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Einmal Steinzeit

und zurück ...

Monika Arend


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Herszprung-Verlag

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

Coverbild gestaltet von Yari Kart

ISBN: 978-3-96074-363-7 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-364-4 - E-Book

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Inhalt

Prolog

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Nachwort

Die Autorin

Danksagung

Buchtipp

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Prolog

„Ich gehe fort.“ Seine Stimme bebte. Es gab kein Zurück mehr. Er nahm ihre Hand. Ihre Gesichtszüge wirkten wie eingefroren und die Mundwinkel hingen herab.

Bevor er weitersprach, holte er tief Luft. „Keine Sorge, ich komme wieder. In Gedanken bin ich immer bei dir.“

*

1

„Du hast mir gar nicht zugehört!“ Vanessa schaute Toni ins Gesicht und legte ihre Hand auf seinen Unterarm. Seit einigen Tagen trug er Kinnbart und Seitenscheitel. Stand ihm gut. Der Teddyblick aus dunklen Augen erschwerte es ihr, empört zu klingen. „Ich habe dich gefragt, ob wir nach dem Essen einen Strandspaziergang machen können.“

Toni schwieg.

„Och bitte!“, sagte sie. „Spätestens, wenn du wieder im Küchendunst stehst, wirst du dir wünschen, Meeresluft schnuppern zu können.“

Anlässlich seines Geburtstages hatte Vanessa den Platz mit der schönsten Aussicht reserviert.

Der Vollmond stand über der Praia da Dona Ana. Von den massiven Felsen, die die Bucht umgaben und teilweise als Inseln aus dem Meer ragten, erkannte sie nur die Umrisse. In der Ferne sah sie orange Punkte, die wie Glühwürmchen auf dem Wasser tanzten. Die Lichter der Nachbarstadt. Das Signal eines Leuchtturms zuckte durch die Nacht.

Vanessa hatte das kurze Schwarze angezogen, das Haar mit ihrer Lieblingsspange hochgesteckt und ein bisschen mehr Parfüm als sonst aufgelegt. Ihre Haut war bereits leicht gebräunt. Doch Toni nahm offensichtlich nichts von alledem wahr. Also verfiel auch sie ins Grübeln.

Sie erinnerte sich, wie sie ihm um den Hals gefallen war, als er ihr Weihnachten die Buchungsbestätigung präsentiert hatte. Zwei Wochen Urlaub in einem Hotel in Lagos, in der Felsalgarve. Im Doppelzimmer! Weit weg vom Alltag und dem oft unbeständigen Märzwetter im Rheinland. Seit mehr als einem Jahr – so lange wie Vanessa im Lepelaars arbeitete – endlich einmal Zeit für die Zweisamkeit!

„Wir sind das perfekte Team“, behauptete Toni oft.

Sie teilte diese Meinung absolut. Hatte sich von der Restaurantmanagerin zu seiner persönlichen Assistentin hochgearbeitet.

Während er zahlreiche Dienstreisen unternahm, hielt sie die Stellung im Betrieb und in der Maisonette in bester Lage Düsseldorfs. In dieser Zeit bestand der Kontakt vorwiegend aus langen Telefonaten und Skype-Sitzungen. Vanessa wuchs mit ihren Aufgaben. Hielt er sich doch einmal in der Heimat auf, begegneten sie sich fast ausschließlich im Betrieb.

Sobald sie gemeinsam in der Öffentlichkeit auftraten – was gar nicht selten vorkam – änderte sich Tonis Verhalten schlagartig. Er überhäufte Vanessa mit Küssen und umfasste ihre Taille. Ein tolles Gefühl, vom Maître umgarnt zu werden! Toni war erfolgreich und sah gut aus. Warum war er nicht immer so anschmiegsam? Vanessa schob es auf die kräftezehrende Arbeit im Sternerestaurant.

Doch schließlich hatten sie im Flieger nach Faro gesessen und Vanessa hatte gehofft, der Funke würde nun überspringen. Leider war es anders gekommen: Nach dem Frühstück verschanzte sich Toni hinter dem Laptop oder lief mit dem Handy am Ohr durchs Zimmer. Wie immer drehte sich alles nur um die Arbeit.

Vanessa machte das Beste aus ihrem Aufenthalt in dem exklusiven Haus. Zog etliche Bahnen im beheizten Pool, nahm Wellnessangebote in Anspruch und faulenzte auf der Sonnenterrasse. Die erste Woche war wie ein Windhauch verflogen.

Erneut betrachtete sie Toni. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Vom Charisma, das ihn im Betrieb umgab, dem Glanz in seinen Augen und dem sympathischen Lächeln fehlte jede Spur.

War er krank? Eigentlich sah er topfit aus. Hatte rosige Wangen. Er aß gut und das Hemd spannte wie immer ein wenig über dem Bauch.

Plagten ihn finanzielle Sorgen? Ebenfalls unwahrscheinlich. Das Geschäft boomte. Er war nicht nur ein ausgezeichneter Koch, sondern verfügte auch über fundierte kaufmännische Kenntnisse.

Gab es eine andere? Siedend heiß fiel Vanessa eine Begebenheit ein, die nicht lange zurücklag. Sie hatte auf Tonis Handy die Uhrzeit gecheckt und eine SMS von einer Manu mit zahlreichen Herzchen erblickt. Das war nicht außergewöhnlich. Er bekam körbeweise Post von Verehrerinnen und unzählige anzügliche Nachrichten.

Die Puzzleteilchen setzten sich jedoch zusammen und sein befremdliches Verhalten war der Leim, der alles fixierte.

Vanessa stürzte den Espresso hinunter und sprang auf. Schluss mit den negativen Gedanken! Sie durfte sich von Toni nicht den Urlaub vermiesen lassen. Nahm seine linke Hand – mit der rechten umklammerte er das Smartphone – und zog ihn vom Stuhl.

„Komm, Schatz, der Atlantik ruft. Er wartet auf das Geburtstagskind.“ Hand in Hand verließen sie das Hotel und schlenderten zur Plattform über der Bucht.

„Ist das nicht traumhaft? Die Sterne funkeln und der Mond zwinkert uns zu“, sagte Vanessa.

Sie stiegen die lange, steile Holztreppe hinab. Fledermäuse sausten lautlos an den Felswänden entlang. Toni schwankte leicht, obwohl er kaum Alkohol getrunken hatte. Das Meer empfing sie mit einem Gurgeln.

Als sie durch den feuchten Sand stapften, spürte Vanessa, wie Tonis Hand zitterte. Ein kalter Wind wehte ihr ins Gesicht. Plötzlich nahm er sie in den Arm. Der herbe Geruch seines neuen Aftershaves, der nicht zur romantischen Umgebung passte, stieg ihr in die Nase. Egal. Gleich würde er sie küssen.

*

2

Leon blinzelte in die Sonne. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er durchgeschlafen. Er schälte sich aus dem Schlafsack und reckte sich. Sein Blick glitt über die Bucht, in der unzählige Möwen den Boden und die Felsen bevölkerten. Er ließ sich auf der Sitzgelegenheit nieder und genoss die Einsamkeit.

Schaumkrönchen tanzten auf den Wellen. Die Flut hatte ein Muster gezeichnet und den Strand mit winzigen Muscheln dekoriert. Er sog die Luft in die Lungen. Seine Haut prickelte und der Magen knurrte.

Wochenlang hatte Leon in dem Unterschlupf wie in einer Schale gehockt. Das sollte nun anders werden. Er schlüpfte in die Jeans, legte sich ein Handtuch um die Schultern, kletterte die Felsstufen hinab und sprang in den feuchten Sand.

Der Hund hüpfte aufgeregt vor ihm her. Sie kletterten über den Steinwall am Ende der Bucht. Auf der anderen Seite zog Leon sich aus und stürzte sich in die Fluten. Drehte sich im Kreis und spritzte sich das kühle Nass ins Gesicht. Der Vierbeiner blieb im seichten Wasser und sah ihm mit schräg gelegtem Kopf zu.

Dann kleidete Leon sich wieder an. Rannte mit dem Hund im Gefolge zur Felswand zurück und die Steinstufen hinauf.

Er schaute sich um. Anfang Januar hatte er sich in diese Grotte geflüchtet, die ihn wie ein Rettungsboot empfangen hatte. Er erinnerte sich an den Überlebenskampf. Er hatte versucht, Kälte und Nässe zu ignorieren. Auch Einsamkeit und Dunkelheit hinderten ihn nicht daran, zu bleiben. Tage- und nächtelang verharrte er im Schlafsack dicht an der Felswand, mit Blick zur Decke.

Er bekam selten ein Auge zu. Manchmal nickte er ein. Das Geräusch des aufgepeitschten Meeres ließ den Traum von einem herannahenden Zug stets wiederkehren. Leon schreckte etliche Male aus dem Schlaf hoch. Die erste Zeit hatte er weder Hunger noch Durst. Der Verstand ließ sich jedoch nicht ausschalten. Man starb nicht einfach so.

Einige Tage später erschien der Hund mit den Schlappöhrchen in der Höhle. Eine Körperhälfte war braun, die andere weiß. Er kuschelte sich an Leon. Der streckte die Hand aus und streichelte das warme, weiche Fell. Spürte die feuchte Zunge auf der Haut und wusste, dass er noch lebte. Am nächsten Morgen hatte er ihm den Namen Sparky gegeben, nach dem tierischen Hauptdarsteller in einem Kinderfilm.

„Ich glaube, ohne dich hätte ich es nicht geschafft“, flüsterte Leon nun. Er streichelte Sparky, der die Schnauze in die Sonne hielt, ausgiebig. Dann wandte er sich dem Kater zu, der sich auf dem Schlafsack rekelte. „Dich hab ich auch lieb, Tschaikowski“, sagte er.

Leon erinnerte sich daran, wie er eines Abends ein Miauen vernommen hatte. Erst kam der schwarz-weiße Vierbeiner mit den hellgrünen Augen und dem runden Gesicht nur gelegentlich vorbei, später täglich und inzwischen verließ er diesen Ort nur noch selten. Tagsüber saß er reglos am Ausgang und starrte aufs Meer, nachts wärmte er Leons Füße.

Leon strich den Schlafsack glatt, räumte ein Kleidungsstück beiseite und schob den verrosteten Kugelgrill in eine Ecke. Griff zum Wasserbehälter, nahm kräftige Schlucke und setzte ihn wieder ab. Wie lange wollte er noch so leben? Ein paar Tage? Wochen? Monate? Er kratzte sich am Kinn.

Um sich nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen, schnappte er sich die Angel sowie den verbeulten Eimer und lief mit großen Schritten zu einem Felsplateau, auf dem er tagsüber hockte, um Nahrung für sich und die Tiere zu beschaffen. Sein Vater hatte ihm vor vielen Jahren an der Nordsee gezeigt, wie man mit einer Rute Fische fing. Diese Fähigkeit kam ihm nun zugute. Die tägliche Ausbeute reichte, um den größten Hunger zu stillen. Schwieriger war die Flüssigkeitsaufnahme. Im Winter hatte Leon Regenwasser gesammelt. Inzwischen fielen jedoch kaum noch Niederschläge. Er würde demnächst Wasser kaufen müssen.

Leon probierte an diesem Tag einen anderen Köder aus. Er kratzte kleine Muscheln von den Steinen und öffnete diese mühsam. Zwischendurch ließ er den Blick durch die Bucht schweifen. Die Zeit, in der sich nur wenige Menschen hierher verirrt hatten, gehörte der Vergangenheit an. Von Tag zu Tag kamen nun mehr Besucher über die lange Holztreppe, fotografierten die Felsformationen und setzten sich einen Moment in den Sand.

Die Sonne senkte sich bereits und die letzten Touristen verschwanden. Leon machte sich auf den Rückweg zur Höhle. Sparky folgte ihm.

Schon bald entfachte er ein Feuer und grillte Sardinen. In der Höhle breitete sich eine behagliche Wärme aus. „Jungs, gleich gibt es Abendessen“, sagte er an seine Mitbewohner gewandt. Der Kater leckte sich die Pfoten. Sein Schnurren hallte durch die Höhle.

Plötzlich zerriss eine Stimme die Stille: „Sag, dass es nicht wahr ist!“ Was war da unten los? Leon sah die Umrisse eines großen, kräftigen Mannes und einer schlanken, nur wenig kleineren Frau, die wild gestikulierte.

Auf einmal packte der Typ ihre Hände. Sie versuchte, sich von ihm zu befreien, was ihr schließlich auch gelang. Doch dann umschlang er ihren Oberkörper mit seinen Armen.

Leons Puls beschleunigte sich. Sollte er der Frau zu Hilfe eilen?

Das Feuer knisterte und er bemühte sich, es einzudämmen, was ihm nicht auf Anhieb gelang.

Als er wieder auf den Strand blickte, fehlte von dem Paar jede Spur. „Menschen sind seltsame Wesen, nicht wahr?“ Er gab Sparky ein Stückchen Fisch. Der Kater näherte sich unauffällig.

Worüber konnte man an so einem Ort streiten? Unter normalen Umständen hätte Leon sich gewünscht, hier den Urlaub mit einer Partnerin zu verbringen. Doch die Umstände waren nicht normal. Er befand sich in einer Grauzone. Hatte sein altes Leben hinter sich gelassen. Der Neuanfang lag in weiter Ferne.

*

3

Vanessa hatte von einem Riesen mit Kochmütze und Kinnbart geträumt, der traurig den Kopf schüttelte. Sie öffnete die Augen. Erst nach und nach erkannte sie den hellen Kleiderschrank, den Flachbildschirm und den Schreibtisch. Ihre Kehle war trocken und sie verspürte leichte Übelkeit. Sie tastete nach dem Smartphone, das vom Nachttisch auf den Boden plumpste. Widerwillig schlug sie die Decke zurück, schwang die Beine aus dem Bett und schaute sich um. Ihre Kleidungsstücke lagen überall im Raum verteilt. Keine Spur mehr von Toni.

Sie schlich ins Bad. Zahnbürste, Aftershave, Rasierapparat, alles verschwunden. Vanessa wusch sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser. Ging zurück zum Bett und hob das Handy auf. Ein Blick aufs Display verriet – kurz vor Mittag! Wenn sie in der Bude nicht verrückt werden wollte, sollte sie unbedingt frische Luft schnappen. Vorher musste sie jedoch etwas trinken. Sie warf einen Blick in die Minibar und erstarrte. Das Alkoholsortiment war fast restlos geplündert!

Hatte sie das alles getrunken? Das erklärte den Filmriss. Sie nahm ein paar Schlucke Wasser und fühlte sich sofort besser. Mit einem Ruck zog sie die Vorhänge beiseite und riss die Verandatür auf. Stapfte auf die Terrasse. Atmete tief durch. Bloß nicht durchdrehen!

Die Erinnerung an den Vorabend tropfte in Vanessas Gedächtnis. Sie sah noch einmal den Vollmond, der ein breites, goldenes Band auf das Meer warf. Toni hatte sie in den Arm genommen und dabei verlegen zu Boden geblickt. Dass er sie küssen wollte, war ein Trugschluss gewesen.

„Du musst endlich die Wahrheit erfahren!“, sagte er mit bebender Stimme. Der Name Manu hing in der Luft. Also doch! Vanessa hatte gedacht, dass sie für eine Manuela den Platz räumen müsse. Die Erkenntnis traf sie hart: Manu war ein Mann!

Danach erschien ihr alles unwirklich. Toni, der wie ein Wasserfall redete. Die dunkle Felswand, die funkelnden Sterne. Im ersten Moment wollte sie ins Wasser flüchten. Immer weiter hinausschwimmen, bis sie vor Erschöpfung untergehen würde. Aber Toni umklammerte ihre Hände, redete mit ihr wie mit einem Kind. Sie versuchte, sich zu befreien. Als es ihr gelang, trommelte sie wie eine Besessene gegen seine Brust. Schrie ihn an, bis ihr die Stimme versagte.

Schweigend kehrten sie in das Hotelzimmer zurück. Dort erzählte Toni mit weicher Stimme von Manuel, den er vor zwei Monaten auf einem Gastronomie-Kongress kennengelernt hatte. Die Begegnung mit dem jungen Koch habe ihm die Augen geöffnet. Immer wieder sagte er: „Kleines, verzeih mir. Ich bin ein Schuft. Aber es ändert nichts daran, dass wir ein tolles Team sind.“

„Du hast mich getäuscht! Was ist heutzutage denn dabei, zur Homosexualität zu stehen?“, hatte Vanessa ihn angeschrien.

„Ich habe den Zeitpunkt verpasst, mich zu outen“, hatte er geantwortet. „Als du zu mir gezogen bist, haben alle das perfekte Paar in uns gesehen. Mit dir an meiner Seite fühlte ich mich sicher. Natürlich wusste ich, dass du dir Hoffnungen machst. Aber es ergab sich nie die Gelegenheit, in Ruhe zu reden.“

Das längst überfällige Gespräch hatten sie ja nun geführt. Wenn Manuel, der Deckel auf Tonis Topf, nicht in sein Leben getreten wäre, hätte es vielleicht noch Monate oder sogar Jahre gedauert, bis die Wahrheit ans Licht gekommen wäre. Jetzt konnten die beiden Köche sich gegenseitig das Essen abschmecken und sie musste sich ihr Süppchen selbst zubereiten.

Die Sätze „Ich werde immer für dich da sein“ und „Du kannst gerne bei mir wohnen bleiben“ klangen fad. Das Kartenhaus, das sich gemeinsame Zukunft nannte, stürzte in sich zusammen und riss Vanessas Leben mit sich.

Dann lagen sie sich in den Armen. Den sonst so starken Toni weinen zu sehen, war das Schlimmste. Es dämmerte bereits, als er seine Kleidungsstücke in den Koffer warf. Er sagte: „Ich muss zurück nach Düsseldorf. Die Arbeit ruft. Ich versuche, heute noch einen Flug zu erwischen. Kommst du mit?“ Sie hatte den Kopf geschüttelt.

Nachdem die Tür mit einem Schmatzen ins Schloss gefallen war, hatte sie sich betrunken.

„Wie heißt es doch so schön? Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich ein Fenster“, dachte Vanessa jetzt. „Das Fenster habe ich soeben aufgemacht.“

Sie beglückwünschte sich dazu, dass sie Toni nicht gefolgt war. Fühlte sich jedoch antriebslos. Die Beine waren wie Wackelpudding. Sie sank auf einen gepolsterten Liegestuhl und legte die Füße hoch.

Zwei Stimmen diskutierten in ihrem Kopf.

Die eine sagte: „Du bist an einem wunderschönen Ort, das Wetter ist ein Traum, du bist jung und gesund.“

Die andere rief: „Du warst so blind!“

Niemals hätte Vanessa gedacht, dass Toni, ihr Fels in der Brandung, ein großer Feigling und exzellenter Schauspieler gleichzeitig sein konnte.

Bevor sie wegdämmerte, merkte sie, dass ihre Haut brannte. Sie erhob sich träge.

Zurück im Zimmer cremte sie sich sorgfältig ein. Stopfte Badesachen in die große Stofftasche. Gab den Schlüssel an der Rezeption ab, schritt durch das Foyer und spürte dabei förmlich, wie sich der Blick des Rezeptionisten auf ihr Hinterteil heftete.

Vanessa war es gewohnt, dass Männer ihr hinterherschauten. Nach dem Abitur hatte sie mit einer Modelkarriere geliebäugelt. Sie aß allerdings gerne, trank hin und wieder ein Gläschen Wein. Hatte sich schließlich für eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau entschieden und sich in diesem Beruf hochgearbeitet.

Nun stand sie vor einem kompletten Neuanfang. Wie eine Katze, die vom Balkon eines Hochhauses fiel, würde sie auf den Füßen landen, davon war sie überzeugt. Auch wenn es ein harter Aufprall werden würde.

Auf der Plattform über der Bucht hielt sie einen Moment inne. Blickte auf den Strand. Abgesehen vom Vorabend hatte sie sich kein einziges Mal an der Praia da Dona Ana aufgehalten. Schlimm genug! Das Meer glitzerte, der Sand schimmerte golden. An diesem Ort würde sie ihre Wunden lecken.

Toni hatte erklärt, er wolle nun Butter bei die Fische tun und sich zur Homosexualität bekennen.

„Ich muss unbedingt mit Linn reden, bevor sich Tonis Coming-out in den sozialen Netzwerken verbreitet“, dachte sie, zückte das Smartphone und wählte die Nummer. Sprachbox. Vanessa hinterließ eine Nachricht: „Chaos in Lagos! Ruf mich an!“

*

4

Ob das Paar sich inzwischen versöhnt hatte? Leon erinnerte sich daran, wie die Frau den Mann angeschrien hatte. Wie ein Tornado war sie dabei über den Strand gefegt. War zwischen den beiden Menschen etwas zerbrochen? Eine Freundschaft, eine Beziehung oder sogar eine Ehe?

Bis vor Kurzem hatte er sich in seine eigene Welt zurückgezogen. Erstaunlicherweise nahm er wieder am Leben der anderen teil.

Er ließ die Beine von der Felskante über dem Wasser baumeln. Die Sonne wärmte sein Gesicht. Sparky kratzte sich hinterm Ohr. Bald verzog er sich in den Schatten.

Die Angel steckte in einem Felsspalt. Drei kleine Fische schwammen in dem mit Meerwasser gefüllten Eimer. Leon gähnte. Das Leben in der Bucht bot nicht viel Abwechslung.

Er sah seine Mutter und Pepe vor sich und hörte ihre Stimmen. Meist lächelte Judith, wenn sie den Erzählungen ihres Mannes lauschte, oder sie strahlte, wenn er ihr ein Kompliment machte. Gab es doch einmal Unstimmigkeiten, fanden sie stets einen Kompromiss.

Nie würde er den Tag vergessen, an dem er Pepe kennengelernt hatte. Leon war damals sieben Jahre alt gewesen. Er hatte seine Mama zu einem Bummel über den Weihnachtsmarkt überreden müssen. Seit dem frühen Tod seines Vaters hatte sie sich in ihr Schneckenhaus verkrochen. Leon hatte gebettelt, dass sie ihm eine Waffel mit Sahne und Schokostreuseln spendiere.

Beim Gedanken an den verführerischen Geruch und den köstlichen Geschmack lief ihm jetzt noch das Wasser im Munde zusammen. Die Mutter hatte außerdem einen Kakao bestellt. Als sie ihm das Heißgetränk anreichen wollte, rutschte ihr der Becher aus der Hand und fiel zu Boden. Der Aufprall wurde durch den Winterschuh eines Mannes gedämpft. Die klebrige Flüssigkeit ergoss sich über sein Hosenbein.

Die Mutter stammelte: „Das tut mir so leid. Ich übernehme natürlich die Reinigungskosten.“

Der Fremde lachte laut. Er hieß Bernd Schudinath. Sofort besorgte er einen neuen Kakao. Als seine Kollegen weiterzogen, stießen Judith und Bernd mit einem Glühwein an.

Leon fragte fast jeden Tag, ob Bernd nicht zu ihnen ziehen könne. Nach zwei Monaten war es dann so weit.

Nach der Hochzeit im kleinen Kreis nannte Leon den Stiefvater Pepe. Das Wort Papa war in seinem Herzen für den verstorbenen Vater reserviert.

Wie lange war das alles her? Fast zwanzig Jahre. Bis zu dem verhängnisvollen Tag Anfang des Jahres waren sie so glücklich miteinander gewesen. Danach hatte Leon sich auf ein Abstellgleis manövriert. Den Kontakt zu Verwandten und Freunden abgebrochen. Stattdessen unterhielt er sich mit Sparky und Tschaikowski über das Wetter und den Fischfang.

Was ihn enorm belastete: Die Musik, seine große Liebe, war seit dem großen Unglück verstummt. Hoffentlich kehrten die Töne bald zurück. Er schüttelte sich, um das Böse zu vertreiben. Betrachtete die Angel. Die Schnur bewegte sich kaum, was nicht ungewöhnlich war. Sollte er zusammenpacken und sich in die Höhle verkriechen?

Er schaute sich um. Nicht weit entfernt saß eine Frau und blickte aufs Meer. Leon kam es vor, als fülle sie die gesamte Bucht mit ihrer Anwesenheit. Alles wirkte auf einmal heller. Kannte er die Frau?

*

5

Vanessa saß auf ihrem Lieblingshandtuch, das mit einem Sonnenuntergangsmotiv bedruckt war, und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Sie versuchte, an nichts zu denken. Eine Illusion! Ihr Leben war aus dem Ruder gelaufen und in ihrem Kopf tobte ein Orkan.

Sie hätte es merken müssen. Toni hatte nie begehrend ihren Körper betrachtet oder sie zärtlich berührt. Hatte sie höchstens mal flüchtig auf die Wange geküsst.

Zwar verspürte sie nicht mehr das Bedürfnis, sich zu ertränken, was ihr sowieso nicht gelungen wäre, aber sie wollte sich auspowern. Sie erhob sich. Setzte sich zum Schutz gegen das Salzwasser eine Schwimmbrille auf. Machte Trockenübungen, trabte Richtung Meer und stürzte sich in die Fluten. Das Wasser war eisig. Vanessa schwamm zunächst gemächlich. Die Haut auf den Schenkeln prickelte. Oberarme und Ellbogen fühlten sich bereits nach kurzer Zeit taub an. Daher erhöhte sie das Tempo. Bald kraulte sie, als ob sie einen Wettbewerb gewinnen wollte. Der Restalkohol war längst abgebaut.

Nach einer guten Weile verließ sie das Meer wieder und sank zurück auf das Handtuch. Das Salzwasser lag in dicken Tropfen auf dem Körper und das Haar klebte an den Schultern. Das Glücksgefühl, das sie kurzzeitig verspürt hatte, kehrte sich schnell in eine innere Leere um. So hatte sie sich zuletzt am Tag der Auswanderung ihrer Eltern nach Australien vor drei Jahren gefühlt, dem bisher emotionalsten Moment ihres Lebens.

„Ihr könnt mich nicht alleine lassen“, hatte sie mit Tränen in den Augen gesagt, als sie von den Plänen erfahren hatte.

„Komm doch mit, Nessa!“, schlug die Mutter vor. „Wenigstens für ein paar Monate!“

So einfach verhielt es sich aber nicht. Vanessa hatte einen Beruf, eine Wohnung, Freunde und lebte gerne im Rheinland. „Vielleicht später!“, hatte sie geantwortet.

Später war sie Toni begegnet und alles hatte sich richtig angefühlt. Der anspruchsvolle Job, die Maisonette und das prominente Umfeld.

Aber nun musste sie quasi bei null anfangen.

„Ich schaffe das!“ Vanessa ballte die Faust.

Sie erhob sich, hüpfte auf und nieder und beschloss, einen Spaziergang zu machen. Die Bucht maß von einem Ende zum anderen vermutlich wenige Hundert Meter. Durch die eintretende Ebbe dehnte sich der Strand allerdings weiter aus.

Ein Pärchen lag eng umschlungen an einem großen Felsen, der aus dem Sand ragte. Eine portugiesische Familie packte laut diskutierend die Picknickutensilien zusammen. Holländisch sprechende Kinder spielten Fußball. Die Flut hatte unzählige Muscheln angeschwemmt. Vielleicht war ein schönes Exemplar für Evelyn dabei. Sie sammelte ausgefallene Muscheln. Vanessa lief noch einige Zeit hin und her, dann zückte sie ihr Smartphone. Keine neue Nachricht. Evelyn war bestimmt im Stress. Und Toni? Ob er schon zu Hause war? Er hatte sicher keine Kosten und Mühen gescheut, von hier wegzukommen. Ach, was kümmerte es sie? Sie würde den Kontakt zu ihm auf Sparflamme halten. In das gemeinsame Zuhause würde sie nur zurückkehren, um ihre Sachen zu holen. Aber wo wollte sie in Zukunft wohnen? Sie ging eine Reihe von Freunden, Bekannten und entfernten Verwandten durch, aber es war niemand dabei, der ihr spontan Unterschlupf gewähren konnte. In der Großstadt würde es schwierig werden, sofort ein Zimmer oder Appartement zu finden. Aber Evelyn wusste sicher Rat.

„Wenn du Hilfe brauchst, ich bin immer für dich da“, hatte Toni mehr als einmal gesagt.

Seine Hilfe brauchte sie am allerwenigsten. Sie würde es alleine schaffen. Musste jetzt einen Schritt nach dem anderen gehen.

Vanessa erblickte ein Paar, das einem Kleinkind warme Sachen anzog. Ob der Meisterkoch ein guter Vater gewesen wäre? Hätte er sich die Zeit genommen, mit dem Nachwuchs am Strand zu tollen oder auf einen Spielplatz zu gehen? Tonis Leben bestand überwiegend aus dem Zubereiten von Gerichten. Das konnte er allerdings hervorragend.

Schluss mit Toni-Gedanken! Fasziniert ließ sie den Blick durch die Bucht schweifen. Jeder Fels schien handgeformt an den für ihn vorgesehenen Platz gesetzt worden zu sein. Auf einem Gesteinsbrocken, der an eine gigantische Haifischflosse erinnerte, ließen Kormorane das Gefieder trocknen. Links auf einem Plateau hockte ein Angler. Er hatte einen ungepflegten Bart und das helle, filzige Haar, das im Kontrast zur dunklen Haut stand, reichte weit über die Schultern. Er erinnerte Vanessa an einen Steinzeitmenschen. Wenn sie sich ihr Essen selbst angeln müsste, würde es auf eine Nulldiät hinauslaufen.

Sie würde sich direkt nach ihrer Rückkehr um einen neuen Job kümmern, sonst konnte sie sich demnächst neben den Mann setzen und darauf warten, dass er ihr etwas abgab. Aber so weit war es ja noch nicht. Toni hatte sie gebeten, weiterhin als seine persönliche Assistentin tätig zu sein. Das kam für sie jedoch nicht infrage. Sie wollte die Zusammenarbeit sofort beenden. Schon wieder kreisten ihre Gedanken nur um Toni. Sie musste sich ablenken.

Sie drehte erneut eine Linkskurve, denn sie hatte die Mauer erreicht, die die Bucht vom angrenzenden Strand trennte. Rechts lag nun die gewaltige Felswand mit einer riesigen Höhle, die an eine Bühne erinnerte. Mittendrin saß eine Katze und starrte ins Leere. Weiter hinten erkannte Vanessa Gegenstände. Bestimmt lagerten Fischer hier ihre Utensilien.

Sie erinnerte sich daran, was sie am Vorabend irritiert hatte: ein Lichtschein. Nun sah sie den Schlafsack. In der Grotte wohnte jemand. War das nicht zu kalt nachts? Vanessa hatte trotz warmer Jacke gefroren, was wahrscheinlich auch der verfahrenen Situation geschuldet war. Plötzlich fiel es Vanessa wie Schuppen von den Augen. Der Angler mit der wilden Haarpracht lebte in dieser Höhle. Seiner Hautfarbe nach zu urteilen wahrscheinlich schon seit Monaten. Aus welchem Grund? Liebeskummer? Oder handelte es sich um einen Straftäter? Vielleicht hatte er einfach die Nase voll von der Überflussgesellschaft.

„Irgendwie verstehe ich ihn sogar. Gibt es einen schöneren Platz zum Leben?“, dachte Vanessa. „Wir könnten ja eine Selbsthilfegruppe gründen. Er hört sich meine Probleme an und ich kümmere mich um seine Themen.“ Sie schmunzelte beim Gedanken, wie sie beim Grillen über Gott und die Welt reden würden.

Die Sonnenstrahlen erreichten den Strand kaum noch und mit der schwindenden Wärme verzogen sich die Badegäste.

Nachdem Vanessa unzählige Male am Wasser hin- und hergelaufen war, sank sie zurück auf das Badetuch. Sie verspürte keine Lust auf das Hotelzimmer.

Vor ihr ragte eine riesige Felsformation aus dem Meer. Das Profil erinnerte sie an ein Frauengesicht. Obenauf ein Haarbüschel, darunter die Augenhöhlen, ein spitzes Näschen und die Mundpartie mit leicht geöffneten Lippen. Man musste der Fantasie nur freien Lauf lassen.

Allmählich wurde Vanessa ruhiger. Sie legte sich hin. Die Gedanken hörten auf zu kreisen und das Wellenplätschern sang sie in den Schlaf. Plötzlich spürte sie etwas Feuchtes am Hals. Sie zuckte zusammen und riss die Augen auf.

*

6

Leon konnte seinen Blick kaum von der Frau wenden. Das braune Haar umspielte ihr Gesicht. Rücken und Hals bildeten eine gerade Linie. Auch wenn er am Vorabend nur ihre Silhouette gesehen hatte, war er sich sicher, es war dieselbe, die mit ihrem Partner gestritten hatte. Offenbar erfreute sie sich bester Gesundheit.

Sie war auf einmal am Strand erschienen. Mit großen Schritten zielstrebig auf den Platz am Wasser zugelaufen. Hatte ihr Handtuch ausgebreitet und sich geschmeidig darauf niedergelassen. Dann war sie grazil und ausdauernd durch den Atlantik geschwommen. Später hatte sie eine Runde nach der anderen über den Strand gedreht. Seit einiger Zeit saß sie nun wieder am Meer, den Blick in die Ferne gerichtet. Sie wirkte entspannt. Aber wie sah es in ihrem Inneren aus?

Sie anzusprechen, kam für Leon nicht infrage. Auch ohne Spiegel konnte er sich vorstellen, wie sich sein Äußeres in den letzten Wochen verändert hatte. Das Haar war verfilzt und er trug einen ungepflegten Vollbart. Die Kleidung wusch er im Atlantik. Trotzdem hätte man auf die Idee kommen können, er wäre in die Obdachlosigkeit abgerutscht.

Die Frau lag nun auf dem Rücken. Vermutlich schlief sie.

Leon verspürte großen Durst. Es war immer noch sehr warm. Er musste unbedingt in die Höhle zu seinem Wasserkanister. Der Weg führte allerdings an der Urlauberin vorbei. Er würde sich lautlos fortbewegen, um sie nicht zu erschrecken.

Sparky hob den Kopf. Begriff, dass Leon den Angelplatz verlassen wollte. Für ihn ein Anlass, ein wenig durch den Sand zu tollen. Er sprang federleicht vom Felsen auf den Strand, erblickte die Schlafende und flitzte auf sie zu. Ach du liebe Güte! Leon wollte Sparky zurückpfeifen, aber es war zu spät. Der Hund hatte die Frau erreicht, betrachtete sie, beugte sich hinunter und leckte ihr über den Hals.

Sie schlug mit der Hand um sich. Schnellte in die Höhe. „Hey! Was soll das?“ Sparky winselte und machte Männchen.

Leon wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

Plötzlich entspannten sich die Gesichtszüge der Frau. Sie lächelte. „Du bist aber niedlich!“, sagte sie mit samtweicher Stimme und streichelte Sparkys Rücken. „Wie heißt du denn?“ Sie meinte offenbar den Hund, schaute jedoch Leon an, der ein paar Schritte auf sie zugemacht hatte. Ihre Augen leuchteten.

Sein Herz raste. Sollte er sich für Sparkys Verhalten entschuldigen? Seine Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an. Er wandte den Blick ab und lief los. Außer Atem erreichte er die Felswand. Die Anspannung fiel erst von ihm ab, als er wieder im Unterschlupft hockte.

Es dauerte noch eine Weile, dann tauchte auch Sparky in der Höhle auf. Er legte den Kopf schief. Hatte wahrscheinlich nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

*

7

Vanessa döste zusammengerollt auf dem Bett. Als das Handy vibrierte, schreckte sie hoch.

Bin zu Hause. Lass uns skypen!

23 Uhr 45.

Hellwach klappte sie den Laptop auf. Nach wenigen Klicks sah sie eine große Retrobrille und dahinter dunkle Augen. Dieses Gestell kannte Vanessa noch gar nicht. Evelyn strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und klimperte mit den langen Wimpern. „Nessa, was ist passiert?“

Vanessa fasste die Ereignisse der vergangenen Nacht zusammen. „Und dann ist er abgereist“, sagte sie abschließend.

„Das ist jetzt nicht wahr, oder? Der große Meister ist schwul?“ Evelyn hielt sich die Hand vor den Mund. „Wie konnte er dich so veräppeln? Ihr wohnt doch schon über ein Jahr zusammen. Hast du denn nichts gemerkt?“

„Toni war ja ständig unterwegs.“

„Okay, trotzdem hätte er dir von Anfang an reinen Wein einschenken müssen. Toni Schwing-den-Löffel ist schon 34. Und dann macht er das Coming-out ausgerechnet an seinem Geburtstag. Als wäre es ihm da erst aufgefallen, wie alt er schon ist. Unglaublich.“

„Für ihn als Promi war es nicht einfach, sich zu outen. Das kannst du dir doch bestimmt denken. Außerdem stammt er aus einer konservativen Familie. Für seine Eltern wäre es ein Unding gewesen, einen schwulen Sohn zu haben.“

„Die sind doch schon lange tot! Und wir leben im 21. Jahrhundert.“

„Vielleicht hat er sich etwas vorgemacht. Jedenfalls hat er stets gesagt, er wünscht sich Kinder.“ Vanessa seufzte bei dem Gedanken, dass ihr Wunsch vom baldigen Nachwuchs wie eine Seifenblase geplatzt war.

„Meine arme Nessa! Wie fühlst du dich?“ Evelyn klimperte wieder mit den Wimpern. „Du hast kostbare Zeit verplempert.“

„Ach, ich bereue die Monate mit Toni keinesfalls!“

„Klar, ein Leben in Enthaltsamkeit hat was. Ich lach mich schlapp!“

„Kommt es denn wirklich nur auf das eine an?“, fragte Vanessa.

„Für mich schon!“

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann prusteten sie los.

„Und jetzt hat es zwischen ihm und diesem, wie hieß er gleich?“

„Manuel.“

„Also, es hat zwischen ihnen gefunkt und du schaust in die Röhre.“

„Toni hat gesagt, es sei noch nicht einmal etwas gelaufen. Er wollte erst reinen Tisch mit mir machen.“

„Hahaha! Das glaubst du doch selbst nicht!“

Vanessa wusste nicht mehr, was sie glauben sollte oder was nicht. Der Traum von einer Ehe mit Toni war ausgeträumt. „Linn, das bleibt bitte unter uns. Toni muss den ersten Schritt gehen und an die Öffentlichkeit treten.“

Evelyn hatte einen guten Draht zu den Medien. Für sie wäre es sicher ein gefundenes Fressen, wenn sie als Erste verkünden könnte, dass der Maître schwul sei.

„Versprochen!“, rief sie und hob die Hand zum Schwur. „Aber warum bist du nicht mit zurückgeflogen? Dann könnten wir jetzt auf dein Singledasein anstoßen und einen Zug durch die Gemeinde machen. Oder was hältst du davon …“ Evelyn zögerte. „… dass ich nach Lagos komme?“

Ein verlockender Vorschlag. Vanessa erinnerte sich mit Schmunzeln an ihr gemeinsames Paris-Wochenende vor einigen Jahren. Evelyn sprach gut Französisch, war aber oft mit dem Redefluss der Muttersprachler überfordert gewesen. Ein älterer Herr hatte sich unsterblich in sie verliebt. Sie hatte einmal zu oft Oui gesagt und war ihn nur mit Mühe wieder losgeworden. Lagos im März war allerdings nicht mit der Metropole an der Seine zu vergleichen.

„Linn, das ist echt lieb von dir, aber lass gut sein. Ich muss nachdenken.“ Ihre Stimme bebte und sie kämpfte mit den Tränen. „Wie kann er mir das antun?“

„Och, Nessa, setz dich ins Taxi, lass dich zum Flughafen bringen und komm zurück!“

Vanessa schluckte. „Kommt nicht infrage. Ich werde die Woche genießen und keine Gedanken mehr an Toni verschwenden! Wann hatte ich die letzten Jahre Gelegenheit, richtig auszuspannen?“ Sie strich ihr Haar hinters Ohr. „Eigentlich bin ich froh, dass er weg ist. Wie er sich hier aufgeführt hat! Stundenlang stand er am Büfett und hat die Speisen unter die Lupe genommen. Ich glaube, er hätte am liebsten alles abgeschmeckt. Das Personal ist sicher erleichtert, dass er weg ist.“

Evelyn gluckste.

„Weißt du, Linn, du kannst privat abschalten. Mit dir kann man auch mal beim Griechen um die Ecke essen gehen, ohne dass du dir Notizen machst. Toni hingegen spricht nur über die Arbeit.“

„Er ist nun mal ein Workaholic!“

„Ich will die nächsten Tage nichts vom Restaurant wissen. Werde oft an den Strand gehen, mich in die Sonne legen. Im Meer war ich auch schon. Ist zwar kühl, aber ich liebe das. Toni war gestern Abend zum ersten Mal am Strand, ist das nicht unglaublich? Dabei liegt unterhalb des Hotels eine malerische Bucht. Und die Stadt hat viele Sehenswürdigkeiten. Ich habe einen Reiseführer dabei. Den werde ich jetzt studieren.“

„Du machst mich neidisch! Ich könnte für zwei oder drei Tage runterkommen. Dann machen wir die Klubs unsicher. Warte, ich schaue mal nach, wann es passen könnte.“

„Linn, das ist nett von dir. Aber das Nachtleben in Lagos hält vermutlich noch Winterschlaf. Die Saison beginnt erst Ostern.“

„Ich will dir nicht zu nahe treten, doch ich wüsste zu gerne, ob ihr wirklich nie …?“

„Natürlich nicht!“, sagte Vanessa. „Ach, ich …“

„Nessa, das Leben geht weiter. Und eins steht fest: Ich bin immer für dich da.“

Die Worte umspülten sie wie eine warme Woge. Seit ihrer gemeinsamen Ausbildung in einem Kölner Hotelrestaurant vor knapp acht Jahren war sie mit Evelyn befreundet. Die hatte die Stelle nach der Abschlussprüfung für ein Studium aufgegeben, Vanessa hingegen hatte noch weiter in dem exklusiven Haus gearbeitet und auf der Abendschule den Fachwirt gemacht.

Nach ihrem Umzug in die Nachbarstadt trafen sie sich, wenn es die Zeit einmal zuließ, zu Kneipen- und Kinobesuchen.

Evelyn holte sie mit ihrer durchdringenden Stimme zurück in die Gegenwart. „Nessa, alles in Ordnung?“

„Natürlich.“

„Ich dachte gerade, die Leitung wäre unterbrochen. Also, sobald du wieder in Deutschland bist, ziehst du zu mir!“

Warum war sie nicht selbst darauf gekommen, Evelyn um Asyl zu bitten?

„Linn, ich weiß nicht.“

„Denk darüber nach. Meine Einliegerwohnung ist im Moment frei.“

Vanessa schmunzelte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass Evelyn je einen Untermieter gehabt hätte. Sie war eine Nachteule, hörte Musik in unerträglicher Lautstärke, bekam oft Gäste. Vielleicht hatte sie sich ja geändert. Vanessa würde es bald herausfinden.

„Nessa, ich wünsche dir noch ein paar nette Tage. Vor allen Dingen“, Evelyn zog die Stirn kraus, „musst du dich mal locker machen. In dem Hotel gibt es doch bestimmt Alleinreisende.“

„Linn, pfui. So bin ich nicht. Und bei den wenigen Gästen, die hier zurzeit Urlaub machen, handelt es sich ausschließlich um Paare oder Familien.“

„Na, umso besser, dann hast du ja das Personal für dich.“

„Das ist ja das Unangenehme. Aber wenn ich so nachdenke … Einer aus dem Service ist wirklich schnuckelig!“ Vanessa erinnerte sich an das Abendessen. Ein Kellner hatte sie bevorzugt bedient. Er trug das dunkle Haar ziemlich kurz. Sein Gesicht zierte ein ausrasiertes Kinnbärtchen. Grübchen hatten sich in seinen Wangen abgezeichnet, als er sie angelächelt hatte. Sie hatte versucht, den Augenkontakt zu vermeiden.

Vanessa hätte sich ohrfeigen können, dass sie über den Mann gesprochen hatte, denn Evelyn grinste breit.

„Und sonst kann ich nur noch mit einem Aussteiger in einer Höhle aufwarten!“

„Einem was?“

Sie fasste ihre Beobachtungen zusammen und erzählte, wie der Hund ihr über den Hals geleckt hatte.

Evelyn kreischte vor Vergnügen. „Echt jetzt? Da hätte ich gerne Mäuschen gespielt. Und der Typ lebt tatsächlich in einer Höhle? Ist das so eine Art Robinson?“

„Robinson Crusoe war gestern. Da unten in der Bucht ist Steinzeit angesagt. Der Mann ist nicht auf einer einsamen Insel gestrandet. Der hat sich das anscheinend so ausgesucht. Was mich irritiert: Er hat lange Haare und einen Zottelbart, trägt aber Jeans und T-Shirt. Die Behausung ist aufgeräumt und er hat eine hochwertige Angel.“

„Vielleicht nimmt er sich eine Auszeit“, sagte Evelyn.

„Ich dachte erst, das wäre so ein Showprogramm für Touristen. Doch inzwischen glaube ich das nicht mehr.“

Evelyn lachte. Dann wurde sie wieder ernst. „So ungewöhnlich ist das gar nicht. Weißt du, auf Kreta habe ich vor Jahren Ähnliches gesehen. Da gab es eine Felswand mit zahlreichen Höhlen, die an Bienenwaben erinnerten. In fast jeder lebte ein Mensch. In Matera, in Italien, haben vor einiger Zeit ebenfalls Aussteiger ohne Strom und fließendes Wasser in Grotten gehaust. Sie wurden allerdings umgesiedelt und die Höhlen in Unterkünfte, Lokale und Galerien umgewandelt.“

„Mich wundert, dass keiner etwas sagt. Wild Campen ist in Portugal doch sicher verboten. Bald startet die Saison und die Strände füllen sich. Spätestens dann wird er wahrscheinlich fortgejagt.“

„Vielleicht hat er die Unterkunft auf einem Buchungsportal gefunden. Ach, ist das lustig! Das würde ich mir gerne anschauen.“

Vanessa dachte darüber nach, ein Foto von der Höhle zu machen. Sie verwarf den Gedanken aber schnell wieder. „Linn, wir sehen uns nächste Woche.“

„Okay, schreib mir, wann du landest. Ich hole dich ab. Dann starten wir in dein neues Leben.“

„Das hat bereits begonnen und ich schwöre dir, ich lasse mich nicht unterkriegen!“

„Liebelein, so will ich dich haben!“

Nachdem Vanessa den Laptop zugeklappt hatte, überkamen sie die ersten Zweifel. Eine Woche allein in Lagos? Würde sie sich nicht furchtbar langweilen? Toni würde sie jedenfalls nicht vermissen.

Im Zimmer war es stockdunkel und es herrschte eine gespenstische Ruhe. Evelyns glockenhelles Lachen, das noch im Raum lag, wurde immer leiser. Sollte Vanessa den Flug doch umbuchen? Sie öffnete die Terrassentür. Von der Bucht konnte sie nur eine Ecke sehen.

Das Mondlicht auf dem Atlantik sah aus wie der Schein einer riesigen Taschenlampe, der ihr den Weg in die Zukunft weisen wollte.

*

8

Leon erblickte die Frau am Kopf der Treppe. Ewig lange hatte er bereits in diese Richtung geschaut. „Sparky, da ist sie wieder“, flüsterte er. Der Hund lag dicht neben ihm und hob das Köpfchen.

In einem blau-rot gemusterten Kleid, das ihre Taille betonte und die langen, schlanken Beine zur Geltung brachte, nahm sie Stufe um Stufe und schritt kurz darauf barfuß durch den Sand. Wie schon am Tag zuvor klemmte unter ihrem Arm eine große Stofftasche. Das brünette Haar wurde von einer bunten Spange zusammengehalten. Sie steuerte auf den Platz zu, an dem Sparky sie begrüßt hatte. Dort breitete sie das Handtuch aus, streifte das Kleid ab und ließ sich geschmeidig nieder. Ihre Haut schimmerte in einem Bronzeton.

Mit ausgestreckten Beinen saß sie auf dem Strandlaken und blickte aufs Meer. Zwischen den Badegästen, die sich in kleinen oder größeren Gruppen über die Bucht verteilt hatten, wirkte sie wie eine Gestrandete auf einer einsamen Insel. Leon fühlte sich ebenfalls als Außenseiter an diesem Ort. Im Gegensatz zu ihm übernachtete die Frau jedoch bestimmt in einem Hotel, schlief im weichen Bett und genoss vorzügliches Essen.

Ab und zu warf sie ihm einen verstohlenen Blick zu. Vielleicht sagte sie sich: „Hauptsache, ich ende nicht wie der Wilde dort.“ Sollte er sie nicht einfach ansprechen? Früher wäre es ihm wahrscheinlich leicht gefallen. Aber den sorglosen, kontaktfreudigen Leon gab es nicht mehr. Außerdem wollte er die Frau nicht in Verlegenheit bringen.

Ein Paar schleppte Strandklamotten die Treppe hinunter. Der Mann trug ein kleines Mädchen auf den Schultern. Die Frau hielt ein größeres Kind an der Hand. Sie ließen sich am Fuße eines Gesteinsblocks nieder.

Leon erinnerte sich daran, wie er die Bucht kennengelernt hatte. Vor zehn Jahren war er mit seiner Familie in den Osterferien nach Lagos gereist, sein erster Auslandsurlaub. Sie wohnten in einem nahe gelegenen Appartement.

„Praia da Dona Ana. Der Name klingt so poetisch! Und ist es nicht ein malerischer Ort?“ Diese Worte hatte seine Mutter benutzt. Jeden Tag hatten sie sich hier aufgehalten.

Was für eine unbeschwerte Zeit!

„Seltsam, dass ich die Grotte damals nicht wahrgenommen habe“, dachte Leon. „Als Teenager habe ich die Umgebung bestimmt mit anderen Augen gesehen.“

Wie lange konnte er wohl noch in der Höhle wohnen? Von Tag zu Tag strömten mehr Besucher in die Bucht. Er musste bald eine Entscheidung treffen. Sollte er nach Deutschland zurückkehren? Nein, dazu war er momentan nicht in der Lage.

Leons Blick ging wieder zu der Frau. Wo sie wohl lebte? Auf jeden Fall sprach sie Deutsch. Vermutlich war sie mit dem Flugzeug gekommen.

An seine eigene Anreise erinnerte er sich nur bruchstückhaft. Ungefähr drei Tage hatte die Zugfahrt von Münster nach Lissabon und von dort weiter mit dem Bus nach Lagos gedauert. Er wusste nicht mehr, wie oft er umgestiegen war und wo er die Tickets gelöst hatte. Schlaf hatte er – wenn überhaupt – in den Nachtzügen gefunden.

Dann stieg Leon endlich in Lagos aus dem Bus, irrte durch die Stadt und stand plötzlich vor einem Hostel. Bjarnes Dream las er. Das Haus machte einen gepflegten Eindruck. Der Besitzer, ein sympathischer Däne, der fließend Deutsch sprach, bot ihm ein Einzelzimmer zu einem fairen Preis an. Außer Leon wohnten zu der Zeit kaum Gäste in der Unterkunft. Er trug eine Tasche mit sich, in die er vor der überstürzten Abreise wahllos Kleidungsstücke gestopft hatte. Außerdem baumelte seine Gitarre an einem breiten Gurt über seiner Schulter. An das Instrument hatte er sich während der Reise wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz geklammert.

Er fasste Vertrauen zu Bjarne und das beruhte offenbar auf Gegenseitigkeit.

„Ich kenne Typen, die behaupten, sie hätten die Überflussgesellschaft satt. Und dann siehst du sie vorm Supermarkt sitzen und betteln. Denen laufe ich wochenlang hinter dem Geld her. So welche kommen mir nicht mehr unter. Du bist nicht so jemand, das merkt man an deinen Umgangsformen“, sagte Bjarne.

Trotzdem oder gerade deswegen bezahlte Leon sein Zimmer im Voraus. „Kann ich eine Tasche mit Klamotten bei dir lagern?“, fragte er. „Für das, was ich vorhabe, brauche ich nur das Nötigste.“

Der Däne schob das Gepäck in einen Abstellraum.

„Kannst du mir sagen, wo ich eine Angel herbekomme?“

Bjarnes Antwort kam prompt: „Ich leihe dir meine. Wenn ich mal Zeit habe, gehe ich lieber surfen. Du kannst sie mir ja irgendwann wiedergeben.“

Einen Tag später war Leon mit Angel, Gitarre und einem Seesack losgezogen. Das war lange her. Ob Bjarne sich überhaupt noch an ihn erinnerte?

Im Moment blieb sein Blick wieder an der Frau hängen, die auf ihrem Handtuch lag. Sparky würde es hoffentlich nicht wagen, sie noch einmal zu überfallen, wobei sie es ihm sicher längst verziehen hatte. Sie wirkte völlig unerschrocken, wie sie kurz darauf durch das Wasser lief und lange im Atlantik schwamm.

„Im Gegensatz zu mir wird sie bestimmt bald in ein geregeltes Leben zurückkehren“, dachte er. Wie das aussah, würde er nie erfahren.

*

9

Böen peitschten über den Atlantik, der mit jeder Welle am Gestein emporkletterte, um in Sturzbächen wieder herunterzulaufen. Die Wassermassen trafen mit einer solchen Wucht auf den Strand, dass es sich wie Donnergrollen anhörte. Die Gischt spritzte, dampfte und zischte. Die Praia da Dona Ana lebte!

Vanessa atmete mehrmals tief ein und aus. Die Luft schmeckte feucht und salzig. Das Wasser zupfte und zerrte an dem Felsen, der sie an ein Frauengesicht erinnerte. Sie hatte das Gefühl, die Frau im Stein würde ihr zuzwinkern.

„Habe ich auch so ausgesehen, als Toni sich mir offenbart hat?“, fragte sie sich.

Vanessas Abreise stand kurz bevor. Sie durfte nicht an Deutschland denken. Hatte keine Wohnung, keine Arbeit und keinen Partner mehr.

Der Wind fuhr ihr permanent durch das Haar. Sie hüllte sich in ein Handtuch. Gerne wäre sie noch einmal im Atlantik geschwommen, die tosende See hielt sie jedoch davon ab. Vanessa schaute sich um. Nur der Aussteiger saß in der Grotte, den Blick in die Ferne gerichtet. Aber er wohnte ja hier. Für längere Zeit auf jeglichen Luxus zu verzichten, musste ein nachhaltiges Erlebnis sein. Es gehörte sicher Mut dazu, alles hinter sich zu lassen.

„Am besten setze ich mich heute Nacht an den Strand. Dann kann ich vielleicht nachvollziehen, wie es ist, hier zu leben“, dachte sie. Ihr war aber bewusst, sie würde niemals ganz loslassen können. Besonders schwerfallen würde es ihr, den ganzen Tag mit niemandem zu reden. Gutes Essen und ab und zu ein Glas Wein würden ihr ebenfalls fehlen. Aber jetzt war Vanessas Chance gekommen, sich so gut wie möglich vom Überfluss loszueisen.

Sie dachte über die vergangene Woche nach. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, sich die Sehenswürdigkeiten von Lagos anzuschauen und ausgiebige Spaziergänge ins nahe gelegene Naturschutzgebiet zu unternehmen, hatte sie sich ausschließlich an der Praia da Dona Ana aufgehalten. Sollte sie den Urlaub nicht ein oder zwei Wochen auf Tonis Kosten verlängern? Vielleicht würde er ihr sogar noch ein paar freie Tage gönnen. Aber nein, das konnte sie nicht bringen. Sie würde am nächsten Tag wie geplant nach Deutschland zurückfliegen. Eine Rückkehr nach Lagos schloss sie allerdings nicht aus. Jetzt hieß es erst einmal Abschied nehmen.

Vanessa erhob sich, drehte sich einmal im Kreis. Versuchte, sich jeden Zacken und Winkel der Bucht einzuprägen.

„Wie werde ich diesen Ort vermissen! Wenn die Hektik im Alltag zu heftig wird, muss ich mich in Gedanken hierherbeamen“, dachte sie.

Sie hatte den Strand auf unzähligen Fotos verewigt, um Evelyn neidisch zu machen. Das Meeresrauschen und die Rufe der Möwen gaben die Bilder jedoch nicht her.

Den Aussteiger würde Vanessa ebenfalls vermissen. Wie gerne hätte sie ihn gefragt, warum er so zurückgezogen lebte. Wie alt mochte er sein? Vermutlich wesentlich jünger, als er aussah.

Als die Sonne verschwand, unternahm Vanessa einen letzten Spaziergang. Der Mann hockte inzwischen tief in der Höhle. Sie konnte nur seine Silhouette sehen. Der Hund lag im Eingang und sah in ihre Richtung. Wie gerne hätte sie ihn gestreichelt.

Eilig packte sie kurz darauf ihre Sachen, klemmte sich die Tasche unter den Arm und betrachtete ein letztes Mal die gigantische Felswand. Oben am Weg erblickte sie fünf bis sechs Jugendliche, die über eine Absperrung geklettert waren. Einer stand mit dem Rücken zum Abgrund und hielt ein Handy in die Höhe. Er trat einen Schritt zurück. Rutschte ab. Eine Frau kreischte. Der Typ hatte sich auf einen Vorsprung gerettet. Wenn der abbrach, würde er in die Tiefe stürzen.

Vanessa griff zum Smartphone, jederzeit bereit, einen Notruf abzusetzen. Die anderen eilten ihm zu Hilfe, vorsichtig genug, um sich nicht ebenfalls in Gefahr zu begeben. Es gelang ihnen, den Verunglückten auf die sichere Ebene zurückzuziehen.

Sie ärgerte sich über das leichtsinnige Verhalten. Schaute noch einmal Richtung Höhle. Winkte dem Hund zu. Dann stieg sie die lange Treppe hinauf.

*

10

Leon zog sich früher als sonst in die Höhle zurück. Der Sturm war inzwischen so heftig, dass er es auf dem Plateau nicht mehr aushielt.

Kaum hockte er in seinem Reich, erschien die Frau am Strand. Außer ihr hielt sich niemand in der Bucht auf. Sie ließ sich von dem Sturm nicht beirren und setzte sich in den feuchten Sand. Immer wieder blickte sie sich um, betrachtete die Felsen. Nahm sie Abschied?

Er erinnerte sich, wie sie vor ein paar Tagen mit Sparky gesprochen hatte. Leon hatte in dem Moment das Bedürfnis verspürt, mit ihr zu reden. Wie lange hatte er nicht mehr mit einem Menschen unterhalten?

„Sparky, ich bin eigentlich nicht für die Einsamkeit geschaffen“, flüsterte er. „Werde ich jemals wieder unter Leute gehen können? Eine Partnerin finden?“ Männer und Frauen passten gut zusammen, das hatten ihm seine Mutter und Pepe jahrelang vorgelebt.

Die Urlauberin erhob sich. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Bucht verlassen würde.

Leon griff sich das Angelzeug. Wollte die Frau noch einmal aus der Nähe sehen. Dieses Mal würde er nicht davonlaufen, wenn Sparky den Kontakt zwischen ihnen herstellte.

„Auf geht’s“, rief er. Der Hund flitzte zum Höhlenausgang.

Plötzlich ertönten laute Stimmen von oben.

Was war da los?

Wahrscheinlich handelte es sich um unvorsichtige Spaziergänger, die an der Kante herumkletterten. Soweit Leon es mitbekommen hatte, war hier zum Glück noch nie jemand abgestürzt.

Er machte einen Rückzieher. Beschloss, abzuwarten, und beobachtete stattdessen die Frau. Ihr Blick haftete auf einer Stelle oberhalb der Höhle. Sie schien zunächst verwundert, dann entsetzt. Zückte ihr Handy.

Erst nach einer guten Weile entspannte sich ihre Miene wieder. Die Stimmen der Leute waren verstummt.

Leon wollte runter an den Strand. Die Frau winkte und lächelte. Meinte sie ihn? Nein, das Lächeln galt Sparky, der ebenfalls in ihre Richtung schaute. Mit erhobenem Kopf eilte sie davon.

*

11

Vanessa ließ den Tinto Douro die Kehle hinunterlaufen. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Körper aus. Vor zwei Jahren hatte sie ein Weinseminar besucht und sich unter anderem Kenntnisse über die Vielzahl der portugiesischen Rebsorten angeeignet. Anlässlich ihres letzten Abends in Lagos hatte sie sich eine Flasche des fabelhaften Roten bestellt. Sie hob das Glas erneut und sagte leise: „Auf Toni und Manu. Werdet glücklich miteinander!“

Sie ging zum Büfett, das eine gelungene Mischung aus lokalen Spezialitäten und internationalen Gerichten bot. Wer wusste schon, wann sie noch einmal dermaßen schlemmen konnte.

Nach dem Verzehr einer Gazpacho stellte sie sich einen Teller mit in Öl und Knoblauch eingelegten Karotten, Schafsmilchkäsehäppchen und Spinatpasteten zusammen. Vanessa bevorzugte vegetarische Speisen. An den Fischgerichten wie Bacalhau, Robalo und Sargo kam sie jedoch nicht vorbei. Zum Nachtisch gönnte sie sich ein Pastéis de Nata, ein in Blätterteig gebackenes Sahnepuddingtörtchen.

Der Kellner, der ein weißes Schild mit der Aufschrift Isolino auf dem schwarzen Hemd trug, war an diesem Tag offensichtlich nur für ihren Tisch eingeteilt. Schenkte ihr abwechselnd Wasser und Wein nach, räumte das Geschirr weg, wenn sie sich den letzten Bissen auf der Zunge zergehen ließ, und brachte in Rekordzeit einen Espresso. Zum Abschluss der köstlichen Mahlzeit servierte er einen Medronho, einen Obstbrand, und zwinkerte ihr zu.

Sie betrachtete seinen Bizeps. Sollte sie sich demnächst in einem Fitnesscenter anmelden? Wichtiger waren die Jobsuche und der Umzug. Per Voicemail hatte sie Evelyn am Vortag mitgeteilt, dass sie das Angebot, bei ihr einzuziehen, annehmen werde.

Satt und zufrieden verließ sie das Restaurant. Als sie auf den Aufzug wartete, legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Der Mund des Kellners näherte sich ihrem Ohr. Er flüsterte: „Please meet me in front of the hotel at midnight“, und war schon wieder verschwunden.

Vanessa bekam eine Gänsehaut. Warum wollte er sie treffen? Bestimmt nicht, um ihr die Stadt zu zeigen oder ihr seine Schwester vorzustellen. Sie checkte die Uhrzeit auf dem Smartphone. Noch zwei Stunden bis Mitternacht. Sie beschloss, einen allerletzten Abstecher an die Praia da Dona Ana zu machen. Vielleicht träfe sie am Strand auf den Aussteiger. Sie wollte so gerne wissen, warum er in der Höhle lebte. Bei dem Gedanken, er säße entspannt am Feuer, grillte sich Fische und redete mit dem Hund, wurde ihr warm ums Herz.

Vanessa eilte in ihr Zimmer, tauschte die Pumps und das kurze Schwarze gegen flache Schuhe, Flickenjeans und einen Pullover. Darüber zog sie eine Steppjacke. Dann verließ sie das Hotel.

War es nicht gefährlich, um diese Uhrzeit als Frau hier alleine herumzulaufen? Sie erinnerte sich an den Spaziergang mit Toni. An seiner Seite hatte sie sich stets sicher gefühlt. Doch sein Outing hatte sie in eine Krise gestürzt. Das Fundament, auf dem sie ihre Zukunft errichtet hatte, war eingesackt. War das erst eine Woche her?

Behutsam nahm sie eine Stufe nach der anderen. Der Strand lag still und menschenleer vor ihr. Der Atlantik schien immer noch aufgewühlt. Zwei Strahler tauchten einen Teil der Felswand in gespenstisches Licht. Das Frauengesicht lag im Dunkeln und sie konnte es nur erahnen. Trotz warmer Kleidung fror sie. Sie hüpfte auf und nieder.

„Wie schön wäre es, wenn ich den niedlichen Hund streicheln könnte.“ Schnellen Schrittes lief sie am Meer entlang, bemüht, nicht von einer Welle überrascht zu werden. Ständig glitt ihr Blick zur Höhle. Nicht der geringste Lichtschein. Vielleicht war der Mann unterwegs. Oder er schlief bereits. Sollte sie mal Hallo rufen?

Sie entschied sich dagegen.

Vanessa drehte zahlreiche Runden, der Klang der Wellen drang tief in ihr Ohr. Am Strand fehlte ebenfalls jede Spur von dem Aussteiger.

Ein allerletztes Mal verließ sie die Bucht und kehrte enttäuscht zum Hotel zurück. Schon von Weitem sah sie den Kellner, der vor dem Eingang wartete, obwohl es noch nicht Mitternacht war. Er zog genüsslich an einer Zigarette.

„I am so happy that you are here. Call me Iso“, sagte er mit samtweicher Stimme. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Der Portugiese war ein bisschen kleiner als sie, modern gekleidet. Er nahm sie an die Hand. Schweigend liefen sie Richtung Innenstadt. Schlenderten schon bald eng umschlungen durch die Altstadt. Vanessa spürte die Wärme seines Körpers und roch das herbe Aftershave. Wie lange waren sie schon unterwegs? Isolino stoppte vor einem einstöckigen Haus in einem der unzähligen Gässchen. Er umfasste ihr Gesicht. Streichelte ihre Wangen. Berührte ihren Hals mit seinen Lippen. Die Küsse wurden inniger.

Die dicke Kleidung engte Vanessa ein und sie fühlte sich unwohl. Sie löste sich aus der Umarmung. Aus dem Augenwinkel sah sie eine kleine Gestalt über den Bürgersteig huschen. War das nicht der Vierbeiner aus der Höhle? Bevor sie genauer hinschauen konnte, war das Tier bereits verschwunden. Vanessa riss sich von Isolino, der sie soeben wieder in den Arm genommen hatte, los und murmelte: „I am sorry!“

*

12

„Nessaa!“

Vanessa zuckte zusammen. Die mit den Armen rudernde Evelyn stand inmitten einer Menschentraube im Ankunftsbereich des Düsseldorfer Flughafens. Man konnte ihre südeuropäischen Wurzeln weder übersehen noch überhören. Sie hatte das dunkle Haar zu einem Zopf geflochten und die Ponyfransen zur Tolle frisiert. Auf ihrem Kopf prangte eine Schleife, die farblich zum Kleid passte. Der kirschrote Lippenstift harmonierte mit dem Nagellack. Die Brille rutschte ihr fast von der Nase. Sie steckte in einem schwarzen Kleid mit großen weißen Tupfen. Darüber trug sie eine Wolljacke.

„Linn, schön, dass du mich abholst.“

„Ich komme aus Hürth. Wir zeichnen dort eine Kochshow auf. Heute war die Vorbesprechung. Bin ich froh, dass du da bist. Die nächsten Wochen will ich dich nur für mich haben.“ Sie drückte Vanessa an ihre Brust.

Dann schaute sich nach allen Seiten um. Sie war – vielleicht nicht so oft wie Toni – in den Medien präsent und wurde recht häufig von dem einen oder anderen Passanten erkannt. Was Evelyn stets genoss.

„Du erinnerst mich irgendwie an ein Osterei.“ Vanessa grinste breit.

„Mach dich ruhig lustig über mich. Aber du siehst echt toll aus. Und Farbe hast du bekommen.“ Evelyn schaute Vanessa in die Augen. „Sag mal, hattest du ...?“

„Linn, sei still! Wir reden, wenn wir unter uns sind.“

„Ich wollte doch nur fragen, ob du einen guten Flug hattest.“ Evelyn machte einen empörten Gesichtsausdruck.

„Ach so! Der Flug war super. Ich konnte sogar noch die Augen schließen.“

Von dem Lärm und der Hektik, die hier im Gegensatz zum Flughafen in Faro herrschten, schwirrte Vanessa jedoch nach wenigen Minuten der Kopf. Sie beglückwünschte sich zu der Entscheidung, den Aufenthalt in der Algarve bis zur letzten Sekunde ausgekostet zu haben. Sie hatte, nachdem sie aus der Altstadt zurückgekehrt war, noch lange auf der Terrasse gesessen und in den Sternenhimmel geschaut. Erst weit nach Mitternacht gepackt und danach kaum ein Auge zugetan.

Das Hotel hatte ihr einen Shuttle zum Flughafen organisiert.

Der Algarve-Urlaub war nun beendet und sie musste sich auf den Neubeginn konzentrieren.

„Nessa, die Sache mit Toni ist unglaublich!“, holte Evelyn sie aus ihren Gedanken zurück. „Ich mache mir solche Vorwürfe, dass ich nichts geahnt habe. Normalerweise habe ich eine Antenne für … Na ja, du weißt schon. In der Szene gibt es so viele Gerüchte über Gott und die Welt. Aber was den Löffler angeht: nichts, nada, niente.“

„Linn, ich habe mit Toni zusammengewohnt, nicht du.“

„Er hat sich übrigens noch nicht geoutet. Ich schaue ständig im Netz nach. Nicht die kleinste Notiz. Er kann froh sein, dass ich dir das Versprechen gegeben habe, zu schweigen.“ Evelyn schnappte sich das Handgepäck und eilte Richtung Ausgang.

Eine kühle Brise wehte Vanessa vor dem Flughafengebäude entgegen. Von frischer Luft konnte jedoch keine Rede sein. Sie sehnte sich sofort wieder in die Algarve zurück. Auf der Fahrt nach Köln schaute sie auf ihr Smartphone.

„Toni hat mir zahlreiche Nachrichten geschickt. Ich muss ihn anrufen“, sagte sie.

„Tu, was du nicht lassen kannst. Für mich wäre er gestorben. Der hat doch nicht alle Latten am Zaun.“

„Linn hat mich am Flughafen abgeholt. Ich werde bei ihr wohnen. Melde mich wieder“, sprach Vanessa aufs Band. An einem Samstagabend war der Maître im Stress. Sie hatte nicht erwartet, mit ihm persönlich reden zu können.

„Wahrscheinlich macht er einen Freudensprung, wenn er deine Nachricht hört, und lädt direkt diesen Manu ein.“

„Ach, das glaube ich nicht“, sagte Vanessa. Hatte plötzlich das Bedürfnis, Toni in Schutz nehmen zu müssen. Er war ein Workaholic, daran würde auch ein Manuel nichts ändern.

Evelyn stand bereits vor ihrem Sportcoupé in Weinrot metallic. Inzwischen regnete es in Strömen und die Schleife auf ihrem Kopf hing herunter wie ein nasser Lappen.

„Ich habe mein Schätzchen letzte Woche angemeldet. Leider muss das Verdeck jetzt zu bleiben.“

Auf der Autobahn herrschte schlechte Sicht, obwohl der Scheibenwischer auf Hochtouren lief. Evelyn war verstummt und fuhr mit konzentriertem Gesichtsausdruck. In Rodenkirchen angekommen, riss der Himmel auf und die Fassade der Villa mit den weißen Fensterläden und dem schmiedeeisernen Gitter vorm Balkon leuchtete hellrot in der Sonne.

„Du warst ja ewig nicht mehr hier“, sagte Evelyn. „Ich habe das Haus vor zwei Monaten streichen lassen. Gefällt dir die Farbe?“

„Sehr gut“, sagte Vanessa.

„Ich bin froh, dass die ganzen Renovierungsarbeiten endlich abgeschlossen sind. Nach Tante Benitas Tod musste hier mal einiges gemacht werden. Jetzt bin ich wirklich zufrieden. Habe aber leider immer noch keinen neuen Gärtner gefunden. Der Theo hat im Herbst aufgehört.“

Der Garten, der sonst wie aus dem Ei gepellt aussah, machte im Moment einen eher wildromantischen Eindruck. Aber die Lage des Hauses war exklusiv. Man konnte, wenn man den Hals reckte, die Schiffe auf dem Rhein sehen.

„Jetzt hat es aufgehört zu regnen“, grummelte Evelyn.

„Gott sei Dank. Lass uns gleich noch einen Spaziergang unternehmen“, schlug Vanessa vor.

„Okay, aber erst zeige ich dir dein Reich.“ Evelyn öffnete die Tür des Appartements im Parterre. Es roch blumig. „Meine Perle hat gestern noch einmal gründlich sauber gemacht. Sie kommt zweimal die Woche.“

Vanessa hatte kaum vermutet, dass Evelyn selbst durchgewischt hätte.„Ist ja alles tipptopp. Ist ja alles tipptopp! Solange ich hier wohne, putze ich allerdings selber.“

„Wie du möchtest, Liebes.“

Das Wohnzimmer war mit einer anthrazitfarbenen Couchlandschaft und einem Glastisch sowie einem dunklen Büfettschrank ausgestattet. In einer Ecke gab es eine Essgruppe. Die Stühle waren weiß gepolstert. Auf dem Tisch stand ein Tulpenstrauß in einer Kugelvase. Der hellgrau geflieste Boden wurde von zwei großen lachsfarbenen Teppichen bedeckt. Vanessa betrachtete das Bild Amaryllis von Bruno Bruni, ein Aquarell auf Bütten im Silberrahmen. Evelyn hatte ihr vor einem Jahr von dem Kauf erzählt. Sie öffnete eine Tür. Bettbezüge aus rotem Satin fielen Vanessa ins Auge. Die Fenster waren von rosa Seidenstores umrahmt.

„Wunderbar“, stammelte sie.

Die Küche sah aus wie aus einem Katalog. Nagelneue Kochzeile, hochmoderne Geräte. „Linn, das ist perfekt“, sagte sie. „Aber jetzt würde ich wirklich gerne etwas Luft schnappen. Der Flug war zwar nicht besonders lang, aber ich brauche Bewegung.“

„Gut. Ich muss mich erst noch umziehen. Wir treffen uns in einer Viertelstunde vorm Haus.“

Vanessa betrat das Bad. Es wirkte, als hätte es noch nie jemand benutzt, was wahrscheinlich der Fall war. Die Armaturen glänzten und die Kacheln waren so blank, dass man sich darin spiegeln konnte. Sie machte sich frisch, wechselte das T-Shirt und zog Turnschuhe an.

Evelyn erschien etwas später als vereinbart. Sie trug Jeans und ein beiges Poloshirt sowie Trekkingschuhe. Sie hatte den Pony frisch toupiert.

„Linn, ich wusste gar nicht, dass du so robuste Kleidung im Schrank hast! Willst du mit mir auf den Drachenfels?“

„Wer weiß?“ Sie zwinkerte verheißungsvoll.

Sie spazierten zur Rodenkirchener Riviera mit ihren zahlreichen kleinen Buchten. Die Sträucher zeigten bereits zarte Triebe und die Amseln überboten sich gegenseitig mit ihrem Gesang.

Nachdem sie, ganz ins Gespräch über die letzten Jahre vertieft, immer weiter flussaufwärts gelaufen waren, kehrten sie um.

Kurze Zeit später saßen sie auf Evelyns Ecksofa aus braunem Veloursleder. Sie hatten sich eine große Spinatpizza geteilt und stießen nun auf die Zukunft an. Im Duty-free-Shop hatte Vanessa einen hochwertigen Sherry erstanden. Der blieb unangetastet. Evelyn goss soeben Champagner nach.

„Erzähl mal. Was hast du letzte Woche denn so gemacht?“

„Nach Tonis Outing habe ich mich total betrunken und als ich wieder nüchtern war, habe ich über mein Leben nachgedacht. Ich habe mich oft in dieser zauberhaften Bucht aufgehalten und aufs Meer geschaut. Geschwommen bin ich natürlich auch.“

Evelyn rollte mit den Augen. „Hör auf mit dem Theater. Du weißt, was ich meine!“

„Nee, weiß ich ehrlich gesagt nicht.“

„Ich spreche von Männerbekanntschaften. Du kannst mir nicht erzählen, dass eine attraktive Frau wie du im Urlaub lange allein bleibt. Der Kellner oder der Höhlenmensch?“

„Liebe Linn, Gastrokritikerinnen dürfen alles essen, aber nicht alles wissen.“

*

13

Keckernd, miauend, klagend, gurrend und lachend begrüßten die Möwen die Sonne, die feuerrot aus dem Meer auftauchte. Der Wind war abgeflaut und der Atlantik kräuselte sich nur noch gelegentlich. Trotzdem fröstelte Leon. Seit dem Fortgang der Frau war jegliche Wärme aus der Bucht gewichen.

Er erinnerte sich an den Vorabend. In der hintersten Ecke der Höhle hatte er gegen düstere Gedanken angekämpft. Das Meer toste. Aus Angst, der Traum vom herannahenden Zug und die furchtbaren Schreie könnten wiederkehren, konnte er nicht einschlafen. Doch dann spürte er wieder diese Euphorie. Das Gefühl, alles würde gut werden.

Sparky sprang auf, lief zum Höhlenausgang und beobachtete offenbar den Strand. Leon konnte von seinem Platz aus nichts erkennen. War zu träge nachzuschauen, was den Hund beunruhigte. Irgendwann hatte Sparky sich wieder hingelegt und Leon war eingeschlafen.

An diesem Morgen war die unermessliche Trauer, die seinen Geist lähmte und wie ein heißer Lavastrom durch seinen Körper floss, zurück. Er zitterte trotz warmer Kleidung. Der Hund drückte sich an ihn und leckte ihm die Hand. Leon schluckte. „So kann es nicht weitergehen. Mir fehlt eine Perspektive.“ Er dachte an seine Familie, die Freunde, die Uni. Sein Studium war fast abgeschlossen. Sein Leben hätte glücklicher nicht sein können. Doch dann war etwas Furchtbares passiert und er war abgehauen. Keiner daheim wussten, wo er sich aufhielt. Sein Smartphone hatte Leon zu Hause in einer Schublade vergraben, nachdem er vorher die Speicherkarte und damit alle Daten vernichtet hatte. Zwischen Vergangenheit und Zukunft klaffte ein tiefer Graben. Um diesen zu überwinden, musste er Anlauf nehmen. Er hockte nun schon seit Wochen in dieser Grotte und klammerte sich an einen kleinen Hund. Wo war der ehrgeizige Leon geblieben? Der Kumpel? Der Familienmensch?

„Sparky, so kann es nicht weitergehen. Eins verspreche ich dir: Wenn ich nach Deutschland zurückreise, nehme ich dich mit.“ Er dachte an sein Elternhaus mit dem liebevoll gestalteten Garten. Konnte sich gut vorstellen, wie Sparky darin herumtobte.

Leon ballte die Faust. „Ich werde für unsere Zukunft kämpfen!“

*

14

Vanessa träumte wirres Zeug. Erst knutschte sie mit Isolino. Dann hielt sie die Hand des Höhlenbewohners. Als sie wach wurde, wusste sie nicht, wo sie sich befand. Allmählich dämmerte es ihr. Das Bett mit der hochwertigen Matratze, in dem sie sich rekelte, stand in Evelyns Einliegerwohnung.

„Hier werde ich erst einmal bleiben“, dachte sie zufrieden.

Am Vorabend hatte sie mit Evelyn die Vor- und Nachteile der Beziehung zu Toni gegeneinander aufgewogen. Wobei sich die Vorteile darauf beschränkten, dass Vanessa viel Geld verdient und wenig davon wieder ausgegeben hatte. Und nun in jeder Hinsicht reicher an Erfahrung war. Alles zusammen genommen machte es die Nachteile, mehr als ein Jahr an einen Workaholic vergeudet zu haben, der nicht auf Frauen stand, wieder wett.

Vermutlich düste Evelyn bereits Richtung Westen zu den Aufnahmestudios. Die Maske würde Höchstleistung erbringen müssen, um die Augenringe zu überschminken.

Evelyn war stets bemüht, ihr Geburtsjahr unter den Tisch zu kehren. Vanessa wusste aber, sie war ihr altersmäßig vier Jahre voraus.

Das Smartphone vibrierte. Eine SMS mit dem Text Wir müssen reden. Melde Dich! ging ein.

Das klang gar nicht nach Toni.

Nach einem arbeitsreichen Wochenende war ihm bestimmt bewusst geworden, dass seine engste Mitarbeiterin beharrlich schwieg.

Bin um 14 Uhr in der Wohnung, antwortete Vanessa. Da sie keinen Widerspruch erhielt, sah sie den Termin als bestätigt an.

Toni erkundigte sich nicht einmal, wie es ihr ging. Vanessas Entschluss stand fest. Sie wollte den sofortigen Ausstieg aus dem Arbeitsvertrag!

Gegen Mittag fuhr sie im Coupé nach Düsseldorf. Evelyn hatte ihr den Schlüssel am Vorabend feierlich überreicht. Das Wetter war erstaunlich stabil für einen Apriltag. Stabil schlecht! Die Wolken hingen tief und das Verdeck musste schon aufgrund der niedrigen Temperaturen geschlossen bleiben. Die Autobahn quoll vor LKW über und sie kam sich wie eine Sardine in der Büchse vor.

„Ich nehme nur das Nötigste mit. Das Cabrio bietet sowieso nicht viel Stauraum. Was nicht in zwei Umzugskartons und meine Tasche passt, bleibt da“, hatte sie Evelyn erklärt.

Als sie vor der Tür ihres ehemaligen Zuhauses stand, spürte sie einen Kloß im Hals. „Es kommt mir vor, als wäre ich Jahre nicht mehr hier gewesen“, dachte sie.

Ihr Schlüssel lag drinnen, da Toni und sie als Paar verreist waren und sie vermutet hatte, dass sie auch als Paar zurückkehren würden. Daher musste sie klingeln. Toni öffnete erst nach einer guten Weile. Er sah aus, als hätte sie ihn aus dem Mittagsschlaf gerissen. Die Begrüßung fiel, wie erwartet, kühl aus.

An der Stimmung änderte sich nichts, als sie sich im Wohnzimmer gegenübersaßen, in dem sie sich nur selten gemeinsam aufgehalten hatten. Die wenigen Designermöbel, mit denen der Raum ausgestattet war, wirkten kalt und ungemütlich. Warum war ihr das nie aufgefallen? Sie hatte beim Einzug nur ihr Schlafzimmer einrichten dürfen, mintgrüne Vorhänge aufgehängt, eine farblich abgestimmte Tagesdecke und knallbunte Läufer gekauft. Das Zimmer konnte er ja nun Manuel überlassen.

Toni wirkte angespannt. Nichts erinnerte sie an den lieben Mann, mit dem sie zusammengearbeitet und sich die Wohnung geteilt hatte.

Beim Vorstellungstermin vor knapp 18 Monaten waren ihr sein Lächeln und die gemütliche Art aufgefallen. Bereits nach wenigen Sätzen über das Lepelaars hatte sie erkannt, welch berühmter Koch da vor ihr saß. Toni Löffler hatte bereits auf allen Kontinenten als Küchenchef gearbeitet, einen Stern im Guide Michelin ergattert, diverse Fernsehauftritte wahrgenommen und seine anspruchsvollen Kurse waren stets ausgebucht. Zwischen den Zeilen las Vanessa jedoch, dass er unermüdlich arbeitete und das Wort Privatleben für ihn ein Fremdwort war. Nur wenige Tage später unterzeichnete sie den Arbeitsvertrag. Bevor er für drei Monate in die USA reiste, um an einem Wettbewerb der besten Köche der Welt teilzunehmen, bot er ihr an, zu ihm in diese Wohnung zu ziehen. Sie hatte es als Liebesbeweis gewertet. Nun war sie schlauer. Toni hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Den Satz Du bist die Frau, auf die ich immer gewartet habe, die mir Halt und Geborgenheit gibt hatte Vanessa falsch interpretiert.

„Ich muss mein Krönchen richten und weiterlaufen“, dachte sie.

Sie räusperte sich. „Ich kann nicht mehr für dich arbeiten, das musst du verstehen. Du weißt, ich schere mich nicht um das Gerede der Angestellten, aber ich benötige Abstand. Das heißt im Klartext: Ich ziehe aus und suche mir eine neue Stelle.“ Sie bekam eine Gänsehaut bei dem Gedanken, dass das gesamte Küchenteam schon lange über ihre platonische Beziehung im Bilde sein könnte. „Ich naives Suppenhuhn habe nichts gemerkt“, dachte sie.

Toni schaute sie an. „Reisende soll man nicht aufhalten. Du bekommst natürlich ein sehr gutes Zeugnis. Ich hoffe für dich, dass du bald einen adäquaten Job findest. Aber wir müssen über den Austrittstermin reden.“ Er sprach mit ihr wie mit einer Angestellten, was sie ja auch bis jetzt noch war. „Ich muss mich um deine Nachfolge kümmern. Es stellt mich vor große Probleme, wenn du die Arbeit sofort niederlegst.“

Was kümmerte es sie?

„Nächste Woche haben wir ein großes Catering. Da kannst du mich nicht hängen lassen! Außerdem beginnen bald die neuen Kurse. Du hast die Teilnehmer koordiniert und kennst die Agenda wie kein anderer.“

Vanessa merkte, wie ihre Entschlossenheit, sofort auszusteigen, dahinschmolz. „Okay, die nächsten zwei Wochen stehe ich auf Abruf zur Verfügung. Das heißt, ich wohne bei Linn und werde von dort aus für dich arbeiten. Bei Bedarf komme ich nach Düsseldorf. Die Einarbeitung meiner Nachfolgerin oder meines Nachfolgers werde ich übernehmen. Das ist alles, was ich dir anbieten kann. Ich checke derzeit die Vakanzen in der Branche.“

„Würdest du denn bleiben, wenn ich dein Gehalt erhöhe?“ Tonis Stimme klang plötzlich freundlicher.

Die Frage kam vollkommen unerwartet, sie passte allerdings zu einem Mann, der nur ans Geschäft und nicht an Vanessas Gemütszustand dachte. Daher schüttelte sie den Kopf. „Keine Chance! Ich denke, für dich ist es auch nicht einfach, mich zu sehen“, sagte sie, obwohl sie das bezweifelte.

„Gut, dann muss ich das wohl oder übel akzeptieren.“ Er schluckte. „Was das Finanzielle angeht, mache ich dir einen Vorschlag.“ Er nannte eine konkrete Summe. Warum bot er ihr eine Abfindung an, obwohl sie sich im gegenseitigen Einvernehmen trennten? Wahrscheinlich sollte es ein Schweigegeld sein. Sie kannte nicht nur den Betrieb in- und auswendig, sondern hatte auch Einblicke in sein Privatleben erhalten. Prompt erläuterte er: „Mein Anwalt setzt eine Vereinbarung auf, die du bitte unterschreibst.“

„Kein Problem“, sagte sie. Die Höhe der Summe hatte sie überzeugt. Nach dem Gespräch verabschiedete sich Toni eilig, da er weitere Termine wahrnehmen musste.

Vanessa stopfte einen Teil ihrer Garderobe in die große Reisetasche. Dann packte sie mehrere Flaschen Parfüm, Handtücher, Schwimmpokale, ihre Schmuckkassette und einen Aktenordner mit den wichtigsten Papieren in die Kartons. Den Rest würde sie in den nächsten Tagen holen.

Als sie die Tür hinter sich ins Schloss zog, fühlte sich der Ort bereits nicht mehr wie ein Zuhause an. Der Regen hatte aufgehört und ein winziger Sonnenstrahl lugte durch die Wolken.

Auf der Rückfahrt plante Vanessa die nächsten Schritte. Sie hatte ein neues Dach über dem Kopf. Jetzt stand die Stellensuche auf der Agenda. Sie würde noch am gleichen Abend das Internet nach Vakanzen durchforsten. Musste sich um ihre berufliche Zukunft jedoch kaum Sorgen machen. Sie hatte das Abendstudium mit Bestnoten absolviert und verfügte über hervorragende Referenzen. Wenn Toni ihr nun noch ein entsprechendes Zeugnis ausstellte, würde sie nicht lange arbeitslos sein. Die Abfindung kam ihr in den Sinn. Ein hübsches Sümmchen. Sie hatte plötzlich eine Idee, was sie mit einem Teil des Geldes anfangen würde.

*

15

Leon sang zum Gitarrenspiel. Vor ein paar Stunden hatte er zum ersten Mal seit dem Moment, in dem alle Harmonien aus seinem Geist gewichen waren, endlich wieder Melodien wahrgenommen. Erst dachte er, in der Ferne laufe ein Radio, aber dann wurde die Musik immer lauter und schließlich stellte er fest: Sie spielte in seinem Kopf. Was für ein erhebendes Gefühl! So musste es sein, wenn man taub war und plötzlich hören konnte. Oder blind und sehen. Er war allerdings weder taub noch blind gewesen. Nur sehr, sehr traurig. Dabei hatte Leons Leben immer aus Tönen bestanden. Morgens, mittags, abends hatte er gesungen, getrommelt, gepfiffen, Gitarre gespielt oder der Musik anderer gelauscht.

Er legte das Instrument, ein Erbstück seines Vaters, beiseite und hielt einen Moment inne.

Über dem Meer lag bereits eine tiefe Dunkelheit. Nichts erinnerte mehr an den schwindenden Tag. Er rieb sich die Hände über dem Feuer. Worte wanderten durch seinen Kopf. Ein neuer Text setzte sich nach und nach zusammen. Im Seesack fand er Papier und Bleistift.

Vor Monaten hatte er eine Ballade komponiert. Dazu passten die Formulierungen, die traurig, aber zugleich voller Hoffnung waren. Er musste sie sofort niederschreiben.

Leon textete ausschließlich in Englisch. Nach dem Abitur hatte er ein Jahr in einem Musikverlag in London gejobbt. Hatte in der Zeit nicht nur die Sprache fließend sprechen gelernt, sondern sich auch ein breites Fachwissen angeeignet.

Er las die Zeilen über eine unerwiderte Liebe erneut und ihm wurde klar, dass ihn die Frau vom Strand dazu inspiriert hatte. Versonnen betrachtete er die Gitarre und hatte das Gefühl, das Instrument nicke ihm freundlich zu.

„Schön, dass wir beide uns noch immer so gut verstehen“, dachte Leon. Er hielt die Finger erneut über das Feuer, um seine Hände geschmeidig zu machen. Dann spielte er weiter. Sparky und Tschaikowski dösten auf dem Schlafsack. Plötzlich schreckte der Hund hoch und knurrte. Auch der Kater blickte in Richtung der großen Treppe. Seine Schnurrbarthaare zitterten. Nachtschwärmer, die sich ans dunkle Meer setzen wollten? Leon konzentrierte sich wieder auf den Song. Vom Strandabschnitt direkt unter der Höhle erklangen Stimmen. Ehe er sich’s versah, kletterten drei Männer die Felsstufen zu seiner Behausung hoch und bauten sich vor ihm auf.

Er hatte noch nie Besuch von Menschen in dieser Grotte bekommen. Für eine Person mit zwei Haustieren bot sie ausreichend Platz. Doch nun fühlte er sich in die Enge getrieben. Er sprang auf. Sparkys Knurren ging in aggressives Bellen über. Von Tschaikowski, dem Feigling, fehlte jede Spur. Leon schob das Instrument, das für ihn einen unschätzbaren Wert darstellte, in den Hintergrund.

„Nur über meine Leiche“, dachte er. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, dass er eines Tages hier überfallen werden könnte. Pass und EC-Karte lagen bei Bjarne im Safe. In einem Felsspalt hatte Leon ein wenig Bargeld versteckt. Sollten die Eindringlinge also Wertsachen fordern, würde er den Betrag opfern.

Die Männer steckten in dunklen Steppjacken, Jeans und ausgetretenen Turnschuhen. Einer von ihnen trug Vollbart und eine schwarze Wollmütze. Die anderen waren glattrasiert. Sparky stellte sich vor die Männer und hörte nicht mehr auf zu bellen.

Einer der Bartlosen deutete einen Fußtritt in seine Richtung an. „Shut up, bloody dog!“

Der Bärtige ignorierte Sparky, stattdessen funkelte er Leon an. „You have to leave this cave!“ Ihr Akzent ließ vermuten, dass es sich um Einheimische handelte. Also doch kein Überfall. Sie fühlten sich offenbar von seinem Aussehen provoziert. Leon sollte die Höhle räumen.

Ihm fiel absolut kein Argument ein, mit dem er den Eindringlingen seine Anwesenheit an diesem Platz hätte plausibel machen können. Er konnte ihnen schlecht seine traurige Geschichte erzählen. Andererseits störte er hier niemanden. Er hinterließ keinen Müll und machte keinen Lärm. Leon roch eine Alkoholfahne. Der Bartmann schwankte leicht. Er schnaubte wie ein Stier. Leon wollte beschwichtigen und zusichern, dass er seinen Unterschlupf schnellstens räumen werde. Der kräftige Mann sah jedoch nicht so aus, als könne man mit ihm diskutieren. Er drängte sich unsanft an Leon vorbei und trat gegen die Gitarre.

„Please, don’t!“, rief er. Der Typ drehte sich um und kam auf ihn zu. Er musste einen Schritt zur Seite machen, um nicht von seinem Widersacher niedergewalzt zu werden. Dabei stolperte Leon über Sparky, der ein Jaulen ausstieß, kippte nach hinten und knallte mit dem Kopf auf eine Felskante. Dann wurde es dunkel.

*

16

„Nicht dein Ernst, Nessa!“ Evelyns Augen traten fast aus den Höhlen.

„Ich habe Carlos bereits zugesagt.“

Vanessa verspürte keine Lust, ihre beruflichen Pläne mit Evelyn auszudiskutieren. Dummerweise hatte sie sich verplappert. Sie saßen auf dem Balkon und schauten ins Grüne.

„Aber das ist doch ein totaler Rückschritt! Mit dem Zeugnis vom Lepelaars stehen dir die Türen zu den besten Häusern offen. Du bist keine einfache Kellnerin, hast einen Fachwirt. Zuletzt hast du sozusagen ein Sternelokal geleitet. Du kannst dir die Rosinen rauspicken!“

„Linn, übertreib nicht. Ich habe Toni als Assistentin zur Seite gestanden. Ganz ehrlich? Ich habe die Nase voll vom Schickimicki. Und ich will auf keinen Fall bei einem von Tonis Konkurrenten arbeiten.“

„Muss es denn unbedingt ein Brauhaus sein? Du fällst ja von einem Extrem ins andere! Da hast du andere Optionen. Große Veranstalter! Caterer! Ich kann mich gerne auf dem Markt für dich umhören.“

„Weißt du, ich sehne mich nach dem Urtümlichen zurück und eigentlich habe ich mich im Dicke Pitter immer wohlgefühlt.“

„Hahaha. Du warst jung und brauchtest das Geld! Ich erinnere mich, wie du mir die Ohren vollgeheult hast, dass die Arbeit in einer Altstadtkneipe für eine Frau nicht einfach ist. Oder sehe ich das falsch?“

„So schlimm fand ich es gar nicht.“

„Dann blendest du die Vergangenheit aus, meine Liebe.“

„Linn. Es muss ja nicht auf Dauer sein. Mit Carlos bin ich stets prima klargekommen. Erinnerst du dich, wie wir früher mit ihm um die Häuser gezogen sind?“

„Das ist Jahre her!“, ereiferte sich Evelyn. „Wo wir gerade über Brauhäuser sprechen: Lass uns ein leckeres Kölsch trinken gehen!“ Sie sprang auf und verschwand in ihrer Wohnung.

Kurz darauf machten sie sich auf den Weg zu einer der ältesten Gaststätten in Köln-Rodenkirchen.

Biergarten geöffnet stand auf einer Schiefertafel. Die Außentemperaturen waren allerdings nicht unbedingt biergartentauglich. Die Gäste drängten sich um zwei Heizstrahler.

Evelyn ergatterte einen Stehtisch. Sie erteilte immer noch Ratschläge.„Geh doch wieder ins Hotelfach. Oder mach es wie ich und setz ein Studium drauf! Du hast Abitur und dir stehen alle Türen offen.“

Vanessa hatte auf dem Rückflug darüber nachgedacht, sich beruflich komplett neu zu orientieren. Sich an der Uni einzuschreiben, kam für sie jedoch nicht infrage. Vielleicht sollte sie mal ins Ausland gehen.

„Jetzt erzähl doch mal etwas über die Kochshow!“, sagte sie.

Evelyn war eine renommierte Fachfrau in der Gastrobranche. Durch ihre Internetpräsenz und ihre schrillen Outfits genoss sie Promistatus, kämpfte aber an einer anderen Front als Toni. Er war Koch – sie die Kritikerin.

„Die Shows sind schon sehr ausgeklügelt. Die Zuschauer sind ja übersättigt von den vielen Formaten. Daher müssen ständig neue Konzepte und Ideen her. In diesem Fall geht es um Chefs und ihre Mitarbeiter.“

Vanessa dachte an Toni. Mit ihm hätte sie gute Chancen auf den Sieg gehabt.

„Wir sprechen nicht von Abteilungsleitern, sondern von richtig hohen Tieren, also Managern, Geschäftsführern, Vorstandsvorsitzenden und deren Sekretärinnen, Assistentinnen, Vertrauten“, fuhr Evelyn fort. „Wobei manchmal auch die Frau der Boss ist und einen Mann als Assistenten mitbringt.“

Evelyn nahm einen kräftigen Schluck Kölsch. „Du hast doch im Moment nichts vor. Was hältst du davon, mich einen Tag ins Studio zu begleiten? Ich schummele dich ins Publikum. Dann bekommst du was zu lachen.“

„Das ist lieb gemeint, aber so viel Zeit habe ich gar nicht. Ich fange Ostern wieder an zu arbeiten. Carlos hat Ausfälle zu verzeichnen und er hat mich gebeten, über die Feiertage im Service auszuhelfen. Vorher muss ich noch im Lepelaars einige Aufgaben zu Ende bringen.“

„Du wirkst immer noch so angespannt, Liebelein! Am Wochenende machen wir Party und laden tolle Männer ein.“

„Linn, nach Party steht mir im Moment nicht der Kopf.“

„Spielverderberin!“ Der beleidigte Ton in Evelyns Stimme war nicht zu überhören.

„Was ich auf jeden Fall plane …“

„Sprich dich aus!“

„In zwei Wochen werde ich noch einmal nach Lagos reisen.“

Evelyn machte große Augen. „Schon wieder?“

„Ja, da ist es super! Ich habe mir letztens nur wenig von der Stadt angeschaut. Mich entweder im Hotel aufgehalten oder am Strand gelegen. Jetzt will ich Lagos und Umgebung ausgiebig erkunden. Wandern, Schwimmen, Sightseeing. Die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt.“

Evelyn runzelte die Stirn. „Fliegst du alleine?“

„Klar.“

„Wie hieß der Kellner doch gleich?“

„Linn, ein Mann ist nicht der Grund für die Reise. Mit Isolino ist nichts gelaufen. Du sagst ja selbst, ich soll mich ablenken. Dazu brauche ich nicht unbedingt einen Kerl.“

„Aber noch mal alleine an die Algarve? Das gefällt mir gar nicht! Nachher kommst du auf dumme Gedanken!“

„In die Algarve!“

„Bitte?“

„Im Reiseführer steht in die Algarve reisen. Geht man davon aus, dass der Name den Landstrich bezeichnet und nicht das Meer, macht das Sinn. Und nebenbei bemerkt, es gibt in Lagos kaum Kriminalität.“

Evelyn scrollte offenbar in ihrem Kalender im Smartphone. „Zu der Zeit habe ich Aufnahmetermine für die Show. Schade. Dabei könnte ich einen Tapetenwechsel ebenfalls dringend brauchen! Sonne, Strand, Cocktails. Es wäre zu schön gewesen. Aber im Moment passt es nicht.“

Vanessa atmete auf. Sie würde sich in Lagos nicht langweilen, davon war sie überzeugt. Sie würde sich ein Zimmer oder ein Appartement suchen. In dem Hotel, in dem sie mit Toni gewohnt hatte, lief sie nur Gefahr, erneut von Isolino umgarnt zu werden.

„Weißt du, mir geht es oft so: Wenn ich einen Urlaubsort zum zweiten Mal besuche, fühle ich mich dort direkt heimisch.“

Evelyn schnippte mit den Fingern. „Ich hab’s! Hast du mir nicht etwas von einem Höhlenbewohner erzählt? Du willst sicher auch mal in die Steinzeit reisen, stimmt’s? Familie Feuerstein lässt grüßen! Vergiss nicht, das richtige Outfit einzupacken.“

Vanessa schnitt eine Grimasse. „Damit soll man keine Witze machen. Wenn ein Mensch wochen- oder monatelang abseits der Gesellschaft lebt, gibt es dafür sicher einen Grund“, sagte sie.

„Na, ihr Hübschen!“

Vanessa, die sich in Gedanken bereits an der Praia da Dona Ana befand und aufs Meer schaute, obwohl es sich in Wirklichkeit um den Rhein mit Frachtschiffen handelte, zuckte zusammen.

„Hi, Pierre!“, sagten Evelyn und Vanessa wie aus einem Munde.

Pierre quetschte sich zwischen sie. Er roch, als hätte er in einer Parfümerie sämtliche Männerdüfte ausprobiert. Obwohl es recht kühl war, trug er ein Poloshirt zur Jeans. Er ging stramm auf die vierzig zu und zahlreiche Lachfältchen zeichneten sich in seinem gebräunten Gesicht ab. Er überragte Evelyn, die ein bisschen größer als Vanessa war, um etliche Zentimeter. Seinen Blondschopf ließ er stets nach dem neuesten Trend stutzen. Aktuell waren die Seitenpartien rasiert und das Haupthaar stand in alle Richtungen ab. Der Bart bestand nur aus einem schmalen Streifen am Kinn.

Vanessa musste einen Moment überlegen, wie er wirklich hieß. Peter. Peter Carstens. Hier im Veedel nannten ihn jedoch alle Pierre. Vor einem Jahr war sie auf einer Modenschau für seinen Laden mitgelaufen. Es hatte ihr Spaß gemacht und sie hatte einige Kleidungsstücke behalten dürfen.

Sie bemerkte, wie sich Evelyns Körperhaltung veränderte. Brust raus. Bauch rein. Sie lächelte zuckersüß. Wie konnte ein Mann eine dermaßen selbstbewusste Frau so butterweich kochen?

Pierre und Evelyn hatten eine On-off-Beziehung, die im ungünstigsten Fall nur ein paar Nächte hielt. Im besten Fall aber auch mal einige Wochen.

Egal, Vanessa wollte schnellstens ihre Rückkehr in die Algarve planen. Flug buchen, Unterkunft suchen. Sie zahlte und verabschiedete sich. Die Turteltauben reagierten nicht, da sie heftig miteinander knutschten.

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0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
Объем:
241 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783960743644
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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