoffte es sehnlichst.

Auch Vater studierte das Bild. Die Strasse auf dem Foto führte schnurgerade zur Piazza di San Giovanni. Rechts und links Bäume ohne Laub, eine halbhohe Mauer und dahinter der Horizont. Er lächelte matt.

«Infatti – tatsächlich! Die Via Merulana vor dem grossen Baufieber. Als ich in Rom ankam, war hier eine einzige riesige Baustelle.»

«Du hast gesehen, wie unser Haus gebaut wurde?», fragte Giacomo aufgeregt.

«Jaja!» Vor Cristoforos Auge balancierten Gerüstbauer in Schwindel erregenden Höhen ihre Holzlatten, Handwerker transportierten Baumaterial auf klapprigen Karren, und überall standen arbeitslose Taugenichtse und schaulustige Faulenzer herum. «Es war eine raue Zeit! Dreckig und ungemütlich! Ihr habt’s viel besser!» Vater schüttelte den Kopf, während ihm erklärt wurde, dass er das Foto in zwei Tagen abholen könne. Er war noch jung gewesen damals, und es hatte ihm nichts ausgemacht.

«So, kommt jetzt», rief Mutter von der Türschwelle.

Die Kleinen waren schon draussen. Sie bestiegen die Tramway. Dem Kontrolleur zahlten sie für den Rückweg fünfzehn centesimi pro Person.

XXVII

Alma war wütend. Missmutig packte sie Teller um Teller in Zeitungspapier ein. Nach Mutters Willen hätte sie all ihre Schulbücher und Schulhefte in Rom lassen sollen. Das kam nicht in Frage.

«Was willst du im Puschlav damit?»

«Lesen!»

«Alma, du kannst deine Bücher mitnehmen, aber die Schulsachen kommen weg.»

Alma verzog das Gesicht und packte eines der Kristallgläser auf dem Küchentisch, um es ebenfalls in eine Zeitung einzuwickeln.

«Halt, lass die Kristallgläser! Das mache ich. Nimm das Silberbesteck oder die Küchengeräte!»

«Dann nehme ich meine Bücher mit in den Zug!» Alma wollte sich nicht von Antonios meerblauem Buch trennen. Sie hatte erst die ersten Seiten gelesen und wollte wissen, wie es Regina, der Tochter aus dem kleinen Dorf im Veneto, mit dem frisch angetrauten Bräutigam bei ihrer Ankunft in Rom erging.

«Das geht doch nicht! Alma!»

Romeo brachte Tischtücher und legte sie mit dem nicht eingebundenen Arm auf den Tisch.

«Ach, wie mir graut vor dieser Zugfahrt!» Mutter presste eine Hand auf ihren Magen.

«Diamine!» Alma stellte das Glas auf den Tisch zurück und verliess die Küche.

Im Arbeitszimmer waren Kisten, Koffer und Körbe aufgetürmt. Nazzarenas Schlafplatz war fast zugebaut. Sie, deren Ordentlichkeitssinn ohnehin schon arg strapaziert wurde, wagte sich nun nachts kaum noch zu bewegen aus Angst, irgendetwas könnte auf sie hinunterstürzen.

Folco stapelte alle Spielsachen in eine Ecke.

«Und welche lässt du hier?», fragte ihn Alma.

Folco schaute sie mit grossen Augen an und schüttelte den Kopf. «Keine!»

«Hmm!» Alma lachte auf. Sie hörte zia Ludovicas Stimme aus der Küche.

Die Tante war gekommen, um anzugeben, was ihr Sohn übernehmen würde und was nicht. Clemente würde nach ihrer Abreise in die Wohnung einziehen. Seine Verlobte, die noch im Puschlav lebte, würde nachkommen, sobald sie geheiratet hätten. Mutter und zia Ludovica sprachen über die Unmengen von Gegenständen, die nützlichen und weniger nützlichen, die vergessenen und verloren geglaubten, den Staub und den Dreck, die zum Vorschein gekommen waren.

Nazzarena rief aus dem Esszimmer. Sie brauche Hilfe. «Ohimè!», entfuhr es ihr, als Alma ihr half, den schweren Teppich unter dem Tisch hervorzuholen, zusammenzurollen und wegzutragen. Nazzarena war einmal mehr kurz davor, in Tränen auszubrechen.

Die Arme, dachte Alma. Sie wollte nach Gavignano zurückkehren.

Nun versuchte Nazzarena, dem Abschiedsschmerz beizukommen, indem sie ohne Rücksicht auf die Haushaltskasse und mit den verbliebenen Küchenutensilien die Lieblingsspeisen der Kinder zubereitete: Reiskroketten, maccheroni mit Tomatensauce, Eierflöckchensuppe und Erbsen mit Thunfisch, Kirschkuchen und Ricotta-Eis.

Mit zittrigen Händen nahm Cristoforo das gerahmte Hochzeitsfoto von der Wand im Schlafzimmer und entschied sich, die Madonnenstatue hier zu lassen. Dafür sollten die Pendeluhr und das Kruzifix, der Globus, der Nussbaumtisch und der Sekretär aus dem salottino mitkommen. Ihm war schwindlig, er wollte schlafen, doch dafür war es viel zu laut. So flüchtete er sich, wie immer öfter in den letzten Tagen, wenn er keine Kraft zum Helfen mehr hatte, in eine der umliegenden Kirchen. Das Beten beruhigte ihn.

In diesen Tagen kamen die Freunde und Bekannten der Familie vorbei, um sich zu verabschieden. Alma lauschte den Gesprächen der Erwachsenen, hörte die gut gemeinten Ratschläge, mit denen sie die Sorge um Cristoforo überspielten, die Versprechen, dass sie sich bald einmal besuchen würden. In diesen Momenten packte Alma heftige Wehmut, und sie hielt die Tränen nur mit Mühe zurück.

An Allerheiligen ging sie mit der Familie zur Messe in San Giovanni in Laterano, zündete Kerzen an und betete um Schutz und Trost. An Allerseelen, als der Monsignore auf dem Friedhof die Gräber segnete, nahm die Familie Abschied von den Verstorbenen. Auch von Amelia und Alfredino. Als Alma vor den kleinen Gräbern ihrer Geschwister stand, spürte sie ein Reissen in ihrer Brust. Verstört und mit Tränen in den Augen starrte sie auf das schmiedeeiserne Kreuz auf Amelias Grab. Die Fragen, was Sterben bedeutete, was der Tod, waren zu gross für sie. Wo waren nur die Leichtigkeit und Zuversicht geblieben, die sie in der Kirche San Martino ai Monti nach dem Besuch beim Notar gespürt hatte? Gegen den jetzt aufwallenden Schmerz kam sie nicht an.

Sie wandte sich um. Neben ihr stand Romeo. Er nahm ihre Hand und drückte sie fest, während sie schweigend auf den Ausgang des Friedhofs zugingen. Zu Hause angekommen, bangte Alma einmal mehr, ob Antonio sich noch melden würde. Es dauerte nur noch eine Woche bis zu ihrer Abreise!

In der Wohnung stand nichts mehr an seinem Platz.

XXVIII

«Babbo, kommst du nicht mit?» Alma stand im abgedunkelten salottino.

Cristoforo winkte ab, sein Arm sank schlaff auf das Sofa zurück, seine Augen waren geschlossen. «Geht ihr!»

Mutter sah ihn besorgt an, legte ihre Hand, deren Haut vom vielen Packen und Putzen rau und rissig geworden war, an seine eingefallene Wange und zog behutsam die Wolldecke über ihn. So verliessen sie das Haus ohne den Vater, bogen in die Via Mecenate ein und machten sich zu ihrem allerletzten Sonntagsspaziergang in Rom auf. Die Herbstsonne schien mild vom blauen Himmel. Der Wind brachte die Blätter der Laubbäume zum Rascheln. Vögel zwitscherten. Alma erinnerte sich an die ottobrate, die fröhlichen Volksfeste, die nach den drückend heissen Sommermonaten gefeiert wurden. Jedes Mal war es ein aussergewöhnliches Ereignis gewesen, wenn die Familie in die römische Campagna hinausgefahren war und ausnahmsweise in einem Gasthaus gegessen hatte.

Schade, kommt ein solcher Ausflug in diesem Jahr nicht in Frage, bedauerte Alma. Sie spürte die Last der bevorstehenden Rückkehr wie einen zentnerschweren Stein auf ihrer Brust. Die Angst, für Vater könnte es schon zu spät sein, lähmte sie, und auch das Wissen, dass sich der Umzug nicht mehr vermeiden liess. Sie hatte geglaubt, durch das Gebet und die Gespräche genügend Kraft geschöpft zu haben. Doch nein, alles kam wieder hoch: Wut, Ohnmacht und Schmerz. Genauso heftig wie an dem Tag, als sie von Gavignano zurückgekehrt waren. Sie blickte auf, sah das Kolosseum am unteren Ende der Via Mecenate zwischen den dunkelgrünen Zypressen, den hohen Palmen und den Meerkiefern mit ihren in den Himmel strebenden Nadelwolken und spürte einen Stich in ihrem Herz – hier hatte sie Antonio getroffen!

Bis hierhin hatten alle geschwiegen. Aber jetzt rannten die Kleinen schreiend los, quer über das Feld. Unten ratterte die Tramway am Kolosseum vorbei, Kutschen fuhren auf und ab, die Hufe der Pferde klapperten auf den Pflastersteinen, ein Automobil brummte und holperte über den Platz. Einheimische spazierten auf den Strassen, fremdländische Touristen bewunderten das weltliche Wahrzeichen Roms. Nachmittags war das Monument ab drei Uhr geöffnet, sonntags war der Eintritt frei. Die Kleinen stürmten Stufe um Stufe hinauf, während Giacomo auf Mutter wartete, die keuchend die Treppen emporstieg.

Der Lieblingsplatz von Alma und Attilio war die zweistöckige Halle im vierten Stockwerk. Von hier aus sah man unter sich die verfallenen Tribünen und das Oval der Arena und ausserhalb des Amphitheaters die südlich gelegenen Hügel der Stadt. Auch die Pyramide in San Saba und die Wasserleitung, die auf den Monte Palatino zuführte, die Aqua Claudia.

Als sie zurückkehrten, durchfuhr es Alma wie ein Blitz: Strohhut, schwarze Locken. War das Antonio am Zeitungsstand von sor Augusto? Alma wurde es leicht ums Herz. Sie merkte, wie sie errötete. Sie grüsste und tat, als ob nichts wäre. Doch noch im Treppenhaus kehrte sie unter dem Vorwand, Rachele zu besuchen, um und eilte wieder nach unten.

«Ah, da ist die Liebste ja!», unterbrach sor Augusto das Gespräch mit Antonio, als sie den Kopf zum Haustor hinausstreckte.

Alma hob den Zeigefinger an den Mund.

«Was für ein geeigneter Zeitpunkt!», spöttelte er und gab Antonio einen Klaps auf die Schulter.

«Alma!» Antonio schaute sich um, nahm ihren Arm und zog sie ein Stück die Via Merulana hinunter, dann bogen sie in eine Seitenstrasse ein. «Haben Sie gehört? Der Flug über Bengasi, der erste Bombenabwurf? Wir haben Tripolitanien erobert! Wir werden bald die Herren über Ostafrika sein!» Antonio war ganz aufgeregt. «Wissen Sie, dort gibt es so viel fruchtbares Land. Unsere Leute werden nie mehr so weit weg wie nach Amerika auswandern müssen. Es wird neue Arbeitsplätze geben!» Er rückte seinen Strohhut zurecht.

Alma blickte ihn verständnislos an: Was interessierte sie Bengasi? «Pah, auswandern! Ich müsste die Stadt nicht verlassen, wenn meine Eltern keine Auswanderer wären», erwiderte sie ungehalten.

«Oh», er blickte sie aus seinen dunklen Augen an. Lange. Nachdenklich. «Sie wären nicht hier, wenn Ihre Eltern nicht ausgewandert wären!»

«Was nützt das, wenn ich trotzdem gehen muss?» Alma liess den Kopf hängen. «In drei Tagen brechen wir auf.»

Antonios Lächeln verschwand. «Ich hoffe, ich sehe Sie bald wieder!», gab er leise zurück.

Sie nickte, blieb stehen.

«Sie kommen ja bald zurück! Oder?» Seine Stimme tönte eindringlich.

«Ja, sicher!» Sie blickte in seine Augen und versuchte zu lächeln. Sie konnte ihre Tränen nicht verbergen. Sie schämte sich, das Lächeln geriet zur Grimasse. Sie schaute weg, strich mit der Hand über seinen Arm, nahm seine Finger, liess sie wieder los und kehrte um. Es war wieder da, das entsetzliche Reissen in ihrer Brust.

Am Tag darauf holten die Männer von Fratelli Gondrand Möbel und Hausrat, Kisten und Koffer zum Transport in die Schweiz ab. Folco musste sich von der Hälfte seiner Spielsachen trennen und Alma Antonios Buch den fremden Händen mitgeben. Zurück blieben weitgehend leere Räume.

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