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Michael Tosch

Auch ein Mörder macht mal Urlaub

Juist Krimi

Michael Tosch

Auch ein Mörder macht mal Urlaub

Niemand ermittelt

Juist Krimi

Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Impressum

Texte: © 2022 Copyright by Michael Tosch

Umschlag: © 2022 Copyright by Michael Tosch

Verantwortlich

für den Inhalt: Michael Tosch

Gerichtsstraße 23a

65385 Rüdesheim am Rhein

michael.tosch@tosch-team.com

Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Meiner Frau Ruth

Wärst Du nicht mit mir verheiratet, ich würde erneut um Deine Hand anhalten.

Ich liebe Dich. Danke für Alles.

Prolog

Kriminalhauptkommissar Markus Niemand und Kriminalkommissarin Helga Weilburger hatten sich an ihrem freien Samstag verabredet. Helga hatte ihn gefragt, ob er Lust hätte, sie an diesem Tag beim Shopping in Aurich zu begleiten.

Markus war eigentlich nicht der Typ, der gerne von Boutique zu Drogeriemarkt spazierte und in den Angeboten stöberte. Er überlegte, warum er überhaupt zu-gesagt hatte und kam zu dem Schluss, dass es mehrere Gründe gab. Erstens wohnte er erst seit gut einem Jahr in Ostfriesland und kannte Aurich nicht sonderlich gut, zweitens hatte er sich ohnehin entschlossen, seine Kollegin Helga etwas besser kennenzulernen. Im Dienst hatte er sie als sehr professionelle und kompetente Polizistin erlebt, aber er hätte auch gerne gewusst, wie sie im Privatleben tickte. Dann hatte er auch noch einen dritten Grund gefunden.

Er war alleinstehend, seine Lebensgefährtin Charlie, die eigentlich Charlotte hieß, hatte ihm vor vier Monaten den Laufpass gegeben und jetzt litt er immer noch unter dem Aus der Beziehung.

Kurz vor der Trennung hatte er ein Häuschen in Südbrookmerland erworben und versteckte sich jetzt privat mehr in seinem neuen Heim. Dort fand er genügend Aufgaben, die er erledigte und damit seine Einsamkeit vor sich selbst verbergen konnte.

Markus fand, dass es Zeit war, sein Leben neu zu organisieren und ergriff deshalb auch gerne die Gelegenheit, mit Helga zu shoppen und überwand daher seine Abneigung gegen das, wie er es nannte 'durch die Läden latschen'.

Natürlich hatte Markus, wie alle Menschen auch, seine Macken. Eine davon war seine Leidenschaft für die australischen Hardrocker AC/DC. Als Jugendlicher hörte er auf Partys die Songs der australischen Band und mit 22 besuchte er ein Konzert in London. Inzwischen hatte er AC/DC schon viermal live gesehen und besaß als Erwachsener fast alle Platten bzw. CDs.

Daher war es nicht verwunderlich, dass ihm auch ständig Lieder seiner Lieblingsband in den Kopf kamen und wenn er in guter Stimmung war, sang er auch gerne die Songtexte, die er kannte. Da er behauptete, dass man Musik von AC/DC auf keinen Fall leise summen könne, sang Markus, wenn er denn sang, auch gerne sehr laut. Allerdings waren meistens seine gewollten und auch die ungewollten Zuhörer der Meinung, dass er bei einem Song Contest nicht aufs Treppchen kommen würde.

Er spazierte mit Helga am Rande des Marktplatzes in Aurich und ihm gefiel der Anblick der bunten Stände und das Treiben auf dem Wochenmarkt. Ihm wurde bewusst, dass er bisher erst einmal mit seiner Ex zum Einkaufen hier gewesen war. Die Gedanken an Charlie und die Erinnerung an die Trennung machten ihn nachdenklich und traurig.

Jetzt schlenderte er mit Helga an seiner Seite durch Aurich und genoss den Tag. Es war angenehm warm und er spürte eine sanfte Brise, die er hier im Norden so liebte. Richtig windstill hatte er es in dieser Region noch nicht erlebt. Das laue Windchen trug den typischen Geruch des Meeres mit sich und ließ erahnen, dass die Nordsee nicht sehr weit weg sein konnte.

Markus hatte in seinem ersten Jahr gelernt, dass die Ostfriesen eigene Wetter-regeln entwickelt haben.

 Regen ist erst, wenn der Briefträger mit dem Schlauchboot kommt.

 Schietwetter fängt erst bei Windstärke 12 an.

 Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben.

 Nirgends strahlt der Himmel so schön grau…

Die letzte Regel fand allerdings nicht seine Zustimmung. Es gab hier oben wunderschöne Tage mit Wärme und blauem Himmel, allerdings konnte sich das Wetter schnell ändern, und zwar in jede Richtung.

Helga hatte in einem Modegeschäft ein paar T-Shirts gekauft, die sie in einer Tasche mit dem Werbeaufdruck des Ladens spazieren führte. Ein neues davon hatte sie direkt angezogen. Über ihrer Schulter trug sie eine dunkelblaue Handtasche. Markus vergaß seine Ex und bewunderte seine Kollegin. Tolle Frau, dachte er und spontan sang er sofort los:

» When I see a pretty woman, you know it give me a thrill, and she's tailor made to order, you know I can't stand still, and you won't need a doctor, 'cause it'll cure all ills.«

Als Helga ihn verständnislos anschaute, erklärte er: »Das war 'Can't Stand Still', ein Song von AC/DC.«

»Kennst du den Song, weil du den immer auf einer alten Vinyl-Langspielplatte abspielst?«

»Wie meinst du das?«, Markus war etwas verwirrt.

»Weil du die Kratzer auf der LP alle mitgesungen hast!«, spottete Helga.

Bevor er antworten konnte, klingelte Helgas Handy. Sie nahm es aus ihrer Handtasche und sprach offensichtlich mit einer Freundin. Markus versuchte weg-zuhören, denn er gehörte nicht zu den Menschen, die andere belauschen würden.

In diesem Augenblick war hinter ihnen ein lautes Rufen, das Klingeln und das Bremsen eines Fahrrads zu hören. Markus drehte sich um und bekam nur noch mit, wie ein Mann mit immer noch recht hohem Tempo auf sich und seine Begleiterin zuraste und Helga erfasste. Helga und auch der Radfahrer stürzten zu Boden.

Der Mann fand sich auf dem Straßenpflaster wieder. Sein Drahtesel war mit verbogenem Vorderrad zum größten Teil auf dem Oberkörper des gestürzten Radfahrers gelandet. Helga lag auf dem Pflaster und rührte sich nicht, sie war mit ihrem Kopf offensichtlich auf einen Blumenkübel gestürzt. Aus einer Platzwunde auf der Stirn lief Blut über ihr Gesicht und tropfte zu Boden.

Markus versuchte sie anzusprechen und rief mehrmals laut ihren Namen. Da sie nicht reagierte, sprach er einen Mann aus der inzwischen entstandenen Gruppe von Neugierigen an.

»Ich bin von der Polizei. Bitte rufen sie einen Notarzt!«

Markus nahm wahr, dass inzwischen mehrere Personen mit ihren Handys telefonierten.

Er sah, dass Helga atmete und überprüfte ihren Puls, alles schien so weit ok zu sein und er legte sie in die stabile Seitenlage. Inzwischen hatte sich auch der Radfahrer wieder erhoben und stammelte so etwas wie eine Entschuldigung in die Richtung von Helga.

Über den Marktplatz von Aurich schallte das Martinshorn. Mit eingeschaltetem Blaulicht kamen ein Rettungswagen und direkt dahinter ein Notarzt in seinem Einsatzfahrzeug um die Ecke und hielten am Unfallort.

Markus spürte, dass der Schock immer stärker Besitz von ihm ergriff. Helga erwachte aus ihrer Ohnmacht und wollte sich aufrichten.

»Bleib liegen, bitte!«, Markus sprach nicht sonderlich laut, aber bestimmend und das bewirkte, dass Helga sich gehorsam wieder zurücklegte.

Der Notarzt untersuchte Helga und veranlasste, dass die Sanitäter sie auf eine Trage betteten, um sie danach in den Rettungswagen zu bringen.

Zu Markus gewandt sagte er: »Anscheinend ist es nichts Ernstes, eventuell eine kleine Gehirnerschütterung. Wir nehmen sie vorsichtshalber mit und sie wird dann noch einmal untersucht. Wir bringen sie in die Ubbo-Emmius-Klinik.«

»Ich komme sofort hinterher, ich kenne den Weg.«

Gerade bemühte sich Markus um die Utensilien von Helga, die etwas verstreut am Unfallort lagen. Er wollte nach ihrer Handtasche greifen und sah plötzlich aus den Augenwinkeln, wie ein junger Mann aus der Gruppe der Schaulustigen sich bückte, Helgas Handy schnappte und blitzschnell davonrannte.

Der Adrenalinstoß, der durch Markus Körper fuhr, verhalf ihm zu neuer Aktivität. Blitzschnell nahm er die Einkaufstüte und Helgas Handtasche auf und rannte hinter dem Handy-Dieb her. Der hatte inzwischen einen kleinen Vorsprung und verschwand, ohne sich umzuschauen in der Markthalle. Markus hatte sich gemerkt, dass der Dieb helle Shorts und ein dunkelgrünes T-Shirt trug. Als er den Eingang der Halle erreichte, entdeckte er, dass der Radfahrer, der Verursacher des Unfalls, ihm gefolgt war.

»Ich will ihnen helfen, ich habe gesehen, wie der das Handy geklaut hat.«

Markus sagte: »Das ist nett von Ihnen, aber ich bitte sie, hier stehenzubleiben. Ich weiß nicht, ob der Kerl bewaffnet ist. Ich mache das schon.«

Direkt hinter dem Eingang war eine Imbisstheke, an der Speisen und Getränke angeboten wurden. Markus erkannte unschwer den jungen Mann in hellen Shorts und dem grünen Shirt. Der hatte sich inzwischen mit einem Tablett an der Theke angestellt und wartete, bis er bedient werden würde. Er fühlte sich offenbar sehr sicher. Wahrscheinlich hatte er keinen seiner Verfolger bemerkt.

Markus holte sein eigenes Smartphone aus der Tasche. Natürlich war darin auch die Rufnummer von Helga gespeichert, die er jetzt sofort anrief.

Kurz darauf klingelte ein Handy bei dem jungen Mann an der Theke. Markus musste grinsen, da er natürlich Helgas Klingelton sofort erkannte. Der Dieb war völlig überrascht und wollte sich umdrehen. Da hatte ihn Markus bereits am Arm ergriffen und verkündete ihm die Verhaftung.

»Sie haben das Recht, zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, zu jeder Vernehmung einen Verteidiger hinzuzuziehen. Wenn Sie sich keinen Verteidiger leisten können, wird Ihnen einer gestellt. Haben Sie das verstanden?«

Natürlich bildete sich auch hier sofort eine Traube von Neugierigen und einige filmten die Szene sogar mit ihren Handys.

Irgendjemand hatte die Polizei verständigt. Zwei Polizisten drängten sich durch die Gaffer und kamen auf Markus und den Verhafteten zu.

Da er die Kollegen nicht kannte, wies sich Markus als Polizist aus und erklärte den Sachverhalt. Bevor der Dieb abgeführt wurde, wurde er aufgefordert, seine Taschen zu leeren. Dabei kamen vier weitere Handys zum Vorschein, offenbar alles Diebesgut.

Beim Verlassen der Markthalle entdeckte er den Radfahrer, der vor der Tür gewartet und auch die Verhaftungsaktion beobachtet hatte. Markus ging auf ihn zu und sagte: »Sie haben inzwischen wahrscheinlich mitbekommen, dass ich von der Polizei bin. Sie haben mit ihrem Fahrrad einen Unfall gebaut und sind dabei gestürzt, genau wie meine Kollegin. Ist bei ihnen alles in Ordnung?«

Der Mann nickte. »Ja, ich weiß. Bei mir ist alles in Ordnung, ich bin nicht verletzt, nur mein Fahrrad ist leicht demoliert.«

Markus fuhr fort: »Das beruhigt mich sehr, dass es ihnen gut geht. Normalerweise würde ich jetzt ein Auge zudrücken und sie verwarnen. Aber in diesem Fall kann ich das leider nicht. Meine Kollegin wurde bei dem Unfall verletzt und bei einem Personenschaden muss ich in jedem Fall eine Anzeige erstatten. Bitte geben sie mir ihre Personalien.«

»Ich weiß das«, entgegnete der Radfahrer, »ich bin selbst Anwalt. Deshalb habe ich hier auch auf sie gewartet. Hier ist meine Visitenkarte.«

Markus schaute kurz auf die ihm überreichte Karte mit den Daten. Er prägte sich den Namen und den Wohnort ein und sprach dann wieder zu seinem Gegenüber.

»Herr Dahlmann, ich finde es sehr gut, dass sie gewartet haben. Enttäuschenderweise kommt das sehr selten vor. Ich werde ihr Verhalten in meinem Unfallbericht positiv für sie vermerken. Danke, sie werden demnächst von der Justiz Post bekommen. Alles Gute für sie.«

Die Polizisten nahmen Markus in ihrem Auto mit und setzten ihn an der Ubbo-Emmius-Klinik ab. An der Rezeption erkundigte er sich nach Helga und erfuhr, dass sie noch in der Unfallaufnahme sei.

Dort angekommen, sah er seine Kollegin schon von weitem. Sie saß auf einer Bank und erhob sich, als Markus sie erreichte. Ein stattlicher Verband zierte ihren Kopf und bevor Markus eine Frage stellen oder etwas sagen konnte, ergriff Helga das Wort.

»Ich habe eine Platzwunde an der Stirn, die wurde genäht und eine Gehirnerschütterung liegt wohl nicht vor. Ich kann mich an alles erinnern, habe kein Schwindelgefühl und Übelkeit auch nicht. Also alles gut, wir können gehen, wenn du mich mitnimmst.«

Helga lächelte und Markus hatte das Gefühl, dass sie wieder ganz die Alte war, so voller Tatendrang. Ihre Worte hatten bei ihm ein positives Gefühl ausgelöst. Markus freute sich riesig, dass der Unfall so glimpflich ausgegangen war. Er umarmte sie, benutzte dabei allerdings nur seinen rechten Arm.

»Ich hatte Angst um dich. Jetzt bin ich froh, dass du wieder einsatzfähig bist.«

»Einsatzfähig? Ich?«, Helga strahlte ihn an. »Heute ist Samstag, da kann ich mich für den Rest des Tages und auch für Sonntag noch erholen. Meine Rekonvaleszenz endet also erst am Montagmorgen. Da beginnt auch offiziell mein Dienst wieder. Erst dann bin ich auch wieder voll einsatzfähig.«

»Ach übrigens«, Helga fuhr fort, »weißt du eigentlich, wo meine Handtasche und meine Einkäufe geblieben sind?«

Mit der linken Hand hatte er die Einkaufstüte und Helgas Handtasche hinter seinem Rücken verborgen. Er reichte ihr beides.

Helga untersuchte ihr Eigentum und fragte sofort: »Mein Handy, das Handy ist weg. Weißt du, wo das ist?«

»Ja, das weiß ich«, Markus holte ihr Smartphone aus seiner Tasche, reichte es ihr und erklärte, »während du dich ganz gemütlich durch Aurich kutschieren ließest, habe ich gearbeitet. Du hast dich hier verwöhnen und auf hohem Niveau pflegen lassen. Ich habe in der Zeit sämtliche Verbrecher in Aurich gejagt und verhaftet.«

Helga schaute irritiert zu ihrem Kollegen. »Was hast du? Das verstehe ich jetzt nicht.«

Markus wollte sie nicht länger auf die Folter spannen und erzählte ihr die ganze Geschichte.

»Ist das wirklich wahr? Dass ausgerechnet mir das passiert ist, kaum zu glauben.«

»Ich wollte, das wäre alles nicht passiert. Erst wirst du verletzt, musst leiden und dann beklaut dich auch noch so ein Mistkerl.«

»Weißt du was? Für deinen Einsatz muss ich dich belohnen, was hältst du davon, wenn ich dich für heute zum Abendessen einlade? Übrigens, ein Nein werde ich nicht akzeptieren.«

»Ich überlege, ob das jetzt Beamtenbestechung ist.« Und nach einer kleinen Pause: »Du hast mich überzeugt, ich werde mich von dir bestechen lassen. Aber erzähle es bitte nicht weiter, es könnte meiner Karriere schaden.«

Markus grinste und fand, dass es doch gut war, Helga auf der Shopping-Tour begleitet zu haben.

Mittwoch, 1. Juli

Bei einem Spaziergang auf der Insel Juist hatte der Mann die Kneipe in unmittelbarer Nähe des Kurhauses in einer Seitenstraße zum ersten Mal gesehen. Der Stil des alten Bauwerks war typisch für die Insel. Rote Klinker und verwinkelte Steine am Giebel zierten das Gebäude. Diese Kneipe wäre ihm nicht besonders aufgefallen, wenn da nicht über der Eingangstür ein ovales Holzschild mit dem Namen 'Krullerkopp' gestanden hätte. Der Name machte ihn neugierig, denn er war auf der Suche nach einer richtigen Bierkneipe. Schickimicki-Restaurants gab es hier, seiner Meinung nach, genug.

Krullerkopp, komischer Name, dachte er und versuchte, den Sinn des Wortes zu verstehen. Er schaute von außen durch ein Fenster und konnte erkennen, dass das Lokal in einem maritimen Stil gehalten war. Diverse Bilder von Schiffen und ein paar Seemannsknoten zierten die Wände. Im Lokal standen ein paar Tische mit Stühlen und dann war da eine lange Theke mit Barhockern davor. Er las die Speisekarte am Eingang und entdeckte, dass gar keine Speisen, sondern nur Getränke angeboten wurden. Diese Kneipe, war im Prinzip genauso, wie er es sich vorgestellt hatte. Sein Entschluss, abends dort hinzugehen, stand fest.

Seinem Kollegen hatte er erklärt, dass er einen alten Bekannten treffen wolle und mit ihm abgestimmt, dass er ihn an diesem Abend mit den Schülern allein lassen würde.

Nach dem Abendessen schwang er sich auf sein Fahrrad und fuhr ins Dorf, wie man den Ort Juist allgemein nannte. Kurz vor seinem Ziel stellte er sein Stahlross in einen Fahrradständer an der Straße und lief die letzten Meter bis zum Lokal Krullerkopp.

Die Dämmerung nahm langsam Besitz vom Töwerland. Ein leichter Wind strich durch die Dünen und Straßen im Dorf, obwohl die Ostfriesen behaupten würden, dass das dieses Lüftchen kein richtiger Wind sei. Es war ein schöner Tag gewesen, warm war es, richtiges Badewetter, obwohl der Himmel eher grau war.

Als er eintrat, scannte er mit suchendem Blick die Szenerie. Es war nicht sonderlich voll. Trotz der wenigen Gäste war es relativ laut, denn die Musik, die zu hören war, wurde durch die Stimmen der Gäste noch übertönt. Die Luft war schwanger von typischem Duft nach Bier. Richtige Bierkneipen riechen immer so, dachte er.

An ein paar Tischen saßen Pärchen und an einem der Tische eine Vierergruppe. Ein junges Paar hatte an einer Seite der langen Theke Platz genommen und am anderen Ende hockte eine jüngere Frau auf einem Barhocker und nahm gerade einen Schluck aus einem Bierglas. Sie schien offenbar allein zu sein. Er setzte sich auf einen Barhocker am Ende der Theke, ließ aber bewusst einen Platz zwischen sich und der einzelnen jungen Frau frei.

Er schaute zu ihr rüber und als diese zu ihm aufsah, lächelte er und schaute in ihre Augen. Es dauerte einen kurzen Augenblick, dann lächelte sie zurück.

Hinter der Theke zapfte ein Mann mit einer prächtigen Glatze gerade ein Glas Bier, schaute dann zu ihm herüber und fragte nach seinen Wünschen.

»Geben sie mir ein Alt!«, sagte der Mann.

»Altbier habe ich nicht. Da liegt 'ne Getränkekarte.«

Der Wirt wies auf eine in Folie laminierte Karte hin. Der Mann las die Karte und entdeckte darauf mehrere Biersorten, Cocktails, Hochprozentiges, Whiskys und auch Rum. Ich mag keinen Rum, dachte er.

Nach kurzem Nachdenken bestellte er sich dann ein Hefeweizen.

»Ist allerdings nicht so typisch für die Gegend hier«, versuchte er zu kommunizieren, doch sein Gegenüber verzog keine Miene. Unfreundlicher Idiot, dachte der Mann und sah zu, wie der Wirt den Inhalt einer Flasche kunstvoll mit gluckerndem Geräusch in ein Glas zauberte.

Als der Wirt ihm das Hefeweizen auf die Theke stellte, fragte er ihn: »Sagen sie, was bedeutet eigentlich der Name des Lokals? Krullerkopp, das habe ich noch nie gehört.«

»Krullerkopp? Das bin ich«, jetzt schmunzelte der Wirt, »damit bin ich gemeint.«

Nach einer kurzen Pause ergänzte er: »Ich hatte schon in jungen Jahren eine Glatze. Krullerkopp ist plattdeutsch und bedeutet hier bei uns Lockenkopf, so haben mich halt alle auf den Arm genommen. Mein richtiger Name ist Jan Everts, aber das weiß hier kaum noch jemand. Krullerkopp, das wurde dann zu meinem Spitznamen, also mien Ökelnaam, wie es hier auf Platt heißt.«

Die junge Dame neben ihm schaltete sich ein: »Ein Bekannter von mir, der hatte auch eine Glatze. Den haben alle immer Festplatte genannt.«

Keiner lachte über ihren Spruch, sie wirkte deshalb etwas verlegen und nahm wieder einen Schluck aus ihrem Glas. Er trank ebenfalls von seinem Bier und beobachtete sie dabei aus den Augenwinkeln. Sie trug eine blaue Jeans und ein rotes T-Shirt. Ihm gefiel, was er wahrnahm. Dann drehte sich die Frau wieder zu ihm herüber und lächelte erneut.

»Sind sie zum ersten Mal auf Juist?«, fragte er sie und lächelte seinerseits zurück.

»Nein, ich komme schon seit Jahren mit meiner Freundin hier her, aber in diesem Jahr konnte sie nicht. Daher bin ich allein da, ich will mir doch das Töwerland nicht entgehen lassen«, erklärte sie ihm und fragte zurück, »Und sie?«

»Ich bin zum ersten Mal hier, aber nicht allein. Wir sind achtzehn.«

Dabei betonte er das Wort achtzehn. Er schaute sie an und wartete auf ihre Reaktion.

»Da haben sie aber eine große Familie«, meinte sie spöttisch.

»Ich bin Lehrer, ein Kollege, der mich unterstützt und sechzehn Schüler«, klärte er das Rätsel auf.

Sie schaute ihn an. »Ach so, ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie so viele eigene Kinder haben.«

»Achtzehn eigene Kinder? Wenn das so wäre, dann ist es mir allerdings nicht bekannt«, grinste er sie an.

Sie rief in Richtung Krullerkopp: »Ich hätte gern noch einen Drink.«

»Noch'n Bier?«

Bevor sie antworten konnte, schaltete sich der Mann ein und fragte seine Nachbarin: »Darf ich sie zu einem Cocktail einladen?«

Sie überlegte einen Augenblick.

»Ja, gern, ich weiß nur noch nicht welchen.« Sie warf einen Blick in die Getränkekarte.

»Ich nehme eine Margarita«, bestellte sie. Der Mann entschied sich für einen Mojito. Als die Getränke kamen, prosteten sie sich zu und stießen an.

»Ich heiße Heike, Heike Wolfram«, stellte sie sich vor, »hier im Urlaub ist es mit dem Vornamen und dem Du doch üblich und ich finde, das ist auch einfacher zum Quatschen.«

Er zögerte einen Augenblick. »Burkhard Waller«, sagt er, »ich heiße Burkhard.«

»Ich bin aus Braunschweig, genaugenommen aus der Nähe von Braunschweig, aus Peine. Und wo kommst du her?«, wollte sie wissen, schaute ihn fragend an und nahm dabei einen Schluck von ihrer Margarita.

»Ja, Braunschweig, da war ich auch schon mal«, kam es von ihm, ohne auf ihre Frage nach seiner Herkunft zu antworten. Ich habe ohnehin schon zu viel von mir verraten, dachte er.

»Was machst du beruflich?«, wollte er wissen.

»Ich arbeite in der Stadtverwaltung. Bin im Einwohnermeldeamt. Und du? Du bist Lehrer, habe ich doch richtig verstanden?«

»Stimmt«, antwortete er einsilbig.

»Und wo bist du Lehrer?«, bohrte Heike nach.

»An einer Gesamtschule in der Nähe von Köln.«

»Nähe von Köln, wo denn genau?«, sie ließ nicht locker.

Ihm fiel der Ortsname von Brühl ein, weil ein Bekannter dort studierte. »Brühl«, sagte er, »der Ort heißt Brühl.«

»Kenne ich nicht, habe ich auch noch nicht gehört«, stellte Heike fest.

Bevor sie weiterfragen konnte, wechselte er das Thema. »Die haben hier auf der Insel ganz schön gepfefferte Preise, findest du nicht auch?«

»Es geht so, ich finde es aber nicht überteuert. Sind halt viele Gäste hier und wenn viele Touristen kommen, nimmt man auch gern etwas mehr Kohle. Außerdem musst du daran denken, da ist noch das logistische Problem. Alles, was es hier zu kaufen gibt, muss man erst einmal hierher auf die Insel transportieren.«

Er nickte und schwieg, weil er sich im Grunde mit dem Thema gar nicht auseinandersetzen wollte.

Heike sagte plötzlich: »Ich bin gleich wieder da.«

Aus den Lautsprechern klang ein Lied von Santiano: »Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren«.

Sie glitt von ihrem Barhocker herunter und ging beschwingt in Richtung Toilette.

Er schaute sich um, niemand blickte in seine Richtung. Daraufhin holte er ein Fläschchen aus der Hose und schüttete ein paar Tropfen daraus in ihren Cocktail.

Er schaute sich erneut um, aber niemand schien ihn beobachtet zu haben. Danach verschwand das Fläschchen blitzschnell wieder in seiner Tasche.

Das Pärchen am vorderen Teil der Theke tuschelte miteinander. Der Mann hatte aus den Augenwinkeln beobachtet, wie der Kerl am anderen Ende etwas in den Cocktail der Frau geschüttet hatte.

»Ich habe das ganz genau gesehen, das waren bestimmt KO-Tropfen!«, hörte seine Begleiterin ihn flüstern.

»Rolf hör auf, bist du wirklich sicher, vielleicht irrst du dich ja«, versuchte sie ihn zu bremsen.

Rolf antwortete: »Wir werden ja sehen, was passiert, wenn sie von dem Zeug was trinkt. Mensch, schau nicht so auffällig rüber.«

Kurz darauf kam Heike zurück, kletterte wieder auf den Barhocker, nahm ihr Glas, stieß mit dem Spender an und beide tranken.

Zwanzig Minuten später stöhnte Heike leise: »Tut mir leid, mir ist nicht gut. Ich möchte heimgehen.« Sie kam nur mühsam von ihrem Barhocker herunter.

»Das ist sicher nur die schlechte Luft hier in der Kneipe«, meinte er beruhigend, »komm, ich bringe dich vor die Tür.«

Er winkte dem Krullerkopp zu und legte ein paar Scheine auf die Theke. Er fasste Heike unter den Arm und stützte sie beim Verlassen des Lokals. Vor ihren Augen schien sich alles zu drehen. Sie bekam gar nicht mit, was mit ihr geschah.

Er führte die völlig willenlose Frau von der Kneipe aus, am Kurhaus vorbei, in Richtung Strand hinunter. Heike konnte kaum allein laufen, er musste sie stützen. Es war ziemlich dunkel, er schaute sich um, als er feststellte, dass sie nicht beobachtet wurden, zerrte er sie ein Stück hinter der öffentlichen Toilette in die Dünen.

Das andere Paar in der Kneipe hatte inzwischen ebenfalls gezahlt. Rolf und Karin, seine Begleiterin, hatten sich entschlossen, den Beiden zu folgen und der Frau, wenn nötig, zu helfen. Sie verließen ebenfalls den Krullerkopp.

»Lass uns beeilen«, sagte Karin und beschleunigte ihre Schritte.

Auf der Straße versuchten sie vergeblich, die Gesuchten zu finden. Sie liefen die Strandstraße hinunter bis zum Kurplatz, aber sie hatten die Beiden aus den Augen verloren.

Der Mann hatte die wehrlose Heike in eine Mulde geschleppt und sie hingelegt. Er zerrte ihr die Kleider vom Leib, zog sich ein Kondom über und vergewaltigte die junge Frau.

Heike kam ein wenig zu sich und bemerkte, dass er auf ihr lag und offensichtlich mit ihr Sex hatte. Sie wollte ihn von sich stoßen, schaffte es aber nicht. Schreien ging auch nicht und dann verlor sie wieder das Bewusstsein. Nach einiger Zeit kam sie erneut zu sich. Sie spürte, noch völlig benommen, wie der Wind über ihren entblößten Körper strich. Das kühle Gefühl hatte sie geweckt. Sie sah sich um und merkte, dass sie allein war. Es war immer noch ziemlich dunkel. Heike entdeckte, dass ihr Jeanshose und Slip ausgezogen waren, das T-Shirt war fast zerrissen. Die Kleidungsstücke lagen verstreut im Dünengras. Sie suchte ihre Sachen zusammen und zog sich mühsam wieder an.

Heike war immer noch sehr benommen und konnte kaum laufen. Mühsam schleppte sie sich zu ihrer Unterkunft.

Donnerstag, 2. Juli

Heike lag in ihrem Bett. Sie hatte nicht richtig geschlafen, immer wieder erwachte sie kurz und schlief dann vor Erschöpfung wieder ein. Am späten Vormittag kam sie erneut wieder langsam zu sich. Als sie versuchte sich zu erinnern, war das nur in Fragmenten möglich und als sie realisierte, was mit ihr geschah, fing sie bitterlich an zu weinen.

Heike machte sich schwere Vorwürfe, gab sich selbst die Schuld an der Vergewaltigung. Tausend Fragen gingen ihr durch den Kopf. Wieso ist mir das passiert? Habe ich den Kerl irgendwie zu der Tat provoziert? Warum habe ich mich nicht wehren können? Sie weinte hemmungslos, am liebsten hätte sie laut geschrien. Sie hatte ihr Zeitgefühl völlig verloren. Irgendwann schlief sie wieder ein.

Gegen Mittag wurde sie wieder wach, sie fasste sich ein wenig und rief dann ihre Freundin Elke Mormann in Peine an und erzählte, was ihr passiert war. Elke hörte ihr sehr gut zu und ließ Heike reden. Hin und wieder stellte sie eine Frage und hörte dann wieder zu. Dann versuchte Elke ihrer Freundin vorsichtig klarzumachen, dass sie keine Schuld an dem Verbrechen hatte.

»Hör doch bitte auf, dir Vorwürfe zu machen. Du bist das Opfer. Schuld hat ausschließlich dieses Dreckschwein, das dir das angetan hat. Am liebsten würde ich jetzt sofort zu dir kommen.«

Elke überlegte einen Augenblick: »Geh in jedem Fall zum Arzt! Sofort! Unbedingt!«

Sie riet ihr außerdem zu einer professionellen Beratung und suchte ihr die Telefonnummer des Weißen Rings heraus.

Das Gespräch hatte Heike gutgetan, sie legte sich wieder auf ihr Bett, und fühlte, dass es ihr etwas besser ging. Sie zögerte sehr lange und als sie dann ihr Schamgefühl einigermaßen überwunden hatte, rief sie beim Weißen Ring an. Eine Mitarbeiterin der Außenstelle Aurich/Emden, die sich mit Gudrun Haber vorstellte, übernahm das Gespräch, stellte Fragen und machte konkrete Vorschläge.

»Ich werde so schnell als möglich zu ihnen kommen, ich muss versuchen morgen früh einen Platz auf der Schnellfähre zu buchen. Ich habe ja ihre Nummer. Ich rufe sofort zurück, wenn ich die Daten habe und gebe ihnen Bescheid.«

Dann überzeugte sie Heike davon, sofort zu einem Arzt zu gehen. Es gibt zwar keine Rechtsmedizinische Untersuchung auf Juist, aber jeder Arzt könne die Spuren einer Vergewaltigung feststellen und sichern.

Nach dem Telefonat raffte sich Heike auf, suchte im Internet nach der Adresse eines Juister Arztes und ging zu der gefundenen Praxis. Die Arzthelferin hörte sich kurz Helgas Problem an und sorgte dann dafür, dass sie sofort ins Sprechzimmer des Arztes kam.

Der Arzt stellte dann tatsächlich Hämatome an den Oberschenkeln und im Genitalbereich fest. Der Doktor fotografierte alles und gab ihr die Bilder gleich mit. Leider, so erklärte er ihr, lassen sich die Spuren der KO-Tropfen im Blut nicht mehr feststellen. Nach acht bis zehn Stunden könne man da nichts mehr finden.

»Die Polizei muss von dem Geschehen verständigt werden. Soll ich direkt anrufen?«, fragte der Doktor.

»Nicht nötig, ich will das in jedem Fall der Polizei melden. Morgen kommt eine Frau vom Weißen Ring hier her, die will mich zur Polizei begleiten. Auf jeden Fall zeige ich das an.«

Heike hatte inzwischen ihre Sicherheit fast wieder zurückgewonnen. Der Arzt erklärte ihr noch, wie sie von ihrer Pension den Weg zur Polizei finden könne. Bei der Verabschiedung nahm er Heike in den Arm und drückte sie fest an sich. Heike spürte seine Wärme und verstand, dass er sie trösten wollte. Es tat ihr sehr gut.

»Sie tun mir unendlich leid, ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Freitag, 3. Juli, vormittags

Am nächsten Morgen kam Gudrun Haber, die Mitarbeiterin des Weißen Rings, mit der Schnellfähre in Juist an. Sie trafen sich in Heikes Pension und unterhielten sich über das Geschehen. Gudrun Haber sichtete die Dokumentation des Arztes und beide gingen danach gemeinsam zur Polizeistation in der Carl-Stegmann-Straße.

Oberkommissar Hanke Hinrich, Mitarbeiter der Polizei Juist, war derzeit allein aktiv, denn der Leiter der Station wurde zu einer Weiterbildung bei der Polizeidirektion Osnabrück abberufen und würde erst am Anfang der kommenden Woche zurück sein.

Hanke nahm die Anzeige auf und bat Heike um eine Beschreibung des Täters.

»Er ist etwas größer als ich, schlank und hat dunkelblonde Haare.«

»Dunkelblond?«

»Blond oder dunkelblond, so ungefähr jedenfalls.«

»Und die Kleidung? Was hatte er an?«, Hanke ließ nicht locker.

»Der hatte ein blaues Shirt, so ein T-Shirt an und eine helle, kurze Hose.«

»Erinnern sie sich an den Namen des Mannes?«

»Er hat sich mit Burkhard vorgestellt und sein Familienname…«, sie überlegte, »Haller oder Maller, glaube ich, oder so ähnlich.«

»Schulklasse und Lehrer haben sie gesagt. Wissen sie, woher die Schule kam oder eventuell den Namen der Schule?«

»Wenn ich mich richtig erinnere, dann hat er was von einer Gesamtschule, in der Nähe von Köln gesagt und der Ort, mmmh, der Ort war Brühl.«

»Augenblick«, Hanke griff zum Telefon und wählte die Kurverwaltung in Juist an. Er kannte die Dame dort sehr gut und sagte: »Moin, hallo Erika, hier ist Hanke, Erika, du musst mir helfen. Wir suchen einen Juist-Touristen mit Namen Haller oder Maller oder ähnlich, der Vorname ist Burkhard. Bitte schau doch mal, ob der bei euch registriert ist.«

»Moment«, sagt die Frau und suchte im Computer. Dann hörte Hanke sie sagen: »Diesen Namen haben wir nicht registriert, den kann ich nicht finden.«

»Kannst du feststellen, ob sich hier eine Schulklasse aus Brühl, NRW aufhält?«

»Ich suche«, und nach kurzer Zeit, »sorry, nein, wir haben in unseren Ferienheimen und in der Jugendherberge zurzeit nur drei Schulklassen, aber keine kommt aus NRW.«

Hanke bedankt sich und meinte: »Da hat der Täter ihnen offensichtlich Mist erzählt, die Angaben, die sie machten, treffen auf keinen Gast hier auf Juist zu, die Daten sind nicht registriert. Wir müssen anderweitig recherchieren.«

Häufiger hatte Heike gelesen oder gehört, dass die Opfer einer Vergewaltigung bei der Polizei kein leichtes Spiel haben. Da Vergewaltigungen nur schwer beweisbar sind, kann das oftmals zu einer Tortur werden. Die Anwesenheit des Weißen Rings in Person von Gudrun Haber hatte zur Folge, dass Heike das Gefühl bekam, sehr ernst genommen zu werden. Ihre Aussagen führten zu einer Anzeige gegen Unbekannt wegen Vergewaltigung.

Heike schlug der Frau Haber vor, noch eine Tasse Tee zu trinken und ging mit ihr danach in das Lütje Teehuus. Sie saßen im Freien, die Sonne schien durch die Bäume des Janusparks auf ihren Tisch. Frau Haber kam der Heike zuvor und lud sie zu einem Tee und frisch gebackenen Waffeln mit heißen Kirschen und Vanilleeis ein.

»Es riecht hier so markant. Etwas säuerlich, aber auch frisch und fruchtig. Wonach riecht das, wissen sie das?«, wollte Frau Haber wissen.

Heike schnupperte und nickte dann und sagte: »Ich glaube, das ist Sanddorn. Der wächst hier überall auf der Insel.«

Der Duft aus dem Park, in dem das Lütje Teehuus lag, wirkte sehr angenehm und die Wärme der Sonne verbreitete ein positives Gefühl. Heike fühlte sich besser und war froh über die Hilfe, die ihr zuteilwurde. Eine Kellnerin servierte ihnen den Tee, blieb stehen und schaute Heike längere Zeit an. Dann drehte sie sich wieder um und ging. Heike demonstrierte, wie man in Ostfriesland das Teetrinken zelebriert und beide Frauen erfreuten sich an den Wölkchen, die in der Tasse aufstiegen. Plötzlich kam die Kellnerin zurück und ging direkt auf Helga zu.

»Entschuldigen sie bitte, mein Name ist Karin Watzke. Kann es sein, dass wir, mein Freund und ich sie vorgestern im Krullerkopp gesehen haben?«

Heike schaute die Kellnerin erstaunt an und fragte etwas zögerlich: »Ja, da war ich. Wie kommen sie darauf? Was haben sie denn gesehen?«

»Wir, also mein Freund und ich hatten den Eindruck, dass sie sich nicht wohlgefühlt haben. Ist alles wieder ok bei Ihnen?«

Heike hörte zu und erfuhr, dass der Freund von Karin beobachtete, dass man ihr etwas in den Drink geschüttet hatte.

»Wir sind hinter ihnen aus dem Krullerkopp raus und haben sie gesucht, aber nicht mehr gefunden.«

Gudrun Haber und Heike erbaten sich die Personalien und klärten, dass sie die Daten der Zeugen der Polizei weitergeben würden. Sie bedankten sich bei Karin Watzke und verließen dann das Teehaus. Auf dem Weg zur Schnellfähre gingen sie noch einmal bei der Polizeistation vorbei und hinterließen die Personalien der Zeugen als Ergänzung zu der gemachten Anzeige.

Der Polizist fragte, ob er den Rolf Siemann jetzt erreichen könne.

Heike war etwas irritiert und antwortete: »Das weiß ich doch nicht, warum fragen sie mich?«

»Sie haben recht, ich habe ja die Kontaktdaten. Ich kann ihn natürlich anrufen oder bei der Adresse nachfragen, die sie mir gegeben haben. Vielen Dank noch einmal.«

Als die Frauen gegangen waren, versuchte Hanke den Rolf Siemann auf der angegebenen Handynummer zu erreichen. Vergeblich. Er probierte es dann unter der Nummer von Karin Watzke. Von ihr erfuhr er, dass sie nicht wisse, wo Rolf zurzeit wäre. Da gibt es noch eine Menge Punkte zu klären, dachte Hanke.

Freitag, 3. Juli, vormittags

Für Rolf Siemann war es schon die zweite Saison, in der er als Rettungsschwimmer von Mai bis Oktober auf der Insel Juist arbeitete. Sein Einsatzort war der Badestrand in Loog und die Gemeinde- und Kurverwaltung hatte ihn daher auch in Loog in einer Personalunterkunft untergebracht. Das war sehr praktisch, denn es war nur eine kurze Strecke, die er bis zum Einsatzort am Strand zurückzulegen hatte. Da er pro Woche nur etwas mehr als 30 Stunden Dienst hatte, nutzte er die Freizeit auch gerne. Entweder chillte er am Strand, oder er fuhr mit seinem Fahrrad ins Dorf. Hier war wenigstens etwas mehr los als in dem kleinen, verschlafenen Loog.

In seiner ersten Saison hatte er Karin Watzke kennengelernt, die in Juist als Servicekraft im Lütjen Teehuus arbeitete. Sie hatten sich ineinander verliebt, sahen sich aber meistens nur zwei- oder dreimal in der Woche. Da Karin ihre Arbeitszeit in der Gastronomie nicht hundertprozentig planen konnte, trafen sie sich immer erst nach ihrem Dienstschluss im Dorf, gingen noch etwas trinken und übernachteten dann bei Karin.

An zwei Tagen pro Woche hatte Karin frei und die verbrachte sie meist gemeinsam mit Rolf. Bei schönem Wetter war der Strand angesagt oder sie gingen auf der Insel spazieren. Das entsprach allerdings nicht unbedingt dem, was Rolf lieber machte. Er hätte am liebsten die Spaziergänge ausgelassen und stattdessen in Karins Zimmer mit ihr gekuschelt. Diese Augenblicke fanden, nach seiner Meinung, viel zu selten statt.

Rolf Siemann hatte für sich eine Wattführung gebucht. Das hatte er schon im vergangenen Jahr machen wollen, doch bisher fehlte ihm die Zeit dazu. Er wartete in der Carl-Stegmann-Straße, vor dem Gebäude des Nationalpark-Hauses in Juist auf den Start. Es waren offensichtlich nicht zu viele Teilnehmer, denn er hatte gezählt und kam auf elf. Eigentlich hatte er mit einer sehr viel größeren Gruppe gerechnet. Der Wattführer, ein junger Mann, kam aus dem Haus und stellte sich mit Hannes vor. Er verkündete, dass sie noch auf eine kleine Gruppe, einen Lehrer, mit seiner Schulklasse warten würden. Kaum hatte er ausgesprochen, kam ein Mann, offensichtlich der Lehrer, mit sechs Schülern um die Ecke.

Er entschuldigte sich bei Hannes: »Von meinen 16 Schülern, die mit hier auf Juist sind, wollten nur diese sechs zur Wattführung mitkommen. Der Rest hat es vorgezogen, bei dem schönen Wetter lieber an den Strand zu gehen und zu schwimmen.«

Rolf überlegte einen Moment, denn dieser Lehrer kam ihm irgendwie bekannt vor. Aber dann verdrängte er den Gedanken, da ihm nichts weiter dazu einfiel. Die Gruppe marschierte los und folgte Hannes, dem Wattführer. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er glaubte, ihn erkannt zu haben und überlegte, ist das nicht der Kerl, der dem Mädel etwas in den Drink geschüttet hat? Der Typ aus dem Krullerkopp?

Als sie mitten im Watt standen und sich der Lehrer etwas abseits von seinen Schülern aufhielt, schlich Rolf an ihn heran und flüsterte, denn es sollte ja von keinem gehört werden.

»Ich kenne sie, ich habe sie am mittwochabends im Krullerkopp gesehen.«

Der Lehrer versuchte seinen Schreck zu verbergen und zögerte etwas.

»So? Krullerkopp? Was soll das sein?«, fragt er zurück.

Rolf wurde mutiger: »Das wissen sie ganz genau, sie haben sogar dasselbe Hemd an, wie an dem Abend.«

»Was wollen Sie?«, herrschte ihn der Mann an.

»Ich habe gesehen, wie sie der Frau etwas in den Drink gekippt haben. Das waren KO-Tropfen, denn der Frau ging es hinterher sehr dreckig.«

»Das geht sie überhaupt nichts an, hauen sie bloß ab.«

Der Lehrer entfernte sich und stellte sich zu seinen Schülern. Nach einiger Zeit, Hannes erzählte gerade etwas von den Sandpierwürmern, kam der Lehrer plötzlich auf Rolf zu. Er hatte sich offensichtlich wieder gefangen und sprach jetzt ebenfalls im Flüsterton.

»Wir sollten mal miteinander reden, aber nicht hier.«

Rolf stimmte zu und nickte.

»Haben sie morgen Abend Zeit?«, fragte der Lehrer.

Rolf zögerte.

Der Lehrer setzt nach: »Sie sollten ja sagen und kommen. Es wäre kein Nachteil für sie.«

»Ok«, stimmte Rolf jetzt zu, »ich habe morgen Zeit, ich kann kommen. Wann und wo wollen wir uns treffen?«

Der Lehrer überlegt einen Augenblick und sagt dann leise: »Ich muss mich abends erst um meine Schüler kümmern. Ich könnte sie um 22:00 Uhr treffen. Kennen sie die Domäne Loog?«

»Ja, kenne ich«, flüstert Rolf zurück, »da war ich schon mal. Ok, ich komme, morgen Abend um zehn Uhr.«

»Wir treffen uns am Eingang, ok?« Der Lehrer ging wieder zurück zu seiner Schülergruppe.

Bis zum Ende der Wattführung dachte Rolf über das Gespräch nach. Sie sollten ja sagen und kommen, es wäre kein Nachteil für sie, hatte der Kerl gesagt.

Was meinte er damit? Will er mir Geld anbieten, Schweigegeld? Wenn er mir nichts anbietet, werde ich von ihm etwas verlangen. 10.000 oder evtl. 20.000 Euro?

Rolf grübelte, denn mit Erpressungen hatte er zu wenig Erfahrungen, von zwei, drei Geschichten einmal abgesehen.

Samstag, 4. Juli, vormittags

Heute Morgen erfuhr Karin, als sie ihren Dienst im Lütje Teehuus antreten wollte, dass sie sich für den Tag freinehmen solle, denn sie würde in der nächsten Woche zusätzlich einen weiteren Dienst übernehmen müssen. Für Karin war das völlig ok und sie beschloss, ihren Freund zu überraschen.

Sie stieg auf ihr Fahrrad und fuhr in Richtung Loog. Der Wind kam aus Richtung Ost, blies ihr also in den Rücken und beflügelte ihre Fahrt. Die Strecke von knapp drei Kilometern hatte sie in sieben Minuten bewältigt. Am Strandaufgang stellte sie ihr Fahrrad ab und ging hinauf. An der Aussichtsplattform 'Dree Water Utkiek' machte sie halt und genoss den Blick zum Wattenmeer, zum Hammersee und zur Nordsee. Hier oben, an einem der höchsten Punkte in den Dünen, hatte sie schon oft gestanden. Sie wusste, wenn sie unten, direkt an der Brandung stünde, könnte sie die Gischt im Gesicht spüren. Hier oben war es das Salz auf den Lippen. Egal wo du dich auf der Insel aufhältst, du nimmst die Nordsee immer mit deinen Sinnen wahr, wenn du darauf achtest. Sie genoss die Aussicht, die Atmosphäre, das Feeling und gleichzeitig versuchte sie ihren Freund zu entdecken, der jetzt eigentlich als Rettungsschwimmer Dienst haben müsste. Da sie ihn nicht erkennen konnte, vermutete sie, dass er im Rettungsturm am Badestrand sitzen würde. Sie marschierte los und ging, als sie den Strand erreichte, direkt auf den Turm zu.

»Hallo Rolf!«, sie rief sehr laut von unten, damit sie auch verstanden würde.

Die Tür zum Wachturm öffnete sich und Ole, ein Kollege von Rolf sagte zu ihr: »Rolf ist nicht da, außer mir ist nur noch Stefan hier. Rolf hat erst mittags seinen Dienst.«

»Ist er noch in seiner Wohnung?«, fragte sie zurück.

»Ich glaube nicht, vorhin sah ich ihn da hinten, hinter den Strandkörben.«

Karin versuchte erneut ihren Freund zu sehen und stapfte durch den Sand in die angegebene Richtung. Hinter den Strandkörben lag ein Pärchen auf einem großen Badetuch. Die wasserstoffblondierte Frau trug einen sehr knappen Bikini. Die beiden hielten sich eng umschlungen und küssten sich leidenschaftlich. Erst jetzt erkannte Karin ihren Freund. Rolf ging offensichtlich fremd. Sie war total entsetzt und wusste nicht genau, wie sie sich verhalten sollte. Noch nie vorher hatte jemand sie dermaßen auf das Ende ihrer Seele getreten. Sie fing an zu weinen und machte dadurch das knutschende Pärchen auf sich aufmerksam.

Rolf setzte sich auf und rief: »Karin, es ist nicht so, wie du denkst!«

»Was denke ich denn?«, schluchzte sie.

Rolf sprang auf, nahm Karin in den Arm und versuchte sie zu trösten. In diesem Augenblick erhob sich auch die Blondine, raffte das Badetuch zusammen und schrie Rolf an, der daraufhin zusammenzuckte.

»Du bist ein riesengroßes Arschloch!« Schrie sie und rannte mit ihren Utensilien am Strand entlang.

Karin löste sich gewaltsam aus den Armen von Rolf, drehte sich herum und ging schnellen Schrittes in Richtung Strandaufgang. Rolf lief ihr hinterher und fühlte sich ziemlich mies. Er wollte Karin auf keinen Fall verlieren.

»Bitte bleib stehen.«

Karin lief weiter, ohne auch nur eine Reaktion zu zeigen. Rolf lief schneller, holte Karin und hielt sie am Arm fest. Sie riss sich wieder los und sagte leise: »Lass mich in Ruhe!«

»Bitte bleib stehen, ich will mit dir reden!«

»Du willst reden? Aber ich nicht.« Ihre Stimme klang kraftlos und enttäuscht.

Rolf blieb stehen und sah zu, wie Karin den Strandaufgang hinunterlief, sich auf ihr Fahrrad schwang und in Richtung Dorf davonfuhr.

Samstag, 4. Juli, gegen Mittag

Am Nachmittag hatte sich Rolf eine Strategie überlegt und fuhr auf seinem Fahrrad nach Juist, um mit Karin zu reden. Während der Fahrt gingen ihm tausende Gedanken durch den Kopf. Ihm war sehr bewusst, dass er Mist gebaut hatte und bereute seinen Fehler sehr. Er war sich sicher, dass er gemeinsam mit Karin eine vernünftige Lösung finden würde. Auf jeden Fall würde er sich bei Karin für sein Verhalten entschuldigen. Vor dem Haus, in dem Karin wohnte, stellte er sein Fahrrad ab und ging hinein. An ihrer Zimmertür blieb er stehen und klopfte.

Es dauerte einen Moment, bis Schritte hinter der Tür zu vernehmen waren. Die Tür wurde einen Spalt breit geöffnet und hinter einer Sicherungskette schaute Karin hervor und fragte: »Was willst du? Geh bitte.«

»Ich möchte mich bei dir entschuldigen, ich habe Scheiße gebaut. Es tut mir wirklich leid. Ich liebe dich doch, nur dich.«

Die Tür zur Nachbarwohnung ging auf und ein Mann schaute heraus.

»Moment«, Karin schloss die Tür, entfernte die Sicherheitskette und ließ anschließend Rolf hinein.

Rolf wollte Karin in den Arm nehmen, doch sie stieß ihn weg.

»Wenn du mich wirklich lieben würdest, hättest du nicht mit der anderen geknutscht. Wahrscheinlich warst du mit ihr auch schon in der Kiste. Stimmts?«

Rolf nickte und stammelte: »Aber nur einmal. Ich liebe dich und nicht sie, da war bei mir nur die Lust auf Sex. Wirklich. Nicht mehr. Ich liebe nur dich, Karin.«

Er versuchte sie erneut in den Arm zu nehmen, aber sie stieß ihn weg und schrie ihn an.

»Du bist so ein dummes Schwein! Ich habe mir geschworen, wenn du mich bescheißt, dann ist es aus, für immer aus.«

»Es war doch wirklich nur dieses eine Mal. Ich habe dich noch nie betrogen, seit wir uns kennen und zusammen sind. Fast schon anderthalb Jahre. Bitte verzeih mir.«

Karin schwieg ein paar Minuten, bevor sie antwortete: »Lass mich nachdenken.«

Karin konnte sich nicht mehr zurückhalten, es platzte aus ihr heraus und sie schrie ihn an: »Du bist ein Scheißkerl. Hast du nichts anderes im Kopf als Sex, denkst du wirklich nur ans Vögeln? Ich bin total enttäuscht, ich bin wütend auf dich. Du bist wirklich ein Riesenarschloch. Hau bloß ab!«

In diesem Augenblick donnerte jemand an die Tür. Karin öffnete und sah ihren Wohnungsnachbarn, der erbost losbrüllte: »Ihr asoziales Pack, das kann doch nicht wahr sein, müsst ihr hier so herumschreien. Ich brauche meine Ruhe, ich muss schlafen. Ihr dämlichen Schreier, haltet endlich eure Klappe!«

Der Nachbar schrie dabei mindestens doppelt so laut, wie Karin zuvor, dann drehte er sich herum und verschwand. Karin schmiss die Tür mit lautem Knall zu und sprach leiser, aber konsequent: »Bitte geh jetzt endlich.«

Rolf hatte sich das Gespräch mit Karin völlig anders vorgestellt und ein anderes Ergebnis erwartet, fügte sich und murmelte beim Verlassen des Zimmers: »Ich liebe dich, Karin.«

Karin verschloss die Tür hinter ihm, warf sich aufs Bett und heulte ihre ganze Enttäuschung aus sich heraus. In ihrem Kopf schwirrten diffuse Gedanken herum. Gedanken zwischen Liebe zu Rolf, bitterer Enttäuschung, Wut und Rache.

Rolf fuhr zurück nach Loog. Er war stinksauer. Einerseits auf sich selbst, denn er wusste, wenn man fremdgeht, darf man sich nicht erwischen lassen. Aber so richtig wütend war er auf Karin, denn die hatte nicht verstanden, dass so ein One-Night-Stand ja wohl kein Problem sein sollte. Na gut, mit Eva hatte er schon häufiger gepoppt, denn die war im Bett schon gut, aber mehr sollte es nicht sein. Mit Karin hingegen, mit der konnte er sich schon mehr vorstellen. Er hatte sich früher schon ausgemalt, dass die Beziehung lange dauern könnte. Karin hatte Stil, mit der konnte man sich super unterhalten. Karin war eben eine clevere Frau. Eva war eher etwas einfacher gestrickt. Wie heißt es so schön, dumm fickt gut. Schade, dass Karin offensichtlich nicht begreifen wollte, dass ein richtiger Mann eigentlich gar nicht treu sein konnte. Männer sind von der Natur dafür geschaffen, ihre Gene zu verbreiten und mit einer Frau alleine, ist das ja gar nicht möglich. So hatte sich Rolf eine Welt in seinem Hirn gestrickt, in der er sich wiederfand und ihn von jeglicher Schuld befreite. Vor dem Haus, in dem er wohnte, schloss er gerade sein Fahrrad ab, als die wasserstoffblondierte junge Frau plötzlich vor ihm auftauchte.

»Eva, schön, dass du hier bist. Komm, wir gehen rein.«

Doch Eva machte keinerlei Anstalten, ihm zu folgen. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und brüllte los: »Du verdammter Drecksack. Du erzählst mir was von Liebe? Du willst ständig Sex von mir und hast dabei eine Andere. Ich habe die Schnauze voll von solchen Kerlen, wie du einer bist. Könnt ihr blöden Typen eigentlich immer nur das Eine? Nämlich eure Frauen verarschen und bescheißen? Ich hasse dich, du blödes Arschloch. Komm mir nicht noch einmal unter die Augen, sonst passiert noch ein Unglück! Ich könnte dich umbringen!«

Eva drohte ihm deutlich und ihr rechter Arm fuchtelte vor seinem Gesicht herum.

Im Hause öffnete sich oben ein Dachfenster und eine Frauenstimme keifte: »Was ist das für ein verdammter Lärm da unten? Ihr seid wohl nicht ganz gescheit. Hört auf mit dem Rumgebrülle, sonst komme ich runter!«

Rolf erkannte unschwer Frau Husmann, seine Vermieterin. Er musste an die Situation von vorhin in Karins Wohnung denken, wo auch ein Nachbar sich einschaltete. Er fand die Duplizität der Ereignisse irgendwie komisch. ‚Comedy‘, dachte er.

»Entschuldigung!« Rolf rief zum Dach hinauf und zu Eva gewandt etwas leiser: »Komm bitte mit rein, dann können wir in Ruhe reden.«

Doch Eva schüttelte den Kopf und brüllte erneut voller Zorn.

»Mit dir reden? Kein Wort rede ich mehr mit dir. Und in deinem Zimmer? Ich weiß genau, was du willst. Du willst nur wieder Bumsen. Am liebsten würde ich dich umbringen, du Arschloch!«

»Ich habe jedes Wort gehört, du alte Zicke, hau bloß ab, sonst komme ich runter!«, drohte Frau Husmann erneut.

Die Blonde schaute Rolf an und er konnte den Hass in ihren Augen erkennen. Es lief ihm eiskalt über den Rücken.

Eva drehte sich um und verschwand, ohne ihm noch einmal in die Augen zu sehen. Sie ging einfach weg. Rolf schaute ihr nach und sah noch, wie Eva um die nächste Hausecke bog. Jetzt bin ich beide Weiber los, ging es Rolf durch den Kopf. Das war ein richtiger Scheißtag.

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Дата выхода на Литрес:
10 ноября 2024
Объем:
170 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783754949436
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Правообладатель:
Bookwire
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