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Nataly von Eschstruth

Der Majoratsherr
Band I

Roman

Mit Illustrationen von M. Flashar

Saga

Der Majoratsherr. Band I.

German

© 1898 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711487419

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Seiner Excellenz

dem General der Infanterie

Herrn von Verdy du Vernois

und

Ihrer Excellenz

Frau von Verdy du Vernois

in aufrichtigster Verehrung und Freundschaft

zugeeignet.

I.

Auf dem Wege renn nicht voran und ficht nicht mit den Händen, denn das ist der Thoren Art!

Bias.

Ein entsetzliches Pflaster war es, das reine Alpen-Stillleben voll Höhen und Tiefen, voll Stein und Schlamm und hochaufspritzender Wasserpfützen, welche zwischen den einzelnen hochragenden Quadern gelagert waren, wie die Bergseen zwischen majestätischen Schneehäuptern. — Und dazu krachte und quietschte der klapprige Hotelomnibus in allen Fugen, und schwankte wie betrunken über dieses regenfeuchte Pflaster, just, als sei er schwindlig geworden vor Erstaunen, dass zwei Fremde, zwei hochelegant aussehende fremde Herrschaften in ihm Platz genommen hatten!

Der Hausknecht und Kutscher schienen sich in gleicher seelischer Verfassung zu befinden.

Gottlieb sass mit vorgestrecktem Kopf auf dem Kutscherbock und glotzte wie geistesabwesend vor sich hin, er hatte die Mütze mit dem ehemals blank gewesenen Hotelschild „Zur Stadt Hamburg“ verkehrt auf und umklammerte das Schirmpaket seiner vornehmen Gäste so krampfhaft, als fürchte er, das Traumhafte könne unter seinen blauroten Fäusten wirklich als Schaum und Traum zerrinnen!

Zwei seidene Regenschirme — der eine sogar mit elegantestem Elfenbeingriff, auf welchem ein goldner Namenszug unter vielperliger Krone prunkte — und darumher gewickelt und weich wie Sammet, so nagelneu und seidenglänzend eine Reisedecke — ein wahres Prachtstück! Wie kamen diese Schirme — diese Decke — diese Reisenden hierher nach Angerwies? Diesem kleinen, kümmerlichen Städtchen, welches schon seit Jahren mit seinen Feinden in schwerem Kampfe rang, ob es wohl berechtigt sei, sich Marktflecken zu nennen? — —

Der Besitzer des „Hotels“ zur Stadt Hamburg hatte einmal in tiefem Weltschmerz geseufzt: Wenn nicht ’mal ein Eisenbahnunglück auf unserer elendiglichen Station passiert und mir ein paar Passagiere erster Klasse ins Haus schleudert — mit gebrochenen Beinen, dass sie sechs Wochen lang liegen müssen — — wenn der liebe Herrgott das nicht fügt, dann komme ich in diesem Lumpennest niemals auf einen grünen Zweig! — War der fromme Wunsch jetzt etwa erhört worden? —

Die Reisenden erster Klasse kamen, aber sie stiegen mit heilen Knochen aus dem Zug und sprachen freiwillig und ungezwungen das Unfassliche aus — sie wollten ein paar Tage in Angerwies in der „Stadt Hamburg“ zur Sommerfrische weilen!! —

Und dabei war es erst März, ein Hundewetter voll Sturm, Schnee und Regen — so dass man noch heizen musste!

Gottlieb sass und starrte wie ein Pagode gerade aus, unfähig die Lösung dieses grossen Rätsels zu finden, und der Kutscher an seiner Seite sass ebenso starr und steif, mit einem Gesicht, als erwarte er jeden Augenblick das Ende der Welt.

Sonst pfiff er vergnüglich vor sich hin, nickte und grüsste rechts und links, hieb mit der Peitsche nach den kläffenden Hunden und hielt wohl auch ein paar Minuten an, um mit diesem oder jenem ein kleines Schwätzchen zu halten. Die paar Reisenden, welche er für gewöhnlich fuhr, beanspruchten keine Umstände, und es vergingen oft Wochen, wo er überhaupt keine Fremden heimbrachte, aber heute —!! —

Ein herzbeklemmendes Gefühl bemächtigte sich seiner. Er wagte kaum an den Zügeln zu rucken, damit die Pferde nicht etwa noch schneller liefen. Er fürchtete sich förmlich, mit diesen hohen Gästen so jählings überraschend bei der „Stadt Hamburg“ vorzufahren.

Was würde die Wirtin sagen! Auf solchen Besuch ist sie ja gar nicht vorbereitet. Die Fremdenstuben liegen noch im Winterschlaf. Über zwei „Gute“ und eine „bessere“ verfügt das Hotel überhaupt nur. Und in dieser besseren hingen die Würste und Schinken an einem Seil, welches schrägüber zur Thüre gespannt war, und auf dem Fussboden lagerte die dicke Strohschicht mit dem letzten Rest der Winteräpfel und der Backpflaumen auf ihren geflochtenen Dörrschütten.

Nebenan aber, in der „Guten“ trocknete die Wäsche, weil es auf dem Boden durchregnete, da blieb nur noch die blaue Eckstube! — Du lieber Himmel, gerade die! —

Der letzte Reisende, welcher sie bewohnte, hatte nicht wenig geschimpft, und behauptet, die ganze Nacht habe er mit der Elle in der Hand — (an die Bezeichnung „Metermass“ gewöhnte sich in Angerwies erst die jüngste schulpflichtige Jugend!) im Bett gesessen und sich der Mäuse erwehrt, welche wahre Quadrillen auf seinem Plümeau getanzt hätten. Da lobe er sich die märkischen Klein-Bauernquartiere, wo wenigstens neben jedem Bette schon der zweckentsprechende „Museknüttel“ angebunden sei! —

Und in diese blaue Eckstube sollten nun die Passagiere erster Klasse mit den seidenen Regenschirmen? Die schauerlich feine Dame mit dem königlichen Pelzmantel, welche bei jedem Schritt in Samt und Seide rauschte und nach einem Haaröl duftete — wie Salomo in aller seiner Herrlichkeit? —

Dem Denker trat der Angstschweiss auf die Stirn. Sollte er den Omnibus vielleicht vor dem Hause erst umwerfen, um der Frau Marthe Zeit zu lassen, die Wäsche, Würste und Äpfel kopfskegel eine Treppe tiefer zu schleudern? —

Der Wagen hielt’s man leider nicht mehr aus, und seine Reparatur würde den Profit verschlingen, welchen die Stadt Hamburg an ihren ersten und einzigsten Passagieren erster Klasse machen würde. —

Zu wem sie nur wollen? — Und warum sie nicht lieber noch eine Stunde weiter nach Schloss Niedeck zum Grafen fahren? Der hat doch die Salons und Säle zur Auswahl! Aber freilich ... er der Graf ... Hm ... zu dem kommt schon längst kein vernünftiger Christenmensch mehr! Und es wäre doch so gut für die ganze Umgegend, wenn es wieder ein Leben auf dem Schlosse gäbe wie früher! —

Hüh — — — brr!! —

Gottlieb und der Kutscher schraken a tempo aus ihren schweren Träumen auf, denn die beiden alten Braunen welche den Weg vom Bahnhof bis zum „Hotel“ schon im Traume machten, standen selbstverständlich vor der Steintreppe der „Stadt Hamburg“ still, ohne erst einen diesbezüglichen Befehl abzuwarten.

Was nun! —

In seiner Herzensangst fasste der Schröder die Peitsche und knallte wie besessen darauf los. Erschreckt fuhren die Köpfe der unvermählten Herren, welche bei Frau Marthe ihren Mittagstisch erhielten, an die Fenster.

Gäste! Eine Dame und ein Herr!!

Der Apotheker und Steuerrevisor sassen wie versteinert vor Überraschung, und der Herr Auditeur liess vor Staunen sogar die Cigarre aus dem Munde fallen, nur der Gerichtsassessor zeigte sich als Mann von Welt, welcher die Contenance nicht so leicht verlor.

Er schnellte in die Höhe und erreichte mit zwei Sätzen die Nebenthür.

„Fräulein Klärchen, rufen Sie Vater und Mutter, es kommen Fremde! — — Weisse Schürze vor!!“ — schrie er voll Feuereifer der Tochter des Hauses, welche gerade die Kartoffeln abgoss, zu.

„Fremde?“ stotterte Klärchen mit weit aufgerissenen Augen. „I, Herr Assessor ... das kann ja gar nicht möglich sein!“ —

„Schnell doch, zum Kuckuck! Eine sehr elegante Dame!“ tobte der Assessor, und dann, als er den schlurrenden Schritt des Wirtes bereits auf dem Flur hörte, schnellte er zurück und hastete abermals nach dem Fenster. Aber er empfand plötzlich etwas wie einen feinen Stich im Herzen. Er schämte sich. — Also so weit war es seit den vier Jahren seiner Angerwieser Existenz schon mit ihm gekommen, dass ein paar anständig gekleidete Reisende ihn wie ein ungeheuerliches Evenement erregten! —

Schrecklich, — er ist bereits völlig verkaffert hier, er, der flotteste aller Studenten, der fescheste aller Grossstadtreferendare!! — tempi passati! Jetzt presst er die Nase an der Fensterscheibe platt, um mit schmerzlich süssem Grauen einmal wieder eine feine Dame anzustarren!

Sie steigt soeben aus, — von ihrem Begleiter gestützt, denn Vater Simmel, der Herr Wirt, steht in fassungsloser Verlegenheit und reibt sich die Hände.

Alle Wetter, dieses Füsschen, — ein weichlederner hoher Knopfstiefel umschliesst es in tadelloser Form, seidene, spitzenbesetzte Plissees bauschen unter dem langen Pelzmantel auf, dessen mächtiger Kragen das Köpfchen wie eine Löwenmähne umwallt. Jetzt sieht er das Gesicht. — Fein, — etwas bleich, mit einem Zug undefinierbarer Vornehmheit. Kühl — gleichgültig — gelangweilt — sehr hochmütig. Über aschblondes Haar fallen die Goldspitzen eines kleinen, dunkelsamtnen Capothütchens neuester Mode, der grossgetupfte Schleier spannt sich über das zartfarbene Antlitz, dessen halbgeöffnete Augen mit müdem Blick umher blicken, — auf die Regenlachen rechts und links der Treppe, auf die spiessbürgerlich gekleideten Weiber und Kinder, welche aus den umliegenden Hausthüren treten und gaffend näher drängen — auf die graugetünchte Front des alten Fachwerkhauses, über dessen niederer Thür das blaue Schild mit den verblassten Buchstaben der „Stadt Hamburg“ hängt, und schliesslich auf den Inhaber dieses Prachthotels, welcher in seiner grauen Wolljacke und der blauen Dienerschürze seinen eigenen Hausknecht zu repräsentieren scheint. Herr Simmel empfindet auch das Ungehörige seiner Erscheinung solchen Gästen gegenüber, und das lähmt vollends die Sinne dieses schon nicht sehr weltgewandten Wirtes.

Er steht, dreht sein Käppchen zwischen den Händen und macht einen tiefen Bückling um den anderen, dieweil sich sein rundes, gutmütiges Gesicht schier blaurot vor Verlegenheit färbt. Der fremde Herr, nicht minder elegant und vornehm wie seine Gattin aussehend, wendet ihm das scharfgeschnittene, etwas verlebte Gesicht mit huldvollem Augenzwinkern zu.

„Haben Sie Zimmer bereit, Verehrtester? Wir gedenken etliche Tage hier zu bleiben. Ich hätte uns telegraphisch angemeldet, wenn unsere Abreise sicher zu bestimmen gewesen wäre. — Wollen Sie uns zwei Stuben — Salon und Schlafzimmer — anweisen?“

Herrn Simmel blieb die Antwort vor Schreck im Halse stecken.

„Ew. Gnaden ..“ stotterte er und dann rollten seine wasserblauen Äuglein hilfesuchend umher, bis sie voll seligen Aufleuchtens an der Gestalt seiner Gattin haften blieben. Er stürzte der Nahenden atemlos entgegen; „Marthe — sieh du mal zu —!“ und damit verschwand seine korpulente Gestalt in rettender Flucht hinter der Thür, durch welche die Frau Wirtin ruhig und selbstbewusst soeben heraus trat.

Eine weisse Haube auf dem Kopf, eine schneeweisse Schürze über dem grauen Kleid, knixte Frau Simmel so feierlich, dass ihre hohe, grobknochige Gestalt kerzengrad hinabtauchte, wie Frau Erda, wenn sie sich von Wodan für die Unterwelt verabschiedet.

„Willkommen die gnädige Herrschaft!“ sagte sie würdevoll, und der Kutscher Schröder starrte sie an wie eine Vision, — hatte die Frau denn vollkommen ihre Wäsche, Würste, Schinken und Äpfel in der guten Stube vergessen? —

Der fremde Herr richtet seine Frage mit verbindlichstem Lächeln noch einmal an die bessere Hälfte des verschwundenen Wirtes, und während Schröder und Gottlieb mit stockendem Herzschlag atemlos ihrer Antwort harrten, knixte Frau Simmel abermals, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken und sprach:

„Wir sind auf so hohen Besuch nicht ganz vorbereitet, da etliche Zimmer neu tapeziert werden und die anderen heute morgen erst von Herrschaften verlassen wurden. Darf ich darum bitten, dass Ew. Gnaden für kurze Zeit mit einem einfachen, kleinen Zimmerchen fürlieb nehmen, — in zwei Stunden stehen Salon und Schlafzimmer zur Verfügung.“

„Ausgezeichnet“, nickte der Herr. „Es ist dir doch ebenfalls recht, liebe Melanie?“ —

Seine Begleiterin riss den Blick von dem Storchnest auf dem Nachbarhause los: „Es ist mir alles gleichgültig, ich finde mich darein, mon ami!“ — antwortete sie mit einer Stimme, welche wie ein halber Seufzer klang, dann legte sie die elegant behandschuhte Rechte auf den Arm des Gatten und stieg langsam, voll lässiger Grazie die steinernen Stufen empor. Voll andächtiger Scheu folgten ihr alle Blicke. Frau Simmel aber schwenkte stolz linksum und folgte triumphierend ihren Gästen erster Klasse.

„Hüh“, atmete Schröder tief auf, und der Omnibus ratterte in den Hof; Gottlieb aber folgte dem Wink seiner Gebieterin und sah voll Überraschung, dass der Mensch nie auslernen kann und Geistesgegenwart ein schönes Ding ist.

Er glaubte, nun werde eine wilde Jagd anheben, die Wäsche- und Würstestube schleunigst zu räumen, — aber nein, Frau Simmel nahm gelassen den Schlüssel vom grossen Ring und schloss rechter Hand vom Hausflur das Heiligtum ihres Hauses, die Putz- und Prunkstube der Familie auf.

Hier, wo sonst nur die Familienfeste gefeiert und zweimal im Jahre ein Honoratiorenkaffee gegeben ward, wo alle steifbeinigen Polstermöbel in geblümten Kattunhöschen steckten und die Luft geheimnisvoll nach Kampfer und Naphtalin roch — hier riss die Wirtin zur „Stadt Hamburg“ kurz entschlossen die Fenster auf, kommandierte „Ausfegen — Feuer machen — Möbel bürsten!“ und schritt gelassen in das Nebenzimmer, einer grossen, zweifenstrigen Eckstube, in dessen Mitte ein Billard stand und an dessen Wänden die Kupferstiche längst verewigter Landesväter und Mütter hingen, zwischendurch die Glaskästen voll bunter Schmetterlinge, welche der verstorbene Onkel Schullehrer gesammelt, und eine Landschaft aus Kork geschnitzt, hinter Glas und goldpapierenem Rahmen, eine Kunstleistung des Grossvaters, welcher Buchbinder gelernt hatte.

Diese Stube ward nur im Winter geöffnet, wenn der Kriegerverein und die Bürgerressource ihre Bälle in der „Stadt Hamburg“ abhielten und das würdige Alter sich aus dem Saal zurückziehen wollte, welcher sich als Seitenflügel besagtem Billardzimmer anschloss.

Emsige Hände verwandelten es blitzschnell in eine recht behagliche, wenn auch etwas altfränkische Schlafstube, und Frau Simmel nickte schmunzelnd vor sich hin, als ihr Gatte sie in wahrem Wonnerausch umarmte und beinahe schluchzend vor Rührung hervorstiess:

„Ja, Alte, wenn du nicht wärst! — Jung Vieh hat junge Kraft — aber die alten Klepper ziehen die Karre aus dem Dreck —! Wenn das unser Klärchen hätte ausrichten sollen — du lieber Gott!“ — Frau Marthe drückte das Kinn steif an und zog die Schultern hoch. „Schnickschnack — das Mädel braucht’s nicht; die soll höher hinaus. Ist nicht zur Wirtin geboren. — Und nun marsch dich, Vater, und frag droben an, was die Herrschaften speisen wollen.“

An der Thür der blauen Eckstube klopfte es. Die Stimme des fremden Herrn rief ein kurzes „Herein!“ — und nach zögerndem Druck auf die Klinke erschien der Gastwirt der „Stadt Hamburg“ auf der Schwelle.

Die Wolljacke und Schürze waren gefallen, — ein feierlicher schwarzer Gevatterrock, ein weisser Kragen und blau getupfte Krawatte zeigten an, dass Vater Simmel wusste, was man Passagieren erster Klasse an Respekt schuldet. Er machte einen devoten Kratzfuss und räusperte sich.

Der vornehme Veilchenduft, welcher dem geöffneten Handkoffer entströmte, und welchen die Dame mittels eines fein geschliffenen Flacons just in alle Ecken sprühte, benahm ihm den Atem, er wagte kaum zu existieren in dem seines Nichts durchbohrenden Gefühl!

Der Herr stand am Fenster, — er wandte den Kopf und blickte den Wirt fragend an, — und die Dame setzte das Parfümglas nieder auf den Tisch und sank seiderauschend in die Ecke des alterschwachen Kattunsofas. — Auch sie richtete die müden Augen in stummer Frage auf den armen Simmel, der gar nicht begriff, dass das Sofa aus Schreck über die Ehre, welche ihm angethan ward, nicht zusammenkrachte. Er sprach noch immer nicht.

Da erbarmte sich der fremde Herr.

„Wünschen Sie etwas, Herr Wirt?“ fragte er so überaus freundlich, dass dem Besitzer der „Stadt Hamburg“ das Blut in die Wangen schoss.

„Ich ... ich wollte mir allerunterthänigst die Frage gestatten ... Ew. Gnaden ... wann die allergnädigste Herrschaft zu speisen ... und vielleicht was es geben soll ... meint meine Frau ...“

„Ah richtig — es dürfte Zeit zum Gabelfrühstück sein!“ nickte die Dame mit leichtem Seufzer.

„Frühstück? ... es ist ein Uhr mittags — gnädige Frau!“ stotterte Simmel entsetzt.

Der Herr lachte leise auf. „Ganz recht, und das ist in Angerwies die Tischstunde. Liebe Melanie, wir werden uns den Sitten des Landes fügen, denn es ist das einzig Wahre und Vernünftige, wenn die Menschen um ein Uhr zu Mittag essen, nicht wahr, mein sehr verehrter Herr Wirt? Ich gebe Ihnen vollkommen recht darin.“

Herr Simmel erglühte vor Entzücken, denn der Fremde sprach voll gewinnendster Liebenswürdigkeit und fuhr näher tretend fort: „Nun dann sagen Sie uns einmal, was Ihre Frau für den Mittagstisch gekocht hat? Ich sah, dass ein paar Herren drunten im Speisezimmer am gedeckten Tische sassen, es gibt also doch table d’hôte bei Ihnen, wie dies in Ihrem vorzüglich renommierten Hotel zu erwarten war?“ Der Herr Wirt schnappte vor Entzücken nach Luft: „Zu viel Gnade — Herr ... Herr ...“

„Herr Graf“ — fiel der Fremde mit gnädigem Kopfnicken ein.

Simmel sank beinahe in die Knie ... „Herr Graf! — Aber unsere table d’hôte dürfte den hohen Herrschaften doch wohl viel zu einfach sein — — —“

„Na kommt darauf an. Also was gibt es?“ —

„Hafersuppe mit Backpflaumen ...“

Ein leiser Laut von dem Sofa herüber, — der Graf aber wandte mit schnellem Blick den Kopf und die Gräfin hustete schwach und leidend in ihr Taschentuch.

„Vorzüglich, ich schätze diese Suppe sehr!“ fuhr der Graf verbindlichst fort, — „was weiter? —“

„Hammelkoteletts mit Schnittbohnen!“ —

„Frische Bohnen bereits?“ — richtete sich die Gräfin interessiert auf. —

Herr Simmel erbleichte vor Schreck: „Um diese Zeit — im März??“ stiess er hervor.

Abermals lachte der Graf leise auf. „Aber teuerste Melanie, — du hast nie eine Bohne wachsen gesehen, darum muss der Herr Wirt deine Frage verzeihen! Es sind selbstverständlich Büchsenbohnen!“ „Fassbohnen, Herr Graf!“ verbesserte Simmel demütig, „aber weich wie Butter! Meine Alte hat sie selber eingelegt und versteht sich darauf!“ Die Gräfin sank wie vernichtet in die Sofaecke zurück, aber ihr Gemahl lächelte sehr jovial: „Davon bin ich überzeugt, — Ihre Frau soll ja eine Meisterin der Kochkunst sein! — Und damit sind wir am Ende?“

Nun wuchs der Gefragte wieder selbstbewusst empor. „Noch Hühnerbraten mit Kartoffelsalat!“ setzte er stolz hinzu: „Der Herr Assessor hat es so eingeführt, dass wir drei Gänge haben, — Sonntags sogar noch eine süsse Speise.“

„Ei, das ist ja fabelhaft! Nun, Sie haben mir bereits den Mund wässerig gemacht, bester Herr, und bitte ich, sogleich für uns servieren zu lassen.“

„Die Herrschaften wünschen hier oben zu speisen?“ Die Gräfin wollte lebhaft zustimmen, — aber wieder traf sie der seltsame Blick des Grafen.

„O nein, warum das? Wir lieben die Gesellschaft“, lächelte er abermals sehr huldvoll, „und werden an der table d’hôte speisen.“ — „Herr Graf!!“ wie ein Schrei des Entzückens klang es.

„Wer sind die Herren, die das Mahl mit uns teilen werden?“ —

„O gnädigste Gräfin — sehr feine, sehr anständige Herren, nur Honoratioren der Stadt —! Da ist der Herr Assessor Bärning — früher in den grössten Städten gewesen, der Vater sogar Geheimrat — dann der Herr Apotheker — ein sehr vermöglicher Herr, dem das grosse Eckhaus drüben am Markt gehört — dann der Herr Kreissyndikus, dessen Mutter sogar vom Adel gewesen, — der Auditeur ...“

„Schon gut! schon gut! Das sind ja höchst respektable, ehrenwerte Herren, mit denen zu speisen ein Vergnügen und ein Vorzug ist; — wollen Sie das den Herren bitte sagen und uns an ihren Tisch placieren, — wir kommen sofort.“ —

Herr Simmel stolperte über die Schwelle zurück, wie betrunken vor Entzücken. Atemlos kam er in die Gaststube und richtete seinen Auftrag aus: „Der Herr Graf und die Frau Gräfin werden hier unten bei Ihnen speisen!“ —

Wie eine Bombe wirkten diese Worte. Der Assessor bekam zwei rote Flecken auf den Wangen, und sprang empor. „Noch zehn Minuten warten! Ich muss Toilette machen, wenn wir Damenbesuch erhalten —“ schrie er und stürzte wie ein Blutvergiesser aus dem Zimmer. Ihm nach in wilder Eile die anderen Herren, welche nicht hinter dem tonangebenden Genossen zurückstehen wollten.

Fräulein Klärchen deckte währenddessen den Tisch neu um, — lauter frische Wäsche, obwohl es unter Frau Marthes Szepter überall sauber aussah. — Sogar ein Strauss von frischem Tannengrün und Epheu schmückte die Tafel. —

Endlich erschienen die Herren wieder auf der Bildfläche, pomadisiert, rasiert und sonntäglich gekleidet. Der Assessor trug die goldene Uhrkette mit den vielen Berloques und den Diamantring am kleinen Finger, — der Apotheker hatte über die linke Hand einen Handschuh gezogen, weil er einen schlimmen Finger hatte und der Lappen darum ihm nicht fein genug deuchte. Man stand voll feierlicher Spannung und erwartete die hohen Gäste. Endlich rauschten die seidenen Nöcke auf der steilen Holztreppe. Am Arm ihres Gatten betrat die Gräfin das Speisezimmer. Ohne Pelz und Hut sah sie noch schöner aus und dem Assessor wallte das Blut zum Herzen, wie von süsser Erinnerung an bessere Zeiten — an elektrisches Licht, — Professorenbälle und den ganzen Zauber des grossstädtischen high life! —

Die stahlblaue, schwere Seide umspannte tadellos die schlanke und doch üppige Figur, die blonden Haare schimmerten matt über der weissen Stirn, und wenn auch das Gesicht bei näherer Betrachtung nicht sehr frisch und nicht regelmässig oder anziehend in seinem Ausdruck war, so wirkte es doch geradezu verblüffend vornehm.

Diese letzte Art war auch dem Grafen in hohem Masse eigen. Er sah aus wie ein Diplomat. Im Grunde genommen schienen seine Züge und Augen kalt, berechnend, — seelenlos wie ein Stein, — aber wenn er mit seiner leisen, einschmeichelnden Stimme sprach, legte sich das farblose Gesicht in die liebenswürdigsten Falten, und es hatte geradezu etwas Berauschendes, wenn dieser sichtlich sehr verwöhnte, kluge Mann voll gewinnendster Höflichkeit die Meinungen seiner Tischgenossen anerkannte und jedem der Herren etwas Angenehmes zu sagen wusste. Sein Haar war leicht ergraut und schon etwas gelichtet, aber der Schnurrbart noch tiefschwarz und auf das eleganteste gekräuselt, das machte ihn interessant. — Schmale, bleiche Hände mit langgebogenen Nägeln verrieten den Aristokraten. Die Gräfin war steifer und einsilbiger wie ihr Mann, aber sie ward lebhafter, als ihr Nachbar, der Assessor alle alten Künste des Courmachens heraufbeschwor und die schöne Frau in allen Tonarten anschmachtete.

Ein paarmal stand ihm schier das Herz still, in süsser Wonne, als Frau Melanie in ihrer nachlässigen Weise ein ganz klein wenig mit ihm kokettierte und als sie schliesslich einen Apfel schälte, ihn mit den diamantglitzernden Händchen graziös zerteilte und den Teller bei den Herren in die Runde schickte, wäre wohl ein jeder für sie durch das Feuer gegangen.

Namen und Wohnort hatte man noch nicht erfahren und wagte auch selbstverständlich nicht, dies zu erforschen. Man erfuhr nur, dass der Graf nach einer Friseuse für die Gattin und einem Kammerjungferdienste leistenden Stubenmädchen gefragt hatte. — Umstände halber war es nicht möglich gewesen, die eigene Dienerschaft mitzunehmen.

Dass die Herrschaften in der Residenz lebten und intim bei Hofe verkehrten, ging aus jedem Wort hervor.

Auch grosse Reisen im In- und Auslande hatten sie gemacht, — und trotz all dieser gewiss namenlosen Verwöhnung waren sie die gewinnendste Güte und Nachsicht!

Der Graf richtete die huldvollsten Worte an Frau Marthe und lobte ihr Essen ganz ausserordentlich, „es sei ein Genuss, solch meisterlich bereitete Speisen zu essen.“ —

Da hatte er die Stelle getroffen, wo die biedere Wirtin sterblich war. — Ganz geschwollen vor Stolz und Glück schritt sie einher, und all die Basen und Gevatterinnen welche die Neugierde zu ihr in die Küche trieb, hörten eitel Begeisterung über die feinsten aller Gäste.

Als sich die Tafel bereits ihrem Ende näherte, sah die Gräfin plötzlich angestrengt aus dem Fenster, vor welchem sich, bequem zu übersehen, der holprige, ziemlich grosse Marktplatz mit dem überdachten Brunnen in der Mitte, ausdehnte.

Ihr Blick schärfte sich, — unbemerkt stiess sie ihren Gatten mit dem Fusse an und dieser folgte der Richtung ihres Auges.

Da sah er etwas Überraschendes!

Quer über das Pflaster stolperte eine ganz seltsam aussehende Männergestalt.

Eine kleine gedrungene Figur stak in einem Schafpelz — die Haare nach innen — welcher den Eindruck eines Sackes machte und um die Taille nur einen scharfen Einschnitt aufwies, welchen ein — als Gürtel benutzter Gerick gezogen.

Klobige hohe Stiefel von Rindsleder machten die Füsse zu wahren Monstrums und der sehr dicke Kopf mit breitem, bartlosem, starkgerötetem Gesicht trug eine Pelzmütze, wie sie in der Kinderstube der Knecht Ruprecht vor Weihnachten als schreckenerregendes Requisit zur Schau trägt.

Der seltsame Mann rannte mit vorgestrecktem Halse in stierem Eifer daher, — fuchtelte mit den Händen in die Luft und schien laute Selbstgespräche zu halten.

Seltsamerweise sahen ihm ein paar Strassenjungen nur grinsend nach, ohne johlend neben der auffallenden Erscheinung herzutraben. Dieselbe musste also wohl in Angerwies schon bekannt sein. — Graf und Gräfin wechselten blitzschnell einen Blick des Einverständnisses, ja der Gatte machte eine jählings zustimmende Kopfbewegung. Da nahm Frau Melanie ganz wie von ungefähr ihre langstielige Lorgnette von ciseliertem Gold zur Hand und blickte noch einmal hinaus, diesmal offiziell.

Und dann stiess sie einen leisen, entsetzten Laut der Überraschung aus, welcher jedes Gespräch verstummen machte, wies nach der seltsamen Gestalt auf dem Marktplatz und rief mit sehr harter, lauter Stimme und ganz besonderem Ausdruck: „Mon Dieu, wie schrecklich, da läust ja ein Verrückter!!“ —

II.

Fama, behende vom Schwung, wie sonst kein anderes Scheusal, Rührigkeit mehrt ihr Gedeihn, und kräftiger wird sie im Fortgehen; Anfangs klein und verzagt; bald hoch in die Lüfte sich hebend Tritt sie einher auf den Boden und birgt in den Wolken die Scheitel!

Virgil

Eine verlegene Stille entstand.

Der Assessor räusperte sich mit vielsagendem Blick ringsum, der Apotheker neigt sein spitzes Kinn auf den Teller und kicherte leise auf, und als der Auditeur sogar laut in seine Serviette prustete, und der bedienende Simmel die breite, rote Hand mit gespreizten Fingern vor das Gesicht presste, wie einer, der halb erschrocken, halb belustigt seine Gefühle verbergen will, — da gab es kein Halten mehr, ein lautes, wohlthuendes Gelächter erscholl.

Die Gräfin machte ein sehr reizend naives Gesicht und wandte sich zutraulich zu ihrem entzückten Nachbar: „Stimmt es wirklich, Herr Assessor? Habe ich das Rechte getroffen?“ —

Der Gefragte verneigte sich: „Gnädigste Frau — haben wenigstens die Ansicht von Angerwies und Umgegend ausgesprochen!“ — lachte er noch immer. „Man kann ja manches denken, was man aus Respekt nicht in Worte kleiden darf.“

„Aus Respekt?“ — Der Graf nahm noch einmal die Weinkarte zur Hand und winkte dem Wirt: — „Ich bitte Sie um alles, bester Herr Assessor, wer ist jenes Monstrum im Schafpelz, dass es Respekt von Menschen verlangen kann, in deren Augen es sich selber so lächerlich herabsetzt?“

Abermals jubelndes Gelächter, dann kicherte der Apotheker: „Vor dem Schafpelz hat man allerdings keine Devotion — wohl aber vor dem Namen, welchen er umhüllt! Der seltsame Herr da draussen war der Reichsgraf Willibald von Niedeck, der Besitzer eines der reichsten und herrlichsten Majorate, welche das deutsche Vaterland kennt!“

Ein leiser Aufschrei der Überraschung tönte von den Lippen der fremden Gräfin, sie presste das spitzenbesetzte, duftende, weissseidene Taschentuch gegen die Lippen, als fürchte sie eine Ohnmacht. „Schauderhaft! shoking!!“ stöhnte sie auf. „Sie scherzen, lieber Assessor! — Wenn dieser Mensch der reichste, vornehmste Majoratsherr ist — dann gehört er entweder in seine eigene Rumpelkammer oder — in das Irrenhaus!!“ —

Der Assessor zuckte mit vielsagendem Blick die Achseln, der Graf aber schien ganz in die Weinkarte versunken. Mit gewinnendstem Lächeln sah er jetzt auf.

„Ich finde, meine sehr verehrten Herrschaften, dass wir hier äusserst gemütlich zusammen sitzen und gar nichts besseres thun können, als diese scharmante Tischstunde noch ein wenig auszudehnen! Das Regenwetter fesselt uns heute so wie so an das Zimmer, darum bitte ich die Herren, mir als liebe Gäste noch ein Weilchen Gesellschaft zu leisten. Mein bester Meister Simmel, ich lese dass Sie auch Sekt in dem Keller haben! Lassen Sie, bitte, eine Flasche sogleich herauf bringen, und vier andere auf Eis legen, — ich freue mich, die Repräsentanten der Angerwieser ersten Gesellschaft dazu einzuladen!“ —

Welch eine Wirkung hatten diese Worte! Vater Simmel stand einen Augenblick, als traue er seinen Ohren nicht, — dann verklärte ein geradezu traumhaftes Lächeln sein Antlitz, und beide Hände ineinander schlagend wie einer, welcher sein Glück nicht fassen kann, wankte er zur Thür. Die zwölf Flaschen echt französischen Sektes, welche im Keller lagerten, deuchten ihm längst die Nägel zu seinem Sarge. Er hatte sie anlässlich der Hochzeit des reichen Brennereibesitzers kommen lassen, aber vierzehn Tage vor der Hochzeit starb der Bräutigam, und nun gab es in Angerwies keine Gelegenheit für französischen Champagner, der deutsche billige Schaumwein war sein Todesurteil. In seiner Verzweiflung hatte Simmel dem Grafen Willibald Niedeck den kleinen Posten angeboten, war aber zu seinem tiefen Groll abschlägig beschieden worden! Und nun, als er das teuere Schmerzenskind Cliquot schon längst zu Grabe gelegt hatte im Keller, kam dieser herrliche, unvergleichliche, fremde Märchengraf und sprach sein Zauberwort, welches den Sesam öffnete! — Das war eine That, welche ihn ewig zu des Fremden Schuldner machte!

Und nun gar die Gesichter der umsitzenden Herren, welche heute, am simplen, werktägigen Mittwoch für ganz umsonst echt französischen Champagner trinken sollten.

Hohe Glut stieg in aller Wangen, — linkische Verbeugungen, unverständlich gemurmelte Worte des Dankes antworteten auf die entzückende Einladung.

Der Apotheker trat in seiner Herzensfreude seinem Nachbar beinahe die Zehen unter dem Tische ab, und der Auditeur kniff und schuppte seinerseits unbemerkt, aber energisch den Postassistenten, dass diesem siedeheiss ward.

Nach der ersten beglückt verlegenen Stille ergriff die unbändig geschmeichelten Herren eine wahre Quartanerfröhlichkeit; der Graf liess zu allem Überfluss noch sein Cigarrenetui die Runde machen, aus welchem die echten Havannas einen Duft ausströmten, dass der Apotheker mit feucht verschwimmenden Augen flüsterte: „Kinder, das sind solche ‚Festrüben‘, von denen damals unsere Deputation zum Fürsten erzählte!“

Der Graf wandte sich an seine Gemahlin: „Ist es dir unangenehm, wenn wir rauchen, liebe Melanie? Befiehltst du, dass ich dich in dein Zimmer zurück führe?“ —

Der Assessor fuhr erschreckt zusammen, sein Blick traf wie ersterbend in Schmerz die schöne Nachbarin, und die Gräfin war keine Turandot. Mit reizender, beglückender Anmut lächelte sie ihm zu und schüttelte dann den Kopf: „Nein, Rüdiger, wenn es nicht geniert, möchte ich euch Gesellschaft leisten. Drüben langweile ich mich allein, während hier in scharmanter Weise für meine Unterhaltung gesorgt wird!“ Dabei zuckte wieder ein Blick wie ein zündender Funken zu dem Assessor hinüber, welchem bei so viel Huld ganz schwindelig ward.

Und dann kam der Sekt und perlte in den Gläsern, und der Graf setzte aller Leutseligkeit die Krone auf und liess noch ein Glas bringen, um es für den „wackeren Hausherrn“ füllen zu lassen! Das war zu viel für Vater Simmel! Helle Thränen traten ihm in die Augen.

Der Graf aber nahm den abgerissenen Faden der Unterhaltung wieder auf.

„Wenn ich vorhin recht verstand, meine Herren, war der verrückte Mensch in der Bärenmütze der Graf Willibald Niedeck! Es interessiert mich aufs lebhafteste, von diesem närrischen Kauz das Nähere zu hören! In der Residenz erzählt man sich ja schier unglaubliche Dinge von ihm, aber es scheint doch manches unwahr und übertrieben zu sein, denn man erzählte zum Beispiel noch jüngst bei Hofe, der Graf habe die Weltordnung auf den Kopf gestellt, er schlafe am Tage und wache in der Nacht. Nun sehen wir ihn aber doch soeben in heller Mittagsstunde spazieren gehen?“ — Der Apotheker hielt sein Spitzglas mit der unbehandschuhten Rechten krampfhaft umklammert. Der Wein prickelte ihm noch in der Nase.

„Ja, ja — der Herr Graf haben aber trotzdem recht“, rief er erregt, „nur mit dem Bemerken, dass der Niedecker seine Passionen wie die Hemden wechselt! Noch vor vier Wochen lebte er ausschliesslich in der Nacht. Um zwölf Uhr wurde ihm das Diner serviert, dann ging oder rannte er vielmehr wie ein Bürstenbinder querfeldein durch den Park. Als er bei einer solchen Promenade aber in der Dunkelheit stürzte und sich den Fuss verstauchte, hat er das Nachtleben wieder aufgegeben!“

„Unerhört, er muss in ein Tollhaus!!“ alterierte sich die Gräfin.

„Und nun huldigt er wieder anderen Marotten?“ forschte ihr Gemahl kopfschüttelnd.

„Es wird alle Tage schlimmer mit ihm!“ nickte der Postassistent mit fehdelustigem Blick. „Ich fuhr jüngst einmal nach Niedeck hinaus, um ein grösseres Kapital sicher hinzubringen, aber ich gestehe ehrlich ein, dass ich so viel Blödsinn nicht erwartet hätte!“ —

„Unsinn — er ist überhaupt gar kein richtiger Graf! er heisst man bloss so!“ — grollte Vater Simmel verächtlich dazwischen.

„Ah, interessiert mich lebhaft! Was sahen Sie zum Beispiel, mein verehrter junger Freund?“ Der Graf lächelte ihm zu und der Assistent erglühte vor Stolz.

„Nun, hochverehrter Herr —“ antwortete er hitzig und sichtlich froh, zu Worte zu kommen und die feinen Herrschaften interessant unterhalten zu können, „wie ich zum Beispiel ankam, nahm ich an, dass man mich in das wundervolle Schloss zum Grafen führen würde. Ich sah alle Fenster erleuchtet und war überzeugt, eine grössere Gesellschaft zu treffen, obwohl ja die Dienerschaft erzählt, dass der steinreiche Mann niemals eine Menschenseele zu sich einlade — —“

„I wo, er kauft ja nicht für fünf Pfennige in Angerwies“, brummte Simmel abermals dazwischen; ja, zu Lebzeiten der alten Herrschaften, da soll ein echt gräfliches Leben auf Niedeck gewesen sein; da wurden alle Geschäfte in der Stadt reich, — aber bei dem jetzigen da werden wir allesamt bankrott!“ —

„Das ist ja sündhaft! Der Mann hat doch Verpflichtungen gegen die Kaufleute!“ — ereiferte sich die Gräfin, der Assistent aber fuhr nach neuem Schlucke fort: „Ich suche also den Herrn Grafen in Gedanken in seinem schönen Schloss, und wo finde ich ihn??“ —

„Nun?“

„In der Kutscherwohnung des Hofgebäudes!“

„Undenkbar!!“

„Aber wahr, Herr Graf! Jetzt weiss es ja auch schon die ganze Stadt! Ja, da hat der Niedecker die unglaubliche Hirnverbranntheit, sich in dem niedrigsten, ärmlichsten kleinen Loche einzuquartieren, wo er doch den schönsten Prachtbau des ganzen Landes sein eigen nennt! Der Kutscher mit seiner Familie wohnt nun in den schönen Parterresälen, und der Herr Graf haust in zwei winzig kleinen Käfigen in dem Hofgebäude! Jeden Abend muss das ganze Schloss von oben bis unten glänzend erleuchtet werden, aber die Zimmer stehen öde und leer, der Majoratsherr selber setzt keinen Fuss hinein.“

„Nun —, hat er denn einen vernünftigen, stichhaltigen Grund dafür?“

„Das man nicht wüsste!“

Der Graf schüttelte den Kopf. „Er ist geisteskrank, so beträgt sich kein vernünftiger Mensch!“

„Ja, man sollte es wirklich annehmen, dass eine Schraube bei ihm lose ist!“ lachte der Assessor mit glühender Stirn; die Gräfin hatte ihr goldenes Cigarrenetui aus dem Kleide gezogen und mit graziösen Fingerchen zwei Cigaretten gedreht, eine für den Assessor, eine für sich; nun sass sie und blies die blauen Rauchwölkchen durch die feinen blassfarbenen Lippen, — so ganz der Typus der eleganten Frau, für welche Bärning stets eine Leidenschaft gehabt.

„Zum Beispiel grenzt es doch auch schon an Verrücktheit, dass er einen Marstall edelster Pferde für seine Dienerschaft hält!“ —

„Für seine Dienerschaft?“

„Gewiss, nur für Kutscher und Bediente, die elegante Equipage fährt täglich spazieren, ohne dass der Herr Graf jemals in derselben Platz genommen hätte. Bei Wind und Wetter trabt er zu Fuss hinter dem Wagen her, bei Hitze und Sonnenglut keucht er schweisstriefend die weitesten Wege auf Schusters Rappen, dieweil sein Marstall kaum noch die Zahl der edelsten Rosse fassen kann!“ —

„Das ist ja einfach hirnverbrannt!“ schüttelte der Graf entrüstet den Kopf. „Wenn er dann die Reitpferde wenigstens Ihnen, meine Herren, zur Verfügung stellte und die Schönen von Angerwies in dem Wagen spazieren fahren liess!“

Schallendes, ingrimmiges Gelächter. Dieser Filz! Dieser Geizhals! Er kennt uns ja kaum, er verkehrt ja mit keinem Menschen in der Stadt!“

„Und doch wäre dies seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit!“ rief die Gräfin eifrig. „Er sollte alle paar Tage ein schönes, grosses Fest auf Schloss Niedeck geben und die Gesellschaft von Angerwies dazu einladen! Mon Dieu — Rüdiger — wenn wir an Stelle des verrückten Menschen wären, wie wollten wir anders für das Wohl von Land und Leuten sorgen! Bester Herr Assessor, Sie würden allerdings schlecht dabei wegkommen“ — fügte sie mit leisem Lachen und bezauberndem Blick hinzu, „Sie müssten Tag aus Tag ein mein Kavalier sein und mich zu Wagen und Ross begleiten!“

„O, gnädigste Gräfin — kaufen Sie Niedeck!“ rief Bärning enthusiastisch, und die anderen Herren griffen stürmisch zu den Gläsern und jubelten mit weinschweren Köpfen: „Hurra! das ist eine Idee! Herr Graf, Sie müssen Niedeck kaufen!“

Der Fremde zuckte mit seltsamem Lächeln die Achseln. „Ein Majorat kaufen, meine Herren? Dieses Kunststück machen Sie mir einmal vor!“ Er strich langsam den spitzengedrehten Schnurrbart, dann hob er in jähem Entschluss den Kopf.

„Meine Herren“ — rief er laut — „können Sie schweigen?“ —

„Herr Graf! — Wie das Grab!“ — klang es zurück, während die weinseligen Gesichter sich voll fiebernden Interesses über den Tisch neigten. „Ihr Vertrauen ist uns königliche Ehre!“ —

„Nun denn, meine Herren — Sie sehen in der Gräfin und mir die künftigen Besitzer von Schloss Niedeck! Ich habe die Ehre, mich Ihnen bekannt zu machen — last not least! ... Ich bin Rüdiger, Graf zu Niedeck.“ —

Wie gelähmt vor Überraschung sassen die Herren, einen Augenblick herrschte beklommenes Schweigen, dann erhob sich der Apotheker, verneigte sich tief und schuldbewusst und stotterte: „Wir hatten keine Ahnung, Herr Graf ... ich bitte für uns alle ganz unterthänigst tausendmal um Entschuldigung, dass wir es gewagt haben, so sehr abfällig von Ihrem hochgeborenen Herrn Vetter zu sprechen!“ —

Der Graf schüttelte lachend den Kopf, streckte dem Sprecher herzlich die Hand entgegen und drückte sie lebhaft.

„Mein verehrter Herr“ — lachte er — „ich bitte Sie um alles, keine Exküsen! Sie haben die volle, lautere Wahrheit gesagt, welche ich Wort für Wort unterschreibe! — Meine Herren! Ich bin für gewöhnlich nicht so schnell mit Bekanntschaften machen, aber ich muss gestehen, dass Sie alle mir einen so ausserordentlich sympathischen Eindruck machen, dass ich das Gefühl habe, guten, langjährigen Freunden gegenüber zu sitzen, und dass dies noch in Wirklichkeit durch lange Jahre der Fall sein möge — darauf, meine Herren, lassen Sie uns die Gläser leeren! — Meine zukünftigen Gäste auf Schloss Niedeck, sie leben hoch!“

Ein brausendes Hurra erfüllte das Zimmer. Wie ein wahrer Rausch überkam es die geschmeichelten Herren. — Sie warfen sich in die Brust, als habe sie das Wort des Grafen allesamt zu Rittern geschlagen, — sie schüttelten und drückten ihm die Hände mit einem Enthusiasmus, als gälte es, ein einiges Deutschland zu feiern. Ein vereinigtes „Angerwies und Niedeck“ schien allen in diesem Augenblick noch tausendmal wichtiger und weihevoller. Der Assessor lüsste schon zum dritten Male die Hand der Gräfin und rief leidenschaftlich: „Die künftigen Herren von Niedeck! Wann bricht aber diese goldene Zukunft für uns alle an, gnädigste Gräfin?“ —

Eine atemlose Stille trat ein. „Ja, wann bricht sie an?“ wiederholte der Apotheker mit sehnsuchtsvollem Seufzer.

Der Graf blickte ernst in sein Glas. — „Wenn mein Vetter zu seinen Vätern heimberufen wird, meine Herren, und das möge noch Zeit und Weile haben, ich will ihm sein Leben bei Gott von Herzen gönnen, wenngleich er in seinem traurigen, geistigen Zustand nicht viel Genuss davon hat, und auch anderen nicht zum Glücke dient. — Ich weiss nicht, ob Sie mit unseren Familiensatzungen vertraut sind, meine Herren? — Nein? — das wundert mich, denn dieselben sind so eigenartig, dass sie als Absonderlichkeiten im ganzen Lande bekannt sind und viel besprochen werden. Der Vater meines Vetters Willibald und der meine waren Brüder. Nach Recht und Gesetz erbte der Ältere, Willibalds Vater, das Majorat, und diesem folgte rechtmässig sein einziger Sohn, der jetzige Besitzer. Obwohl Willibald seit Jugend auf ein absonderlicher Kauz war und den Begriff „Degeneriert“ leider stark bewahrheitete, schien doch für mich wenig Aussicht auf das Erbe, und darum heiratete ich ohne Rücksicht auf die wichtigste aller Majoratsklauseln meine schöne Frau hier ...

„Schmeichler!“

„Die volle Wahrheit, schöne Gräfin!“

„Obwohl ich dadurch für mich persönlich jedes Recht auf das Majorat aufgab.“ —

„Mein Gott, in wie fern das, Herr Graf?!“ —

„Meine Frau ist eine geborene Bürgerliche, die Tochter eines unserer bedeutendsten Industriellen des Landes, — wer jedoch Majoratsherr von Niedeck sein oder werden will, darf nur eine Gattin mit sechzehn Ahnen, die Tochter eines im Lande angesessenen Adelsgeschlechtes heimführen ...“

„Wie absurd! — unerhört!! — lächerlich!!!“ —

„Ja, meine Herren, die Klausel ist nicht nur lächerlich, sondern unhaltbar, denn bei unseren heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen gehört eine Dame mit sechzehn Ahnen zu den grossen Seltenheiten, sie ist kaum noch im deutschen Reiche zu finden, geschweige denn in unserem kleinen Ländchen, wenn sein Adel auch als einer der exklusivsten noch gilt. Ein tadelloser Stammbaum von derartiger Höhe ist nur noch bei zwei Familien des Landes zu finden, und der Zufall wollte es, dass just für unsere Generation — ich meine für Willibald und mich, keine heiratsfähigen Töchter vorhanden waren. Ich sah ausserdem meine kleine Frau — und damit war mein Schicksal besiegelt.“ —

„O, wie begreiflich!“ flüsterte der Assessor mit schwärmerischem Blick.

„Ich persönlich kann also niemals mehr Besitzer und Majoratsherr von Niedeck werden, sondern mein ältestes Söhnchen wird erst in diese Rechte treten, wohl aber kann ich als Vater und Vormund des Kindes das Erbe für ihn verwalten, falls Willibald vor dessen Volljährigkeit sterben sollte.“ Der Sprecher schwieg, — nachdenklich starrten die Herren in die Gläser.

„Wie sehr traurig liegen die Verhältnisse für uns, Herr Graf!“ seufzte der Apotheker, „denn ich fürchte, so krank auch der Geist des Herrn Grafen sein muss, so kerngesund ist sein Körper und lässt ihn ein sehr hohes Alter erreichen!“ —

„O, das wäre gleichgültig, wenn wir ...“ rief die Gräfin sehr eifrig, verstummte aber unter dem scharfen, warnenden Blick, welchen ihr Gatte ihr zuwarf.

„Wenn wir wenigstens zeitweise als Gast auf Niedeck weilen und unsere liebenswürdigen Freunde hier bei uns sehen könnten!“ — fiel er ihr schnell mit gewinnendem Lächeln ins Wort, „nun, die Hoffnung müssen wir aufgeben, mein Kind, denn du weisst, dass Willibald und ich uns als feindliche Vettern gegenüber stehen. Ich huldige der Devise: Leben und leben lassen! und bin bemüht, durch mein Geld auch anderen Menschen Freude und Genuss zu verschaffen. Willibald dahingegen ist ein knickeriger Egoist, welcher kein Herz für seine Mitmenschen hat!“

„Das stimmt!“ klang es erbittert im Kreise.

„Wird denn aber ihr Söhnchen eine Frau mit sechzehn Ahnen finden, Herr Graf?“ fragte der Postassistent schüchtern, — die Sache ging ihm gewaltig im Kopf herum und beunruhigte ihn ersichtlich.

Graf Rüdiger lachte: „Ja, mein lieber Müller, dafür habe ich schon beizeiten Sorge getragen. Mein ältester Junge ist jetzt zehn Jahre alt, und bei dem Freiherrn von Nördlingen-Gummerbach ist vor vier Jahren ein reizendes, blondhaariges Töchterchen geboren, welches recht arm an Geld, aber desto reicher an Ahnen ist.

Diese kleine Pia ist die gegebene Frau für meinen Wulff-Dietrich. Bei ihrer Taufe haben wir Väter die Sache bereits abgemacht, und ich erachte das kleine Elfchen schon völlig als Schwiegertochter, denn sie muss es werden, es gibt keine andere Frau im Lande für den Niedecker. — Nun aber noch einmal an die Gläser, meine Herren! Das Wetter klärt sich auf und Papa Simmel muss uns einen Wagen beschaffen, dass wir ein wenig spazieren fahren können. Ich muss doch einmal nach dem Rechten sehen, ob die Besitzungen unter dem Regime des geisteskranken Herrn nicht allzusehr herunter kommen! — Heute abend auf Wiedersehen, meine Herren? Sie speisen doch wohl wieder hier?“

Man rieb sich halb verlegen, halb eifrig die Hände.

„Für gewöhnlich kommen wir erst nach dem Abendbrot wieder hier zusammen, aber wenn wir die hohe Ehre geniessen können, mit den Herrschaften abermals zusammen zu sein .. —“

„Natürlich! Wir wollen doch die kurze Zeit geniessen, um uns recht gut kennen zu lernen!“ lächelte die Gräfin wie ein Engel und reichte jedem der Herren die Hand.

„Ich bin auf jeden Fall hier! Ich bin der Schatten meiner schönen Königin!“ rief der Assessor voll kühner Sektlaune.

Die elegante Frau lachte amüsiert und der Graf klopfte ihm jovial auf die Schultern: „Recht so! tragen Sie ihr die Schleppe, lieber Bärning, sie ist so sehr an Verehrer gewöhnt, dass sie sich nicht langweilen darf.“

Gott sei Dank, der Gatte war nicht eifersüchtig!

Dem Assessor ward ganz schwindlig vor Wonne. Das Ehepaar Simmel aber lächelte sich strahlend zu. So war es recht! Die Herrschaften sorgten auch für Abendtischgäste in der „Stadt Hamburg.“

Drei Tage waren vergangen, seit Graf und Gräfin Niedeck in Angerwies ihren Einzug gehalten und es war, als ob diese drei Tage genügt hätten, einen völlig neuen Hauch des Lebens in das Städtchen zu tragen.

Alle Gemüter befanden sich in höchster Aufregung, man lief Strass auf, Strass ab spazieren, um die Herrschaften zu sehen, von welchen wahre Wunderdinge der Leutseligkeit, Freigebigkeit und Eleganz erzählt wurden.

Das gräfliche Ehepaar besuchte die einzelnen Geschäfte und machte brillante Einkäufe. Alle teuren „Modellstücke“, welche zum Kummer der Besitzer als ewige Ladenhüter prangten, wurden jetzt an den Mann gebracht. Man machte glänzende Geschäfte, denn da Alt und Jung den Trieb fühlte, sich über die ausserordentlichen Ereignisse auszusprechen, liefen auch die Angerwieser von einem Laden in den anderen und kauften zum Vorwand gar mancherlei, was sie sonst nicht nötig gehabt hätten. Überall hörte man begeistertes Lob über die fremden Niedecks, überall ward der Ruf laut: „Ach, warum ist nicht dieser Graf der Majoratsherr!“ Ja, dieser verstand es besser, sich die Herzen zu gewinnen und den Grafen zu repräsentiren, wie jener Sonderling im Schafpelz, welcher kaum zu Weihnachten einem armen Kind fünf Pfennige schenkte!

Graf Rüdiger hatte das Armenhaus besucht und volle hundert Mark in die schwindsüchtige Kasse desselben gelegt; er war mit seiner Gemahlin bei dem Krankenhaus vorgefahren und hatte auch hier hundert Mark deponiert.

Begegnete ihnen ein Bettler, oder arme Holzleser, oder sonst ein bedürftig Aussehender, so hatte Graf Rüdiger sofort die Börse in der Hand und schenkte mit verblüffender Freigebigkeit. Was Wunder, wenn die Namen der fremden Herrschaften voll überströmenden Lobes in aller Munde waren und aus manchem Körnlein ein Berg gemacht wurde!

Wie eine Bombe schlug die Nachricht ein, dass der Graf über „Kaisers Geburtstag“ in Angerwies bleiben würde und dass er sich als guter Deutscher ganz besonders freuen würde, wenn der Kriegerverein diesen Tag besonders festlich begehen wollte! Waren doch erst fünf Jahre seit dem glorreichen Tage verflossen, an welchem Kaiser Wilhelm der Erste, als Einiger des deutschen Reiches, aus Frankreich heimgekehrt war!

Da flammte der Patriotismus noch in aller Herzen, und die Bürger von Angerwies, welche für gewöhnlich nur den Geburtstag ihres Landesfürsten feierten, jubelten bei der gegebenen Anregung, zweimal im Jahre ihren Gefühlen freien Lauf lassen zu können.

Von selber waren sie nicht auf den Gedanken gekommen; erstens waren sie zu schwerfällig, um selbständige Neuerungen zu treffen, und zweitens grollten sie immer noch ein wenig, weil man trotz ihrer wiederholten Bitten Angerwies nicht zur Garnison gemacht hatte. Wer hätte aber jetzt an so etwas gedacht, wo Graf Rüdiger mit seiner Gemahlin ihr Erscheinen auf dem Kriegerball zugesagt hatten, wo die Runde ging, der Graf habe drei Fässer Wein durch Simmel kommen lassen, um sie dem Verein als Ehrengeschenk zu machen!

Eine fieberhafte Thätigkeit entwickelte sich in dem Städtchen. Die Damen wuschen die weissen Kleider, kauften Band und Spitzen, und die Schneiderinnen konnten kaum die Arbeit bewältigen, welche auf sie einströmte. Die Herren bürsteten die Fracks und liessen sich neue Stiefel anmessen. Die Väter der Stadt sassen Abend für Abend im Gastzimmer der „Stadt Hamburg“, um gebläht vor Stolz und Genugthuung mit dem leutseligen Grafen zu verkehren wie mit ihresgleichen.

Ja, die Herren stürmten das Hotel, um die Bekanntschaft zu machen. Die Damen aber mussten es voll brennender Ungeduld abwarten, bis der Kriegerverein ihnen Gelegenheit geben würde, die sagenhafte Gräfin Aug in Auge zu sehen. So ein Leben hatte Angerwies noch nie gekannt, — und mitten in die hochgradige Erregung fiel die Nachricht, das gräfliche Paar sei, gütig und friedliebend, nach Schloss Niedeck gefahren, um den verrückten Grafen zu besuchen, dieser aber habe den Vetter voll schroffen Hasses zurückgewiesen. — Dies war zu viel für die begeisterten Gemüter, — in wilden Flammen loderte die Empörung gegen Graf Willibald auf.

III.

— — — Gold ist’s ja, das Zutritt kauft sehr oft; ja es besticht Dianens Förster, dass sie selbst das Wild dem Dieb entgegen treiben.

Shakespeare. Cymbeline II. Aufz. 3. Sc.

Der bedeutungsvolle Tag brach an.

Als erste Nachricht, welche die Herzen der weiblichen Bewohner von Angerwies hoch aufschlagen liess, kam die Kunde von der Post, dass für die Frau Gräfin eine mächtige Kiste aus der Residenz angekommen sei, welche sicher eine Toilette berge, wie sie seit Bestehen der Stadt noch nicht in ihren Mauern geschaut war.

Da huschte es hin und her zwischen den Hausthüren, um dieses Ereignis voll höchster Mutmassungen zu besprechen; — die älteren Damen wandelten ungeniert in den Morgenhauben, deren Fülle die Haarnadeln, über welche die Scheitel festlich gewellt waren, teilweise versteckten! — Die jungen Mädchen aber hatten sich wahrhaft orientalisch verschleiert, um jedem Späherauge die Papilloten zu verbergen, in deren Ergebnissen die Hauptüberraschungen des Abends gipfelten.

Es wari n Angerwies selbstverständlich, dass man vor einem Ball nicht zweimal Toilette machte, sondern tagsüber in jenem geheimnisvollen, unfertigen, halbverträumten Negligee einherschwebte, welches die Deckblätter der Knospe repräsentierte, aus welchen abends die strahlende Blüte brach!

Dieses „Nachtjacken-Lockenwickel-Morgenschuh-Idyll“ gehörte nun einmal zu jeder Festvorfreude, darum starrten die Schönen von Angerwies auch höchlichst verblüfft auf die Gräfin, welche auch heute in eleganter Promenadentoilette schon vormittags spazieren ging, und bei Tisch sich ganz wie gewöhnlich schick und fesch gekleidet vor den Herren der table d’hôte zeigte.

„Ja, die Residenzlerinnen“, seufzte die Frau Bürgermeisterin, „die sind auf das Toilettenmachen ganz anders eingedrillt als wie unsereins! Die können’s auch! Hat doch die Gräfin ihre französische Kammerjungfer noch nachkommen lassen, weil der alte Friseur hier sich absolut nicht auf ihre neumodische Frisur verstand. Du lieber Gott, wie soll er auch! Er legt nur Schnecken von den Haaren und kann sechzehndrähtig breite Zöpfe flechten, das ist seine Hauptkunst! Aber die Gräfin mit all ihren kleinen Löckchen ... o es sieht ja zum toll werden schön ans, wie der Assessor sagt — und meine drei Mädels ... heut abend ... o, wenn sie ahnten!“ Dabei aber schlug sich die indiskrete Mutter selber mit der flachen Hand vor den Mund und kicherte: „Du lieber Gott .. ich darf ja beileibe nichts verraten!“

So waren die Kemnaten überreich mit dem interessanten Gesprächsstoff versehen, aber auch das Ewig-Männliche von Angerwies hatte ein Thema gefunden, welches gar nicht genug besprochen werden konnte!

Überall auf der Strasse sah man die ehrsamen Bürger zusammenstehen, wie düstere kleine Wetterwolken, welche sich immer finsterer und drohender zusammenballen, um sich schliesslich als Gewitter zu entladen.

Obwohl der Tag kühl und regnerisch war, redeten sich die Männer doch immer mehr in die Hitze, so dass zur Mittagszeit ein jeder nach Hause dampfte wie ein Kessel, welcher dicht vor dem Platzen steht. War solch eine Beleidigung, solch eine Schmach je zu verwinden, je zu vergessen?

Wehe dem Schafpelz von Niedeck, welcher so den Hass geschürt und die Rache herausgefordert hatte!

Also hatte sich die Geschichte zugetragen: Obwohl Graf Rüdiger und seine Gemahlin umsonst an dem Portal von Schloss Niedeck angeklopft hatten, kannten die hochherzigen, edlen Menschen doch kein Gefühl des Zornes und der Rache, im Gegenteil, Graf Rüdiger hatte sich abends zu den alten Freunden der table d’hôte und den Vätern der Stadt gesetzt und hatte mit ihnen ehrlich und aufrichtig, wie zu seinen besten Vertrauten gesprochen. Obwohl ihn Graf Willibald jüngsthin noch aufs herzloseste gekränkt hatte, war er doch zu ihm nach Niedeck gefahren, die Hand der Versöhnung zu bieten. Nicht um seinetwillen — o bewahre! Es kann dem Millionär Rüdiger ganz gleichgültig sein, ob der Vetter ihm zürnt oder nicht, er trägt kein Begehr nach dem Majorat, welches sein Sohn ja doch einmal erben muss und wird, — nein, um der armen, vernachlässigten Angerwieser wollte Graf Rüdiger auf Niedeck vorsprechen! Er beabsichtigte dem geizigen Vetter einmal ernstlich in das Gewissen zu reden, dass er sich der Seinen doch besser annehmen möge! Da gab es eine neue Gemeindeschule zu bauen, welche der Majoratsherr selbstredend der Stadt zum Geschenk machen müsste, dann war es dringend nötig, Chausseen und Wege verbessern zu lassen, eine Ausgabe, welche er der armen Stadt auf jeden Fall abnehmen müsste! Nun und schliesslich noch so tausenderlei anderes! Man sah ja, wie Handel und Wandel aufblühten, wenn ein wirklich gräflich auftretender Niedeck nur acht Tage lang in der Stadt weilte! Hier hatte sich der Sprecher allerdings seufzend unterbrochen: „Dies letztere wird allerdings nie bei Graf Willibald zu erreichen sein, denn wo keine Frau im Hause ist, kann kein Aufwand gemacht werden, da gibts keine Ansprüche, keine Geselligkeit! — Wie soll aber ein Verrückter heiraten? Dieser Gedanke ist leider ganz ausgeschlossen!“ — Dann aber hatte er die jammernden Häupter getröstet, er wolle noch ein Letztes versuchen, günstig auf seinen Vetter einzuwirken. Er bäte darum, dass man dem Grafen eine formelle Einladung zum Festaktus und Ball des Kriegervereins schickte! Graf Willibald habe ja freilich nie am Pulver gerochen und keinen feindlichen Franzosen je zu Gesicht bekommen, dennoch müsse er so viel Patriotismus besitzen, um an dem Feste teil zu nehmen! Er könne ja die freundliche Einladung gar nicht ablehnen, ohne dadurch sämtliche Bürger der Stadt aufs tödlichste zu kränken und zu beleidigen. Nur Krankheit könne ihn entschuldigen — er sei aber nicht krank. Sagte er dennoch ab, wäre es eine Schmach! Auf dem Ball aber wolle Graf Rüdiger den Vetter schon stellen, dass er ihm Gehör geben müsste, und dann wollte er auf jeden Fall die Schule und Chausseebauten bei ihm durchsetzen.“

Welch eine Aufregung hatten diese Worte verursacht! Sie wirkten wie ein Stich ins Wespennest!

Man jubelte Graf Rüdiger zu und er mass mit funkelnden Augen, die Möglichkeit, dass der Majoratsherr vielleicht doch absagen könne! Bei diesen Gedanken ballten sie die Hände zu Fäusten!

Dann hatte man eine feierliche, sehr schmeichelhafte und respektvolle Einladung aufgesetzt, welche zwei Herren persönlich nach Schloss Niedeck brachten.

Natürlich bekamen sie den Grafen, welcher ausgegangen sei, nicht zu Gesicht. Aber es sollte baldmöglichst Antwort geschickt werden. Heute morgen war diese Antwort endlich eingetroffen, und als der Bürgermeister sie las, brach es wie ein Wutschrei über seine Lippen.

„Er kommt nicht, Lieschen! — zum Teufel, er kommt nicht!!“ —

Frau Lieschen schüttelte den Kopf. „Ich habe es gleich nicht begriffen, dass ihr ihn eingeladen habt! So etwas ist euch doch früher nicht in den Sinn gekommen! Da sagtet ihr: ‚Wie können wir es wagen, einen hochgeborenen Reichsgrafen zu uns Ackerbauern zu invitieren!‘ und nun mit einem Mal thut ihr, als wäre er euresgleichen!“ —

Der Bürgermeister tobte mit wütenden Schritten durch die Stube: „Schweig still! das verstehst du nicht! Reichsgraf hin — Reichsgraf her! — zeigt es nicht unser Freund Rüdiger und seine Gemahlin, dass man mit uns verkehren kann? Und die sind auch Grafen von Niedeck — und Millionäre! Aber sie kennen keinen Dünkel und Hochmut, wie der verdammte Kerl im Schafspelz! Dieser Verrückte! Dieser Geizhalz, dieser Kleidertrödler, der sich nicht schämt, einher zu gehen wie ein Lump, wie ein Slowak!!“ Damit stürzte er zur Thür hinaus.

Und wie Anno 48 ein dumpfes Murmeln aufrührerischen Hasses durch das Volk ging, so schlug auch jetzt die Zunge des Stadtoberhauptes als Alarmglocke an —: „Bürger heraus!!“ — Das lief an allen Strassenecken zusammen, schimpfte und fuchtelte, immer bedrohlicher und hitziger.

Gevatter Handschuhmacher aber zuckte wehmütig die Achseln. „Ruhig Blut, Kinder! Was nützt alles Gezeter? Ein Majoratsherr ist kein König, den eine Revolution stürzen kann. Der Niedecker sitzt sicher und unantastbar im Nest, und ehe nicht Freund Hein ihn herauswirft, nützt alles Sturmlaufen unsererseits ganz und gar nichts!“ —

„So? muss man sich etwa einen Verrückten zum Herrn gefallen lassen? — Sagt nicht die Gräfin auch, ein Narr gehört ins Narrenhaus?“ —

„Die Gräfin mag das schon sagen, denn sie gehört zu seiner Familie, aber uns geht das nichts an!“ —

Dadrüber liesse sich wohl reden!“ trotzten etliche Stimmen: „Ein Gaudi wär’s für uns, wenn es dem hochmütigen Schuft passierte!“ —

„Fragt doch den Assessor! der muss es ja wissen, ob wir ihm nicht eine Suppe einbrocken können.“

„Lasst aber den Rüdiger nichts merken! Es mag kein Vornehmer gern einen Vetter im Tollhaus haben!“ —

„Bah — er und die Gräfin haben ihn ja zuerst verrückt genannt!“

„Ich rate euch, sprecht erst mit dem Assessor!“ —

„Heute abend sondieren wir den Graf, der Wein löst die Zunge!“

„Gut, heute abend!“

Mit wetterschwülen Stirnen trollten sie heim. Die Schmach, die Graf Willibald ihnen angethan, frass ihnen an der Ehre, und einer hetzte den anderen auf, wenn gar ein Wort fiel: ob’s denn wahrlich ein so schwerer Schimpf sei, wenn ein Sonderling nicht gern unter Menschen gehe!

Die Sonne sank — und voll fiebernden Eifers rückten die Frauen und Jungfrauen von Angerwies die Spiegel zurecht, um endlich die Fesseln der Papilloten zu sprengen!

Wenn es nur aufhören wollte zu regnen! Die Mütter konnten ja feste, rindslederne Stiefel anziehen, aber die tanzenden Töchter! je nun, man hatte sich in solcher Verlegenheit schon so oft geholfen, warum nicht auch heute? In Ermangelung einer Droschke thaten die riesenhaften Holzpantoffeln genau so gute Dienste, und darum waren sie so lange man denken konnte in Angerwies existenzberechtigt und genossen die Achtung, welche sich das Zweckmässige überall erwirbt.

Eine halbe Stunde vor der angesetzten Zeit hörte man denn auch ein unermüdliches „Klipp-Klapp-Klipp-Klapp“ auf dem holprigen Pflaster und dann und wann ein jungfräulich zartes Aufkreischen, wenn eins der hölzernen Piedestale in einer Pfütze versank. — Grosse Regenschirme und flatternde Umschlagetücher verhüllten den Scharen neugieriger Gaffer die Pracht, welche sich jenseits der Hotelthüre enthüllen sollte. —

Hie und da schwankte ein Laternchen vor einer Honoratiorendame her, und je nachdem, ob ein oder zwei Lichtlein in demselben brannten, erkannte man den Grad der Würde, welchen die Nahende einnahm. —

Mehr und mehr füllte sich der Festsaal.

Die Herren in seltsam langschössigen Fracks, mit weissen Zwirnhandschuhen an den Händen. — Der Assessor, Apotheker und Doktor, sowie etliche der „übertrieben“ eleganten jungen Herren hatten Glacés angelegt, köstlich duftend nach Pomade und Moschus, die Krieger mit der Denkmünze oder gar dem schwarz-weissen Bändchen im Knopfloch, die Nicht-Krieger mit kleinen Sträusschen an der Brust, deren Blüten in dieser blütenlosen Märzzeit durch Strohblümchen geschmackvoll und sinnig ersetzt wurden.

Die Damen hatten ungeheuerliche Anstrengungen gemacht, zu glänzen.

Die Mamas fanden sich mit Würde in entsagungsvolle Farben, schwarz, pflaumenblau, kaffeebraun, lila und grau, Nüancen, welche jedoch aufs lieblichste durch die dreieckig gelegten weissen Crêp de chin-Tücher gehoben wurden, ohne welche eine Ballmutter von Angerwies einfach undenkbar war.

Die Matronen hatten einen ungeheuren Kopfputz, eine Art blumenumrankter, federumwallter, spitzenumnickter und bänderumflorter Sturmhauben, bei deren schwiegermütterlichem Anblick eigentlich jedem Freier, auch dem beherztesten, das Herz in die Hosen rutschen musste, — so kriegerisch kampfesmutig trugen die Damen dieses stattlich geschmückte Haupt auf den Schultern.

Der Mittelschlag der noch nicht ergrauten Frauen lächelte unter Puffscheiteln oder Zöpfen hervor, welche als Wunder der Flechtkunst um die Ohren gelegt waren, ein paar handfeste Rosen oder Astern vervollkommneten den Liebreiz, goldene oder elfenbeingeschnitzte Kreuze oder Broschen prunkten am Halse. — Trotz manches hübschen, vollwangigen Gesichts waren diese mittelalterlichen Gattinnen die vollste Ehrbarkeit, welche nicht mehr an Tanzen und Kokettieren denkt; der Strickstrumpf erinnerte auch jetzt in ihrer Hand an die lieben Kleinen daheim.

Die holde Jugend war vollzählig und wie überall in kleineren Städtchen im Übergewicht erschienen. Auf vier Damen kam ein Herr, weswegen die Fräuleins ungeniert unter sich tanzten. Weiss, rosa, himmelblau, Blumenkränze, Filethandschuh, bemalte Holzfächer und ausgeschnittene Kittlederschuhe ... schwarze, blonde, rote Haare, dick und dünn, gross und klein, hübsch und hässlich, graziös und plump, alles war vertreten.

Ein Gefühl, aus Staunen, Bewunderung und Neid gemischt, beschlich aller Herzen, als die Bürgermeisterin mit ihren drei Töchtern eintrat! Die Überraschung war komplett. —

Modern frisiert! — das Althergebrachte einfach über den Haufen geworfen, nach dem Muster der Gräfin hochmodern frisiert! Die Haare des halben Vorderkopfes waren kurz geschnitten und in krause Locken gebrannt. Hoch auf dem Kopfe bäumten sie sich, wie indigniert über solche Zumutung, gleich einem Kakaduschopf, von der Stirn abstarrend und über die Ohren hinweg ragend!

Wie wunderschön verändert die Mädchen aussahen! Die beiden Ältesten waren ja nie sehr hübsch — aber heute ... hm ... oder täuschte man sich? Eine so hochmoderne Frisur muss ja gut kleiden, es war nur das Ungewohnte des Anblicks, welches jedes Auge stutzig machte! Ein Wagen rollte heran. Oberförsters. — Nun waren die hohen Würdenträger versammelt, nun konnte das gräfliche Paar auch erscheinen; die Getreuen von Angerwies stellten sich feierlich, mit hochklopfenden Herzen rings an den Wänden auf, gleich dem Hofstaat, welcher die Majestäten erwartet. — Während dessen hatte Gräfin Melanie ihre Toilette beendet und die Jungfer hinaus geschickt. Es war die Zofe ihrer Schwester, welche sie sich vom Lande hatte kommen lassen, und welche so gut wie kein Wort Deutsch verstand.

Diesen Umstand lobte der Graf soeben wieder. „Es ist ein Glück, dass die Person nicht ahnt, was um sie her vorgeht, ihre Sprachunkenntnis ist der Hemmschuh für jeglichen Klatsch. Es wäre dir doch auch sehr zu empfehlen, anstatt dieser entsetzlichen Frau Stiehl auch eine Französin zu engagieren! Denke dir die Stiehl hierher in diese Situation! Ihre Zunge würde uns jeden Plan durchkreuzen, sowohl hier wie in der Residenz.“

Die Gräfin seufzte: „Du hast ganz recht, aber sag selber, wäre es vorteilhaft, dieses Frauenzimmer jetzt zu entlassen, damit sie uns in der ganzen Stadt herumbringt? Sie hat zu oft gehorcht und ausspioniert, um nicht über mancherlei vollständig informiert zu sein. Die Klugheit gebietet energisch, sie im Hause zu behalten!“ —

Rüdiger knurrte etwas Unverständliches, seine Gemahlin aber stand vor dem Spiegel und musterte ihre strahlende Erscheinung mit ironischem Blick. Und als sie die Brillantarmbänder anlegte, brach sie plötzlich in ein leises Gelächter aus und warf sich in das Sofa. Sie presste das duftende Spitzentuch gegen das Gesicht, aber sehr vorsichtig, dass der Puder nicht abwischte — und lachte immer mehr und immer spöttischer.

Der Graf, welcher in elegantestem Ballanzug mit Orden und Ehrenzeichen geschmückt im Zimmer auf und abgegangen war, blieb vor ihr stehen und blickte sie mit seinen scharfen, kalten Augen überrascht an.

„Bist du von Sinnen? Was soll dies Benehmen?!“ herrschte er sie ärgerlich an.

„Verzeih, Rüdiger — es kommt mir so namenlos komisch vor.“

„Was denn, wenn man fragen darf?“

Ihr Blick flog musternd über seine schlanke Gestalt und sie lachte abermals! „Dass wir so fabelhafte Anstrengungen machen, um uns für dieses odiöse Krähwinkelpack zu putzen! Schade um meine schöne Schleppe!“

Er zuckte nervös die Achseln: „Thuen wir es etwa zum Vergnügen? Ich dächte, du wüsstest genugsam, um was es sich handelt!“ —

„Weiss ich auch, mon ami“ — nickte sie plötzlich ernst werdend und sich erhebend — „und ich will diese schöne Toilette und noch weitere acht Tage meines Lebens gern opfern, wenn wir dadurch das Ziel erreichen können! Bis jetzt stehen die Chancen gut, und ich denke, heute abend werden wir siegen.“ —

„Ich bitte dich, liebe Melanie, bei der ausserordentlichen Farce, welche du zu sehen bekommst, ernst zu bleiben. Denke, du besuchst einen Kostümball — altmodische, spiessbürgerliche Verhältnisse sind Vorschrift. Und nun komm und öffne der Liebenswürdigkeit alle Schleussen, um mir in die Hände zu arbeiten!“ — Er bot ihr aufseufzend den Arm und schritt zur Thür.

Wie durch einen Zauberschlag verstummte das Sprechen, Lachen und Geigenstimmen im Saal, als Herr Simmel atemlos in der Thür erschien und in heimatlichen Lauten meldete: „Se kumm’n — Se kumm’n!“

— Und sie kamen.

Der Bürgermeister hatte sich mit dem Gedanken getragen, beim Eintritt des gräflichen Paares die Nationalhymne spielen zu lassen, der Doktor und Oberförster fanden diese Idee jedoch nicht ganz passend, und der Vater der Stadt fühlte sich ein wenig beleidigt. —

Dafür aber schritt er, von sämtlichen Honoratioren der Stadt geleitet, den Eintretenden unter zahllosen Bücklingen entgegen, und das gefeierte Paar wusste bei aller Liebenswürdigkeit doch so viel hoheitsvolle Würde zu zeigen, dass es den Herren und Damen von Angerwies voll traumhaft seligen Entzückens zu Mute war, als ob sie doch einmal in ihrem Leben auf höfischem Parquet stünden, sich tief vor den Majestäten zu verneigen.

Der Graf drückte dem Bürgermeister die Hand. „Wollen Sie uns zu Ihrer Frau Gemahlin führen und uns mit den Damen der Gesellschaft bekannt machen?“ sagte er in dem Flüsterton hoher Wichtigkeit, welcher ganz besonders zu imponieren pflegt.

Der Ausgezeichnete legte die Hand in dem baumwollenen Handschuh mit gespreizten Fingern auf die Brust und machte einen Kratzfuss, ein Benehmen, welches die hinter ihm stehenden Herren sofort kopierten, bis auf den Assessor, welcher voll weltmännischer Eleganz sofort als Kammerherr an die Seite der Gräfin trat.

Sie grüsste ihn lächelnd mit vertraulichem Händedruck, und Bärning erglühte vor Stolz und blickte sich rings im Kreise um, als wollte er sagen: „Welch ein Mensch bin ich!!“ —

Dann begann die Tournee.

Unter feierlichstem Schweigen schritt man quer durch den Saal, zum Entzücken der Damen, welche nun so recht von allen Seiten das Prachtkleid der hochgeborenen Frau mit den Augen verschlingen konnten!

Wie geblendet starrte Alt und Jung auf die märchenhafte Erscheinung dieser schönsten aller Gräfinnen, welche wie eine Fata Morgana glitzernd und schier spukhaft über die weissgescheuerten Dielen schwebte.

Ja, sie war doch noch etwas anders frisiert wie Bürgermeisters Töchter!! —

Wie es möglich war, das Haar derartig zu wellen, zu kräuseln, zu puffen und aufzubauen, deuchte jedermann ein Rätsel, das fabelhafteste aber war ein breites, goldenes Diadem, dessen Mitte einen Brillantstern trug, sprühend und glühend in allen Farben! So also sehen die Diamanten aus, von denen Heinrich Heine singt: „Mein Liebchen, was willst du noch mehr?“

Und nicht nur der Haarreif war mit diesen funkelnden Steinen besetzt, nein, über Hals, Brust und Armen flimmerten sie wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, — wunderbar! unfasslich! Ja, da musste das Vermögen nach Millionen zählen, wenn man derartige Schätze unverzinst in die Kommode legen kann!!!

Mit leisem Frou-frou rauschte die pfirsichblütfarbene Seidenplüschschleppe wie ein gleissender Strom hinter der schlanken Gestalt her, und die Herren, welche folgten und solche Toilettenpracht nicht kannten, gerieten anfangs öfters in die Gefahr, rechts und links darüber hinweg zu stolpern!

Aber sie fanden sich schnell in die höfische Sitte und hielten Distance von der seidenglänzenden Pracht.

„Sie hat auch rosa Schuhe und Strümpfe an!“ flüsterte es schier atemlos vor Staunen im Kreise der Damen.

„Und Handschuhe bis über die Ellbogen hinauf!“

„Und der Atlas vorn am Kleid ist mit Gold durchwirkt!“

„Jetzt öffnet sie den Fächer —! Minchen, guck doch nur, er ist ganz und gar von rosa Straussenfedern!“

„Nun kann ich mir doch vorstellen, wie die Königin aussieht“, schwärmte ein stumpfnäsiges Fräulein. Die Bürgermeisterin knixte und schüttelte der Gräfin die zarte Rechte, als wolle sie das Gelenk auf seine Dauerhaftigkeit prüfen!

Dann griff sie rechts und links nach rückwärts und zerrte die schämigen, dunkelrot erglühenden Töchter vor. Frau Melanie stutzte bei deren Anblick, auch über ihr Antlitz ergoss sich verräterische Glut, sie hob den Fächer bis an die Augen und hustete so heftig, dass die Frau Bürgermeisterin im Begriff stand, allen Respekt vergessend, sie hilfreich in den Rücken zu klopfen.

Der Graf presste den Arm der Gemahlin auch recht besorgt an sich, — da legte sich der Husten, die Gräfin lächelte wie ein Engel und reichte den jungen Mädchen die Hand, mit dem scharmanten Kompliment für die Frau Mama: „Was haben Sie für frische, bildschöne Töchterchen, Frau Bürgermeisterin!“

Wer war beglückter als diese!

Und dann wurden die nächststehenden Damen vorgestellt und das gräfliche Paar hatte für jede die gewinnendsten Worte.

Während dessen gab der Graf einen Wink, dass der Tanz beginne. Er bot der Bürgermeisterin galant den Arm, — die Gräfin legte mit graziösem Lächeln ihre Hand auf den des Herrn Bürgermeisters und die grosse Polonaise begann. Sie tanzen sogar mit!!

Wie Enthusiasmus schwellte es aller Brust, selbst die Musikanten schmetterten so begeistert darauf los, dass Gräfin Niedeck manchmal schmerzhaft zusammenzuckte.

Das Fest hatte begonnen und nahm einen glänzenden Verlauf.

Die gräflichen Herrschaften plauderten mit allen Anwesenden und die Gnadensonne ihrer Huld bestrahlte ausnahmslos einen jeden, welcher sich in ihre Nähe wagte.

Der Assessor fieberte! Die Gräfin tanzte Walzer mit ihm, — der Apotheker und Assistent klatschten während dessen alle anderen tanzenden Paare ab, teils aus höchster Devotion, teils um ein Unglück mit der Schleppe zu verhüten, welche die hochgeborene Frau zu allgemeinem Staunen selbst während der Rundtänze nicht hoch nahm.

Aber der Assessor war ein Mordskerl, er machte seine Sache brillant, und heimste nachher auch von allen grösstes Lob ein.

„Ja, mit Schleppe tanzen!“ lächelte er blasiert — „das will eben gelernt sein! Ich habe lange Jahre in den grossen Städten dazu Zeit gehabt!“

Es war ganz augenscheinlich, dass das Ansehen des Assessors mit diesem Tanze noch bedeutend stieg, auch die anderen jungen Herren bildeten plötzlich ein Strebertum, — sie bemühten sich im Schweisse ihres Angesichts zu zeigen, dass auch sie Mut und Schliff genug besassen, eine Dame wie Gräfin Niedeck aufs beste zu unterhalten!

Der Tanz nahm seinen Fortgang, und während Frau Melanies Diamantgefunkel die Herzen und Seelen im Saale in Zauberbande schlug, setzte sich der Graf im Nebenzimmer nieder, im Kreise seiner Getreuen männerwürdige Reden zu pflegen!

Er hatte voll gewinnendster Kordialität den Doktor an seine Seite gerufen und schien es ganz besonders darauf abzusehen, auch diesen Herrn mit Leib und Seele für sich zu gewinnen.

„Verkehren Sie viel und intim mit meinem Vetter Willibald auf Schloss Niedeck?“ fragte er.

Der Arzt zog ein sauersüsses Gesicht: „Doch nicht, Herr Graf!“ — verneigte er sich, „meine Bekanntschaft mit dem Majoratsherrn ist leider nur eine sehr oberflächliche!“

Rüdiger war starr. „Wie ist das möglich!? Der Arzt pflegt gewöhnlich auf dem Lande der vertrauteste Freund und Ratgeber zu sein? — Aber ganz recht, ich entsinne mich, dass Willibald stets eine Aversion gegen Ärzte hegte, ihre Wissenschaft verspottete und sich lieber einen Quacksalber von Wunderschäfer holen liess, anstatt eine Autorität zu konsultieren!“

Der Doktor lachte scharf auf.

„Ganz recht! Der alte Schäfer Enke ist Faktotum bei dem Herrn Grafen, falls derselbe wirklich einmal zu klagen hat, was äusserst selten der Fall ist!“

„Hm ... bei Leuten seines Geisteszustandes bilden sich ja derartig krankhafte Marotten!“ nickte Graf Rüdiger traurig, „aber er ist doch hoffentlich anständig genug, Ihnen als Entschädigung für solche Nichtachtung ein hohes Jahrgehalt zu zahlen, um Ihr Ansehen in der Stadt nicht zu schädigen?“

Das magere Gesicht des Gefragten spiegelte allen Ingrimm, welcher wohl schon seit Jahren an dem armen, kinderreichen Familienvater zehrte.

„O nein, nicht einen roten Heller beziehe ich von ihm, wie sollte ich auch, da ich ja gar nicht nach Niedeck geholt werde!“

Rüdiger war empört, ausser sich „Ist es denn schon soweit mit dem Unglücklichen gekommen, dass ihm jedes Pflicht- und Ehrgefühl mangelt? Wenn eine anständig denkende Familie auf Niedeck wohnte, müssten Sie ein fürstliches Salär beziehen, teuerster Doktor! ein Salär, wie es Ihre hohen Kenntnisse einfach bedingen!!“

Der kleine Landarzt seufzte tief auf und nickte trostlos mit dem Kopfe, dann fragte er mit hassfunkelnden Augen: „Sie halten ihn wirklich für verrückt, Herr Graf?“

„Gewiss, Sie etwa nicht, lieber Doktor, der doch als Mann der Wissenschaft seinen Zustand am besten beurteilen kann?!“

„Ich .. o ... ja ... ich —“ stotterte sein Nachbar verlegen, „ich habe ihn stets für einen Sonderling gehalten, — zu näherer Beobachtung seines geistigen Zustandes habe ich leider noch keine Gelegenheit gehabt!“

„Und bedarf es derselben wirklich?“ seufzte Rüdiger kummervoll auf.

„Ich dächte, alles, was man von meinem armen Vetter hört und sieht, spräche deutlich genug für seinen Zustand. Degeneriert! — Dies eine Wort sagt alles! Sehen Sie seinen unförmigen Kopf an, — wie eine Wassermelone! Das kommt bei den sechzehn Ahnenheiraten heraus!“

Der Bürgermeister lachte hart auf. „Ja, ja, das sieht ein Kind ein, dass es bei dem Grafen Willibald nicht mehr richtig im Hirn ist! Haben Sie schon von seiner neuesten Verrücktheit gehört, meine Herren?“ —

Alle Köpfe schossen eifrig näher: „Nein, bitte, erzählen Sie!“ —

„Nun, der Herr Graf hat sich jetzt für Tischgesellschaft gesorgt! Es wird täglich für sechs Personen gekocht und gedeckt. Dann geht Seine Hochgeboren hinüber in die Ahnengalerie, wühlt fünf Porträts aus, dieselben werden in das Kutscherstübchen gesetzt, und nun nimmt der Graf neben ihnen Platz, legt seinen stummen Gästen Essen vor, schenkt ihnen ein, — spricht mit ihnen — —“

„Grosser Gott! entsetzlich!“ stöhnte Rüdiger auf, „vollständige Gehirnerweichung! Man hat derartige Erscheinungen sehr oft, ehe Katastrophen eintreten, nicht wahr, mein lieber Doktor, Sie kennen auch derartige Fälle?!“

„Gewiss“, nickte dieser selbstbewusst, „die bekannte Encephalomalacia, bei Verschluss der Schlagadern eines Bezirkes, kennzeichnet sich durch langsame Abnahme der Geisteskräfte.“

„Grossartig“, bewunderte der Graf, „vortrefflich bewandert, dieser Doktor! Ja, meine Herren, ich fürchte, da werden wir uns auf ganz ungeheuerliche Dinge gefasst machen müssen!“

„Das wäre ja alles, was noch fehlte!“

„Hm ... haben wir uns das etwa gefallen zu lassen!“

„Nun ... was in meinen Kräften steht, um alles gut zu machen, was mein Vetter an Ihnen und der Stadt hier versäumt, meine Herren, soll geschehen. Vor allen Dingen will ich mich sofort persönlich bei dem Herzog melden lassen, um es durchzusetzen, dass Angerwies Garnison wird!“

„Hurra! — Hurra!“

„O bitte, jubeln Sie nicht zu früh, meine Freunde! Willibald hat sehr viel in dieser Angelegenheit versehen, indem er sich nie für die Sache verwandt hat! Er, als Majoratsherr, hätte dem Herzog gegenüber ganz anders energisch vorgehen können, wie ich jetzt, der ja eigentlich gar nichts mit der Angelegenheit zu thun hat. Ich fürchte auch, daran werden meine Bemühungen scheitern! Ja, wenn ich Majoratsherr wäre — oder für meinen minderjährigen Sohn als Vormund sprechen könnte — ja dann!!“ Atemlos lauschte man im Kreise.

Endlich stiess der Bürgermeister heraus. „Nun, Herr Graf — und könnten Sie denn das nicht jetzt schon werden?“

Rüdiger zuckte die Achseln: „Willibald lebt ja noch, meine Herren.“

„Aber er ist geisteskrank!“

„Ja, gewiss, er ist verrückt!“

„Man muss ihn in ein Narrenhaus bringen und Ihren Sohn als Erben proklamieren, Herr Graf!“

Das Eis war gebrochen, in wildem Durcheinander klangen die Stimmen und auf Rüdigers fahle Wangen traten zwei rote Flecken höchster, fieberhafter Erregung. Er senkte die Wimpern über die Augen, um seine verräterisch aufblitzenden Blicke zu verbergen. Dann seufzte er tief auf, streckte jählings dem Bürgermeister und Doktor die Hände hin und rief voll schmerzlicher Extase: „Ja, meine Herren, könnte man dem armen Geisteskranken die Wohlthat anthun, ihn in eine Anstalt zu bringen, so wäre Angerwies gerettet und könnte blühen, wachsen und gedeihen zu einer Stadt ersten Ranges! — Nicht an mich denke ich — ich habe es nicht nötig — sondern nur an Angerwies und seine Bewohner, wenn ich erkläre — es würde ein Glück sein, könnte mein beklagenswerter Vetter einem Irrenhause überwiesen werden!“

„Ja, ein Glück, ein Glück für ihn und uns!“ hallte es im Kreise. „Erbarmen Sie sich, Herr Graf, helfen Sie uns, dass es geschehe!“

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