Читать книгу: «Politisches Storytelling»
Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Michael Müller
Politisches Storytelling.
Wie Politik aus Geschichten gemacht wird
Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses, 2
Köln: Halem, 2020
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
http://www.halem-verlag.de
© Copyright Herbert von Halem Verlag 2020
| Print: | ISBN 978-3-86962-499-0 |
| E-Book (PDF): | ISBN 978-3-86962-500-3 |
| E-Book (EPUb): | ISBN 978-3-86962-501-0 |
ISSN 2699-5832
UMSCHLAGGESTALTUNG: Claudia Ott, Düsseldorf
UMSCHLAGFOTO: picture alliance / Reuters / Tobias Schwarz
LEKTORAT: Rüdiger Steiner
SATZ: Herbert von Halem Verlag
DRUCK: FINIDR, S.R.O., Tschechische Republik
Copyright Lexicon © 1992 by The Enschedé Font Foundery.
Lexicon ® is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundery.
Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses
Michael Müller
Politisches Storytelling
Wie Politik aus Geschichten gemacht wird

Die Reihe Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses
Warum ist der Lager übergreifende öffentlich-demokratische Diskurs gefährdet, ja geradezu ›kaputt‹? Weshalb ist der öffentliche Wettbewerb auf dem Marktplatz der Ideen ins Stocken geraten? Und welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und Algorithmen, aber auch Bildung und Erziehung sowie eskalierende Shitstorms und – auf der Gegenseite – Schweigespiralen bis hin zu Sprech- und Denkverboten?
Die Reihe Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses stellt diese Fragen, denn wir brauchen Beiträge und Theorien des gelingenden oder misslingenden Diskurses, die auch in Form von ›Pro & Contra‹ als konkurrierende Theoriealternativen präsentiert werden können. Zugleich gilt es, an der Kommunikationspraxis zu feilen – und an konkreten empirischen Beispielen zu belegen, dass und weshalb durch gezielte Desinformation ein ›Realitätsvakuum‹ und statt eines zielführenden Diskurses eine von Fake News und Emotionen getragene ›Diskurssimulation‹ entstehen kann. Ferner gilt es, Erklärungen dafür zu finden, warum es heute auch unter Bedingungen von Presse- und Meinungsfreiheit möglich ist, dass täglich regierungsoffiziell desinformiert wird und sich letztlich in der politischen Arena kaum noch ein faktenbasierter und ›rationaler‹ Interessensausgleich herbeiführen lässt. Auf solche Fragen Antworten zu suchen, ist Ziel unserer Buchreihe.
Diese Reihe wird herausgegeben von Stephan Russ-Mohl, emeritierter Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano/Schweiz und Gründer des European Journalism Observatory.
»In einer narrativen Gesellschaft, so meine Hoffnung, ließen sich quantitative Kriterien weniger leicht als qualitative verkaufen.«
Jonas Lüscher,
Ins Erzählen flüchten, 2020: 63
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG: GESCHICHTEN? WELCHE GESCHICHTEN?
Warum man über Storys sprechen muss, wenn man über Politik spricht
Geschichten, Erzählungen, Narrative: Eine kurze Klärung der Begriffe
KAPITEL 1 DIE WELT IST ALLES, WAS ERZÄHLT WIRD: WIE DER SINN IN DIE GESELLSCHAFT KOMMT
Die großen und die kleinen Erzählungen
Erzählt wird, was Sinn macht
Narrative Gebiete von Gesellschaften
Geschichten und Zeit: Geschichten machen Geschichte
Die Gegenwart und ihre Vergangenheit
Die Gegenwart und ihre Zukunft
Wenn Zukunfts-Narrative fehlen …
Varianten der Pro- und Contra-Geschichten
KAPITEL 2 IM MASCHINENRAUM: DIE MECHANIK DES POLITISCHEN STORYTELLING
Geschichten und Frames
Stellschrauben des politischen Storytelling
Wer erzählt wie wovon?
KAPITEL 3 WURZELWERKE: DER NARRATIVE HUMUS DES POLITISCHEN STORYTELLING
Die großen Erzählungen: Gesellschaftliche Meta-Narrative
Beispiele gesellschaftlicher Meta-Narrative
Beispiele für aktuelle Meta-Narrative
Der Resonanzraum politischer Geschichten
KAPITEL 4 FAKE STORYS UND WAHRE GESCHICHTEN: DIE VERANTWORTUNG DES POLITISCHEN STORYTELLING
Fakten und Geschichten
Fakes und Facts: Was sind wahre Geschichten?
Zehn Postulate für ein verantwortungsvolles politisches Storytelling
KAPITEL 5 NARRATIVE KOMPETENZ UND POLITISCHES HANDELN
Narrative Intelligenz und narrative Dummheit
Kleiner Werkzeugkoffer für narrative politische Arbeit
ANMERKUNGEN
LITERATUR
EINLEITUNG:
GESCHICHTEN? WELCHE GESCHICHTEN?
Warum man über Storys sprechen muss,
wenn man über Politik spricht
Geschichten, Erzählungen, Storys und Narrative sind in gesellschaftlichen oder politischen Diskursen, Diskussionen und Prozessen allgegenwärtig, ob auf der Oberfläche sichtbar oder auf den ersten Blick unsichtbar in den Strukturen. Wenn man sich, so meine These, mit Politik und gesellschaftlicher Meinungsbildung beschäftigen will, dann muss man sich auch mit Storytelling beschäftigen – sonst kann man einen wesentlichen Teil der Diskurse und Prozesse nicht verstehen.
Ich weiß: Viele Menschen haben eine emotional-wertende Haltung zu diesen Begriffen, seit Wörter wie ›Storytelling‹ oder ›Narrativ‹ Modebegriffe (›Buzzwords‹) geworden sind – eine Haltung mit positiver oder negativer Ausprägung, je nach den Bedeutungsinhalten, die man mit ihnen verbindet. Der Begriff ›Storytelling‹ hat vor allem im Unternehmens- und Marketing-Kontext Karriere gemacht, der des ›Narrativs‹ im Feuilleton und in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Die Ablehnung dieser Begriffe bezieht sich allein auf die Häufigkeit, mit der man diesen Begriffen begegnet; nicht selten hört man in den entsprechenden Kontexten den Seufzer »Ich kann’s nicht mehr hören! Alles ist heute Storytelling / alles sind auf einmal Narrative!« Der sich darin ausdrückende Überdruss ist natürlich auch einem inflationären und häufig nicht sehr reflektierten Gebrauch dieser Begriffe geschuldet.
Gerade im Unternehmenskontext, in dem ich unter anderem als Berater unterwegs bin, höre ich oft die abenteuerlichsten ›Definitionen‹ von ›Storytelling‹: Da sind dann emotionale Kommunikation, der Gebrauch von Metaphern oder ein Interview schon Storytelling. Man benutzt den schicken Begriff, um die eigene Kommunikation aufzuhübschen. Eine wirkliche Geschichte, die aus einem Anfang, einer Mitte, in der eine Veränderung geschieht und einem Ende besteht (wie schon Aristoteles wusste), ist da häufig nicht zu finden. Ähnlich im Feuilleton: Wenn zum Beispiel vom »Narrativ der Abstimmung« auf einem Parteitag geschrieben wird, dann ist beim besten Willen nicht zu sehen, wo da der aristotelische Dreiklang verborgen sein soll.
Aber: Auch scheinbar noch so berechtigter Überdruss sollte uns nicht davon abhalten, uns mit Geschichten und Narrativen zu beschäftigen. Der Grund ist einfach: Sie sind »immer und überall«, wie man frei nach dem bekannten Songtext der »Ersten Allgemeinen Verunsicherung« sagen könnte.
Über diesen einfachen Überdruss hinaus gibt es in unserer Kultur aber auch ein tiefer sitzendes Misstrauen gegen das Erzählen. Wieder einmal deutlich wurde dies im Dezember 2018 im Zuge des Relotius-Skandals. Dabei wurde aufgedeckt, dass Claas Relotius, ein mit Preisen überhäufter junger Reporter, der unter anderem für den Spiegel schrieb, sehr viele seiner Reportagen in Details oder zur Gänze gefälscht hatte. In die Aufarbeitung dieses Skandals mischten sich auch Stimmen, die dem Erzählen – für das Genre der Reportage ja fundamental – eine Mitschuld an den Fälschungen gab. So schrieb etwa die taz: »An Journalistenschulen lernt der Nachwuchs, dass Reportagen beim Leser ›Kino im Kopf‹ erzeugen sollen, dass ein guter Text starke ›Protagonisten‹ braucht und einen ›Konflikt‹, dass die ›Dramaturgie‹ des Textes wichtig ist. Man lernt, die Texte nicht Artikel zu nennen, sondern ›Geschichten‹. Journalistenschüler belegen ›Storytelling‹-Seminare, als schrieben sie für Netflix.«1 Ähnlich kritische Haltungen gegenüber einer zu starken Betonung des Erzählerischen im Journalismus wurde in vielen Medien geäußert; die Storytelling-Beraterin Petra Sammer hat auf der Online-Plattform LinkedIn eine kritische Zusammenfassung dieser Stimmen geschrieben.2
In bestimmten Kontexten – etwa im Journalismus oder auch in der Politik – ist offenbar das Geschichtenerzählen in Verruf geraten. Hinter vielen Reaktionen auf den Relotius-Skandal steht implizit die Forderung, das Erzählen solle zurückkehren zu den ihm angestammten Bereichen der Literatur, des Films und anderer Fiktionen, und es sei aus Bereichen, die es mit ›Wahrheit‹ und Argumenten zu tun haben, zu verbannen. Zu gefährlich scheint das Erzählen als eine Form, in der sich Wahrheit und Fiktion auf undurchschaubare Weise mischen und die einen dramaturgischen Schleier vor die argumentative Auseinandersetzung mit der Realität hängt. Der angestammte Bereich des Erzählens, so legen diese Haltungen nahe, sei die Unterhaltung im weitesten Sinne: Film, Roman, Kunst, etc. Wenn es ernst wird – in der Politik, in der Wirtschaft – habe das Erzählen allenfalls als ausschmückender Schnörkel seine Rechte, aber sonst gehe es eben um harte Fakten und sachliche Argumente.
Doch ganz so einfach ist es mit dem Erzählen nicht. Narrative Strukturen liegen sehr vielen Diskursen zugrunde, Narrative stecken, sichtbar oder verborgen, in zahlreichen Kommunikationen im Alltag und in den Medien. Narrative Strukturen bestimmen unser Denken sehr viel stärker, als die meisten von uns ahnen. Wir sind in gewisser Weise tatsächlich »Storytelling Animals«, wie es der amerikanische Autor Jonathan Gottschall behauptet (GOTTSCHALL 2012). Die narrative Psychologie, eine in den 1980er-Jahren entstandene, ständig an Gewicht gewinnende Forschungsrichtung, beschäftigt sich mit dieser fundamentalen Bedeutung, die Geschichten und narrative Strukturen für uns Menschen haben (vgl. z.B. BRUNER 1986; SARBIN 1986; LÁSZLÓ 2008), in den letzten beiden Jahrzehnten sekundiert von der Gehirnforschung (z.B. ROTH 2003). Die Art und Weise, wie wir Kausalitäten herstellen, Erlebnissen und Ereignissen einen Bedeutungsrahmen und damit Sinn geben, ist die der narrativen Strukturen, Geschichten, Erzählungen. Allein schon deshalb kann sich Politik nicht darum drücken, sich mit Storytelling zu beschäftigen. Und Storytelling zu betreiben, wenn sie die Menschen wirklich erreichen will.
Aber was bedeutet ›Storytelling‹ im politischen Bereich? Sieht man sich, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einmal an, wie der Begriff ›politisches Storytelling‹ in Alltag und Medien verwendet wird, kristallisieren sich folgende drei Bedeutungen heraus:
•Politisches Storytelling als ein rein unterhaltendes Element, um damit Reden mit Anekdoten und launigen Schnurren zu würzen und unterhaltsamer zu machen. Politisches Überzeugen aber, so die Perspektive dieser Haltung, geschehe ›natürlich‹ immer noch mit Argumenten.
•Politisches Storytelling als ein rhetorisches Stilmittel, mit dessen Hilfe politische Programme und Argumente besser an die Frau / den Mann gebracht werden können. Diese Bedeutung ist, dank der Popularisierung des »Buzzwords« Storytelling, zurzeit die wohl am meisten verbreitete: Politiker, die von der Kraft des Erzählens gehört haben, hoffen, es genüge eine gute Geschichte, um Menschen dazu zu bringen, auf den Wahlzetteln das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen. »Narration als Gleitmittel für trockene Zahlen«, wie es der Schriftsteller und Philosoph Jonas Lüscher ausdrückt (LÜSCHER 2020: 66).
•Politisches Storytelling als strategische Maßnahme, bei der ein bestimmter Strauß von Geschichten oder Geschichten-Formen geschnürt wird, der eine politische Haltung ausdrücken soll. In diesem Sinn wird der Begriff nicht selten von Agenturen verwendet, die Politiker oder Parteien im Wahlkampf unterstützen.
Natürlich drücken all diese Bedeutungen Qualitäten von Geschichten und Erzählen aus. Und doch greifen sie, isoliert betrachtet, zu kurz: Wer glaubt, es genüge, politische Argumente in eine schöne Geschichte zu verpacken, um die Herzen und Hirne der Menschen zu erreichen, wird schnell frustriert sein. Denn das Erzählen als Weise der Welt- und Sinnerzeugung steht in vielerlei Interdependenzen und Zusammenhängen, die es zu berücksichtigen gilt. Und dazu kommt natürlich, wie an der Diskussion der Relotius-Affäre deutlich wurde, auch noch eine ethische Komponente, ohne die schnell ›Fake Storys‹ oder stark manipulative Geschichten Terrain gewinnen.
Neben diesen gängigen Begriffen von Storytelling will sich dieses Buch jedoch mit weiteren Formen des politischen Storytelling, oder besser gesagt, mit der narrativen Ebene in der Politik beschäftigen, eben weil die gängigen Begriffe zu kurz greifen. Politische Geschichten funktionieren nämlich dann gut, wenn sie Narrative benutzen, die in der Gesellschaft entweder seit langem verwurzelt oder gerade im Trend sind. Ein Beispiel: Die antiislamischen Geschichten der Rechtspopulisten finden auch deshalb viel Anklang, weil sie an das alte europäische Trauma-Narrativ ›Die Türken vor Wien‹ anspielen. Und die Grünen stehen jetzt, da ich dies im Frühjahr 2020 schreibe, auch deshalb relativ hoch in der Wählergunst, weil sie – zumindest bis zur Corona-Krise – vom Trendnarrativ ›Fridays for Future / Klimaschutz‹ profitieren. Das heißt, es kommt nicht nur darauf an, welche Geschichten man als Politiker oder als Partei erzählt, sondern vor allem auch darauf, wie resonant die eigenen Geschichten – und die anderen Inhalte, die man kommuniziert, – in der Gesellschaft sind. Und um diesen Resonanzboden oder Humus kennenzulernen, muss man Zuhören lernen. Die drei oben genannten Begriffe von ›politischem Storytelling‹ greifen nämlich auch deshalb zu kurz, weil sie nur auf das ›Telling‹ starren. Das ›Listening‹ ist die zweite, wichtigere Seite der Medaille: Wer erfolgreich mit Geschichten und Narrativen in politischen und gesellschaftlichen Kontexten arbeiten will, muss sich die Zeit nehmen, den Geschichten und Narrativen zuzuhören, die in unserer Gesellschaft von Gruppen und Indivduen erzählt werden.
Die meisten Politiker glauben an Argumente und Fakten. Sie denken in guter aufklärerischer Tradition, dass man Menschen überzeugen kann, indem man ihnen die besseren Fakten präsentiert und auf deren Basis gut argumentiert. Das mag in Einzelfällen auch klappen, aber nicht in der Masse. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert haben wir uns angewöhnt, unsere Vernunft heillos zu überschätzen. Wir haben seit Adam Smith immer wieder versucht, zu glauben, dass unsere Märkte und damit unsere gesamte Ökonomie über den rationalen Austausch von Informationen funktioniert, auch wenn die Wirklichkeit Gegenbeispiele am laufenden Band liefert: von der Tulpenspekulation in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts bis zur Bankenkrise 2008, wo eher Emotionen und Affekte – Angst, Gier, Selbstüberschätzung – das Zepter führten, und nicht die Vernunft. Die Protagonisten dieser Beispiele verhielten sich eben nicht ›vernünftig‹ im klassischen Sinn, sondern agierten und agieren innerhalb bestimmter Narrative, etwa dem Narrativ vom unendlichen Wachstum, dem Narrrativ der eigenen Grandiosität (›Masters of the Universe‹), dem Narrativ der Belohnung von Leistung (Meritokratie-Mythos) etc. Auch in der Politik erreichen Argumente vielleicht einzelne Menschen – aber große Massen erreicht man mit Narrativen und Geschichten, die auf Resonanz stoßen. Übrigens liegt dahinter keine Unterscheidung nach Bildungsgraden, getreu dem Motto: Die tumbe Masse weiß es nicht besser, aber die Gebildeten erreicht man mit Argumenten. Wir Menschen sind ›Storytelling Animals‹ und wir denken in weiten Bereichen in narrativen Strukturen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch diejenigen, die Argumente verstehen und akzeptieren, dies im Wesentlichen tun, weil diese Argumente ein bevorzugtes Narrativ, eine Lieblingsgeschichte füttern. Wer grundsätzlich eher rückwärtsgewandten Narrativen anhängt (früher war alles besser), dem werden Argumente und Fakten, die zu belegen scheinen, dass Computernutzung Menschen dumm macht, eher einleuchten als Menschen, die einem technikoptimistischen Zukunfts-Narrativ glauben. Und Menschen, deren zentrales Narrativ ein umwelt-apokalyptisches Untergangsszenario ist, werden Fakten und Zahlen, die das Fortschreiten der Umweltzerstörung belegen, eher glauben als Argumenten, warum die Umwelt in Wahrheit gar nicht bedroht sei. Und umgekehrt. Das heißt: Mit Fakten und Argumenten erreicht man in der Regel diejenigen, die sich davon erreichen lassen wollen (oder können; denn manche Narrative sind auch Gefängnisse, in die man heillos verstrickt sein kann).
Nichts liegt mir ferner, als anti-aufklärerisch zu argumentieren. Die Entdeckung der Vernunft im 18. Jahrhundert und der Versuch, viele Lebensbereiche (auch) rational zu verhandeln, inklusive der Entstehung der modernen Wissenschaft, ist unschätzbar. Aber wir – die westliche Kultur – waren so froh über die Entdeckung der Vernunft, dass wir sie eben maßlos überschätzten. Nicht nur, aber auch und vor allem sichtbar wird diese Überschätzung in der Politik. Als in Deutschland ab 2015 rechtspopulistische Strömungen immer stärker wurden, war die Verwunderung vieler Politiker und Journalisten über die Tatsache groß, dass Anhänger von Bewegungen wie ›Pegida‹ und Parteien wie der AFD ganz offenbar Argumenten nicht zugänglich waren: Wenn man einem Pegida-Anhänger in Dresden vorrechnete, dass in seiner Stadt nur sehr wenige islamische Ausländer lebten, dort also von einer ›Islamisierung des Abendlandes‹ keine Rede sein konnte, führte dieses Argument in der Regel zu keinerlei Einsicht; die Islamisierung komme schon noch, in anderen Teilen Deutschlands sei sie schon viel weiter etc. In einer Dokumentation der Panorama-Redaktion des ZDF kann man diese ›Vernunft-Verweigerung‹ anschaulich miterleben.3 Das ist wie in dem alten Witz: Vier Männer sitzen am Stammtisch, trinken, schweigen. Nach längerer Zeit sagt der Erste: »Was stinkt denn da so?« Schweigen. Dann sagt der Zweite: »Das sind die Hunde.« Wieder Schweigen. Der Dritte schaut unter den Tisch: »Sind gar keine da!«. Wieder Stille, worauf der Vierte sagt: »Die werden schon noch kommen!«
Wenn man davon überzeugt ist, in einer Welt zu leben, in der Argumente und Fakten regieren, bleibt einem vieles unerklärlich. »Jetzt habe ich es schon tausend Mal erklärt, aber die kapieren es immer noch nicht!« Diesen Stoßseufzer vieler Lehrer kennen wohl auch zumindest diejenigen Politiker sehr gut, die an der Basis und ›vor Ort‹ unterwegs sind. Und sowohl die Lehrer als auch die Politiker (und auch viele Journalisten) erklären es dann noch einmal, und noch einmal, und versuchen immer wieder, mit Argumenten ihre Gegenüber von der Unvernunft ihrer Haltung zu überzeugen. ›Immer mehr vom Gleichen‹ heißt diese Strategie, die eine der erfolglosesten überhaupt ist und nur von jemandem gewählt werden kann, dessen Weltsicht keinen Ausweg erlaubt: Entweder man überzeugt rein rational oder gar nicht. Die tiefsitzende Überzeugung, dass ernstzunehmende Politik mit Vernunft und Argumenten gemacht werde, verhindert die Suche nach anderen Lösungen. Denn vielleicht könnte man es ja einmal mit einem neuen Narrativ oder mit einer Geschichte probieren?
Doch wie oben schon angeklungen ist, hat das Erzählen einen zweifelhaften Ruf. Oder besser gesagt: zweierlei Ruf. In Literatur und Film ist »Storytelling« zurzeit eher gut angesehen, nach den großen Zweifeln zwischen den 1970er- und den 1990er-Jahren, in denen im Literaturdiskurs oft sogar ein ›Ende des Erzählens‹ ausgerufen wurde. Die meisten jüngeren Romanautoren würden sich heute ohne große Hemmungen als Erzähler bezeichnen, während andere – wie zum Beispiel Lukas Bärfuss, dessen Ausruf »Hört auf mit euren Geschichten!« Jonas Lüscher kritisch in seinen Poetikvorlesungen zitiert (LÜSCHER 2020: 18) – immer noch ein gutes Stück Skepsis gegen das Erzählen kultivieren. Im Journalismus hat der Ruf des Erzählens, der auch hier in den letzten 10 bis 20 Jahren in Blüte stand, mit dem erwähnten Relotius-Sandal im Dezember 2018 einen Dämpfer erhalten. In Marketing und PR erlebt das Storytelling einen Boom, in den sich jedoch auch kritische Stimmen mischen: Wenn alle auf Teufel komm raus ihre Geschichten erzählen, ist Storytelling dann noch geeignet, einen Unterschied im Krieg um die Aufmerksamkeit zu machen? Über diese Formen eines reinen ›Storytelling‹ hinaus werden narrative Ansätze in der Medizin, in Psychotherapie und Coaching, in der Ökonomie, in der Organisationstheorie, in der gesellschaftlichen und politischen Diskursanalyse entdeckt. Die Aufmerksamkeit für das Erzählen, die Geschichten und die Narrative und was man damit alles machen kann, ist also in den letzten Jahren stark gestiegen – mit positiven wie negativen Ausprägungen. Die positiven Annahmen zum Erzählen berufen sich, wie erwähnt, auf neuere Erkenntnisse von Hirnforschung und narrativer Psychologie, die negativen neben dem ebenfalls erwähnten Überdruss vor der Ubiquität der ›Buzzwords‹ vor allem auf den Verdacht, Geschichten seien manipulativ, bzw. mit Geschichten könne man besonders gut manipulieren. Gerade an diesem Manipulationsverdacht machen sich wohl vor allem auch die Bewertungen von ›Storytelling‹ im politischen Raum fest: Einerseits das Unbehagen, sich des Verdachts der Manipulation ausgesetzt zu sehen, andererseits jedoch auch die Einsicht in die Notwendigkeit der Manipulation – wenn man diesen Begriff einmal als wertfrei betrachtet, als ein Mittel, Realitätskonzepte so zu konstruieren, dass sie Menschen anspricht. Ich werde in diesem Buch auch darauf eingehen, was ›Manipulation‹ im Zusammenhang mit dem Erzählen bedeuten kann. Nur soviel vorab: Die Vorstellung von einer Kommunikation, die absichtslos nur von ›Wahrheiten‹ handelt, ist pure Fiktion. Es gibt keine kontextlose Wahrheit, Annahmen über die Realität sind immer die einer bestimmten Person, einer bestimmten Gruppe. Eine Geschichte zu erzählen bedeutet daher immer, sie aus einer bestimmten Perspektive zu erzählen. Wenn mir das als Rezipient bewusst ist, habe ich Distanz zwischen die Geschichte und mich gelegt und bin weniger manipulierbar (wenn man Manipulation einmal so versteht, dass jemand unbemerkt zu einem Handeln gebracht wird, das er von sich aus so nicht ausführen würde).
Geschichten, Storys, Narrative – ich werde auf die unterschiedlichen Bedeutungen dieser Begriffe noch eingehen –, sind ein wesentlicher, unverzichtbarer Bestandteil menschlicher Gesellschaften, und zwar jeder menschlichen Gesellschaft, ob in der Antike oder heute – auch wenn es uns oft so vorkommt, als ob erst unsere ›Mediengesellschaft‹ nach Geschichten verrückt sei. Natürlich wurde immer erzählt: Klischeehaft denken wir an die Lagerfeuer der Höhlenbewohner oder an die bäuerlichen Kachelöfen an langen Winterabenden. Über dieses unterhaltende oder belehrende Erzählen hinaus bilden aber Geschichten, narrative Strukturen, auch eine wesentliche Klammer, die Gesellschaften, Gruppen, Völker oder Kulturen zusammenhalten. Mythische oder religiöse Erzählungen über die Entstehung der Welt, der eigenen Gruppe oder der Regeln, nach denen wir leben, definieren Gesellschaften oder Gruppen: Woher kommen ›wir, die Griechen‹ (im Gegensatz zu den Barbaren) warum sind wir das auserwählte Volk, wie eint uns der Glaube an einen Gott und die Geschichten, die sich um ihn ranken, oder wie entstand die Demokratie und mit der Aufklärung das Wertesystem, dem wir uns als kultureller ›Westen‹ verpflichtet fühlen? All dies beruht auf Geschichten, Erzählungen, Narrativen, die eine Gruppe oder Gesellschaft teilt und über die sie sich definiert. Dabei gibt es eher inkludierende narrative Systeme, die relativ offen sind für Menschen, die Teil davon werden wollen, und eher exkludierende, die eine starke Grenze etablieren und damit die meisten Menschen ausschließen. Das klassische Narrativ der USA als Einwanderungsland, in dem jeder sein Glück suchen kann, ist ein inkludierendes, das Trump in ein exkludierendes zu verwandeln sucht. Viele Religionen sind einerseits inkludierende Story-Welten, wenn es um die Missionierung ›heidnischer‹ Völker geht, und zugleich exkludierende, wenn es gilt, Häretiker, Abweichler, Regelbrecher im Inneren auszuschließen (historisch häufig final). Und es gibt eher offene gesellschafts-konstituierende Story-Welten und eher geschlossene. Offene narrative Systeme sind solche, die nur wenige Basis-Narrative oder Geschichten voraussetzen, um Gemeinsamkeit zu schaffen und ansonsten ganze Bündel inkludierender Sinn-Narrative zulassen, solange sie nur mit dem Basis-Narrativ kompatibel sind. Geschlossene Story-Welten dagegen sind solche, die den Glauben oder zumindest die Akzeptanz eines ganz genau festgelegten Geschichten-Systems voraussetzen, um Zugehörigkeit zu definieren. Das ›christliche Abendland‹ des Mittelalters war ganz klar ein geschlossenes narratives System (man musste genau die Geschichten (und ›Wahrheiten‹), die in der Bibel standen, für zutreffend (oder tatsächlich geschehen) halten, und zwar alle, und nur sie. Unsere Gesellschaft ist eher offen, ›offiziell‹ gibt es nur wenige grundlegende Werte, Auffassungen und Narrative, deren Akzeptanz tatsächlich vorausgesetzt wird, etwa die Menschenrechte, das Grundgesetz und die Tradition eines aufklärerischen Liberalismus (ich meine hier explizit nicht den Wirtschaftsliberalismus!). Von konservativer und vor allem von rechtspopulistischer Seite wird in den letzten Jahren verstärkt diskutiert, wie offen wir eigentlich sein wollen: Fragen wie die, ob der Islam zu Deutschland gehört, schließen potenziell nicht nur Menschen islamischen Glaubens aus, sondern implizieren – in der Aktivierung des alten europäischen Narrativs vom Kampf des Islam gegen das Christentum –, dass das Christentum dagegen zu Deutschland gehört, und letztlich eine Inklusionsvoraussetzung ist. Auch Begriffe wie die des »Biodeutschen« (Biofranzosen, Biopolens, etc.) implizieren, dass Dazugehören über ein historisches Narrativ der Abstammung definiert sei. Dies ist übrigens ein besonders exkludierendes Narrativ, da es für nicht Dazugehörende niemals einholbar ist: Eine deutsche Abstammungsreihe kann ich, anders als eine Religionszugehörigkeit, als Neubürger niemals erreichen.
Politisches Storytelling in einem weiten Sinn bedeutet also auch die Erkenntnis, dass Geschichten, Narrative immer schon da sind: Unsere Welt, unsere Gesellschaft ist alles, was erzählt wird. Es sind die Narrative und Geschichten, in die wir hineingeboren, mit denen wir aufgewachsen sind, die wir selbst erlebt oder über die Medien rezipiert und die wir vielleicht auch ein wenig selbst mitgestaltet haben. Und die unsere Gesellschaft, ihre Überzeugungen und Werte, ihre Sinnangebote und Zukunftsvorstellungen ganz wesentlich definieren. Wir sind In Geschichten verstrickt, wie es der Philosoph Wilhelm Schapp in seinem Buchtitel (SCHAPP 42004) formulierte.
Politische Willens- und Meinungsbildung und gesellschaftliche Diskurse spielen auf dieser Klaviatur der Geschichten, Narrative und Meta-Narrative, ob sie wollen oder nicht, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Wesentlicher Teil jedes politischen Handelns ist der Umgang mit Geschichten und Narrativen. Auch wer glaubt, man könne rein mit Argumenten Gesellschaft verändern oder politische Willensbildung betreiben, arbeitet in Wirklichkeit auf dem Humus der Narrative und vielleicht lässt er mit seinen Argumenten eine Saite mitklingen, die die Melodie eines alten Narrativs oder eines, das gerade im Trend ist, spielen kann. Man kann all die Geschichten, in die wir verstrickt sind, wahrzunehmen und zu analysieren versuchen oder man kann sie ignorieren – da sind sie allemal.
Das Misstrauen oder die Reserviertheit gegenüber Geschichten rührt meiner Einsicht nach hauptsächlich daher, weil in unserer Gesellschaft ›narrative Kompetenz‹ unterrepräsentiert ist, auch bei Journalisten, vor allem aber bei Politikern und anderen gesellschaftlichen Gruppen, die relevante Diskurse mittragen. Unter ›narrativer Kompetenz‹ verstehe ich nicht so sehr die Fähigkeit, Geschichten erzählen zu können, sondern zu wissen, welche Funktionen Geschichten und Narrative in gesellschaftlichen Diskursen übernehmen, wie Sinn und Werte auch und vor allem durch Narrative etabliert und kommuniziert werden und was die Stellschrauben sind, an denen an Geschichten gedreht werden kann, um, positiv ausgedrückt, politische Meinungsbildung zu betreiben, oder negativ formuliert, zu manipulieren. Denn wie ich noch ausführen werde, benutzen beide Handlungsweisen die gleichen Werkzeuge. Entscheidend ist jedoch, mit welcher ethischen Haltung das geschieht. Meine Plädoyers für Schritte in Richtung der Rettung des politischen Diskurses – unter diesem Titel erscheint ja diese Buchreihe – sind daher folgende:
•Wir müssen uns klar machen, dass gesellschaftliche Diskurse, politische Meinungs- und Willensbildung, politische und gesellschaftliche Sinn- und Wertestiftung stark über Geschichten, Erzählungen und Narrative geschehen – ob uns das bewusst ist oder nicht, ob uns das passt oder nicht.
•Ähnlich wie wir wissen, dass und wie Fotos in der digitalen Welt bearbeitet, manipuliert und mit neuen Bedeutungsakzenten versehen werden können, muss uns auch bewusst werden, welchen Status Geschichten und Narrative bezüglich der Realität haben und in welcher Weise diesbezüglich Akzente gesetzt bzw. manipuliert werden können. Kurz: Es geht auch darum, zu erkennen, was die Stellschrauben beim politischen Storytelling sind.
•Auf der Basis einer solchen Kompetenz lohnt es sich dann, sich Gedanken über eine Ethik des politischen Storytelling zu machen. Denn Fake News stehen ja selten als bloße Fakten im Raum, sondern sind eingebettet in Geschichten und Narrative.
•Und schließlich geht es mir um ein Plädoyer dafür, dass die grundlegende Arbeit einer politischen Bewegung, Partei oder Gruppierung darin besteht, einen Weg in die Zukunft zu öffnen, was bedeutet, anschlussfähige Sinn-Narrative anzubieten. Wenn die politischen Parteien und Bewegungen der Mitte solche sinnstiftenden Zukunfts-Narrative nicht anzubieten wissen – und die meisten der etablierten Parteien in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, tun dies zurzeit nicht – füllen rechtspopulistische Bewegungen mit ihren rückwärtsgewandten Narrativen das Vakuum.
Dieses Buch will dazu beitragen, über diese Zusammenhänge mehr Klarheit zu schaffen. Und es will natürlich auch Politiker und alle politisch Denkenden und Handelnden dazu anzuregen, die Ebene der Geschichten einer Gesellschaft wahrzunehmen und mit ihr zu arbeiten.
Geschichten, Erzählungen, Narrative:
Eine kurze Klärung der Begriffe
Ich habe bisher die Begriffe ›Geschichte‹, ›Erzählung‹ oder ›Narrativ‹ gewissermaßen ›naiv‹ gebraucht, sie also nicht erklärt, sondern mich darauf verlassen, dass die Leserinnen und Leser ein Vorverständnis haben, was damit gemeint sei. Vermutlich hat dies ganz gut funktioniert, vielleicht am wenigsten gut bei dem Begriff ›Narrativ‹, der am seltensten in der Alltagssprache vorkommt. Aber vielleicht haben wir auch nur gemeint, dass wir alle dasselbe darunter verstehen, und in Wirklichkeit versteht – zumindest in Nuancen – jeder von uns etwas anderes darunter. Allerdings wäre dies wohl der Normalfall bei abstrakten Begriffen.
Hier also eine Klärung dieser Begriffe, deren genaue Bedeutung häufig im Ungefähren bleibt – auch in den Medien. Der Begriff des ›Narrativs‹ ist so ein Begriff. Nun kann eine gewisse Randunschärfe natürlich durchaus auch produktiv sein, weil durch die so entstehende Offenheit unterschiedliche Dinge darunter subsumiert werden und Diskurse in neue, bisher nicht vorgesehene Richtungen entwickelt werden können. Voraussetzung für eine kreative Randunschärfe ist allerdings eine Kernprägnanz eines Begriffs, die ein gemeinsames Basisverständnis garantiert. Um eine solche Kernprägnanz geht es mir, wenn ich hier ganz kurz und (hoffentlich) ohne langweilige technische Details die Begriffe ›Narrativität‹, ›Narrativ‹, ›Geschichte‹, ›Erzählung‹ und ›Aktanten‹ erläutere, die in diesem Buch immer wieder vorkommen (vgl. dazu auch MÜLLER 2019).
Abb 1: Die narrative Grundstruktur

Narrativität besitzt ein Kommunikationsakt, wenn er diejenigen Merkmale aufweist, die schon Aristoteles in seiner Poetik formuliert hat: einen Anfang, eine Mitte und ein Ende (vgl. ARISTOTELES 1982: 25). Ein wenig genauer könnte man es folgendermaßen definieren: Narrativität liegt dann vor, wenn ein Kommunikationsakt
•ein Geschehen mit einem zeitlichen Ablauf abbildet;
•ein Ausgangszustand, (mindestens) ein Ereignis und ein Endzustand geschildert werden und
•das Ereignis eine Veränderung auslöst, die einen Unterschied zwischen Endzustand und Ausgangszustand herstellt.
Die drei Sätze »Peter ist einsam und unglücklich. Peter verliebt sich in Marie. Peter und Marie sind ein glückliches Paar.« geben eine basale narrative Struktur wieder, die Satzfolge verfügt also über Narrativität. Narrative, Geschichten und Erzählungen haben gemeinsam, dass sie über Narrativität verfügen, also eine narrative Struktur haben. Mit dieser Definition, die natürlich einerseits auf Aristoteles, andererseits aber auf den amerikanischen Literaturwissenschaftler Gerald Prince (vgl. PRINCE 1973) zurückgeht, kann man narrative Äußerungen von anderen klar unterscheiden – auch wenn im Alltag oder in den Medien alles Mögliche als ›Geschichte‹ bzw. als ›Storytelling‹ bezeichnet wird: JournalistInnen sprechen von ›ihrer Story‹, auch wenn sie in Wirklichkeit ›Thema‹ meinen, häufig wird die bloße Emotionalität von Inhalten als ›Storytelling‹ bezeichnet. Oder die Verwendung von Metaphern oder – wie bei Instagram-Storys – das Abbilden eines alltäglichen Vorgangs in einem Video. All das ist kein Storytelling, kein Erzählen. Was dabei entsteht, sind keine Geschichten – auch wenn die Kommunikationsakte ansonsten noch so interessant sein mögen.
Ein Narrativ ist eine direkt (explizit) oder indirekt (implizit) geäußerte oder von Äußerungen ableitbare narrative Struktur. Das klingt komplizierter, als es ist. Ein Beispiel, auf das ich später noch ausführlich eingehen werde, ist das Leistungs-Narrativ, das in unserer Gesellschaft und in politischen Diskursen fast allgegenwärtig ist. Viele in unserem Land sind zutiefst davon überzeugt, dass wir in einer sogenannten ›Meritokratie‹ leben, dass also Leistung, Anstrengungen und Bemühen notwendig sind und in aller Regel zu Erfolg und gesellschaftlichem Aufstieg führen. Dahinter steckt eine narrative Struktur: »X ist nicht wohlhabend / gesellschaftlich nicht anerkannt. X bringt große Leistung. X ist wohlhabend und gesellschaftlich gut situiert.« Dies ist das Leistungs-Narrativ, das durch zahlreiche Einzelgeschichten (Erfolgsgeschichten) von Individuen immer wieder erzählt und damit scheinbar bestätigt wird. Viele empirische Untersuchungen kommen dagegen zu dem Ergebnis, dass Erfolg in unserer Gesellschaft eher der Herkunft, einer dieser entsprechenden Bildung, Netzwerken oder schlicht dem Zufall zuzuschreiben ist. Leistung sei allenfalls einer der Faktoren, aber keine notwendige Prämisse für Erfolg.
Solche Narrative definieren die Glaubenssätze und Grundüberzeugungen einer Kultur, einer Gesellschaft; sie drücken unsere Erklärungen aus, wie etwas wird, woher etwas kommt und wie Dinge zusammenhängen. Narrative sind wesentliche Muster, mit denen wir uns unsere (tatsächlichen oder vermeintlichen) Erfahrungen erklären (vgl. BRUNER 1986: 13).
Auch der Begriff des ›Narrativs‹ ist wie der des Storytelling in den letzten Jahren etwas inflationär benutzt worden, dennoch ist er ein sinnvoller und sehr nützlicher Begriff: Es sind narrative Strukturen, die unserem Denken und den »großen Erzählungen« (LYOTARD 72012), den Sinnmustern unserer Gesellschaft, zugrunde liegen. Narrative können in einzelnen Geschichten erzählt werden – wie zum Beispiel die vielen Erfolgsgeschichten, die das Leistungs-Narrativ belegen sollen –, aber sie können auch durch einzelne Behauptungen und Parolen gewissermaßen ›getriggert‹ werden. Der alte CDU-Slogan aus der Bundestagswahl 1982 ›Leistung muss sich wieder lohnen‹ ist so eine Behauptung, die das Leistungs-Narrativ ›triggert‹. Der Slogan äußert mit dem ›wieder‹ auch noch die Behauptung, der im Leistungs-Narrativ kodierte Anspruch sei vorübergehend verloren gegangen.
Eine Geschichte ist eine konkrete Abfolge von Begebenheiten, die einer narrativen Struktur folgt. Zum ›Unglückliche-Liebe-Narrativ‹ (»X und Y sind verliebt. Umstände verhindern, dass die beiden zusammenkommen. X und Y bleiben unglücklich oder sind am Ende gar tot.« gibt es zahlreiche Geschichten, die dieses in konkreten Abläufen realisieren. Die Geschichte von Romeo und Julia ist eine davon. Eine Geschichte erzählt also immer entlang einer narrative Struktur die konkreten Erlebnisse konkreter Figuren.
Eine Erzählung ist die Realisierung einer Geschichte in einem konkreten Kommunikationsakt: Ich erzähle jemandem die Geschichte von Romeo und Julia, Shakespeare schreibt diese Geschichte in einer bestimmten Form auf, in einem Theater wird das Stück aufgeführt etc.
Storytelling schließlich ist ein häufig unscharf gebrauchter Begriff, der im Grunde synonym mit ›Erzählung‹ ist. Häufig wird er aber auch für das ganze Feld des Narrativen gebraucht. Politisches Storytelling ist somit der Gebrauch narrativer Ansätze im politisch-gesellschaftlichen Bereich.
Übertragen auf den politischen Kontext: Ein rechtspopulistisches Narrativ wäre das von der Islamisierung des Abendlandes. Eine Geschichte könnte sein, dass in einer bestimmten Kleinstadt zu einem bestimmten Zeitpunkt 200 vornehmlich aus islamischen Ländern stammende Flüchtlinge einquartiert wurden, und wie die Einheimischen darauf reagierten (im Deutschland der letzten Jahre ja meist ungnädig). Und eine konkrete Erzählung dieser Geschichte könnte man bei einem Wahlkampfauftritt eines rechtspopulistischen Politikers miterleben, der natürlich bestimmte Aspekte dieser Geschichte, die in sein ideologisches System passen, kräftig ausschmückt.
Ein Problem im Kontext dieses Beispiels ist, dass gesellschaftliche Narrative die dahinterliegenden Denk- und Handlungsmuster durch das häufige Erzählen von entsprechenden Geschichten scheinbar immer wieder belegen und verstärken. Angenommen, in einer bestimmten Gruppe herrscht das Narrativ vor, dass die meisten männlichen Flüchtlinge gefährliche »Messermänner« (um das Unwort von Alice Weidel zu zitieren) seien, die nur darauf warten, jemanden (bevorzugt »Biodeutsche«) niederzustechen. Das Narrativ könnte dann so aussehen: »Merkel hat die Grenzen geöffnet. Dann kamen lauter gefährliche Messermänner ins Land. Jetzt ist die Gefahr für die einheimische Bevölkerung sehr groß.« Mit jeder Erzählung einer (realen oder erfundenen) Geschichte einer Gewalttat eines Flüchtlings bekommt dieses Narrativ neue Nahrung. Und ein weiteres Problem ist, dass offenbar ›Counter-Storys‹, also die Erzählung von Geschichten von positiven Integrationserlebnissen mit Geflüchteten, nicht die gewünschte Wirkung erbringen. Die Einzelgeschichten werden zwar als Belege für das ›Messermänner‹-Narrativ angeführt, aber die Menschen denken nicht wie ein empirischer Forscher: Es gibt so und so viele Belege, daher schließen wir auf ein Theorem (in diesem Fall in Form eines Narrativs). Es läuft eher umgekehrt: Die Menschen wollen an ein Narrativ glauben und suchen dann nach Belegen. Das ist auch einer der Gründe, warum Menschen mit einer bestimmten Überzeugung (zum Beispiel einer fremdenfeindlichen) nicht auf positive Beispiele und Argumente reagieren.
Schließlich brauchen wir, um die Topografie des Erzählens zu vervollständigen, noch die Aktanten einer Geschichte. Den Begriff hat der französische Literaturwissenschaftler A. J. Greimas 1971 geprägt, um gewissermaßen das »Kraftfeld« ursprünglich mythologischer bzw. märchenhafter Erzählungen beschreiben zu können. Die Aktanten einer Geschichte definieren gewissermaßen eine Landkarte der Bedeutungen einer Geschichte.
Abb. 2: Die Aktanten einer Geschichte
Die Aktanten einer Geschichte sind:
•Das Subjekt, bzw. der Protagonist oder die Heldin einer Geschichte. Jede Geschichte ist die Geschichte von jemandem bzw. über jemanden, jede Geschichte hat eine Hauptfigur. Das kann natürlich – gerade im politischen Bereich – auch eine Gruppe sein (die Arbeiter, das Kapital, die SPD).
•Das Objekt ist das Ziel oder das Wunschobjekt, das die Protagonistin der Geschichte erreichen möchte. Greimas spricht vom »Begehren« (GREIMAS 1971: 165), das der Antrieb jeder Geschichte ist. In jeder Geschichte geht es letztlich um das Ziel, das Wunschobjekt, das die Protagonistin erreichen möchte: den geliebten Partner gewinnen, den Schatz finden, Macht erlangen, sich aus einer schwierigen Lage befreien etc. Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Hauptfigur und ihrem Wunsch ist das Rückgrat jeder Geschichte und jedes Narrativs.
•Der Sender oder Auftraggeber ist diejenige Instanz in der Geschichte, die den Protagonisten gewissermaßen ›losschickt‹, um sein Ziel zu erreichen. Das kann natürlich die Protagonistin selbst sein (wie z.B. in einer Unternehmensgründerinnen-Geschichte) oder eine Person oder eine Institution. Der Auftraggeber der Bundeskanzlerin ist das Parlament und letztlich der Souverän, also das deutsche Volk. Auftraggeber kann aber auch ein zeitlicher Umstand sein: eine Pandemie – wie Covid 19 – bricht aus und die Regierung muss darauf reagieren.
•Der Empfänger oder Nutznießer ist diejenige Instanz, die davon profitiert, wenn die Protagonistin ihr Wunschobjekt gewinnt. Das kann wiederum die Hauptfigur selbst sein (wie in einer Liebes- oder Schatzsuchergeschichte); Nutznießer einer klugen Klimapolitik wäre einerseits die Umwelt, andererseits aber und vor allem die gesamte Menschheit, deren Überleben gesichert wäre.
•Der Adjuvant oder Helfer unterstützt die Hauptfigur auf dem Weg zu ihrem Ziel. Dieser Aktant kann ebenfalls wieder mit einer Person (Dr. Watson in den Sherlock-Holmes-Geschichten) oder mit einer Institution (der Europäische Gerichtshof) oder mit einem zeitlichen Umstand (die anziehende Konjunktur) besetzt sein.
•Ähnliches gilt für den Opponenten oder Gegenspieler: Dieser Aktant kann von einem Bösewicht (Professor Moriarty, um bei Sherlock Holmes zu bleiben), einer Institution (zum Beispiel dem ›Islamischen Staat‹) oder einem Umstand (eine Dürreperiode) besetzt sein.
Verändert man einen dieser Aktanten, verändert man die Geschichte und ihre Bedeutung. Erzählt man beispielsweise die Geschichte einer Person so, dass es ihr Wunsch ist, die Welt zu einem besseren Ort zu machen oder so, dass ihr Ziel die eigene Bereicherung ist?
KAPITEL 1 DIE WELT IST ALLES, WAS ERZÄHLT WIRD: WIE DER SINN IN DIE GESELLSCHAFT KOMMT
Die großen und die kleinen Erzählungen
In ähnlicher Weise, wie wir als Lebewesen in einer ›Biosphäre‹ leben – als dem Raum um die Erde, in der Leben möglich ist – könnten wir auf gesellschaftlich-politischer Ebene sagen, wir leben in einer ›Narratosphäre‹: Unsere soziale Welt ist ein Gespinst aus Erzählungen und Geschichten darüber, wer wir sind, woher wir kommen, wie wir geworden sind, was und wie wir heute sind, in welchen Bezugsgruppen (Familie, Religion, Ethnie, Staat) wir leben, wie diese geworden sind, was sie heute sind, und Geschichten darüber, wohin wir gehen wollen und was wir uns von der Zukunft erhoffen. All diese Geschichten (die wir explizit erzählen oder erzählt bekommen) und Narrative (die unseren Überzeugungen und Diskursen zugrunde liegen) zusammen erzeugen unsere soziale Welt, die Kultur, in der wir leben, die Grundannahmen über das, was ›bei uns‹ möglich und unmöglich, was wünschenswert oder abzulehnen ist. Diese Geschichten und Narrative bestimmen einen großen Teil dessen, was wir als unser ›Weltbild‹ bezeichnen könnten. Dass dahinter tatsächlich zum großen Teil Geschichten oder Narrative stecken, kann man sich leicht klarmachen, wenn man darüber nachdenkt, woher bestimmte Grundüberzeugungen und Identitätsmerkmale kommen, die wir als Gesellschaft oder Gruppe haben: Wenn wir unsere Identität im ›christlichen Abendland‹ finden, bauen wir auf den biblischen und allen anderen Geschichten rund um die christliche Religion auf; wenn die Aufklärung des 18. Jahrhunderts unser Referenzpunkt ist, beziehen wir uns auf die Narrative und Geschichten vom Sieg der Vernunft oder der Entstehung der Wissenschaft.
Die Tatsache, dass der ›Sinn‹ größerer Gemeinschaften narrativ konstruiert ist und Narrative fundamentale Voraussetzungen für das Funktionieren größerer sozialer Gruppen überhaupt ist, hat der israelische Historiker Juval Noah Harari in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit (HARARI 2013) herausgearbeitet: Kleinere soziale Gruppen, bis etwa 150 Mitglieder, sind auch nach den Erkenntnissen der Organisationspsychologie durch Alltagskommunikation, durch ›Klatsch und Tratsch‹ zu organisieren. Größere Gruppen brauchen ein gemeinsames Sinn-Narrativ, eine fiktionale Geschichte, die den gemeinsamen Sinn garantiert. Laut Harrari ist dies der Grund, warum der Homo sapiens als Spezies so erfolgreich war und so komplexe Kulturen und soziale Systeme wie etwa die frühen Stadtkulturen in Mesopotamien oder in China gründen konnte: »Nur der Mensch kann über etwas sprechen, das gar nicht existiert […]; mit der fiktiven Sprache können wir uns nicht nur Dinge ausmalen – wir können sie uns vor allem gemeinsam vorstellen. Wir können Mythen erfinden, wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel, die Traumzeit der Aborigines oder die nationalistischen Mythen der modernen Nationalstaaten. Diese […] Mythen verleihen dem Homo sapiens […] die Fähigkeit, flexibel und in großen Gruppen zusammenzuarbeiten.« (HARRARI 2013: 37). Dies entspricht auch den Erkenntnissen der narrativen Psychologie, die ebenfalls soziale oder nationale Identitäten über Narrative definiert (vgl. z.B. LÁSZLÓ 2008: 163ff.). Geschichten definieren nicht nur größere Gesellschaften und ihre Identitäten, sondern auch den Sinn, den sich Gesellschaften als Ganzes, Gruppen oder Individuen geben: Auch hinter scheinbar banalen Sinnstiftungen wie ›Ich will Millionär werden‹ (banal im inhaltlichen Anspruch, nicht bezüglich der Realisierung, wie die meisten von uns wissen) stecken Narrative. Das können Geschichten darüber sein, welche Möglichkeiten man als Millionär hat. Oder welche Macht. Vielleicht beruht der Wunsch, Millionär zu werden, sogar auf einem gesellschaftlichen Basis-Narrativ (wie in dem legendären amerikanischen Narrativ vom Tellerwäscher, der jederzeit Millionär werden kann).
Man kann sich vielleicht vorstellen, dass in kleineren vormodernen Gesellschaften diese identitätsstiftenden Sinn-Narrative eher einfach und einheitlich waren (obwohl der Blick in die Vergangenheit oft Dinge einfacher aussehen lässt, als sie es tatsächlich waren). Aber wenn man diesen vereinfachenden Blick über die europäische nach-antike Geschichte wandern lässt, kann man diese Geschichte (auch) als ein Anwachsen von Komplexität und Ausdifferenzierung von Sinn-Narrativen sehen: War im Mittelalter das gemeinsame Sinn-Narrativ ganz klar das christliche, differenzierte sich dieses mit der Reformation zumindest in zwei Varianten – die katholische und die protestantische. Im 17. Jahrhundert kam dann das Rationalismus-, im 18. das Aufklärungs-Narrativ als direkte Konkurrenz zumindest zu den orthodox-christlichen Narrativen hinzu. Spätestens seitdem haben Mitglieder der europäischen Gesellschaften immer mehrere Sinn-Narrative zur Verfügung, für die sie sich – je nach Ausprägung der jeweiligen Machtstrukturen – mehr oder weniger frei, mit mehr oder weniger Gefahr für das eigene Leben, entscheiden konnten: Das Erlösungs-Narrativ des Christentums oder das Selbst-Erlösungs-Narrativ der Aufklärung. Natürlich konnte sich auch ein Bewohner des Mittelalters gegen das christliche Narrativ entscheiden – eine Kommunikation dieser Entscheidung kam jedoch einem Suizid gleich.
Im 19. Jahrhundert entstanden dann patriotisch-nationalistische Narrative, die auch als Versuche gewertet werden können, innerhalb der nun als ›Nationalitäten‹ konzipierten Sprach- und Herrschaftsgemeinschaften wieder eine starkes gemeinsames Sinn-Narrativ zu schaffen. Konterkariert wurde dies jedoch von Anfang an von dem entstehenden anarchistisch-sozialistischen Narrativ, das immer internationalistisch war und Identitätsgrenzen zwischen sozialen Schichten und nicht ethnischen oder imperialen Gebilden zog. Unter dieser – zugegeben und naturgemäß stark vereinfachenden – Perspektive können die totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts – vom Stalinismus über den Nationalsozialismus bis hin zum real existierenden ›Kommunismus‹ (was auch immer das hier bedeuten soll) Chinas – als Versuche gesehen werden, mit Gewalt etwas herzustellen, was es eben seit dem 18. Jahrhundert gar nicht mehr geben kann: ein einfaches, allgemeines, alle gesellschaftlichen Gruppen einigendes Sinn- und Identitäts-Narrativ.
Die Epoche seit dem Zweiten Weltkrieg ist – zumindest außerhalb totalitärer Regimes, aber auch dort durch wachsende Dissidentengruppen – geprägt durch eine ständige Zunahme sinnstiftender Identitäts-Narrative, mit deren Hilfe sich zahlreiche Gruppen und ›Milieus‹ innerhalb der Gesellschaft definieren und ihre Sinnangebote ausdifferenzieren. Es scheint – so zumindest die gängige Gesellschaftsdiagnose – als ob sich die ›großen Erzählungen‹ auserzählt hätten, wie von Jean-François Lyotard beschrieben (LYOTARD 72012), und einer postmodern-beliebigen Menge von kleinen, individuellen Erzählungen Platz gemacht hätten, die jeder und jede sich nach eigenem Gusto erzählt. Das ist die zutreffende eine Seite unserer Gesellschaften: Es gibt eben zahlreiche Milieus, Lebensstile, ästhetische Modelle, Gruppen, Ideologien, deren ›Follower‹ jeweils sich auf andere Sinn-Narrative verständigen können: Konservative, Veganer, Technikgläubige, Umweltschützer, Astrologen, Rechte, Schamanen, Sozialisten, sich nach der Vergangenheit sehnende, Kunstjünger und so weiter bilden ein unentwirrbares Feld von narrativen Teil- und Schnittmengen (denn diese Narrative sind natürlich nicht trennscharf, sondern berühren und überschneiden sich auf vielfältige Weise). Die Vielfalt von gesellschaftlichen Narrativen ist einer der Gründe, warum politische Überzeugungsarbeit – ähnlich wie das Vermarkten von Produkten – so schwierig geworden ist: Es gibt eben nicht mehr nur einige wenige Narrative (das konservative, das sozialdemokratische, das liberale und das grüne), die durch die Programme von Parteien noch bis in die 1960er-Jahre abgebildet werden konnten, sondern unzählige Geschichten-Welten und narrative Konglomerate, die quer zu den klassischen Stammwählern der Parteien liegen. Und dennoch gibt es auch in unserer postmodern-vielfältigen Gesellschaft einige Basis- oder Meta-Narrative, die einen Großteil aller dieser vielen Sinn-Narrative beeinflussen und grundieren, wie etwa das Leistungs-Narrativ, das Entwicklungs- und Wachstums-Narrativ oder das kapitalistische Markt-Narrativ. Doch dazu später.
Erzählt wird, was Sinn macht
Grundsätzlich kann man sagen, dass die narrative Struktur die Form ist, wie wir Menschen Veränderungen und Entwicklungen denken, und wie wir damit Sinn in unserem Leben schöpfen, indem wir uns selbst (und anderen) erzählen, ›wie wir geworden sind, was wir heute sind‹. Mit solchen autobiografischen Erzählungen erklären wir, welchen Sinn unsere derzeitige Situation macht – oder inwiefern dieser Sinn fehlt, wenn wir zum Beispiel keine kausale Kohärenz der einzelnen ›Snapshots‹ unserer Erlebnisse und Erfahrungen herstellen können. Diese Bedeutung narrativer Strukturen für das Erleben von Sinn, Kohärenz und Identität hat die Psychologie in der Folge eines »narrative turn« seit den 1980er-Jahren begonnen, zu erforschen. »In Geschichten geht es nämlich immer darum, wie Protagonisten die Dinge interpretieren, was die Dinge für sie bedeuten.« (BRUNER 1997: 68; vgl. auch SARBIN 1986; LÁSZLÓ 2008).
Wir alle machen unseren Sinn meist selbst, im Kleinen wie im Großen. Und die Form, in der wir das tun, ist narrativ. Wenn wir irgendetwas Ungewöhnliches wahrnehmen, beginnen wir in der Regel unwillkürlich, zu rätseln, was wohl dahinterstecken mag. Ein Mann, der mir an einer Kreuzung entgegenkommt, hat Blutergüsse und Wunden im Gesicht. Was ist geschehen? Hatte er einen Autounfall? Oder war er in eine Schlägerei verwickelt? Ist er ein Mitglied der Unterwelt und in einen Machtkampf verschiedener Gangs geraten? Ja nachdem, wie stark unsere Fantasie ausgeprägt ist, und wie viel Muße wir haben, dieses Garn weiterzuspinnen: Wir versuchen, einer ungewöhnlichen, nicht alltäglichen Beobachtung Sinn zu geben, indem wir uns eine Geschichte zusammenreimen, wie das Phänomen entstanden sein könnte. In der Ferne hören und sehen wir zehn, zwölf Fahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn vorbeifahren. Ist da ein großer Unfall passiert? Oder gar ein Terroranschlag? Ein Amoklauf? Und je stärker wir uns in diese Geschichten hineinfantasieren – und dabei auch Blaupausen aus Medien und früheren Erlebnissen nutzen –, desto mehr reagieren wir auch emotional, bekommen Angst, ja vielleicht sogar Panik. Sie bemerken, dass Ihre Nachbarin seit einiger Zeit schlecht aussieht. Ist sie krank? Oder führt sie ein ausschweifendes Leben? Oder hat sie nur Stress im Beruf? Ja, Sie erinnern sich: Sie hat vor ein paar Monaten einmal erwähnt, dass sie einen sehr unangenehmen neuen Chef hat. Und so weiter. Den ganzen Tag ›machen wir Sinn‹ (ein produktiver Anglizismus) aus unseren Beobachtungen und Sinneswahrnehmungen – und zwar, indem wir die dahintersteckenden Geschichten zu entschlüsseln versuchen. Auch aus unserem eigenen Leben machen wir Sinn, indem wir unsere Erlebnisse, die Ereignisse, an denen wir beteiligt waren, in eine narrative Struktur bringen. In der Psychologie weiß man, dass Identität und die dazugehörige Autobiografie narrativ strukturiert sind (vgl. BRUNER 1997; KRAUS 2000; ABELS 2010; KEUPP et al. 2008). Einen Sinn im eigenen Leben zu erfahren oder nicht, hängt letztlich davon ab, wie gut es uns gelingt, eine befriedigende narrative Struktur über die Ereignisse unseres Lebens zu legen. Dieses autobiografische Narrativ ist nicht ein für alle Male festgelegt, sondern kann auch verändert werden; die sogenannte narrative Therapie nutzt dies, um andere Erlebnisse, andere Erfahrungen in unser autobiografisches Identitäts-Narrativ einzubinden (vgl. WHITE 2010).
Dies ist die positive Seite der Veränderbarkeit unserer Sinn- und Identitäts-Narrative. Die negative Seite ist, dass wir es uns gerne leicht machen, wenn es darum geht, Ursachen vor allem für Umstände zu suchen, die verhindern, dass wir so leben können, wie wir leben wollen. Dann nehmen wir billige Erklärungen an, die uns angeboten werden, finden Sündenböcke, damit wir nicht an uns selbst etwas ändern müssen. Dann sind die vielen Ausländer Schuld daran, dass ich arbeitslos bin, oder die ›Kapitalisten‹, dass ich meinen Lebenstraum nicht verwirklichen konnte.
Narrative Gebiete von Gesellschaften
Bisher habe ich hauptsächlich von Sinn und Identität gesprochen; das sind jedoch nur zwei der Aspekte von Gesellschaften oder anderen Gemeinschaften, die durch Geschichten und Narrative bestimmt werden. Weitere drei wichtige – ohne hier einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben – sind Werte, Wissen und Kommunikation (vgl. dazu auch ERLACH/MÜLLER 2020). Bevor wir uns näher mit dem ›Wie‹ des politischen Storytelling befassen, hier noch ein Überblick über die Gebiete und Regionen des politischen Storytelling:
Sinn: Zu der Funktion von Geschichten und Narrativen bei der Konstruktion von gemeinsamem Sinn habe ich ja schon einiges gesagt. Nur noch so viel: Eine lebendige und demokratische Gesellschaft ist eine, in der es mehrere, sogar viele teils konkurrierende, teils kompatible Sinn-Narrative gibt, für die sich Menschen entscheiden können, ohne Verfolgungen befürchten zu müssen. Das nennt man allgemein ›Pluralismus‹. Autoritäre und starre Gesellschaften bieten nur sehr wenige oder sogar nur ein Sinn-Narrativ an, das man nur mit Gefahr nicht akzeptieren kann – zumindest in der Öffentlichkeit. Wie einengend eine Gesellschaft sein kann, in der es nur eine »single story« gibt, hat die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Adichie in ihrem berühmten TED-Talk beschrieben.4
Identität: Die psychologische Forschung ist sich zunehmend einig, dass Identität, oder besser: Ich-Identität, narrativ konstruiert ist (vgl. Z.B. ABELS 2010; KRAUS 2000; KEUPP et al. 2008). Sie entsteht aus den Geschichten, die wir uns selbst und anderen über uns erzählen, aber auch aus den Geschichten, die andere über uns erzählen, und schließlich aus den Geschichten, in die wir gleichsam hineingeboren sind (z.B. Familien- oder Gruppengeschichten). Identität ist damit nichts Festes, das ein für alle Male festgelegt wäre, sondern sie ist ständig im Fluss und entwickelt sich weiter. In ähnlicher Weise ist auch die Identität von Gruppen, Schichten, Gesellschaften, Nationen etc. eine ständig im Fluss befindliche narrative Konstruktion von Selbsterzählungen, Fremderzählungen und kontextuellen Narrationen, also diejenigen, die eine Gesellschaft gewissermaßen ›geerbt‹ hat. Deren Bedeutung wird vor allem deutlich, wenn man die nationale Identität der Deutschen betrachtet: Das, was unter der Herrschaft des Nationalsozialismus geschehen ist, wird jede narrative Identitätskonstruktion noch für lange Zeit grundieren – ob man das möchte oder nicht, auch wenn man sich wie Alexander Gauland und andere noch so bemüht, diese Zeit als ›Fliegenschiss‹ zu marginalisieren.
Abb. 3: Die narrative Konstruktion der Identität

In der Regel entstehen die Geschichtenwelten der Identität gewissermaßen von selbst, oft werden sie aber auch bewusst aufgebaut. Das ist in der Regel der Fall, wenn eine Nation oder ein Volk sich selbst einen Gründungsmythos geben möchte (wie etwa im Fall der Römer der Aeneas-Mythos und die Geschichte von Romulus und Remus, den mythischen Gründern Roms, die von einer Wölfin gesäugt wurden) oder bewusst Geschichten erzählt, die die eigene Vortrefflichkeit herausstellt (›Land der Dichter und Denker‹). Ein Beispiel für einen aktiv gestalteten Gründungsmythos beschreiben die Politikwissenschaftler Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrem Buch Das Licht, das erlosch (KRASTEV/HOLMES 2019). Offenbar hat der ungarische Präsident Viktor Orban ein mythisches Datum der ›magyarischen Landnahme‹ als Nukleus der ungarischen Identität definiert: »Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Populisten eine der vielen Vergangenheiten ihrer Länder auswählen und sie als die authentische Vergangenheit der Nation darstellen« (KRASTEV/HOLMES 2019: 112). Diese Strategie der (nationalen oder ethnischen) Identitätsbildung ist jedoch nicht auf Populisten beschränkt. Jede Tourismuswerbung, die Merkmale der Geschichte oder Bevölkerung eines Landes herausstellt, priorisiert bestimmte Geschichten vor anderen, indem etwa Geschichten zu attraktiven nationalen Klischees – der extrovertierte Italiener, der stolze Spanier, der knorrige, aber dennoch liebenswerte Bayer – absolut gesetzt werden.
Politisches Storytelling bzw. die Arbeit mit Geschichten in der Politik ist damit auch immer Arbeit bzw. Umgang mit Identitäts-Narrativen unterschiedlicher Gruppen, Regionen, Nationalitäten, Lebensstilen, Orientierungen etc.
Werte: Im politischen Alltag werden täglich Werte beschworen, in ganz unterschiedlichen Kontexten – ob es nun um Wertsetzungen im eigentlichen Sinn oder um Identitäten geht, wenn etwa wieder einmal die ›christlich-abendländischen Werte‹ bemüht werden. Wenn wir im Alltag über Werte nachdenken, fallen uns meist Begriffe ein: ›Menschenwürde‹ wäre so ein Begriff, ›Wertschätzung‹, ›Tradition‹ und so weiter. Aber im Grunde sind auch Werte narrativ konstruiert, sobald sie konkret werden und nicht nur Worthülsen bleiben. Um sich das klar zu machen, können Sie folgendes Experiment durchführen: Wenn Sie mit einer Gruppe von Freunden oder Freundinnen zusammensitzen, einigen Sie sich auf einen Wert, der allen wichtig ist, sagen wir einmal: Toleranz. Dann sollte jeder oder jede versuchen, sich an ein Erlebnis zu erinnern, in dem Toleranz eine Rolle gespielt hat. Dann erzählen alle ihr Erlebnis der Reihe nach, ohne dass darüber diskutiert wird. Sie werden sehen: In nahezu jeder dieser Geschichten wird der Wert ›Toleranz‹ eine etwas andere Bedeutung, eine andere Färbung einnehmen. Und erst auf der Basis dieser Geschichten können Sie darüber diskutieren, was denn Toleranz ganz konkret sein soll, welche Art von Handlungen dieser Wert hervorbringt. Ein anderes Beispiel: Der Wert ›Kindesliebe‹ hätte in den 1950er-Jahren auch die Prügelstrafe inkludieren können (»Ich schlage dich, weil ich dich liebe.«), während wir eine solche Interpretation dieses Werts heute zu Recht von uns weisen würden. Man sieht an diesen Beispielen: Werte, die wir nur als Begriffe behandeln, bleiben inhaltsleer, auch wenn man sie noch so oft in Reden und Gesprächen beschwört. Erst wenn man die Geschichten dazu hört und erzählt, wird klar, was für ein Verhalten sie nahelegen und damit was für eine Haltung sich hinter ihnen verbirgt.
Wissen: Auch eine Art von Wissen, die besonders für das politische Handeln relevant ist, ist narrativ: das Erfahrungswissen. Damit ist nicht ein wissenschaftliches oder kognitives Wissen gemeint, wie es in Lehrbüchern steht, sondern eines, das aus dem Handeln und den Erfahrungen generiert wird und dem Menschen oft gar nicht bewusst ist. Verfügbar wird dieses Wissen erst durch das Erzählen. Das bedeutet: Wenn man im gesellschaftlichen Leben Erfahrungen lebendig halten und nutzbar machen will, muss man Räume schaffen, in denen Menschen ihre Erfahrungen erzählen und andere zuhören können.
Kommunikation: Zum Thema Kommunikation muss man nicht viel sagen: Dass ein großer Teil der Alltagskommunikation über Geschichten läuft, versteht sich von selbst. Und an Kommunikation haben die Leserinnen und Leser beim Titel dieses Buchs vermutlich zuerst gedacht. Über die Kommunikation werden natürlich auch die anderen Felder des Narrativen vermittelt.
Geschichten und Zeit: Geschichten machen Geschichte
Geschichten oder narrative Strukturen haben immer etwas mit Zeit zu tun. Geschichten erzählen von Begebenheiten, die irgendwann angefangen haben, und zu einem anderen Zeitpunkt an ein – zumindest vorläufiges – Ende kommen: Wie sich Hans und Marie kennengelernt, verliebt und geheiratet haben. Was ich gestern erlebt habe. Wie es dazu kam, dass die Berliner Mauer gefallen ist. Der Normalfall einer Geschichte ist, dass im Nachhinein erzählt wird, was geschehen ist. Im Nachhinein wird ausgewählt, welche der vielen Begebenheiten, die Hans und Marie von dem Zeitpunkt, als sie sich zum ersten Mal gesehen haben, bis zu dem, als sie ›beschlossen‹ haben, ein Paar zu sein, für ihre Geschichte relevant sind. Denn wenn wir einmal annehmen, dieser Prozess habe mehrere Wochen gedauert, so werden beide Hauptfiguren unserer Geschichte eine ganze Menge erlebt haben: Vielleicht ist Marie in ihrer Arbeit befördert worden, Hans hat einen niederschmetternden Steuerbescheid bekommen, Maries Katze war kurz krank und Hans hat einen alten Schulfreund getroffen, von dem er lange nichts mehr gehört hatte. Und so weiter. Die Liebesgeschichte von Hans und Marie zu erzählen, bedeutet, aus diesen Begebenheiten, die den ›Strom des Lebens‹ ausmachen, diejenigen auszuwählen, die relevant für die Geschichte waren. Die Krankheit der Katze wird wohl nicht so wichtig gewesen sein. Oder doch? Vielleicht ist es Marie im Wartezimmer des Tierarztes beim Lesen ihres Liebeshoroskop in einer Illustrierten zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, dass sie in Hans verliebt ist? Und der alte Schulfreund? Vielleicht ist er ja die Ursache, dass die Beziehung der beiden nach einigen Jahren – nehmen wir einmal an – wieder auseinander geht, weil Marie eine Affäre mit diesem Schulfreund beginnt. Ob die Begegnung mit dem Schulfreund für die Liebesgeschichte wichtig ist, wird sehr stark davon abhängen, wann sie erzählt wird. Wenn Hans und Marie bei ihrer Hochzeit erzählen, wann und wie sie sich kennen und lieben gelernt haben, wird der Schulfreund wohl keine Rolle spielen. Wenn Hans ein paar Jahre später, nach der Trennung des Paars, die Geschichte des Verliebens erzählt, sehr wohl: Der Schulfreund ist eine Figur, die in der Geschichte wirkmächtig wird. Vielleicht kommt in Hans’ Erzählung ein Satz vor wie: ›Wenn ich da schon geahnt hätte, was später geschieht, hätte ich Marie niemals dem Schulfreund vorgestellt‹.
Eine Geschichte zu bauen und sie zu erzählen, vor allem wenn es sich um sogenannte »Wirklichkeitserzählungen« (KLEIN/MARTINEZ 2009) handelt, ist also immer ein Prozess der Selektion. Ebenso wie ein Fotograf sich entscheiden muss, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit er für sein Bild wählt, muss der Erzähler aus dem Strom des Lebens auswählen und Entscheidungen treffen, welche der Begebenheiten für seine Geschichte relevant sind und welche nicht. Im Alltag treffen wir diese Entscheidungen meist nicht bewusst: Wir erzählen einfach mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Gefühl der Relevanz.
Die Entscheidung für das, was relevant ist – und das ist ein zweiter wichtiger Faktor für das erzählende Rekapitulieren der Vergangenheit – hängt entscheidend von dem Zeitpunkt ab, an dem eine Geschichte erzählt wird: Für die Liebesgeschichte, die bei der Hochzeit erzählt wird, sind andere Begebenheiten relevant, als in der Geschichte, die erzählt wird, wenn alles schon vorbei ist. Eine Geschichte über die Vergangenheit ist also immer eine Funktion der Gegenwart: Sie ist der Versuch, die Begebenheiten so zu ordnen, dass die Geschichte eine Erklärung dafür liefern kann, wie alles so geworden ist, wie es ist.
Ein schönes Beispiel für diesen Effekt liefern die beiden autobiografischen Bücher Wir sind Gefangene (GRAF 1982) und Gelächter von außen (GRAF 1983) des Schriftstellers Oskar Maria Graf. Im ersten der beiden Bücher, 1927 zuerst erschienen, erzählt Graf die Geschehnisse seiner Jugend bis zu den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Im zweiten Werk, 1966 erschienen, setzt er nochmals im Jahr 1918 an und erklärt im Vorwort, er müsse – obwohl er diese Zeit schon in Wir sind Gefangene beschrieben habe – sie noch einmal erzählen, aber nicht als »[…] breit ausgewalzte Verwichtigung von bereits Bekanntem […]. Im Gegensatz dazu handelt es sich aber um ein Nachholen von unbekannten Erlebnissen und Geschehnissen, die für mich erst in der nachdenklichen Rückerinnerung insofern Bedeutung gewonnen haben, weil sie – wie mir scheint – auch aufschlußreich für die Atmosphäre der damaligen Zeit sind.« (GRAF 1983: 7). Unter anderem erzählt er von mehreren Begegnungen mit Adolf Hitler in der Nachkriegszeit. 1927 war dieser für Graf nur ein politisierender Sektierer und ›Pflastertreter‹ in München-Schwabing gewesen, ein Spinner unter vielen anderen – und die Begegnungen mit ihm erschienen dem Autor wohl zu der Zeit der Abfassung des ersten Buches nicht interessant genug. Leider hat er später eine andere historische Bedeutung bekommen und gehörte damit zur autobiografischen Geschichte Oscar Maria Grafs. Da er auch Bauerngeschichten schrieb, wollte Hitler ihn als Blut-und Boden-Schriftsteller gewinnen (ein Ansinnen, dem Graf sich als Kommunist natürlich verweigerte).
Auch jede politische Geschichte, jede politisch instrumentalisierte Erzählung der Vergangenheit ist also eine Konstruktion, die abhängig ist von dem Zeitpunkt des Erzählens. Insofern sagt eine Vergangenheitserzählung mehr über die Gegenwart (des Erzählens bzw. der Erzählenden) aus als über die Vergangenheit selbst: Sie ist immer der Versuch einer Erklärung, wie wir so geworden sind, wie wir heute sind. Eine Erzählung über die Vergangenheit kann also nie ein ›objektives‹ oder ›wahres‹ Bild der Vergangenheit oder der Historie liefern, sondern allenfalls eine Annäherung daran. Auch die Geschichtsschreibung muss immer eine Wahl treffen, nie kann sie den ganzen Strom der Geschehnisse gleichwertig abbilden – was zudem ja, wenn es dann ginge, sinnlos wäre, weil dann die Geschichtsschreibung nicht mehr erklären, sondern nur noch abbilden könnte.
Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Parameter, die das Erzählen vergangener Geschehnisse beeinflussen (können). Da wäre einmal die Perspektive, aus der erzählt wird (am Beispiel unserer Liebesgeschichte die Frage, ob sie von Hans oder von Marie erzählt wird), die Bewertung (soll über eine glückliche oder unglückliche Beziehung berichtet werden), die Absicht (hat der Erzähler z.B. eine didaktische Intention, indem er etwa durch die Geschichte von Hans und Marie erläutern will, welche Fehler man in einer Beziehung niemals machen darf), die Wirkung (ein Redner erzählt die Geschichte so, wie sie bei seinem Publikum am besten ankommt), und so weiter. Einige dieser Mechanismen sind dem Erzählen inhärent, andere können aus strategischen oder manipulativen Absichten gewählt oder weggelassen werden. Wir werden auf diesen Aspekt im nächsten Kapitel zurückkommen.
Die Gegenwart und ihre Vergangenheit
Geschichten, die im Alltag, aber auch in den Medien oder in der Kunst erzählt werden, sind meistens Geschichten über eine tatsächliche oder erfundene Vergangenheit. Das kann man schon daran erkennen, dass das normale Tempus für Erzählungen die Vergangenheit ist: Nach Abschluss einer bestimmten Ereignisfolge wird erzählt, wie es sich zugetragen hat, dass diese oder jene Endsituation eingetreten ist. Wie es gekommen ist, dass sich das Liebespaar gefunden hat, der Mörder gefasst oder ein Kampf gewonnen wurde. Die Zeit, in der die meisten Erzählungen spielen, gleichgültig ob es sich um fiktionale (in Romanen, Filmen und Kurzgeschichten) oder um faktuale Geschichten (in Nachrichten und Reportagen) handelt, ist die Vergangenheit, und ebenfalls in aller Regel berichtet der Erzähler oder die Erzählerin auf der Basis eines Wissens, wie die Geschichte ausgegangen ist – ob die Liebesgeschichte glücklich oder unglücklich geendet hat, ob der Schatz gefunden wurde oder nicht. Im filmischen Erzählen ist dies ein wenig komplizierter, weil hier die implizite Erzählerinstanz nicht so deutlich zutage tritt wie in sprachlichen Erzählungen. Aber wir können davon ausgehen, dass auch hier zumindest die gewohnheitsmäßige Erwartung der Rezipienten ist, dass den Film jemand ›gemacht‹ hat, der weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist.
Von jeher erfüllten diese Vergangenheitserzählungen mehrere Funktionen. Neben der Unterhaltungsfunktion, wenn etwa am Abend die Mitglieder der legendären Seinzeithorde von ihren spannendsten Jäger- und Sammlererlebnissen des Tages berichteten, war die wichtigste wohl die der Wissensvermittlung. Und zwar einerseits eines für das tägliche Überleben notwendigen Wissens (Wo wurde ein Säbelzahntiger gesichtet, wo jagbares Wild, wer ist gestorben und wie?), andererseits aber vor allem auch ›Weltwissen‹, wie es von Anfang an Mythen und Sagen bereitgestellt haben: Wie ist die Welt entstanden, wer sind diese Götter, die sie geschaffen haben, woher kommen wir und was haben wir von unseren Vorfahren kulturell geerbt? Kurz, es sind Erzählungen darüber, wie wir und unsere Welt geworden sind, was und wie wir heute sind. Der Bogen spannt sich dabei von der Kosmogonie (Wie wurde die Welt erschaffen?) über die Anthropogonie (Und wie die Menschen?) bis zur Entstehung der eigenen Kultur (Wie sind unsere Sitten und Gebräuche entstanden, und warum unterscheiden sich diese eventuell von denen anderen Gruppen?). Da es Mythen und Sagen, soweit wir wissen, in allen Kulturen gibt und gab, kann man wohl schließen, dass es ein Grundbedürfnis des Homo sapiens ist, die Gegenwart und ihre Bedingungen nicht einfach hinzunehmen, sondern erzählend zu erklären, warum und wie es geworden ist, was wir heute erleben und sehen. Voraussetzung dafür ist natürlich ein Sinn für Zeit und ihr Vergehen – den wir vermutlich den meisten Tieren absprechen würden – sowie ein Sinn für Veränderungen, Transformationen, die im Laufe der Zeit geschehen: Am Anfang war die Welt wüst und leer, dann wurde Land und Wasser und alles andere geschaffen. Früher gab es unser Volk noch nicht, aber dann kamen die Urväter als Flüchtlinge hierher (so der bereits erwähnte Gründungsmythos der Römer, die sich als Nachkommen des trojanischen Helden Aeneas mythisch aufgewertet haben). Dieser Sinn für das Vergehen von Zeit und die damit einhergehenden Veränderungen ist offenbar tief in unserem Gehirn verankert.
Und das bedeutet letztlich, dass wir (unter anderem) sehr stark in narrativen Strukturen denken und mit Geschichten unsere Welt konstruieren, und damit ist für jemanden, der narrativ denkt (und das sind wir als Angehörige der Gattung Homo sapiens alle), die Welt nicht einfach etwas ›Seiendes‹, sondern etwas ›Gewordenes‹.
Die Frage, wie dieses ›Gewordene‹ erklärt wird, welche Geschichten also als zutreffend angesehen werden, um zu erklären, ›wie wir geworden sind, was wir heute sind‹, ist natürlich eminent politisch. Kommen in unseren historischen Geschichten auch Frauen vor oder nur Männer, ist zum Beispiel immer noch eine Frage, die zu Recht heftig diskutiert wird. Beginnt die Geschichte Afrikas im Wesentlichen mit der Kolonialzeit oder liegt ein Schwerpunkt auf vorkolonialen Kulturen? Ist Teil dieser Geschichten die angebliche Überlegenheit einer Gruppe oder einer Ethnie? Der Kampf um die zutreffenden Geschichten über die Vergangenheit ist damit ein Kampf um die Deutungshoheit und damit um die zutreffende Beschreibung unserer Gegenwart. Ein Slogan wie Trumps ›Make Amerika great again‹ interpretiert die jüngste Vergangenheit bis zur Gegenwart als die Geschichte eines Niedergangs: Wenn Amerika ›wieder groß‹ werden soll, steckt dahinter das Narrativ ›Amerika war mal groß. Dann passierte etwas, das diese Größe zerstörte. Heute ist Amerika nicht mehr großartig.‹ Natürlich sind auch andere Narrative denkbar und sie werden auch von anderen Gruppen erzählt, die evtl. die jüngste Vergangenheit eher als eine Aufbruchsgeschichte (unter Obama) erzählen.
Auf welche Weise die Gegenwart über den Rückgriff auf die Vergangenheit konzipiert wird, hängt natürlich einerseits davon ab, ob sie als ein positiver oder ein negativer Zustand verstanden wird. Und diese Bewertung entscheidet dann, welche Vergangenheitserzählung gewählt wird. Nehmen wir an, die Gegenwart würde als negativer Zustand bewertet, und zwar von zwei Gruppen in unterschiedlicher Weise. Eine linke Gruppe beurteilt ihn negativ, weil die soziale Schere immer weiter aufgehe, Wohnungen teurer, die Lebensbedingungen für Geringverdiener immer schwieriger werden etc. Eine rechte Gruppe dagegen bewertet unseren gegenwärtigen Zustand als negativ, weil Deutschland im Begriff sei, ›umgevolkt‹ zu werden, immer mehr Menschen islamischen Glaubens ins Land kämen und dadurch die traditionelle deutsche Kultur zerstören. Man kann sich leicht vorstellen, dass beide Bewertungen unterschiedliche Vergangenheitserzählungen voraussetzen – die erste die aus dieser Sicht zweifelhafte Erfolgsgeschichte der neoliberalen Ökonomie seit den 1980er-Jahren, die andere die angebliche ›Grenzöffnung‹ durch Angela Merkel und die dadurch ebenso angeblich ausgelösten Flüchtlingsströme. Meist sind diese erklärenden Vergangenheitsgeschichten eher einfach gestrickt und kaum auf dem Stand historischer Forschung. Unterschiede können natürlich auch in den zugrunde liegenden Fakten der jeweiligen Bewertungen bestehen: Während sich die zunehmende Öffnung der sozialen Schere durch Zahlen belegen lässt (wie es der französische Ökonom Thomas Piketty (2014) in seiner Studie Das Kapital im 21. Jahrhundert getan hat, gibt es für eine tatsächliche ›Umvolkung‹ keinerlei Faktenbasis.
Politische Vergangenheitserzählungen beruhen also auf einem Narrativ, dessen Endzustand die Gegenwart ist und je nach Interesse bezüglich Bewertung und Grundlage dieser Bewertung werden bestimmte Ereignisse aus der Vergangenheit ausgewählt. Politische Strategie auf dieser Ebene bedeutet, zu denen des politischen Gegners alternative Vergangenheits-Narrative zu entwickeln – und damit Narrative, die alternative Interpretationsrahmen für die Gegenwart anbieten.
Ein wichtiger Aspekt politischer Vergangenheits-Narrative ist die Relation von Ausgangs- und Endzustand (also die Gegenwart): Wird der Ausgangszustand als positiv wahrgenommen und der Endzustand als negativ, oder umgekehrt, oder werden beide identisch bewertet. Dabei wären folgende Fälle denkbar:
| V1: | Früher war alles besser: Vergangenheit positiv, Gegenwart negativ |
Die gesellschaftliche Gegenwart wird als das Endprodukt einer Abstiegsgeschichte betrachtet: Es war einmal gut, dann ist irgendetwas geschehen, das die Dinge verschlechtert hat, und heute leben wir in einem negativen Zustand. Derartige Glorifizierungen der Vergangenheit findet man naturgemäß eher auf der konservativen bis rechten Seite; Slogans wie Trumps ›Make America great again‹ zeugen von einer solchen Rückwärtsgewandtheit ebenso wie die Träume von einer ehemals ethnisch ›reinen‹ oder homogenen Bevölkerung, die durch Zuwanderung zerstört wurden. Meist ist in diesen Fällen die Bewertung der Vergangenheit auch das implizite oder explizite Programm, das in einer angestrebten Rückkehr in diesen Zustand besteht. Doch auch wenn vor allem konservativ-rechte Gruppen solche rückwärtsgewandten Narrative aufrufen, stecken sie – vielleicht verborgener – auch in denen anderer Gruppen. Auch in manchen ökologischen Narrativen klingt es an, wenn etwa eine Zeit gepriesen wird, in der es kaum Umweltverschmutzung gab, und wo der Fokus hauptsächlich auf einen Verzicht auf die Produkte oder Technologien gelegt wird, die als (mit)schuldig an der Umweltverschmutzung identifiziert werden. Schon Rousseaus ›Zurück zur Natur‹ aktivierte ein rückwärtsgewandtes Narrativ mit der anthropologischen Unterstellung, es habe einen solchen Naturzustand irgendwann tatsächlich gegeben, bzw. man könne einen Unterschied machen zwischen der ›Natur des Menschen‹ und seinen Hervorbringungen. Denn, so könnte man einwenden, gehört es nicht vielmehr auch zur ›Natur des Menschen‹, Technik hervorzubringen?
| V2: | So gut ging es uns noch nie / Seht, was wir erreicht haben: Vergangenheit negativ, Gegenwart positiv |
Dass Geschichten von diesem Typus gerne von den Gruppen erzählt werden, die seit längerem an der Macht sind bzw. die sich als die gesellschaftliche Elite fühlen, liegt auf der Hand. Vor allem autokratische Regimes pflegen dieses Narrativ, nicht selten in völliger Unabhängigkeit von jeglichen Fakten – man schaue nur nach Nordkorea. Diese Form der Vergangenheitserzählung kann aber auch im berechtigten Stolz auf das Geschaffte erzählt werden – in Deutschland etwa die Geschichte des Wirtschaftswunders der 1950er-Jahre oder – wenn man es so sehen möchte – die der Bewältigung der Finanzkrise von 2008.
| V3: | Es ist nochmal gut gegangen: Vergangenheit positiv, Gegenwart positiv, dazwischen Probleme |
Dieses Narrativ wird ebenfalls gerne von Gruppen, die an der Macht sind bzw. sich als Elite fühlen, erzählt, wenn sie sich die Überwindung einer Krise zuschreiben. Geschichten von diesem Typus erzählten etwa deutsche Regierungsmitglieder nach der Bankenkrise 2008 und den auf sie folgenden Krisen, die als Euro- und Griechenlandkrise bekannt geworden sind. Für viele Griechen erfüllte die damit zusammenhängende Ereignisfolge allerdings eher das Vergangenheits-Narrativ V1. Während des Schreibens an diesem Buch hoffe ich sehr, dass wir bald auch über die Corona-Krise in dieser Form erzählen können.
| V4: | Kurzzeitig sah es so aus, als ob alles gut würde: Vergangenheit negativ, Gegenwart negativ, dazwischen einmal ein positiver Zustand |
Dieses Narrativ wird von Gruppen erzählt, die einmal einen Aufbruch gewagt haben, aber jetzt von dessen mangelnden Effekten enttäuscht sind. Dies könnten manche Angehörige der ›Alt-68er‹ sein, die nach dem Aufbruch Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre ein Wiedererstarken des Kapitalismus beklagen. Man kann sich auch vorstellen, dass manche Angehörige eines ›ostalgischen‹ Milieus, also Menschen, die sich nach den Zuständen in der DDR zurücksehnen und ihre Hoffnungen bei der Wende enttäuscht sahen, Narrative dieses Typus erzählen.
Бесплатный фрагмент закончился.
