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Mordechai Strigler

Majdanek

Verloschene Lichter

Ein früher Zeitzeugenbericht

vom Todeslager

Herausgegeben von Frank Beer

Aus dem Jiddischen von Sigrid Beisel

Mit einem aktuellen Vorwort von Yechiel Szeintuch

Eingeleitet von H. Leivick


Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Mordechai Strigler und die Notwendigkeit der realistischen Schoahbeschreibung

Verloschene Lichter werden wieder entzündet

Einführung des Verfassers

Erster Teil - Majdanek

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Zweiter Teil - Hinaus aus Majdanek

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Fußnoten

Der Herausgeber dankt Frau Leah Strigler (New York) für die freundliche Genehmigung zum Abdruck der deutschen Ausgabe sowie Frau Brigitte Bilz fürs Korrekturlesen.

Deutsche Erstausgabe

© 2016 zu Klampen Verlag · Röse 21 · 31832 Springe

www.zuklampen.de

© der Originalausgabe by

Mordekhai Shtrigler

Titel der Originalausgabe:

Maydanek. Bukh eyns funem tsikl »oysgebrente likht«

(Majdanek. Band I der Reihe »Verloschene Lichter«)

Unión Central Israelita Polaca en la Argentina

(Zentralverband der Polnischen Juden in Argentinien), Buenos Aires 1947

Umschlaggestaltung: Hildendesign · München · www.hildendesign.de unter Verwendung mehrerer Motive von www.shutterstock.com

Satz: Germano Wallmann · Gronau · www.geisterwort.de

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-86674-474-5

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.dnb.de› abrufbar.

Mordechai Strigler
und die Notwendigkeit
der realistischen Schoahbeschreibung

Eine Einführung

Der jiddische Schriftsteller und Journalist Mordechai Strigler (1918 – 1998) wurde im Dorf Stabrów bei Zamość (Polen) geboren. In Zamość, wo er seine Kindheit verbrachte, begann er sehr jung an einer Jeschiwa, einer jüdischen Hochschule, zu lernen, und im Alter von achtzehn Jahren hatte er bereits das Talmudstudium in zwei weiteren Jeschiwot in Luck und Kleck abgeschlossen. Das Rabbinerdiplom erlangte er in jungen Jahren. 1937 gab er das Jeschiwaleben auf und ließ sich in Warschau nieder, wo seine Laufbahn als Schriftsteller und Journalist in jiddischer und hebräischer Sprache begann. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich hingegen als Moralprediger (Matif) in der Warschauer Großen Synagoge.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beschloss er, zu seinen Eltern nach Zamość zurückzukehren, wurde beim Versuch, die russische Grenze zu überschreiten, von den Nazis gefasst und zu Zwangsarbeit in verschiedene Arbeitslager verschickt. Am 8. Juni 1943 ging er mit einem Transport nach Majdanek, wo er sieben Wochen lang Gefangener war. Kurz nach der Befreiung beschrieb er das dortige Lagerleben in seinem ersten Buch. Majdanek wurde im jiddischen Original in Buenos Aires, beim Verlag »Dos Poylishe Yidntum«, höchstwahrscheinlich im Juni 1947 veröffentlicht.

Nach einem Leidensweg, der ihn durch zwölf verschiedene Nazi-Lager führte, wurde Strigler am 11. April 1945 im KZ Buchenwald befreit.1 Seine Eltern und drei von sieben Schwestern fielen dem Holocaust zum Opfer.

Zwischen den biografischen Einzelheiten, die über Mordechai Strigler in verschiedenen Quellen heutzutage auffindbar sind, findet man keine genauen Datumsangaben hinsichtlich seiner Aufenthalte in den zwölf Nazilagern bis zur Befreiung. Eine vollständige Liste aller zwölf Lager, in die Strigler deportiert worden war, bevor er am 11. April 1945 von den Alliierten im Lager Buchenwald befreit wurde, fehlt ebenso. Auch liegen keinerlei Informationen darüber vor, wann genau Strigler nach Majdanek gebracht worden ist. Eine aufmerksame und vorsichtige Lektüre von Majdanek selbst kann dabei helfen, einige historische Details, die Strigler eher nebenbei und kurz angebunden fallen lässt, nachzuvollziehen. So finden wir auf Seite 30 im jiddischen Original folgenden Satz: »Es war ein wunderschöner Vorabend des Schawuotfestes.« Da Strigler sich hier auf das hebräische Datum beruft – ein Datum, das im jüdischen Jahreszyklus von höchster Bedeutung ist, nämlich Schawuot, ein Fest, an welchem jedes Jahr der Empfang der Tora am Berg Sinai gefeiert wird – offenbart er ein genaues Datum: den 5. Sivan 5703 oder den 8. Juni 1943.

Nach der Befreiung lässt sich der 27-Jährige in Paris nieder und lebt dort sieben Jahre lang. In dieser Zeit arbeitet er als Journalist und Redakteur der jiddischen Tageszeitung Undzer Vort und verfasst gleichzeitig sechs Bücher über seine Schoaherfahrung. Im Jahre 1952 emigriert er in die Vereinigten Staaten, wo er in New York als Redakteur der jiddischen Wochenschrift Yidisher Kemfer bis 1995 tätig ist. Ab 1987 und bis zu seinem Tode 1998 ist er auch Redakteur der jiddischen Tageszeitung Forverts.

Mordechai Strigler zählte zu den gebildetsten und produktivsten jiddischen Schriftstellern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war Dichter, Essayist, Kulturhistoriker, rabbinischer Gelehrter, politischer Kommentator und Romanautor. 1978 erhielt er den Itzik Manger-Preis für Jiddische Literatur. Schwerpunkt seiner Romane und Erzählungen war das jüdische Leben in Polen vor dem Zweiten Weltkrieg. Er machte es jedoch auch zu seiner Pflicht, die persönliche und kollektive Lagererfahrung in den Jahren der Naziverfolgung nicht lediglich literarisch zu schildern, sondern auch zu analysieren. In den ersten Nachkriegsjahren schrieb er vermehrt über die Holocaustüberlebenden, insbesondere über die Pariser Kreise.2

Einige jiddische und hebräische Romane, sowie über tausend Erzählungen und Essays und tausende Zeitungsartikel, die ursprünglich in zahlreichen jiddischen und hebräischen Periodika (unter seinem wahren Namen und unter wenigstens zwanzig Pseudonymen) veröffentlicht worden waren, liegen bisher nicht in Buchform vor.

Gleich nach der Befreiung von Buchenwald bemühte sich Strigler um Kontaktaufnahme mit jiddischen literarischen und journalistischen Kreisen in Übersee. Sein erster Brief aus dem befreiten Lager richtet sich an den Dichter H. Leyvick (1888 – 1962) in New York. In ihm liefert Strigler die intime Abrechnung eines Holocaustüberlebenden, der eine neue Heimstätte sucht, in der er seine inneren Seelenkräfte, die um literarischen und journalistischen Ausdruck kämpfen, zu verankern hofft; ein Hilferuf nach sechs Jahren nationalsozialistischer Unterdrückung und im Namen eines Volkes, das ein Drittel seiner Söhne und Töchter durch die Mörderhand der Diener des Bösen – der Nazi-Deutschen und ihrer Helfer – verlor.

Der Dichter H. Leyvick erkennt in Mordechai Strigler einen jungen talentierten und hochgelehrten, jiddischen Schriftsteller und beantwortet dessen Anfrage unverzüglich. Bereits im August 1945 veröffentlicht H. Leyvick in Amerika Mordechai Striglers Brief an ihn und fügt einige persönliche Begleitworte hinzu. Striglers literarischen Text stellt er dem Jiddisch-Leser in den Vereinigten Staaten als eines derjenigen Dokumente vor, »die uns erreichten zusammen mit Briefen und literarischen Chroniken, verfasst durch die Handvoll junger jiddischer Schreiber, die die Todeslager durchmachten und wie durch ein Wunder überlebten – mit diesen Dokumenten öffnet sich vor uns eine jüdische Tragödie, die so anders ist, so bitter und brutal.«

In seinem Vorwort zu Striglers Majdanek hebt Leyvick dessen inneren Drang hervor, der ihn, zusammen mit der treibenden Kraft des Gedenkens, dazu bewegt, die Schrecken seiner Erfahrungen unter den Nazis neu aufleben zu lassen, um sie kompromisslos und ohne jede Beschönigung zu Papier zu bringen. Strigler wird als Chronist einer finsteren Epoche vorgestellt; einer Epoche, die auf keinen Fall übergangen werden darf – vielmehr niedergeschrieben werden muss, um das nötige psychische Gleichgewicht nach der Befreiung wiederherzustellen. H. Leyvick betont, dass Strigler einen Leser wie ihn gerade dadurch mitreißt, dass er das Böse und Niederträchtige in der Natur des Menschen nicht als das Endstadium der menschlichen Erfahrung darstellt.

Wer Striglers Bücher über die Schoah liest, kann nur zustimmen, wenn Leyvick in seinem Vorwort unterstreicht, dass trotz des Abgrundes, in welchem sich Strigler in den Nazijahren befand und trotz der extremen Erfahrungen, die er mit allen anderen Opfern teilte und die seine geistige Gesundheit bedrohten – er doch seelisch ungebrochen die Jahre der Schoah überstand.

Striglers seelische Standhaftigkeit rührte mitunter von einem direkten Einfluss her, den der Dichter H. Leyvick bereits in seiner Jugend auf ihn gemacht hatte. In der Zeit seines frühen Jeschiwastudiums in Zamość hatte sich etwas Schicksalhaftes abgespielt:

In einem autobiografischen Poem, das er nach dem Krieg verfasste, schildert Strigler ein traumatisches Erlebnis, das er als elfjähriger Schüler (also 1929) einer Musarjeschiwa hatte und welches ihn dazu bewog, seine Heimatstadt zu verlassen. Besagtes Erlebnis war eng mit einem damals schon erschienenem Gedichtband H. Leyvicks verbunden (der genaue Titel ist nicht bekannt). Der Jeschiwabocher Strigler wurde »auf frischer Tat ertappt« – bei der Lektüre streng verbotener weltlicher Literatur. Unverzüglich vor ein Jeschiwatribunal gestellt und nicht bereit, gegen das eigene Gewissen zu handeln, bevorzugte Strigler es, die Jeschiwa zu verlassen, um sich nicht der Forderung des Leiters unterwerfen zu müssen, Leyvicks Buch zu zerstören und gleichzeitig zu schwören, dass er nie wieder jiddische Literatur lesen werde.

Eine derartige biografische Einzelheit ist nicht nur für Strigler charakteristisch. Zahlreiche berühmte Jiddisch-Schriftsteller seiner Generation hatten als Jeschiwaschüler ähnliche Erfahrungen mit der verbotenen, säkularen Jiddischliteratur. So zum Beispiel auch Chaim Grade, der mit einem Buch des Schriftstellers Joseph Opatoschu unter seiner Gemara erwischt wurde und dafür teuer bezahlen musste. Und auch der junge H. Leyvick selbst.

Die moderne jiddische Literatur wurde zunehmend zu einer ernsten Konkurrenz für die talmudische Literatur und gewann die Herzen junger talentierter Männer, die um die Jahrhundertwende geboren worden waren.

Zu Leyvicks wichtigem Vorwort für Majdanek fügte Mordechai Strigler selbst eine erläuternde Einleitung hinzu, in der er sowohl die Beweggründe für das Verfassen seines Buches, als auch seine persönliche Poetik darstellt. Diese Einleitung datierte er mit »Mai 1946«. In einem Brief an Leyvick vom 27. Juli 1946, teilt Strigler diesem mit, dass er das Kopieren seines Buches Majdanek beendet hat, um es nach New York zu schicken, da Leyvick ihm zuvor versprochen hatte, bei der Veröffentlichung des Buches in Amerika behilflich zu sein. In den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es gang und gäbe, handgeschriebene Kopien anzufertigen. Da ein Vorwort oder eine Einleitung normalerweise verfasst werden, nachdem das gesamte Buch bereits vorliegt, ist es naheliegend, dass Strigler schon kurz nach der Befreiung in Buchenwald an seinem ersten Buch Majdanek zu schreiben begann – höchstwahrscheinlich im Sommer oder Herbst 1945 – und es im ersten Viertel des Jahres 1946 beendet hatte.

In seiner Einleitung zu Majdanek, sowie auch in seinem ersten Brief an H. Leyvick von Anfang Mai 1945 – als er sich noch im befreiten Lager Buchenwald befindet – schreibt Strigler über sich selbst und die persönlichen Schreckenserlebnisse während der Schoah in der dritten Person. Dies lässt die Schlussfolgerung zu, dass Strigler bewusst oder unbewusst eine Objektivierung seines Zeugnisses anstrebt, das er zwar als ein individueller Überlebender ablegen, mit welchem er jedoch das Leiden des Kollektivs während des Naziregimes schildern will – wobei er sich selbst als »einen der vielen« ansieht.

Das einzige Mal, dass Strigler in seinem Brief an Leyvick zum ausdrücklich persönlichen »Ich« übergeht, geschieht im Zusammenhang mit der Zukunft, dem Leben nach der Befreiung.

Gleichzeitig drückt Strigler in besagter Einleitung nicht wenig Sorge darüber aus, das Thema der Schoah überhaupt zu berühren. Diese Sorge entspringt der tief verankerten Angst vor einer erneuten Konfrontation mit den ehemaligen Erlebnissen. Verschiedene Stellungnahmen Striglers aus anderer Quelle deuten darauf hin, dass er recht kritisch gegenüber überlebenden Schriftstellern und deren Schoahbeschreibungen war; umso mehr noch – gegenüber solchen, die nicht dabei gewesen waren. Was ihn am meisten empörte und dazu bewegte, die persönliche Angst vor einem erneuten Kontakt mit seinen Erfahrungen der Schoahjahre zu überwinden, war sein Eindruck, dass die Mehrheit dessen, was in seiner Zeit über die Schoah geschrieben wurde, überwiegend auf folgender Mystifikation und Mythologisierung beruhte: Das Heldenhafte und Heilige im menschlichen Verhalten während der Schoah wurde betont, wohingegen das Ordinär-Menschliche, Schwache und Tagtägliche in der Verhaltensweise der durchschnittlichen jüdischen Masse gänzlich unberührt blieb. Strigler veranschaulicht seine Stellung durch eine absichtsvolle Überparaphrasierung des berühmten Verses aus Jesajah 53 : 7 (»Wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird«). Die ihrer Vernichtung entgegenschreitenden Juden beschreibt er nicht als »Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird«, sondern als »ein Volk, das als Menschen zur Schlachtung ging«. (in der Originalfassung S. 8, in der deutschen Ausgabe S. 18). Strigler fühlt, dass seine Kollegen obsessiv darum bemüht sind, wesentliche Aspekte der Schoaherfahrung zu umgehen, und nachdem er alles, was bis zum Jahr 1946 geschrieben worden war, gelesen hatte, beschließt er, dass er sich auf niemand anders verlassen kann und persönlich Verantwortung dafür übernehmen muss, jener Zeit durch realistische Literatur gerecht zu werden.

Daher rührt also seine literarische Tendenz, auf kleinste Einzelheiten des Lagerlebens einzugehen, dem Leser durch mikroskopischen Fokus ganze Gefühls- und Gedankenwelten erschütterter Menschenseelen zu offenbaren, die unscheinbarsten Geschehnisse detailliert darzustellen. Um all diese nuancierten literarischen Beschreibungen vollends zu erfassen, kann sich der Leser im Grunde nicht mit einer einmaligen Lektüre der Bücher Striglers zufriedengeben. Erst mehrmaliges, wiederholtes Lesen legt die zahlreichen Aspektschichten frei, welche bei der ersten Lektüre entgehen.

Man kann von einem entscheidenden Wendepunkt in Striglers Schriften reden – ein Wendepunkt, der mit dem unwiderruflichen Einschnitt des Krieges in sein Leben zusammenhängt. Bis zum Alter von 21 Jahren war Strigler einerseits ein Talmudstudent gewesen – andererseits bereits ein produktiver jiddischer Schriftsteller. Mit Kriegsausbruch kam es bei Strigler zu einem kritischen Zusammenstoß zwischen seinem literarischen Schreibverständnis der Vorkriegsjahre und einer neu empfundenen Pflicht, seinem Schreiben nun eine andere, von der Geschichte diktierte Dimension zu geben – er wird nun zum Zeugnis-Schreiber seiner Zeit.

Hinzu kommt, dass seine außerordentlich intensive literarische und journalistische Tätigkeit vor dem Krieg überwiegend dem – in seinen Augen heiligen – Zweck diente, zu dem Fortgang der jiddischen Literatur und Kultur beizutragen, die alten hebräischen Quellen zugänglich zu machen, das jüdische Leben in den vorangehenden Jahrhunderten bis Anfang des 20. Jahrhunderts zu verewigen und an memoireistisch-autobiografischen Schriften zu arbeiten, die übrigens erwähnenswerte literarische Qualität bezeugen. All diese verlieren nun an Bedeutung, und Strigler begreift sich als innerer Beobachter, der selbst zu den Opfern des Naziregimes zählt und das, was um ihn herum verbrochen wird, fieberhaft verzeichnet.

In seiner Einleitung beschreibt Strigler den Seelenzustand, in welchem er sich befindet, als er Majdanek zu schreiben beginnt: »Schweren Herzens, mit einem inneren Zittern und einem Fluch auf den Lippen.« Strigler sieht das Schreiben als eine übermenschliche Pflicht an. Dies mag zum Teil der Grund dafür sein, dass er um einer subjektiven Objektivierung willen, sowohl in der Einleitung als auch in seinem ersten Brief an H. Leyvick, die dritte Person benutzt – selbst dann, wenn er eigentlich über sich selbst schreibt. Darüber hinaus verbirgt er sich in dem literarischen Sextett seiner Prosa über die Schoah hinter einer neugeschaffenen Gestalt namens Mechele.

Sein tiefes Verantwortungsgefühl als Schriftsteller diktiert ihm eines: Verewigen. Für ihn bedeutet das, so genau und objektiv wie möglich den jüdischen Menschen und sein Verhalten zu beschreiben – das Edle sowie das Niederträchtige – aber auch das Verhalten derer, die ein ganzes Volk nicht nur in physische Vernichtung führten, sondern auch zum anwachsenden und andauernden geistigen Vegetieren zwangen.

Strigler ist der Meinung, dass die Böswilligkeit und das Böse, welche im naziokkupierten Europa herrschten und das Leben der Juden bestimmten, ihn zum Realismus verpflichten. Es ist für ihn ausgeschlossen, die Betroffenen schlechthin als Heilige zu beschreiben, sie kollektiv zu idealisieren. Gegen Ende der Einleitung betont Strigler wiederholt, dass sein Schreiben über die Schoah, so wie er sie persönlich erfuhr, frei von jeglicher Idealisierung oder Mythologisierung der Opfer sein will. Und abschließend fügt er hinzu: »Möge ihr heiligmenschliches Andenken damit gesegnet werden. Und mögen ihre im Leben geschändeten Seelen ihre Anklage hinausschreien gegen die Verbrecher an Leib und Seele – bis in alle Ewigkeit.«

Wer die Korrespondenz zwischen Mordechai Strigler und H. Leyvick liest, entdeckt ein Phänomen, das für Strigler charakteristisch ist. Als Schriftsteller und Schoahüberlebender spürt Strigler, sobald er nach der Befreiung beschließt, unverzüglich seine persönlichen Erfahrungen und die der europäischen Juden unter den Nazis niederzuschreiben, dass ein erster Impuls ihm befiehlt, alle Eindrücke und Erlebnisse aus den Schoahjahren in einem einzigen Buch zu erfassen. So übrigens auch ein anderer Schoahüberlebender – der Schriftsteller K. Zetnik. Beide Autoren sahen jedoch sehr schnell ein, dass die zahlreichen und komplexen Erinnerungen der sechsjährigen Naziunterdrückung keinesfalls in einem einzigen Band zusammengefasst werden könnten, und mit der Zeit veröffentlichten beide wenigstens sechs verschiedene Bücher über das Leben unter Naziherrschaft, in Ghetto und Lager.

Striglers erstem Buch Majdanek folgte ein Jahr später das zweite Buch in der Tetralogie Oysgebrente Likht (Verloschene Lichter(In di Fabrikn fun Toyt (In den Fabriken des Todes). In Majdanek beschreibt Strigler seinen dortigen Aufenthalt von einigen Wochen; entsprechend einer persönlichen Aussage Striglers, kann angenommen werden, dass er in Majdanek sieben Wochen verblieb, bevor er ins Arbeitslager Werk C überführt wurde. Dieses Lager, das der Munitionsherstellung für den HASAG-Konzern diente und sich in Skarżysko-Kamienna befand, erreichte Strigler höchstwahrscheinlich am 28. Juli 1943. Im Werk C lebte Strigler zwölf Monate als Gefangener. Anfang August 1944 wurde er ins Lager Buchenwald transportiert, wo er bis zu seiner Befreiung am 11. April 1945 überlebte.

Yechiel Szeintuch, Hebräische Universität, Jerusalem

aus dem Hebräischen von Dr. Miriam Trinh,

Hebräische Universität, Jerusalem

Verloschene Lichter
werden wieder entzündet

Mordechai Striglers Buch »Verloschene Lichter: Majdanek« bedarf keiner Empfehlung. Es trägt die Empfehlung in sich.

Es bedarf auch keiner Empfehlung, um im Leser den Wunsch zu wecken, es zu lesen. Denn sobald der Leser anfangen wird es zu lesen, wird er nicht mehr aufhören können. So war auch meine Erfahrung.

Nicht deshalb, weil das Buch lieblich ist.

Sondern deshalb, weil das Buch bitter ist − gallebitter. Aber von jener scharfen Bitterkeit, die mit aller Intensität von des Menschen Schicksalshölle widergespiegelt wird.

Und Strigler war in der allerschlimmsten Hölle − in Hitlers Inferno; was er dort sah, hat nicht nur mit Hitler, nicht nur mit Nazideutschland zu tun, sondern mit dem ganzen Menschengeschlecht. Er sah das Grauenhafteste in der grauenhaftesten längsten Nacht, und − er sah auch den Juden in der längsten Nacht, und − auch sich selbst in der nämlichen Nacht.

Er stand nicht nur einmal in Gefahr, innerlich verletzt zu werden, eine Gefahr, die schwärzer ist als der Tod und das Umkommen selbst, aber sein Charakter, sein eigener Verdienst, diese wundersame Kraft stand ihm bei.

Er kam heil heraus, innerlich gerettet, aber angefüllt mit Gräuelerlebnissen, mit einer Erfahrungsreife, mit Beobachtungen, welche wert sind, entdeckt zu werden. Die Schwere der Last liegt auf seinen strapazierten jungen Schultern und treibt ihn mit Nachdruck, ein ums andere Mal, das Durchgemachte, das Erlittene neu zu erleben. Er jagt wieder mit größter Anspannung durch das Höllenlabyrinth und wir folgen ihm.

Seine Sinne sind wach, hochsensibel. Ebenso sein Gedächtnis. Er überwältigt uns und reißt uns mit. Wir können nicht stehenbleiben. Wir müssen ihm folgen. Wir müssen sehen, was er uns enthüllt. Das Unheimlichste. Wir müssen es sehen.

Ich sage noch einmal: Striglers »Majdanek« braucht keine Empfehlung. Meine Begleitworte sind Ausdruck der Anerkennung für einen jungen Kollegen, der sich aus der Zerstörung erhoben hat und dessen Sendungsdrang nicht ruhen wird, ehe er uns alle mit seinen Erlebnissen bereichert hat.

Er ist dazu berufen.

»Verloschene Lichter« nennt Strigler den Zyklus. Aber aus diesem Verloschenen zündet Strigler neue Lichter an, sowohl Lichter des Gedenkens als auch Lichter des Glaubens daran, dass die allerfinsterste noch lange nicht unsere allerletzte Erfahrung ist.

Mehr noch − die verloschenen Lichter selbst entzünden sich erneut.

H. Leivick

New York, Juli 1947

Einführung des Verfassers

Schon ein Jahr ist es her, dass der Verfasser dieses Buches aus dem Konzentrationslager befreit wurde. Im Laufe dieser Zeit begann er wieder, seine Gedichte und politischen Artikel zu schreiben. Eine Art verborgener Angst hielt ihn davon ab, die sechs Jahre zu berühren, die er in so vielen Ghettos und KZs verbrachte. Er schreckte davor zurück, diesen ganzen Erlebnissen noch einmal zu begegnen und ihnen noch einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Er wartete mit klopfendem Herzen ab, ob nicht irgend jemand käme und die schwere Aufgabe auf sich nähme; er bräuchte sich dann dieser großen Last nicht anzunehmen, eine Generation so entblößt zu schildern, wie sie es faktisch gewesen ist. Er wies jeden Vorschlag, Erinnerungen zu schreiben zurück, las alles, was geschrieben wurde über das, was geschah, in der Hoffnung, dass dieser Gräuel-Epoche über kurz oder lang Gerechtigkeit widerfahren würde. Leider ist das bis heute nicht geschehen. Es ist noch niemandem eingefallen, dass man auch über unsere Märtyrer wie über Menschen aus Fleisch und Blut schreiben muss, deren menschliche Gestalt abertausende Male am Tag geschändet wurde. Alles, was über unsere Epoche geschrieben wurde, drehte sich nur um die Details. Das Allerwichtigste war deshalb nicht erkennbar. Aber etwas muss doch über den inneren Schmerz erzählt werden, über den tiefen psychologischen Kampf und den so menschlichen Schmerz einer Generation im grauenvollen Untergehen. Aber dann konnte der Verfasser nicht mehr, und schweren Herzens, mit einem inneren Zittern und einem Fluch auf den Lippen auf diejenigen, die uns auf diesen Weg geführt hatten − nicht nur des physischen, sondern auch des geistigen langen Todeskampfes − setzte er sich daran, seiner übermenschlich schweren Verpflichtung nachzukommen. Anstatt wie alle jungen Menschen seines Alters bei anderen Völkern über Sonne, Luft, Licht und Lebensfreude zu schreiben, bestimmte das unbarmherzige Schicksal ihn dazu, der Chronist des Untergangs seines heiligen Volkes zu werden. Des Volkes, für dessen Aufbau er mit Freude seine Jugend und sein Leben gegeben hätte.

Groß ist aber die Verantwortung. Man muss es für alle Zeiten festhalten. Die Welt, selbst die jüdische, weiß noch gar nichts davon, was tatsächlich passiert ist! Und sie muss es wissen! In allen Einzelheiten. Denn auch das Gezanke um einen Bissen Brot, das Hereinschmuggeln eines Stückchen Goldes, die tagtägliche, immerwährende Qual des Verhängnisses, in welchem man oft den Menschen in sich vergaß, auch dieses war ein Menschenopfer, der Ausdruck des menschlichen Martyriums, des jüdischen Märtyrers. Gerade in dem typisch Menschlichen, in dem Alltäglichen, liegt das Heroische im Opfertod eines Volkes, das als Menschen zur Schlachtung ging.

Der Verfasser möchte nicht einfach heldenhafte Geschichten erzählen, keine hervorstechenden Einzelfakten, denn damit würde man über sie, die echten Märtyrer, gar nichts erzählen, sondern nur über abstrakte Gestalten, die sie nicht verkörpert haben. Soll also dieses Buch, wie auch die weiteren Teile, alles über sie erzählen, jede Regung verzeichnen, jedes Auf und Ab in den letzten Minuten, soll es der wahre Grabstein auf ihren verlorenen Knochen sein.

Der Verfasser weiß, dass möglicherweise viele nur Engelsbeschreibungen erwarten − auch das hat ihn bisher davon abgehalten, seine Schilderungen zu veröffentlichen − er will aber denen treu bleiben, die bloß wegen der Bösartigkeit anderer umkamen. Er will nur über sie schreiben und nur sie, so wie sie gewesen sind, verewigen und nicht die, die jemand in seiner Fantasie sehen will. Genau deshalb werden seine Bücher so geschrieben, wie sie sind. Möge ihr heiligmenschliches Andenken damit gesegnet werden. Und mögen ihre im Leben geschändeten Seelen ihre Anklage hinausschreien gegen die Verbrecher an Leib und Seele bis in die Tiefe aller Zeiten.

Mordechai Strigler

Paris, im Mai 1946

Erster Teil

Majdanek

Kapitel eins

I

In jener Nacht wurden alle irgendwie von Unruhe befallen. Schon seit Wochen gingen allerlei Gerüchte um, dass unser Arbeitslager in Zamość liquidiert werden würde. Von verschiedenen kleineren Lagern in der Umgebung trafen Nachrichten ein, eine schrecklicher als die andere. Die große »Aktion«, die Lubliner Gegend von den restlichen Juden zu säubern, hatte begonnen. Bei Nacht wurden die Städtchen umstellt und geleert bis auf den letzten Juden. Der Hurrikan begann, auch die Lager eins ums andere zu erfassen. Im ganzen Umkreis wurde es immer leerer und leerer. Immer wieder kamen neue Nachrichten:

Alle Juden von Łabunek erschossen!

Izbica1 wurde liquidiert!

Krasnyk!

Und jedes Mal aufs Neue gefror einem das Blut in den Adern.

Nur unser Lager wurde nicht angerührt. Jeden Tag rechneten wir damit. Alle waren vorbereitet, das Schicksal anzunehmen, das mit seinem Feuerschwert von Ort zu Ort zog; alle Rechnungen waren abgeschlossen, die Seele wie versteinert. Es sah aber so aus, als habe man uns vergessen. Und wieder läuft die Arbeit normal. Die SS-Leute gehen weiterhin mit finsteren Gesichtern umher und schweigen. So vergehen Tage und Wochen in höchster Anspannung.

Aus und vorbei. Alles um uns her ist schon »judenrein« und nur wir sind geblieben wie eine Insel inmitten eines offenen, aufgepeitschten Meeres. Werden auch wir an die Reihe kommen? Niemand zweifelt daran. Ein Großteil hat die Geduld und den letzten Nerv bereits verloren und wartet auf das Maschinengewehr wie auf den einzigen Erlöser. Die anderen unterhalten sich flüsternd in kleinen Gruppen zwischen den verwanzten Lagerbetten in der Tiefe der Baracke. Man schmiedet Pläne.

Fliehen! Fliehen!

Wie mechanisch wiederholen die Lippen das Wort aus Furcht vor etwas Schlimmerem als dem Tod.

Niemand hat einen klaren Plan, wohin. Selbst wenn es gelänge, von der Arbeit hinaus in die Freiheit zu entkommen, würde auf der Straße der erstbeste Pole dich verraten. Vor dem geistigen Auge erhoben sich die jungen heldenhaften Männer aus verschiedenen Lagern, die es geschafft hatten, sich die ganze Strecke bis zu den Zwierzyniecer Wäldern durchzuschlagen, um sich den polnischen Partisanen anzuschließen, und deren tote Körper später, nach etlichen Tagen, gefunden wurden, nackt oder mit einem zurückgelassenen Lumpen am Leib, präsentiert auf einem kleinen Steg oder beim Wäldchen mit einer kleinen polnischen Notiz, die sich brüstete:

Gefallen, aber nicht von deutscher Hand.

Doch das bisschen bebendes Leben will nichts wissen von Abwägungen. Man spürt, das jetzt und hier alles enden wird und der letzte Tropfen warmen Blutes schlägt hastig Alarm an alle Türen der Gedanken: Such! Tu etwas! Auf wen wartest du? Man wird zerrissen zwischen dem instinktiven Trieb, der alle Glieder wachrüttelt und die Gefahr meldet, die über allen Köpfen schwebt, und dem nüchternen Verstand, der entschlossen urteilt: Nichts zu machen! Versperrt sind alle Auswege, der Tod hat sich überall häuslich niedergelassen! So ereifert man sich und packt den ganzen kleinen Rest nervöser Energie in die Pläne, in die Debatten über Rettung, Weglaufen und das rächende Partisanendasein. Aber man weiß selbst, dass man gar nichts tun wird, dass man so lange warten wird, bis das, was kommen muss, mit aller Kraft an das Lagertor schlägt. Alles wird ruhig ablaufen, wohin auch immer die helmbewehrten Botschafter des Todes uns hinzubringen wünschen. Man will aber gerade diese innerste Gewissheit übertönen und betäuben, man schämt sich vor sich selbst zuzugeben, dass man schon längst mit dem Schicksal Frieden geschlossen hat. Man tuschelt so lange herum, bis die eigene mahnende Stimme in der Tiefe schläfrig und müde wird. Bis alles ausgeredet ist, was es zu bereden gegeben hat, und jeder Einzelne sich wieder in seinen eigenen stinkenden Winkel verkriecht, genau wie gestern, genau wie vor einer Woche.

Von irgendwoher brachte jemand einen vertrauenswürdigen Termin: am 31.! Mit Schwertesschärfe schnitt es allen ins Bewusstsein: am 31.! am 31.! Mit wortlosem Gebet erflehte jeder Einzelne vom eigenen Herzensgrund, vom letzten Brocken Verstand oder von der bleichen Silhouette des klügeren Freundes: Hilf mir! Gib mir einen Rat! Aber alles war verstummt, das eigene Herz war leer bis auf den Grund und auch die Weisheit des Freundes war gelähmt.

Man geht tagsüber wieder zur Arbeit und kommt nachts zurück in die verlausten Baracken. Man isst schweigend und schaut lange, sehr lange einer den anderen an, dann fällt ein Wort, ein Satz nur, in dem alle Reden und alle Pläne eingeschlossen sind:

Schon der 29.!

Der 30.!

Man war ermüdet davon, Tag um Tag den Schrecken in den Gliedern und in den Augen wachzuhalten. Man wartete nur noch − auf nichts mehr wartend.

Und eine Nacht begann, wie alle Nächte im Lager. Verräuchert vom Barackenofen, gepeinigt vom Monatsende. Nur das Entsetzen, versteckt im tiefsten Winkel des Herzens, warnte mit ersticktem Mund ein letztes Mal zaghaft:

Die Nacht zum 31.!

II

Gegen 12 Uhr in der Nacht trug es alle hinüber in eine andere Welt. In dieser Nacht kamen nicht einmal die ukrainischen Wachposten betrunken in die Schlafbaracke herein. Sie vergaßen sogar, ein fröhliches Spektakel in der benachbarten Frauenbaracke zu inszenieren. So hatte jeder die Gelegenheit, sich im Traum zu holen, was das wahre Leben ihm genommen hatte. Aber die heutige Ruhe ist eigenartig verdächtig und unangenehm. Es ist zu ruhig. Das Herz war schon so an den »normalen« nächtlichen Schrecken der einfallenden betrunkenen Wachposten gewöhnt, dass es fast zu einer Art betäubender Sucht geworden war. Im Angesicht derer, in deren Händen du vogelfrei bist, beginnt das schläfrige bisschen Leben von neuem, in den Gliedern zu pochen, du spürst eine zappelnde Angst vor etwas; doch dabei freut sich etwas in dir, das tiefer ist als du selbst, weil du dadurch gleichzeitig erkennst, dass da noch etwas ist, dass du noch etwas besitzt, um dessentwillen du zittern musst, mit dem du vorsichtig umgehen musst.

In der Einsamkeit wird die ständige Furcht der einzige Wecker des erstarrten Lebens. Die reale dröhnende Angst wird dir vertraut wie ein Freund. Und jetzt, da es so still ist, entsteht gleichzeitig eine Leere um dich herum. Es fehlt etwas. So als sehntest du dich danach, die Gefahr zu fühlen, die von einem nahebei lauernden Gewehr eines Betrunkenen ausgeht. Die Hilflosigkeit wird ohne den allnächtlichen grausamen Trubel noch entsetzlicher.

Das erschrockene Schnarchen müden Atems sägt sich knirschend in die Stille der dunklen Baracke. Nur noch hier und da sitzt ein gebeugter Schatten auf der Bettkante, in Gedanken versunken, dabei gar nichts denkend.

Ein Schatten von gegenüber winkt meinem zu:

Motl?

Ein Wortbrocken löst sich von meiner müden Trägheit:

Was ist?

Und wieder wird ein leises Wort zu mir herübergetragen, auf dem Rücken eines verschlafenen Krächzers meines Bettnachbarn:

Warte!

Der dürre Körper meines Nachbarn wiegt sich über mir mit einer fremden Unruhe. Seine großen, unruhigen Augen dringen in mich ein bis in die tiefsten Tiefen. In der Dunkelheit haben sie einen gespenstischen, irren Glanz. In meiner diffusen Hoffnungslosigkeit erkenne ich nicht, wer da redet: sein Mund, seine Augen, seine Hände oder seine Kleidung? Mein Verstand erscheint mir verhüllt von einem dünnen Vorhang. Ich spüre nur, wie seine Gedanken mich umklammern.

Motl, und wenn doch? Vielleicht noch heute?

Seine Finger deuten dabei durch das vergitterte Barackenfenster auf den Stacheldraht beim Zaun.

Schon hundert Mal habe ich diese Frage und diesen Plan gehört, schon tausend Mal selber darüber gegrübelt. Die Antwort ist mir selbst so klar, dass die Lippen nicht mehr beim Verstand nachfragen müssen, sondern jedes Mal selbstständig antworten:

Unmöglich!

Aber jetzt bin ich schon zu müde. Mein Verstand ist so verdunkelt und ausgezehrt, dass er dieses einzige, mechanische Wort der Resignation nicht mehr über die Lippen bringt. Also schweige ich. Mein Kamerad nimmt es als Zeichen der Zustimmung. Er stachelt mich weiter an mit seiner glühenden Ungeduld:

Heißt das, du bist bereit? Soll ich hinausgehen und einen Blick auf die Zaunpfähle werfen?

Er wartet nicht einmal meine Antwort ab, sondern schlurft hinaus aus der Baracke. Für eine Minute bleibe ich allein unter Schlafenden. Nüchterne Wachsamkeit schüttelt mich. Ich fühle mich wie auf einem Friedhof. Schwach höre ich es in mir fragen: Schlafen sie nur, diese Menschen um mich herum, auf ihren grabähnlichen Betten?

Die gefühlte Gefahr, die sich monatelang in der Luft, zwischen den Betten und in den Winkeln zusammengeballt hatte, fühlte sich plötzlich kräftiger an. Sie senkte sich herab und gab mir mit einem Flügel einen Schlag an den Kopf. Es war, als ob alle Schlafenden ihre Schrecken des Tages im wachen Diesseits zurückgelassen hatten, und all diese Schreckensbrocken sammelten und verknoteten sich zu einem Körper. Dieser ganze schwarze Gedanken-Koloss, der sich nicht durch die weiten Grenzen des Schlafes hindurchreißen konnte, warf sich mir wie einem Erlöser zu Füßen. Alle müden Wände, die meine Gedanken im festen Griff hielten, fielen mit einem Krachen zusammen. Eine klare Stimme schrie mir mitten ins Mark: Hier ist der Tod! Ich wachte auf und wunderte mich über mich selbst: Warum habe ich es bis jetzt nicht gesehen? Wie schafft man es zu leben in einer Welt, wo man dermaßen schläft? Die Gefahr bricht in Lachen aus, aus jedem Winkel tönt ihr Gelächter über meine machtlose Erkenntnis. Mein Verstand wird plötzlich gesprächig und ich lausche mit beiden Ohren:

Nein! Er wird es nicht lange halten, der Deutsche, dieses Lager mit Menschen, aus denen die Müdigkeit herausschreit und aus deren Augen ständig die Furcht blickt. Sprechen ihre Münder nicht instinktiv über den Tod, der sicher kommen muss? Ich fühle mich hier plötzlich wie ein Fremder, ein Verlassener. Der Schweiß bricht mir aus: Was tue ich hier? Was tue ich hier? Von allen Seiten schreit es auf mich ein: Flieh! Flieh! Sogar ohne ein »Wohin?«. Nur mit solchen erschöpft Schlafenden nicht zusammen sein!

Mein Kamerad hatte sich inzwischen wieder hereingeschoben durch die Tür. Seine Schritte hatten während des Weges den fieberhaften Schwung verloren, seine Augen waren draußen erloschen. Er sah schlapp und halb bewusstlos aus. Als er näher kam, winkte er nur kummervoll mit beiden Händen wie eine geschächtete Gans mit den Flügeln und brachte kaum noch einen schwachen, verzweifelten Ton heraus:

Zu spät!

Zugleich aufgeregt und benommen erzählte er:

Verstärkte Wachen um das Lager herum, alle zwei Schritte ein Posten. Diesmal döst keiner von ihnen an die Wachbude gelehnt. Durch einen kleinen Spalt im Zaun sah er, wie alle Augen auf das Lager gerichtet waren.

Ich weiß nicht, wen ich damals beruhigen wollte: ihn oder mich? Vielleicht wollte ich auch nicht den Toten auf ihren Lagerstätten das letzte Lächeln rauben, das sie im Traum bei ihrem Kind sahen. Die Gedanken scherten sich schon damals um keinerlei Kontrolle und spazierten im Kopf umher, wie es ihnen gefiel. Nicht auf meine eigene Rede achtend, sprach ich zu ihm und bat ihn: Still! Ruhig! Wecke sie nicht auf!

Ohne es selbst zu wissen, spürte etwas in mir, dass die letzte Stunde der nächtlichen Stille geschlagen hatte. Jetzt wollte ich sie noch einen Moment aufhalten, nur noch einen Moment, solange, bis alles von selbst geschehen würde.

Und die Stunden haben sich einschläfern lassen, wie Kinder, die lange geweint hatten.

III

Halb drei. Eine Gestalt, halb nackt, klettert von einem Etagenbett herab und geht hinaus, in den Augen kleben noch Reste von warmem Schlaf. Das Klosett ist dicht bei den Drahtzäunen, neben einem Wachhäuschen, und es ist zu schade, für diesen Gang von nur wenigen Minuten aufzuwachen. Die Füße scharren beim Gehen und die Augen fallen immer wieder zu.

Zurück kommt er schnell und aufgeregt. Alles in ihm bebt; wie benommen geht er mit wildem Geheul auf den erstbesten am Rand Schlafenden zu:

Und ihr schlaft? He, ihr schlaft?

Da schüttelt er bereits den in Schlaf Versunkenen mit der ganzen Kraft seiner knöchernen Finger, als ob er die Gefahr höchstpersönlich gepackt hielte. Aber er lässt schnell ab von ihm, greift sich mit den Händen in die zerwühlten Haare und bricht in Gejammer aus:

Wir sind verloren! Verloren!

Der Klang seiner Stimme erinnert an den resignierten Ton eines abgelaufenen Weckers. Instinktiv gehe ich zur Tür. Ich will sehen, was draußen vor sich geht. Der neugierige Mündungslauf eines Maschinengewehrs versperrt mir den Weg mit einer Frage auf Deutsch:

Wohin?

Ich weiß selbst, dass ich mich mit meiner Antwort lächerlich mache:

Ich muss nötig, auf den Abort …

Die Büchse hat aber offensichtlich keine große Lust, mit mir zu debattieren. Sie schleudert mir nur ein Wort entgegen, in dem die Drohung aller Todesstrafen mitschwingt:

Zurück!

Zu allen Barackenfenstern sieht man Augen hereinfunkeln. Wehe mir! Wie viele finstere Zornesblicke! Die hat der Todesengel persönlich auf nächtlichen Wegen hinuntergeschickt ins Lager.

Jeder rappelt sich hoch mit einer eigenen Wehklage:

Wehe uns! Das Lager ist umstellt! Umstellt!

Alle schreien gleichzeitig, ringen die Hände. Zitternde Finger beginnen unsinnigerweise, alle Lampen anzuzünden. Ein Hämmern an die Scheiben warnt:

Licht aus!

Geräusche von Schüssen wandern umher über das Barackendach mit boshaften, eilenden Schritten und lassen den anbrechenden Tag vor Schreck erblassen. Dem neuen Tag ist nicht besonders froh ums Herz. Er schaut trüb und grau herein durch die Scheiben und es scheint, damit wolle er sich wegen seiner Machtlosigkeit rechtfertigen:

Ich kann euch gar nicht helfen, Kinder. Ich habe nicht die Kraft dazu.

Und mit einem Mal spüren alle über sich die Flügel des Todes. Mein Kamerad Itzel zerreißt voller Zorn seine paar Hunderter-Geldscheine. Sie wehen in kleinen Fetzen über die ganze Baracke. Ich finde ein Päckchen Streichhölzer und reibe mit mutwilliger Absicht eines davon an. Ich will damit einen Strohsack anzünden, es soll alles drumherum in Flammen aufgehen! Meine Gedanken rufen mir mit großer Klarheit in Erinnerung, dass es um uns herum ein großes Lager mit vollen Benzinfässern gibt, und wir könnten gemeinsam mit unseren Bewachern in die Luft fliegen. Ein gehetzter Blick zur Seite lässt mein Streichholz verlöschen. Hände reißen mir die Schachtel aus den Fäusten. Jemand zügelt mich mit der Frage: Du weißt schon alles ganz sicher? Ich schweige verschämt. Verloren suchen meine Hände etwas. Sie fingern fiebrig in allen Taschen herum und können doch nichts finden. Sechs Monate lang trug ich ein Päckchen Gift mit mir herum. Ich hütete es und versteckte es bei jeder Durchsuchung, die im Lager stattfand. Es erleichterte mir beständig die Gedanken an meine letzten Minuten. Wenn die Zeit kommt, besänftigte mich die Hoffnung, werde ich tun, was nötig ist und damit dem schmutzigen Tod durch ihre Hände entkommen. Jetzt suche ich in den Hosentaschen, im Bettrand, auf der Erde. Verzweiflung umklammert mich, weil ich den Tod in der eigenen Tasche nicht finde. Wie im Nebel erinnere ich mich, dass ich ihn in meinem alten Kittel vergessen habe, auf der Arbeitsstelle.

Mein Alter Ego hänselt mich wegen meiner Gefühle: Was ist, gnädiger Herr? Sogar den Tod willst du anders haben, abgesondert von den anderen? Zehn Minuten, bevor alle umkommen, willst du auf besondere Art sterben, damit man dich und dein Verlöschen bemerkt und über dich redet?

Machtlosigkeit zerreißt mir das Herz und zerstreut meine Gefühle in alle Richtungen. Ich verliere den selbstständigen Gedankengang und gehe unter im allgemeinen stürmischen Gewirbel. Bald aber spüre ich, wie eine tollkühne Klarheit mich erfasst und mich in einen abgelegenen Winkel treibt.

IV

Inzwischen sind alle Leute hier verrückt geworden. Der kleine Josef-Ozer schraubt die Seiten der Betten auf. Sie streben auseinander wie entfernte Verwandte und die Bretter in der Mitte fallen mit einem resignierten Ton heraus. Und mitten im allgemeinen Geschrei und Gejammer steht der kleine Lausebengel und kugelt sich vor kindlichem Gelächter darüber, dass ganze Betten, die solange menschliche Körper auf ihren Rücken getragen haben, jetzt durch nur eine Bewegung seiner halbkindlichen Hände auseinanderfallen. Es fliegen Strohsäcke herum, vergessene Knöpfe, Lagerlöffel, ein aufbewahrtes Stück trocken Brot; wie es scheint hat der Kleine schon lang mit solchen boshaft-zerstörerischen Gedanken gespielt. Nur die allgemeine, strenge Ordnung hielt ihn davon ab. In dem jetzt herrschenden Tumult lässt der 15-Jährige seinen Begierden freien Lauf, sein Gesicht strahlt mit allem Glück der Welt.

Es sind schon etliche Stunden, dass man keinen Schritt hinausgehen kann. Der Schreck fuhr den Menschen in die Eingeweide, man verrichtete seine Notdurft mitten in der Baracke, auf dem Fußboden. Andere wollen eine letzte Rache nehmen, sie kriechen hinauf auf die Betten, quetschen das letzte aus sich heraus, schmieren alles ein, was ihnen unter die Hände kommt und schreien dabei über alle Maßen.

Der kleine Abele, der Lebensmittel ins Lager schmuggelt und Handel treibt, ist schon ganz heiser vom sinnlosen Schreien. Er schleppt aus irgendeinem hintersten Winkel einen Korb mit rohen Eiern hervor. Seine Stimme bittet: Leute! Wer will, soll nehmen! Eine Wüste werde ich ihnen hinterlassen! Etliche zögernde Hände strecken sich aus in hungriger Gier. Sie wissen selbst nicht, was hier vor sich geht. Die Wildheit in ihren Augen kann gar nicht glauben, dass Abele heute kostenlos austeilt. Aber alles drum herum ist versunken in sich selbst und in den eigenen Jammer. Abele steht finster da bei seinem Korb mit Eiern und fordert ein letztes Mal mit verlöschendem Kratzen seiner ausgetrockneten Stimme auf:

Nehmt, ich bitte euch, nehmt!

Plötzlich überkommt ihn der Zorn. Als ob er durch irgendetwas beleidigt worden wäre, springt er hinein in den Korb! Unter den Eiern entsteht Panik. Eines drängt sich ans andere, vergießt dabei seine gelbe Galle. Unter Abeles Schuhen dringt ein kratzendes Geräusch hervor. Auf seinen Schuhspitzen erscheint eine gelbe glänzende Flamme. Doch seine Augen sehen jetzt gar nichts mehr. Das Gesicht ist vertieft in leidenschaftliche Arbeit. Schon sind alle Eier aufgebrochen. Eine schwere, fette Flüssigkeit quillt durch die kleinen Löcher im Korb und umschlingt ein vertrocknetes Stück Brot, das von einem zerstörten Bett hergeflogen war. Aber Abele steht immer noch, hebt die Füße und tritt zu, immer wieder mit demselben Zorn.

Mehr Erfolg dagegen hat der dicke Kurt, der Händler gedrehter Zigaretten im Lager. Aus dem doppelten Brett unter seinem Bett zieht er etliche kiloschwere Packen mit gelbem feingeschnittenem Tabak hervor. Er lockert und zerpflückt eigenhändig die feuchten festgepressten Ballen und wirft alles in die Mitte der Baracke.

Leute! Wer will, soll rauchen! Nehmt euch auch mit für den Weg! Das ist das Beste für solch eine Reise! Es zieht schon alle Hände dort hin, ich fühle mich wie ein Schlafwandler. Er erkennt mich aus der Ferne und bringt mir ein einzelnes Päckchen. Er ist verlegen und aufgewühlt, er will sich bei mir entschuldigen, dass er mich mitten in meinen letzten Gedanken stört. Er sucht irgendwelche anderen Wörter, kann aber keine finden. So wiederholt er nur immer wieder:

Es ist das Beste für solch einen Weg, das Beste.

Ich reiße inzwischen von irgendwoher ein großes Stück Zeitung ab, stopfe es mit Tabak und stecke es in den Mund. Eine zitternde Hand reicht Feuer. Ich nehme einen Zug von dem Rauch und fühle mich, als wäre ich aufgesessen auf einen feurigen Streitwagen und aufgefahren in den Himmel.

In der Baracke stieg ein Gestank auf, der sich in der Luft mit umherirrenden Federn und abgerissenen Fetzen von Geschrei stieß. Fliegende Flicken dreckiger Wäsche tanzten einen verrückten Wirbel in der Luft und liebkosten für eine Weile den beginnenden Tag.

Kapitel zwei

I

Große Lastwagen, besetzt mit Sturmtrupps, kamen zum Lager gefahren. Ihr Schreien, ihre schweren, rohen Stimmen, drangen bis in die Baracke. Jemand in einer Ecke stellte resigniert fest: Jetzt sind sie da! Die Tür wurde aufgerissen. Der Gestapo-Chef Langenkämpfer1 blieb auf der Schwelle stehen. Es wurde still, als wären alle von geheimer Zauberhand erstarrt.

Er machte es kurz:

In fünf Minuten muss alles bereit zum Abmarsch sein! Ihr kommt in ein anderes, gut eingerichtetes Lager. Decken können mitgenommen werden. Habt ihr das alle verstanden?

Eine Anzahl Stimmen aus den Ecken antwortete aus unterwürfiger Gewohnheit:

Jawohl!

Der größte Teil der Baracke blieb aber in tiefes Schweigen versunken. Niemand glaubte mehr den Reden einer deutschen Uniform. Aber einen Rat wusste man auch nicht. Man muss sich schnell für den Weg vorbereiten. Jeder will den letzten Gedanken an Widerstand damit abtöten, dass er ein Bröckchen Hoffnung in die Herzen wirft. Und vielleicht will die Gestapo genau das? Langenkämpfer geht hinaus. Hektisch verteilt die Menge sich über die riesige Baracke. An allen Betten stehen aufgerissene Kästchen voller Armseligkeit, die man von Ghetto zu Ghetto, von Lager zu Lager geschleppt hatte. Jetzt liegen die zerdrückten Sachen da und sorgen sich, dass sie bald verwaist zurückgelassen werden. Die Decken auf den Betten sind unordentlich aufgerollt, als ob sie sich vor Schmerzen krümmten. Die strohernen Kissen fallen mit stimmlosem Rascheln herab, jedem Einzelnen zu Füßen, und bitten um Mitleid. Fiebernde Hände beginnen zu packen, man packt und weiß doch nicht, was. Man hebt etwas auf und steckt es in den Sack; dann wirft man es wieder hinaus; man nimmt es wieder in die Hände. Das alles geschieht noch dazu in knapp bemessenen Sekunden.

Die Wachen hinter den Fenstern werden spärlicher. Unser Fenster geht hinaus auf die gegenüberliegenden militärischen Kasernen. Deshalb ist hier eine starke Wache nicht so nötig.

Der kleine Josef-Ozer steht die ganze Zeit und schaut durch das Fenster. Der Kasernenhof ist jetzt leer. Hohe Heuhaufen türmen sich auf, Futter für die Militärpferde. Der Kleine beißt mit den Zähnen in die geballte Faust. Irgendetwas ruft ihn dort in einer Sprache, die nur ihm verständlich ist. Auch ich stehe und gucke hinaus durch das Fenster. So nehme ich Abschied von meiner Stadt. Der Kleine sieht mich und flüstert mir still zu: Ich hau ab! Ich will ihm nichts entgegnen. Sein Gesicht sieht nicht im Mindesten jüdisch aus. Wer weiß? Vielleicht kann es ihm gelingen. Das Herz lechzt nach etwas Aufregendem, das geschehen soll. Während man selbst wie gelähmt ist, wünscht es doch risikofreudig, dass zumindest jemand anders etwas tun soll, wenigstens einer. Der Kleine hat unterdessen ganz ruhig den untersten Luftschlitz des Fensters geöffnet. Im großen Lärm bemerkt es niemand. Er steckt den Kopf in das offene Loch und zwängt den Körper vorsichtig ein Stück hindurch, dann noch ein Stück. Beim Bauch wird es schwierig. Dafür zieht aber dann das Übergewicht den unteren Teil des Körpers schnell hinunter. Man hört einen harten Fall. Einen Moment reißt sich etwas los von meinem Herzen. Des Jungen katzengleiche Dreistigkeit hat mich in ihren Bann gezogen. Ich denke nicht mehr an mich. Das eigene Leben ist bereits wie aufgegeben und es gibt nichts mehr, worüber nachzudenken wäre. Hier dagegen, hier hat sich jemand auf den Wettkampf eingelassen, und alle meine Sinne beschäftigen sich mit ihm, geradeso, als ob mir hier gar nichts drohen würde. Ich fiebere vor Ungeduld und Neugier, als hätte ein Teil von mir sich mit dem Jungen losgerissen. Ich zittere: Hört nicht womöglich jemand von der Wache den Fall? Ich erwarte einen Schuss. Stille. Dann erscheint der Kleine auf dem Drahtzaun, und schon ist er im Kasernenhof. Und immer noch nichts.

Eine Vielzahl von Augen folgt inzwischen gebannt dem Spiel. Der Kleine, der sich jetzt bereits im Hof befand, hob spielerisch grüßend die Hand, gerade als ob er irgendwo einen Spaziergang machte, als ob er gespürt hatte, dass man ihn von der Baracke aus beobachtete − und verschwand.

Alle waren wie versteinert: Heißt das, man hätte sogar jetzt noch fliehen können? Einfach so? Über den Zaun in die Kaserne, sich irgendwo bis zur Nacht verstecken und am Abend über den Zaun springen, in eine abgelegene Gasse? Neid griff um sich auf den Jüngsten und einzig Kühnen, der es gewagt hatte. Dabei fühlte aber jeder irgendwie eine innere Befriedigung darüber, dass niemand bemerkt hatte, wie der Kleine sich hinausgestohlen hatte. Geradeso, als wäre er jedermanns Botschafter. Jeder Einzelne wurde mitgerissen von der einen Sorge:

Oh weh, man soll ihn bloß nicht schnappen!

Bald ging ein schweigender Wächter unter dem Fenster durch, der keine blasse Ahnung davon hatte, was hier vor einigen Sekunden passiert war.

II

Die ersten Schläge mit Gewehrkolben rissen die Menschen aus ihrer Verwunderung. Alle drängten in Panik zur Tür. Aus der Frauenbaracke klang lautes Weinen herüber. Von beiden Seiten drängten die Menschen in den Hof hinein. Einer fiel über den anderen, Männer über Frauen, und man spürte nicht einmal, wann man fiel und wann man wieder aufstand. Die ineinander verflochtene Menge wurde von schwarzuniformierten Volksdeutschen tiefer in den Hof hineingedrängt. Dort begann man, mit Hilfe von Gummischläuchen gerade Reihen aufzustellen.

So wie die Panik noch vor ein paar Minuten die Menge aufgewirbelt hatte, entfaltete sie jetzt eine suggestive Wirkung in entgegengesetzter Richtung. Sie tötete in jedem den unbändigen Drang zu laufen, zu ungezügelter Bewegung. Der Schreck stellte die Menschen auf wie gespannte Saiten und formte aus ihnen gerade Fünfer-Reihen. Der jüdische »Lagerkommandant« kam mit seinen Gehilfen gelaufen. Er war erschrocken, und doch fühlte er sich etwas dreister. Er ging mit untertänigem Lächeln zu seinem Oberscharführer:

Muss ich mich auch in die Reihe stellen, mit all den anderen?

Jener aber kannte ihn bereits nicht mehr. Sein Blick schaute über ihn hinweg, irgendwo in die Ferne. Er gähnte nur träge in seiner frühmorgendlichen Schläfrigkeit und brummte mit einem langen Gähnen:

Natürlich!

Der Kommandant wollte noch etwas sagen, etwas erklären, aber eine feste Hand griff ihn und stieß ihn in die Reihe. Es war nichts zu machen. Jemand in der Reihe wollte sich selbst einreden:

Es könnte doch sein, dass es bloß ein allgemeiner Appell ist, und gut möglich, dass man vielleicht nur einen Teil raussuchen will, die Schwächeren?

»Die Schwächeren«, ein Begriff, der schon immer den Kampfeswillen in den kräftigsten jüdischen Muskeln abtötete. Doch die Zeit ließ kein langes Nachdenken zu. Die SS-Männer auf den Lastautos langweilten sich. Von dort kamen ständig Schreie:

Schneller da! Schneller mit der Schweinebande!

Und wieder begann das Treiben. Dieses Mal durch das Tor auf die Rampe hinauf.

Das Beladen der Lastwagen ging schnell. Zuerst besetzte man die Wagen dicht an dicht, dann warf man die Letzten hinauf über die Köpfe der anderen. Man wurde hineingepresst und einer verflocht sich mit dem nächsten. Es war nicht möglich, sich aufzurichten oder einen Fuß zu bewegen. Man musste mit gekrümmtem Rücken dasitzen und auf dem Buckel diejenigen tragen, die sich nicht in das Gedränge hineinquetschen konnten. Jemand wollte sich aus einer Ecke heraus aufrichten, um sein eingeschlafenes Bein unter einem anderen hervorzuziehen. Doch ein Schlag von der Seite ließ bei ihm das Blut fließen und ihn in einer erstarrten Position sitzen bleiben.

Als letzte sprangen die SS-Leute auf. Sie traten mit den Stiefeln über die Köpfe und schlugen sich durch bis zum Dach des Busses. Fünf Begleiter auf jedem Auto wachten über die Bewegungen. Als ob es möglich gewesen wäre, sich aus diesem zusammengepressten Gemenge menschlicher Gliedmaßen herauszureißen.

Schon sind die Frauen auf den letzten Wagen verladen. Ein paar Wachmänner springen zufrieden auf den Wagen hinauf und amüsieren sich reitend und Stiefeltritte austeilend auf den gekrümmten zarten Frauenrücken. Unsere nächtlichen Wächter und die uniformierten Volksdeutschen bleiben am Tor stehen. Auf ihren Gesichtern ist freudige Ungeduld zu erkennen. Sie wissen, dass die Juden allerlei Sachen und Gold versteckt haben. Sie warten nur auf die Gelegenheit, dass man ihnen erlaubt, wieder hineinzugehen und das Lager zu durchsuchen. Dem Chef des Transports ist die ganze Sache schon zuwider. Er beeilt sich, er will nicht einmal hören, was der Oberwachmann ihm auseinandersetzen will. Der will ihn, so sieht es aus, davon überzeugen, dass noch etliche fehlten und man deshalb so lange suchen müsse, bis man sie gefunden habe. Der Transportchef will aber nichts davon hören. Er schreit nervös auf den Oberwachmann ein. Abgerissene Satzfetzen gelangen bis zu uns:

Erschießen … und fertig!

Es kommt das Zeichen für die Fahrer. Die Autos lösen sich erschrocken von der Stelle, wie aus tiefem Schlaf aufgeschreckt. Die Wachmänner am Tor verabschieden uns spöttisch:

He, Jiddelech! Führt euch dort ordentlich auf, in Majdanek!

Ein feuriger Blitz zuckt durch unsere Adern:

Majdanek! … Majdanek!

III

Die Autos bewegten sich schnell über den glatten Asphalt der Lubliner Landstraße. Es war ein wunderschöner Vorabend des Schawuotfestes.2 Die Sonne hatte sich herausgeputzt wie eine junge Braut mit golden strahlender Brosche und neckte spielerisch die jungen, aufgeregten Gräser an den Wegen. Ein milder Wind schmiegte sich verliebt an ihre Füße und schüttelte eifersüchtig die Köpfchen der Grashalme, die die Liebkosungen der Sonne genossen. Da und dort hob sich ein Kopf, wollten Augen, nur für eine Minute, ein Bad in der grünen Weiträumigkeit nehmen und vom lächelnden Spiel der Natur naschen. Ein Hagel aus Schlägen erstickte aber dieses letzte Aufwallen und trieb die Köpfe wieder hinunter. Der Motor rauschte und schleuderte zornig Wolken von Rauch hervor, so dass der erschrockene Staub über die Wege zerstob. Alle, die noch atmeten, schwiegen und sogen den Autolärm in sich auf. Die Schwächeren fingen an zu keuchen vor Atemnot. Ein Arm riss sich in hilfloser Unbedachtheit aus der Umklammerung in die Höhe, um eine bessere Lage zu finden. Der Ärmel rutschte hoch und etwas Rundes blitzte in der Sonne auf.

Der rothaarige Wachmann gegenüber bemerkte etwas. In seinen versteinerten gelblichen Augen funkelte ein tanzendes Flämmchen auf. Er sprang vom Dach der Fahrerkabine und streckte sich über die gebeugten Köpfe. Er war ganz erhitzt vor Zorn und Begehren:

Wer hat da eine Uhr, wer?

Alle schwiegen. Die anderen Begleiter kamen ihm zu Hilfe. Sie schlugen die Köpfe und fluchten zeternd. Sie konnten aber nichts feststellen. Alle Körper waren so zusammengepresst, dass eine Kontrolle nicht möglich war.

Der Rotschopf brannte vor Zorn. Seine flammenden Haare röteten sich zusammen mit seinem zornigen Gesicht. Er bewegte sich über die Köpfe, von einem zum anderen, seine Hände tasteten über Rücken, auf der Suche nach etwas. Seine Finger tauchten in die Tiefe von jemandes Tasche hinein und zogen von dort ein verknotetes, schmutziges Tuch heraus. Er wickelte es auseinander und holte zwei 500er Scheine heraus. Einer seiner Kameraden warf einen neidischen Blick auf das Glück des Rothaarigen und stimmte ein Geheul an:

Was? Ihr habt Geld bei euch? Ihr Teufelsbrut! Wofür braucht ihr das alles, was ihr dabei habt? Man bringt euch doch nach Majdanek.

Die Leute aber, als ob sie sich durch eine geheime Körpersprache lautlos abgesprochen hätten, schwiegen. Und selbst wenn jemandem die Schläge so verleidet gewesen wären, dass er in Gedanken bereit wäre, alles herzugeben, um den wüsten Schlägen ein Ende zu bereiten, wäre es ihm gar nicht möglich gewesen, einen Arm aus dem Gedränge herauszuziehen. Es verspürte auch niemand Lust, auch nur das kleinste Wort durch die eingetrocknete Kehle herauszulassen. Insbesondere die Gliedmaßen der Nachbarn drum herum schrien sich durch die verschwitzte Wärme des Blutes zu: Schweig! Sei still!

Alle ertrugen mit eigenartiger Geduld die Schläge und das Geschrei.

Aus der Ferne tanzte uns inzwischen ein Netzwerk aus Drähten entgegen. Die Autos gaben ein schweres Krächzen von sich und blieben stehen. Schwarze Schilder mit knöchernen Totenköpfen kündeten am Tor, dass sich hier das Reich des Todes öffnete.

Kapitel drei

I

Vom Konzentrationslager Majdanek hörte ich schon vor Monaten. Schon zu der Zeit, als dort das provisorische Ghetto der Lubliner Juden war. Später gingen in allen Lagern entsetzliche Gerüchte um, was in Majdanek geschah. Es sei kein »normales« Tötungslager − vor so etwas erschrak man schon gar nicht mehr − sondern etwas, das noch mehr war als Tod, noch mehr als Folter. Und was man von denen hörte, denen es gelungen war, von dort zu entkommen, überstieg in der Tat alle Vorstellungen. In den Gesprächen, die wir im Lager unter uns führten, waren wir uns deshalb immer einig, dass wir uns nicht lebendig nach Majdanek bringen lassen würden. Wenn es mir beim ersten Mal, vor 16 Monaten, auch gelang zu fliehen (davon an anderer Stelle), so war ich diesmal hilflos und psychisch am Boden. Die erstbeste Bewegung hätte im jetzigen Augenblick im Übrigen den sicheren Tod bedeutet. Es blieb nur abzuwarten, was die Zeit bringen würde. Ich bemühte mich, kühl und vernünftig zu bleiben. Man musste jede Minute sorgfältig abschätzen. Die Möglichkeiten jeder Chance tiefer ausloten und erkennen, wann man eine günstige halbe Sekunde ausnutzen kann. Wachsamkeit!, schrie der disziplinierte Lebensinstinkt jedem einzelnen Glied zu. Das war der einzige eigene Befehl, dem man noch gehorchen konnte.

Die Autos hielten auf einem Berg an. Man konnte sehen, wie es dort weiter vorn, in der Niederung, zwischen den verschiedenen Drahtnetzen vor Menschen wimmelte. Sie führten und schleppten verschiedene Lasten und Gepäckkarren auf schmalen, eisernen Schienen bergauf. Der erste Gedanke, der einem in den Kopf kam, war:

Menschen leben hier ja! Man arbeitet!

Die Erfahrung der Jahre in den Lagern hat bewiesen, dass das Arbeiten unter schwersten Bedingungen auch gewisse Chancen mit sich bringt zu leben. Leben! Das man doch so sehr begehrte. Teuer war doch jedes Stückchen freie Luft, jeder Schritt auf nicht stolpernden Füßen. Niemals hätte man doch vermutet, wie viele geheime Genüsse in jeder Sekunde des Lebens verborgen liegen. Es gab Minuten, Stunden und Tage aus Furcht und Wahnsinn, in denen du erstarren wolltest, um gar nichts mehr zu fühlen. Oftmals standest du tagelang mit gebeugtem Rücken und schmerzenden Gliedern und wartetest, dass jemand dir den Tod brächte. Dann aber richtetest du dich für ein paar Minuten auf und du spürtest, wie viel Glück in einem Atemzug reiner Luft liegt, wie viel süße Kraft ein aufrechter Schritt geben kann. Eine Stunde ruhig und ausgestreckt auf einem harten, verführerischen Bett liegen − und du fühltest, wie das Leben dich in einen geheimnisvollen Raum führte, sich vor dir entblößte und dir die Reize zeigte, die in jedem Fingerchen verborgen lagen.

Ein Bissen Brot nach einem langen Hungertag bewies dir, welcher Lebensreichtum und welche Labsal in jedem Gegenstand stecken, der im Leben in Freiheit gar nicht wahrgenommen wird. Leben!, dachtest du, unbedingt leben! Denn jetzt weißt du schon, wie man jede Minute nutzen kann, dieses wunderliche Elixier aus dem kleinsten Brocken zu ziehen. Ein Leben in Freiheit? Wer kann es denn verstehen? Wer hat denn eine Ahnung, wie das zu genießen ist?

So sehr man auch schon verkümmert war, fühlte man doch, wie stark man mit dem Leben verbunden war, wenn man die letzten Minuten vor Augen hatte. Noch fünf Minuten leben, dachtest du oft, und in jeder Sekunde konntest du die Weiträumigkeit der Umgebung einsaugen, konntest den Himmel, ein Haus, einen rosafarbenen Stein sehen. Jeder deiner Sinne begriff erst damals, wie schrecklich groß das Glück ist, das in den Falten jeden Augenblicks vibriert.

Das Leben unter den schauderhaftesten Sklavenbedingungen konnte nie gänzlich verabscheuungswürdig werden, denn umso mehr der Tag dich peinigte, desto größer wurde das Glück der Stunde Ruhe in der Nacht, desto mehr gab dir die halbe Stunde, in der du dich in einen Winkel setzen konntest, an nichts mehr denken musstest und von niemandem gestört wurdest.

Der schwerste Tag von Pein wurde versüßt, wurde berauscht und trunken gemacht durch den bloßen Gedanken, dass zur Nacht, aber ja, zur Nacht, du ein Stückchen Brot bekämest. Deine Fantasie stellte sich vor, wie du es ruhig kauen würdest, bröckchenweise. Wie jeder Bissen sich gesondert in unruhiger Freude auf alle Glieder verteilen würde. Und später, viel später würdest du deinen müden Körper in deine Ecke schleppen, dich hinaufziehen auf ein hartes Bett, um dich herum würde es dunkel sein und niemandes Blick dich schrecken können. Deshalb wirst du deine Beine frei ausstrecken, deine Arme auf die Seite legen, wohin du willst, und alle Glieder werden in Tränen ausbrechen über das stundenlange Vergnügen und du …

Wer sollte denn nicht erzittern beim Erkennen einer halben Chance auf Hundert, weiterleben zu können. Weitere ganze Tage gebrochen zu sein, doch auch in diesem Gebrochensein, in diesem Sich-Ducken das Entzücken des Wartens zu spüren und sich bewusst zu sein, dass du dich mit jeder Minute jener glückseligen Stunde näherst, in der du den Mund öffnen wirst und ein frischer Luftstrom sich in dich hineindrängen wird.

Ein kleiner Brocken Hoffnung war in der Lage, dich zu verzaubern, die ganze Seele umzukrempeln. Ein Hauch mehr Bequemlichkeit lockte mit so vielen Versprechungen, liebkoste das Blut so wohlig, dass man oft bereit war, mehr zu geben als man besaß, um noch eine Minute, noch einen Augenblick Leben zu bekommen. Nur Leben? Nein! Es war mehr als das, was die gewöhnlichen Sinne unter diesem Wort verstehen.

Deshalb sollte man versuchen, zu verstehen, was dieser kleine wiederaufglimmende Docht Hoffnung vor den Toren von Majdanek bedeutete.

Schon allein der Marsch bis zum Tor, als Beine und Rücken sich wieder strecken konnten, als der Körper nicht mehr zwischen anderen Körpern eingeklemmt war, als man wieder dahinschreiten konnte, bewies, wie viel Wunderbares jeder Moment in seinem Schoße trägt, von welcher Gnade du in vollem Maße schöpfen kannst. Wen störte es denn, dass an deiner Seite bewaffnete Uniformen liefen und dir deine Schritte bemaßen, wenn du spürtest, dass in dieser minutenlangen gestreckten Haltung jeder Schritt in dir sang.

Ein Tor nach dem anderen öffnete sich. Schlammige Adern zogen sich in alle Richtungen. Ein Meer von Drahtzäunen grenzte Luft von Luft ab und unterteilte die Welt in große viereckige Kästen. Überall standen Baracken und schauten mit den Augen ihrer kleinen Fenster sehnsüchtig durch die Drähte. Keine Menschenseele war zu sehen und es hatte den Anschein, als habe man hier leere Baracken eingesperrt.

Man begann, uns durch krumme, abgeschirmte Wege zu treiben. Alle paar Minuten öffnete sich eine Drahttür und schloss sich wieder. An allen Seiten standen verschiedene Gebäude und warnten mit erschrockenem Ton leise durch ihre Wände flüsternd. Schließlich sahen wir einen riesengroßen nackten Platz. Tausende erschrockener Menschen lagen dort haufenweise, ausgestreckt auf der Erde oder liefen verzweifelt umher von einem Ort zum anderen. Bis zur Tür gingen wir mit ruhigen, geordneten Schritten. Aber als die Tür sich öffnete, wurden wir hineingestoßen ins Chaos und verschmolzen mit dem menschlichen Ameisenhaufen. Ein Blick zurück machte uns schnell klar:

Wir sind eingesperrt!

II

Die Frauen hinter uns teilte man gesondert ab. Für sie gab es einen speziellen Sammelpunkt. Mehr als nur eine Frau hatte ihren Mann in den vorderen Reihen, einen Geliebten aus Lagerzeiten, oder einfach das einzige vertraute Gesicht, das ihr noch von früher geblieben war. Als sie die letzte Minute der Trennung kommen sahen, rissen sie sich wild schreiend aus den Reihen los und warfen sich zu Boden. Die Männer spürten instinktiv, wer da schreit und versuchten mit all ihren schlummernden Kräften zurückzubleiben, um nicht auf den leeren, abgeteilten Platz gestoßen zu werden. Zig Frauen mit zerschlagenen, blutigen Gesichtern und zerzausten Haaren kämpften sich zu ihren Männern durch und umklammerten sie, sie versanken noch einmal im anderen, als glaubten sie, dass noch ein Wunder geschehen könne und sie so zusammenwachsen würden, dass keine Macht sie mehr trennen könne. Die wenigen Kinder, die es geschafft hatten, bis jetzt im Lager zu überleben, stolperten hinter ihren Müttern her und hielten sich stumm und erschrocken an ihren Kleidern fest. Die SS aber ging schnell dazwischen und schlug auf ihre Köpfe ein, bis das Unglaubliche geschah und die Körper sich voneinander lösten. Die Menschen waren schon nicht mehr bei Sinnen, nur die Schläge zeigten ihnen, in welche Richtung sie sich zu bewegen hatten. Bald bildeten sich zwei riesige, formlose Gruppen, die aussahen wie ein mächtiger, zweigeteilter Organismus.

Auf dem Platz, wo wir uns befanden, waren schon Tausende zusammengetriebener Juden. Sie lagerten müde und schauten mit getrübtem Blick in den Himmel. Eine kleine Gruppe war noch gesprächig und aktiv. Von ihnen erfuhren wir, dass es bis vor einigen Tagen noch Juden in der Gegend um Międzyrzec und Biała und im Siedlcer Kreis gegeben hatte. Vor drei Tagen hatte man sie in der ganzen Gegend eingesammelt, hierher gebracht und auf diesen Platz geführt. Auch bei ihnen hatte man die Frauen abgesondert. Und so warteten sie schon den dritten Tag. Sie erfuhren, dass dies ein besonderer Fall sei, denn gewöhnlich wurde man hier schnell ins »Bad« geführt. Aber genau in dieser Woche war ein größerer Transport Juden angekommen, und mit denen war das »Bad« ausgelastet. So lagerten und warteten sie schon den dritten Tag ohne einen Bissen zu essen und ohne Wasser.

Nachts hatte es schon etliche Male geregnet und alle wurden durch und durch nass. Es gab ein paar umsichtige Leute, die Bettwäsche und Essenspakete mitgeschleppt hatten, für alle Fälle. Es waren die Optimisten, die gern Vorkehrungen trafen. Jetzt legen sie sich in den Dreck, decken sich mit dem Bettzeug zu und überleben die Nacht. Am Morgen ziehen sie ein Stück zerdrücktes Brot aus einem Beutel, der auch als Kissen dient, und bleiben auf diese Weise am Leben. Schlecht geht es denen, die geglaubt haben, man führe sie gleich in den Tod. Sie haben deshalb gar nichts mitgenommen. Sie fallen bei Nacht hungrig und müde auf die feuchte, matschigdurchweichte Erde und fühlen, wie die nächtliche Kälte sie in jeder Minute wie mit Spießen sticht.

Am ersten und zweiten Tag waren sie wild vor Hunger. Es gab unter ihnen auch solche, die sich im Zorn auf diejenigen warfen, die noch etwas in ihren Beuteln hatten; aber sie waren zu schwach gegenüber denen, die noch zu essen hatten und mussten deshalb resigniert und müde nachgeben. Jetzt liegen sie hilflos da, ohne den Wunsch, noch einmal ihr »Glück« zu versuchen, und ohne den geringsten Willen, noch einmal einen Blick auf die Welt zu werfen.

Die, die noch etwas zu essen haben und ein Päckchen mit Wertsachen, fühlen sich noch mit etwas auf der Welt verbunden, das schade wäre, es zurückzulassen. Sie klagen noch, weinen, raufen sich die Haare und ringen die Hände:

Was wird sein? Was wird sein, was? Werden sie uns hier verhungern lassen? Sie beißen die Nägel voller Zorn und schmerzhafter Sorge. Jeder Einzelne von ihnen hätte sich verstecken können, fliehen, sich retten. Jetzt zerfrisst es ihn vor Zorn, er schlägt sich mit den Fäusten an den Kopf, als ob er sich deswegen selbst erschlagen wollte. Einer will dem anderen sein bitteres Herz ausschütten:

Was war los mit mir? Warum bin ich nicht in den Wald? Solch ein gutes Versteck hatte ich!

Ein anderer geht noch weiter mit seiner Abrechnung: Er hätte nach Eretz Israel fahren können, selbst unter den Deutschen hätte er es noch gekonnt. Aber das verfluchte »Glück« der ersten Kriegsjahre hatte ihm die Augen verblendet. Er ist wütend auf sich selbst: Ich könnte mich ohrfeigen! Aber es hört sowieso keiner dem anderen zu. Jeder schreit nur für sich, um den eigenen Schmerz rauszulassen.

Ein großer Teil dagegen ist schon entrückt in eine andere Welt. Der Tod hat ihnen bereits seinen Vorboten in die Glieder geschickt, eine lähmende Schläfrigkeit. Er spielt mit ihnen, will sie nicht in einem Zug verschlingen. Sie schauen mit gleichgültigen Augen, als ob sie die ganze diesseitige Welt betrachteten.

III

An den Rändern des Platzes liegen aufgehäuft Berge menschlicher Exkremente. Unwillkürlich umfasst der Blick den ganzen Kot. Es fällt mir auf, dass jede Stelle mit menschlichen Ausscheidungen merkwürdig verschmiert aussieht, als ob Finger lange darin herumgewühlt hätten.

Einer der Schwächeren steht plötzlich auf und beginnt zu laufen. Etliche der noch Aktiveren bemerken das, eilen zu ihm hin und stellen sich um ihn herum. Sie tun es sehr achtsam und schauen sich dabei nach allen Seiten um, ob ein SS-Mann von der Aufsicht es womöglich bemerkt. Zuerst vermute ich, dass sie es deshalb tun, weil es hier verboten ist, den Platz zu beschmutzen. Deshalb wollen sie jemanden, der sein menschliches Bedürfnis erledigen muss, vor den zornigen Blicken verbergen. Ich bemerke aber, dass sie ihn länger als gewöhnlich umstellen. Der Kreis steht schon zehn, fünfzehn oder zwanzig Minuten da. Jedes Mal dreht jemand aus dem Kreis den Kopf herum und redet nervös auf den ein, der etwas tut, vermutlich, um ihn …

Ich näherte mich und sah etwas, das in mir einen Schreck, gemischt mit Ekel hervorrief. Der Mensch in der Mitte saß da und presste das Letzte aus sich heraus. Neben ihm lag schon ein frischer Haufen, in welchem er verzweifelt mit beiden Händen wühlte.

Ich erinnerte mich an schon vorher wahrgenommene Zeichen und ein Gedanke befiel mich:

Sind womöglich all diese Menschen verrückt geworden in den Tagen solch einer Warterei? Es ist abzusehen, dass auch wir hier noch etliche Tage warten müssen, bis wir an der Reihe sind. Auch wir können so wild werden, wild und machtlos vor verzweifeltem Hunger. Wieder fühlte ich den Schreck: Wird mir beschert sein, meine letzten Tage zwischen Verrückten zuzubringen? Und werde nicht auch ich selber verrückt werden, genau wie alle? Auf den Tod hatte ich mich schon mehr als ein Mal vorbereitet. Ich sah ihn in meiner Fantasie in all seinen Erscheinungsformen und stellte mich darauf ein. Mit diesem Annehmen fiel jede Furcht von mir ab. Eine Sache aber hatte ich nicht vorausgesehen: den Tod im Zustand des Wahnsinns! Und dieses Neue, mit dem du dich noch nicht auseinandergesetzt hast, mit dem du in Gedanken noch keinen Frieden geschlossen hast, hat dich wieder aufgeregt und aufgewühlt.

Die Menschen sahen aber gerade jetzt eher ruhig aus. Auf ihren Gesichtern war eine andere Art Ausdruck als vorher während des nervösen, verzweifelten Herumlaufens. Ich sah, dass da etwas mit kühler Berechnung gesucht wurde. Das verstärkte in mir das Bewusstsein, dass ich mich in einer Umgebung befand, die ich nicht in der Lage war zu verstehen.

Irgendjemand der Herumstehenden stellte die Frage:

Bist du überhaupt sicher, dass du es hinuntergeschluckt hast?

Die Antwort hörte ich schon nicht mehr. Das Wort traf meine Gedanken und zerriss mit einem Schlag alle meine Überlegungen, die ich dort herumgewälzt hatte.

»Hinuntergeschluckt!« Und schon öffnete sich mir ein breites Tor zu einer neuen Welt voller Sorgen und verzweifeltem Ringen.

Es stellte sich heraus, dass am ersten Tag ihrer Ankunft verdächtige Gestalten an den Zäunen auftauchten und mit leiser Stimme durch die schmalen Rechtecke flüsterten:

Jidden! Seht ihr? Gleich da, nicht weit weg, ist das Bad. Und dort, ein bisschen weiter, ist die Gaskammer. Versteht ihr? Gleich im Bad wird jeder nackt ausgezogen und so von dort hinausgeführt. Deshalb ist das Verbergen von etwas Gold und Wertsachen vergeblich, auch wenn ihr es noch so gut in den Kleidern versteckt.

Jeder schlug vor, man solle es ihm herausgeben, und wenn man am Leben bleiben sollte, werde er es ins Lager zurückbringen. So oder so gehe man kein Risiko ein.

Weniger starke Charaktere rissen tatsächlich sofort alle Verstecke an den Ärmeln und Hosenaufschlägen auf und gaben alles heraus. Die Rechnung war eine einfache: Jene leben, sollen wenigstens sie daran Freude haben! Pfiffige Köpfe dagegen beschlossen, nicht so schnell zu kapitulieren.

So begann das große Verschlingen.

Man schlang kleinere und größere Brillanten, Ringe und kleine Goldstücke hinunter. Man überlegte sich dabei mit einer gewissen zufriedenen Beruhigung: Bald kann man sogar völlig nackt hinausgehen, ein kleines Vermögen hat man sich einverleibt. Der eigene Leib und das Gedärm werden einen nicht verraten, sondern es verdeckt und in unauffälligster Art und Weise wieder abgeben.

Aber ein Tag vergeblichen Wartens verging. Die Leute von der SS hatten Zeit. Inzwischen bekam der Magen es mit der Angst zu tun ob des versteckten Vermögens. Schon begann er unzufrieden zu grollen, bald wand er sich gar in quälenden Krämpfen und begann vor Schreck alles aus sich hinauszubefördern, was man ihm anvertraut hatte. Das Teuerste gemischt mit dem billigsten, ekligsten Mist.

Sorgfältige Hände wühlten stundenlang, rieben jedes Stück Kot durch die Finger, bis sie das Wichtigste wiederfanden, um es später erneut den Eingeweiden als Pfand anzuvertrauen.

So begann ein irrsinniges Gerangel zwischen dem Verrinnen der Zeit und dem physiologischen Drang. Man bemühte sich, die drückende innerliche Übelkeit zurückzuhalten, aber vergeblich. Später musste man ein weiteres Mal unbeirrbar suchen und zum wievielten Male dasselbe in dem müden, selbst vor Gott verborgenen, Beutel verstecken. Am dritten Tag gab es nichts mehr, mit dem es hätte herauskommen können. So schlummerte der Schatz schwer auf dem Magengrund. Die letzten inneren Säfte, in ihrer Gier, etwas zu verdauen, stürzten sich jedes Mal aufs Neue darauf wie bei einem Angriff und wurden jedes Mal mit harter Faust zurückgeschleudert. So zogen sie sich wie hungrige Wölfe in ihre eingetrockneten Adern zurück.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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251 стр. 2 иллюстрации
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9783866744745
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