Читать книгу: «Mississippi Melange»

Шрифт:

Struktur

1  Titelseite

2  Impressum

3  Inhaltsverzeichnis

4  Vorspann

5  Textanfang

6  Seitenzahlen im gedruckten Buch

Inhalt

1  Kapitel 1

2  Kapitel 2

3  Kapitel 3

4  Kapitel 4

5  Kapitel 5

6  Kapitel 6

7  Kapitel 7

8  Kapitel 8

9  Kapitel 9

10  Kapitel 10

11  Kapitel 11

12  Kapitel 12

13  Kapitel 13

14  Kapitel 14

15  Kapitel 15

16  Kapitel 16

17  Kapitel 17

18  Kapitel 18

19  Kapitel 19

20  Kapitel 20

21  Kapitel 21

22  Kapitel 22

23  Über die Autorin

24  Impressum

Die Personen dieser Geschichte sind frei erfunden und die geschilderten Ereignisse haben in keinem Land der Welt jemals so oder so ähnlich stattgefunden. Wenigstens hofft die Autorin das.

Dänemark gibt es allerdings wirklich.

Kapitel 1

Alle guten Geschichten beginnen in einem Buchladen.

Meine nicht.

Sie begann genau genommen über einem Buchladen, einem staubigen Antiquariat gleich an der Gammelgade gelegen. Manchmal stieg ich die Treppe zu jenem Büchergrab hinunter und arbeitete dort. Immer dann, wenn Lasse Ostvin, der Inhaber, Besseres zu tun hatte, als selbst hinter dem Verkaufstresen zu stehen, und das kam mit zunehmender Häufigkeit vor.

Ich war kein Buchhändler. Aber das machte nichts, denn das Antiquariat war auch eher eine Sammelstelle für zerlesene Taschenbücher, doch wer würde denn so kleinlich sein?

Weder das Entstauben zerfledderter Strandlektüren noch das Verkaufen machte mir wirklich Freude, aber darauf kam es nicht an. Ich arbeitete dort nicht zum Spaß, ich arbeitete für Geld, und zwar aus dem einzig wahren Grund: Ich brauchte es zum Leben. Daher stand ich nicht nur gelegentlich für Lasse im Antiquariat, sondern schuftete auch für seinen Vetter Piet. Dieser betrieb ein Fitnesscenter in Fußnähe, und dort durfte ich mich an hausmeisterlichen Tätigkeiten versuchen. Ich ersetzte defekte Glühbirnen, reparierte tropfende Wasserhähne und ölte quietschende Foltergeräte. War die stets leidende und stark unterernährte Yogalehrerin mal krank, übernahm ich auch ihren Job. Ich konnte sehr vielseitig sein, wenn es von mir verlangt wurde.

Zu dem Zeitpunkt, als diese seltsame Geschichte ihren Anfang nahm, übte ich etwa fünf oder sechs verschiedene Tätigkeiten aus, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ganz sicher war ich mir über die genaue Anzahl meiner Arbeitsplätze nie, und manchmal hatte ich Angst, meine Arbeitszeiten, Einsatzorte oder Aufgaben zu verwechseln. Nachts träumte ich davon, wie ich potenziellen Käufern im Buchladen eine Meditation aufnötigte, während zur gleichen Zeit im Fitnesscenter alle Glühbirnen durchbrannten. In solchen Nächten wachte ich schweißgebadet auf.

Mein neuester Job war zugleich mein bequemster: Ich zählte die Nutzer der Gammelgade-Bushaltestelle. Um diese Aufgabe hatte ich mich wirklich gerissen, denn die Haltestelle lag genau gegenüber dem Antiquariat und meiner darüber gelegenen Wohnung. So konnte ich alles von meinen Fenstern im ersten Stock aus wunderbar überblicken. Ich betrieb gewissermaßen ein Homeoffice für Erhebungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, das konnte mir so schnell keiner nachmachen. Zwischen zwei Bussen schrieb ich noch ein paar fiktive Briefe und tränentreibende Schicksalsberichte für die Daisy, ein Käseblatt, das täglich erschien. Der Bus, der die Gammelgade hinabfuhr, kam nur alle zwanzig Minuten vorbei, ich konnte beiden Aufgaben gleichzeitig gerecht werden. Und wenn ich den Bus und die von ihm aufgenommenen Fahrgäste wirklich einmal verpasste, weil ich mich zu sehr mit einer selbst erdachten Tragödie beschäftigt hatte, erfand ich ein paar realistisch klingende Zahlen für die Statistik. Diesbezüglich kannte ich keine Skrupel. Es war nicht wichtig, ob meine Zahlen korrekt waren, wichtig war, dass die Buslinie durch unseren Vorort erhalten blieb. Wir waren ohnehin schon weit ab vom Trubel Esbjergs, waren eine Randerscheinung am äußersten Zipfel der Stadt. In die Gammelgade verirrten sich nur selten Touristen, zahlreich fanden nur ihre alten Taschenbücher in vorwiegend deutscher Sprache ihren Weg in Lasses Buchladen.

Trotzdem tat man in der Gammelgade alles dafür, um auch am Tourismus zu verdienen. Der mäßige Erfolg tat diesen Bemühungen keinen Abbruch. Für die Touristen taten wir ganz gern so, als sei unsere Haupteinnahmequelle der Fischfang, doch das war natürlich Unsinn. Jeder Eisverkäufer verdiente hier mehr als ein Fischer, zumindest während der Sommermonate. Aber für die Reisenden, die sich an dem Anblick der hübschen Häuser mit ihren Fahnenmasten in jedem Vorgarten erfreuten, pflegten wir unser Image als beschauliches Fleckchen am Rande der großen Stadt. Der Mensch glaubt, was er glauben will. Meistens. Ich bin seit Beginn meines Abenteuers diesbezüglich eine Ausnahme. Mich lässt man nicht mehr glauben, was ich glauben will, mir werden Ansichten und Theorien aufgenötigt, die so abwegig und so haarsträubend sind, dass sich gesunde Menschen dagegen auflehnen würden. Aber ich habe keine Wahl. Nicht mehr.

Doch um das zu erklären, muss ich wieder zurückgehen. Zurück zu jenem Tag, an dem ich zumindest sporadisch die Nutzer der Buslinie an der Gammelgade erfasste. Dem Tag, der mein Leben auf den Kopf stellen sollte.

Der zweite Nachmittagsbus war gerade abgefahren, der letzte jammervolle Brief, den ich unter dem Namen Marijan, Alter 42, bei der Redaktion der Daisy abliefern würde, war geschrieben. Und so übte ich an einer von mir selbst erfundenen Yogafigur, die ich »Schwankende Schwalbe« getauft hatte. Sie sollte bei meinem nächsten Auftritt als Vertretungs-Yogalehrer zum Einsatz kommen.

Aus dem Fenster starrend, war ich auf der Suche nach meinem Schwerpunkt und irgendetwas, auf das ich meinen Blick richten konnte. Dabei ein bewegliches Objekt als Fixpunkt zu wählen, war allerdings nicht clever gewesen. Doch der schwarze Vogel, seiner Größe nach zu urteilen ein Rabe oder eine ungewöhnlich fette Krähe, der am gegenüberliegenden Haus den Rand der Dachrinne für eine Rast genutzt hatte, war mir sofort ins Auge gefallen. Und ich entschied mich als Fixpunkt immer für das Objekt, das mir zuerst ins Auge fiel. So versuchte ich, nicht umzufallen, und dabei das Tier im Blick zu behalten. Der Vogel starrte zurück.

Ich bin nicht sehr gut in Balanceübungen. Von allen selbst kreierten Yogafiguren waren es die einbeinigen, die mir die meisten Schwierigkeiten bereiteten. Und prompt begann ich zu wackeln, als die Rabenkrähe, oder was immer es war, ihre Flügel ausbreitete und majestätisch davonschwebte. Ich fiel ziemlich unmajestätisch in mich zusammen.

»Er beobachtet dich.«

Das war die Stimme meines Vaters. Er störte mich nicht oft bei der Arbeit, und wenn er es doch tat, dann ging es meist um etwas Wichtiges. Dieses Mal klang es eher nicht bedeutungsvoll.

»Vater, ich bitte dich«, gab ich zur Antwort, löste die rechte Fußsohle von der Wade und wandte ihm den Kopf zu, um ihm einen vorwurfsvollen Blick zu schenken. Doch der Aufmerksamkeit meines Vaters entging nur wenig.

»Du hast bereits gewackelt, bevor ich dich angesprochen habe, Smiljan. Versuch also bitte nicht, mir einzureden, dass es meine Schuld war.«

Ich versuchte es nicht. Stattdessen warf ich einen erneuten Blick aus dem Fenster und sah hinunter auf die Straße. Herbstblätter säumten den Rinnstein vor der Bushaltestelle, Autos fuhren deutlich weniger als noch während des Sommers, und außer ein paar Kindern, die sich einen Spaß daraus machten, sich gegenseitig mit Laub zu bewerfen, war kaum jemand unterwegs. Der Tag war grau und ließ schon den nahen Herbst erahnen.

»Niemand beobachtet mich«, stellte ich sachlich fest.

»Nicht dort unten, mein Junge. Dort drüben. Im Nachbarhaus. Der Gammelgade 104.« Mein Vater streckte den Zeigefinger seiner rechten Hand in eben jene Richtung, in die ich noch kurz zuvor geblickt hatte.

Unterhalb der jetzt vogelfreien Dachrinne fiel mein Blick auf eine Reihe von Fenstern. Hinter einigen hingen Gardinen, hinter anderen Jalousien, und in einem stand die Silhouette eines Mannes. Hinter ihm, in einer wie es schien leeren Wohnung, baumelte eine nackte Glühbirne von der Decke und sorgte dafür, dass ich ihn nur als Schatten wahrnehmen konnte. Die Gestalt hinter der Fensterscheibe im ersten Stock des gegenüberliegenden Hauses stand ebenso still wie ich selbst noch Augenblicke zuvor. Sein runder, allem Anschein nach kahler Kopf saß auf einem kurzen Hals über massigen Schultern. Es machte tatsächlich den Eindruck, als würde er zu mir herüberstarren, doch ganz sicher war ich mir nicht.

Bis vor Kurzem war diese gegenüberliegende Wohnung noch das Zuhause einer alte Dame gewesen. Auf ihren Fensterbänken hatten Petunien geblüht, und hinter eben jenem Fenster, durch das ich jetzt angestarrt wurde, hatte eine weiße Spitzengardine gehangen. Die Alte hatte mir manchmal ein Lächeln geschenkt, wenn sie am Fenster gestanden und ihre Blumen gegossen hatte. Doch eines Tages war die Dame buchstäblich weg vom Fenster, und ich war, während ich auf meine Busse wartete, dazu verdammt gewesen, den Petunien beim Welken zuzuschauen. Bald darauf waren die Spitzengardinen entfernt, die trockenen Petunien entsorgt, und die ganze Wohnung weiß gestrichen worden, was nur bedeuten konnte, dass die Alte dahin gegangen war, von wo niemand jemals zurückkam. So handelte es sich bei dem Beobachter hinter dem Fenster vermutlich um den neuen Mieter der Wohnung.

»Der Mann sieht sich nur seine Umgebung an«, sagte ich. Meinen Vater und den Fremden hinter dem Fenster bewusst ignorierend, bereitete ich mich auf den »Kuss des Buddha« vor, eine ebenfalls von mir selbst erfundene Übung.

Gerade hatte ich tief Luft geholt und die Arme gehoben, als mein Vater unser Gespräch fortsetzte. »Wie ein Insekt unter dem Mikroskop.«

Ich ließ die Arme wieder sinken. »Was willst du mir damit sagen?«

»Ich beobachte ihn schon eine ganze Weile dabei, wie er dich beobachtet, Junge. Er studiert dich. Der hat was vor, glaub mir.« Die Augen in dem früh gealterten Gesicht meines Vaters waren schmal geworden, und er nickte bedächtig, als habe er mir soeben eine große Weisheit verkündet.

Ich atmete vorwurfsvoll und deutlich hörbar aus, gab meinem Vater aber doch eine Antwort auf seine absurde Theorie. »Ja, sicher hat der Mann etwas vor. Er zieht gerade in diese Wohnung dort drüben ein.«

»Ach ja?« Die vielen Fältchen in seinem hageren Gesicht schoben sich zusammen. Er grinste sein wissendes Grinsen, das ich noch nie hatte leiden können. »Und wo hat er sein Leben gelassen?«

Ich gab auf. Der Buddha würde ungeküsst bleiben müssen, jedenfalls für heute. »Sein Leben? Was meinst du damit: Wo hat er sein Leben gelassen?«

Das Grinsen meines Vaters wurde noch eine Spur breiter. Überheblicher. Ich spürte einen Anflug von Ungeduld. »Niemand betritt eine neue Wohnung allein. Man bringt sein altes Leben mit.«

Jetzt ahnte ich, worauf er hinauswollte, und antwortete: »Vermutlich stapeln sich außerhalb unseres Sichtfeldes Möbel und Umzugskartons.« Dann bückte ich mich, um meine Yogamatte aufzurollen.

»Da ist nichts. Absolut nichts. Der Mann hat nichts mitgebracht, außer einen Kasten Bier. Und jetzt steht er da am Fenster und schaut dich an. Hast du was angestellt, Junge?«

»Ich?« Ich gab mir Mühe, nicht ironisch zu klingen, versagte aber kläglich. »Ob ich etwas angestellt habe? Du versuchst, witzig zu sein, oder? Oder unterstellst du mir, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt?«

Die Yogamatte unter dem Arm, schob ich mich an meinem Vater vorbei, dem meine Worte das Grinsen aus dem Gesicht gewischt hatten.

Meine Wohnung über dem Buchladen war eher von bescheidener Größe. An einem quadratischen Flur, gleich hinter dem Eingang, stießen die Türen von Bad, Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer zusammen. Das heißt, sie würden, wenn ich nicht die Wohnzimmertür entfernt hätte, weil ihr Glaseinsatz bei meinem Einzug sowieso schon gefehlt hatte. Ich brauchte eigentlich gar kein Wohnzimmer, ich brauchte einen Arbeitsplatz, und genau das war es, was dieser Raum nun war: Hier stand mein Schreibtisch nahe an einem der Fenster und meine Yogamatte lag unter einem anderen. Ein Werkzeugkasten mit allerlei Nützlichem und jede Menge Kleinkram für zukünftige Projekte stapelten sich in den Ecken. Der Raum sah so planlos aus wie es mein Leben war, doch beides vermochte ich derzeit nicht zu ändern.

»Er kommt rüber.« Mein Vater preschte an mir vorbei und rannte wie von Furien gehetzt in Richtung meines Schlafzimmers. Meines ehemaligen Schlafzimmers, denn ich hatte es auf unbestimmte Zeit an meinen Vater abgetreten. Seitdem schlief ich mehr schlecht als recht auf meiner Yogamatte.

»Vielleicht ist er gar nicht hinter dir, sondern hinter mir her. Hätte ich auch gleich drauf kommen können.« Mein Vater riss die Tür zum Schlafzimmer auf und drehte sich noch einmal zu mir um. »Wenn er fragt, du hast mich seit Monaten nicht gesehen, verstanden?«

»Ich habe dich seit Monaten nicht gesehen«, wiederholte ich geduldig und sah zu, wie mein alter Herr von der Bildfläche verschwand.

Dann trat ich ans Fenster und sah hinüber zu dem Fremden. Doch das Fenster im Nachbarhaus war jetzt leer. Die Glühbirne an der Decke spendete noch immer ihr gelbes Licht. Die Wohnung wirkte verlassen.

Da schrillte meine Türglocke.

Einen Moment lang zögerte ich. Ein seltsames Gefühl, eine Vorahnung überkam mich. So, als stünde eine entscheidende Wende in meinem Leben bevor. Statt zur Gegensprechanlage zu gehen, trat ich wieder ans Fenster, öffnete es und sah hinunter. Vor der Haustür, gleich neben dem Eingang zum Antiquariat, stand der kahlköpfige Fremde, der mich eben noch vom Nachbarhaus aus beobachtet hatte. Gerade drückte er ein weiteres Mal auf meinen Klingelknopf, woraufhin es hinter mir erneut zu schrillen begann. Ich stand noch immer still da und sah dem Fremden dabei zu, wie sich dieser hartnäckig in mein Leben klingelte. Und das seltsame Gefühl in meiner Brust verstärkte sich.

Jetzt hob der Mann den Kopf, suchte und fand mich, wie ich reglos dastand und auf die Straße hinunterblickte.

»Wollen Sie mich nicht hereinlassen?« Die Stimme des Mannes war laut, sein Dänisch verzerrt durch einen starken Akzent.

Ich erwog kurz, meinem Bauchgefühl zu folgen und den anderen genau dort zu lassen, wo er war. Doch stattdessen verließ ich meinen Beobachtungsposten und ging in den Flur. Während ich den Türöffner betätigte, lauschte ich meiner inneren Stimme, die mich zu erhöhter Wachsamkeit mahnte. Dann öffnete ich dem Fremden.

»Guten Abend.«

Ich betrachtete den Herrn, der die Treppe hinaufkam. Ein großer, breitschultriger Mann mit weit über hundert Kilo Lebendgewicht, ein rotgesichtiger Glatzkopf von etwa fünfzig Jahren, gekleidet in einen beigefarbenen Leinenanzug. Letzterer erschien mir zu edel für einen Umzugstag.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?« Irgendwie hoffte ich, dass ich das nicht konnte. Ich hatte weder Lust, dem Mann beim Einzug zu helfen, noch, mich länger mit ihm zu unterhalten. Da war ein Ausdruck von Überlegenheit im Gesicht des Fremden, der mich zutiefst abstieß. Und wenn es hier doch um meinen Vater ging? Das war das denkbar schlechteste Anliegen, mit dem der Fremde zu mir kommen konnte.

»Ja«, antwortete der andere jetzt. »Sie können mir helfen. Ich denke, Sie sind genau der Mann, den ich suche.«

Ich dachte an meinen Vater hinter der Schlafzimmertür und fühlte mich unbehaglich. Der Fremde überragte mich um Haupteslänge und seine Gesichtszüge wirkten so freundlich wie die einer englischen Bulldogge. Nur um überhaupt etwas zu tun, zog ich ein Haargummi aus der Tasche meiner Jogginghose und band mein schulterlanges Haar im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammen.

»Sie suchen einen Yogalehrer? Oder einen Hausmeister? Einen Texter vielleicht? Ich bin ganz gut in Schicksalsgeschichten, Sie kennen diese Blättchen?«, fragte ich und war mir ganz sicher, dass die Antwort Nein lauten würde.

»Nein.«

Ich hatte es ja gewusst.

»Darf ich eintreten?«

Jetzt hätte ich gerne meinerseits verneint. Doch der gesunde Menschenverstand und meine gute Erziehung warfen sich dazwischen und veranlassten mich, den Mann eintreten zu lassen. Rational betrachtet sprach nichts dagegen. Nichts, außer eben diesem warnenden Gefühl in der Bauchgegend und meinem Vater im Schlafzimmer.

»Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie zu mir führt?«, fragte ich meinen Besucher, wies ihm den Weg und deutete auf einen schon recht abgenutzten Ledersessel. Doch der Mann blieb stehen und sah sich in meinem Arbeitszimmer um. Mir wurde immer unwohler.

»Sie heißen Smiljan Sandhus?«

Ich nickte und setzte mich auf den Drehstuhl vor meinem Schreibtisch. Mit einer, wie ich hoffte, unauffälligen Bewegung schob ich die geschönte Haltestellenstatistik unter ein Journal. War ich etwa aufgeflogen?

»Sie leben und arbeiten hier in diesem Raum.«

Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Wusste der Kerl etwa, dass ich seit Wochen auf meiner Yogamatte schlief, weil mein Schlafzimmer von meinem Vater okkupiert worden war? Nein, das konnte er nicht wissen.

»Meistens«, gab ich zur Antwort. »Manchmal gebe ich Kurse in einem Fitnessstudio. Oder ich kümmere mich um die dort anfallenden Arbeiten«, ergänzte ich.

»Verstehe.« Der Fremde wanderte gemessenen Schrittes im Raum herum.

»Ich leider nicht«, gestand ich. Mittlerweile kam mir die Situation reichlich grotesk vor. Diese Unterhaltung glich einem Bühnenstück ohne Publikum.

Der andere verlor jäh das Interesse an meiner kargen Einrichtung und konzentrierte seinen Blick jetzt ganz auf mich. »Sie haben also eine Ausbildung zum Fitnesslehrer vorzuweisen? Eine Bescheinigung, ein Diplom oder dergleichen? Oder haben zumindest weitreichende Kenntnisse auf einem artverwandten Gebiet?«

»Ich kann gut anleiten.« Ich wusste, dass diese Worte eher nach einer Verteidigung als nach einer richtigen Antwort klangen.

»Und außerdem verfassen Sie herzzerreißende Texte für Klatschblätter. Übernehmen Sie auch noch andere Arbeiten?«

»Ich habe noch Kapazitäten frei.«

Der Fremde nickte. »Ja, natürlich haben Sie das. Ich erkenne einen Verlierer, wenn ich ihn sehe.«

Das war genau der Moment, in dem ich den Kerl einfach nur noch loswerden wollte. »Wenn Sie gekommen sind, um mich zu beleidigen, dann finde ich es großartig, dass Sie gar nicht erst Platz genommen haben. Finden Sie allein raus, oder soll ich Ihnen helfen?«

Die Worte klangen mutiger, als ich mich fühlte. Ich bin nicht gerade groß und eher das, was man schmächtig nennt. Auf Handgreiflichkeiten hatte ich mich schon zu Schulzeiten nie eingelassen, ich war mehr fürs Weglaufen bestimmt. Doch wie sollte ich guten Gewissens aus meiner eigenen Wohnung davonlaufen?

Noch immer erschien mir diese Szene unwirklich und der Mann vor mir war sehr groß und kräftig. Mit einer gewissen Erleichterung bemerkte ich jetzt ein schwaches Zucken im Mundwinkel des Fremden. Und auch wenn mir selbst nicht zum Lachen zumute war, entspannte es doch die Situation.

»Sie sind jung, nicht auf den Mund gefallen und vermutlich auch nicht auf den Kopf. Und Sie brauchen Geld«, fuhr er fort und stützte sich auf die Lehne des leeren Stuhls.

»Ich brauche kein Geld, ich verdiene genug mit meiner Arbeit«, erwiderte ich.

»Blödsinn.« Der Fremde verdrehte die Augen. »Sie haben keine vernünftige Ausbildung, keinen richtigen Job und dazu noch einen Vater zu versorgen, der im ganzen Land gesucht wird.«

Er wusste Bescheid. War er gekommen, um ihn zu holen? Aber was wollte er dann noch von mir?

»Sie werden nicht immer jung und gesund sein, Smiljan, das ist niemandem vergönnt, ganz egal wie oft man ins Fitnessstudio läuft. Wollen Sie mir erzählen, Sie könnten sich Rücklagen schaffen? Für die schlechten Tage? Und die werden kommen, Smiljan Sandhus, darauf können Sie wetten. Sie brauchen mehr Geld, als Sie jetzt verdienen, Junge. Viel mehr. Oder Sie werden höher verlieren, als Sie es sich jetzt vorstellen können.« Der Fremde ließ die Stuhllehne los und bewegte sich gemächlich auf die Wohnungstür zu. »Wenn Sie mir zustimmen, und Sie sind vielleicht klug genug, um genau das zu tun, dann habe ich einen Job für Sie. Einen guten und interessanten Job, und legal ist er auch noch. Ich gehe jetzt wieder rüber in diese Schuhschachtel, die eine Wohnung sein soll, und werde dort genau zwei Stunden auf Sie warten, Smiljan Sandhus. Das gibt Ihnen genug Zeit zum Nachdenken. Danach fahre ich ab. Zurück in mein eigenes Leben. Und Sie sehen mich nie wieder.«

Ich fand, dass das wie ein Versprechen klang, und beobachtete voller Erleichterung, wie der Fremde die Wohnungstür von außen schloss. Dann stand ich in meinem Arbeitszimmer und starrte vor mich hin. Während ich starrte, durchlief ich alle emotionalen Stadien, die einer solchen Begegnung angemessen waren. Es begann mit Empörung, die sich fast bis zur Wut steigerte, verlegte sich dann auf Verachtung gegenüber einem Fremden, der offensichtlich nichts vom Leben im Allgemeinen verstanden hatte, und schließlich begann ich zu rechnen.

»Geh da nicht hin, Junge. Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache.« Mein Vater hatte natürlich gelauscht. Und entgegen meiner Vermutung, dass er sich für den Rest des Abends im Schlafzimmer verbarrikadieren würde, stand er jetzt hier vor mir.

»Wir brauchen wirklich mehr Geld, Vater.«

»Ich hab’ doch nur eine kleine Durststrecke, Junge. Alles wird wieder gut, vertrau mir. Noch ein paar Monate und dann werde ich …«

»Du wirst gar nichts«, erwiderte ich ruhig. »Sei froh, dass alle dich am anderen Ende der Welt vermuten und nicht hier bei mir. Lass es gut sein, ich werde eine Lösung für uns finden.«

Dann ging ich duschen. Ich hatte schließlich zwei Stunden Zeit. Unter dem Strahl des warmen Wassers rechnete ich weiter, überlegte kurz, die letzten Kontoauszüge zurate zu ziehen, tat es aber als sinnlos ab. Ich kannte meinen Kontostand. Abschließend kämpfte ich noch eine Weile mit meinem Stolz. Letzterer schrumpfte auf ein Minimum zusammen, nachdem ich einen Blick in den Kühlschrank geworfen und das letzte halbe Bier getrunken hatte. Die letzte Käsescheibe aß ich ohne Brot und mit einer gehörigen Portion Selbstverachtung. Und gerade als ich den Schlüssel einstecken und die Wohnung verlassen wollte, öffnete sich die Tür des Schlafzimmers erneut.

»Wer war der Kerl überhaupt, Smiljan? Weißt du das?« Die Augen meines Vaters blickten sorgenvoll aus dem unrasierten Gesicht, der grüne Morgenmantel, den er meistens trug, wies Reste von Eigelb am Revers auf.

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

»Smiljan. Ich finde, es reicht schon, wenn ich mein Leben versaut habe. Handle du dir nicht auch noch Ärger ein.« Seine Stimme klang aufgeregt, und ich beeilte mich, ihn zu beruhigen.

»Ich höre mir an, was er zu sagen hat, und dann sehen wir weiter.«

Mein Vater runzelte die Stirn und fuhr sich durch das feine, farblose Haar. »Da geht es doch bestimmt um irgendwas Illegales.«

»Dann mach ich den Job nicht.« Er sah nicht überzeugt aus, und ich spürte, wie ich die Geduld verlor. »Ich gehe jetzt. Wenn du dich so um mich sorgst, dann stell dich hinter die Gardine. Vom Fenster aus wirst du genau beobachten können, was sich in der Wohnung gegenüber tut.«

Ich flüchtete vor weiteren Nachfragen ins Treppenhaus. Ein paar Stufen später stand ich auf dem Bürgersteig und atmete die wohlvertraute Mischung aus Nachtluft und Autoabgasen. Es war kühl, der Sommer vorbei, und irgendwo lag schon der lange, stürmische Winter auf der Lauer. Im ersten Stock des Nachbarhauses brannte noch immer die einzelne Glühbirne. Ich überquerte die Gammelgade und klingelte kurzentschlossen bei Maiberg, denn dieser Name war der einzige, der erst kürzlich mit einem Streifen Kreppband über das ursprüngliche Klingelschild geklebt worden war. Kein dänisch klingender Name, wie ich fand. Gleich darauf hörte ich den Summer und lehnte mich gegen die Tür, die sogleich aufsprang. Schon beim Eintreten in den dunklen Hausflur hörte ich die Stimme des fremden Mannes.

»Ich wusste, dass Sie kommen würden. Sie haben die richtige Entscheidung getroffen. Kommen Sie rauf.«


In der fremden Wohnung des Mannes mit dem Namen Maiberg stand tatsächlich kein einziger Umzugskarton. Hinter allen weit geöffneten Türen herrschte gähnende Leere.

»Ist das jetzt Ihre Wohnung?«, fragte ich und machte ein paar Schritte vorwärts in den Raum mit der nackten Glühbirne. Es war die Küche, wie mir die Wasseranschlüsse an der Wand verrieten.

Maiberg gab keine Antwort. Stattdessen nahm er eine Bierflasche von der Bank des Küchenfensters, eben jenes Fensters, durch das er mich beobachtet hatte, öffnete sie und reichte sie an mich weiter.

Ich zögerte, daraus zu trinken, und sagte, was mir unter der Dusche am wichtigsten erschienen war: »Sie haben von einem legalen Job gesprochen und nur deswegen bin ich hier. Wenn ich merke, dass ich für irgendwelche krummen Machenschaften benutzt werden soll, dann werde ich nicht zögern …«

Maiberg griff in die Innentasche seines Sakkos und zog ruckartig etwas heraus. Ich hielt den Atem an, doch statt einer Waffe wurde mir unvermittelt eine Fotografie vor das Gesicht gehalten. Sie zeigte ein Mädchen mit ausdruckslosem Gesicht und Mireille-Mathieu-Frisur. »Sie ist Ihr Job. Sehen Sie sie genau an, denn daraus wird Ihre Arbeit bestehen: Sie genau anzusehen. Jeden Tag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und darüber hinaus. Schaffen Sie das? Wenn Sie gerade mal ein bisschen unterrichten müssen, kann Ihr Vater für Sie einspringen. Das wäre doch eine nette Abwechslung für den alten Mann. Wo er doch nun schon seit Wochen in der kleinen Wohnung dort drüben festsitzt. Und es wird noch viel Zeit vergehen, bis Gras über seine Verbrechen gewachsen ist.«

»Mein Vater ist kein Verbrecher«, widersprach ich. »Er hatte die besten Absichten, als er das Geld seiner Kunden und Freunde anlegte. Er hatte einen todsicheren Tipp bekommen, verstehen Sie?«

»Ja, diese Art Tipps kenne ich sehr gut.« Maiberg wedelte mit der Fotografie vor meinem Gesicht herum. »Interessanterweise liegen die Tippgeber meist kurz nach dem Platzen der Seifenblase an einem fernen Strand und zählen ihre Millionen, während andere wie Ihr Vater bis zum Hals in der Scheiße stecken. Aber was rede ich. Das sind Probleme, die mich eigentlich gar nichts angehen. Mir geht es einzig und allein um sie.«

Maiberg ließ zu, dass ich ihm das Foto aus der Hand nahm. Ich betrachtete das runde Gesicht genau und schätzte das Mädchen auf etwa dreizehn Jahre.

»Das ist ein Kind«, stellte ich fest und machte Anstalten, das Bild zurückzugeben, doch Maiberg nahm es nicht zurück.

»Sie ist dreiundzwanzig.« Die Stimme des anderen knarrte nicht mehr. Sie hatte eine warme Färbung angenommen. »Und ihr Name ist Katalie.«

Dreiundzwanzig, nur fünf Jahre jünger als ich selbst. Mir fiel es schwer, das zu glauben. Das Mädchen auf dem Foto trug einen Nickipullover und eine Cordhose. Kein Mensch trug heutzutage noch Cordhosen, schon gar keine junge Frau. »Katalie. Ein seltsamer Name. Habe ich noch nie gehört.«

»Ein seltsamer Name für ein seltsames Mädchen.« Die Stimme des Mannes war noch weicher geworden, seine Gedanken schienen für einen Moment abzuschweifen, doch dann klang er wieder ganz geschäftsmäßig, als er fortfuhr: »Sie wird hier einziehen. Katalie hat diese Wohnung von ihrer Großmutter geerbt, die vor einigen Wochen im Krankenhaus verstorben ist. Ihr ganzer Besitz ging an Bedürftige, nur diese Wohnung hinterließ sie ausgerechnet ihrer Enkelin. Katalie ist fest entschlossen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Deswegen und weil es so am besten ist, werden Sie von dem Tag ihres Einzuges an ein wachsames Auge auf sie haben, verstanden?«

»Nein«, gab ich unumwunden zu. »Was bedeutet es, ein wachsames Auge auf jemanden zu haben? Wie stellen Sie sich das vor?«

Maiberg deutete auf das Fenster und hinüber zu meiner Wohnung. »Sie werden morgens nachsehen, ob sie aufsteht, werden darüber wachen, was und wie oft sie isst, werden sicherstellen, dass sie jeden Abend heimkommt und beobachten, mit wem sie sich umgibt oder anfreundet.«

Mir kam ein Verdacht. Noch einmal betrachtete ich das Foto in meiner Hand genau. »Kann sie nicht auf sich selbst aufpassen? Ist Katalie behindert oder geistig zurückgeblieben?«

»Das konnte niemals nachgewiesen werden!« Maiberg klang jetzt aufgebracht und rang die Hände, hatte sich aber Sekunden später wieder in der Gewalt. Er räusperte sich und seine Stimme klang verlegen, als er weitersprach: »Katalie ist sonderbar, ja. Ihre Art, die Dinge zu sehen, ist einzigartig. Sie ist nicht ganz von dieser Welt.« Er machte eine ausladende Geste und wirkte nun gar nicht mehr wie der weltgewandte Mann, der mir in meinem Arbeitszimmer gegenübergestanden hatte. Jede Überheblichkeit war von ihm abgefallen. »Manchmal wären wir alle gern nicht von dieser Welt, nicht wahr? Aber unser Verstand folgt allgemeinen Regeln und Gesetzen und kann gar nicht mehr anders, als immer wieder auf denselben ausgetretenen Pfaden zu wandeln, verstehen Sie? Bei Katalie ist das anders.« Seine Arme fielen herab. »Um sie herum scheint die Wirklichkeit sich zu verzerren, wenn Sie mir folgen können.« Das konnte ich nicht, und meine Mimik hatte wohl auch genau das zum Ausdruck gebracht, weswegen Maiberg einmal mehr hilflos die Hände rang und sagte: »Sie werden es erleben, junger Mann. Und dann werden Sie verstehen, wovon ich rede. Sie und ich, wir sind beschränkt in unserer Gedankenwelt, Katalie ist das nicht.« Er rieb sich über den kahlen Kopf, auf dem jetzt Schweißperlen glitzerten. »Aber genau das macht die Realität zu einem gefährlichen Ort für sie. Jemand muss ein Auge auf sie haben. Jemand, der ständig in ihrer Nähe ist. Jemand, der in ihrer Nähe lebt und arbeitet. Jemand wie Sie.«

Jetzt glaubte ich, verstanden zu haben. Und ich beschloss geistesgegenwärtig, das Beste für mich aus dem Dilemma meines Gegenübers herauszuholen. »Haben Sie einen Zettel und einen Stift?«, fragte ich Maiberg.

Der Mann zog wortlos einen teuer aussehenden Kugelschreiber aus der gut bestückten Innentasche seines Jacketts und fand in der Tasche seiner Hose die Quittung einer Tankstelle. Beides reichte er mir. Ich drückte den Zettel an die weiße Küchenwand und notierte rasch eine Reihe von Zahlen.

»Was soll das?«, fragte Maiberg.

»Das ist meine Kontonummer und die Summe, die Sie mir monatlich überweisen werden. Beginnend mit dem Monat, in dem Katalie hier einzieht.« Ich reichte den Zettel an Maiberg zurück. »Und erwarten Sie bitte nicht, dass ich für den Preis eines gewöhnlichen Kindermädchens arbeite. Dass das ein Fulltimejob ist, den Sie mir da anbieten, ist Ihnen ja wohl klar.«

Maiberg zückte nun seinerseits eine Visitenkarte, die er mir überreichte. »Und dies ist die Mailadresse, an die Sie jeden Abend einen Bericht über Katalies Tätigkeiten der vergangenen Stunden schicken werden. Ist das auch klar?«

»Völlig klar.« Ich warf einen Blick auf die Visitenkarte.

Maiberg Industries.

Ich hätte eine höhere Summe auf dem Kassenzettel vermerken sollen. »Der Betrag, den ich von Ihnen für meine Arbeit verlange …«

»Ja?« Maiberg zog eine Augenbraue hoch.

»Liegt er oberhalb oder unterhalb ihrer ursprünglichen Preisvorstellung?«

Maiberg bleckte die Zähne zu einem kalten Grinsen. »Er liegt weit unter dem, was ich zu zahlen bereit gewesen wäre.«

Mist. Aber vielleicht ließ sich noch etwas mehr aus dem Mann rausholen. »Wenn der Job sich als anstrengender als erwartet entpuppen sollte, werde ich eine Lohnerhöhung fordern.«

»Er wird viel anstrengender, als Sie es erwarten, verlassen Sie sich darauf.« Maibergs Unterkiefer verkrampfte sich grimmig.

Kapitel 2

Drei Wochen später

Missgelaunt saß Tom Sawbarn am Steuer seines Kleintransporters und rumpelte viel zu schnell über den ausgefahrenen Kiesweg. Die leuchtenden Ziffern am Armaturenbrett ließen ihn wissen, dass es stramm auf fünf Uhr morgens zuging. Was für eine verschwendete Nacht, was für eine sinnlose Herumfahrerei, was für eine alberne Idee. Rund um Esbjerg gab es die herrlichsten Strände, aber nein, sie mussten ja die Küste hochfahren, bis zu dem einen, dem besten, dem vielversprechendsten aller Strände.

»Da vorne musst du abbiegen, Tom. Gleich dort drüben bei den zwei niedrigen Kiefern ist der nächste Parkplatz«, rief Kalle vom Beifahrersitz aus und fuchtelte mit seiner Hand vor Toms Gesicht herum. Kalle stank nach Schweiß, Frittenfett und Armut und wechselte nie seine Jogginghose oder seinen Pullover mit dem aufgedruckten Maskottchen eines Möbelhauses. Kalle war eine Nervensäge und hatte immer wieder blöde Einfälle, so blöde wie eben diesen. Aber er war noch immer einer von Toms besten Freunden. Und war es etwa Kalles Schuld, dass in seinem Leben seit ihrer gemeinsamen Schulzeit alles schiefgelaufen war? Manches war schon seine Schuld, dachte Tom und bog auf den nahezu verlassenen Parkplatz vor den grasbewachsenen Dünen ein. An der Einfahrt zu dem steinigen Platz wuchsen wenige krüppelige Kiefern und warfen bizarre Schatten im Mondlicht.

Manches war ganz eindeutig Kalles eigene Schuld gewesen. Vielleicht nicht der Verlust seines ersten Jobs, aber der Verlust aller folgenden schon. Vielleicht nicht das Scheitern seiner letzten Ehen, doch das der allerersten schon. Und jetzt hatte Kalle aufgegeben. Nicht alles und nicht völlig, aber die Dinge, auf die es Toms Meinung nach ankam, die hatte Kalle endgültig hinter sich gelassen. Das Streben nach einem festen Wohnsitz beispielsweise, die Suche nach einer Arbeit, einer richtigen Arbeit, die ihn ernähren und kleiden konnte. Stattdessen unternahm er Ausflüge wie diesen hier und Tom half ihm auch noch dabei.

»Nur ein anderes Auto zu sehen«, sagte Kalle und spähte hinaus auf den vom Vollmond beschienenen Parkplatz inmitten der Dünenlandschaft. »Das gehört sicher ein paar Teenagern, die sich gerade nackt und eng umschlungen durch die Dünen wälzen.«

Tom bezweifelte das. Der Strand am Gammelgab wurde selbst bei Tage nur von wenigen Sonnenanbetern heimgesucht, er lag weiter abseits der Ferienhäuser als die beliebten Touristenstrände. Und jetzt, da die Sommersaison vorbei war und die ersten kühlen Herbstnächte Einzug hielten, hatte dieser Ort auch für die einheimischen Liebespaare an Reiz verloren.

Kalles guter Laune tat der verlassene Wagen, der ganz vorn am Dünenweg geparkt war, keinen Abbruch. »Wir sind konkurrenzlos, Tom. Alles, was wir heute Nacht finden, gehört uns.«

Sein Freund schlug ihm mehrmals hintereinander auf die Schulter und riss die Beifahrertür auf. Tom zog den Zündschlüssel ab und stieg ebenfalls aus. Augenblicklich fuhr ihm der Wind durch das schwarze Haar und zerzauste es. Im Gegensatz zu Kalle, der jetzt mit Ende dreißig fast kahl war, hatte Tom sein volles Haar behalten.

»Der Wind steht richtig«, jubelte Kalle, schlug die Wagentür zu und marschierte zielstrebig in Richtung eines mit Stroh ausgelegten Pfades, der sie durch die Dünen zum Meer führen würde.

»Der Wind schon«, rief Tom und folgte dem Freund mit schnellen Schritten. Bald hatte er ihn eingeholt und fuhr etwas gedämpfter fort: »Aber abgesehen von der Windrichtung ist so ziemlich alles verkehrt. Es ist noch viel zu warm, um wirklich etwas zu finden. Dunkel ist es auch noch.«

»Es wird schon hell werden«, erwiderte Kalle. »Wird es jeden Tag. Und heute werden wir die ersten an der Wasserlinie sein. Alles gehört uns. In Blåvand hat man mir versichert, dass man mir alles abkaufen würde, was ich zusammenbringe.«

»In Blåvand? Du warst also wieder bei Sven«, stellte Tom fest und verdrehte die Augen. Sven hatte ebenfalls mit ihm und Kalle die Schulbank gedrückt. Und genau wie Tom hatte Sven, wann immer Kalle stinkend und hungrig bei ihm auftauchte, das Gefühl, seinem Freund aus Kindertagen irgendwie helfen zu müssen. Obwohl Sven als Juwelier seinen Bernstein längst zu günstigen Konditionen aus Russland bezog, kaufte er Kalle dessen Funde noch immer für viel zu viele Kronen ab.

»Diese Gegend ist perfekt für Bernstein.« Kalle verließ den mit Stroh ausgelegten Strandweg zugunsten eines Trampelpfades und erklomm die erste Düne. »Hier habe ich vor zwei Jahren meinen größten Bernstein gefunden. Und noch viele andere schöne Brocken.«

»Es ist nicht kalt genug für Bernstein. Und Sturm wäre besser als das bisschen Wind, das weiß doch jeder.«

Tom kam das ganze Unternehmen noch immer blödsinnig vor. Er wusste, dass der Bernstein bei niedrigen Wassertemperaturen nach oben getrieben und durch Sturm bis an die Küste gespült wurde. Der Sommer war keine gute Zeit zum Bernsteinsuchen, auch der frühe Herbst war es nicht. Je schlechter das Wetter, umso besser die Chancen auf Bernstein. Warum kurvte er also mehr als eine Stunde in aller Herrgottsfrühe durch die Landschaft, um Kalle an seinen Bernsteinstrand zu bringen, wo sie jetzt im September und ohne Sturm kaum fündig werden würden? Er konnte verstehen, dass Kalle lieber die unsinnigste und unproduktivste Arbeit auf sich nahm, als um Geld betteln zu müssen. Er konnte verstehen, dass es einen Rest von Stolz unter Kalles Dreckschicht gab, Stolz, den er hegte und pflegte, um ihn nicht auch noch zu verlieren. Aber dass er, Tom Sawbarn, ein hart arbeitender Gastwirt aus Esbjerg, deswegen um seinen Schlaf gebracht wurde, das sah er nicht ein. Rebecca hatte eben doch recht gehabt, als sie ihn vor Ausflügen mit Kalle gewarnt hatte. Der Schlafmangel würde ihm den Rest des Tages zu schaffen machen.

Der volle Mond hing wie ein großer, gelber Käse über den Dünen, die, je näher sie dem Wasser kamen, an Bewuchs einbüßten und in sandigem Weiß schimmerten. Tom konnte die Brandung des Meeres bereits hören, ohne den Strand zu sehen. Sie war nicht laut genug. Es würde kein guter Morgen für Bernstein werden, der, leicht wie er war, auf dem Wasser schwimmend den Strand erreichte und sich dadurch von allen anderen Steinen unterschied. Doch heute würde es außer Treibholz, Tang und leeren Eikapseln nichts zu finden geben. Aber vielleicht fand sich im Müll des Meeres ja etwas anderes Brauchbares, das Kalle zu Geld machen konnte. Irgendetwas, das dieser Aktion einen Sinn gab.

In diesem Moment entdeckte Tom die beiden Gestalten im Dünental zu seiner Linken. Und kaum, dass er wirklich begriffen hatte, was er dort sah, sank er schon in die Hocke und zog Kalle mit sich.

Kalle war nicht dumm. Er stellte keine Frage, ging kommentarlos zwischen dem lichter werdenden Strandgras in Deckung und spähte vorwärts. Tom suchte den Blick des Freundes und tippte sich vielsagend an das linke Ohr. Zum Rauschen des Meeres hatten sich die angestrengt klingenden Flüche eines Fremden gesellt. Die gesprochenen Worte endeten so abrupt, wie sie begonnen hatten. Stille folgte.

»Was geht da vor?«, raunte Kalle schließlich und machte Anstalten, sich aus der Hocke zu erheben.

Tom hielt ihn zurück. »Da vorn ist jemand. Da scheint etwas sehr Eigenartiges vor sich zu gehen.« Dieser Jemand war seiner Meinung nach ein Mann. Ein Mann, der etwas hinter sich herzog. Und dieses Etwas hatte Tom stark an einen schlaffen menschlichen Körper erinnert.

»Was meinst du damit?« Kalles Stimme war auf minimale Lautstärke herabgesunken, während er selbst jetzt den Hals reckte, um mehr sehen zu können. »Braucht jemand Hilfe?«

Tom schüttelte den Kopf. Die Gestalt vor ihnen hatte ihre Last nicht in Richtung Parkplatz geschleppt, sondern tiefer in die Dünen, fort von der Zivilisation. Was immer sich dort abspielte, sollte bestimmt in aller Heimlichkeit geschehen. Tom glaubte nicht, dass Zeugen wie er und Kalle zu diesem Zeitpunkt sehr willkommen gewesen wären. »Ich glaube, da schleppt jemand einen Toten mit sich herum«, erklärte er seinem Freund die Lage.

»Ach du Scheiße«, raunte Kalle zurück. Er schien angestrengt nachzudenken. Dann sagte er: »Jemand, den wir kennen?«

»Woher soll ich das wissen, kenn’ ich ganz Dänemark persönlich, oder was?«, zischte Tom. »Außerdem habe ich die zwei doch nur für eine Sekunde gesehen.«

In diesem Moment tauchte die Gestalt vor ihnen auf der Kuppe einer höher gelegenen Düne auf. Noch immer zog sie einen reglosen menschlichen Körper hinter sich her. Tom warf Kalle einen raschen Blick zu und stellte fest, dass sein Freund die Situation ähnlich einschätzte wie er selbst. Kalles Augen waren vor Entsetzen geweitet, seine linke Hand hielt er sich vor den Mund gepresst.

»Duck dich tiefer«, befahl ihm Tom.

Und während er selbst jetzt fast mit der Nase im Strandsand verschwand, sah er aus den Augenwinkeln, dass Kalle sich sogar noch weiter streckte, um einen besseren Blick auf das nächtliche Schauspiel zu haben.

Gleich darauf hörte er seinen Freund flüstern. »Ich glaube, du hast hast Recht, Tom. Der zieht wirklich eine Leiche durch die Landschaft. Und jetzt, jetzt …«

Kalles Gestammel war mehr, als Tom vertragen konnte. Auch wenn es ihm leichtsinnig erschien, hob er den Kopf, um zu sehen, was Kalle beobachtete, und stellte fest, dass die Silhouette des Mannes, jetzt scheinbar von aller Last befreit, Schritt für Schritt hinter dem Dünenkamm verschwand.

»Was ist passiert?«, wollte Tom wissen.

»Er hat den anderen einfach die Düne runtergeschubst und läuft nun seelenruhig hinterher«, stellte Kalle fest. »Da kullert gerade ein Toter über den Nordseestrand, ist das zu fassen? Ob er den hier draußen verbuddeln will? Den findet hier dann sicher keiner mehr wieder.«

Doch, dachte Tom. Wenn die Dünen weiterwandern, dann wird man ihn finden. Aber das konnte eine ganze Weile dauern. Laut sagte er: »Was sollen wir denn jetzt machen?«

»Abhauen natürlich«, antwortete Kalle. »Nur schade um den schönen Bernstein am Strand und all das Benzin, das du heute Nacht ganz umsonst verfahren hast.«

»Abhauen? Ist das dein Ernst? Da vorne entsorgt jemand den Körper eines Menschen zwischen den Dünen. Da können wir uns doch nicht einfach umdrehen und abhauen.« Doch schon wich Toms Empörung plötzlicher Klarheit. Natürlich mussten sie abhauen. Auf direktem Wege mussten sie zur nächsten Polizeistation fahren und dort berichten, was sie hier im Gammelgab beobachtet hatten. Das Kennzeichen des zweiten verlassenen Wagens auf dem Parkplatz würde er sich vorsorglich notieren, wenn sie wieder daran vorbeikämen. Es könnte die Polizei direkt zum Täter führen.

»Polizei«, entfuhr es ihm, und schon wollte er den Weg zurückkriechen, den sie gerade erst gekommen waren.

Doch Kalle hielt ihn zurück. »Gute Idee, Tom. Aber ich geh’ lieber allein. Ich nehme dein Auto und hole die Polizei hierher. Du beobachtest, was sich hier weiter tut. Ohne Leiche glaubt uns das hier nämlich niemand. Wir müssen wissen, was er mit dem Toten macht.«

»Wieso fährst du zur Polizei?«, begehrte Tom auf. »Wieso nicht ich? Es ist mein Auto.«

»Schere, Stein, Papier«, flüsterte Kalle und hob die Hand.

Einen Augenblick später hatte sein Stein Toms Schere geschlagen, und noch einen Augenblick später sah Tom seinen Freund den Weg zum Parkplatz zurückschleichen. Wie dumm, dass er Kalle nicht geraten hatte, sich das Kennzeichen des fremden Wagens zu notieren.

Noch immer rauschte das Meer. Er beobachtete abwechselnd den Zeiger seiner Armbanduhr und die Kuppe der Düne, hinter der der Mann mit der Leiche verschwunden war. Wenn der Kerl den Toten noch tiefer in die Dünenlandschaft zerren wollte, dann müsste seine Gestalt so langsam auf einem der weiter entfernten Dünenkämme auftauchen, oder etwa nicht? Vergrub er den Toten bereits in einer Senke? Und wenn ja, womit?

Tom dachte angestrengt nach, doch er konnte sich nicht erinnern, eine Schaufel bei dem Mann gesehen zu haben. Grub der Kerl etwa mit den bloßen Händen? Dann könnte die Polizei doch noch rechtzeitig genug eintreffen, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Was aber, wenn der Mann einen ganz anderen Plan verfolgte?

Plötzlich fröstelte Tom. Er hockte hier noch immer auf dem Trampelpfad, der vom Strandweg zur Wasserlinie führte. Dieser Weg war nur einer von vielen im Gewirr der Dünen, doch wenn jemand zu eben jenem Parkplatz zurückkehren wollte, dann war es nicht unwahrscheinlich, dass er hier entlangkam, um zu seinem Fahrzeug zu gehen. Hier, zwischen den Dünen, konnte der Fremde sich ihm von allen Seiten nähern: von links, rechts, vorn oder …

Tom blickte sich hektisch um. Er war ganz allein. Aber er saß auf dem Präsentierteller und musste wachsam bleiben. Noch zweimal drehte Tom sich in der Hocke um die eigene Achse, um alle Himmelsrichtungen im Blick zu haben. Dann war er es leid. Die Rolle des Verfolgten lag ihm nicht, lieber war er der Verfolger, und solange er noch nicht entdeckt worden war, befand er sich klar im Vorteil. Es war an der Zeit, diesen zu nutzen.

Langsam und auf allen vieren kroch Tom durch das stachelige Strandgras. Keinesfalls wollte er auf sich aufmerksam machen, indem er aufstand und, wie der Kerl mit der Leiche zuvor, eine scharfe Silhouette im Mondlicht abgab. Er krabbelte vorwärts, bis es plötzlich steil bergab ging. Ein kleines Stück ließ er sich den Hang hinunterrutschen, dann kam er auf die Füße und lief bis zum tiefsten Punkt des Dünentals. Kalter, weicher Sand rann ihm in die Turnschuhe, machte sie schwer und unbequem, doch Tom ignorierte es. So schnell er konnte, erklomm er die nächste Düne und spähte wie ein Indianer auf dem Kriegspfad vorsichtig über den Kamm. Vor ihm breitete sich ein weiteres Dünental aus weißem Sand aus. Und unter ihm, dort wo der steile Hang endete, lag eine menschliche Gestalt und rührte sich nicht.

Der Tote, dachte Tom und hielt nach dem Mann Ausschau, der die Leiche hierhergeschleppt hatte, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Inzwischen war die Nacht so weit vorangeschritten, dass der Himmel von Nachtblau in ein Bleigrau zu wechseln drohte. Tom konnte immer mehr Einzelheiten wahrnehmen und erkannte, dass der Körper unten im Dünental einen schwarzen Anzug, schwarze Schuhe und ein weißes Hemd samt Fliege trug. Er war gekleidet, als wäre er noch Stunden zuvor Teil einer vornehmen Abendgesellschaft gewesen. Tom begann sich zu fragen, warum der Fremde diesen Anzugträger bis hierher geschleppt hatte, um ihn dann einfach liegen zu lassen. Hatte er keine Zeit mehr gehabt, sein Opfer zu vergraben? Oder war der Mann da unten gar kein Opfer? Lebte er vielleicht sogar noch?

Tom kniff die Augen zusammen. Der Kerl unter ihm rührte sich nicht. Tom zählte bis zehn. Dann traf er eine Entscheidung. Er würde sich vergewissern. Rutschend erreichte er nur einen Augenblick später die Gestalt, die reglos im Sand lag, und beugte sich über sie. Während er mit der einen Hand nach dem Puls am Hals tastete, wanderte sein Blick immer wieder unruhig zum Dünenkamm hinauf. Was, wenn der andere doch noch zurückkehrte?

Nach einer gefühlten Ewigkeit war er sich sicher, dass der Kerl vor ihm im Sand keinen Puls mehr besaß. Der Körper war auch schon recht kalt und von seiner Kleidung ging ein deutlicher Uringeruch aus. Tom betrachtete das schmale Gesicht des Enddreißigers mit dem albernen Oberlippenbärtchen genauer. War er dem Typ nicht irgendwo schon einmal begegnet? Vielleicht in seinem eigenen Café? Nein, dort verkehrten einfache Leute, keine Männer mit Oberlippenbart im schwarzen Anzug. Und trotzdem kam ihm der Kerl irgendwie bekannt vor. Da bemerkte Tom auf Brusthöhe des Mannes eine Ausbuchtung im schwarzen Anzugstoff. Der Tote trug etwas in der Innentasche seines Jacketts spazieren. Vielleicht ein Handy oder eine Brieftasche, möglicherweise etwas, das Tom Aufschluss über die Identität des Mannes gab?

Er zögerte nur kurz. Dann schob er seine Hand zwischen Hemd und Revers, ertastete im Innenfutter die gesuchte Tasche und zog einen Gegenstand heraus. Das Ding sah aus wie ein Zigarettenetui. Tom war enttäuscht. Ohne sich etwas davon zu versprechen, ließ er das silberne Etui aufschnappen und blickte auf ein zusammengefaltetes Taschentuch, das einen seltsamen Geruch verströmte. Tom konnte sich keinen Grund vorstellen, warum jemand ein feuchtes und müffelndes Taschentuch in ein Zigarettenetui sperren sollte. Gerade wollte er das Kästchen schließen, um es zurückzustecken, als er instinktiv spürte, dass er nicht mehr allein war.

»Was machen Sie denn da?«, fragte eine fremde Stimme hinter seinem Rücken.

Tom fuhr zusammen, sprang auf die Füße und sah sich um. Die Stimme war vom oberen Rand der Düne her gekommen. Schon sah er eine einsame Gestalt, die sich ihm rutschend näherte. Ein Mann, groß gewachsen und auffallend dünn. Er kam allein und trug einen Benzinkanister in der linken Hand. Tom erkannte augenblicklich die Gestalt wieder, erkannte in ihr den Mann, der gerade diesen toten Körper mit sich geschleift hatte. Jetzt durfte er keinen Fehler machen, durfte nichts Falsches sagen. Der Mann könnte ein Mörder sein. Ein Mörder, der in Ermangelung einer Schaufel beschlossen hatte, sein Opfer mit Benzin zu übergießen und zu verbrennen. Was sollte einen solchen Kerl davon abhalten, einen weiteren Mord zu begehen, um einen lästigen Zeugen zu beseitigen? Tom öffnete den Mund, um eine Lüge zu erfinden, irgendeine Erklärung dafür, was er hier tat.

Doch der Fremde kam ihm zuvor. »Tom? Bist du das etwa? Junge, ich glaube, du hast gerade einen schlimmen Fehler gemacht.«


Nur wenig später in der Havnegade in Esbjerg

Seit einer geschlagenen Stunde versuchte Marta Jorgensen vergeblich, ihren Hausarzt zu erreichen. Natürlich waren die frühen Morgenstunden keine Zeit, um einen schwer arbeitenden Mann aus dem Bett zu klingeln. Doch die einzige Alternative für Marta war, eines der Krankenhäuser von Esbjerg aufzusuchen, und das war etwas, was sie unter gar keinen Umständen wollte.

Etwa seit Mitternacht hatte sich Marta nicht recht wohlgefühlt. Zunächst hatte sie an den Anflug einer Grippe geglaubt, denn die Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen inklusive einer schnell ansteigenden Körpertemperatur waren wie aus dem Nichts über sie hereingebrochen. Doch von einer Grippe ließ sie sich nicht Bange machen. Marta Jorgensen war achtundsiebzig Jahre alt, dies war nicht ihre erste kleine Influenza. Mit einer Grippe gehörte man eben ins Bett und in ein paar Tagen würde dann alles wieder gut sein.

Doch als sie weit nach Mitternacht aus dem Schlaf aufgeschreckt war, hatte sie am ganzen Körper gezittert und die Lymphknoten in Achseln und Leisten waren zwischenzeitlich so groß und so hart geworden wie Hustenbonbons. Kurz darauf hatte Martas Sehfeld angefangen, sich zu verzerren, und das war der Moment gewesen, in dem sie eingesehen hatte, dass sie dringend Hilfe benötigte. Nichtsdestotrotz war ein Krankenhaus der letzte Ort, in dem Marta sich wiederfinden wollte. Krankenhaus war für sie gleichbedeutend mit Endstation. Noch nie war jemand, den sie gekannt hatte, gesünder aus einem Krankenhaus herausgekommen, als er es betreten hatte. Man ging mit einer lästigen Blasenentzündung hinein und kam mit einer Krebsdiagnose wieder heraus. Da konnte man mal sehen, was Krankenhäuser den Menschen antaten.

Mit zitternden Fingern wählte sie erneut die Nummer ihres Hausarztes Jonas Bager. Er musste doch längst zu Hause in seinem Bett liegen. Aber der Mann schien einen gesunden Schlaf zu haben. Nach einer Weile sprang, wie schon bei den Versuchen zuvor, der Anrufbeantworter an, der sie aufforderte, eine Nachricht zu hinterlassen. Bis zu diesem Moment war Marta dieser Aufforderung nicht nachgekommen. Was sie wollte, war einen Arzt, nicht die Möglichkeit, eine Nachricht zu hinterlassen. Jetzt aber, gepeinigt vom Schüttelfrost, kam sie der Bitte nach.

»Marta Jorgensen hier. Jonas, ich fühl mich, als ob ich sterben muss. Kommen Sie schnell und bringen Sie etwas von diesem Antispirin mit oder wie das Zeug heißt.«

Marta hustete ein paar Spritzer Blut auf das Telefon und legte auf. Kein Aspirin und kein Antibiotikum konnten ihr jetzt noch helfen. Doch das wusste sie natürlich nicht. Der Gedanke kam ihr erst, als das Atmen von Moment zu Moment anstrengender wurde. Jetzt wählte sie den Notruf, kam aber nur noch bis zur zweiten Ziffer. Ein Ende im Krankenhaus blieb Marta Jorgensen erspart.

Kapitel 3

»Sie streicht die Wände schon wieder um«, hörte ich meinen Vater sagen, der mit einem hellblauen Plastikfeldstecher vor den Augen an der Gardine vorbei aus dem Fenster spähte. Das Fernglas, das er dabei nutzte, hatte ich noch vor Katalies Einzug in einem Spielwarenladen in der Innenstadt erstanden. Obwohl es sich um billigen Schrott aus dem Reich der Mitte handelte, war es uns bei der täglichen Überwachung unserer Zielperson eine kleine Hilfe. Es verriet uns Details aus der gegenüberliegenden Wohnung, die uns ansonsten verborgen geblieben wären.

»Welche Farbe ist es diesmal?«, fragte ich und biss in mein geröstetes Weißbrot, auf dem die noch warme Leberpastete fettig glänzte. Endlich hatten wir wieder einen vollen Kühlschrank, endlich gab es alles, worauf wir gerade Lust und Appetit hatten. Und diesen Luxus verdankten wir der kleinen Katalie. Kaum zu glauben, wie leicht man sein Geld verdienen konnte. Hier saß ich an meinem Schreibtisch und genoss das Leben, sah gelegentlich nach Katalie und den anhaltenden Bussen und schrieb auch hin und wieder einen Brief für die Kummerkastentante der Daisy. Bei Lasse im Antiquariat und auch im Fitnessstudio ließ ich mich immer seltener sehen. Durch Maiberg verdienten wir genug, um uns kleine und größere Wünsche erfüllen zu können. So konnte es weitergehen.

»Die Grundfarbe bleibt erhalten. Sie bereichert das Grün lediglich um eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Blumen. Vielleicht sollten wir dem Kind ein Malbuch schenken. Anonym, versteht sich. Wir könnten es nachts in ihren Briefkasten werfen.«

Meinem Vater war die Kleine bereits ans Herz gewachsen. So wie jedem anderen im näheren Umkreis, wie es mir schien. Es war kaum zu glauben, aber ich hatte Jahre hier an der Gammelgade gewohnt, bevor ich auch nur den Vornamen meiner direkten Nachbarin erfuhr. Katalie hingegen kannte nach drei Wochen scheinbar jeden, grüßte jeden und wurde von jedem gegrüßt. Morgens saß sie auf den Gehwegplatten vor dem Haus und erwartete den Briefträger. Obwohl er so gut wie nie Post für sie hatte, bekam er von ihr eine Tasse Kaffee aus der Thermoskanne und ein paar nette Worte, auch bei Regenwetter.

Kaum anders erging es dem Zeitungsboten, dem alten Schuster, der regelmäßig mit seinem Gehwägelchen die Gammelgade kreuzte, und der Kioskbesitzerin an der Ecke, die es immer eilig zu haben schien, sowohl vor als auch nach den Öffnungszeiten. Katalie saß häufig auf der Stufe zur Gammelgade 104, um die Herzen aller Nachbarn im Sturm zu erobern. Und ich als ihr Chronist durfte Zeuge dieses Siegeszuges werden, ohne dass sie mich auch nur zur Kenntnis nahm. Unbemerkt hatte ich, nein: hatten wir, stets ein wachsames Auge auf sie. Es schien fast, als wären wir hinter den gegenüberliegenden Fenstern kein Teil ihrer Welt, und wir legten auch keinen Wert darauf, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Eine gewisse Distanz machte es mir leichter, meinem Arbeitgeber gegenüber loyal zu bleiben. Und mein Arbeitgeber war Maiberg. Der Mann, der einmal täglich von mir einen knappen Bericht über Katalies Aktivitäten erhielt. Den Bericht lieferte ich bereits gewohnheitsmäßig gegen achtzehn Uhr per Mail ab. Aufregendes gab es meist nicht zu berichten. Katalie erwies sich als äußerst pflegeleicht. Sie verbrachte viel Zeit in ihrer Wohnung oder auf der Stufe zum Hauseingang und ging nur selten aus.

In den ersten Tagen meiner Überwachung war ich ihr nie gefolgt. Maiberg hatte schließlich keine Außer-Haus-Beschattung bei mir bestellt, ihm war es wichtig gewesen, dass ich Katalie in ihrem Heim im Auge behielt. So hatte ich zunächst nur die Zeiten notiert, wenn sie fortging und wenn sie wieder heimkehrte. Inzwischen aber hatte ich mir angewöhnt, sie gelegentlich auf ihren Streifzügen zu begleiten und ihr Treiben zu beobachten. Diese Beschattungen erwiesen sich als erstaunlich abwechslungsreich. Denn Katalie sammelte nicht nur Herzen, sie sammelte auch eine Menge anderer Dinge. Garagenflohmärkte und Haushaltsauflösungen zogen sie nahezu magisch an. Und nach und nach füllte sie die gegenüberliegende Wohnung mit einem Sammelsurium an Möbeln, die sie tapfer nach Hause schleppte. Oder schleppen ließ. Zwei Tage nach ihrer Ankunft in der Gammelgade war sie nach einem ihrer Ausflüge mit einem Bauernschrank und zwei dazugehörigen Möbelpackern wiederaufgetaucht. Mit letzteren hatte sie bis spät in den Abend mit Chips und Cola gefeiert. Ein ganzes Rudel von Helfern hatte ihr nur einen Tag später eine wirklich scheußliche Einbauküche von rotzgelber Farbe in die Wohnung geschleppt, alle Hänge- und Unterschränke aufgebaut und die nötigen Installationen getätigt. Trotz jetzt funktionierendem Herd servierte sie auch diesen Helfern Cola und Chips. Überhaupt war ihre Ernährung ein Punkt, den ich als recht bedenklich empfand. Während eine meiner wenigen Schwächen die warme Leberpastete war, bestand Katalies gesamte Ernährung aus fettigen und übersüßten Speisen. Die Bäckereien und Fast-Food-Restaurants der näheren Umgebung mussten durch sie einen wahren Aufschwung verzeichnen. Akribisch hatte ich Maiberg in meinen täglichen Berichten auf diesen Umstand hingewiesen, was vermutlich dazu geführt hatte, dass Katalie jetzt regelmäßig mit Gemüse beliefert wurde. Dies ließ sie erst vergammeln und entsorgte es danach im Müll. Maiberg mochte in der Lage sein, Katalie nahrhafte Kost zu schicken, aber er konnte nicht dafür sorgen, dass sie sie auch aß.

Auf ihren Spaziergängen erfuhr ich weit mehr über Katalies Vorlieben und Gewohnheiten als durch das Spähen in ihre Fenster. Ich kannte jetzt bereits ihr Lieblingscafé und ihre Lieblingseisdiele, ein Ort, an dem sie skrupellos die seltsamsten Geschmacksrichtungen in ein und derselben Waffel vereinte. Wer hatte je zuvor gehört, dass man Lakritz-Eis mit Eischnee und Marmelade genießen konnte?

Überrascht hatte mich die Kleine, als sie in ihrer zweiten Woche einen Job bei Brugsen am nördlichen Ende der Gammelgade annahm. Akribisch und mit einer unglaublichen Ruhe hatte sie einen Nachmittag lang die Regale im Supermarkt mit frischen Waren bestückt, und trotz ihres Schneckentempos schien man dort von ihr entzückt zu sein, weswegen sie wohl zukünftig jeden Freitag dieser Beschäftigung nachgehen würde.

»Sie hat genug vom Malen«, hörte ich meinen Vater sagen, der das Fernglas absetzte und zu mir an den Schreibtisch kam, wo ich noch immer mein Frühstück einnahm. »Sie hat sich umgezogen.«

»Was trägt sie?«, wollte ich wissen und schob mir den letzten Rest meiner warmen Leberpastete in den Mund.

»Das bunt gestreifte Sommerkleid und die rosa Ballerinas.« Mein Vater lächelte milde, und sein früh gealtertes Gesicht hellte sich auf. »Sie sieht richtig süß aus.«

»Dann geht sie bummeln«, stellte ich fest. Vor einigen Tagen war mir aufgefallen, dass Katalies Garderobe bestimmten Gesetzen folgte. Zur Arbeit im Supermarkt trug sie ausschließlich Blautöne. Hatte sie vor, den Tag in ihrer Wohnung zu verbringen, bevorzugte sie Kleidung in knalligem Rot, und ein buntes Outfit deutete stets auf eine Einkaufstour und einen Cafébesuch hin.

»Sie nimmt die Hundeleine mit«, ergänzte mein Vater in diesem Moment.

Ich gab ein abfälliges Schnauben von mir. Die Hundeleine gehörte zu den Dingen, die wirklich seltsam waren. Verhielt Katalie sich ansonsten fast wie ein ganz normaler Durchschnittsmensch, so war es eben diese Hundeleine, die mir und jedem anderen klar verriet, dass mit diesem Mädchen etwas nicht stimmte. Die Leine war aus dunkelgrünem Leder und etwa drei Meter lang. Zu jedem ihrer Spaziergänge wickelte sich Katalie die Schlaufe um ihr Handgelenk. Das andere Ende, das mit dem glänzenden Karabiner, war an einem enorm großen Halsband befestigt, und jetzt kam das eigentlich Bemerkenswerte: In diesem Halsband fehlte das Tier. Tag für Tag zog Katalie ein leeres Halsband an einer Hundeleine hinter sich her, wenn sie die Wohnung verließ. Man konnte sich vorstellen, welche Blicke sie von Passanten erntete, die sie noch nicht kannten, doch Katalie grüßte nur höflich und zog mit ihrer Hundeleine an ihnen vorbei. Erwähnte ich schon, dass sie mich niemals grüßte? Der Grund dafür war einfach: Da ich stets hinter ihr ging, lief ich nie Gefahr, Katalie entgegenzukommen. Und was hinter ihr lag, existierte genauso wenig für sie wie unsere gegenüberliegenden Fenster. Sie wandte sich niemals um.

»Willst du ihr heute wieder nachgehen?«, fragte mein Vater und sah aus dem Fenster. »Sie verlässt jetzt die Wohnung.«

»Ja«, erwiderte ich, entschied rasch, dass in den kommenden vier Bussen jeweils elf Fahrgäste zusteigen würden und erhob mich von meinem Schreibtisch. Ich hatte bereits drei Weißbrotscheiben mit warmer Leberwurst verdrückt und fand, dass ein wenig Bewegung mir nicht schaden konnte.

So nahm ich meine gefütterte Jacke vom Haken und griff mir mein Belegexemplar der Daisy. Für gewöhnlich las ich den Käse, den ich selbst und andere für dieses Blättchen verfassten, nicht. Doch während der Beschattung stellten sich manchmal Wartezeiten ein, die ich mit der Daisy überbrücken konnte.

In dem Moment, als ich meine Wohnungstür hinter mir zuzog, öffnete sich die der Nachbarwohnung, und Fridegard Mortensen erschien auf ihrer Fußmatte, in den Händen einen prall gefüllten Müllbeutel.

»Ach bitte, Smiljan, wärst du so gut, das hier für mich zu den Tonnen zu tragen? Meine Knie wollen heute nicht so recht.«

Die Knie von Fridegard wollten eigentlich nie so recht, was daran lag, dass ihr Lebendgewicht jenseits der Hundertkilogrenze bei nur recht bescheidener Körpergröße lag. Von unserer ersten Begegnung an hatte ich mir strikt untersagt, ihr diesbezüglich Ratschläge zu erteilen, denn ich ging davon aus, dass sie bereits genug Diättipps und andere unaufgeforderte, aber gut gemeinte Kommentare aus ihrem Umfeld erhielt. Für mein Schweigen und das Erledigen kleiner Gefälligkeiten wurde ich ab und an mit einer kulinarischen Köstlichkeit aus ihrer Küche belohnt, und wer einmal von Fridegards Buttercreme genascht hatte, der wusste, warum sie so war, wie sie war.

»Kein Problem«, gab ich zur Antwort und griff schon nach den zusammengeknoteten Plastikzipfeln am Beutel, als sie plötzlich ausrief:

»Hast du denn diesmal deinen Fernseher ausgemacht?«

Mit fragendem Unterton wiederholte ich arglos: »Fernseher?«

»Ja, oder vielleicht ist es auch ein Radio. In letzter Zeit höre ich oft Stimmen und Musik aus deiner Wohnung, auch wenn du gar nicht da bist.«

Ich verfluchte meinen Vater insgeheim und nuschelte etwas von einem defekten Gerät, das sich selbst einschaltete.

Fridegard hob erstaunt die gezupften Brauen. »Ach? So etwas kann wirklich passieren? Was es nicht alles gibt.«

Ich beeilte mich, ihr den Beutel zu entwinden und rannte die Treppe hinunter, entsorgte den Müll in einer der Tonnen im Hinterhof und stand kurz darauf allein auf der Hauptstraße. Die Gammelgade lag still da, Nebelfetzen trieben an ihrem Ende dahin, von Katalie fehlte jede Spur. Ich hob den Kopf und sah zu meinen Fenstern empor. Oben stand mein Vater, halb verdeckt von einer Gardine, und deutete in eine Richtung. Ich folgte seinem Fingerzeig und entdeckte bald darauf die Hundeleine samt Halsband, die fürsorglich an einen Fahrradständer geknotet worden war. Katalie stattete dem Kiosk einen Besuch ab.

Durch das mit Plakaten fast ganz ausgefüllte Schaufenster beobachtete ich, wie sie eine Auswahl an Schokoriegeln bezahlte. Schon fast gewohnheitsmäßig trat ich in den nächsten Hauseingang und wartete dort ab, bis ich ihre Schritte auf dem Gehweg hörte. Diesen und dem Schleifen der Hundeleine auf den Steinen lauschte ich, bis es leiser wurde. Jetzt trat ich aus meinem Versteck und folgte ihr mit einigem Abstand.

Der Herbsttag war nasskalt. Wir begegneten nur wenigen Menschen, und die meisten kannten Katalie und ihre Hundeleine bereits. Sie grüßten freundlich und hasteten an uns vorbei, einem warmen Heim oder Arbeitsplatz entgegen.

Katalie und ihre Leine hüpften vor mir her über die Gehwegplatten. Nach einigen Minuten erreichten wir das Sukkertop-Café und Katalie mühte sich ab, die Leine um den Fahnenmast nahe der Eingangstür zu knoten. Glöckchen bimmelten, als sie im Innern verschwand. Wie immer, wenn Katalie das Sukkertop besuchte, wechselte ich die Straßenseite, um mir in der gegenüberliegenden Kneipe einen Fensterplatz zu suchen. Das Bier, das ich hier trinken würde, während Katalie im Café saß, würde ich Maiberg als Spesen in Rechnung stellen.

Der Wirt kannte mich und meine Gewohnheit bereits, das Bier fand sich an meinem Fensterplatz unaufgefordert ein, und ich legte die noch druckfrische Daisy vor mir auf den Tisch.

Mit mäßigem Interesse las ich ein paar Schicksalsgeschichten und blätterte dann bis zur letzten Seite vor. Dort fand sich die Bitte-melde-dich-Rubrik, wo sich die ein oder andere amüsante Anzeige fand. So auch heute. Zwischen

Komm zurück, es ist alles vergeben und vergessen. Ich liebe dich. Deine Maike

und

Jonas, wo bist du nur abgeblieben? Seit unserem Gespräch auf dem Balkon habe ich nichts mehr von dir gehört oder gesehen. Du wirst ja wohl nicht runtergefallen sein? Isabel

fand sich eine Anzeige, die so seltsam war, dass ich eine Weile über sie nachgrübelte:

Wer weiß etwas über den Kerl, der mir am Sonntagmorgen in der Havnegade in Esbjerg eine Spritze in den Oberarm gerammt hat? Möchte mich mit dem Schwein mal unterhalten, also Hinweise direkt an mich …

Es folgte eine Handynummer.

Wer um alles in der Welt rannte denn mit einer Spritze im Anschlag durch die Straßen und stach auf unschuldige Passanten ein? Und wer war so dumm, Geld für eine derartige Anzeige auszugeben? Vielleicht war Katalie gar nicht so seltsam. Vielleicht war ein leeres Hundehalsband auch nicht merkwürdiger als eine Spritze in der Hosentasche. Auf jeden Fall war es ungefährlicher.

Ich sah hinüber zum Café, wo sich noch immer nichts rührte, und bestellte ein weiteres Bier. Eine halbe Stunde später orderte ich ein drittes. Über das vierte dachte ich kurz nach, ging aber stattdessen rasch auf die Toilette. Als ich wieder an meinen Fensterplatz trat, sah ich die noch immer fest verknotete Leine am Fahnenmast. Was trieb das Mädchen nur so lange da drüben? Stellte sie einen neuen Rekord im Rumkugel-Essen auf? Das Sukkertop war berühmt für seine Rumkugeln, die keinen Rum enthielten, wie Touristen oft vermuteten, sondern nach Lebkuchen schmeckten und ihren Namen allein durch das Rumkugeln in Schokostreuseln erlangt hatten.

Nach einer weiteren halben Stunde ungeduldigen Wartens siegte die Neugier. Ich ließ die ausgelesene Daisy auf dem Tisch liegen, bezahlte und trat auf die Straße hinaus. Ein Bus fuhr an mir vorüber und ich schätzte die Zahl seiner Insassen auf über fünfzehn. Ich würde meine Zahlen nach oben korrigieren und sie alle meiner Haltestelle zuschlagen, sobald ich zu Hause ankam. Dann wechselte ich die Straßenseite und betrat das Café.

Fröhlich bimmelnder Glöckchenklang kündigte meinen Besuch an und ein rundlicher Herr mit Halbglatze hinter der Kuchentheke hob den Kopf.

»Was darf’s sein?«, fragte er. »Wir schließen gleich, aber ich kann Ihnen den Kuchen gern einpacken.«

Irritiert blickte ich auf meine Armbanduhr. Wahrhaftig, es war bereits kurz nach der Mittagszeit und das Sukkertop schloss für eine Stunde, damit auch der Herr hinter dem Tresen zu einer Pause kam. Rasch sah ich mich in dem kleinen Café um und stellte fest, dass alle Tische verlassen waren.

»Nun?« Der Herr hinter seinen Kuchen wartete noch immer auf meine Bestellung.

»Tja …« Ich war noch nie besonders schlagfertig gewesen.

»Oder wollen Sie gar nichts kaufen?« Er beugte sich vor. »Sind Sie der Kerl, dem ich etwas ausrichten soll?«

»Ausrichten?«

»Ja, von der kleinen Prinzessin.«

»Von wem?« Meine Güte, ich wusste, dass ich mich wie ein Vollidiot anhörte, aber mein Hirn kam einfach nicht schnell genug mit.

»Na, von Prinzessin Katalie. Die suchen Sie doch, oder?« Der Mann sah mich erwartungsvoll an.

Was hatte es für einen Sinn, zu leugnen? Ich war aufgeflogen. Ich wusste nicht wie und wann, aber es war so.

»Die Kleine ist durch die Hintertür abgedampft. Meinte, es sei ganz wichtig, dass sie mein Café mal nicht durch den Haupteingang verlässt. Und dem Ritter, der kommen würde, um nach ihr zu fragen, soll ich bestellen, dass er bitte das Ding heimbringen soll. Ich nehme an, Sie wissen, wovon die Kleine redet.«

Er deutete mit dem Daumen auf die hinter mir liegende Tür. Verunsichert drehte ich mich um und fragte: »Ding? Was denn für ein Ding?«

»Na das, das sie nicht mit hereinbringen will. Meint, es nimmt zu viel Platz weg.« Der Mann lachte schallend über seine eigenen Worte und mir dämmerte, wohin er gewiesen hatte. Zum Fahnenmast, wo eine Hundeleine und ein leeres Halsband auf mich warteten. Nur, dass es für Katalie niemals leer gewesen war. Sie hatte ein unsichtbares Ding über die Gammelgade gezerrt? Und nun befand sich dieses Ding plötzlich in meiner Obhut?

Hastig sah ich mich um. »Ist sie schon lange fort?«

»Ja.«

»Und hat sie gesagt, wohin sie geht oder wann sie wiederkommt?«, versuchte ich mein Glück noch einmal.

»Nee.« Mein massiges Gegenüber schüttelte sein Haupt. »Aber dass das Ding nur Chips frisst, das hat sie gesagt.«

Grußlos wandte ich mich zum Gehen und ließ die Glöckchen über der Tür kräftig bimmeln. Draußen starrte ich Leine und Halsband feindselig an. Teufel stand in geschwungenen Lettern auf letzterem. Teufel war also ein Ding. Ein großes unsichtbares Ding. Nicht, dass ich mir viel darunter vorstellen konnte, aber das musste ich ja auch nicht. Gut, ich würde Katalie den Gefallen tun und ihren imaginären Freund nach Hause bringen. Aber ich würde ihn nicht hinter mir herziehen. Teufel würde in meiner Jackentasche reisen und im Briefkasten auf die Rückkehr seiner Herrin warten müssen. Sollte das Ding sich doch ein bisschen zusammenrollen.

Ich besah mir das gewaltige Halsband noch einmal und empfand plötzlich einen heftigen Widerwillen dagegen, es zu berühren. Es musste zu einem recht prächtigen Ding gehören, das wahrscheinlich kaum durch den Briefschlitz zu quetschen war. Auch in meiner Jackentasche würde das Untier nicht glücklich sein.

Ich sah die Straße hinauf und hinab. Niemand war unterwegs. Keiner würde es bemerken, wenn ich die Leine hinter mir herschleifte. Ich könnte … Hastig schüttelte ich den Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben. Wer war ich denn, dass ich ein leeres Halsband spazieren führte?

Mit schnellen Bewegungen löste ich den Knoten am Fahnenmast und wollte die Leine schon zusammenknüllen, brachte es aber einfach nicht über mich. Stattdessen zog ich aus unerfindlichen Gründen daran. Das Halsband machte ein scharrendes Geräusch auf dem Fußweg. Es hörte sich vertraut und richtig an.

Teufel also. Ein Ding war er. Schade nur, dass ich ihn nicht sehen konnte. »Na, dann komm, Teufel.« Hatte ich das gerade wirklich gesagt?

Fast trotzig wandte ich mich zum Gehen und lief mit schnellen Schritten voraus. Hinter mir scharrte und schlurfte Leder auf Stein.

»Jetzt ist es soweit, Smiljan«, sagte ich laut zu mir selbst. »Jetzt wirst du bescheuert.«


Nie werde ich die drei Tage vergessen, die auf Katalies Verschwinden folgten. Wie hatte ich auch so blöd sein können, zu glauben, sie würde mich nicht bemerken? Natürlich hatte sie mich bemerkt, vielleicht schon am Tag ihres Einzugs. Und nun hatte sie einen Weg gefunden, um meiner Bewachung zu entgehen.

Aber musste sie nicht trotzdem irgendwann zurückkehren? Dort drüben auf der anderen Straßenseite befand sich ihre Wohnung, dort drüben hatte ich die Leine an einem Straßenschild angebunden und einen Napf mit Chips danebengestellt, der sich wie durch Zauberei immer wieder leerte, ohne dass ich erfuhr, wohin der Inhalt verschwand, so sehr ich ihn auch im Auge behielt. Seit drei Tagen lief ich jetzt täglich zum Straßenschild und füllte den Blechnapf nach, in dem ich üblicherweise mein Salatdressing anzurühren pflegte. Nie entdeckte ich auch nur eine Schuppe oder ein Haar von dem gefräßigen Ding. Und natürlich glaubte ich auch nicht an dieses Hirngespinst. Es war nur eine von Katalies kleinen Verrücktheiten, die ich ihr zuliebe eine Zeitlang am Leben hielt. Genauso lange, wie Katalie brauchte, um heimzukehren.

»Wie konntest du das Mädchen nur verlieren?« Zum wiederholten Male stellte mir mein Vater diese Frage und begleitete sie wie jedes Mal mit einem fassungslosen Kopfschütteln.

Ja, wie? Hätte ich doch nur geahnt, dass Katalie von meiner Existenz wusste, dann hätte ich mich von Anfang an anders verhalten, hätte mich darum bemüht, ihr Vertrauen zu gewinnen, statt wie ein Geheimagent hinter ihr herzuschnüffeln. Doch jetzt war es zu spät, um über alternative Strategien nachzudenken. Ich musste Maiberg seine tägliche Mail zukommen lassen, und darin würde, wie auch in den vorangegangenen, auf keinen Fall zu lesen sein, dass Katalie ihre Wohnung seit nunmehr drei Tagen nicht mehr betreten hatte.

Es fiel mir nicht schwer, mir ein paar Zeilen über Katalies Beschäftigungen der letzten Stunden auszudenken. Oft genug schrieb ich ja herzerweichende Briefe für die Daisy und erfand auch regelmäßig recht plausibel klingende Zahlen für die Haltestellenstatistik. Da war es auch keine große Sache, sich etwas für die leere Mail auf meinem Rechner auszudenken. Doch je länger der Cursor fröhlich blinkte, desto mehr musste ich einsehen, dass es gar nicht so einfach war, einen passenden Tag für Katalie zu erfinden. Schließlich behauptete ich dreist, dass sie den Vormittag verschlafen, danach Papierblumen gebastelt und auf ihre Fensterbänke gelegt hatte, während sie jetzt am frühen Abend zu einem Spaziergang durch die Gassen nahe der Gammelgade aufgebrochen war. Den Abend würde sie sicher wieder einmal Chips essend vor dem Fernseher zubringen, so meine Prognose. Ja, ich konnte sie jetzt fast vor mir sehen, wie sie da im roten Jogginganzug vor der Glotze saß.

Lächelnd drückte ich auf Senden, als mein Vater hinter mir murmelte: »Aber heute ist Freitag. Und freitags arbeitet sie doch immer bei Brugsen.«

Ich schloss für einen Moment die Augen. Mein Vater hatte natürlich Recht. Vor lauter Bemühungen, ein paar fiktive Katalie-Stunden zu ersinnen, war mir das Naheliegende entfallen. Sofort jagte ich der ersten Mail eine zweite hinterher, in der ich ausführlich erklärte, warum Katalie von ihrem gewohnten Rhythmus abgewichen war.

Gerade hatte ich sie per Mausklick auf die Reise geschickt, als mein Vater, der noch immer hinter mir stand, leise sagte: »Jetzt würde ich an seiner Stelle erst recht misstrauisch werden.«

Noch einmal schloss ich die Augen und konzentrierte mich auf eine von mir selbst erdachte Atemübung, von der ich hoffte, dass sie den Geist klärte und beruhigte. Die Übung taugte nichts.

»Warum kannst du deine Einwände nicht anbringen, bevor ich eine Nachricht abschicke«, fauchte ich.

»Du hast mich nicht nach meiner Meinung gefragt«, war die knappe Antwort. »Aber aus reiner Freundlichkeit lasse ich dich an meinen Bedenken teilhaben. Wenn ich dieser Maiberg wäre, würde ich nach Erhalt dieser beiden Mails augenblicklich hier bei dir anrufen. Oder noch besser: Ich würde mich ins Auto setzen und gleich selbst herkommen.«

»Und gnade mir Gott, wenn ich dann keine gute Erklärung dafür habe, warum ich seit Tagen in die Fenster einer verlassenen Wohnung starre. Vielleicht ist das alles nur ein Test und sie hat die letzten Tage bei Maiberg selbst verbracht. Dann bin ich soeben durchgefallen«, entfuhr es mir. »Was soll ich denn jetzt nur machen?«

»Antworten auf seine Fragen suchen, bevor er sie stellen kann. Das würde ihn beeindrucken«, schlug mein Vater vor. »Oder noch besser: Du gehst los und suchst das Mädchen. Ich kann sowieso nicht verstehen, warum du noch hier herumsitzt, anstatt jeden Kieselstein links und rechts der Gammelgade umzudrehen.«

»Fein«, erwiderte ich, und meine Stimme klang unfreundlicher als beabsichtigt. »Dann bleib du bitte hier und beobachte für mich den gegenüberliegenden Hauseingang. Und sobald Katalie heimkehrt, rufst du mich auf meinem Handy an, verstanden?«

Mein Vater nickte artig und griff nach dem Plastikfernglas auf der Fensterbank.

Ich aber war noch nicht fertig. »Und behalte auch gleich diesen Fressnapf neben dem Halsband im Auge. Ich will endlich wissen, auf welche Weise sein Inhalt immer wieder verschwindet.« Mein Vater sah bereits aus dem Fenster, doch ich hatte noch ein paar Abschiedsworte für ihn. »Und kein Fernsehen und kein Radio, hörst du? Die Nachbarn werden schon misstrauisch.«

Draußen auf der Straße fiel feiner Nieselregen auf den Asphalt. Bald würden die Läden schließen, über allem lag ein seltsames Dämmerlicht.

Ich schlug den Jackenkragen hoch und lief mit schnellen Schritten dem Sukkertop entgegen, bog aber kurz vor dem Café in eine Seitenstraße ein. Mein Interesse galt der Rückseite des Gebäudes, dem Ort, an dem sich Katalies Spur verlor. Schon bald fand ich mich auf einem Hinterhof wieder, der neben großen Mülltonnen auch einem Kaninchenstall und einem Fahrradschuppen Platz bot. Der Gestank verrottender Essensreste lag in der Luft. Ich drückte beide Nasenflügel fest zusammen und überlegte: Von hier aus hätte Katalie in den Seitengassen der Gammelgade abtauchen, einige hundert Meter später wieder zur Hauptstraße zurückkehren und an einer der weiter unten gelegenen Haltestellen den Bus in die Innenstadt nehmen können. Vom Zentrum Esbjergs aus konnte ihr Weg sie einfach überall hingeführt haben. Vielleicht war sie mittlerweile nicht einmal mehr in Dänemark.

Ich gab der größten Mülltonne einen Tritt und dann noch einen. Zu einem dritten kam es nicht, weil mein Handy in der Innentasche meiner Jacke zu klingeln begann. Hastig zog ich es hervor. Aber der Anruf kam nicht von meinem Vater. Es war Piet vom Fitnesscenter, der mich bat, vorbeizuschauen, um einen verstopften Abfluss zu reinigen. Außerdem hatte seine Yogalehrerin zu Anfang November gekündigt und er brauchte eine Vertretung. Ich sagte allem zu, in der Hoffnung, im November noch am Leben zu sein, was zweifellos davon abhing, ob es mir gelang, Katalie wiederzufinden, bevor Maiberg mich fand, und legte auf.

Irgendwo musste dieses Mädchen doch stecken. Und wer wusste schon mehr über sie und ihr Leben als ich?

Kapitel 4

»Smiljan! Wie schön, dass du einmal hereinkommst und nicht nur draußen herumlungerst. Wie geht es deiner Schwester?«

Es war, als hätte ich nicht einen Kiosk, sondern ein Kino in der Mitte des Films betreten. Ich stand dieser fröhlichen Blondine mittleren Alters gegenüber und hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon sie überhaupt redete. Schwester? Ich hatte keine Schwester.

»Sie wird doch nicht etwa krank geworden sein, oder? Sie war schon ein paar Tage nicht mehr bei mir.« Die blonde Kioskbesitzerin legte ihre Stirn in Dackelfalten und sah mich gespannt an.

»Nein, krank ist sie nicht«, antwortete ich und hoffte, nicht so komplett ratlos auszusehen, wie ich mich gerade fühlte.

»Na, dann ist ja gut. Wenn sie nur verhindert ist, dann bin ich beruhigt. Hat sie dich geschickt, um die Zigarre für den alten Dommer abzuholen? Das finde ich wirklich mutig von dir.« Jetzt strahlte sie über das ganze Gesicht, als wäre ich ein kleiner Junge, der sie mit einem Strauß selbst gepflückter Blumen überrascht hatte.

»Mutig«, wiederholte ich und konnte nicht verhindern, dass ich etwas fragend klang.

Das strahlende Lächeln der Kioskbesitzerin wurde noch breiter. »Ach, bitte nicht böse sein, Smiljan. Katalie hat mir von deinem kleinen Problem erzählt. Ich finde es toll, dass sie hierhergezogen ist, um in deiner Nähe zu sein. Es ist bestimmt nicht immer leicht für dich.«

»Nein«, antwortete ich und atmete ein paar Mal tief durch. »Das ist es nicht.« Jetzt fügte sich das Bild für mich langsam zusammen. Ich war also Katalies Bruder. Und ich hatte ein Problem, das sich mir noch nicht ganz erschloss. Aber ich hatte eine liebende Schwester, die sich meiner angenommen hatte.

»Hier ist die Zigarre. Aber zerbrich sie nicht, sie ist teuer. Nicht einfach in die Jackentasche stecken.« Sie schüttelte den Kopf und reichte mir eine kleine Papiertüte. »Niklas Dommer kann sich nur eine Zigarre in der Woche leisten. Früher habe ich sie ihm immer selbst in den Jeppesvej gebracht. Nach Feierabend, versteht sich. Doch jetzt kümmert sich ja Katalie darum. Sie ist wirklich ein Engelchen. Glaubst du denn, dass du es bis zum Jeppesvej schaffst? Und wirst du auch hineingehen können zum alten Dommer?«

Statt einer Antwort hob ich fragend eine Augenbraue. Machte ich etwa einen fußkranken Eindruck auf sie? Der Jeppesvej verlief parallel zur Gammelgade und begann nur einen Steinwurf von diesem Kiosk entfernt.

Doch bevor ich sie daran erinnern konnte, redete die Frau auch schon weiter. »Ist es sehr schwer für dich? Besonders glücklich wirkst du gerade nicht auf mich. Klaustrophobie muss etwas ganz Schlimmes sein. Aber in so einem Kiosk sind die Verhältnisse eben ein wenig beengt.«

»Klaustrophobie«, wiederholte ich, und ein weiteres Puzzleteil rutschte an seinen Platz. Katalies Bruder stand bei ihren regelmäßigen Besuchen im Kiosk immer draußen auf dem Gehsteig herum, weil er nicht hineingehen konnte. Wegen seiner Angst vor engen Räumen. Was für eine fürsorgliche Schwester ich doch hatte.

Die Kioskbesitzerin wedelte mit den Händen. »Ja, nun aber raus mit dir, bevor dir schlecht wird. Katalie sagt, dass du bei deinen Anfällen immer ganz fürchterlich kotzen musst, und das wollen wir ja beide nicht, oder?«

Noch immer leicht verwirrt, aber auch unsagbar verärgert, trat ich den Rückzug an. Katalies dreiste Lügen hatten dazu geführt, dass ich jetzt nicht schlauer als zuvor draußen vor dem Kiosk stand und mir Gedanken machte, wie ein Niklas Dommer aus dem Jeppesvej jetzt wohl zu seiner Zigarre kam, die ich in einer Papiertüte mit mir herumtrug. Weder waren mir der Mann noch seine genaue Adresse bekannt, und der Jeppesvej war erschreckend lang.

Trotz schlechter Chancen beschloss ich, in den besagten Weg einzubiegen. Vielleicht kam mir ja an Ort und Stelle eine Erleuchtung. Vielleicht würde ich wissen, wohin ich mich zu wenden hatte, wenn ich erst einmal dort war.

Und es gelang mir tatsächlich ohne große Probleme, das richtige Haus zu finden. Bei meinem Fußmarsch durch den Jeppesvej fiel mir plötzlich auf, wie wenige Ladenlokale es in diesem Seitenweg der Hauptstraße gab. Und hatte mich die Kioskbesitzerin nicht aufgefordert, irgendwo hineinzugehen? Wenn es also nicht ausreichte, die Zigarre in einen Briefkasten zu werfen, so war Niklas Dommer sicher der Inhaber eines kleinen Geschäftes, eines, in dem der Bruder einer gewissen Katalie einen klaustrophobischen Anfall bekommen konnte. Fast sofort fiel mir das hell erleuchtete Fenster der Schusterwerkstatt auf. Nie zuvor hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, wie der Schuster, der regelmäßig sein Gehwägelchen durch die Gammelgade schob, wohl heißen mochte, auch wo seine Werkstatt war, hatte mich nicht interessiert. Die Information, dass er ein Schuster war, verdankte ich meiner Nachbarin Fridegard, die mir zur Buttercremetorte auch das eine oder andere Mal Tratsch serviert hatte. Der alte Schuster war seit einem Treppensturz in seinem eigenen Haus nicht mehr gut zu Fuß. Trotzdem flüchtete er sich nicht in den Ruhestand und erledigte auch seine Besorgungen selbst, so hatte sie es mir erzählt. Nun, zumindest seine Zigarre ließ er sich bringen, da wusste ich jetzt einmal mehr als sie.

Das Papiertütchen wie eine Visitenkarte in der Hand betrat ich die Schusterwerkstatt. Ein Geruch von Leder und Klebstoff erfüllte den engen Raum. Auch ohne Platzangst wünschte ich mich wieder zurück auf die Straße. Aber dieses Mal würde ich mich nicht ohne Informationen abspeisen lassen. Irgendjemand musste mir doch sagen können, wo ich nach Katalie suchen musste.

»Ach, da kommt ja meine Zigarre, wie schön. Pünktlich zum Feierabend.« Niklas Dommer, das Gesicht so zerfurcht wie das Leder, das er zu bearbeiten pflegte, grinste mir entgegen. Wie er da so hinter der Ladentheke hockte, ein Kreuzworträtsel vor und ein Regal mit getragenen Schuhen hinter sich, bot er ein Bild der Ruhe und Behaglichkeit. Wäre der Gummigeruch nicht gewesen, hätte ich mich bei diesem Mann wohlfühlen können. Jetzt aber stieg tatsächlich eine leichte Übelkeit in mir auf, wie Katalie es vorausgesehen hatte. Hatte sie das? Ich verwarf den Gedanken und reichte die Papiertüte über den Tresen, legte sie direkt in die großen, schwieligen Hände des Mannes.

»Wo ist denn unsere Kleine abgeblieben? Sie wird doch nicht schon aufgebrochen sein?«

»Aufgebrochen?« Ich wurde sofort hellhörig. »Wissen Sie, wohin sie wollte?«

Ein prüfender Blick aus sehr hellen Augen unter buschigen Augenbrauen traf mich. »Wer will das wissen? Bist du etwa dieser Smiljan, dieser Zahnarzt?«

Diese zweiteilige Frage stellte mich bei ihrer Beantwortung vor ein Problem. »Ja und nein«, gab ich gedehnt zurück.

»Jetzt hör mir mal zu, Jungchen: Frauen müssen nicht alle gleich aussehen und sie müssen schon gar nicht gleich lachen, verstanden?«

Ich nickte.

»Unterlasse es, diesem Mädchen Blödsinn einzureden. Ihre Zahnlücke ist wunderhübsch. Manch andere würde morden, um so eine tolle Zahnlücke zu bekommen.«

»Davon bekommt man aber auch keine«, stellte ich sachlich fest und versuchte, mich auf dieses neue Rätsel einzulassen. Zweifellos war ich bei diesem Herrn auf andere Weise eingeführt worden als noch zuvor bei der Kioskbesitzerin. Obwohl ich Katalie niemals zum Schuster hatte gehen sehen, musste sie einige Male bei ihm gewesen sein. Oft genug, um ihm eine haarsträubende Geschichte über mich und etwas über Reisepläne zu erzählen. »Ich schwöre bei meiner Zahnarztehre, dass ich Katalie nicht an ihre Lücke will«, verkündete ich und hob zwei Finger. Die schmaler werdenden Augen des Alten machten mir klar, dass ich mich ungeschickt ausgedrückt hatte. »Ich würde nur gerne wissen, wohin sie wollte. Hat sie von ihren Plänen erzählt?«

Die buschigen Brauen hoben sich und die Andeutung eines Lächelns wurde sichtbar. »Wo sie hinwollte? Na, um die ganze Welt natürlich. Katalie spart für eine Weltreise, deswegen hat sie auch diese Arbeit im Supermarkt angenommen. Dabei ist sie eigentlich viel zu schlau, um ihre Zeit mit dem Einsortieren von Haferflocken zu vertrödeln. Sie hat mir versprochen, dass sie mir eine Havanna aus Havanna mitbringen wird. Und ich glaube ihr. Wenn es eine schafft, dann ist es Katalie. Die Kleine macht alles möglich.« Niklas Dommer zog die einzelne Zigarre aus der Papiertüte und knibbelte an ihrer Plastikverpackung. »Meine kleine Freude«, flüsterte er, und mir war nicht ganz klar, ob er von Katalie oder der Zigarre sprach. »Früher kam Edita selbst vorbei, um sie mir zu bringen. Edita ist lustig, ja, aber ein bisschen dumm, wenn du verstehst, was ich meine.«

Dumm war mir die Kioskbesitzerin keineswegs vorgekommen. Einfach vielleicht, aber nicht dumm. Und einfach war das Wort, das ab heute nicht mehr zu Katalie passte. Nicht für mich. Ich hatte geglaubt, das Mädchen wenigstens ein bisschen zu kennen, und jetzt stellte sich heraus, dass ich sie überhaupt nicht kannte. Weder kannte ich meine fürsorgliche Schwester noch die Weltenbummlerin. Erstaunlich, dass man einem Menschen tagein, tagaus auf den Teller gucken konnte, und gleichzeitig nichts über ihn herausfand.

»Mit Katalie kann ich große Gespräche führen.« Niklas Dommer kam ins Schwärmen, während er an seiner Zigarre schnupperte. »Kleine Gespräche mit Edita, aber große mit Katalie. Das Kind hat eine große Seele.« Er legte die Zigarre auf den Tresen, griff sich ein scharf aussehendes Messer und trennte die Spitze ab. Jetzt öffnete er eine Schublade zu seiner Rechten, suchte in einem Wust aus Kleinteilen und fand ein Feuerzeug. Trotz aller Vorsätze entschied ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war, um die Schusterwerkstatt zu verlassen. Sollte sich zu dem bereits vorherrschenden Geruch nach Gummi auch noch der von Zigarrenrauch hinzugesellen, würde ich mich wirklich übergeben müssen.

»Eine große Seele vielleicht, aber ob das auf ihren Verstand zutrifft, ist noch nicht geklärt. Ich werde dem und der Zahnlücke auf den Grund gehen. Einstweilen vielen Dank und viel Spaß mit der Zigarre«, sagte ich zum Abschied und schloss die Werkstatttür hinter mir. Noch draußen auf dem Gehweg hörte ich Niklas Dommer eine Antwort brüllen. Ich aber kümmerte mich nicht darum, sondern ging in Richtung Norden davon. Eine Adresse blieb mir noch. Ein Ort, an dem ich mehr über das mir plötzlich so fremde Mädchen Katalie erfahren konnte.


Bei Brugsen, wo man viel längere Öffnungszeiten hatte als in kleineren Läden, herrschte am frühen Abend Hochbetrieb. Noch bevor ich eine Verkäuferin aufspüren konnte, waren mir zwei überforderte Hausfrauen mit ihren Einkaufswagen in die Hacken gefahren. Ich nahm ihre wortreichen Entschuldigungen entgegen und sah mich gleichzeitig suchend nach einem Menschen in farbenfroher Weste um. Endlich, zwischen Käseregal und Kühlschränken voll mit Quark und Joghurt, entdeckte ich jemanden, der sich hier auskennen musste. Und wer sich mit dem Warensortiment auskannte, kannte auch Katalie. Mit einem großen Satz sprang ich der Supermarktangestellten in den Weg. Diese zuckte erschrocken zurück und drückte eine Hand auf ihre Brust.

»Müssen Sie mich so erschrecken? Meine Güte nochmal! Ich kann doch auch nichts dafür, dass der Vanillequark schon fast ausverkauft ist. Hier: der letzte.« Sie hielt mir eine gelbe Plastikverpackung unter die Nase, die ich keines Blickes würdigte.

»Ihr Vanillequark ist mir egal«, flüsterte ich ihr ins Ohr. »Es geht um Katalie.«

»Oh.« Sie riss überrascht die Augen auf, ließ die Packung zwischen den Havarti plumpsen und umklammerte mein Handgelenk. »Sind Sie etwa der Geheimagent, für den sie spioniert? Ist sie jetzt untergetaucht?«

Hatte ich es doch geahnt. Auch im Supermarkt hatte Katalie eine neue, sagenhafte Geschichte ersonnen, und mit meinem Flüstern war es mir gelungen, diese auch noch zu stützen. Geheimagent also. Das kam mir gelegen. Dieses Mal würde ich die Gesprächsführung übernehmen.

Leider war ich im Erfinden von Geschichten nicht so talentiert wie Katalie und so knurrte ich nur eine recht vage Botschaft in das Ohr der sommersprossigen Verkäuferin mit Goldrandbrille: »Das Codewort lautet ›Lakritz-Eis‹. Sie müssen mir jetzt bedingungslos vertrauen.«

»Wirklich?« Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch.

Ich hatte mir eine etwas andere Reaktion erhofft, aber ich spielte meine Rolle weiter und nickte grimmig. »Wir müssen Agentin Katalie finden. Sie gefährden den Auftrag, wenn Sie mir nicht alles erzählen, was Sie wissen.«

Die Angestellte schob eilig ihre Brille zurecht und musterte mich. »Ich habe immer geglaubt, Sie wären größer. Und auch weniger blond. Eher dunkel, verstehen Sie? Dunkel und unheimlich.«

»Alles Tarnung, Teuerste. Eigentlich bin viel größer.«

»Oh«, entfuhr es ihr, und ich überlegte kurz, ob es mir tatsächlich auf Anhieb gelungen war, das dümmste Mädchen im Laden aufzutreiben, als sie plötzlich breit grinste. »Sie spielen das wirklich gut. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so ablaufen würde. Aber Katalie hat mich ja vorgewarnt. Sie meinte, ich würde einfach in das Spiel hineingeschubst werden.«

»Spiel?« Ich vergaß vor Überraschung zu knurren.

»Das Agentenspiel.« Sie grinste noch etwas breiter. »Früher habe ich ja nur bei Mittelalterspielen mitgemacht. Aber das wurde mir auf die Dauer wirklich zu aufwändig: Jedes Wochenende das volle Kostüm anlegen und aus der Stadt rausfahren, um in irgendwelchen kalten Fellhütten zu übernachten. Nein, das war nichts mehr für mich. Da ist das hier doch viel lustiger und spontaner. Was muss ich also tun?«

Ein Agentenspiel, das sich fröhlich in den Alltag integrieren ließ, war also meine neue Bühne. Ich verfluchte Katalie und auch mich selbst, weil ich einfach nicht spontan genug für diese Welt war, und log aufs Geratewohl drauflos.

»Katalie hat uns verraten. Es muss einen geheimen Ort geben, an dem sie sich derzeit aufhält. Ich muss sie finden.« So schlecht klang das für meine Ohren gar nicht.

»Spannend.« Die Sommersprossige klatschte in ihre Hände. »Das hat bestimmt irgendetwas mit Bosse zu tun, meinen Sie nicht?«

»Bosse? Wer ist denn Bosse?« Ich war aus der Rolle gefallen, doch es wurde mir nicht allzu übel genommen.

»Na, Bosse ist doch der tote Briefkasten. Dort kann man Nachrichten für Katalie hinterlassen oder auch bekommen, wenn sie abgetaucht ist.«

Ein toter Briefkasten. War das Teil des Spiels oder gab es diese Person und ihre Funktion wirklich? Wenn ja, dann konnte das bedeuten, dass ich bereits seit geraumer Zeit einer Schnitzelspur folgte, die Katalie eigens für mich ausgelegt hatte. War das möglich? Handelte ich nach einem von ihr ausgeheckten Plan? Der Gedanke hatte etwas Beunruhigendes. Denn wenn ja, dann kannte Katalie mich viel besser als ich sie.

»Wer ist Bosse?«, wiederholte ich noch einmal.

Jetzt zuckte eine Spur des Zweifels in ihrem Gesicht. Ihre Augenlider begannen nervös zu flattern, und schon hielt sie Ausschau, sah über meine Schulter hinweg in den Laden hinein, um sich zu vergewissern, dass sie nicht allein mit mir war. Dann ließ sie mein Handgelenk los, griff nach dem Vanillequark, der noch immer zwischen den Käsepackungen lag, und antwortete eine Spur zu laut: »Na, wenn du das nicht weißt, wer denn dann?«

Aus. Das Spiel war aus, ich war meiner Rolle nicht gerecht geworden, und jetzt war ich aus dem Stück geflogen. Die Sommersprossige nutzte die erstbeste Gelegenheit in Form einer ratlosen Kundin, um mir zu entkommen. Langsam verließ ich Brugsen und schwankte zwischen Niedergeschlagenheit und Hoffnung. Noch gab es eine Spur. Wer war dieser Bosse?


»Und du hast uns wirklich keinen Havarti mitgebracht?« Mein Vater saß mit unglücklichem Gesicht am Küchentisch, während ich selbigen umkreiste und ihm dabei eindringlich schilderte, was mir an diesem Abend widerfahren war.

»Hast du mir überhaupt zugehört?« Für den Fall, dass nicht, fasste ich meine Gedanken noch einmal zusammen. »Katalie war für jeden, den ich befragte, jemand anderes. Und auch ich war jedes Mal jemand ganz anderes.«

»Es ist doch gar nicht wichtig, wie andere sie sehen«, antwortete mein Vater und signalisierte mir damit, dass ich doch nicht nur tauben Ohren gepredigt hatte. »Wichtig ist doch, wie du sie siehst.«

»Ich kenne sie doch gar nicht!« Meine Selbstbeherrschung schwand, da half auch keine Atemübung mehr.

»Dann, mein lieber Junge«, sagte mein Vater und stand auf, »wirst du auch nicht in Erfahrung bringen, wer Bosse ist, und somit auch das Mädchen nicht wiederfinden, was wiederum zur Folge haben könnte, dass ein großer Kerl namens Maiberg hier auftaucht und dir die Knochen bricht.«

»Hat er schon angerufen?«, fragte ich erschrocken.

»Nein. Und er war auch noch nicht hier. Aber dein Postfach lässt dich wissen, dass er dir eine Nachricht geschrieben hat.« Mein Vater verschränkte die Arme vor der Brust.

»Du warst an meinem Rechner?«

»An den Fernseher durfte ich ja nicht.«

Ich gab ein leises Stöhnen von mir, ging zum Schreibtisch und öffnete voller Unbehagen Maibergs ungelesene Nachricht. Sie war kurz.

Was ist passiert?

Tja, das hätte ich auch gern gewusst, und noch viel lieber hätte ich es ihm gesagt, aber das war nicht so einfach. Oder sollte ich es einfach mit der Wahrheit versuchen? Probehalber tippte ich ein paar Wörter:

Ich habe Katalie verloren.

Ich las mein Geschreibsel noch einmal und drückte nicht auf Senden. Stattdessen löschte ich die Mail Buchstabe für Buchstabe und blieb noch lange vor dem leeren Bildschirm sitzen.

»Was soll ich ihm bloß schreiben?«, fragte ich meinen Bildschirm, doch die Antwort gab mir mein Vater.

»Füttere ihn ein bisschen. Gib ihm ein kleines bisschen Wahrheit, das ihn dir für eine Weile vom Leib hält.«

»Und wenn das nicht funktioniert?«, fragte ich lahm.

»Dann würde ich es an deiner Stelle mit einem guten Versteck versuchen. Hat bei mir auch geklappt.«

Einige Minuten lang starrte ich unverwandt auf Maibergs Zeilen. Dann formulierte ich eine Antwort, die mir entweder Zeit verschaffen konnte oder direkt in eine Katastrophe führte.

Katalie hat eine Hundeleine gekauft und schleift sie hinter sich her, wenn sie durch die Straßen geht.

Ohne noch einmal darüber nachzudenken, schickte ich die Nachricht ab.

»Petze.« Die Stimme meines Vaters klang heiter, als er das Zimmer verließ und pfeifend in Richtung Schlafzimmer verschwand.


Polizeimeister Henk Mandven wischte gerade seinen verschütteten Kaffee vom Fußboden auf, als die dunkelhaarige Frau zur Tür der Polizeiwache im Stengårdsvej hereingewankt kam. Schon die Art und Weise, wie sie sich die linke Hand seitlich an den Hals presste, ließ Henk nichts Gutes vermuten. Er hatte so etwas erst vor wenigen Stunden schon einmal beobachtet.

»Helfen Sie mir.« Ihre Stimme klang seltsam kraftlos. »Ich wurde angegriffen.« Die Worte waren kaum ausgesprochen, als sie auch schon zu taumeln begann.

Augenblicklich war die Kaffeelache zu Henks Füßen vergessen. Er sprang vor und packte sein Gegenüber an den Oberarmen, wobei er die Frau bereits zu einer der nahen Sitzbänke dirigierte. Mit einem einzigen Blick erfasste der Polizeimeister die Situation: Eine feine Blutspur war der gutgekleideten Endzwanzigerin zwischen Ring- und Mittelfinger bis auf den Handrücken gelaufen, wo sie bereits antrocknete. Die Frau war blass und zitterte merklich.

»Was ist da bei dir los, Henk?«

Der Kollege Anders war also endlich aufmerksam geworden, wie schön. Wenn es darum ging, sich über seinen verschütteten Kaffee lustig zu machen, ja da war er flink, der Anders. Kam aber das noch blutende Opfer einer Gewalttat zur Tür herein, ließ er sich gern Zeit mit einer Reaktion.

»Ruf mal die Kollegen von der Ambulanz, Anders. Ich glaube, hier ist wieder jemand unserem speziellen Freund in die Hände gefallen.« Unbeholfen tätschelte Henk der Frau die andere Hand. »Sie sind nicht die Erste, die der Kerl mit seiner Spritze erwischt hat. Es war doch eine Spritze, nicht wahr?«

»Ich glaube schon.« Schwach nickend, rieb sie sich über den Hals. Jetzt konnte Henk einen flüchtigen Blick auf die Einstichstelle erhaschen. Der Täter war ein bisschen grob vorgegangen, was vermutlich daran lag, dass sein Opfer sich gewehrt hatte. Die Nadel der Spritze hatte eine hässliche Kratzspur auf der blassen Haut fast hoch bis zum Ohrläppchen hinterlassen. Die Blutung war auf eben jenen Kratzer zurückzuführen. Henk ging davon aus, dass die Frau daran nicht sterben würde. Und hoffentlich auch nicht an der mit Gewalt aufgezwungenen Injektion. Aber der Schreck war ihr sichtlich in die Glieder gefahren, und dafür hatte Henk vollstes Verständnis.

»Ambulanz ist unterwegs«, rief Anders ihnen aus ­sicherer Entfernung zu, und Henk Mandven beobachtete die beruhigende Wirkung dieser Worte. Plötzlich fand die Frau die Sprache wieder. Der Polizeimeister vermutete, dass nichts ihren Redefluss in den nächsten Minuten würde stoppen können, und so beschloss er, geduldig zuzuhören.

»Thomsen heiße ich. Agnes Thomsen. Ich jobbe als Kellnerin im Lawrence, einem Restaurant in der Innenstadt. Da wird es häufig mal spät. Auch heute Abend habe ich lange gearbeitet. Und als ich endlich heimgehen konnte, war nicht mehr viel los auf den Straßen. Gar nichts, um genau zu sein. Aber das macht mir nichts aus, das bin ich gewohnt. Aber heute, heute Nacht hat mich jemand von hinten angesprungen, an der Schulter gepackt und mir mit etwas in den Hals gestochen. Ich habe mich natürlich gewehrt, habe versucht, das Ding aus meinem Hals zu ziehen …« Ein heftiges Zittern durchlief den Körper der drahtigen Kellnerin.

In Henk wuchs die Befürchtung, dass Agnes Thomsen einen Schock erlitten hatte, und er bat die Frau, sich lang auf der Bank auszustrecken, bevor sie weitersprach. Dann holte er eine der goldfarbenen Rettungsdecken aus dem Erste-Hilfe-Kasten, legte sie ihr über Bauch und Beine und stopfte das Sitzkissen vom Stuhl eines gerade abwesenden Kollegen unter ihre Füße.

Die Gelegenheit nutzend, stellte er Agnes Thomsen dabei eine Frage: »Haben Sie den Angreifer sehen können?«

Die Antwort wurde von einem Wimmern begleitet. »Er hat mich zu Boden gestoßen und ist dann weggelaufen. Ich weiß, dass es ein Mann war. Ein großer, dünner Mann. Um die vierzig. Und er trug einen Mantel.«

Henk nickte. Die Beschreibung deckte sich mit der, die andere Opfer des Spritzenmannes der Polizei bereits geliefert hatten. Leider traf sie auf unzählige Männer in Esbjerg zu. »Ist Ihnen sonst noch irgendetwas aufgefallen?«

Agnes Thomsen wollte, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, gerade verneinen, als ihr offensichtlich etwas einfiel. »Der Kerl roch seltsam.«

Henk wurde hellhörig. Von einem Geruch hörte er im Zusammenhang mit dem Spritzenkerl zum ersten Mal. »Roch seltsam? Wie roch er denn?«

»Ein bisschen so, wie es in einer Arztpraxis oder einem Krankenhaus riecht.«

Henk Mandven überlegte, wie es üblicherweise in Krankenhäusern oder Arztpraxen roch. »Sie meinen, er roch nach Desinfektionsmitteln?«

»Genau.« Agnes Thomsen brachte ein kräftigeres Nicken zustande.

»Na, das lässt doch hoffen, dass seine Spritze sauber ist.« Der Polizeimeister hörte das Horn eines Krankenwagens, der sich der Wache mit hohem Tempo näherte. »Jetzt werden Sie erst einmal in ein Krankenhaus gebracht, Frau Thomsen. Keine Angst, die werden sicher nur ein paar harmlose Untersuchungen machen. Blutproben und so. Sicher auch eine kleine Gewebeprobe von der Einstichstelle. Aber machen Sie sich keine Sorgen, Sie sind bald wieder auf den Beinen.«

»Wirklich?« Sie klang erleichtert. »Es war also nicht das Attentat eines Wahnsinnigen? Ich bin nicht vergiftet worden? Oder infiziert? Ich hatte schon an Aids gedacht oder an Hepatitis.«

Henk versuchte zuversichtlich zu klingen. »Der Kerl ist vermutlich nur ein armer Irrer und seine Spritze nur eine Art Wasserpistole.«

Agnes Thomsen richtete sich halb auf, als jetzt die Sanitäter zur Tür hereinkamen, und sah Henk Mandven fest in die Augen. »Aber Sie werden ihn doch einfangen und bestrafen, nicht wahr?«

Henk schenkte ihr noch ein freundliches Nicken und überließ dann den Rettungskräften das Feld. Eine Viertelstunde später war auf der Wache im Stengårdsvej wieder Ruhe eingekehrt, und Henk hatte endlich Gelegenheit, seinen Kaffee vom Linoleum zu wischen. Dann rückte er sein Toupet zurecht und nahm hinter seinem leidlich aufgeräumten Schreibtisch Platz. Henk Mandven war ein leicht übergewichtiger Mann, der ungebremst auf die Vierzig zuging. Dass er noch immer Junggeselle war, hatte er sich nicht ausgesucht. Die Damenwelt übersah ihn schon seit Jahren, daran hatte, ganz entgegen aller Werbeversprechen, auch dieses alberne Toupet nichts ändern können. Doch nun hatte er einmal damit angefangen und war zu stolz, um es einfach abzunehmen und sich und allen Kollegen damit zu gestehen, dass nicht einmal Haare seine private Situation verbessern konnten. Immerhin war er mit seiner Karriere bis vor kurzem noch recht zufrieden gewesen.

Bis vor kurzem. Doch seit der Spritzenmann in Es­bjergs Straßen sein Unwesen trieb, war Henk auch diese Zufriedenheit abhandengekommen, und der Grund war einfach: Diese Art von Kriminalität lag nicht in seinem Zuständigkeitsbereich. Als Polizeimeister war er Teil der Lokalpolizei, kümmerte sich um Alltägliches wie Wachbereitschaft, Streifendienste, häusliche Konflikte und Verkehrskontrollen. Der Fall des Spritzenmannes fiel unter personengefährdende Kriminalität. Vielleicht auch organisierte Kriminalität. Oder sogar Wirtschaftskriminalität? Wie auch immer, für solche Dinge waren andere Leute zuständig. Leute, denen er jetzt Meldung machen musste. Er war nur ein Telefonat davon entfernt, auch diesen Fall aus der Hand zu geben. Genau wie den des Mannes, der vor zwei Nächten schreiend in die Wache gestürzt war und immer wieder auf eine Einstichstelle in seinem Oberarm gedeutet hatte. Keine zwei Stunden später hatte sich die Szene wiederholt, nur diesmal war das Opfer weiblich gewesen. Ja, der Spritzenmann war fleißig, doch Henk Mandven verstand nicht, was der Kerl damit bezweckte. Nach langem Bohren an den richtigen Stellen hatte er einem höherrangigen Kollegen die Information aus der Nase ziehen können, dass man nach wie vor im Dunkeln tappte. Man befand sich, wie es von medizinischer und kriminalistischer Seite hieß, in der Findungsphase. Und Henk Mandven war so neugierig wie selten in seinem Leben, was es mit dieser obskuren Geschichte auf sich hatte. Zu gern wäre er an den Ermittlungen beteiligt gewesen, nicht nur, weil dieses letzte Opfer so hübsch gewesen war. Das redete er sich zumindest ein.

Mit einem Seufzer griff er zum Telefon, um an höherer Stelle Meldung zu machen. Wenigstens die Streifendienste konnte er verstärken. Da fiel sein Blick auf die Bank ihm gegenüber, auf der Agnes Thomsen noch kurz zuvor gelegen hatte, und er entdeckte den flachen, schwarzen Gegenstand, der darauf lag. Mandven legte das Telefon aus der Hand und erhob sich. Wieder bei der Bank angekommen sah er, dass es sich ebenfalls um ein Telefon handelte. Ein Handy. Vermutlich war es Agnes Thomsen aus der Manteltasche gerutscht, als sie von ihm in eine bequemere Position gebracht worden war. Er nahm das Handy an sich und ließ es in die oberste Schublade seines Schreibtisches gleiten. Er würde sich persönlich darum kümmern, dass Agnes Thomsen ihr Eigentum zurückbekam.

Бесплатный фрагмент закончился.

900,76 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
343 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783943709810
Издатель:
Правообладатель:
Автор
Формат скачивания:

Похожие книги