Читать книгу: «Schwarze Jahreszeiten»
Michał Głowiński
Schwarze Jahreszeiten Meine Kindheit im besetzten Polen
Aus dem Polnischen von
Peter Oliver Loew
Mit einem Nachwort von
Anna Artwińska
Herausgegeben von
Anna Artwińska
und Peter Oliver Loew

Impressum
Die polnische Originalausgabe ist in 3. Auflage 2002 bei
Wydawnictwo Literackie, Krakau unter dem Titel Czarne sezony erschienen.
© by Michał Głowiński
© by Wydawnictwo Literackie, Krakau 2002
All rights reserved.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
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Der Theiss Verlag ist ein Imprint der WBG.
© der deutschen Ausgabe 2018 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.
Lektorat: Anna Frahm, München
Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau
Einbandabbildungen: Porträt des Autors als Kind © Michał Głowiński.
Das Bild wurde im Jahr 1938 aufgenommen. Es existieren keine Fotografien von Michał Głowiński aus der Zeit des Krieges. Hintergrundbild: Straßenbahn mit dem Davidstern im Warschauer Ghetto, 1940/41; © akg-images/East News
Einbandgestaltung: Harald Braun, Berlin
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-8062-3663-7
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): 978-3-8062-3754-2
eBook (epub): 978-8062-3755-9
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Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor
Impressum
Zur Erinnerung an meine Eltern,Felicja geb. Rozenowiczund Henryk Głowiński
Inhalt
Vorwort von Michał Głowiński
Bruchstücke aus dem Ghetto
Das Wort
Die Farbe
Straßenszenen
Anblicke des Todes
Der Keller
Der Weg zum Umschlagplatz
Das Törtchen
Emil
Großvaters Selbstmord
Die Bohnen und die Geige
Das Verlassen
Der Lange
Die schwarze Stunde
Offene Abendgespräche
Die Villa in der ulica Odolańska
Das Haus unter den Adlern
Eine Viertelstunde in der Konditorei
Der rothaarige Jasio
Der Tod von Schwester Longina
An einem Sonntagnachmittag
Eine Laus auf dem Barett, der Ornat und die Schuhe
„Misjudeja”
Ich habe den Heiland erschlagen
Bücher, die ich in jungen Jahren nicht gelesen habe
„Auch Deutsche sind Menschen”
Anhang
Bilder aus dem Familienarchiv des Autors
Anna Artwińska: Stufen der Erinnerung. Michał Głowińskis autobiographisches Schreiben über die Shoah
Die Herausgeber im Gespräch mit Michał Głowiński – „Schwarze Jahreszeiten” revisited
Anmerkungen
Abbildungsnachweis
Vorwort von Michał Głowiński
Als ich begann, diese Berichte niederzuschreiben, ahnte ich nicht, dass daraus ein Buch werden würde. Jeder von ihnen ist die Aufzeichnung einer Erfahrung, entstanden aus Blitzlichtern einer Erinnerung, die nicht die gesamten Vorkommnisse umfasst und nicht mein ganzes Leben in jenen Jahren und meine Überlebensgeschichte umspannt. Die Erzählungen haben unterschiedlichen Charakter; es lag mir nicht daran, sie zu vereinheitlichen. Ich war nicht in der Lage, zusammenhängend Bericht zu erstatten – zu groß waren die Erinnerungslücken – und ich hielt es für unangemessen, für nicht zielführend, diese Lücken mit Vermutungen, Erfindungen oder auch mit Informationen zu füllen, die ich aus in unterschiedlicher Form zugänglichen Quellen hätte schöpfen können. Erinnerungsblitze haben ihr eigenes Recht; sie befreien einen von der Sorge um die Folgerichtigkeit, sie begründen den fragmentarischen Charakter, ja sie setzen ihn geradezu voraus. Und sie motivieren Heterogenität. Ich schreibe darüber, woran ich mich erinnern kann, und wenn ich mir über etwas unsicher bin, erwähne ich das ausdrücklich. Der Leser sollte sich nicht wundern, wenn er hier oder da der Formel „ich weiß nicht” begegnet. Diese Erzählungen berichten lediglich über das, was ich erfahren und erinnert habe. Indem ich mich darauf beschränke, was ich am eigenen Leib erfahren habe, indem ich ausschließlich über mein Schicksal erzähle, und manchmal über jene, die auf dieses Schicksal einwirkten, möchte ich meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, nichts zu wiederholen, was schon gesagt worden ist, was bekannt oder gar allgemein verfügbar ist, auch wenn ich hoffe, dass ich den Berichten damit nicht ihren allgemeineren Sinn nehme.
Bruchstücke aus dem Ghetto

Das Wort
Ich erinnere mich daran, wie ich es zum ersten Mal hörte. Gleich zu Beginn des Kriegs, unmittelbar nach der Niederlage. Es kam mir zu Ohren, als man beratschlagte: Werden sie uns im Ghetto einsperren oder nicht? Ich wusste nicht, was dieses Wort bedeutet, war mir jedoch darüber im Klaren, dass es mit einem Umzug zusammenhängt. Ich erkannte, dass die Erwachsenen mit Schrecken davon sprachen, doch bildete ich mir ein, dass es ein interessantes Abenteuer werden würde. Und schließlich stellte ich mir vor, dass dieses geheimnisvolle und unverständliche Ghetto ein riesiger, vielstöckiger Wagen sei, der durch die Straßen der Stadt fuhr, gezogen von einem Dutzend Pferden. In einem solchen Wagen würden sie uns unterbringen, wir würden dort einziehen – das wäre sicherlich aufregend interessant und unterhaltsam. Ich stellte mir vor, dass es dort viele verschiedene Treppen geben würde, sodass man bequem von einem Stockwerk ins andere laufen kann, auch an Fenstern würde es nicht fehlen, nichts würde also im Wege stehen, um die unbekannte Welt zu betrachten. Dieses fantastische Fuhrwerk stellte ich mir wie einen Leichenwagen vor, eine schwarze Todeskutsche, wie man sie in unserer Stadt sah. Rasch sollte ich aber die Gelegenheit haben, mich von diesen kindlichen Phantasmagorien zu trennen – wir zogen tatsächlich um, doch wurde das nicht zu einem faszinierenden Abenteuer. Die präzise Bedeutung des Wortes sollten mich in der unmittelbaren Zukunft die direkten Erfahrungen lehren. Schon bald hegte ich keinen Zweifel mehr an seinem Sinn, obwohl es noch vor Kurzem so geheimnisvoll, exotisch, fesselnd geklungen hatte.
Die Farbe
Diesen von Mauern umgebenen Raum verstehe ich noch immer nicht, ich kann ihn nicht begreifen, nicht beherrschen, ich vermag nicht, die Prinzipien zu erkennen, die ihn organisierten, für mich stellt er immer noch ein Chaos dar, das sich nicht ergründen lässt. Und das geschieht nicht nur, wenn ich mich an ihn erinnere, wenn ich versuche, mich an ihn so zu erinnern, wie ich ihn damals wahrnahm, als ich darin eingeschlossen war. Es ist auch so, wenn ich auf die Karte des jüdischen Wohnbezirks blicke, der so schnell zu einem Gebiet des kollektiven Todes werden sollte. Für mich ist er ein Gewirr von Straßen geblieben, die auf eine Weise miteinander verbunden waren, die ich nicht fassen kann. Ich kann in seinem Inneren nicht diejenigen Orte ausmachen, an denen wir wohnten, nicht erklären, was in meinem damaligen Empfinden fern war und was nahe lag, obwohl ich heute weiß, dass diese räumlichen Vorstellungen keine objektive Dimension besaßen. Denn hinter den Mauern entwickelten sich – wie in jedem Gefängnis, in jedem Lager oder, allgemeiner, an allen Orten, die als Strafkolonie bezeichnet werden können – diese Beziehungen auf eine ganz eigene Weise. Das Straßengewirr ist in meiner Erinnerung keinen Augenblick leer. Natürlich hielt ich mich hier nicht auf, wenn Polizeistunde herrschte und wenn naturgemäß alles menschenleer war. Ich habe diese Wege am Tag gesehen und war einer in der Menge, einer dichten Menge, durch die man kaum hindurchkam.
Das Ghetto ist in meiner Erinnerung ein formloser Raum ohne ordnende Idee, ein Raum, den man mit Mauern umschlossen und ihm damit den Sinn genommen hatte, so wie man den Menschen den Sinn nahm, die hineingepfercht wurden. Ich kann mich jedoch an seine Farbe erinnern, eine eigentümliche und einzigartige, eine Farbe, durch die sich vielleicht jedes kollektive Unglück auszeichnet. Eine grau-bräunlich-schwarze Farbe, einzig in ihrer Art, bar jedes lebendigeren Farbtons, jedes bereichernden Elements. Vor Augen ist mir die Monochromatik des Ghettos geblieben, die vielleicht am besten durch das Wort „ausgeblichen” beschrieben wird. Denn eigentlich alles war ausgeblichen, unabhängig davon, welche Farbe es ursprünglich besaß, und unabhängig vom Wetter. Diese Ausgeblichenheit konnte selbst durch die intensivsten Sonnenstrahlen nicht belebt oder zumindest leicht gefärbt werden. Aber hat überhaupt jemals die Sonne über dem Ghetto geschienen? Kann sie denn dort scheinen, wo es keinen Zentimeter Grün gibt?
Die Farbe des Ghettos ist in meiner Erinnerung die Farbe des Papiers, mit dem man die auf der Straße liegenden Leichen bedeckte, ehe sie fortgebracht wurden. Sie gehörten fest zur Stadtlandschaft, denn die Straße war nicht nur ein Ort plötzlicher und unerwarteter Tode, sie war auch ein Ort langsamen Verendens – vor Hunger, wegen Krankheit, aus allen möglichen weiteren Gründen. Die Zeit des großen Sterbens endete im Ghetto nie. Die mit einem Bogen Papier bedeckten Leichen beeindruckten mich immer sehr. Es war dieses Papier, das für mich zum Inbegriff des Todes wurde, zu einem seiner Symbole. Ich vermag die Farbe nicht zu beschreiben, durch die es sich auszeichnete, ich habe nie mehr so ein Papier gesehen, doch glaube ich, dass die Bezeichnung „ausgeblichen” den Dingen am nächsten kommt, ihnen am ehesten entspricht. Diese farblose Farbe – weder weiß, noch aschgrau, noch grau – bezeichnet die Farbgebung des Ghettos, gibt ihr den Ton.
Und diese Ausgeblichenheit hat sich meinem Verstand dauerhaft eingeprägt. Deshalb wunderte ich mich, als ich sie plötzlich wiedersah, real und gegenständlich geworden. Ich sah sie im Kino, in Andrzej Wajdas Schwarz-Weiß-Film über Janusz Korczak. Doch war das kein gewöhnliches Schwarz-Weiß, und das nicht nur, weil der Regisseur in einer Zeit darauf zurückgriff, in der das Kino von Farbe dominiert wurde. Es war nicht gewöhnlich, weil es die Farbe des Ghettos wiedergibt, dieses grenzenlose Grau ohne Eigenschaften. Als ich den Film sah, glaubte ich meinen Augen kaum, dass ich diese ausgeblichene Farbe sehe, die eigentlich die Negation von Farbe ist, und zwar genau in der Form, in der sie sich für Jahrzehnte in meiner Erinnerung festgesetzt hatte. Allein schon wegen dieser Wiedergabe der Ghetto-Farbe bin ich Andrzej Wajda dankbar für diesen ungewöhnlichen und wichtigen Film, gegen den einige Fanatiker schwer begreifliche Vorwürfe erhoben haben.
Straßenszenen
Ich überlege, was mir von den Ghettostraßen in Erinnerung geblieben ist – außer einem ganz allgemeinen Bild, in dem sie einem labyrinthischen Netz gleichkommen, durch das kein einsamer Wanderer irrt, sondern eine erniedrigte, systematisch aller Güter beraubte Menschenmenge, die sich noch nicht ganz darüber im Klaren ist, dass man ihr das höchste Gut nehmen wird: das Leben. Es ist wenig geblieben, einige Bruchstücke, Einzelheiten, die für das Allgemeinwissen eine geringe Bedeutung haben, für mich aber als meinem Bewusstsein tief eingeprägte Spur jener Orte und jener Zeiten wichtig sind.
Ich weiß nicht, warum sich gerade diese Szene meiner Erinnerung so tief eingeprägt hat, weil sie nichts an sich hatte, was ein wenige Jahre altes Kind faszinieren konnte: Ich ging mit jemandem aus der Familie – diesmal nicht mit Mutter – durch eine der überfüllten Straßen, und auf einmal sah ich auf der Fahrbahn eine Rikscha oder eine Droschke (Aber gab es im Ghetto damals Droschken? Es war eine der Natur beraubte Welt; ich erinnere mich nicht, dort jemals ein Pferd gesehen zu haben. Und darin ein festlich gekleidetes junges Paar, das offensichtlich von der Hochzeit kam. Die Frischvermählten wirkten glücklich, der Bräutigam hielt die Hand seiner Begleiterin. An diesen Schnappschuss ohne größere Bedeutung erinnere ich mich sicherlich aus zwei Gründen. Zunächst deshalb, weil er ein wenig aus einer anderen Welt stammte, über das hinausging, was die Realität ausmachte, in der ich lebte. Nicht ausgeschlossen, dass ich die Szene gesehen habe, als wäre sie aus einem Märchen. Es gab aber noch einen zweiten Grund: Das Paar kam zwar nicht in einer vergoldeten Karosse von seiner Hochzeit, zog aber dennoch die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich, die ihre Abneigung nicht verbargen: Eine Hochzeitsreise, selbst wenn sie nur von einer Straße des Ghettos in eine andere führte, passte offensichtlich nicht zur Wirklichkeit, sie schien unstatthaft zu sein. Ich erinnere mich daran, dass ein Junge dem Bräutigam zurief: „He du, halt sie fest, sonst läuft sie dir weg!” Vielleicht überlagert sich diese Szene mit einer anderen, von einem anderen Tag und einem anderen Ort – das mag ich nicht ausschließen –, doch scheint es mir, als hätte ich damals gesehen, wie die Deutschen die Ghettostraßen filmten. Das Bild des Brautpaares sollte vielleicht die Propagandathese unterstützen, dass im Warschauer Ghetto Ruhe herrsche und das Leben normal verlaufe.
Das nächste Straßenfragment, das mir in Erinnerung geblieben ist, besitzt einen ganz anderen Charakter, schon allein deshalb, weil es sich nicht um ein einmaliges und ungewöhnliches Ereignis handelte, sondern um eine sich mit großer Regelmäßigkeit wiederholende Szene; vielleicht wäre es nicht übertrieben, wenn man sie alltäglich nennen würde. Wenn ich zu dem von Fräulein Julia und Frau Bronisława erteilten geheimen Unterricht ging, stieß ich auf meinem – im Übrigen kurzen – Weg auf einen nicht mehr jungen, ausgemergelten Mann, der Geige spielte. Er fiedelte immer dieselbe Melodie; von einem der Erwachsenen erfuhr ich, dass es ein Fragment aus Mendelssohns Violinkonzert war. Man sagte, dass dieser Geiger vor dem Krieg Mitglied des Warschauer Philharmonieorchesters gewesen sei, erst das Ghettoelend habe ihn auf die Straße getrieben. Ich habe seine Gestalt immer noch vor Augen. Es war so wenig von ihm da, dass er in dem weiten grauen Mantel verschwand, der wohl in den guten Vorkriegszeiten maßgeschneidert worden war, nun aber an ihm herunterhing, als sei er für drei Kerle wie ihn gedacht. Er spielte stets, unabhängig vom Wetter, in einem Hut. Und auch dieser schien viel zu groß für ihn zu sein, sein Gesicht versteckte sich im Schatten der breiten Krempe. Alles, was mit ihm zu tun hatte – außer der Melodie, die er seiner Geige entlockte –, war grau, harmonierte also mit der allgemeinen Farbe des Ghettos. Ich weiß nicht, ob man ihm Spenden zuwarf, ich bin nicht in der Lage, mir vorzustellen, wie er sie einsammelte, denn seine beiden Hände waren mit dem Instrument beschäftigt. Es ist ihm wohl gelungen, etwas zu bekommen, denn er spielte ja jeden Tag, aber diese Summen genügten nicht, um die grundlegendsten Bedürfnisse zu stillen. Elend und Hunger prägten sich seinem Aussehen immer deutlicher auf. Ein in einen Mantel gehülltes, Geige spielendes Skelett.
Anblicke des Todes
Ich habe schon die auf den Straßen liegenden, mit Papier bedeckten Leichen erwähnt. Ihr Anblick war die erste Begegnung mit dem Tod in meinem Leben – und hat sich meiner Vorstellungswelt tief eingegraben. Doch war es nach wie vor ein anonymer und unpersönlicher Tod, denn ich kannte keinen von denen, die ihr Leben auf den Ghetto-Bürgersteigen vollendeten. In der Zeit des großen Sterbens konnte sich aber auch die kindliche Erfahrung des Todes nicht auf derlei Fälle beschränken, sie breitete sich überall aus und nahm persönlichere Dimensionen an. Rasch begriff ich, worauf dies beruht: Es gab einen Menschen … und plötzlich gibt es ihn nicht mehr. Die Bewusstwerdung dieser Tatsache verband sich mit Entsetzen, rief eine schwer beherrschbare Angst hervor. Es kommt mir heute, nach Jahren, so vor, dass ich mich selbst unter den Bedingungen des Ghettos nicht an sie gewöhnen konnte, wo der Kontakt mit dem Sterben zu den alltäglichen, normalen und banal gewordenen Dingen gehörte.
Meine erste Erfahrung des Todes, die nicht nur aus dem Anblick von auf der Straße liegenden Körpern bestand, hängt nicht mit dem Ableben einer mir nahestehenden oder mir überhaupt näher bekannten Person zusammen. Sondern mit jemandem, den ich einige Male gesehen hatte; ich wusste noch nicht einmal, wie er hieß (und ich weiß es bis heute nicht). Es war ein großer, sehr magerer und leicht gebeugter Mann, der – wie mir schien – mechanische Bewegungen vollführte. Überhaupt präsentierte er sich so, als sei er künstlich aus verschiedenen Teilen montiert worden. Auch der Kopf mit den seltsam aufgeblasenen Backen und der auf die Nase gerutschten Drahtbrille machte den Eindruck, als sei er mit Schrauben am Rest des Körpers befestigt worden. Dieser seltsame Mensch rief bei mir panische Angst hervor, und vielleicht erinnere ich mich deshalb so gut an ihn, auch wenn ich natürlich keine Garantie habe, dass dieses Bild von ihm, wie es sich in meinem Bewusstsein festgesetzt hat, der wirklichen Person entspricht (viele Jahre später stellte ich mir genauso einige Gestalten aus Hoffmanns fantastischen Erzählungen vor). Ich sah ihn, wenn ich zum Unterricht zu Frau Anna ging; er lebte in derselben Wohnung wie sie und war wohl ihr Vetter. Eines Tages, als ich zur gewohnten Stunde an die Tür klopfte, hörte ich, dass der Unterricht heute nicht stattfinden würde, weil dieser Mensch, der in mir allein durch sein Aussehen Furcht hervorgerufen hatte, gerade gestorben war. Rasch erfuhr ich, dass er sich in der vergangenen Nacht im Badezimmer erhängt habe. Das Bild dieses leblos hängenden Menschen verfolgte mich noch längere Zeit danach, und ich denke, dass ich genau damals, mit nicht mehr als sieben Jahren, begriff, was der Tod ist; dieser Mann, der etwas von einer Vogelscheuche besaß, wurde für mich zu seinem Sinnbild.
Nur einmal sah ich eine Tötungsszene. Es geschah später, ich glaube in der Zeit unmittelbar vor dem Beginn der Aktion, der Deportationen nach Treblinka. Wir wohnten damals schon anderswo, unweit der Mauer, in einer Wohnung, in der die Küchenfenster auf einen für das alte Warschau so charakteristischen Innenhöfe mit Brunnen herausgingen. Ich hörte Schreie, wollte schauen, was geschieht. Auf der engen und schmalen Fläche waren einige Deutsche, an der Wand standen Männer. Die Hinrichtung begann. Ich weiß nicht, wer die Opfer waren und was die unmittelbare Ursache war, ich sah nur, wie nach einem Schuss ein Mensch hinfiel. Mutter zog mich vom Fenster weg, die nächsten Schüsse hörte ich nur noch, sie klangen merkwürdig in der Akustik des Brunnenhofes. Sie wollte nicht, dass ich Augenzeuge dieses schrecklichen Geschehens würde, selbst wenn ich schon so manches gesehen hatte, doch sie hatte auch Angst, dass die Deutschen nach oben schießen würden, auf diejenigen, die sich gerade aus dem Fenster lehnten. Ich weiß nicht, wie viele Personen damals umkamen, die Blutlache auf dem Hof war riesig. Diese Szene ist mir in Form eines Schnappschusses, eines Augenblickserlebnisses im Bewusstsein geblieben. Ich bin in Gedanken nicht sehr oft auf sie zurückgekommen, denn die Zeit des großen Sterbens erreichte soeben die Kulminationsphase und auch für ein Kind war es schwer, zu früheren Ereignissen zurückzukehren. In meinem Bewusstsein nahmen den ersten Platz zwei Worte ein, die man zuvor nicht gehört hatte: Umschlagplatz und Treblinka.
Der Keller
Was ich jetzt erzählen werde, geschah bereits in der Zeit jener Kulmination, als diese beiden Wörter auf den Lippen aller lagen, die hinter den Mauern eingeschlossen waren. Es war erst der Beginn der Liquidierungsaktion; an diesem Tag waren wir an der Reihe, wir sollten zum Umschlagplatz gejagt – und direkt ins Gas gebracht werden. Meine Familie versteckte sich so wie ein guter Teil der Nachbarn (vielleicht alle?) in einem der am weitesten vom Eingang entfernt gelegenen, wenngleich mit Sicherheit nicht allzu gut getarnten Kellerräume. Soweit ich mich erinnere, wurde er vom Hauswart von außen verschlossen. Ich habe seine Figur vor Augen: Es war ein junger, großer und breitschultriger Mann. Er selbst versteckte sich noch nicht mit uns zusammen, sicher dachte er, dass ihn die ausgeübte Funktion vor der Deportation schützen würde, doch seine Frau war wohl bei uns. Und tatsächlich, diesmal wurde er nicht mitgenommen.
Es fällt mir heute schwer, viel über unsere Zeit im Versteck zu sagen, die Einzelheiten sind zu Nebel verschwommen. Es herrschte Enge, und das Deckengewölbe war so niedrig, dass man nicht zu stehen vermochte. Ich wusste bereits gut, worum es hier ging, was wir vermeiden wollten, indem wir uns an einem Ort versteckten, der sich nicht zum Leben eignet. Jeder von außen kommende Ton rief Entsetzen hervor. Und auch ich war, verständlicherweise, von Angst erfüllt. Ich schmiegte mich an meine Eltern, aber in dieser Lage waren selbst sie keine Sicherheitsgarantie, ich war mir darüber im Klaren, dass sie genauso in Gefahr waren wie ich und alle anderen. Es war dunkel, es herrschte absolutes Schweigen, denn keinerlei Lebenszeichen durfte aus diesen Mauern herausdringen.
An diese Episode erinnere ich mich am besten: Auf einmal wurde die Stille radikal gestört. Eine der sich versteckenden Frauen hielt einen Säugling auf dem Arm, der wohl gerade einmal wenige Monate alt war (vielleicht war es die Frau des Hauswarts?). Er begann krampfhaft zu weinen und ließ sich nicht beruhigen. Die Mutter wiegte ihn, hielt ihm den Mund zu, schließlich gab man ihm ein Beruhigungsmittel. Man flüsterte sich zu, dass wir durch dieses Kind entdeckt und umkommen werden. Einige Stimmen verlangten, es zu ersticken, ansonsten würden es und mit ihm wir alle sterben, die wir uns in dem Keller verbargen. Eine Diskussion entstand, doch die junge Frau willigte nicht in die Ermordung ihres Kindes ein. Dazu kam es auch nicht; vielleicht beruhigte sich der Säugling, vielleicht aber löste auch ein Mann die Spannung, der sagte: „Dieses Kind wird unser Maskottchen sein, es bringt uns Glück.” Die Regeln der Erinnerung sind merkwürdig, von dieser ganzen Geschichte erinnere ich mich augenscheinlich gerade an diese Worte – vielleicht, weil aus ihnen Hoffnung hervorlugte. Tatsächlich kam bald darauf der Hauswart und öffnete den Keller. Die Mannschaft, bei der den Deutschen die sogenannten „Šaulis” und „Czubaryks” halfen, hatte sich getrollt. Diesmal war es gelungen, den Weg zum Umschlagplatz zu vermeiden.
Ich weiß nicht, wie lange wir uns in dem Keller aufhielten, sicherlich einige Stunden. Aber selbst wenn ich es wüsste, hätte das keine größere Bedeutung, denn eine solche Zeit lässt sich nicht mit einfachen Maßstäben messen, in derlei Momenten sind dies wenig hilfreiche Werkzeuge. Ich denke auch deshalb so darüber, weil der Aufenthalt in dem Keller in mir bis heute andauert und nicht mit dem Öffnen der Tür beendet war – und das nicht nur, weil mit dem Augenblick, in dem diese konkrete Bedrohung endete, die Gefahr nicht vorüber war. In einer Welt, in der der einzige Gesetzgeber und Regelsetzer ein systematisch nach einem vorab beschlossenen Plan vollzogenes Verbrechen ist, haben Bedrohungen und Gefahren kein Ende, ihre finale Phase kann eigentlich erst seine Erfüllung sein, die vollständige Durchführung, nach der nichts mehr übrig ist. Natürlich war ich mir dessen im Sommer 1942 nicht bewusst, ich war noch nicht einmal acht Jahre alt. Aber ich denke, dass die meisten Erwachsenen schon davon wussten. Ganz sicher waren sich diejenigen dieses Sachverhalts bewusst, die meinten, der Grundsatz contra spem spero, die Hoffnung stirbt zuletzt, fände hier keine Anwendung – denn wenn es um alles oder nichts geht, zeigt sich, wie nutzlos er ist.
Das war meine erste Konfrontation mit einem derartigen Eingeschlossensein. Ich hatte schon früher erfahren, was es damit auf sich hat, als man uns aus dem kurzlebigen Ghetto in Pruszków ins Warschauer Ghetto gebracht hatte; diese Fahrt in einem Zug, den man nicht verlassen konnte, dauerte zwei Tage, obwohl mein Heimatstädtchen nur etwa 15 Kilometer von der Hauptstadt entfernt liegt. Dennoch war das etwas anderes.
Der Weg zum Umschlagplatz
Ich erinnere mich erst ab einem bestimmten Augenblick an ihn, als wir uns in der Menschenmenge befanden, die sich auf der Fahrbahn dahinschleppte und nicht nur von Deutschen und ihren ukrainischen und litauisch-lettischen Helfern, sondern auch von jüdischen Polizisten getrieben wurde. Ich vermag nicht zu berichten, wie man uns aus dem Haus gejagt hatte, diese Episode ist aus meinem Gedächtnis gelöscht – sicherlich deshalb, weil ich so erschrocken war, dass ich nicht bewusst wahrnahm, was geschah. Ich bin aber sicher, dass man uns aus der Wohnung jagte und nicht aus dem Keller; vielleicht waren meine Eltern der Meinung gewesen, dass es keinen Sinn mehr machte, sich zu verstecken, vielleicht wurden sie überrascht, weil sie nicht erwartet hatten, gerade an diesem Tag herausgeholt zu werden. Ich bedauere, dass ich sie zu ihren Lebzeiten nicht danach gefragt habe. Vielleicht hätten sie auf meine Frage antworten können, obwohl sie über ihre Erfahrung einen Mantel des Schweigens hatten fallen lassen und nicht gerne darauf zurückkamen, als wäre das Erinnern gleichbedeutend mit einer Erneuerung des Leidens, das man zwar nicht vergessen kann und darf, über das man aber auch schwer sprechen kann.
Ich erinnere mich, dass wir Gepäck trugen, Vater einen Rucksack, Mutter eine Tasche. Darin hatten sie sicherlich die grundlegendsten Dinge untergebracht, vielleicht hatten sie etwas zu Essen hineingepackt. Ich weiß nicht, ob sie diese kleinen Gepäckstücke im letzten Moment gepackt hatten oder ob sie schon fertig waren, um in dem Augenblick mitgenommen zu werden, in dem das eintreten würde? Ich weiß nicht, ob sie glaubten, dass wir sie brauchen würden, oder ob sie sie mitnahmen, weil man nicht ohne Gepäck auf eine Reise geht, weil man sie für alle Fälle mitnimmt, selbst wenn man direkt ins Gas fährt. Ob sie schon damals wussten, dass der Weg dorthin führt? Oder machten sie sich noch etwas vor? Diese Frage betrifft natürlich nicht nur sie: An diesem Tag hatten die meisten – oder vielleicht alle – irgendwelche Bündel dabei, irgendwelche Sachen, selbst wenn sie ganz bescheiden waren, doch ich weiß nicht, ob diese Sachen ein Zeichen dafür waren, dass trotz allem irgendwo tief im Bewusstsein der Glaube an die Rettung glomm. Natürlich weiß ich nicht, was ich selbst damals fühlte – außer Angst und Entsetzen. In vielen Situationen, vor allem dieser Art, hat das Kind den Status eines Gegenstands, was umso offensichtlicher ist, als der Status willenloser Wesen allen zu eigen war, die in dem Marsch zum Umschlagplatz getrieben wurden. Meine Eltern sorgten zweifellos dafür, dass ich nicht alle Hoffnung verlor.
Ich erinnere mich nicht an den Anfang dieses Tages, doch denke ich, dass er so war wie die anderen Tage in der Zeit der Liquidierung und Deportationen. Und darüber kann ich etwas sagen: Wir wohnten unmittelbar an der Mauer, aus den Fenstern unseres Zimmers konnte man die arische Seite sehen und hören. Wir hörten und sahen Abteilungen im Gleichschritt zum Ghetto marschieren und Nazi-Lieder brüllen, von fern erreichte uns auch das Klappern der Schuhe. Es bestand kein Zweifel, zu welchem Zweck sich diese Abteilungen auf die andere Seite der Mauer begaben. Die Aktion war in vollem Gange. Auch dieser Tag begann sicherlich auf diese Weise. Aber wussten wir, dass wir genau jetzt auf den Umschlagplatz kommen würden?
Wie gesagt, ich erinnere mich an diesen Menschenzug erst ab einem bestimmten Augenblick. Als wir uns dem Ziel näherten, wurde eine Selektion durchgeführt. So hieß das – das Wort „Selektion” hat sich so stark damit verbunden, dass ich es bis heute nicht ruhig verwenden kann, obwohl ich mir bewusst bin, dass es in unterschiedlichen Zusammenhängen vorkommen und sich auf verschiedene Bereiche der Wirklichkeit beziehen kann. Die Selektion beruhte darauf, dass aus dem Menschenstrom einige wenige abgesondert wurden, die an diesem Tag nicht zur Deportation vorgesehen waren, sie sollten dableiben. Als wir an der Reihe waren, schien es mir, als seien wir zum Bleiben bestimmt worden. Ich war mir nicht darüber im Klaren, dass es die letzte Reise war, aber dennoch zog ich es vor, sie zu vermeiden, ich wollte nach Hause zurückkehren. Ich begann vor Freude zu hüpfen – einen Augenblick lang war ich glücklich. Erst nach zwei, drei Minuten dämmerte es mir, dass wir uns nicht unter den Auserwählten befanden, sondern in der Hauptgruppe, unterwegs zum Umschlagplatz. Die Begeisterung verwandelte sich in Verzweiflung. Von dem ganzen Tag erinnere ich mich an diese Episode am besten.
Als wir zum Umschlagplatz kamen, standen schon Güterwaggons bereit, der Zug schickte sich offenbar zur Abfahrt an. Es herrschte Gedränge; die Deutschen hatten an diesem Tag mehr Menschen zusammengetrieben, als sie fortbringen konnten, ein Teil musste bleiben. Ich erinnere mich daran, dass einige mit großen Buchstaben ihre Namen auf die Rucksäcke geschrieben hatten. Es war heiß, die Sonne schien, die Hochsaison des großen Sterbens fiel auf den Höhepunkt des Sommers. Das widerspricht dem, was ich geschrieben habe, dass über dem Ghetto die Sonne nicht schien. Doch wenn sie sich zeigte, so war auch sie unmenschlich, grausam und brachte, wie alles innerhalb der Mauer, Leiden. Sie brachte keine Hoffnung und peinigte die Todgeweihten noch stärker. Ein Gespräch zwischen meinen Eltern ist mir in Erinnerung geblieben. Mutter schlug vor, schneller mit allem fertig zu werden und sich zum Zug vorzudrängen, um mit dem Transport mitzukommen, der bald abfahren sollte. War sie sich voll darüber im Klaren, dass dies die Deportation in den Tod war? Vater war anderer Meinung. Er glaubte, dass wir uns so weit wie möglich von den Gleisen entfernt halten sollten, denn vielleicht würde es uns doch gelingen, vom Umschlagplatz fortzukommen. Es zeigte sich, dass er recht hatte.
Auch wenn ich dabei war, weiß ich nicht genau, wie es dazu kam. Ich kann es nicht in aller Ordnung erzählen. Als der Zug nach Treblinka fortgefahren war, wurde es auf dem Umschlagplatz leerer. Eine Gruppe von Menschen war übrig geblieben, die – wie wir – am spätesten herbeigetrieben, aus den entferntesten Gegenden des Ghettos geholt worden waren. Wir kauerten – und jeder überlegte wahrscheinlich, wie er von hier fortkommen könnte. Auch meine Eltern dachten nach. Der Zufall kam uns zu Hilfe: Vater traf einen seit vielen Jahren nicht gesehenen Bekannten aus seiner Jugendzeit, der jüdischer Polizist war. Er bat ihn, uns das Entkommen zu ermöglichen. Der Bekannte führte uns in ein Gebäude am Rand und brachte uns in einem dunklen Raum unter, eine Art Abstellkammer oder ein enger Verschlag, in dem früher Haushaltsgeräte gestanden hatten. Wir sollten hier bleiben, bis die deutschen Abteilungen nach der Erledigung der für diesen Tag vorgesehenen Aufgaben das Ghetto verlassen würden. Und so kam es auch. Dieser Bekannte aus alten Jahren ließ uns durch einen Seitenausgang vom Umschlagplatz heraus, vielleicht war es auch ein Loch im Zaun.
Wir waren gerettet, meine Eltern wurden gerettet, ich wurde gerettet. Eigentlich verstehe ich nicht, wie das geschehen ist, ich begreife nicht, wie das Schicksal gerade uns hold war. Ich wundere mich, ich wundere mich über alles. Ich wundere mich, dass ich lebe … Aber ich lebe, ich bin, ich existiere … Und ich erinnere mich!
Das Törtchen

Es fällt mir außerordentlich schwer, diese Erzählung zu beginnen. Nicht nur deshalb, weil in ihr Schrecken zu neuem Leben erweckt werden, zu denen man nicht zurückkehren möchte – obwohl es unmöglich ist, zu ihnen nicht zurückzukehren. Vor allem deshalb, weil die Zeit des Ghettos für mich einen Block darstellt, zumindest bis zu dem Augenblick, in dem die Deportationen begannen, als sich das, was noch kurz zuvor das Schlimmste gewesen zu sein schien, in etwas noch Schlimmeres verwandelte, in etwas so extrem Schlimmes, dass es keine Worte gibt, um darüber zu sprechen. Ich vermag es nicht, hier Differenzierungen vorzunehmen, ich kann diesen Block nicht kontrolliert überblicken. Vor allem aber bin ich in den meisten Fällen nicht in der Lage, das, an was ich mich als kleines Kind aus dem Ghetto erinnere, von dem zu trennen, was ich später gehört und gelesen habe. Ich bin mir also darüber im Klaren, dass ich ohne zu wiederholen, was schon gesagt worden ist, ohne Bedenken lediglich über eigene Erfahrungen erzählen kann, darüber, was ausschließlich mir gehört. Die Geschichte, die ich hier erzähle, erfüllt diese Bedingungen.
Sie begab sich zu Beginn unseres Aufenthalts im Warschauer Ghetto, bald nachdem wir aus dem kurz bestehenden (man möchte fast sagen: ephemeren) Ghetto in Pruszków umgesiedelt worden waren. Wir wohnten zunächst in der Nähe der Holzbrücke, welche die beiden Seiten der ulica Chłodna miteinander verband, die Landschaft dieses Stadtteils mitbestimmte und sich so gut meinem Gedächtnis eingeprägt hat, dass ich sie bis heute vor Augen habe. In unserer Familie waren die grundlegenden Bedürfnisse gestillt, Hunger erlebte ich in dieser Zeit nicht. Alles aber, was diese Grundlagen überschritt, konnte nur Gegenstand kindlicher Sehnsüchte sein und hatte natürlich eine gewaltige, fantasieanregende Anziehungskraft. So geschah es auch, als mir ein Törtchen als Belohnung versprochen wurde. Zur Belohnung, denn ich war krank: Ich hatte – wenn ich mich nicht irre – eine langwierige Grippe mit irgendwelchen Komplikationen, vielleicht hatte mich auch der Keuchhusten erwischt; ich war insgesamt ein Kind, das keine besonderen Schwierigkeiten machte, doch ein lästiger, geradezu schrecklicher Patient, ich ließ mich nicht anrühren, blieb nicht still, quengelte. Das Törtchen sollte eine Prämie für gutes Verhalten in dieser Rolle sein. Meine Sehnsüchte konzentrierten sich auf das Törtchen, ich lebte nur dafür und konnte die Zeit nicht abwarten, in der ich wieder gesund sein und mit Mutter in einen nahen Laden gehen würde, wo wir diesen großartigen, so lange erwarteten Einkauf tätigen würden. Wir waren oft an diesem Laden vorbeigegangen, doch war ich nie darin gewesen. Die Auslage, in der meist zwei oder drei Törtchen zu sehen waren, war für mich eine ungewöhnliche, unzugängliche und zauberhafte Welt.
Endlich kam der ersehnte Moment. Ich wählte ein Törtchen aus, das mir am besten gefiel und das, wie ich mir ausmalte, am leckersten sein würde. Doch ich aß es nicht an Ort und Stelle. Mutter erklärte mir, dass ich es zu Hause essen sollte, in Ruhe, denn es sollte eine richtige Feierlichkeit sein, eine Art Ritual. Ich erinnere mich, wie es aussah: Außen hatte es eine Schicht aus rotem Gelee. Die Verkäuferin packte es elegant ein und band ein dünnes, farbiges Band herum. An diesem Band hielt ich das ersehnte Stück, das mir wohl seit einer Woche versprochen worden war. Ich war glücklich und sah überhaupt nicht vorher, was gleich geschehen sollte. Wir waren kaum einige Meter gegangen, als ein abgerissener Bengel auf mich zusprang (solche Kinder nannte man im Ghetto oc-rachmunes), mit Sicherheit etwas älter als ich, aber nicht viel – und mir dieses so wertvolle und so heiß ersehnte Päckchen aus der Hand riss. Er lief nur ein paar Schritte fort und machte sich schon im Laufen ans Essen. Alles geschah wirklich im Handumdrehen. War er so schrecklich hungrig, dass er es nicht aushalten und keinen Augenblick warten konnte? Oder hatte er Angst, dass ihm die Beute fortgenommen werden würde? Es ist ein halbes Jahrhundert und noch viel mehr vergangen, doch bis heute sehe ich diese Szene mit solcher Deutlichkeit vor mir, als hätte sie sich gerade eben erst zugetragen, erst gestern, höchstens vor einer Woche. Ich sehe, wie dieser abgerissene Bengel, ein lebendiges und ausgehungertes Skelett, das Törtchen verschlingt, als wollte er es zusammen mit dem Papier herunterschlucken.
Dieses Ereignis war ein Schlag für mich, gewissermaßen brach eine Welt für mich zusammen. Ich zählte knapp sieben Jahre und wusste schon, dass ich mit allen anderen in einer schrecklichen Wirklichkeit lebe. Doch natürlich verstand ich sie noch nicht ganz, und das Schlimmste hatte ich – dank den Eltern, die mich schützten, wie sie nur konnten – noch nicht kennengelernt; Leiden infolge von Hunger war mir damals noch nicht bekannt. Ich reagierte mit krampfhaftem Weinen, das ich überhaupt nicht in den Griff kriegen konnte, es wurde immer stärker, wandelte sich zu einem Heulen und Zähneknirschen. Ich glaube, dass es schon damals um etwas mehr ging als nur um dieses unglückliche Törtchen. Ich erkannte, wie furchtbar die Welt ist, ich begriff, dass nichts mehr nach meinem Wunsch geschehen wird, dass ich Aggression ausgesetzt bin und mir das genommen wird, was ich gerne für mich hätte und woran mir lag. Ich hatte schon früher ungeheuerliche Dinge gesehen, ich hatte auf den Straßen des Ghettos liegende Leichen gesehen, bedeckt mit einem merkwürdigen Papier, dessen erdige Farbe schwer zu beschreiben ist, und sie hatten Eindruck auf mich gemacht. Doch diese Geschichte mit dem Kuchen war die erste grausame Lektion, die mir so direkt und so persönlich erteilt wurde.
Wenn ich heute daran denke, stellt sich mir eine Frage: Wie hat man versucht, mich zu trösten und mir zu erklären, was geschehen war? Ich bin sicher, dass mein Großvater, der die Mentalität eines Besitzers hatte und für den Eigentum unabhängig von den Umständen stets Eigentum war, den Angreifer bedingungslos verurteilte. Aber was haben mir die Eltern gesagt? Was habe ich von ihnen gehört? Haben sie mir erklärt: Es ist etwas Schlimmes geschehen, etwas sehr Unangenehmes, doch du musst eines verstehen – dieser unglückliche, zerlumpte Junge war hungrig, und du warst nicht hungrig, dir ging es nur um die Annehmlichkeit? Ich gestehe, dass ich – heute – froh wäre, wenn man mir damals solche Worte gesagt hätte. Doch wie es wirklich gewesen ist, das weiß ich nicht. Und ich werde es nie mehr erfahren.
Emil

In dieser Zeit besuchte ich den Unterricht bei Fräulein Julia und Frau Bronisława, zwei Schwestern, die vor dem Krieg Lehrerinnen gewesen waren und für eine geringe Gebühr eine Gruppe von mehreren Kindern unterrichteten. Es war nicht mein erster Unterricht, denn zuvor hatten mich die Eltern in eine winzige, private Schule geschickt, die von Frau Anna geleitet wurde. Wir wohnten zuerst in den Randgebieten des Ghettos. Als diese von den Deutschen dann ausgegliedert wurden, mussten wir umziehen. Auch Frau Anna wechselte ihre Adresse und es war nun zu weit, um bei ihr in die Schule zu gehen, zumal die Straßen des geschlossenen Wohnbezirks immer gefährlicher wurden und man nie wissen konnte, was geschehen würde. Das Zimmer, in dem Fräulein Julia und Frau Bronisława wohnten, befand sich unweit des Lochs, in dem wir untergekommen waren, ebenfalls am Rand des Ghettos, nur an einem anderen Rand, gleich hinter der Mauer. Es trennten uns nur wenige Häuser, ich erinnere mich jedoch an die Strecke, die ich zurücklegen musste. Oft lagen dort die Leichen von Menschen, die vor Hunger gestorben waren, bedeckt mit Bahnen aus grauem Papier. Ich erinnere mich auch an die Nähe der Mauer, die jenen Raum markierte, in dem alles, was lebte, unweigerlich zum Tode verurteilt war. Ich erinnere mich an viel … Aber mit Sicherheit kann ich mich an noch viel mehr nicht erinnern.
Ich erinnere mich also an das Zimmer, in dem unser Unterricht stattfand: Es war lang, mit einem großen Fenster; für die Zeit unseres Hierseins wurden drei kleine Tischchen aufgestellt, um es zumindest ein wenig einem Klassenzimmer ähnlich werden zu lassen. In einer Ecke war ein provisorischer Herd eingerichtet, und in einer anderen saß meist Herr Mieczysław, der Mann von Frau Bronisława. Er war vor dem Krieg Journalist in einer der auf Polnisch erscheinenden jüdischen Zeitungen gewesen, war also ein Mensch, der im Ghetto nicht in seinem Beruf arbeiten konnte, keinerlei Arbeit fand … und viel Zeit hatte. Während unseres Unterrichts las er in der Regel etwas, manchmal hörte er gelangweilt den Stunden zu, die uns seine Frau und seine Schwägerin erteilten. Ich erinnere mich nicht, wie er aussah, habe aber immer noch die gute und zerbrechliche Frau Bronisława und Fräulein Julia vor Augen, die einer besonderen Beschreibung wert ist. Sie war groß und entsetzlich dürr, es war jene pathologische Dünnheit, wie sie Krankheit und Unterernährung verursachen, so typisch für die Menschen im Ghetto. Im Sommer trug sie ein dunkles kurzärmliges Kleid, man sah also ihre gelblichen und ausgemergelten Arme, nur Haut und Knochen. Ihr längliches Gesicht mit eingefallenen Wangen konnte furchterregend aussehen, ihre Züge hatten eine Schärfe angenommen, die sie in besseren Zeiten gewiss nicht besaßen. Sie war eine sympathische Person, auch wenn manch einer denken mochte, sie erinnere an eine Hexe oder sehe aus wie der Tod. Wenn ich mich an diese Frauen erinnere, so denke ich noch an etwas anderes: Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich der Einzige bin, der sich an sie erinnert, der einzige, dem bewusst ist, dass sie einmal gelebt, gearbeitet, gelehrt haben – und dass sie mit der Welt, deren Teil sie waren, untergegangen sind.
Und ich bin gewiss der Einzige, der die Klassenkameraden, die Schüler von Fräulein Julia und Frau Bronisława, noch im Gedächtnis hat. Ich kenne ihre Nachnamen nicht, ich erinnere mich an die Vornamen, und auch hier nur an einige. Vor Augen steht mir Susi, hochgeschossen und etwas älter, die merkwürdig Polnisch sprach, weil sie in Hamburg geboren war; sie gehörte zu einer Familie, die von den Deutschen kurz vor dem Krieg zur polnischen Grenze gebracht worden war. Vor Augen steht mir die hellhaarige und lächelnde Mela, die einmal ergriffen von einem ungewöhnlichen und freudigen Ereignis des Vortags erzählte, als es zum Mittagessen Nudelsuppe gegeben hatte. Vor Augen steht mir ein Mädchen mit schwarzem Haar, das anonym bleibt, weil ich nicht in der Lage bin, mir ihren Vornamen ins Gedächtnis zu rufen; sie sammelte Briefmarken. Vor Augen steht mir schließlich Tadzio (obwohl ich nicht sicher bin, ob er wirklich diesen Namen trug), stets lebhaft und unbändig, der sich gerne mit seinem Vater brüstete, einem, wie er sagte, hervorragenden Rechtsanwalt. Ich wurde von ihm Giraffe genannt, weil er fand, ich habe einen komisch langen Hals. Außer ihnen habe ich niemanden aus unserem Unterricht vor Augen, obwohl wir mehr waren. In meiner Erinnerung aus dieser ermordeten Welt sind mir nur Fragmente, Fetzen, Reste geblieben.
Doch ein Junge ist geblieben, mit dem ich nie direkt zu tun hatte, auch wenn ich ihn mehrmals sah. Er hieß Emil und war eine lebende Legende unserer Gruppe. Als ich dazustieß, war er nicht mehr bei uns, doch beide Lehrerinnen erinnerten sich mit Sympathie, Zärtlichkeit und Bewunderung an ihn, auch die Mitschüler erwähnten ihn mit Zuneigung. Er war gewiss ein netter, angeblich sogar ein genialer Junge (er war nicht älter als neun). Über Emil sprach man wie über jemand Außerordentlichen, jemanden, der über uns alle herauswächst, der unglaublich begabt ist. Der eine erzählte, dass er Emil auf einer Straße des Ghettos zusammen mit seiner Mutter getroffen habe, ein anderer, dass er etwas über sein Schicksal gehört habe. Er war abwesend und doch unter uns anwesend. Im Ghetto war er mit seiner Mutter, doch auch über seinen Vater sprach man mit Bewunderung und Neugier: Er war als Offizier der polnischen Streitkräfte Kriegsgefangener, hielt sich in einem fernen Lager auf – und konnte natürlich nicht für seine Frau und seinen Sohn sorgen. Einmal in einer Pause zwischen den Stunden (die Kurse von Fräulein Julia und Frau Bronisława waren einer Schule immer ähnlicher geworden) blickte jemand aus dem Fenster im ersten Stock und sah Emil. Aufregung machte sich breit: Emil ist da, Emil ist da. Wir riefen: Emil, komm zu uns! Doch Emil kam nicht, ging weiter mit seiner Mutter über die mit Menschen überfüllte Ghettostraße in der Nähe der Mauer. Sie hatte darauf verzichtet, ihn zum Unterricht zu schicken, weil sie in ein noch größeres Elend als zuvor geraten war und die geringe Summe nicht mehr zusammenkratzen konnte, um ihn zu bezahlen. Wir wussten, dass Fräulein Julia und Frau Bronisława auf alle Gebühren verzichten wollten, um Emil umsonst weiter unterrichten zu können, der die Zierde der Gruppe und aller Liebling war. Es war bekannt, dass sie seine Mutter um ihr Einverständnis gebeten hatten, sie baten sie mehrfach, bedrängten sie geradezu, doch sie war konsequent und wollte darauf nicht eingehen. Vielleicht lehnte sie deshalb ab, weil ihr Ehrgeiz ihr nichts anderes erlaubte; vielleicht befürchtete sie, ihr Sohn, der als Einziger von den Gebühren befreit sein würde, könnte sich in einer erniedrigenden Lage befinden, seine Kameraden könnten ihm seine privilegierte Lage vorhalten. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass es zum Teil auch um etwas anderes ging: Seine Mutter glaubte vielleicht, Emil sei so begabt, dass er den Unterricht nicht brauche, denn er wisse sowieso schon viel und würde, sofern nötig, nach dem Krieg rasch alle Lücken aufholen. Und so wurde er zu unserem Vorbild und zu unserem Mythos, vielleicht auch deshalb, weil er am Unterricht nicht teilnahm. Darüber, wie viel über ihn geredet wurde, zeugt auch, dass ich mich an seine Geschichte so gut erinnere, obwohl seit diesen Ereignissen schon mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen ist.
Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist, ich weiß also nicht, ob er eine Chance hatte, seine Bildungslücken nach dem Krieg zu schließen, vermute aber, dass ihm dies nicht gegeben war, dass er wie die Mehrheit umgekommen ist. Die Sommerpause im Unterricht begann wie in normalen Schulen in den letzten Junitagen und sollte nie mehr aufhören. Es kam der 22. Juli 1942, es begann die letzte Phase der „Endlösung”. Als die Deportationen vom Umschlagplatz einsetzten, konnte nicht mehr davon die Rede sein, irgendetwas fortzusetzen. Ich weiß mit großer Sicherheit, dass Fräulein Julia und Frau Bronisława zusammen mit Herrn Mieczysław den Krieg nicht überlebten, sie kamen in Treblinka ums Leben. Ich weiß aber nicht, welches Schicksal meine Altersgenossen hatten. Ich weiß nicht nur nichts über Emil, den ich nie getroffen hatte, ich weiß auch nichts über Susi, die Polnisch mit deutschem Akzent sprach, ich weiß nichts über die heitere Mela, nichts über die kleine Brünette mit den traurigen schwarzen Augen, die Briefmarken sammelte (ich sammelte auch Marken, weshalb mir dieses Detail in Erinnerung geblieben ist), ich weiß nichts über den unbändigen Tadzio. Und umso mehr habe ich keine Ahnung, was mit denen geschehen ist, an die ich mich nicht erinnere. Ich kenne ihr Schicksal nicht, kann aber nicht umhin zu denken, dass alle umgekommen sind und dass das, was ich geschrieben habe, ein kollektives Epitaph ist. Ich schließe nicht aus, dass nur ich lebe und der einzige dieser Unterrichtsgruppe bin – deren ältester Teilnehmer nicht mehr als zehn Jahre alt war –, der sich an ihre Existenz erinnert und etwas über sie sagen kann. Es ist schwer, von sich selbst als den einzigen Zeugen zu denken, und noch schwerer, mit dem Bewusstsein zu leben, dass man dieser einzige Zeuge ist. Ich kann schließlich nicht fragen, warum gerade ich unter den Lebenden weile und nicht der großartige und außergewöhnliche Emil, die so merkwürdig Polnisch sprechende Susi oder der unbändige Tadzio. Warum, warum? … Antworten auf derlei Fragen gibt es nicht, man kann sich nur überlegen, ob zum Beispiel Emil dieses besondere Geschenk des Lebens nicht besser, klüger, schöpferischer genutzt hätte. Das Leben eines Menschen, der schon in der Kindheit zur Vernichtung verurteilt war.
Großvaters Selbstmord

Ich begegnete ihm nur wenige Male im Leben und er hat sich meinem Gedächtnis nicht allzu gut eingeprägt – im Gegensatz zu meinem Großvater mütterlicherseits, den ich von frühester Kindheit an kannte und den ich lange kannte, denn er überlebte den Krieg und starb im Jahre 1952, als ich schon studierte. Über diesen weniger vertrauten Opa möchte ich aber einige Worte schreiben, denn ich bewundere ihn für seine Entscheidung in einer Extremsituation.
Sein ganzes Leben verbrachte er in Słupca, doch eines Tages tauchte er bei uns in Pruszków auf. Er war damals nicht mehr jung, ich erinnere mich an einen großen, schlanken Mann, der leicht – aber deutlich – gebückt war. Ich war damals drei, höchstens vier Jahre alt und bin dem älteren Herrn, der mich auf die Knie nehmen wollte, ganz und gar nicht zugeneigt gewesen. Ich weiß nicht wieso, aber er löste bei mir Angst aus. Erst nach einiger Zeit wurde ich mit ihm vertraut. Doch nur kurz, denn nach einer Weile rief er bei mir Entsetzen hervor: Ich erschrak, als er unerwartet ein kleines rundes Käppchen aufsetzte, wie es die orthodoxen Juden tragen. Er war nicht orthodox, lebte aber in der jüdischen Tradition, in Einklang mit ihren Regeln, und es ist nicht ausgeschlossen, dass gerade Sabbat war. Zwar wurden die religiösen Regeln in meinem Elternhaus nicht eingehalten, es bestand jedoch kein Grund, dass ein älterer Mensch ihnen nicht treu blieb, selbst wenn er sich nicht durch besondere Frömmigkeit auszeichnete. Ich weiß wirklich nicht, warum er mir von dem Moment an, in dem er das Käppchen aufsetzte, bedrohlich, merkwürdig, fremd vorkam – und ganz anders als noch vor einer Weile. Die Reaktionen kleiner Kinder sind sonderbar und schwer vorherzusagen, also habe ich keinen Grund, mich groß mit meinem Verhalten auseinanderzusetzen. Ich möchte nur anmerken, dass dieses plötzliche Entsetzen groß gewesen sein muss, da es eine meiner deutlichsten Erinnerungen aus der frühen Kindheit war.
Leider erinnere ich mich an den Großvater im Ghetto nicht, obwohl ich ihn zumindest gelegentlich gesehen haben muss. Ich weiß noch nicht einmal, aus welchen Gründen er sich hinter den Mauern in Warschau befand, mit dem er zuvor nichts zu tun gehabt hatte; ich weiß nicht, ob alle Juden aus Słupca hierhergebracht wurden oder ob er Bemühungen unternommen hatte, um zur Familie zu stoßen (er war seit mindestens einem Vierteljahrhundert Witwer). Er wohnte bei seiner ältesten Tochter, die in der Familie unter dem polonisierten Vornamen Zosia bekannt war, am anderen Ende des Ghettos, und somit für die Verhältnisse des abgeschlossenen und maximal komprimierten Stadtteils – sehr weit weg. Mir ist in Erinnerung geblieben, wie wir sie einmal mit Vater besuchten. Immer noch sehe ich ihren Mann vor Augen, der damals schon schwer krank war, mit geschwollenen Beinen im Bett lag und sehr litt (anscheinend gelang es ihm nicht, vor der Deportation nach Treblinka zu sterben). Ich erinnere mich aber nicht an meinen Großvater, obwohl er dort gewesen sein muss.
Alles, was ich bis jetzt geschrieben habe, ist nur eine Vorbereitung auf die Reflexion über seine letzte Tat, eine Tat, zu der ich in Gedanken oft zurückkehre. Zur Reflexion, nicht zur Erzählung, denn ich weiß zu wenig über die wahren Geschehnisse, die damit einhergingen, um davon erzählen zu können. Ende Juli, Anfang August 1942 (das genaue Datum kenne ich nicht), nachdem die Deutschen schon mit der Deportation nach Treblinka begonnen hatten, beging mein Großvater Selbstmord. Er sprang aus dem zweiten oder dritten Stockwerk, sprang mit Erfolg, denn er war sofort tot. Ich erinnere mich, wie diese Nachricht bis an den entlegenen Rand des Ghettos gelangte, wo wir wohnten, und wie Vater sich um die Beisetzung kümmerte. Ich schreibe bewusst nicht Beerdigung, denn in der Zeit, in der die Deportationen vom Umschlagplatz nach Treblinka stattfanden, wurden im Ghetto keine Beerdigungen im normalen Sinn mehr organisiert. Die Leichen wurden in ein Massengrab auf dem jüdischen Friedhof geworfen. Hierher kam auch der Körper meines Großvaters. Ich weiß nicht, ob außer Vater ihn jemand bis zur Grube begleitete, in die man die Glücklichen fallen ließ, denen es gelungen war, hier, an Ort und Stelle, zu sterben … und der Gaskammer zu entgehen.
Ich würde viel darum geben, zu erfahren, welche gedanklichen und emotionalen Prozesse meinen Großvater zu seiner Entscheidung gebracht haben. In dem Augenblick, in dem er sie fasste, war er bereits ein alter Mann. Ich kenne sein genaues Geburtsdatum nicht, weiß aber, dass er zu Beginn der 1870er-Jahre auf die Welt gekommen ist, also in einer Zeit, in der selbst der pessimistischste Visionär sich keine Welt hätte vorstellen können, in der man massenhaft in Gaskammern ermordet wird. Einmal habe ich darüber gedacht: Der Holocaust betraf auch im 19. Jahrhundert geborene Menschen, also – kürzer – Menschen des 19. Jahrhunderts, die aus dieser Epoche ihre Sitten mitgebracht haben, ihre Weltsicht, Gewohnheiten und Vorurteile. Drei Jahrzehnte im Leben meines Großvaters entfielen auf dieses Jahrhundert, doch weiß ich nicht, ob man ihn einen Menschen des 19. Jahrhunderts nennen kann. Eher nicht, denn eine solche Bezeichnung wäre wahrscheinlich falsch; mein Großvater hatte mit Sicherheit keinen Kontakt zu den großen Ideen des vergangenen Jahrhunderts. Er hatte sich nicht in seine herrliche Literatur eingelesen, er war ein bescheidener Provinzkaufmann, der mit seinen Angelegenheiten beschäftigt war, er erzog seine Kinder und war bestrebt, dass seine nicht allzu große Firma der Familie die materielle Existenz sicherte. Und er hat wohl nicht viel von der Welt außerhalb von Słupca und dessen nächster Umgebung gesehen, die größten Brüche in seiner täglichen Routine waren Fahrten nach Posen von Zeit zu Zeit. Mein Großvater war ein einfacher Mensch, ein jüdischer Kleinbürger, der nur eine elementare Schulbildung besaß, und wenn ich nun gerade an seine Bescheidenheit und seine Normalität denke, kommt seiner finalen Geste in meinen Augen eine besondere Bedeutung zu.
Ich würde also viel dafür geben, zu erfahren, wie er zu dieser letzten Entscheidung gelangt ist. War ihm klar geworden, dass er keine Perspektiven mehr hatte? Er, Lajzer Głowiński, ein besonnener, höflicher, auf seine Weise religiöser Mensch, der die Siebzig überschritten hatte, war alt und kränklich, konnte also nicht damit rechnen, das Kriegsende zu erleben und zu einem normalen Leben zurückzukehren, in Słupca oder sonst irgendwo. Die Entscheidung könnte eine rein persönliche Dimension besessen haben, doch ich glaube, dass sie breitere Bezüge aufwies, etwa aufgrund des Zeitpunkts, zu dem sie umgesetzt wurde. In den Zeiten der Shoah gibt es keine privaten Selbstmorde, denn jeder Tod, vor allem ein solcher, wird gewissermaßen öffentlich. Ich kann nicht sagen, dass mein Großvater sich völlig im Klaren darüber war, was die Deportation nach Treblinka bedeutete, dass er sich bewusst war, dass es sich dabei um keine Ansiedlung im Osten oder um ein Arbeitslager handelte. Doch kann ich auch nicht ausschließen, dass er sich keinerlei Illusionen machte – und dass er nur einen Tod in Verachtung und Qualen vor sich sah. Er wollte ihm entkommen, wählte deshalb das, was er unter den extremen Bedingungen noch wählen konnte, und gab sich selbst den Tod. Er erkannte, dass in der Zeit der „Endlösung” für ihn der Selbstmord die beste Lösung war. Seine Entscheidung war richtig, er hatte schließlich keine Überlebenschance, jede Rettung war ihm versperrt. Das Einzige, was er hätte erreichen können, waren ein paar Tage Aufschub, also unter Aufbringung größter Anstrengungen eine Verschiebung des letzten Wegs auf den Umschlagplatz von, sagen wir, Montag auf Freitag. Für einen solchen Aufschub brauchte man sich nicht anzustrengen, zumal mit ihm keinerlei Hoffnung auf eine zumindest ein wenig längere Zukunft einherging. In dieser Zeit bedeutete das Ende wirklich das Ende. Diesbezüglich gab es kaum Zweifel. Die Beschleunigung des eigenen Endes war ein Akt der Freiheit, damals fast der einzig mögliche. Und mein Großvater traf im sterbenden Ghetto genau diese Wahl.
Ich denke daran mit der größten Bewunderung, zumal ich mir bewusst bin, dass ein Selbstmord, der unter solchen Umständen begangen wird, eine besondere symbolische Bedeutung besitzt. Ich hege die Überzeugung, dass diesem Freitod, einem Tod, zu dem sich dieser alte Mensch entschloss, etwas Imponierendes innewohnt. Es ist eine der Taten, die allein dadurch, dass sie aus freiem Willen entstehen und Folge einer freien Entscheidung sind, das infrage stellen, was man die Logik (oder Ordnung) des Holocaust nennen kann. Wer in einer solchen Situation zum Tode verurteilt wurde, stellt sich dadurch, dass er sich selbst das Leben nimmt, dem Urteil entgegen und demonstriert, dass er moralisch von ihm unabhängig ist. Und das ist auch dann der Fall, wenn dieser Akt die einfache Folge von Verzweiflung ist. Ich weiß nicht, ob es im Warschauer Ghetto oft Selbstmorde gab, wahrscheinlich wurden keine Statistiken geführt. Selbstmorde konnten in seiner Anfangszeit ja etwas anderes bedeuten als in seiner finalen Phase, als die Züge vom Umschlagplatz nach Treblinka aufbrachen.
Kurzum, über den Selbstmord meines Großvaters, den er in einer von der Shoah gezeichneten Zeit beging, denke ich wie über eine heroische Tat, eine Tat mit größter moralischer, existenzieller oder auch nur menschlicher Aussagekraft. Dieser Mensch hatte verstanden, dass in der Lage, in der er sich mit Millionen Verurteilten befand, die einzige verfügbare Form, über das eigene Schicksal zu entscheiden, und die einzige Form von Freiheit der sich selbst zugefügte Tod war, ein Tod aus eigenen Stücken. Würde ich die Geschichte meiner Familie schreiben oder ihre Legende erschaffen wollen, so würde ich meinem Großvater viel Platz widmen, der sich nicht ermorden ließ, weil er es vorzog, es selbst zu tun. Ich würde das tun, obwohl ich ihn wenig kannte und mich kaum an ihn erinnere. Ja, die Erinnerung von vor dem Krieg, aus der frühesten, so idyllischen Kindheit hängt überhaupt nicht mit dem finalen Akt zusammen. Die Mechanismen des Erinnerns unterliegen jedoch keiner rücksichtslosen Logik und keiner Hierarchie der Wichtigkeit. Damals, am Ende der 1930er-Jahre, konnte nicht nur ich, der ich damals nicht älter als vier war, sondern überhaupt niemand vermuten, dass dieser bescheidene Provinzkaufmann zu einer solchen Tat fähig sein würde. Und obwohl das Grauen bereits an die Tür klopfte, konnte sich auch in diesen Jahren niemand vorstellen, dass jemand Gaskammern in Betrieb nehmen würde, um darin mit industriellen Methoden zu morden.
Im Zusammenhang mit der Shoah ist oft vom „würdevollen Tod” die Rede, und gelegentlich gibt es wenig gescheite und leichtsinnige Meinungen dazu. Jeder, der durch verbrecherische Urteile starb, ist würdevoll gestorben – das muss gesagt werden, selbst wenn man Brutus recht gibt, der, unmittelbar bevor er seinem Leben ein Ende setzt, in Shakespeares Julius Cäsar sagt: „Der Feind hat uns zum Abgrund hingetrieben. / Es ziemt sich mehr, von selbst hineinzuspringen, / Als zu erwarten seinen letzten Stoß.” Es gab nur unterschiedliche Stile des Sterbens. Stile der Opfer, die sich ohne Proteste in die Gaskammern bringen ließen, und die Stile derer, die es vorzogen, aktiv zu sterben. Die einen – wie die Aufständischen des Ghettos – leisteten Widerstand, andere begingen Selbstmord. Ein Mensch, der so alt war wie mein Großvater, konnte nur den Selbstmord wählen.
Die Bohnen und die Geige

Es war gleich zu Beginn der Zeit, in der meine Eltern im Többens-Shop arbeiteten. Ich war damals schon ein so bewusster Teilnehmer und Beobachter der Ereignisse, dass ich verstand, was mit dem Wort Shop assoziiert wurde, das in dieser Bedeutung wohl weder davor und noch danach verwendet wurde. Auch der Namen Többens war mir nicht fremd, schon deshalb, weil er mir ständig zu Ohren kam. In dieser Firma unterzukommen, in der die einzige Art von Arbeit Zwangsarbeit war, bot die Hoffnung, der Deportation zu entkommen, erlaubte es, an eine Überlebenschance zumindest zu denken. Der Shop von Többens, zu dem sich meine Eltern täglich begaben und von dem sie bei verschiedenen Gelegenheiten sprachen, blieb für mich ein ferner und unbekannter Raum. Ich war nie dort, ich wusste nicht, wie er aussah und wo er sich befand, ich hätte ihn nicht unterbringen können auf der Karte des schrumpfenden und sich immer weiter entvölkernden Ghettos. Mein einziges Terrain blieb die Wohnung – eigentlich nur ein Zimmer –, in der wir uns seit längerer Zeit aufhielten, in einem Haus, das sich gleich an der Mauer befand und nach der Aktion, die auch eine räumliche Verkleinerung des Ghettos verursacht hatte, in ihm verblieben war. In den Winkeln dieser Wohnung sollte ich mich so gut wie möglich verstecken, wenn Gefahr drohte. Oft hielt ich mich hier übrigens allein auf, obwohl die Eltern eigentlich versuchten, zu unterschiedlichen Schichten in den Shop zu gehen.
Einst war die Wohnung belebt gewesen, viele Personen hatten hier Unterschlupf gefunden. Das begann sich in der Zeit zu ändern, von der ich jetzt erzähle, die erste Phase der Deportationen näherte sich ihrem Ende oder war bereits beendet. Ich könnte von wirklich großen Bevölkerungsbewegungen in der Wohnung sprechen. Verschiedene Personen kehrten nicht zurück, weil sie vom Umschlagplatz ihren letzten Weg antraten, der direkt zum Gas führte, einigen gelang es, auf die arische Seite zu wechseln. Nur an wenige von ihnen erinnere ich mich. In meinem Bewusstsein ist Frau Franka geblieben, die kurz zuvor ihr einziges Kind verloren hatte, einen Jungen in meinem Alter oder jünger. Sie war eine Bekannte meiner Familie aus der Vorkriegszeit. Sie überlebte, behielt nach dem Krieg Vor- und Nachnamen aus der Besatzungszeit und war bis zum Ende ihres langen Lebens als Frau Natalia bekannt. Irgendwo am Rand meiner Erinnerung taucht eine anonyme Frau auf, die sich nicht lang in der Wohnung aufhielt. Festgesetzt hat sie sich nur durch eine Erzählung, ja vielleicht nur durch einen Satz. Sie berichtete von der Selektion, bei deren Durchführung den Deutschen ein gewisser Jude half, ihr Bekannter von vor dem Krieg. Mit tiefer Überzeugung seufzte sie: „Was für ein ordentlicher Mensch!”, da er bewirkt hatte, dass man sie diesmal in Ruhe ließ. Als der Deutsche auf sie zeigte, habe er ihm nahegelegt, eine andere zu nehmen.
Mich beschäftigen die Mechanismen der Erinnerung, die dazu führen, dass sich gerade diese Äußerung in ihr erhalten hat und gewissermaßen für immer konserviert wurde, während sich so viele andere Sätze und Ereignisse verflüchtigt haben und auf keine Weise mehr rekonstruiert werden können. Ich kann es nicht erklären, schließlich war mir nicht bewusst, wie schrecklich das war, was diese Frau erzählte. Die moralische Reflexion eines knapp achtjährigen Kindes kann die Aussage von derlei Erklärungen nicht begreifen und bewerten. Das Kind kann nicht darüber nachdenken, wie die Wirklichkeit, in der es lebt, die Entstehung von Kriterien bei der Beurteilung von Einstellungen und menschlichen Verhaltensweisen beeinflusst, wie sie dazu zwingt, in Kategorien zu denken, die sich, wenn die Dinge günstiger gelaufen wären, sicherlich nicht ausgeprägt hätten. Es bleibt jedoch eine Tatsache, dass ich mir gerade diesen Sachverhalt behalten habe, obwohl er mich gar nicht interessiert haben dürfte. Umso mehr, als ich diesen jüdischen Kollaborateur nie gesehen hatte und seinen Namen nicht kannte, auch nicht wusste, wer diese „eine andere” war.
Ich erzähle hier nicht die Geschichte dieser Frau, über deren Schicksal mir nichts bekannt ist, ich weiß nicht, ob es ihr gelang, sich vor Treblinka zu retten. Ich will vielmehr von drei Schwestern erzählen, die – freilich nur kurz – ein Zimmer in der Wohnung belegten, in der auch wir wohnten. Ich erinnere mich an ihren Nachnamen: Urstein. Ihr Bruder, der gleich zu Beginn der Besatzungszeit gestorben war, war ein bekannter Musiker. Er hat einen Eintrag in der Mała Encyklopedia Muzyki, im Kleinen Musiklexikon: „Urstein, Ludwik, geb. 1874 in Warschau, gest. am 5.10.1939 ebd., polnischer Pianist und Pädagoge. Er studierte am Warschauer Konservatorium. Bedeutender Begleiter und Kammermusiker.”
Dieser unter anderem aufgrund zahlreicher Auftritte im polnischen Rundfunk geschätzte Künstler hatte Glück: Er starb zum richtigen Zeitpunkt, er umging das Ghetto und die mit ihm verbundenen Qualen. Doch seine Schwestern erlitten sie. Ich erinnere mich daran, wie sie aussahen: Sie waren schwarz gekleidet. Einander sehr ähnlich, kamen sie mir alt vor, obwohl sie sicherlich kaum die mittleren Lebensjahre überschritten hatten. Ich wechselte kein Wort mit ihnen. Sie hielten sich abseits und knüpften keinen Kontakt zu den Mitbewohnern, ich verbinde mit ihnen Stille und Schweigen. Sie sprachen wohl nur untereinander, und das flüsternd. Vielleicht wollten sie auf diese Weise ihre Privatsphäre bewahren. Vielleicht wurden sie aber auch von Unglück und Leiden erdrückt, sodass sie es vorzogen, diese in familiärer Isolation zu erdulden und nicht in der Lage waren, Kontakte aufrechtzuerhalten, auch nicht mit denen, die so wie sie zu Erniedrigung und Qualen verurteilt waren, zum Verlust ihrer Liebsten und zu unaufhörlichem Warten auf den Tod.
Nichts Konkretes kann ich über diese Frauen sagen – ich weiß nicht, ob sie verheiratet oder Witwen waren, ich weiß nicht, ob sie jemals eigene Familien besaßen und sie im Zuge der Liquidierung des Ghettos verloren hatten, ich weiß nicht, ob sie einander schon immer so nahe standen oder ob erst der Aufenthalt hinter der Mauer diese Vertrautheit hatte entstehen lassen. Auf jeden Fall haben sie sich meinem Gedächtnis als Personen eingeprägt, die stets zusammen waren, als drei schwarze Gestalten, die gemeinsam die Wohnung verließen, um zur Arbeit in Többens Shop zu gehen, und gemeinsam zurückkehrten. Und eines Tages kehrten sie solidarisch – also wieder gemeinsam – nicht zurück. Es war schwer, nicht zu erahnen, was geschehen war: Sie waren zur Deportation ausgewählt worden, es fand sich kein „ordentlicher Mensch”, der sie davor beschützt hätte. Ich weiß natürlich nicht, wie das vorging. Vielleicht suchten diejenigen, die die Selektion durchführten, an diesem Tag alle drei heraus und verurteilten sie zum Tod im Gas. Vielleicht riefen sie auch nur eine heraus und die beiden anderen meldeten sich von selbst, weil sie beschlossen hatten, nicht nur gemeinsam zu leben, sondern auch im Familienkreis zu sterben. In solchen Fällen spricht man in der Regel davon, dass das Geheimnis mit ins Grab genommen wird, hier jedoch wäre diese Formel widersinnig, da die ermordeten Juden ihre Geheimnisse mit ins Gas nahmen.
Ihre Geheimnisse nahmen auch die Schwestern Urstein mit, an die sich heute kaum jemand mehr erinnert, vielleicht auch niemand – außer mir. Doch ich rufe sie mir auf besondere Weise ins Bewusstsein, so wie man Gestalten und Ereignisse aus der Kindheit evoziert, auch aus der makabersten. Das ist ein karges Erinnern, nur wenig lässt sich daraus hervorluchsen: sie lebten … und sie kamen um …
Sie ließen ein abgeschlossenes Zimmer zurück, und damit hängt zusammen, was ich jetzt erzählen will. Sie hatten keine Familie mehr, die all das, was sie hinterlassen hatten, übernehmen und ordnen konnten. Das Zimmer, das sie vor nicht allzu langer Zeit bezogen hatten, war zu Niemandsland geworden, und die Dinge, die ihnen noch gestern gehört hatten, konnte sich jeder, der wollte, aneignen. Im Ghetto hörten in der Zeit der Liquidierung die meisten Gesetze zu gelten auf, das Eigentumsrecht hatte seinen Sinn verloren, wo doch das Eigentum noch vor Kurzem vielen Menschen als heilig gegolten hatte. Wertvolles konnte ebenso wie Wertloses herrenlos werden, herrenlos wurden auch die persönlichen Erinnerungsstücke, die noch am Vortag für jemanden sehr kostbar gewesen waren.
Dessen war sich zweifellos ein junger Mann bewusst, den niemand unter denen, die immer noch in der Wohnung ausharrten, kannte. Er erschien einige Tage nach dem Verschwinden der Schwestern Urstein, erklärte, er wisse, dass sie eine wertvolle Geige hinterlassen hätten, und sagte, dass er sie mitnehmen wolle. Anfangs fragte man ihn aus, welches Recht er darauf habe. Mit Sicherheit waren das keine allzu weitreichenden Ermittlungen, denn dieser Unbekannte legte keine Beweise vor, die seine Ansprüche hätten begründen können. Doch man sprach mit ihm; das Instrument konnte nun ihm ebenso gehören wie jedem anderen. Das Zimmer der Schwestern Urstein war verschlossen, den Schlüssel hatten sie mit auf ihre letzte Reise genommen. Man musste es also auf andere Weise öffnen. Die Tür wurde nicht aufgebrochen, sie ließ sich leicht öffnen, fast ohne Mühe. Und tatsächlich, die Geige befand sich an einem exponierten Platz. Der Herr, der gekommen war, um sie zu holen, sagte, sie sei alt und wertvoll, er nannte sie die Violine von Ludwik Urstein. Aber hat Ludwik Urstein tatsächlich auf ihr gespielt? Er war schließlich Pianist, der zwar Geiger begleitete, aber kein Virtuose auf diesem Instrument. Vielleicht gehörte sie einer der Schwestern und sie hatte darauf gespielt? Ich weiß natürlich nicht, wie sich die Dinge verhielten, ich weiß nicht, wer der Mann war, der sie mitnahm, ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Vielleicht konnte sie das Ghetto verlassen, denn in dieser Zeit konnte sie hier schließlich niemand mehr gebrauchen, in der Zeit der Deportationen, als der Umschlagplatz zum zentralen Ort innerhalb der Mauern wurde, spielte niemand mehr irgendetwas. Vielleicht gelangte sie so heraus wie die Menschen, die vor der Vernichtung auf die arische Seite flohen. Vielleicht ist sie erhalten geblieben und dient – wenn sie wirklich gut war – heute einem Künstler, der Bach und Beethoven darauf spielt, ohne sich bewusst zu sein, welch dramatische Geschichte sie hat. Aber vielleicht ist sie auch zerstört worden, ist im schrecklichsten Sinn des damals fundamentalen Wortes „untergehen” untergegangen, zusammen mit dem jungen Mann, der meinte, sie müsste nach dem Verlust der Schwestern ihm gehören. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er Geiger war und an seinen letzten Lebenstagen auf einem ordentlichen Instrument spielen wollte.
Ich könnte noch lange Mutmaßungen anstellen, doch ich möchte lieber über das berichten, woran ich mich erinnern kann. In diesen Erzählungen über das Ghetto beschäftigen mich nicht die möglichen Welten, sondern mich interessiert, was in seinem Wesen noch kurz zuvor unmöglich gewesen zu sein schien – und zwar aus vielen Gründen –, nun aber Wirklichkeit war, die schrecklichste Realität aller Wirklichkeiten war, die noch vor zwei oder drei Jahren überhaupt nicht denkbar gewesen waren. Wirklichkeit war zweifellos das Zimmer, das die Schwestern Urstein hinterlassen hatten. Es war nun ohne Besitzer, offen, für jeden zugänglich, der es betreten wollte. Vater ging hinein, und ich mit ihm. Ich kann nicht sagen, wann das geschah, gleich nach dem Abschied des Mannes mit der Geige oder etwas später. Für mich, der auf Dauer in der Wohnung eingesperrt war, der die Welt schon lange nicht mehr betrachtet hatte und keine anderen Freuden kannte, war das gewiss eine Abwechslung und Attraktion: etwas zu sehen, was ich bis dahin nicht gesehen hatte, zumindest nicht im jetzigen Zustand. Denn ehe die drei Schwestern es bezogen hatten, hatte ich mich oft in diesem Zimmer aufgehalten.
Sie hatten hier nur wenige Tage gewohnt, hatten sich noch nicht einleben und einrichten können, alles lag herum und war in Unordnung. Vielleicht wollten sie aber auch gar keine Ordnung herbeiführen, in dem Bewusstsein, dass dies ein Provisorium kurz vor dem Tod war, dass jedes Bemühen um Ordnung und jedes Wurzelschlagen, sofern es überhaupt möglich gewesen wäre, ein Betrug an ihnen selbst war – in der Zeit vor dem Tod. Der Unordnung kam entgegen, dass es in dem Zimmer fast keine Möbel gab. Mit Sicherheit fehlte in ihm ein Schrank, und so lagen verschiedene, die elementarsten, für die bescheidenste Existenz notwendigen Gegenstände offen herum: ein paar Teller, vielleicht auch Küchengeschirr, vor allem aber Teile der Garderobe. Das war alles, was von den Schwestern geblieben war. Diese Unordnung wurde zu einem Zeichen eines plötzlich und gewaltsam unterbrochenen Lebens, eines Lebens, dem sich keine Chance mehr bot.
Vielleicht waren auch einige Essensreste geblieben und ganz sicher etwas, was einen Schatz darstellte: eine Tasche mit einigen Kilo Bohnen. Diesen Vorrat hatten die Schwestern sicherlich für eine schwarze Stunde angelegt, für eine Zeit schlimmen Hungers. Ich erinnere mich, dass Bohnen im Ghetto ein besonders geschätztes Nahrungsmittel waren. Dieser Schatz war nun, so wie die Geige, herrenlos, ein Gut ohne Besitzer. Vater nahm ihn und wir aßen diese Bohnen eine Zeit lang und teilten sie sparsam in Portionen auf, damit sie länger reichten.
Aber bald wurden auch unsere Habseligkeiten herrenlos. Wie verließen das Zimmer und ließen alles zurück. Ich weiß nicht, ob es noch jemand geschafft hat, von diesen Dingen Gebrauch zu machen, zu essen gab es darunter eher nichts. Wir verließen das Zimmer, zum Glück nicht zum Umschlagplatz und in die Öfen der Krematorien getrieben – wir gelangten auf die arische Seite.
Das Verlassen

Ich gebrauche dieses Wort nur deshalb, weil ich kein anderes bei der Hand habe, eines, das passender wäre. „Flucht” ist für mein Gefühl noch weniger angemessen. Freilich, es hat großartige Konnotationen, es lässt an die biblische Welt denken, doch würde ich den Ausdruck „Exodus” nicht verwenden, weil er in Bezug auf derlei Ereignisse sowohl viel zu erhaben als auch zu prätentiös klänge. Und wenn von einer furchtbaren Welt die Rede ist, von einer der furchtbarsten, welche jemals Menschen bereitet wurde, sind alle erhabenen und feierlichen Worte überflüssig. Ein Missklang stiehlt sich in sie hinein. In den Geschichten, aus denen sich die Shoah zusammenfügt, gibt es noch nicht einmal Analogien zu den grausamsten Episoden der Bibel. Auch in den Fragmenten, in denen nicht vermieden wurde, von erschütternden, ungeheuerlichen Ereignissen zu erzählen, hat die Heilige Schrift stets gewisse Werte festgelegt, hat angenommen, dass es in der Welt eine gewisse Ordnung gibt, die ihren Sinn hat. In der Shoah gab es so etwas nicht. Hier war ein System des Verbrechens am Werk, und in dem, was zur Rettung menschlichen Lebens führte, spielten Zufälle eine gewaltige Rolle – dunkle und unermessliche, die sich nicht beherrschen, verstehen, ordnen lassen.
Ich habe diese allgemeinen Erörterungen gerade hier aufgegriffen, weil das Wort „Verlassen” mich darauf gebracht hat, obwohl sie auch in die anderen Erzählungen passen würden. Ich weiß nicht, aus welchem Grund es eine Konvention geworden ist, vom „Verlassen des Ghettos” (wyjście z getta) zu sprechen, wenngleich man auf Polnisch nicht sagen kann: „das Verlassen des Konzentrationslagers” – und zwar sowohl dann, wenn es um eine dramatische, höchst risikoreiche Flucht ging, als auch dann, wenn man an eine Freilassung denkt (die natürlich im Fall der Juden ganz unvorstellbar war). Also unser Verlassen – das meiner Eltern und meines – des Ghettos erfolgte gleich Anfang Januar 1943, wohl einen Tag nach Neujahr. Wir verließen es als letzte von dem Teil der Familie, der innerhalb der Mauern lebte und ein geschlossenes Ganzes bildete. Ich denke nicht an die Großeltern, die aufgrund eines reinen Zufalls noch vor Beginn der Deportationen auf die arische Seite gelangt waren, ein außergewöhnlicher Zufall, der für sie unerwartet gnädig war. Ich denke an meine beiden Tanten, die eine nach der anderen mit ihren Kindern herauskamen. Und dann an ihre Männer: Beide gelangten etwas später über die Mauer und kamen kurz darauf ums Leben.
Diejenigen Verwandten sowohl meiner Mutter als auch meines Vaters, die an anderen Stellen des Ghettos wohnten, kamen nicht heraus – und nicht mit dem Leben davon. Sie machten sich von dort aus auf ihre letzte Reise, direkt nach Treblinka. Es ist unbekannt, an welchen Tagen das geschah und unter welchen Umständen genau. Als man versuchte, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, was zweifellos nicht leicht war, musste man feststellen, dass sie nicht mehr da waren. Sie waren, existierten, lebten – und dann waren sie auf einmal nicht mehr da. Niemand konnte sich Täuschungen hingeben, es war bekannt, was geschah. Doch ich vermag nicht zu sagen, ob man auf Nachrichten dieser Art reagierte wie auf Trauerbotschaften. Ist denn in einer systematisch und geplant ermordeten Gemeinschaft Trauer in der Form, wie sie sich in etwas normaleren Zeiten zeigt, überhaupt möglich? Wenn ein Tod auf den anderen folgt, wenn er allem und jedem einzeln droht, ist es schwer, zu kontemplieren. Wenn das Nachdenken über ihn überhaupt möglich ist, so lediglich in den Dimensionen eines Augenblicks, nicht in längeren Zeiteinheiten.
Wir waren also von dem Teil der Familie, der der Vernichtung entkommen konnte, am längsten im Ghetto. Ich weiß nicht, was dafür den Ausschlag gab: Vielleicht waren die Umstände ungünstig, vielleicht war es schwer, zu einer Entscheidung zu gelangen, zumal die Entscheidung keine Kleinigkeit war. Das Risiko, die gut bewachte Grenze zu überschreiten, die mitten durch die Stadt führte, musste bedacht werden. Und es war kein Geheimnis, dass man gleich nach der Ankunft auf der anderen Seite leicht in die Hände von szmalcownicy fallen konnte, was bedeutete, erpresst zu werden, gelegentlich aber auch gleichbedeutend mit dem Tod war.
Das Verlassen organisierte Vater – und er machte es gut. Die Operation verlief rasch und reibungslos. Wir zwängten uns, im Gegensatz zu einer Tante, nicht durch die Kanäle (hätte ich eine Flucht durch unterirdische Wege erlebt, so würde ich ihr wohl die Platzangst zuschreiben, die mich in unterschiedlicher Intensität seit der frühen Jugend plagt). Ich weiß nicht, wie Vater es geschafft hat, und ich werde es auch nie mehr erfahren, denn ich habe nicht daran gedacht, ihn nach den Einzelheiten zu fragen, wobei ich auch gar nicht sicher bin, ob er sie behalten hatte. Wie viele von denen, denen das Verlassen gelungen war und die den Krieg überlebt hatten, mied er die Erinnerungen, er unterdrückte sie wohl. Vielleicht war das eine der Bedingungen für die Rückkehr zu einer normalen, banalen Alltäglichkeit, in der sich selbst ernste Schwierigkeiten bewältigen lassen. Doch die Verwirklichung dieser Absicht, bei der es um das Leben ging, die Verwirklichung dieses Auszugs aus einem Teil der Stadt in den anderen, der den hinter den Mauern eingesperrten Menschen als Domäne der Freiheiten und der Normalität vorkam, obschon auch er sich unter der Besatzung befand und schreckliche Dinge in ihm geschahen – diese Verwirklichung war keine leichte Aufgabe. Es ging darum, die Grenze zu überqueren, die von einer Mauer markiert wurde, aber auch darum, etwas auf der arischen Seite vorzubereiten, um nicht im Leeren zu landen, nicht sofort in unerwünschte Hände zu geraten und in eine ausweglose Situation zu kommen, selbst wenn sie eine Folge des Auswegs war.
Wir zogen gemeinsam aus, alle drei, auf riskante Weise. Aber damals gab es nichts, was nicht riskant gewesen wäre. Der Einsatz beim Retten des Lebens war das Leben selbst. Auf riskante, zugleich aber auf – ich muss dieses hier so unangemessene Wort verwenden – luxuriöse Weise: Wir fuhren durch das Tor, welches das Ghetto von der arischen Seite trennte, in einem von einem deutschen Soldaten gelenkten Automobil. Als wir hinausfuhren, war es noch dunkel, es ging alles schnell, den Soldaten habe ich wohl überhaupt nicht gesehen. Ich habe mir das Auto auch nicht angeschaut, ich erinnere mich nicht daran und weiß nur, dass es kein Lastwagen war, aber es war auch kein Personenwagen im engeren Sinne. Mit einer Plane bedeckt war es vielleicht ein Militärwagen, wie sie damals zur deutschen Ausrüstung gehörten. Wir sollten hinten sitzen, gebückt und so gekleidet, dass wir am wenigsten auffielen.
Aber unserem Hinausgehen war ein Ereignis vorausgegangen. Es ist mir nicht klar, wie Vater das Verlassen des Ghettos eingefädelt hatte, ich erinnere mich aber, dass er die Sache mit einem nicht mehr jungen Menschen Namens Kryształ erledigte. In der Endphase des Ghettos übte er irgendeine Funktion aus, er war wohl ein Beamter, der Kontakt zu den Deutschen hatte. Ich weiß nichts über ihn, ich vermag nicht zu sagen, ob er für die aussterbende Gemeinschaft tätig war oder ob es sich um einen Kollaborateur handelte, der die Zusammenarbeit vielleicht in der Hoffnung aufgenommen hatte, dadurch sein Leben und das seiner Familie zu retten. Wie auch immer es sich verhielt, er war es, der bei unserem Hinausgehen vermittelte, er erledigte es. Er kannte einen deutschen Soldaten (es gab so einen, vielleicht sogar mehrere), der bereit war, unter bestimmten Bedingungen und gegen Bezahlung Juden aus dem Ghetto herauszufahren. Er verlangte, dass sie kein semitisches Aussehen haben dürften. Wenn ich mich nicht irre, beauftragte er Kryształ mit der Beurteilung. Offensichtlich hatte er Vertrauen in dessen diesbezügliche Fertigkeiten: Er vertraute Kryształs Kriterien und glaubte sicherlich, dass ein jüdisches Auge ein schlechtes Aussehen besser erkenne als sein germanischer Blick. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass er sich aus Sicherheitsgründen nicht mit denen treffen wollte, denen er einen so wichtigen Dienst erweisen sollte.
Mit dieser Rolle Kryształs als Begutachter hängt zusammen, was zum ersten Mal seit Monaten geschah: Ich ging aus der Wohnung, die ich seit Langem nicht verlassen hatte. Vater hatte er schon kennengelernt, Mutter hatte er sich im Shop von Többens angeschaut, nun musste er mich noch ansehen, um festzustellen, wie ich aussehe, ob ich nicht das Stereotyp vom Juden verkörpere. Es war schon dunkel, als wir uns trafen und ich erinnere mich nicht an den Ort, an dem es geschah. Kryształ selbst hat sich in meiner Erinnerung jedoch gehalten: Er war von kleinem Wuchs, ganz grauhaarig, mit kurz gestutztem Bart. Vater besprach lange etwas mit ihm und ich lauschte diesem Gespräch mit Anspannung, weil ich wusste, welch große Sache auf dem Spiel stand. Sicher legten sie die Einzelheiten fest, also Tag und Ort, an dem wir uns gleich nach Ende der Polizeistunde einfinden sollten, aber sie einigten sich auch über die Höhe der Bezahlung. Sie waren eindeutig zu einem Kompromiss gelangt. Kryształ hatte den Preis wohl noch etwas gesenkt, und vielleicht servierte ihm Vater zum Lohn dafür ein Kompliment: „Sie sind ein wahrer Kristall.” Ich schließe nicht aus, dass dieser Satz fiel, nachdem er festgestellt hatte, dass mein Aussehen unsemitisch genug war, um eine positive Meinung über mich abgeben zu können, so also, dass der geheimnisvolle und anonyme Soldat einverstanden wäre, uns fortzubringen. Hätte es dieses Wortspiel nicht gegeben, das sich meinem Gedächtnis eingeprägt hat, so hätte ich vergessen, wie dieser Mensch hieß. Selbst wenn er ein Kollaborateur war, so hat er mit Sicherheit keine größere Rolle gespielt, seinen Namen habe ich in keiner Arbeit über die Geschichte des Warschauer Ghettos je gelesen.
Als sie das Datum festlegten, wurde auch berücksichtigt, welche Mannschaft an diesem Tag am Ghettotor Wache haben würde. Es ging darum, dass sie aus solchen Wachmännern bestand, die – selbst wenn sie nicht geneigt waren, das Hinausgehen zu erlauben – so gleichgültig und wenig neugierig waren, dass sie sich nicht allzu sehr dafür interessierten, wer sich in dem Wagen befand. Wir saßen auf der Rückbank, so zusammengekauert, dass so wenig wie möglich von uns zu sehen war, Mutter mit einem Tuch auf dem Kopf und ich in einer dicken Wollmütze, „Pilotenmütze” genannt, die einen großen Teil des Gesichts verdeckte. Sie war mir noch vor dem Krieg in der ulica Nalewki gekauft worden, in einem Geschäft für Kindermode, das wohl „U Franciszki” (Bei Franciszka) geheißen hat. Diese Pilotenmütze wuchs gewissermaßen zusammen mit mir und leistete mir einige Kriegsjahre hindurch gute Dienste.
Am dramatischsten war die Fahrt durch das Tor. Der Soldat, der eine so explosive Ladung wie eine aus dem Ghetto fliehende dreiköpfige Familie transportierte, musste natürlich anhalten und dem Wachmann seine Dokumente zeigen. Das dauerte nicht lange, die Kontrolle war routinemäßig, und wir fuhren rasch weiter. Am vereinbarten Ort stiegen wir aus, irgendwo in der Innenstadt, wohl nicht allzu weit von der Mauer entfernt. Es war immer noch dunkel. Ich weiß nicht, wie Vater es organisiert hatte, wie es ihm gelungen war, mit jemandem auf der anderen Seite Kontakt aufzunehmen, doch an der vereinbarten Stelle wartete auf uns der Lange zusammen mit einem unbekannten Mann, der – was etwas Besonderes darstellte – ein „blauer Polizist” war. So also gelangten wir auf die arische Seite. Eine neue Etappe meiner Geschichte begann.
Der Lange

Ich erinnere mich an ihn aus den ältesten Zeiten, aus der frühesten Kindheit, aus diesem kleinen Fetzen von ihr, der in jene mythische Zeit fiel, die mit den Worten „vor dem Krieg” bezeichnet wurde. Er verkehrte im Haus meiner Eltern und sah so eigentümlich aus, dass er sich meinem Gedächtnis sofort einprägte und meine Fantasie anregte. Er war sehr groß (es fehlte ihm wohl nicht viel bis zu zwei Metern) und er sprach auf eine ungewöhnliche und charakteristische Weise, doch das begriff ich erst später, denn damals beschäftigten mich derlei Dinge aus naheliegenden Gründen nicht. Es konnte jedoch nicht meiner Aufmerksamkeit entgangen sein, dass er Mühe hatte zu gehen. Er ging schleppend, vom Stuhl stand er mit deutlicher Anstrengung auf und er bewegte sich nicht ohne Stock. Es hieß, er sei schwer krank. Die Schwierigkeiten beim Gehen bildeten einen erstaunlichen Kontrast zu seiner Größe, seine langen Beine konnten noch nicht einmal kleine Distanzen überwinden und waren so wenig brauchbar. Er gehörte zu den Erwachsenen, die die Gegenwart von Kindern nicht ignorieren. Ganz offensichtlich schenkte er mir Aufmerksamkeit, und wenn er zu dem Schluss gelangte, dass ich mich nicht verhielt, wie es sich gehörte, sprach er in einem belehrenden und irgendwie drohenden Ton mit mir, aber doch so, dass er eigentlich keine Angst bei mir hervorrief. Es war ganz einfach der Rat einer klugen und erfahrenen Person. Er warnte mich: „Pass nur auf, wenn du böse bist, dann kommt Łojewski.” Ich wusste nicht, wer dieser geheimnisvolle Łojewski war und was er mir antun würde. Allein die Ankündigung, dass er kommen würde, sollte mich zur Ordnung rufen. Er war eine mythische Gestalt meiner ersten Kindheit, ich erinnerte mich gut und lange an ihn, sodass ich, als ich ein halbes Jahrhundert später vor der Notwendigkeit stand, mir ein Pseudonym auszusuchen, um damit Artikel für die Untergrundpresse zu unterzeichnen, eben den Namen Łojewski wählte. Zweifellos konnte der Gast meiner Eltern nicht vorhersehen, dass er, als er für mich eine fiktive Person erschuf, einen Mythos zum Leben erweckte, auf den ich mich viele Jahre später unter ganz anderen Umständen beziehen sollte, die er nicht kannte, da er bereits seit Jahrzehnten nicht mehr lebte.
Man nannte ihn den Langen, als habe man vergessen, dass er mit Vornamen Józef hieß. So sprach man stets von ihm, weshalb man ihn auch immer so anredete, wohl nicht nur, um ihn unter einigen anderen Józefs hervorzuheben, die es damals im Familienkreis gab. Er war ein enger Cousin meiner Mutter, mehr als zehn Jahre älter als sie. In den alten, meist zahlreichen Familien gab es viele Vettern, ich konnte aber keinen von ihnen kennenlernen oder mich zumindest an ihn erinnern – außer an diesen einen. Er war eine interessante, charakteristische Person mit einer ungewöhnlichen Biographie. Der älteste Sohn der ältesten Schwester meines Großvaters, die den Namen Mechła trug, war wohl um das Jahr 1890 geboren worden und wurde später amerikanischer Staatsbürger. Damit verbindet sich eine ganz merkwürdige und besondere Geschichte.
Die Familie meines Großvaters stammte aus dem nördlichen Masowien, aus der Gegend von Płock, aus einem Ort namens Bielsk, einem unvorstellbar gottverlassenen Nest. Um die Jahrhundertwende zogen die Angehörigen der jüngsten Generation nacheinander fort, um sich in der Gegend von Warschau, in Lodz oder sonstwo niederzulassen. Die Einzelheiten kenne ich nicht, da die Ereignisse von vor einem Jahrhundert im Vergessen versinken und es unter den Lebenden niemanden mehr gibt, der mir glaubwürdige Informationen übermitteln könnte. Auf jeden Fall zog Mechła eine Weile nach ihrer Heirat und schon als Mutter eines ersten Sohnes nach Pruszków, wohin bald auch zwei ihrer Brüder nachkamen, darunter mein Großvater. Ich weiß nicht, wie sich ihr Eheleben gestaltete. Aus der Familienüberlieferung ist mir jedoch zu Ohren gekommen, dass ihr Mann so wie viele junge Juden in jenen Zeiten nach Amerika auswandern wollte. Sie aber habe sich diesem Plan entschlossen widersetzt, vielleicht weil sie befürchtete, sie würden in der neuen, unbekannten Welt nicht zurechtkommen, vielleicht aber auch deshalb, weil sie sich ein Leben außerhalb eines polnischen Städtchens nicht vorstellen konnte (selbst einem wie Pruszków, in dem nicht viele Juden lebten). Schließlich war dieser Raum für sie heimisch, vertraut und gut bekannt. Ihr Mann setzte sich jedoch durch, und zwar auf äußerst eigentümliche Weise: Eines Tages fuhr er nach Warschau und kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Tage vergingen, Wochen und Monate, und er gab kein Lebenszeichen von sich. Die arme Mechła wusste nicht, ob sie sich für eine Witwe halten sollte oder für eine – ebenso unglückliche – sitzen gelassene Mutter dreier Kinder, die ihrem eigenen Schicksal überlassen wurde. Wie dem auch sei, es war ein Skandal in der vorbildlichen kleinbürgerlichen Familie. Erst nach einigen Monaten stellte sich heraus, dass sie weder Witwe noch sitzen gelassen war, sondern die Frau eines Mannes, der Einfälle und Fantasie hatte, der auf allen Wegen nach der Verwirklichung seiner Vorhaben strebte – und zudem unverantwortlich war. Sie erhielt einen Brief aus New York, in dem er mitteilte, dass er gerade nach Amerika ausgewandert sei und Arbeit gefunden habe, und – wenn er erst ein wenig Geld verdient habe – für sie und die Kinder Fahrkarten schicken werde. Er hielt Wort, nach einer Zeit machte sich Mechła mit zwei Söhnen und einer Tochter auf den Weg über den Ozean. Sie ließen sich in Brooklyn nieder. Sie starb betagt, einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und so rettete sie der geheime, geradezu irrsinnige Plan ihres Mannes vor der Shoah. Der Lange wurde, ebenso wie seine Eltern und Geschwister, zu einem amerikanischen Staatsbürger, was einige Jahrzehnte später wichtig werden sollte, als er sich in einer Gegend aufhielt, in der sich die Geschichte grausam austobte.
Über seinen Aufenthalt in Amerika weiß ich nicht viel. Als er erwachsen war, arbeitete er als Vertreter für die berühmte, damals auch in Polen bekannte Firma Singer, die Nähmaschinen herstellte. Ich vermute, er hat sie auf Jiddisch oder auch auf Polnisch angepriesen, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass er das auf Englisch getan hat. Polnisch sprach er auf wunderliche Weise, er „jiddelte”, man hörte aber auch Einflüsse des Englischen. Doch ebenso wie Jiddisch sprach er Polnisch von klein auf, während er in das Englische erst als heranwachsender Junge eintauchte, und so könnte ich wetten, dass er es nur schlecht sprach und keine Fertigkeiten besaß, die es ihm erlaubt hätten, die Singer-Produkte auch vor weißen angelsächsischen Protestanten erfolgreich anzupreisen. Zweifelsohne war er in Brooklyn tätig.
Er heiratete, wie es scheint, in jungen Jahren und hatte einen Sohn. Die Ehe hielt nicht lange, sie war von Anfang an verhängnisvoll, da er, wie er immer wieder betonte, an ein schreckliches Weib geraten war, das er heksa, Hexe, nannte. Sie hätte aber wohl auch deshalb nicht lange halten können, weil für den Langen jede Frau, sofern sie nicht allzu betagt war und halbwegs nach etwas aussah, eine Verlockung war. Auf diesem Gebiet besaß er gewaltige Bedürfnisse und Ambitionen. Die Hölle brach los, am Ende gab es einen Prozess. Das Gericht erklärte die Ehe für geschieden, stellte fest, er sei für deren Zerfall verantwortlich, und legte eine gewaltige Alimente fest, die – wie er meinte – im Verhältnis zu seinen Einkünften unverhältnismäßig hoch war. Er hätte ausschließlich für diese Unterhaltszahlungen arbeiten müssen, doch darauf hatte er keine Lust. Um sich davon zu befreien, tat er das, was sein Vater mehr als ein Jahrzehnt zuvor getan hatte: Ohne seine ehemalige Frau über seine Entscheidung zu informieren und ohne sich von seinem Sohn zu verabschieden, machte er sich auf die Reise. Nur in die entgegengesetzte Richtung, nach Polen. Nicht nur mit der heksa, sondern auch mit seinem Sohn unterhielt er keinerlei Kontakte. Es mochte den Anschein haben, dass ihn das alles nicht berühre, als sei der Hass zu seiner geschiedenen Frau auch auf den Sohn übergegangen. Bar aller väterlichen Instinkte interessierte er sich viele Jahre nicht für ihn und wusste nicht, was aus ihm geworden war. Er korrespondierte lediglich mit seinen Eltern und den Geschwistern, denen es in Amerika durchaus gut ging; der jüngere Bruder, Tobiasz, hatte es schon recht bald zu etwas gebracht.
Ich kann diese Ereignisse zeitlich nicht präzise einordnen, nur eines weiß ich sicher: Der Lange kehrte bereits in den 1920er-Jahren nach Polen zurück. Als er das Land nach dem Krieg verließ, ließ er ein Fotoalbum bei meinen Eltern zurück, das sich heute bei mir befindet. Darin habe ich ein Bild von Mutter mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Maria gefunden, sie sind in Begleitung des Langen in Zakopane. Dieses Foto hat für mich einen besonderen Wert, weil es eine der wenigen erhaltenen Fotografien meiner Mutter vor ihrer Ehe ist, es ist sicher um das Jahr 1930 herum entstanden.
Nach seiner Rückkehr suchte der Lange die Nähe meiner Großeltern. Ihr Haus in Pruszków hielt er für seinen familiären Hafen, er war oft bei ihnen und wohnte hier angeblich auch für einige Zeit – stets gehörte er zu den gern gesehenen Menschen. Man mochte ihn wegen seiner Direktheit, seiner Fantasie, seines Witzes. Man mochte ihn, obschon sein Lebensstil zweifellos mit der strengen Atmosphäre des Hauses und den hier geltenden überaus steifen Grundsätzen kontrastierte. Er, ein geschiedener Mann mit einem ungeregelten Privatleben, der sich ständig in neue Romanzen stürzte, von denen er selbst erzählte oder über die es Gerüchte gab, ein Mensch mit einer in jeder Hinsicht instabilen Position, war ein seltsames Geschöpf vor dem Hintergrund einer bis zum letzten Zentimeter geordneten und unglaublich soliden Welt. Ich glaube, es spricht für meine Großeltern, dass sie ihn nicht nur tolerierten, sondern ab einem bestimmten Zeitpunkt auch als Teil der engsten Familie ansahen. Und diese Bande wurden nur noch enger, als sich herausstellte, dass der Lange schwer krank war, dass ihn eine schreckliche und zerstörerische Krankheit befallen hatte, die langwieriges Leiden und den Verlust weiterer Fähigkeiten bedeutete. Doch das ist eine andere Geschichte.
Nach seiner Rückkehr nach Polen musste er alles von Neuem beginnen und er war vor grundlegende Entscheidungen gestellt: Was tun, wo wohnen, wie überhaupt im Leben zurechtkommen? Für eine Zeit lang fand er Unterkunft in Pruszków, doch ich weiß nicht, welcher Beschäftigung er hier nachging. Dann entschloss er sich zu etwas, was heute wunderlich und leichtsinnig erscheinen könnte: Er wollte sich auf dem Land niederlassen und mit dem aus Amerika mitgebrachten Geld ein kleines Landgut kaufen. Einen solchen Lauf der Dinge hätte niemand erwartet, denn in der Familie gab es keine landwirtschaftlichen Traditionen und er selbst hatte nie Kontakt zu Ackerbau und Viehzucht gehabt. Wie alles in seinem Leben schien diese Entscheidung unverantwortlich, ja geradezu verrückt zu sein. Der Lange setzte seinen Beschluss aber um und kaufte vom Grafen Sobański ein fast fünfzig Hektar großes Gut. Ich weiß nicht, wer Graf Sobański war, obwohl er in seinen Erinnerungen oft wiederkehrte und – wie die meisten Personen der Erzählungen, die der Lange bei diversen Gelegenheiten spann – zu einer Art mythischer Gestalt wurde. Dass die Größe dieses Besitzes die Marke von fünfzig Hektar zwar fast erreichte, jedoch nicht überschritt, sollte noch große Bedeutung haben, denn so unterlag es 1945 nämlich nicht dem Gesetz über die Landreform.
Es befand sich in Radziwiłłów, einem großen Dorf an der Bahnstrecke von Żyrardów nach Skierniewice. Der Lange ließ sich hier nieder und machte sich an die Arbeit; er beschäftigte natürlich eine gewisse Anzahl von Leuten, beschloss aber, alles selbst zu beaufsichtigen. Anfangs beging er anscheinend Fehler über Fehler, doch lernte er bei der Arbeit dazu, selbst wenn er, wie ich gehört habe, niemals besonders gute Erträge erzielt hat. Die Arbeiter und die Nachbarn waren sich rasch darüber im Klaren, dass er keine Ahnung hatte, und so taten sie, was sie wollten, redeten ihm diverse irrsinnige Geschichten ein – und ließen ihn Verluste machen. Ich kann nicht viel über diesen Hof sagen, ich habe ihn gesehen, als er schon im Niedergang begriffen war und der Lange sich – nach dem Krieg – auf seine Rückfahrt in die Vereinigten Staaten vorbereitete.
Seine schreckliche Krankheit brach in der Zwischenkriegszeit aus. Zunächst machten sich Schwierigkeiten beim Gehen bemerkbar, bald darauf stellten die Ärzte die Diagnose: Sein Gebrechen war eine sclerosis multiplex. So bezeichnete er selbst seine Krankheit und so sprach man über sie, denn die polnische Bezeichnung – stwardnienie rozsiane – wurde damals vielleicht von Fachleuten gebraucht, hatte aber keinen Eingang in die Umgangssprache gefunden. Er litt sehr und bewegte sich nur mit Mühe. Die Krankheit hatte aber dennoch einen relativ milden Verlauf, schließlich lebte er mit einem aktiven Lebenswandel mehr als dreißig Jahre mit ihr. Anscheinend zeigte sie erst in der letzten Phase ihre ganze Schrecklichkeit, doch dies geschah bereits nach seiner Rückkehr nach Amerika, also in einer Zeit, in der man hier nicht mehr viel über ihn wusste.
Er ließ sich in Polen behandeln, fuhr aber jedes Jahr zur Kur nach Österreich. In dem erwähnten Album haben sich Fotos von ihm aus Baden bei Wien erhalten, wo er Heilbäder nahm. Er ließ sich meist umkränzt von Frauen ablichten. Eine von ihnen taucht mehrfach auf den Bildern auf, eine junge, sich gut präsentierende Frau, die nach den modischen Vorstellungen der Zwischenkriegszeit gekleidet ist. Das ist gewiss Herta, seine langjährige österreichische Geliebte, die er oft erwähnte. Was erotische Eroberungen betrifft, so hatte er viele Erfahrungen und mehrte sie trotz seiner schweren Erkrankung immer weiter. Und das nicht nur bei seinen Kuraufenthalten in dem nahe Wien gelegenen Kurort, sondern auch in Lodz, wo er angeblich auch mit einer Dame verbunden war, die nicht den besten Umgang gepflegt haben soll. Und auch in dem Dorf, in dem er lebte, war er auf diesem Gebiet nicht untätig, was eine ernste Geschichte war, denn in den letzten Jahren seines Aufenthalts in Polen lebte er mit einem Mädchen zusammen, das er beschäftigt hatte, damit sie ihm den Haushalt führe.
In Baden verbrachte er seine Zeit nicht nur bei der Kur und mit dem Anhimmeln der schönen Herta, sondern er genoss auch die Reize des kulturellen Lebens. Meine Mutter erinnerte sich, dass er ihr einmal erzählt hatte (wohl in der Mitte der 1930er-Jahre), er besuche mit Herta Konzerte in Baden, auf denen die gewaltig ausgedehnten Symphonien eines Komponisten gespielt werden, den in Polen noch niemand kennt; er heiße Mahler. So hörte Mutter erstmals diesen Namen, und als sie kurz darauf im polnischen Rundfunk auf seine 4. Symphonie stieß, wusste sie schon, wer er war. Es fällt mir schwer zu sagen, ob sich der Lange stärker für Musik und andere Kunstformen interessierte oder ob die Begegnung mit Mahler das Ergebnis eines Zufalls oder des Einflusses seiner österreichischen Geliebten war, die monumentale Symphonien mochte. Auf jeden Fall ist die Anekdote überliefert, dass er als Halbwüchsiger mit einem Freund eine Aufführung von Halka im Warschauer Großen Theater besuchen wollte. Eine Eintrittskarte wurde ihm verkauft, doch als er vor der Vorstellung im Pelzmantel und mit nicht allzu gut geputzten Schaftschuhen erschien, wollte man ihn nicht in den Saal lassen. Der Arme konnte damals Moniuszkos Oper nicht sehen. Er war sehr jung und wusste nicht, dass man sich ins Theater etwas festlicher und zugleich etwas konventioneller gekleidet zu begeben hatte.
Dann, in einem historisch wichtigen Augenblick, endeten die jährlichen Reisen nach Österreich. Zunächst gab es den „Anschluss” und dann – nun, das ist bekannt. Als der Krieg ausbrach, versuchte der Lange angeblich noch nicht einmal, nach Amerika zurückzukehren, sondern beschloss, auf seinem Hof in Radziwiłłów zu bleiben. Das war ihm nicht vergönnt: Die Deutschen warfen ihn heraus und übertrugen sein Gut einem Treuhänder, einem Volksdeutschen aus dem Posener Raum, der übrigens einen polnischen Namen trug, an den ich mich bis heute erinnere: Er hieß Pawlak. Der Lange verließ das Dorf aber nicht, zumindest vorerst nicht. In dieser Zeit, gleich zu Beginn des Kriegs, vielleicht auch kurz davor, ging er eine Beziehung mit Natka ein (dieser merkwürdige Vorname war wohl eine Verniedlichungsform von Natalia). Ich bin nicht in der Lage, die genaue Chronologie zu rekonstruieren, es gibt niemanden, der mir dabei helfen könnte. Vielleicht lebt Natka noch, wenn ja, dann ist sie eine Frau über achtzig. Ich könnte sie aber nicht finden, selbst wenn ich es wollte, ich weiß nicht, wie ihr Mädchenname lautete und wie der Name, den sie nach der Heirat annahm (denn schließlich heiratete sie, wie wir noch sehen werden); es wäre die Suche nach der Nadel im Heuhaufen – einer Nadel von vor vielen Jahrzehnten.
Der Lange hatte sie noch in Friedenszeiten eingestellt. Sie kümmerte sich wohl auch später um den Haushalt, doch schon bald veränderte sich ihre Rolle radikal, sie wurde ungleich wichtiger. Bis zum Ende seines Aufenthalts in Polen war sie seine Geliebte und machte daraus kein Geheimnis, was in der dörflichen Gemeinschaft, aus der sie stammte, Anlass für viele Gerüchte und für Gerede gewesen sein muss – und als er im Alter immer gebrechlicher wurde, sorgte sie sich um ihn. Sie war auch aktiv, als der Lange dabei half, seine Familie zu retten, indem er sie aus dem Ghetto herausholte. Natka hat sich in der Besatzungszeit viele Verdienste erworben. Als es Ende November, Anfang Dezember 1943 in der Gegend gefährlich wurde und die Deutschen einige untergetauchte jüdische Familien aufstöberten und erschossen, fanden Mutter und ich eine Woche lang Zuflucht in einer Kartoffelmiete, die zu dem winzigen Hof ihrer Familie gehörte. Sie ließ uns jeden Morgen und jeden Abend für einen Augenblick heraus, damit wir unsere körperlichen Bedürfnisse erledigen konnten, und sie brachte uns auch Essen. Der Lange hatte volles Vertrauen in sie, er hatte sie in alle seine Geheimnisse eingeführt und nahm, offensichtlich, ihre Hilfe in Anspruch, um Menschen, denen es gelungen war, aus dem Ghetto zu entkommen, zu verstecken.
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