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Eine andere Art der Liebe
Stromausfall
Tradition
Vorwurf
Stirb und werde
Crisis
Nachbemerkung
Nikolaus Klammer
Stromausfall
⚜
Erzählungen
Texte und Bilder:
© Copyright by Nikolaus Klammer
Umschlag:
© Copyright by Bernhard Wurzer
»Gewitterstimmung«
Öl auf Leinwand (Ausschnitt)
klammer@email.de Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
INHALT
Eine andere Art der Liebe Eine Erzählung
7
Stromausfall Eine Erzählung aus der Heimat
81
Tradition Vorwurf
167
Stirb und Werde
192
Crisis
Eine Erzählung
239
Nachbemerkung
295

Eine andere Art der Liebe Eine Erzählung aus dem ›Jahrmarkt in der Stadt‹-Zyklus
Norbert Szczesny klopft seinen Oberkörper ab. Er senkt die Arme und schüttelt den Kopf. Seltsam, ich hätte wetten können … Er stößt sich von der Wand ab, an der er lehnt und tritt zu seinem Mantel. Er hat ihn vorhin an einen aufdringlichen Kleiderhaken neben der Eingangstür gehängt, der wie ein aufgerichteter Phallus geformt war. Szczesny findet in der Innentasche die Zigaretten und das Feuerzeug. Ich darf nicht rauchen. Das ist der Grund für die schlecht durchbluteten Beine. Das hat der Arzt gesagt. Und ich weiß es eigentlich auch ohne ihn. Die Raucherei wird mich noch einmal umbringen. Szczesny ist neununddreißig. Mit vierzig ist Schluss mit dem Rauchen, hat er sich vorgenommen. Also darf ich noch ein ganzes Jahr lang so viel paffen, wie ich will. Und wenn sich Clara auf den Kopf stellt; versprochen ist versprochen! Vierzig ist die Hälfte des Lebens, heißt es. Das wäre zu verrückt. Jetzt kann er keinen Krebs mehr gebrauchen, nachdem er die Stelle von Kerner hat und endlich gutes Geld verdient. Clara muss nicht mehr den Halbtagsjob in der Boutique machen. Sie kann zu Hause bleiben. Ihre Bücher schreiben. Szczesny hat gesund zu sein. Das ist er Clara und dem Büro schuldig. Er raucht nur noch in Ausnahmesituationen. Der Gedanke ist ein gutes Alibi: Nur noch in Ausnahmesituationen rauchen. Auf jeden Fall weniger rauchen. Zwei Schachteln am Tag waren einfach zu viel. Das ist mir schon klar. Das erzählt mir schließlich Schwager Henry bei jedem Treffen. Der isst nur noch vegetarische Vollkost und macht Jogging. Gut, das ist nicht schlimm. Jeder hat das Recht, den Tag auf seine Weise kaputtzumachen. Was Norbert stört, ist das vollkommen von sich selbst überzeugte Sendungsbewusstsein, das Henry an den Tag legt. So penetrant! Er käme mit seinem Schwager gut aus, wenn diese Unart nicht wäre. Ihm gefällt Henrys Lächeln. Szczesny sieht dann Clara. Wie sie früher war, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlicht hatte.
Jetzt ist eine Ausnahmesituation. Wenn das keine ist! Szczesny bringt sein Anzünde-Ritual ruhig hinter sich. Niemand hier im Wartezimmer braucht zu bemerken, wie nötig er seine Nikotinration gerade hat. Das geht nur ihn und seine Beine etwas an. Er wird beobachtet. Das spürt er, ohne aufzusehen. Dafür hat er einen Sinn entwickelt. In dem Großraumbüro, in dem er bisher arbeitete, wurde er immer beobachtet und kontrolliert. Szczesny spürt ein Ziehen über der Nasenwurzel, genau in der Mitte der Stirn. An der Stelle, die seine als Schutz vor der Flamme des Feuerzeugs hochgezogenen Augenbrauen erreichen. Es ist ein kaltes Zielen eines Blicks, das er tief im Schädel spürt. Es kitzelt ihn. Aber noch sieht er nicht auf. Das wäre eine Blöße. Szczesny überlegt, ob ihn eine der Frauen im Wartezimmer betrachtet. Der Gedanke gefällt ihm. Obwohl er meist treu ist, mag er kurze, erwartungslose Flirts. Er versucht, sein Feuerzeug mit einer lässigen Handbewegung zu schließen. Mein Name ist Bond. Dabei bemerkt er Unruhe. Sein Körper zittert. Der Unterleib ist kalt. Szczesny nimmt einen tiefen Zug. Da ist ein beifälliges Nicken in seiner Lunge, als könne sie nur mit diesem Rauch richtig atmen.
Szczesny sieht auf und seiner Beobachterin in die Augen. Er hat recht mit seiner Vermutung. Es ist eine Frau, die ihn anstarrt. Leider nicht die, auf die er gehofft hat. Die kümmert sich nicht um ihn. Ist in ein Modeheft vertieft. Die andere, die Fette, ist es. Sie sieht allerdings sofort weg, runter auf ihre Oberschenkel. Jetzt ist Szczesny am Zug. Er kneift die Augen ein wenig zusammen und beobachtet. Er ist der Meinung, dass er das gut kann, das Beobachten. In der Stasi hätten sie solche wie mich mit Handkuss aufgenommen. Die Fette ist in seinem Alter, vielleicht ein wenig jünger. Trotzdem sieht sie verbraucht aus, aufgedunsen, speckig. Das lockige, blonde Haar ist unvorteilhaft, verlogen. Wahrscheinlich gefärbt. Ihre Bluse spannt über der beachtlichen und sehr tief auf dem Bauch aufliegenden Brust. Sie trägt eine Jersey-Leggings in schreienden Farben. Soll wohl das Fett verbergen. Aber Szczesny glaubt eher, es ist die einzige Sorte Hose, die dehnbar genug ist, um ihr ein bequemes Sitzen zu ermöglichen. Er mag keine Leggings. Er verbindet mit ihnen penetranten Schweißgeruch. Szczesny ekelt sich. Der schlechte Geschmack auf der Zunge kann aber auch von der Zigarette kommen. Es ist die Erste an diesem Montag. Aber noch sieht er nicht weg. Etwas fehlt ihm. Szczesny nimmt noch einen Zug und wartet. Diese Zigarette schmeckt überhaupt nicht. Der erste Zug war wunderbar gewesen, aber jetzt schmeckt der Rauch abgestanden, ranzig. Da ist ein widerlicher Belag auf der Zunge. Endlich blickt die Fette auf. Das musste kommen, darauf hat Szczesny gewartet. Sie muss kontrollieren, ob er sie noch beobachtet. Nun ist sie ertappt. Er hat sie erwischt. Ein kurzer Augenaufschlag, ein schnelles Wenden des Kopfes, Hilfesuchen im Raum. Alle sind mit sich und den Zeitschriften beschäftigt. Das war doch ein gelungener Abschluss! So muss das sein. Szczesny lächelt.
Sie ist rot geworden, bildet er sich ein. Sie schämt sich. Er tritt nahe an die Frau heran, drückt seine halb gerauchte Zigarette in einem Aschenbecher auf dem niedrigen Tisch vor ihr aus. Sie reagiert nicht, starrt auf ihre fetten Oberschenkel, die von der Leggings zusammengequetscht sind. Ruhig lehnt sich Szczesny wieder an die Wand. Er schließt die Lider nur halb. Seine Unruhe hat ihn nicht verlassen. Sie ist nicht einmal kleiner geworden. Aber jetzt tritt die Langeweile zu ihr. Beide gemeinsam erzeugen eine zerfahrene Leere in seinen Gedanken. Szczesny ist nun Körper und spürt. Der schwache Harndrang und das flaue Krampfen des Magens treten wie Musiker, die eine Bühne betreten, nach vorn und beginnen ein Duett. Er lehnt, hört zu und bildet sich ein, unmittelbarer Zeuge des Entstehens seines ersten Magengeschwürs zu sein. Szczesny hat genau den Punkt, in dem sich die sanfte Übelkeit fast zum Schmerz verdichtet. Er erinnert sich flüchtig an ein Molièrestück, das er mit Clara kürzlich in der ›Komödie‹ im Gignoux-Haus gesehen hat. Das ist eine heruntergekommene Spielstätte des Augsburger Stadttheaters in der Altstadt. Er hat den Titel vergessen.
Er kehrt zurück von seinem Ausflug in den eigenen Körper und entscheidet sich, zornig zu werden. Der Warteraum ist voll, abgefüllt wie der Vorortzug, der an jeder Milchkanne hält und mit dem er morgens gegen sechs Uhr von Gessertshausen in die City zur Arbeit fährt. Szczesny ist nicht der Einzige, der steht. Auch die anderen Wartenden werden langsam unruhig. Szczesny kontrolliert mit einem schnellen, ungeduldigen Blick seine Uhr. Drei, vier Leute im Raum ahmen sofort diese Geste nach. Er wartet jetzt beinahe eine Stunde. Wieder zählt er die Personen, die vor im da waren, es sind noch immer drei Leute. Ich hätte zu Hause frühstücken können. Ich nehme mir einen Tag frei und stehe mir im Wartezimmer die Beine in den Bauch. Dabei muss ich noch wegen der Lohnsteuerkarte meiner Frau ins Einwohnermeldeamt. Die schließen mittags. Ich will doch nur einen Befund abholen, den kann mir auch die Kleine am Empfang geben! Hier entsteht ihm ein Gedanke, wird beherrschend. Deutlich löst er sich aus dem wirren Knoten der anderen. Diesen Gedanken verdrängt er schnell. Von ihm will er nichts wissen.
Und wenn sie etwas Ernsthaftes gefunden haben? Das ist der Gedanke, den er nicht brauchen kann. Die Tür neben ihm öffnet sich ein wenig. Die Arzthelferin streckt schüchtern ihren Kopf durch den entstandenen Spalt, muss den Namen wiederholen, bis Szczesny bemerkt, dass er gemeint ist. Er hebt er sich von der Wand, sieht kurz und entschuldigend in die Runde. Szczesny geht hinter dem Mädchen her. Sie sieht gut aus. Dieser Arzt wählt seine Sprechstundenhilfen nicht unbedingt nach sachlichen Gesichtspunkten aus. Das ist ihm sympathisch, erinnert ihn an seine eigene Sekretärinnen-Auswahl im Büro. Das Mädchen öffnet eine Tür, verzieht den Mund zu einer eingeübten, freundlichen Maske.
»Nehmen Sie doch bitte schon einmal Platz«, sagt sie, »der Herr Doktor kommt sofort.« Szczesny murmelt ein paar Worte, genießt den schwungvollen Abgang, verfolgt die Bewegungen ihres Gesäßes. Sie zeichnen sich deutlich auf dem knielangen, weißen Rock ab. Wäre nicht schlecht, die Kleine. Wenn ich nur Zeit hätte … und natürlich eine andere Umgebung. Seine Hose ist ihm jetzt im Schritt zu eng. Er sucht sich eilig einen Stuhl, lenkt sich ab. Er interessiert sich für den Raum, in dem er nun sitzt. Hier sieht es ihm nicht nach einem medizinischen Untersuchungsraum, sondern eher nach dem Empfangszimmer eines Rechtsanwalts aus. Hübsch nach Farben sortierte Fachbücher beherrschen die Regale ab der linken Wand. Ein impressionistischer Druck hängt hinter dem Schreibtisch und zeigt Mohnblumen in einer Sommerwiese. Der Tisch ist aus schwerem Holz, die Arbeitsplatte zumindest aus einem Marmorimitat. Geöffnete Aktenordner und kleine, gelbe Notizblätter liegen in kunstvoller Unordnung auf ihr. Der Chefsessel dahinter hat einen dunkelbraunen, brüchigen Lederbezug. In der Ecke steht ein summender PC, dessen Bildschirmschoner Werbung für ein Kopfschmerzmittel macht. Der Stuhl, auf dem Szczesny Platz genommen hat, wirkt schon weit weniger ehrfurchtgebietend. Und er ist niedrig, unbequem und quietscht, wenn er sich bewegt. Szczesny fühlt sich wie ein Schüler, der wegen eines dummen Streiches auf den Direktor warten muss. Seine Erektion fällt so schnell in sich zusammen, wie sie kam.
Hier drin ist Rauchen sicherlich verboten. Erstaunlich genug, dass man im Wartezimmer … Wo gibts das heute noch? Die Nichtraucher sind dabei, ihren Feldzug zu gewinnen. Zwei, drei Jahre noch, dann wird es unter Strafe stehen, sich in der Öffentlichkeit eine Kippe anzuzünden. Durch eine unscheinbare, durch ein medizinisches Plakat verdecken Seitentür, die Szczesny bisher nicht bemerkt hat, kommt der Arzt herein. Er trägt ebenfalls die freundliche, aufgeschlossene Maske, die in dieser Praxis wohl morgens an alle verteilt wird. In den Augen hat er diesen »Ich-glaube-an-das-Gute-im-Menschen«-Blick, der Ärzte und Pfaffen so vertrauenerweckend und seriös wirken lässt. Und Psychologen. Die üben das vor dem Spiegel, glaube ich. Szczesny steht unsicher auf. Der Händedruck seines Gegenübers ist selbstverständlich fest und trocken. Der Arzt weiß den komplizierten Namen seines Patienten und spricht ihn fehlerfrei aus, ohne auf den schmalen Aktenordner in seiner linken Hand zu sehen.
»Nehmen Sie doch bitte wieder Platz, Herr Szczesny. Wie geht es Ihnen heute?« Er geht um den Tisch herum und setzt sich energisch in seinen Sessel, der unter seinem Gewicht einmal ächzt. Tatkraft, denkt Szczesny, lebensbejahend, an den Fortschritt und das Gute im Menschen glaubend. Widerlich. Er nickt nur. Er weiß: Der Arzt bereitet mit dieser Frage etwas vor.
»Ist denn Ihre Frau heute nicht mitgekommen?« Der Doktor lehnt sich nach vorn, über die Marmorplatte, die sie trennt. Das war zu erwarten; er verschränkt auch seine Arme nicht. Er ist offen, ist für seinen Patienten da. Er spricht ein akzentuiertes, gedehntes Hochdeutsch. So würde Szczesny nur mit Kindern oder Ausländern reden.
»Nein«, antwortet er, lehnt sich zurück. Am Liebsten hätte er seinen Stuhl, dessen Rückenlehne dabei quietscht, weiter zurückgeschoben. Er nennt keinen Grund, weshalb er allein gekommen ist. Ich verschränke meine Arme, ich halte Abstand. Der Gedanke ist wiedergekehrt. Szczesny erwartet schlimme Nachrichten.
»Ja, Herr Szczesny, die Probe ist ausgewertet. Ich habe das Ergebnis hier«, sagt der Arzt zögernd und macht eine Kunstpause. »Ja«, wiederholt er, als ihm Szczesny nicht antwortet und nur die Stirn runzelt und auf den Boden starrt, »es ist, wie wir erwartet haben: Ihre Frau, das wissen wir ja von den Untersuchungen, ist organisch völlig gesund: Sie ist in der Lage, ein Kind zu empfangen und auszutragen. Auch psychische Ursachen sind ja doch, so weit abzusehen, auszuschalten.«
Szczesny wartet ab. Nichts Neues bisher, aber jetzt lässt der Arzt die Katze aus dem Sack. »Ich habe Ihre Probe ins Labor geschickt. Das Ergebnis des Spermiogramms ist jetzt definitiv. Es tut mir aufrichtig leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie sind im Augenblick nicht zeugungsfähig …« Jetzt sieht Szczesny auf. »Ja, sehen Sie, Herr … ahm, Szczesny, es ist doch so: Einfach ausgedrückt ist Ihr Sperma verändert, es ist nicht dazu in der Lage, sich zum Ei in der Gebärmutter vorwärts zu bewegen. Im Normalfall sind etwa zwanzig Prozent der Spermien eines Ejakulates unbeweglich oder unreif. Bei Ihnen sind es nahezu alle. Das heißt, Ihre Spermiogenese funktioniert nicht, wie sie sollte. Warum das so ist, lässt sich noch nicht sagen, dazu müssen wir eingehende Untersuchungen machen. Es gibt wahrscheinlich nicht nur eine Ursache, sondern mehrere. Umweltgifte, ja, Allergien spielen da eine Rolle, Spätfolgen von Erkrankungen, auch Hitze, wie in der Sauna zum Beispiel …, äh, in Amerika leidet laut neusten Untersuchungen bereits jeder achte Mann zeitweise an diesem Phänomen. Hier …«
Der Arzt beginnt nun näher zu erklären. Er nimmt sich Zeit und seine psychologische Aufgabe, die die Diagnose mit sich bringt, ernst. Er zeigt Mikroskopaufnahmen von Szczesnys und von gesundem Sperma, hat Statistiken bei der Hand. Szczesny sitzt wie betäubt. Er hört kaum, versteht wenig und nickt unaufhörlich. Sein Magen schmerzt wieder. Er ist übersäuert. Sodbrennen steigt die Speiseröhre aufwärts. Szczesny erkennt: Er ist schockiert. Nicken, ja, das kann er. Aber sonst? Was ist eigentlich so schlimm an dieser Eröffnung, die er halb erwartet hat? Was ändert sich? Gut, kein Kind dann eben, zumindest nicht jetzt. Das ist doch nicht so schlimm. Also liegt es an mir. Clara hat die erniedrigenden Untersuchungen ganz umsonst gemacht. Hätte ich mich nur früher überreden lassen, zuerst meine Samen untersuchen zu lassen. Warum ist er dann so entsetzt? Was schockiert ihn an den Aufnahmen seiner Spermien mit ihren abgeknickten, verdoppelten Schwänzen und ihren deformierten Köpfen? Sie sehen lächerlich hilflos und schwach aus. Sie sind verkrüppelt. Und sie kommen aus Szczesny, aus seinem Selbst. Etwas versinkt, ein Selbstwertgefühl, eine Entscheidungskraft. Der Arzt redet. Sein Thema sind nun wieder die Ursachen, die er im Augenblick nur mutmaßen könne, da Szczesny organisch gesund sei. Umweltverschmutzung, Hypothyreose, Gifte in den Lebensmitteln, Alkohol, allergische Reaktionen, ungesunde Lebensweise …
»Sie rauchen, nicht wahr? Aber daran kann es eigentlich nicht liegen.« Atempause, dann jovial: »Das kann jedem passieren. Damit ist Ihr Wunsch nach einem Kind aber nicht unerfüllbar. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Veränderung an Ihren Spermien eine Vorübergehende ist und wir das in den Griff bekommen. Das könnte allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich empfehle Ihnen dringend weitere Untersuchungen und Testauswertungen. Sie wissen, es gäbe da beispielsweise noch die Möglichkeit eine Samenspende oder ein Kind zu adoptieren, Sie sollten sich das gemeinsam mit Ihrer Frau ernsthaft überlegen …«
Der Arzt redet weiter, immer weiter. Er öffnet und schließt seinen Mund, stößt Laute aus, die Szczesny nicht versteht. Er nickt weiter. Ich muss wie ein Vollidiot aussehen, denkt er. Aber ich muss das erfassen. Was bedeutet das? Wie geht es weiter mit uns. Mir ist schwindlig, auch mein Atem geht schneller. Der Arzt müsste das doch bemerken. Ich glaube, ich gehe gleich nach Hause. Die dumme Lohnsteuerkarte muss eben warten. Ich werde mich ein wenig hinlegen. Ich muss jetzt nachdenken. Der Arzt steht auf. Was sagt er? Hat er genug von mir? Ist der nächste dran? Auch Szczesny stemmt sich aus seinem unbequemen Stuhl. Das geht problemlos, trotz des Schwindels. Nur die Beine sind wieder einmal eingeschlafen. Der Arzt nimmt ihn bei der Hand, will beruhigen. Szczesny sieht ihn überrascht an. Der ist älter, als ich dachte. Er hat Falten. Von der Nähe sehe ich das. Wahrscheinlich ist sein Haar gefärbt. Vielleicht trägt er auch eine Perücke. Aber eine Gute, ich sehe keinen Ansatz. Nein, das ist sein eigenes Haar, aber er hat es getönt. Szczesny will lächeln und sagen, dieser Beruf sei doch ganz schön anstrengend. Immer fröhlich und optimistisch sein, immer ruhig und zuversichtlich. Er könne das nicht. Er will damit auch weiteren Vertröstungen zuvorkommen, zeigen, dass er verstanden hat. Aber ausgerechnet in diesem Moment fällt ihm sein Schwager ein. Und bevor er diesen peinlichen Gedanken mit seinem Sodbrennen gemeinsam hinunterschlucken kann, sagt der Arzt:
»Sehen Sie, Herr Szczesny, das ist kein Beinbruch. Sag ich immer. Sie sind genauso Mann wie vorher. Auf Ihr Geschlechtsleben hat das alles keinen Einfluss.« Mach jetzt keinen Witz, denkt Szczesny. Bitte. Mach keinen Witz. Die Miene des Arztes wird augenblicklich ernst, als habe er Szczesny verstanden.
»Ich kann verstehen«, sagt er, »wenn Sie diese neue Situation im Moment etwas überfordert. Sie müssen ins Reine kommen; mit Ihrer Frau reden. Das ist ganz wichtig. Sie müssen gemeinsam an die Sache ran. Das benötigt seine Zeit. Lassen Sie sich vorne an der Anmeldung bitte für weitere Untersuchungen einen neuen Termin geben. Wenn Sie darüber hinaus mit mir sprechen wollen, stehe ich Ihnen im Rahmen meiner Sprechzeiten gerne zur Verfügung.« Szczesny hat sein Nicken wieder aufgenommen. »Und denken Sie daran: Es hat sich nichts geändert. Sie sind immer noch derselbe.«
*
Clara Szczesny starrte schon seit geraumer Zeit in die geöffnete Holzkiste, in der sie ihre Teebeutel-Sammlung aufbewahrte. Es waren in der Hauptsache biologische Kräuter- und ayurvedische Gewürztees, die sich ihr in farbenfrohen Papierhüllen verführerisch darboten und geduldig darauf zu warten schienen, dass ihre suchenden Finger sich endlich entschieden und die richtige Mischung für diesen Tag herauspickten. Ihre Aufschriften versprachen Glück, Harmonie, Gesundheit und Wohlbefinden, aber die meisten der Tees schmeckten sich zum Verwechseln ähnlich bitter und scharf, denn Ingwer war die bevorzugte Geschmacksrichtung der jungen Frau und diese fernöstliche Zutat fand sich in jeder ihrer Yogi-Mischungen. Clara war jedoch während ihrer allmorgendlichen Teezeremonie nicht ganz bei der Sache, denn sie wartete voller Ungeduld auf den Briefträger, der pünktlich wie ein Uhrwerk montags um diese Zeit - früher als an den anderen Wochentagen - die Post brachte und sie geräuschvoll in den amerikanischen Briefkasten steckte, den Norbert draußen vor dem Reihenhaus auf einem wackligen Pfosten aufgestellt hatte. Clara hoffte auf den braunen Umschlag mit der überarbeiteten Fassung ihres neuen Romans darin, die ihr ihr Verlagslektor Dr. Engold am Wochenende telefonisch angekündigt hatte. Er war seltsam einsilbig bei dem kurzen Anruf gewesen und hatte sie auf diese Postsendung vertröstet. Aber dann würde sie ja sehen, was er alles anzumerken und zu beanstanden hatte …
Clara schüttelte den Kopf und sich auf diese Weise selbst aus ihrer Selbstversunkenheit und sah auf. Nein, die große Küchenuhr ließ sich nicht betrügen. Je mehr Clara sich auf ihren Gang konzentrierte, umso länger schienen ihr die Abstände zwischen einem Tick und einem Tack und desto gemächlicher kroch der Minutenzeiger wie ein ermüdeter Bergsteiger dem Gipfelkreuz seiner Wanderung entgegen. Kurz kam ihr der Gedanke, sie müsste diesen Satz, der ihr so wundervoll ausformuliert auf der Zunge lag, aufschreiben, damit sie ihn nicht wieder verlor, denn er war ein wunderbarer Einstieg in eine der Geschichten, an denen sie im Augenblick schrieb. Sie wusste, wenn sie den ersten Satz hatte, dann erledigte sich der Rest fast von alleine. Allerdings griff sie dann doch anstatt zu einem der Kugelschreiber, die zusammen mit Notizzetteln überall in der Wohnung griffbereit verteilt waren - einer lag direkt neben ihrer Teekiste auf der Küchenanrichte - zu einem der bunten Beutel, den sie an seinem Faden in die bereitgestellte Tasse hängte. Sie hatte ihrem Unterbewussten die Entscheidung überlassen und las nun den Spruch, der auf seinem Anhänger stand: Das Leben schenkt dem Wissenden Tiefe. Sie lachte ironisch auf und stellte den Wasserkocher an. ›Altindische Weisheit oder Chai‹, dachte sie, ›was davon schmeckt bitterer?‹
Dann wartete sie erneut ungeduldig und sah aus dem Küchenfenster hinaus. Aber noch war es nicht so weit; ausgerechnet heute ließ sich der verräterische Postbote Zeit. Das Teewasser begann zu dampfen, zu zischen und zu sprudeln. Schließlich erklang ein durchdringendes Pfeifen und der Kocher schaltete sich mit einem zufrieden klingenden Klicken aus, als wäre er auf seine Tätigkeit stolz. Clara beobachtete noch eine Runde lang den Minutenzeiger der Küchenuhr, anschließend goss sie das wieder etwas abgekühlte, heiße Wasser ganz langsam in die Tasse, wo der Teebeutel begann, gelbe Farbfäden zu bluten. Sie nahm den Anhänger in die Hand, wickelte ihn mit seinem Faden und um den Griff der Tasse. Dabei schmunzelte noch einmal über den weisen Spruch. Unter ihm war die Ziehdauer für ihren Aufguss angegeben. »Fünf bis acht Minuten«, murmelte Clara und ärgerte sich über die ungenaue Zeitangabe, die sie verunsicherte. Die Frau mochte klare, exakte Vorgaben, mit Ungefährem konnte sie nichts anfangen. Halbierte sie für sich und ihren Mann die Vier-Mann-Rezepte aus Kochbüchern, benutzte sie einen Taschenrechner und kämpfte über die Küchenwaage gebeugt mit jedem Gramm.
Vor Kurzem hatte sie in der Sonntagsbeilage der Zeitung gelesen, dass der wahre Teekenner nur den zweiten, manchmal gar den dritten Aufguss trinken würde, da sich erst dann der volle Geschmack der Aromen entwickeln würde. Sie kannte nur eine Person, die das auch im echten Leben tat und das war ihr geiziger Onkel Sigmund, der sein altes Badewasser zum Toilettenspülen benutzte und das Klopapier durchnummerierte, weil er den Verdacht hatte, seine bei ihm lebende alte Mutter würde zu viel davon verbrauchen. Nein, Clara würde sich nicht dazu durchringen können, ihren Tee zweimal aufzugießen, egal, ob er dann weicher und intensiver schmecken würde. Da würde sie sich schäbig vorkommen. Das war ihr zu exzentrisch, zu, ihr fiel kein anderes Wort ein, zu … verschwommen.
Wieder glitt ihr Blick wie von einem Magneten angezogen zur Uhr. Da sie sich für eine Ziehzeit von sechs Minuten und dreißig Sekunden entschieden hatte, blieben noch drei Minuten und 40 Sekunden, bis sie den Teebeutel aus der Tasse nehmen konnte …
Es klingelte an der Haustür und Clara zuckte zusammen, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. ›Das ist endlich der Postbote‹, dachte sie, ›ausgerechnet jetzt! Der Umschlag mit meinem Text passt nicht in den Briefkasten. Er muss ihn mir persönlich übergeben.‹ Ein Bild von dem jungen Mann, der ihr seit ein paar Wochen die Post brachte und offenbar eine Aushilfe war, weil er keine Uniform trug, tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Er grüßte immer sehr höflich und klingelte häufig, um ihr die großen Umschläge ungeknickt übergeben zu können. Er war nicht ganz ihr Typ, aber er wirkte sympathisch und schien immer ein wenig zu zögern, wenn er ihr die Post überreichte; ganz so, als würde er sie ansprechen wollen und traue sich nicht. Hatte sie einen heimlichen Verehrer in ihm?
Noch drei Minuten, 10 Sekunden und es klingelte erneut. Clara war vollkommen aus dem Konzept gebracht. Sollte sie sofort zur Tür gehen oder zuerst den Teebeutel aus der Tasse entfernen? Damit hatte sie die Wahl zwischen einem zu bitteren und einem zu geschmacklosen Aufguss – Skylla und Charybdis, zwischen denen sie Schiffbruch erlitt. Es gab keinen richtigen Weg – egal, was sie tat. Wie sie solche Situationen hasste! Clara entschied sich für das Türöffnen und eilte aus der Küche nach vorn. Es war jedoch nicht der Briefträger, der ihr mit sehnsüchtigem Blick die ersehnte Sendung überreichen wollte. Ungeduldig mit den Absätzen wippend stand stattdessen auf dem Fußgitter vor der Haustür ihre Freundin und Nachbarin Gitta Mammensohn-Sapher, die zwar vage für den Vormittag ihren Besuch angekündigt hatte, aber für ihre Verhältnisse erstaunlich früh am Morgen hereingeschneit kam. Entweder war etwas Schlimmes geschehen oder sie hatte etwas unheimlich Wichtiges zu berichten.
»Und … lässt du mich rein?«, fragte Gitta strahlend und ohne auf eine Antwort der noch zögernden Clara zu warten, schob sie sich an ihrer Freundin vorbei in den Gang, wo sie sofort ihren Mantel ablegte, ihn achtlos zusammenknüllte und halb über einen nahen Stuhl warf. Er rutschte auf den gefliesten Boden. »Ist das kalt heute! Ist er auch da?« Offenbar war keine Katastrophe geschehen, Gitta kam zum Plaudern vorbei. Clara schüttelte den Kopf und hob mit einem Hauch von Missbilligung in der Miene den Mantel auf und hängte ihn ordentlich an einen Garderobenhaken, nachdem sie ihn über einen Kleiderbügel gezogen hatte.
»Norbert hat sich zwar einen Tag freigenommen, aber er ist in die Stadt gegangen, um ein paar Erledigungen zu machen. Ich erwarte ihn erst am Nachmittag zurück.« Clara und ihre Freundin Gitta, die sich herab beugte, um aus ihren hohen Stiefeln zu schlüpfen, lächelten sich in stummem Einverständnis zu. »Aber komm doch rein. Willst du einen Tee? Ich mache mir gerade eine Tasse Chai.«
Gitta kannte sich aus. Sie öffnete den Garderobenschrank und entnahm ihm ein Paar von Claras selbstgefilzten Hausschuhen, die dort vorbereitet auf ihre Besucher warten. Erst dann trat die Nachbarin ins Wohnzimmer, das zusammen mit der offenen Küche eine Einheit bildete und beinahe die gesamte Fläche des kleinen Reihenhauses in Anspruch nahm.
»Ach, ein Kaffee wäre mir eigentlich lieber, wenn es nicht zu viele Umstände macht«, sagte sie und sah sich aufmerksam um. »Habt ihr die Möbel umgestellt?«
»Nein, wie kommst du denn darauf?«
»Ich weiß nicht. Es kam mir so vor.« Gitta zuckte mit den Schultern und setzte sich an den Esstisch, auf dem Claras Laptop aufgeklappt stand. Sie spähte neugierig auf weiße Oberfläche des Textprogramms, in die ihre Freundin vorhin ein paar Sätze getippt hatte.
›Einmal sah ich einen Baum, dessen Äste der Wind herabgerissen und der Straße geschenkt hatte. Der Baum war nackt und kahl und so einsam. Ich verachtete diesen Baum; dafür, dass er hart und unnachgiebig war. Deshalb musste er sterben, musste seine Blätterschönheit herab in den Dreck tränen und sie dem grausamen Wind ausliefern, der das buntfleckige Laub über dem Asphalt drehte. Warum war er nicht weich wie ein Grashalm, der sich nach dem Wind wieder aufrichtet?‹, las sie und wunderte sich. Das war anders als alles, was sie bislang von ihrer Freundin kannte. War das Ausdruck einer Krise? Im Privatleben oder in ihrem Schaffen?
»Kommst du voran mit deinem neuen Werk?«, fragte Gitta unschuldig. Clara trat flink zu ihr und drehte den Computer eilig herum, damit der Bildschirm aus dem Sichtfeld von ihrer Freundin kam.
»Eigentlich nicht, nein«, erwiderte Clara streng. Darüber wollte sie nicht reden; dafür hatte Gitta keinen Sinn.
Der Tee! Wenn Clara sich beeilte, würde sie den Aufgussbeutel gerade zur richtigen Zeit herausnehmen können. Noch blieben ihr ein paar Sekunden Zeit. Sie machte einen Schritt in Richtung Küchenzeile. Da klingelte es erneut. Clara seufzte. Die mutwillige, wahrscheinlich blutjunge Gottheit, die für die Dinge ihres Alltags zuständig war, wollte sie heute anscheinend ein wenig ärgern. Seufzend überließ sie ihren Tee seinem bitteren, dunklen Schicksal und trat erneut an die Haustür. Vielleicht kam sie heute ja doch dazu, es einmal mit einem zweiten Aufguss zu versuchen. Vor der Haustür stand diesmal wirklich der Briefträger in der Kälte des Februarvormittags. Genau wie Clara es sich vorhin ausgemalt hatte, hielt er den ersehnten Umschlag in seiner nach vorn gehaltenen Hand und strahlte sie mit einem übertrieben freundlichen Lächeln an. Doch diesmal überwand er seine Furcht:
»Guten Morgen. Ich habe diesen Brief für Sie, Frau Szczesny. Das sind sie doch, oder? Clara Szczesny, die bekannte Schriftstellerin?« Er stolperte mit der Zunge über die geballte Konsonantenanhäufung ihres Nachnamens. Clara hatte nie daran gedacht, sich ein Pseudonym zuzulegen. Nun kam ihr in den Sinn, dass das vielleicht ein Versäumnis war. Sie nickte und nahm verwundert und geschmeichelt den Umschlag mit ihrem Manuskript in die Hände, presste ihn jedoch sofort schützend gegen ihre Brust. Es geschah ihr nicht oft, dass sie in ihrem privaten Bereich auf ihre Berufung angesprochen wurde. Schließlich war sie alles andere als berühmt und hatte erst zwei Romane veröffentlicht, die sich allerdings recht ordentlich verkauften, weil es ihr ausschließlich weibliches Publikum durch Mundpropaganda verbreitete. Clara spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Hoffentlich bemerkte der junge Mann nicht ihr Erröteten. Zum Glück war es ein recht dunkler Tag.
