Читать книгу: «Meerhabilitation»

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Inhalt

Impressum 3

1 Tessa 4

2 Tessa 11

3 Raik 21

4 Tessa 24

5 Raik 31

6 Tessa 34

7 Tessa 43

8 Hannes 51

9 Tessa 54

10 Raik 60

11 Tessa 63

12 Tessa 66

13 Raik 73

14 Hannes 77

15 Tessa 81

16 Raik 90

17 Tessa 93

18 Hannes 99

19 Tessa 103

19 Raik 117

20 Tessa 120

22 Tessa 128

23 Hannes 133

24 Tessa 138

25 Tessa 145

26 Hannes 154

27 Tessa 159

28 Tessa 169

29 Hannes 178

30 Tessa 183

31 Tessa 193

32 Raik 200

33 Hannes 206

34 Tessa 213

35 Hannes 221

36 Tessa 224

37 Tessa und Raik - Vier Jahre später 229

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-027-3

ISBN e-book: 978-3-99131-028-0

Lektorat: Mag. Angelika Mählich

Umschlagfoto: Ivan Kurmyshov | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

1 Tessa

»Sehr geehrte Damen und Herren, in wenigen Minuten beginnen wir mit unserem Landeanflug auf Reykjavik. Wir ersuchen Sie, sich hinzusetzen und wieder anzuschnallen. Bitte schalten Sie Ihre elektronischen Geräte aus, bringen Sie Ihren Sitz in eine aufrechte Position und klappen Sie das Tischchen hoch. Wir werden in Kürze landen. Vielen Dank!«

Die Stimme der Stewardess ließ mich augenblicklich hochfahren. Ich hatte fast den gesamten Flug verschlafen. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal so müde gewesen war. Müde und ausgelaugt. Gefühllos. Regungslos. Fast schon betäubt. Ich spürte tief in meinem Inneren eine endlose Leere, gepaart mit unendlicher Müdigkeit und Antriebslosigkeit. Ich hatte diesen gewagten Schritt gehen müssen. Meine Flucht war unausweichlich gewesen. Es war fast schon unglaublich, wie ich es doch letztendlich geschafft hatte, zu entkommen. Ich hatte mich einfach in Luft aufgelöst, keine Spuren hinterlassen. Nichts.

Nun saß ich in der Icelandair Boeing 767 und schaute nachdenklich beim Fenster hinaus. Island, das magische Land meiner Träume. Dieses bezaubernde Land übte auf mich eine unglaubliche Anziehungskraft aus. Tief in meinem Inneren hatte ich schon immer gewusst, dass ich eines Tages hierherziehen würde, deswegen fing ich schon vor etlichen Jahren an, die Landessprache zu erlernen. Ich war nun einigermaßen gut vorbereitet. Kein leichtes Unterfangen, denn Isländisch zu lernen war alles andere als einfach, doch mittlerweile konnte ich mich schon fließend unterhalten.

Nun war es so weit. Ich hatte den Schlussstrich ziehen müssen. Einen Neuanfang wagen. Für mich gab es kein Zurück mehr. Warum hatten nur so viele Menschen Angst, von vorne zu beginnen und alles Erlebte hinter sich zu lassen? Es konnte doch funktionieren, oder etwa nicht? Einfach die Sachen packen und los! Tja, manchmal war das leichter gesagt, als getan. Ich konnte verstehen, dass nicht jeder Mensch den Mut aufbringen konnte, diesen Schritt zu gehen.

In meinem Fall war es allerdings anders. Die verzwickte Lage, in der ich mich befand, hatte mir in den letzten Jahren das Leben nicht gerade leicht gemacht. Ich wollte mich schon viel früher in Luft auflösen, aber das ging nicht. Es war mir einfach nicht möglich gewesen. Das Böse hielt mich gefangen. Es hatte mich so fest in umklammert, dass ich zu ersticken drohte. Ich wunderte mich immer noch, wie lange ich es überhaupt ausgehalten hatte und wie stark ich eigentlich gewesen war.

Die Ohren fielen mir zu und ich merkte den sanften Druckanstieg, als die Maschine mit dem Sinkflug begann. Ich erhaschte einen Blick nach draußen. Die weite, eisige und verschneite Landschaft erstreckte sich in ihrer vollen Pracht vor meinen Augen und huschte wie ein weißer Schatten vorbei. Es war tiefster Winter. Alles weiß. Es schien, als würde die gesamte Insel im Winterschlaf sein. So still und leise. So friedlich.

Da es jetzt kein Zurück mehr gab, lehnte ich mich in meinem Sitz zurück, kuschelte mich fest hinein und versuchte, alles Geschehene wieder aus meinem Gedächtnis zu löschen. Ich hatte den Reset-Knopf gedrückt. Das war meine allerletzte Chance, wieder auf die Beine zu kommen, mich gänzlich aufzurichten. Ganz von vorne anzufangen.

Wer war ich nun eigentlich? Tessa, eine schöne und starke, lebensfrohe junge Frau, doch warum hatte ich es nur so weit kommen lassen? Das Böse hatte sich ganz langsam und unbemerkt in mein Leben geschlichen. Stück für Stück hatte es die Oberhand gewonnen, und bevor ich es merken konnte, war es letztendlich zu spät.

Ich sah beim Fenster raus und erblickte darin mein Spiegelbild. Ich sah mich an und begann mein Äußeres zu durchforsten. Ich hatte mich schon lange nicht mehr richtig im Spiegel angesehen.

Generell gesehen hatte ich mich nicht allzu sehr verändert. Niemand konnte es mir ansehen, dass ich bereits 33 Jahre alt war. Die ersten 30 Jahre musste ich nicht ungeschehen machen, nur die letzten drei. Diese waren die Hölle gewesen. Sanft legte ich meine Hand auf das angelaufene Kabinenfenster und berührte mein Spiegelbild. Große, graublaue Augen blickten mich neugierig an, umrandet von endlos langen Wimpern. Meine Haut war immer noch makellos, einige Sommersprossen, aber kaum eine Falte zu erkennen. Lachfältchen konnte ich nicht viele entdecken, da ich in den letzten Jahren nicht allzu viel zu lachen hatte. Nur die Glabella, die Zornesfalte zwischen meinen Augenbrauen hatte sich ein wenig vertieft. Darüber konnte ich jedoch schmunzelnd hinwegsehen. Ich mochte kleine Schönheitsfehler, sie sind das Salz in der Suppe.

Ich untersuchte weiter mein Gesicht. Wunderschöne volle Lippen. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, öfter geküsst zu werden. Viel zu selten war dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Meine langen, leicht gewellten, kupferroten Haare vervollständigten das Spiegelbild. Ich war eine wahre Schönheit. Zart und schön wie eine wilde Blume, die gerade noch rechtzeitig vor dem Verwelken gerettet werden konnte. Ich mochte, was ich sah; die Liebe zu mir selbst war bis zum heutigen Tag ungebrochen. Ich hatte mich selbst nie aufgegeben, das war für mich keine Option gewesen.

Eine Sportskanone war ich nie gewesen, hatte allerdings in den letzten Jahren eine Vorliebe fürs Joggen entwickelt. Das war auch mein einziger Trost und gleichzeitig ein Ventil, mit meinem Schicksal klarzukommen. Jede Schweißperle stand für eine vergossene Träne. Jeder Laufschritt war ein Hoffnungsschimmer, der mir Kraft gab weiterzumachen, um zu überleben. Kraft zu schöpfen und den Fluchtplan in meinem Kopf wieder und wieder durchzugehen, sodass letztendlich nichts mehr schiefgehen konnte. Die täglichen Laufrunden durch den kleinen verträumten Wald hinter unserem Haus waren meine Heilung gewesen. Damit konnte ich es zwar nicht ungeschehen, jedoch ein wenig erträglicher machen. Ich hatte Gott sei Dank auch noch die Gene meiner Mutter. Ich konnte essen, was ich wollte und war trotzdem gut in Form. Jede andere Frau würde mich für diese Aussage hassen, doch ich konnte nichts dafür. Entweder erbt man die Gene oder nicht, so einfach war das.

Mit einem heftigen Ruck setzte das Flugzeug auf. Touchdown.

»Sehr geehrte Damen und Herren, wir sind soeben in Reykjavik gelandet!«, ertönte es aus den Lautsprechern.

»Wir hoffen, Ihnen hat der Flug mit der Icelandair Boeing 767 gefallen und Sie hatten einen angenehmen Aufenthalt bei uns an Bord. Bitte bleiben Sie noch so lange angeschnallt sitzen, bis wir unsere endgültige Parkposition erreicht haben. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Island und würden uns freuen, Sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen. Vielen Dank und auf Wiedersehen!«

Die hübschen Stewardessen machten sich rasch an die Arbeit, die Passagiere zu verabschieden. Ich konnte es kaum erwarten, aus dem Flugzeug auszusteigen. Alles begann zu wuseln, die Fluggäste kramten herum und jeder wollte als Erster Richtung Ausgang. Ich brauchte dringend Frischluft.

»Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch«, verabschiedete mich die Flugbegleiterin und setzte ihr schönstes Zahnpastalächeln auf.

Mit einem »Danke, Ihnen auch«, bedankte ich mich und stieg die Treppe hinunter.

Ich setzte den ersten Schritt auf isländischen Boden. Nun konnte mein neues Leben beginnen. Endlich war es so weit.

Kaum aus dem Flugzeug draußen, hielt ich kurz inne. Ich nahm einen tiefen Zug und sog die eisige Luft in meine Lungen hinein. Der Duft der Freiheit. Es roch nach Meer und Moos, nach Hoffnung und Neubeginn. Eine Woge der Erregung durchflutete plötzlich meinen Körper und all meine Härchen richteten sich auf. Gänsehaut am ganzen Körper! Wow, was für eine Begrüßung!

Unwillkürlich fing ich an zu lächeln, ja ich konnte förmlich den Startschuss meiner Selbstheilung spüren. Ein leichter Rausch floss durch meine Adern. Ich konnte kaum glauben, dass ich es geschafft hatte.

Anschließend holte ich den einzigen Koffer, den ich mitgenommen hatte, um bei der „Abreise“ – oder besser gesagt Flucht – nicht aufzufallen, am Gepäckband ab und winkte das erstbeste Taxi herbei. Ein Koffer musste erst mal reichen. Winterbekleidung, Unterwäsche, Laufhosen und T-Shirts, zwei Paar Schuhe, Kosmetika, meine Canon-Kamera, drei Lieblingsbücher und einige wichtige Dokumente. Kein Handy, kein Tablet, keine Verbindung zur Außenwelt. Das war alles. Das sollte für den Anfang vorerst reichen. Alles andere konnte ich hier besorgen, wenn es unbedingt notwendig sein sollte. Ich wollte auch nicht zu viele Erinnerungen mitnehmen, diese würden mich nur in der Vergangenheit festhalten. Ich konnte es kaum erwarten, mein neues Zuhause zu sehen.

Zuhause … Was für ein wunderschönes Wort, das gleichzeitig so viel bedeutete.

»Guten Morgen! Wohin soll die Fahrt gehen?«, begrüßte mich der Taxifahrer freundlich auf Isländisch, als ich die Autotür öffnete.

»Nordurströnd 17, bitte«, antwortete ich.

Das Taxi setzte sich in Bewegung und rollte fast geräuschlos die verschneite Fahrbahn entlang.

»Aus dem warmen Süden wieder zurück?«, scherzte er.

»Nein«, gab ich schmunzelnd zurück.

»Ich bin das erste Mal in Island.«

Verblüfft sah mich der Taxifahrer mit seinen eisblauen Augen im Rückspiegel an. Er sah leicht irritiert aus.

»Sie scherzen! Sie sprechen ja meine Sprache. Touristen sprechen kein Isländisch, junges Fräulein«, fügte er hinzu.

»Da haben sie wohl recht. Ich bin keine Touristin. Ich werde für immer hierbleiben, das ist mein neues Zuhause«, antwortete ich leicht verträumt, und musste wieder schmunzeln.

Erstaunlich. Ich hätte nie gedacht, dass mein Akzent nicht zu bemerken gewesen wäre. Er hatte mich tatsächlich für eine Isländerin gehalten. Die teuren Sprachkurse mussten sich wohl tatsächlich bezahlt gemacht haben. Der Taxifahrer fing an zu lachen.

»Da haben Sie sich aber ein kühles Plätzchen ausgesucht. Und Sie sind wirklich freiwillig hier?! Haha!«, lachte er laut auf und schüttelte belustigt den Kopf.

»Ja, genauso ist es, ich bin freiwillig hier …«, antwortete ich. Wenn er nur wüsste, welche Mühe und Gefahren ich auf mich genommen hatte, um hier und jetzt in diesem Taxi zu sitzen. Ich wurde sozusagen freiwillig dazu gezwungen. Was für ein lustiges Wortspiel.

Ich blickte aus dem Fenster. Wir fuhren entlang der Küste Richtung Seltjarnarnes, eine wunderschöne Gemeinde direkt an Reykjavik angrenzend. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause hatte ich mich nur anhand von Bildern und Onlinerecherchen sofort in diese Halbinsel verliebt. Was Seltjarnarnes wirklich auszeichnete war, dass die Halbinsel fast gänzlich vom Meer umgeben war. Die malerischen Küstenwanderwege und der unendlich weite Panoramablick auf die Berge luden zum Träumen ein.

Das definitive Highlight war der Grótta-Leuchtturm, der als einer der besten und schönsten Aussichtspunkte Reykjaviks gilt, sowohl für die Beobachtung der Nordlichter im Winter als auch für die Sommernachtssonne in der wärmeren Jahreszeit; Zudem galt er auch als Oase der Vogelvielfalt, da auf Seltjarnarnes bereits über mehr als 110 unterschiedlichen Vogelarten registriert wurden. Viele Touristen berichteten zudem darüber, dass man von den Pfaden aus die gut genährten Robben an den felsigen Stränden liegen sehen und, manchmal auch Wale beobachten konnte. Für eine Naturliebhaberin, wie ich es war, klang das wie ein Märchen. Ich konnte es einfach nicht erwarten, dieses Naturschauspiel mit eigenen Augen zu beobachten.

Von Beruf war ich Meeresbiologin. Ich hatte nicht nur Meeresbiologie studiert, sondern lebte es auch. Mein Beruf war zu Berufung geworden. Der Schutz der Meere – und besonders der Widerstand gegen das brutale Abschlachten von Delfinen und Walen – war für mich inzwischen zum Lebensmittelpunkt geworden. Mein letzter Job im „Haus des Meeres“, inmitten der Großstadt Wien, konnte mir auf Dauer keine Befriedigung verschaffen. Fische gehörten ins Meer, nicht in einen Schaukasten. So viel stand fest. Ein Grund mehr, endlich ans Meer zu ziehen. Die Leidenschaft direkt vor der Nase zu haben und sie jeden Tag aufs Neue erleben zu dürfen.

Wir fuhren weiter. Die weiße, tief verschneite Landschaft zog an uns vorbei. Alles schien so friedlich und verschlafen. Ja, es konnte einfach nur gut werden. Nirgendwo sonst als hier, auf dieser wunderbaren Insel, wäre ein Neubeginn besser denkbar gewesen. Hier würde mich niemand finden, niemand mehr verletzen oder mir mehr wehtun. Hier war ich richtig. Ich würde ganz von vorne anfangen, mich um eine neue Arbeitsstelle kümmern und mein Erspartes wohlüberlegt einteilen. Einen Gang zurückschalten und die Dinge in meinem Kopf neu ordnen, mir mehr Raum zum Atmen geben, um dieses Mal die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich war jetzt auf mich alleine gestellt, stand seit Langem erst mal wieder auf eigenen Beinen. Es fühlte sich verdammt gut an!

»So, wir sind da. Das macht dann 289 Kronen«, riss mich der Taxifahrer aus meinen Tagträumen.

»300, stimmt schon.« Ich reichte ihm das Geld und stieg aus dem Taxi. Mann, oh Mann, ein ganz stolzer Preis. Kein Wunder, dass ich nicht allzu viele Taxis auf dem Weg hierher gesehen hatte. Der Bus wäre sicherlich um einiges günstiger gewesen.

Mit einem »Viel Glück und herzlich willkommen! Auch wenn es sehr kalt und rau aussehen mag, wir Isländer tragen das Feuer immer im Herzen«, verabschiedete er sich.

Das Taxi setzte sich in Bewegung und fuhr langsam davon.

Ich blieb alleine am Gehsteig stehen und sah ihm nach. Es fing an zu schneien. Ich blickte hinauf zum Himmel und schloss entspannt meine Augen. Ich spürte, wie die Schneeflocken mein Gesicht berührten und auf meiner warmen Haut dahinschmolzen. Da ich keine große Eile hatte, genoss ich dieses Gefühl eine Zeit lang. Ich war da. Ich hatte es geschafft. Die gesamte Vorarbeit hatte sich letztendlich gelohnt. Ich schlug ein neues Kapitel auf, die erste Seite eines neuen Buches. Meines Buches.

Tessas Buches.

2 Tessa

Ich hatte mir erst mal für ein ganzes Jahr ein kleines, idyllisches Häuschen direkt an der Nordküste von Seltjarnarnes gemietet. Ich weiß, ganz schön mutig, so nah am Wasser zu leben, wo das Klima hier derart wild und erbarmungslos war, aber für mich war es die einzig richtige Option. Erstens konnte ich so meinem geliebten atlantischen Ozean möglichst nahe sein, zweitens, war ich nicht weit von der Hauptstadt entfernt, wo ich auch Arbeit finden konnte, und drittens hatte ich genug Abstand zu den übrigen Menschen.

Ich musste erst mal alleine sein und zu mir selbst finden. Mich wieder erinnern, wer ich eigentlich war, und wohin mein Weg gehen sollte. Viel zu lange hatte ich mich in der Vergangenheit herumkommandieren und beeinflussen lassen. Mich „besitzen“ lassen. Damit war jetzt Schluss!

Nun konnte ich seit Langem wieder meine eigenen Entscheidungen treffen.

Ich schaute auf die Stadtkarte und versuchte mich zu orientieren. Ohne Google Maps war das eine richtige Herausforderung. Ich blickte in die Richtung, wo sich das Haus hätte befinden sollen.

Üppige, mit Schnee behangene Bäume, die hörbar unter der eisigen Belastung ächzten, versperrten mir den Blick. Ich sah einen schmalen Trampelpfad, der sich zwischen den Bäumen hindurch schlängelte und ging diesen vorsichtig hinab. Ich machte kleine Schritte, versuchte nicht auszurutschen und plötzlich sah ich es.

MEIN kleines Haus!

Ich war endlich an meinem Ziel angekommen. Es war einfach wunderschön. Von der Situation übermannt, blieb ich einfach kurz stehen und genoss den Ausblick.

Ganz einsam und doch so stabil und stolz, stand es einfach nur da. Zirka zweihundert Meter bis zum Wasser und der leicht zum Ozean geneigte Hang, machten den Ausblick auf den Atlantik einfach perfekt. Ich stand mit offenem Mund da und verfiel in eine Art Starre. So schön hatte ich es mir einfach nicht vorgestellt. Klar, ich kannte das Haus von etlichen Fotografien, doch es hier und jetzt mit eigenen Augen zu betrachten, verschlug mir den Atem. Ich wusste, warum ich mich ursprünglich in dieses Haus verliebt hatte. Wenn man am Hang stand und hinuntersah, konnte man die gesamte Schönheit überblicken. Die unendliche Weite bis zum Horizont ließ mich alles vergessen. Die Kraft der Natur überrollte mich mit voller Gewalt und ließ mich sprachlos zurück!

Die Fassade des Hauses war an der dem Hügel zugewandten Seite mit dunkelbraunen, vertikal angebrachten Holzlatten verkleidet, die nordisch angehauchten Fenster waren weiß gestrichen. Die in Richtung des Ozeans ausgerichtete Seite war komplett mit rustikalen Natursteinen bis zum Dach hin zugemauert. Nur in der Mitte dieser Steinmauer befand sich eine Tür, wahrscheinlich konnte man durch diese Tür auf die Terrasse gelangen. Zwischen den Steinen, die aussahen, als hätte man sie einzeln in der freien Natur gesammelt und mit viel Liebe an der Hausmauer angebracht, wuchs dichtes Moos, das teilweise unter dem Schnee hervorblitzte. Das Dach war mit einer dicken Schneedecke bedeckt, was dem Ganzen eine gemütliche Note verlieh. Zum Wasser hin konnte ich eine kleine Steinterrasse erkennen, die weiße Pracht ließ meiner Fantasie noch viel Raum übrig.

Ich konnte es kaum erwarten, das Haus zu betreten. Wie ein Überraschungsei stand es da und wartete darauf ausgepackt zu werden. Rasch ging ich hinunter und suchte den Haustürschlüssel. Wie mit der Vermieterin vereinbart, lag er unter einem großen Stein neben der Eingangstür. Da die Einbruchsrate in Island sehr gering war, wollte die Hausbesitzerin die Tür überhaupt unversperrt lassen, aber ich bestand darauf, trotzdem den Schlüssel zu verstecken.

Als ob ein Einbrecher unser tolles Versteck nicht ohnehin nach einer fünf minütigen Suche gefunden hätte. Ich lachte kurz in mich hinein. Typisch österreichische Mentalität. Ich musste mich langsam davon lösen und freier, wilder werden. Öfter Risiken eingehen … Ja, ich musste unbedingt an mir arbeiten!

Ich schloss die Tür auf und öffnete die aus massivem Holz bestehende, mit Metallbeschlägen und isländischen Ornamenten versehene Eingangstür. In der Mitte war ein schwerer Messingtürklopfer in Form eines Pferdekopfes, dem Nationaltier Islands, angebracht. Mit einem leisen Knarren ging sie auf. Mein Herz machte einen freudigen Satz als ich hineinging. Ich konnte meinen Augen nicht trauen.

Der Innenbereich war riesig! Ich blickte auf einen offenen loftähnlichen Wohnbereich und stand plötzlich in einem riesigen Raum, der schöner nicht hätte sein können. Die Wände waren in einem ruhigen, graublauen Ton gestrichen, der untere Wandabschnitt mit marineblauen, vertikalen Holzlatten verziert. Es hatte einen maritimen, skandinavischen Touch. Eine riesige, dunkelbraune Vintage Ledercouch, die auch als ausziehbare Schlafcouch diente, ein massiver Holztisch, ein gemütlicher Schaukelstuhl in der Ecke, ein paar Sitzpölster, geschmackvolle Wandlampen und ein weißes Bücherregal – das war die gesamte Inneneinrichtung. Der Kochbereich bestand aus einer Kochnische mit den nötigsten Geräten, einem stabilen, quadratischen Holzesstisch mit zwei Stühlen und einer dunkelblauen Glasvitrine. Flauschige Tierfelle waren über den graubraunen Parkettboden verteilt. In die Nordwand, die dem Meer zugewandt war, hatte man ein drei mal vier Meter großes Panoramafenster eingebaut, mit einer endlos langen, mit Pölstern verzierten Fensterbank davor. Ich wusste jetzt schon, dass ich an diesem Platz viele Stunden mit Lesen verbringen würde. Die vielen Fenster ließen so viel Licht hinein, dass die Sonnenstrahlen das Haus durchfluteten und den Wohnbereich in einen magischen Ort verwandelten. Ich war überwältigt.

So einfach und doch so hübsch! Das war mein neues Zuhause und ich fühlte mich sofort wohl. Ich war angekommen. Geistig und vor allem körperlich. Ich konnte mir das Grinsen einfach nicht verkneifen, nahm Anlauf und ließ mich quietschend auf die große Couch plumpsen.

Ich schloss die Augen und atmete den neuen Duft der Freiheit ein. Es roch nach Zedernholz mit einem Hauch von Mut und Selbstbewusstsein. Ich wusste, dass alles gut werden würde. Den schwersten Abschnitt hatte ich bereits hinter mir gelassen. Jetzt konnte mein neues Leben beginnen, mit allem, was dazugehört.

An den nächsten Tagen machte ich mir eine Liste mit den nötigsten Sachen, die ich besorgen musste. Essen und Trinken, Gläser und Besteck, Körperpflegeartikel und einige Dekoartikel, um dem neuen Zuhause meine eigene Handschrift zu verleihen. Ja, ich hätte mir nichts Schlimmeres vorstellen können, als im verschneiten Island ohne Tampons festzusitzen. Da ich mein gesamtes Hab und Gut zurücklassen musste, empfand ich es nun als eine riesengroße Erleichterung, mich komplett neu einzurichten und neue Sachen zu kaufen.

In den darauffolgenden Tagen hatte mich schon so gut eingelebt, dass ich beschloss, es endlich mit der Stadt aufzunehmen. Ich war wieder bereit, Menschen um mich zu haben, und mich mit dem einen oder anderen auszutauschen. Isolation funktionierte nur bedingt, es war wieder an der Zeit, meine kleine, schützende Blase zu verlassen. Ich packte mich im Inuit-Style gut ein, streifte mir meine pinken Moonboots über und schon konnte es losgehen!

Dieses Mal nahm ich mutig den Bus. Die Taxifahrten würden meine Ersparnisse auf Dauer deutlich minimieren. Ich kam besser als erwartet zurecht. Kaum im Zentrum Reykjaviks angekommen, führte mich mein allererster Weg zum größten Autohändler, den ich finden konnte. Ich betrat den Laden und kam mir vor wie im Land der Riesen, denn anscheinend fuhren hier alle nur SUVs und riesige Geländewagen, deren Reifen fast so groß waren wie ich selbst. Hier herrschte die Devise »bigger is better«.

»Guten Tag! Kann ich Ihnen behilflich sein?«, begrüßte mich der freundliche Autoverkäufer mit einem gekonnten Perlweißlächeln. In seinem dunkelblauen Anzug sah er eigentlich eher aus wie ein Politiker. Ich mochte keine Politiker. Sein Aftershave machte die Situation nicht besser, denn er roch, als hätte er darin gebadet. Ich versuchte durch den Mund zu atmen.

»Guten Tag, wenn sie mich schon so fragen, ich bin auf der Suche nach einem Auto«, antwortete ich leicht irritiert. Man konnte es mir nur allzu gut ansehen, dass ich mit dem Fahrzeugangebot deutlich überfordert war. Autos zählten für mich zu den Gebrauchsgegenständen, die mich von A nach B beförderten, mehr nicht.

»Zum Kauf oder als Leasing?«, fragte er mich.

Aha, der Kunde wurde anscheinend bereits bei der ersten Frage klassifiziert und in Schubladen gesteckt. Hätte er mich gleich fragen sollen, wie viel Geld ich auf dem Konto hatte?! Irgendwie amüsierte mich die Situation.

»Ich würde gerne ein praktisches, kleines Auto kaufen, wenn geht, gebraucht, nicht älter als drei Jahre. Allerdings bin ich nicht gleich davon ausgegangen, mit einem Truck nach Hause zu fahren«

Der Verkäufer leckte sich kurz die Lippen, als er das Wort „kaufen“ hörte und ich könnte schwören, winzig kleine Dollarscheine in seinen Pupillen erkannt zu haben.

»Ich bin eher auf der Suche nach einem kleineren Wagen, einen VW Polo, oder so?« Ich war mir aber ziemlich sicher, dass ich mit solch einem Auto nicht nach Hause fahren würde.

»Wenn Sie mir eines glauben können, ist es die Tatsache, dass Sie in ganz Island keinen VW Polo finden werden. Bitte vertrauen Sie mir, wenn Sie den Winter hier überleben möchten, dann würde ich Ihnen dazu raten, sich die großen Jungs hier anzusehen«, sagte er stolz und zeigte auf die Ausstellfahrzeuge. Von Jeep, Nissan, Kia, Opel bis BMW, VW und Audi, alles was einen Namen hatte, war hier bunt vertreten und stehts in XXL-Ausführung.

»Na ja, einen Blick kann ich ja mal darauf werfen«, sagte ich verunsichert, wusste aber insgeheim, dass der Verkäufer recht hatte. Die Winter hierzulande waren sehr lang und rau. Ich lebte hier quasi am Nordpol und wollte mich im Straßenverkehr sicher bewegen.

Tja, das waren auch schon meine letzten Worte, bevor ich eine halbe Stunde später in meinem nigelnagelneuen, moosgrünen Jeep das Autohaus verließ. Hoch über dem Boden schwebend und mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht, der mich selbst überraschte, düste ich die Straße hinunter Richtung Mall. Der Autoverkäufer hatte nicht nur einen guten, sondern einen ausgezeichneten Job gemacht. Seine Monatsprovision war ihm jetzt schon sicher. Doch alles in allem hatte ich mich vollkommen richtig entschieden. Der isländische Winter ließ mir keine andere Wahl.

»Carpe diem, Tessa! Carpe diem!«, sagte ich leise zu mir.

»Das hast du dir so was von verdient!«

Das Fahren in diesem Monstrum bereitete mir solch eine Freude, dass ich deutlich spürte, wie meine Wangen zu glühen begannen. Rechte Kurve, linke Kurve, in den Außenspiegeln konnte ich den Pulverschnee in allen Richtungen davonspritzen sehen. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das ins Bällebad hüpfen durfte.

Plötzlich huschte vor meinen Augen ein schwarzes Etwas vorbei! Direkt vor mein Auto!

VOLLBREMSUNG!!!

Ich schrie erschrocken auf, der Jeep geriet ins Wanken, Spurhaltung ade! Wie in Zeitlupe konnte ich erkennen, wie ich mich im Uhrzeigersinn zu drehen begann. Die Umgebung drehte sich im Kreis, weiße Landschaft, Bäume, weiße Landschaft, Bäume … Ich hielt das Lenkrad so fest, dass sich sogar meine kurz geschnittenen Fingernägel ins Leder zu bohren begannen. Das war’s dann wohl mit meinem neuen Wagen, wie gewonnen, so zerronnen. Im Radio lief „At last“ von Etta James. Das Auto drehte sich rhythmisch im Takt zur Musik. Das hatte beinahe schon etwas von einer gefühlvollen Tanzeinlage auf dem Eis, wie im Eiskunstlauf. Was für eine absurde Situation! Ich kam von der Straße ab und landete mit einem lauten Knall im nächstgelegenen Schneehaufen!

Stille.

Ich wagte es nicht mal, mich zu bewegen. War ich verletzt? Gelähmt oder etwa tot?!

»Tessa, jetzt mal tief durchatmen!«, ermahnte ich mich mit einem leicht panischen Unterton. Ich öffnete die Augen, bewegte vorsichtig meine Finger, meine Arme, meine Beine und hob schließlich ganz langsam den Kopf. O. k., soweit ich das beurteilen konnte, war ich o. k. Meine Hände zitterten, ich spürte wie das Adrenalin durch meine Adern zischte.

»Oh, mein Gott, Miss, alles o. k?!«, hörte ich draußen jemanden rufen. Eine männliche Stimme. Warum nannten mich alle nur »Miss«?. Das war auf so vielen Ebenen falsch, aber eigentlich sollte es mir schmeicheln. Er hämmerte gegen meine Fensterscheibe und versuchte den Schnee wegzuwischen.

»Hallo?!! Ja, ich bin hier drinnen!«, rief ich instinktiv zurück.

»Ich hole Sie hier raus! Nur keine Panik!«, antwortete der Fremde.

»Ist gut! Ich warte dann so lange.«

Herrgott, wie peinlich, Tessa! Sehr intelligente Antwort. Na klar, wo sollte ich denn sonst hin? Ich war ja regelrecht im Auto gefangen. Schamesröte stieg mir ins Gesicht.

Der nette Helfer schaffte es irgendwie mit viel Mühe und Not, die Fahrertür mit den Händen vom Schnee freizuschaufeln und öffnete sie mit einem kräftigen Ruck. Da ich mich dagegenstemmte, um ihm zu helfen, plumpste ich im gleichen Moment hinaus und fiel hochkant auf ihn drauf! Gemeinsam fielen wir wie ein Fleischklops in den Pulverschnee.

Er landete rückwärts im Schnee und ich klatschte recht tollpatschig auf ihn drauf.

»Ähm, hallo. Ich meine, danke!«, stammelte ich vor mich hin.

Mit einem breiten und gleichzeitig unwiderstehlichen Lächeln sah er mich an. Unsere Gesichter waren nur fünf Zentimeter voneinander entfernt, ich konnte seinen warmen Atem spüren.

»Gern geschehen«, antwortete er.

Oh, mein Gott! So nah war ich einem männlichen Wesen sage und schreibe seit Jahren nicht mehr gewesen! Er lag einfach nur da und machte keine Anstalten, sich von mir wegzubewegen. Er fand unsere verzwickte Lage sehr amüsant und lächelte mich unentwegt an. Dumpfe, stampfende Geräusche lenkten mich plötzlich ab und mit einem Mal sprang mich wie aus dem Nichts ein schwarzes, nasses Fellknäuel an.

»Schleck!«

Seine feuchte Zunge schlabberte alles ab, was sie erwischen konnte und landete auf meinem Gesicht. Das kitzelte überall und ich konnte nicht anders, als mich zur Seite zu rollen und kichernd den Überfall über mich ergehen zu lassen.

»Magnus, runter! Komm her!«, befahl er dem schwarzen Riesen mit einem leicht amüsierten Unterton.

Der Hund sprang auf und befolgte brav die Befehle. Hechelnd, mit seiner heraushängenden rosaroten Zunge, die fast bis zum Boden reichte, saß er neben seinem Herrchen und beide sahen mich an. Was für ein zuckersüßes Duo, da kriegte man fast Diabetes!

»Danke! Vielen Dank, dass Sie so schnell zur Stelle waren und mir geholfen haben«, bedankte ich mich und wischte mir dabei den warmen Hundesabber aus dem Gesicht. Glitschig!

»Na ja, zur Stelle ist gutgesagt«, gab er zurück.

»Magnus ist Ihnen vors Auto gelaufen. Ich weiß nicht, wie er sich von seiner Leine befreien konnte. Das ist so untypisch für ihn! Das hat er bisher noch nie gemacht«, sagte er und kraulte seinem Hund neckisch die Ohren.

Mamma Mia! Was für ein Mann! Ich stand einfach nur da und konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Er war groß! Sehr groß. Er hatte breite Schultern, große Hände und mit Sicherheit eine Schuhgröße von mindestens 50. Ich schämte mich fast dafür, wohin meine Gedanken plötzlich abschweiften, als ich die Relation der Körperteile berücksichtigte! Dunkelblondes Haar, zu einem Man Bun zusammengebunden, dichter, aber gepflegter Bart und stahlblaue Augen machten ihn auf jeden Fall zu einem richtigen Hingucker. Ein gepflegtes Äußeres und ein warmherziges Inneres. Wenn man ihn so ansah, konnte man ihm mit Leichtigkeit zutrauen, mein Auto mit nur einem Arm hochheben zu können! Ein richtiger Wikinger wie aus meiner Lieblingsserie Vikings. Ragnar Lothbrock war ein Winzling dagegen, kein Wunder, dass er allein die Schneemassen mit seinen bloßen Händen wegeschaufeln konnte. Durchatmen, Tessa, tief durchatmen.

»Hi, ich heiße Raik. Magnus haben Sie ja bereits kennengelernt«, stellte er sich vor und reichte mir die Hand. Ich nahm seine Hand und schüttelte sie so lange, dass es uns fast schon peinlich wurde. Leicht irritiert ließen wir voneinander los.

»Hallo, bitte duzen wir uns. Tessa. Mein Name ist Tessa. Vielen Dank noch mal. Du hast mir das Leben gerettet«, gab ich zurück und lachte ihn an.

»Bist du verletzt? Geht es dir gut?«, fragte er besorgt nach.

»Danke, aber soweit ich es beurteilen kann, geht es mir gut. Mein Herzschlag hat sich Gott sei Dank auch schon normalisiert. Gut, dass Magnus nichts geschehen ist. Das ist das Allerwichtigste«, antwortete ich.

»Ich bin Tierarzt, kein Humanmediziner, aber wenn du möchtest, kann ich dich gerne ins nächstgelegene Krankenhaus für einen schnellen Check-up hinfahren, nur um sicherzugehen«, bot er mir an.

»Nein, danke! Alles in bester Ordnung. Ich muss den Schreck mal verdauen, es geht mir wirklich gut. Ich denke, ich werde ganz vorsichtig nach Hause fahren und mir einen heißen Tee kochen«, antwortete ich und lächelte ihn an.

»Ein sicheres Fahrzeug hast du ja schon mal«, sagte er und betrachtete interessiert den Jeep. Er umrundete mein Fahrzeug und stellte erleichtert fest, dass das Auto nichts abbekommen hatte.

»Danke, das Auto habe ich mir vor nicht länger als dreißig Minuten gekauft«

»Da hast du einen ausgezeichneten Kauf getätigt! Kaum auszudenken, was sonst alles hätte passieren können«, antwortete er und fuhr sich mit den Händen durchs Haar.

»Ja, das stimmt«, pflichtete ich ihm bei.

»Na dann, komm gut nach Hause. Vielleicht läuft man sich ja wieder über den Weg«, verabschiedete er sich freundlich.

Ich hätte schwören können, er wollte noch etwas sagen. Etwas Eigenartiges lag in der Luft … Das konnte ich definitiv spüren.

»Ja, vielleicht. Auf Wiedersehen und danke noch mal«, verabschiedete ich mich ebenfalls und stieg in meinem Jeep. Ich fuhr langsam los und blickte in meinen Rückspiegel. Er stand noch immer wie angewurzelt da und schaute mir nach. Magnus auch. Ich beobachtete die beiden so lange, bis ich bei der nächsten Kreuzung abbog.

Ich fuhr schnurstracks nach Hause. Keine Umwege mehr, die Einkäufe mussten ein anderes Mal getätigt werden. Der Zwischenfall hatte mir einen richtigen Schrecken eingejagt. Trotzdem musste ich schmunzelnd zugeben, dass der Vorfall auch eine angenehme und unerwartete Wendung genommen hatte. Der wilde Mann und sein Hund. Was für eine Begegnung! Meine Hände wurden bei dem Gedanken immer noch feucht.

Am liebsten wäre ich nochmal zurückgefahren und hätte ihn gefragt, ob er auch gerne Tee trinke. Aber nein, das wäre vollkommen ausgeschlossen, denn Männer kamen für mich in meiner jetzigen Situation definitiv nicht in Frage. Noch nicht. Instinktiv schüttelte ich den Kopf, um mich wieder zu besinnen, und konzentrierte mich auf die Straße.

Ich betrachtete mich im Spiegel. Graugrüne, traurige Augen sahen mich an. Wo ist das Feuer geblieben? Ich war zu jung, um mit diesem Thema abzuschließen. So unverbraucht noch, so wenig erlebt und doch so übersättigt von Geschehenem. Mein Herz wurde bereits einmal gebrochen, ein zweites Mal durfte so etwas nicht wieder passieren.

Ich musste meine Lebensfreude wiederfinden. Ich spürte, dass das Feuer tief in mir drinnen noch nicht ganz erloschen war. Es loderte es immer noch, ich musste es nur vor dem Erlöschen retten.

Zuhause angekommen, machte ich mir einen heißen Tee, nahm mir die kuscheligste Decke, die ich im Haus finden konnte, und ging raus ins Freie.

Die kleine steinerne Terrasse mit zwei Stühlen und einem runden, kleinen Steintisch war das i-Tüpfelchen. Der Ausblick? UNBEZAHLBAR!

Vor mir erstreckte sich der gesamte Nordatlantik in seiner vollen Pracht. Nicht einmal der eiskalte Winter konnte seine Schönheit schmälern. Der Nordwind frischte auf und begann die Wellen aufzuwühlen. Sie peitschten mit unerbittlicher Kraft gegen den Küstenhang, der sich rechtsseitig kilometerlang vor meinen Augen erstreckte. Alles begann zu schäumen, der Wind spielte mit meinen offenen Haaren und wirbelte sie in alle Richtungen. Ich schloss meine Augen und genoss die Laune der Natur. Was für ein einziges Naturschauspiel! Ich dachte nur, wie schön mussten der Sommer und der Herbst erst sein, wenn mir bereits der Winter vor lauter Schönheit die Luft zum Atmen nahm?!

3 Raik

Da es wieder zu schneien begann, machten Magnus und ich uns hastig auf den Weg nach Hause. So einen unvorhergesehenen Zwischenfall konnten wir uns nicht noch einmal leisten. Magnus’ Adrenalinspiegel ließ ihn wortwörtlich fünf Zentimeter über dem Boden schweben und ich spürte meine Finger vor lauter Kälte fast nicht mehr. Hätte ich doch meine Fäustlinge mitgenommen. Wer konnte schon ahnen, dass ich heute noch in den Genuss kommen würde, einen riesigen Berg Schnee mit meinen bloßen Händen wegzuschaufeln? Der kurze Spaziergang mit Magnus entpuppte sich definitiv als Highlight der Woche, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben würde.

Ich war noch richtig benommen. Als ich den Zwischenfall gedanklich nochmal durchging, war ich einfach nur erleichtert, dass niemandem etwas zugestoßen war. Weder Magnus noch … Wie hieß sie noch mal?

»Tessa«, flüsterte ich leise vor mich hin.

Was für eine Naturgewalt! Sie fiel aus dem Auto direkt auf mich drauf. Wie ein wild gewordener Feuerball flammten Ihr Haare auf, fielen auf mein Gesicht und liebkosten mich. Ich hatte ihren Duft immer noch in meiner Nase. Ihre kühlen, graublauen Augen hatten sich in Sekundenschnelle in mein Innerstes gebohrt. Was für ein heftiges Erlebnis, das ich schon seit Langem nicht mehr erleben durfte.

Was war passiert? Wie konnte diese zarte Schönheit mir in die Arme fallen, um sich dann doch wieder in Luft auflösen? Ich hätte mir wortwörtlich in den Hintern beißen können, dass ich nicht daran gedacht hatte, sie auf einen Kaffee einzuladen. Tee war nicht so meins.

Die letzten vier Jahre Singledasein hatten mich nicht wirklich zum Casanova gemacht. Klar, mir fehlte es an nichts, und ich hatte in der letzten Zeit auch einige kurze Bekanntschaften gemacht, doch irgendwann hatte ich enttäuscht feststellen müssen, dass ich genau „die eine Frau“, die ich vergeblich suchte, noch immer nicht getroffen hatte. Die Tierarztpraxis lief mehr als zufriedenstellend, die Patienten gingen ein und aus, doch die Zweisamkeit fehlte mir allmählich. Nicht nur das Körperliche, mehr das miteinander Lachen, Fernsehabende auf der Couch mit einer Tüte Chips, das gemeinsam Einschlafen und wieder Aufwachen. Ich vermisste die menschliche Wärme.

Ich hätte Tessa noch ein wenig aufhalten sollen, sie um ihre Nummer fragen. Stattdessen stand ich nur da und schaute zu, wie sie davonfuhr. Ich stand einfach nur da und ließ sie davonfahren. Tschüss, und auf Wiedersehen! Ich hätte mich dafür ohrfeigen können! Der irre Gedanke, sie eventuell doch noch von Magnus aufspüren zu lassen, ließ mich plötzlich auflachen. Es war zwar ein guter Schnüffler, doch das klang schon ein wenig krankhaft. Ich wollte doch nicht als Stalker abgestempelt werden.

»Magnus, dein Herrchen dreht jetzt völlig durch. Komm, gehen wir rein, es wird richtig ungemütlich hier draußen«, sagte ich zu Magnus und sperrte die Ordinationstür auf.

Magnus lief sofort hinein, schüttelte sich kräftig durch, machte sich über die Stufen auf zum oberen Wohnbereich. Es war sehr praktisch, die Tierarztpraxis und meine Wohnung in einem Haus zu haben, das ersparte mir schließlich den täglichen Arbeitsweg.

Im Wohnzimmer angekommen, schenkte ich mir einen Schluck Brennivin ein, um mich ein wenig aufzuwärmen. Genau das brauchte ich jetzt. Magnus machte es sich vor dem Kamin gemütlich und fing sofort an zu schnarchen. Harter Tag für ihn. Hund müsste man sein!

Ich ging nachdenklich zur Fensterfront, die mir einen unglaublichen und atemberaubenden Blick auf den gesamten Horizont freigab. Genau deswegen wollte ich an dieser Stelle keine Wand, die mir die Sicht nach draußen verdeckte. Nur Glas. Riesiges, dreifachverglastes Sicherheitsglas, das einem Schaufenster ähnelte. Meine Seele brauchte Raum, musste sich frei entfalten können. Ich blickte nach draußen und ließ meine Gedanken schweifen. Unendliche Weite.

Da war er, der unbändige und gleichzeitig wunderschöne Ozean, der schon damals meinen Vorfahren das Zittern beibrachte und Respekt einflößte. Trotzdem lernten sie schnell, die Natur zu ihrer Verbündeten zu machen. Sehr oft fühlte ich diese Verbundenheit zu meinen Ahnen. Ich liebte es sehr hier zu sein und fühlte mich gesegnet, in diesem wunderschönen Land leben zu dürfen. Ja, ich war ein stolzer Isländer, der tief verwurzelt war. Manche Menschen hatten eine derartige Verbundenheit nicht, bei mir war es anders und dafür war ich dankbar.

Ein Sturm kam auf. Die tiefschwarzen Wolken verschmolzen mit den tosenden Wellen. Der Horizont war fast nicht mehr zu erkennen und die klaren Linien schienen miteinander zu verschmelzen. Alles schäumte und wütete, wie ein wildgewordener Dämon, der seiner Laune freien Lauf ließ. Manchmal spiegelte das Meer mein Innerstes wider. Ich erkannte mich oft darin, und auch wenn es lächerlich klang, das Wasser zu beobachten war meine Medizin. Auf diese Art und Weise konnte ich am besten abschalten und meine Gedanken neu ordnen. Nichts war für mich beruhigender als das. Die Natur war von Anfang an ein heiler Ort gewesen, so rein und aufrichtig. So rein.

Ich nahm noch einen kräftigen Schluck und spürte, wie der Schnaps eine warme Spur beim Schlucken hinterließ.

Was für ein Tag!

4 Tessa

Die darauffolgenden Tage verliefen Gott sei Dank komplikationslos. Keine Unfälle, keine Stürze, keine Hormone. Ich hatte es endlich geschafft, meinem neuen Zuhause eine eigene Handschrift zu verpassen. Einige Dekorationselemente, neue Vorhänge, Zimmerpflanzen und vor allem viele, gute Bücher. Ich fühlte mich mittlerweile so wohl, dass ich das Haus nur mehr für die notwendigsten Besorgungen verließ. Ich genoss meine neu gewonnene Freiheit und vor allem die Ruhe.

Mein Alltag bestand hauptsächlich darin, es mir jeden Tag mit zwei, drei Büchern auf der Fensterbank gemütlich zu machen, mich in meine Kuscheldecke einzumummeln und literweise grünen Tee zu trinken. Ich las viel über die Geschichte Islands, den rauen Norden. Über den Lebensraum in der ewigen Kälte und die Kompromisse, die die Menschen hier Tag für Tag mit der Natur eingehen mussten, um zu überleben. Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wie vielfältig und beeindruckend Flora und Fauna hier waren. Alles war neu für mich und so hatte ich viel zu entdecken.

Diese Ruhe hatte mir sehr gefehlt. Für Außenstehende musste ich wie eine Schmetterlingspuppe in einem Kokon aussehen, bereit für die Metamorphose. Meine Verwandlung hatte bereits begonnen, war aber noch lange nicht vollbracht. Solch eine Entwicklung brauchte viel Zeit und Geduld, genau wie meine geschundene Seele.

Ich dachte manchmal auch über Haustiere nach, vielleicht eine Katze oder ein Frettchen, doch solange ich noch keine Arbeit hatte, konnte ich diese Entscheidung noch ein wenig aufschieben. So weit war ich noch nicht. Ich wollte mich nicht schon wieder binden. Weder emotional noch vertraglich. Meine Wunden mussten erstmal heilen, die Narben waren noch viel zu frisch.

Nichtsdestoweniger durchforstete ich gelegentlich die Stellenausschreibungen in der Lokalzeitung. Ich sollte wirklich mal in Erwägung ziehen, mir ein Tablet zu kaufen und online zu gehen. Das würde mir einiges erleichtern. Die Digitalisierung war ein Segen, doch gleichzeitig auch ein Fluch. Sollte ich meinen Namen ändern lassen? War das wirklich notwendig?! Es war unbeschreiblich schwer, das Geschehene zu vergessen und gefühlsmäßig neu anzufangen. Doch wie hieß es so schön? Die Zeit würde alle Wunden heilen, sogar meine …

Es wurde schon spät! Ich ging langsam zu Bett und wusste, dass es nicht besonders lange brauchen würde, bis ich eigeschlafen war. Das tat es nämlich nie. Die tiefe Müdigkeit ließ mich jede Nacht augenblicklich abdriften.

***

[ Mit seiner flachen Hand verpasste er mir eine. Die Ohrfeige traf mich mit so einer Wucht, dass mein Kopf hin- und herwackelte.

»Baaaam!«

Ich sah bunte Sterne vor meinen Augen flimmern. Weiße Punkte tanzten in meinem Kopf. Ein stechender Schmerz durchzog meine linke Wange und hinterließ ein brennendes Gefühl auf meiner Haut. Ich hielt inne und sah ihn einfach ausdruckslos an. Ich spürte, wie das Blut aus meinen Wangen wich.

Instinktiv trat ich einen Schritt zurück.

»Tessa«, hauchte er.

»Das tut mir leid. Oh, mein Gott, das tut mir leid …«

Ich stand nur da und war wie versteinert. Meine Beine fühlten sich wie Blei an. Ich konnte mich nicht bewegen, obwohl meine innere Stimme mich anschrie: »Lauf! Lauf weit weg!«

»Bitte entschuldige! Mir ist vor lauter Zorn die Hand ausgerutscht«

Er kam auf mich zu, umarmte mich fester, als es mir lieb war, und presste wortwörtlich die Luft aus meinen Lungen. Mir wurde schlecht. Übelkeit kam in mir hoch.

»Hannes, was hast du getan?«, hauchte ich ihm so leise ins Ohr, dass es kaum hörbar war. Instinktiv griff ich zu der pochenden Stelle in meinem Gesicht. Schmerz, lass nach!

»Ich weiß nicht. Ich wollte dir nicht wehtun. Bitte glaub mir. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist!?«

Seine panische Stimme überschlug sich fast.

Er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, packte meine Schultern und hielt mich eine Armlänge von ihm entfernt fest, sodass ich ihn ansehen musste. Eigenartig, wie sich seine Mimik ständig veränderte, fast im Sekundentakt.

Mein Mann hatte mich gerade geschlagen. Es hatte mir eine verpasst. Hannes war zum ersten Mal gewalttätig geworden. Ich stand einfach nur da und brachte kein Wort heraus. Eine Träne kullerte die rechte Wange hinunter, ansonsten blieb mein Gesicht ausdruckslos. Ich wusste auch nicht, warum ich weinte … Ich war einfach nur schockiert, dass ich momentan gar nicht wusste, wie mir geschah. Ich konnte keine Emotion, keine einzige Regung zeigen. Ich kam mir vor wie im falschen Film. So etwas hört oder sieht man nur im Fernsehen, aber einem selbst kann so was einfach nicht passieren. Nein, so was konnte MIR doch nicht passieren!

Er atmete tief aus, nahm mich erneut im Arm und begann mich langsam wie ein kleines Kind hin und her zu wiegen, das von der Mutter in den Schlaf geschaukelt wird …

Ich drehte meinen Kopf zur Seite und übergab mich auf dem Fußboden.]

***

Ich fuhr hoch! Ich keuchte wie nach einem Tausendmeterlauf. Schweißperlen standen mir auf der Stirn. Ich saß kerzengerade in meinem Bett und griff mir an die Brust.

Einatmen, ausatmen.

Ich versuchte mich zu beruhigen und meinen Puls zu entschleunigen. Ich hatte nur geträumt. Ich wusste, dass mich meine Dämonen wieder heimsuchen würden. Sie fanden mich immer, egal, wohin ich floh. Schade, ich dachte, es würde länger dauern, bis sie mich hier finden würden.

»Ruhig, Tessa, beruhige dich wieder. Du hast nur schlecht geträumt«, flüsterte ich mir leise zu. Ich hatte gehofft, dass ich die Albträume loswerden würde. Ich dachte, dass es endlich vorbei wäre, doch da hatte ich mich offensichtlich getäuscht.

Ich musste anscheinend mit meiner Vergangenheit leben, musste immer noch mit ihm leben, obwohl ich ihn aus meinem Leben bereits verbannt hatte. Verlassen hatte. Verabscheut und gehasst hatte.

Ich stieg aus dem Bett, ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Ich fasste mir hinters Ohr und berührte die zarten Narben, die zum Glück von meinen langen Haaren verdeckt wurden. Ich ließ meine Finger langsam entlanggleiten und schloss die Augen. Ich ging in die Knie, sank auf dem Fußboden zusammen, und fing an zu weinen. Ich weinte bitterlich, meine Tränen tropften auf dem Fußboden. Sanft umfasste ich meine Knie, kauerte mich in der Embryonalstellung zusammen und blieb einfach so liegen. Irgendwann schlief ich wieder ein.

Stunden später wachte ich in der gleichen ungemütlichen Position auf. Es war bereits früh am Morgen. Ich versuchte, mich auf dem Boden auszustrecken und hörte meine Knochen knacken. Jeder einzelne Knochen tat mir weh. Das war doch keine so gute Idee, meine Schlafstätte auf den Fußboden zu verlagern.

Die letzte Nacht steckte mir noch wortwörtlich in den Knochen. Ich beschloss, aus dem angebrochenen Tag das Beste zu machen. Ich nahm mir vor, entlang der Küste spazieren zu gehen, um mir den Kopf vom Wind mal richtig durchpusten zu lassen. Auf anderen Gedanken zu kommen und versuchen, mal nicht an die Vergangenheit zu denken. Was geschehen war, konnte ich nicht mehr ändern.

Ich packte mich warm ein, nahm meinen Parka vom Hacken, zog meine gefütterten Boots an und machte mich auf den Weg nach draußen.

In den letzten Wochen konnte ich den Wetterumschwung deutlich spüren. Der Frühling ließ nicht mehr lange auf sich warten, der Wind wurde schon deutlich wärmer. Die letzten Wochen waren so schnell vergangen. Ich war so sehr mit der Renovierung und Hausverschönerung beschäftigt, dass ich es kaum mitbekommen hatte, wie schnell die Zeit bereits vergangen war.

Ich folgte dem Trampelpfad, der sich die gesamte Küste entlangschlängelte. Der unglaubliche Weitblick und diese Nähe zum Ozean raubten mir jedes Mal den Atem. Nirgendwo sonst hätte ich lieber sein wollen, das stand fest. Ich nahm mir fest vor, auch mal zum Leuchtturm hinauszugehen, doch heute musste ich mich mit der Küste begnügen.

Mittlerweile konnte ich deutlich spüren, wie mich dieser bezaubernde Ort zu heilen begann. Ich wurde stärker und bald hatte ich meine ursprüngliche Form wiedererlangt. Die Gedanken waren neu sortiert und tief in mir keimten bereits einige Ideen auf. Ich hatte vor, mir einen Laptop oder ein Tablet zu besorgen, wollte wieder regelmäßig zum Joggen anfangen und mich möglichst bald nach einem Job umsehen. Meine Ersparnisse hatte ich, bis auf den letzten Autokauf und die Monatsmieten, die so gesehen recht niedrig ausfielen, nicht wirklich strapaziert, doch langsam sehnte ich mich nach einem sozialen Umfeld. Ich wollte mir neue und aufregende Ziele setzen, vielleicht blieben dann auch meine Albträume aus. Irgendwann könnte ich eventuell auch wieder ein wenig Nähe zulassen.

Gedankenverloren setzte ich einen Fuß vor den anderen. Ich steckte meine Hände in die Taschen und wärmte sie ein wenig auf. Der Wind hatte zugelegt und verwehte meine langen Haare in alle Himmelsrichtungen. Ich genoss diese Freiheit und angenehme Ruhe.

»Wuff! Wuff!«

Ein lautes Hundegebell entriss mich meiner Gedankenwelt. Ich schaute mich um und sah einen schwarzen Labrador, der am Strand quietschvergnügt die Wellen anbellte. Er spielte mit ihnen, lief ihnen nach, um dann plötzlich doch wieder davonzulaufen.

»Was, zum?!«

Ich eilte hinunter zum Strand. Ich sah weit und breit keine einzige Menschenseele. Ich kniete mich nieder und redete auf den Hund ein.

»Hey, Großer. Was machst du hier draußen ganz alleine? Warte mal, kennen wir uns nicht?«

»Wuff!«, bellte er zurück, setzte sich brav vor mich hin und schaute mich an. Er neigte seinen Kopf zur Seite und seine schwarzen Knopfaugen fixierten mich, als wollte er mich hypnotisieren.

Ich kraulte seinem Kopf und sah an seinem Halsband ein goldenes Medaillon baumeln. Ich konnte deutlich den Namen lesen.

– MAGNUS –

»Magnus! Was machst du denn hier?«, fragte ich ihn verdutzt. Ich war so erfreut ihn wiederzusehen, dass die gesamte Situation schon ein wenig seltsam schien. Schwanzwedelnd schleckte er mir wieder das ganze Gesicht ab.

»Haha, hör auf, ich habe heute schon geduscht«

Kichernd versuchte ich mich zu wehren, jedoch mit mäßigem Erfolg. Seine Freude, mich wiederzusehen, war nicht zu bremsen. Ich stand wieder auf und sah mich gründlich um. Weit und breit keine Menschenseele.

»Hallo?! Halloooo?! Ist da jemand? Raik?!«, rief ich, so laut ich konnte. Keine Antwort. Ich ging mit Magnus den halben Strand entlang und hielt nach seinem Herrchen Ausschau. Oder nach seinem Frauchen? Gab es überhaupt ein „Frauchen“? Oder ein zweites „Herrchen“? Warum hoffte ich insgeheim, dass es weder das eine noch das andere gab? Magnus folgte mir auf Schritt und Tritt, eine Leine brauchte ich nicht. Man konnte deutlich erkennen, wie gut dieser Hund folgte.

»Süßer, so kommen wir heute einfach nicht weiter. Entweder bist du ausgebüxt, oder dich hat dein Herrchen einfach ausgesetzt«, sagte ich liebevoll zu ihm, wobei die zweite Theorie nicht wirklich ernst gemeint war. Magnus sah mich an und legte seinen Kopf schief zur Seite. Meine Güte, dieser Hund war erstaunlich, als könnte er mich verstehen.

»Komm, wir gehen erst mal zu mir und wärmen uns ein wenig auf. Hier draußen kannst du nicht bleiben«, schlug ich ihm vor.

Wir machten uns wieder auf den Weg zurück nach Hause. Langsam fing es zu nieseln an und es wurde ein wenig ungemütlich. Der feine Regen verwandelte sich in kürzester Zeit zum Schneeregen und ich merkte, wie ich allmählich zu frieren begann. Magnus tapste freudig neben mir her, seine Ohren wippten im Takt.

Zuhause angekommen, ließ ich ihn rein, trocknete sein feuchtes Fell mit einem Handtuch ab und ließ ihn mal schnuppern, um die neue Umgebung zu erkunden.

»Ich nehme an, du bist stubenrein?!«, scherzte ich, hoffte allerdings inständig, dass es so war. Magnus fing an seine Erkundungsrunde zu drehen, schnüffelte an einigen Möbelstücken, und hops, war er schon auf der Couch.

»Aha, so einer bist du«, sagte ich lachend ihm zu.

Dieser Hund wusste anscheinend ganz genau was er wollte. Ich ging in die Küche und holte ihm eine Schüssel frisches Wasser. Als ich zurückkam, sah ich, wie er schon tief und fest auf dem Sofa eingeschlafen war. Der Ärmste, die Erschöpfung war ihm schon auf dem Nachhauseweg deutlich anzusehen, wer weiß, wie lange er schon alleine unterwegs gewesen war? Ich stellte die Wasserschüssel leise auf dem Boden ab und gönnte ihm etwas Ruhe.

Nun stellte sich die Frage, wie ich Raik ausfindig machen sollte? Ich kannte keine Adresse, keine Telefonnummer, nichts, wie ich ihn erreichen konnte. Das Einzige, woran ich mich noch erinnern konnte, war, dass er Tierarzt von Beruf war, in Reykjavik gab es allerdings mit Sicherheit viele Tierärzte.

Nach langem Überlegen fiel mir dennoch ein, was zu tun war.

5 Raik

»Magnus! Maaaaaagnus!«, rief ich aus voller Kehle.

»Magnus, komm her mein Junge!«

Ich lief schweißgebadet durch Reykjaviks Straßen. Wie konnte er nur davonlaufen? Das hatte er bisher noch nie gemacht! Was war denn nur in ihn gefahren?

Ich hatte ihn bereits gleich nach dem ersten Vorfall mit der hübschen Rothaarigen, der er vors Auto gelaufen war, kastriert. Das war einfach das Beste für ihn. Ich konnte es nicht zulassen, dass ihm was zustoßen würde. Weniger Hormone, weniger Freiheitsdrang. Dachte ich jedenfalls …

Es fing an zu nieseln und wurde deutlich kühler. Der Wind peitschte mir ins Gesicht. Die vereisten Regentropfen fühlten sich wie tausend Nadelstiche auf der Haut an. Auch das noch! Ich konnte ihn unmöglich hier draußen alleine lassen, nicht bei diesem Wetter. Was, wenn ihm was zugestoßen war? Daran durfte ich gar nicht denken. Ich ließ diesen grausamen Gedanken los und suchte weiter.

»Magnus! Magnus!«

Einige Passanten schauten mich im Vorbeigehen an, als wäre ich ein Alien. Hatten sie denn noch nie einen verzweifelten Mann gesehen?!

»Entschuldigen Sie, haben Sie vielleicht einen großen, schwarzen Labrador gesehen? Er ist von zu Hause weggelaufen?!«, fragte ich schließlich zwei Damen aufgeregt, die gerade die Straße überquerten.

»Nein, haben wir leider nicht«, sagte die jüngere.

»Haben Sie es schon im Tierheim versucht? Sie wissen ja, da werden viele Ausreißer abgegeben«, sprach sie mir ermutigend zu.

»Ja, das ist eine gute Idee, vielen Dank!«, antwortete ich und machte mich sofort auf dem Weg ins Tierheim. Dass ich darauf noch nicht gekommen war! Ich hatte vor lauter Aufregung gar nicht ans Tierheim gedacht.

Ich fuhr natürlich viel zu schnell, doch das war mir zu diesem Zeitpunkt völlig egal. Ich wollte nur noch meinen Hund wiederfinden und ihn sicher nach Hause bringen.

Im Tierheim angekommen riss ich die Türe regelrecht auf und lief zum Empfang. Eine kleine, unscheinbare ältere Dame mit einer viel zu großen Hornbrille schaute in Zeitlupentempo zu mir auf. Sie legte ihren Kopf leicht schief und hielt einen Moment inne, bevor sie sprach.

»Guten Tag, der Herr, was kann ich für Sie tun?«, begrüßte sie mich äußerst freundlich und ruhig, für meinen Geschmack zu ruhig. Ich war auf 180 und konnte meine innere Unruhe kaum noch zurückhalten. Anscheinend hatte sie mit solch verzweifelten Tierbesitzern schon öfter zu tun gehabt und wollte die heikle Angelegenheit so schnell wie möglich abmildern. Ich ging darauf ein, denn ich spürte, wie mir bereits der Schweiß den Rücken hinunterrannte. Ich musste mich wieder beruhigen, nur so würde ich Magnus wieder zurückbekommen. Ich atmete ein paar mal tief durch.

»Hallo, mein Name ist Dr. Sigurdsson! Ich bin auf der Suche nach meinem eineinhalbjährigen, schwarzen Labrador. Er ist heute um die Mittagszeit von Zuhause weggelaufen. Das ist so überhaupt nicht seine Art … Hier sind die Registrierungs- und die Chipnummer, er ist auf meinen Namen gemeldet«, sagte ich und händigte ihr die Dokumente aus.

»Ok, einen kleinen Moment bitte, ich muss die heutigen Neuzugänge von heute durchsehen«, gab sie zurück und tippte gekonnt auf ihrer Tastatur herum.

Sie lehnte sich ein wenig nach vorne, kniff ihre Augen zu kleinen Schlitzen zusammen und fing konzentriert an, die Datenbank durchzuforsten. Ich wollte ihr empfehlen, ihre Augen mal richtig durchchecken zu lassen, denn anscheinend erfüllte ihre Brille nicht den Sinn und Zweck, doch das wäre in dieser Situation mehr als absurd. Nach einigen Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, blickte sie schließlich wieder hoch.

»Es tut mir sehr leid, Dr. Sigurdsson, Ihnen das mitteilen zu müssen, doch Ihr Hund wurde heute nicht bei uns abgegeben. Wenn Sie möchten, kann ich mich gerne mit den anderen Tierheimen in der näheren Umgebung kurzschließen und Sie informieren, sobald ich etwas Neues in Erfahrung bringen sollte«, sagte sie.

Ich merkte, wie meine Beine plötzlich weich wurden, und ich mich kurz am Tresen festhalten musste, um nicht dem Wusch nachzugeben, mich einfach auf den Boden zu zusetzen. Mir gingen tausende Gedanken durch den Kopf und ich malte mir die schrecklichsten Szenarien darüber aus, was passiert sein könnte. Diese Ungewissheit brachte mich in den Wahnsinn. Ich musste raus!

»Ja, bitte! Das wäre sehr nett von Ihnen! Vielen Dank«, bedankte ich mich trotzdem höflichst bei Ihr, ließ meine Kontaktdaten und ein großzügiges Trinkgeld zurück und verließ blitzartig das Gebäude.

Ich ging wieder zurück zu meinem Auto und fuhr los, schließlich konnte ich nichts anderes tun, als selbst durch die Gegend zu fahren und nach ihm Ausschau zu halten. Ich fuhr die gesamte Gegend ab, nahm mir als Allererstes seine Lieblingsplätze und Spazierrouten vor. Auch seine heiß geliebte Küstengegend, wo wir fast jedes Wochenende spazieren gingen, um die Wellen anzubellen, blieben erfolgslos.

Total entkräftet, heiser und resigniert fuhr ich bei Einbruch der Dämmerung wieder nach Hause. Ich kontrollierte zum hundertsten Mal meine Sprachbox. Keine einzige Nachricht vom Tierheim.

Ich ließ mich auf die Couch fallen. Nicht einmal meine Schuhe zog ich mehr aus. Ich lag einfach nur da und starrte auf die kahle Decke. Inständig hoffte ich, ihn wohlauf wieder in meinen Armen halten zu können. Er war mein Kumpel, er war meine Familie. Einige Minuten später fielen mir vor Erschöpfung schließlich die Augen zu.

6 Tessa

Nachdem ich am nächsten Morgen aus dem Einkaufszentrum wieder Zuhause angekommen war, bekam ich an der Haustür die herzlichste und feuchteste Begrüßung, die man sich nur vorstellen kann. Magnus sprang mich förmlich an und seine Zunge ließ keinen Quadratzentimeter meines Gesichtes unerforscht. Ich kniete mich zu ihm und ließ mich nach Lust und Laune abschmusen. Das tat so gut! Ich kicherte drauflos und meine Ermutigung ließ Magnus so richtig durchdrehen. Es spornte ihn richtig an, weiterzumachen. Wir kugelten am Boden herum, bis ich schließlich atemlos die weiße Fahne schwenken musste.

Nachdem ich ihn zum Erleichtern rausgelassen hatte, kochte ich mir noch einen heißen Tee und nahm mit meiner neuen Errungenschaft auf meiner Couch Platz. Magnus legte sich unaufgefordert zu meinen Füßen dazu und machte es sich gemütlich.

»So, mein Großer, jetzt werden wir mal deinen Herrchen suchen«, sagte ich leise vor mich hin.

Als hätte der Hund mich verstanden, hob Magnus plötzlich seinen Kopf und stoß einen leichten Seufzer hervor.

»Keine Angst, wir kriegen das schon hin«, beruhigte ich ihn.

Ich nahm das nigelnagelneue, schneeweiße Sony-Tablet aus der Verpackung heraus, richtete es kurz ein, und schon konnte die Suche losgehen. Ich war mir bewusst, dass dieser Schritt ein großes Risiko mit sich brachte, denn jede unnötige Verbindung nach draußen stellte eine enorme Gefahr für mich dar. Aber diesen Gedanken schob ich schnell beiseite, denn nun hatte ich Wichtigeres zu tun. Ich musste diesen armen Kerl, den ich eigentlich gar nicht mehr so richtig hergeben wollte, seinem Herrchen wieder zurückbringen …

Warum wurde mir bei diesem Gedanken nur plötzlich so heiß? Wer freute sich nun mehr, Herrn Doktor wiederzusehen? Magnus oder ich?

»Meine Güte Tessa, werd doch bitte endlich erwachsen…«, sprach ich mit mir selbst.

Mit einem breiten Grinser durchsuchte ich eifrig die Homepages aller Veterinärmediziner in der näheren Umgebung.

»Volltreffer! «

Da war er. Dr. Raik Sigurdsson.

Ich sah mir das Profilfoto ganz genau an und zoomte bis auf 300 % ran. Jetzt durfte ich ihn endlich hemmungslos anstarren, ohne dabei rot zu werden oder in Versuchung zu geraten, mich nochmals mit vollem Körpereinsatz auf ihn zu werfen. Meine Wangen erröteten trotzdem bei so viel Männlichkeit und ich klickte schnell wieder weg.

»Haha, also Magnus, eines haben wir auf jeden Fall gemeinsam! Wir scheinen denselben Typ Mann zu mögen«, scherzte ich und kraulte ihm genüsslich die Ohren.

Jetzt, wo ich das Bild vor mir hatte, ließ ich den Vorfall vor einigen Wochen nochmals Revue passieren. Meine Unbeholfenheit oder besser gesagt meine Tollpatschigkeit im Vergleich zu seiner unglaublichen Tapferkeit spielten definitiv nicht in der gleichen Liga. Er war so anders als die anderen. Obwohl wir uns nur flüchtig kannten, gab er mir ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit. Ich war süchtig danach.

Da ich noch kein Handy besaß, tippte ich das E-Mail-Symbol an und begann zu schreiben. Ich wählte meine Worte sehr sorgfältig aus, denn dieses Mal wollte ich einen guten Eindruck hinterlassen.

Einen wunderschönen guten Morgen, Dr. Sigurdsson. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob du dich noch an mich erinnern kannst. Hier ist Tessa, wir hatten vor einigen Wochen eine turbulente Schneebekanntschaft, nachdem dein Hund meinen Weg gekreuzt hat …

Der Grund, warum ich dir schreibe, ist, dass ich hier auf meiner Couch jemandem die Ohren kraule, der eigentlich zu dir gehört. Schwarz, ungefähr 35 Kilogramm schwer und einen endlos großen Appetit … Magnus ist mir gestern am Strand (erneut!) in die Arme gelaufen! Ich denke, du wirst dich über meine Nachricht freuen, denn du vermisst ihn sicherlich schon schrecklich …

Ich schrieb die E-Mail fertig, fügte noch die Adresse meiner schmucken Unterkunft an und schickte die Nachricht ab. Keine fünf Minuten später erklang bereits die Benachrichtigung, dass ich eine neue E-Mail erhalten hatte.

Raik hatte sich bereits auf den Weg gemacht.

Kurze Zeit später klopfte es an der Tür. Bereits am Klopfen konnte ich intuitiv erkennen, dass er es war.

»Hallo Tessa, schön dich wiederzusehen!«, strahlte er mich aufgeregt an. Er sah fantastisch aus! Nicht nur, dass sein Äußeres bei mir punktete, nein, auch seine Art und sein Charakter waren so erfrischend und angenehm, dass ich mich erst mal kurz sammeln musste, bevor ich ihn eintreten ließ.

»Hi, komm doch rein. Du wirst schon sehnsüchtig erwartet«, antwortete ich und ließ ihn herein.

Wie ein plötzlicher Wirbelsturm kam Magnus schon um die Ecke gelaufen und sprang sein Herrchen an. Dieses herzzerreißende Wiedersehen ließ mir eine minutenlange Gänsehaut zurück. Raik kniete am Boden und hielt ihn einfach nur fest im Arm, während sich Magnus vor lauter Winseln und Zittern gar nicht mehr einkriegen konnte. Dieses Bild würde ich mir womöglich für immer einprägen. Erstaunlich, welch große Gefühle zwischen Tieren und Menschen entstehen konnten. Nur die Menschen waren anscheinend nicht in der Lage, sich immer gegenseitigen Respekt und bedingungslose Liebe entgegenzubringen.

»Danke! Wie kann ich dir nur danken, Tessa? Ich war krank vor Sorge und habe letzte Nacht kein Auge zugemacht«, sprudelte es nur so aus ihm heraus.

»Weißt du, er ist meine Familie …«, fügte er hinzu. Ich nickte verständnisvoll.

Ich konnte deutlich erkennen, dass seine Augen stark gerötet waren, konnte aber es nicht genau sagen, ob es durch den Schlafentzug oder die Wiedersehensfreude bedingt war.

»Gern geschehen, ich bin einfach nur froh, dass ich ihn gefunden habe und ihm nichts passiert ist. Magnus hat anscheinend gute Stalker-Qualitäten! Schön langsam fühle ich mich allerdings von ihm verfolgt«, scherzte ich und wir fingen beide an zu lachen.

»Ja, erstaunlich! Anscheinend kann er dich gut riechen!«, gab er amüsiert zurück.

Seine strahlend weißen Zähne machten dieses ohnehin schon umwerfende Lachen einfach perfekt. Er strahlte eine unheimliche Ruhe und Sicherheit auf mich aus, ein Gefühl, dass ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Bitte lieber Gott, lass ihn einfach nie wieder aus meiner Tür hinausgehen …

»Ich würde mich wirklich gerne bei dir revanchieren, und dieses Mal akzeptiere ich keine Widerrede«, sagte er schließlich.

»Ich würde dich sehr gerne zum Essen einladen. Ich hoffe du nimmst meine Einladung an. Du kannst dir auch gerne das Lokal aussuchen«

Er sah mich mit seinen stahlblauen Augen an und wartete gespannt auf meine Antwort. Ich hätte schwören können, dass er auch ein wenig nervös war.

Oh Mann! Wie hätte ich einer derart charmanten Einladung nur widerstehen können? Lieber hätte ich mir die rechte Hand abgehackt, als ihn noch mal gehen zu lassen.

»Sehr gerne würde ich deine Einladung annehmen Raik, allerdings bin ich erst seit einigen Wochen hier in Island. Ich bin vor Kurzem hierhergezogen. Ich könnte dir kein einziges Restaurant in Reykjavik empfehlen«, gab ich schließlich zu und war selbst über plötzliche Ehrlichkeit erstaunt.

»Wirklich? Ich dachte mir schon, einen sympathischen Akzent rausgehört zu haben. Ich denke, für genügend Gesprächsstoff ist somit gesorgt«, antwortete er schmunzelnd.

»Also gut, wenn das so ist, habe ich eine bessere Idee. Ich würde dich fürs erste Treffen dann kurz entführen und dir „meine kleine Insel“ zeigen. Ich möchte dich sehr gerne überraschen. Vertraust du mir?«, sagte er. Seine Augen fingen an zu leuchten.

Er hatte die Ausstrahlung eines Jungen, der gerade die Geschenke unterm Weihnachtsbaum entdeckte. Ich wusste, dass ich mir selbst einen kleinen Ruck geben musste. Wenn ich mich der Welt wieder öffnen wollte, dann war das jetzt die beste Gelegenheit dazu.

»Also gut. Ich lasse mich überraschen«, sagte ich schließlich.

»Spitze! Ich hole dich morgen pünktlich um 13 Uhr ab. Freizeitbekleidung und gemütliche Schuhe anziehen, das Abendkleid wirst du definitiv nicht brauchen«, gab er zurück.

»Dann bis morgen! Und danke Tessa, dass du ihn mir zurückgebracht hast. Er ist mein bester Freund, weißt du?«

Er umarmte mich kurz zum Abschied und ging dann.

Zurück im Wohnzimmer wunderte ich mich über meine neu gewonnene Spontanität. Ich wollte doch untertauchen, keinen Kontakt zu der Außenwelt pflegen, doch plötzlich fühlte es sich doch so was von richtig an. Ich spürte einen Hauch von Aufregung, gepaart mit Vorfreude und Neugierde in mir aufkeimen. Der Heilungsprozess hatte schon einiges bewirkt. Ich hatte noch einen langen Weg vor mir, das war mir bewusst, doch manche Wunden begannen schon langsam zu heilen. Ein paar kleinere Narben waren bereits verblasst, physisch sowie auch psychisch.

Ich ging zum Kleiderschrank, legte mir einige Anziehsachen für den nächsten Tag heraus und konnte ehrlich gesagt den kommenden Tag kaum erwarten. Ja, ich freute mich. Ich hatte dieses Gefühl sehr vermisst. Einfach den Tag mit einem netten und sympathischen Menschen verbringen.

Ich mochte ihn. Ich mochte Raik sehr, allerdings erst mal als einen Freund. Ich hoffte, dass er das genauso sah. Was, wenn nicht?! Was, wenn er sich von diesem Treffen mehr erhoffte? Wenn er glaubte, dass ich mehr von ihm wollte?

Langsam bekam ich Zweifel. War das der richtige Zeitpunkt, um neue Freundschaften zu schließen? Überstürzte ich gerade etwas?

Am Abend ging ich im Geiste die letzten Stunden unserer Begegnung nochmal durch. Ich hoffte inständig, dass er das morgige Treffen genauso locker sah, wie ich es tat.

Ich schlief sehr unruhig ein, wälzte mich im Bett hin und her. Ich fand keinen Frieden in jener Nacht.

***

[ Die Tür fiel leise ins Schloss. Im Haus war es dunkel, anscheinend schlief Hannes schon. Ich hätte ihm eine SMS schicken sollen, dass es bei mir ein wenig länger dauern würde, hatte mich aber dagegen entschieden, da ich ihn nicht beunruhigen wollte. Ich zog im Vorraum meine High Heels aus und ging leise ins Wohnzimmer. Da ich ihn nicht aufwecken wollte, beschloss ich spontan, es mir auf der Couch gemütlich zu machen.

Plötzlich ging die Tischlampe an. Ich schreckte kurz auf, sah aber, dass es Hannes war. Er saß in der Ecke in seinem Lieblingsohrensessel aus dunkelbraunem Vintageleder, hatte die Beine übereinandergeschlagen und schwenkte genüsslich seinen Whiskeyglas.

»Hannes, du bist noch auf? Du hast mich erschreckt!«, sagte ich leicht irritiert. Oh Mann, bitte keine endlos lange Diskussion wieder, dafür war ich schon zu müde.

»Schön, dass du endlich wieder Zuhause bist«, erwiderte er in einem ruhigen, monotonen Tonfall.

Diese skurrile Szene wirkte auf mich irgendwie bedrohlich. Spannung lag in der Luft. Ich fühlte mich unwohl.

»Ja, tut mir wirklich leid. Ich wollte dir noch Bescheid geben, dass es bei uns ein wenig länger dauern würde. Mel hatte heute Geburtstag und hat uns Mädels nach der Arbeit auf einen Drink eingeladen«, antwortete ich so freundlich ich konnte, um die Situation ein wenig zu deeskalieren.

Ich versuchte es wenigstens.

»Ja, das hättest du definitiv tun sollen«, antwortete er.

Er sah mich ausdruckslos an, blinzelte nicht einmal. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter, musste mich plötzlich kurz schütteln. Was passierte hier? Instinktiv blickte ich weg und machte einen kleinen Schritt zurück. Der Selbstschutz setzte ein. Warum fühlte ich mich plötzlich so schlecht? So schuldig? Die Situation schien zu eskalieren, jedenfalls fühlte es ich so an.

Im selben Moment stand er auf, packte mich am Pferdeschwanz und riss meinen Kopf ruckartig zurück, sodass ich ihm in die Augen blicken musste! Ich atmete scharf ein. Der Schmerz durchflutete meine Kopfhaut.

»Tessa, Tessa … Wie oft soll ich es dir noch erklären, wie du dich zu benehmen hast? Und komm schon, sieh dich nur an? Wie siehst du nur aus?«

Sein zorniger Blick durchbohrte meinen. Er drang in meine verletzliche Seele ein, immer tiefer und drängte sie in die Ecke. Ich fühlte mich geistig vergewaltigt, fing innerlich an zu schreien. Schreie, die niemand hören konnte, nur ich! Ich versuchte mich nicht zu bewegen oder irgendeine Reaktion zu zeigen, um ihn noch wütender zu machen.

»Hannes, bitte nicht … Du tust mir weh«, flehte ich ihn an.

»Anscheinend kapierst du es nicht anders!«, schrie er mich an und verstärkte seinen eisernen Griff.

»Du wagst es, mich warten zu lassen, kommst irgendwann nach Hause und siehst aus wie eine Hure?!«, brüllte er mich an.

Ich spürte winzig kleine Spucketropfen, die auf meine Haut niederprasselten.

»Hannes, bitte …«, hauchte ich.

»Was?! Was, Tessa? Du glaubst mir etwa nicht?«

Im selben Moment packte er mich bei den Schultern, stieß mich vor zum großen Wandspiegel und hielt meinen Kopf fest, sodass ich mein Spiegelbild ansehen musste.

»Schau dich doch an! Geschminkt wie eine Hure! Gekleidet wie eine Nutte!«

Er schüttelte so heftig meinen Kopf hin und her, dass mir schwindelig wurde. Plötzlich fasste er mir mit der gesamten Hand ins Gesicht und fing an, meinen roten Lippenstift quer über die gesamte Wange zu verschmieren. Ich schloss meine Augen und hielt die Luft an. Ich konnte mich nicht bewegen, besser gesagt, durfte mich nicht bewegen.

»So sieht nicht die Frau eines erfolgreichen Landespolizeidirektors aus! Nein, nicht so! Und wenn ich sage, du sollst nach der Arbeit sofort nach Hause kommen, dann ist das keine Bitte, sondern eine Aufforderung! Hast du das verstanden?!«, schrie er mich von der Seite an, sodass mein linkes Ohr schrill zu pfeifen begann.

Instinktiv antwortete ich schnell.

»Ja, Hannes. Ich habe verstanden. Es tut mir leid.«

Ich spürte, wie meine Knie ganz langsam zu zittern begannen. Das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Ich konnte nicht dagegen ankämpfen, das war mein natürlicher Schutzmechanismus.

Er kam von hinten ganz nah an mich heran und schmiegte sich mit seinem Kopf zärtlich an meinen Hals an.

»Das würde ich dir für die Zukunft auf jeden Fall raten. Nun sei eine artige Ehefrau und kehr die Scherben auf. Schließlich ist das dein Werk.«

Welche Scherben, dachte ich?

…

Mit einem kräftigen Stoß prallte mein zierlicher Körper gegen den Spiegel.

»Wham!«

Mein Kopf knallte mit voller Wucht dagegen. Der Spiegel zersprang in tausend Scherben. Meine Knie ließen im Schock aus und ich ging zu Boden. Ich spürte, wie sich die einzelnen Scherben in meine Haut bohrten. Mein Gehirn begann gegen meine Schädeldecke zu hämmern, als wollte es ausbrechen. Der Überlebensinstinkt setzte wieder ein und ermahnte mich nicht zu bewegen, ihn nicht unnötig zu reizen.

Er drehte sich weg und ging Richtung Bad.

»Melde dich ab morgen krank! Solange der blaue Fleck von deiner Stirn nicht verblasst ist, bleibst du zu Hause! Und schmink dich endlich ab, du siehst aus wie Joker!«, rief er mir noch hinterher und knallte die Tür hinter sich zu.

Ich blieb noch eine Weile ruhig sitzen. Ich wagte nicht einmal zu weinen, sondern verweilte in der gleichen Position einige Minuten lang. Der Kopf pulsierte im Rhythmus meines Herzschlages. Das Rauschen des Blutes in meinen Ohren ließ die Umgebungsgeräusche der Stadt verstummen. Ich nahm eine Scherbe in die Hand und sah hinein. Wie recht er nur hatte, das Hämatom an der rechten Stirn war bereits deutlich zu erkennen und die Schwellung war vor allem gut zu spüren.

Er hatte es wieder getan.

Mein Mann hatte mich wieder verletzt.]

***

Ich stieß einen kurzen Schrei aus und wachte schweißgebadet auf. Dann richtete ich mich kerzengerade im Bett auf und blickte starr vor mich hin. Meine Atmung ging schnell. Ich griff mir an meine pochende Brust und konzentrierte mich darauf, mich wieder zu beruhigen. Eine Panikattacke war das Letzte, was ich jetzt brauchte.

Die Albträume hatten wieder begonnen.

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260 стр. 1 иллюстрация
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9783991310280
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