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nina pourlak

besser als nix.

roman


Nach einem Einfall von Sebastian Lempe

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

eISBN 978-3-86506-417-2

© 2009 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Frederick Ring, Stuttgart

Titelfoto: Frederick Ring, Stuttgart

Satz: Satzstudio Winkens, Wegberg

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

1 der anfang vom ende zum anfang

2 schwarzsehen für anfänger

3 ungeahnte perspektiven

4 die nacht des lebenden toten

5 ein ganz schwarzer tag

6 das ziel ist das ziel

7 der erste und der zweite abschied

8 zwei allein zu haus

9 der ernst des sterbens

10 ein mann, ein anzug

11 zwei schritt vor, einer zurück

12 anruf aus dem jenseits

12 es ist, was es ist ...

13 grün hinter den ohren

14 nachtgedanken & tagträume

15 ein hans kein glück

16 hello goodbye

17 kein zurück

18 alles ist anders

fast 19 & wie neugeboren

Danksagung

C.S. Lewis Preis

1 der anfang vom ende zum anfang

Mike trägt jetzt Skinny Jeans. Das sieht so scheiße aus bei ihm, wie ein Muskelmännchen. Oben breit und unten ganz dünn. Madlen steht wohl drauf. Er sagt, es war seine Idee, aber na ja. Mir soll es egal sein. Nur, wenn er sich bückt, seh ich seine Po-Ritze und das ist beileibe echt too much.

Die wissen überhaupt nicht, was diese Jeans bedeuten. Die bedeuten Musik, die bedeuten Gitarren und London und Punkrock und – na ja. Jedenfalls nicht Saufen im Feld, Karstadt und Klingeltöne. Ist egal. Ist vorbei, wie gesagt. Das ist nun mal ein Dorf. Bin ich wenigstens nicht der Einzige, der hier so rumläuft. Ich hatte meine zuerst, die musste ich mit der Kreditkarte von Papa online bestellen. Von Cheap Monday. Er hat das überhaupt nicht verstanden, dass meine Jeans nun unbedingt aus London kommen muss.

Ein Jahr lang haben mich alle damit ausgelacht. Und jetzt das. Jetzt ist es auf einmal cool. Ich frag mich nur – seh ich auch so blöd damit aus? Hier gibt es keine Ganzkörperspiegel, nur so kachelkleine Spiegel-Quadrate über den Waschbecken. Ist halt ‘ne Sportlerkabine.

Wir ziehen uns aus. Es stinkt nach Schweiß hier und das noch vor dem Training. Alter Schweiß, der sich überall reingefressen hat. Nach und nach kommen die anderen Jungs rein. Die meinen das ernst mit dem Sport. Die haben richtig Muskeln und so, weißt Du ja. Ich steh auf Mädchen, O.k. Aber ganz sicher nicht auf die, die es hier gibt.

Ich stell sie mir vor. Mädchen. Mädchen mit schwarz gefärbten Haaren in Vintage-Klamotten. Mädchen mit Bandshirts und Tätowierungen. Mädchen mit bunten Sonnenbrillen aus amerikanischen Indiefilmen. Wilde Mädchen, die nicht Steffi heißen. Ich weiß, dass es sie gibt, irgendwo. Mich hat das Internet verseucht.

Ich hab schon früh gemerkt, dass ich irgendwie nicht hierher gehöre. Dass ich anders bin. Ich hab mir aber am Anfang noch richtig Mühe gegeben, dass das keinem außer mir auffällt. Ganz normal sein, wie die anderen. Aber das hat nicht geklappt. Dann hab ich’s halt gelassen.

Papa ist erst ins Grübeln gekommen, als ich angefangen habe, meine Haare zu färben. Als ich dann auch noch meine Garderobe ganz allmählich auf Schwarz umgestellt habe und nächtelang am Computer saß, ist ihm richtig mulmig geworden. Und als beim Elternabend meine Lehrerin schließlich angemerkt hat, ich sei eher der Außenseiter im Klassenverband, da hat er wohl befürchtet, dass ich demnächst Amok laufe oder so was. Ich weiß, da macht man keine Scherze mit.

Jedenfalls hat er angefangen, seltsame Fragen zu stellen, mich zum Fußball zwangsverpflichtet – und ich glaube, er war auch heimlich an meinem Computer. Aber was sollte er schon groß herausfinden, erstens gab es wirklich nichts Besonderes, und zweitens: Er kann ja noch nicht mal eine E-Mail alleine verschicken ...

Ich hab ihm dann freiwillig verraten, dass ich auf diesen Streetstyle-Seiten surfe, wo man gut gekleidete Menschen in den Metropolen dieser Welt bewundern kann. Nicht, dass hier alle total hinterm Mond wären, aber das ist einfach noch mal was ganz anderes. Fernweh, sag ich nur. Hab dann eben gleich noch gefragt, ob ich die Nummer von seiner Kreditkarte haben kann, weil ich mir Klamotten online bestellen wollte. Aus England. Und da war er dann erst richtig geschockt. Als ob das bei ‘nem Jungen total unnatürlich wäre ...

Ich glaube, es wäre ihm fast lieber gewesen, ich hätte doch irgendwelche krassen Ballerspiele gespielt ... Das wäre dann wieder O.k. Ganz normal eben.

Vielleicht sollte ich das gar nicht schreiben hier. Aber es ist schließlich so was Ähnliches wie mein Tagebuch, da muss man ja offen und schonungslos sein, oder?

Außerdem – Du weißt ja, wie er ist ...

Also. Ich wollte Dir erzählen, wie es mir geht. Wie es uns geht. Und wie alles so gekommen ist, wie es jetzt ist. Ich weiß nicht, ob Du das lesen kannst. Ob es Dich erreicht. Aber ich stelle mir das jetzt einfach mal so vor. Ich meine ehrlich, wenn ich 100 % davon ausgehen würde, dass Du das liest, dann würde das bedeuten, dass ich – also – dass ich daran glaube, dass –

Peng.

Der Ball trifft mich mit voller Wucht am Kopf. Immerhin – kein Tor. Jetzt bloß keinen Schmerz zeigen. Ein weißhaariger Mann mit Trillerpfeife im erhitzten Gesicht kommt auf mich zugehastet und fuchtelt mit den Armen: »Du musst dich auch mal bewegen, Junge. In Aktion treten!« Kopfschüttelnd sieht er mich an.

Ja, Papas Haare sind mittlerweile richtig weiß, Du würdest Dich wundern.

Ich konnte mich nicht entscheiden, für welche Seite – denk ich – sag ich aber natürlich nicht, als er schon wieder energisch mit seiner Trillerpfeife zum Angriff bläst. Würde die Lage nicht verbessern. »Das ist genau dein Problem«, wäre seine Antwort. »Du kannst dich nicht entscheiden, was du nach der Schule machen willst. Nicht entscheiden, was du heute Abend essen willst, und nicht einmal als Torwart taugst du was, weil du dich einfach nicht entscheiden kannst, in welche Ecke du springen sollst. Ich verstehe nicht, wie jemand so überhaupt überleben kann, auf dieser Welt. Ich war nie so ...«

Ich weiß ganz genau, dass er das sagen würde.

Meistens antworte ich deswegen gar nicht. Kaltes Wasser lass ich über mein Gesicht laufen. Ich guck mich im Spiegel an, in der Mädchenkabine, die haben einen Größeren.

Auf der einen Seite ist es weiß, auf der anderen ganz rot und über der Augenbraue leicht angeschwollen. Von vorne verläuft die Linie schräg. Gäbe ein gutes Plattencover. Ich sollte morgen ein Foto im Passbildautomaten machen.

Mike klimpert mit dem Autoschlüssel, als ich aus der Tussi-Umkleide komme: »Was machst denn du da drüben ... Aha ... Soso ...«

Witzig, witzig. Ich grinse gequält. Seit ich einmal mit Kajal rumexperimentiert habe, muss ich mir so was von ihm anhören. Mike ist da genau wie Papa. Und das hier ist eben ein Dorf, die verstehen so was nicht.

»Hey, is’ was?«

Ich schüttle den Kopf. »Nee, was soll ’n sein?«

»Wir treffen uns nachher vorne, im Feld. Kannst ja auch kommen. Wenn du deine Gitarre zu Hause lässt.«

Schon klar. Ich nicke. Ich seh mich nicken. Schlagfertig wie immer. Ich würde lieber in Mikes alter Karre Autofahren üben. Meine Führerscheinprüfung naht. Aber momentan schiebt er so einen auf Romantik mit Madlen ...

Draußen wartet Papa schon ungeduldig im Auto. Er kann nicht fassen, dass ich wirklich sein Sohn bin, glaub ich. Klein, dünn, blass und immer dieses Schwarz – Ich kann nicht fassen, dass er nur Jogginganzüge trägt. Er ist mir peinlich und ich bin ihm peinlich. Eine echte Enttäuschung. Wie ein komplett falsches Geschenk zu Weihnachten – vom Umtausch ausgeschlossen. Wenn das anders wäre, könnten wir vielleicht sogar zusammen Autofahren üben. Aber wir sind schon aneinandergeraten, als wir vor Jahren noch versucht haben, meine Mathe-Hausaufgaben zusammen zu machen. Und es hat sich in der ganzen Zeit bis jetzt nichts verändert.

Als ich ihm letztens zeigen wollte, wie er seine E-Mails und irgendwelche Fußball-Ergebnisse im Internet abrufen kann – weil er mittlerweile der einzige Trainer im ganzen Landkreis ist, der seine Termine nicht per Mail verschickt und auch die Nachrichten der anderen nicht bekommt –, hat er sich so störrisch geweigert, das auszuprobieren, dass ich beschlossen habe, es aufzugeben.

Er kommt einfach nicht damit klar, etwas von mir zu lernen. Und ich andersrum genauso wenig. Also – egal, wer hier wem was zeigen will – es endet bei uns auf jeden Fall in der Katastrophe.

Daher fahren wir nur um die Ecke. Zum Grillbüdchen. Normalerweise gibt es dann Pommes rotweiß und Rostbratwurst, mein Vater steigt aus und quatscht sich fest. Mit seinen Sportkameraden von früher. Die, die wissen, wie er aussah, als er jung war – wer er war und wer er hätte sein können.

Und was dann passiert ist.

Ich lauf dann irgendwann nach Hause.

Aber heute trägt er die ganze Fuhre Pommes ins Auto und bugsiert den Wagen etwas abseits. Das verheißt nichts Gutes.

Stille.

Schließlich schnauft er beiläufig: »Wie sieht es denn aus mit deiner Lehrstelle?«

Langsam guckt er zu mir rüber. Ich halt mich am Türgriff fest. Das musste ja kommen. Tapfer erwidere ich den väterlichen Blick. Das Problem ist, ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Von dem, was es hier gibt, kann ich mir gar nicht vorstellen, irgendwas zu werden.

Wie soll ich ihm das bloß begreiflich machen? Papa, es gibt hier keinen Beruf für mich. Aber die Schule weitermachen will ich auch nicht. Und ich weiß auch nicht, wie ich hier wegkomme. Weil ich nicht genau weiß, wo ich hingehöre. Soll ich das etwa sagen? Das wäre ehrlich.

»Gut, gut sieht es aus. Wir sind jetzt von der Schule her in der Orientierungsphase. Morgen ist die Berufsberatung in Kiel. Die meinen, das ist alles gar nicht so schlimm mit den Lehrstellen, wie es immer heißt. Wenn die mir erst mal sagen, was ich am besten werde, weißt du, dann hab ich auch ein Ziel.« Ich lächle möchtegernsouverän. Komme mir vor wie ein Versicherungsbetrüger oder so was. Ich weiß, ich bin ihm ein Rätsel.

»Ich wusste immer, was ich werden will. Wie kann man denn das nicht wissen, du musst dich doch für irgendwas begeistern ...«, kommt es auch prompt.

Er mustert mich und meine schwarz gefärbten Strähnen. »Oder willst du etwa Friseur werden oder so was?«

»Nein!«, wehre ich leicht genervt ab.

»Gut!«, Papa öffnet beruhigt die Strippe seiner Jogginghose und atmet durch. Das war anscheinend seine größte Sorge.

Immerhin hat er gefragt.

Von draußen klopft Sportsfreund Jan ans Fenster, mit einer Flasche Bier. Carsten rappelt sich auf. »Also O.k., ja, Tom. Aber wenn es ernst wird, musst du Bescheid geben. Ich kann dich irgendwo unterbringen. Bei der Ulrike im Autohaus oder bei der Post ...«

Klar.

Carsten ist schon weg, vorne am Tresen des Campinganhängerwürstchenbüdchens wird er von seinen Freunden, den übrigen Sportskanonen, begrüßt. Sie sprechen über ihre alten Triumphe, als wären sie erst ein paar Tage her und nicht so lange, wie ihre wuchtigen Bäuche mittlerweile schon in die Breite gewachsen sind.

Und über Tabellenstände, Spielergebnisse, irgendwelche Pokale und Lokalderbys. Veränderungen in der Bundesliga, Trainerwechsel oder Abstiegskämpfe werden hier nahezu philosophisch ergründet. Ich brauch mich gar nicht dazuzustellen – das ist für mich wie eine Fremdsprache. Tags darauf berichtet Papa dann seinen Fußballjungs darüber, was er für sie entsprechend daraus ableitet. Wenn er ihnen dann seine neuesten Lebenserkenntnisse in diesem Fußballerlatein verschlüsselt vermittelt, sieht er manchmal wieder so jung aus, als läge nicht dieser graue Schleier über ihm. Dann hat er für Momente so ein strahlendes Gesicht wie früher. Bei mir kriegt er das nie ...

Aber die gucken ja auch alle so andächtig, als ob der liebe Gott persönlich vor ihnen stehen würde ... Weil er hier so was wie eine lebende Legende ist: der Typ, wegen dem Bayern München mal in Schwarzbeck verloren hat. Schon dass die hier antreten mussten, ist seinerzeit schon eine Sensation gewesen. Aber dass sie auch noch zwei zu eins verloren haben – beide Tore geschossen von Papa persönlich – Wahnsinn. Einer von hier – da war Boris Becker mit seiner Hechtrolle auf dem Rasen von Wimbledon nix dagegen. Deswegen haben sie Carsten hier auch auf Lebenszeit verpflichtet. Und selbst Uwe Seeler war zu Besuch da.

Das ist zwar schon über zwanzig Jahre her. Und die Bayern sind damals auch mit ihrer B-Mannschaft angetreten, aber daran erinnert sich ja jetzt sowieso keiner mehr: Was zählt, ist das Ergebnis. Auch so ein Spruch von meinem Vater.

Ich beschließe, quer durchs Feld zu laufen.

Es wird langsam dunkel. Sonnenblumen säumen meinen Weg.

Autohaus – ich hab noch nicht mal meinen Führerschein bis jetzt ... oder bei der Post ... Jeden Morgen auf dem Fahrrad unterwegs, gejagt von Schäferhunden und einsame Hausfrauen, und zur Weihnachtszeit Tausende Online-Bestellpakete durchs Dorf karren. Oder hinterm Schalter, Briefmarken abzählen mit Kundenkontakt: »Haben Sie sich denn schon mal Gedanken über das Postbankkonto gemacht?«

Bin ich das? Ist es das? Vierzig, fünfzig Jahre?

Und dann ein Platz hier, auf dem Friedhof, und ein Spruch auf dem Grabstein: I did it my way.

Seit Du nicht mehr da bist, gibt es keine Blumenbeete mehr vor der Tür. Man kann alles überall liegen lassen. Es gibt keine Abendbrotzeit oder Frühstückszeit, kein zusammen am Tisch sitzen bleiben oder Brote für die Pause mitnehmen. Freunde, die vorbeikommen, finden das sogar cool ... Ich vermisse insgeheim, wie es früher war. Zu Weihnachten hab ich sogar Plätzchen gebacken, deswegen. Ziemlich mädchenmäßig, ich weiß. Kam auch nicht so gut an.

Ich kann mich gar nicht an die großen Sachen mit Dir erinnern. Z. B. »meine Einschulung«. Oder der letzte Geburtstag, als Du noch da warst. Ich habe eher lauter kleine Momente im Kopf, Zipfel von Geschichten, Puzzle-Teile, die ich noch festhalten konnte. Ich frage mich, wie das Gedächtnis sich die Sachen aussucht, die es sich merkt. Hoffe, dass ich ein paar Teile für immer in meinem Kopf behalte. Dass ich mit geschlossenen Augen Dein Bild aufrufen kann, in Gedanken.

Aber das fällt mir sogar bei Papa manchmal schwer – obwohl der ja die ganze Zeit da ist und auch immer gleich aussieht. Wahrscheinlich Verdrängungsmechanismus. O.k., das ist gemein, aber die einzige gemeinsame Unternehmung mit ihm ist mittlerweile das Fußballtraining mit zwanzig sportlicheren Typen und der Moment vor dem Imbiss danach. Bestimmt bring ich es deswegen nicht übers Herz, da auszusteigen. Wenn er heimkommt, ist es längst nach zwölf, und sportlich war vor allem sein Trinkrekord. Der Wagen bleibt stehen, kurz hinter dem Bolzplatz.

Ich geb’s zu. Eigentlich fehlt mir was anderes.

Morgens ist mein Gesicht lilablau angelaufen auf einer Seite, ums Auge herum sieht es wie geschminkt aus – Tokio Hotel ist gar nix dagegen. Wirkt ziemlich verwegen. Die Berufsberatung wird es hoffentlich nicht stören. Oder sie empfehlen mir gleich einen Job als Türsteher oder Erschrecker in der Geisterbahn. Was soll’s – Opa hat immer gesagt: »Der Gesamteindruck zählt.« Ein schwarzes T-Shirt und die schwarzen Wildlederschnürer zur engen Jeans, wenn ich nicht etwas für den Style in diesem Ort tun würde, dann würde echt alles vor die Hunde gehen.

Es reicht schließlich, dass einer in der Familie mit der Jogginganzuguniform unterwegs ist. Das ist meine Form der Rebellion. Irgendwann werden sie mich hier vielleicht verstehen, aber dann bin ich wahrscheinlich schon ganz weit weg. Über alle Berge ...

Ach ja ... Noch nicht mal die gibt es hier. Berge.

2 schwarzsehen für anfänger

Fahrradfahren ist was Tolles, eine der wenigen Tätigkeiten auf der Welt, über die ich sagen würde: Das macht mich richtig glücklich. Zum Beispiel da, wo man ganz nah am Meer langfahren kann, sodass man es schon richtig riecht. Wenn dann der Gegenwind pustet und ich voll in die Pedale treten muss, kann ich meine Gedanken fliegen lassen. Dann ist es genau hier perfekt.

Von Schwarzbeck nach Kiel ist es ‘ne ganz schöne Strecke. Genauer gesagt 20,4 km – laut Navigationsgerät. Trotzdem – besser frei auf dem Fahrrad, als im vollgestopften Bus gleich zu Beginn des Tages den ganzen Mutanten zu begegnen.

Draußen vor dem grauen Klotz von Gebäude warten sie schon: die Menschen, mit denen ich den bisher wichtigsten Abschnitt meines Lebens verbracht habe, meine Mitschüler. Aber nur die, die immer noch keinen Ausbildungsplatz ergattert haben, die absolut keinen Plan haben, so wie ich. Freakshow.

Manchmal würde ich mich gerne hinter einer dicken, schwarzen Sonnenbrille verschanzen wie ein Hollywoodstar. Zum Beispiel jetzt.

Dann meine gute, alte, immer um alles und jeden besorgte Klassenlehrerin, Frau Frevert, nur echt mit brauner Ledertasche unterm Arm und Hosenröcken an den Beinen. Hässlich und hinreißend zugleich. Und wer ist das da neben ihr? Bestimmt die neue Referendarin – die eigentlich erst mit dem nächsten Schuljahr anfängt, aber jetzt anscheinend trotzdem schon mal da ist. Wahrscheinlich wurde ihr das empfohlen, zum »Reinschnuppern« ...

Ich weiß, ich sollte nicht so zynisch sein. Ich kann nichts gegen diese Menschen hier sagen. Sie haben mich nie gemobbt, unterdrückt oder ungerecht behandelt. Ich habe ihnen nichts vorzuwerfen. Trotzdem: Am liebsten würde ich weiterfahren. Immer weiter. Und dann einfach beschließen irgendwo zu bleiben, spontan. In einem Dorf mit einem lustigen Namen. Oder einer Stadt mit einem blauen Haus neben einem See.

Ob das ginge – einfach einen Ort zu suchen, der einem gefällt, und dann dortzubleiben? Und wenn ich einfach so abhauen würde?

»Tooooom!«

Zu spät. Entdeckt. Stehen bleiben.

»Na, träumst du etwa?«

Die neue Referendarin schmunzelt mich an und trägt dabei Chucks. Na so was. Wie heißt sie noch mal? Bestimmt Steffi. Das war so, früher. Steffi Graf. Jetzt heißen die Mädchen Anna, Lea und Sarah. Und die Typen Lukas, Paul und Tom, so wie ich. Hab ich bei www.beliebte-vornamen.de nachgeguckt. Da kann man sich die Vornamens-Hitlisten bis 1890 oder so reinziehen. Aber hier bei uns auf dem Dorf sieht’s nicht so aus wie in der aktuellen Top Ten, da stehen auch die größten Namens-Hits der Achtziger und Neunziger noch ganz vorne mit dabei – die Olivers, Stefans und Markusse dieser Welt.

Wir haben sogar einen Mike. Aber der ist nicht da. Der hat schon einen Ausbildungsplatz. Der hatte immer schon einen Plan. Mike wird KFZ-Mechaniker.

Papa wäre froh, wenn ich Mike wäre.

Mike der Mittelstürmer.

Vielleicht hätte er mich einfach anders nennen müssen, von vornherein. Vielleicht wurden da schon die Weichen gestellt ...

»O.k. Also: jeder erhält jetzt von mir einen Fragebogen, den er bitte gewissenhaft ausfüllt und sich dabei Gedanken zu seinen Interessen macht. Wir gehen die Antworten dann direkt hier durch und sprechen Empfehlungen aus. Und dann könnt ihr euch vor Ort über die passenden Berufe informieren und gleich im Computer gucken, ob ihr vielleicht Adressen findet zum bewerben. Bitte seid bei euren Wünschen und der Einschätzung eurer Talente ehrlich und realistisch, damit es auch was bringt«, sagt Steffi, die eigentlich Sarah heißt. Sie verteilt die Bögen.

Finden Sie heraus, wo Ihre Stärken und Schwächen liegen!

Was macht mir Spaß?

Was kann ich besonders gut?

Was interessiert mich?

Überlegen Sie, welche Berufe zu Ihren Interessen und Fähigkeiten passen könnten!

Welche Tätigkeiten interessieren mich?

Wo möchte ich gerne arbeiten?

Womit möchte ich arbeiten?

Was möchte ich beruflich erreichen?

Einige meiner Mitschüler kichern und schreiben witzige Antworten auf. »Ich möchte Germany’s Next Topmodel werden« und so. Hilfe. Man darf auch nicht vergessen, dass ich ein Jahr älter bin als die anderen, fast zwei.

Sowieso, warum sollte man unbedingt dazugehören? Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, bitte, dass sich von allen Menschen auf der Welt ausgerechnet in der eigenen Schulklasse die aufhalten, die am besten zu einem passen? Das wäre doch ein bisschen zu einfach, oder?

Als ich noch klein war, da war irgendwie alles ganz selbstverständlich, und ich hab nicht mal ein bisschen über so was nachgedacht. Da hab ich einfach dazugehört. Aber seit ich einmal sitzen geblieben bin, noch in der Grundschule, kurz nachdem das mit Dir war, hab ich irgendwie den Faden verloren ...

In der neuen Klasse war ich auf einmal der Loser. Von da an hab ich mich dann irgendwie bewusst ins Abseits gestellt, damit ich meine Ruhe hatte ... Und jetzt ist das eben meine Position geworden. Wie beim Fußballspiel. Da steh ich ja auch immer im Abseits – nee, kleiner Scherz. Aber da hat ja auch jeder Spieler seinen Bereich. Und ich steh eben im Tor. Falls ich überhaupt eingewechselt werde.

Ich hoffe, Du machst Dir keine Sorgen, wenn ich das alles so schreibe, und denkst, ich bin hier total alleine. Ich weiß sowieso – Du machst Dir immer gleich Sorgen. Ich erinnere mich noch daran, wie wir zusammen Fernsehen geguckt haben: Du warst immer ganz aufgeregt, sogar bei irgendwelchen Kinderfilmen, die wir schon zigmal zusammen gesehen haben. So aufgeregt, dass ich Dir manchmal vorher ins Ohr geflüstert habe, wie es ausgeht, damit Du kein Nasenbluten kriegst oder so.

Deswegen sage ich das jetzt lieber auch gleich: Mach Dir keine Sorgen, wenn Du das hier liest. Wenn ich das hier an Dich schreibe, dann bin ich ja schließlich noch da, und außerdem bin ich ja die Hauptfigur der Geschichte – ich will jetzt nicht sagen der Held oder so. Aber die Hauptfigur, die bleibt der Geschichte ja meist bis zum Schluss erhalten.

Also. Ich schreib einfach in den Fragebogen, was mir in den Kopf kommt. Mal sehen, ob mir noch zu helfen ist ... Glaub ich zwar nicht, aber O.k. An mir soll’s nicht scheitern ...

»Ich will Anzüge tragen, das stell ich mir irgendwie vor, aber nicht in der Bank arbeiten. Ich würde gerne auch handwerklich tätig sein, etwas richtig bauen oder herstellen, aber nicht nur rackern. Im Büro sitzen, aber auch draußen unterwegs sein. Manchmal habe ich gerne mit Menschen zu tun, wenn sie nicht so viel reden und ich auch mal meine Ruhe haben kann. Ich will etwas tun, woran ich glaube, etwas, das für die Menschen wichtig ist, und einen sicheren Arbeitsplatz, nix, was nächstes Jahr abgeschafft wird. Und ich will immer gerne einen Abschluss. Etwas, das auch Mal zu Ende geht, wo man sich das Ergebnis angucken kann.«

So. Gibt es das?

3 ungeahnte perspektiven

Ich sitze jetzt direkt vor der Tür des Besprechungszimmers auf einer Holzbank. Über der Tür hängt so ein Motivationsposter: eine glückliche Blondine mit Bäckermütze, ein cooler Typ mit Zahnspange und Schraubenschlüssel in der Hand und ein anderer mit Strähnchen im Haar, der einen Pinsel schwingt. Darüber steht: »Mach’s richtig«. Jemand hat die Schrift als Sprechblase umrandet und was dazugekrakelt, sodass der Kfz-Mechaniker jetzt zum Maler mit Pinsel sagt: »Ich mach’s Dir richtig«. Die Bäckerblondine hat einen Schmollmund und eine Krokodilsträne abbekommen.

An mir vorbei laufen die ganzen erwachsenen Arbeitslosen, aus dem anderen Gebäudetrakt. Mit fahlen Gesichtern und irgendwelchen Blättern zum Ausfüllen in den Händen. Die sind hier nicht zum Spaß. Das macht einem ganz schön Angst. Hier will ich nicht noch mal hin.

Sarah sammelt die Bögen ein, und vielleicht hab ich mich auch geirrt, aber ich glaube, sie hat mir zugezwinkert. Unter ihrem weißen T-Shirt zeichnet sich ihr Busen ab. Ich kann nicht genau erkennen, ob sie einen BH trägt.

(Sorry. Das schreibe ich jetzt hier wie im Tagebuch, O.k. Weil ich mir eigentlich doch nicht vorstellen kann, dass Du das liest. Vielleicht streich ich es auch nachher, sicherheitshalber. Aber jetzt lass ich es erst mal so stehn.)

Ich frag mich auf einmal – warum auch immer –, wie alt man als Referendarin so ungefähr ist. Paul sagte mir vorhin auf dem Klo, alle reden heute über sie, alle gucken ihr auf die Titten (hat Paul so gesagt). Dann ging die Tür auf der Jungstoilette auf, sie stand da und meinte trocken, sie habe keine Lust, sich hier zum Affen zu machen und allen hinterherzulaufen. Die Jungs sollten jetzt die Bögen ausfüllen oder gleich nach Hause gehen. Oder sich mal drüben angucken, wie es aussieht, wenn man hier regulär anstehen muss. Weil man keine andere Chance hat. Da sind dann alle rausmarschiert und haben brav zum Stift gegriffen. Die nimmt das nicht so hin wie Frau Frevert. Das gefällt mir.

Sie kommt hier aus Schönburg, direkt neben Schwarzbeck, ist nach dem Abi nach Berlin gegangen. Zum Studieren. Und jetzt ist sie anscheinend wieder da. Seine Schwester kennt sie noch. Die hat inzwischen zwei Kinder und ist verheiratet. Pauls Schwester ist jedenfalls 25.

Ich werd reingerufen. Ein Raum mit Topfpflanze auf dem Fensterbrett, bunten Mallorca-Postkarten, die mit Tesafilm an den Spanholzschrank gepappt wurden, und einem Katzenbildschirmschoner, der auf dem Computer flimmert. In diesem Raum entscheidet sich also meine Zukunft.

Die Arbeitsamtsberufsberaterin wendet sich förmlich an mich: »Tom. Erst einmal möchten wir uns bei Ihnen bedanken, dass Sie den Bogen so konkret ausgefüllt haben. Bei so vielen Details ist es uns sehr leichtgefallen, ein passendes Berufsprofil zu erstellen.«

Sie lächelt mich motivierend an. Ich bin ein offenes Buch. Ich bin verblüfft. Genau das hab ich mir erhofft. Aber warum krieg ich dann jetzt Angst?

»Der Beruf, den wir für Sie entdeckt haben, wird Ihnen vielleicht erst mal nicht so viel sagen. Er ist auch erst seit wenigen Jahren ein anerkannter Ausbildungsberuf ... Die Empfehlung hat natürlich nichts mit Ihrem äußeren Erscheinungsbild zu tun, keine Sorge, sondern besonders mit den Ausführungen und Wünschen, die Sie uns haben zukommen lassen. Ich gebe Ihnen hier mal das Tätigkeitsprofil, damit Sie sich etwas darunter vorstellen können ... Aber kriegen Sie keinen Schreck. Das ist ein ganz normaler Beruf.«

Sie reicht mir einen Bogen. Ich linse auf die Überschrift, bin auf alles gefasst.

Auf fast alles.

Bestattungsfachkraft

Die Ausbildung zur Bestattungsfachkraft ist in Deutschland seit dem 1. August 2003 möglich. Die Ausbildungsdauer beträgt 3 Jahre und wird in Bestattungsinstituten und in Friedhofsverwaltungen durchgeführt. Die praktische Ausbildung wird im Betrieb durchgeführt und umfasst unter anderem die Bergung, Überführung, Versorgung, Einkleidung und Einbettung von Verstorbenen. Grabtechnik, Warenkunde, Dekoration, Beratungsgespräch und Trauerpsychologie werden in zwei überbetrieblichen Lehrgängen im Bundesausbildungszentrum der Bestatter in Münnerstadt gelehrt.

Im kaufmännischen Teil der Ausbildung werden das Beratungsgespräch mit den Angehörigen, die Organisation, Planung und Kontrolle der Bestattung, die Kalkulation und Rechnungslegung, aber auch die Beurkundung eines Sterbefalls beim Standesamt sowie alle nach einem Sterbefall abzuwickelnden Formalitäten vermittelt. Dazu gehören zum Beispiel das Abmelden eines Verstorbenen bei den Krankenkassen und den Rentenversicherungen.

Puh. Puh. Die Worte verschwimmen vor meinen Augen.

»Tom?«

»Tom, hallo, alles O.k.? Das ist ja erst mal nur eine Empfehlung. Du kannst ja auch was anderes machen. Aber das hat so gut gepasst, ist abwechslungsreich und«, Sarah reicht mir noch zwei ausgedruckte kleine Zettel, »ich hab auch schon zwei Ausbildungsplätze entdeckt hier in der Umgebung, wo du dich noch bewerben könntest für dieses Jahr.«

Ich nicke. Na, dann passt ja alles perfekt.

»So, wer ist als Nächstes dran?«, fragt die Dame von der Berufsberatung schon und drängt mich hinaus.

Draußen fragen Paul und Max gleich: »Und, na, was wirst du jetzt?«

Ich sage nix. Das kann man doch keinem erzählen. Auch Papa nicht. Schon gar nicht. Der denkt dann gleich wieder, mit mir stimmt was nicht, wenn die mir hier so was empfehlen.

Bevor ich zurückfahre, geh ich lieber in Kiel noch ins Solarium. Zum Sonnenstudio Palme. Ich habe in letzter Zeit ganz schön Augenringe. Vielleicht hat es auch daran gelegen ...

Solarium hab ich auch von Mike gelernt. Ohne ihn wäre ich doch niemals ins Solarium gegangen. Schon allein wegen dem Krebs. Erst habe ich immer draußen vor der Kabine gewartet, bis er fertig war, hab ihn sogar aufgezogen damit, aber dann wollte ich es irgendwann doch ausprobieren. Ich mag eigentlich gar nicht mal am liebsten daran, wie ich danach aussehe, das ist mir fast egal, ich finde am besten, wie schön warm es dort ist.

Ich stell mir dann immer vor, ich wäre verreist. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich in echt mal verreist war. Mit der ganzen Familie, früher. Vater, Mutter, Kind. Meer, Sonne, Strand. Vielleicht zehn Jahre oder so ist das her, und wenn ich das schon sagen kann, dann bedeutet es, es ist mehr als mein halbes Leben her.

Jetzt bietet mir Carsten nur noch manchmal an, mich ins Trainingslager mitzunehmen, in den Ferien. Aber das ist ja keine Erholung oder so was – wer als Zwerg wie ich zwischen Hammerwerferinnen, Boxern und Bobfahrern in einem Leistungszentrum Urlaub machen will, der muss schon ein ziemliches Selbstbewusstsein haben.

Auf der Fahrt zurück, kurz vor Schwarzbeck, treffe ich ausgerechnet auf die Referendarin, Sarah. Wir beide sind anscheinend die einzigen Fahrradfahrer der ganzen ausbildungsplatzlosen Oberstufe. Sonst ist mir unterwegs jedenfalls keiner begegnet.

Ihr klappriger Drahtesel hat einen Platten. Das Bike sieht sowieso aus, als ob sie es irgendwann mal zum Kindergeburtstag geschenkt bekommen hat, mit buntem Speichenschutz und einer großen Klingel. Fehlen nur noch die Stützräder.

Sie fragt mich, wo ich denn jetzt grad herkomme, aber natürlich sag ich nichts vom Solarium.

Unter der neuen Bräune werde ich rot. Ich glaube, ihr Hinterreifen ist richtig kaputt, und wir schließen ihr Rad schließlich an einen Zaun an, irgendwo mitten auf der Strecke. Es kommt mir vor als würden wir es wie einen hinkenden Wanderkameraden kurz vor dem Berggipfel im Stich lassen. Eigentlich wollte ich vorschlagen, dass wir beide schieben. Hatte gehofft, mich so noch ein bisschen mit ihr unterhalten zu können.

Aber es kommt noch viel besser: Sie will sich allen Ernstes vor mich auf mein Rennrad setzen, auf die Stange, noch bevor ich mich darauf einstellen kann, springt sie wie selbstverständlich auf, und da ist sie mir so nahe, dass ich kaum fahren kann, geschweige denn mich locker und unbeschwert mit ihr unterhalten. Das ist echt ein bisschen zu viel für mich.

Sie kriegt das anscheinend gar nicht mit, dass das eher ein ungewöhnlicher Platz ist für ‘ne Lehrerin oder so – was weiß ich, Frau Frevert würde das jedenfalls nicht machen, aber sie hält sich am Lenker fest, riecht nach Pfirsich und erzählt ganz entspannt, dass dieses Fahrrad noch aus ihrer Jugend stammt, wie auch ihr altes Pferd und alle Sachen in ihrem Zimmer, die sie hier zurückgelassen hat, bei ihren Eltern, als sie nach Berlin gezogen ist, mit neunzehn.

Mit blauen Haaren und kaputten Jeans und einer Gitarre – genau, wie man sich das vorstellt, wenn man zum ersten Mal richtig von zu Hause weggeht. Abhauen mit Ansage. Und dass es seltsam sei, jetzt wieder in diesem Zimmer zu wohnen und dieses Leben aufzunehmen, als hätte es gar keine Lücke gegeben, und als sei sie immer noch dasselbe junge Mädchen, das damals aufgebrochen ist, ungefähr in meinem Alter. Sie guckt versonnen vor sich her, während ich das Rad balanciere.

Und dann sei hier auch noch alles so überschaubar und ständig würden einem alle Ortsbewohner über den Weg laufen und nach der Familie fragen und wie es einem geht und warum man damals denn weggegangen wäre und warum man jetzt zurückgekommen sei und so. Total ungewohnt, ergänzt sie.

Ich hab irgendwie den Eindruck, als ob sie eigentlich mehr zu sich selbst spricht, als mir das alles zu erzählen. Als ob sie so voll von ihren ganzen Gedanken vom ersten Schultag und so ist, dass sie es einfach sofort loswerden muss, egal bei wem, um nicht zu platzen.

»Ich will auch so schnell wie möglich abhauen hier«, verrate ich ihr. Hab ich noch keinem so erzählt. »Manchmal weiß ich gar nicht, was ich hier soll, ich hab immer das Gefühl, das Leben würde anderswo passieren. Vielleicht in Berlin?«

Ich lenke das Gespräch in Richtung Hauptstadt, damit sie was zu erzählen hat. Dachte, das wäre geschickt. Aber Fehlanzeige. »Berlin. Da ganz bestimmt nicht!«, wehrt sie abrupt ab, ist auf einmal hellwach und macht so plötzlich Anstalten, vom Rad zu springen, dass ich fast das Gleichgewicht verliere.

An der nächsten roten Ampel verabschiedet sie sich hastig, ohne mich überhaupt noch mal richtig anzusehen, und verschwindet. Seltsam.

Zu Hause fällt mir auf, dass ich immer noch die zerknüllten Zettelchen in der engen Jeanstasche habe. HEIMKEHR BESTATTUNGEN und DISCOUNT BESTATTUNGEN. Vielleicht sollte ich doch anrufen? Ich werfe noch mal einen Blick auf das Berufsprofil. »Einbettung von Verstorbenen?« Brrrhh.

Wenn es noch etwas gibt, was mich mehr schockiert hätte als Kaufhaus-Detektiv, Fahrkartenkontrolleur oder Gerichtsvollzieher, dann ist es sicherlich das. Tote anfassen. Nur mit »Hinterbliebenen« zu tun haben. Jeden Tag von Neuem Abschied nehmen. Niemals würde ich das machen. Echt nicht. Auf keinen Fall.

Ich schalte den Fernseher ein. Privatfernsehen. »Drei Kandidaten – ein Job« läuft da. Drei sendungsbewusste Anwärter kämpfen um einen Job, um den sie sich vermutlich auch ohne TV hätten problemlos irgendwo bewerben können. Bitter. Ich stell mir vor, dass ich dort antreten müsste. Die letzte Chance. Wer kann am schnellsten das Grab ausschaufeln? Los geht’s. Mein Vater mit seiner Stoppuhr stünde hinter uns.

Auf dem Weg zur Fahrschule wollte ich noch Oma besuchen. Es ist nicht so, dass sie meinen Besuch besonders dringend nötig hätte: Sie hat ständig Gäste. Es kommt immer jemand vorbei, der ihr Blumen bringt, sodass es in ihrem Zimmer fast jeden Tag so aussieht, als würde sie grade Geburtstag feiern. Falls jemand im Haus eine Vase sucht, dann kommt er direkt zu ihr. Sogar Alkohol sammelt sich bei ihr mittlerweile in rauen Mengen, weil sie die geschenkten Schnäpse, Weinbrände und Cognacs nicht konsumiert, sondern auf ihrem Schrank hortet.

Wenn ich sie ansehe, dann wäre ich auch gerne so wie sie, wenn ich alt bin. Manchmal wäre ich dann sogar gerne sofort so alt wie sie, echt jetzt, dann hätte ich den ganzen Stress mit dem Leben schon hinter mir und könnte gelassen auf meine Erinnerungen zurückblicken. Die Frage: »Was soll nur aus dir werden?« würde mir dann keiner mehr stellen, denn dann wüssten ja alle schon, wie es gelaufen ist.

Oma sieht einem sofort an, was einen grade beschäftigt, und schafft es in jeder Lage, das Beste zu erkennen. Und sie findet absolut für jeden Knopf, den man verloren hat, den richtigen Ersatz in ihrem Nähkästchen. Ein Phänomen.

Sie ist anders als alle, die ich kenne und das liegt vermutlich daran, dass Wally gar nicht meine leibliche Oma ist ... Aus verschiedenen tragischen Gründen habe ich keine echte, lebende Oma. Auf der einen Seite der Krebs, auf der anderen Familienzwist, mehr sag ich dazu nicht.

Papa hat sich früher wegen dieser ganzen Familiensache Sorgen gemacht, glaub ich, so von wegen: der arme Junge, ganz ohne Großeltern, kann nie jemanden besuchen, der für ihn nach einem uralten Rezept Apfelkuchen bäckt, ihm vom Krieg erzählt oder irgendwelche Traditionen vermittelt, die Kinder so von ihren Omas und Opas übernehmen.

Als er schon nicht mehr aktiver Fußballer war und kurz bevor er seinen Trainerschein gemacht hat, hing er ein bisschen in der Luft und ist Taxi gefahren, um Geld für die Familie zu verdienen. Einmal hat er dann meine Oma gefahren, Wally. Sie sah schon damals so aus wie jetzt, wie eine Bilderbuchoma, mit geflochtenen weißen Zöpfen und bunten Blumenkleidern an. Und da hat er sie spontan gefragt, ob sie nicht vielleicht meine Oma werden will. Hat er mir so ungefähr erzählt.

Sie dachte natürlich erst, er meint es nicht ernst, will ihr was verkaufen oder sie sonst wie übers Ohr hauen, und war eher zögerlich. Aber er hat ihr dann anscheinend sehr überzeugend von mir berichtet – dem einzigen gänzlich großelternlosen kleinen Jungen im ganzen Landkreis. Buhuhu. Da muss man auch erst mal drauf kommen, oder? Heute würde er das bestimmt nicht mehr machen. Aber damals hat er sich alles Mögliche für mich ausgedacht.

Er hat mir sogar mal zum Geburtstag ein eigenes kleines Holzhäuschen gebaut, da konnte man sich richtig reinsetzen. Mit Klingel und Namensschild an der Tür. Das stand bei uns im Garten.

Na ja, vielleicht lag es auch nur daran, dass er damals Zeit hatte, dass er auf solche Ideen kam.

Jedenfalls, ich war damals noch ganz klein und wusste nicht, dass mir eine Oma fehlt. Und dann kam sie zu Besuch, Papa hat sie mit dem Taxi abgeholt, Du hattest anscheinend den Kuchen gebacken, und sie hat gesehen, dass es bei uns wirklich jemanden gibt, der bis jetzt noch keine Oma hat, nämlich mich. Und seitdem ist sie meine Oma. Und auch wenn Carsten und ich so gänzlich verschieden sind und wir uns eigentlich nie über irgendwas einig sind, in der Auswahl meiner Oma hat er einen absoluten Volltreffer gelandet.

Mittlerweile ärgert er sich, glaub ich fast darüber, dass er sie entdeckt hat, und ist manchmal richtig eifersüchtig, weil er befürchtet, dass ich mich besser mit ihr verstehe als mit ihm. Stimmt ja zurzeit auch.

Natürlich ist Oma begeistert von der Berufsempfehlung. Ich könnte sie ja dann unter die Erde bringen und alle ihre Bekannten hier auch, meint sie strahlend. Hier gäbe es große Nachfrage. Das sind Konsequenzen, die ich noch nicht bedacht habe, die machen mir erst richtig Angst. Und es würde bedeuten, dass die Leute denken, ich hätte sehr viel Einfühlungsvermögen, wenn sie mir so etwas empfehlen, setzt sie noch schmeichelnd hinzu.

So habe ich das noch gar nicht betrachtet. »Ich bin sehr stolz auf dich, mein Junge«, meint sie anerkennend. Wenn ich sie nicht kennen würde, würde ich wahrscheinlich glauben, sie macht sich über mich lustig. Aber für sie ist es keine Frage, ob ich dort antreten soll oder nicht. Oder was »die Leute im Ort« von so einem Job halten. Es ist ein Abenteuer, und die Frage ist eigentlich nur, wann es losgeht. Typisch.

Ich habe ziemlich die Zeit vergessen mit ihr und bin schon wieder zu spät dran. Das passiert mir jedes Mal, weil das Altersheim nun mal auf dem Weg liegt und ich mich fast immer zu einem Zwischenstopp hinreißen lasse. Weil sie einfach so gut zuhören kann und weil das ein Ort ist, an dem absolut keine Hektik herrscht, an dem Zeit kaum noch eine Rolle zu spielen scheint und ich deswegen immer vergesse, auf die Uhr zu gucken.

Ungeduldig wartet mein Fahrlehrer Herr Seibel auf dem Parkplatz. Er hat hier im Ort Generationen von Autofahrern mit seiner ganz persönlichen Schulterblick- und Einparktechnik geprägt, denn das ist die einzige Fahrschule weit und breit. »Wo bleiben Sie denn? Die Stunde beginnt um Punkt sechs und sie wird durch Ihr Zuspätkommen nicht länger!«, schimpft er gekränkt. Er ist das nicht gewöhnt. Alle hier sind verrückt darauf, schnellstmöglich ihren Führerschein zu machen. Bloß ich komme immer zu spät.

Carsten hat mir diese Stunden geschenkt – das gehört alles noch ins Gesamtpaket von diesem braun gebrannten, topfitten Fußball spielenden, Auto fahrenden Sohn, der ich nicht bin.

Ich finde, ich brauche gar kein Auto, ich habe ja das Internet. Damit kann ich in Sekunden die ganze Welt durchqueren. Ich sage nur: Google Earth. Aber kein Wunder, dass er das nicht versteht, er kann ja noch nicht mal eine E-Mail verschicken, wie gesagt.

Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wirklich richtig draußen Auto zu fahren, um ehrlich zu sein. Die ganzen Schilder und Verbote, die ganzen Dinge, die passieren können. Die Welt um mich und diese Blechkarosse herum. Hilfe!

Was ich will, ist entweder zu nah dran oder zu weit weg, als dass ein Auto mir dabei helfen würde, es zu erreichen. Manchmal fahre ich so ruckelig, als ob selbst der Wagen nicht wüsste, ob er lieber vor- oder zurückfahren soll. Oder stehen bleiben. Das hasst mein Fahrlehrer am meisten, wenn wir dann so bescheuert durch die Gegend hoppeln und die anderen Autofahrer schon grinsend zu uns rübergucken.

Muss ich hier etwa abbiegen? Meine Gedanken schweifen schon wieder ab, ich kann mich nicht entscheiden – hinter uns hupt es. Herr Seibel runzelt die Stirn. Aber zum Glück ist die Stunde jetzt auch vorbei. Ich bin jedes Mal erleichtert, wenn wir lebend wieder auf den Parkplatz einbiegen. Er auch, glaub ich.

Zu Hause flackert das Lämpchen von unserem Anrufbeantworter so auffordernd, dass es mir sofort ins Auge springt. Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass überhaupt einer die Möglichkeit genutzt hat, seine Stimme hier für uns aufzuzeichnen. Kein Mensch außer uns hat überhaupt noch einen AB, oder? Ich hatte jedenfalls schon fast vergessen, dass es dieses Gerät überhaupt gibt. Eine junge Frau, die meinen Namen spricht, ist auf dem Band (Weltpremiere!).

Sarah. Sie wollte noch mal anrufen, weil sie vorhin so hektisch verschwunden sei. Und wegen der Berufsberatung. Sie wisse, dass sich das seltsam anhöre, aber sie hätte ein gutes Gefühl mit diesem Vorschlag, »Bestattungsfachkraft«. Sie könnte sich vorstellen, dass das genau das Richtige für mich sei. Ob ich mich nicht wenigstens mal dort melden könnte, es mir mal ansehen, vor allem, wenn ich mir hier ohnehin schon so verloren vorkäme (hatte ich etwa verloren gesagt?). Ich könnte ihr ja dann auch erzählen, wie es war. Sie nennt ihre Nummer.

Ich höre mir die Ansage mindestens noch fünf Mal an, als handele es sich um ein ganz kompliziert verschlüsseltes Liebesgedicht, das nur wir beide verstehen.

Die wunderschöne Referendarin mit dem zarten Pfirsichduft und dem blonden Flaum an den Wangen, der dunklen Stimme und den spitzen Dracula-Eckzähnen, dem Busen, der – aber von dem schreib ich ja nichts mehr – fragt persönlich an, was ich von ihrer Idee halte. Sie hat bemerkt, dass ich auf diesem Planeten lebe, und kennt meinen Namen. Einen Teil ihrer Lebenszeit hat sie investiert, um mich anzurufen. O.k. Das allein ist ein Triumph. So ziemlich der Größte in den letzten Wochen und Monaten.

Ich krame die Zettel hervor und greife zum Hörer, wie ferngesteuert. Ich seh das jetzt erst mal als Recherche. Nur für dich, Sarah, denk ich. Nur für dich. Und damit ich nicht noch mal zum Arbeitsamt muss. Ich geb’s zu.

Bei Discount-Bestattungen ist ein Anrufbeantworter dran. »Wenn Sie einen Todesfall melden möchten, wählen Sie bitte die Eins. Wenn sie Fragen zur Bestattungsvorsorge haben, wählen Sie bitte die Zwei. Und wenn Sie einen Sachbearbeiter sprechen möchten, dann sind unsere Sprechzeiten ...«

Alles klar. Ich lege auf und wähle dann die andere Nummer.

»Bestattungsinstitut Heimkehr, Petrowa. Challo?«

Ein Dorf weiter und die Leute sprechen mit deutlich russischem Akzent. Na so was.

»Ich – guten Tag. Hallo. Tom Rasmus. Ich rufe wegen der Ausbildungsstelle an. Nur mal so. Kann ich ihnen die Daten auch mailen? Na, meine Bewerbungsunterlagen. Nein. Gut. Brauchen Sie gar nicht. Direkt vorbeikommen? Sofort? Nein. Das geht nicht. Morgen? Geht auch morgen? Morgen schon. Ja. Zehn Uhr, alles klar. Und meine Zeugnisse – O.k. Gut. Danke.«

Ich bin eingeladen. Mein Gott, ging das schnell. Die brauchen aber ziemlich dringend jemanden, oder? Das ist eigentlich kein gutes Zeichen. Ich weiß noch nicht mal, ob ich das überhaupt werden will, und bin schon eingeladen. Was mach ich jetzt bloß? Bei Sarah will ich mich noch nicht melden. Die muss ja nicht wissen, dass ich da sofort angerufen habe. Ich bin ja schließlich nicht ihr Roboter. Soll ich Mike anrufen? Eigentlich sind wir schon lange keine richtigen Freunde mehr. Also schon, irgendwie – aber irgendwie ist das auch schon zu lange her. Ich geh nachher ins Feld, die sind bestimmt wieder alle da. Die sind immer da. Ich kauf einen Sixpack.

Oder ich geh gar nicht hin, morgen. Ich bewerbe mich einfach wo anders. Das ist doch wirklich total absurd. Was weiß diese Sarah schon von mir? Warum sollte sie über mein Leben bestimmen? Ich rauche erst mal eine. Das ist total verboten bei uns Sportskanonen zu Hause. Auch wegen dem Krebs.

Früher hab ich mir den wirklich vorgestellt wie so ein Tier, was in Deinen Körper gekrabbelt ist und da dann alles kaputt gemacht hat. Dieser Krebs.

Liege auf dem Bett rum und stell mir mein Leben als Bestattungsfachkraft vor. Spinne rum. Rauchen passt irgendwie zu diesem Berufsbild. Totengräber, wie in alten Western. Leichen pflasterten seinen Weg. Ich habe noch nie eine Leiche gesehen.

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22 декабря 2023
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182 стр. 4 иллюстрации
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9783865064172
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