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Naturrituale

Wolf-Dieter Storl

NATURRITUALE

Mit schamanischen Ritualen zu den eigenen Wurzeln finden

AT Verlag

6. Auflage, 2012

© 2004

AT Verlag, Baden und München

Lektorat: Karin Breyer, Freiburg i. Br.

Umschlagbild: Kyllmeier, Kritzendorf

Fotos Farbbildteil: Gudrun Elpons, sofern nicht anders vermerkt

Lithos: AZ Print, Aarau

ISBN (ebook) 978-3-03800-131-7

www.at-verlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Ein Hinweis an die Leserinnen und Leser

Nicola Förg, die bekannte Allgäuer Krimi-Autorin, schrieb einmal im »Münchner Merkur« bezüglich Wolf-Dieter Storl: »Er ist kein Guru für Lebensbewältigungsfragen. Er ist kein Eso-Papst oder New-Age-Bewegter. Als ihn ein großes Magazin einmal als den ›Schamanen aus dem Allgäu‹ bezeichnete, musste er sich sehr ärgern. Er ist nämlich kein Schamane, sondern einer, der sich mit dem Schamanentum quer durch alle Kulturen beschäftigt hat. Allgäuer ist er auch nicht, sondern eigentlich ein gebürtiger Sachse mit US-Pass und einer Fülle von Lebensstationen rund um die Erdkugel. Auch wenn der Bart und die etwas wilde Haartracht solches assoziieren lässt: Ein Almöhi oder Wandereremit ist er auch nicht, kein Späthippie und auch kein Grüner. Parteien sind ihm wurscht, aus jeder vermag er Gutes und Schlechtes herauszufiltern. Und um es noch verwirrender zu machen: Die universitäre Wissenschaftskarriere hat der promovierte Anthropologe auch aufgegeben.«

Wolf-Dieter Storl will nicht als Wunderdoktor, spiritueller Weggefährte oder »Schamane« aufgesucht werden. Er ist kein Heilpraktiker. Seine Aufgabe oder sein Dharma ist es, Bücher zu schreiben, die Wissen vermitteln. Sein Geschenk ist das geschriebene Wort.

Inhalt

Heilung erfordert, tief in die Urgründe einzutauchen

Germanische Wurzeln

Eine neue Romantik

Facetten der Wirklichkeit

Verschwinden und Wiederkehr der Geister

Zeitenwende

Schamanensprache

Der Mensch als Tor ins Dasein

Was ist Puja?

Verschiedene Puja-Rituale

Pujas für die Flussgöttin

Der Berg der Chamunda

Kali-Tempel in Kalkutta

Wer ist der größte Verehrer?

Puja ist universal

Indianische Friedenspfeife

Krankenheilritual der Cheyenne

Vorbereitung für die Puja

Spiritistische Geisterbeschwörung

Vorbereitungen

Begründung

Reinigung

Kleidung und Schmuck

Ausrichtung

Magische Zeiten

Aufrufung und Begegnung mit dem Hüter der Schwelle

Die Mitte finden, zentrieren

Auf der Suche nach dem Puja-Baum

Medizinbeutel und Kraftgegenstände

Blumensträuße für Pujas

Der Medizinbeutel

Die Hörner des Rehbocks

Das Muschelhorn

Die Trommel

Federn

Sonstiges Zubehör

Hüter der Schwelle

Peterchens Mondfahrt

Einweihung: Das Erwachen in der Traumzeit

Heimdal, der germanische Schwellenhüter

Wölfe

Ganesha, der Elefant

Sphingen

Feuer, Wasser und Gesang

Feuer und Wasser

Das Zünden des Notfeuers

Wassergießen

Sensibles Wasser

Singsang, Satsang

Rauchweihung

Zunderschwamm und Kohle

Gerüche: Offenbarungen der Seele

Geruchssinn und Sexualität

In jedem Duft eine Gottheit

Düfte: Heimat der Seele

Die Kräuter in der Friedenspfeife

Essigbaum oder Hirschkolbensumach

Der Rauch der Ahnen

Beifuß, das Kraut des Übertritts

Das Kraut der Göttin Artemis

Sage, der falsche Beifuß

Wacholder, der Feuervogelbaum

Mariengras, der Duft der Göttin

Tannenharz, der Duft der Innigkeit

Opfergaben und Windhorn

Blumendarbietung

Aufladen von Kraftgegenständen

Opfergaben

Elfenneid, Elfengeschosse

Windhorn: Von der Ekstase zur stillen Meditation

Das Yedaki

Wie aus dem Didgeridoo das Windhorn wurde

Das rote Blut der Erde

Blutopfer

Substitution: Die Geistwesen lassen sich nicht foppen

Ocker

Andere sakrale Färbemittel

Blóta, der germanische Blutsegen

Tieropfer und Schlachten

Segnung

Zauber

Ocker für die Puja

Ausklang

Laechentum, das germanische Schamanentum

Weise Frauen und andere Schamanen

Wie heilte der Lachsner, die Lachsnerin?

Der Finger des Lachsners

Berufskräuter

Von den Geistern lernen

Wegerich, das Laechenblatt

Würmlein klein, ohne Haut und Bein

Wahre Halluzinationen

Krankheitsbringende Entitäten in indigenen nordeuropäischen Kulturen

Magische Helminthologie (Wurmkunde)

Wurm, Wurz und Wort

Die neun Kräuter Wotans

Feldthymian oder Quendel

Kamille

Entsorgung der Elbenwürmer

Der Durchzug der Perchten

Schneegeisterbesuch

Nachwort

Literatur

Dem Kundigen, der da in Nordhuglen, einer kleinen Insel südlich vor Bergen, vor ungefähr1600 Jahren diese Runen ritzte und rötete: Ek gudija ungandir.


Mammutgravierung aus der europäischen Altsteinzeit (Font de Gaume).

Heilung erfordert, tief in die Urgründe einzutauchen

»Und es ist notwendig, dass wir es trotzdem versuchen,

das Unsagbare zu sagen.

Und mein Hoffen dabei ist,

dass jeder Satz aus mehr besteht

als nur aus den Worten, die ihn bilden.«

Werner Sprenger, Das Höhlenbuch

Im Sommer veranstalte ich gelegentlich Heilkräuterkurse, Kräuterwanderungen oder Seminare. Dabei spaziere ich mit den Teilnehmern über die Wiesen und durch den Wald, lasse sie barfuß laufen, damit sie den lebendigen Erdboden, den frischen Tau unter ihren Füßen spüren, ermutige sie, an den Kräutern und Beeren zu riechen, sie zu betasten oder zu kosten, und erzähle die dazugehörigen Geschichten und Sagen. Meistens, wenn es passt und stimmig ist, feiern wir dazu ein einfaches Naturritual, eine so genannte Puja (»Pūdscha« mit langem u ausgesprochen). Man spürt sofort, dass es sich um ein uraltes Ritual handelt. Es verbindet mit der Landschaft, mit den Kräutern, Bäumen und Tieren. Das Ritual wirkt wie ein Schluck Wasser auf die dürstende Seele. Es hebt die Teilnehmer aus der Hast und den Spannungen des Alltags heraus und hilft ihnen, in das Wunder der Schöpfung einzutauchen.

Da ich immer wieder nach Sinn und Bedeutung des Puja-Rituals und nach der Art und Weise seiner Durchführung gefragt werde, habe ich mich entschlossen, dieses Buch zu schreiben. In den ersten Kapiteln geht es darum, den Ablauf des Rituals zu schildern und die Ritualgegenstände – Wasser, Feuer, Hirschgeweihe, Muschelhorn, Rötel usw. – im kulturanthropologischen Zusammenhang zu erläutern.

Eine Puja ist eine archaische, schamanische »Technik«, die einen sakralen Raum schafft, in dem sich die Seele der Natur manifestieren kann. Es ist eine feierliche Handlung, die es den Menschen ermöglicht, sich den tieferen Dimensionen des Seins zu öffnen, nämlich den Wesen, welche die »nicht alltägliche Wirklichkeit« bevölkern: den Naturgeistern, den Devas der Pflanzen und Tiere, den Ahnengeistern und Gottheiten. Diese Wesen reden ständig mit uns, wir haben nur verlernt oder vergessen zuzuhören: Puja hilft uns, besser zuzuhören. Puja hilft den Menschen, diese Wesenheiten zu spüren, sie zu erleben und vielleicht sogar zu »sehen«. Puja tut nicht nur dem Menschen gut; das Ritual ist auch »Nahrung« und Stärkung für die Natur und ein Segen für das Land. Es ist ein heilmachendes Ritual, ein Heilritual, oder wie die nordamerikanischen Indianer sagen würden: Es ist eine machtvolle »Medizin«. Es ist echte Magie.

Das Wort »Puja« ist indisch. Es entstammt einer obskuren dravidischen Sprache, die auf dem Subkontinent von den vorarischen, nichtvedischen Völkern gesprochen wurde. Der Begriff wurde aber bald ins Sanskrit entlehnt, die Sprache der Indogermanisch sprechenden arischen Einwanderer. Und obwohl ich den heute üblichen hemmungslosen Gebrauch von Fremdwörtern erschreckend finde, da es den inneren Zusammenhang einer Sprache zerreißt, habe ich mich in diesem Fall dennoch entschieden, diesen fremden Begriff zu übernehmen. Denn Worte wie Andacht, Gottesdienst, schamanisches Ritual, Zeremonie, Kulthandlung und dergleichen sind entweder nicht ganz zutreffend oder mit anderen Assoziationen belastet.

Germanische Wurzeln

Puja-ähnliche, schamanische Rituale gehören nicht nur den Hindus oder außereuropäischen Naturvölkern. Einst gehörten sie auch zu unserer eigenen indigenen Kultur, zur Kultur der Kelten, Germanen, Slawen und anderen früheuropäischen Völkern. Auch wir kannten ein auf eigenem Boden gewachsenes Schamanentum. Da es nicht mein Anliegen ist, weitere schwer verständliche Kulte aus fernen Ländern einzuführen, sondern die eigenen nährenden Wurzeln zu finden, versuche ich in diesem Buch einige der verschütteten Quellen unserer Kultur freizulegen. In einem anderen Werk, Die Pflanzen der Kelten (AT Verlag 2003), habe ich mich mit den vorchristlichen keltischen Wurzeln auseinander gesetzt. In diesem Fall wird der Schwerpunkt mehr bei den Germanen liegen. Denn bei diesen nordeuropäischen Völkern ist der schamanische Hintergrund besonders offenkundig. Die Hauptgottheit, Wotan (nordisch Odin, angelsächsisch Woden, wandalisch Guodan, alemannisch Woutan, Woutis) ist vor allem eine Schamanengottheit.

Der Lachsner oder die Lachsnerin, die traditionellen Heiler der germanischen Völker, heilten und zauberten insbesondere mit schamanischen Methoden. Mit diesen Heilmethoden und dem dazugehörigen Weltbild werden wir uns eindringlich befassen.

Die Germanen gehen uns ebenso an wie die Kelten oder die Römer, da ein Großteil des indigenen Volksbrauchtums – die Volksmedizin, die Sprachen, Märchen und Sagen, Jahresfeste, Aberglauben – in weiten Teilen Europas von ihnen geprägt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Beschäftigung mit der germanischen Kultur im deutschen Sprachraum leider zum Erliegen gekommen und ist, abgesehen von verunglimpfenden Schriften, praktisch tabu. Dafür sind nationalsozialistische Ideologen verantwortlich, die die »Germanen« zu »arischen Übermenschen« hochjubelten. Glücklicherweise sind die Gelehrten in anderen, vorwiegend germanischen Ländern nicht an dieses Tabu gebunden. Meine Quellen sind vor allem englische, amerikanische, belgische und skandinavische.1


Odin (Skizze von Lorenz Fröhlich, 1845).

Wer sind nun die Germanen? Es handelt sich um die Nachkommen der nordeuropäischen Megalithkultur (Trichterbecherkultur), jenes jungsteinzeitliche Bauernvolk, das vor fast 6000 Jahren die Hünengräber und Steinkreise aufstellte. Es sind die wahren nordeuropäischen Ureinwohner, die hiesigen Aborigines (Storl 2003: 56). Sie gehörten ursprünglich nicht zu den »arischen Völkerschaften« – den Proto-Kelten, Slawen, Balten, Illyrern, Latinern und Hellenen –, jenen ehemaligen Hirtennomaden, die zwischen dem 1. und dem 2. Jahrtausend in mehreren Wellen aus den westasiatischen Steppen einwanderten und sich in Europa niederließen. Zu den germanischen Stämmen, deren Urheimat sich von der Nordsee zur Ostsee und nach Südskandinavien erstreckte, gehören die späteren Dänen, Norweger und Schweden, die Angelsachsen, die die britischen Inseln besiedelten, die Friesen, Flamen und andere niederländische Ethnien, die Franken, die Frankreich seinen Namen gaben, die Alemannen, die heute in der Schweiz, im Elsass und im Bodenseeraum zu Hause sind, die Schwaben in Südwestdeutschland, die Bajuwaren, die den bayrisch-österreichischen Raum besiedelten, die Langobarden in Norditalien, die Burgunder, die zwischen Lyon und Genf ihr Königreich hatten, die Westgoten und Wandalen, die bis Südspanien zogen und dort den Adel stellten, die Ostgoten, die auf der Krim siedelten, und die Wikinger, deren Siedlungen sich von Island, Irland, Schottland, Grönland, Russland und vorübergehend bis Vinland (Nordamerika) erstreckten. In anderen Worten, sie sind ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Völkerschaften. Und wenn wir unsere eigenen lebendigen Wurzeln finden wollen, dann sollten wir uns mit ihnen befassen.

Eine neue Romantik

Schamanentum ist uralt. Es hat seine Wurzeln in der alten Steinzeit und ist noch immer Teil der Lebensweise der naturnahen Völker. Schamanentum fasziniert uns, denn auch in unserer schrillen, schnell lebenden, globalen Gesellschaft ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie Vampire saugen wir das schwarze Blut der Erde aus, um die summenden, knatternden, rauschenden Maschinenroboter zu füttern, die unsere Wälder und Wildnisse schwinden lassen und Luft und Wasser verschmutzen. Und das Bewusstsein der Menschen, die wie Stallkaninchen in ihren Lebensumständen eingeengt sind, wird entsprechend bizarrer. Bewusstsein und Sein hängen zusammen. Terrorismus, Drogenabhängigkeiten, sexuelle Ausbeutung und Abartigkeit, das Ertrinken der Jugend in den virtuellen Realitäten einer elektronischen Unterhaltungs- und Ablenkungsindustrie sind die soziale Seite desselben Prozesses. Kein Wunder, dass im allgemeinen Bewusstsein, wie auch in der ethnologischen Wissenschaft, das Bild des Schamanen, des berufenen und befähigten Urheilers, immer stärker in den Vordergrund rückt. Das zunehmende Interesse am Schamanentum stellt so etwas wie eine Rückbesinnung dar, ein Anfragen bei denen, die (vermutlich) noch wissen, wie man im Einklang mit sich selbst und mit der Natur lebt. Es geht darum, sich befruchten zu lassen von den Ursprüngen, so dass man neu geboren werden kann.

Zugegeben, es ist ein romantisches Bild, das in diesen Gedankengängen beschworen wird. Zugegeben, in mir - wie auch in der Seele vieler Ethnologen, die andere, einfühlsamere, einfachere Lebensweisen kennen gelernt haben - schlummert ein Romantiker. Novalis, Hölderlin, Wordsworth, Coleridge, Emerson, Thoreau sind mir nicht fremd, und die Gebrüder Grimm verehre ich geradezu.

Aber ist der romantische Idealismus nicht längst überholt? Haben uns nicht Kolonialismus und die Härte der industriellen Revolution, linker und rechter Totalitarismus, die Weltkriege mit ihrem Terror, Wirtschaftsnot, globale Marktzwänge und dergleichen unsanft aus dem romantischen Traum geweckt? Was ist aus dem sauvage noble, dem »edlen Wilden« des Jean-Jacques Rousseau, aus dem »wilden Naturkind« des Südseeforschers Louis Antoine de Bougainville geworden? Die hungernden, bettelnden, in Lumpen gehüllten, im Plastikmüll erstickenden, Drittwelt-Slumbewohner haben seinen Platz eingenommen. Für den modernen Intellektuellen ist die Romantik, auch in ihrer seichten Neuauflage als »New Age« und Esoterik, wirklichkeitsfremde Schwärmerei.

Realisten warnen uns: Schauen wir den Tatsachen, den wissenschaftlich bewiesenen, konkreten Fakten ins Gesicht. Welchen Sinn haben steinzeitliche, archaische Ideen und Techniken in einer überbevölkerten, naturdegradierten Welt? Die Bedingungen sind heutzutage gänzlich andere. Ob wir es wollen oder nicht, wir sind auf dem Weg in eine brave new world.

Aber ganz so ist es auch nun wieder nicht. Das Wissen der Naturvölker und der Steinzeitmenschen geht uns mehr an, als wir denken. Unsere Urgeschichte und das Leben in den Wäldern und Tundren haben uns grundsätzlich geprägt. Wir müssen das verstehen, um uns selbst zu verstehen. Die so genannte Steinzeit kündigte sich vor ungefähr 3 Millionen Jahren mit behauenen Steinwerkzeugen an; vor 1 Million Jahren brannten die ersten Lagerfeuer; vor rund 300000 Jahren trugen die Neandertaler schon genähte Lederkleidung und bestatteten ihre Toten mit Blumen, rotem Ocker und Grabbeigaben. Ja, unsere kulturellen Wurzeln gehen tief, tiefer als die vor erst knapp 10000 Jahren gegründeten ersten sesshaften Siedlungen, tiefer als die vor 2500 Jahren gegründete »ewige Stadt« Rom. In der alten Steinzeit wurzeln unsere Sprachen und die Symbole, mit denen wir das Wunder unseres Daseins zu umschreiben und zu begreifen versuchen. Grundtechniken des Wohnens und Jagens, Märchenmotive, Kinderspiele und viele Elemente unserer Heilkunde, vom Kräuterwissen bis zur Schwitzhütte, gehen auf die paläolithische Urzeit zurück. Ebenso das Schamanentum, das Wissen um den Umgang mit den Geistwesen, die in der Natur, hinter der Oberfläche wirksam sind. Der Mensch kann es sich nicht leisten, diese, sein Wesen bestimmende Prägung zu ignorieren. Er kann es sich nicht leisten, sich von dem spirituellen Hintergrund, von der Erde und der Natur abzusondern, ohne dem Wahn und der Zerstörung zu verfallen.

Facetten der Wirklichkeit

Schamanentum ist keine Religion im Sinne der großen Glaubenssysteme. Diese sind erst spät entstanden und beruhen auf charismatischen Stifterpersönlichkeiten, deren Lehren es zu glauben gilt. Schamanentum hat aber nichts mit Glauben zu tun, sondern mit Erfahrung. Ein Schamane ist jemand, der die Begabung hat und die Techniken beherrscht, um mit den Geistwesen, den Gottheiten und Dämonen umgehen zu können. Dazu gehören Methoden – Trommeln, Tanzen, Trance induzierende Entheogene2, Fasten, Enthaltsamkeit, Askese usw. –, die den Zugang zu diesen Dimensionen öffnen. Der Schamane, der in diese Dimension hineinschlüpft, hat auch gelernt, wie man mit den Geistwesen umgeht, wie man mit ihnen verkehrt, wie man sie dazu bewegt, sich den Menschen gegenüber freundlich und wohlwollend zu verhalten. Berufene Schamanen arbeiten in der »Traumzeit«, in der nichtstofflichen »Anderswelt«, im Bereich des Werdenden und nicht - wie unsere Wissenschaftler es tun - im Bereich des Gewordenen. Sie wirken, wie es in dem sehr alten, schamanisch geprägten Text des Tao-Te-King heißt, in der »Leere«, nach dem Prinzip:

»Handle, ehe es da ist,

Lenk es, ehe es wirr wird …

Der Weise (der Schamane)

geht zurück den Weg, den die Menschen gingen

um den Dingen zurückzuhelfen zu ihrer Natur

und wagt nur eines nicht: wider die Natur zu handeln.«

Lao-tse, Tao-Te-King, 64; Übersetzung Ernst Schwarz

Einer der Grundsätze der Kulturanthropologie ist es, dass jede Gesellschaft ihre eigene Wirklichkeit konstruiert. Auch die facts, die vermeintlich bewiesenen Tatsachen, an die wir uns festklammern, erweisen sich als eine »kulturelle Konstruktion der Wirklichkeit«, als Vorstellungen (Schopenhauer), als Maya oder Illusion, wie die Inder sagen. Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte macht das deutlich: Die Feststellungen von heute sind die Irrtümer von morgen. Das Gebäude unserer Realität ist, wie die australischen Eingeborenen sagen würden, ein »Traum«, der sich vermaterialisiert hat; es ist der verdinglichte, verdichtete, dingfest gemachte Gedanke, wie einst die Germanen glaubten. In unseren Träumen, durch unsere Wünsche, Gedanken, Entscheidungen, durch unsere Opfer und Anstrengungen schaffen wir die Wirklichkeiten, in denen wir leben. Die mentale oder körperliche Handlung (Sanskrit Karma, »Tat«) wird zur Ursache unseres Schicksals. Das materialistische, experimentalwissenschaftliche Weltbild, welches die absolute Wirklichkeit des modernen Bürgers ausmacht, ist letztlich auch eine Traumwirklichkeit. Es ist der kollektive Traum, der Spell3, die Verzauberung dieser heutigen Zivilisation. Es ist ein unduldsamer Traum, der für sich den Alleingültigkeitsanspruch erhebt.

Der Traum ist vorerst etwas Geistiges. Erst wenn sich die Gesellschaft diesem Traum hingibt, ihn lebt und verwirklicht, dann nimmt er Fleisch und Blut an, dann wird er materiell konkret. Es gibt Träume, die – wenn verwirklicht – das Leben schöner, angenehmer, glücklicher machen. Es gibt auch Träume, die, wenn sie ausgelebt werden, leidvoll und destruktiv wirken. Es scheint, als ob der Traum der modernen materialistisch geprägten, technokratischen Welt kein guter Spell ist, denn er hinterlässt viel Leid und Zerstörung: Pflanzen und Tiere sterben aus und verlassen die Erde für immer; die Kulturen der kleinen traditionellen Stämme und Völker werden zerstört; Sprachen, von denen jede eine einmalige kostbare Sicht der Welt beinhaltet, verschwinden.

Schamanische Rituale, wie auch die Puja, können dazu dienen, aus einem Alptraum aufzuwachen. Es ist möglich, weil das Ritual das Bewusstsein in die geistige Dimension hineinträgt, festgeronnene Konturen auflöst und erstarrte Seelen für neue Inspirationen öffnet. Woher kommen die Inspirationen? Sie kommen aus den geistigen Dimensionen, aus der »Leere«, aus dem Bereich des Potenziellen, des Möglichen, aber noch nicht materiell Kondensierten. Sie kommen von den Göttern, Engeln, von den Elfen, Zwergen und anderen Geistwesen der Natur, die uns umgibt; sie werden uns von den Urahnen zugeraunt, von jenen Vorfahren, die Sorge um jene trugen, die nach ihnen kommen und in denen ihr Lebensblut weiterfließt. Diesen gilt es sich zu öffnen. Diese gilt es um Rat zu bitten. Den Indianern, Tibetern, australischen Aborigines, all diesen Völkern, die treu an altbewährten geistigen Wahrheiten und heiligen Ritualen festhielten, gilt unser Respekt und auch unser Dank, denn sie erinnern uns an vieles, was wir vergessen haben. Sie können uns Anregungen geben. Aber ihre Brauchtümer, Lebensweise und ihre Rituale gehören ihnen und sind, wie sie, eingebettet in der sie umgebenden Natur. Viele indianische Medizinmänner, die ich kenne, sind entsetzt, wenn man ihre Rituale nachmacht: »Findet eure eigenen Wurzeln«, mahnen sie, »verbindet euch mit der Spiritualität, die in eurem Land in der freien Natur vor euren Augen ausgebreitet ist.«

In diesem Buch nehmen wir den gut gemeinten Rat an. Wir gehen in den Wald, wir suchen das Wissen der einheimischen Völker, der Kelten, der Slawen, der Romanen und vor allem der Germanen. Wir versuchen, uns mit ihren Götterimaginationen, ihren hellsichtigen Visionen zu verbinden. Wir nehmen Kontakt mit den Naturgeistern, Zwergen und Elfen auf, die in den hiesigen Wäldern, Wiesen und Matten, den Bergen, Tälern und Flüssen zu Hause sind. Voller Ehrfurcht wenden wir uns der Erde zu, jener Erde, in der die Knochen der Verstorbenen - unsere eigenen Vorfahren - ruhen. Spiritualität, die nicht mit der umgebenden Natur und mit den eigenen Ahnen verbunden ist, bleibt blutleer und abstrakt; sie ist etwas für das Hirn, aber nicht für den Bauch, die Leber, die Füße.

Verschwinden und Wiederkehr der Geister

Aufgabe der Wissenden und Weisen der alteuropäischen Völker, der keltischen Druiden oder der hellsichtigen Schamaninnen der Germanen war es, die Beziehung zu der Welt der Geistwesen auf gute Weise zu regulieren. Es war ihre Angelegenheit, dass der »Traum«, der Spell, der die Gesellschaft in seinem Bann hielt, ein guter blieb. Die christlichen Missionare, die die nordeuropäischen Waldlandvölker bekehrten – bei ihnen handelte es sich oft um zum Christentum bekehrte ehemalige keltische Druiden –, kannten diese Wesen sehr gut und zweifelten nicht an ihrer Existenz. Die christlichen Glaubensverkünder brachten, davon waren sie überzeugt, einen neuen guten Zauber, einen »guten Spell« – so nannten sie das Evangelium einen good Spell oder, im modernen Englisch, Gospel. Um die Einmaligkeit des Christus hervorleuchten zu lassen, erklärten sie viele alte Götter zu Dämonen und Teufeln; aus Freya wurde Maria, und altes Brauchtum, wie die Kräuterweihe, das Lichtmessfest und Wochenbettbräuche, wie das »Frauenstroh«4, wurden auf sie übertragen; an Donar/Thors Stelle trat der Petrus oder der Streiter wider den Drachen, Michael; andere alte Gottheiten wandelten sich zu christlichen Heiligen und Märtyrern, oder nahmen wenigstens deren Stelle ein; die Wichtel, Feen, Elfen und anderen Wesen der niederen Mythologie blieben im Volkschristentum ungeschoren.

Erst im späten Mittelalter, nachdem die fanatischen Katharer (griechisch katharoi, »die Reinen«) die im Volkschristentum übrig gebliebenen Reste des Heidentums anprangerten, Ehe, Eid, Bilder und Reliquienverehrung ablehnten und den absoluten Gegensatz zwischen Gott und Satan formulierten, änderte sich das. Die verunsicherte römische Kirche reagierte mit der Einführung der Inquisition, um diese Ketzer zu bekämpfen, übernahm aber zugleich auch deren dualistisches Weltbild. Schließlich wollte man nicht die Anschuldigung auf sich ruhen lassen, man sei zu lax mit dem Teufelstreiben. Nach der Unterdrückung des Ketzertums ging man vehementer gegen »Aberglauben« und Hexerei vor, bei der es sich lediglich um Reste eines indigenen keltischen oder germanischen Schamanentums handelte.

Der pferdefüßige »Teufel«, der dem Bauern gelegentlich über den Weg lief, der so genannte Klaubauf, der Hans-spring-ins-Feld, der grüne Junker, der Hinkefuß, der Heinrich, der schillernde Kavalier, der wilde Jäger, war wohl eher einer der vielen rauen, neckischen Naturgeister5, die seit heidnischen Zeiten bekannt waren. Diese armen Teufel trieben Schabernack und konnten die Menschen plagen, zugleich aber hatten sie Angst vor Johanniskraut, Quendel und Dill, vor Weihwasser und Lauch. Dem klugen Bauer gelang es fast immer, sie zu überlisten; und gelegentlich verschenkte ein solcher Waldteufel dem Wanderer Rossäpfel, die sich in Gold verwandelten. Aus listigen Waldschratten wie diesen wurde – in der Zeit der Inquisition und Hexenverfolgung – der mächtige »Fürst dieser Welt«, der Gegengott, Satan, gegen den einzig und allein die Kirche Schutz bieten konnte. Ein für die Kirche profitables Monopol! Mit den Menschen, die in alter Manier mit den Naturgeistern Umgang zu pflegen wussten, räumte die Inquisition auf. Sie wurden als Hexen verfolgt; viele wurden verbrannt.


Mittelalterliche Vorstellung von Teufeln (aus Jacobus de Teramo, Das Buch Belial).

Ebenso radikal verfuhr die darauf folgende Aufklärung. Sie machte tabula rasa, reinen Tisch, indem sie die Geistwesen vollkommen leugnete. Die rationale Aufklärung war der neue spell der westlichen Welt. Der Hohepriester und Visionär der neuen experimentellen Wissenschaft war Frances Bacon, ein ehemaliger Staatsanwalt bei Hexenprozessen. Er und seine Genossen, wie Descartes oder Newton, leiteten die Entmythologisierung der Welt ein. Für sie war die Welt eine Maschine, die nach materiellen, mechanisch-mathematischen Prinzipien funktioniert. Nachdem Gott, der kosmische Uhrmacher, die Weltenmaschine konstruiert hatte, zog sich dieser ins Nebulöse zurück. Erkenntnis hieß nun, die Logik der Konstruktion dieser Weltenmaschine zu verstehen. Keine Götter hielten mehr die Planeten in ihrer Bahn, sondern mechanische Gesetze; keine Wichteln oder Elfen treiben das Pflanzenwachstum voran, sondern chemische Reaktionen. Geister und Götter hatten ausgedient, es gab sie nur noch im Aberglauben alter Weiber, als Zeichen mentaler Verwirrung, bedingt durch Fehlfunktionen im Stoffwechsel des Hirns, oder als die irreale subjektive Fantasie der Künstler und Poeten. Es war der Traum einer leblosen, stofflichen Welt, geboren in toten Labors – ein tödlicher Traum für die Seele und für die lebendige Natur.

Die Romantiker lehnten sich auf. Sie wussten besser. In der »Walpurgisnachtszene« seines Faust lässt Goethe den empörten Rationalist, den Proktophantasmist (»Mastdarmgeisterseher«)6 über das Geistertreiben schimpfen:

»Seid ihr immer noch da! Nein, das ist unerhört.

Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt!

Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.

Wir sind so klug, und dennoch spukt’s im Tegel.

Wie lange hab’ ich nicht am Wahn hinausgekehrt,

Und nie wird’s rein; das ist doch unerhört!«

Inzwischen hat sich wenig geändert. Noch immer tut sich die offizielle, materialistisch-positivistische Wissenschaftsideologie mit der Existenz der Geistwesen schwer, versucht sie zu psychologisieren, etwa als Projektionen verdrängter oder unbewusster psychischer Inhalte, oder auf biochemische Prozesse im Hirn selbst zu reduzieren, oder als Energiefelder zu definieren. Und dennoch kommen sie wieder – heimlich, unerkannt, und da niemand da ist, der mit ihnen richtig umgehen kann, zunehmend destruktiv. Sie haben Schlupflöcher, Ritzen gefunden in der Mauer, die uns schützen soll. Sie fluten in Gestalt von Orcs, ETs und Monstern aus dem All, als Gremlins, Killerbienen, als Goofys und Mickey Mäuse, als destruktive Enten, als Woody Woodpecker oder als Horrorfiguren durch die Kanäle der Medien, der Videospiele, Fernsehsendungen, Computerspiele, Gameboys, Werbespots. Hemmungslos schleichen sie sich in die Seelen der Kinder und bevölkern diese. Sie suchen sie heim in Fantasien, und vor allem nachts in den Träumen. Unruhig schlafen die Kleinen dann, sie schrecken oft auf.7 Kinder kennen keine objektive Distanzierung: Für die Seele sind die Bilder real, sie leben weiter in der inneren Seelenlandschaft; wie unsichtbare Würmer kriechen sie durch die Psyche; ohne dass der Betroffene es merkt, beeinflussen sie das Verhalten, die Stimmung, das Denken und das Entscheiden. Besonders verheerend wirken die von Produzentenehrgeiz und Profitgier motivierten Hollywood-Streifen. Um die Faszination8 auf das Publikum zu stärken, werden alle Register gezogen, was Brutalität und Perversionen betrifft. Wie viele Menschen können sich noch dem fröhlichen Planschen im Meer hingeben, nachdem sie Spielbergs Horrorfilm über den Weißen Hai gesehen haben? Wer wagt es noch heutzutage, nachts in den Wald zu gehen, wie einst Schiller oder Goethe, um im fahlen Mondlicht zu lustwandeln? Unsere Zeitgenossen könnten es nicht einmal, wenn sie wollten, denn unbewusst und heimtückisch schwimmt der Killerhai unter der Oberfläche, und im dunklen Gebüsch lauert möglicherweise die Blair Witch, der Psycho-Killer oder ein sonstiges unsichtbares Unheil. Ja, in dieser Gestalt erscheinen sie, die verdrängten, verleugneten Andersweltlichen, und rauben den Menschenkindern ihren inneren Frieden.

Die Zelluloidzauberer arbeiten zudem gerne mit unterschwelligen sexuellen Reizen. Der Geschlechtstrieb, dieser Wonnequell und Tor der Verkörperung für die nächste Generation, ist etwas dermaßen starkes, dass er die Aufmerksamkeit fesseln und die Psyche verzaubern kann. Wenn Sexualszenen besonders grausam und widernatürlich sind, dann lassen sie die Seele nicht mehr los. Sie besiedeln dann die Vorstellungen. Arthur Hermes drückte es so aus: »Das Pathologische fasziniert.«

Rudolf Steiner hat es für diese Jahrtausendwende vorausgesagt: Die andersweltlichen Wesen kommen wieder; eine Generation wird aufwachsen, die sie wieder wahrnimmt, aber nicht weiß, wie damit umzugehen ist. Auch andere Türen und Tore haben diese Wesen gefunden: Psychedelische Drogen – zuerst in der Künstler- und Hippieszene verwendet, später als Bestandteil der Jugendkultur – lockern die Seele aus ihrer körperlich-physischen Verankerung, so dass man, ähnlich wie im luziden Träumen, im künstlerischen Schaffensrausch oder bei Nahtoderfahrungen, die Wesen der astralen und ätherischen Dimension wahrnehmen kann. Das ist besonders bei den Substanzen der Fall, die bei den Raves, in Diskos und bei Jugendparties generell erhältlich sind – etwa »Adam« oder »Xstasy«, Acid, THC oder synthetische Nachbildungen der mittelamerikanischen Schamanendroge Meskalin (Peyote). Psychoaktive Pflanzensubstanzen, wie Ayahuasca (Banisteriopsis caapi; Yahe), San-Pedro-Kaktus (Trichocereus pachanoi; Aguacolla), »Psillos« (Psilocybin) und andere »Zauberpilze«, die einst eine Rolle in schamanischen und sakralen Traditionen spielten, bringen verborgene Welten zum Vorschein. Dem Zeitgeist gemäß kommen die Andersweltlichen heutzutage oft aufgemacht als Außerirdische daher, und mancher wird von diesen UFO-Reisenden mitgenommen, untersucht, sexuell belästigt oder in kosmische Geheimnisse eingeweiht. Die Erlebnisse sind oft so stark, dass die Alltagswirklichkeit dagegen verblasst. Für einige wenige ist die Berührung mit diesen Dimensionen wegweisend und sinnstiftend, ähnlich den Initiationen und Visionssuchen der Naturvölker; für andere aber ist sie erschreckend, beängstigend, bedrückend; sie kann in den Wahnsinn oder den Tod führen.

Zeitenwende

Nach der radikalen Aufklärung, dem wissenschaftlichen Positivismus und dem atheistischen dialektischen Materialismus der Marxisten9 schwingt nun das Pendel in die entgegengesetzte Richtung. Es ist das Gesetz von Yin und Yang:

»Die Klinge immerfort geschärft,

bleibt nicht lange Klinge;

der Saal mit Gold und Jade vollgestopft

ist nicht vor Räubern zu bewahren;

Glanz und Ehren mit Hochmut gepaart

ziehn sich selbst ins Verderben.«

Lao-Tse, Tao-Te-King, 9

Die Drogenexperimente der künstlerischen Bohème im 19. Jahrhundert und die Psychoanalyse kündigten schon einen Umschwung an. Der eigentliche Durchbruch der anderen Dimension, die Wiederkehr der verpönten und lange ignorierten Götter und Dämonen ins menschliche Bewusstsein, gelang jedoch in der chaotischen Zeit mitten im Zweiten Weltkrieg, und zwar am 19. April 1943, im Forschungslabor des Chemiekonzerns Sandoz in Basel. An dem Tag veränderte sich die Welt. An dem Tag trank der Biochemiker Albert Hoffmann im Labor eine wässrige Lösung mit einer vermeintlich niedrig gewählten Dosierung von 0,25 Milligramm d-Lysergsäure-Diethylamid. Als er dann mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, wusste er nicht, ob er verrückt werde. Er schreibt: »Die psychische Wirkung war überwältigend … Furchterregende Visionen traten auf; auch die Erfahrung, den eigenen Körper schon verlassen zu haben, wie auch das Gefühl der Zeitlosigkeit. Als diese fremdartigen Wirkungen langsam nachließen, wandelte sich die Erfahrung in ein unbeschreibliches Glücksgefühl und zu dem Gefühl in ein neues Leben hineingeboren zu werden« (Hoffmann 1998: 91).

Es muss hervorgehoben werden, dass Albert Hoffmann vorher ein ganz sachlicher und nüchterner Chemiker war, kein Mystiker, sondern eher ein genialer Materialist, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die molekulare Struktur des Mutterkorns, eines alten Hebammenmittels zur Weheneinleitung, zu analysieren. Eines der Produkte der Aufschlüsselung dieses Schmarotzerpilzes war eben die Lysergsäure, kurz LSD genannt. Durch dieses Erlebnis offenbarte sich ihm auf einmal die tief liegende Spiritualität, die in oder hinter der empirischen Oberfläche west. Es öffnete, so scheint es, sein »drittes Auge«. Seither sieht der Chemiker in die beseelte Tiefe der Natur. Die Wiesen und Hecken rund um sein Haus sind belebt und beseelt, sie sind von Elementarwesen und Elfen bevölkert. Da er sie mit liebenden und bewundernden Augen bei seinen Spaziergängen immer wieder wahrnimmt, treten sie so stark in Erscheinung, dass auch der normale Sonntagsspaziergänger plötzlich von dem unerklärlichen Zauber und der Schönheit berührt ist.

Interessant ist, dass Basel, die alte Alchemistenstadt, wo schon der große Paracelsus gewirkt hat, einst eines der Hauptkultorte der alten Kelten war. Es ist ein magischer Ort, wo der Rhein einen Knick macht und auf die Burgundische Pforte trifft; ein Ort innerhalb eines Dreiecks, das durch die drei Belchen – die drei heiligen, dem Sonnengott Belenos (Bel) geweihten Berge im Elsass, im Schwarzwald und im Baselbiet – geformt wird. LSD wurde im Forschungslabor zuerst im November1938 synthetisch hergestellt; 1943 wurde sein seelenbewegendes Potenzial entdeckt. Fast zeitgleich entdeckte Ende 1938 Otto Hahn und F. Strassmann die Kernspaltung; 1943 wurde unter Leitung des Atomphysikers Oppenheimer in Los Alamos (New Mexico) das Labor gebaut, in dem im Rahmen des »Manhattan Projects« die erste Atombombe gebaut wurde.

Spiegelbilder; »Wie unten, so oben«, verkündete einst der Meister der Alchemisten Hermes Trimegistos: Hier, ein Flash, der verborgene innere Archetypen sichtbar macht – da, die durch Menschenangst und Hass erzeugte Entladung geballter zerstörerischer Energie. Hier der archaische Sonnengott Belenos, der Lichthafte, dort der schwarze Unterweltgott Pluto10. Die Grenzen Midgards11, die Grenzen zur inneren und äußeren Anderswelt sind gesprengt!

Ja, der Wendepunkt ist überschritten, das Pendel schwingt schon in die andere Richtung. Vorbei ist es mit krudem Materialismus und simplem Rationalismus. Es kommt die von den Traumtänzern des New Age als »Wassermannzeitalter« bejubelte Zeit der mystischen Schau, der Götternähe; zugleich aber nimmt auch die Zauberei, die magische Manipulierung durch heimliche, verschworene Mächte zu. Fernab vom Auge der Öffentlichkeit bemächtigt sich ein zunehmender Okkultismus der Politik und der Wirtschaft. Filme wie Harry Potter, Matrix oder Herr der Ringe deuten vage an, was sich im Hintergrund bewegt. »Spiritualität« kann nämlich durchaus auch finstere Züge annehmen, wenn sie egoistisch motiviert ist, wenn sich Machtgelüste, Habgier, Hass oder Neid mit ihr verbünden. Wahre Spiritualität verlangt Liebe, Demut und geläuterte Herzen. Die andersweltlichen Wesen sind nicht automatisch gut und lichthaft – das wussten die Germanen, die Kelten, die Schamanen der Naturvölker –, sondern können auch durchaus zwiespältig, ungut oder gar lebensfeindlich sein. Die Schamanen wussten zu unterscheiden.

In den traditionellen Kulturen wurden die Übertritte in diese Bereiche geregelt. Sie fanden im Rahmen großer gemeinschaftlicher Feste und Rituale statt. Erfahrene Schamanen und andere weise, außergewöhnliche Persönlichkeiten trugen Verantwortung und wussten, welche Gottheit, welcher Riese, welcher Zwerg, welches Feenwesen ihnen gegenüberstand. Heute stolpert die Menschheit in diese Bereiche, unwissend, unerfahren, chaotisch ohne Führung. Und manche tappen dabei ins Verhängnis.

Aus diesem Grund beschäftigen wir uns hier mit heilsamen Ritualen, die mit dem rechten Umgang mit den Geistwesen zu tun haben. – Das soll der Sinn dieses Buches sein. Wir versuchen die schamanischen Wurzeln unserer Kultur wiederzuentdecken, damit uns unsere Ahnen helfen können. Wir holen Rat bei den Hütern alter Traditionen, bei den Indianern und vor allem bei den Indern, die auf sorgfältigste Weise altes Wissen erhalten haben. Dabei stellen wir uns nicht gegen die schöne Tradition des einfachen, frommen Volkschristentums, denn auch hier sind heilsame Elemente enthalten.

Schamanensprache

Jeder »besondere« Blickwinkel auf das Dasein hat seine besondere Sprache, Worte, die Dinge aufzeigen, die sonst unerkannt im Hintergrund verschwinden würden, und eine Grammatik, die Beziehungen und Zusammenhänge nachzeichnet. Die Sprache der Eingeborenenvölker spiegelt ihr Eingewobensein in den Klängen, Düften und dem Leben ihrer unmittelbaren Umwelt wider. Bekanntlich haben die Inuit (Eskimo) unzählige Wörter für Wetter, Schnee und Eis, die ein genaues Wissen über das lokale Ökosystem andeuten. Es stellt sich heraus, dass Eskimos, die ihrer Sprache beraubt und nunmehr nur englisch sprechen, nicht mehr wissen, wie man in der Eiswildnis überlebt. Sie haben die sprachlichen Werkzeuge nicht mehr, die ihnen sagen, ob das Eis hält, ob der Wind einen Wettersturz ankündigt oder die Seehunde in ihrem Verhalten beeinflusst. Jede lokale Sprache ist ein einmaliges Fenster ins Dasein. Echte Sprache ist Religion, im Sinne des lateinischen religere (»sorgsam beobachten«, »pflegen«), im Gegensatz zu negligere (»vernachlässigen«). Mit jeder Sprache, die ausstirbt, wird ein Fenster zur Wirklichkeit geschlossen. Der Tod einer Eingeborenensprache ist der Tod einer Sichtweise, ist ein Taubwerden.

Es gibt viele Sprachen, auch innerhalb offizieller Sprachen. Die Kräuterkundigen haben zum Beispiel ihre Sprache. Wenn ich mit normalen Stadtbewohnern durch Wald und Wiesen streife, dann zeige ich auf diese oder jene Pflanze, benenne sie, lass daran riechen, sie kosten, erzähle Geschichten dazu. Für meine Begleiter lösen sich dadurch – aus dem Wirrwarr des unbestimmten Grünzeugs – individuelle Pflanzenpersönlichkeiten heraus: Wie aus dem Nichts werden sie, mitsamt ihrer Schönheit, Heilkraft und ihren anderen Eigenschaften, ins Bewusstsein, und so ins Dasein gezaubert. Dabei wird die erlebte Welt reicher und voller für die Zuhörer. Um das zu erreichen, sind treffende, stimmige Wörter der Schlüssel.

Jede Sprache vermittelt also einen Blickwinkel. Beispielsweise ist die Sprache der Mathematiker für das Objektivieren logischer Zusammenhänge, für das Zählen, Rechnen und Messen bestens geeignet. Die Sprache der Mechaniker ist wieder eine andere. Und die Sprache der Schamanen ist eine mythologische; sie kennt den Logos des Mythos. Altüberlieferte Märchen, Sagen, Legenden und Rituale liefern für den »Wanderer zwischen den Welten« die geeigneten Werkzeuge, die es ihm erlauben, die Begegnungen und Erlebnisse in anderen Dimensionen zu verstehen, in Griff zu bekommen oder den richtigen Umgang zu finden. Überlieferte Märchen, nicht aber bodenlose, skurrile Fantasien, sind wie Landkarten der seelischen Dimension zu verstehen. Schamanen sind immer Märchenerzähler. Es sind aber seelisch-geistige Wahrheiten, die sie damit ausdrücken. Und sie können nur auf diese Art und Weise ins Bewusstsein gebracht werden. Trotz ihres Alleingültigkeitsanspruchs ist die naturwissenschaftlich positivistische Sprache nicht geeignet, dem schamanischen Erleben Ausdruck zu verleihen, denn sie schließt ganze mythologische Bereiche aus. Es liegt in ihrer Natur, geistig-seelische Dimensionen auszuklammern, als irrelevant zu erklären. Da wir es in diesem Buch mit Ritualen und Schamanentum zu tun haben, werden wir uns häufig der Sprache der Märchen und des Mythos bedienen.

Der Mensch als Tor ins Dasein

Wir sind keinesfalls nur passive Zuschauer des großen Weltgeschehens, sondern es liegt an uns, welchen Geistwesen wir den Eintritt ins Dasein gewähren, welche wir – wie die australischen Ureinwohner sagen – ins Dasein hineinträumen, oder – wie es bei den Germanen hieß – welche wir thingen oder dingen, das heißt, hereindenken, zum Ding machen. Die Geistwesen, die Unverkörperten, streben mit aller Macht danach, sich auf dieser Seite des Seins zu verkörpern und zu verwirklichen. Die menschliche Seele ist das Tor, durch das alle Jenseitigen passieren müssen, um hier in Midgard anzukommen. Geister, Dämonen, auch die Götter kämpfen um den Zugang, den die Menschen ihnen gewähren können. Dieser Kampf findet auf dem Feld der Seele statt, in »Kurukshetra«, wie es in der Bhagavad Gita heißt. Der Held Arjuna, stellvertretend für jeden Mensch, ist Bogenschütze. Seine Pfeile sind seine Entscheidungen: »Dies« und »dies nicht«! Seine Sinne werden durch die Pferde dargestellt, die seinen Kampfwagen ziehen. Als Wagenlenker hat er sich Krishna, sein höheres göttliches Selbst, gewählt; dieser weiß die Pferde zu zügeln, dieser weiß, wohin der Wagen zu lenken ist.

Ohne die täglichen Rituale und Opferungen der Brahmanen – so lehren die Veden – würden die Götter verblassen, würden sich zurückziehen. In der Seele der Brahmanen werden die Götter geboren. Auch unsere Mystiker kennen das hohe Geheimnis: Sogar der allmächtige Gott klopft an die Tür unseres Herzens und bittet um Einlass, will in uns und durch uns geboren werden:

»Ich muss Maria sein und Gott aus mir gebären,

Soll mich ewiglich der Seligkeit gewähren.«

Angelus Silesius, Der cherubinische Wandersmann, 23

»Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,

Werd’ ich zunicht, er muss vor Not den Geist aufgeben.«

Angelus Silesius, Der cherubinische Wandersmann, 8


Arjuna im Wagen mit Gott als Wagenlenker.

Dieser Überzeugung waren die Naturvölker: Wenn die Menschen die Wesen – Sonne, Mond, Sterne, Meer, Berge, Tiere, Erdboden, Flüsse – nicht im Bewusstsein halten, nicht lieben, nicht bewundern, nicht mit heiligen, andächtigen Ritualen herbeirufen und unterstützen, dann verblassen sie, dann vergehen sie, dann schwinden sie.

Die Kogi-Indianer in der hohen Sierra Nevada in Kolumbien nehmen wahr, wie der Schnee auf den Gipfeln von Jahr zu Jahr weniger wird, wie die Wälder schrumpfen, wie an der Küste die Industrie die einst blühende Natur verwüstet. Auch sehen sie, wie blind der »jüngere Bruder« (die Weißen, die Spanier) sind, wie närrisch, wie gierig. Nach langer Beratung sandten sie Boten zu den Weißen mit der Botschaft:

»Wir sind die älteren Geschwister.

Wir haben die alten Wege nicht vergessen …

Wir wissen noch, wie man die heiligen Tänze tanzt.

Wir haben nichts vergessen.

Wir wissen, wie man den Regen ruft

Und wenn es zu stark regnet, wissen wir, wie man ihn anhält.

Wir rufen den Sommer.

Wir wissen, wie man die Erde segnet und erblühen lässt.

Aber jetzt töten sie unsere Mutter [Erde].

Der junge Bruder denkt nur an das Ausplündern.

Die Mutter versorgt auch ihn, aber er denkt nicht daran.

Er schneidet ihr ins Fleisch,

Er schneidet ihre Arme,

Er schneidet ihre Brüste ab,

Er nimmt ihr Herz heraus.

Er tötet das Herz der Erde …

Wenn er den älteren Bruder [die Indianer] tötet,

dann ist es auch mit ihm aus.

Dann ist es mit uns allen aus.

Aber was würden sie [die Weißen, der jüngere Bruder] denken,

wenn alle Mamas [Priester der Kogi-Indianer] sterben?

Würden sie denken, na, und? Gut so? Was würden sie denken?

Wenn das passieren würde, wenn alle Mamas sterben, und niemand

unsere Arbeit [unsere Rituale] ausführen würde,

dann würde kein Regen mehr vom Himmel fallen,

dann würde es heißer und heißer vom Himmel herabkommen,

dann würden keine Bäume mehr wachsen

und keine Feldfrüchte.

Oder irre ich mich, würden sie dennoch wachsen?

…

Die Sonne würde ausgehen,

die Welt würde enden.

Aber wenn wir uns richtig verhalten und Gutes denken, dann wird sie nicht enden.

Deswegen sorgen wir für die Sonne und den Mond und das Land.

Wir opfern immer der Sonne

Und den Bergen

Und auch den Sternen.

Deswegen leben wir hier.

Und solange wir das tun, wird uns nichts geschehen,

auch dem jüngeren Bruder nicht.«

(Ereira 1992: 167 und 1993: 113)

Für den gebildeten Bürger der modernen Welt sind solche Gedankengänge schwer nachzuvollziehen. Es ist »primitives« Denken, längst überwundener Animismus12. Oder wer will noch glauben, dass der 149 600 000 Kilometer von der Erde entfernte, erdnächste Stern, dieses thermonukleare Fusionskraftwerk, welches wir Sonne nennen, von unseren Opfergaben abhängig ist? Und wer, außer ein Schizophrener, würde noch glauben, dass Pflanzen reden können, sie haben ja nicht einmal Nervenzellen, geschweige denn ein Hirn? Als ob die Natur, das Universum, von uns abhinge! Das ist menschliche Hybris, Selbstüberschätzung, wie mir ein Psychologe entgegenhielt, als ich mit ihm darüber sprach. »Wir sind keine wundergläubigen Kinder mehr. Dank Kopernikus haben wir erkannt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist; dank Darwin wissen wir, dass wir nur Tiere sind, und dank des Fortschritts in der Astrophysik wissen wir, dass wir praktisch nichts sind, Staub in einem unendlichen Universum. Diese Einsicht fordert die Menschheit zur Demut auf«, sagte er, sichtlich stolz auf die Erkenntnisleistung seiner Wissenschaftlerzunft. Auch das smarte, von Medien und Ökoaktivisten immer wieder vorgebrachte Mantra: »Die Natur braucht den Menschen nicht; der Mensch aber braucht die Natur!« negiert die Urerfahrung der Naturvölker.

Von der Ebene des im Hirn verankerten Denkens mag das alles richtig sein. Aber Hirn und rationales Denken sind nur eine ganz kleine beschränkte Ebene unseres Seins. Mit den Augen der Seele, mit dem »Denken« des Herzens, sieht es anders aus. Es ist die Seele, wenn sie gesund ist, die die Beseeltheit des Universums sieht und die Verbundenheit mit allen Wesen erkennt. Diese seelische Ebene ist tiefer und wesentlicher als das abstrakte, tote analytische (auflösende) Denken. Der Intellekt erfasst nur das schon Gewordene. Und das, was geworden ist, zerfällt, vergeht, wird Staub. Die Seele aber kann in das Ätherische hinein »sehen«, in das noch nicht manifestierte Werdende, in die Traumgebilde, die sich potenziell zur Wirklichkeit verdichten. Der »Primitive«, der noch lebende Seelenaugen hat, opfert für das Werdende, das Schöne, Gute, Freundliche, Wonnevolle, das seine Ahnen schon immer kannten, damit es sich weiterhin manifestiere. So erhält er die Sonne und die Geschöpfe der Natur in ihrem Dasein. Diese Erkenntnis ist keine Hybris. Ein naturnaher Mensch ist umsichtig im Umgang mit seinen Mitgeschöpfen: Er rodet nicht ganze Kontinente, er vergiftet nicht die Meere und die Luft.

Anthropologen versuchen, den Menschen als hochentwickeltes Produkt der Evolution, als vernunftbegabtes Wesen, als »Krone der Schöpfung« zu definieren, als kulturbedingtes Wesen, als Sozialwesen, als Verbraucher und so weiter. Das mag größtenteils stimmen, für mich aber liegt das Wesentliche des Menschen woanders. Der Körper des Menschen ist gebrechlich, und seine Intelligenz ist limitiert. Der Einzelne unter Unzähligen ist zwar einmalig, so wie jede Schneeflocke einmalig ist – und ebenso kurzlebig. Er ist nur ein winziges Glied in der unendlichen Kette des Seins. Aber als dieses Glied hat er eine Aufgabe, die ihn in seinem Wesen ausmacht: Er ist das Tor für die Geistwesen, die ins Dasein drängen. Wenn er einmal etwas hineingelassen hat, dann ist es da. Dann nimmt es seinen Lauf, sein eigenes Leben an. Der Mensch mag versuchen, das, was er in die Welt gesetzt hat, zu beherrschen, zu führen, zu kontrollieren, aber meistens reicht seine Kraft dazu nicht aus. Das Hereingelassene wächst ihm oft über den Kopf, wird zu seinem eigenen und zum kollektiven Schicksal. Wenn niedere Beweggründe hinter seinen Erfindungen, Worten und Taten stehen, dann lässt er Dämonen herein. Diese danken es ihm möglicherweise, indem sie ihren »Schöpfer« hüten, so wie man eine Milchkuh hütet (Tyrannen haben oft solche dämonischen Hüter.) Meistens aber knechten und quälen sie ihn. Der schwarze Titan, der die Macht hat Atome zu spalten, gaukelte seinen »Erfindern« Vergeltungsmacht, Dominanz und unbegrenzte Energie vor. Man ließ ihn hinein. Und nun geht er nicht wieder, und niemand weiß, wie man die lebensfeindlichen strahlenden Abfälle entsorgen soll. Und einem weiteren Riesen aus Utgard, aus dem finsteren Chaos, hat man Einlass gewährt. Schlaue, aber unweise Magier, die die Lebenskeime mit plumpen Fingern probten, öffneten ihm das Tor in den Garten des Lebens, in Midgard: Er würde weltweiten Hunger stillen und unheilbare Krankheiten heilen können, dabei wühlt und wütet er in den Millionen Jahre alten Bauplänen der Lebewesen und chaotisiert diese. Man achte also darauf, welche Geister man ruft. Man wird sie nicht so leicht wieder los.

Auch das Puja-Ritual ist ein Hereinrufen, ein Hereinträumen. Aber keine Dämonen werden gerufen, sondern die Freunde, die uns schon lange trugen, nährten und froh machten. Wie alle naturverbundenen Menschen rufen wir Sonne, Mond, Sterne, Berge, Fluss, Tiere, Wolken, Meere, Pflanzen und Mutter Erde ins Bewusstsein, in unser Dasein. Wir füttern sie mit Dank und mit Liebe. In ihnen leuchtet uns der göttliche Urgrund entgegen. Mögen sie uns erhalten bleiben.

Puja soll kein Kult sein, keine weitere Verzauberung, sondern eher eine Entzauberung, ein Heilmittel, das unsere seelischen Augen wieder öffnet zur Schönheit und Heiligkeit der Schöpfung, ein befreiendes, nicht ein beengendes Ritual. Puja ist ein guter Spell.

Werner Sprenger, Autor mystischer Texte, schrieb einmal: »Die Grunderfahrung meines Lebens ist, dass sich meine Arbeit als Schriftsteller nicht trennen lässt von meinem täglichen Leben, ohne dass beide zerstört werden« (Sprenger 1988: 9). Das ist auch bei mir der Fall, deswegen scheue ich mich nicht, viel persönlich Erlebtes in dieses Buch einfließen zu lassen.

1 Um einem populären Missverständnis entgegenzuwirken: Germanen sind nicht identisch mit den so genannten Deutschen. Diese Mitteleuropäer haben zwar germanische Wurzeln, aber ebenso keltische, baltische und slawische. Auch waren die Germanen kein, wie so oft dargestellt, blutrünstiges, kriegerisches Volk. So wurden sie lediglich aus taktischen Gründen von Julius Cäsar dargestellt, damit der römische Senat bereit war, den imperialistischen Feldzug des Feldherren zu finanzieren. Es ist genau diese propagandistische Darstellung, die von den Nationalsozialisten wieder aufgewärmt wurde. Die späten schriftlichen Zeugnisse aus christlicher Hand über die germanischen Stämme, wie etwa die Nibelungensage, entstammen der Zeit der Völkerwanderung, einer von Kriegswirren gezeichneten Epoche, als sich diese Völker im Spannungsfeld der von Osten hereindrückenden Hunnen und der Römer im Süden und Westen befanden. Auch Odin/Wotan, der Schamanengott, wurde erst spät in der Geschichte vom Kriegeradel zum Kriegsgott stilisiert. Die meist höfischen Heldensagen entsprechen nicht dem Geist dieser Bauernvölker, denen Friede und Wohlstand näher am Herzen lagen.

2 Entheogen (griechisch en + theos, »Gott darin«; gen, »werden«) wurde von C. A. P. Ruck, Jonathan Ott und anderen Forschern im Bereich der psychoaktiven Substanzen als treffende Bezeichnung für Pflanzendrogen vorgeschlagen, die zu mystischen, prophetischen Zuständen oder zu Besessenheit führen, oder nachweislich im Rahmen schamanischer und religiöser Riten eine Rolle spielten (Rudgley 1999: 116).

3 Das englische Wort Spell ist verwandt mit dem deutschen »Spiel, spielen«, im Sinne von vorgaukeln oder verzaubern, so wie der Barde, der Sänger, der Schamane mit seinen Worten und seiner Musik Gefühle und Stimmungen erzeugt, die Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen kann, sie krank machen oder gesunden lassen kann (Storl 2003: 98).

4 Frauenbettstroh oder Liebfrauenbettstroh, einst Freyabettstroh genannt, waren heilsame aromatische Kräuter, auf denen die Wöchnerin mit ihrem Kind gebettet wurde.

5 Radulf Glaber, ein Mönch aus dem 11. Jahrhundert, beschreibt den Teufel, dem er höchstpersönlich begegnete: »Er war von mittlerem Wuchs, hatte einen langen dürren Hals, ein abgezehrtes Gesicht, pechschwarze Augen, geblähte Nüstern, vorstehende Wulstlippen, ein fliehendes Kinn, einen Bocksbart, behaarte spitze Ohren, Hundszähne, einen spitz zulaufenden Schädel und einen bebenden Hintern« (Gerlach 2000: 229).

6 Es handelt sich um eine Satire Goethes gegen den Berliner Aufklärer und Rationalist Nicolai, der vor der Berliner Akademie der Wissenschaften erklärte, er habe selbst eine Geisterscheinung wahrgenommen, doch nachdem ein Arzt ihm Blutegel an den After gesetzt hatte, sei er davon befreit gewesen (Trunz 1999: 572).

7 Untersuchungen der Psychologen zeigen Folgendes: Je mehr Zeit Kinder vor dem Fernseher verbringen, desto unsicherer und unglücklicher werden sie. Sie lernen eine Welt kennen, die voller Gewalt, Tücke und Boshaftigkeit ist. Das beunruhigt sie und raubt ihnen das unbekümmerte Kindsein.

8 Faszinieren, vom lateinischen fascinatio, »Behexung«. Fascinus war eine römische Gottheit, mit einem dermaßen grotesken und großen Penis, dass niemand den Blick abwenden konnte. Ein Amulett in der Form dieses Teufelsgliedes diente der Abwehr des »bösen Blicks«.

9 In der Sowjetunion und anderen kommunistischen Ländern wurden Schamanen hingerichtet oder in die Gulags gesperrt, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. In den westlichen Ländern endeten schamanisch Begabte oft in der Psychiatrie.

10 Nach Pluto, dem schwarzen Unterweltgott, ist Plutonium benannt. Tschernobyl (Ort der Atomkatastrophe, 1986) bedeutet »schwarze oder finstere (tschórny) Begebenheit (byl)«.

11 Nach der germanischen Mythologie ist Midgard die mittlere Welt, die befriedete, von Donar geschützte Stätte, wo die Menschen wohnen; im Gegensatz zu Utgard, dem Ort jenseits des Weltenmeers, jenseits der Weltenschlange, wo Unholde, Riesen und andere Wesen hausen.

12 Mit Animismus bezeichnet man den Glauben der Naturvölker, dass die Natur, sogar Steine, Pflanzen, Berge beseelt sind.

Was ist Puja?

»Ein Sein nun gibt es, die Seher künden es mit vielen Namen.«

Rigveda I,164,46

»Arm wie ihr seid, meine Hausgötter – geht nur, geht mit den anderen zum Götterfest!«

Meister Issa, japanisches Haiku

Der normale westliche Tourist, der etwas Zeit in Indien, Nepal, Ostasien, Bali verbracht hat, wird mit bunten, oft unverständlichen Ritualen konfrontiert worden sein. Puja-Rituale gehören dort zum Leben wie das Essen, Schlafen und Atmen. Es gibt Pujas am Morgen bei Sonnenaufgang, um die Götter zu begrüßen, und am Abend bei Sonnenuntergang, um sie in die Nacht zu verabschieden.

Am frühen Morgen, nachdem Darm und Blase entleert, der Schleim aus Nase herausgespült und aus dem Rachen herausgehustet und der Nachtschweiß unter dem Guss einer Kanne oder beim Bad im Fluss oder Teich heruntergewaschen wurde, wendet man sich der aufgehenden Sonne zu, begrüßt sie mit heiligen Worten (Mantras)13, gießt den Göttern, den Ahnen und Verstorbenen sowie den Geistern reines Wasser aus. Oder man geht zu einem alten ehrwürdigen Baum, unter dem sich Lingam-Yoni – ein ovaler oder zylindrischer Stein, der die Gegenwart von Gott und Göttin darstellt – befindet. Man ruft das Götterpaar und die Gottheiten, ruft sie mit Muschelhörnern, Glöckchen und Trommeln, weckt sie mit den Düften schwelender Kräuter oder sorgfältig hergestellter Räucherstäbchen. Man gießt heiliges Gangeswasser über sie, damit auch sie ein morgendliches Bad genießen können, oder man begießt sie mit Milch, zerronnener Butter, Rosenwasser oder anderen flüssigen Kostbarkeiten. Man schwenkt Lichter für sie, zündet Butterlämpchen, füttert sie mit Obst, schmückt sie mit Blumen, singt und tanzt für sie, bis man selbst in Ekstase fällt, bis man an ihrer göttlichen Wonne teilhat, denn Wonne (Ananda) ist das Wesen der Götter. Und dann kann man, des Segens gewiss, sein Tageswerk beginnen. Man glaubt nicht an die Götter, man braucht nicht an sie zu glauben, denn man kennt sie, man erlebt sie. Auch wenn sie in einer Dimension leben, zu der die naturwissenschaftliche Methode keinen Zugang hat, sie sind da, so wie die Sonne, der Berg oder die friedlich grasende Kuh unleugbar da sind.

Am Abend ruft man die Götter wieder herbei. Man ruft sie in die Gegenwart, man ruft sie aus den Tiefen der Seele hervor, aus dem Himmel, aus der Erde, aus den Bäumen, Steinen, Pflanzen. Man lädt sie ein, auf dem Thron, dem Altar – vom lateinischen altare, »erheben, hochheben« – Platz zu nehmen. Es ist der Ehrenplatz; sie sind die verehrten Gäste, die man mit Leckerbissen, Gesang, Tanz, Blumen und Andacht verehrt. Nun sind sie wieder gegenwärtig und lassen uns teilhaben an ihrer Wonne. Wieder ist der Ort, die heilige Nische im Haus, der Platz unter dem Baum von einem übernatürlichen Glanz gefüllt, die jeder Anwesende wahrnehmen kann. Nun ist die Nacht gesegnet, die Kinder können ruhig schlafen, ohne dass Albträume sie plagen, Mann und Frau können liebend ineinander verschmelzen, wie Shiva und Parvati oder Krishna und Radha, und die Seelen der Kranken werden still, so dass die heilbringenden Götter, die Engel, ihnen Heilkräfte einflößen können.

Auch der Bauernphilosoph Arthur Hermes, einer meiner Lehrer, begleitete die Sonne mit Morgen- und Abendritualen. Vor dem Frühstück, nachdem er sein Herdfeuer gemacht hatte, begrüßte er all die guten Geister, die Erzengel und vor allem die Sonne, die für ihn das Licht des makrokosmischen Christus darstellte. Er begrüßte sie mit gespreizten Armen und rief ihnen die heiligen Laute »I-A-O« zu. Dann legte er sich meditativ den Tag zurecht und bat Michael, seinen auserwählten Schutzengel, um Segen. Am Abend, beim goldenen Schein von Bienenwachskerzen hielt er meditative Rückschau über den Tag, verband sich mit dem Christus, dem »Ich« der Schöpfung, bat um das Gedeihen von Wiese, Feld und Wald, und für Mensch und Tier, die auf seinem abgelegenen Einödhof im waadtländischen Jura zu Hause waren. Dann legte er sich in sein selbst gezimmertes Bett, das einem Sarg glich – für ihn war der Schlaf ein kleiner Tod, ein Hinübergleiten in die geistige Welt; das Erwachen am nächsten Morgen war wie eine kleine Wiedergeburt auf dieser Seite des Seins. »Damit ich es nicht vergesse«, betonte er mir gegenüber immer wieder, wie wichtig es sei, den Morgen mit dem Abend zu verbinden.

Erst später, nachdem ich in Indien gewesen war, wurde mir klar, dass diese Rituale, die Hermes jeden Tag getreu durchführte, eigentlich auch Pujas waren.

Verschiedene Puja-Rituale

Es gibt einfache, spontane Pujas und solche, die unglaublich kompliziert, aufwendig oder zeitintensiv sind. Wenn man in Indien, auf dem Land oder im Dschungel mit den Adavasi, den eingeborenen, analphabetischen Waldbewohnern, unterwegs ist, kann man erleben, wie sie, wenn sie einen Geist wahrnehmen, diesem im Vorbeigehen eine Blüte pflücken und als Gruß zuwerfen – auch das ist Puja, eine kleine Puja. Manchmal läuft man durch den Urwald und sieht am Fuße eines alten Baums einen nassen Stein, auf dem eine Blume oder ein dreiblättriges Holzapfelblatt (Bel, Bilva) so liegt, als sei es zufällig darauf gefallen oder der Wind hätte es dahin geweht. Kein vorübergehender Tourist wird je erkennen, dass hier einer Gottheit Wasser gegossen wurde oder dass dem dreiäugigen Gott, dem Shiva-Triambakam, das dreifach gefiederte Blatt als Dank oder Opfergabe geschenkt wurde. Nur ein Kundiger wird wissen, dass sich hier eine Menschenseele mit dem göttlichen Urgrund verbunden hat. So einfach kann das sein; dazu braucht man kein riesiges Gebäude, keine Tempel oder Kathedralen, keine Priester in Ornat, keine Bischöfe oder sonstigen Vermittler. Für diese Eingeborenen besteht kein Zweifel: Das Göttliche ist überall, ist in jedem gegenwärtig und kann immer und jederzeit gerufen werden.


Beim Lingam-Puja.

Natürlich gibt es auch groß angelegte Pujas, an denen der ganze Stamm oder die ganze Gemeinschaft teilnimmt, die von Ritualspezialisten, den so genannten Pujaris oder Pujaka, durchgeführt werden. Oft sind das Jahreszeitfeste, die im Einklang mit den natürlichen Sonnen- und Mondrhythmen, mit dem landwirtschaftlichen oder sakralen Kalender, oder in Zeiten besonderer Not, etwa Krieg oder Seuche, zelebriert werden. Aber solche Zeremonien gehen oft schon in den starren Ritualismus über, der fast überall die organisierten Religionen befallen hat, und der von machtbewussten Priesterhierarchien verwaltet wird.

Pujas für die Flussgöttin

Ein solches großes Fest ist das Lichterfest Divali (auch Dipavali), das in der Neumondnacht im Monat Karttika (Mitte Oktober bis Mitte November) gefeiert wird.14 Bei Anbruch der Dunkelheit werden Millionen von Lämpchen und Laternen angezündet; Abertausende Kerzen treiben in winzigen, aus Blättern gefertigten Booten den Ganges hinab, so dass es aussieht, als fließe die Milchstraße mit all ihren Sternen auf der Erde. Der Ganges ist eine Göttin in Flussgestalt. Sie bringt das Wasser, welches das Leben ermöglicht, auf die Erde herab, zugleich aber trägt der mächtige Strom die Asche oder die körperlichen Hüllen der Verstorbenen in den großen fernen Ozean, in die vielschichtige Welt der Vorväter (Pitri). So bringen die Lämpchen den Verstorbenen Licht; den Lebenden aber wird es mit Segen und Wohlstand gelohnt. Es ist ein uraltes indogermanisches Fest, das bereits die Kelten als Totenfest, als Samhain, zelebrierten. Zu Samhain tun sich die Grabhügel und Gräber auf; die Gespenster gehen um und bitten um milde Gaben; sie vergelten es von der anderen Seite aus, mit reichlichem Erntesegen und Fruchtbarkeit. Noch heute opfern die Inselkelten zu dieser Zeit (Allerheiligen, Allerseelen) Speisen und zünden Grablichter und Kerzen für die Verstorbenen an.15


Ganga, die Flussgöttin.

Einige Wochen nach Divali findet in Varanasi, der heiligsten Stadt der Hindus, ein weiteres Lichterfest (Ganga Mahotsav) statt. Wiederum werden, diesmal ausdrücklich zu Ehren der vorbeiwandelnden Flussgöttin, unzählige Lämpchen am Ufer des Stroms aufgestellt, und überall werden Pujas gefeiert. Die beeindruckendste Puja, umrahmt von künstlerischen Darbietungen, wird, im Beisein von Ministern und hohen Staatsbeamten, am Dashaswahmedha-Ghat – dort hatte einst Brahma höchstpersönlich zehn Pferde geopfert – zelebriert. Touristen bekommen Ehrenplätze, denn auch hier gilt die vedische Regel: »Der Gast ist Gott .« Auch mir wurde an dem Abend ein solcher Stuhl angeboten. Der Platz ist hell erleuchtet, ohrenbetäubende Musik plärrt von den Lautsprechern, Tanzgruppen, traditionelle folkloristische Darbietungen und bekannte Entertainer versuchen einander zu überbieten.

Großartige Unterhaltung. Aber eine weihevolle Stimmung kommt kaum auf. Nicht weit entfernt von dem Riesenspektakel sah ich eine andere Gruppe. Ein weiß gekleideter Pujari schwenkte feierlich, das Gesicht nach Osten, dem glitzernden Strom zugewendet, eine Kampferlampe. Er bewegte die Flamme von unten nach oben, hin und her, wie ein Pendelschlag, um sie dann wie ein Rad im Kreis zu wirbeln. Die Musiker, die ihn begleiteten, spielten in selbstloser, ekstatischer Hingabe und hielten perfekten Takt. Das war keine Unterhaltung, das war reines Árati, die Verehrung des Göttlichen mit einer Flamme. Das war kein Unterhalter, das war ein Mensch im Zustand reiner Anbetung. Kampfer brennt ohne Rückstände: Dieser Pujari glich dem weißen, vom göttlichen Feuer ergriffenen Kampfer, er leuchtete, ohne dass ein »Ich« oder ein Ego als Rückstand übrig blieb.

Die Trommeln, Flöten und Saiteninstrumente, die hingebungsvollen Lobgesänge zu Ehren der Götter, verzauberten mich. Plötzlich war ich in Trance, da sah ich den Fluss nicht mehr als ein physikalisches, geografisches Geschehen, sondern ich sah eine diamantene Schlange, eine Göttin gekleidet in einem fließenden, mit Lichtern bestückten Gewand, mit ihrem Gefolge von Devas, Gottheiten, Nymphen und Nixen vorbeiziehen. Alles war im Einklang, alles war heilig. Das Lautsprechergeplärre nebenan störte nicht mehr. Ein Boot, vollgestopft mit neugierigen, mit Kameras bewaffneten, westlichen Touristen, fuhr ganz nahe am Ufer vorbei. Ein UFO voller Aliens. Sie verstanden nichts, wussten nichts von dem Zug der Göttin, waren aber begierig, das vermeintlich »primitive«, heidnisch-abergläubische Treiben auf Zelluloid zu bannen. Blitzlichter zuckten wie Geschützhagel. Der Pujari nahm aber nur die holde Göttin wahr. Unwillkürlich schwenkte er das flammende Feuer so, dass er – so kam es mir vor – mit jeder Bewegung die blitzenden Dämonengeschosse mühelos abfing.

Wie lange die Puja dauerte, weiß ich nicht, zumal sie nicht auf der Ebene der Zeit, sondern am Rande der Ewigkeit stattfand. Als es ausklang, fühlte sich jeder Teilnehmer geheiligt und gesegnet. Der Pujari war nun wieder ein Mensch unter Menschen; er plauderte und verteilte Prashad16: Das sind Häppchen süßer Speise, die der Göttin geopfert wurden und nun an die Teilnehmer zurückgegeben werden. Prashad ist für die Inder wie spirituelle Medizin, es vermittelt dem Gemüt Ruhe, Klarheit und Reinheit. Auch drückte er jedem, der es wollte, einen roten Tupfer auf die Stirn. Ich war ganz erstaunt, dass er seinen Weg zu mir, dem einzig anwesenden Europäer, bahnte und einige freundliche Worte mit mir wechselte. Später wurde mir bewusst, dass er mich dazu berufen und befähigt hatte, wenn es notwendig ist, das Göttliche mit Árati zu verehren.

Der Berg der Chamunda

Von einem weiteren Puja-Erlebnis, welches mich prägte, will ich hier erzählen. Nach den verschiedenen Krankheiten, die meine Frau und mich nach der Ankunft in Varanasi (Benares) wie die aufkeimende Saat alten Karmas befallen und geläutert hatten, wandelte sich unser Bewusstsein. Auf einmal war ich des öden Intellektualismus überdrüssig, der leider auch an der dortigen Universität herrschte. Unsere Seelen waren ausgehungert, uns dürstete nach dem Wasser des Lebens. Also entschieden wir uns, eine Pilgerreise zu den heiligen Orten Indiens zu unternehmen.

Heilige Orte sind heilende Orte. Alte Kirchen und Kapellen strahlen Heilkraft aus, nicht wegen der Gebäude, oder der Bilder und Statuen, die sie zieren, sondern – wie man es heute zu erklären versucht – wegen der sich dort befindlichen geomagnetischen Wirbel, der Erdstrahlen, der sich kreuzenden Ley-Linien, der Gitternetze oder auch wegen der morphogenetischen Felder, die sich über Jahrtausende hinweg, aufgrund der Andacht und Erwartungen Abertausender von Gläubigen, bildeten. Wünschelrutengänger und Pendler sprechen von energetischen Schwingungen und versuchen diese in pseudo-wissenschaftlicher Manier mit der so genannten Bovis-Skala und verwegenen radiästhetischen Messinstrumenten zu quantifizieren. Für einfachere Gemüter sind es schlicht Orte, wo sich die Götter oder bereits verstorbene Heilige manifestieren. Solche Orte existieren überall, aber in Indien, wo es keine Tradition der Skepsis und des kritischen Hinterfragens gab, wo man nicht nach irgendwelchen materialistischen Ursachen suchte, um die Wirkung zu erklären, da spürt man ihre Kraft besonders.

Ein solcher kraftgeladener Ort befindet sich in der Nähe der Stadt Mysore. Es ist der Berg der Göttin Chamunda, der Dämonenzerstörerin. Diesem heiligen Berg galt unsere Wallfahrt. Im frühsten Morgengrauen, als die Vögel gerade zögerlich ihre ersten Morgenlieder anstimmten, machten wir uns auf den Weg durch die noch schlafende Stadt. Weiter draußen, wo die Gemüse- und Obstgärten in Felder übergehen, war es schon heller. Die riesige rote, indische Sonne hob sich gerade über den Horizont, da begegnete uns ein alter Brahmane. Freundlich grüßend, sprach er uns auf Hindi an, welches meine Frau glücklicherweise versteht. Als lese er in ihrem Herzen, sagte er ihr, die Kinder, die sie sich wünsche, werden auch zur richtigen Zeit kommen. Er gab sogar ein Datum an. Dann wandte er sich mir zu und sagte mir die Zukunft voraus, wobei er betont auf Englisch hinzufügte: »Für die nächsten zwanzig Jahre gehörst du dir nicht selbst, dann bist du »public property«. Anstatt – wie üblich bei solchen Begegnungen – anschließend die Hand aufzuhalten und eine kleine Spende zu erbitten, gab er uns einen Zehn-Rupien-Schein. (Seine Weissagungen – das muss hinzugefügt werden – erfüllten sich.)

Nicht wissend, was wir von der seltsamen Begegnung halten sollten, wanderten wir weiter, bis an den Fuße des bewaldeten Berges. Dort, hinter einem Torbogen, über dem der bunt bemalte Ganesh, der elefantenköpfige Hüter der Schwelle, thronte, führten abwechselnd weiß und rot bemalte Steinstufen hinauf in die Höhe. Ich zögerte und stellte mir die Frage: Wie geht man in der richtigen Art und Weise über eine Schwelle, die in einen heiligen Bezirk führt? Da lief plötzlich ein im weißen Dhoti gekleideter Pilger vorbei, berührte den Boden mit seiner Stirn, stand auf, drehte sich rechtläufig um die eigene Achse, die Hände vor der Brust zu einem Namaste gefaltet, um alle vier Himmelsrichtungen zu verehren. Nun wusste ich es. So ist es immer: Für jede Frage der Seele ist die Antwort immer gleich zur Hand, nur merken wir es meistens nicht.

Wir wanderten im hellen Morgenlicht, zwischen lianenbehangenen alten Bäumen die steilen Stufen empor. An einer zerfallenen, von dicken Feigenbaumwurzeln zersprengten Mauer war das Bild des Affengottes zu erkennen. »Hanuman!« rief ich unwillkürlich, und schon turnte eine Horde Rhesusaffen durch die Zweige und musterte uns. Und dann sahen wir vor uns die aus schwarzem Fels gehauene, wohlbekannte Statue von Nandi, dem Stier, der das Reittier Shivas ist und Torwächter der Heiligtümer des Götterpaares. Dort boten in bunte Saris gehüllte Bauersfrauen den Pilgern Blumen, Räucherwerk, Obst, Kokosnüsse und andere kleine Kostbarkeiten an, die man den Göttern opfern konnte. Warum würde man auch sonst den heiligen Berg besteigen, wenn man nicht eine Puja machen oder die Götter um Gnade oder Gunst bewegen wollte?

Dem jungen weiß gekleideten Pujari, der die Opfergaben entgegennahm, sah man an, dass er ein reines, Gott geweihtes Leben führte. Er schien von einem Lichtglanz umgeben. Er ließ uns einen Tropfen Gangeswasser trinken, vermittelte den Göttern die Blumen und das Räucherwerk, das wir ihm überließen, und zerschlug die Kokosnüsse vor der Statue. Die braune Erde saugte die Kokosnussmilch auf. Er segnete uns, drückte einen roten Punkt auf unsere Stirn und gab uns als Prashad ein Stückchen von dem Nussfleisch zu essen.

Die bei der Puja geopferte, rauschalige Nuss hat eine ganz besondere Bedeutung. Sie stellt unseren Schädel dar, jene harte Kapsel, in der sich das Ego, der überhebliche Eigenwille, verschanzt. Diesen opfert man der Gottheit freiwillig, indem man ihn zerschlägt. Sein flüssiger Inhalt wird von der Gottheit getrunken, von der langen roten Zunge Kalis, der Zerstörerin des Wahns und der Illusion, gierig aufgeleckt. Mit dem Zertrümmern der Zitadelle der Selbstsucht kann sich die Seele wieder dem Göttlichen öffnen, dem Höheren Selbst, dem eigentlichen Wesen, dessen Natur Wahrheit, Weisheit und Wonne (Sat Chit Anand) ist. Wir empfanden tatsächlich eine innere Freude. Das schlichte Ritual hatte gewirkt: Alles sah frischer, klarer, schöner aus – und lustiger. Die tollenden Affen überfielen gerade eine kreischende indische Touristin und entrissen ihr die Handtasche. Auch die langhaarigen Sadhus, die in einer Höhle hinter der Nandi-Statue hausten, schmunzelten bei dem Schauspiel.

Plötzlich trat eine hübsche junge Inderin an uns heran. Sie wirkte wie die Verkörperung der Göttin oder wenigstens wie eine der Apsarasas, der himmlischen Tänzerinnen, welche die Götter oft begleiten. Sie bat uns mitzukommen. Weiter oben auf dem Berg, mitten im Grün, machte ihre Familie Picknick. Sie luden uns ein mitzuspeisen und häuften süße, auch scharfe Köstlichkeiten auf die Bananenblätter, die als Teller dienten. Sie taten es wohl in der Hoffnung, jenen Segen zu erlangen, der das Speisen von Pilgern und Heiligen mit sich bringt – es könnte ja sein, dass die Fremden, die man gerade speist, Shiva und Parvati selbst sind …

Bald stiegen wir weiter aufwärts. Gegen Mittag wurde es immer heißer. Auf dem Gipfel sah man die in grellen Farben bemalte, kitschige Statue der Göttin Chamunda, die gerade einen schlangenförmigen Dämonen köpft. Der Tempel dieser Göttin war einige Schritte entfernt. Wir legten die Schuhe ab, wuschen die Füße und gingen durch die Pforte. Das Geld, das uns der alte Brahmane gegeben hatte, legten wir in die Opferschale. Einer der Pilger fiel beim Anblick der Statue zu Boden und schüttelte sich, als ob ihm ein elektrischer Schlag verpasst worden wäre. Das sei nichts Ungewöhnliches; so stark sei die Shakti, die göttliche Energie, die von dieser Erscheinung ausgeht. Uns kam es aber eher wie Schauspielerei vor.

Wir sogen die Kraft des Ortes auf. Beim Abstieg schloss sich uns ein Wildhund an und begleitete uns ein Stück des Weges. Als die Abendsonne die Landschaft in ein goldenes Licht tauchte, schritten wir wieder durch die von Ganesh behütete Eingangspforte. Es war der heilige Augenblick, in dem jeder Haushalt die Abend-Puja feiert. Überall klingelten Glocken und Glöckchen. Aus den kleinen Tempeln klangen Bhajans, Lieder zur Lobpreisung der vielen Namen Gottes. Das Singen der Menschenstimmen vermischte sich mit einem Abendgezwitscher, dem Trillern und Pfeifen der Vögel. Der Duft von Räucherstäbchen und schwelenden Kuhfladen, auf denen das Abendmahl gekocht wurde, hing in der Luft. Zwei junge Mädchen kamen dahergesprungen, strahlten uns mit lachenden Augen an und fragten nach unseren Namen: Wir nannten unsere indischen Namen: Shankar und Ganga.

»Ich bin Lakshmi«, sagte die eine.

»Und ich bin Shubha«, sagte die andere mit einem breiten schönen Lächeln. Da erkannte ich, dass es zwei Göttinen waren, die sich durch diese beiden barfüßigen Bauernmädchen offenbarten.17

Ja, Wallfahrten zu heiligen Orten und Pujas öffnen die Seele und lassen Wahn, Trug und die Illusionen, die unser Ego schafft, verfliegen, so dass man weiß, dass das Göttliche immer gegenwärtig ist.

Kali-Tempel in Kalkutta

Shri Ramakrishna (1832–1886) ist einer der großen Heiligen der Neuzeit. Er war ein einfacher Mensch, ein Sohn armer Eltern, mit wenig Schulbildung. Als junger Tempeldiener in einem Kali-Tempel, in der Nähe von Kalkutta, geriet er immer wieder spontan in Ekstase, so dass er bei der Puja häufig nicht einmal die Statue der schwarzen Göttin beachtete, sondern ringsum die Blumen verstreute und Gangeswasser verspritzte. Überall sah er Kali Ma, die Mutter, die allen Schmerz, alles Herzeleid auf sich nimmt und die Seelen tröstet und befreit.

Vor einigen Jahren machte ich eine Pilgerreise nach Kalkutta, der Stadt Kalis, um den Tempelkomplex am Ganges zu besuchen, in dem Ramakrishna einst lebte und wirkte. Kalkutta ist eine herrliche Stadt, trotz Slums und materieller Armut. Das Göttliche ist zum Greifen nahe, es leuchtet aus den Augen der Menschen, auch der vielen Flüchtlinge, die von fanatischen Islamisten aus ihrer Heimat in Bangladesch vertrieben wurden, und die nun inmitten der riesigen Metropole an den Straßenrändern kampieren und nachts auf den Bürgersteigen schlafen. Sie wissen, dass man im ewigen Kreislauf des Schicksals mal reich und mal arm, mal gesund und mal krank, mal freudvoll und mal traurig ist. Sie wissen aber auch, dass die Götter immer da sind, und dass diese den Segen mehren, wenn man sie sich vergegenwärtigt, wenn man ihren Namen ständig wiederholt, wenn man Pujas macht. Nein, ihre Pujas brauchen nicht aufwendig zu sein, brauchen nicht einmal einen großen steinernen Tempel oder Götzenbilder, denn der eigene Leib ist der Tempel Gottes, und jedes Glied, jedes Organ ist eine Göttersphäre. Manchmal kleben sie ein kleines abgegriffenes Bildchen der Göttin oder des Gottes an ihre Habseligkeiten oder an die Pappwand ihrer notdürftig zusammengeschusterten Hütte. Ein Räucherstäbchen, das am Morgen und am Abend davor brennt, und einige inbrünstig gesungene Bhajans (Loblieder), begleitet von aneinander geschlagenen Tonscherben oder Kieselsteinchen, die den Rhythmus angeben – mehr braucht es zur Puja nicht; mehr braucht es nicht, um die Gegenwart der Götter vor die Seele zu zaubern und um ihren Segen zu empfangen.


Ramakrishna, lehrend unter einem Baum sitzend (indischer Comic).

Wer ist der größte Verehrer ?

Narada war sich sicher, dass er der Größte unter den Anhängern Vishnus sei. Alle seine Gedanken und Gefühle, sein ganzes Leben kreiste nur um Vishnu, dem Erhalter des Universums. Er folgte dem großen Gott, der in der Gestalt eines Sadhus, eines wandernden Heiligen, unterwegs war, vom Meer bis in die Berge.

Vishnu, die egoistischen Gedanken seines eifrigen Anhängers lesend, fragte:

»Narada, willst du meinen größten Verehrer kennen lernen?«

»Ja, Meister«, antwortete Narada etwas enttäuscht, dass nicht er selbst als dieser anerkannt wurde.

»Gehe in jenes Dorf, da wohnt ein armer Bauer mit seiner Familie. Das ist mein größter Verehrer.«

Narada machte sich auf den Weg. Die Bauersfamilie nahm ihn in der engen Lehmhütte wohlwollend auf; sie hielten sich an die Anweisungen der Veden, wo es heißt, »Behandle den Gast wie Gott«. Er bekam die beste Schlafstätte und das Beste, was sie ihm zu Essen bieten konnten.

Narada war gespannt, wie der Bauer, der angeblich der größte Verehrer sein sollte, die Puja zelebrieren würde. Dieser aber machte anscheinend gar keine Puja. Er sagte lediglich: »Om, Hari Om«18, wenn er am frühen Morgen aufstand, ehe er seinen Arbeiten auf dem Feld nachging. Und am Abend, ehe er sich zum Schlaf niederlegte, sagte er auch wieder nichts weiter als »Om, Hari Om«.

Narada war enttäuscht, schwer enttäuscht. Wie konnte dieser ungelehrte, einfache Bauer ein größerer Verehrer sein als er selbst? Er verabschiedete sich und ging zu Vishnu zurück.

Darauf angesprochen, antwortete Vishnu: »Du bist die ganze Zeit bei mir, folgst auf Schritt und Tritt meinen Wanderungen und veranstaltest wunderbare Pujas. Die Leute verehren dich als wandernden Heiligen und füllen deine Bettelschale, so dass du immer zu essen hast und keine materiellen Sorgen. Dieser arme Bauer aber muss hart arbeiten und hat eine große Familie zu versorgen. Und dennoch vergisst er mich nie. Am Morgen, als Erstes, wenn er aufsteht und am Abend, als letztes eh er einschläft, versenkt er sich in mich, indem er meinen Namen ruft. Also sage mir, wer ein größerer Verehrer ist? Schon das Rufen meines Namen ist würdige Puja.«

Mit einem jungen Freund aus Deutschland, der sich von der intellektuellen Gewalttour des Abiturs erholen musste, machten wir uns auf den Weg nach Dakshineshvara, wo der Kali-Tempel am Ganges liegt, an dem Ramakrishna gewirkt hatte. Wie ein Panzer bahnte sich der klapprige, zerbeulte Bus seinen Weg durch das Gewühl von Uraltautos, Ochsenkarren, Fußgängern, heiligen Kühen, Rikschas, schwer beladenen Kulis. Gelegentlich flogen Funken, und der Spiegel wurde mit lautem Knall abgestreift, als der Bus einen überbeladenen Lastwagen streifte. »Noproblem, indische Zustände!«, kommentierte der Sitznachbar in dem voll gestopften Vehikel. Als der Bus nach zehn Kilometern hielt, trat eine attraktive junge Frau, freundlich lächelnd, auf uns zu. »Sicherlich wollt ihr zum Kali-Tempel«, sprach sie uns an. Unaufgefordert führte sie uns durch das Gewimmel bis an den groß angelegten Tempelkomplex, half uns beim Kaufen der Blumen, Früchte, Räucherstäbchen, die man den Tempelpriestern für die Puja überlässt, und verabschiedete sich.


Eingang zum Kali-Tempel, Dakshineslnvar (indischer Comic).

Vor dem Eingang des Tempels, in dem sich die Statue der schwarzen Göttin mit der langen roten Zunge befand, wartete geduldig eine Schlange Pilger und Verehrer. Wir stellten uns in die schleppend langsam sich weiter bewegende Schlange. Als wir endlich die Tempelstufen erklommen und ich die Kali-Statue zu Gesicht bekam, war ich enttäuscht. Es war ein hässliches Götzenbildnis, das da im halbdunklen Gedrängel zu sehen war. Es erinnerte mich an die heidnischen Abgötter, wie sie uns der Pfarrer im Katechismusunterricht bildhaft geschildert hatte. Der Fußboden war glitschig und verklebt von der Milch, dem Bhang und anderen Flüssigkeiten, die die Priester ständig über die Statue gossen. Überall lagen zertrampelte Blumen. Der Duft unzähliger süßlicher Räuchereien beleidigte die Nase. Die Menschen drückten und schubsten. Die gut genährten Priester nahmen lustlos die Opfergaben entgegen und murmelten automatisch ihre Mantren und Sprüche. Eher angewidert drehte ich um, um zu gehen. Und dann sah ich sie. An der Schwelle stand sie. Eine Frau mittleren Alters, oder eher ohne Alter. Das ganze Leid, der ganze Schmerz der Geschöpfe war ihr ins Gesicht geschrieben. Und dennoch war sie unendlich schön. Sie stand da, zeitlos, am Rande der Ewigkeit, und schaute mit milden, dunkel umrandeten Augen dem Treiben zu. Mir war Darshana19, der Blick in das göttliche Mysterium, gewährt worden.

Sie war mir keine Fremde. Ich hatte sie schon einmal gesehen, auf Golgatha, in der Grabeskirche, neben dem heiligen Ort, wo Jesus gekreuzigt worden war. Auch dort, ein kaum verhohlenes Pandämonium. Es hing förmlich in der Luft, wie verbissene Mönche und Priester der Katholiken, der abessinischen Kopten, der Anglikaner, der syrischen, russischen und griechischen Orthodoxen und anderer christlicher Richtungen um jeden Zentimeter des heiligen Bodens der Grabeskirche feilschten, wie sie sich stritten, wann Liturgie gesungen, wie und wann geräuchert werden durfte, ob die Anglikaner eine Orgel spielen dürften oder ob der Stuhl des orthodoxen Patriarchen einen Zoll zu weit in das Territorium der Franziskaner hineinragte. Und draußen, Wellen des Hasses und der Missgunst: Juden, Muslime und christliche Armenier – keiner liebte seinen Nachbarn wie sich selbst. Ja, und da stand sie, neben dem Kreuz, die Schmerzensmutter, eine Maria Magdalena in Fleisch und Blut, die Augen voll tiefem Mitgefühl. Es war dasselbe Wesen wie die Frau, die da neben dem Tempeleingang stand, unweit der kleinen schwarzen Steinstatue, die als Mutter des Universums verehrt wurde.

Gerührt, nein, ekstatisch, verließ ich den Tempel. Die roten Hibiskusblüten, die ich für die Kali-Puja mitgebracht, aber sie dann vergessen hatte hinzulegen, trug ich hinüber zu einem der zwölf Shiva-Tempel am Rande des Kali-Heiligtums. Ich legte sie – ein »Om Nama Shivaya« auf den Lippen – auf einen der steinernen Lingams, gerade als eine sauber gekleidete, gut bürgerliche Hindufamilie den Tempel betrat. Das Entsetzen war ihnen ins Gesicht geschrieben: Hier machte sich ein wilder Mlecha, ein unreiner Ausländer, über den heiligen Shiva-Lingam her, und legte rote Hibiskusblüten, die ja nur der Kali geweiht sind und nie und nimmer in der Shiva-Puja verwendet werden dürfen, auf den heiligen Stein. Sie flohen augenblicklich, und ich erkannte im gleichen Moment meinen Fehler. Wer so etwas tut, der ist verflucht, so heißt es. Es war höchste Zeit, den Tempelkomplex zu verlassen.

Als wir das nach Westen blickende Tempeltor durchschreiten wollten, trat uns eine alte, weißhaarige Frau entgegen. An ihrem weißen Sari erkannte ich, dass es sich um eine Witwe handelte. Freundlich lächelnd schaute sie uns in die Augen und betupfte unsere Stirn mit kühlender, duftender Sandelholzpaste, dann faltete sie ihre Hände zu einem »Namaste« und entließ uns. Vor uns floss, vom Abendlicht rotgold gefärbt, der Ganges. Ein Fährmann lud uns in seinen Kahn und ruderte uns über den breiten Strom zum Ramakrishna-Math – einem Hain und Tempelgelände, wo sich der bengalische Heilige einst mit seinen Jüngern aufhielt, wo er lehrte und wo er seinen physischen Leib ablegte. Dort in den uralten Bäumen zwitscherten die Vögel ihr Abendlied, und die unzähligen Krähen und Raben – Vögel, in denen sich nach indischem Volksglauben die Seelen der Verstorbenen aufhalten – veranstalteten ein bombastisches Krächzkonzert, ehe sie für die Nacht, paarweise, ihre Nester aufsuchten. Entrückt schaute der junge Abiturient über das Wasser; der Ganges wurde ihm zur Elbe und der in der Ferne sichtbare Hafen Kalkuttas mit seinen Kranen und Schiffen, wurde auf einmal Hamburg, die Stadt, aus der seine Vorfahren kamen.

Ich musste an die drei Frauen denken – die junge anmutige, die uns zum Tempel führte, die Mater Dolorosa im Tempel und die Alte, die uns verabschiedete. Es war die Göttin in dreifacher Gestalt. Auch unsere Vorfahren kannten sie: im Mittelalter als die drei heiligen Jungfrauen, in keltischen Zeiten als die drei Matronen oder als die drei Schicksalsfrauen der Germanen.

Die Götter sind unsterblich, sie wechseln nur, je nach Kultur oder Zeitgeist, ihre Gestalt und Erscheinung. Pilgerreise und Puja waren mit einem Darshana, einer Vision des Göttlichen, belohnt worden.


Keltische Matronendarstellung aus Vertault.

Puja ist universal

Ich könnte noch mehr persönliche Erlebnisse mit Pujas in Indien erzählen. Nun aber ist es wichtig zu wissen, dass derartige Rituale ebenso wenig allein dem Hinduismus gehören, wie eine seligmachende Lehre einzig dem Katholizismus oder die Erleuchtung dem Buddhismus. Als Völkerkundler – und durch das Studium der Strukturalisten, wie etwa Levi-Strauss, der Religionshistoriker wie Mircea Eliade und Joseph Campbell oder der Tiefenpsychologen wie Carl Gustav Jung – habe ich erkennen können, dass derartige Rituale in ihren Grundzügen universal sind, also in irgendeiner Ausprägung in praktisch jeder kulturellen Tradition vorhanden sind, und das seit Anbeginn, seit der alten Steinzeit. Es ist das Grundgerüst vieler Rituale, die heute als schamanisch bezeichnet werden.

Bei den Indianern, insbesondere bei den Cheyenne, die am Rande der Big Horn Mountains in Montana leben, habe ich ähnliche Rituale wie die indische Puja erlebt. Während die Inder vor allem den Blick nach innen werfen und die Gottheiten, die in den Tiefen der Seele wohnen, herbeirufen, richten die Indianer ihre Rituale mehr an die Götter und Geistwesen, welche den Sternenhimmel, die Wolken, die Wälder, Berge und Seen bewohnen. Die Maiyun, die Spirits, sind für sie nichts Abstraktes, Imaginäres, sondern sie sind die Geistseelen der Dinge, die man in der wilden, freien Natur antrifft. Sie rufen sie mit Rauch, Trommel und Medizinlied herbei. Sie rufen sie, wenn die Energie des Universums abnimmt, wenn unter den Menschen Unglück, Unzufriedenheit und Spannungen immer unerträglicher werden, wenn die Erdmutter zuwenig Nahrung schickt, wenn das Wild fern bleibt, wenn das Wetter chaotisch wird. Dann ist es Zeit, »Medizin zu machen«, das heißt, die Kräfte durch Rituale zu erneuern und zu bündeln. »Das Ritual«, sagte einer der Cheyenne, »ist wie die routinemäßige Wartung eines Autos, wie Schmieren, Ölwechsel, Zündkerzen erneuern, damit es wieder optimal läuft.«

Einmal fragte ich den großen Cheyenne-Medizinmann George Elkshoulder, was wir Europäer tun könnten, da wir praktisch alle unsere überlieferten, naturbezogenen Rituale und heiligen Lieder verloren haben, und viele nicht einmal mehr die Spiritualität der Natur wahrnehmen. Er sagte kurz: »Ihr habt nichts verloren. Ihr habt alles, was ihr braucht, Berge und Bäume, Felsen und Flüsse, Vögel und andere Tiere. Fragt sie, sie werden euch die Rituale lehren können« (Storl 2004: 18). Für den alten Medizinmann sind Spiritualität und Natur nichts Getrenntes. Die Natur ist nicht unbeseelt und geistlos, sondern ist das Reservoir des Heiligen. Das Ritual, durchgeführt von einem »heiligen Menschen«, der ein tadelloses Leben führt, ist ein Verfahren, welches die Ordnung, die richtige Beziehung zur heiligen Natur, wieder herstellt.

Die Geistwesen, die die Natur bevölkern, sind nach Ansicht der Indianer mächtig und oft weiser als die Menschen. Man geht zu ihnen mit einer respektvollen Geisteshaltung; man legt Überheblichkeit ab, wird zum Bittsteller. Mit der in Schulen und Hochschulen antrainierten distanzierten, kritischen oder skeptischen Haltung kommt man nicht weit. Da zieht sich die Seele der Natur, da ziehen sich die Geistwesen zurück, da spricht kein Tier zu einem, keine Pflanze zeigt ihren leuchtenden Ätherleib, kein Steinmädchen tanzt.

Oft sind es die Geistwesen selbst, die einen auserwählten Menschen rufen, die es ihm erlauben, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Sie sind es, die sich mitteilen, ihn dann als Neffen adoptieren und ihm die Rituale und Medizinlieder beibringen. Das ist eigentlich auch bei anderen Naturvölkern so, und bei den Hindus sowieso: Der Mensch erfindet die Rituale nicht, es sind die Götter selbst, die den Menschen die notwendigen Rituale zum Leben und Überleben schenken. Sie schenken die Rituale, so wie man heutzutage einem Freund oder sympathischen Menschen seine Telefonnummer schenkt, so dass man sie, wenn notwendig, anrufen kann. Das Wählen der Ziffern in der korrekten Reihenfolge gleicht dem Ausführen des Rituals. Führt man es nicht richtig aus, vergisst oder verwechselt man eine Ziffer, dann kommt auch keine Verbindung zustande. Und ohne Grund sollte man sie sowieso nicht anrufen.

Indianische Friedenspfeife

Das Kalumet20, die so genannte Friedenspfeife, ist in dem Sinn ein Handy, ein tragbares Telefon, mit dem man die Maiyun, die mächtigen Geistwesen, oder Maheo, den Großen Geist, anrufen kann, um Dank zu sagen oder um etwas zu erbitten. Die Dakota Indianer (Sioux) sagen: »Die Pfeife (Tschannunpa) schickt die Stimme zu Wakan Tanka, dem Großen Geist im Himmel, dem Allvater.«

Das Kalumet ist ein tragbarer Altar. Das ganze Universum ist in der Pfeife enthalten. Der Pfeifenkopf, aus Speckstein oder rotem Stein (Catlinit) geschnitzt, symbolisiert die rote Erde, die Mutter aller Wesen und den glücklichen roten Pfad des Lebens (Schwarzer Hirsch 1992: 26). Der Stiel aus Holz steht für die gesamte Pflanzenwelt. Das Mundstück aus Horn, eventuell ein angehängtes Stück Fell oder Büffelhaare, steht für alle Tiere der Erde; die Adlerfeder am Pfeifenkopf stellt alle Vögel und die Geister des Himmels dar. Der lange Stiel gilt als die männliche Kraft im Universum, die Schale des Pfeifenkopfs als die weibliche. Wenn der Medizinmann Kopf und Stiel zusammensteckt, dann gilt das als die Vereinigung der Gegensätze, als sakraler Beischlaf, als das Erzeugen von der Energie, die das Leben ermöglicht. Auf diese Weise ist die Pfeife das Lingam-Yoni der Indianer. Der Lingam, wir erinnern uns, ist der Stein, der Shiva oder Shivas Glied darstellt, die Yoni ist der universelle Schoß, die weibliche Energie (Shakti).21 Die heilige Pfeife der Indianer erfährt dasselbe Maß an Verehrung wie Lingam-Yoni bei den Indern.


Heilige Pfeife mit Behälter (Dakota).

Das Friedenspfeifenritual wurde von den Göttern selbst gestiftet. Bei den Prärie-Indianern war es die Weiße Büffelfrau, die die erste Pfeife brachte. Bei einem Jagdausflug in die Prärie sahen zwei Jäger eine in weißem Leder gekleidete Frau von unbeschreiblicher Schönheit. Der eine Jäger war derart angetan, dass er sie auf der Stelle besitzen wollte; doch als er sich ihr mit unlauteren Absichten näherte, verwandelte sie ihn in ein Skelett. Dem anderen aber, der nicht Sklave seiner Gelüste war, offenbarte sie das Pfeifenritual. Bei nahezu allen Stämmen wird das Ritual bei jedem wichtigen Anlass vollzogen – vor der Ratsversammlung, bei den Tänzen zur Vermehrung der Tiere, beim Tod eines Menschen, beim Erntedankfest, bei Eheschließungen, vor dem Schwitzhüttenritual, vor der Jagd, bei Heilungen, beim »Vergraben des Kriegsbeils«.

Wenn der Pfeifenhüter, dem der Medizinbeutel mit dem heiligen Rauchrohr anvertraut wird, das Kalumet aus dem Beutel holt und den Pfeifenkopf am Stiel befestigt, dann sammelt er auch all seine Kräfte und Energien. Er hört auf, ein Teil zu sein, er wird »ganz«, wird Mittelpunkt, wird zur heiligen Pfeife selbst. Bei den Osage-Indianern singt der Pfeifenhüter:

»Dieses Volk hatte eine Pfeife,

Die es zu seinem Leibe machte.

O Hon-Ga, ich habe eine Pfeife, die ich zu meinem Körper machte. Wenn du sie zu deinem Leibe machst,

Wirst du einen Leib haben, der frei von allem Todbringenden ist. Schau das Halsstück,

Das ich zu meinem Halsstück gemacht.

Schau den Mund der Pfeife an,

Den ich zu meinem eigenen Mund gemacht.

Schau die rechte Seite der Pfeife an,

Die ich zur rechten Seite meines eigenen Körpers gemacht.

Schau das Rückgrat der Pfeife an,

Das ich zu meinem eigenen Rückgrat gemacht … «

(La Flesche 1939: 62).

Im Frühling nehmen die Ojibwa – ein Volk von Jägern, Fischern und Sammlern von Wildreis22 – die heilige Pfeife aus dem Beutel hervor, um sie, wie das Jahr selbst, zu erneuern und wiederzubeleben. Der Medizinmann ruft Manitu, den Großen Geist, an, in die Pfeife einzuziehen und weiht sie dem Himmel, der Erde und den vier Himmelsrichtungen. Der Stamm ist versammelt, es wird gesungen und gebetet. Den ersten Zug aus der Pfeife bläst der Medizinmann der Sonne zu. Die Sonne ist die Vermittlerin, die den Rauch zum Großen Geist trägt. Der zweite Zug gilt der Erde, der Mutter aller Wesen, und dem Weiblichen überhaupt. Die nächsten vier Rauchopfer gelten den Hütern der vier Richtungen. Zuerst wird dem Osten Rauch geopfert, dann der gegenüberliegenden Richtung, dem Westen. So werden Geburt und Tod, Auf- und Untergang, Jugend und Alter verbunden. Dann schickt der Medizinmann dem Norden, dem Ort des Winters und der Härte, den heiligen Rauch. Zuletzt wird dem Süden, dem Sommer, der Zeit der Fülle und Wärme, gedankt. Die Pfeife wird dann, dem Lauf der Sonne entsprechend, im Uhrzeigersinn weitergereicht. Die Berührung mit der Pfeife und das Rauchen verbindet jeden Anwesenden mit dem heiligen Urgrund, mit Manitu, der sich in der Pfeife verkörpert (Johnston 1992: 174).

Bei den anderen Indianervölkern verläuft das Ritual ähnlich, aber es gibt auch Unterschiede. Beispielsweise wird bei den Cheyenne zu Beginn des Rituals der Stiel gegen den Himmel gehalten, dann zur Erde und den vier Richtungen. »Großer Geist oben, rauche!«, sagt der Leiter der Zeremonie, »Erde, rauche! Vier Himmelshüter raucht!«

Das Kalumet ist den Cheyenne absolut heilig. Niemand darf zwischen dem Feuer, das in der Mitte des Tipis brennt, und der Pfeife laufen; keiner darf in Anwesenheit des Kalumets unbedachte Worte reden oder klappernde Geräusche machen. Der Medizinmann Bill Tallbull sagte, die Atmosphäre sei heutzutage so unruhig, überall Maschinengeräusche, Flugzeuge, Radios und dergleichen, dass sich die Medizinmänner kaum wagen, die heiligen Pfeifen aus ihren Medizinbeuteln herauszunehmen. Die Beutel selbst sind mit Stachelschweinborstenstickereien verziert, die mystische Symbole und Motive darstellen.

Mit der Pfeife, diesem tragbaren Altar, kann man die Mächte ansprechen und um Hilfe bitten. Das gilt nicht nur für Gottheiten oder geistige Mächte, sondern auch für Menschen, die eine »starke Kraft«, eine »Medizin«, besitzen und die man um einen Gefallen bitten will.

So ging einst der Cheyenne, der den Tod eines Verwandten oder Freundes rächen und der Begleiter auf dem Kriegspfad finden wollte, durch das Dorf und bot anderen Kriegern die Pfeife an. Wer bereit war mitzugehen, der rauchte. Wer nicht gewillt war, der verweigerte die Pfeife. War die Kriegergruppe dann zusammengestellt, begaben sie sich zum Hüter des Stammesfetischs, der heiligen Pfeile. Sie rauchten gemeinsam mit dem Hüter die Pfeife und baten ihn, mit den heiligen Pfeilen zu sprechen, damit diese ihnen Schutz für ihr Leben und Erfolg bei der Erbeutung von Skalps und Pferden gewähren mögen (Grinnell 1923: 9).


Weihung der Medizinpfeife.

So ist es noch immer. Will ein junger Mann bei einem Medizinmann lernen, will er etwas von dessen magischer Kraft für sich erwerben, dann bringt er ihm eine mit Tabak vollgestopfte Pfeife. Raucht der Medizinmann, dann hat er sich verpflichtet, etwas von seiner Medizinkraft dem Bittsteller zu übertragen.

Krankenheilritual der Cheyenne

Bei den Cheyenne gibt es, wie bei anderen schamanischen Völkern, viele verschiedene Heiler. Jeder hat seine persönliche »Medizin«, seine Macht. Es kommt darauf an, welche Hilfsgeister er hat, welche Maiyun ihn auserwählt haben, ihn begabt haben, ihm Visionen und Träume geschickt haben. Niemand wird Medizinmann oder Medizinfrau aus eigenem rationalem Entschluss. Auch kann ein Medizinmann ohne Frau, ohne weibliche Unterstützung nichts bewirken. Die eigene Ehefrau – oder, falls diese dazu nicht bereit ist, eine andere Frau – muss ihm zur Seite stehen. Auch auf sie kommt es an, welche Krankheiten er heilen kann. Im Gegensatz zu unseren schulmedizinischen Ärzten getrauen sich die Heiler nicht an jede Krankheit, sondern nur an jene, wo sie kompetent und befugt sind. Manche sind befugt, Geisterpfeile herauszusaugen und die Geister, die sie geschossen haben, zu beschwichtigen und zu versöhnen. Andere vermögen Fieber und Seuchen zu heilen, die von Berggeistern ausgehen oder von verärgerten Ho ho’ ta ma itsi hyo ist, den Erdleuten (Zwergen), herrühren, die nachts aktiv sind.

Wird eine Familie mit Krankheit geschlagen, dann suchen sie den entsprechenden Medizinmann auf, der hierfür die richtige »Medizin«23 hat. Meistens geht der Vater zu diesem Medizinmann mit einer Pfeife. Er legt sie auf die Erde, so dass der Stiel auf den Medizinmann zeigt. Nimmt dieser die Aufgabe an, hebt er die Handflächen beider Hände gegen den Himmel. Dann berührt er die bloße Erde mit beiden Handflächen. Nun hebt er die Pfeife auf, hält sie zuerst in der rechten, dann in der linken Hand, streicht sanft über den Stiel, nimmt ein Stück Glut vom Feuer, um sie anzuzünden, und raucht. Mit diesem kleinen Ritual sagt er, ohne Worte: »Ja, meine Medizin wird den Kranken heilen.«

Er folgt dem Bittsteller zur Wohnung des Kranken. Zuvor reinigt er Körper und Seele mit einem besonderen Rauch. Dazu legt er duftende Tannennadeln (Abies lasiocarpa, englisch »sweet pine«) oder eine Mischung von Wacholder, Mariengras (Hierochloe ordorata, englisch »sweet grass«), einem zerriebenen, getrockneten Pilz und die getrockneten, bittern Wurzeln einer indigenen Portulak-Art (Lewisia rediviva, englisch »bitter root«) auf glühende Kohle und nimmt den Rauch und die Hitze mit den Handflächen auf. Mit den so erwärmten Handflächen berührt er die schmerzenden Körperpartien des Patienten, ehe er mit seiner Rassel24 die Stellen, wo die Krankheit sitzt, berasselt und besingt. Dieses Rasseln beunruhigt den Krankheitsgeist und kann diesen herauslocken. Ab und zu unterbricht er das Rasseln, um kurz zu beten, oder er steht auf, um mit Rassel und Gesang böse Geister, die sich in dunklen Ecken hier und da in der Wohnung verstecken, zu verjagen. Manchmal geht er hinaus, hält die Handflächen zur Sonne, zum Himmel, berührt die Erde und erneuert seine Kraft, indem er die Hände und die Rassel durch den erwähnten Rauch zieht, ehe er weitermacht. Einige Cheyenne-Medizinmänner saugen die Krankheit heraus, die dann in Form von Haaren, Steinchen, Würmern oder auch Eidechsen erscheint. Andere, wie George Elkshoulder, benutzen eine Adlerfeder oder eine andere Vogelschwinge, um den Krankheitsgeist auszufegen.

Immer wieder wird etwas Mariengras auf die heißen Kohlen gelegt. Der angenehme süße Duft des schwelenden kumarinhaltigen Grases soll gute Geistwesen, Hilfsgeister, anziehen. Auch kaut der Cheyenne-Medizinmann gelegentlich ein winziges Stückchen von der »Sweet Medicine« genannten Wurzel des Christophskrauts (Actaea rubra), welches den Geist des Urschamanen, Motsiiuef, enthält und die Schutzpflanze des Stammes ist (Storl 2001: 146). Er kaut die an sich giftige Wurzel, versprüht sie feierlich im Kreis oder spuckt sie sich in die Hände.25

Nachdem er drei Medizinlieder gesungen hat, macht er eine Pause, um die Medizinpfeife zu rauchen. Er verbrennt noch etwas Mariengras, reinigt die Pfeife, dann gibt er dem Kranken – abgestimmt auf die Krankheit – warmen Kräutertee zu trinken. Nun werden fünf weitere Medizinlieder gesungen, der Patient wird weiter mit der Feder oder mit dem »Saugen« behandelt, die schmerzenden Stellen mit zerkauter Christophskrautwurzel besprüht. Erneut wird eine Pause gemacht, um Kraft aufzuladen und die Pfeife zu rauchen; wieder bekommt der Patient Kräutertee. Wieder wird die Rassel beräuchert und Mariengras verbrannt. Irgendwann dann mischt der Medizinmann Kräuterpulver mit dem Fett vom Reh und reibt die schmerzenden Körperstellen des Patienten mit der Salbe ein.

Nun werden neun weitere Medizinlieder gesungen. Meistens schläft der Patient ein, ehe der Medizinmann fertig ist. Es ist ein therapeutischer Schlaf: Die Medizinkraft ist derart stark, dass der Kranke geheilt wird.

Mit dem Beenden des neunten Liedes nimmt der Medizinmann die Pfeife in die rechte Hand und hält sie dem Süden, dem Westen, dem Norden und dann dem Osten entgegen, dem Himmel und schließlich der Erde. Er wechselt die Pfeife in die linke Hand und raucht noch einmal. Nun ist das Heilritual fertig (Grinnell 1923: 132). Anschließend wird Essen hereingebracht. Der Medizinmann nimmt davon fünf kleine Fleischstückchen, hält sie zwischen den Handflächen, wendet diese abwechselnd von unten nach oben, geht hinaus ins Freie und opfert sie an der südlichen, westlichen, nördlichen und zuletzt östlichen Ecke der Behausung.

Rituale sind aus dem Leben der Cheyenne nicht wegzudenken. Trotz Verbote und Verfolgung durch Regierungsagenten und Missionare führten sie heimlich, abgelegen in der Wildnis der Rocky Mountains, ihre herkömmlichen Rituale durch. »Wir hätten unser Wesen als Cheyenne verloren, wir wären als Volk untergegangen, wenn wir die altüberlieferten, von den Maiyun geschenkten Rituale aufgegeben hätten«, beteuerte Bill Tallbull, der weise Hundekrieger (»dog soldier«) und Pflanzenmedizinmann, mir gegenüber.

Im Gegensatz zu den Europäern und weißen Amerikanern reden die Indianer wenig. Probleme werden weniger durch rationale Diskussionen und zermürbende Gesprächsrunden gelöst, sondern vielmehr durch das Wissen um das richtige Ritual zur richtigen Zeit. Auf diese Weise kann man am besten die Energien, die das Universum durchwirken, lenken.

Insbesondere die Medizinmänner reden wenig. Georg Elkshoulder störte es, als wir, wie gewohnt, beim Essen plauderten. »Wenn wir Indianer essen, dann essen wir. Wenn wir laufen, dann laufen wir; und wenn wir reden, dann reden wir.« Für die Medizinleute ist Reden zu heilig, als dass es zum bloßen Geschwätz verkommen darf. Geschwätz, intellektuelle Diskussion verschwendet zu viel kostbare Energie. Je mehr ein vermeintliches Problem diskutiert wird, desto schwächer wird die Wortkraft, desto größer wird die Gefahr des gegenseitigen Missverständnisses. Es können Tage vergehen, ohne dass ein »heiliger Mann«, eine »heilige Frau« ein Wort von sich gibt. Wenn er/sie aber dann spricht, oder sein/ihr heiliges Lied singt, dann ist es treffend, dann ist es wirksam, dann erreicht es die Herzen anderer, dann hören selbst die Geister zu.

Rituale sind den Cheyenne und anderen Indianern wichtiger als Worte. Deswegen, so erklärte mir Bill Tallbull, kommen die Cheyenne – wenn sie überhaupt etwas mit den christlichen Missionaren zu tun haben – mit der katholischen Messe eher zurecht als mit den wortgewaltigen, feurigen Predigten der protestantischen Evangelisten.

13 Eines der wichtigsten Mantras ist das Gayatri, das von den Hindus jeden Tag, beim Aufgang der Sonne und bei dessen Untergang, gesprochen wird. Es handelt sich um den heiligsten Vers aus dem Rigveda. Gayatri, dieser Vers, gilt als die Personifizierung Brahmas, als Mutter der Veden und Mutter der Brahmanen. Gayatri wendet sich an die Sonne (Savitri) – an die höchste Intelligenz, an die Quelle des Lichts – mit den Worten:

»OM BhurBhuvah sva

Tat Savitur varenyam

Bhargo Devasya Dhimahi

Dhiyo Yo Nah Prachodayaat.«

(Ungefähre Übersetzung: »Erde, Luft, Himmel. Mögen wir über das leuchtende Licht der heiligen Sonne meditieren. Möge sie unseren Geist erleuchten.«)

14 Wie die Kelten und Germanen, halten sich die Hindus an die tatsächlichen Mondrhythmen. Deswegen sind die Monate nicht kalendrisch fixiert, sondern wandelbar. Der Monat beginnt mit Neumond und läuft über den Vollmond wieder zum Neumond. Wie bei den vorchristlichen Europäern fallen die meisten Feiertage auf den Neu- oder Vollmond.

15 Heutzutage, in der modernen Welt, ist das alte Fest mit Halloween (englisch hallowed evening, »heiliger Abend«) unter säkularem Vorzeichen wieder zu neuem Leben erwacht.

16 Sanskrit, »Gnade oder Gunst des Göttlichen«, »Klarheit, Reinheit, Gemütsruhe«.

17 Lakshmi ist der Name der Göttin des Glücks und Wohlstands; Shubha oder Shubhadra ist die »Schöne«, deren Anblick das Herz erfreut; sie ist die Schwester Krishnas.

18 Hari, einer der Namen Vishnus.

19 Sanskrit, »Anblick«, »Anschauen«, »das Sehen des Heiligen«.

20 Kalumet oder Calumet, als Bezeichnung der Friedenspfeife, ist eine Verballhornung des französischen chalumeau (Schalmai, Schilfrohr), da in den Augen der französischen Waldläufer und Trapper die Pfeife mit dem langen Rohr einer Flöte ähnlich sah.

21 Das höchste Mysterium, die Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen, wurde bei den Kelten durch den Kessel der Göttin und den Lichtspeer des Gottes dargestellt; das Motiv wurde weitergetragen in die christliche Legende des heiligen Grals und des heiligen Speers. Erst wenn beide vereinigt sind, wird die Erde fruchtbar, friedlich und freudvoll. Aufgabe der mystischen Gralsritter war es, dieses Heiligtum zu schützen. Auch der bei Maivollmond aufgestellte geschälte Baum, dessen Spitze einen Kranz aus Blüten und roten Bändern durchstößt, der ursprüngliche Maibaum, ist eine alteuropäische Version desselben Urbildes.

22 Es handelt sich um den in Europa als Delikatesse gehandelten schwarzen Wildreis (Zizania aquatica), der in den Sümpfen im Bereich der Oberen Seen massenweise wild wächst.

23 »Medizin« bedeutet für die Indianer nicht pharmakologische Wirkstoffe, sondern geistige Macht. Der Medizinmann ist jemand, der viel magische Macht gebündelt hat, die es ihm erlaubt, geistige Unordnung zu ordnen, Krankheiten zu vertreiben, Menschen zu führen. Auch Pflanzen (Heilpflanzen), Tiere und Gegenstände können machtgeladen sein und werden als Medizinträger gesehen.

24 Die Rassel ist aus Büffelhaut und mit kleinen Kieseln gefüllt. Oft wird ein Zopf, geflochten aus duftendem Mariengras, an dem Stiel befestigt.

25 Das Christophskraut, ein Hahnenfußgewächs, darf keinesfalls geschluckt werden. Ein Dakota-Medizinmann, der bei einer Zeremonie der Cheyenne die gekaute Wurzel schluckte, da er nicht wusste, dass sie giftig ist, starb daraufhin unter Krämpfen. Das hätte fast das Bündnis zwischen den beiden Stämmen gesprengt.

Vorbereitung für die Puja

»Zu einem guten Ende gehört ein guter Anfang.«

Kung-fu-tse, Schu-Ing 3,2,9

»Ich bete bevor ich etwas beginne,

so dass es ein Segen für alle Menschen sein wird.«

Red Hat, Cheyenne

Die Art und Weise, wie man eine Puja zelebriert, ist offen – ähnlich wie die Musik der indischen Ragas oder wie guter improvisierter Jazz. Hauptsache ist, dass die Puja wirkt, dass sie die Seelen lockert, sie aus ihren Alltagsroutinen hebt, Flügel verleiht und Verbindung mit den Geistwesen herstellt. Eine Puja ist keine religiöse Zeremonie mit exakt vorgeschriebenem Ablauf. Sie beginnt auch nicht an einem exakt vorgeschriebenen Zeitpunkt. Vielmehr vollzieht sie sich in Indian time, »Indianerzeit«, also wenn die Stimmung richtig ist, oder wenn die Natur ein Zeichen gibt. Es sind die Geistwesen, die selbst den Beginn und den Ablauf bestimmen. Es ist wie bei einem indischen Tabla/Tambura/Sitar-Konzert: Leute kommen und gehen, die Musiker stimmen ihre Instrumente, Kinder und Hunde rennen umher und spielen. Der Übergang zwischen dem Einstimmen der Instrumente und dem Spielen ist fließend. Auf einmal fließt die Musik melodisch und harmonisch. Plötzlich merkt man: Das sind keine bloßen Menschen mehr, die da musizieren. Götterhände schlagen die Trommelhäute im spielerischen Takt, zupfen die Saiten der Sitar, streichen über die Tambura. Sarasvati, die weiße Göttin mit Schwan und Leier, die Muse der Künstler, schickt Inspirationsschübe. Das Publikum wird mitgetragen, Begeisterung verleiht ihnen Flügel, der Alltag mit seinen Lasten und Sorgen schwindet. Einige Zuhörer setzen sich ganz nah an die Spieler und fallen in Verzückung. Es ist ein lebendiges Konzert, nicht erstarrter Formalismus. Auch das Ende des Konzerts ist nicht vorherbestimmt; erst wenn sich die Geistwesen zurückziehen, kommt es zum Ausklang.

Spiritistische Geisterbeschwörung

Als junger Ethnologe lebte ich in den abgelegenen Eichenwäldern im Nordosten Ohios und betrieb eine Feldforschung in einer spiritistischen Gemeinschaft. Dort konnte ich das rituelle Eintauchen in die sakrale Zeit immer wieder erleben. Die Kommune beschwört Tag für Tag die Geister der Verstorbenen und richtet ihr Leben nach den übersinnlich vermittelten Botschaften aus (Storl 1974). Seit über hundert Jahren tun sie das – im Sommer im schattigen Hain oder im Gemeinschaftshaus und im verschneiten Winter in den Häusern verschiedener Mitglieder. Bei den winterlichen Heimséancen, die am Abend stattfanden, brachten einige Teilnehmer Blumensträuße, die dann, wo immer es Platz hatte, in Vasen gestellt wurden. Die Spirits lieben Blumen, hieß es. Insbesondere der Duft der Rosen ziehe sie an. Man versicherte mir, die Geister könnten riechen; gelegentlich tun sie sich ja selbst durch einen Geruch kund – etwa durch Tabakrauch oder durch ein Lieblingsparfüm, das sie trugen, als sie noch einen stofflichen Leib hatten.

Vor Beginn der Séance wurde zwanglos geplaudert und gescherzt. Entspannende Musik, die von sanften Aloha-Klängen aus Hawaii, über Gospelchöre bis hin zu seicht-sentimentalen Schlagern reichte, wurde auf den Plattenspieler aufgelegt. Wenn die Rosen – dank der ständig steigenden Zimmertemperatur – ihre geschlossenen Kelche geöffnet hatten und ein gewisser Grad der Entspannung erreicht war, nahm das Medium, ein älterer Herr, die bunt bemalte Gipsbüste eines Indianerhäuptlings hervor und sagte: »All right, Chief, lasst uns loslegen!« In der Gipsfigur hauste sein unsichtbarer Hilfsgeist. Dann ließ sich der Geisterbeschwörer die Augen mit einer schwarzen Binde verbinden und »flog ab«, hinüber ins »Sommerland«, wo die Verstorbenen, auf einer höheren Ebene des Seins, leben. Um die Verbindung mit bestimmten Jenseitigen herzustellen, drehte er einen Gegenstand – einen Ring, eine Brosche oder was immer dem Toten einst gehörte und von Bedeutung war – zwischen seinen Fingern. Die angelockten Geister kamen dann herbei und gaben sich zu erkennen. Oft gaben sie ihren lebenden Angehörigen Ratschläge für die Gesundheit – »Werfe die Pillen ins Klo, vertraue den Heilstrahlen der Geister!« oder »Schaff dir eine Zimmerblume an und beobachte, wie es ihr geht; denn ebenso wird es dir gehen, sie ist ein Spiegel deines Zustands.« – sowie Ratschläge für das Leben:

»Ja, kaufe das Haus; nein, heirate diese Person nicht!« usw. Wenn die Teilnehmer die Botschaft verstanden und akzeptiert hatten, mussten sie ein lautes deutliches »Ja« von sich geben. Das sei wichtig, denn die Geister können, wenn sie durch das Medium und seinen Hilfsgeist so nahe gebracht werden, auch hören. Ab und zu, wenn die Séance besonders gut verlief, lobte das Medium seinen indianischen Hilfsgeist mit einem lauten »Volltreffer, Chief!«.

Einmal hielt das Medium – auf dem Fußboden sitzend, im Schneidersitz, mit verbundenen Augen – inne und deutete mit dem Finger in meine Richtung. »Da ist jemand, der zuviel denkt. Das stört die Geister!« Ja, er hatte recht, als junger, neugieriger Völkerkundler war ich mit der Analyse des Geschehens gänzlich beschäftigt. Ich versuchte, die strukturellen Elemente dieser schamanischen Séance herauszuschälen und war wirklich nicht bei der Sache. Inzwischen weiß ich, wie destruktiv dieses abgespaltene analytische Denken beim Umgang mit Geistwesen, wie überhaupt in der Liebe, beim Tanz, beim Musizieren oder anderen seelischen Angelegenheiten ist. Im grellen Licht dieses Denkens verblasst das Phänomen, es wird ihm nötige Energie entzogen, die es braucht, um sich zu manifestieren. Das gilt ebenfalls für das Fotografieren oder Filmen. Der Akt des Filmens oder Ablichtens setzt ein gespaltenes Bewusstsein voraus, man ist nicht im Fluss, man ist nicht hundertprozentig dabei, weil man einen Teil des Geschehnisses festhalten, journalistisch oder wissenschaftlich verwerten will. Aber wenn man sich nicht hundertprozentig mit dem Ritual – oder der Musik oder dem Liebesakt – verbinden kann, dann geht der Zauber verloren. Und wenn der Zauber nicht mehr da ist, dann hungert und friert die Seele, trotz aller »objektiven wissenschaftlichen« Erkenntnisse.26 Genau so fatal wie ablenkende Gedanken sind ablenkende, schöngeistige, schwärmerische Fantasien. Auch sie verblenden, da sie sich zwischen Wahrnehmer und Wahrgenommenen schieben.


Kobold bei der Arbeit im Stall (1539).

Märchen sprechen oft tiefe Wahrheiten aus, etwa das von den Heinzelmännchen zu Köln. Die Zwerge, die nachts, während die Menschen schlafen, nützliche Arbeiten verrichten, fliehen auf Nimmerwiedersehen, als die neugierige Frau ihnen mit einer Laterne nachspioniert. Der unbarmherzige Lichtschein im Dienste der so genannten Aufklärung macht den hilfreichen Zauber dieser ätherischen Wesen zunichte.

Manchmal sprachen die Geister durch das Medium hindurch, so dass sich seine Stimme und sein Gesichtsausdruck drastisch änderte. Manchmal versuchten »erdgebundene Geister« sich des Körpers des Mediums zu bemächtigen. Das ist für das Medium gefährlich; es kann besessen werden, oder es kann sterben, wenn sein Lebensfaden, »die feine silberne Schnur, die den reisenden Astralkörper mit dem physischen Körper verbindet«, durchtrennt wird. Bei diesen ruhelosen Geistern handelt es sich um plötzlich Verstorbene, die nicht wissen, dass sie tot sind, um Selbstmörder oder andere unglückliche, negative, an ihren Begierden hängen gebliebene, entkörperte Seelen, die dann als Spuk- oder Poltergeister agieren. In einem solchen Fall sangen die Teilnehmer das Lieblingslied des Mediums, »Red River Valley«, um ihm die Kraft zu geben, wieder in seinen Körper zurückzufinden.

Irgendwann verebbte die Energie, die die Séance getragen hatte, die Geister zogen sich zurück. Nun nahm das Medium die Binde von den Augen, es wurden Kaffee und Kuchen aufgetischt, in geselliger Runde wurde gescherzt, geraucht und die Geisterbotschaften ausführlich diskutiert und überlegt.

Auch wenn eine Puja – im Gegensatz zu hochstilisierten, formalen Ritualen, wie etwa den liturgischen Gottesdiensten – eine eher lockere, fließende Struktur hat, so gibt es doch, wie bei einem improvisierten Konzert, Regeln, die eingehalten werden müssen, damit sich Erfolg einstellt. Hier einige Hinweise:

Vorbereitungen

Begründung

Es muss einen echten Grund geben, um ein solches Ritual durchzuführen. Man führt keine Puja aus bloßer Neugierde durch, auch nicht aus wissenschaftlicher Neugierde, auch nicht zur Unterhaltung oder als Show, und schon gar nicht aus egoistischen Gründen, um unangemessene Macht zu erlangen oder um sich als »spirituell fortgeschrittener Schamane« oder Magier wichtig zu machen. Rituale wie Pujas wirken tatsächlich. Sie wirken bis in die transzendente Welt hinein und setzen Wirkungen frei, für die man auch karmisch27 mitverantwortlich ist. Der Cheyenne-Medizinmann Elkshoulder, der vor einigen Jahren Europa besuchte, konnte es kaum glauben, als neugierige New-Ager ihn bedrängten, ein Ritual zu veranstalten. »Wieso?«, fragte er, »Ist da jemand krank?«

»Nein, wir wollen nur mal sehen, wie so etwas läuft«, kam die Antwort. Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sagte, »Einfach so herumspielen mit den Ritualen ist gefährlich. Da ist Power drin. Man spielt ja auch nicht mit Elektrizität herum. Wer Rituale unbefugt und unnötigerweise ausführt, dem kann Schlimmes passieren, der kann krank werden oder es können ihm die Kinder oder die Pferde wegsterben!«

Auch die Germanen wussten, dass, wenn man nicht weiß, was man tut, man auch keine Rituale und keinen Zauber ausüben soll, den man nicht beherrscht. In der Egils Saga wird von einem jungen Mann erzählt, der, um die Liebe eines Mädchens zu gewinnen, Runen auf einen Walfischknochen ritzte. Die Zauberzeichen waren aber derart schlecht gemacht, dass er ihr statt Liebe eine chronische Krankheit anzauberte (Ström 1975: 257). Egil entdeckte die Knochen, warf sie ins Feuer und dichtete:

»Man soll nicht Runen ritzen,

wenn man sie nicht versteht.

Es geschieht manchem Mann,

dass er vom dunklen Stab verwirrt wird.

Ich sah im geritzten Barte [Walfischknochen]

zehn Geheimrunen geritzt;

das hat dem Lauch der Linde [dem Mädchen]

allzu viel Kummer gebracht.«

Eine Puja wird in reiner Hingabe an das Göttliche durchgeführt. Sie wird nicht aus eigennützigen Gründen gemacht. Sie wird vollzogen, um die Seele zu öffnen, um Raum zu schaffen, damit die heilsame Inspiration empfangen werden kann.

Reinigung

Man muss sich geistig auf das Ritual vorbereiten, das plappernde Geschwätz der Gedanken abschalten, die Seele auf Empfang einstellen. Ein Reinigungsritus signalisiert die Bereitschaft, sich vom Alltag zu lösen. Hier einige völkerkundlich belegte Purifikationsmethoden:

Bäder und heiliges Wasser

In Indien, aber auch anderswo, wird als Vorbereitung für die Begegnung mit dem Heiligen ein Bad im See, Teich oder Fluss genommen. Auch das Sich-Besprengen mit Gangeswasser dient diesem Zweck. Unmittelbar vor der Puja kann man den Mund mit reinem oder geweihtem Wasser spülen. Achamana nennen es die Hindus, wenn man den offenen Mund und die Zunge vor einer heiligen Handlung mit Gangeswasser besprengt. Die Druiden sprengten – mit Wedeln vom Eisenkraut (Verbena officinalis) – zur Vorbereitung für Rituale Lustrationswasser. Das, so ihre Überzeugung, würde Lug und Trug fernhalten und falschen Zauber auflösen.

Schwitzhütte, Sauna oder Dampfbäder

Die Indianer bereiten sich auf wichtige rituelle Handlungen oder Ratssitzungen oft mit einem Dampfbad vor. Auf diese Weise werden geistige und seelische Verunreinigungen herausgeschwitzt. Um das heftige Schwitzen zu unterstützen, tranken beispielsweise die Irokesen und andere Waldlandindianer den schweißtreibenden Holunderblütentee (Sambucus canadiensis). Die Stämme der Rocky Mountains tranken ein Gebräu aus der Indianernessel (Monarda fistulosa) – ein Minzgewächs, das wegen seiner schönen rot-lilafarbenen Blüten auch bei uns in den Blumenbeeten angepflanzt wird. Während der Schwitzhütte legten sie reinigende aromatische Kräuter, vor allem »red cedar« (Wacholder, Juniperus virginiana, J. occidentalis; oder Lebensbaum, Thuja plicata), Beifuß (Artemisia spp.), Tannennadeln oder Birkenrinde auf die glühend heißen Steine. Übrigens nutzten auch die alten Europäer, insbesondere die Nordgermanen, das läuternde Schwitzbad bzw. die Sauna zur Vorbereitung für besondere Unternehmen. Um die Reinigung zu unterstützen, wurden Birkenreiser verwendet. Auch fegten die heidnischen Europäer ihre Kultplätze mit Birkenreisigbesen (Müller-Ebeling/Rätsch/Storl 2002: 17).


Südamerikanische Indianer beim Dampfbad.

Purgier- und Brechmittel

Um ungute astrale Entitäten aus Leib und Seele zu vertreiben, nehmen Naturvölker oft darmreinigende und Brechreiz erzeugende Kräuter ein. In Südamerika benutzten die Indianer dafür vor allem die Purgierwinde (Exogonium purga) oder Ipecac (Cephaeles ipecacuanha, aus der Tupi-Sprache, ipekaaguéne, »auf den Boden kotzen«). Der Ethnobotaniker Daniel Moerman zählt allein für Nordamerika über 250 von den Indianern verwendete, reinigende, purgierende Pflanzen auf (Moermann 1999: 791). Die Stämme Neuenglands benutzten dafür die recht drastisch wirkende Nieswurz (Helleborus). Auch die europäische Medizin und Volksheilkunde kannte Pflanzenpräparate, um »schlechte Säfte« auszuleiten. Die Griechen nutzten zur medizinisch-rituellen Katharsis ebenfalls die Nieswurz. Im keltisch-germanischen Raum war es vor allem die Innenrinde des Holunders, die zur Reinigung und Austreibung des »schelmischen Geists« eingenommen wurde. Die Standarddosierung betrug eine Haselnussschale oder halbe Wallnussschale voll. Die Kelten – so schreibt der Gallo-Römer Marcellus Empiricus – gruben und schabten die Rinde des Holunders, ohne Eisen zu benutzen; sie tranken die Abkochung auf nüchternen Magen – im magischen Raum »zwischen den Welten«-, indem sie auf einem Bein in der Türschwelle standen, mit dem Blick nach Osten gerichtet.

Räuchermittel, Feuer

Mit weniger Aufwand kann man sich auch mit Räucherungen reinigen. Wacholder und Beifuß werden fast überall, wo sie wachsen, für reinigende Räucherungen verwendet. Die Meskwaki in der Steppe Idahos räucherten mit der Goldrute (Solidago ulmifolia), die Pillager Ojibwas mit dem Berufskraut (Erigeron philadelphicum), die Flambeaus mit dem Perlpfötchen (Anaphalis margaritacea) (Vogel 1987: 187).

Das Feuer an sich ist schon reinigend. So kann man in Indien die Kraft des von Kampfer gespeisten Feuers – ein Priester hält die Schale – in sich aufnehmen, indem man die Handflächen darüber hält und dann über den Kopf und Körper streicht. Bei den Kelten und Germanen wurde vor allem mit Wacholder und Beifuß geräuchert. Eine besonders stark reinigende, heilmachende Wirkung sagte man den Jahreszeitfeuern, den Notfeuern nach. Der Sprung durch die Lohe oder über die Kohlen des Johannisfeuers galt noch lange im ländlichen Raum als heilend; denn dadurch wird die Aura gereinigt, so dass ungute Astralwesen (Dämonen) abgestreift werden. Das gilt vor allem, wenn in der Lohe Beifußkraut mit verbrannt wird. Auch das Maifeuer galt als reinigend. Die Rinder und andere Haustiere wurden zwischen zwei Feuern hindurchgetrieben, um sie von unsichtbarem Ungeziefer zu befreien.

Asche und Erde

Auch die Berührung der Erde, des Erdbodens wirkt reinigend und kann seelische Verschmutzungen ableiten. Wie bereits angedeutet, berühren die Cheyenne einfach mit beiden Handflächen die nackte Erde und streichen diese dann über den ganzen Körper (Storl 2001a: 153). Anstelle von Erde kann man sich – wie es in Indien häufig der Brauch ist – das Gesicht mit Asche (Bhasma, Vibhuti) bestreichen. Drei waagrechte Streifen Asche, gewonnen aus verbrannten Kuhfladen, aus der Asche der Leichenfeuer oder auch aus weißem Lehm, werden von links nach rechts über die Stirn gestrichen und symbolisieren die drei Ebenen des inneren Universums oder die drei Dämonenburgen des Egos, die durch Shivas Feuerauge zu Asche reduziert wurden. Vibhuti (Sanskrit, »durchdringende Macht«) ist der Staub, die Asche, die übrig bleibt, wenn die Verschmutzungen des Egos durch das Feuer der Erleuchtung weggebrannt sind. Die drei Aschestreifen sind ein Symbol der Loslösung. Auch Shiva, der große Asket, bestreicht seinen Körper mit Asche (Roloff 1990: 144).

Askese

Bei etlichen Völkern werden von den Teilnehmern und insbesondere von denjenigen, die ein Ritual ausführen, asketische Maßnahmen verlangt, um ein Abstandnehmen vom Alltag zu ermöglichen. Man fastet an dem Tag, oder man praktiziert eine begrenzte Zeit vorher Enthaltsamkeit. Die südindischen Waldbewohner enthalten sich des Beischlafs für zwei Wochen, wenn sie sich auf eine Puja zum »Fangen« einer Heilpflanze vorbereiten. Fasten erleichtert das Erreichen eines Trance-Zustands. Auch die vegetarische Ernährungsweise entwickelte sich ursprünglich aus dem Streben indischer Yogis, spirituelle Kräfte zu sammeln.

Kleidung und Schmuck

Selbstverständlich kann man eine Puja auch in der Alltagskleidung durchführen. Besser ist es jedoch, Acht zu geben, was man trägt, denn alles hat seine Schwingungen. Alles erzeugt Samskaras (Sanskrit, »Eindruck«, »Nachwirkung«), die auf der energetischen (ätherischen) und seelischen (astralen) Ebene weiterwirken. Zudem ist die äußere Erscheinung oft Spiegel des seelischen Inneren. Also achtet man darauf, aus welchem Material der Kleidungsstoff oder Schmuck gemacht ist, wer ihn kreiert hat, wie er hergestellt wurde, woher er kommt.

Sakrale Nacktheit

Viele Eingeborene führen ihre Rituale »in vier Winde gekleidet«, also nackt durch. Auf diese Weise kommt man am leichtesten in Einklang mit den Schwingungen der Natur. So steht der Mensch vor den Naturwesen ohne Maske, ohne Verhüllung, »so wie er ist«, »wie ein Neugeborener, noch unberührt von der Kultur«. Heutzutage ist das jedoch eher problematisch. Nacktheit, ja das bloße Ausziehen, ruft bei den meisten Zeitgenossen ablenkende, sexuelle Assoziationen hervor. Wir sind in einem übertriebenen Maß sexualisiert und »verpornographiert« worden. Dafür ist nicht nur prüdes Christentum verantwortlich, sondern vor allem die allgegenwärtige, aufgeilende Werbung in den Massenmedien sowie die durch allgemeine Hyperintellektualisierung erzeugte Kopflastigkeit, die in zugespitzter Sexualität einen gefühls- und sinnesbetonten Ausgleich zu schaffen sucht.

Wenn es nicht möglich ist, nackt zu gehen, kann man den Körper wenigstens teilweise entblößen, indem man barfuß läuft oder – wie es einst bei den Babyloniern und heute noch in den indischen Tempeln bei der Puja gemacht wird – das Hemd auszieht und lediglich den Oberkörper entblößt. Die Griechen und Germanen nahmen bei heiligen Handlungen deswegen auch die Kopfbedeckung ab: Man zieht den Hut als Zeichen der Achtung oder Demut.

Wenn die heilige Nacktheit nicht möglich ist, dann kann man auch fließende Kleidung aus Naturstoffen tragen. Sehr gut eignen sich ungesäumte Lunghis, Stoffstreifen, die man locker um die Lenden wickeln kann, oder auch reine weiße Baumwollpyjamas.

Eisen

Um mit den Geistwesen Kontakt aufzunehmen, trägt man kein Metall am Körper, vor allem kein Eisen. Pflanzengeister fliehen vor Metallen; Kräutersammler und Pflanzenheiler vermeiden deswegen beim Sammeln und Anwenden von Heilpflanzen das Tragen von Metall, es sei denn Kupfer oder Gold (Storl 2000a: 93). Auf eine Uhr sollte man sowieso verzichten, denn das Ritual soll möglichst außerhalb der Zeitdimension stattfinden. Es mag erstaunen, dass die Schamanenkostüme der mongolischen und sibirischen Schamanen mit vielen klimpernden Eisenstücken versehen sind. Dadurch geben sie sich als geistige Krieger zu erkennen. Überall schützen sich Krieger mit Eisen. Wie eine Ritterrüstung verleiht es ihnen Kraft und Schutz, wenn sie sich mit Krankheitsdämonen herumschlagen müssen.28 Das Puja-Ritual verlangt das aber nicht; man will sich öffnen, man kommt ungepanzert und nimmt die heilsame Schwingung in sich auf.

Farben, Federn, Blumen

Wenn sich Eingeborene mit bunten Farben bemalen und sich mit Federn und Blumen fantastisch schmücken, so bedeutet das, dass sie nicht länger alltägliche Menschen sind, sondern selbst als Geistwesen zu den Geistern gehen. Federn verbinden mit fliegenden Wesen; jede Farbe ist einer Gottheit zugeordnet.

Es ist beim Puja-Ritual hilfreich, sich Kräuter und Blumen in die Haare oder an den Hut zu stecken. Jede Pflanze ist mit ihrem Deva, ihrem geistigen Archetypen, verbunden und vermittelt dessen Kräfte. Bei den Kelten war spirituelle Pflanzenkunde Teil des magischen Wissens. Noch im christlichen Mittelalter benutzte man Kräuter und Blumen, um gute, hilfreiche Einflüsse anzuziehen und zu verstärken, oder um andere Einflüsse abzublocken und zu schwächen. Hier einige Pflanzen, die meiner Erfahrung nach bei dem Puja-Ritual sehr hilfreich sind:

• Gundelrebe oder Gundermann (Glechoma hederacea)

Als Kranz am Kopf getragen, fördert und erleichtert das erdig duftende Kraut den Zugang zu den Gnomen, Heinzelmännchen und Erdgeistern. Es unterstützt die Hellsichtigkeit, hilft aber zugleich, dass man nicht »wegfliegt«.

• Eisenkraut (Verbena officinalis)

Gallische Druiden trugen Eisenkrautkränze, damit sie nicht stärkerem Zauber unterliegen; Ritter trugen Eisenkrautamulette, damit der Mut sie nicht verlasse; und römische Botschafter trugen Zweige der Verbena, wenn sie mit ihren Feinden verhandelten.


Eisenkraut.

• Engelwurz (Angelica sylvestris; A. archangelica)

Von den nordgermanischen Barden und Skalden wird berichtet, dass sie Kränze aus Engelwurzblättern trugen, um besonders hohe Inspirationen zu empfangen.

• Dost oder Wilder Majoran (Origanum vulgaris), Quendel (Thymus serpyllum) und Basilikum (Ocimum basilicum)

Diese duftenden Lippenblütler wurden schon immer als Schutz gegen unholde astrale Wesenheiten (Teufel oder Hexen) – oft in Verbindung mit Dorant (»Löwenmaul, Frauenflachs«), Johanniskraut, weißer Heide, Baldrian, Dill (Bilsenkraut), Schwarzkümmel (Nigella sativa) und dem Moos Widerton (Polytrichum commune) verwendet. Das hübsche Waldmoos – auch Widritod, Widritat, Goldhaar, goldenes Frauenhaar, Wichtelweizen oder Dölderlimoos (schweizerisch) genannt – erhielt seinen Namen, weil es »wider das Tun« der Hexen und anderer unsichtbarer Unholde schützt.

• Kräuter mit hohen lichthaften Schwingungen, wie Kamille, Gänseblümchen, Margeriten und andere gelb blühende Korbblütler mit weißen Zungenblüten, welche die Germanen einst als »Brauen des Sonnengottes Baldur« oder als »Augen des Tages« bezeichneten, und die sich die Kinder beim Ringelreihentanz als Kränze in das Haar flochten. Auch die duftende strahlenlose Kamille und die Ringelblumen eignen sich gut.

• Pflanzen, die sich dem Teilnehmer als »pflanzliche Verbündete« zu erkennen gegeben haben.

Der Gundermann

Wer kennt ihn nicht, den kleinen blau-lila blühenden Lippenblütler, mit seinen herb balsamisch duftenden, nierenförmigen Blättern und kriechenden, sich immer neu bewurzelnden Ausläufern? Er fühlt sich wohl in der Nähe menschlicher Behausungen, am wohlsten am Zaun und unter der Hecke. In plattdeutschen Landen heißt er deswegen »Krupp-dör’n-Tuun« (Kriech durch den Zaun) oder, in Oldenburg, »Jan-kiek-däär’n-Tuun« (Hans guck durch den Zaun). Recht lebendig ist diese Gundelrebe. Wenn ihr der Standort nicht gefällt, macht sie lange Ausläufer, tastet immer wieder den Boden ab, ob sich das feste Anwurzeln lohnt. Wo es ihr gefällt, wächst sie zu einem kleinen Büschel und fängt an üppig zu blühen. Die Verbreitung ihrer Samen überlässt sie den Ameisen.

Sprachforscher wissen nicht so recht, ob der Gundermann nach der Walküre Gunda, nach »Gund« (von mhd. gan, »gehen, kriechen«) oder nach dem altgermanischen gund (»Eiter«, »Beule«, »faulige Flüssigkeit«) benannt wurde. Letzteres könnte wohl stimmen, da in der Volksmedizin die Gundelrebe zur Auswaschung von eitrigen Wunden verwendet wird. Mit starkem Gundermanntee spülte man einst schmerzende eitrige Zähne. In der alten Pfalz soll jemand beobachtet haben, wie Petrus, als er mit Jesus über Wiesen und Felder wanderte, fürchterlich vor sich her fluchte. Er litt nämlich an heftigen Zahnschmerzen. Da sprach der Heiland: »Dann nimm du drei Gundelreben, und lass sie in deinem Mund umschweben.«

Für die Germanen war die Gundelrebe eine besonders heilige Pflanze. Sie diente gegen angezauberte Krankheiten und Behextsein; gegen böse Zauberei wurde sie dem Vieh ins Futter gemischt. Als »Donnerrebe« war sie dem Gewittergott Donar/Thor geweiht. Noch lange hielt sich im ländlichen Raum der Aberglaube, dass das grundlose Abreißen des Pflänzchens Donner oder Gewitter auslösen würde. Donar war bekanntlich ein mächtiger Zecher. Ihm war das Bier geweiht und ebenso die herben Kräuter, die man dem Bier zusetzte, um es haltbar und würzig zu machen. Unter den Bierkräutern war die Gundelrebe (altenglisch ale-hoof; ale »obergäriges Bier«) das wichtigste; das war noch lange bevor die Benediktinermönche auf den Hopfen als Bierzusatz stießen. Donars Wagen wurde von Ziegenböcken gezogen; so erstaunt es nicht, dass dieses »Zickelskraut« kranken Ziegen wieder guten Appetit geben sollte.


Gundelrebe.

Vor allem aber spielte die Gundelrebe im Milchzauber eine wichtige Rolle. Wir müssen bedenken, dass bei den Germanen Rinder den wertvollsten Besitz ausmachten. Euterentzündungen konnten eine Katastrophe sein. Meist glaubte man, dass Verhexung vorliege, wenn die Milch nicht richtig floss oder gar eitrig war. In dem Fall wendete sich die Bäuerin an die Gundelrebe. Noch im Mittelalter wurde das Kraut vor Sonnenaufgang mit einem Spruch gepflückt:

»Gundräbenger (Schössling von der Gundelrebe)

Ich brech dich in unser lieben Frawen ehr

Und in der ehr unseres lieben Heiland Jesu Christ.«

dann wurde das Kraut hoch in die Luft geworfen und dabei gesprochen:

»Ich wirff dich auf die Wolckhen

Dass mir unser lieber Herr Jesus Christ

Widergeb mein Kees und mein Molckhen.«29

Auch wenn die Kühe im Frühling zum ersten Mal auf die Weide getrieben werden, soll sie der Bauer durch einen Kranz aus Gundermann melken oder ihnen etwas von dem Kraut zu fressen geben, dann können die Hexen die Milch nicht rauben. Noch heute waschen die Bäuerinnen in Lettland das Milchgeschirr mit Gundermannbrühe aus, damit die Milch nicht so rasch sauer wird.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Kelten und Germanen den Gundermann als Heilmittel bei Erkältung, Bronchitis und Lungenverschleimung in fettiger Ziegenmilch kochten. Das ist ganz vernünftig, denn die ätherischen Öle, die schleimlösend und keimhemmend wirken, sind nicht wasserlöslich, sondern fettlöslich.

Die Gundelrebe spielte auch im Jahreszeitbrauchtum eine große Rolle. Sie gehörte auf jeden Fall mit zu den neun Kräutern in die »grüne Suppe«, eine Kultspeise, mit der sich die Germanen im Frühling mit dem wiederauferstandenen Geist der Vegetation verbanden und Skorbut und Frühjahrsschlappheit vertrieben. Der Brauch ist erhalten geblieben in der »Gründonnerstagssuppe«. Wer zu Neujahr einen Strauß Gundermann mit in die Kirche nimmt, wird sehen, wer aus der Gemeinde in dem Jahr stirbt (Bächtold-Stäubli III 1987: 1204). Wenn man zu Walpurgis einen Gundermannkranz trägt, dann kann man sämtliche Hexen erkennen.30 Das habe ich versucht und dabei den Eindruck gewonnen, dass das Tragen dieses Kranzes – in Verbindung mit einer meditativen Geisteshaltung – das Wahrnehmen von feinstofflichen Entitäten, insbesondere von Gnomen und Erdwichteln, erleichtert. Die »Signatur« der Pflanze deutet das schon an. Im Gegensatz zu anderen Minzen strebt die Gundelrebe nicht kerzengerade in die Höhe, sondern sie verbindet sich kriechend immer wieder mit dem Erdboden. An jedem Knoten vermag sie neue Wurzeln zu bilden. Vielleicht ist das auch der Grund, weswegen man sich beim Tanz zur Mittsommerzeit einen Gundelrebenkranz um den Kopf wand. Vielleicht hilft das Kraut, dass der ekstatische Tänzer nicht »wegfliegt«, sondern mit der Erde verbunden bleibt.

Das von den Germanen hochgeschätzte Heilkraut ist – als Tee getrunken – noch immer ein gutes Mittel bei Schleimhautentzündung, Stoffwechselstörung, Reizungen des Harntrakts, Schnupfen und Rachenkatarrh. Neueren Forschungen zufolge wirkt es positiv bei viralen Infektionen, etwa der Sommergrippe, da es die Coxsackien (C-Viren) hemmt. Bei einer Reizblase wirkt der Tee ebenfalls entzündungshemmend, harntreibend und reizmildernd. Als Badezusatz kräftigt Gundermann die Muskeln, Gelenke und Nerven, ist gut für die Haut und hilfreich bei Rheuma und anderen Gliederschmerzen. Der frische Saft ins Ohr geträufelt soll Ohrenschmerzen und Tinnitus lindern.

George Catlin (1796–1872), der bekannte Maler, der – noch vor der Invasion der weißen Siedler – die Prärie-Indianer in ihrer ursprünglichen Lebensweise auf Leinwand bannte, schreibt in seinem Tagebuch, dass er jeden Tag eine Tasse gill-tea (Gundermanntee) trank. Damit verrät er uns ein Geheimnis der Zunft der Maler und Bleigießer: Nach alter Überlieferung soll der Tee das Schwermetall Blei ausschwemmen und Bleivergiftung verhüten. Dem Komponisten Rupert Huber, dem die ausleitende, entgiftende Wirkung des Gundermanns wieder zur Gesundheit verholfen hat, ist ein Gundermannlied zugeflogen, welches er bei der Kontaktaufnahme mit dem Gundermann und auch während des Sammelns wie ein Mantra singt. Das Singen des Liedes ruft die Heilkräfte des Gundermanns hervor – eine Erkenntnis, die kein Schamane der Naturvölker in Frage stellen würde.


Gundermannlied von Rupert Huber.

Ausrichtung

Es ist nicht ohne Belang, in welche Himmelsrichtung man sich beim Ritual oder bei der Puja ausrichtet. Meistens schaut man nach Osten, man orientiert sich an der aufgehenden Sonne. Das Wort »orientieren«, vom lateinischen orientis, bedeutet Osten, Morgen, Richtung des Sonnenaufgangs. Der Ritualteilnehmer geht also vom Westen her, das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewandt, auf den heiligen Baum, Stein oder Kraftort zu. Diese Regel ist nahezu universal. Im archaischen Denken sind die Richtungen nicht nur abstrakte Koordinaten. Jede Richtung hat sein eigenes Wesen, seine Kraft, seine Qualitäten, seine von dort wirkenden Gottheiten. Schon der Wind, der aus den jeweiligen vier Richtungen bläst, lässt uns das erkennen. In Europa ist der Ostwind, den die Griechen Apelides nannten, kalt und trocken, der Südwind (Notos) heiß und trocken, der Westwind (Zephir) mild und nass, der Nordwind (Boreas) kalt.31 Die den Himmelsrichtungen zugeschriebenen Eigenschaften gründen nicht auf abstrakte Vorstellungen, sondern sind immer mit der jeweiligen Landschaft verbunden. Deshalb ist es bei der Ausführung eines Rituals richtig, sich an den lokalen Begebenheiten zu orientieren, statt an einem System, das aus einem vollkommen anderen Erdteil stammt. In Ostasien oder in Nordamerika haben die Richtungen oft andere Qualitäten oder Bedeutungen. Bei den Chippewa (Ojibwa), die im Gebiet der Oberen Seen leben, wird der Osten – sein Hüter ist der Adler Wabun – dem Element Erde zugeteilt; der Ostwind ist mild und oft feucht. Der Süden gehört dem Kojoten Shawnodese, dem Trickster; hier weht der Wind tropisch heiß und feucht von der Karibik her. Der Westen, der vom Grizzly-Bär Mudjekeewis gehütet wird, bringt trockenen Wind von der Steppe. Und der Norden, der dem weißen Büffel Waboose gehört, bringt trockene eisige Polarluft. Das nordamerikanische Medizinrad-Ritual – auch dabei handelt es sich um eine Art Puja –, welches der große Ojibwa-Medizinmann Sun Bear auch den Weißen offenbarte, stimmt mit den natürlichen klimatischen Verhältnissen Nordamerikas überein (Sun Bear 1991: 204). In Europa ist das Schema nicht unmittelbar anwendbar, da die Natur hier andere Eigenschaften hat.32

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