Читать книгу: «Funkensommer»

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Michaela Holzinger

Verlag Freies Geistesleben

Prolog

Herzbrennen

Juniwind

Johannihimmel

Die Sichel

Nebelfrau

Fest der Mäuse

Heiße Tage

Wie Tag und Nacht

Arbeiten, arbeiten

Anfangen, und dann?

Liebe überall

Gewitternacht

Funkenfeuer

Regentropfen überall

Bauernschlau

Sprüche klopfen

Unter dem Weißmond

Funkenleuchten

Sommerabschied

Was mir wichtig ist zu sagen

«Weißt du», flüstert meine Freundin neben mir und sieht mich durchdringend an, «manchmal träume ich auch von der Moorhexe.»

«Wirklich?», frage ich überrascht.

Jelly nickt. «Dabei habe ich ein ganz bestimmtes Bild vor mir. Den Felsen am See. Darauf ein paar Klamotten. Schuhe. Hose. Eine Jacke … Ich weiß aber nicht, was es zu bedeuten hat. Warum dieses Bild immer wieder in meinem Kopf auftaucht …»

Da kriecht eine noch viel eisigere Kälte in mir hoch, als ich anfange zu verstehen. Alles zu verstehen.

«Ob ich verrückt werde?», will sie schließlich von mir wissen.

«Nein», flüstere ich. «Das Gegenteil ist der Fall.»

Anfangs ist es immer nur ein Windhauch. So zart, dass er kaum etwas zu ändern vermag. Er kitzelt mich an den Haaren oder streift verheißungsvoll über meine Wangen. Damit ich nicht umkehre. Damit ich weitermache. Nach vorne presche.

Und bald darauf wird er stärker. Er löst ein, was er versprochen hat. Aus dem Windhauch formt sich ein Luftzug. Aus dem Luftzug eine Brise. Eine Brise, die an Kraft gewinnt. An Tempo.

Dadurch verändert sie alles. Denn sie ist wild und unberechenbar. Sie klatscht mir ins Gesicht. Und presst meine Nasenflügel zusammen, bis ich nach Luft schnappen muss. Mein Herz beginnt zu pochen. Ebenfalls im wilden und unberechenbaren Rhythmus. Bis meine Gedanken zu fliegen beginnen. Und schließlich verschwinden.

Dann werde ich ruhig. Ich werde ruhig inmitten der tosenden Bewegung, die an meinen Kleidern rüttelt. Und mir die Haare ins Gesicht peitscht.

Ich schmecke ihren Duft. Sie schmeckt nach Freiheit.

Ich lausche ihrem Klang. Sie klingt nach Aufbruch.

Während die kraftvollen Bewegungen unter mir weit ausholen. Und mich weiterbringen.

Das ist auch der Grund, warum ich mich immer wieder in den Sattel schwinge. Weil es ein unglaubliches Gefühl ist. Weil die Luft da oben anders ist. Freier.

Ich habe nämlich ein Pferd. Ein eigenes. Nur für mich allein. Das ist einer der wenigen Vorteile, wenn man auf einem Bauernhof lebt. Lanzelot, so heißt mein Pferd. Er ist ein brauner Wallach mit weißer Blesse. Seitdem ich in der Stadt zur Schule gehe, habe ich kaum noch Zeit für ihn. Ich will nämlich Matura machen. Auch wenn Papa meint, dass ich als Bäuerin keine Matura brauche. Ich schon. Ich weiß noch nicht, was ich später einmal werden will, aber die Matura will ich haben. Dann könnte ich vielleicht Tierärztin werden. Eine Tierärztin mit einem eigenen Bauernhof. Das wäre doch gut, oder? Oder doch nicht.

Ich muss mich ja mit sechzehn noch nicht entscheiden müssen. Viel ist passiert in der letzten Zeit. Nicht nur wegen der Schule. Auch sonst irgendwie.

Ein paar Schwalben ziehen über meinen Kopf hinweg und jagen den Mücken nach. Irgendwo brummt ein Mähdrescher. Der heiße Juniwind klebt an mir. An meinem Rücken, an meinen Händen, auf meiner Stirn. Und auch auf Lanzelot. Unruhig scharrt er mit den Hufen. Das Klappern von Papas alter Schubkarre macht ihn nervös. Und dann fangen auch noch die Schweine wie verrückt zu grunzen an, als die Schubkarre mit dem Futter in Richtung Freilaufstall angeschoben kommt. Von Papa. In Gummistiefeln und Latzhose. Die Schweine brüllen vor Begeisterung. Hunger, schreien sie. Oder: Futter. So genau kann man das nicht sagen. Auf alle Fälle machen hungrige Schweine einen Höllenlärm. Bis hinauf in den Himmel. Bis der Lärm explodiert. Und Lanzelot auch.

Rasch stiefelt Papa zu mir und versucht, Lanzelot zu beruhigen, damit ich den Sattelgurt festziehen kann. Die Schweine protestieren.

«Vergiss nicht Hannah, dass du nachher die Stallarbeit für uns fertig machen musst. Du weißt schon, wegen dem Fest!», schreit Papa. Das Schweine-Gebrüll ist ohrenbetäubend.

Ich nicke. Lanzelot sabbert. Und wie. Weißer Schaum tropft aus seinem Maul und hinterlässt auf dem dunklen Asphalt eine bizarre Schaumwölkchenlandschaft.

«Aha! Den sticht der Hafer», bemerkt Papa und lacht mich dabei total komisch an. «Ja, so ist das – der Wind an Sonnenwend macht alle verrückt. Stand das nicht auch heute im Bauernkalender?» Er überlegt. «Wie war das noch gleich: Bläst der Wind an Sonnenwend, das junge Herz vor Liebe brennt?!»

In meinem Kopf fängt es zu rumoren an. Weiß Papa etwa Bescheid? Ich werde rot wie eine Tomate, oder vielleicht sogar wie zwei. Oder sogar wie Tomatensuppe.

«Wir müssen jetzt los …», stammle ich und bin froh, als Papa den Blick von meinem verräterischen Tomatensuppengesicht ab- und sich wieder den brüllenden Schweinen zuwendet, um mir nicht mit seinen dämlichen Bauernkalendersprüchen auf den Geist zu gehen.

Dann biegen wir in den Waldweg ein. Das ist meine Lieblingsreitstrecke. Kilometerweit ist hier nichts zu sehen. Da kann ich Lanzelot laufen lassen. Ich verlagere mein Gewicht nach vorne. Lanzelot ist kaum noch zu bremsen. Papa hatte wohl recht. Mit dem Hafer, meine ich. Mit donnernden Hufen prescht er über den Boden.

Da-damm, Da-damm, Da-damm … Schon klatscht mir die Brise ins Gesicht. Sie presst sich auf meine Nase und lässt mich nach Luft schnappen, so wie sie es versprochen hat. Pferdegeruch und der Duft des Waldes vermischen sich und beruhigen meine heißen Wangen. Wie der Blitz brettern wir über den Waldweg. Nichts wird uns in diesem Moment aufhalten können, denke ich mir, und da riecht die Luft auf einmal wirklich anders.

Als wir an dem kleinen Wasserfall vorbeireiten, zügle ich Lanzelot. Ich bin vollkommen aus der Puste. Bis zur großen Eiche ist es nicht mehr weit. Mist. Ich sehe zum Kotzen aus. Es gibt nur eine Eiche, die gemeint sein kann. Und ich bin überrascht, dass Finn den alten Baum kennt.

«Morgen bei der alten Eiche. 16 Uhr. F.», hat auf dem Zettel gestanden. Mehr nicht. Ich hab das Briefchen in meiner Jackentasche gefunden. Gestern nach der Schule. Er muss es mir in der Pause zugesteckt haben. Wenn ich daran denke, schlägt mein Herz wie verrückt. Zum Glück gibt Lanzelot jetzt Ruhe. Das Laufen hat ihm gut getan. Mir auch.

Da liegt auf einmal ein Knacksen in der Luft. Der Sommerwendwind hat es zu mir hergetragen. Hinter der uralten Eiche bewegt sich etwas. Ein blonder Haarschopf kommt zum Vorschein, dann der Rest. Blaue Augen, langer Körper. Vielleicht ein bisschen dürr, mir gefällt das aber.

«Hey», sagt Finn und seine blauen Augen blinzeln neckisch. Er lächelt schief, die Hände baumeln in den Hosentaschen. «Ich war mir nicht sicher, ob du kommen würdest.»

«Doch», murmle ich und wickle die Zügel um einen Ast. Wir stehen uns gegenüber. Weil ich so schwitze, lasse ich meine Reitkappe lieber auf dem Kopf.

«Kommst du heute zum Fest?», fragt er.

«Ja, aber erst später.» Dass ich davor die Stallarbeit für meine Eltern erledigen muss, sage ich nicht. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht, weil seine Eltern keinen Bauernhof haben?

«Gut, dann warte ich auf dich», flüstert er. Sein Gesicht kommt meinem ganz nah. Anscheinend will er mir einen Kuss geben. Aber das blöde Schild der Reitkappe ist im Weg und Finn kracht mit seiner Stirn dagegen. Wie peinlich! Am liebsten würde ich im Erdboden versinken. Zum Glück fängt in diesem Moment Finns Handy zu läuten an.

«Ich muss ohnehin los», stammle ich und schwinge mich, so elegant es nur geht, in den Sattel. «Bis später», rufe ich ihm noch zu, dann treibe ich Lanzelot an. Finns Lächeln begleitet mich nach Hause.

Mist. Mist. Mist. Nicht jetzt. Bitte.

Mama und Papa sind zum Feuerwehrfest gefahren. Mein doofer Bruder auch. Ich habe die Schweine versorgt und die Ställe sauber gemacht. Wie besprochen. Und jetzt das. Das war nicht abgemacht. Warum muss dieses blöde Schwein ausgerechnet jetzt Junge bekommen? Es scheint tatsächlich Wehen zu haben. Im Abferkelstall hört man die lang gezogenen Atemgeräusche ziemlich deutlich. Es hat auch das Futter nicht aufgefressen. Der Trog ist noch halb voll. Zum Glück finde ich in der Futterkammer den Geburtenplan. Gleich neben dem Computer. Den nennen wir Papas Stallknecht, weil er dafür sorgt, dass jeden Tag die Schweine vollautomatisch gefüttert werden. Also suche ich neben Papas Stallknecht auf der Tabelle nach der Ohren-Marken-Nummer. Noch mal Mist. Da steht es. Das Kürzel, das Mama neben dem voraussichtlichen Geburtstermin hingekritzelt hat, haut mich um. JS, steht da. Das steht für Jungsau und bedeutet, dass dieses Schwein zum ersten Mal Junge bekommt. Jetzt kann ich das Fest garantiert vergessen.

Denn: Jungsau + Geburt = Risiko.

Papa würde ziemlich sauer sein, wenn ich mich jetzt aus dem Staub mache.

Mir ist zum Heulen. Hässliche Bilder ziehen an mir vorüber. Finn, umringt von meinen Freundinnen, die sich für diesen Abend total aufgedonnert haben. Jelly in ihrem knallengen Jeans-Minirock und Lena mit ihren weizenblonden Löckchen. Die ist ja schon immer auf ihn scharf gewesen. Und das nur, weil seine Eltern das neue Elektrocenter besitzen. Pah!

Mir kriecht die Wut in den Bauch, wenn ich daran denke. Alle meine Freundinnen sind auf dem Feuerwehrfest. Alle. Ich hätte mit Finn einen total romantischen Abend verbringen können. Wir hätten uns heimliche Blicke zugeworfen und hinter dem Klowagen geknutscht. Na ja, das vielleicht nicht gerade, aber schön wäre es trotzdem gewesen. Weil wir uns auch noch nie so richtig geküsst haben. Und wer noch nie miteinander so richtig geküsst hat, ist auch nicht fest zusammen, sagt Jelly immer. Und die muss es schließlich wissen. Immerhin hat sie schon Jungs geküsst.

Panisch fische ich mein Handy aus dem Overall. Drei Anrufe in Abwesenheit. Finn. Ich kann ihn unmöglich zurückrufen. Was soll ich ihm sagen – dass ich Schweine hüten muss? Wie blöd ist das?! Ich meine, wer interessiert sich schon für so etwas?

Dafür wähle ich Papas Handynummer und lasse läuten. Ewig. Nichts! Verdammter Mist. Tränen schießen mir in die Augen. Ich komme mir wie Aschenputtel vor und wische mir wütend übers Gesicht. Als ich zurück zur Stallbox komme, hat das Mutterschwein inzwischen drei Babys bekommen. Das dritte gerade eben. Mit Stroh rubble ich das Ferkel sauber, bis die Haut schön rosig ist. Dann lege ich es unter die Wärmelampe ins Ferkelnest.

Wieder probiere ich es bei Papa auf dem Handy. Nichts. Eine halbe Stunde vergeht. Bei der Muttersau tut sich nichts. Sie presst und presst, aber es kommt kein Ferkel raus. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. Irgendetwas stimmt da nicht. Ein Ferkel scheint sich im Mutterbauch verkeilt zu haben. Wenn ich jetzt nicht reagiere, stirbt nicht nur das Junge, sondern auch die Mutter. Schnell laufe ich ins Haus und hole einen Eimer mit warmem Wasser, Seife, Öl und ein Handtuch. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Ferkel mit der Hand herauszuziehen. Das habe ich schon öfters gemacht, weil ich die kleinste Hand von uns allen habe und so ein Geburtskanal ziemlich eng ist. Aber – noch nie alleine! Bis jetzt war Mama immer dabei und hat mir gesagt, was ich tun soll …

Da macht mein Herz auf einmal einen Paukenschlag!

«Hallo», höre ich Finns Stimme hinter mir. «Was ist los? Warum bist du nicht zum Fest gekommen?» Er schaut zuerst auf den Eimer, dann mir ins Gesicht. Am liebsten würde ich ihm um den Hals fallen. Keine Jelly, Lena oder sonst eine Tussi. Sondern nur ich. Aber … was wird Finn denken? Er wird danach nie wieder mit mir Händchen halten wollen. Stattdessen wird er sagen: «Bitte, bloß nicht die Schweinehand!»

Verständlich. Ist ja auch nicht so toll. Aber was sein muss, muss sein. Deshalb sage ich: «Schwere Geburt. Ein Schwein braucht Hilfe.»

«Okay», sagt Finn nur und schon marschiert er in Richtung Stallgebäude. Wow, denke ich.

Als ich die Tür zum Abferkelstall öffne, merke ich sofort, dass es höchste Zeit ist einzugreifen. Oder eben hineinzugreifen. Finn setzt sich neben das Ferkelnest ins Stroh und beobachtet mich.

«Was hast du vor?», fragt er, als ich meine Hand einzuseifen beginne.

«Ein Ferkel steckt fest. Ich muss es holen», sage ich und seife wie eine Verrückte. Dann träufle ich mir Öl auf die Hand und den Arm, damit es schön flutscht. Ich kann Finn gar nicht in die Augen schauen, so peinlich ist mir das. Aber mittlerweile habe ich Mitleid mit der Schweinemama und bin ihr gar nicht mehr böse. Finn ist ja hier, und das ist wunderschön. Trotz Schweinegestank und Mistfliegen. Deshalb mache ich meine Hand ganz schmal und beginne vorsichtig denGeburtskanal abzutasten. Das Mutterschwein grunzt. Aber es hilft nichts. Das muss jetzt sein. Zum Glück ist die Sau in einem Abferkelgitter eingeschlossen. Da gibt sie Ruhe.

Furchtbar eng ist es da drinnen. Und schleimig. Und warm. Und weich zugleich. Bis zum Ellenbogen stecke ich mit meiner Hand mittlerweile im Geburtskanal. Igitt!

Aber da – jetzt spüre ich etwas. Vorsichtig schiebe ich meine Finger um den Hals des Ferkels. Ich ziehe. Nichts. Noch einmal. Wieder nichts. Das Mutterschwein grunzt vor Schmerzen. Das Ferkel scheint festzustecken. Panik kommt in mir auf.

Da spüre ich Finns Hand auf meiner Schulter. Sie ist stark und warm. «Wir könnten es gemeinsam versuchen», sagt er und greift nach meinem Oberarm. Dann ziehen wir wie die Verrückten. Ziehen. Und ziehen. Und spüren kurz darauf endlich einen Ruck, und das Ferkel wird mit der nächsten Wehe herausgepresst. Es lebt sogar noch. Wahnsinn!

«Wahnsinn», sagt auch Finn neben mir. «Wir haben gerade ein Schweinebaby zur Welt gebracht.» Er grinst über beide Ohren. «Und noch dazu einen ziemlich dicken Brummer. Kein Wunder, dass sich die Schweinemutter so abgemüht hat.»

Ich bin fertig. Fix und fertig. Und trotzdem fühle ich mich so gut wie noch nie. Gemeinsam rubbeln wir unseren Brummer trocken und legen ihn an die Zitzen der Mutter. Seine Geschwister saugen schon daran. Danach kommen die Ferkel im Rekordtempo. Eines nach dem anderen flutscht heraus. Elf an der Zahl. Dann ist Schluss. Die Nachgeburt kommt, und ich bin unglaublich stolz auf mich. Oder noch besser: auf uns.

Als wir aus dem Stall treten, ist die Luft draußen kühl und angenehm. Eine Million Sterne funkeln am Himmel. Wir stinken wie die Schweine, aber das ist uns schnurz-piep-egal. Wir legen uns ins feuchte Gras mitten in den Obstgarten. Zwischen Apfel- und Birnbäumen. Und dann ... küssen wir uns. Zuerst nur ein bisschen. Ganz sanft. So zum Probieren. Aber dann immer mehr. Und mein Herz pocht. Mein Kopf dröhnt. Und meine Wangen glühen. Es fühlt sich total berauschend an, sogar in meinen Ohren rauscht es. Vor Glück, wahrscheinlich. Oder?

Oder, doch nicht ... das Rauschen kommt nämlich von ganz wo anders her. Es kommt von einem Auto, das die Zufahrtsstraße zum Hof entlangfährt. Meine Eltern, fährt es mir durch den Kopf. Sie kommen. Vom Fest. Schon.

«Schnell», zische ich Finn ins Ohr und befreie mich aus seiner Umarmung. «Du musst gehen!»

Finn sieht mich fragend an. Doch mir bleibt keine Zeit, die Situation zu erklären. Denn schon kommen die Lichtkegel des Autos näher.

«Bitte!»

Finn nickt. Ausdruckslos.

«Ich rufe dich morgen an», flüstere ich ihm nach. «Versprochen!»

Dann verschluckt ihn die Dunkelheit.


«Dass du die Geburt so gut hingekriegt hast», meint Papa am nächsten Morgen und strubbelt mir im Vorbeigehen durchs Haar. Dann lässt er sich auf die Küchenbank plumpsen und schneidet eine dicke Scheibe Brioche ab. «Wird ja doch noch eine Bäuerin aus dir!» Zufrieden tunkt er das Hefegebäck in den Milchkaffee ein, beißt ab und deutet mit vollem Mund auf den vergilbten Bauernkalender, der schon seit Ewigkeiten dort an der Wand hängt. Gleich neben dem Herrgottswinkel. «Menschensinn und Juniwind ändern sich oft sehr geschwind!», nuschelt er grinsend.

«Mhm», sage ich nur und nehme ein paar Zuckerwürfel aus der Dose, Stück für Stück. Sechs oder sieben. Und lasse sie langsam im Kaffee untergehen. Dabei klimpere ich mit dem Löffel, eine Spur zu laut. Denn als sich Mama zum Tisch setzt, schaut sie mich vorwurfsvoll an. Automatisch greift ihre Hand nach der Zuckerdose. «Hannah, glaubst du nicht, dass du schon genug hast?», fragt sie streng und stellt die Dose aufs Fensterbrett.

Genug. Habe ich genug? Nein, brüllt es in mir. Ich habe nicht genug! Und mein Menschensinn hat sich wegen der beschissenen Bauernregel auch nicht geändert! Aber alles, was ich zustande bringe, ist ein mickriger Giftblick, der überhaupt keine Wirkung zeigt, weil die Morgensonne gnadenlos zum Fenster hereinscheint und ich blinzeln muss. Ich finde Mamas Verhalten zum Kotzen. Seitdem Raphael diesen Anfall hatte und Diät halten muss, ist sie total anders geworden. Besonders zu mir. Dabei finde ich, dass mein Bruder mit der Heustauballergie gar nicht so schlecht dran ist. Jedenfalls muss er seitdem nicht mehr die Schweine füttern. Und überhaupt braucht er am Hof nicht mehr mitzuhelfen. Ich dafür umso mehr. Vielleicht ist das ja der Grund, warum Mama jeden Tag die Zuckerdose aufs Fensterbrett stellt. Damit ich weiterhin die Stallarbeit erledigen kann. Na super ...

Wütend nippe ich an meinem Kaffee, der scheußlich schmeckt. Viel zu süß. Und trotzdem werde ich beim nächsten Mal aus Protest noch mehr Zucker hineingeben.

Als sich ein paar Sonnenstrahlen auf die Tischdecke verirren, fällt mir ein, dass ich Finn anrufen sollte. Vielleicht können wir ja zum See gehen. Während ich noch darüber nachdenke, sagt Papa plötzlich: «Und ohne Hilfe», und sieht mich schon wieder so komisch an. «Bei dem fetten Kerl hast du sicher ganz schön ziehen müssen. So alleine ...»

«Brummer», antworte ich leise. Und als mich Mama und Papa nur verständnislos anschauen, erkläre ich: «Der fette Kerl heißt Brummer und ist gar nicht fett! Nur groß!» Dann schießt mir wieder diese blöde Tomatensuppenfarbe ins Gesicht. Daher beschließe ich, für heute genug gefrühstückt zu haben. Als ich die Küchentür aufstemme, steht Raphael vor mir. Mit verstrubbelten Haaren und geröteten Augen. Und einer Alkoholfahne, die mich beinahe umhaut.

«Auch schon wach!», gifte ich ihn an. Schnell dränge ich mich an meinem Bruder vorbei.

Raphael grinst nur: «Für so junge Hühner wie dich heißt es eben früh ins Bett gehen!» Er lässt sich wie Papa auf die Küchenbank fallen und schnappt sich die Zuckerdose. Das reicht! Mit einem Knall schlage ich die Tür hinter mir zu und verschwinde zu Lanzelot.

Doch die Pferdebox ist leer. Sicherlich hat Papa Lanzelot frühmorgens auf die Weide gelassen. Weil um diese Uhrzeit die Fliegen nicht so lästig sind. Also schnappe ich mir den Führstrick und marschiere in Richtung Koppel. Auf dem Weg dorthin summt es in meinem Jeansrock. Jelly is calling.

«Wo warst du denn gestern?», flötet meine Freundin. «Es war so geil, sag ich dir! Tobias war da. Und sogar diese Motorradtypen vom Nachbardorf.»

Ich stelle auf Lautsprecher, so kann ich mich mühelos über den Zaun schwingen. Schon kommt Lanzelot angaloppiert. Schnuppernd durchsucht er meine Taschen nach Leckereien.

«Hannah ... bist du noch da?», tönt es aus dem Handy.

«Ja», sage ich und muss kichern, weil Lanzelots Barthaare so kitzeln. «Wir reden später weiter, okay? Ich muss grad was erledigen. Ich melde mich dann bei dir», versuche ich Jelly abzuwimmeln. Ich will unbedingt vorher mit Finn sprechen. Vielleicht klappt es ja mit dem See.

In der Leitung knistert es. «Ja, gut», meint sie nach einer Weile. «Aber beeil’ dich. Wir treffen uns später nämlich mit den Jungs am See.»

In meinem Kopf schlägt die Alarmsirene an. «Welche Jungs?», frage ich vorsichtig.

Jelly schnaubt. «Tobias natürlich. Und dein Lover soll auch kommen – hab ich jedenfalls gehört. Er war ja gestern auf einmal wie vom Erdboden verschluckt ...»

«Er ist nicht mein Lover. Das weißt du ganz genau!»

Jelly fängt zu lachen an. «Hannah, für wie blöd hältst du mich?!»

Als ich nicht antworte, sagt sie: «Das mit Finn ... das ist ja wohl klar. Immerhin hat er gestern auf der Party ungefähr hundertsiebzigmal nach dir gefragt. Und jetzt pack deinen Bikini ein und schwing deinen Arsch schnellstens her. Klaro?»

Darauf weiß ich keine Antwort. Außer dass Jelly das mit mir und Finn nun doch gewittert hat ... und mich fröstelt, obwohl es schon über dreißig Grad draußen hat.

Ich liege unter der großen Birke im Schatten. Ich mag diesen Platz. Er hat etwas Besonderes, etwas Mystisches. Auch wenn man sich am Seeufer durchs Unterholz schlagen muss, um hierher zu kommen. Und das bei dieser Hitze. Das macht nicht jeder. Aber die Mühe lohnt sich. Denn hier sind kaum Leute. Das liegt nicht nur am beschwerlichen Weg, sondern auch daran, dass das Ufer auf dieser Seite des Sees steil abfällt und das Wasser noch dunkler ist. Wenn man also hinein will, muss man entweder durchs hohe Schilf waten oder von dem Felsen springen, der ein Stück weit vom Ufer ins Wasser ragt. Das ist gar nicht so einfach. Nur die wenigsten trauen sich das. Doch wenn man sich traut, dann wird man jedes Mal aufs Neue belohnt. Denn das Wasser ist so dunkel, dass ich immer das Gefühl habe, in ein schwarzes Loch zu springen. Ohne zu wissen, ob es mich verschlingen wird oder nicht. Und wenn ich springe, in das tiefe schwarze Loch, dann fühle ich mich danach so lebendig wie sonst nie. Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber das Gefühl, wenn man wieder auftaucht, ist überwältigend. Befreiend.

Ich drehe mich auf den Rücken und lasse meinen Blick über den See schweifen. Alles ist so wie immer. Der dunkle Moorsee, umsäumt von weißen Birken. Das Wasser, das leise und unaufhörlich gegen die Felsen schwappt. Das Schilf, das im Wind raschelt. Und Jelly, die mit ihrem rosa Bikini neben mir in der Sonne liegt. Keine zwei Meter entfernt.

Wie immer.

Ich, im Schatten.

Sie, in der Sonne.

Und trotzdem ist etwas anders. Heimlich schiele ich auf das Display meines Handys. 11:47 steht drauf. Sonst nichts. Keine Anrufe in Abwesenheit. Keine neuen SMS. Schon gar nicht von Finn. Ich habe mindestens dreimal bei ihm angerufen. Aber er hat nie abgehoben. Warum?

Ist es doch wegen der Schweinehand? Oder war es der Kuss? Der Kuss mit Schweinegestank? Oder was?

Mein Magen zieht sich düsterlich zusammen. Die winzigen Sonnenstrahlen, die durch das lichte Blätterdach der Birke fallen, können die Kälte in mir nicht vertreiben.

Jelly scheint meine Unruhe zu spüren. Sie schaut über den Rand ihrer Sonnenbrille und fragt mit Kennermiene: «Magst du mir nicht endlich erzählen, was gestern los war?»

Reflexartig verstecke ich mein Handy unter dem Badetuch und winke ab. «Da gibt es nichts zu erzählen. Ich hatte Stalldienst und konnte nicht weg. Wegen der Geburt. Du weißt schon ...»

Meine Freundin stöhnt. «Mensch, Hannah. Setz dich endlich bei deinen Eltern durch! Das kann doch nicht ewig so weitergehen. Willst du zu Hause versauern, oder was?» Mit einer lässigen Handbewegung rückt sie ihre Sonnenbrille zurecht und kramt einen Sonnenspray aus der Tasche. Sorgfältig beginnt sie ihre Beine damit einzusprühen. Danach sind Bauch, Arme und Gesicht dran. Ein Hauch Kokos weht zu mir herüber, gefolgt von: «Kannst du mal?» Jelly dreht mir ihren Rücken zu. «Eigentlich dachte ich, dass Tobias das übernehmen würde. Aber selbst schuld, wenn diese Affen zu spät kommen! Wo bleiben die eigentlich?»

Ja, wo blieben sie? Noch einmal lasse ich meinen Blick über den See streifen. An der Südseite beginnt sich langsam die Liegewiese zu füllen. Familien mit Kindern und aufblasbaren Rennautos, Ponys und Delfinen. Pärchen, die in der Nähe des Schilfgürtels ein Versteck suchen. Pensionisten mit Akkuradios, die leise dudeln und ab und zu Fetzen von Blasmusik über den See schweben lassen. Aber von Finns bestem Freund Tobias und vor allem von Finn – keine Spur. Ein leises Seufzen kommt mir über die Lippen.

«Na gut, dann spraye ich mich halt selber ein», sagt Jelly neben mir schnippisch.

Ich gucke sie irritiert an, dann begreife ich, dass sie mein Seufzen auf das Einsprühen bezogen hat. «Klar sprühe ich dich ein», sage ich schnell. «Gib schon her dein Kokosnusswunderbräunungszeugs.» Ich schnappe mir die Flasche und spraye ihren Rücken damit ein. Um sie versöhnlich zu stimmen, sage ich: «Erzähl, wie war es gestern sonst noch so?»

Jelly kichert. «Ach, es interessiert dich also doch? Und ich dachte schon, du bist krank oder so.» Und dann fängt Jelly zu erzählen an. Von der coolen Band, die in dem kleinen Zelt neben dem großen gespielt hat, und von der Motorradgang, die aus dem Nachbardorf angerollt ist. Von Goldlöckchen alias Lena, die zur amtierenden Maisprinzessin gewählt wurde (auch kein Wunder, immerhin ist ihr Vater der Bürgermeister). Vom riesigen Sonnwendfeuer, das gebrannt hat wie Zunder. Von Raphael und seinen Freunden Sebi und Manuel, die gesoffen haben wie die Stiere, weil sie ihre bestandene Führerscheinprüfung gefeiert haben. Und natürlich von Tobias. Und Finn.

Als ich fertig mit Einsprühen bin, nimmt sie mich ins Visier. «Also, Hannah», fragt sie. «Was ist denn nun wirklich zwischen euch?» Ihre linke Augenbraue beginnt in Richtung Haaransatz zu wandern. Das tut sie immer, wenn Jelly auf eine heiße Spur gestoßen ist. Dafür scheint sie eine Begabung zu haben. Und obwohl ich meine Freundin schon lange kenne, kann ich ihr einfach nicht sagen, was da läuft. Ich mag Jellena. Wirklich! Sie ist schon immer meine Freundin gewesen. Seit dem Kindergarten. Obwohl sie so anders ist als ich. Aber ich glaube, das ist auch der Grund, warum wir uns so super verstehen.

Ihre Mutter hat den Friseursalon im Dorf. Jellys Vater lebt schon lange nicht mehr hier. Der ist irgendwann abgehauen, als Jelly noch klein war. Nachdem der Krieg zu Ende war, ist er wieder zurück nach Bosnien, ohne die beiden mitgenommen zu haben. Das war schon ziemlich gemein von ihm! Aber Jellena kommt eigentlich super damit zurecht. Das hat sie schon früh gelernt oder einfach in die Wiege gelegt bekommen. Das Alleine-klar-kommen-Gen.

Und ich...? Meine Eltern haben den Bauernhof. Da gibt es immer Arbeit. Meist schmutzige. Dementsprechend läuft man den ganzen Tag dreckig herum. Und zum Fragen hat man nie viel Zeit. Man macht einfach. Man muss einfach. Das habe ich auch schon früh gelernt. Oder es ist mir auch in die Wiege gelegt worden. Das Man-muss-einfach-machen-Gen.

Aber obwohl ich Jellena schon ewig kenne, kann ich ihr einfach nicht sagen, was mit Finn läuft. Ich weiß es doch selbst nicht. Und wer weiß, was los ist, wenn es jeder hier im Dorf erfährt. Jeder. Auch meine Eltern. Und vor allem Raphael! Daran will ich gar nicht denken. Wenn der rauskriegt, dass ich mit dem Sohn seines Chefs ...! Der macht mich fertig. Er ist ja auch so kaum noch auszuhalten, seitdem er letztes Jahr diesen Anfall hatte.

Deshalb springe ich auf und sage: «Ich weiß nicht, was du meinst!» und düse in Richtung Wasser ab. «Kommst du mit?»

Jelly sieht mir empört nach. «Dann eben nicht.» Schlendernd folgt sie mir in Richtung See. «Nur damit du es weißt», schnaubt sie, als sie neben mir zum Stehen kommt, «ich springe nicht von diesem Selbstmörderplatz. Verstanden?» Ihr Kopf nickt in Richtung Felsen.

Ein Spiegelbild beginnt sich vor unseren Füßen auf dem Wasser auszubreiten.

Jelly und ich. Beide gleich groß. Die eine schlank, die andere dürr.

Die eine braun, die andere blass. Die eine hat einen rosa Bikini an. Die andere einen braunen. Die eine hat lange, blonde Haare. Die andere hat ihre mausbraunen zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengebunden. Der Pony hängt ihr tief ins Gesicht. So stehen wir. Und das schwarze Wasser schlägt über uns Wellen. Schaukelt uns hin und her. Und hin und her. Und dennoch sind wir da. Seite an Seite. So, wie wir es immer gewesen sind. Und wahrscheinlich immer sein werden. Da bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich meiner besten Freundin kein Vertrauen schenken kann. Ich drehe mich zu ihr hin und flüstere: «Ich weiß einfach nicht, was da ist. Verstehst du?» Und ich muss kämpfen, damit ich nicht anfange zu weinen.

Jelly lächelt mich an. Wissend. «Erwischt, mhm?» Und dann nimmt sie mich in ihre Arme und flüstert: «Du weißt ja, wo du mich findest, wenn du jemanden zum Reden brauchst!»

Ich nicke. Stumm. Und klettere auf den Felsen, den wir Jungfrauenfelsen nennen. Meine Zehen krallen sich in den Spalten fest. Ich richte mich auf und blicke ins Wasser. Vor mir tut sich das tiefe schwarze Loch auf. Ich hole Luft. Tief Luft. Und dann springe ich ...

... rauschendes Wasser, kitzelnder Morast, wogende Haare, alles stürzt auf mich ein. Ich lasse mich sinken, es zieht mich hinunter, tiefer und noch tiefer. Um mich herum wird es still. Ich koste den Augenblick aus. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei Sekunden. In meinen Lungen fängt es zu kribbeln an. Jetzt ist es Zeit. Mit einer kraftvollen Bewegung drücke ich mich in Richtung Licht. Wieder rauschendes Wasser, kitzelnder Morast und wogende Haare. Als ich auftauche, hat mich die Welt wieder. Ich ringe nach Luft, öffne die Augen und ...

... blicke direkt in das Gesicht von Finn.

Finn liegt neben mir unter der Birke. Seine Augen sind geschlossen. Schläft er? Sein Atem geht gleichmäßig und riecht nach Alkohol. Ich beuge mich über ihn und betrachte sein Gesicht. Sein Mund ist leicht geöffnet. Die nassen Haare kleben an der Stirn. Dazwischen spiegeln sich kleine Wassertropfen im Sonnenlicht.

«Lass ihn schlafen!», ruft Tobias, als er mit Jelly aus dem Wasser kommt. Händchen haltend. Jelly lächelt versonnen.

«Der hat gestern noch ziemlich viel gebechert», sagt Tobias und schüttelt sich das Wasser aus den schwarzen Haaren.

Jelly wirft Tobias einen fragenden Blick zu. «Aber Finn ist doch vom Fest so früh verschwunden ...»

«Ja, eben», meint Tobias. «Zuerst lässt derKerl uns einfach stehen. Und dann taucht er Stunden später wieder auf und knallt sich ein Whiskey-Red Bull nach dem anderen rein. Ohne ein Wort zu sagen.» Tobias zuckt mit den Schultern. «Keine Ahnung, was gestern mit ihm los war.»

Also ist Finn zum Fest zurück, überlege ich still. Und weil er dort so viel getrunken hat, ist er nun völlig erledigt. Deshalb habe ich ihn auf dem Handy nicht erreichen können ...

Und schon ist sie wieder da, die quälende Frage, die sich langsam in meinem Hirn ausbreitet und es erlahmen lässt. Diese eine Frage: War es wegen der Schweinehand?

Gedanklich spule ich zum Anfang zurück, während Finn neben mir seinen Rausch ausschläft. Von Weitem höre ich Jellys helles Lachen. Tobias scheint ziemlich verrückt nach ihr zu sein. Und sie nach ihm. Wie die beiden da so auf der Decke liegen und herumknutschen ... als ob sie sich seit einer Ewigkeit kennen würden. Dabei kennen sie einander erst seit ein paar Tagen. Durch Finn. Und mich. Und jetzt haben sie den größten Spaß miteinander, und alles an ihnen sieht leicht und unbeschwert aus. Typisch Jelly! Sie ist wie eine von diesen geleeartigen Bohnen, die es in allerlei Farben und Geschmacksrichtungen gibt. Die sind außen süß und innen auch. Und immer für eine Überraschung gut. Und so ist auch Jellena. Wie eine Jelly-Bean.

Bei mir hingegen ist alles anders. Viel schwieriger.

Dass Finn mich vor ein paar Wochen an der Bushaltestelle angesprochen hat, wundert mich immer noch. Zuerst dachte ich, er wolle sich nach Lena erkundigen. Wie es ansonsten der Fall ist, wenn mich Jungs von der Schule ansprechen. Weil sie durch mich an Lena herankommen wollen. Oder an Jelly. Manchmal holt Jelly mich nämlich von der Schule ab, wenn wir in die Stadt ins Kino wollen oder shoppen gehen. Da können sich die Jungs das Gaffen auch nicht verkneifen, wenn Jelly mich abholt.

Bei Finn aber war das anders. Ich kannte ihn nur flüchtig. Ich wusste, dass er zwei Schulklassen über mir ist und in die 7e geht. Mehr nicht. Man kann nicht alle kennen. Ist ja eine Riesenschule. Über tausend Schüler mindestens. Und trotzdem ist er mir aufgefallen. Mit seiner ruhigen Art. Und dem klaren Blick. Dass ich ihm aber auch aufgefallen bin ...?

Jedenfalls stand ich an dem Tag an der Haltestelle und wartete auf den letzten Bus des Tages, der die große Runde um den See drehen und im Dorf halten würde. Die meisten Schüler waren längst zu Hause. Fast alle wohnen in der Stadt. Oder ihre Busverbindung ist günstiger als die nach Tieglitz. Irgendwann hörte ich, wie das schwere Schultor ins Schloss fiel. Und als ich mich fragte, wer um diese Zeit in der Schule noch herumgeistern würde, stand er plötzlich vor mir: Finn. Und lächelte mich an. Wir quatschten eine Weile. Ganz locker. Einfach so. Dies und das. Über die Schule. Und über die Lehrer. Welche cool und welche uncool sind. Dann kam der Bus. Tieglitzer Moorsee – Große Runde stand in roten Lettern auf dem Anzeigenblatt.

«Das ist meiner», sagte ich und schulterte meine Tasche. Finns Antwort darauf überraschte mich. «Meiner auch», sagte er und ließ mir den Vortritt, als er mit mir in den Bus einstieg.

Erst einige Zeit später begriff ich, wer Finn überhaupt war. Nämlich der Sohn von Raphaels Chef. Also der Sohn vom neuen Elektrocenterbesitzer, dessen Familie erst kürzlich hierher gezogen ist. Ab da fing die Sache an kompliziert zu werden.

Wieder höre ich, wie Jelly lacht. Ganz dicht neben mir. «He, wo bist du denn mit deinen Gedanken», flötet sie und stupst mich an. «Wir gehen zum Imbissstand und holen uns was zu trinken. Kommst du mit?»

Ich schüttle den Kopf. Da beginnt sich neben mir etwas zu regen. Es ist Finn, der zum Leben erwacht. «Habt Erbarmen und bringt dem halb Verdursteten eine Cola mit, ja?», krächzt er mit belegter Stimme. «Oder noch besser, zwei!» Er kramt einen Fünfeuroschein aus der Hosentasche und drückt ihn Tobias in die Hand.

«Geht klar, Alter», grinst Tobias und macht sich mit Jellena in Richtung Imbissbude davon. Händchen haltend.

Als die beiden im Unterholz verschwinden, dreht sich Finn auf meine Seite. Dabei streift seine Hand mein Knie. Ein Schauer rieselt mir über den Rücken.

«Wie geht’s?»

«Gut», sage ich.

«Und Brummer?»

Oh! Er hat es nicht vergessen! Tomatensuppenfarbe schießt mir ins Gesicht. «Auch gut. Glaube ich zumindest. Ich war heute noch nicht im Stall!»

Finn sieht mich mit gespielt entgeisterter Miene an. «Was?», raunt er heiser. «Du kannst unseren Brummer doch nicht so vernachlässigen. Wofür haben wir ihm schließlich das Leben gerettet?»

«Wegen zukünftiger Schnitzel?», rutscht es mir heraus. Finn aber lacht mich an und drückt mir einen sanften Kuss auf die Lippen. Mein Herz schlägt einen Purzelbaum und alle Zweifel sind mit einem Mal wie weggeblasen.

Als ich wieder die Augen aufschlage, fragt er: «Kommst du mit? Ich brauche Abkühlung.» Er greift nach meiner Hand und zieht mich in Richtung Seeufer. Als wir auf den Felsen klettern, halten wir uns immer noch an den Händen. So springen wir auch. Gemeinsam. Händchen haltend ins tiefe schwarze Loch.

Als wir auftauchen, lacht Finn: «Außer dir kenne ich kein einziges Mädchen, das sich traut, von diesem Felsen zu springen!» Er zieht mich zu sich rüber und schaut mir dabei ruhig in die Augen. «Ganz schön cool, finde ich!»

«Hab ich bei meinem Bruder gelernt. Mehr oder weniger freiwillig.» Ich muss ebenfalls lachen. «Irgendwann bin ich dann von selbst gesprungen. Ab da fand ich es auch gut. Vorher nicht so ...»

Finn legt seinen Arm um mich. Dann küssen wir uns noch einmal. Und noch einmal. Und erst als wir ganz schrumpelige Fingerspitzen haben, beschließen wir, aus dem Wasser zu gehen.

Inzwischen sind Tobias und Jelly mit zwei eiskalten Colas zurückgekommen. Finn drückt mir eine davon in die Hand. Dabei sieht mich Jelly triumphierend an. «Also doch», flüstert sie mir ins Ohr.

Ich runzle die Stirn und weiß nicht, was ich sagen soll. Der Nachmittag ist einfach zu schön! Zu schön, um kaputt gemacht zu werden. Nur damit ich die Fassade aufrechterhalten kann. Meine Fassade. Und während wir am Seeufer sitzen, Jelly mit Tobias, und ich mit Finn, verschwende ich nur flüchtig einen Gedanken daran, was wäre, wenn jeder wüsste, dass ich in Finn verliebt bin. Denn ich, Hannah Seibner, bin in Finn Delorn verliebt. Das ist so klar wie Papas Birnenmost. So klar wie eine seiner beschissenen Bauernregeln, die besagt: Ist der Johannihimmel hell und klar, wird es wohl ein heißes Jahr. Und ist der Himmel über unseren Köpfen nicht gerade hell und klar, und vor allem blau? Ja, blau ist er. So blau wie selten.

Auch nach zwei Wochen will die Hitzewelle nicht nachlassen. Die Getreidefelder sind mittlerweile zu goldgelben Teppichen herangereift. Daneben strotzen grüne Maisäcker. Wie ein buntes Mosaik sieht das aus. Besonders, wenn der Bus an ihnen vorüberzieht. Gelb, Grün, Gelb, Grün ... und hie und da ein Sprenkel Rot von den Mohnblumen, die am Straßenrand wachsen.

Die Hitze im Bus ist unerträglich. Auch Lena neben mir schwitzt. Ihre Locken kleben an der Stirn und lassen Lena irgendwie hässlich aussehen. Ein ungewohntes Bild. Lena ist ansonsten immer schön. Immer perfekt. Als ob sie meine Gedanken erraten hätte, wischt sie sich über die Stirn und versucht, Ordnung in ihre Frisur zu bringen. «Wie gut, dass wir nur noch ein paar Tage Schule haben», stöhnt sie, und fängt an, am Fenster herumzunesteln. Vergeblich versucht sie, es einen Spaltbreit zu öffnen. «In einer Woche sitze ich schon auf Ibiza und trinke Cocktails am Strand.» Sie lacht kurz auf. Als sie aber merkt, dass sich das Fenster nicht öffnen lässt, verstummt sie. Griesgrämig wendet sie sich ab und zu mir hin. «Und was wirst du so in den Ferien machen?», will sie wissen.

«Was schon», murmle ich. «Bei der Ernte helfen und so. Was halt im Sommer auf einem Hof so anfällt. Da ist nix mit Urlaub.»

Lena verzieht ihren himbeerroten Glitzermund zu einem versöhnlichen Lächeln. «Ach ja, stimmt. Sorry, habe ich ganz vergessen.» Eilig hängt sie dran: «Dann schreibe ich dir eine Karte. Eine ganz schöne. Mit dem Meer darauf. Versprochen!»

«Super», antworte ich. Zum Glück biegt der Bus jetzt in die Dorfstraße ein. Schon tauchen die ersten Häuser auf. Als ich meine Tasche packe, sagt Lena noch: «Und Finn, dem schreibe ich auch eine.» Sie lächelt wieder. Dieses Mal richtig. «Ich hätte ihn noch so gerne vor den Ferien gesehen. Wie blöd, dass die Siebtklässler ausgerechnet in der letzten Schulwoche auf Klassenfahrt sind.»

Endlich öffnet sich die Tür. Ich kann die Hitze im Bus kaum noch ertragen. Mit einem Satz springe ich ins Freie. Meine Sandalen klappern auf dem Pflaster. Schon ist Lena hinter mir. «Vielleicht», sagt sie, «lernt Finn in der Zwischenzeit jemand anders kennen - während der Ferien. Da sollte ich vorsorgen ...»

Nervös fummele ich an meinem Fahrradschloss herum. «Du bist doch gar nicht mit ihm zusammen», sage ich leise und atme auf, als das Schloss nachgibt.

Lena dreht sich zu mir um. «Das ist nur eine Frage der Zeit», sagt sie und wirft gekonnt ihre goldene Lockenmähne in den Nacken. «Also, dann. Bis morgen!»

«Ja, bis morgen», flüstere ich, trete kräftig in die Pedale und bin froh, als Lena hinter mir am Horizont kleiner und kleiner wird.

Wie von selbst lenkt sich mein Fahrrad dann am Dorfbrunnen vorbei, die schmale Kirchengasse hinunter, in der es angenehm kühl ist, bis hin zum Friseurladen.

Fast täglich nehme ich diesen Weg, obwohl er für mich ein Umweg ist. Aber das macht mir nichts. Denn bei Jelly und Karolina ist es einfach viel gemütlicher als bei uns zu Hause. Überhaupt in letzter Zeit. Schon kommt das kleine Häuschen näher, und ich bremse ab. Karos Frisierstube steht über der Tür. Darunter ein kleines Schild: Mittags geschlossen.

Vorsichtig bugsiere ich das Rad an den Mülltonnen vorbei, stelle es im Hinterhof ab und hänge den Rucksack über die Lenkstange. Als ich die Tür öffne, höre ich laute Musik und schallendes Gelächter.

«Hallo?», rufe ich nach oben.

Jelly beugt ihre blonde Mähne über das Treppengeländer. «Hallo du! Hast du Hunger? Mama macht Spaghetti!»

Ich schüttle den Kopf. «Ich wollte nur kurz vorbeischauen», antworte ich, streife die Sandalen ab und laufe barfuß die Holztreppe hoch. In der Küche steht Karolina, Jellys Mutter, am Herd und singt den aktuellen Sommerhit mit, der aus dem Radio dröhnt. Ich nicke ihr kurz zu, worauf sie sich vom Kochtopf abwendet und auf mich zukommt. Sanft zupft sie an meinen Haaren. «Dein Pony nachgeschnitten gehört», meint sie und drückt mir ein Küsschen auf die Wange. Noch immer hört man ihr an, dass sie nicht von hier stammt.

Bei Jelly ist das anders. Sie hatte nur anfangs im Kindergarten Schwierigkeiten mit unserer Sprache gehabt. Nach einiger Zeit aber quatschte sie genauso wie wir anderen Kinder aus dem Dorf. Bei Karolina aber hört man es. Auch nach so langer Zeit noch. «Komm doch vorbei mal. Am besten ist abends. Dann machen wir Mädelsabend!», sagt sie.

Ich lächle ihr zu und atme den Duft ein, der Jellys Mutter umgibt. Karolina riecht nach Haarfärbemittel und Kräutershampoo. Und auch ein bisschen nach Knoblauch. Immer. Diesen Duft mag ich so gerne. Er ist anders als der Duft von zu Hause. Nicht besser oder schlechter. Einfach anders. Und trotzdem vertraut.

«Gerne», sage ich, «aber nicht heute.»

Daraufhin fängt Karolina laut zu lachen an. «Das war klar! Dich mit List muss man herkriegen, um an dir herumwerkeln zu dürfen. Du bist und bleibst eben Naturschönheit.» Dann wendet sie sich wieder den Nudeln zu.

Ich lasse mich neben Jelly auf die Couch fallen und flüstere: «Kann ich dir was sagen?»

Jelly nickt. «Ich muss sowieso die Tomaten auf dem Balkon gießen. Diese Woche bin ich dran ...» Sie verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Als wir auf dem Balkon sind, greift sie nach der Kanne und fängt an, die Pflänzchen zu wässern. «Und? Was gibt’s?», fragt sie neugierig.

«Ich weiß auch nicht», seufze ich und lasse mich auf die Liege plumpsen. Ein Sonnenschirm spendet mir Schatten. Richtig gemütlich ist das. «Da kann mir Ibiza gestohlen bleiben», denke ich laut.

Jelly taucht die Gießkanne ins Regenfass und sieht mich verwundert an. «Hä? Was meinst du?»

«Ach, es ist wegen Lena», rücke ich schließlich heraus und erzähle, was vorhin im Bus vorgefallen ist.

Jelly grinst. Wie auf Kommando wandert ihre linke Augenbraue hoch. «Du bist eifersüchtig.»

«Blödsinn! Auf was soll ich eifersüchtig sein ...»

Sie stellt die Gießkanne zur Seite und quetscht sich zu mir auf die Liege. «Ich frage mich die ganze Zeit, warum du mir nichts davon erzählen willst. Von dir und Finn, meine ich. Nach dem Nachmittag am See kannst du mir nichts mehr vormachen. Ich hab genau gesehen, wie ihr euch angeschaut habt!»

«Wie denn?»

«Na, so», sagt Jelly und beugt sich über mich. Dabei blickt sie mir tief in die Augen und lächelt mich dümmlich an.

«Du bist blöd», sage ich und muss lachen. «So habe ich bestimmt nicht ausgeschaut!»

«Aber Finn.» Sie nickt. «Und wie. Der ist so was von vernarrt in dich!»

«Und warum meldet er sich dann nicht?», rutscht es mir heraus.

Jellys Grinsen wird noch breiter. «Hat er nicht? Seit Sonntag nicht?»

«Doch», gebe ich brummend zu. «Sonntagabend. Aber nur kurz. Wollte Tschüss sagen, weil sie ja diese Woche auf Klassenfahrt sind.»

«Und warum», fragt sie, «machst du dann so ein Gesicht? Das ist doch gut!»

Ich seufze. Schon wieder. «Ich weiß auch nicht. Lenas Bemerkung vorhin war einfach scheußlich. Ob sie wirklich in ihn verknallt ist? So richtig, meine ich?»

Jellena fängt an, mit ihren Haaren zu spielen. «Glaub ich nicht», sagt sie schließlich. «Du weißt ja, wie Goldlöckchen ist. Sie ist Papas Liebling. Und wenn der sich eingebildet hat, dass der Sohn vom neuen Elektrocenterbesitzer eine gute Partie ist, dann findet sie es auch. So ist das wahrscheinlich, wenn man einen Bürgermeister zum Vater hat ...» Sie dreht ihren Kopf zur Seite und sieht mich an. «Und? Bist du in ihn verknallt? So richtig, meine ich?»

Ich sehe meiner Freundin in ihre blauen Augen. Kleine Sonnenpunkte spiegeln sich darin. So gerne würde ich ihr sagen, wie es in mir aussieht, aber ...

«... ich kann nicht», bringe ich schwach hervor.

«Wieso nicht?», fragt sie genervt. «Ist es wegen deinen Eltern? Glaubst du, dass sie durchdrehen, wenn du einen Freund hast? Du bist sechzehn. Wenn du mich fragst, bist du ohnehin schon überfällig!»

Ich schüttle den Kopf. «Nein, es ist nicht wegen Mama und Papa.»

Jellys Augen fangen plötzlich zu blitzen an. «Aber doch nicht wegen Raphael, oder?», ruft sie ungläubig. «Was hat dein Bruder mit der Sache zu tun? Dem kann es doch egal sein, welchen Freund du hast!!!»

«Pst!», zische ich. «Geht das nicht ein bisschen leiser? Oder willst du, dass es jeder hier im Dorf mitkriegt?»

Jelly sieht mich seltsam ausdruckslos an und sagt: «Das ist es also. Du willst mir nichts davon erzählen, weil du glaubst, ich könnte es weitertratschen!» Langsam steht sie von der Liege auf und dreht mir den Rücken zu. «Und ich dachte, du vertraust mir ...»

«Jelly...», flüstere ich.

Eine sprachlose Wand scheint sich inmitten der Julihitze zwischen uns aufzubauen, doch zum Glück kommt Karolina dazwischen.

«Hannah, deine Mama angerufen hat. Du hast wohl dein Handy unten in Rucksack gelassen. Sie sagt, heute kommt noch Mähdrescher und du musst helfen ...»

Hastig stehe ich von der Liege auf. «Ja, danke», rufe ich Karolina zu, die daraufhin wieder vom Balkon verschwindet.

Mein Blick wandert rüber zu Jelly. «Versteh doch ...»

Meine Freundin reagiert nicht.

«Jelly-Bean», bettle ich. «Sei nicht sauer!»

Immer noch keine Reaktion.

«Ich muss los», sage ich schließlich und verabschiede mich.

Als ich in die Pedale trete, ist es mittlerweile so heiß geworden, dass ich befürchte, der Asphalt könnte an den Rädern kleben bleiben. Mühsam kämpfe ich mich voran. Keine einzige Ähre bewegt sich auf den Getreidefeldern. Die Luft flirrt im Sonnenlicht. Und meine Tränen verdunsten, ehe sie die Nasenspitze erreicht haben.

Der Traktor steht auf dem abgedroschenen Feld. Ringsherum ist es heiß und staubig. Und gelb. Alles scheint heute gelb zu sein. Lenas Löckchen. Die Sonne. Unsere Felder. Der Mähdrescher. Die Wintergerste, die vom Inneren der Erntemaschine ausgespuckt und in den Kipper gefüllt wird. Sogar die Kappe von Hans, dem Mähdrescherfahrer, ist gelb. Als er zu mir herüberwinkt, sehe ich, wie mich die Kappe im Sonnenlicht angrinst. Nur Hans grinst nicht. Mürrischfuchtelt er mit der Hand. Voll, soll das bedeuten. Damit meint er den Kipper.

Ich nicke ihm zu. Der Mähdrescher heult auf und macht sich als überdimensionale Ameise an der nächsten Getreidereihe zu schaffen.

Ich weiß, was jetzt zu tun ist, und muss unwillkürlich an Papas heutige Bauernregel denken: Der Juli bringt die Sichel für Hans und für den Michel. Also für mich. Widerwillig atme ich die staubige Luft ein, die sich in der Traktorkabine gefangen hat, greife nach dem Zündschlüssel und drehe ihn um. Sogleich fängt der Motor zu ruckeln an. Ich lasse die Kupplung kommen und das Gefährt setzt sich langsam in Bewegung. Hintenan der sieben Tonnen schwere Kipper. Ob das gut geht?

«Bloß aufpassen», sage ich mir, als er zu schwanken beginnt. Der unebene Feldboden macht mir zu schaffen. Zum Glück ist die Straße schon in Sicht. Dort wird der Kipper nicht ganz so schlimm wackeln.

«Nur nicht zu viel einschlagen. Nur nicht zu viel Gas geben», pocht es in meinem Hirn, als sich die Feldausfahrt nähert. Meine Fingerknöchel sind schon ganz weiß vom krampfhaften Halten des Lenkrads. Im Kriechgang lenke ich das tonnenschwere Gefährt um die Kurve. Als die Traktorschnauze in Richtung Straße zeigt, atme ich auf. Nur noch ein kleines Stück, nur noch ein paar Meter. Geschafft. Ruhig rollt der Traktor auf dem Asphalt dahin. Jetzt kann nichts mehr passieren. Ich will schon einen Jubelschrei loslassen, da kommt Raphael in seinem Audi daher. Mit Lichthupe. Quietschend bleibt er neben mir stehen und kurbelt das Fenster einen Spaltbreit hinunter. Mehr traut er sich nicht, wegen des Staubs in der Luft.

«Wo bleibst du denn?», brüllt er aus dem Fensterschlitz. «Mama und Papa warten schon seit einer Ewigkeit auf dich. Du hältst die ganze Arbeit auf!»

Ich versuche Raphael zu ignorieren und ruckele weiter.

«Jetzt leg halt endlich den zweiten Gang ein», schreit mein Bruder. Dabei muss er sich den Hals verrenken, um aus dem Fensterspalt plärren zu können.

«Ich fahr ja schon», gebe ich zurück, ohne die Straße aus den Augen zu lassen. «Was willst du überhaupt? Weiß Mama Bescheid, dass du hier bist? Auf dem Feld, meine ich?»

Raphael wirft mir einen gefährlichen Blick zu. «Halt bloß den Mund und fahr endlich», knurrt er. Dann kurbelt er die Fensterscheibe hoch und rast im Affentempo davon. Erst als er außer Sichtweite ist, schalte ich einen Gang höher. Keine Ahnung, was mit meinem Bruder schon wieder los ist. Auf alle Fälle hat er einen Vollknall. Dabei ist Raphael nicht immer so gewesen. Er wurde erst nach dem Anfall so. Das passierte ungefähr vor einem Jahr. Da war es auch heiß. Die Sommerferien standen unmittelbar bevor. Es war die Zeit der Getreideernte. So wie heute. Nur dass Raphael damals auf dem Traktor saß und die Gerstenfuhren nach Hause brachte. Und nicht ich.

Doch dann lag er auf einmal auf dem Stoppelfeld. Zwischen all dem Stroh. Sein Mund begann sich ganz komisch aufzureißen und er verdrehte dabei die Augen. Speichel lief aus seinem Mund. Der Körper zuckte wie verrückt. Und mein Bruder, der noch vor wenigen Augenblicken neben dem Traktor gestanden und mit Hans gealbert hatte, verwandelte sich mit einem Schlag in einen Fremden. Ich glaube, nicht nur ich spürte das. Auch Hans, den Mähdrescherfahrer, überkam dieses Gefühl der Ohnmacht, da niemand in dem Augenblick wusste, was zu tun war. Nicht einmal Mama oder Papa. Erst als sich Raphaels Körper entkrampfte und er ganz weiß im Gesicht wurde, brach Hektik aus. Während das Heulen der Sirenen die Ohnmacht zerriss.

Einige Zeit später, im Krankenhaus, erfuhren wir, dass Raphael einen epileptischen Anfall gehabt hatte. Grand mal nennt man so etwas. Mit den richtigen Antiepileptika könne man das gut behandeln, sagten die Ärzte.

Das stimmte auch. Raphael kriegte danach keine Anfälle mehr. Aber etwas anderes machte sich in seinem Leben breit. Und somit auch in unserem. Er bekam nämlich, wahrscheinlich ausgelöst von den Epi-Blockern, eine schwere Allergie gegen sämtlichen Heu- und Tierstaub. Die Ärzte waren ratlos. Meine Eltern auch. Was folgte, waren unzählige Behandlungen, Tests und Diäten. Allesamt mehr oder weniger erfolglos. Übrig blieb die Erkenntnis, dass Raphael in der Landwirtschaft plötzlich nicht mehr mithelfen konnte. Dass er wohl nie den Bauernhof würde übernehmen können. Dass ich an seiner Stelle diese Rolle zugeschoben bekam. Und niemand hatte mich jemals gefragt, ob ich das überhaupt wollte.

Und so begann sich das Leben zu verändern. Raphael wurde zum unberechenbaren Arschloch. Mama duldete es. Und Papa tat so, als ob nie etwas passiert wäre. Außer dass er seine ganze Aufmerksamkeit, die er vorher Raphael entgegengebracht hatte, nun auf mich übertrug …

Vielleicht, frage ich mich, als ich mit dem Traktor am Hof ankomme, hat Jelly recht, und ich sollte mir wirklich nicht mehr so viel gefallen lassen. In Gedanken versunken schiebe ich den Kipper zum Getreidesilo. Dort wird die Gerste übers Jahr gelagert. Aber wie soll ich das anstellen? Das mit dem Nicht-gefallen-Lassen, meine ich.

Da reißt Papa plötzlich die Traktortür auf und schreit: «Sag mal, wo bleibst du denn? Bist du unterm Fahren eingeschlafen, oder was?» Er kocht vor Wut. «Hast du überhaupt eine Ahnung, was Hans pro Stunde fürs Mähdreschen verlangt?» Er greift nach meiner Hand und zieht mich vom Traktorsitz.

«Was willst du?», rufe ich verärgert. «Ich bin das erste Mal mit dem Riesenkipper gefahren. Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte ihn umgeschmissen?»

Papas Kopf wird rot vor Zorn. Aber auch vor Anstrengung. Und Stress. «Das hätte uns gerade noch gefehlt. Und jetzt schau endlich, dass du vom Traktor runterkommst. Der Hans wartet schon auf den nächsten Kipper. Oder soll er die Gerste am Feld abladen? Mach schon!»

Ich springe vom Traktor und schaue mich hilfesuchend um. Aber Mama steht nur da, mit der Schaufel in der Hand, und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu.

Da platzt mir der Kragen. «Wisst ihr was», schreie ich meine Eltern an. «Macht doch euren Scheiß selber!» Eine zornige Welle überrollt mich. Ich drehe mich um und verschwinde ins Haus. Was für ein beschissener Tag! Zuerst meint Lena, Finn anbaggern zu müssen. Dann ist Jelly sauer auf mich. Mein Bruder rastet wieder einmal ohne Grund aus, und meine Eltern … die sind ohnehin zum Kotzen. Glauben die wirklich, dass ich das hier aus Spaß mache?

Ich knalle die Hoftür hinter mir zu und schleudere meine Arbeitsschuhe in die Ecke, da kommt Mama herein.

«Hannah, so geht das nicht», sagt sie in strengem Ton. «Du weißt doch, wie eilig wir es zu den Erntezeiten haben. Da muss jeder mit anpacken … so ist das nun mal auf einem Bauernhof …» Sie kommt einen Schritt auf mich zu und legt die Hand auf meine Schulter. «Du kannst jetzt nicht einfach gehen. Papa muss mit dem Kipper fahren und ich muss beim Getreidesilo bleiben … das wird bis zum Abend dauern. Da können wir nicht auch noch die Stallarbeit machen …»

«Ach so ist das», lächle ich säuerlich.

Mamas Hand rutscht von meiner Schulter. Einen kurzen Augenblick glaube ich, dass sie mich verstehen kann. Wenigstens ein kleines bisschen. Doch dann kehrt die altgewohnte Strenge in ihr Gesicht zurück, und sie sagt: «Sei froh, dass es dir nicht so ergeht wie deinem Bruder!» Und als sie die Tür aufschwingt, hängt sie dran: «Ausmisten brauchst du nicht mehr. Nur füttern. Das geht eh schnell!» Dann dampft sie ab.

Es ist nach sieben, als ich mich aufs Rad schwinge. Mama und Papa sind noch am Ernten. Ich kann Hans’ Mähdrescher auf dem Feld brummen hören. Leise mache ich mich aus dem Staub. Ich will endlich meine Ruhe haben. Verschwinden.

Die Schweine sind gefüttert. Lanzelot auch. Und Brummer – der ist kugelrund, wie am Tag seiner Geburt.

Also, alles in Ordnung. Zumindest für meine Eltern.

Um nicht entdeckt zu werden, nehme ich die Straße durch den Wald. Ich habe mir nur ein Badetuch eingepackt. Den Bikini habe ich vorhin schon übergestreift. Die Sehnsucht nach dem tiefen schwarzen Loch treibt mich voran. Nach wenigen Kilometern bin ich da. Obwohl die Sonne schon die Baumwipfel streift, schwitze ich. Wie immer schlage ich mich durchs Unterholz und werfe meine Sachen unter die Birke. Hastig klettere ich auf den Felsen und springe …

Danach geht es mir besser. Die Stille tut gut. Auch das kalte Wasser, das auf der Haut prickelt. Endlich kommt mein Kopf zur Ruhe. Müde schlurfe ich aus dem Wasser und wickle mich in das Handtuch ein. So bleibe ich auf dem Felsen hocken und starre in den Sonnenuntergang, der sich auf der Wasseroberfläche zu spiegeln beginnt. Abends mag ich den See besonders gern. Abends, oder wenn es regnet. Da gehört er nur mir allein. Mit all den Geräuschen. Dem Schwappen. Dem Rascheln. Dem Gurgeln. Dann spüre ich die Kraft, die von diesem Ort ausgeht. Eine traurige Geschichte verbirgt sich hinter seinem Namen. Wahrscheinlich kommen deshalb kaum Leute hierher. Weil es ein verfluchter Ort ist. Und verfluchte Orte meidet man besser.

Ich meide ihn nicht. Hier habe ich wenigstens meine Ruhe …

«Ich wusste, dass du hier bist», schnauft es prompt hinter mir. Es ist Jelly. «Wenn man dich so sitzen sieht, könnte man Angst kriegen, weißt du das?»

«Hast du mich erschreckt», stöhne ich, nachdem ich mich einigermaßen vom Schock erholt habe. Ich glaube, mein Herz hat für den Bruchteil einer Sekunde zu schlagen aufgehört. Deshalb sage ich: «Wenn jemand Angst kriegen muss, dann bin ich es. Wie kannst du dich auch nur so an mich heranschleichen? Gib es zu, das hast du mit Absicht gemacht. Zur Strafe.» Ich suche Jellys Blick.

Sie grinst.

«Tut mir übrigens leid. Wegen heute», hänge ich dran.

Jelly grinst noch mehr. «Das soll es auch», sagt sie, und dann macht sie etwas, das sie bisher noch nie gemacht hat. Denn eigentlich hat Karolina es ihr verboten. Jellys Mama verbietet fast nie etwas, aber wenn es um den Jungfrauenfelsen geht, ist sie beinhart. Weil sie ziemlich abergläubisch ist.

Deshalb fällt mir auch fast die Kinnlade runter, als Jelly auf den Jungfrauenfelsen klettert und sich vorsichtig neben mich setzt. «Boah, ist das unheimlich», grummelt sie, als sie die Nase über die Felskante streckt. «Meine Mama hat schon recht, wenn sie sagt, dass man nicht auf den Felsen klettern soll! Dass du da freiwillig hineinspringst!? Ehrlich, du hast einen Vogel!»

«Ja, wahrscheinlich», sage ich und lege den Kopf auf ihre Schulter. «Es stimmt übrigens», füge ich verlegen hinzu.

«Was? Dass du einen Vogel hast? Oder dass der Ort gruselig ist?»

«Nein, wegen meinen Eltern», antworte ich. «Und … vor allem wegen Raphael. Und …» Ich gerate ins Stocken.

Jelly dreht den Kopf zu mir. «Und Finn?»

«Jaaa», gebe ich schließlich zu. «Und Finn. Aber du musst mir versprechen, dass du kein Sterbenswörtchen darüber verlieren wirst. Zu niemandem!»

Jelly sieht mich beleidigt an. «Na, hör mal, als ob ich so eine Tratschtante wäre …»

«Versprich es mir!»

«Ich sage nix. Du kannst dich auf mich verlassen. Ehrlich! Aber warum machst du so ein Drama daraus? Finn ist doch süß, oder nicht?»

«Und wie», seufze ich, woraufhin wir laut zu gackern anfangen, während die Sonne hinter dem Wald verschwindet und den See in dämmriges Licht hüllt.

«Dann verstehe ich dein Problem nicht», meint Jelly nach einer Weile. Ich hole tief Luft und fange mühsam zu erzählen an. Und weil Jelly halt doch meine allerbeste Freundin ist und ich sie nicht verärgern will, lasse ich auch nichts aus.

So erzähle ich ihr, wie mich Finn an der Bushaltestelle angesprochen hat. Wie wir uns bei der alten Eiche getroffen haben und was tatsächlich am Abend des Sonnenwendfestes passiert ist. Von unseren ersten Küssen im Obstgarten. Von Brummer. Und von meiner Angst, Raphael könnte ausrasten, wenn er erfahren würde, dass ich mich mit Finn treffe. Immerhin ist der Vater von Finn auch Raphaels Chef.

Um uns herum ist es mittlerweile so finster geworden, dass ich Jellys Gesicht kaum noch sehen kann. Trotzdem merke ich, wie sie es verzieht. «Glaubst du nicht, dass du ein bisschen überreagierst?»

Ich schüttle den Kopf. «Weißt du, Raphael hat sich seit dem letzten Jahr sehr verändert. Du würdest ihn nicht wiedererkennen», sage ich vorsichtig.

Jelly murrt. «Woher soll ich denn wissen, wie dein Bruder gerade drauf ist, wenn er mir seit dem Anfall ständig aus dem Weg geht? Dabei hab ich ihm nichts getan. Wenn ich daran denke, wie oft wir früher zusammen gespielt haben. Du und ich und dein Bruder auf dem Heuboden …» Jelly wird auf einmal still. «Das ist lange her», murmelt sie, greift nach ihrem Pulli und steht auf. «Brrr, ist mir kalt! Lass uns abhauen. Wenn es finster wird, ist es noch unheimlicher hier.»

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9783772540073
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