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Patricia St. John

Spuren im Schnee

Impressum

Originaltitel: »Treasures of the Snow«

Erschienen bei: Scripture Union (Bibellesebund), London

© 1950 by Patricia St. John

Deutsch von Elisabeth I. Aebi

© 1952 der deutschsprachigen Ausgabe: Verlag Bibellesebund, Winterthur

27. Auflage 2018

© 2019 der E-Book-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

https://shop.bibellesebund.de/

Coverillustration: Jana Parel

Covergestaltung:Georg Design, Münster

ISBN 978-3-95568-322-1

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

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Inhalt

Titel

Impressum

Vorwort der Autorin

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Vorwort der Autorin

Als ich ein Kind von sieben Jahren war, lebte ich in der Schweiz.

Ich wohnte in einem Chalet in den Bergen, etwas oberhalb der Ortschaft, in der ich die Geschichte von Annette, Dani und Lukas spielen lasse. Auch ich fuhr, wie die Kinder in meiner Geschichte, im Mondschein mit dem Schlitten ins Dorf hinunter. Auch ich half im Sommer beim Heumachen. Ich begleitete die Kühe auf die Alm und schlief im Heuschober. Am Weihnachtsabend ging ich in die Dorfkirche und bestaunte den Christbaum mit seinen Apfelsinen und Lebkuchenbären. Auch ich wurde zum Arzt in die kleine Nachbarstadt gebracht. Mein kleiner Bruder fuhr im Karren des Milchmanns spazieren, gezogen von einem großen Bernhardinerhund. Und Schneeweißchen war mein eigenes Kätzchen.

Doch all das liegt viele Jahre zurück und ich bin seither nur noch als Gast in der Schweiz gewesen. Vieles hat sich inzwischen sehr verändert. So ist es heute gewiss undenkbar, dass ein Kind jahrelang der Schule fernbleibt. Auch ist das Gesundheitswesen verbessert worden und wahrscheinlich hat nun jede Ortschaft ihren eigenen Arzt – ich weiß es nicht.

Eines aber weiß ich gewiss: dass das kleine Schulhaus und die Kirche noch am selben Ort stehen; dass der Klang der Herdenglocken noch immer von allen Wiesen und Weiden herab zu hören ist; und dass in jedem neuen Frühling der Duft der Narzissenfelder das Tal erfüllt. Ich hoffe, dass die Kinder noch immer ihre Weihnachtslieder singen und dass sie ebenso große Freude an ihren Lebkuchenbären haben, wie ich sie damals hatte.

Ich habe den Namen des Dorfes absichtlich nicht genannt, denn einige Einzelheiten entsprechen nicht der Wirklichkeit. So gibt es z.B. keine Ortschaft in der Nähe, die nur auf dem Weg über den Pass erreicht werden könnte. Doch habe ich versucht, ein getreues Bild des Lebens, wie es sich hier abspielte, zu geben.

Solltest du einmal in diese Gegend kommen, so nimm in Montreux die elektrische Bergbahn und fahre bis zu einer kleinen Station, wo die Wiesen an den Bahnsteig grenzen und wo grüne, mit Chalets übersäte Hänge ringsum ansteigen.

Rechts vom Bahngleis neigt sich der Hang bis zum schäumenden, tosenden Fluss hinunter, an dessen jenseitigem Ufer der Berg wieder ansteigt. Und dort oben, zwischen einer steil abfallenden grünen Halde und einem spitzen Felsen, liegt der Pass. Wenn du überdies nicht weit vom Bahnhof entfernt das niedrige, weiße Schulhaus entdeckst und hinter einem kleinen Hügel die hölzerne Kirchturmspitze hervorgucken siehst, dann wisse: Das ist das Dorf, in dem diese Erzählung ihren Ursprung nahm.

Patricia St. John

1. Kapitel

Es war Weihnachtsabend. Drei Gestalten, deren Schatten sich im Mondlicht auf dem weißen Schnee abzeichneten, kletterten den steilen Bergpfad hinauf. Eine Frau in einem langen, weiten Rock und mit einem schwarzen Schal über den Schultern hielt einen dunkelhaarigen, etwa sechsjährigen Jungen an der Hand, der mit vollem Mund unaufhörlich vor sich hin schmatzte. Neben den beiden, die Augen zu den Sternen erhoben, stapfte ein etwa siebenjähriges Mädchen. Es hielt die Hände über der Brust gekreuzt und drückte einen honigfarbenen Lebkuchenbären mit weißen Zuckeraugen fest an sein Herz.

Der kleine Junge hatte auch einen solchen Bären gehabt. Aber der war bereits verzehrt. Bloß die Hinterbeine waren übrig geblieben! Der Junge warf einen verschmitzten Blick auf das Mädchen. »Meiner war größer als deiner«, erklärte er.

»Ich möchte nicht tauschen«, erwiderte die Kleine ruhig und ohne den Kopf zu wenden. Zärtlich blickte sie auf den prächtigen Bären in ihrer Hand. Wie süß er roch und wie er im Mondschein glänzte! Nie, nie wollte sie ihn anbeißen! Achtzig Dorfkinder hatten heute einen Lebkuchenbären erhalten, aber ihrer war bestimmt der allerschönste!

Ja, sie wollte ihn als Andenken aufbewahren. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, würde er sie an diesen Weihnachtsabend erinnern: an den kalten, dunkelblauen Himmel, an den warmen Schein der festlich erhellten Kirche, an den mit Silbersternen geschmückten Baum, an die Lieder, die Krippe und die schöne, traurige Weihnachtsgeschichte. Es kamen ihr fast die Tränen, wenn sie an die Herberge dachte, in der es keinen Raum fürs Christkind gab. Sie hätte ihre Tür weit aufgemacht und die müden Reisenden freudig aufgenommen!

Lukas, der Junge, ärgerte sich über ihre Schweigsamkeit. »Ich habe meinen fast aufgegessen«, schmollte er; »lass mich deinen probieren, Annette, du hast ihn ja noch nicht einmal angefangen!«

Doch Annette schüttelte den Kopf und drückte ihren Bären fester an sich. »Ich werde ihn nie aufessen«, sagte sie. »Ich will ihn immer und ewig behalten.«

Inzwischen waren die drei bei einer Stelle angekommen, wo der Weg mit seinen Schlittenspuren sich teilte. Der Pfad zur Rechten führte zu einer Gruppe von Chalets mit hell erleuchteten Fenstern. Dahinter standen dunkle Ställe und Scheunen. Annette war beinahe zu Hause.

Frau Matter schien zu zögern. »Können wir dich allein heimgehen lassen, Annette?«, fragte sie. »Oder sollen wir dich bis vor die Haustür begleiten?«

»O nein, ich gehe lieber allein«, erwiderte Annette. »Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben. Gute Nacht, Frau Matter, gute Nacht, Lukas!«

Und damit eilte sie davon. Hoffentlich überlegte Frau Matter es sich nicht anders und bestand darauf, sie heimzubegleiten, wo sie doch so sehnlich wünschte, allein zu sein! Sie wartete ja nur darauf, Lukas’ Geschwätz loszuwerden. Wie sollte sie nachdenken und die Sterne betrachten können, solange sie Frau Matter und Lukas höfliche Antworten geben musste?

Annette war nie zuvor bei Nacht allein draußen gewesen, und auch heute geschah es nur durch eine Art Zufall. Sie hätte mit Vater und Mutter auf dem Schlitten zur Kirche fahren sollen. Seit Wochen hatten sie davon gesprochen und sich darauf gefreut. An diesem Morgen aber war Mutter plötzlich erkrankt und Vater war mit dem Mittagszug in die Stadt hinuntergefahren, um einen Arzt zu holen. Dieser war etwa um vier Uhr gekommen, aber er hatte Mutter nicht rechtzeitig gesund machen können, um zur Kirche zu gehen, wie Annette gehofft hatte. So hatte sie zu ihrer großen Enttäuschung stattdessen mit Frau Matter gehen müssen, deren Chalet etwas weiter oben am Berg stand. Als sie dann aber die Kirche betreten hatten, war es dort so wunderschön gewesen, dass Annette alles Übrige vergessen hatte.

Noch hielt der Zauber dieses Abends an. Und als sie nun ganz allein im Schnee unter den Sternen stand, schien es ihr jammerschade, sogleich ins Haus zu gehen und den Zauber zu brechen. Am Fuß der Treppe, die zum Balkon und zur Wohnstube hinaufführte, blieb Annette stehen und schaute sich um. Gegenüber war der Kuhstall; sie konnte hören, wie die Tiere sich bewegten und Heu aus der Krippe fraßen. Da kam ihr ein großartiger Gedanke. Sie sprang über die Schlittenspuren hinweg und hob den Riegel der Stalltür. Ein heimeliger, warmer Geruch von Vieh, Milch und Heu umfing sie. Sie schlängelte sich an den Beinen einer braunen Kuh vorbei und kletterte auf die Krippe. Die Kuh war eifrig mit Fressen beschäftigt. Annette schlang die Arme um ihren Hals und ließ sie ruhig weiterkauen. Genauso musste es gewesen sein, als Maria mit ihrem neugeborenen Kindlein in den Armen bei den Tieren saß!

Annette schaute auf die Krippe hinab und ihrer angeregten Phantasie kam es vor, als läge das himmlische Kind auf dem Heu und die Kühe ständen still und andächtig rundherum. Durch eine Lücke im Dach konnte sie einen einzelnen funkelnden Stern erblicken und sie musste daran denken, wie der Stern über Bethlehem gestanden und die Weisen zur Stätte geführt hatte, wo das Jesuskind lag. Sie konnte sich gut vorstellen, wie die Weisen auf ihren schaukelnden Kamelen das Tal heraufgeritten kamen. Und jetzt würde wohl jeden Augenblick die Tür aufgehen und die Hirten kämen hereingeschlüpft, kleine Lämmer auf den Armen, und würden das Kind mit weichen Schaffellen zudecken wollen! Tiefes Mitgefühl ergriff Annette beim Gedanken an das heimatlose Kindlein, dem alle Türen verschlossen geblieben waren.

»In unserem Chalet wäre Platz genug gewesen«, murmelte sie. »Und doch: Hier ist’s wohl am allerschönsten. Das Heu ist sauber und weich und der Atem der Braunen warm und gut. Gott hat doch die beste Wiege für sein Kind gewählt! «

Wer weiß, ob Annette nicht in dieser Weise die halbe Nacht verträumt hätte, wäre nicht plötzlich der Schein einer Laterne durch die angelehnte Tür gedrungen, während gleichzeitig feste Schritte über den knirschenden Schnee kamen. Dann hörte Annette ihren Vater rufen. Sie glitt von der Krippe herunter, wich geschickt dem Schwanz der Braunen aus und lief mit ausgebreiteten Armen auf ihren Vater zu.

»Ich wollte den Kühen einen Weihnachtsbesuch machen«, lachte sie. »Hast du mich gesucht?«

»Ja«, erwiderte der Vater. Aber er lachte nicht. Sein Gesicht war bleich und ernst. Er fasste Annette bei der Hand und zog sie die Treppe hinauf. »Du hättest sofort heimkommen sollen, wo doch Mutter so krank ist«, sagte er. »Sie fragt seit einer halben Stunde beständig nach dir.«

Annettes Herz begann heftig zu schlagen. Wie hatte sie nur ihre geliebte Mutter vergessen können! Sie machte sich von der Hand ihres Vaters los und eilte schuldbewusst die hölzerne Treppe hinauf.

Weder der Arzt noch die Gemeindeschwester bemerkten sie, bis sie nahe am Bett der Kranken stand, denn sie war ein kleines, leichtfüßiges Ding, das sich lautlos wie ein Schatten bewegen konnte. Aber die Mutter erblickte sie sogleich und streckte mühsam die Arme nach ihr aus. Wortlos rannte Annette hinzu und legte das Gesicht an Mutters Schulter. Sie begann leise zu weinen, denn Mutters Gesicht erschreckte sie: Es war beinahe so weiß wie das Kissen. Wie leid tat es ihr nun, dass sie so lange weggeblieben war!

»Annette«, flüsterte die Mutter, »hör auf zu weinen. Ich habe ein Geschenk für dich.«

Annette war sofort still. Ein Geschenk? Natürlich, es war ja Weihnachten. Da gab ihr die Mutter immer ein Geschenk. Was mochte es wohl sein? Erwartungsvoll blickte sie um sich.

Die Mutter wandte sich an die Gemeindeschwester. »Geben Sie es ihr«, flüsterte sie.

Da schlug die Schwester die Decke zurück und zog ein Bündel hervor, das in ein weißes Wolltuch eingewickelt war. Sie trat zu Annette und hielt es ihr entgegen.

»Dein Brüderchen«, erklärte sie. »Komm, wir wollen es unten beim Feuer in die Wiege legen, dann darfst du es schaukeln. Wir müssen deine Mutter jetzt schlafen lassen. Sag ihr ›Gute Nacht‹.«

»Dein Brüderchen«, wiederholte Mutters matte Stimme.

»Es gehört zu dir, Annette. Zieh es auf und hab es lieb und sorge gut für es – an meiner Stelle. Ich vertraue es dir an.«

Die Stimme versagte ihr und sie schloss die Augen.

Annette war wie betäubt und folgte willenlos der Schwester. Sie setzte sich auf einen Schemel ans Herdfeuer, vor sich die Wiege, in der ihr Weihnachtsgeschenk lag.

Lange saß sie regungslos und schaute unverwandt auf das Bündel herab, das ihr Brüderchen sein sollte. Der Schnee warf ein seltsames Licht auf die Wände und der Widerschein der glühenden Holzstücke tanzte an der Zimmerdecke. Es war sehr still im Haus und dort, ja dort schien der Weihnachtsstern durchs Fenster herein! So hatte er im Stall von Bethlehem auf jenes andere Kind herabgeschienen. Und so wie sie, Annette, hier am Feuer saß und über ihren Bruder wachte, so hatte Maria dagesessen und über Gottes kleinen Sohn gewacht.

Mit ehrfürchtigen Fingern berührte Annette den samtigen kleinen Haarschopf. Dann legte sie mit einem müden Seufzer den Kopf auf die Decke und ließ ihre Gedanken wandern, wohin sie wollten: Sterne, Herden, neugeborene Kindlein, verschlossene Türen, weise Männer und Lebkuchenbären – hinter ihrer Stirn gerieten sie alle durcheinander, und sie selbst glitt allmählich zu Boden.

Hier fand sie ihr Vater eine Stunde später, friedlich schlafend wie ihr Brüderlein, den blonden Kopf an die Wiege gelehnt.

»Arme mutterlose Kinder«, klagte er, während er sich bückte und seine kleine Tochter in die Arme nahm, »wie soll ich euch bloß aufziehen ohne sie?«

Denn Gott hatte Annettes Mutter zu sich gerufen; sie durfte Weihnachten mit den Engeln feiern.

2. Kapitel

So kam es, dass der kleine Daniel Brunner schon drei Stunden nach seiner Geburt nicht wie andere Kinder eine erwachsene Frau zur Mutter hatte, sondern seine siebenjährige Schwester Annette. Zwar blieb die freundliche Gemeindeschwester noch eine Zeit lang im Haus, um den Kleinen zu versorgen, und als sie ging, stellte der Vater eine Frau aus dem Dorf an, um ihn zu pflegen. Aber er gehörte zu Annette und niemand nannte ihn je anders als »Annettes Kleiner«.

Als nämlich der erste große Schmerz vorüber war, holte Annette aus der Tiefe ihres einsamen, traurigen Herzens den ganzen Reichtum ihrer Liebe herauf und schüttete ihn über ihren kleinen Bruder aus. Sie hielt ihm das Fläschchen, wenn er trank, und saß stundenlang neben seiner Wiege, für den Fall, dass er aufwachen und nach ihr verlangen möchte. Sie war es, die nachts zu ihm lief, wenn er aufwachte oder im Schlaf wimmerte. Sie war es, die ihn um die Mittagszeit auf den Balkon hinaustrug. Und in dieser Atmosphäre sonniger Liebe gedieh der Kleine, sodass bald im ganzen Tal kein fröhlicheres, kräftigeres Kind zu finden war. Er schlief und erwachte und lachte und aß und strampelte und schlief wieder ein. Er verursachte nie auch nur einen Augenblick der Sorge.

»Er ist unter einem guten Stern geboren«, behauptete die Frau vom Dorf und betrachtete ihn gedankenvoll.

»Er ist unter einem Weihnachtsstern geboren«, erwiderte Annette ernsthaft. »Ich glaube, er wird immer zufrieden und glücklich sein.«

Und wie er wuchs! Als die Sonne die Schneemassen zu schmelzen begann und in den gelblichen Wiesen die Krokusse ans Licht lockte, musste er größere Kleider haben. Und gleich, nachdem die Kühe zur Alm hinaufgezogen waren, brach sein erstes Zähnchen durch. Da Annette nichts von ersten Zähnen wusste und keine Beschwerden erwartete, vergaß der Kleine selbst, dass es eine beschwerliche Sache sein sollte. Anstatt zu jammern und zu schreien, kicherte und lachte er und lutschte an seiner Faust.

Als dann die Buchenblätter wie goldene Fackeln unter den dunklen Tannen leuchteten und die ersten Herbststürme über die Berge fegten, wurde die Wiege zu klein für Dani, der nun auf dem Boden herumzurutschen begann. Vom Ofen bis zur Balkontreppe wollte er alles erforschen, sodass Annette einige aufregende Wochen erlebte und ihn aus allen möglichen Gefahren erretten musste. Schließlich fand sie, sie könne die Spannung nicht länger ertragen, und band ihm den einen rosigen Fuß am Küchentisch fest. Nun konnte er im Kreis herum Entdeckungsreisen unternehmen und das Leben wurde wieder ruhiger.

Eines Abends, nachdem sie Dani zu Bett gebracht hatte, kam Annette in die Wohnstube herunter und fand ihren Vater beim Ofen sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Er sah alt und müde aus. Das war zwar öfter der Fall, seit Mutter gestorben war; aber heute sah er noch schlechter aus als sonst. Annette, die sich alle Mühe gab, die Lücke auszufüllen, die ihre Mutter hinterlassen hatte, kletterte auf seine Knie und legte ihre weiche Wange an die knochige, braune ihres Vaters.

»Was ist los, Papa?«, fragte sie. »Bist du heute besonders müde? Soll ich dir eine Tasse Kaffee kochen?«

Forschend blickte der Vater auf seine Tochter herab. Sie sah so klein und zierlich aus wie eine Elfe mit goldenem Haar. Und dabei war sie so vernünftig und mütterlich! Er wusste nicht, wie es gekommen war, aber im vergangenen Jahr hatte er es sich angewöhnt, seine Schwierigkeiten mit ihr zu teilen und sich sogar ihre ernsthaften Ratschläge anzuhören. So drückte er jetzt ihren Kopf an seine Schulter und erzählte ihr alles.

»Wir werden eine Kuh verkaufen müssen, Annette«, erklärte er traurig. »Wir müssen mehr Geld haben, sonst gibt’s keine Winterschuhe für dich.«

Annette hob den Kopf und starrte ihn entsetzt an. Sie hatten bloß sechs Kühe und an jeder einzelnen hingen sie wie an einem persönlichen Freund. Welche auch gehen müsste, sie würde ihnen schrecklich fehlen. Nein, sie musste einen besseren Weg ausfindig machen, um Geld zu verdienen!

»Schau«, fuhr der Vater fort, »in anderen Familien ist eine Mutter da, um für die Kinder zu sorgen; ich aber muss eine Hilfe bezahlen, um Dani zu pflegen. Das ist teuer. Und doch muss jemand ihn versorgen, den armen kleinen Kerl.«

Da richtete sich Annette sehr gerade auf und warf energisch die Zöpfe zurück. Sie sah ihren Weg ganz klar vor sich. Nun musste sie nur ihren Vater dazu bringen, ihn auch zu sehen.

»Papa«, sagte sie langsam und deutlich, »du brauchst Frau Hauser nicht mehr. Ich bin jetzt achteinhalb und ich kann Dani ebenso gut versorgen wie irgendwer. Mir brauchst du keinen Rappen zu zahlen und dann können wir die Kühe behalten. Denk doch, Papa, wie traurig sie wären, wenn sie von uns wegmüssten! Ich glaube wahrhaftig, Bless würde weinen.«

»Aber du musst doch zur Schule«, widersprach der Vater. »Es wäre nicht recht, dich zu Hause zu behalten. Und überhaupt, es ist gegen das Gesetz. Der Lehrer würde fragen, warum du nicht kommst, er müsste es der Schulbehörde melden, und was dann?«

»Es ist aber viel wichtiger, für Dani zu sorgen«, entgegnete Annette und runzelte die Stirn. »Wenn du es dem Lehrer erklärst, begreift er das sicher. Er ist ein freundlicher Mann und sogar ein Schulfreund von dir. Wir wollen es doch versuchen und sehen, wie’s geht. Weißt du, Papa, ich mache dann jeden Morgen Schularbeiten und Dani kann währenddessen am Boden spielen. Es ist ja bloß für vier Jahre! Wenn Dani fünf ist, kann er in den Kindergarten; dann nehme ich ihn mit ins Dorf hinunter und gehe selber wieder zur Schule.«

Der Vater schaute sie immer noch gedankenvoll an. Es war schon so: Sie verstand es ebenso gut wie eine Frau, mit dem Kind umzugehen, und im Haushalt war sie wunderbar geschickt. Aber sie konnte trotzdem noch nicht kochen und Strümpfe stricken oder schwere Arbeiten verrichten und außerdem sollte sie doch einigermaßen unterrichtet werden. Ganze fünf Minuten saß der Vater schweigend da. Dann kam ihm ein rettender Einfall.

»Ich frage mich, ob Großmutter wohl zu uns käme?«, sagte er. »Sie ist alt und leidet an Rheuma, auch sieht sie nicht mehr gut. Aber sie könnte vielleicht das Kochen und Flicken übernehmen und dir am Abend bei den Schularbeiten helfen. Sie würde dir auch Gesellschaft leisten, wenn ich auf der Alm bin. Du bist zu jung, um den ganzen Tag allein zu bleiben. Vielleicht behält der Lehrer die Sache für sich, wenn ich ihm schreibe, dass die Großmutter dich unterrichtet, so gut sie kann. Vielleicht kannst du auch ein Jahr oder zwei eher wieder zur Schule, wenn die Großmutter hier ist. Dani wird doch mit der Zeit auch vernünftiger!«

Behände rutschte Annette von den Knien ihres Vaters herunter und holte zwei Bogen Schreibpapier, Feder und Tinte aus dem Schrank.

»Schreib den beiden gleich!«, bat sie. »Ich werfe die Briefe morgen früh ein, wenn ich Brot holen gehe. Dann haben wir die Antwort ganz schnell.«

Annette sollte recht behalten: Schon in den nächsten Tagen erhielten sie Antwort auf beide Briefe. Die erste Antwort kam in Gestalt der Großmutter, die mit der Eisenbahn anreiste, begleitet von einer hölzernen Truhe, die zur Sicherheit fest mit einem Strick umwickelt war. Da sie einen Tag vorher ihre Ankunft angekündigt hatte, ging Annette zum Bahnhof, um sie abzuholen. Sie sah zu, wie die kleine elektrische Bahn zwischen den Heuwiesen das Tal heraufkroch. Der Zug hatte ziemlich Verspätung und der Zugführer erklärte ärgerlich, eine Kuh sei daran schuld, denn sie habe sich aufs Gleis verlaufen. Deshalb fuhr er nun so schnell wieder ab, dass die arme Großmutter, gebeugt und verkrüppelt, wie sie war, kaum Zeit hatte auszusteigen. Ihre Truhe wurde unsanft auf den Bahnsteig gestellt, als der Zug schon wieder in Bewegung war.

Großmutter jedoch regte sich nicht auf. Sie lehnte sich schwer auf ihren Stock. Wie sollte sie auf den Berg hinaufkommen? Annette, die nichts von Rheuma wusste, schlug vor, dass sie gehen sollten. Aber die Großmutter sagte bloß: »Unsinn, Kind!«

Schließlich nahm ein Fuhrwerk sie mit. Der Fuhrmann hatte Käse zur Bahn gebracht und fuhr nun wieder bergauf. Die Straße war holperig, die Räder aus Holz, und das Maultier hatte einen unregelmäßigen Gang. Es war deshalb kein Wunder, dass die Großmutter die Fahrt viel weniger genoss als ihre Enkelin. Aber die alte Frau biss die Zähne zusammen und ließ keine Klage laut werden. Erst als sie sicher in der Sofaecke beim Ofen saß, ein Kissen im schmerzenden Rücken, und Annette geschäftig umherlief, um ihr eine Tasse Kaffee zuzubereiten, da stieß die gute Großmutter einen einzigen, langen Seufzer der Erleichterung aus.

Unter dem Tisch hervor guckte Dani, der wie immer auf dem Boden herumrutschte. Er streckte zwei Finger in den Mund und strahlte die Großmutter an, die ihre Brille aufsetzte, um ihn besser betrachten zu können. Ein paar Augenblicke lang musterten sie sich gegenseitig, die trüben alten Augen und die vergissmeinnichtblauen, dann warf Dani den Kopf zurück und lachte.

»Das Kind scheuert seinen Hosenboden durch«, stellte die Großmutter fest und nahm sich Brot, Butter und Kirschenmarmelade. »Es sollte krabbeln lernen.«

Sie sagte nichts mehr, bis sie ihre Mahlzeit beendet hatte. Dann schüttelte sie die Krümel von ihrem schwarzen Kleid und erhob sich, indem sie sich mühsam auf ihren Stock stützte.

»So«, sprach sie, »da wäre ich also. Was ich tun kann, das will ich tun. Was ich nicht schaffe, musst du tun, Annette. Komm, dreh den Kleinen auf die richtige Seite und zeig mir die Küche.«

Von diesem Augenblick an tat Großmutter, was sie konnte, Annette tat das Übrige, und alles lief wie am Schnürchen. Nur Dani kümmerte sich nicht um Großmutters Ansicht: Er rutschte quietschvergnügt weiter auf seinem Hosenboden rings um das Tischbein herum. Nach ein paar Tagen musste Annette deshalb zum Krämerladen laufen und einen halben Meter dicken schwarzen Filz kaufen. Davon setzte Großmutter große runde Flicken auf Danis sämtliche Hosen. Es sah ein bisschen ungewöhnlich aus, aber der Zweck war erfüllt. Schließlich waren ja die Hosenböden nicht oft sichtbar, denn sie waren meistens unten.

Die zweite Antwort kam in Gestalt des Dorfschullehrers, der sich an einem Samstagnachmittag vom Tal heraufbemühte, um mit Vater Brunner zu sprechen. Dieser war eben mit Melken beschäftigt, als er durchs Stallfenster den Lehrer kommen sah. Er eilte unverzüglich zur Hintertür hinaus und versteckte sich auf dem Heuboden. Er war kein redegewandter Mann und fürchtete, bei der unvermeidlichen Auseinandersetzung den Kürzeren zu ziehen. Annette, die gerade in diesem Augenblick zum Stubenfenster hinausschaute, sah die Beine ihres Vaters oben auf der Leiter verschwinden, als der Lehrer um die Ecke bog. Da wusste sie genau, was man von ihr erwartete.

Sie öffnete die Tür, bat den Lehrer einzutreten und bot ihm höflich den besten Stuhl an. Der Lehrer mochte Annette sehr gern und sie ihn, aber heute waren sie beide ein wenig scheu voreinander. Großmutter faltete die Hände und richtete sich auf wie ein altes Schlachtross, das den Kampf wittert.

»Ich bin gekommen, um mit deinem Vater zu sprechen«, begann der Lehrer und hustete nervös. »Es ist wegen des Briefes über dein Wegbleiben von der Schule. Ich muss sagen, ich finde es nicht richtig für ein Kind in deinem Alter. Und überhaupt, es ist gegen das Gesetz!«

»Die Hüter des Gesetzes werden nichts über Annette hören, wenn Sie es ihnen nicht zu Ohren bringen«, unterbrach die Großmutter. »Außerdem werde ich das Kind selbst unterrichten. Es darf doch nicht sein, dass ein kleines Kind in Danis Alter ohne die Aufsicht seiner Schwester bleibt!«

»Können Sie denn nicht nach ihm sehen?«, schlug der Lehrer freundlich vor.

»Nein, wahrhaftig nicht! Meine Augen sind so schlecht, dass ich nicht sehe, wo er hingeht, und meine Arme so rheumatisch, dass ich ihn nicht aufheben kann, wenn er umfällt. Und übrigens: Er saust ja drauflos wie ein Eilzug, ich aber bin fast achtzig Jahre alt. Sie wissen nicht, was Sie sagen!«

Der Lehrer schaute nachdenklich auf Dani herab, der mit dem Gesicht nach unten im Holzstoß lag und Holzspäne knabberte. Außer den schwarzen Filzflicken und zwei rundlichen braunen Beinen war nicht viel von ihm zu sehen.

Der arme Lehrer befand sich in ziemlicher Verlegenheit. Ob sein alter Freund vernünftiger wäre? Er wandte sich an Annette und fragte: »Wann wird dein Vater zurück sein?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Annette. »Er kommt wahrscheinlich eine ganze Weile nicht zurück. Es lohnt sich bestimmt nicht zu warten, Herr Lehrer.« Sie wusste wohl: Ihr Vater würde sich erst im Haus zeigen, wenn der Schulmeister um die Wegbiegung verschwunden war.

Nachdenklich saß der Lehrer da. Er war ein guter Mensch, der sich aufrichtig um Annette und seine Pflichten ihr gegenüber kümmerte. Aber er wollte seinen alten Freund gern davor bewahren, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, zumal das Kind ganz offensichtlich zu Hause nötig war. Endlich fiel ihm eine Lösung ein. Es war zwar keine besonders gute, aber sie war besser als gar keine.

»Ich will die Sache auf sich beruhen lassen«, sagte er, »jedoch unter einer Bedingung: Jeden Samstagnachmittag, wenn Annette ins Dorf herunterkommt, um einzukaufen, soll sie mich zu Hause aufsuchen und ich werde sie prüfen. Finde ich, dass sie Fortschritte macht, so will ich schweigen, stelle ich aber fest, dass sie nichts lernt, so muss ich darauf bestehen, dass sie zur Schule kommt wie alle übrigen Kinder.«

Er gab sich Mühe, streng aufzutreten. Aber Annette strahlte ihn an und Dani, der wohl spürte, dass ein Familiensieg in der Luft lag, richtete sich plötzlich in die Höhe und krähte wie ein Hahn. Der Lehrer betrachtete die beiden mutterlosen Kinder, lächelte liebevoll und verabschiedete sich. Und kaum war er außer Sehweite, rannte Annette zur Tür und rief ihren Vater vom Heuboden herab, damit er die allgemeine Freude teilen könnte.

So kam es, dass Annette jeden Samstag an die Tür des großen weißen Hauses klopfte, in dem der Lehrer wohnte. Auf dem Rücken trug sie den großen Tragkorb und in der Hand ein altes Schulbuch und immer empfing sie der Lehrer mit großer Freundlichkeit. Im Winter saßen sie am warmen Ofen und verspeisten Apfelkuchen mit heißer Schokolade und im Sommer setzten sie sich auf den Balkon und aßen Kirschen oder tranken süßen Saft. Danach begann die Prüfung.

Zuerst kam stets das Rechnen an die Reihe. Aber Annette war in diesem Fach nicht besonders gut, und weil sie nur selten die Antworten wusste, fand der Lehrer jedes Mal nach einigen Minuten, dass es bloß Zeitverschwendung sei, weiterzufragen, und sie gingen zur Geschichte über. Da brauchte Annette nicht ausgefragt zu werden! Sie beugte sich vor, faltete die Hände um ihre Knie und erzählte: wie Wilhelm Tell für die Freiheit der Schweiz gekämpft hatte und wie sein mutiger kleiner Junge ruhig dastand, als der Apfel auf seinem Kopf von dem sausenden Pfeil getroffen wurde. Sie berichtete von dem tapferen Gefangenen in Schloss Chillon am See unten, der so lange in seinem Verlies auf- und abgegangen war, dass die harten Pflastersteine des Fußbodens von seinen Schritten abgenutzt wurden. Auch von den Kämpfen der Kantone wusste sie zu berichten.

Und dann erzählte sie die Legende von der lieblichen Lucy, die ihre Kühe auf die Weide getrieben hatte und vom Schlossherrn von Gruyere entführt wurde. In ihrem steinernen Kerker verzehrte sie sich in Sehnsucht nach den Wäldern, Weiden und Bergen ihrer Heimat, bis sie schließlich an einem gebrochenen Herzen starb.

Darauf wiederholten sie die Geschichte der Waldenser Märtyrer, die um ihres Glaubens willen verfolgt wurden und Psalmen singend in den Tod gingen. Ihre Körper wurden in den Abgrund hinabgestürzt, aber ihr Glaube und ihre Liebe lebten weiter und ihr Geist entfloh zu ihrem Gott. Annette und ihr Lehrer blickten sich jeweils mit leuchtenden Augen an, denn sie hielten beide große Stücke auf Mut und Beherztheit. Und schließlich gingen sie zur biblischen Geschichte über. Annette hatte die Bibel schon recht gut kennengelernt, seit sie der Großmutter jeden Abend daraus vorlesen musste.

Wenn sie so weit gekommen waren, hatte der Lehrer regelmäßig vergessen, dass er Annette für ihren Mangel an Eifer im Rechnen tadeln wollte. Stattdessen gab er ihr neue Bücher zu lesen und steckte ihr heimlich allerlei Backwerk in den Korb. Dann nahmen sie sehr herzlich Abschied voneinander und er blieb an der Haustür stehen und sah ihr nach, bis sie den Waldrand erreichte. Dort drehte sie sich nämlich jedes Mal um und winkte nochmals zurück.

Vor Jahren hatte dieser Lehrer eine blonde junge Frau lieb gehabt, die hoch oben am Berg wohnte. Für sie hatte er sein weißes Haus gekauft und es wohnlich eingerichtet. Aber sie war Blumen pflücken gegangen und eine unerwartete, späte Lawine hatte sie mit in die Tiefe gerissen. Seitdem war der Lehrer einsam geblieben. In seinen Träumen aber war »sie« immer bei ihm und auch ein Töchterchen mit weizengelben Flechten und enzianblauen Augen, das auf einem Schemel zu seinen Füßen saß. Dieser Teil seines Traumes wurde nun an den Samstagnachmittagen Wirklichkeit.

3. Kapitel

Fünf Jahre waren vergangen. Wieder schrieb man den 24. Dezember. Der Tag war bedeutungsvoll gewesen für Dani, der heute fünf Jahre alt geworden war, denn zum ersten Mal in seinem Leben hatte man ihn für groß genug gehalten, um mit Annette zur Kirche zu fahren und den Christbaum zu sehen.

Jetzt saß er in seinem Bett und löffelte ein Schüsselchen Kartoffelsuppe. Sein blonder Haarschopf reichte nur knapp über sein weißes Federbett hinaus, das fast ebenso hoch wie breit war. Annette saß neben ihm, einen glänzenden Lebkuchenbären in der Hand.

»Tut mir leid, Dani«, erklärte sie bestimmt, »aber du kannst ihn unmöglich bei dir im Bett behalten. Am Morgen hättest du bloß noch Krümel und keinen Bären mehr. Schau, ich stelle ihn hier auf den Schrank; so scheint der Mond darauf und du kannst ihn gut sehen!«

Dani öffnete den Mund zum Widerspruch, überlegte es sich dann aber anders und füllte ihn mit Kartoffelsuppe. Es war nicht nett von seiner Schwester, dass sie ihm nicht erlaubte, den Bären die ganze Nacht in den Armen zu halten. Aber schließlich gab es eine Menge anderer Dinge, über die er sich freuen konnte. Dani war immer glücklich; vom Augenblick an, da er morgens die Augen aufschlug, bis zum Augenblick, wo er sie abends schloss. Heute war er ganz besonders glücklich, weil er die Glocken gehört und den glitzernden Christbaum gesehen hatte und beim Licht der Sterne draußen im Schnee gewesen war. Er reichte Annette die leere Schale und schlüpfte mit Wohlbehagen unter seine warme Decke.

»Glaubst du«, fragte er vertraulich, »dass der Weihnachtsmann kommt, wenn ich einen Pantoffel aufs Fensterbrett lege?«

Annette schaute ihn überrascht an. Woher kamen ihm solche Gedanken? Sie hatte ihm nie vom Weihnachtsmann erzählt, den sie selbst nur aus Büchern kannte. In ihrem Bergtal hatte man diesen Brauch nicht. Doch Dani fuhr fort: »Sie sagen, dass er auf einem Schlitten kommt, den ein Rentier zieht, und dass er den braven Kindern Geschenke in die Pantoffeln steckt. Bin ich ein braves Kind, Annette?«

»Ja«, erwiderte Annette und küsste ihn, »das bist du. Aber du bekommst trotzdem kein Geschenk vom Weihnachtsmann. Der geht bloß zu reichen kleinen Jungen.«

»Bin ich kein reicher kleiner Junge?«, fragte Dani, dem es nicht so schien, als ob das Leben irgendetwas zu wünschen übrig ließe.

»Nein«, entgegnete Annette bestimmt, »das bist du nicht. Wir sind arm, Papa muss hart arbeiten und Großmutter und ich müssen deine Kleider immer und immer wieder flicken, weil wir keine neuen kaufen können.«

Dani kicherte. »Es ist mir egal, dass wir arm sind. Es gefällt mir. Und jetzt erzähl mir eine Geschichte, Annette. Erzähl mir von Weihnachten und vom Kindlein und den Kühen und dem großen, funkelnden Stern.«

Da erzählte Annette, und Dani hörte mit weit geöffneten Augen zu.

»Mir hätte es besser gefallen, im Heu zu schlafen als in der Herberge«, sagte er, als sie fertig war. »Ich möchte gern mit Bless schlafen. Das wäre doch lustig.«

Annette schüttelte den Kopf. »Nein, nein, das würde dir gar nicht gefallen, wenigstens nicht im Winter ohne Federbett. Du würdest frieren und unglücklich sein und dich nach deinem warmen Bett sehnen. Es war grausam von den Leuten, dass sie dem neugeborenen Kindlein keinen Platz geben wollten. Sie hätten bestimmt irgendwie Platz machen können.«

Die Kuckucksuhr im Treppenhaus schlug neunmal. Annette sprang auf.

»Jetzt musst du aber einschlafen, Dani, und ich muss hinunter und Kaffee kochen für Papa.«

Sie umarmte ihn, deckte ihn gut zu, machte das Licht aus und ließ ihn allein. Aber Dani schlief nicht ein. Er starrte in die Dunkelheit und dachte angestrengt nach.

Er war kein gieriger Junge, aber es schien ihm jammerschade, nicht bereit zu sein für den Fall, dass der Weihnachtsmann doch an ihrem Haus vorbeikäme. Wohl war er ein armes Kind, aber wer weiß? Vielleicht kam der Weihnachtsmann trotzdem? Und schließlich konnte es nicht schaden, einen kleinen Pantoffel hinzustellen, auch wenn am Morgen nichts drin wäre. Die Frage war, wohin! Er konnte ihn nicht aufs Fensterbrett legen, weil er die schweren Fensterläden nicht allein aufbekam. Er konnte ihn nicht vor die Haustür legen, weil die ganze Familie noch in der Wohnstube versammelt war. Die einzige Möglichkeit war, dass er ihn vor die Küchentür stellte, auf den schmalen Streifen Schnee, der die Küche vom Heuschober trennte. Es war allerdings fraglich, ob der Weihnachtsmann den Pantoffel dort sehen würde, aber man konnte es ja versuchen!

Dani kroch aus dem Bett und huschte auf den Zehenspitzen durchs Schlafzimmer und die Treppe hinunter. Er ging barfuß, damit ihn niemand hörte. In der Hand hielt er einen kleinen, roten, mit Hasenfell gefütterten Pantoffel. Vater hatte den Hasen geschossen und Annette hatte die Pantoffeln genäht. Dani hatte den Eindruck, der Pantoffel müsste dem Weihnachtsmann in die Augen stechen: Er war ganz anders als andere Pantoffeln!

Es war eine mühsame Arbeit, bis der schwere Holzriegel der Küchentür zur Seite geschoben war. Dani musste sich dazu auf einen Schemel stellen. Er hatte einen sekundenlangen Eindruck von Schnee- und Sterneflimmern, dann schlug ihm die winterkalte Nachtluft schneidend entgegen und nahm ihm fast den Atem. Er warf den Pantoffel vor die Tür und schloss sie, so schnell er konnte.

Leichten Herzens trippelte Dani zu seinem Bett zurück, rollte sich zu einem Ball zusammen und grub die Nase ins Kissen. Er hatte sein Abendgebet schon vorher mit Annette gesprochen, aber jetzt hatte er ein Extrastück hinzuzufügen.

»Lieber Gott«, flüsterte er, »bitte mach, dass der Weihnachtsmann mit seinem Rentier hier durchkommt. Und mach, dass er meinen Pantoffel sieht. Und mach, dass er ein kleines Geschenk hineintut, wenn ich auch nur ein armer kleiner Junge bin.«

Und dann rollte die Kugel, die Dani hieß, auf die Seite, schlief ein und träumte, wie tausend andere Kinder auf der ganzen Welt, von dem alten Herrn im roten Mantel, der beim Gebimmel der Rentierglöckchen über den Schnee gleitet.

Dani erwachte sehr früh, weil Kinder am Weihnachtsmorgen immer früh erwachen, und natürlich galt sein erster Gedanke dem roten Pantoffel. Das war solch ein aufregender Gedanke, dass sein Herz heftig zu pochen begann und er über seinen Federbettberg hinüberguckte, um zu sehen, ob Annette schon wach sei.

Aber Annette schlief noch fest, die langen, blonden Haare übers Kopfkissen gebreitet. War es wohl noch mitten in der Nacht? Fast glaubte Dani es; da hörte er, wie sein Vater in der Küche unten mit den Milcheimern rasselte.

Also war es doch Weihnachtsmorgen und Dani musste schnell, schnell hinunter, damit sein Vater nicht die Tür öffnete und sein Geschenk vor ihm entdeckte. Irgendwie war Dani jetzt überzeugt, dass ein Geschenk da sein müsse. Über Nacht waren ihm alle seine Zweifel vergangen.

Sachte, ohne Annette zu wecken, schlich er aus dem Zimmer und in die Küche hinunter, wo der Vater dabei war, die Milcheimer auszuwaschen. Der Vater bemerkte ihn nicht, bis er sich plötzlich von zwei kräftigen kleinen Armen an den Beinen gepackt fühlte. Rotbäckig und zerzaust stand sein kleiner Sohn neben ihm und blickte erwartungsvoll zu ihm auf.

»Ist der Weihnachtsmann da gewesen?« Sicher hatte der Vater, der so lange aufblieb und so früh aufstand, das Glöckchengeläut und das Knirschen der Hufe im Schnee gehört!

»Der Weihnachtsmann?«, wiederholte der Vater erstaunt. »Nein, warum? Er ist nicht hierhergekommen. Wir wohnen zu weit oben am Berg.«

Doch Dani schüttelte den Kopf. »Wir wohnen nicht zu weit oben. Sein Rentier kann überallhin. Du hast wahrscheinlich bloß geschlafen und ihn nicht gehört. Mach mir die Tür auf, lieber Papa. Vielleicht hat er mir doch ein Geschenk mitgebracht.«

›Wenn ich das nur früher gewusst hätte‹, dachte der Vater, ›dann hätte ich ihm eine Tafel Schokolade vor die Tür legen können.‹ Es tat ihm schrecklich leid, seinen Jungen zu enttäuschen. Immerhin, die Tür musste er auf jeden Fall öffnen, schon um die Milcheimer zum Stall hinüberzurollen. Er schob den Riegel zur Seite und im selben Augenblick schoss Dani wie ein Wiesel zwischen seinen Beinen durch und kniete auch schon neben seinem Pantoffel im Schnee.

Und jetzt stieß er einen aufgeregten, lauten Schrei aus und stürzte in die Küche zurück, den Pantoffel im Arm.

Es war ein Wunder geschehen: Der Weihnachtsmann war da gewesen und hatte ein Geschenk hinterlassen. In all seinen fünf glücklichen Jahren hatte Dani noch nie solch ein wunderbares Geschenk erhalten.

Im Pelzfutter seines roten Pantoffels lag eng zusammengerollt ein winziges, weißes Kätzchen mit blauen Augen und einem schwarzen Flecken auf der Nase. Es war ein schwaches, mageres Kätzchen, halb tot vor Kälte und Hunger, und ohne die Wärme des Hasenfells wäre es bestimmt ganz tot gewesen. Danis Vater vergaß seine Milcheimer, kniete neben seinem Sohn auf den Küchenboden nieder und machte sich daran, das kleine Tier zu beleben.

Zuerst wickelte er es in ein weiches Tuch und legte es gegen die warme Ofenwand. Dann wärmte er etwas Milch auf und gab sie ihm mit einem kleinen Löffel, denn es war viel zu schwach, um selbst zu trinken. Am Anfang spritzte und geiferte es nur, aber nach einem Weilchen streckte es sein winziges, rosenrotes Zünglein heraus und die schönen blauen Augen fingen an, wach und teilnehmend in die Welt zu gucken. Nach weiteren fünf Minuten zuckte es mit dem Schwanz und streckte sich. Als es schließlich ganz satt war, rollte es sich zu einem Ball zusammen und begann leise und behaglich zu schnurren.

Die ganze Zeit über waren der Vater und Dani so völlig mit dem Kätzchen beschäftigt gewesen, dass sie kein Wort miteinander gewechselt hatten. Nun, da ihr Werk fürs Erste erfolgreich beendet war, setzten sie sich und sahen einander an. Danis Wangen glichen roten Mohnblumen und seine Augen funkelten wie zwei Sterne.

»Ich hab’s ja gewusst, dass er kommen würde«, flüsterte er. »Aber ich hätte nie gedacht, dass er mir etwas so Wunderbares mitbringt. Es ist das schönste Geschenk, das ich in meinem ganzen Leben bekommen habe. Wie soll ich es nennen, Papa?«

»Vielleicht Schneeweißchen, weil es weiß ist wie der Schnee«, meinte der Vater und betrachtete seinen Sohn beinahe mit Achtung. Es war wirklich alles fast zu wunderbar!

Er ließ das schlafende Kätzchen in Danis Obhut und ging zum Stall hinüber. Und während er im trüben Schein der Stalllaterne den Kopf an die Flanken seiner Kühe lehnte und die Milch in die Eimer schäumen ließ, suchte er nach einer Erklärung für das Wunder. Natürlich hatte sich das Kätzchen aus irgendeinem Stall hierher verirrt. Aber es kam dem Vater doch sonderbar vor, dass es ausgerechnet Danis Pantoffel gefunden und dort auf ihn gewartet hatte. Aber war es wirklich zum Verwundern? War es nicht natürlich, dass am Weihnachtsabend der Vater im Himmel beim Gedanken an seinen eigenen Sohn ein mutterloses Kind auf Erden nicht enttäuschen wollte? Hatte nicht er, um des Kindleins von Bethlehem willen, die Schritte des weißen Kätzchens gelenkt? Danis Vater hielt einen Augenblick mit Melken inne und dankte Gott für seine Güte gegenüber seinem kleinen Jungen.

Kurz darauf erschien Annette in der Küche, um das Frühstück zu bereiten. Sie blieb wie angewurzelt stehen, als sie Dani in seinem Nachthemd erblickte, wie er sich über ein Kätzchen beugte. Sie wollte Fragen stellen, doch Dani legte den Zeigefinger an die Lippen und bat sie, sich still zu verhalten, denn er fürchtete, das Tier könnte aufwachen. Dann lief er auf den Zehenspitzen zu ihr hin, zog sie zu einem Stuhl, kletterte auf ihre Knie und flüsterte ihr die ganze seltsame Geschichte ins Ohr.

Annette konnte sich alles ohne Weiteres erklären. Mit ihren zwölf Jahren glaubte sie nicht mehr an den Weihnachtsmann. Sie glaubte aber an Weihnachtsengel! Und da bestand kein Zweifel: Solch ein schneeweißes Kätzchen musste geradewegs vom Himmel heruntergefallen sein. Sie kauerte sich auf den Fußboden nieder und nahm Dani samt der Katze auf ihren Schoß. So fand sie die Großmutter eine halbe Stunde später, als sie die Tür öffnete und erwartete, einen dampfenden Frühstückskaffee auf dem Tisch zu finden.

4. Kapitel

Lukas lag unter seinem dicken Federbett und wünschte, es wäre noch lange nicht Zeit zum Aufstehen. Sein Bett war mollig warm und die Luft draußen so bissig kalt! Er seufzte und kroch tiefer unter die Decke.

»Lukas!« Mutters Stimme klang zornig, und Lukas sprang hastig aus dem Bett. Es war das dritte Mal, dass sie ihn rief. Aber er hatte getan, als hörte er es nicht. Es war ja immer noch früh genug, um aufzustehen und rechtzeitig zur Schule zu kommen! Bloß zum Melken hatte er nun keine Zeit mehr. Aber schließlich, wenn er es nicht tun konnte, tat es eben seine Mutter. Das war allerdings in der letzten Zeit meistens der Fall gewesen.

»Andere Jungen müssen nicht melken, bevor sie zur Schule gehen«, murrte er, während er seine Jacke zuknöpfte. »Ich sehe gar nicht ein, warum ich immer mehr arbeiten soll als alle anderen, bloß weil ich zufällig keinen Vater mehr habe!«

Er schaute recht finster und trotzig drein, als er nun die Treppe hinunterging und sich über sein Frühstück hermachte. Er war noch nicht ganz fertig damit, als seine Mutter vom Stall hereinkam.

»Lukas«, sagte sie scharf, »warum stehst du nicht auf, wenn ich dich rufe? Tag für Tag geht es nun so! Du bist mir am Morgen überhaupt keine Hilfe mehr. Deine Schwester steht doch auch früh auf und fährt zur Arbeit, ohne Geschichten zu machen. Wir haben ja nur drei Kühe, und für die müssen wir dankbar sein. Wie sollten wir bloß durchkommen ohne sie! Du bist jetzt ein großer, kräftiger Junge und es ist eine Schande, dass du all die Früharbeit mir überlässt!«

Lukas runzelte ärgerlich die Stirn. »Ich arbeite am Abend«, erwiderte er. »Ich kann nie spielen. Ich habe einen weiteren Schulweg als alle anderen. Und immer muss ich dir Holz holen und das Futter hereinbringen und am Samstag den Stall ausmisten!«

Seine Mutter rümpfte verächtlich die Nase. »Das meiste habe gewöhnlich ich schon gemacht, bis du endlich von der Schule heimkommst«, entgegnete sie. »Ich weiß wohl, dass du im Winter nicht so viel Zeit hast wie die anderen Kinder, aber ich tue, was ich kann, und das ewige Melken frühmorgens macht mich ganz kaputt. Du bist wirklich alt genug, um es zu übernehmen, und in Zukunft will ich, dass du rechtzeitig aufstehst. Jetzt mach, dass du fortkommst, sonst bist du zu spät in der Schule!«

Lukas warf sich den Regenumhang um und verabschiedete sich mit einem mürrischen Gruß. Er ergriff seinen Schlitten und sauste im Halbdunkel des kalten Wintermorgens davon. Nichts außer dem Ton seiner eigenen dahingleitenden Kufen unterbrach das Schweigen ringsum, jenes gewaltige Schweigen kurz vor Sonnenaufgang, wenn es scheint, als hielte die ganze Welt den Atem an. An anderen Tagen blieb die Größe dieses Augenblicks nicht ohne Wirkung auf Lukas; heute aber war er zu aufgebracht, um darauf zu achten.

»Es ist einfach nicht recht!«, knurrte er. »Jedermann ist gegen mich! Ich kann nichts dafür, wenn meine Aufgaben nicht gut gemacht sind, ich muss ja immer arbeiten zu Hause. Heute bekommen wir Noten fürs Lesen, da werde ich bestimmt wieder der Schlechteste sein und die dumme Aufschneiderin Annette Brunner die Beste. Ich wette, die muss keine Kühe melken, bevor sie zur Schule geht … o …!!«

Er bremste verzweifelt, aber es war zu spät. Er war so beschäftigt gewesen, seinen Zorn zu schüren, dass er nicht gemerkt hatte, wohin er fuhr. So war er bei der Weggabelung mit voller Wucht seitlich in Annettes Schlitten hineingesaust und hatte sie in hohem Bogen in eine Schneewehe befördert.

Es tat Lukas aufrichtig leid, dass er durch seine Unaufmerksamkeit einen solchen Unfall herbeigeführt hatte, und er sprang dunkelrot im Gesicht und aufrichtig betrübt vom Schlitten, um Annette zu helfen. Aber sie kam ihm zuvor. Sie hatte ihn nie besonders gemocht, und jetzt war sie richtig wütend. Bis über die Hüften im Schnee, wandte sie sich mit blitzenden Augen ihm zu.

»Du ungeschickter Esel!«, keuchte sie, den Tränen nahe. »Kannst du nicht aufpassen, wohin du fährst? Schau doch mein Heft an, es ist ja ganz nass und zerknittert! Wart nur, ich sag’s dem Lehrer, dass du an allem schuld bist!«

Lukas, der ohnehin immer Mühe hatte, sich zu beherrschen, brauste augenblicklich auf.

»Also gut!«, brüllte er zurück. »Du brauchst gar keine solchen Geschichten zu machen. Ich hab’s ja nicht absichtlich getan. Man könnte meinen, ich hätte dich umgebracht und nicht bloß dein dummes Heft zerdrückt. Ist mir egal, wenn du eine schlechte Note bekommst. Ich fahre weiter!«

Damit sprang er auf seinen Schlitten und sauste davon. Er kam gerade noch rechtzeitig zur Schule. Sein Gewissen klagte ihn zwar heftig an, aber er versuchte zu vergessen, was er angerichtet hatte.

»Sie braucht ja nur herauszukommen«, sagte er sich. »Sie hätte mich bestimmt sowieso nicht helfen lassen. Zum Glück bin ich rechtzeitig da! Ich bin ja diese Woche schon zweimal zu spät gekommen.«

Aus einer Schneewehe herauszukommen war nun allerdings etwas ganz anderes als hineinzusausen. Es war so anstrengend und dauerte so lange, bis sich die arme Annette herausgearbeitet und ihre Schulsachen zusammengesucht hatte, dass sie schließlich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Sie weinte vor Kälte und Schrecken und schmerzenden Knien, hauptsächlich aber vor Wut. Und als sie mit einer Viertelstunde Verspätung ins Schulzimmer schlich, waren ihre Augen gerötet, ihre Nase blau und ihre armen, aufgeschürften Hände und Knie bluteten. Zusammen mit den nassen Heften und Büchern bot sie wirklich einen jammervollen Anblick.

»Annette«, sagte der Lehrer ganz erschrocken, »was ist denn geschehen, Kind?«

Einige Sekunden lang kämpfte Annette hart gegen die Versuchung an, ihren Klassenkameraden zu verraten. Als sie aber sah, wie Lukas bequem und sicher in seiner Bank saß, übermannte es sie.

»Lukas ist schuld«, platzte sie zornig los. »Er hat mich in den Graben geschleudert und ist weggefahren und hat mich allein gelassen. Ich konnte fast nicht heraus!« Sie presste die Fäuste vor die Augen und brach wieder in Tränen aus. Sie war arg mitgenommen … und wütend. Schrecklich wütend.

Die Schulklasse hielt in gerechter Entrüstung den Atem an, und Lukas, der Bösewicht, ließ den Kopf hängen und starrte trübselig vor sich hin.

Natürlich prügelte ihn der Lehrer tüchtig durch, weil er sich so unverschämt aufgeführt hatte, worauf Annette, es ist traurig zu sagen, wieder auflebte und sich besser fühlte.

Später wurden die Noten bekannt gegeben. Annette hatte die beste Note und fühlte sich dadurch noch besser. Lukas hatte die schlechteste und musste nachsitzen und Strafaufgaben machen. Da saß er denn während des ganzen, langen Vormittags, und nachmittags wieder, und als die anderen Kinder nach Hause gegangen waren, saß er noch immer da, diesmal allein. Und allmählich wuchsen die Wut und der Hass und die Unzufriedenheit in ihm höher und höher, bis ihm war, als müsste er zerspringen.

Endlich war er frei und stapfte den Berg hinauf, den Schlitten hinter sich herziehend. Was für ein grässlicher Tag war das doch heute gewesen! Seine Mutter hatte mit ihm geschimpft. Annette hatte ihn verraten, der Lehrer hatte ihn durchgehauen und er war der Schlechteste der Klasse. Gab es wohl auf der ganzen Welt einen Jungen, dem es so schlecht ging wie ihm?

Die Schatten an den Hängen waren an diesem Abend merkwürdig blau. Es war beinahe ein überirdisches Blau, wie das Blau eines Dunstes über fernen Tälern oder das Blau auf der Brust einer Waldtaube. Die obersten Spitzen der Berge standen noch im Sonnenlicht, und Wolkenfetzen hingen wie Schleier um sie herum. Die Stille der Berglandschaft breitete ihre Arme aus, um Lukas zu umfangen. Natur und Kinder sind einander ja so nah! Und die Stille der Natur vermag oft mehr als alle Menschenworte ein trauriges, zorniges Kinderherz zu beschwichtigen. Allmählich begann die Wut in Lukas’ Herzen einem müden Jammer zu weichen und da er sich allein wähnte, drückte er die Fäuste in die Augenhöhlen und begann leise zu weinen.

Und dann auf einmal entdeckte er, dass er nicht allein war. Er war wieder an der Weggabelung angelangt, und hier stand ein kleiner Junge im Schnee und schaute ihn höchst erstaunt an: ein glücklicher, rotbäckiger, helläugiger Junge, dessen blonder Haarschopf unter der Wollkappe hervorquoll und dessen Gesicht vor Gesundheit und guter Laune strahlte.

Es war Dani, der einen Schneemann baute. Eben hatte er ihm den Kopf aufgesetzt und war nun dabei, ihm Augen einzusetzen. Es war der schönste Schneemann, den Dani je gemacht hatte; gleich wollte er Annette holen, damit sie ihn bewunderte.

»Warum heulst du?«, fragte Dani.

»Ich heule nicht!«, gab Lukas zornig zurück.

»O doch, du heulst! Und ich weiß warum: weil der Lehrer dich verhauen hat. Annette hat es uns erzählt.«

Es lag nicht in Danis Absicht, grausam zu sein, denn er war ein freundlicher kleiner Junge. Aber Lukas war hässlich zu Annette gewesen, und das war in Danis Augen etwas Unverzeihliches.

In Lukas flammte augenblicklich der Zorn auf. Er trat mit dem Fuß gegen Danis Schneemann und zertrampelte ihn dann ganz, worauf Dani die Stimme erhob und vor Schrecken und Enttäuschung in lautes Gebrüll ausbrach.

Annette kam aus dem Stall gerannt und erkannte sogleich, was hier geschah. Wie eine Löwin sprang sie herzu und schlug Lukas mitten ins Gesicht! Der hob die Hand, um zurückzuschlagen, aber der Anblick von Herrn Brunner, der mit einem Milcheimer aus dem Haus trat, belehrte ihn eines Besseren. Es war klar, dass alles gegen ihn stand.

»Alte Klatschbase!«, schrie er. »Baby du, das heulend in die Schule kommt!«

»Wüster, gemeiner Grobian!«, schrie Annette zurück, »zuerst lässt du mich im Graben liegen und jetzt machst du noch dem armen Dani den Schneemann kaputt! Er hat dir doch nie etwas zuleide getan! Warum kannst du ihn nicht in Ruhe lassen? Es war ganz richtig, dass du Prügel gekriegt hast! Komm, Dani, komm heim! «

Zornig ging sie davon, Dani hinter ihr drein. Als sie unten an der Treppe stehen blieb, bemerkte sie hinter den fernen Gipfeln ein Stück leuchtend roten Himmels. Da fiel ihr plötzlich ein Bibelvers ein, den Großmutter sie gelehrt hatte: »Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen.« Noch war es Zeit! Noch war Lukas nicht weit weg! Es war trotz allem nicht schön von ihr gewesen, ihn zu verraten. Sie zögerte. Aber nein! Er war viel schlechter gewesen als sie. Es war an ihm, zu sagen, es tue ihm leid. Wenn sie ihn um Verzeihung bat, sah es ja aus, als ob sie schuldig wäre, und selbstverständlich war sie es nicht – o nein, nicht im Geringsten! Sie trat ins Haus und schlug die Tür zu.

Lukas wandte sich langsam zum Gehen. Sein Gesicht brannte und er war wütender als je zuvor. Nach wenigen Schritten jedoch hob er den Kopf. Da sah er etwas Wunderbares. Die Wolken hatten sich zu einer roten Wand zusammengeballt und verdeckten das Gebirge. Nur an einer einzigen Stelle waren sie wie entzweigebrochen und in der entstandenen Lücke konnte Lukas einen schneebedeckten Gipfel erkennen, in goldenem Licht erstrahlend. Es war, als stünde dort eine himmlische Burg, eingetaucht in die Herrlichkeit Gottes, sichtbar wie durch einen Schleier und nur für einen kurzen Augenblick.

Obwohl er an die Schönheit winterlicher Sonnenuntergänge gewöhnt war, musste Lukas vor solcher Pracht stehen bleiben und tief Atem holen. Vor dem reinen, herrlichen Glanz erschien ihm sein Zorn plötzlich wie etwas Geringfügiges, Armseliges, nicht der Mühe wert, dass man sich damit beschäftigte. Wie schön wäre es, von vorne anzufangen! Wenn er rannte, konnte er Annette noch einholen, bevor sie ins Haus trat!

Doch nein! Annette war eine Wichtigtuerin und würde wahrscheinlich bloß auf ihn herabsehen. Und überhaupt, weshalb sollte er ein Mädchen um Verzeihung bitten?

Auf diese Weise, weil keiner den ersten Schritt tun wollte, begann der Streit – ein Streit, der so manchen langen Tag dauern und in seinem Gefolge für beide Teile viel Herzeleid mit sich bringen sollte.

Während Lukas noch nachdenklich am Weg stand, wehte eine Wolke über die Lücke und die himmlische Festung entschwand seinen Blicken.

5. Kapitel

Annettes Geburtstag war im April, und Dani trug sich schon Wochen vorher mit Plänen, denn nichts bereitete ihm größeres Vergnügen, als Geschenke zu machen. Ein unbeteiligter Zuschauer hätte möglicherweise gefunden, seine Geschenke seien nicht viel wert. Dani jedoch fand sie wunderschön. Er bewahrte sie heimlich auf, und zwar in einem Verschlag, der für Holz bestimmt war. Annette wusste, dass sie ihn nicht öffnen durfte, und tat, als meine sie, er sei voll Holz für den Ofen.

Der Verschlag verbarg eine ganze Tannenzapfenfamilie, in den verschiedensten Farben angemalt und in Reih und Glied angeordnet. Vater Tannenzapfen war rot, Mutter Tannenzapfen grün und die fünf Tannenzapfenbabys prangten in leuchtendem Gelb. Dann war da noch ein prächtiges Bild, das Dani von Bless, der gescheckten Kuh, gezeichnet hatte. Man sah sie auf einer Wiese grasen, umgeben von blauen Enzianen, die beinahe so groß waren wie sie selbst. Weiter lag da ein schneeweißes Steinchen und ein kleines Armband, das aus Haaren vom Schwanz des Stiers geflochten war. Manchmal lag auch ein Schokoladenriegel dabei, aber nie lange, denn Dani hatte eine Schwäche für Schokoladenriegel und aß sie nach ein oder zwei Tagen stets selbst auf.

Und jetzt stand der große Tag ganz nahe bevor: Übermorgen war Annettes Geburtstag! Danis Kopf war voll davon, und sobald Annette zur Schule gegangen war, weihte er die Großmutter in seine neuesten Pläne ein. Sie saß in der Frühlingssonne auf dem Balkon und putzte Löwenzahnblätter für die Abendsuppe, als der Kleine zu ihr kam und seine Ellbogen auf ihre Knie stützte.

»Großmutter, ich gehe jetzt die Halde hinauf, bis dorthin, wo der Schnee geschmolzen ist. Ich will Alpenglöckchen und Krokusse für Annettes Geburtstag holen. Weißt du, ich lege sie dann mit allen meinen Geschenken auf den Geburtstagstisch.«

Die Großmutter, die ihn sehr ungern aus den Augen ließ, schaute ihn unschlüssig an.

»Du bist zu klein, um allein dort hinaufzusteigen. Die Hänge sind schlüpfrig, und du könntest ausrutschen und irgendwo hinunterfallen.«

»Schneeweißchen kommt mit mir«, versicherte Dani ernsthaft.

Die Großmutter lachte leise vor sich hin. »Das wird dir allerdings viel nützen«, entgegnete sie. Gleich darauf entfuhr ihr ein Schrei, denn ohne die geringste Vorwarnung war ihr die Katze auf den Schoß gesprungen. Nun rieb sie liebevoll schnurrend das weiße Köpfchen gegen ihre Brust.

»Schneeweißchen hat gemerkt, dass wir von ihm reden«, versicherte Dani. »Es versteht alles, und es sagt dir jetzt eben, dass es am Berg oben auf mich aufpassen will.«

Er nahm das Kätzchen in die Arme, küsste die Großmutter und stapfte die Treppe hinunter, ein munteres Lied auf den Lippen. Trapp, trapp klapperten seine genagelten Schuhe, und seine Stimme erhob sich laut und rein. Die Großmutter bemühte sich, ihm so lang wie möglich nachzuschauen, dann seufzte sie und wandte sich wieder ihren Löwenzahnblättern zu. Der Junge wurde so groß, so unabhängig und selbstständig. Bald würde er in den Kindergarten gehen. Er war wirklich kein kleines Kind mehr!

Dani kletterte vergnügt den Hang hinauf und Schneeweißchen suchte sich sorgfältig seinen Weg hinter ihm her. Obwohl es ein Weihnachtskätzchen war, verabscheute es den Schnee. Es war ein schöner Tag. Der Frühling hatte begonnen, die Berge neu zu kleiden und den Winterschnee wegzuschmelzen. Im Tal waren die Wiesen längs des Flusses bereits grün und die Kühe konnten dort grasen. Hier oben an den höheren Abhängen fing der Schnee ebenfalls an zu weichen und überall kamen Stellen mit blassgelbem Gras zum Vorschein, während die Bäche zum Überfließen anschwollen mit milchigem Eiswasser.

Es dauerte nicht allzu lange, da erreichte Dani die niedrige Steinmauer, die die Weiden abgrenzte. Jenseits des Mäuerchens fiel eine felsige Schlucht steil ab; in der Tiefe brauste ein reißender Wildbach. Im Sommer waren die Felsen die reinsten Traumgärten, über und über mit Glockenblumen, Steinbrech und ganzen Teppichen von rosarotem Leimkraut bedeckt. Um diese Jahreszeit aber waren sie noch nackt und braun. Schneeweißchen setzte sich auf das Mäuerchen und schüttelte seinen Pelz im Sonnenschein. Dann begann es sich von oben bis unten zu säubern, was ganz überflüssig war, denn es war ohnehin fast so weiß wie der Schnee.

Unterdessen wanderte Dani von einem hellen Flecken zum anderen. Blassviolette Krokusse und leuchtend gelbe Schlüsselblumen wechselten miteinander ab. Wie liebte Dani diese Blumen! Am allerliebsten aber waren ihm die Alpenglöckchen. Diese zierlichen, zarten Blumen konnten nicht einmal warten, bis der Schnee ganz weggeschmolzen war: Sie drängten sich durch die gefrorenen Ränder des Schneefeldes, die zarten Stängel im Eis eingeschlossen. Wie gefranste Glöckchen hingen die hellvioletten Blüten nach unten.

Dani liebte alles, was schön war, und in dieser Blumenwiese war er so glücklich, wie ein Kind nur sein kann. Die Sonne schien auf ihn herab, die Blumen lächelten zu ihm empor, und er erträumte sich Geschichten von winzigen Zwergen, die in Höhlen unter dem Schnee wohnten. Er sah ihre weißen Bärte und ihre roten Zipfelmützen vor sich und er war überzeugt, sie steckten voller lustiger Dummheiten! Manchmal, wenn niemand zugegen war, kamen sie zum Vorschein und schaukelten auf den Alpenglöckchen im Wind. Annette hatte es ihm gesagt. Aus diesem Grund näherte er sich jeder neuen Alpenglöckchen-Gruppe auf Zehenspitzen und hielt die Augen auf die gesenkten Köpfchen geheftet. Und deshalb hörte er die Schritte nicht, die sich ihm näherten, bis sie ganz nahe herangekommen waren. Dann schaute er plötzlich auf und schrak zusammen.

Lukas stand hinter ihm, mit einem unangenehmen, lauernden Ausdruck im Gesicht und einem merkwürdig triumphierenden Glanz in den Augen. Er hatte den Schlag nicht vergessen, den Annette ihm versetzt hatte, als Dani um Hilfe geschrien hatte. Von jenem Tag an hatte er unaufhörlich auf Rache gesonnen! Als er Danis kleine Gestalt allein auf der hochgelegenen Wiese entdeckt hatte, war er ihm ohne zu zögern hinterhergegangen. Natürlich wollte er einem so kleinen Kind nichts antun! Aber es würde ihm Spaß machen, ihn zu plagen und zu ärgern, um ihm das schmachvolle Erlebnis von neulich heimzuzahlen. Auf alle Fälle konnte er ihm die Blumen wegnehmen.

»Für wen pflückst du diese Blumen?«

»Für Annette«, erwiderte Dani tapfer, obwohl er spürte, dass Lukas diese Antwort nicht gefallen würde. Aber Annette hatte ihm eingeschärft, dass er immer die Wahrheit sagen müsse, auch wenn er Angst habe.

Lukas lachte ein hässliches Lachen.

»Ich hasse Annette«, erklärte er. »Sie ist eine hochmütige, eingebildete Wichtigtuerin. Aber in der Schule ist sie eine dumme Gans. Die Kleinen im Kindergarten können besser rechnen als sie. Sie ist nicht gescheiter als ihre Kühe. Gib mir die Blumen; sie soll sie nicht haben!«

Dani war so entsetzt über diese Rede, dass er feuerrot wurde. Die Blumen versteckte er hinter seinem Rücken. Wie konnte jemand Annette hassen? Annette, die so schön und so gut war, so geschickt und so gescheit! Dani, der nichts von Eifersucht wusste, konnte das nicht fassen.

»Du kannst sie nicht haben«, widersprach er und umfasste den Strauß fester. »Sie gehören mir.«

»Ich nehme sie dir weg«, höhnte Lukas. »Du bist ja bloß ein Dreikäsehoch, wie willst du dich gegen mich wehren? Ich kann mit dir machen, was ich will. Du bist ein dummer, kleiner Angeber und ich will es dir heimzahlen, dass du mich verraten hast!«

Grob riss er den Strauß aus Danis Hand, warf ihn auf die Erde und zerstampfte ihn. Dani starrte auf die zertretenen Alpenglöckchen und zerdrückten Krokusse und brach dann in lautes Weinen aus. Mit so viel Liebe hatte er diese Blumen gesucht, und jetzt war alles umsonst gewesen! Dann stürzte er sich auf Lukas und schlug mit seinen kleinen Fäusten wütend auf ihn ein.

»Ich sag es meinem Vater!«, schrie er. »Ich gehe jetzt sofort heim und sage es ihm, und dann kommt er zu dir nach Hause und verhaut dich. Du bist ein böser, gemeiner Junge!«

Gerade das war es nun aber, was Lukas gern verhindern wollte. Denn wie die meisten Grobiane war er feige; er fürchtete sich vor Danis Vater. Der war groß und stark wie ein Riese, und wer seinem Sohn wehgetan hatte, hatte bestimmt nichts Gutes von ihm zu erwarten. Lukas hielt Dani an den Handgelenken fest, damit seine Fäuste ruhig blieben, und schaute um sich, um etwas zu finden, das den Kleinen zum Schweigen zwingen könnte. Da fiel sein Blick auf Schneeweißchen, das sich noch immer sonnte, und sein Plan war gefasst. Er schob Dani von sich und eilte auf die Mauer zu. Dani dachte, dass sein Peiniger ihn jetzt laufen ließe; er wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen und begann, so schnell er konnte, frische Blumen zu pflücken. Was ging ihn Lukas an? Annettes Geburtstagstisch sollte schön und farbenfroh aussehen!

Plötzlich ertönte Lukas’ Stimme über die Wiese. Dani sah schnell auf, und es wurde ihm fast schlecht. Denn was sah er? Lukas stand auf dem Mäuerchen, hatte Schneeweißchen am Nacken gepackt und hielt es mit ausgestrecktem Arm über den dunklen Abgrund und den rauschenden Bach voll eisigen Wassers.

»Wenn du nicht sofort hierherkommst und versprichst, dass du deinem Vater nichts sagst«, drohte Lukas, »lasse ich deine Katze in den Bach fallen!«

Dani begann zu laufen. Blindlings stolperte er über Schnee und Grasflächen. Seine Beine zitterten, er kam kaum vorwärts. Der Gedanke an Schneeweißchen, das hilflos in den wirbelnden Wassern verschwinden könnte, erfüllte ihn mit solchem Grauen, dass sein Mund austrocknete und er nicht einmal schreien konnte. Er wusste nur, dass er Lukas erreichen und sein Kätzchen dem Griff des rohen Jungen entreißen musste, um es nie, nie mehr allein zu lassen.

In Wirklichkeit dachte Lukas nicht im Entferntesten daran, Schneeweißchen fallen zu lassen. Er war ein Grobian, und es machte ihm Freude, den kleinen Jungen in Angst zu versetzen. Aber er war kein Tierquäler. Die Katze jedoch war es nicht gewohnt, beim Nacken gehalten zu werden. Sie fing an zu zappeln, und als sie merkte, dass sie nicht freigelassen wurde, zappelte sie stärker, bis sie schließlich vor Angst außer sich geriet und tat, was sie nie getan hatte: Sie hob die eine Vordertatze und kratzte Lukas mit scharfen Krallen.

Und Lukas, der Danis Herbeistolpern beobachtete, ließ vor Schreck los! Wie ein Stein plumpste Schneeweißchen in die Tiefe, in demselben Augenblick, als Dani, totenbleich und mit angstverzerrten Zügen, das Mäuerchen erreichte.

Dani zögerte keinen Augenblick. Er stieß einen gellenden Schrei aus, wie ein zu Tode erschrecktes kleines Tier, und kletterte über die Mauer, bevor Lukas, dem seine eigene Tat lähmend in die Glieder gefahren war, überhaupt Zeit hatte, ihn zu packen und zurückzuziehen.

Was nun folgte, geschah in wenigen Sekunden. Schneeweißchen war nicht ins Wasser gefallen. Es war an der Kante eines überhängenden Felsens hängen geblieben und klammerte sich kläglich miauend daran. Ein größeres Kind hätte es ohne Gefahr erreichen und mit ihm zurückklettern können. Aber Dani war erst fünf. Der Felsen war feucht und Dani glitt aus, als er das Kätzchen eben packen wollte. Ein neuer Schrei – der Lukas jahrelang verfolgen sollte –, und Dani verschwand über den Rand des Abgrunds!

Wäre Lukas nicht vor Entsetzen halb von Sinnen gewesen, so wäre er ihm nachgeklettert und hätte in die Schlucht hinuntergeschaut. Aber es fiel ihm gar nicht ein, dass Dani noch am Leben sein könnte. Und den leblosen Körper des Kindes vom Wasser weggetragen zu sehen, hinunter zum Wasserfall, das war mehr, als er ertragen konnte. Entgeistert sank er ins Gras und bedeckte das Gesicht mit dem Arm. Hätte Annette ihn in diesem Augenblick gesehen, so hätte selbst sie erkennen müssen, dass Lukas bereits gestraft war.

»Dani ist ertrunken«, stöhnte er verzweifelt. »Ich habe ihn getötet! Was soll ich tun? O, was soll ich nur tun?«

Nach und nach erwachte in ihm ein feiger Gedanke. Er sprang auf und schaute panisch um sich. Die Zeit verstrich. Bald würden sie kommen und Dani suchen, und dann würden sie ihn, Lukas, hier finden, und jeder würde sehen, dass er der Mörder war. Bis zur Stunde wusste noch niemand, dass er etwas mit dem Unfall zu tun hatte, und wenn er nach Hause eilte und tat, als ob nichts geschehen wäre, brauchte es nie jemand zu wissen. Er musste fliehen!

Wie ein verfolgtes Reh schoss er auf und davon, in den schützenden Tannenwald hinein. Das Herz schlug wild in seiner Brust und sein Kopf hämmerte. Er wagte noch nicht heimzugehen, sondern umging das Dorf auf einsamen Pfaden. Falls ihm jemand begegnete, würde es aussehen, als ob er aus einer ganz anderen Richtung käme. Alle paar Minuten meinte er Schritte hinter sich zu hören. Doch wenn er sich umdrehte, war niemand da.

Schließlich erreichte er sein Elternhaus und hielt an. Nein, er konnte unmöglich hineingehen. Er konnte nicht mit diesem grässlichen, finsteren Geheimnis im Herzen seiner Mutter unter die Augen treten. Gewiss würde sie es ihm vom Gesicht ablesen. Er sah bestimmt nicht mehr so aus wie vorher. Er war ja ein Mörder! Vielleicht würde er später den Mut finden, ihr zu begegnen. Nur jetzt nicht. Seine Zähne klapperten. Sie würde fragen, was los sei. Er musste sich verstecken. Doch wo? Da bemerkte er die Leiter, die zur Tenne über dem Kuhstall führte. Er kletterte hinauf, warf sich ins Stroh und schluchzte, als wollte das Herz ihm brechen.

6. Kapitel

Die Großmutter hatte die Löwenzahnblätter fertig geputzt. Schwer stützte sie sich auf ihren Stock und trat ins Haus, wo sie sich auf einen Stuhl niederfallen ließ: Sie war sehr, sehr müde. Bald sank ihr der Kopf auf die Brust und sie schlief ein.

Die alte Frau war leidender denn je und sah immer weniger gut. Dazu fühlte sie sich meist entsetzlich müde. Aber sie liebte ihre beiden Enkel aus tiefstem Herzen, und für sie wollte sie arbeiten, bis sie umfiel. Deshalb fuhr sie fort, sich mit verkrümmten Fingern um die Küche zu kümmern und mit schmerzenden Augen die Kinderwäsche zu flicken. Und Annette hatte keine Ahnung, wie schlimm es mit ihr stand, denn sie war erst zwölf Jahre alt, und die Großmutter klagte nie. Wer aus Liebe arbeitet, dem werden die schwersten Lasten leicht.

Heute dauerte Großmutters Schläfchen länger als sonst. Annette war ins Dorf hinuntergegangen, um Besorgungen zu machen; der Vater war im Wald und schichtete Holzklötze auf. Sie hatte sich vorgenommen, die Fersen von Danis weißen Sonntagsstrümpfen zu stopfen und Flicken auf die Ellbogen seiner blauen, leinenen Jacke zu setzen. Aber sie war viel zu müde dazu. Sie faltete die knotigen alten Hände in ihrem Schoß und schlief weiter. Nicht einmal der Kuckuck, der aus seinem Häuschen hüpfte und dreimal anschlug, vermochte sie zu wecken.

Es war beinahe vier Uhr, als die Großmutter die Augen aufschlug und auf die Uhr schaute. Ein Ausruf der Bestürzung entfuhr ihr. Dani war um halb zwei weggegangen und noch nicht zurückgekehrt. Wo mochte er so lange bleiben?

»Dani!«, rief sie streng, denn vielleicht versteckte er sich irgendwo. Es war gut möglich, dass er im nächsten Augenblick übermütig lachend aus irgendeinem Schrank purzelte.

Doch diesmal erhielt die Großmutter keine Antwort. Sie humpelte auf den Balkon hinaus und beschattete die Augen mit der Hand. Vielleicht konnte sie Dani erblicken, wie er dahergestapft kam? Wie wollte sie ihn schimpfen, dass er so spät kam!

Jemand bog um die Ecke des Kuhstalls, aber es war nicht Dani. Es war Annette mit dem Tragkorb auf dem Rücken, in dem ein langes, glänzend braunes Brot steckte. Sie winkte der Großmutter und kam die Treppe heraufgerannt.

»Annette«, sagte die Großmutter, »stell den Korb ab und geh Dani suchen! Er ist vor beinahe zweieinhalb Stunden weggegangen, um Blumen zu suchen, und noch immer nicht zurückgekehrt.«

Plumps! stand der Korb auf dem Boden. Im Stillen fand Annette, die Großmutter mache zu viel Aufhebens wegen Dani. Was konnte ihm denn zustoßen, wenn er durch die Wiesen bummelte, wo doch jeder, der ihn antraf, ihn kannte und gernhatte?

»Er wird wohl bei Papa im Wald oben sein«, erwiderte sie. »Ich geh in ein paar Augenblicken hinauf. Zuerst möchte ich ein Butterbrot haben. Ich habe solchen Hunger!«

Sie schnitt sich ein dickes Stück Brot ab und strich Butter und Marmelade darauf. Die Großmutter stand schon wieder auf dem Balkon und spähte den Fußweg entlang. Noch während Annette aß, ertönten feste Schritte, und der Vater kam herein.

»Wo ist Dani?«, rief die Großmutter. »Ist er nicht bei dir? Hast du ihn nicht am Berg oben getroffen?«

»Dani?«, wiederholte der Vater erstaunt. »Er ist nicht in meine Nähe gekommen. Wann ist er von dir weggegangen, Mutter?«

Die Großmutter gab es auf, ihre Unruhe verbergen zu wollen, und rang die Hände. »Er ist vor zweieinhalb Stunden weggegangen«, rief sie. »Er und das Kätzchen. Er wollte auf der oberen Wiese Krokusse suchen. Es muss ihm etwas zugestoßen sein!«

Vater und Annette wechselten einen besorgten Blick, denn der Weg vom Wald her führte durch die Krokuswiese, und doch hatte der Vater auf dem Heimweg keine Spur von Dani gesehen. Annette schob ihre Hand in die Hand ihres Vaters.

»Vielleicht ist er zum Wald hinaufspaziert, um dich zu suchen«, sagte sie beruhigend. »Komm, wir gehen und holen ihn heim! Schneeweißchen steckt sicher irgendwo dort oben, sodass wir sehen können, in welche Richtung Dani gegangen ist. Das Kätzchen hasst ja lange Spaziergänge.«

Miteinander stiegen sie bergauf in Richtung des Waldes. Sie gingen schweigend, denn der Vater mochte seine Gedanken nicht laut werden lassen. Der Frühling ist in den Bergen nicht ohne Gefahr: schwellende Bäche, Schneerutsche und Lawinen können einen einsamen Wanderer bedrohen. Und Dani war noch so klein!

Die Großmutter ging ins Haus zurück und betete. Und während sie betete, stand ein Bild vor ihr. Denn je schlechter die Großmutter mit ihren äußeren Augen sah, desto besser sah sie mit ihren inneren Augen. Ein finsterer Wald schien sich vor ihr zu erheben, von tiefen, gurgelnden Gewässern durchschnitten, ein Wald mit rauen, von Lawinen und Geröll unterbrochenen Wegen. Auf einem solchen Weg lief Dani dahin, die Hände voller Krokusse. Neben ihm schritt ein Engel mit weißen Flügeln, und im Schatten dieser Flügel war Schutz und Wärme und Sicherheit.

»Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters«, flüsterte Großmutter. Ganz friedevoll war ihr zumute, als sie sich erhob und das Abendessen vorbereitete.

Auf den Wiesen war nichts von Dani oder Schneeweißchen zu sehen, auch am Rand des Tannenwaldes nicht. Kreuz und quer suchten die beiden und riefen nach ihm, aber niemand antwortete ihnen außer ihr eigenes Echo und das Rauschen des Wildbachs. Allmählich sank die Sonne den Gipfeln entgegen und die Schatten auf den Wiesen wurden länger.

Plötzlich sagte Annette: »Papa, ich frage mich, ob er wohl zu Lukas gegangen ist. Ich habe die beiden in den letzten Tagen mehrmals beieinander stehen sehen. Ich will schnell zum Chalet hinunterlaufen und fragen.«

Und weg sprang sie über die Gräben und Grasbüschel und erreichte Frau Matters Haus in weniger als fünf Minuten. Ganz außer Atem hielt Annette an und rief laut:

»Frau Matter! Lukas! Wo seid ihr? Habt ihr Dani nirgends gesehen?«

Das Haus war still und verlassen. Die Bewohner konnten aber kaum weit weg sein, denn die Tür stand offen. Eben wollte Annette zum Kuhstall hinübergehen, als sie Frau Matters breite Gestalt den Fußweg von ihrem eigenen Chalet heraufkeuchen sah. Annette rannte ihr entgegen.

»Frau Matter«, rief sie lebhaft und ergriff sie bei der Hand, »wissen Sie nicht, wo unser kleiner Dani ist? Er ist weggelaufen und wir haben ihn seit über drei Stunden nicht gesehen. Meinen Sie, dass er bei Lukas ist? Und wo ist Lukas?«

»Schon möglich«, entgegnete Frau Matter nicht besonders freundlich. »Ich bin soeben bei euch unten gewesen, um zu fragen, ob ihr etwas von Lukas wisst. Der faule Bursche sollte längst daheim sein. Die Kühe schreien schon und wollen gemolken werden. Ich werde es wieder selber machen müssen, wenn er nicht angekommen ist, während ich weggewesen bin. Komm, wir wollen nachsehen!«

Sie gingen zum Stall hinüber und schoben die schwere Holztür auf. Die rotbraune Kuh stampfte und schlug mit dem Schwanz um sich. Aber kein Lukas war zu sehen. Frau Matter wandte sich mit einem ärgerlichen Ausruf ab und wollte eben die Tür schließen, als Annette sie am Ärmel fasste und den Zeigefinger an den Mund legte.

»Hören Sie?«, flüsterte sie. »Was ist das für ein Geräusch im Stroh oben?«

Eine Weile lauschten sie beide mit angehaltenem Atem. Aus dem Strohhaufen über ihnen klang es unmissverständlich nach ersticktem Schluchzen.

Wie eine wilde Katze schoss Annette die Leiter hinauf und Frau Matter folgte ihr mühsam. Beide ahnten: Es war etwas ganz Schlimmes geschehen; aber Annette dachte nur an Dani und Frau Matter nur an Lukas.

»Lukas, mein armes Kind«, rief sie, »was ist geschehen? Wo tut’s dir weh?«

»Dani«, fauchte Annette, packte Lukas am Arm und schüttelte ihn. »Wo ist er? Was hast du ihm angetan? Gib ihn sofort her!«

Lukas presste sich tiefer ins Stroh und schüttelte leidenschaftlich den Kopf. Er war völlig außer sich.

»Ich – weiß – nicht –, wo – er – ist!«, schrie er. »Es ist nicht meine Schuld.«

»Was ist nicht deine Schuld?«, schrie Annette zurück und schüttelte ihn noch mehr. »Wo ist er? Du weißt es! Und du lügst! Frau Matter, machen Sie, dass er die Wahrheit sagt!«

Frau Matter schob Annette beiseite und kniete neben Lukas nieder. Ihr Gesicht war totenbleich, denn sie hatte erraten, dass Dani etwas zugestoßen sein musste und dass Lukas davon wusste. Sie hob sein Gesicht aus dem Stroh und drehte es zu sich hin.

»Lukas«, befahl sie und versuchte, ruhig zu sprechen. »Sag es mir sofort: Wo ist Dani?«

Lukas starrte sie verzweifelt an und begriff, dass es unmöglich war auszuweichen.

»Er ist tot«, stieß er hervor, grub das Gesicht aufs Neue ins Stroh und schluchzte drauflos.

Annette hatte es gehört, aber sie regte sich nicht. Sekundenlang war sie unfähig, sich zu bewegen. Im Dämmerlicht schien ihr Gesicht aschfahl, sodass Frau Matter fürchtete, sie würde gleich ohnmächtig hinfallen, und versuchte, den Arm um sie zu legen. Aber Annette sprang zur Seite. Dann sprach sie mit einer heiseren Stimme, die gar nicht ihr zu gehören schien:

»Du musst kommen und uns zeigen, wo er ist. Dann kann ihn mein Vater wenigstens heimtragen. Und später«, fügte sie halblaut hinzu, »später bringe ich dich um.«

Frau Matter überhörte das Letztere, aber das, was Annette zuvor gesagt hatte, kam ihr vernünftig vor. Sie ergriff ihren Jungen am Arm, stellte ihn auf seine Füße und schleppte ihn die Leiter hinunter. Unten angekommen, drang sie nochmals in ihn:

»Komm, Lukas, du musst uns zeigen, wo Dani ist, und zwar schnell, sonst kommt Herr Brunner mit der Polizei, um dir Beine zu machen.«

Diese Drohung brachte ein bisschen Vernunft in Lukas’ wirre Gedanken, und er stapfte bergauf, so schnell er konnte. Er schluchzte unaufhörlich und beteuerte, dass er nicht schuld sei. Frau Matter schluchzte ebenfalls, aber Annette vermochte keine Träne zu vergießen. Ihre Tränen waren vor Elend und verhaltener Wut wie festgefroren.

In kürzester Zeit hatten sie das Mäuerchen erreicht, und Lukas zeigte in die finstere Schlucht hinunter.

»Da unten ist er, im Bach ertrunken«, wimmerte er. Dann warf er sich zu Boden und drückte das Gesicht ins Gras. In diesem Augenblick erschien Herr Brunner am Waldrand und eilte auf die Gruppe zu.

Er beachtete Lukas nicht. Er warf einen Blick auf seine Tochter und einen zweiten auf die Felsen, und bei diesem flüchtigen Blick sah er etwas, das keiner der anderen bemerkt hatte: ein zitterndes weißes Kätzchen, auf einem Felsvorsprung kauernd, am äußersten Rand eines überhängenden Felsblocks. Nun wusste er, was er zu tun hatte. »Ich muss ein Seil holen«, sagte er bloß und rannte den Abhang hinunter wie ein von wilden Tieren Verfolgter.

Großmutter stand an der Tür und auch sie las in seinen Zügen alles, was sie vorläufig zu wissen brauchte. Wortlos sah sie ihm zu, wie er sein Bergseil von der Wand nahm und damit in die anbrechende Dunkelheit hinauseilte.

»In der Schlucht«, rief er ihr noch zu und verschwand.

Da setzte Großmutter Wasser aufs Feuer, suchte altes Bettzeug heraus und füllte eine große metallene Wärmflasche, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Dann setzte sie sich, schloss die Augen und faltete die Hände. Wieder sah sie Dani vor sich, diesmal von den kalten Wassern der Schlucht ergriffen; aber die weißen Flügel des Engels stemmten sich gegen die Strömung und Dani wurde von seinen starken Armen aufgehoben.

»Er wird seinen Engeln befehlen über dir«, flüsterte Großmutter. Dann stieg sie die Treppe hinauf, um Danis Bett zu wärmen.

Der Vater war in erstaunlich kurzer Zeit wieder am Berg oben, aber den Wartenden kam es trotzdem wie Stunden vor. Niemand sprach, als er das Seil an einem Baumstamm sicherte und es sich um den Leib legte. Dann kletterte er über die schlüpfrigen Felsen und ließ sich über den Rand hinunter. Über dem Abgrund hängend, wagte er es, in die tobenden Fluten zu blicken, die sein Kind weggetragen haben mussten. Doch was er sah, trieb eine Welle der Hoffnung in sein Herz und einen Schrei auf seine Lippen.

Denn Großmutter hatte richtig gesehen. Die Engel hatten über Dani gewacht, als er gestürzt war, sodass er gar nicht bis zum Wasser hinuntergelangt war. Er war auf einen herausragenden Felsvorsprung gefallen, und da lag er flach auf dem Rücken, das eine Bein unter sich umgebogen, und wartete schluchzend, dass jemand käme und ihn heraufholte. Die Zeit war ihm lang vorgekommen, und Dani meinte später, er werde wohl ein Weilchen geschlafen haben, denn er wusste nicht viel über jene zwei Stunden. Die klare Erinnerung setzte erst da ein, wo sein Vater wie ein mächtiger Vogel über ihm schwebte, dann bei ihm Fuß fasste und neben ihm niederkniete.

»Papa«, murmelte Dani mit zitternder Stimme, »wo ist Schneeweißchen?«

»Genau über dir«, erwiderte sein Vater, voller Erleichterung in das kleine, blasse Gesicht blickend. »Wir nehmen es auf dem Rückweg gleich mit.«

»Papa, mein Bein tut so weh und ich kann’s gar nicht bewegen. Wirst du mich heimtragen?«

»Selbstverständlich. Deshalb bin ich doch gekommen. Ich will dich sogleich heimtragen.« Und er legte die Arme um seinen kleinen Sohn.

»Aber Papa«, setzte die ängstliche, schwache Stimme wieder ein, »kannst du uns beide tragen, Schneeweißchen und mich miteinander? Du lässt doch das Kätzchen nicht da, oder? Es ist Zeit, dass es seine Milch bekommt, es hat sicher Durst.«

»Schneeweißchen kommt in meine Tasche«, versprach der Vater und hob das Kind sehr, sehr sorgfältig vom Boden auf. Dani stöhnte, denn sein Bein schmerzte schrecklich, sobald er es bewegte. Aber er hielt die Augen auf das Gesicht seines Vaters geheftet und war so tapfer, wie man es mit fünf Jahren überhaupt sein kann.

Es wurde ein langer, mühsamer Rückweg. Danis Vater konnte mit dem Kleinen im Arm nicht die Felsen hinaufklettern; er musste sich bis zum Ufer des Wildbachs hinunterlassen und einen Weg am Bach entlang suchen, bis dorthin, wo die Wand weniger steil abfiel. Dani versank in eine Art Betäubung und schien nichts mehr mitzubekommen, bis sein Vater ihn neben Annette ins Gras niederlegte. Da schlug er die Augen auf und fragte: »Hast du Schneeweißchen in der Tasche, Papa?«

»Ich hole es jetzt«, erwiderte der Vater. Sich am Seil festhaltend, rutschte er nochmals zum Rand des Abgrunds hinaus, ergriff das weiße Kätzchen und brachte es zu Dani. Dieser streckte die Arme aus und Schneeweißchen schmiegte sich an seine Brust und schnurrte. Da, zum ersten Mal an diesem aufregenden Abend, brach Annette in Tränen aus.

Sie legte den Kleinen auf Frau Matters Mantel und Herr Brunner trug die kostbare Last langsam, behutsam den Abhang hinunter, nach Hause, während Annette mit Schneeweißchen auf dem Arm folgte. Ein trauriger kleiner Zug! Und doch waren ihre Herzen voller Dankbarkeit: Dani war am Leben und hatte gesprochen. Das war vorläufig genug.

Doch niemand, nicht einmal seine Mutter, hatte einen Gedanken übrig für Lukas, der noch immer zusammengekauert am Fuße der Mauer lag. Als er den Kopf hob und merkte, dass man ihn allein gelassen hatte, allein in der Nacht, da fühlte er sich von der ganzen Welt verstoßen und vergessen. Er richtete sich auf, schlich in der Dunkelheit nach Hause und kroch schlotternd in sein Bett, so einsam und elend, wie nur je ein Junge auf diesem Erdenrund gewesen war.

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12 ноября 2024
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230 стр. 1 иллюстрация
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9783955683221
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