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unter dem schnee sind alle winter grau

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bannt

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der winter

gesichter

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher der Autorin erschienen:

SchattenHaut

SchattenWolf

SchattenGift

SchattenTod

SchattenGrab

SchattenSchwur

SchattenSucht

SchattenGier

SchattenZorn

SchattenQual

SchattenSchuld

FriesenNerz

FriesenGeist

FriesenSpiel

FriesenLust

FriesenSchmutz

KurzKrimis und andere SchattenSeiten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de © 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8390-3

Nané Lénard

SchattenSchnee


Über die Autorin:

Nané Lénard wurde 1965 in Bückeburg geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Nach dem Abitur und einer Ausbildung im medizinischen Bereich studierte sie später Rechts- und Sozialwissenschaften sowie Neue deutsche Literaturwissenschaften. Ab 1998 arbeitete sie als freie Journalistin. Von 2009 an war Lénard im Bereich Marketing und Redaktion für verschiedene Unternehmen tätig. Seit 2014 ist sie freiberufliche Schriftstellerin und verfasst neben Kriminalromanen auch Kurzgeschichten und Lyrik. Einige ihrer Werke wurden prämiert. Nané Lénard ist auf Lesungen, Buchmessen und in sozialen Netzwerken für ihre Fans präsent. Mittlerweile sind ihre SchattenThriller rund um die Kommissare Hetzer und Kruse sowie ihre heiter-skurrilen OstfriesenKrimis mit Oma Pusch im gesamten deutschen Sprachraum bekannt.

Mehr über Nané Lénard finden Sie auf der Internetseite:

www.nanelenard.de

Für Birgit und Peter

Prolog

Blut rann in den Schnee. Jeder einzelne Tropfen bahnte sich seinen Weg durch die Kristalle und hinterließ eine rote Spur, bis seine Temperatur so weit gesunken war, dass er plötzlich stoppte und vom Weiß umschlungen wurde. Ein kleines Stück Leben, das einem Körper gehört hatte, der unwiederbringlich verloren war. Noch für eine Weile würde er weiter vom Frost gekühlt werden. Doch dies war kein Ort für die Ewigkeit. Man hatte die Frau sichtbar in diesem Park abgelegt, wie einen Engel. Sie sollte gefunden werden. Nur in ein weißes Spitzenhemd gekleidet lag sie unter der Tanne. Mit ihren toten Armen hatte jemand Flügel in die Schneedecke gemalt. Das hatte nichts Besinnliches.

Es war drei Tage vor dem ersten Advent, aber hier hielt der Totensonntag noch alles fest in seinen Klauen. Die Grabesstille lastete schwer auf Mauern und Wipfeln. Sie wurde jetzt durch das Zwitschern der Wintervögel durchbrochen, denn inzwischen dämmerte es.

Wenn man die Frau genauer ansah, musste man unwillkürlich an das Märchen mit der Eiskönigin denken. Versteinert lag die Tote in einem Bett aus Schnee. Ihre naturblonden Haare waren um den Kopf herum ausgebreitet wie Strahlen um einen Stern. Sie umrahmten ein Gesicht, das sich so wenig vom Weiß des Untergrundes abhob, dass es beinahe damit verschmolz. Möglicherweise war es das Bläuliche, das ihr einen märchenhaften Schimmer verlieh, fast als wäre Eiswasser statt Blut durch ihre Adern geflossen. In ihr konnte sich auf jeden Fall keines mehr befinden, denn es war zur Tinte für einen Todespoeten geworden und hatte dazu gedient, eine Botschaft im Weiß des Winters zu hinterlassen.

Unter der Frankenburg

So früh hatte es selten Schnee gegeben. Die letzten Winter waren mild und trist gewesen. Von oben und von der Seite, je nach Wind, hatte es den hier üblichen Nieselregen bei vier Grad gegeben, der überallhin bis auf die Haut kroch. Wenn überhaupt mal eine Flocke gefallen war, dann nur in den höheren Regionen. Dazu konnte man Todenmann wirklich nicht zählen, auch wenn es am Kamm des Wesergebirges lag. Den Begriff Gebirge muss man etwas differenziert betrachten. Jeder Bayer würde sich kaputtlachen. Hier oben in Niedersachsen ist ein Hügel schon ein Berg, denn weiter nördlich gibt es nur noch Flachland. Man kennt es als norddeutsche Tiefebene.

Hauptkommissar Wolf Hetzer witzelte immer, wenn er den Begriff hörte und behauptete, stets im Trockenen leben zu können, selbst wenn die Polkappen schmelzen würden. 153 Meter über NN waren schließlich schon etwas.

Genau an diese Worte musste Moni gerade denken, als sie mit Leo und Ole durchs Hainholz stapfte. Die Hunde tobten durch den Schnee wie ausgelassene Kinder. Allem Klimawandel zum Trotz glaubte dieser Winter wohl, wirklich einer zu sein. Das wäre zu schön, dachte sie. Ein stimmungsvoller Advent mit der Aussicht auf gemeinsame besinnliche Stunden lag vor ihnen. Schon jetzt freute sich Moni wie verrückt auf Weihnachten, denn dann würde Wolf endlich aus der Kurzzeitpflege wieder zu Hause sein. Was hatte sie sich in den vergangenen Monaten um ihn gesorgt. Und in seinen schwärzesten Tagen, als er schon aufgeben wollte, hatte sie ihm Ole auf den Schoß gesetzt. Der pechschwarze Welpe hatte an ihm geschnuppert und sich anschließend schlafend auf seinem Schoß zusammengerollt. Wolfs Herz hatte er mit seinen Knopfaugen im Sturm erobert.

„Wir brauchen dich. Wenn er groß ist, musst du fit sein. Ich kann ja nicht allein mit 60 Kilo Hund spazieren gehen“, hatte sie zu ihm gesagt. „Wir wollen deinen etwas verfrühten Ruhestand mit viel Bewegung an frischer Luft genießen."

„Wie …? Wieso …?“, wollte er fragen, aber Moni hatte ihm ganz sanft ihren Zeigefinger auf die Lippen gelegt.

„Er und seine Geschwister sind Opfer eines Verbrechens, genau wie du“, hatte sie ihm erklärt. „Ich dachte, dass ihr gute Freunde werden könntet. Und Leo ist nicht so alleine, wenn ich dich in den nächsten Wochen besuchen komme.“

Es rührte sie immer noch, wenn sie daran dachte, dass er den Kleinen damals wortlos unter Tränen gestreichelt hatte. Doch anschließend war er wie verwandelt gewesen. Es schien, als hätte er neuen Lebensmut geschöpft, und er hatte sich vorgenommen, ihr nicht zur Last zu fallen.

Mit einem leisen Seufzer dachte sie an die vergangenen Monate zurück …

Im Palaisgarten

Die Wintersonne traute sich soeben zaghaft hinter den Bäumen hervor. Es war noch bitterkalt. Kahle Äste und Tannenzweige waren vom Neuschnee der letzten Nacht überzuckert. Selbst die Pfeiler der Absperrung zum See hin trugen kleine Mützen. Fußstapfen und Reifenabdrücke, die die Wege mit ihren Spuren gezeichnet hatten, konnte man nicht mehr erkennen. Wie unberührt lag der Palaisgarten vor Wolf Hetzer. Die Stille war fast greifbar. Kein einziger Mensch hatte sich bisher an diesem Morgen hinaus in die Kälte gewagt, um im Park spazieren zu gehen. Er selbst hatte es in seinem stickigen Zimmer nicht mehr ausgehalten. Ihm fehlten die Runden in der klaren Morgenluft, die er sonst immer mit seinem Hund Leo gedreht hatte. Wenn er genauer nachdachte, fehlte ihm vieles, aber er schob den Gedanken weg. Es brachte nichts, mit seinem Schicksal zu hadern. Das zumindest hatte er begriffen. Man musste die positiven Sachen sehen. Immerhin lebte er, wagte mit Unterstützung einige Schritte und konnte sich mit dem E-Rolli wieder überall selbstständig fortbewegen. Gerne hätte er aus eigener Kraft die Räder des Rollstuhls angeschoben, aber die gesamte linke Seite war nach dem Schlaganfall noch immer nicht wieder richtig einsatzfähig – von seinem Arm ganz zu schweigen, der schon vorher unbrauchbar gewesen war, weil man ihn vor ein paar Jahren während der Ermittlungen fast umgebracht hatte.

Man konnte meinen, das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, doch wenn man es andersherum betrachtete, war er dem Tod schon oft von der Schippe gesprungen. Es war fast so, als ob er mehrere Leben hätte, wie eine Katze. Extra totschlagen musste man ihn wohl. Er war sich selbst in den vergangenen Monaten zuwider gewesen und hätte den bedauerlichen Rest seines Körpers in dunklen Momenten am liebsten weggeworfen. Aber da war eben auch noch sein Geist gewesen, seine Seele, die sich mit Händen und Füße wehrte aufzugeben, obwohl sie unendlich müde war.

Wolf schob auch diese Gedanken beiseite und sog die kalte Luft ein. Schnee hatte einen eigenen Geruch. Durch die Bäume bahnte sich jetzt der erste Sonnenstrahl seinen Weg. Er lockte die Vögel von ihren Schlafplätzen zu einem Morgenständchen. Das alles war doch wunderbar, dachte Wolf und steuerte seinen Rolli bergab um eine Kurve, aber ein Glücksgefühl wollte sich trotzdem nicht einstellen. Doch selbst wenn eines da gewesen wäre … in dieser einen Schrecksekunde hätte es sich abrupt verflüchtigt.

Fassungslos starrte Hetzer auf das Bild, das sich ihm plötzlich bot. Von einem Sonnenstrahl in gleißendes Licht getaucht, lag ein Engel vor ihm im Schnee, direkt am Fuß einer Tanne. Er wusste überhaupt nicht, was er denken sollte. Trotz seiner schrecklichen Endgültigkeit war das Stillleben vor ihm unglaublich faszinierend. Ja, man konnte es fast schön nennen. Der Gedanke an einen Rauschgoldengel oder eine Ikone schoss ihm durch den Kopf. Natürlich wusste er, dass das viele Rot, das den Körper in einem Bogen umrahmte, Blut sein musste, aber hier wirkte es wie eine Verzierung. Mit bläulich-bleichem Gesicht lag die Tote vor ihm, auch ihre Gliedmaßen, die aus dem weißen Hemdchen ragten, zeigten diese Farbe. Das gab ihr ein übersinnliches Aussehen. Er schätzte, dass die Frau so Mitte 20 gewesen sein musste und versuchte, sich möglichst viele Eindrücke einzuprägen. Dann zog er mit der rechten Hand sein Smartphone zwischen den Beinen hervor und machte mehrere Aufnahmen. Das gelang ihm einhändig zwar mehr schlecht als recht, aber er wollte auch nicht zu nah heranfahren, um den Fundort nicht zu verändern. Auch wenn er schon länger nicht mehr im Dienst war, hatte er noch alle Nummern im Speicher seines Telefons. Als Erstes rief er seinen Kollegen und Freund Peter Kruse an und erwischte ihn schmatzend.

„Mensch, Wolf, das ist ja eine Überraschung“, freute der sich. „Moment, ich muss eben die Frikadelle …“

„Ja, ja schon gut“, sagte Wolf und musste grinsen. Manche Dinge änderten sich zum Glück nie. In diesem Moment spürte er, wie sehr er gewisse Momente mit ihm vermisste. Bald würde er wenigstens wieder zu Hause sein, seufzte er innerlich, obwohl er aus freien Stücken hier war.

In den Wochen bis zum Fest würde ein Therapeut zu ihm in den Herminenhof kommen, der deutschlandweit bekannt war. Nein, Hetzer würde nicht aufgeben. Das hatte er sich selbst geschworen. Darum hatte er den Spezialisten für knapp vier Wochen auf eigene Rechnung gebucht, Hotel inklusive. Das kostete ein Vermögen, würde ihn aber enorm nach vorne bringen, was den Heilungsprozess anging.

„So, jetzt kann ich hören“, kam es von Peter, der ein Bäuerchen unterdrückte.

„Du meinst wohl sprechen“, erwiderte Wolf, „hören konntest du schon mit vollem Mund, aber ich habe ja Anstand.“

„Immer noch der Alte“, antwortete Peter, „aber das freut mich. Was hast du auf dem Herzen? Kann ich irgendwas für dich tun?“

„Sicher, du kannst mich besuchen“, schlug Wolf vor.

„Jetzt? Im Heim? Aber wir haben uns doch erst letzte Woche im Klinikum gesehen“, wunderte sich Peter. „Ich fürchte, das muss bis zum Feierabend warten. Geht es dir nicht gut? Brauchst du mentale Unterstützung?“

„Auch“, entgegnete Wolf, „aber im Moment benötige ich eher kriminalistische und natürlich verständigst du auch gleich Nadja mit ihrem versierten rechtsmedizinischen Blick sowie Seppi von der Spurensicherung.“

Peter stutzte. „Gibt es da im Herminenhof etwa Unregelmäßigkeiten?“

„Nein, ich habe eine Leiche im Park gefunden, weiblich, schätzungsweise Mitte 20“, erklärte Wolf. „Sie liegt im Schnee und sieht aus wie ein Engel.“

„Du machst Witze“, antwortete Peter und überlegte, ob Wolfs Psyche nicht doch irgendwie gelitten hatte.

„Moment“, bat Wolf Hetzer und schickte eins seiner Fotos per WhatsApp an seinen Kumpel. „Glaubst du mir jetzt?“

„Ach du heilige Scheiße“, entfuhr es Peter, als er das Bild sah.

„Sag ich doch!“ Hetzer grinste in sich hinein. Hielt der ihn für bekloppt?

„Bleib genau, wo du bist“, befahl Peter und hatte es plötzlich eilig. „Wir sind in Sekundenbruchteilen vor Ort.“

„Keine Sorge, ich werde die Dame mit meinem Leben verteidigen“, versprach Wolf.

„Äh ja, der Mörder hat in deinem Zustand sicher mächtig Angst vor dir.“ Wolf hörte ein amüsiertes Hüsteln. „Rollst du ihm über die Haxen, ziehst die Bremse an und machst ihn am Rad fest? Wo genau ist der Fundort?“, wollte Peter noch wissen.

„Knapp unterhalb des Sees“, informierte Wolf ihn. Dann klickte es in der Leitung. Ungläubig sah er auf sein Smartphone. Legte der einfach auf. Und was sollte das, ihn in „seinem Zustand“ auch noch zu verhohnepiepeln! Das war frech und respektlos, fand Wolf, aber es war ihm bedeutend lieber als die bedauernden, mitleidigen Blicke vieler anderer. Peter behandelte ihn wie immer. Dafür war er ihm dankbar.

So langsam fing er allerdings an zu frösteln. Wenn man sich nicht richtig bewegen konnte, kroch die Kälte noch schneller überallhin.

Was musste sein Sohn Niklas gefroren haben, dachte Wolf, als er knapp 14 Tage in diesem Regenwasserschacht auf der Wiese gefangen gewesen war. Nur mit Boxershorts bekleidet hatte er mal in mehr oder weniger Wasser gestanden und zuletzt gelegen. Es war ganz knapp gewesen. In allerletzter Sekunde war er dem Tod von der Schippe gesprungen, weil eine aufmerksame Nachbarin von Gaby ihn gehört hatte. Und auch Christel war zunächst davon überzeugt gewesen, sich zu irren. Wie konnte da jemand auf der Heuwiese rufen, wenn keiner zu sehen war? Doch als sie am Nachmittag noch einmal durch ihren Garten gegangen war, stutzte sie wieder. Tatsächlich, da rief jemand. Zwar fast unhörbar leise, aber nun war sie sicher, dass sie sich das nicht einbildete.

Doch wo kam es her?

Wolf, der inzwischen zu zittern begann, fiel wieder ein, dass er selbst damals Christels Anruf entgegengenommen hatte. Er erinnerte sich: Sie war extra auf die Wiese gegangen, weil ihr plötzlich der tiefe Schacht wieder eingefallen war und hatte dort nachgesehen, damit sie sich nicht zum Affen machte, falls es doch nur ein Pfeifen im hohlen Baum gewesen sein sollte. Da säße jemand im Höppenfeld nackt in einer Betongrube, hatte sie kurze Zeit später atemlos in den Hörer gerufen und Wolf, dessen Hoffnungsschimmer bereits dabei gewesen war zu verblassen, hatte sofort gewusst, dass es sich bei dem jungen Mann nur um seinen Sohn Niklas handeln konnte.

Seitdem waren Monate vergangen. Monate voller Angst und Zuversicht, von denen er selbst etliche verpassen sollte. Beide Gefühle hatten einander ständig die Hand gereicht und sich abgewechselt, da Wolf bei der Organtransplantation einen Schlaganfall erlitten hatte und ins Koma gefallen war. Ein Martyrium für Moni, eine Selbstverständlichkeit für ihn. Auch heute fand er den Preis noch angemessen: Sein Leben für das seines Sohnes, falls es dazu gekommen wäre, aber glücklicherweise hatten sie beide überlebt.

Im Gegensatz zu ihm war Niklas längst wieder hergestellt und im Dienst. Gesundes Essen, Sport sowie eine liebende Frau an seiner Seite, hatten ihn ruckzuck zu alter Form zurückfinden lassen. Natürlich musste man auch sein jugendliches Alter bedenken. Da wurde man einfach schneller wieder fit. Vielleicht war er durch die Tortur etwas ernster geworden, aber das schadete nicht. Und Nadine, die anfänglich an seinem Bett gewacht hatte, tat es auch jetzt noch mit Argusaugen. Wolf schmunzelte. Sie hatte ihn auf positive Art im Griff. Um seinen Sohn musste er sich keine Sorgen mehr machen, was den Alltag anging. Der Erziehungsauftrag war beendet.

„Mann, Mann, Mann, ist das lausig kalt hier draußen, richtig schattig“, schimpfte Peter, der seinen Kollegen Detlef beneidete, weil er mit Lammfell gefütterte Stiefel trug. Er beschloss, sich auch welche zuzulegen. Warum nur zu Hause Lammfellpuschen tragen?

„Moin, Wolf, du siehst auch schon ganz schön verfroren aus, fast wie die Schönheit im Schnee“, begrüßte Detlef ihn.

„Kein Wunder, ihr kommt aus dem Warmen, und ich sitze schon seit Längerem hier“, sagte Wolf.

„SpuSi und Rechtsmedizin sind auch gleich da“, kündigte Peter an. „Krasse Nummer.“ Er zeigte auf die Tote.

Detlef betrachtete sie, als suche er irgendetwas. „Hmm, ich kann gar keine Verletzung erkennen. Das viele Blut. Wo kommt es her? Wirkt wie ein Muster oder so. Komisch.“

„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen“, erwiderte Wolf. „Ich kann mir allerdings keinen Reim drauf machen, aber es geht mich im Grunde gar nichts an.“

Peter stöhnte. „Jetzt komm mir nicht mit der Mitleidsnummer. Nur weil du im Moment im Rolli sitzt …“

„Schön, wenn es nur ein Moment wäre“, wandte Wolf mit bitterer Stimme ein.

„Unterbrich mich nicht“, meckerte Peter. „Nur weil du also zeitweise im Rollstuhl sitzt, muss doch dein Hirn nicht auch geschoben werden, oder? Das wird ja wohl intakt sein. Falls nicht, lass es mich wissen. Vielleicht hat dir der Schlag ja die grauen Zellen zerdeppert. Ich glaube aber eher, das ist der miese Versuch, uns deutlich zu machen, dass wir bei diesem Fall auf deine Mithilfe nicht zu hoffen brauchen.“

„Ja, aber, äh …“, begann Wolf. „Ich bin doch nicht im Dienst und werde auch längere Zeit ausfallen, wenn ich überhaupt wiederkommen kann.“

„Und wen interessiert das jetzt?“, fragte Peter. „Hier liegt jetzt eine Tote. Glaubst du, wir wollen auf deine langjährige Erfahrung verzichten?“ Er sah Detlef an.

Der schüttelte den Kopf. „Wollen wir keineswegs!“

„Zumindest inoffiziell möchten wir dich an unserer Seite wissen“, bohrte Peter weiter. „Können wir mit deiner Unterstützung rechnen?“

„Klar könnt ihr mich jederzeit fragen“, antwortete Wolf gerührt.

„Ich spreche nicht nur vom Fragen, sondern davon, dass wir die Teambesprechungen gelegentlich in dem Seniorenknast abhalten können, wenn du nicht runter in die Ulmenallee rollen kannst oder möchtest“, erklärte Peter.

„Vergesst nicht, dass ich krankgeschrieben bin“, erinnerte Wolf die beiden.

Peter verdrehte die Augen. „Schon klar, du kommst uns dann nur besuchen, Mann. Wie ein einsamer, alter Krüppel, der sich nach der Gesellschaft seiner ehemaligen Kollegen sehnt.“

„Arschloch“, zischte Wolf. „Du machst aus mir einen bedauernswerten Tattergreis.“

„Wenn du dich so benimmst“, sagte Peter und zuckte mit den Schultern. „Wo ist dein Biss, Alter? Der Ehrgeiz, der dich immer angetrieben hat? Klar, du hast in der letzten Zeit viel Scheiße erlebt. Ja, und? Kopf in den Sand stecken, oder was? Das passt doch gar nicht zu dir. Reiß dich gefälligst zusammen.“

Wolf schwieg.

Auch Peter begann langsam zu frösteln. „Mann, brauchen die lange!“ Er stapfte auf der Stelle herum. „Meine Füße sind langsam Eiszapfen.“

„Musst du Lammfellstiefel anziehen“, schlug Detlef vor und grinste.

„Gleich haue ich dir was hinter die Löffel, du Klugscheißer“, lachte Peter.

„Hast du zu Hause nicht diese überdimensionalen Puschen?“

Peter brummte nur und freute sich, als er Nadja durch den Torbogen am seitlichen Eingang des Parks kommen sah. Ihr folgte, einen Koffer an jeder Seite, Joseph von der Lancken, auch Seppi genannt.

„Hi. Schön, dich zu sehen, Wolf. Endlich wieder unter den Lebenden.“ Sie zwinkerte Hetzer zu. „Seppi und ich haben uns bei den Parkbuchten getroffen“, sagte Nadja. „Na, dann zeigt uns mal euer Engelchen!“ Sie trat näher. „Oh“, sagte sie und reckte den Hals. „Jetzt hätte ich gerne eine Drohne oder zumindest eine Leiter.“

„Wozu das denn?“, wollte Peter wissen.

„Na ja, weil ich glaube, dass da jemand was mit Blut in den Schnee geschrieben hat. Und ich bin zwar groß, aber fliegen kann ich nicht“, erklärte Nadja.

„Ich könnte dich auf die Schultern nehmen“, schlug Peter vor.

„Damit ich hinterher deinen Bandscheibenvorfall pflege?“, konterte sie. „Kommt nicht infrage.“

„Räuberleiter?“, versuchte Peter weiter.

„Wie wär’s denn, wenn ihr einfach im Heim nachfragt, ob uns der Hausmeister eine Leiter borgen kann?“, kam es aus dem Rollstuhl.

„Praktisch wie immer, unser Wolf“, freute sich Nadja und inspizierte den Leichnam.

„Ich geh dann mal los und organisiere eine, entweder aus dem Herminenhof oder dem Palais“, beschloss Detlef. „Irgendwo werde ich schon fündig.“

Alle anderen warteten gespannt auf die erste Beurteilung der Rechtsmedizinerin.

Spätfolgen

Wolf Hetzers Sohn, Oberkommissar Niklas Müller, und seine Kollegin Nadine Michels waren auf der Dienststelle geblieben. Auch wenn Niklas kaum noch etwas von der Organtransplantation spürte, war er doch empfindlich, was die momentane Kälte anging. Niemand hatte nach den letzten milden Wintern schon Ende November mit Schnee und Minusgraden gerechnet. Und er hatte nur noch diese eine Niere, die, wenn man es genau nahm, bis vor Kurzem nicht einmal ihm gehört hatte. Sie war ein Geschenk, das es zu bewahren galt, wenn er noch ein paar Jahre leben wollte.

Wahrscheinlich wäre Niklas aus reiner Neugier trotzdem mit zum Fundort der Leiche gefahren, aber Nadine hatte ihn nur einmal schräg von der Seite angesehen, um ihn von solchen Gedanken abzubringen. Sie war seine gute Fee. Nachdem er erkannt hatte, dass die Rechtsmedizinerin Anke Seiler keine Frau war, mit der er seine restliche Lebenszeit verbringen wollte, war ihm endlich aufgefallen, dass jemand anders um ihn herum ständig dafür sorgte, dass es ihm gut ging. Tagelang hatte Nadine an seinem Bett gesessen, nachdem man ihn aus der kalten Grube gefischt und mühsam am Leben erhalten hatte. Wenn sie als Spenderin von Niere und Leberteil infrage gekommen wäre, hätte sie sich sofort dazu bereit erklärt, aber sie passte nicht. Zum Glück war Wolf aufgrund seiner engen genetischen Verwandtschaft geeignet gewesen, auch wenn die unvorhersehbaren Folgen ihn schwer gezeichnet hatten. Nadine wusste genau, er hätte es auch in dem Wissen getan, was er würde erleiden müssen. Nichtsdestotrotz: So ein Schlaganfall während der Operation und das anschließende Koma waren nicht leicht zu verkraften.

Beide freuten sich wie alle hier, dass Wolf überhaupt wieder aufgewacht war. Und das meinten sie nicht nur körperlich. Sein Lebenswille schien ebenso mit neuer Kraft ans Licht zu dringen wie Schneeglöckchen aus dem winterfahlen Boden. Sie hatten direkt schmunzeln müssen, dass ausgerechnet Wolf im Herminenpark auf eine Tote gestoßen war. Es hätte jeden treffen können. Jetzt jedoch würde er sich verantwortlich fühlen, an der Aufklärung mitzuwirken. Und das konnte ihm nur guttun – in jeder Hinsicht!

Alles sehr merkwürdig!

Wieder schüttelte die Rechtsmedizinerin Doktor Nadja Serafin den Kopf. So etwas hatte sie in der Tat noch nicht gesehen.

Die Leiche sah irgendwie komisch aus, und damit meinte sie nicht nur die blutleere Blässe, die dem „Engel“ eine überirdische Ausstrahlung verlieh. Sie wirkte zu wächsern, was den Eindruck des Rauschgoldengels unterstrich, den sie wohl darstellen sollte. Zumindest vermutete Nadja das.

Es war eine fast schon perfekte Inszenierung dort im Schnee. Jede Falte des Hemdchens, jede Extremität, die Haare – alles war von einem morbiden „Regisseur“ gestaltet worden. Und genau diese Perfektion gruselte Nadja, die sonst hartgesotten war. Hier hatte der Tod etwas Schönes und stand damit in grausamem Widerspruch zu seiner eigentlichen Eigenschaft. Kein Verfallen und Vergehen, keine Autolyse konnte man von der Toten erwarten.

Die Abwesenheit ihres Geistes und ihrer Seele paarte sich mit der Unvergänglichkeit ihres Körpers. Sie war gleichzeitig da und auch nicht – wie ein dreidimensionales Abbild der Vergangenheit anstatt eines Fotos. Wie lange die zurückliegen mochte, konnte sie nicht sagen. Zu einer möglichen Totenstarre war aufgrund des Frostes rein gar nichts zu sagen. Nadja vermutete aber, dass diese sich nicht erst kürzlich aufgelöst hatte und dass die junge Frau schon viel länger tot, wenn nicht gar tiefgekühlt gewesen war.

„Sind die Haare echt?“, riss Peter seine Frau aus den Gedanken. „Die wirken irgendwie künstlich.“

Nadja zuckte mit den Schultern. „Das kann ich erst nach einer Analyse genau sagen. Beneidenswert auf jeden Fall, wenn das Naturhaar ist“, sagte sie und dachte an ihr wirres Gestrüpp auf dem Kopf, von dem Peter immer behauptete, sie müsse eher im Frühling eine Mütze tragen als im Winter, sonst würden die Vögel darin nisten wollen. Sie überlegte. „Komisch auch die Haut, möchte ich sagen. Theoretisch sieht die Frau aus, als sei sie eingefroren gewesen, aber dann wäre die Haut nicht so glatt. Ich kann auch nirgendwo Gefrierbrand entdecken.“

Jetzt war Hauptkommissar Wolf Hetzer hellhörig geworden. „Zu schön?“, fragte er. „Zu perfekt und so?“

„Ja, so könnte man es nennen“, gab Nadja zu. „Eigentlich eher wie mumifiziert, aber da ist das äußere Erscheinungsbild trotzdem ein ganz anders. Ehrlich gesagt bin ich etwas ratlos, aber ich finde das richtig klasse, denn so ist es total spannend.“

„Mir wäre wohler, wenn einfach mal einer dem anderen was über die Omme haut und gut is“, stöhnte Peter. „So eine schöne, klassische Schädelfraktur, wo man gleich weiß, woran man ist.“

„Und ich fände es besser, wenn überhaupt keiner umgebracht würde“, wandte Wolf aus dem Rollstuhl heraus ein.

„Du wirst alt“, konterte Peter, „aber wer weiß es besser als du, dass wir nicht auf einem Ponyhof leben. Hättest eben nicht hier so herumrollen sollen.“

„Du Depp“, schimpfte Wolf, „dann wäre sie doch trotzdem tot.“

„Schon“, erwiderte Peter, „aber du würdest davon nichts mitgekriegt haben, und deine Welt wäre noch in Ordnung.“ Er biss sich auf die Lippen, nachdem er das gesagt hatte. Nichts in Wolfs Welt war derzeit in Ordnung – bis auf seine Beziehung zu Moni und Niklas.

Glücklicherweise kam Detlef wieder und rettete die Situation. Über seiner Schulter trug er eine große Trittleiter aus Aluminium.

„Ja los, schwing dich hoch“, schlug Peter seinem Kollegen vor.

Detlef schüttelte den Kopf. Er war schwer höhenkrank und konnte nicht mal auf einen Stuhl steigen.

„Der kleine Zwockel?“, lachte Nadja und handelte sich von Detlef einen strengen Blick ein. „Wohl kaum! Das wirst du schön selbst machen. Du siehst mit deinen zwei Metern viel mehr oder soll ich etwa?“ Sie war nur rund fünf Zentimeter kleiner als er.

„Untersteh dich“, drohte Peter und nahm die erste Stufe.

„Kindsköppe“, sagte Detlef kopfschüttelnd zu Wolf, doch der reagierte nicht. Sein Fokus war ganz auf den Fundort ausgerichtet. Er war gespannt, ob jemand wirklich etwas mit Blut in den Schnee geschrieben hatte.

Seppi konnte bestätigen, dass es sich tatsächlich um Blut handelte. Er hatte bereits von einer Stelle am Rand eine Probe genommen.

Diffuses Knistern lag in der Luft, und das hatte nichts mit Weihnachtsstimmung oder -vorfreude zu tun. Selbst Wolf, der das nie zugegeben hätte, spürte es: Der Jagdinstinkt des Teams war erwacht.

Mittlerweile war Peter oben angekommen, lehnte sich auf der Leiter nach vorne wie über eine Balkonbrüstung und kniff die Augen zusammen.

„Ja, da steht tatsächlich was“, sagte er. „Ist irgendwie Schrift, aber man kann nix damit anfangen.“

„Also, was denn nun?“, wollte Detlef wissen. „Steht da was geschrieben oder nicht?“

„Buchstaben schon, nur ohne Sinn. Ich glaube, der Kerl ist nicht fertig geworden“, überlegte Peter laut.

„Könntest du uns denn jetzt bitte vorlesen, was du siehst?“, fragte Wolf mit mühsam beherrschter Stimme. Er musste sich zusammenreißen. Normalerweise dürfte er gar nicht mehr hier sein. Im Grunde hätten sie ihn wegschicken müssen.

Peter drehte sich um 180 Grad und grinste Wolf an. „Das willste wohl wissen, was? Freut mich! So, hier steht: ALDRIG MOR. Und jetzt könnt ihr euch auch vorstellen, dass da noch ein winzig kleiner Buchstabe fehlen muss, wenn ihr das vor eurem inneren, geistigen Auge ausschreibt.“

„Du denkst, das letzte Wort hätte MORD heißen sollen?“, hakte Seppi nach.

„Gut möglich, er könnte gestört worden sein“, überlegte Detlef.

„Klingt sinnvoll, aber was soll das erste Wort heißen?“, fragte Nadja. „Hat da jemand von euch eine Idee?“

„Vielleicht ein Name?“, kam es aus dem Rollstuhl. „Möglicherweise heißt die Tote so. Der Mörder wird mit Sicherheit kaum so dumm gewesen sein und seine Visitenkarte dagelassen haben.“

„Unwahrscheinlich“, erwiderte Detlef. „Wer eine Tote so virtuos inszeniert, kann nicht ganz blöd sein. Dazu gehört schon eine gewisse Raffinesse und Planung.“

Nadja reichte Peter die Kamera nach oben.

„Machst du bitte ein paar aussagekräftige Bilder? Mal mit Blitz, mal ohne“, bat sie. „Dann kann die Frau eingepackt werden. Alles Weitere mache ich im Institut, wenn ich meine Finger wieder bewegen kann.“ Sie rieb sich die Hände, die in den Latexhandschuhen ganz kalt geworden waren.

„Okay“, sagte Peter und nickte den Bestattern zu, die sich dezent zurückgehalten hatten und ein paar Meter weiter weg warteten. „Macht auch keinen Sinn, sie hier weiter zu untersuchen, wenn sie länger tot ist, aber vielleicht solltest du Enno anrufen, damit er den Sektionstisch runterkühlt oder willst du, dass sie sofort auftaut?“

„Keinesfalls“, erwiderte Nadja, „aber zuerst muss ich sie so haben, wie sie jetzt ist, sonst kann ich einige spezifische Dinge nicht mehr richtig beurteilen.“

„Dachte ich mir“, sagte Peter und zwinkerte ihr zu. „Wir rücken dann ab, Detlef. Bis später!“

„Wann denn später?“, fragte Wolf. „Kommst du mich mal besuchen?“

„Nee“, antwortete Peter frech, „du wirst dich schön in der Ulmenallee einfinden und mit an unseren Ermittlungen teilnehmen – natürlich inoffiziell und eher als Berater, aber wir wollen nicht auf dich verzichten.“ Er blickte in die Runde. Alle nickten. „Gibt wegen der neuen Rampe auch keine Ausrede hinsichtlich deines neuen Fortbewegungsmittels.“

„Okay“, sagte Wolf gerührt. Sie hatten ihn noch nicht abgeschrieben. Wahrscheinlich glaubten sie mehr an ihn als er an sich selbst.

„Treffen wir uns doch mit den ersten Ergebnissen am frühen Nachmittag“, schlug Peter vor. „Sagen wir halb vier? Schaffst du das, Nadja?“

„Ich denke schon. Schaltet mich dann einfach per Skype zu, einverstanden?“, bat sie.

„Perfekt“, sagte Peter und winkte zum Abschied.

Wolf beschloss, noch einen Moment zu bleiben, denn Seppi würde jetzt den Bereich unter der Leiche untersuchen. Dabei wollte er ihm Gesellschaft leisten, bevor er wieder in sein Zimmer zurückrollen würde.

Im Herminenhof

Eines hatten all diese Einrichtungen gemein, seien es Krankenhäuser, Reha- oder Kurkliniken sowie Seniorenheime: Alle Mahlzeiten gab es wahnsinnig früh. Das Morgengedeck kam zwischen sechs und halb sieben, zu Mittag gegessen wurde spätestens um halb zwölf und das Abendbrot stand schon kurz nach fünf auf dem Tisch. Da tranken manche Leute noch Kaffee, überlegte Wolf, als er sich um 11:27 Uhr im Speisesaal einfand. Heute, wo er vom aufregenden Morgen im Park ganz durchgefroren war, kam ihm die lauwarme Hühnersuppe zu dieser Uhrzeit allerdings wie eine Erlösung vor. Selbst den halb garen Blumenkohl neben einem Kartoffelpüree aus der Tüte verschmähte er nicht, denn er hatte Hunger. Kälte und Anspannung hatten seinen Kreislauf in Schwung gebracht. Seit Langem hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt.

Das Essen hier war in der Tat keine Offenbarung, aber gelegentlich brachte ihm seine Moni etwas richtig Leckeres mit. Doch er hatte den Aufenthalt hier gewollt, um ihr in der ersten Zeit nicht zu sehr zur Last zu fallen und natürlich, um körperlich durch die Turbo-Physiotherapie einen enormen Schritt nach vorn zu machen. Wenigstens hoffte er das. Sie würde morgen endlich beginnen. Das war für ihn eine große Erleichterung. Trotzdem freute er sich mehr als alles andere wieder auf sein Zuhause.

Nach dem Essen legte er sich hin. Richtig schlafen konnte er nicht, dafür war der Vormittag zu aufregend gewesen, aber er döste so vor sich hin. Im Halbdämmerzustand kamen die Erinnerungen der nahen Vergangenheit zurück. Gespräche, die er vor der Organtransplantation geführt hatte, Blicke und Gesten von Ärzten und Schwestern, die sorgenvollen Gesichter seiner Angehörigen und Freunde.

All das hatte er dem Mörder seines letzten Falles zu „verdanken“. Er war es gewesen, der seinen Sohn in einen tiefen Regenschacht im Höppenfeld angekettet und sie alle nur mit einem Rätsel zurückgelassen hatte. Wäre Moni Kahlert, seine Nachbarin und Verlobte, nicht gewesen, hätte er die Todesangst um Niklas verwinden können? Ihrer beider Liebe, die vielen Gespräche hatten ihn durch diese schwere Zeit getragen. Obwohl er seinen Sohn erst als Erwachsenen kennengelernt hatte, war er ihm mehr als er ahnte ans Herz gewachsen. In den schlimmsten Stunden war er sich dessen erst wirklich bewusst geworden.

Als er nach Niklas’ Bergung aus dem Schacht mit Seppi von der Spurensicherung dort hinuntergestiegen war, hatte ihn das Grauen gepackt. Man konnte sagen, dass er hinterher nicht mehr derselbe gewesen war. Die Kratzer, das Blut, die Hautreste an den Betonwänden hatte selbst der hartgesottene Techniker schwer ertragen. Es war etwas anderes, wenn man den Menschen kannte, der dort gelitten hatte. Man fühlte die Verzweiflung fast greifbar, mit der der junge Mann versucht hatte, sein Leben zu retten. Wäre das Gitter im Schacht nicht gewesen, hätte er sich in die Beeke spülen lassen können. Die Röhre wäre vom Durchmesser wohl groß genug. Doch er hatte die Stäbe nicht lösen können – nicht mit Steinen, nicht mit bloßen Fingern. Wolf seufzte. Vielleicht auch ein Glück, denn wenn er in dem Betonrohr stecken geblieben wäre, hätte man ihn niemals gefunden. Auch so war es allerhöchste Eisenbahn gewesen. Kurz vor dem Multiorganversagen hatte man ihn geborgen und sofort intensivmedizinisch versorgt. Was folgte, waren quälende Wochen des Hoffens. Jetzt konnte man sagen, dass Niklas dem Tod durch die Leberteillappenspende von Wolf, die beide gut überstehen sollten, von der Schippe gesprungen war. Zumindest hatte es so ausgesehen. Aber Niklas war immer noch sehr schwach. Eine Niereninsuffizienz war das zweite Übel. Da es zu gefährlich gewesen war, mit dem Leberfragment gleichzeitig eine Niere zu transplantieren, verschob man diese zweite, schwere Operation auf unbestimmte Zeit, was regelmäßige Blutwäschen mittels Dialyse zur Folge hatte. So konnte man sich ein paar Monate behelfen, aber im Herbst wurde man sich bewusst, dass eine zügige Lösung gefunden werden musste. Zwar stand Niklas schon seit seiner Einlieferung ins Krankenhaus auf der Liste von Eurotransplant, aber bisher hatte sich kein Spenderorgan finden lassen. Vater und Sohn wussten, dass eine erneute Lebendspende für Niklas unvermeidbar, ja seine einzige Chance war. Wer hätte ahnen können, dass der Eingriff Wolfs Leben erneut und auf andere Weise verändern würde? Selbst wenn man über die möglichen Risiken aufgeklärt wird, glaubt man doch kaum, dass sie eintreten werden. Man hält die Beschreibungen des Arztes, was eventuell passieren könnte, für eine Absicherung der Krankenhausleitung und vergisst das Ganze schnell, nachdem man unterzeichnet hat. Wer zieht schon gerne „Worst Case“ in Betracht, wenn er sich dazu entschlossen hat, einem anderen Menschen das Leben zu retten, vor allem, wenn es sich dabei um den eigenen Sohn handelt?

Im Dämmerschlaf sah er Doktor Till Niederegger vor sich. Er sah blöd aus mit seiner Eulenspiegelkappe anstatt der OP-Haube. Wolf schüttelte sich. Als Mundschutz hatte er eine grinsende Zahnreihe getragen. Aus dem Fernsehen wusste er, dass es die Dinger tatsächlich gab. Was ihm das Unterbewusstsein aufgrund eines Vornamens vorgaukelte … Beinahe schämte er sich. Der Spezialist für Transplantationsmedizin, den Nadja extra aus dem Klinikum Neuperlach bei München organisiert hatte, hatte etwas Besseres verdient, als so in seinen Träumen zu erscheinen. Er war ein früherer Studienkollege der Rechtsmedizinerin und hatte hervorragende Arbeit geleistet. In Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Hannover war der Eingriff durchgeführt worden. Dass Wolf dabei einen Schlaganfall erlitten hatte, war ihm nicht zuzuschreiben. In der MHH hatte er so einen guten Eindruck hinterlassen, dass ihn der Chef der Abteilung für Transplantationschirurgie, Professor Doktor Severin Pichlmayr, vom Fleck weg abgeworben hatte. Gegen eine nicht unerhebliche Summe, wie es in Fachkreisen geheißen hatte. Und da das Transplantationszentrum in Hannover deutschlandweit den besten Ruf genoss, war Niederegger nicht abgeneigt gewesen, dem Locken des Professors Folge zu leisten. Es war quasi eine Art Ritterschlag. Viele Ärzte bewarben sich dort tagtäglich ohne Erfolg.

Niederegger hatte die Nierentransplantation auf Bitten und Drängen von Rechtsmedizinerin Nadja und dem Leiter der Operativen Fallanalyse des LKA Niedersachsen, Thorsten Büthe, in der MHH durchführen dürfen. Allerdings nur unter den strengen Augen des Oberarztes. Pichlmayr und Büthe kannten sich seit Jahren, nachdem der ebenfalls als Hochzeitsfotograf tätige Hauptkommissar den Professor und dessen zweite Braut an ihrem schönsten Tag abgelichtet hatte.

Wolf seufzte im Halbschlaf. Operation gelungen, Spender ein Wrack – eigentlich nur noch zum weiteren Ausschlachten gut, überlegte er und rief sich sofort zur Räson, denn solche Gedanken wollte er überhaupt nicht mehr zulassen. Was immer nun aus ihm werden mochte, auf etwas in seinem Dasein konnte er stolz zurückblicken: Er hatte seinem Sohn das Leben gerettet. Niklas konnte ohne Einschränkungen alt und glücklich werden. Ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Ja, auch glücklich, denn Nadine war die Richtige für ihn – warmherzig, klug und ein echter Kumpel. Darüber hinaus war sie hübsch anzusehen, was Wolf in waghalsigen Momenten auf niedliche Enkel hoffen ließ. So weit war es also schon. Er dachte daran, Opa zu werden.

Als Wolf wieder auf die Uhr sah, war es kurz vor drei. Potzblitz! Da musste er doch tatsächlich bei seinen wirren Gedanken noch eingeschlafen sein. Zum Kaffeetrinken brauchte er nun nicht mehr zu gehen. Die räumten bestimmt ohnehin längst ab. Aber er sollte sich fertig machen. Bis er sich restauriert hatte und auf die Dienststelle gerollt war, würde es seine Zeit dauern. Und just in dem Moment, als er am schlechtesten abheben konnte, klingelte sein Smartphone.

Unglaubliches

Während Wolf seinen Gedanken und dem Schlaf nachgejagt hatte, war Nadja in der Rechtsmedizin des Schaumburger Großklinikums mit der Sektion der Frauenleiche beschäftigt gewesen.

Zeitgleich beriet sich die SoKo „Engel“ zu den bisher bekannten Einzelheiten. Man trug zusammen, was man hatte und rätselte über die Schrift oder die Buchstaben. Nadine war davon überzeugt, dass sie es mit den Anfangsbuchstaben eines Satzes oder einer Phrase zu tun hatten. Dass es ein Name sein könnte, diese Idee war schnell verworfen worden. Dann schon eher die Theorie, dass das letzte Wort hätte „MOR…D“ heißen sollen, aber der Täter gestört worden war, weswegen das D fehlte. Machte denn dann das erste Wort „ALDRIG“ überhaupt Sinn?

„Ein Eigenname?“, schlug Detlef vor. „Das könnte doch möglich sein.“

Niklas schüttelte den Kopf. „Hab ich gerade mal deutschlandweit bei ,Das Örtliche’ eingegeben. Es gibt niemanden, der so heißt.“

„Was? In ganz Deutschland nicht?“, wunderte sich Peter. „Dann gib das doch mal so ein, das bescheuerte Wort.“

„Hab ich schon. Kommt nur was Dänisches oder Schwedisches, und das macht ja wohl keinen Sinn“, fand Niklas.

„Na, und was heißt es nun?“, hakte Detlef nach. „Jetzt wollen wir es wenigstens wissen.“

„Ganz einfach, es heißt ,Nie’ und da gibt es herrliche Schnulzen auf YouTube. Liebeslieder wahrscheinlich. Habt ihr Bock, dass ich euch das vorspiele? Schmonzetten auf Dänisch oder Schwedisch?“

„Untersteh dich“, drohte Nadine. „Sonst schläfst du heute draußen.“

Peter grübelte. „NIE MORD?“ Er rieb sich das Kinn. „Vielleicht eine Erklärung, dass der Tod der Dame nicht gewollt war. Und darum auch die engelsgleiche Inszenierung. Das ergäbe doch einen Sinn.“

Detlef schlug sich die Hände vor den Kopf. „Man kann sich eine Erklärung auch zurechtbasteln, wenn einem nichts Gescheites einfällt.“

„Was fällt euch nicht ein?“, fragte Wolf und bog mit seinem Rolli um die Ecke.

Nadja, die vorhin versucht hatte ihn anzurufen, war hinterher nicht mehr zu erreichen gewesen. Vielleicht hatten die Kollegen schon etwas gehört. Er stutzte. Durfte er das eigentlich noch sagen? Nach dem langen Krankenstand?

„Komm erst mal richtig rein, Alter“, sagte Peter und klopfte Wolf auf die Schulter. „Tut gut, dass du mit von der Partie bist.“

Die anderen nickten.

„Ohne dich ist das Team unvollständig“, bekräftigte Detlef.

Wolf war gerührt. Sie meinten das wirklich ernst und hatten ihn nicht nur aus Mitleid dazugebeten.

„Wir kommen nicht weiter, weil wir komische Buchstaben oder Worte haben, mit denen wir nichts anfangen können“, erklärte Nadine. „Vielleicht hast du eine Idee?“

Nach und nach ließ sich Wolf berichten, worüber sie eben schon gesprochen hatten.

„Ihr müsst alle Gedanken zulassen“, erinnerte Wolf seine Kollegen, „und zusammentragen. Macht nicht den Fehler, eure Eingebungen gegenseitig zu verwerfen. Das blockiert euch sonst. Alles ist immer möglich. Vergesst das nicht.“

„Okay, machen wir eine Liste“, schlug Nadine vor.

Plötzlich klingelte Peters Smartphone. Er hielt den Zeigefinger vor seine Lippen. „Es ist Nadja. Gleich wissen wir mehr!“ Dann ging er ran. „Grüß dich, wir sitzen hier alle zusammen. Wolf ist auch dabei. Ich stelle mal auf laut.“

„Ja, Hallo an alle! Schön, Wolf, dass du mit von der Partie bist. Seid ihr schon neugierig, was es mit eurem Engel auf sich hat? Ich habe ein paar spektakuläre Erkenntnisse. Welche Schlüsse ihr daraus ziehen werdet, da bin ich gespannt. Für mich reimt sich da erst mal nichts zusammen.“

„Schieß los, und spann uns nicht auf die Folter“, bat Peter eindringlich. „Wir kommen hier nämlich nicht so recht weiter. Vielleicht kannst du unsere grauen Zellen erleuchten.“

„Gut, dann also kein höfliches Geschwafel, sondern gleich zu den Fakten“, begann Nadja. „Folgende Dinge waren besonders auffällig. In der Frau befand sich überhaupt kein Blut. Man muss es entfernt haben. Vermutlich war es das Blut, mit dem die ominöse Botschaft geschrieben worden ist. Stattdessen habe ich eine chemische Substanz gefunden. Die Analyse läuft noch. Was mich am Fundort schon gewundert hat, war, dass die Haut so unversehrt schien. Deshalb habe ich ein paar Zellproben unter das Mikroskop gelegt.“

„Ja, und?“, hakte Wolf nach. Er war vollkommen in seinem Element, als sei er nie weg gewesen. In diesem Moment hatte er total vergessen, dass er eigentlich nur Gast war.

„Sie hätten durch den Frost oder das Gefrieren, so ganz genau wissen wir das noch nicht, in größerem Ausmaß geplatzt sein müssen.“

„Aha, ja stimmt“, fiel Nadine wieder ein. „Wasser dehnt sich ja beim Gefrieren aus, und der Körper besteht zum Großteil aus Wasser.“

„Und wenn man ihrem Körper vor dem Einfrieren das Wasser entzogen hat?“, überlegte Detlef.

„Glaubst du, sie war in Salz eingelegt?“, lachte Peter. „Ich denke nicht. Beim Pökeln wäre sie doch weggeschrumpelt.“

„So ganz unrecht hat Detlef nicht“, wandte Nadja ein. „Wobei ich der Ansicht bin, dass man den Zellen nur insoweit das Wasser entzogen hat, damit sie nicht platzen. Wie das gehen kann, ist mir schleierhaft.“

„Ja, so was hatten wir noch nicht, wenn wir auch schon mit vielem konfrontiert worden sind“, stimmte Wolf zu. „Aber es muss ja seinen Grund haben, warum das so gemacht worden ist. Der Mörder wollte sich die Frau erhalten und zwar so, wie sie war.“

„Und warum hat er sie dann doch irgendwo abgelegt und der Verwesung preisgegeben?“, bohrte Peter nach. „Das passt wohl kaum zusammen.“

„Nun“, antwortete Nadja, „Vorlieben oder Bedürfnisse können sich ändern. Vielleicht brauchte er die Frau nicht mehr, weil er sich neu orientiert hatte.“

„Hoffentlich diesmal eine lebendige Partnerin“, orakelte Nadine, „sonst werden wir bald wieder fündig.“

„Wie kommst du darauf, dass er sich neu orientiert haben könnte?“, wollte Wolf wissen. „Gibt es dafür einen Anhaltspunkt?“

„Wie man’s nimmt“, gab Nadja Auskunft, „ihr fehlt noch was Entscheidendes. Jemand hat ihr die Gebärmutter entfernt …“

Nadine musste schlucken.

„Okay“, sagte Wolf, „das ist nicht uninteressant. Vermutest du sexuelle Motive?“

„Moment. Ich war noch nicht fertig“, erklärte Nadja. „Also der Uterus wurde herausgetrennt, aber an Ort und Stelle im Unterbauch belassen.“

„Puh“, seufzte Nadine, und Niklas verdrehte die Augen.

„Was soll das denn für einen Sinn machen?“, fragte er. „Wenn schon rausschneiden, warum dann nicht entfernen? Und wenn man das Organ eben nicht herausnimmt, warum dann die Schnippelei?“

„Da wollte wohl mal einer gucken, wie es dahinter aussieht oder probieren, wie es funktioniert, wenn man so was macht“, fiel Peter ein. „Könnte das sein?“

„Du weißt doch, es kann immer alles sein, denk an Wolfs Worte“, erinnerte ihn Detlef. „Er könnte auch dabei gestört worden sein.“

„Ein Detail solltet ihr noch wissen“, berichtete Nadja. „Ist was Kurioses, was ich mir auch nicht erklären kann. Ich mache bei Frauen im gebärfähigen Alter immer einen Schwangerschaftstest. Ist so eine Marotte von mir. Ich hätte es in diesem Fall sicher weggelassen, wenn ich das mit dem Uterus vorher festgestellt hätte.“

„Ja, und?“, erkundigte sich Wolf aufgeregt. „Jetzt sag nicht, dass sie schwanger war?“

„Doch, der HCG-Wert war extrem erhöht. Das spricht eindeutig für eine Gravidität“, erklärte Nadja. „Ich hab aber dann sicherheitshalber im Uterus nachgesehen, und da war kein Braten in der Röhre.“

Hier und dort hörte man erleichtertes Aufatmen.

„Jetzt fragt ihr euch sicher, wie es zu dem falsch positiven Ergebnis kommen kann. Stimmt’s?“

Nadja machte eine Pause, der allgemeines Gemurmel folgte.

„Ehrlich gesagt, weiß ich es selbst nicht“, gab sie zu. „Ich muss erst weitere Untersuchungen vornehmen und kann nur sagen, dass die Gebärmutterschleimhaut nicht verdickt war oder Ähnliches oder gar eine Vergrößerung des Organs vorlag. Das spricht eindeutig gegen eine Schwangerschaft.“

„Trotzdem mysteriös“, fand Peter.

„Sehr“, pflichtete Niklas ihm bei. „Ich bin gespannt, was da dahintersteckt. Keine Ahnung, was wir mit diesen merkwürdigen Informationen anfangen sollen. Sorry, Nadja, damit meine ich nicht dich, nur die Sachlage.“

„Schon klar“, erwiderte die Angesprochene. „Mir kommt das ja selbst ziemlich verrückt vor. Alles in allem, meine ich: Ihr Aussehen, ihr Zustand, die Befunde, ihre Auffindesituation. Nichts davon ist normal oder gewöhnlich. Vieles erscheint direkt paradox. Wäre da im Unterleib nicht dieser riesige Schnitt gewesen, hätte ich überhaupt nicht weiter im Unterbauch nachgesehen. Wisst ihr, er sah aus wie von einem der historischen Kaiserschnitte, als man noch senkrecht zur Schambeingrenze bis zum Bauchnabel eröffnete.“

Peter stöhnte. Ihm schwante Übles. „Kommst du dann heute Nacht überhaupt nach Hause?“

„Keine Bange, einige Untersuchungen laufen noch. Da kann ich gar nichts beschleunigen. Über manche Details muss ich mir erst mal Gedanken machen“, erklärte die Rechtsmedizinerin. „Zum Beispiel, warum der Uterus einfach so im Bauchraum lag und keinen Fötus aufwies, man aber die oberen Hautschichten wieder fachmännisch vernäht hatte. Könnte also sein, dass ich sogar früher daheim bin.“ Sie zögerte. „Genau, und so mache ich das jetzt auch“, beschloss sie. „Meine Arbeit hier vor Ort ist erledigt oder angeschoben. Ich muss nachdenken. Ihr sicher auch. Also, bis dann! Wo ihr mich notfalls erreichen könnt, wisst ihr ja.“ Sie schwieg einen kurzen Moment. „Notfalls, sagte ich! Nicht, dass ihr mir prompt ein weiteres Opfer präsentiert.“

„Haben wir nicht vor“, versprach Niklas.

„Bis später“, sagte Peter und wollte gerade auflegen, als Nadja noch „Tschüss, Wolf, bis bald!“ rief.

„Ja, vielen Dank, wir sehen uns“, antwortete Wolf und lehnte sich mit seinen Händen auf Peters Schreibtisch, um ihn zu fixieren.

„Was?“, fragte Peter leicht genervt, als er Wolfs undefinierbare Miene sah.

„Da kommt verdammt noch mal was auf euch zu“, seufzte Wolf.

„Wie soll ich das verstehen?“, brummte Peter. „Willst du dich jetzt wieder in dein Heim verziehen und uns alleine machen lassen?“

„So in etwa“, grummelte Wolf zurück. „Ich habe Anwendungen, Therapie. Du verstehst? Es geht um meine Gesundheit. Ich will nicht ewig ein Krüppel bleiben, der im Rollstuhl sitzt.“

„Danke, das war deutlich“, sagte Niklas und verließ den Raum. Nadine folgte ihm kopfschüttelnd mit bösem Blick auf Wolf.

Der biss sich auf die Zunge. So ein Mist, das hätte er nicht sagen dürfen.

„Niemand sagt, dass du diese Stunden nicht wahrnehmen sollst“, versuchte Detlef zu beschwichtigen, „aber vielleicht können wir uns darauf einigen, dass du definitiv mit im Team bist und uns deine Unterstützung zusicherst, soweit es dir möglich ist. Wir brauchen deine Erfahrung und Besonnenheit.“

Peter lachte. „Besonnen war das jetzt nicht gerade, sondern beschissen. Aber wir haben auch leicht reden. Niemand steckt in deiner Haut. Uns allen geht es mehr oder weniger gut. Wir können normal leben. Trotzdem solltest du Detlefs Vorschlag, der uns allen aus dem Herzen spricht, überdenken. Dafür rede ich mit Niklas. Wenn sein Blutdruck wieder gesunken ist, wird er Verständnis für dich haben. Vielleicht trinkt ihr gelegentlich ein Bier zusammen, so von Mann zu Mann, nicht von Vater zu Sohn.“

„Wenn ich ihn aus Nadines Armen loseisen kann“, sagte Wolf und zwinkerte den beiden Kollegen zu. „Die hätte mich am liebsten eben gefressen. Sprich lieber mit ihr. Und ja: Natürlich unterstütze ich euch. Das habe ich eben nicht so gemeint. Falsche Wortwahl sozusagen. Klar bin ich mit dabei. Was denkt ihr? Ich stecke schon viel zu tief drin. Es würde mich sowieso beschäftigen.“

„Offiziell geht es natürlich nicht“, erinnerte Peter ihn und zwinkerte ihm zu. „Müssen wir vor der ollen Kukla geheim halten.“

„Unsere Staatsanwältin wird doch hoffentlich nach ihrer Weltreise immer noch gute Laune haben und über solche nichtigen Kleinigkeiten hinwegsehen“, witzelte Detlef.

Wie abgesprochen schüttelten Peter und Wolf gleichzeitig den Kopf. Da waren sie sich einig.

„Die?“

„Nie im Leben!“

„Na, dann will ich mal zum Abendbrot rollen“, beschloss Wolf.

Peter sah auf die Uhr. Gerade mal halb fünf.

„Sag nichts“, bat Wolf.

„Wieso, Buletten oder Hähnchenschenkel kann ich zu jeder Tageszeit essen oder auch ein schönes paniertes Schnitzel.“ Peter kam ins Schwärmen.

„Darf ich euch noch einen guten Rat geben?“, erkundigte sich Wolf vorsichtig. Es sollte sich nicht nach Chef anhören, denn das war er im Moment definitiv nicht.

„Klar“, antwortete Detlef. „Immer gerne!“

„Passt auf, dass nichts an die Presse dringt. Wir haben Advent. Wenn die erst spitzkriegen, dass die Tote wie ein Rauschgoldengel drapiert war, gibt es wilde Spekulationen. Glaub mir, das solltet ihr in eurem eigenen Interesse lieber verhindern. Sonst rennen sie euch hier die Bude ein.“

„Wir wissen aber noch nicht, wer sie ist“, wandte Peter ein.

„Schöpft erst mal alle anderen Quellen aus, bevor ihr die Medien um Hilfe bittet“, schlug Wolf vor. „Das könnt ihr notfalls immer noch machen.“

„Okay“, sagte Peter leichthin und ahnte nicht, dass es anders kommen sollte.

Die Kräuterhexe

Am noch früheren Morgen war nämlich schon Sissy Schulte mit ihrer Katze Miss Marple durch den Herminenpark gegangen. Das nach der bekannten Detektivin benannte Tier war in Richtung Gebüsch gesprungen und hatte dort mit den Locken des Rauschgoldengels gespielt.

Schnell hatte Sissy ihre Katze dort weggenommen und war noch einen Moment stehen geblieben, um das Werk eines unbekannten Performance-Künstlers inbrünstig zu betrachten. Er hatte wohl schon mit seiner Adventsdekoration begonnen. Davon war gar nichts in der Zeitung zu lesen gewesen, wie schade, dachte sie. Vielleicht hatte der Himmel einen Engel geschickt. Die Welt brauchte mehr als einen, fand sie.

Nie im Leben wäre sie darauf gekommen, dass hier eine Tote vor ihr lag. Die gute Sissy hatte einen an der Waffel, wie ihre Nachbarn am Südharrl zu wissen glaubten, und das lag nicht nur daran, dass sie mit ihrer Katze Gassi ging. Nein, sie pflegte in ihrem Garten einen umfangreichen Kräutergarten, dessen Erzeugnisse sie behutsam pflückte und in Gefriertüten an ihre Nachbarn verteilte. Wer genauer hinsah, fand Löwenzahn, Giersch und Gänseblümchen neben Borschtsch oder Petersilie. Wer die unfreiwillige Gabe nicht sofort wegwarf, fischte sich ein paar Stängel Schnittlauch für sein Abendbrot heraus.

Gelegentlich konnte man Sissy auch beim Trampolinspringen beobachten. Sie ruhte dann ganz in sich, als wäre sie in weiten Sphären unterwegs und hörte ätherische Musik über einen Lautsprecher, die den Leuten auf den Wecker ging, aber sie sagten nichts, weil die Frau ihnen leidtat.

Es war nämlich so, dass der Mann von Sissy kürzlich gestorben war. Manche munkelten, dass sie nachgeholfen hatte, doch das war sicher nur ein böses Gerücht. Fakt war, dass sie nicht alle Steine auf der Schleuder hatte. Jeder merkte es sofort, der mit ihr sprach. Alles an ihr war langsam und bedächtig. Beinahe schien es so, als bewege sie sich grundsätzlich nur im Zeitlupentempo, einschließlich ihrer Lippen. Dadurch kam man sich selbst bescheuert vor, denn sie sprach mit einem, wie mit einem minderbemittelten Kind. Wahrscheinlich tat man ihr unrecht, und sie war nur ein armes, einsames, altes Weib. Aber so sind die Menschen nun mal. Alles Andersartige wird misstrauisch beäugt. Und so wurde Sissy Schulte wegen ihres seltsamen Verhaltens und ihrem Hang zu speziellen Pflanzen hinter vorgehaltener Hand nur die „Kräuterhexe“ genannt.

Doch so harmlos sie auch wirkte, eins konnte sie dennoch: Sich umfangreich beschweren! In diesem Fall war es ihr Nachbar Momo, der die Salve abbekam – in langatmigem, leierndem Tempo.

Das könne doch nicht sein, dass da Kunstwerke im Herminenpark ausgestellt würden und die Öffentlichkeit nichts davon mitbekäme, lamentierte sie an seiner Haustür in der Schillerstraße. Momo Dietsch wusste überhaupt nicht, wie ihm geschah, versprach aber, die Angelegenheit umgehend in Augenschein zu nehmen. Er selbst hatte nicht das Geringste davon gehört.

„Um wie viel Uhr haben Sie das Kunstwerk denn entdeckt?“, fragte er mit einem Blick auf die Uhr und unterdrückte ein Gähnen. Es war eben erst halb neun, und er hatte bis tief in die Nacht an diversen Reportagen geschrieben.

„Muss so halb sechs gewesen sein“, informierte ihn die Kräuterhexe.

„Haben Sie vielleicht ein Foto gemacht?“, hakte Dietsch nach.

Ein irres Lachen folgte. „Glauben Sie vielleicht, ich trage immer einen Apparat bei mir?“

„Nee, ich dachte mehr an ein Smartphone, mit dem man mal just ein Bild machen kann“, erwiderte Dietsch.

„Meinen Sie im Ernst, ich würde mich gefährlicher Handystrahlung aussetzen? So ein Ding habe ich nicht.“

„Können Sie mir den Engel dann vielleicht beschreiben? Vor allem, wo er liegt?“, bat der Journalist.

„Na, wie ein Rauschgoldengel so aussieht. Blond, lockig mit einem weißen Hemdchen …“ Sie stutzte plötzlich. „Ich kann mich nicht erinnern, ob er Flügel hatte. Auf jeden Fall lag er im Bereich unterhalb des Sees.“

„Gut, ich werde mich der Sache annehmen und auch bei der Redaktion nachhaken“, versprach Dietsch. „Dann melde ich mich wieder bei Ihnen.“

„Vielen Dank“, sagte Sissy Schulte. „Bitte erkundigen Sie sich auch, ob zu den nächsten Adventssonntagen weitere Installationen geplant sind. So etwas muss die Bevölkerung doch wissen, wenn sie die Werke bewundern soll.“

„Ja, ja“, sagte Dietsch und dachte sich seinen Teil. Nie im Leben glaubte er an das, was sich die Alte zusammenfantasierte. Die hatte nicht alle Tassen im Schrank. Trotzdem war er in seiner Journalistenseele angefixt, denn die Entdeckung, die die Kräuterhexe gemacht hatte, konnte eigentlich nur eines bedeuten: Sie hatte unwissentlich eine Tote entdeckt.

Um aber ganz sicher zu gehen, dass er es nicht doch mit einem weiteren Spinner zu tun hatte, der sich als Künstler verstand und Frauen im Schnee drapierte, rief er schnell in der Redaktion an. Natürlich erst, nachdem sich das knochige Gestell entfernt hatte. Puh, an der war wirklich nichts dran. Ein Wunder, dass sie überhaupt lebte. Wobei, wenn er’s recht bedachte, ihr Geist auch nicht viel schlimmer aussehen könnte.

Nachforschungen

In der Redaktion spitzte man die Ohren, als Momo dort anrief. Von einer Adventsausstellung in der Natur des Herminenparks wusste man ebenso wenig wie von der Installation eines Performance-Künstlers. Das klang mehr als spannend. Von Behördenseite war allerdings auch keine Information hinsichtlich eines Leichenfundes eingegangen. Entweder wollte man die Presse bewusst im Dunklen lassen oder war noch nicht dazu gekommen, diesen Fall zu melden. Normalerweise war der Draht zwischen Kripo und Landeszeitung gut, was nicht hieß, dass man die Füße stillhielt, wenn man offiziell noch nichts wissen sollte.

Momo nahm sich vor, mal so ganz zufällig im Herminenpark spazieren zu gehen. Mit einem Hund und ohne Kamera wäre das noch glaubwürdiger gewesen, aber vielleicht machte er hier viel Wirbel um nichts, und die Alte hatte einfach nur eine Halluzination gehabt.

Das glaubte er allerdings nicht mehr, als er unterhalb des Sees um die Ecke kam und weiße Michelinmännchen eifrig in einem abgeriegelten Bereich unter einem Zeltdach herumwuseln sah. Den mit dem üppigen roten Bart und der Glatze kannte er nämlich. SpuSi-Seppi hielt seine Platte derzeit unter einer quietschgrünen Mütze und der Kapuze des Schutzanzugs verborgen. Man erkannte ihn trotzdem auf den ersten Blick. Momo jubilierte innerlich. Er war an was Fettem dran und winkte Seppi lässig zu.

„Wer hat dich denn verständigt?“, wunderte sich der Chef der Spurensicherung. „Ich dachte, es sollte erst mal alles zurückgehalten werden.“

Momo zuckte mit den Achseln. „Wie denn? Mitten im Park in der Innenstadt … Wundert mich eh, dass nicht noch mehr Gaffer hier rumlungern.“

„Zu kalt“, sagte Seppi und grinste. „Sonst wär natürlich mehr los.“

„Man sieht ja auch nicht wirklich was“, erwiderte Momo nach einem Blick durch sein Riesenrohr von Objektiv.

„Wir machen nur langweilige Spurenrecherche. Kleinste Dinge suchen wir, die man nicht mal mit bloßem Auge sieht. Fragmente, von denen wir nicht ahnen, dass sie vorhanden sein könnten“, philosophierte Seppi.

„Toll“, freute sich Momo ehrlich. „Eine Kunst für sich ist das. Aber sag mal, warum puzzelt ihr da rum? Ich möchte das schon gerne wissen. Ist eine Leiche gefunden worden?“

Seppi sah Momo über den Mundschutz hinweg an. Er verbarg seinen roten Bart nur mühsam.

„Ich glaube, du setzt dich lieber mit den Kollegen in der Ulmenallee auseinander“, schlug der Beamte vor. „Die Sache ist sensibel, so kurz vor Weihnachten. Da will man nur an das Besinnliche und Schöne glauben.“

„Komm, Seppi, wenigstens ein kleiner Tipp unter Freunden“, bat Momo, doch der schüttelte den Kopf.

„Wie lange bist du denn schon hier draußen?“, wollte Momo noch wissen. So schnell gab er nicht auf. „Du hast schon Eis an den Augenbrauen. Steht dir!“

„Zu lange“, kam es nun wortkarg zurück. „Wir packen schon ein. Kannst dich gleich selber umschauen, wenn du Licht dabei hast.“

Seppi hatte recht. Es fing schon an zu dämmern.

„Nee, vielen Dank, wenn ich aus dir nichts rauskriege, versuche ich es auf der Dienststelle. Irgendwer wird mir was sagen, bevor ich wilde Mutmaßungen anstelle und einen spektakulären, spekulativen Bericht für die Zeitung schreibe“, überlegte Momo laut. „Scheint auf jeden Fall eine heiße Kiste zu sein, wenn du dich so zierst.“

„Vielleicht, vielleicht aber auch nicht“, erwiderte Seppi und winkte beim Gehen. Seine Füße waren Eiszapfen. Es wurde Zeit, dass er aus der Kälte kam.

Keine Informationen

Momo Dietsch wusste so viel wie vorher. Nun gut, dass da irgendwas im Busche war, ließ sich natürlich nicht verbergen, weil die Beamten vor Ort ermittelten, aber wenn er mehr wissen wollte, musste er es bei den Kommissaren in der Ulmenallee versuchen. Sie waren meist sehr kooperativ, und wenn er sich recht erinnerte, stand der eine von denen auf Fast-Food. Ein echter Gourmand, denn er aß vor allem viel. Momo hatte ihn einmal bei „Bückeburg kocht über“ beobachtet. Unglaublich, was für große Mengen an Spanferkel ein Mensch essen konnte. Okay, der Mirko vom „Jetenburger Hof“ war für diese Spezialität vom Grill bekannt, aber normalerweise hatte auch ein Rossmagen Grenzen. Der von diesem Oberkommissar Kruse schien sich aber in den gesamten Bauchraum ausdehnen zu können.

Mit klammen Fingern steckte er seine Kamera samt Objektiv in die Winterjacke und verließ den Herminenpark unterhalb des Palais’. Es war nur ein Stück die Straße herunter bis zur Bückeburger Dienststelle. Zu Fuß war er schneller, als wenn er erst noch seinen Wagen oder sein Fahrrad geholt hätte.

Kurze Zeit später klingelte er an der Tür und wurde per Summer eingelassen. Der diensthabende Beamte verwies ihn auf seine Nachfrage an die Kollegen von der Kripo, aber Momo war sowieso nicht davon ausgegangen, dass sie ihm hier unten etwas stecken würden. Äußerlich ruhig, aber innerlich angespannt, setzte er sich auf die Bank im Flur. Wenn seine Journalistenspürnase erst Witterung aufgenommen hatte, ließ er nicht locker. Hinter dem Tresen hörte er den Beamten telefonieren, aber der sprach so leise, dass Momo nichts verstehen konnte. Schade auch!

„Ey, da ist so ein Fuzzi von der Presse, der euch ausfragen will“, sagte Roland Krieger zu Detlef. „Ich glaube, ihr kennt den auch. Der war schon öfter hier. Wollt ihr mit ihm sprechen? Sonst schicke ich ihn wieder weg.“

„Nee, nee“, erwiderte Detlef, „ich komme ihn holen. Wenn die Presse bereits Wind davon bekommen hat, ist es besser, sie mit ein paar vagen Informationen zu füttern. Andernfalls denken die sich selbst was aus, und das kann schlimmer sein als die Realität.“

„Schon klar“, stimmte Krieger zu und legte auf. „Kommt gleich jemand“, rief er dem Wartenden zu.

Momo nickte. Damit hatte er gerechnet.

Oben ging ein leises Stöhnen durch den Raum.

„Wie haben die das denn schon wieder mitgekriegt?“, wunderte sich Peter. „Die müssen besondere Antennen haben. Wollen wir knobeln?“

„Wieso knobeln?“, erkundigte sich Nadine.

„Na, wer den Dietsch übernimmt“, sagte Peter und grinste frech. „Ich wette, er ist es. Niemand hat so einen guten Riecher für Sensationsmeldungen wie er. Außerdem ist er ganz in Ordnung.“

„Ich glaube, du hast dir deine Frage eben selbst beantwortet“, mischte Niklas sich ein. „Wie ich dich kenne, bist du mit dem längst per Du.“

Peter brummte unwillig. Er hatte Hunger und wollte nach Hause, aber er musste zugeben, dass er mit diesem Momo Dietsch schon mal ein, zwei Bierchen getrunken hatte. Wenn er sich auch nicht mehr daran erinnern konnte, ob das im „Lilly’s“ oder im „Bistro“ gewesen war. Möglicherweise auch in der „Falle“.

„Ist doch prima“, freute sich Detlef und klopfte ihm auf die Schulter. „So ein Vertrauensverhältnis muss man ausnutzen.“

„Ich will aber doch gar nichts von ihm“, wandte Peter ein.

„Vielleicht doch“, überlegte Detlef, „man weiß ja nie. Möglicherweise hat er was gehört oder gesehen. Frag ihn einfach. Ich mache jetzt Feierabend. War ein langer Tag.“

Nadine seufzte. „Stimmt, wir schließen uns an. Du kommst den Moment doch alleine klar, oder?“

„Ja, ja, haut ruhig alle ab“, brummelte Peter, meinte es aber nicht so. Lange würde er sich mit dem Pressefritzen sowieso nicht aufhalten, weil sie beschlossen hatten, kaum etwas preiszugeben. Schwerfällig stapfte er die Treppen hinab. Vom langen Sitzen war er etwas steif geworden. Es war tatsächlich Dietsch, der da unten im Flur saß und auf ihn wartete.

„Na, dann mal rein in die gute Stube“, sagte er und wies ihm den Weg.

Falls Momo gehofft hatte, irgendwelche Fotos oder Spekulationen an den Wänden zu entdecken, musste er enttäuscht sein. Peter brachte ihn in einen Raum, in dem nichts vom aktuellen Fall zu sehen war.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte Peter.

„Komm, jetzt tu nicht so scheinheilig“, antwortete Momo. „Wen habt ihr heute im Herminenpark gefunden?“

Peter stellte sich doof und zuckte mit den Schultern. „Wie meinst du das?“

„Erzähl mir nicht, dass ihr da das große Programm fahrt, wenn es nur um Körperverletzung oder Raub geht. Ich habe den Seppi von der SpuSi gesehen. Das ist ja wohl eindeutig. Es geht um Mord.“

„Dann weißt du mehr als wir“, hielt Peter ihn hin. „Selbst wenn da einer tot lag, gibt es immer mehrere Möglichkeiten. Zum Beispiel Unfall, Totschlag, um nur zwei zu nennen.“

„Du bist nicht sehr kooperativ“, beschwerte sich Momo. „Könnte sein, dass ich euch weiterhelfen kann. Ich weiß nämlich längst, dass es sich um eine tote Frau handeln muss, jung und schön wahrscheinlich.“

Jetzt war Peter verdutzt. „Schießt du hier einen Versuchsballon ab, oder was?“

„Nee, was denkst du, warum ich hier bin. Ich hatte eine Informantin, wenn auch eher durch die Blume.“

„Ich verstehe nur Bahnhof“, gab Peter zu.

„Gibst du zu, dass ihr eine Tote gefunden habt?“, hakte Momo nach.

„Na gut, das ist ja nicht länger zu verheimlichen“, lenkte Peter ein. „Woher weißt du das?“

Momo schmunzelte. „Ich hab da so eine verhuschte Alte als Nachbarin. Die hat sie wahrscheinlich als Erste gesehen, aber falsch interpretiert.“

„Wie kann man eine Leiche fehlinterpretieren? Tot ist tot“, bemerkte Peter.

„Ich nehme mal an, die Frau war verkleidet?“, wollte Momo wissen.

Peter fehlten die Worte. „Äh, ähm, also …“

„Also ja“, nahm Momo ihm den Satz ab. „Und wie sah sie genau aus?“

„Tut mir leid, aber von den Details soll noch nichts nach außen dringen“, berichtete Peter.

„Ist es aber längst“, erklärte Momo. „Euren Engel könnt ihr nicht mehr geheim halten.“

„Scheiße“, entfuhr es Peter, und Momo war mehr als zufrieden mit diesem Zugeständnis.

„Ist halt Schicksal, wenn betagte Frauen mit seniler Bettflucht frühmorgens durch Parks geistern“, sagte der Journalist.

Peter atmete einmal tief durch.

„Weißt du, ich bin fair und sage dir jetzt, dass die Alte meint, einen Rauschgoldengel gesehen zu haben. Sie hat es für eine Art Installation gehalten. Moderne Kunst zum Advent in Lebensgröße. Ich ahne natürlich, dass es sich um eine lockige Blonde gehandelt haben muss, die jemand um die Ecke gebracht hat. Wozu sonst dieser Aufwand mit der künstlerischen Darstellung? So was macht doch niemand.“

Momo sah Peter eindringlich an. „Also? Arbeiten wir Hand in Hand? Ich verspreche auch, nichts preiszugeben, was nicht bekannt werden soll.“

Peter dachte kurz über die Möglichkeit nach, dass Momo selbst der Täter sein könnte, verwarf diese aber im selben Atemzug. Die Fantasie brächte er vielleicht auf, aber nicht die kriminelle Energie.

„Okay, Deal“, sagte er. „Komm mit!“ Dann führte er Momo in den Besprechungsraum. Als dieser die Fotos vom Fundort sah, wurde ihm ganz anders.

„Wenn die nicht so blau wäre, würde ich sagen, sie lebt noch“, staunte Momo Dietsch. „Wisst ihr, wer sie ist?“

„Leider nein“, gab Peter zu, „aber wir wollen erst mal noch nicht mit einem Foto an die Öffentlichkeit.“

„Sag mal, steht da oben über ihrem Kopf was geschrieben?“, erkundigte sich Momo.

Peter nickte. „Ja, aber was, womit keiner was anfangen kann.“

„Willst du’s mir verraten?“, fragte der Journalist. „Vielleicht fällt mir was ein.“

„Von mir aus“, sagte Peter. „Da steht ,ALDRIG MOR’. Bist du jetzt schlauer?“

„Nicht die Bohne“, musste Momo zugeben und stellte all die Überlegungen an, die sie im Team auch erörtert hatten.

„So schlau waren wir auch schon“, informierte Peter ihn. „Hast du nix Besseres auf Lager?“

„Noch nicht, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich schlage vor, wir bleiben in Verbindung.“ Er zückte seine Visitenkarte und Peter gab ihm seine.

„Stillschweigen über alles, klar?“, machte Peter noch einmal deutlich.

Aber obwohl Momo nickte und winkte, war er längst mit seinen Gedanken ganz weit fort, als er die Treppe hinabstieg. Vielleicht hatte jeder der Anfangsbuchstaben etwas zu bedeuten und verbarg einen Satz, der die Ermittler weiterbrachte. Das schien ihm die wahrscheinlichste Möglichkeit zu sein – ein Rätsel – und er wollte es entschlüsseln.

Nächtliche Grübeleien

Manchmal nervte es Nadja extrem, dass bestimmte Untersuchungen in ihrem Institut so ewig dauerten. Wie lahmgelegt fühlte sie sich dann, zum Warten verdammt. In dieser Zeit konnte sie zwar andere Dinge tun oder Mutmaßungen anstellen, aber es waren doch oft nur Spekulationen, die nicht in die richtige Richtung führten, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen.

Auch jetzt lag sie nachts wach, obwohl sie eigentlich hundemüde war, weil der Fall sie nicht losließ. Das mochte damit zu tun haben, dass sie selbst nach einer Eileiterschwangerschaft nie mehr Kinder haben konnte. Dieser Fall erinnerte sie wieder an die Vergangenheit. Mist, dachte sie, in den Ovarien habe ich überhaupt nicht nachgesehen. Der erhöhte HCG-Wert könnte natürlich auch bei dieser Frau auf so eine Komplikation hindeuten, wenn sich in der Gebärmutter nichts eingenistet hatte. Aber warum war sie dann entfernt und hineingelegt, aber nicht aufgeschnitten worden?, wenn einer Gewissheit haben wollte. So wusste er gar nichts. Sicher, ein Ultraschall hätte den leeren Raum gezeigt, doch bestimmt hatte der Mörder kein solch kostspieliges Gerät zur Verfügung. Und warum hatte er sich nicht sicher sein wollen? Wenn ein Schwangerschaftstest nun auf die Gravidität hingewiesen hätte, überlegte sie, hätte man doch normalerweise darauf vertraut, dass das so stimmt. Doch hier war es nicht so. Abnorme Verläufe waren im Vergleich selten. Darum fragte sie sich: Wie ließen sich die Aktionen des Täters deuten? Sie spielte folgende Gedankenmodelle durch:

Variante A: Eine Schwangerschaft war nicht gewollt. Der Täter entfernt das Organ und trennt es damit von seinen lebenserhaltenden Versorgungsadern. Wäre ein Fötus darin, würde er absterben. Läge er in den Eileitern, würden die sowieso platzen, wenn man es nicht rechtzeitig erkennen würde. War die Frau verblutet, weil man sie einfach nach der Durchtrennung der Arterien und Venen nicht weiter beachtet hatte? Nadja hatte zwar auf den äußeren Gefäßwänden Zeichen gefunden, die den Einsatz von Klemmen erklären würden, aber keine mehr im Bauchraum entdeckt. War der Tod des Embryos, nicht der der Mutter gewollt gewesen? War etwas schiefgegangen?

Variante B: Von der Schwangerschaft war noch nichts bekannt gewesen. Sie war einem Irren zum Opfer gefallen.

Variante C: Sie war eine Prostituierte, die man zu einem unseriösen Schwangerschaftsabbruch im osteuropäischen Ausland genötigt hatte, aber warum lag sie dann im Herminenpark?

Doch so sehr sei auch grübelte, Nadja fand keine sinnvolle Lösung für das Heraustrennen einer Gebärmutter, die man dann doch an ihrem Platz gelassen hatte, ohne zu wissen, was sich darin befand. Es war auch aberwitzig, dass man die Bauchdecke danach wieder mit einer Naht geschlossen hatte. Warum war das geschehen?

Noch konnte Nadja nicht sagen, ob sie post mortem erfolgt war. Ihrer Meinung nach hätte die Frau aber mit dem Entfernen des Uterus ausbluten müssen. War das nicht geschehen, wusste sie im Moment auch nicht weiter. Es war ein wenig schwierig mit der Geduld, wenn man unbedingt eine schnelle Lösung finden wollte.

Ihre Gedanken schweiften ab zu den schwach entwässerten Zellen, zu der Blutleere und der Substanz. Sie tappten noch völlig im Dunklen. Auch draußen war es schwärzeste Nacht. Dichte Schneewolken verbargen jegliches Licht, und irgendwo gab es jemanden, der nicht verstand. Nicht, wo er war, nicht, was geschah, während ein anderer bangte.

Auch Wolf Hetzer lag wach. Er versuchte, das große Ganze zu sehen und hatte vor seinem geistigen Auge eine schöne Schwangere, die ihm plötzlich das Bild einer Mutter Gottes auf einem Altarbild suggerierte. Vielleicht war das der Schlüssel? Möglicherweise sollten sie diese Verbindung erkennen. Die Frau, die vor ihnen gelegen hatte, war eventuell nicht als Engel drapiert worden, sondern als Mutter Maria mit dem Jesuskind. Wo aber war dieses Kind, das für den Verursacher des Stilllebens so eine große Bedeutung haben musste, wenn er richtig lag?

Ein neuer Tag

Der nächste Morgen begann nicht für jeden aus dem Team gleich.

Während Nadja und Wolf übernächtigt aus den Federn gestiegen waren, hatte Peter wie ein Baby geschlafen. Auch Niklas und Nadine konnten auf eine gute Nacht zurückblicken. Sie hatten zwar noch lange über den Fall gerätselt, waren dann aber Arm in Arm in Löffelchenstellung eingeschlafen, aus der sie in den Morgenstunden genauso wieder aufwachten.

Moni schlief in Todenmann derzeit sowieso schlecht. Ohne Wolf an ihrer Seite fühlte sie sich nicht wohl. Die Geborgenheit fehlte. Am meisten jedoch störte sie die Stille. Wenn ihr Verlobter nicht an ihrer Seite schnarchte, schreckte sie oft aus dem Tiefschlaf hoch. Glücklicherweise hatte sie die Hunde Leo und Ole überreden können, rechts und links neben ihrem Bett in komfortablen, viskoelastischen Körbchen zu schlafen. Das sorgte für die notwendige Geräuschkulisse und milderte die Einsamkeit. Wie sehr freute sie sich auf Weihnachten, wenn Wolf endlich wieder nach Hause kommen würde.

In Kleinenbremen stand Peter Kruse unter der Dusche, während sich seine Nadja einen Kaffee eingoss und ein paar Brote schmierte. Sie wusste nicht, wie lang der Tag im Institut werden würde. Aber sie wollte vorbereitet sein, wenn er mehr Zeit in Anspruch nahm.

„Schatz, was gibt’s denn heute Abend zu essen?“, rief Peter von oben, während er sich die Haare abrubbelte.

„Was auch immer du Gesundes kochst“, erwiderte Nadja und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ich erinnere dich, dass heute unser vegetarischer Tag ist. Bestimmt bin ich länger im Institut als du auf der Dienststelle. Lass dir was Schönes einfallen.“

„Scheiß Körner- und Salatfresserei“, schimpfte Peter oben vor sich hin, aber er musste durchhalten. Er hatte zähneknirschend zugestimmt, als sie sich auf einen fleischfreien Tag geeinigt hatten. Zwei waren überhaupt nicht infrage gekommen.

„Mach doch einen Auflauf“, schlug Nadja vor, der das Fluchen nicht entgangen war.

„Wie soll ich denn Moussaka ohne Fleisch machen?“, stöhnte Peter und kam in die Küche. „Das schmeckt doch nach nix.“

„Doch, lass einfach das Hack weg“, sagte Nadja. „Es hat genug Pfiff durch die Zutaten und dann noch die Käsekruste. Alles perfekt.“

„Das ist wie Sahneheringstopf ohne Heringe“, meckerte Peter weiter. „Isst du da auch nur die Soße und das Gestrüpp aus Zwiebeln und Gurken?“

„Hmm, darauf hätte ich auch mal wieder Appetit, aber bitte mit Kartoffeln“, bat Nadja.

„Ohne Fisch?“, fragte Peter erschrocken.

„Nein, natürlich nicht. Fisch ist immer erlaubt“, erwiderte Nadja. „Ist ja in dem Sinne kein Fleisch.“

Peter tickte sich an die Stirn. „Du legst dir das auch so zurecht, wie es dir passt. Nur weil die Viecher keine Beine haben, ist ihr Fleisch kein Fleisch.“

„Bitte schneid noch zwei frische Äpfel rein“, sagte sie und überhörte sein Geleier, obwohl sie es nur mühsam unterdrücken konnte, ihn darauf hinzuweisen, dass sie auch keine Lungen, sondern Kiemen hatten, dass sie unter Wasser lebten und sich anders als Landtiere ernährten.

„Manchmal kannst du ganz schön penetrant sein“, behauptete Peter. „Ich weiß auch nicht, ob Moussaka mit Äpfeln anstatt Hack schmeckt.“ Er grinste frech.

Aber Nadja schüttelte nur den Kopf, gab ihm einen Kuss und verschwand mit ihrer Brotdose in Richtung Agaplesion.

Im Vehlener Großklinikum war Rechtsmediziner Enno schon bei der Arbeit und runzelte die Stirn, als Nadja durch die Tür kam.

„Ich kapiere immer noch nicht, was es mit dieser Gebärmutter auf sich hat“, sagte er.

„Meinst du, weil der Blutwert eine Schwangerschaft anzeigt, wir aber keinen Embryo gefunden haben?“, hakte Nadja nach.

„Ja“, erwiderte er, „ich habe sogar schon in den Eileitern nachgesehen und im Bauchraum, falls sich was verirrt hat, aber: Fehlanzeige!“

„Ah, da hast du mir echt was abgenommen. Genau diese Idee hatte ich heute Nacht auch. Das war das Erste, womit ich heute Morgen beginnen wollte, mit der Suche nach dem Fötus.“

„Wir haben keinen“, bestätigte Enno noch mal, „umso verwunderlicher, weil es weitere Schwangerschaftsanzeichen gibt.“

„Welche?“, erkundigte sich Nadja verwundert.

„Laktation“, erklärte Enno. „Ich konnte Milch aus den vergrößerten Brustdrüsen drücken. Außerdem erkenne ich eine Dunklerfärbung der Warzen und Höfe. Normalerweise sind die bei diesem Hauttyp heller. Aber Letzteres ist eher eine Theorie. Ich habe es trotzdem schon oft bei Schwangeren gesehen. Ebenso verändert sich der Gesichtsausdruck, aber das ist wissenschaftlich nicht untermauert.“

„Okay, nehmen wir mal an, sie war schwanger. Der Fötus könnte kürzlich abgegangen sein.“

Enno schüttelte den Kopf. „Das müsste ja kurz vor dem Tod geschehen sein. Dann hätten wir das im Inneren des Uterus gesehen. Plazentareste, dickere Schleimhaut, Vergrößerung, zumindest marginal, wenn sie noch am Beginn der Gravidität war.“

Nadja seufzte. „Gut, dann schauen wir erst mal nach, was das Labor herausgefunden hat.“

„Mache ich“, versprach Enno. „Nimm du dir ruhig erst einen Kaffee, ich habe schon welchen gekocht.“

Kurze Zeit später kam er wieder. Nadja fragte sich, was aus seinem Gesicht zu lesen war. Er wirkte betroffen.

„Was ist?“, erkundigte sie sich.

„Ich glaube, ich habe da was höchst Interessantes für dich.“

„Das will ich hoffen.“

„Wir hatten uns doch beide gewundert, warum die Gebärmutter unserer aktuellen Toten herausgetrennt, aber im Bauchraum belassen worden ist. Schöne Naht drüber und fertig. Stimmt’s?“, fragte er rhetorisch.

Nadja nickte.

„Aber auf eine Sache sind wir überhaupt nicht gekommen, nämlich, dass das Organ nicht ihr gehören könnte“, fuhr Enno weiter fort.

„Was? Das gibt’s ja nicht“, staunte Nadja. „Sagt das der Genabgleich? Nee, damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Warum macht denn jemand so was?“

„Keine Ahnung“, kam es von Enno. „Auf diese Weise ist es jedenfalls nicht verwunderlich, wenn sich trotz erhöhter HCG-Werte kein Embryo in der Gebärmutter befand.“

„Okay, lass uns mal fantasieren“, überlegte Nadja laut. „Wir haben eine Frau, die ein Fortpflanzungsorgan in sich trägt, das nicht ihr eigenes ist. Warum? Und wo ist ihr eigenes oder hatte sie nur einfach kein funktionierendes? So etwas gibt es ja auch, aber dann wäre sie nicht schwanger gewesen. Also: Man hat ihren eigenen graviden Uterus entfernt, aber warum lag der einer anderen Frau in ihr?“

„Ein inoffizieller Abort? Vielleicht gegen Geld? Niemand sollte von der Schwangerschaft erfahren? Du denkst, es könnte bei einem heimlichen Eingriff etwas schiefgelaufen sein?“

„Das würde zumindest erklären, warum man sie so liebevoll in den Park gebettet hat“, sagte Nadja.

„Ist romantisch, aber unlogisch“, meinte Enno.

„Inwiefern?“

„Warum sollte man ihr die Gebärmutter mit Fötus entfernen und eine andere ohne Kind einsetzen?“, wollte Enno wissen. „Ein einfacher Schwangerschaftsabbruch hätte es da auch getan.“

„Vielleicht war sie doch schon zu weit“, überlegte Nadja laut, „aber ich muss dir recht geben. Dann wäre immer noch eine illegitime Beendigung der Gravidität möglich gewesen.“

„Denkst du an eine Art Engelmacher oder an einen Trank aus Sadebeeren?“, erkundigte sich Doktor Enno Liebermann.

„So in etwa“, bestätigte Nadja. „Oder sie hat gerade ein Kind verloren, was die Gebärmutter geschädigt hat, weswegen sie eine neue brauchte.“

Enno schüttelte den Kopf. „Dann hätte man das Organ doch wenigstens festgenäht, aber dafür ist trotzdem der Hormonwert zu hoch. Wäre der Fötus abgegangen, hätte es vorab schon einen Abfall der HCG-Konzentration gegeben.“

„Stimmt“, gab Nadja zu, „es ist noch zu früh am Tag. Ich hatte einen Denkfehler. Es würde auf die Art nur einen Sinn machen, wenn wir eine andere Gebärmutter – chirurgisch einwandfrei transplantiert – mit einem Kind in ihr gefunden hätten, aber so etwas ist wiederum völlig unmöglich.“

„So oder so wird kein Schuh daraus“, stöhnte Enno. „Die Intention des Täters liegt vollkommen im Dunklen.“

„Leider“, bedauerte Nadja. „Es ist einfach nur pervers. Wer stiehlt einer Frau das ungeborene Kind und gleichzeitig die Möglichkeit, jemals wieder schwanger zu werden?“

„Einer, dem ihr Weiterleben augenscheinlich so oder so egal war“, vermutete Enno. „Darum liegt sie bei uns auf dem Tisch.“

„Ich war bisher immer von einem unglücklichen Versehen, einem Kunstfehler oder Ähnlichem ausgegangen“, erklärte Nadja. „Verstehe ich dich richtig, dass du pure Absicht vermutest? Jemand wollte TEILE von ihr?“

„Genau!“

„Das glaube ich nicht“, wandte Nadja ein. „Erstens spricht die Auffindesituation dagegen. Als Ersatzteillager hätte man sie irgendwo in einen Container oder auf die Müllkippe schmeißen können. Und, was noch viel entscheidender ist: Derjenige hätte sich garantiert keine Schwangere ausgesucht, wäre es nur darum gegangen, jemandem eine intakte Gebärmutter einzusetzen. Das ist ja überhaupt erst seit Kurzem möglich.“

„Möglicherweise hat der Täter das weder geahnt noch bemerkt, und die Frau konnte es ihm auch nicht mehr sagen, dass sie guter Hoffnung ist“, schlug Enno vor.

„Das wiederum spräche gegen ein Projekt, das aus finanziellen Gründen zustande gekommen ist. Wir haben hier dann keine gut bezahlte Prostituierte oder Lebendspenderin vor uns. Das hätte übrigens auch genetisch passen müssen. Woher sollte der Täter so etwas wissen? Eine Abstoßungsreaktion wäre vorprogrammiert.“

„Also Entführung? Würde dann auch keinen Sinn machen.“

„Trotzdem. Wir spielen es mal durch“, sagte Nadja. „Das Opfer wird gekidnappt. Nehmen wir mal an, es wird sofort betäubt oder gleich narkotisiert und dann geknebelt und gefesselt. Frage: Hat man sie bewusst nach genetischen Gesichtspunkten ausgesucht oder nach Optik?“

„Das ist erst mal nicht relevant“, meinte Enno. „Sprich einfach weiter, wie dir der Schnabel gewachsen ist. Nur so funktioniert Brainstorming.“

„Also gut“, fuhr Doktor Nadja Serafin fort. „Man hat sie für die OP vorbereitet und den Bauchraum eröffnet. Dabei müsste man die Vergrößerung des Organs gesehen haben, den auch eine noch nicht allzu weit fortgeschrittene Schwangerschaft verursacht. Man hätte den Uterus also niemals entfernt. Das würde sonst lebensbedrohliche Blutungen verursacht haben. Wir hätten sie im Park also entweder gar nicht gefunden, weil man sie einfach wieder zugenäht hätte, oder man hätte sie zwar verblutet, aber ohne Gebärmutter dort gefunden.“

„Wie wir es drehen und wenden, für das fremde Organ gibt es keine Erklärung“, stimmte Enno zu.

Nadja seufzte. „Warten wir also die anderen Untersuchungen ab. Vielleicht bringen die uns weiter.“

Weitere Erkenntnisse

Kurz vor 13 Uhr fuhr Wolf Hetzer mit seinem Elektrorolli bergab in Richtung Ulmenallee. Die diensthabenden Kommissare hatten sich zur Lagebesprechung verabredet und ihn dazugebeten. Wenn er ehrlich war, hätte er sich nach den anstrengenden Morgenübungen mit seinem Therapeuten am liebsten hingelegt, aber so etwas wollte er gar nicht erst anfangen. Damit begann die Verweichlichung. Außerdem wollte er sich keine Blöße geben. Der alte, versehrte Knacker würde pünktlich vor Ort sein, um nichts zu verpassen. Er konnte halt nicht aus seiner Haut. Der Fall interessierte ihn, weil er so ungewöhnlich war. Hätte einfach einer den anderen erschlagen, könnten sie gerne ohne ihn ermitteln. Vorsichtig passierte er den Fußgängerüberweg an der Herminenstraße und rollte kurze Zeit später an der Grundschule am Harrl vorbei. In den Klassen war noch Betrieb.

Zwei Minuten vor eins stand er oben im Flur vor dem Besprechungsraum und klopfte. Sie hatten schon auf ihn gewartet und freundlicherweise nicht ohne ihn begonnen. Gegen 14 Uhr wollte die Rechtsmedizin hinzustoßen, um weitere Ergebnisse zu präsentieren, die dann auch gleich erörtert werden sollten.

Wolf Hetzer staunte nicht schlecht über die Geschichte mit der fremden Gebärmutter, konnte sich aber auch keinen Reim darauf machen. Die Sache war bizarr. Entweder hatten sie es mit einem Verrückten zu tun oder sie verstanden einfach noch nicht, worum es ging.

„Wisst ihr denn inzwischen, wer die Tote ist?“, fragte er ins schweigsame Grübeln hinein. Jeder hing irgendwie seinen Gedanken nach.

„Nein, wir haben leider noch keine Ahnung“, gab Nadine zu. „In unserer Vermisstendatei gibt es niemanden, der so aussieht, aber ich werde später noch via Interpol suchen, auch wenn ich mir davon nicht viel verspreche.“

„Kann man nie wissen“, wandte Wolf ein. „Was Neues wegen der Schrift?“

Niklas stöhnte. „Wir haben uns an ein paar Sätzen versucht, die man aus den Anfangsbuchstaben konstruieren könnte, kommen aber zu der Erkenntnis, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist.“

„Da gehört wirklich schon was dazu, so ein großes Bauchorgan herauszutrennen“, bemerkte Wolf. „Hat sich Nadja schon dazu geäußert, ob die Entnahme pro

fessionell oder stümperhaft erfolgt ist?“

„Das müssen wir sie gleich unbedingt fragen“, sagte Peter und nickte. „Danke, Wolf! Siehst du, wie gut, dass wir dich dabeihaben. Daran haben wir noch nicht gedacht, weil uns die Tatsache als solche zu schaffen macht. Wer tut so etwas?“

Wolf fühlte sich wider Willen geschmeichelt. „Jemand, der einen guten Grund dafür hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Vorgehen für den Verursacher keinen Sinn hat. Es muss etwas dahinterstecken, was sich uns jetzt momentan noch nicht erschließt. Wie ein Bild, das wir nicht verstehen. Ihr seht doch, dass er sich unglaubliche Mühe mit dieser Frau gegeben hat, fast als bereute er die Tat im Nachhinein oder hat sie nicht freiwillig begangen.“

„Also, ich würde mir von keinem sagen lassen, dass ich jemandem ein Organ herausnehmen soll“, konterte Peter. „Wie meinst du das von wegen freiwillig?“

„Nicht wörtlich, Peter“, erklärte Wolf, „eher so, als ob einer dazu getrieben wird und gar nicht anders kann. Nach Erreichen seines Ziels gibt er alles, um das, was passiert ist, wieder ungeschehen zu machen. Fast so, dass alles oder noch schöner ist als vorher.“

„Puh“, kam es von Detlef. „Haben wir dann noch mehr solche versehrten Flügelwesen zu erwarten, weil derjenige immer wieder dazu getrieben wird? Das ist doch die Frage.“

„Wenn die Unternehmung einem bestimmten Zweck gedient hat, der jetzt erfüllt ist, könnte es die einzige Tat bleiben. Möglich ist alles“, konstatierte Wolf. „Wer will das wissen?“

„Wer will was wissen?“, kam es von der Tür. Nadja lehnte im Rahmen und grinste. „Ich sehe, ihr braucht mich für weitere Erkenntnisse, weil ihr auf der Stelle tretet.“

„Du sagst es“, antwortete Peter und seufzte. „Setz dich, ich hole dir einen Kaffee. Ich hoffe, du kannst Licht ins Dunkel bringen.“

„Das kann ich natürlich nicht garantieren, aber ich habe ein paar beachtenswerte Neuigkeiten, würde ich sagen“, antwortete Nadja. „Ob ihr damit was anfangen könnt, müsst ihr selbst entscheiden. Das Organ, das wir im Unterleib der Frau gefunden haben, war, wie ihr bereits seit meinem Anruf wisst, nicht ihr eigenes.“

„Kurze Frage“, bat Wolf, „ich will dich nicht lange unterbrechen. Wurde es denn eigentlich fachmännisch entfernt?“

„Das muss man unumwunden zugeben“, berichtete Nadja. „Sauber gemacht. Anschließend hat er sie ausbluten lassen und das Blut parallel mit einem unbekannten Mittel ersetzt, das dann allerdings auch wieder entfernt worden ist. Fakt ist, dass es die Leiche konserviert hat und zwar jenseits uns bekannter Methoden, die die Zellen entweder schrumpfen oder platzen lassen. Ihre waren nahezu unversehrt. Das ist ganz unglaublich.“

„Was kann ich mir darunter vorstellen?“, erkundigte sich Peter. „Selbst wenn man sie irgendwo liegen lässt, bleibt sie so und verwest nicht?“

„So in etwa“, sagte Nadja und nickte. „Zusätzlich ist ihr ganzer Körper mit dem Mittel getränkt worden. Sie muss also einige Zeit darin gelegen haben.“

„Hört sich nach einer Art Formalin an“, überlegte Detlef.

„Ist es aber nicht“, erklärte Nadja. „Diese chemische Verbindung ist mir unbekannt. Da muss ein Fachmann ran.“

„Vielleicht weiß ich da wen“, informierte Wolf die Kollegen.

„Schön, aber lass mich erst fortfahren“, bat Nadja. „Uns ist nämlich noch ein vielleicht nicht ganz unwichtiges Detail aufgefallen. Es stach uns ins Auge, als wir untersuchten, ob die Gebärmutter in der Unbekannten auch ihre eigene war.“

„Sag nicht, dass sie verwandt sind“, stöhnte Peter laut.

„Das nicht, zumindest nicht, was du darunter verstehst, so mit Blutsverwandtschaft und so, aber es gibt gewisse Sequenzen in der DNA, die übereinstimmen“, berichtete Nadja.

„Und was soll uns das sagen?“, fragte Nadine.

„Es könnte Zufall sein oder tatsächlich eine sehr entfernte Verwandtschaft“, klärte Nadja auf. „Im vorliegenden Fall müsste man auch über einen genetischen Zwilling nachdenken. Jemand hat dieser Frau eine Gebärmutter eingesetzt, die wahrscheinlich nicht abgestoßen worden wäre.“

„Sprichst du von bewusster Organtransplantation?“, hakte Wolf nach.

„Darüber muss man zumindest einmal nachdenken“, erwiderte Nadja.

„Aber wozu“, wunderte sich Peter. „Die war doch schon schwanger. Was sollte die mit einer anderen Gebärmutter?“

„Das Kind könnte krank gewesen sein. Möglicherweise hatte es schon öfter Probleme in der Gravidität gegeben“, wandte Nadja ein. „Aber das liegt wahrscheinlich eher an der Genetik als am Organ selbst. Um das jedoch genauer zu wissen, müsste ich den Uterus der Frau untersuchen. Auch eine Anomalie käme infrage, sodass jede Schwangerschaft ab einem gewissen Zeitpunkt während der 40 Wochen nicht mehr möglich war. Hier sind mir aber die Hände gebunden. Das kann ich wirklich nicht herausfinden. Vielleicht taucht die Gebärmutter ja noch auf. Dann wissen wir unter Umständen mehr.“

„Wäre es möglich, dass bei der OP etwas schiefgegangen ist, weil man die neue Gebärmutter nicht mehr mit dem Körper verbunden hat? Sie hätte doch mit sämtlichen Gefäßen etc. angenäht werden müssen. Und wenn du sagst, sie hat noch gelebt, als die andere herausgenommen worden ist, dann ist sie vielleicht verblutet, quasi jemandem unter den Händen weggestorben, der sie gerne behalten hätte und darum dieses Konservieren“, kam es von Wolf.

„Und das Zurschaustellen in diesem engelartigen Outfit“, fügte Peter hinzu.

Nadja zuckte mit den Achseln. „Ich bin hier überfragt“, gab sie zu. „Einfach weil mir nicht alle Details vorliegen.“

„Wir, äh, ich meine, ihr müsst wegen des Organaustausches mit Fachleuten sprechen“, schlug Wolf vor. „Was ist mit dem Doktor Niederegger, der mich und Niklas operiert hat? Das ist doch ein guter Bekannter von dir, Nadja.“

„Klar“, stimmte sie zu, „ich kann Till gerne anrufen. Das ist kein Problem. Wenn einer uns raten kann, dann er.“

„Oder sein Chef, der Professor“, fiel Wolf noch ein. „Professor Doktor Severin Pichlmayr ist auch eine Koryphäe in der Transplantationsmedizin. Und er ist mit meinem Freund Büthe sehr gut bekannt. Ich schlage vor, wir holen uns bei ihm parallel eine zweite Meinung ein.“

„Einen Chemiker oder besser noch einen Biochemiker bräuchten wir auch“, sagte Nadja. „Da muss ich mich aber erst mal schlaumachen. Wenn ich mich recht erinnere, hat eine meiner früheren Freundinnen aus dem Gymnasium Biochemie studiert. Die müsste ich ich versuchen ausfindig zu machen.“

„Ja, erkundige dich mal“, erwiderte Peter, „aber vielleicht fragt Wolf auch da seinen Kumpel Büthe. Ich könnte mir vorstellen, dass der Chef der Operativen Fallanalyse bestimmt so jemanden an der Hand hat. Verteilen wir also die Aufgaben: Wolf, wenn er so lieb ist, telefoniert mit Thorsten Büthe aus Hannover, Nadine, du checkst, ob wir wegen der Unbekannten bei Interpol weiterkommen. Nadja spricht mit Niederegger, dem Transplantationsspezi, Detlef soll was für die Presse vorbereiten und sich mit dem Momo Dietsch von der Landeszeitung abstimmen. Ich hab ihm versprochen, dass er das exklusiv kriegt. Bearbeite ihm ein Foto, auf dem man nur das Gesicht der Toten sieht und nicht das Drumherum mit Löckchen und so. Niklas, du kümmerst dich weiter um die Schrift im Schnee. Wissen wir, wessen Blut das war?“ Er sah Nadja an.

„Es war das der Toten, aber mit Heparin versetzt, damit es nicht gerinnen konnte. Sonst wäre die Botschaft auf diese Weise unmöglich gewesen.“

„Eins können wir auf jeden Fall sagen“, kam es aus dem Rollstuhl. „Der Mörder hat sowohl medizinisches als auch biochemisches Fachwissen.“

„Wohl so eine Art Universalgenie mit ein bisschen zu hoher Drehzahl im Gehirn“, meinte Peter.

„Gar keine so schlechte Idee“, fand Nadja. „Vielleicht haben wir es mit jemandem zu tun, der eine Inselbegabung hat. So eine Form von Autismus oder so.“

„Ihr sprecht also von einem Menschen, der auf der einen Seite genial ist, aber andererseits auch heftige Defizite aufweist?“, hakte Detlef nach.

„Genau das war meine Überlegung“, antwortete Peter und kratzte sich das Kinn. „Aber mir wäre es verdammt noch mal lieber, wenn wir es nicht mit einem durchgeknallten Typen zu tun hätten.“

Nadja schüttelte den Kopf. „Da bist du vollkommen auf dem Holzweg. Von verrückt kann überhaupt keine Rede sein. Diese Menschen sind klar im Kopf, zum Teil sogar hochbegabt, strukturiert, fixiert und pedantisch. Oft fehlt ihnen die Empathie.“

„Sag ich doch, durchgeknallt“, beharrte Peter auf seiner Meinung.

„Das ist Definitionssache“, erwiderte Nadja. „Ich glaube aber, bei so einem Tätertyp könnte es sich viel schwieriger gestalten, ihm auf die Spur zu kommen, als bei einem von dir als Verrückten bezeichneten. Ein Mensch mit einer schweren psychosozialen Persönlichkeitsstörung handelt nämlich eher impulsiv und weniger überlegt. Seine Aktionen sind spontaner, also nicht geplant. Jemand mit Grips könnte schwer zu überführen sein.“

„Möglich, für mich sind beide Arten von Typen durchgeknallt“, behauptete Peter, „und fertig.“

„Wollen wir uns dann unseren Aufgaben widmen?“, schaltete sich Wolf ein und beendete die Diskussion. Er war müde, auch wenn er das ungern zugeben wollte.

„Also gut“, lenkte Peter ein. „Dann verabreden wir uns wieder für den nächsten Nachmittag. Passt das mit deinen Übungsstunden, Wolf? Ich hätte dich wieder gerne mit dabei.“

„Das kriegen wir hin“, versprach Wolf. „Die Stunden sind vormittags und noch etwas Massage am Abend. Es ist sicher auch möglich, kurzfristig etwas umzustellen, denn der Mann ist ja nur meinetwegen hier.“

„Okay, dann ran an die Arbeit“, ordnete Peter an.

Detlef, Nadine und Niklas gingen in ihre Büros. Wolf winkte zum Abschied an der Tür.

Als alle weg waren, nahm Peter seine Frau in den Arm. „Wie kommst du mit dem Fall klar, Nadeschda?“, fragte er besorgt. Seit ihrer Eileiterschwangerschaft konnte sie keine Kinder mehr bekommen.

„Ganz gut, mein Schatz“, sagte Nadja und lächelte ihn an. Es war rührend, dass er so mitfühlte. „Ich wüsste nur zu gerne, was einen Menschen dazu bringen kann, einer Frau den Uterus samt Embryo zu entfernen und eine andere Gebärmutter in den Unterleib zu legen. Das beschäftigt mich. Mit der anderen Sache habe ich abgeschlossen. Außerdem habe ich ja dich. Zwei von der Sorte, um die ich mich kümmern muss, wären mir zu viel.“

Peter brummte. Er war doch kein Kind.

„Wir werden es herausfinden“, versprach er ihr, „und das Schwein einkassieren, das das gemacht hat.“

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25 мая 2021
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9783827183903
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