Читать книгу: «Was ist eigentlich evangelisch?»

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Inhalt

1  I. Was ist eigentlich evangelisch? Gute Frage 1. „Dann geht’s ja noch“ 2. Sich auf die Suche machen 3. Keine Nostalgie

2  II. „Evangelisch“ kommt von „Evangelium“ 1. Ein paar Worterklärungen 2. Ein kleiner Blick zurück 3. Ein vorläufiges Fazit

3  III. Die Bibel aufschlagen 1. Wo anfangen, wo aufhören? 2. Hineininterpretieren, was man will? 3. Keine falsche Scham

4  IV. Einem Anderen angehören 1. „Think pink“? 2. Die Wahrheit: ein Name 3. Ein mitunter brisantes Bekenntnis

5  V. Befreit aufatmen 1. Ein merkwürdiger Eindruck 2. Luthers Entdeckung 3. Ein empfindlicher Nerv

6  VI. Einfach glauben 1. „Manche Sachen, die wir getrost belachen“ 2. Sich vertrauensvoll einlassen 3. Keine Geschäftemacherei

7  VII. Glauben und Verstehen 1. Ein Rest Romantik? 2. Vertrauen und Erkennen 3. Den Verstand in Anspruch nehmen

8  VIII. Nüchtern fromm sein 1. Ein Wort, das keinen besonders guten Ruf besitzt 2. Ein paar historische Hintergründe 3. Ein neues Zauberwort: „Spiritualität“ 4. „Meine Augen sehnen sich nach deinem Heil“ 5. Auf der Suche nach einer evangelischen Spiritualität

9  IX. Evangelisch beten? 1. „Jetzt hilft nur noch beten“ 2. Eine andere Gebetslogik 3. „Nötig“ statt „nützlich“

10  X. Gutes tun – aber warum nur? 1. „Leistung muss sich wieder lohnen“ 2. „… dass ich in den Himmel komm“ 3. „… sorglose und verruchte Leute“? 4. Eine ernste Verantwortung

11  XI. Gottesdienst 1. Ein buntes Sammelsurium? 2. Biblische Auffälligkeiten 3. „Gottesdienst“ so oder so herum gelesen 4. Fragen, mit denen man sich beschäftigen sollte

12  XII. Die evangelischen Sakramente 1. Was ist eigentlich ein Sakrament? 2. Taufe: Eine andere Welt ist möglich 3. Abendmahl: Etwas für unterwegs

13  XIII. Kirchenmusik – der große Bluff? 1. Fast eine Musikschule 2. Das Geheimnis der Musik 3. Kein Selbstzweck 4. Fragen, die erlaubt sein müssen

14  XIV. Den Mund aufmachen 1. Zwischen Missionssonntag und „Mission Impossible“ 2. „Ich glaube, darum rede ich“ 3. Mission am Gartenzaun 4. Die Stunde des Petrus

15  XV. Kirche von unten 1. Evangelische Umständlichkeit 2. Calvins Impuls 3. Fast revolutionär

16  XVI. Kirche für andere 1. „… dass allen Menschen geholfen werde“ 2. „Anwältin der Schwachen“ 3. Kirchliche Volkshochschule? 4. „Sucht des Stadt Bestes!“ 5. Anders als anderswo

17  XVII. Evangelisch und Humor – eine Zugabe 1. Hauptsache locker? 2. „Narren um Christi willen“ 3. Heilsame Entlarvung

I. Was ist eigentlich evangelisch? Gute Frage
1. „Dann geht’s ja noch“

Wir schreiben das Jahr 1971. Wieder einmal bin ich per Anhalter unterwegs. Von Wesel, meinem damaligen Heimatort am Niederrhein, nach Tübingen, meinem Studienort im Schwäbischen. Zum Teil, weil in jenen Zeiten das Geld wie immer ein wenig knapp ist. Zum Teil aber auch, weil „Trampen“ immer so ein wenig den Hauch des Abenteuerlichen hat. In Höhe Bruchsal hält endlich ein Opel Rekord. Ein freundlicher Vertreter Richtung Stuttgart. Immerhin. Wahrscheinlich nimmt er mich mit, weil ihm ein wenig langweilig ist. Schon nach ein paar Minuten sind wir im Gespräch. Was ich denn so machen würde. „Studieren.“ „Aha. Und was, wenn man fragen darf?“ „Theologie.“ „Katholisch oder evangelisch?“ „Evangelisch.“ „Na, dann geht’s ja noch.“

Ich weiß nicht, wie oft in meinem Leben ich solche Dialoge – zum Teil wörtlich – geführt habe. Offenbar sind allein die Stichworte „katholisch“ und „evangelisch“ mit bestimmten festen Vorstellungen verbunden. Katholisch – das ist doch vor allem konservativ, mittelalterlich im Denken, hierarchisch, männerdominiert, moralisierend, sexualfeindlich, rituell erstarrt, politisch eher Mitte-Rechts. Die Kirchen: viel zu viel Prunk und Protz. Und vor allem: „Die Priester, die dürfen ja nicht heiraten.“ Furchtbar. – Evangelisch – das ist dagegen doch viel moderner, aufgeklärter, demokratischer, lebenszugewandter, emanzipierter, in Sexualfragen freier, politisch eher links-liberal. Die Kirchen: wohltuend nüchterner und bescheidener. Und vor allem: „Bei euch dürfen ja auch die Pfarrer heiraten.“ Außerdem muss man als Protestant zum Glück nicht jeden Sonntag in die Kirche rennen wie bei den Katholiken. Irgendwie scheint es bei den Evangelischen alles nicht so sehr drauf anzukommen. „Katholisch oder evangelisch?“ „Evangelisch.“ „Na, dann geht’s ja noch.“

Was katholisch ist, mögen andere beantworten. Aber was ist eigentlich evangelisch? Stimmt das überhaupt, dass man hier „alles nicht so eng sieht“? Und wie ist das: Was haben die eigentlich statt des Papstes? Oder wer sagt sonst, wo es langgeht? Gibt es hier auch so etwas, das man „glauben muss“? Warum haben die keine Beichte? Ist Konfirmation so etwas Ähnliches wie Kommunion? Was ist mit Ehe, Pille, Fasten und Karneval? Oder kann hier jeder glauben und machen, was er will? – Tja, was ist eigentlich evangelisch? Gute Frage.

2. Sich auf die Suche machen

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer Gruppe von Muslimen. Ein paar Tage zuvor hatten bereits einige aus unserer Gemeinde als Gäste am Freitagsgebet der benachbarten Moschee teilgenommen. Nun stand der Gegenbesuch von Seiten der Muslime in unserem Gemeindehaus an. Nach dem Gottesdienst, an dem die kleine Gruppe muslimischer Männer auch teilgenommen hatte, kommt es zu einem Gespräch im Kirchencafé. Beide Seiten sollen einmal in Kürze sagen, was das Wesentliche ihres Glaubens ist. Die muslimische Seite ist damit rasch durch. Kurz und bündig zählen sie die berühmten „fünf Säulen“ des Islam auf: das Bekenntnis zu dem einen Gott und seinem Propheten Mohammed, das tägliche Gebet, der Ramadan, das Almosengeben und die Wallfahrt nach Mekka. Nun ist unsere Seite an der Reihe. Doch da wird es schon wesentlich einsilbiger. Kann man das überhaupt: in ein paar Sätzen sagen, was evangelisch ist?

Ja, gewiss, irgendwann haben wir einmal im Konfirmandenunterricht etwas gelernt: die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, die eine oder andere Liedstrophe. Als sozusagen „eiserne Ration“ eines Christenmenschen. Im Laufe des Lebens sind einem womöglich die verschiedensten biblischen Texte begegnet: Geschichten, Gleichnisse, Psalmen oder auch nur einzelne Verse – etwa als Tauf-, Konfirmations- oder Trauspruch. Aber irgendwie ist dabei vielleicht der Blick für das Ganze verloren gegangen, für den Kern, den oder die zentralen Inhalte des evangelischen Glaubens.

Neidisch blicken wir dann manchmal womöglich auf andere Frömmigkeitsformen oder gar Religionen, in denen uns Menschen begegnen, die anscheinend sehr viel genauer, sehr viel rascher, klarer und selbstbewusster sagen können, was sie glauben. Menschen, die ihre religiösen Formulierungen, manchmal vielleicht auch nur ihre Formeln abrufbar parat zu haben scheinen. Und mit ihren klaren Formeln auch meist ein klares Weltbild zur Hand haben. Ein Weltbild, in dem es eindeutige Grenzen gibt, etwa zwischen wahr und unwahr, richtig und falsch, gut und böse. Und wo so etwas wie Unsicherheit im Glauben, so etwas wie Zweifel oder Anfechtung gar nicht vorzukommen scheint. Ja, man mag da als schlichter evangelischer Christenmensch manchmal regelrecht neidisch werden.

Ich muss allerdings gestehen: Mich überzeugen solche Glaubenshaltungen, die mit breiter Brust daherkommen, wenig. Mich beeindrucken mehr die Menschen, die auch und gerade in ihrem Glauben Fragende bleiben. Menschen, die den Zweifel und die Anfechtung nicht als einen Feind ansehen, sondern als einen Teil ihres Glaubens akzeptieren. Ich würde mich gerne mit solch einer fragenden und suchenden Haltung auf den Weg machen, wenn es darum geht, was eigentlich evangelisch ist.

Und wie das so ist, wenn man sich auf den Weg macht und sich vielleicht noch ein wenig unsicher fühlt, dann ist es gut, wenn man einen kompetenten Begleiter hat, der sich besser auskennt. Das sollen für uns vor allem die „Väter“ des evangelischen Glaubens, die Reformatoren, sein: Luther, Calvin und wie sie alle hießen. Ihre Namen stehen ja seit der Reformation für ein spezifisch protestantisches „Profil“, wie man heute gerne sagt. Worum ging es ihnen überhaupt – etwa in Abgrenzung zur damaligen römischen Kirche? Und: Was können wir heute in einer völlig veränderten Welt noch mit ihren Einsichten anfangen? Wir leben doch mittlerweile in ganz anderen gesellschaftlichen Verhältnissen, in ganz anderen Denkweisen und mit ganz anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen als zu Zeiten der Reformation, also des 16. Jahrhunderts. Auch diese Fragen werden uns zu beschäftigen haben. Ob das immer in knappen fünf Sätzen gelingt, sei allerdings dahingestellt.

3. Keine Nostalgie

Beim Stichwort „Reformation“ fällt uns vielleicht als erstes Martin Luthers berühmter Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ ein. Dumpf dringen die Worte des großen Reformators über die Jahrhunderte hinweg an unser Ohr. Vielleicht stehen wir gerade vor dem berühmten Lutherdenkmal in Worms und blicken ehrfürchtig an der erhabenen, in Gussstahl gegossenen überlebensgroßen Figur empor. Vielleicht waren wir seinerzeit in dem überraschend erfolgreichen Luther-Film und erinnern uns der eindrucksvollen Szene, in der der kleine Mönch aus Wittenberg 1521 auf dem Reichstag zu Worms Kaisern und Königen ins Gesicht hinein tapfer widersteht. Vielleicht denken wir auch zurück an die eine oder andere Religionsstunde, in der uns von einer jungen, eifrigen und erzählbegabten Lehrerin die großen Heldentaten der Väter im Glauben nahegebracht wurden. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Diese Worte sind seit vielen Generationen verbales Markenzeichen des Protestantismus. Protestantismus, so haben wir es gelernt, das hat etwas mit Protest zu tun, mit Rückgrat und Zivilcourage, mit einem Einstehen für die Wahrheit und einer unbedingten Bindung an das Gewissen, mit Unbeugsamkeit und Prinzipientreue.

Wer sich allerdings ein wenig mit der Geschichte der Reformation beschäftigt, merkt bald, dass es sich bei jenem berühmten Satz zu Worms nicht um eine allgemein menschliche oder gar typisch protestantische Tugend handelt. Unbeugsamkeit als solche ist noch kein evangelisches Markenzeichen. Einfach „nicht anders zu können“ kann auch Ausdruck von Unbelehrbarkeit, von innerer Starre, von geistiger Enge und unerträglicher Borniertheit sein. Martin Luther aber konnte nicht deshalb „nicht anders“, weil er nun einmal so ein Dickschädel war, sondern weil er von etwas Anderem, genauer: einem Anderen ergriffen worden war. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, das heißt nämlich im Kern: Ich weiß von einer anderen Wahrheit als der, die mir täglich drohend entgegentritt. Nur um jener anderen Wahrheit – nennen wir sie beim Namen: nur um Jesu Christi willen – und nicht um eines Prinzips des Neinsagens willen galt es und gilt es vielleicht auch heute noch, „nicht anders zu können“.

Wir wollen versuchen, uns jene Wahrheit, die sich die Reformatoren – und nicht nur sie – ziemlich viel haben kosten lassen, noch einmal in Ruhe vor Augen zu führen. Nicht aus einer protestantischen Nostalgie heraus. Nicht um die Geschichte unserer Kirche zu verklären. Und schon gar nicht um einer evangelischen Selbstbeweihräucherung willen. Sondern um herauszubekommen, welche Erkenntnisse von „damals“ auch heute noch für uns eine Botschaft bergen. Für uns, die wir ja mittlerweile in einer völlig gewandelten Welt leben. Historische Rückblicke sind schön und gut. Aber wenn sie nicht zu uns zu „sprechen“ beginnen, bleiben sie totes Wissen, allenfalls Hobby für ein paar geschichtlich Interessierte. Die Evangelische Kirche – so viel sei bereits jetzt verraten – lebt aber zentral davon, dass in ihr etwas lebendig ist und sich in der Gegenwart unmissverständlich bemerkbar macht. Egal, ob im Kleinen oder Großen.

Doch eins nach dem anderen.

II. „Evangelisch“ kommt von „Evangelium“
1. Ein paar Worterklärungen

Was ist eigentlich evangelisch? Man könnte es sich leicht machen und einfach ein schlaues Fremdwörterbuch aufschlagen. Da würden wir dann erfahren, dass das Wort „evangelisch“ von dem lateinischen Wort „Evangelium“ abstammt, das wiederum eine Übersetzung des griechischen Ursprungswortes („euangellion“) ist. „Evangelium“ bedeutet wörtlich übersetzt: „gute Botschaft“.

Das Wort „Evangelium“ kommt vor allem im Neuen Testament vor. Es meint dort durchweg die Botschaft von Jesus Christus. So beginnt z. B. Markus seinen Bericht mit den Worten: „Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus“ (Markus 1,15). Er verwendet hier das Wort „Evangelium“ offenbar deshalb, weil er der Meinung ist, dass es sich bei dieser Botschaft eben um eine „gute“ handelt. Auch die anderen drei neutestamentlichen Autoren, die einen Bericht über Jesus Christus abliefern, also Matthäus, Lukas und Johannes, verstehen ihre Botschaft grundsätzlich als Evangelium, weshalb wir die Berichte dieser vier Autoren auch selbst jeweils als „Evangelium“ und sie selbst als „Evangelisten“ bezeichnen. Im Inhaltsverzeichnis eines Neuen Testaments finden wir dementsprechend das Matthäus-, das Markus-, das Lukas- und das Johannesevangelium.

Genau genommen bezeichnet das Wort „Evangelium“ also zweierlei. Einmal meint es grundsätzlich die gute Botschaft von Jesus Christus. Und zum anderen meint es die literarische Gattung, in der die neutestamentlichen Autoren Matthäus, Markus, Lukas und Johannes ihre Berichte über Jesus Christus verfassen. Literaturwissenschaftler weisen darauf hin, dass es sich bei der Gattung „Evangelium“ um etwas ganz Einmaliges, geradezu um ein Unikum handele. Nirgendwo sonst in der Weltliteratur komme diese spezielle literarische Form vor. Vielleicht ein erstes Anzeichen dafür, dass es sich bei dem Inhalt, den diese Form birgt, nämlich der Botschaft von Jesus Christus, in der Tat um etwas Einmaliges handelt?

Jedenfalls begegnet uns in diesem, also dem literarischen Sinne das Wort „Evangelium“ z. B. im Gottesdienst, wenn es dort heißt, nun folge die „Evangeliumslesung“. Gemeint ist, dass nun ein Text aus den vier Evangelien vorgelesen wird. Davon unterschieden ist dann etwa die alttestamentliche Lesung oder die „Epistellesung“. Das Wort „Epistel“ stammt von dem griechischen Wort „Epistolä“ und bedeutet „Brief“. Bei einer Epistellesung geht es also immer um einen der Briefe, von denen wir im Neuen Testament etliche haben, z. B. den Römerbrief, den 1. Korintherbrief, die Petrus- oder Johannesbriefe.

Das Interessante ist nun, dass der Apostel Paulus in seinen Briefen, die ja literarisch kein Evangelium sind, das Wort „Evangelium“ ebenfalls häufig verwendet, nun aber in dem eingangs erwähnten grundsätzlichen Sinne der „guten Botschaft“ von Jesus Christus. So versteht er sich selbst etwa als „Knecht Jesu Christi“, der „ausgesondert ist zu predigen das Evangelium Gottes“ (Römer 1,1). Immer wieder treffen wir bei ihm – und nach ihm auch bei den anderen neutestamentlichen Autoren – das Wort „Evangelium“ in diesem grundsätzlichen Sinne an. Das hat dazu geführt, dass man nicht selten die ganze biblische Botschaft als „Evangelium“ bezeichnet, also nicht nur die Texte der vier Evangelisten oder die Inhalte der neutestamentlichen Briefe. Martin Luther war sogar der Ansicht, dass uns die gute Botschaft von Jesus Christus in jedem einzelnen Wort des Alten Testaments begegnet, wenn auch mitunter auf sehr verborgene Weise.

Das Wort „evangelisch“ bezieht sich nun vor allem auf diesen grundsätzlichen Sinn des Wortes „Evangelium“. Christinnen und Christen, die sich „evangelisch“ nennen, wollen damit zum Ausdruck bringen, dass ihr Christsein wesentlich davon bestimmt ist, dass sie auf das Evangelium, also die gute Botschaft von Jesus Christus, hören. Welche praktischen Konsequenzen das hat, wird man sehen müssen. Und ob diese grundsätzliche Orientierung am Evangelium einem evangelischen Christenmenschen immer gleich anzumerken ist, steht zunächst auf einem anderen Blatt. Gleichwohl halten wir zunächst einmal fest: „Evangelisch“ kommt von „Evangelium“. So weit, so einfach.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn warum legt die Evangelische Kirche überhaupt so einen großen Wert darauf, dass diese Grundorientierung am Evangelium schon in ihrem Namen, also gewissermaßen programmatisch zum Ausdruck kommt? Ist das Hören auf das Evangelium für einen Christen – welcher Konfession auch immer – nicht selbstverständlich? Um diese offensichtlich doch nicht ganz so selbstverständliche Selbstverständlichkeit ein wenig zu verstehen, müssen wir für einen Moment die Uhr anhalten und einen kleinen Blick zurück in die Vergangenheit werfen.

2. Ein kleiner Blick zurück

Wann genau das Wort „evangelisch“ zur Bezeichnung bestimmter Christen zum ersten Mal auftaucht, lässt sich nicht mehr exakt ausmachen. Es muss in den Jahren der Reformation gewesen sein. Seit seinem berühmten Thesenanschlag zu Wittenberg im Jahr 1517 hatte sich Martin Luther immer wieder heftig mit seiner Kirche angelegt. Vieles an ihr störte ihn, ja sah er sogar in eklatantem Widerspruch zur Botschaft der Bibel: Ablasshandel, Messopfer, Werkgerechtigkeit, Papsttum, kirchliche Hierarchien, Prunksucht, Heiligenverehrung und Reliquienkult, um nur einiges zu nennen. Luther erkannte als Hauptursache für diese Missstände, dass sich die Kirche seiner Zeit eben nicht mehr, zumindest nicht mehr ausschließlich auf die biblische Botschaft von Jesus Christus bezog. An die Stelle der Heiligen Schrift war aus seiner Sicht die Kirche selbst getreten – mit ihrem Anspruch, das Heil zu verwalten, die Frömmigkeitsformen vorzugeben und unbedingten Gehorsam zu fordern. Was zu glauben oder nicht zu glauben war, war von der Kirche vorgegeben. Wer dem nicht folgte, hatte mit Ausgrenzung und nicht selten auch Verfolgung zu rechnen, um es einmal vorsichtig auszudrücken.

Demgegenüber Luthers erster, wenn man so will: „evangelischer“ Grundsatz: allein die Schrift. Die Kirche ist nicht um ihrer selbst und schon gar nicht um ihres eigenen Machterhalts willen da, sondern ausschließlich, um das Evangelium Gottes in der Welt laut werden zu lassen. Dieses finden wir aber nicht in kirchlichen Traditionen, Lehrsätzen oder noch so frommen Frömmigkeiten. Wir finden es zuallererst und einzig in seinem Wort, so wie es uns eben in dem Text, der Jesus Christus zum Inhalt hat, begegnet, also dem Text der Bibel. Sie, nur sie allein – und nicht etwa auch noch Dogmen und Traditionen – ist das Dokument, der Kanon, die Richtschnur der Wahrheit. Deshalb kritisiert Luther die Römische Kirche auch nie aus einer sozusagen pubertären, antiautoritären Haltung heraus. Er kritisiert sie immer nur über der aufgeschlagenen Bibel. Sie ist die Instanz, an der sich alles messen lassen muss. Sie ist das kritische Korrektiv der Kirche. Deshalb der Grundsatz: allein die Schrift. Lateinisch: sola scriptura. In diesem Sinne hat Luther mitunter auch seine eigenen Schriften als „evangelisch“, also als auf die Heilige Schrift und nur auf diese bezogen bezeichnet.

Dass solch eine radikale Sicht der Dinge nicht lange gut gehen konnte, liegt auf der Hand. Wer lässt sich schon gerne nachsagen, er läge mit seiner Art Christsein völlig daneben, gar im Widerspruch zum Wort Gottes selbst? Die Kirche der damaligen Zeit jedenfalls nicht. Wir kennen die heftigen und nicht selten auch gewalttätigen Auseinandersetzungen der Reformations- und Nachreformationszeit. Zimperlich ging es da auf beiden Seiten nicht eben zu. Bis hin zu den schrecklichen und blutigen Kämpfen etwa des Dreißigjährigen Krieges gut hundert Jahre später.

Was die Selbstbezeichnung der Menschen, denen Luthers Protest gegen die damalige Kirche eingeleuchtet hatte, angeht, so begegnet uns – offenbar in Ermangelung von etwas Geeigneterem – zunächst der Begriff der „Lutherschen“. Ähnlich wie es dann später auch bei den anderen Reformatoren etwa „Zwinglianer“ oder „Calvinisten“ gab, zum Teil bis heute. Doch Luther selbst war die damit verbundene Personalisierung durchaus zuwider. „Was ist schon Luther?“, konnte er schon mal in seiner bekannt drastischen Art von sich geben: „Ein armer, stinkender Madensack.“ Jedenfalls nicht der Held oder gar Religionsgründer, als der er uns auf manch einem Sockel vor Augen gestellt wird. Dennoch hält sich das Wort „luthersch“ hartnäckig – bis hinein in die verschiedenen „lutherischen“ Landeskirchen, von denen es ja einige in Deutschland gibt, oder die verschiedenen „Lutheran Churches“ weltweit. Ohne diesen Kirchen gleich einen unevangelischen Personenkult unterstellen zu wollen.

Bevor sich „evangelisch“ zur Bezeichnung aller der Reformation verbundenen Menschen durchsetze, tauchte im Jahr 1529 noch ein weiterer Begriff auf, der sich ebenfalls bis heute gehalten hat: „protestantisch“. Auf dem damaligen Reichstag zu Speyer setzte die „luthersche“ Minderheit dem Kaiser und den katholischen Ständen eine sogenannte „Protestation“ entgegen. Darin kämpfte sie vor allem für eine allgemeine religiöse Gewissensfreiheit. Die Gegner dieser Protestation, also die Anhänger der Römisch-Katholischen Kirche, bezeichneten diese protestierende Minderheit als „Protestanten“. Weil sich diese wiederum mit solch einer Bezeichnung nicht ganz verstanden fühlten, nannten sie sich fortan mehr und mehr „evangelisch“. Hinzu kamen später die Bewegungen, die auf die Schweizer Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin zurückgehen und die man in der Regel unter dem Sammelbegriff „reformiert“ antrifft. Schließlich taucht seit dem frühen 19. Jahrhundert auch das Wort „uniert“ auf, womit vor allem die Kirchen bezeichnet werden, auf deren Boden sich Lutheraner und Reformierte vorgenommen haben, friedlich zusammenzuleben.

3. Ein vorläufiges Fazit

Bis heute begegnen im evangelischen Raum alle Begriffe. Wollten wir ein vorläufiges Fazit ziehen, so müssten wir konstatieren, dass jeder von ihnen irgendein Argument für sich hat. In „lutherisch“ ist immerhin die Erinnerung an den Mann wach, der die ganze Geschichte historisch überhaupt ins Rollen gebracht hat. In „reformiert“ meldet sich der berechtigte Anspruch zu Wort, dass die Kirche nicht aus ihrer Tradition, sondern von ihrer steten Erneuerung durch das Wort Gottes lebt. In „protestantisch“ klingt etwas von dem an, dass die Botschaft des Evangeliums nicht einfach identisch ist mit den vielen Botschaften dieser Welt, sondern sich zunächst einmal in Opposition dazu befindet. Selbst in „uniert“ ist ja eine Wahrheit vorhanden, nämlich die, dass es schon zum Auftrag der Kirche gehört, nach Glaubensgemeinschaft zu streben. „Auf dass sie alle eins seien“, wie Jesus sagt (Johannes 17,21).

Doch nach all dem erscheint am Ende das Wort „evangelisch“ wohl noch der sachlich angemessenste Begriff zu sein zur Bezeichnung von Menschen und Kirchen, die sich vor allen anderen Dingen eben auf das Evangelium, also die gute Botschaft von Jesus Christus, beziehen. „Evangelisch“ kommt von „Evangelium“. Insofern kann man evangelisch grundsätzlich nur im Hören der biblischen Botschaft sein. Deshalb steht in einem evangelischen Gottesdienst unbedingt die Predigt, d. h. die Auslegung eines biblischen Textes, im Mittelpunkt. Äußerlich drückt sich das so aus, dass wir in vielen evangelischen Kirchen als Blickfang nicht das Kreuz oder irgendeine künstlerische Darstellung vorfinden, sondern eine aufgeschlagene Bibel vorne auf dem Altar bzw. auf dem Abendmahlstisch. Sie erinnert an den reformatorischen Grundsatz „sola scriptura“. Allein die Schrift. Evangelisch sein geht nicht ohne das Aufschlagen der Bibel.

Doch schon stellen sich neue Fragen ein.

III. Die Bibel aufschlagen
1. Wo anfangen, wo aufhören?

Viele sagen: Die Bibel aufschlagen – gut und schön. Aber erstens ist sie mir zu dick. Zweitens weiß ich gar nicht, wo ich dort anfangen und aufhören soll. Drittens kommen mir viele Texte darin ziemlich altertümlich und unverständlich vor. Und viertens ist mir der Grundsatz „allein die Schrift“ viel zu verkopft. Außerdem interpretiert jeder sowieso in die Bibel hinein, was er will. Da lass ich die Bibel gleich lieber zugeschlagen, gucke mir eine schöne gotische Kirche an oder suche den lieben Gott im Wald oder bei einem spirituellen Seidenmalkurs in der Toscana. Starker Tobak. In der Tat mag man manche Gründe gegen das Lesen der Bibel vorbringen. Aber zu Recht? Wir wollen versuchen, den genannten Einwänden Schritt für Schritt ein wenig nachzugehen.

Niemand wird abstreiten, dass die Bibel ein dickes Buch ist. Aber gilt dasselbe nicht auch von einem Dostojewski-Roman oder einem Harry-Potter-Band? Wem wirklich an der Lektüre eines Buches gelegen ist, der wird sich auch von seinem Umfang nicht abhalten lassen. Ganz im Gegenteil: Er wird vielleicht sogar bedauern, dass das Buch irgendwann – „leider“ – schon zu Ende ist. Doch die Bibel verlangt von sich aus gar nicht, sie von der ersten bis zur letzten Seite vollständig durchzulesen. Die Bibel ist ja kein in sich geschlossener Roman mit einer fortlaufenden, zusammenhängenden Handlung. Sie ist vielmehr eher eine Art Sammelband von sage und schreibe 66 einzelnen Schriften, die man durchaus auch je für sich genommen lesen kann. Die längsten von ihnen umfassen gerade einmal etwa 50 Seiten. Das ist zu schaffen. Die allermeisten der übrigen Schriften sind ohnehin sehr viel kürzer. Im Unterschied zu einem Roman besteht hier jedenfalls kein Zwang zur Vollständigkeit. Nein, an der Dicke allein kann es nicht liegen, wenn Menschen sich vor dem Aufschlagen der Bibel drücken. Aber woran dann?

Vielleicht, weil man nicht weiß, mit welcher Schrift man anfangen soll? Da ist etwas dran. Doch könnte an dieser Stelle hilfreich sein, dass die biblischen Schriften überaus verschieden sind. Fast alles, was es auch sonst an literarischen Gattungen gibt, ist dort anzutreffen: spannende Erzählungen und nüchterne Gesetzestexte, zu Herzen gehende Gebete und anrührende Gedichte, trockene Abhandlungen und leidenschaftliche Briefe, um nur einige zu nennen. Das könnte bei der Frage, mit welcher Schrift man anfangen soll, eine Hilfe sein. Jeder hat ja beim Lesen so seine Vorlieben. Der eine mag lange Romane, die andere bevorzugt eine bündige Kurzgeschichte. Der eine liebt bildreiche Lyrik, die andere ein informatives Sachbuch. Warum nicht auch beim Lesen der Bibel mit einem Text beginnen, der einem schon von seiner Form her eher liegt? Manch einer hat gute Erfahrungen etwa mit dem Markusevangelium gemacht. Andere mit dem ein oder anderen alttestamentlichen Psalm. Wieder andere mit einzelnen Erzählungen etwa aus dem ersten Buch Mose. Im Grunde ist es egal, wo und mit welcher Schrift wir in der Bibel anfangen. Wenn wir sie nur wirklich einmal aufschlagen wollten, so würden wir rasch die Erfahrung machen, dass man sich auch bei ihrer Lektüre durchaus „festlesen“ kann.

Damit sind wir beim nächsten kritischen Punkt: der biblischen Sprache. Vielen erscheint sie altertümlich und häufig auch unverständlich. Auch da ist natürlich etwas dran. Doch sollte man sich fairerweise klarmachen, dass die Schriften der Bibel ja nicht erst gestern, sondern vor vielen Jahrhunderten verfasst worden sind, genauer etwa im Zeitraum zwischen dem 9. Jahrhundert vor Christus und dem Jahr 150 nach Christus. Auch mit anderen alten Texten tun wir uns mitunter ein wenig schwer. Niemand wird ja erwarten, dass wir die Sprache etwa eines althochdeutschen Zauberspruchs, eines barocken Liebesgedichts oder einer philosophischen Abhandlung aus dem 18. Jahrhundert auf Anhieb verstehen.

Dieser Sprung in eine andere Sprach- und damit nicht selten auch andere Vorstellungswelt wird uns also auch anderen Orts abverlangt. Ohne ein wenig Mühe geht es beim Lesen bestimmter Texte eben nicht ab. Bei den biblischen Texten kommt nun erleichternd hinzu, dass es – im Unterschied zu anderen historischen Texten – mittlerweile eine ganze Reihe von neueren Übersetzungen gibt, die weitgehend der Gegenwartssprache angeglichen sind. Manche von ihnen sind zudem auch mit hilfreichen Erklärungen am Rande versehen. Jede Pfarrerin und jede gute Buchhandlung können einem hier unschwer einen brauchbaren Tipp geben.

Damit kommen wir zum Vorwurf der „Verkopfung“. Er wäre sicher berechtigt, wenn es beim „sola scriptura“ um nichts anderes als ein bedrucktes Stück Papier ginge. Mit „Schrift“ ist beim „sola scriptura“ aber nicht in erster Linie ein bestimmter Gegenstand, sondern sein Inhalt gemeint. Egal, ob dieser Inhalt durch eigene Lektüre oder gegenseitiges Vorlesen, in Form einer sachgerechten Nacherzählung oder – warum nicht? – auch einmal mit Hilfe eines Bildes, eines Spiels, einer Musik oder eines Films zur Kenntnis genommen wird. Zu Zeiten des Mittelalters, als die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten, galten die biblischen Darstellungen in den Kirchen als „biblia pauperum“, als „Bibel der Armen“. Das „sola scriptura“, also das Aufschlagen der Bibel, wäre völlig missverstanden, wollten wir es von einer bestimmten kulturellen Fähigkeit, eben der des Lesenkönnens, abhängig machen. Kindern im Kindergottesdienst wird die biblische Botschaft vor allem erzählt. Und manch ein glaubensferner Mensch ist etwa durch ein biblisches Musical oder eine Bach-Kantate neu auf den Inhalt der biblischen Botschaft aufmerksam geworden. Wenn in der Evangelischen Kirche der Grundsatz „allein die Schrift“ gilt, so nicht, um einen sozusagen „papierenen Götzen“ aufzurichten, sondern nur, um auf eine Botschaft hinzuweisen, die wir uns nicht selbst sagen können. Mit „Verkopfung“ hat das zunächst einmal gar nichts zu tun, auch wenn es beim Aufschlagen der Bibel sicher nicht verboten ist, auch einmal seinen gesunden Menschenverstand einzuschalten. – Bleibt ein vorläufig letzter Einwand.

2. Hineininterpretieren, was man will?

Katholikentag Regensburg 2014. Sie sitzt mir mit ihrem recyclebaren Pappbecher mit Kaffee aus fairem Handel gegenüber, und wir kommen so über dies und das ins Gespräch. Obgleich ich sie als eine junge, moderne Frau wahrnehme, die an ihrer Kirche durchaus das eine oder andere auszusetzen hat, nimmt sie beim Thema „Bibelauslegung“ doch eine – wie ich finde – sehr „katholische“ Haltung ein. Dass es da so eine zentrale Instanz – sie meint die päpstliche Lehrautorität – gebe, das habe die Katholische Kirche der Evangelischen doch immerhin voraus. Gruselig, wie beispielsweise bei den Protestanten jeder und jede einfach mitmischen könne und am Ende vieles auch „zerredet“ werde. In Glaubensdingen komme es doch auf eine klare, für alle verbindliche Linie an, die nun einmal „von oben“ festgelegt werden müsse. Meinen Einwand, was denn sei, wenn „von oben“ vielleicht auch einmal etwas Problematisches, womöglich auch einmal etwas ganz Falsches oder gar Gefährliches festgelegt werde, kontert sie mit dem Hinweis, dass sie in theologischen Dingen da doch ein ziemliches Vertrauen in den habe, der das schließlich – anders als sie – studiert habe und von der Kirche dazu geweiht sei. Einem Elektriker oder einem Zahnarzt pfusche sie ja schließlich auch nicht ins Handwerk.

Hat die junge Dame mit ihrer Kritik Recht? Nämlich dass beim Lesen der Bibel doch jeder in sie hineininterpretieren könne, was er mag? Es gibt ja in der Tat Umgehensweisen mit der Bibel, bei denen es vor allem um meine eigenen Assoziationen geht. Etwa: Was fällt mir alles ein, wenn ich in einem biblischen Text z. B. das Wort „Stein“ lese. Der eine mag dabei an die harten, belastenden Seiten seines Lebens erinnert werden, der andere an Erfahrungen, die ihn fest und zuversichtlich werden ließen. Niemand wird bestreiten, dass es Situationen gibt, in denen solch ein Vorgehen durchaus sinnvoll und hilfreich sein kann, etwa wenn es darum geht, einen neuen Zugang zu meinen eigenen Gefühlen und Erfahrungen zu bekommen. Auch bei einem biblischen Text ist es gewiss nicht von vornherein verboten, ihn – ähnlich einem x-beliebigen Meditationsgegenstand – auch einmal als Projektionsfläche meiner Gedanken und Empfindungen in Anspruch zu nehmen. Aber ob ein solcher Umgang mit dem biblischen Text dem, was dieser von sich aus sagen will, immer gerecht wird?

Stellen wir uns einmal spaßeshalber vor, der biblische Text sei irgendein menschliches Gegenüber. Dieses Gegenüber will uns etwas von sich erzählen. Aber bevor es überhaupt dazu kommt, benutzen wir das erstbeste Stichwort, um unsere eigenen Dinge loszuwerden. Unser Gesprächspartner will uns z. B. von seinem Urlaub am Bodensee erzählen. „Ah, da war ich auch schon“, fallen wir ihm ins Wort, „tolle Gegend, meist schönes Wetter. Außerdem gibt es da in Meersburg ein gutes Restaurant, wo man ausgezeichnet Fisch essen kann.“ Während es aus uns nur so heraussprudelt, ist unser Gegenüber gar nicht dazu gekommen, uns das, was es vom Bodensee erzählen möchte, mitzuteilen. Vielleicht hat ihm die Gegend ja gar nicht so gut gefallen. Vielleicht war das Wetter auch nicht so toll. Vielleicht hat es ganz andere Fischrestaurants kennengelernt. Vielleicht will es uns am Ende noch etwas ganz anderes mitteilen, was ihm wichtig ist. Diese Unart, unser Gegenüber gewissermaßen nur als „Stichwortgeber“ zu missbrauchen, ist sicher weit verbreitet. Zum Vorbild, um mit der Bibel ins Gespräch zu kommen, taugt sie jedenfalls nicht.

Aber muss das Lesen der Bibel zwangsläufig der Gefahr erliegen, dass jeder darin findet, was er möchte oder was er schon vorher wusste? Auch ein Gespräch mit einem menschlichen Gegenüber muss ja nicht notwendig so verlaufen, dass wir nur immer von uns selbst reden. Man kann sich ja auch einmal auf den anderen einlassen. Man kann ihm ja auch einmal in Ruhe zuhören. Man kann ja auch hier und da einmal ernsthaft nachfragen, ob wir unseren Gesprächspartner wirklich richtig verstanden haben. Man kann ja auch einmal an dem Interesse zeigen, was den anderen beschäftigt. Neugierig sein, was er uns sagen möchte.

Und so ähnlich scheint es mir auch mit der Bibel zu sein. Sie will uns ja von sich aus etwas mitteilen, womöglich etwas, was wir vorher so gar nicht kannten. Deshalb geht es beim Lesen der Bibel grundsätzlich nicht um ein Hineininterpretieren, sondern, wenn man so will, Herausinterpretieren. Die Bibelwissenschaft benutzt hier seit alters den Begriff „Exegese“. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Herausführung“. Wer die Bibel interpretiert, hat also gar nicht die Absicht, irgendetwas in sie „hineinzulesen“, sondern umgekehrt das, was in ihr steckt, sozusagen „herauszuführen“, sichtbar zu machen. Auf das zu hören und zu verstehen, was der Text selbst sagen will. Ob das immer auf Anhieb gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Beim Aufschlagen der Bibel geht es also, wenn man so will, zunächst um eine bestimmte Haltung. Man mag diese gerne neugierig, respektvoll oder gar demütig nennen.

Und dennoch bleibt mit der Kritik jener jungen Dame eine offene Flanke. Nehmen wir einmal an, wir haben die Bibel aufgeschlagen. Wir haben einen überschaubaren Text in einer sprachlich modernen und verständlichen Form gelesen. Wir haben redlich versucht, in Ruhe hinzuhören und so die Absicht des Textes zu verstehen. Gleichwohl beschleicht uns ein merkwürdiges Gefühl. Könnte man das Ganze vielleicht auch ganz anders verstehen? Haben wir überhaupt begriffen, worum es dort inhaltlich geht? Sind wir dem Text wirklich gerecht geworden? Was ist, wenn – auch bei ernsthaftestem und demütigstem Bemühen aller Beteiligten – am Ende der eine den biblischen Text so und die andere vielleicht völlig anders versteht? Man denke nur an die z. T. erbitterten Streite der verschiedenen theologischen Richtungen, etwa zwischen der historisch-kritischen oder der fundamentalistischen, der tiefenpsychologischen oder der feministischen, der sozialgeschichtlichen oder der narrativen Bibelauslegung. Machen diese verschiedenen Versuche ein wirkliches Verstehen dessen, was die biblischen Texte von sich aus sagen wollen, nicht von vornherein unmöglich?

Vielleicht sollten wir uns in dem Zusammenhang einmal von der negativen Bedeutung des Wortes „Streit“ freimachen. Vom Judentum etwa kann man lernen, dass gerade im Ringen um das rechte Verstehen des biblischen Textes Streit und Widerspruch auch etwas sehr Positives und Befruchtendes sein können. Wo steht denn geschrieben, dass uns die verschiedenen, womöglich auch einander widersprechenden Versuche, einen biblischen Text zu verstehen, immer gleich entzweien müssen? Könnte es nicht sein, dass wir in der friedlichen, respektvollen Auseinandersetzung mit anderen Versuchen der Interpretation am Ende nicht frustriert und erbittert, sondern vielmehr bereichert nach Hause gehen? Es käme zumindest auf den Versuch an. Die Reformatoren haben uns gelehrt, dass wir es bei solch einem Versuch gar nicht nötig haben, „nach oben“ zu schielen, sondern darauf vertrauen dürfen, dass der Heilige Geist jedenfalls das Seine dazutun wird.

3. Keine falsche Scham

Mit „allein die Schrift“, d. h. mit der Bindung an die Botschaft der Bibel, ist nun eine wichtige Weichenstellung gerade auch in der Auseinandersetzung mit Menschen anderer Konfessionen, Religionen oder Weltanschauungen vollzogen. Evangelische Christen werden sich heute an dem Streit um die Wahrheit nur sinnvoll beteiligen können, wenn sie sich dieses einzigen, wenn man so will: „Mediums“, nämlich der Bibel, bedienen. In der ökumenischen Begegnung, im christlich-jüdischen Gespräch, im interreligiösen Dialog wird es nicht darum gehen können, wer Recht hat – ein fruchtloses und, wie uns die Geschichte lehrt, auch häufig gefährliches Unterfangen. Es wird evangelischerseits in solchen Begegnungen nur darum gehen können, wieder und wieder die Bibel aufzuschlagen und also darauf zu verweisen, wo unserer Glaubensüberzeugung nach die Wahrheit zu finden ist.

Evangelische Christenmenschen werden aber nicht nur bei solchen Begegnungen, sondern vor allem in ihren eigenen Reihen wieder und wieder die Bibel aufzuschlagen haben. Sie werden deshalb auch selbstkritisch zu fragen haben, wo und mit welcher Ernsthaftigkeit das überhaupt noch in ihrer Kirche geschieht. Gewiss wird in jedem evangelischen Gottesdienst mindestens ein biblischer Text verlesen. Aber ist die Predigt wirklich immer dazu angetan, die Botschaft dieses Textes deutlich, lebendig und gegenwärtig werden zu lassen? Tritt da nicht manches Mal irgendeine hübsche Alltagsgeschichte, irgendeine Allerweltsweisheit, irgendein betulicher Zeigefinger an die Stelle dessen, was der Text nun einmal von sich aus sagen will? Ich kann mich jedenfalls an manch einen Ostergottesdienst erinnern, in dem mir mehr über aufsprießende Maiglöckchen als über den auferstandenen Christus mitgeteilt wurde.

Auch wird man selbstkritisch fragen müssen, welche Rolle die aufgeschlagene Bibel auch sonst noch im Leben eines evangelischen Christenmenschen und im Leben einer evangelischen Gemeinde spielt. Gewiss mag manch einer morgens die Tageslosung mit ihren jeweils zwei Bibelversen lesen. Gewiss mag es hier und da Bibelkreise geben. Gewiss mag zu Beginn einer Presbyteriumssitzung oder eines Frauenhilfenachmittags der Wochenspruch verlesen werden. Aber ist es wirklich so, dass die evangelische Gemeinde in ihrer Breite von der lebendigen Begegnung mit den biblischen Texten lebt? Ist die Bibel in der evangelischen Kirche ein wirklich aufgeschlagenes, also ein zugängliches, gelesenes und ernsthaft bedachtes Buch und nicht nur ein Topf mit Sprüchen, in den man bei besonderen Gelegenheiten gerne hineingreift? Ist die Bibel wirklich ein Buch, das mit uns geht, mit uns lebt, uns täglich tröstet, ermutigt, vielleicht auch einmal heilsam irritiert und zurechtweist? Ist es für eine evangelische Gemeinde nicht beschämend, sich von einem dezidiert atheistischen Dichter wie Bertolt Brecht auf die Frage, welches das von ihm am meisten gelesene Buch sei, sagen lassen zu müssen: „Sie werden lachen, die Bibel“?

Nein, wir müssen uns der Bibel wahrhaftig nicht schämen. Vor und nach Brecht haben mancherlei andere Menschen – Dichterinnen, Maler, Komponisten, Psychologinnen, Politiker – die biblischen Texte als überaus „interessant“, als „spannend“ und nicht zuletzt auch als künstlerisch „inspirierend“ entdeckt. Nur wir finden sie langweilig. Da kann etwas nicht stimmen. „Allein die Schrift“ heißt heute: Für eine evangelische Gemeinde muss die nachhaltige Beschäftigung mit der Bibel, das Bibelgespräch, auch das kreative Umgehen mit biblischen Texten wieder selbstverständlich und regelmäßig werden und darf nicht länger bloß Spielwiese einiger weniger sein. Anregende Modelle und Hilfsmittel für einen lebendigen und eben auch interessanten und „öffnenden“ Umgang mit der Bibel gibt es mittlerweile zuhauf. Daran kann es also nicht liegen.

Oder ob die um sich greifende Bibelvergessenheit vielleicht noch ganz andere Gründe hat? Könnte es sein, dass uns ihre Botschaft einfach zu unbequem ist? „Die meisten Menschen haben Schwierigkeiten mit den Bibelstellen, die sie nicht verstehen“, sagt Mark Twain. „Ich für mein Teil muss zugeben, dass mich gerade die Bibelstellen beunruhigen, die ich verstehe.“

IV. Einem Anderen angehören
1. „Think pink“?

„Evangelisch“ kommt von „Evangelium“. So weit, so gut. Und es steht der Evangelischen Kirche gewiss nicht schlecht zu Gesichte, wenn sie sich bereits von ihrem Namen her mit eben einer guten Sache identifiziert. Wir haben uns bereits klargemacht, dass es hierbei nicht um irgendeine gute Sache geht. Auch nicht um ein bestimmtes Prinzip, die Dinge des Lebens grundsätzlich positiv zu sehen. So wie uns das ja mittlerweile von allen Seiten gepredigt wird, eben vor allem „positiv zu denken“. Wie viele selbsternannte „positive“ Menschen laufen mittlerweile mit breiter Brust durch die Gegend. Man schämt sich fast schon, wenn man in sich auch gelegentlich noch andere, düstere Seiten oder Stimmungen wahrnimmt. Bezeichnend, dass die altbekannte Begrüßungsfloskel „Wie geht’s?“ mehr und mehr durch ein „Geht’s gut?“ ersetzt wird. Als wenn etwas anderes gar nicht mehr erlaubt sei. Was ist das eigentlich für eine Gnadenlosigkeit, mit der uns allenthalben eingeredet wird, die Dinge vor allem anderen möglichst „positiv“ zu sehen, auch wenn einem mitunter zum Heulen zumute ist? „Think pink“ nennen die Amerikaner diese fast neurotische Zwangsverordnung zum Positiven.

Und nun also auch die Evangelischen mit ihrem programmatischen Namensbezug zum Evangelium, also zu einer eben „guten“ Sache. Religiöse Paten des „Think pink“? Ohne jemanden zu nahe treten zu wollen, kann man bei manchen Christinnen und Christen manchmal fast den Eindruck bekommen. Da liegt so ein seliger Schimmer auf den Gesichtern. So ein fast eingefrorenes Fröhlichsein. Da werden mitunter auffallend rasch ein paar Loblieder in die Saiten geklampft. Auffallend hurtig und beredt Bekenntnisse abgelegt, dass mit dem Evangelium mit einem Mal alles gut geworden sei. Auffallend häufig und unangefochten der liebe „Herr Jesus“ im Munde geführt. Meint das der Evangelist Markus, wenn er das Evangelium unmissverständlich als das „Evangelium von Jesus Christus“ (Markus 1,15) bezeichnet?

2. Die Wahrheit: ein Name

Erinnern wir uns noch einmal an Martin Luther. Überliefert ist die bekannte Szene, die sich im Jahre 1521 auf dem Reichstag zu Worms zugetragen haben soll. Den versammelten Fürsten samt Kaiser widersteht der kleine Mönch Martin mit den Worten: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Lassen wir einmal dahingestellt, inwieweit dieser Satz von Luther selbst gesagt oder ihm zumindest ziemlich glaubhaft in den Mund gelegt worden ist – er ist jedenfalls Ausdruck dessen, dass Luther von etwas überwältigt war. Überwältigt von einer Wahrheit, die einen unverwechselbaren Namen trägt: Jesus Christus. „Ich bin die Wahrheit“, sagt Jesus lapidar (Johannes 14,6). Nur um dieser Wahrheit willen konnte Luther „nicht anders“.

Die grundlegende Wahrheit des Evangeliums also: ein Name. Oder genauer gesagt: eine Geschichte. Die unverwechselbare Geschichte Gottes mit dem Menschen, wie sie in der Person Jesu Christi anschaulich geworden ist. Die Erkenntnis war zu Zeiten Luthers deshalb nicht selbstverständlich, weil er sich einer Institution gegenübersah, nämlich der Römischen Kirche, die von sich aus beanspruchte, die Wahrheit gepachtet zu haben, und die deshalb meinte, diese Wahrheit machtvoll und wohldosiert verteilen zu können: durch verordnetes Denken, durch Sakramentsverwaltung, durch vorgeschriebene Frömmigkeitsformen, durch repressive Bußpraktiken und einträglichen Ablasshandel. Die Kirche des späten Mittelalters war für Luther zu einem unterdrückerischen System verkommen, mit dem sie sich selbst an die Stelle der Wahrheit und also an die Stelle Christi zu setzen versuchte. Was Wahrheit zu sein hatte, war von Rom bestimmt und deshalb oft am Ende ziemlich genau das, was der Kirche ideologisch, politisch und auch materiell nützte. Dagegen Luthers grundlegende Entdeckung, wie man sie später auf die bündige Formel brachte: „Christus allein“. Lateinisch: „solus Christus“.

Christus allein. Zwei unscheinbare Wörtchen. Und doch merken wir, welch ungeheure Gewalt, ja geradezu Kampfansage seiner Zeit in ihnen steckte. Christus allein die Wahrheit, das hieß dann ja: den Wahrheits- und Machtanspruch der Heiligen Kirche in Frage stellen. Das hieß dann ja: sich auf eine Konkurrenz einlassen, sich auf einen Kampf vorbereiten. Um der Wahrheit willen Autoritäten vom Sockel stürzen. War Martin Luther besonders mutig? Wir wissen es nicht so genau. Was wir von ihm persönlich wissen, ist eher, dass er oft ziemlich verzagt und angefochten war. Die Kraft, Kaisern, Königen und Päpsten zu widerstehen, kam ihm offensichtlich nicht von einem ihm sozusagen in die Wiege gelegten Temperament her, sondern von der ihm geschenkten Gewissheit: Christus allein. Nur deshalb konnte er offenbar nicht anders.

3. Ein mitunter brisantes Bekenntnis

Welche Bedeutung hat die Erinnerung an diese grundlegende Erkenntnis der Reformation für die Evangelische Kirche heute? Für eine Kirche, die mittlerweile nun doch in einer sehr anderen Zeit lebt. Das feindliche Gegenüber zur Römischen-Katholischen Kirche ist ja – Gott sei es gedankt – lange vorbei. Auch wenn etwa Papst Benedikt XVI. noch vor nicht allzu langer Zeit der evangelischen Kirche das Kirchesein „im eigentlichen Sinn“ rundweg abgesprochen hat. Aber sonst scheint weit und breit niemand in Sicht, der die Wahrheit gepachtet zu haben meint, dem man nun also in neuer Weise das „Christus allein“ entgegenschleudern müsste. Im Gegenteil: Wir leben inzwischen doch eher in einer Gesellschaft, in der es überhaupt keine – und schon gar keine alleinige – Wahrheit mehr zu geben scheint. Was wahr und richtig ist, hat in Zeiten der Pluralisierung jeder für sich zu entscheiden. „Was Gott ist, bestimme ich“, titelte vor Jahren eine psychologische Zeitschrift.

Demgegenüber meint „Solus Christus“ schlicht und einfach: Was Gott ist, bestimme nicht ich, sondern einzig und allein Gott selbst. Und was sich als herrliche Wahlfreiheit („Was Gott ist, bestimme ich“) aufplustert, könnte sich am Ende womöglich als üble Tyrannei entpuppen, die den Menschen in eine heillose Überforderung und Einsamkeit stürzt. Es könnte doch befreiend sein zu wissen, dass die Wahrheit mir vorgegeben ist, dass ich sie gerade nicht ständig neu erfinden muss, dass ich mich auf sie verlassen kann, wie ein Kind sich auf die Liebe der Mutter verlässt, die es ja auch nicht ständig neu erfinden und für sich konstruieren muss. Nicht umsonst bezeichnet der Heidelberger Katechismus diese Gewissheit, „mit Leib und Seele im Leben und im Sterben“ nicht sich selbst, sondern einem anderen, eben Jesus Christus anzugehören, als „Trost“. Ich wüsste jedenfalls dafür weit und breit kein besseres Wort.

Wenn sich also die Evangelische Kirche auch heute noch der Wahrheit des „Christus allein“ verpflichtet weiß, dann nicht um eines Prinzips der religiösen Intoleranz willen. Sondern einzig um der Erkenntnis willen, dass es – gerade auch für den heillos und grausam auf sich selbst zurückgeworfenen modernen Menschen – im Tiefsten heilsam ist, sich einer anderen Wahrheit, einer anderen bergenden Macht, einer anderen Liebe anzuvertrauen. Mit dieser grundlegenden Botschaft wird sich die Evangelische Kirche heute sicher nicht überall Freunde machen. Aber das hatten wir ja schon einmal mit der Erinnerung an Martin Luthers „Ich kann nicht anders“. Unbeugsamkeit kann manchmal eben auch ihr Gutes haben.

Welche geradezu politische Brisanz das „Christus allein“ bekommen kann, wird an einer anderen historischen Erinnerung deutlich. Im Jahr 1934 formulierten die Mitglieder der sogenannten „Bekenntnissynode“ zu Barmen: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Diese Aussage war damals insofern besonders brisant, weil weite Teile gerade auch der Evangelischen Kirche der Meinung waren, man könne Gottes Wort und Willen auch woanders als in Jesus Christus erkennen, etwa in bestimmten geschichtlichen Ereignissen, namentlich im Aufkommen des Nationalsozialismus und in der Person des „rettenden“ Führers. Dagegen das Barmer Bekenntnis: „Jesus Christus … ist das eine Wort Gottes.“ Damals bedeutete das: den Wahrheits- und Machtanspruch „anderer Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten“, wie es in dem Bekenntnis weiter hieß, in Frage stellen. Genau diesen Anspruch erhob aber der NS-Staat. Nur so ist es überhaupt nachzuvollziehen, dass die „Bekennende Kirche“, selbst wenn sie sich politisch weithin loyal verhielt, von der Gestapo bespitzelt wurde. Manch ein treuer Prediger dieser urevangelischen Wahrheit wanderte allein deshalb hinter Gitter oder bezahlte gar mit seinem Leben.

Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem „einzigen Trost im Leben und im Sterben“ ist mitunter doch noch etwas anderes, Brisanteres oder gar Gefährlicheres als eine heruntergeleierte religiöse Floskel. Christen im Irak, im Iran, in Syrien, Nordkorea, Eritrea oder auch nur in manchen Teilen der Türkei wissen ein leidvolles Lied davon zu singen. Ihre Gewissheit, zu Jesus Christus zu gehören, hat nun so gar nichts mit „think pink“ zu tun. Wohl aber mit einem Wissen darum, dass das „Gute“ des Evangeliums vielleicht noch woanders zu suchen ist als in jener verbreiteten Selbstverordnung, die Dinge immer und vor allem erst einmal „positiv“ zu sehen.

V. Befreit aufatmen
1. Ein merkwürdiger Eindruck

„Evangelisch“ kommt von „Evangelium“, also einer guten Botschaft. Manche übersetzen das griechische Ursprungswort „gut“ auch mit „froh“ oder gar „froh machend“. Schön, wenn sich evangelische Christinnen und Christen schon mit ihrem Namen an etwas „Gutem“, „Frohem“ oder gar „froh Machendem“ orientieren. Dass das wenig mit jenem penetranten Zwang zum „positiven Denken“ zu tun hat, haben wir geklärt. Dennoch bleibt die Frage offen, was an dem Evangelium von Jesus Christus eigentlich gut bzw. froh oder sogar froh machend ist. Zumal nicht jeder Christenmensch den Eindruck erweckt, von einer guten oder froh machenden Sache überzeugt oder gar durchdrungen zu sein. Schon vor Jahren spottete der Liedermacher Franz-Josef Degenhardt:

„Da treten sie zum Kirchgang an,

Familienleittiere voran,

Hütchen, Schühchen, Täschchen passend,

ihre Männer unterfassend,

die sie heimlich vorwärts schieben,

weil die gern zu Hause blieben.

Und dann kommen sie zurück

mit dem gleichen bösen Blick.“

Ein Konfirmand antwortet auf die Frage, was das Christentum sei: „Alles, was man nicht darf“. Wie kommt der junge Bursche dazu? Ist das Evangelium vielleicht doch gar keine so „gute“ und „froh machende“ Botschaft, wie behauptet wird? Oder liegt es nur an den unfrohen, muckerigen und zwanghaften Boten dieser Botschaft, also den Christinnen und Christen, dass jene Botschaft so unfroh „rüberkommt“? Immerhin meinte bereits der Philosoph und Sohn eines evangelischen Pfarrers, Friedrich Nietzsche, sich über die Christen seiner Zeit mit den berühmt gewordenen Worten auslassen zu müssen: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“ Christentum als großes unfrei und unfroh machendes „Muss“, eben „alles, was man nicht darf“. Norbert Alich und Jürgen Becker, zwei Kölner Kabarettisten, haben in dieser Sache zudem einen wichtigen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch ausgemacht, wenn sie zum Karneval singen:

„Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin,

die haben doch nichts anderes als arbeiten im Sinn.

Als Katholik, da kannste pfuschen, dat eine is gewiss:

am Samstag gehste Beichten und fort ist der ganze Driss!“

In der öffentlichen Wahrnehmung regiert offenbar der merkwürdige Eindruck, dass Christsein – zumal evangelisches – und Fröhlichsein doch eher zweierlei sei. „Sie sehen gar nicht wie ein Pastor aus“ – diesen Satz hörte ich in den Anfangsjahren meines Pfarrdienstes mehr als einmal bei Hausbesuchen. Abgesehen von der darin steckenden kleinen Schmeichelei lebte diese Äußerung aber vor allem von der allgemeinen Anschauung: Die Kirche hat es doch vor allem mit dem Ernsten und Schweren statt mit dem Frohen und Leichten. Als vor einigen Jahren in der Dortmunder Reinoldikirche eine große öffentliche Trauerfeier für drei im Dienst ermordete Polizistinnen stattfand, war tags darauf in der Zeitung zu lesen: „Reinoldikirche. Hierhin kommt Dortmund, wenn es trauert. Hier versucht die Kirche zu geben, was der Kirche ist.“

Die Kirche, so die öffentliche Wahrnehmung und Erwartung, ist doch eher an den dunklen Seiten des Lebens orientiert. Dem entspricht der gerne von politischer Seite der Kirche erteilte Rat, sie solle sich doch gefälligst auf die Seelsorge am einzelnen Mühseligen und Beladenen beschränken. Gemeint ist hier in der Regel: sich aus politischen und gesellschaftlichen Konflikten möglichst heraushalten. Die Kirche solle bitteschön nur das geben, was – angeblich – nur der Kirche ist: nämlich den Betrübten und Trauernden Trost zusprechen. Das alles klingt nicht eben nach einer froh machenden Botschaft.

Aber was mag es dann sein, das den Evangelisten Markus und mit ihm viele andere die Botschaft von Jesus Christus als „gut“ und „froh machend“ bezeichnen lässt?

2. Luthers Entdeckung

Wir erinnern uns: Martin Luthers Widerstand gegen Papst und Kaiser beruhte auf der Überzeugung, von einer anderen Wahrheit zu wissen als der, die ihm und nicht nur ihm von Seiten der damaligen Römischen Kirche entgegentrat. Vielleicht wäre die Wahrheitsverwaltung dieser Kirche für ihn noch angegangen, wenn es denn wirklich die Wahrheit gewesen wäre, die man dort zu verwalten meinte. Aber für Luther verwaltete die Kirche im Kern gar nicht die Wahrheit, sondern die Unwahrheit. Die Unwahrheit nämlich, dass der Mensch vor Gott Anerkennung fände aufgrund seiner guten Werke. Übrigens eine bis heute überaus populäre Unwahrheit, wenn man nur einmal auf das gerade in der Evangelischen Kirche so verbreitete Gutmenschentum sieht. Luther seinerzeit sah diese Unwahrheit konkret vor Augen in der Beicht- und Bußpraxis, im Ablasshandel, im Vollzug des Abendmahls als eines vermeintlichen Opfers, in der Marien-, Heiligen- und Reliquienverehrung, in Prozessionen und Wallfahrten, in Fasten und Almosengeben. Für ihn allesamt Versuche, sich vor Gott ein Verdienst zu erwerben, sich ihm gewogen zu machen, mit ihm gewissermaßen ins Geschäft zu kommen.

Dagegen Luthers Bahn brechende Entdeckung in der Bibel: „So halten wir dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Römer 3,28). Mit „Glauben“ ist dort bei Paulus nicht irgendeine Religiosität gemeint, sondern der Glaube daran, dass „wir ohne Verdienst gerecht werden aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“ (3,24). Der Unwahrheit, dass wir vor Gott dadurch gerecht, also von ihm anerkannt und angenommen werden, indem wir uns mit guten und frommen Taten abrackern, dieser Unwahrheit tritt Luther mit der biblischen Wahrheit entgegen, dass das alles überflüssig, ja geradezu kontraproduktiv ist, weil Christus durch seine Gnade bereits dafür gesorgt hat, dass wir vor Gott gerecht dastehen, von ihm anerkannt und angenommen sind. Deshalb die spätere protestantische Parole: allein aus Gnade! Lateinisch: sola gratia. Die Gerechtsprechung des Menschen vor Gott durch Christus sozusagen „gratis“.

Eine Bahn brechende Entdeckung. Genauer: Wiederentdeckung. Denn Luther hatte diese Wahrheit ja nicht bei einer Zen-Meditation oder während eines Waldspaziergangs gemacht, sondern eben aus der Heiligen Schrift gewonnen. Eine wahrhaft andere Wahrheit mit einem völlig anderen Namen, eben: „Evangelium von Jesus Christus“. Anders deshalb, weil diese Wahrheit für ihn nun so gar nichts mehr mit Drohung, Angstmache oder „allem, was man nicht darf“, zu tun hatte. Wohl aber mit einem befreiten Aufatmen und einer „großen Freude“, wie es im Weihnachtsevangelium heißt (Lukas 2,10). „Evangelium heißt eine freundliche Lehre und eine tröstliche Botschaft“, sagt Luther. „Wie wenn ein reicher Mann einem armen Bettler tausend Gulden zusagte. Das wäre ihm ein Evangelium, eine fröhliche Botschaft, die er gern hören und von Herzen fröhlich darüber würde.“ Man geht nicht fehl, in dieser Wiederentdeckung des Evangeliums als einer rundweg guten und erfreulichen Botschaft den Anfang und bleibenden Grund der Evangelischen Kirche zu sehen.

3. Ein empfindlicher Nerv

Lange hat man gemeint, die reformatorische Erkenntnis von der Gerechtsprechung des Menschen „ohne des Gesetzes Werke“ sei etwas von vorgestern. Sei eine Wahrheit, die schon in ihrer ganzen Wortwahl so sehr dem 16. Jahrhundert verhaftet sei, dass sie deshalb dem Menschen von heute nicht mehr zu vermitteln sei. Wer glaube denn heute noch an einen zur Rechenschaft ziehenden Gott? Wer habe denn heute noch das Problem, das Luther umgetrieben habe, eben die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wer denke denn heute noch ernsthaft in den Kategorien von Schuld und Sühne, Unrecht und Rechtfertigung?

Aber Vorsicht. Nur weil uns eine bestimmte Begrifflichkeit fremd geworden ist, muss die damit gemeinte Sache noch lange nicht erledigt sein. In der Sache hat das „sola gratia“ eine erstaunliche Aktualität. Es mag sein, dass der Mensch von heute sein Leben nicht mehr wie der Mensch zu Luthers Zeiten vor Gott zu rechtfertigen versucht. Es mag sein, dass da an die Stelle Gottes inzwischen andere Instanzen getreten sind: die Gesellschaft, das Milieu, das, was „man“ zu tun oder zu lassen hat, die Erwartungen anderer oder die eigenen Moralvorstellungen oder Lebenskonzepte. Es mag da mittlerweile viele Götter und Göttinnen geben, die unser Leben bestimmen. Und auch sie fordern von uns reichlich Tribut, reichlich Opfer, reichlich „Werke“: sei es meinen sozialen Status, sei es meine bürgerliche Rechtschaffenheit, sei es mein Sympathisch-, Schön-, Gesund-, Erfolgreich-, Humorvoll- oder sonst wie Attraktivsein. Von all dem hängt doch immer noch massiv ab, ob ich anerkannt, akzeptiert, „okay“ – in der Sprache des 16. Jahrhunderts „gerechtfertigt“ – bin: vor den anderen, vor mir selbst, vor irgendwelchen Glücksmaximen oder sonst welchen Göttern, an denen, wie Luther sagt, „mein Herz hängt“.

„Sola gratia – allein aus Gnade“, das trifft einen empfindlichen Nerv des heutigen Menschen, der zuhöchst von seiner Selbstinszenierung lebt, von dem, was er eben aus sich und seinem Leben „macht“. „Sola gratia“ wirft uns zurück auf die nüchterne, aber eben vielleicht auch befreiende Erkenntnis, dass wir – nicht vor den selbstgemachten modernen Götzen, wohl aber – vor Gott präzise nichts tun müssen, um seine Gunst zu erwerben. Es ist ein tiefes, befreiendes Aufatmen, das von dieser reformatorischen Erkenntnis über die Jahrhunderte hinweg noch zu uns herüberweht. Gott sei Dank muss ich einmal nichts tun. Gott sei Dank kann ich mir einmal einfach etwas schenken lassen. Gott sei Dank bin ich den Stress los, immer gut dastehen, immer etwas vorweisen, immer etwas aus mir und meinem Leben machen zu müssen.

„Sola gratia – allein aus Gnade“ – was für eine wichtige, befreiende Botschaft, die da der christlichen Gemeinde anvertraut ist, gerade heute, in Zeiten, in denen die Parolen von einem auf Deubel-komm-raus „gelingenden Leben“, die Parolen von „Hauptsache Spaß“, „Hauptsache gesund“, „Hauptsache Erfolg“ inzwischen zu Tyrannen geworden sind, unter denen Menschen zusehends leiden, auch wenn ihre Keep-smiling-Masken etwas anderes weismachen wollen. „Sola gratia – allein aus Gnade“ – es könnte sein, dass gerade der Mensch von heute, dieser freudlose Sklave seiner eigenen Selbstinszenierung, im Tiefsten nach nichts anderem so sehr hungert und dürstet wie nach dieser Zusage: Ich bin angenommen und geliebt – „ohne des Gesetzes Werke“, ohne irgendeine Vorleistung, umsonst. Gratis. Sola gratia.

Und: Was für eine wunderbare, wichtige Aufgabe für eine evangelische Gemeinde heute, diese wahrhaft gute Botschaft mit Leidenschaft, Engagement und Fantasie unters Volk zu bringen.

VI. Einfach glauben
1. „Manche Sachen, die wir getrost belachen“

Es klingt vielleicht merkwürdig, aber die Antwort auf die Frage, wie man sich denn nun jener guten Botschaft, die einen befreit aufatmen lässt, gegenüber verhalten soll, ist: einfach glauben. Wir müssen es zunächst in der Tat so schlicht sagen. Dennoch ist es sicher ein wenig erklärungsbedürftig, zumal sofort etliche Einwände am Horizont aufflackern. Einfach glauben? Ja, was denn? Wie denn? Weshalb denn? Ist es nicht so, dass wir mittlerweile – Gott sei Dank! – gerade nicht mehr „einfach“ alles glauben, was uns von irgendwoher vorgesetzt wird? Sind wir als aufgeklärte Mitteleuropäer – Gott sei Dank! – nicht längst über den Status religiöser Unmündigkeit hinaus? Geht es nicht gerade auch in einem evangelischen Christentum, das sich doch sonst so viel auf seine Aufgeklärtheit und Rationalität zugute hält, um einen mündigen Glauben, der den vielen Fragen einer modernen Welt einigermaßen standhalten kann? Und jetzt sollen wir als Erstes nichts weiter als einfach glauben?

Gemach. Bevor wir uns in weiteren Empörungen ergehen, müssten wir uns vielleicht einmal in Ruhe über das verständigen, was wir überhaupt unter Glauben verstehen. Da gibt es ja eine Menge verschiedener Ansichten. „Ich glaube nur an das, was ich sehen kann“, lautet eine davon. Gemeint ist offenbar: Für mich ist nur wahr, d. h. real existierend, was ich sehe. Eine seltsame Ansicht, mit Verlaub gesagt. Denn nach dieser Logik müsste man sogleich etwa die Schwerkraft, den Duft einer Rose oder den Wohlklang einer Mozartsonate für nicht-existent erklären.

Halt, könnte ein anderer sagen, das „Sehen“ steht hier ja nur stellvertretend für alle sinnliche Wahrnehmung. Jener Satz meint doch im Kern: Ich halte nur das für wahr und real existierend, was ich überhaupt sinnlich wahrnehmen kann: nicht nur sehend, sondern auch riechend, schmeckend, hörend, fühlend. Biblisch befänden wir uns da übrigens in respektabler Gesellschaft. Als der auferstandene Christus erneut unter seine Jünger tritt, will einer von ihnen, Thomas, das einfach nicht wahrhaben, solange er den Herrn nicht sinnlich erfasst hat: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben“ (Johannes 20,25). Die Sache mit dem „nur glauben, was ich sehe“, gibt es also scheint’s schon länger und ist mitnichten eine ausschließliche Angelegenheit des aufgeklärten, modernen Menschen von heute.

Doch auch die Logik mit der allgemeinen sinnlichen Wahrnehmung will nicht so recht einleuchten. Kann ich etwa die Richtigkeit des Pythagorassatzes, der für die Berechnung vieler Häuser, Brücken und Maschinen elementar wichtig, also sehr real existierend ist, sinnlich wahrnehmen? Kann ich etwa die Schönheit eines Rilke-Gedichts, die Stringenz eines schlagenden Arguments oder den umwerfenden Witz einer Situationskomik sehen, riechen, schmecken, hören, tasten? Gewiss brauche ich meine Sinne, um ein Gedicht überhaupt lesen oder ein Argument überhaupt hören zu können. Aber die Schönheit eines Gedichts, die Stringenz eines Arguments, der Witz einer Situation – sie alle befinden sich doch offensichtlich noch einmal auf einer anderen Ebene. „Ich glaube nur an das, was ich sehen kann“? Da möchte man doch zunächst einfach mit Matthias Claudius antworten: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“

Man könnte sicher noch manch andere „Sachen, die wir getrost belachen“, nur weil wir sie nicht sehen, schmecken oder betasten können, nennen. Auch die Wahrhaftigkeit einer Liebesbekundung, die Tragfähigkeit eines Vertrauensvorschusses oder die Hoffnung auf bessere Verhältnisse können wir nicht einfach sehen, schmecken oder betasten. Sind sie deshalb weniger existent? Weniger wichtig? Weniger bedeutsam für die Gestaltung unseres realen Lebens und unserer realen Welt?

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Дата выхода на Литрес:
25 июня 2025
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191 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783761562420
Правообладатель:
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