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Michael Klonovsky

Goldstück-Variationen

Reaktionäres vom Tage

Acta diurna 2018


Für Greta,

die tapferste Schulschwänzerin

seit Pippi Langstrumpf

Überheblichkeit ist etwas Widerliches, und je moralischer sie sich gibt, desto widerlicher ist sie.

C. S. Lewis

Für den mittelmäßigen Menschen war die organische Verschmelzung mit dem System der leichteste Weg, sich von der eigenen Außergewöhnlichkeit zu überzeugen.

Ryszard Legutko

Endlich macht die Zeit den Saul

Zur Verfolgung schwach und faul.

Carl Schmitt

Doch lacht nur zu,

ihr leichtsinniges,

lustgieriges

Göttergelichter!

Euch seh’ ich

noch alle vergeh’n!

Richard Wagner, »Siegfried«, 2. Aufzug, Alberich

INHALT

Vorbemerkung

Acta diurna 2017

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Personenregister

VORBEMERKUNG

Das Menschengeschlecht ist zwar heillos darüber zerstritten, was gute und was schlechte Gewohnheiten sind, aber eine geheimnisvolle Einigkeit herrscht über die Nützlichkeit von Gewohnheiten als solchen. Deswegen erscheint nun Band fünf der Acta diurna. Da mit Erstlesern hier kaum zu rechnen ist, verzichte ich auf eine Erklärung des Formats; im Ausnahmefall gibt eine Internet-Suche oder die Lektüre eines der Vorgänger-Bücher rasch Aufschluss.

Bei aller physiologischen, hygienischen und sittlichen Gebotenheit, die Acta diurna fortzusetzen, wird es doch immer komplizierter, aus dem Material der Online-Version eine Druckfassung zu destillieren. Die Fülle der verlinkten Texte, Meldungen und Statistiken, die vielen zitierten Leserzuschriften, Bilder und Grafiken, der Tagesaktualität geschuldete Korrekturen oder Ergänzungen sowie die überhaupt von Jahr zu Jahr wachsende Textmenge lassen zumindest Zweifel an der Kompatibilität der beiden Darreichungsformen aufkommen. Insofern verkörpert der vorliegende Band ein vorläufiges Ende. Der nächste – sollte es dazu kommen – wird eine veränderte Form finden müssen.

Beispielhaft für die Unmöglichkeit, die Online-Variante im Druck wiederzugeben, möge der Eintrag vom 24. August sein. Das Original enthielt 17 Links, darunter zwei zu ausführlichen Betrachtungen über Zustände und Mentalitäten in Afrika, einige weitere zu exemplarischen Fällen rohester Gewalt sowie drei Fotos junger aggressiver Afrikaner, die in die spanische Exklave Ceuta eingedrungen waren. Eine wachsame Journalistin gruppierte Auszüge aus meinem Text in gewohnter Manier zu einer Collage, um mich gefährlicher Ansichten zu überführen. Am 6. September kommentierte ich in der Online-Version diesen Vorgang wie folgt:

»Das Tourette-Syndrom zwingt den an Koprolalie Leidenden, immer wieder schmutzige Worte auszurufen. Viele pathologische Progressisten werden von einem vergleichbaren Syndrom gepeinigt, das sie zum zwanghaften Ausstoßen von Worten wie ›Rassist!‹, ›Nazi!‹, ›Sexist!‹ zwingt. Über Erfolge einer medikamentösen oder therapeutischen Behandlung der zweiten Gruppe liegen leider kaum Erkenntnisse vor. Ein beachtlicher Teil dieser Geplagten ist stattdessen in den Medien untergekommenen, wo sie versuchen, in häufigem Kontakt mit ihresgleichen ein relativ normales Leben zu führen. Aber eher verstärken sich die Affekte dadurch noch, und immer wieder kommt es zu peinlichen Zwischenfällen in der Öffentlichkeit. So versuchte sich eine arme Frau in der Frankfurter Rundschau Erleichterung zu verschaffen, indem sie mich als Adressaten für ihre zwanghaften Zuschreibungen wählte. Nicht jeder vermag die Nöte solcher Menschen zu tolerieren. Manchen« – und hier folgt wieder ein Link, diesmal zu einer ausführlichen Replik eines anderen Autors auf die maulende Myrte – »ist das unangenehm, weil ja auch Kinder zuhören.«

Es war, wie gesagt, unmöglich, den gesamten in Rede stehenden Beitrag auch im Druck wiederzugeben, weshalb er in der vorliegenden Version gekürzt erscheint. Dieser Hinweis ist hier nur eingestreut, damit niemand auf den Gedanken kommt, ich nähme wegen der Politesse etwas zurück. Online bleibt der Text einsehbar. Ansonsten gilt auch für den fünften Band, was für seine Vorgänger galt: Einige Einträge wurden aus Platzgründen – oder weil Dopplungen vorlagen – gestrichen, andere sind gekürzt, gestrafft, aber niemals gemildert worden. Sämtliche Irrtümer gehen auf meine Kappe, und jeden Abend bete ich darum, dass auch alle meine Prognosen sich ihnen beigesellen werden.


München, im Februar 2019 Michael Klonovsky

ACTA DIURNA 2018

1. Januar

Silvesterfeier in einem georgischen Restaurant. Die Tische sind üppig gedeckt – bei den Völkern des Ostens gilt es als anstößig, sie abzuräumen, das Essen zieht sich über Stunden, es werden nur die abgegessenen Teller und Schüsseln durch neue ersetzt –, die Speisen sind wundervoll nahrhaft, es gibt wenig für Vegetarier und nichts für Veganer, doch es scheint auch kein einziger Vertreter dieser Observanzen anwesend zu sein. Die Gäste stammen aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion: Georgier, Armenier, Ukrainer, Russen aus Ostpreußen, Russen aus Moskau, Russen aus Sibirien, Russen aus London, dazwischen einige wenige deutsche Männer, an ihrem Habitus leicht zu erkennen, die sich ihre Partnerinnen importiert haben. Es wird georgischer Wein serviert, auf den Tischen der Kaukasier steht flaschenweise Kognac, am guten Russentisch, dem ein ausweislich seiner Begleiterin reicher Mann mit dem Körperbau und der Physiognomie eines Metzgermeisters und der fröhlichen Laune eines Kindes präsidiert, wird Wodka getrunken, wobei die Speiseberge nahezu unberührt bleiben, man schiebt nur hin und wieder der Wodka (weiblich!) einen »Nachbiss« hinterher. Als die Moderatorin mit dem Mikrophon die Runde macht, um Toasts einzusammeln, wünscht der reiche Russe der Gesellschaft »Gesundheit … nur Gesundheit. Den Rest kauft man sich!«

Das riesige Land erstreckt sich bekanntlich über elf Zeitzonen, also bietet sich zu jeder vollen Stunde die Gelegenheit zum kollektiven Glaserheben, irgendwo sitzt immer jemand, der oder die als Repräsentanten ihrer Weltzeit von der Moderatorin ausgerufen werden kann, beginnend in Chabarowsk am Amur und schließlich endend mit der deutschen Mitternacht. Es gibt Live-Musik – ein Sänger, zwei Sängerinnen, ein Computer –, und die Tanzfläche ist ständig voll. Die Titel wechseln von russischer Popmusik über sowjetische Schlager (die jeder kennt und mitsingt), orientalische Tänze (eine schwarzhaarige, dunkeläugige Schöne reagiert sofort mit den typisch orientalischen Schlangenbewegungen der Arme), bis hin zu Modern Talking. Was komplett fehlt, ist das, was sonst überall läuft.

Die kulturprägende Kraft der Sowjetunion zwang den verschiedensten Völkerschaften nicht nur dasselbe Joch auf, sondern amalgamierte sie zu Sowjetbürgern; alle sprechen dieselbe Sprache, singen dieselben Lieder, haben, sofern etwas älter, ähnliche Erinnerungen, sind durch dieselbe Schule gegangen. Dort haben auch Muslime ganz selbstverständlich Puschkin gelesen, klassische Instrumente gelernt und Schach gespielt. Gerade in den islamischen Ländern am Südbauch Russlands machte der Bolschewismus großen Eindruck; das war eine universalistische Religion von immenser Kraft, die sich wie der frühe Islam ausbreitete und alle Hindernisse niederrannte, deren Prediger von Männern mit Pistolen und Maschinengewehren begleitet wurden und sich auf keinen Kompromiss einließen, sie verkündeten die Gleichheit aller Erdenkinder und machten blutigen Ernst damit, das hatte etwas ungeheuer Einleuchtendes. Heute ist dieses Imperium zerfallen, aber seine zumindest in kultureller Hinsicht eindrucksvollen Reste sind zuweilen noch zu besichtigen.


Liebe schon länger hier gut und gern lebende Bürgerinnen und Bürger und drittes Dingens, im vergangenen Jahr ist die Bevölkerung Afrikas um weitere etwa 36 Millionen Menschen gewachsen. Damit ist für unsere Politik ein Rahmen gelegt, den wir nicht wegdiskutieren können. Wir stehen also vor der globalen Herausforderung, dem weiter steigenden Bedürfnis der Menschen, die bald hier leben werden, und ihrer Angehörigen, Vorfahren und Hausgeister nach individueller Mobilität, digitaler Teilhabe, religiöser Toleranz und Klimaschutz gerecht zu werden. Wer anderen eine Grenze baut, soll nicht mit Steinen werfen, sonst fällt er selbst hinein. Wir brauchen einen Marschallstab, äh -plan für Afrika. Wir schaffen das, und wenn dies bald nicht mehr Ihr Land ist, meins ist es nie gewesen. Ihre amtierende Kanzlerinnensprechpuppe


Das einzige, was Brillanz erträglich macht, ist ihre relative Erfolglosigkeit. Zum Glück für die leicht überdurchschnittliche Intelligenz sind die meisten Menschen unfähig, Brillanz überhaupt zu bemerken.


Mehrere Leser haben den Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner für seinen Welt-Kommentar »Deutschlands Stimme gegen Jerusalem ist beschämend« gelobt und gefragt, ob ich mich zu diesem »klaren Statement« nicht äußern wolle.

Wollte ich eigentlich nicht. Döpfners Text beginnt nämlich mit den Worten: »Wenn man die Geschichte der letzten 100 Jahre – kreisend um das Schlüsselereignis, den Holocaust – etwas (aber nur unwesentlich) vereinfacht, dann gibt es ein Tätervolk, die Deutschen, ein Opfervolk, die Israelis, und eine Gemeinschaft der Retter, die Alliierten.«

Der Chef eines großen deutschen Medienkonzerns besitzt also – oder fingiert es zumindest – ein Geschichtsbild von der Schlichtheit eines totalitär manipulierten Hauptschülers und zugleich die Obszönität des Millionärs, es öffentlich zu machen. Wer sich auf eine dermaßen primitive Weltsicht überhaupt einlässt, ist ein Sklavenwesen, das heute Jerusalem als Hauptstadt Israels verteidigt und der Stadt übermorgen auf Geheiß anderer den Status aberkennt, der ist vollkommen unfrei in jeder Hinsicht seines Denkens. Wer die Tragödien des 20. Jahrhunderts auf ein dermaßen armseliges und ahnungsloses Level zusammenschnurren zu dürfen meint, verdient eigentlich keinerlei Erwähnung meinerseits – jetzt tu’ ich’s ja nolens volens doch –, auch nicht, wenn er sich politisch in meinem Sinne äußert. Warum sollte ich diesen intellektuellen Kretinismus erwähnen? In meinem Diarium irrlichtern doch schon genug intellektuelle Schmalhänse herum.

4. Januar

Für die progressive Literaturwissenschaftlerin ist Casanova ein Frauenfeind.


Das Opernhaus Florenz spielt die Carmen jetzt mit geändertem Schluss; die schöne Zigeunerin kommt ihrem verschmähten Liebhaber Don José zuvor und erschießt ihn, bevor er sie umbringen kann. Um die Sache plausibel zu machen, erscheint der verliebte Deserteur nicht mit einem Messer, sondern mit einer Pistole zum Finale, die Carmen ihm entwindet und gegen ihn selber richtet – woher sollte ein einfaches Mädchen schließlich eine Pistole haben? Der ergreifende Abgesang Josés, dies fassungslose »C’est moi qui l’ai tuée! Ah! Carmen! Ma Carmen adorée!« (»Ich habe sie getötet! Carmen! Meine angebetete Carmen!«) fällt damit natürlich flach (keine Ahnung, wie sie das lösen wollen, ohne das Werk auch musikalisch zu verstümmeln). »Wir denken, es ist wichtig, dass das Theater kein konservativer Ort der Musikkultur ist, es sollte kein Museum sein. Es ist ein Ort, an dem eine Debatte beginnen kann. Carmen wurde vor 150 Jahren in einem ganz anderen kulturellen Kontext geschrieben. Zeiten ändern sich«, erklärt der Produzent. Wie wahr. Nur der Opportunismus bleibt konstant.

»The dramatic departure from operatic orthodoxy is an attempt to shine the spotlight on the modern-day abuse and mistreatment of women, an issue given added resonance by the outrage over the behaviour of Harvey Weinstein and Donald Trump«, hält der Telegraph in seinem Bericht über die neue Jahrhundert-Carmen fest.

Ich hätte ja nichts gegen eine zeitgenössische Carmen, deren Finale einmal so umgekehrt läuft, als Anklage gegen Weinstein und Trump und die anderen Unholde (aber niemals eine blonde Carmen, die von einem »Südländer« erdolcht wird!), für alle, denen die Tosca nicht genügt. Doch dann soll sie auch ein Zeitgenosse schreiben; dass die Unproduktiven, künstlerisch Unfruchtbaren an den Klassikern herummanipulieren, geht mir »wider die Natur« (W. Busch). Schluss. Aus. Gesindel. Boykott!


Die Welt meldet: »Die Zuwanderung von mehr als eineinhalb Millionen Ausländern über das Asylsystem hat zu einem spürbaren Anstieg von Gewalttaten geführt. Das ist das Ergebnis einer vom Kriminalwissenschaftler Christian Pfeiffer geleiteten Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums.« Die besagte Studie des mysteriösen Instituts, das eigentlich ein e.V. ist, von dem weithin bekannten »Kriminalastrologen« (so Bernd Zeller bzw. Alexander Wendt) Christian Pfeiffer geleitet wird und bislang besonders durch Gefälligkeitsgutachten zur Verharmlosung von Migrantenkriminalität auffiel, kommt also zu dem Ergebnis, dass Wölfe Schafe reißen und der Regen die Erde nässt, thank you very much, aber das haben wir leider Gottes schon vorher gewusst, die Leugner (und Lumpen), die das Gegenteil behaupteten, um ihren Heiligenschein erstrahlen zu lassen, natürlich auch. Nun geht es routiniert ans Abwiegeln. In der Welt – ich könnte schockweise ähnliche Passagen aus anderen Medien zitieren – liest sich das so:

»Allerdings gilt es wie bei allen Statistiken zu beachten, dass die Auffälligkeiten von Gruppen keine Aussage über den einzelnen Gruppenangehörigen zulassen. Die Frage, ob Flüchtlinge generell krimineller sind als Deutsche, ist selbstverständlich mit Nein zu beantworten. Genauso wenig, wie Amerikaner krimineller als Franzosen sind oder Obdachlose mehr als Investmentbanker. Statistisch feststellbare Merkmale einer Gruppe treffen grundsätzlich keine Aussage über ein bestimmtes Mitglied der Gruppe.« (Nein, nur über die Wahrscheinlichkeit, innerhalb dieser Gruppe ein Exemplar mit dem jeweiligen Merkmal zu treffen.)

Das zitiert der Journalist nicht, das »meldet« er in einer »Nachricht«. Weil diese tumben Gesellen partout nicht kapieren wollen, dass die in belehrendem Ton vorgetragenen second-hand-Meinungen von Journalisten kaum jemanden außer vielleicht ein paar Kollegen interessieren und man von ihnen Berichterstattung oder wenigstens die Trennung von Kommentar und Meldung erwartet, liest kaum mehr einer diese Gazetten. Selbstverständlich sind Flüchtlinge nicht krimineller als Deutsche, sie begehen nur mehr Straftaten. Wäre Mustafa – das ist ein Pseudonym, keinesfalls will ich alle Träger dieses schönen Namens stigmatisieren – genauso aufgewachsen wie Martin, in dieselbe Schule gegangen, in denselben Kreisen verkehrt etc. pp., er wäre selbstverständlich so wenig kriminell wie jener. Und umgekehrt wäre Martin an Mustafas Stelle eben etwas verhaltensauffälliger. Wir sollten vielleicht noch darauf insistieren, dass beide idealerweise auch jeweils dieselben Eltern, Geschwister, Ehrbegriffe und religiösen Vorstellungen haben müssten.

Was uns der Welt-Mensch und mit ihm der gesamte in der westlichen Hemisphäre herrschende Zeitgeist sagen wollen, ist, dass es zwischen Gruppen eigentlich keine Unterschiede gibt, speziell nicht in puncto Kriminalitätsneigung und Intelligenz, und wenn doch, dann ist der weiße Rassismus daran schuld. Wenn irgendwann einmal alle Familien, Kulturen, Ethnien, Nationen, Religionen und Klassen aufgelöst sind, weil die Menschen sich völlig durchmischt und kollektiv individualisiert haben, dann wird auch diese herzlose Stigmatisierung nach Gruppenzugehörigkeiten enden. Sicherheitshalber wählt unser Journalist kompatible Vergleichsgruppen und schreibt, Amerikaner seien nicht krimineller als Franzosen oder Obdachlose als Investmentbanker. Wie wäre es indes mit Afghanen, Rumänen oder Algeriern im Vergleich mit Franzosen? Sind Zigeuner krimineller als Mormonen? Begehen Uhrmacher mehr Straftaten als Luden oder Bauarbeiter? Fragen über Fragen.


Zur Studie. Sie nimmt Niedersachsen als typisches pars pro toto für ’schland, das nur am Rande. Auf Seite 60/61 gibt es eine Tabelle »Zustimmung zu islamisch fundamentalistischen Aussagen«. Quelle ist eine niedersachsenweite Befragung unter muslimischen Schülern anno 2015 – inzwischen dürften sie noch etwas optimistischer geworden sein –, welche unter anderem folgende Zustimmungswerte auf folgende Aussagen ergab:

–Der Koran ist das einzig wahre Glaubensbuch; die darin festgehaltenen Regeln müssen genau befolgt werden. 69.6 Prozent (Jungen 69.0/Mädchen 70.3)

–Der Islam ist die einzige wahre Religion; alle anderen Religionen sind weniger wert. 36.6 Prozent (35.0/37.6)

–Ich kann mir gut vorstellen, selbst für den Islam zu kämpfen und mein Leben zu riskieren. 29.9 Prozent (27.1/32.6)

–Die islamischen Gesetze der Scharia, nach denen zum Beispiel Ehebruch oder Homosexualität hart bestraft werden, sind viel besser als die deutschen Gesetze 27.4 Prozent (32.2/22.5)

–Muslime werden auf der ganzen Welt unterdrückt; dagegen müssen sie sich mit Gewalt zur Wehr setzen. 19.8 Prozent (24.0/15.2)

–Es ist die Pflicht jedes Muslims, Ungläubige zu bekämpfen und den Islam auf der ganzen Welt zu verbreiten. 18.6 Prozent (16.9/20.1)

–Muslimen ist es erlaubt, ihre Ziele notfalls auch mit terroristischen Anschlägen zu erreichen. 3.8 Prozent (4.8/2.9)

Für jeden politisch und vor allem perspektivisch denkenden Freund des Rechtsstaates und des Pluralismus müssten die Alarmglocken schrillen angesichts dessen, was da heranwächst. Doch der Kommentar in der Studie gibt Entwarnung: «Nur ein kleiner Teil der Muslime stimmt im Durchschnitt allen Items zu (Hervorhebung von mir – M. K.). Dies trifft auf 10.8 % der Muslime der niedersachsenweiten Schülerbefragung 2015 zu. Werden die Ergebnisse zusammengefasst, so ist unter Nutzung eines neu entwickelten Messinstruments zur Erfassung islamisch extremistischer Einstellungen zu konstatieren, dass sich etwa jeder neunte muslimische Jugendliche zustimmend äußert. Werden die hier ebenfalls berichteten Raten zu rechtsextrem und linksextrem eingestellten Jugendlichen zum Vergleich herangezogen, so ist dieser Anteil nicht übermäßig hoch.«

Wenn also unser Mustafa zwar sagt, dass die Scharia über jedem weltlichen Gesetz steht und es die Pflicht des Muslims sei, Ungläubige zu bekämpfen, dafür aber terroristische Anschläge ablehnt, wird er vermittels des neu entwickelten Messinstruments unter die eher harmlosen Feinde des Rechtsstaates rubriziert. Und jeder zehnte Martin denkt – und handelt – im Grunde ebenso, nur halt auf links- oder rechtsextreme Weise. Wer aber, außer vielleicht H. Maas, wäre bereit, seine Lesart des Grundgesetzes notfalls auch mit terroristischen Mitteln durchzusetzen?

Weiter im Text: »Die PKS Niedersachsens zeigt ferner für das Jahr 2014, dass die ab 14-jährigen Frauen bei den Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität nur einen Anteil von 12,4 % erreichen, obwohl sie im selben Jahr 50,9 % der Wohnbevölkerung stellten. Frauen sind offenbar erheblich weniger gewaltorientiert als Männer. Die Annahme erscheint berechtigt, dass sie bei Konflikten eher auf gewaltfreie Lösungen hinwirken und versuchen werden, die zu ihrem engeren sozialen Umfeld gehörenden Männer entsprechend zu beeinflussen. (…) Die große Mehrheit der männlichen Jugendlichen und jungen Männer, die im Verlauf der letzten beiden Jahre als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, lebt hier ohne Partnerinnen, Mütter, Schwestern oder andere weibliche Bezugspersonen in reinen Männergruppen. Die gewaltpräventive, zivilisatorische Wirkung, die von Frauen ausgeht, kommt dadurch weniger zum Tragen, während einem anderen Faktor größeres Gewicht zukommen kann: die Orientierung an gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen».

Man achte auf die hohe Zustimmungswerte bei Schülerinnen zu radikalen Positionen oben. Wahrscheinlich sind die frommen Schwestern von der Gesellschaft in Kaltland aggressiv gemacht worden. Man sieht schließlich im gesamten Orient kaum etwas anderes als unter dem zivilisierenden Einfluss ihrer Frauen friedfertig ihr Wasserpfeifchen schmauchende Moslems. Es ist wie eigentlich immer bei Pfeiffer: Behauptungen, Mutmaßungen und Unterstellungen werden mit Zahlen verrührt zur rosigen Prognose. Die Regierung ist zufrieden, die Medienclaque applaudiert.

Ein letztes Zitat: »Hinzu kommt ein Aspekt, der sehr zu beachten ist, wenn die Zahlen von polizeilich registrierten Tatverdächtigen den zentralen Ausgangspunkt einer Kriminalitätsanalyse bilden. Sie beruhen nun einmal primär auf der Anzeigebereitschaft der Opfer. Diese aber wird offenbar stark von der ethnischen Zugehörigkeit des jeweiligen Täters beeinflusst. (…) Je fremder der Täter ist, umso eher wird angezeigt.«

Es gibt dafür zwar keinen stichhaltigen Beleg, klingt aber gut. Alexander Wendt hat freilich auf einen Aspekt hingewiesen, den diese Leute immer übersehen, nämlich dass die tatsächliche Kriminalitätsrate dann ungeheuer hoch sein müsste, weil die vielen nicht angezeigten Straftaten durch Biodeutsche die exorbitant anwachsende Migrantenkriminalität ja weit überträfen. Und wie war das eigentlich in den Jahren vor 2015? Muss ein alter deutscher Schlager mit neuem Text versehen werden: »Kein Schwein zeigt mich an«?

Die Tagesthemen setzten gestern Abend der Manipulation verlässlich das Sahnehäubchen auf. Die Sprecherin suggerierte bei der »Meldung« zur besagten »Studie«, die Gewaltkriminalität der Migranten resultiere daher, dass sie »keine Bleibeperspektive« besäßen; eine dauerhafte Aufnahme samt Familienzusammenführung könnte die Aggressionen für immer befrieden.

So etwas hätte sich Karl Eduard v. Schnitzler wahrscheinlich nicht getraut.


»Feuerwehr-Präsident schlägt Alarm: ›Angriffe werden immer brutaler‹«, schreibt Bild. »Acht Angriffe auf Einsatzkräfte und 57 Attacken gegen Einsatzfahrzeuge zählte alleine die Berliner Feuerwehr zum Jahreswechsel. Rettungssanitäter wurden sogar mit Schusswaffen bedroht.« Der Mann heißt Hartmut Ziebs, geht mit keiner Silbe auf den mindestens mutmaßlichen Täterkreis ein – hatten wir früher wahrscheinlich auch schon, wurde halt nicht angezeigt – und sagt im Interview: »Alle Innenminister verurteilen diese Attacken. Aber das reicht nicht. Warum gehen die Bürger nicht auf die Straße und demonstrieren gegen Gewalt an Feuerwehrleuten? Angriffe auf die Feuerwehr sind Angriffe auf unsere Werte. Das Innenministerium in Hessen hat eine Schutzschleife in rot-weiß-blau als Zeichen der Solidarität herausgebracht. Rot für die Feuerwehr, weiß für die Rettungssanitäter und blau für die Polizei. Diese Schleife kann jeder als sichtbares Symbol gegen Gewalt auf Einsatzkräfte tragen.«

Wenn hinreichend viele Solidarisierer die republikanische Schleife tragen, kann das nächste Silvester ja kommen! Pfeiffer wird parallel dazu eine Studie abliefern, dass gerade zum Jahreswechsel Perpektivlosigkeit und fehlende familiäre Einhegung zu Ausschreitungen führen. Aber mal Ernst beiseite: Der Feuerwehrchef ist ein gestandener, bislang offenbar nicht der Debilität verdächtigter Mann um die Sechzig, und er sondert solchen infantilen Schwachsinn ab. Sind diese Leute verrückt oder gekauft? Dass hier etwas absichtlich und vorsätzlich geduldet wird, kann ja kein Zurechnungsfähiger mehr übersehen.

5. Januar

Eine Journalistin der dpa, also einer Nachrichtenagentur, hat den Leiter der Leipziger Buchmesse, Oliver Zille, im Interview mit einer Kaskade von Frage traktiert, ob und warum er »rechte Verlage« zulassen werde. Im Grunde ist da nichts zu fragen, die banale Antwort würde lauten: Selbstverständlich, wir sind eine Messe, und da kann jeder ausstellen, linke Verlage finden sich ja auch zuhauf ein. Aber so einfach ist es bekanntlich nicht, weshalb die Interviewerin – die, ich wiederhole es, eine sich als Verbreiterin möglichst objektiv gehaltener Nachrichten ausgebende Agentur vertritt – von Anbeginn des Gesprächs in den Verhörmodus schaltet:

»Auf der Frankfurter Buchmesse hat es im Herbst Tumulte an Ständen rechter Verlage gegeben. Wie sieht es im Frühjahr in Leipzig aus – werden wir rechte Verlage auf der Buchmesse sehen?«

Es hat also Tumulte gegeben? Tatsache ist, dass linke Randalierer die Veranstaltungen besagter Verlage gestört, deren Stände verwüstet und Bücher beschädigt bzw. »entsorgt« haben (unter anderem meine). Wer Bücher zerstört, ist ein Barbar und hat auf einer Buchmesse nichts zu suchen. Und damit das nicht mehr passiert, sollen also die Verlage ausgeschlossen werden, deren Bücher zerstört wurden. Suggeriert eine »Nachrichtenagentur«.

Der Rest ist Echolalie; die Journalistin stellt hintereinander die folgenden Versionen der immergleichen Frage:

»Mit welcher Begründung lassen Sie die Auftritte rechter Verlage in Leipzig zu?«

»Die Leipziger Messe ist eine GmbH. Wieso muss eine Firma die Meinungsfreiheit garantieren?«

»Es gibt Initiativen wie #verlagegegenrechts, die das Argument umdrehen und sagen, Meinungsfreiheit wird nicht allein dadurch gewährt, dass man rechten Scharfmachern ein Podium bietet. Was sagen Sie dazu?«

»Auf der Frankfurter Buchmesse musste sogar die Polizei eingreifen. Wie wollen Sie verhindern, dass es solche Szenen auch in Leipzig gibt?«

»Wie viele rechte Verlage werden denn überhaupt auf der Messe vertreten sein?«

»Sie sagen, die Aufmerksamkeit für rechte Töne nimmt generell zu. Aber indem Sie den Sprechern eine Bühne bieten, wird sie ja auch nicht gerade kleiner.«

Fast alle Fragen laufen, bei Lichte besehen, auf einen »Kampf gegen links« hinaus. Aber das ist unserem dpa-Genie vermutlich schon selber aufgefallen.


O Gott, was liest man: Alexander Dobrindt im Interview von Marionetta Slomka »vorgeführt«, weil der stammelnde CSUler ihr und dem Publikum nicht erklären konnte, was er eigentlich meint, wenn er eine »konservative Revolution der Bürger« anzetteln will. Dabei liegen die Antworten doch auf der Hand. Er hätte sagen sollen: Naheliegenderweise wollen wir zuerst einmal die Alimentierung Ihres Belehrungs- und Erziehungssenders beenden; anstatt dem Steuerzahler Milliarden abzupressen, damit Sie agitieren, schlemmen und mit Personal aasen können, sollten Sie sich der Konkurrenz am Markt stellen, und wenn die linken Lautsprecher des Staatsfunks heruntergedimmt werden, wird automatisch das gesellschaftliche Klima besser. Dann wollen wir Steuererleichterungen für Familien mit Kindern, sofern die Eltern etwas zum Gemeinwohl beitragen, eine Befristung aller Sozialleistungen außer für wirklich Bedürftige, die Wiederherstellung des Rechtsstaates an den Grenzen und vor Gericht, die Rückkehr des Sühnegedankens in die Rechtspflege, mehr große, moderne, sichere – und Donald Trump würde sagen: schönere – Gefängnisse für die Schulung derer, die momentan mit lächerlichen zur Bewährung ausgesetzten Strafen für schwere Verbrechen davonkommen, weil die Knäste mit dem Gold aus den Schiffen überfüllt sind. Wir wollen die Rückkehr zu einem Bildungssystem, bei dem die Schüler nach Verlassen der Schule lesen, schreiben und rechnen können und mindestens eine Fremdsprache beherrschen, die Beendigung der Abiturienten- und Geisteswissenschaftsstudentenschwemme und die Streichung aller Mittel für den Gender-Okkultismus, die Streichung sämtlicher Mittel, die in den verfassungswidrigen »Kampf gegen rechts« fließen, die Kürzung der Kultur- und Bühnensubventionen, weil dort ja eh nur noch Kultur demoliert wird, und natürlich eine Einwanderungspolitik, die Neubürger bevorzugt, die ihre Rechnungen selber bezahlen wollen (und können) bei strikter Abweisung und Ausschaffung aller anderen, zumal der zahllosen Straftäter, die sich hier breitgemacht haben. Wir wollen einen Mentalitätswandel, wir wollen, dass Frühaufsteher, Buckelkrummmacher, Arbeitsplätzeschaffer, Erfinder und Patentanmelder mehr und die Schwätzer, Sozialabsahner, Ideologieverbreiter und Asylindustriespitzbuben weniger Geld verdienen. Wir wollen überhaupt den Menschenschlag abschaffen, der für seine schiere Existenz eine Belohnung zu verdienen meint, und den Menschenschlag fördern, der selber für sich sorgt. Das hätte fürs erste genügt. Mehr hätte Frau Slomka in ihrer Sendezeit eh nicht untergebracht.

6. Januar

Warum sind bei den Jahreswechselfreiluftevents diesmal so viele Feuerwehrleute und Sanitäter angegriffen worden? En passant weist Vera Lengsfeld in ihrer Bilanz der diesjährigen Silvestergewalt, die von unseren sozialistischen Medienschaffenden in bewährter Konsequenz und im noch bewährteren Chor kleingeredet wurde, auf eine mögliche Ursache hin: Es waren diesmal weniger Frauen auf den Straßen unterwegs, worüber viele erwartungsfrohe Neumitbürger mit Recht sauer gewesen sein dürften – sieht denn so Willkommenskultur aus? –, so dass sie ihre überschüssigen Energien anderswo abarbeiten mussten. Und müssen.


Irgendwann in den späten Achtzigern produzierte die DDR-Industrie, und zwar der VEB Halbleiterwerk Frankfurt/Oder in Kooperation mit Carl Zeiss Jena, einen Ein-Megabit-Chip. Toshiba stellte die Dinger damals schon massenhaft her, und Chips mit weit höherer Speicherkapazität befanden sich in Arbeit, doch die Propaganda tönte tagelang vom DDR-Elektronikwunder. Damals kursierte der Witz: »Wir bauen die größten Mikrochips der Welt!« Daran fühlte ich mich erinnert, als ich las, dass Bundesinnenminister Thomas de Maizière mahnt, Deutschland müsse sich mehr auf die Entwicklung von Chiptechnologie, vor allem von Sicherheitstechnologien kaprizieren, denn deutsche IT-Sicherheitsprodukte seien weltweit hoch anerkannt. Ungefähr so wie der Ein-Megabit-Chip aus der DDR?

Deutschland verfüge doch kaum über IT-Sicherheitstechnologien, notiert der bloggende Informatiker Hadmut Danisch. »Außerdem gehören Mikroprozessoren und deren Speicherverwaltung nicht zu den ›IT-Sicherheitsprodukten‹, obwohl sie damit viel zu tun haben. Man kann aber nicht einfach mal unter ›Sicherheitsprodukte‹ einen Prozessor neu bauen. Und ob wir hier in Deutschland genug Know-How haben, um solche Fehler zu vermeiden, möchte ich bezweifeln – ich glaube nicht mal, dass wir hier rein leistungsmäßig konkurrenzfähige Prozessoren hinbekommen. Lasst es mich so sagen: Sie können ja nicht mal einen Flughafen bauen, und das ist prinzipiell einfacher. Und die Sicherheitsforschung ist in Deutschland ein Witz. Wir haben kaum befähigte Professoren, und die Professuren werden noch mit Quotenfrauen vermurkst, die bei Kryptographie und ähnlichem sofort kapitulieren.« Den künftig drohenden Cyberattacken von Terroristen, Kriminellen und unfreundlichen Staaten haben de Maizière und seine Truppe jedenfalls nicht allzu viel entgegenzusetzen.

Zugleich hat die Bundespolizei, weil sie kaum noch Rekruten findet, die Anforderungen an die potenziellen Bewerber auf einen Ausbildungsplatz grotesk minimiert: Wer für den mittleren Polizeivollzugsdienst kandidiert, darf beim Einstellungstest-Diktat auf zweihundert Wörter 24 Rechtschreibfehler machen; die Unter- oder besser Obergrenze beim Body-Mass-Index (BMI) wurde auf 35 angehoben (ich dürfte als Polizeibewerber 116 Kilogramm wiegen, aber Mike Tyson hatte immerhin einen BMI um die 31), und die bislang geforderte Mindestkörpergröße wurde ebenfalls abgeschafft. Du darfst als Polizeianwärter dumm, fett und ein Gnom sein und wirst verbeamtet, aber trotzdem finden sie keine. Wer hat schließlich schon Lust, sich in den molekularen Bürgerkriegen der Zukunft verheizen lassen, zumindest solange kein Gustav Noske im Amt ist?

Inzwischen fordern sogar führende Sozis, die Polizei solle personell aufgestockt werden – nur mit Merkellego, so die dahinter lauernde Erkenntnis, wird der Schutz der Bürger vor Schutzsuchenden bei konstant offenen Grenzen und weiterhin ungeregelter Einwanderung im unteren fünfstelligen Bereich pro Monat nicht funktionieren. Die Grenzen kontrollieren geht bekanntlich nicht, denn das fordert die AfD, und dann würden wir uns abschotten und schnurstracks »in Inzucht degenerieren« (W. Schäuble). Zugleich sind die roten Strolche, wenn ich richtig informiert bin, für den Familiennachzug. Das heißt, die Polizeiplanstellen müssten dann von Neuem aufgestockt werden. Da jetzt schon Rekrutenmangel herrscht, werden sie wahrscheinlich früher oder später auch um Gehbehinderte, Blinde, Sekundäranalphabeten, Drogensüchtige, durchgefallene DSDSKandidaten und Gender-Forscherinnen werben.


Dass er das Wirtstier und damit am Ende sich selbst umbringt, ist das Dilemma des Parasiten – und die letzte Genugtuung des Wirts.

8. Januar

»Für viele muslimische Jugendliche bricht in Auschwitz eine Welt zusammen«, vermeldet das Internet-Flusensieb Huffington Post.

»Ja«, juxt Freund ***, »es hat Überlebende gegeben.«

14. Januar

Am 24. Dezember gab eine Freundin meiner Frau, Pianistin auch sie, ein Essen, und einer der Gäste, ein russischer Cellist, ist auf dem Heimweg von einem Rudel junger »Südländer« ins Koma geprügelt worden. Geschehen zu Karlsruhe in der Heiligen Nacht. Ich erzähle das, weil der Musiker diese Woche aus dem Krankenhaus entlassen wurde; er hatte eine Schädelfraktur und ein gebrochenes Fußgelenk. Die Hände sind gottlob unverletzt geblieben. Gelesen habe ich davon nirgends etwas. Die Polizei hat sich bis heute nicht dafür interessiert, dass ein durch Fremdeinwirkung schwer Verletzter in die Notaufnahme eingeliefert wurde. (PS: Nachdem ich den Vorfall veröffentlicht hatte, nahm die Kripo Karlsruhe über mich Kontakt zu dem Cellisten auf; die Täter konnten nicht ermittelt werden.)

Dergleichen Angriffe geschehen längst täglich und landesweit. Einem ehemaligen Fußball-Profi von Hannover 96 und dänischen Nationalspieler widerfuhr dasselbe wie dem Cellisten, als er einer Frau helfen wollte – Männer, die Frauen helfen wollen, sind eine völlig neue, von keinerlei #metoo-Gelärme assistierte Opfergruppe in ’schland –, auch er erlitt einen Schädelbruch durch das Einwirken einer »Gruppe«. Die Lektion ist einfach: Komme nicht zwischen die Gruppe und ihre Beute. Dass der Sportler sich über den Vorfall nicht äußern will, hängt, fürchte ich, damit zusammen, dass im deutschen Fußball die »Respect«-Fuchtel herrscht und brav gegen »rechts« vulgo die einzige Partei, die noch an die alte Bundesrepublik glaubt, gekämpft werden muss, damit Deutschland immer noch ein bisschen bunter wird.

Die allzu exakte Beschreibung der Kollateralschäden liefe denn doch auf den allseits geschätzten Vorwurf oder wenigstens Verdacht der Ausländerfeindlichkeit hinaus, wie bei den immerhin gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einer noch nicht so lange und einer schon länger hier lebenden Schar im sächsischen Wurzen (so etwas passiert nur noch im Osten; im Westen gibt es keine biodeutschen »Gruppen« mehr, die sich gegen das tägliche Angepöbelt-, Angemacht- und Zusammengeschlagenwerden von Landsleuten zur Wehr setzen). Dass die andere Seite rassistisch oder eben inländerfeindlich agiere, diesen Vorwurf hört man bekanntlich nie, denn der wäre, na was schon: ausländerfeindlich.

Dergleichen geschieht, wie gesagt, nicht nur täglich, der potentielle Täterkreis wird mit dem Segen der Bundesregierung auch täglich vergrößert. Die Grenzen sind so unkontrolliert wie eh und je, und es werden nicht nur kaum abgelehnte Asylbewerber abgeschoben, sondern im Gegenteil sogar Abertausende neue auf Kosten des Steuerzahlers mit Chartermaschinen eingeflogen – ein welthistorisch wahrhaft singulärer Vorgang (man stelle sich vor, Rom hätte die Vandalen mit gemieteten Sänften an den Tiber tragen lassen) und ein totaler Sieg gegen die Schlepper, die den Bumsbombern nach nunmehr Deutschland ohnmächtig von unten mit den Fäusten drohen. Die Große Koalition in statu nascendi, in welcher sich der krachende Wahlverlierer SPD auf einmal so fordernd aufführt wie ein fideler Araberclan, will jedes Jahr bis zu einer Viertelmillion neue Problemfälle importieren, und der deutsche Michel, der über Jahrzehnte von den Moralposaunisten mürbe getrötet wurde, schaut verdattert zu, käut die Endsiegs- und Wunderwaffenparolen wieder und ballt da und dort schweigend die Faust in der Tasche. Deutschland schafft sich ab, und die meisten Deutschen finden nichts dabei. Sie glauben allen Ernstes an die Existenz eines Konstrukts namens »die neuen Deutschen«, wie es das Munkelrübenpaar Münkler/Münkler merkelfromm verhieß. Unmögliches existiert für dieses Volk nicht. Sie haben 1917/18 »Wir schaffen das!« gerufen, 1939/41 dasselbe wiederholt, und nun geschieht es wieder. Nachdem man die Nibelungen zu Schuldneurotikern gemacht hat, entfaltet sich ihre Treue nunmehr im Öffnen der Schatullen und Hinhalten der anderen Wange. Was für ein Narrenfest! Schade, dass es einmal enden muss.

Wechseln wir auf die Perspektive der anderen Seite. Die Menschen, die hierher strömen, besitzen einen durchschnittlichen IQ deutlich unter 100, aber sie sind klug genug, die Beute nicht auszuschlagen, die ihnen so generös dargeboten wird, deutsche Frauen zuweilen inclusive. Sie sind oftmals weder Bürgerkriegsflüchtlinge noch politisch Verfolgte, sondern von ihren Familien vorausgeschickte kräftige junge Männer, die einen Brückenkopf ins deutsche Sozialsystem errichten und dann die gesamte Mischpoke (hähä) nachholen sollen. In ihren Köpfen tragen viele von ihnen sittliche und moralische Wertvorstellungen weniger aus Tausendundeiner Nacht als vielmehr aus tausend Jahren tribalistischer Stagnation. Zugleich ereilt sie hier die kognitive Dissonanz von Menschen, denen man eingeredet hat, dass sie dem einzigen Gott dienen und den einzig wahren Glauben vertreten, also quasi eine Herrenrasse sind, und sich nun vor die knifflige Situation gestellt sehen, dass die Unreinen und Minderwertigen alles besitzen, was sie auch gern haben wollen, und alles können, was sie auch gern können oder wenigstens als dienende Kompetenzen in Beschlag nehmen möchten: Die Häuser, die Autos, die Händis, die Pornos, die Huren – alles ist besser als daheim, aber im Besitz von dekadenten Ungläubigen. Man muss nur die Hände ausstrecken und sich den Rest mit Gewalt nehmen; diese ulkig schlaffen, merkwürdig hilfs- und kulturell unterwerfungsbereiten Eingeborenen bieten es ja direkt an, nur eben nicht in ausreichendem Maße. Und da sie sehen, dass mit Widerstand nicht zu rechnen ist, dass zuweilen sogar schwere Gewalttäter von den Richtern nur verbal am Ohr gezupft werden und als freie Männer den Gerichtssaal verlassen – eine Bewährung kann nur Gott verhängen –, während zugleich ihre Zahl ständig wächst und immer mehr bereits im Lande ansässige, ehedem teilverwestlichte Glaubensbrüder auf ihre Seite wechseln, werden sie mutig und beginnen das zu tun, was eben des Eroberers edle und fundamentale Pflicht ist: sich Land zu nehmen und Räume zu erobern.

Die okkupierten Territorien werden markiert durch Symbole ihrer Kultur und ihres Glaubens – Kopftuch, Schleier, Rauschebart, Halal-Essen, Alkoholverbot, Moschee, Muezzinruf, Friedensrichter, Scharia-Polizei, Salafistenpropagandastände – und mit Gewalt verteidigt bzw. ausgedehnt. Diese Gewalt verbreiten »Gruppen« oder veritable Dschihadisten. Sie markieren die neuen Reviere. Bereits die Jungen sind gehalten – und werden dabei vom deutschen Strafrecht gepampert –, sich »Respekt« zu verschaffen, wie soeben in Cottbus geschehen, wo drei »Jugendliche«, 14, 15 und 17 Jahre alt, vor einem Einkaufszentrum ein Ehepaar (51 und 43) mit einem Messer angegriffen haben, denn die Kartoffeln hatten ihnen nicht den Vortritt gewährt und die Frau sich obendrein geweigert, ihnen Respekt zu zollen. In dem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben, kann ein 14-jähriger wahrscheinlich rechtswidrig importierter Semiprimat eine 43-jährige Unreine öffentlich auffordern, sich vor ihm zu neigen.

Wir bekommen von unseren linksgrün gefinkelten und gemerkelten Wohlmeinenden und von deutschkundigen Muslim-Funktionären regelmäßig zu hören, dass all diese Gewalttaten Einzelfälle und keineswegs Bestandteile einer Struktur seien, wie auch die gelegentlichen Morde, mit denen sogenannte Flüchtlinge ihre Beziehungen zu abspenstigen deutschen Mädchen beenden, bloße »Beziehungstaten« seien, die nichts mit der Religion oder ethnisch-kulturellen Prägung der Täter und erst recht nichts mit einer intendierten Unterwerfung zu tun hätten. Wie auch die seltenen Terroranschläge nicht – eher fällt man bekanntlich daheim mit einem »Verdammt!« von einer Leiter, als dass einen ein »Allahu akbar!« ins Jenseits eskortiert. Verurteilen nicht die meisten Muslime sowohl die Kopftreterei als auch die Abstecherei – und den Terror sowieso? Sind nicht auch Muslime Opfer solcher Taten? Eine Islamisierung findet erstens nicht statt, und wo doch, präferiert, zweitens, die Mehrheit der Muslime ein friedliches Zusammenleben.

Sehen wir davon ab, dass sämtliche Studien der letzten Dekade unter deutschen und europäischen Muslimen schariakonforme Mehrheiten präsentierten, also eine Majorität der Muslime hierzulande das religiöse Recht in Befragungen über das weltliche stellt. Die meisten Muslime werden persönlich die Anwendung von Gewalt wahrscheinlich ablehnen, zumindest für sich selbst. Die meisten Muslime lehnen auch die Radikalen ab. Aber das taten sie in Algerien oder anderen Ländern Nordafrikas ebenfalls, die sich in einem Tempo reislamisiert haben, das man selbst dortzulande nicht für möglich hielt. Eine ganze Frauengeneration ist unter dem Schleier verschwunden. Es geht nämlich nicht um Mehrheiten, das wird man doch gerade Deutschen nicht erzählen müssen, denn Mehrheiten pflegen sich anzupassen. Eine radikale, junge, gewaltbereite Minderheit reicht aus. Wenn in gewissen Gebieten Frauen ohne Kopftuch belästigt werden und als solche erkennbare Muslimas nicht, wird die Zahl der Kopftuchträgerinnen in diesen Gebieten zunehmen. Wenn Homosexuelle, Juden, überhaupt Eingeborene bzw. Nicht-Muslime im öffentlichen Raum Angst vor Schlägern oder Messerstechern haben müssen, werden sie entweder diese Räume meiden oder sich unkenntlich machen. Eine latente, aber ständig drohende Hintergrundgewalt erzwingt Anpassung.

Dasselbe geschieht, ebenfalls unter Druck und Gewaltandrohung, in den biodeutsch-muslimischen Partnerschaften, wie uns eben der Rechtleitungskanal Kika vorgeführt hat (wobei als pikante Note hinzukommt, dass ein syrischer Vorzeige-»Teenager«, dem sich die deutsche minderjährige Freundin unterordnen muss, offenbar mit einem radikalen Islamisten sympathisiert). Immer unterwirft sich das Mädchen der Religion des Kerls und geht in seinen Besitz über, während ein deutscher Bub es sich zehnmal überlegen sollte, ob er eine Muslima angräbt oder gar angrapscht, ohne konvertiert zu sein; die Brüder sehen das meistens nicht gern. Der kuriose Vorgang, dass einem ein nicht besonders denkbegabter Gattungsgenosse die Überlegenheit seines Weltbildes verklickert, verliert an Komik, wenn man anfängt, Zähne auszuspucken.

Der Islam kommt zwar nicht als eine paramilitärische Struktur nach Europa, aber eben auch nicht als beliebig auslegbarer Glaube zahlreicher unzusammenhängender und willkürlich handelnder Einzelner. Es ist ein dezentral organisierter, aber letztlich einheitlich agierender Großorganismus. Die meisten Muslime folgen einem für sie unverhandelbaren Regelwerk, das im Koran und in den Hadithen niedergelegt ist. Der westliche Heilsplan des Individualismus, des Konsumismus und des Hedonismus, welchem zufolge alle familiären, ethnischen, nationalen und kulturellen Bindungen »Konstrukte« sind und aufgelöst werden müssen, zerschellt an der Klippe eines zwar uralten, unterkomplexen, scheinbar überholten, jedoch kollektiv mächtigen Regelwerks. Die Anpassung der überlegenen, jedoch pazifistischen, wohlhabenden, jedoch wehrlosen Gastgeberkultur an die primitivere, aber vitale und drohfähige Kultur der Einwanderer ist die logische Folge. Lose Einzelne, die kaum mehr familiäre Loyalitäten kennen, weil die Familien oft schlicht nicht vorhanden sind, geschweige irgendwelche Gruppenbindungen, stehen Brüdern, Sippen, Clans, Banden und einer missionarischen, teilweise aggressiven Religionsgemeinschaft gegenüber. Deutschland ist sturmreif, und die vom Volk gewählten Kollaborateure sorgen dafür, dass jeder Widerstand erstickt wird.

Wenn Muslime wie Bassam Tibi, Imad Karim, Necla Kelek oder Hamed Abdel-Samad eine islamische Aufklärungfordern, also die Trennung von Religion und Recht, werden sie nicht nur von ihren eigenen Leuten attackiert, sondern in der gesamten deutschen Öffentlichkeit zunehmend als Störenfriede behandelt und isoliert. Die Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit, Seyran Ateş, steht unter Personenschutz und findet wenig Unterstützung in den tonangebenden Milieus dieser Republik. Die haben längst ihre überkommenen BRD-Totems geschleift, die sie so lange ostentativ umtanzten, wie sie Nutzen daraus ziehen konnten und keine Gefahr drohte: Frauenrechte, Jugendschutz, Homosexuellengleichstellung, Anti-Antisemitismus, alles haben sie fallengelassen, und nun verrichten sie ihren Götzendienst am dampfenden Altar des Multikulturalismus und der »Buntheit«, wo im Tagestakt Einheimische geopfert werden, darunter Frauen, Schwule, Minderjährige, Juden … Die Idee, die Einwanderer würden sich unserer Kultur, die sie als dekadent verachten, und unserem Rechtssystem, das sie als schwächlich belächeln, frohgemut assimilieren, ist romantisch, dumm und verlogen. Mit den Worten eines Orks der mittleren Führungsebene bei der Belagerung von Minas Tirith: Dieses Land stinkt vor Angst. Und mal unter uns düsterdeutschen Betschwestern: Wozu sein Herz an ein Land binden, welches verlässlich Kohorten von Endsiegs-Narren und die dazugehörigen Legionen feiler Opportunisten hervorbringt?

Wir werden mit Billigung der politischen und wirtschaftlichen Eliten erobert – neben der Masseneinwanderung über die Grenzen steht jene in den Kreißsälen –, und der Steuerzahler ist gezwungen, seine ethnisch-kulturelle Verdrängung zu finanzieren (die besonders begabten Nationalmasochisten tun dies sogar gern). Die Verdrängung hat auf der Straße begonnen und inzwischen den Wohnraum erreicht, sogar jenen der sogenannten Mittelschicht, über deren unbegründete Abstiegsängste die Wahrheits- und Qualitätspresse periodisch die Nase zu rümpfen pflegt. Zu diesem Prozess muss sich jeder mittelfristig irgendwie verhalten. Man kann ins Exil gehen (die Osteuropäer, Russland, vielleicht Portugal, Österreich und die Schweiz kämen in Frage), man kann auf Gated Communities (wo man auch die gebildeten Muslime trifft) und die Entwicklung der Gesichtserkennungsund Drohnentechnologie zur eigenen Verteidigung vertrauen, man kann den Koran auswendig lernen (das macht immer Eindruck; ich empfehle die Rückert-Übersetzung, die ist am poetischsten), man kann vor zwei muslimischen Zeugen das Glaubenbekenntnis sprechen (ich nehme an, diese Version wird unter Journalisten, Kirchenfunktionären und sog. Linksintellektuellen populär, denn man darf dann gleich dieselben Leute unter anderem Vorzeichen weiterverfolgen, obendrein ohne weibliche Konkurrenz und Frauenquoten), sich den Identitären anschließen, sich bewaffnen, Bürgerwehren bilden, sich in ländlichen Gebieten separieren, Glocken läuten, beten, Kinderscharen zeugen, afrikanische Christen um sich scharen, verzweifelt die AfD wählen oder hoffnungsvoll die Grünen. Ein alter chinesischer Fluch lautet: »Mögest du in bewegten Zeiten leben!« Die Bewohner des Sozialparadieses BRD treten gerade in dieses Stadium ein. Die plötzlich über dieses Land hereinbrechende rohe Gewalt, der die meisten noch blöde blinzelnd und in der Hoffnung hospitieren, der Kelch werde an ihnen vorübergehen und alles werde schon nicht so schlimm, ist nur der Vorbote.


Leser *** sendet »eine kleine, vielleicht nicht gar nutzlose anmerkung zu Ihrem text: es stimmt schlicht nicht, dass der import von migranten in der historie noch nie vorgekommen ist. ausgerechnet die gegenüber den vandalen noch viel fataleren goten wurden 376 von der römischen küstenwache über die donau massenhaft aufs territorium des imperiums geschippert, die goten hatten selber keine boote, die flußgrenztruppen schon…, aus gründen der menschenrechte und der demographie, so wurde damals schon von christlichen bischöfen in konstantinopel argumentiert, sei die förderung der zuwanderung eine humane tat, und wenn das als argument eher hinterhergeschoben wurde, als die goten um 420 schon allpräsent in militär und bürokratie waren, dann geschah es 376 aus schlichter schlamperei oder aus gründen der geld- und sklavengier der begrüßungsadministration im damaligen dünn besiedelten thrakien … egal … der administrativ vorgeschriebene vorgang der registrierung und entwaffnung der neu hinzugekommenen scheiterte übrigens sogleich an der schieren masse der migranten, die römischen beamten mit ihren tischchen suchten das weite, und es scheint, dass danach die goten selber ihren familiennachzug alla grande auf gekaperten römischen booten zuende führten … zwei jahre später hatten sie, naiv empfangen und dann schändlich sich selbst und dem hunger überlassen, das erste kaiserliche heer samt kaiser vernichtet, alles geschehen im heutigen bulgarien an der treffend sogenannten balkanroute …, der ort der schlacht wird als adrianopel (heute eine islamisch geprägte stadt edirne mit herrlicher moschee) in den geschichtsbüchern verzeichnet … 409 war dann ja die hauptstadt rom dran, erobert und noch recht zurückhaltend geplündert von den nachfahren und veteranen der von rom organisierten massenmigration von 376 an der donau … nochmal zwei generationen später war es dann vorbei mit dem imperium im westen, das der kaiser im osten den barbaren aus dem norden überlassen hatte … man sollte die lektionen, welche die geschichte lehren könnte, nicht übersehen … ob alles immer gleich passiert, ist ja eine offene frage, aber man darf ruhig spekulieren, mit dem arianismus hatten die goten wie die vandalen und sueben sogar ihre eigene konfession, die ihnen bei der distinktion half … immerhin kam es damals entlang der zugangsroute der goten, hunnen und awaren ins italische kernland zur gründung von venedig, von verzweifelten längerdortlebenden in den sümpfen auf pfahlhäuser gerammt und so vor den wasserscheuen barbaren geschützt. ob es auch heute in entlegenen wäldern oder lagunen zu einer solchen kulturtat kommen kann? ein paar ingenieure mit rudimentären kenntnissen eines hiesigen fachhochschuldstudiums müssten immerhin überleben …

ich hoffe, Sie verzeihen mir meine kleine anmerkung, sie ist nicht besserwisserisch gemeint, aber seit ich den großartigen, naturgemäß nicht ins deutsche übersetzten historiker alessandro barbero mit gleich zwei büchern über die donauzuwanderung des späten 4. jahrhunderts rezipiert habe, ist es mir ein anliegen, dieses wissen deutschen freunden und bekannten nicht vorzuenthalten …«


Aus einem Urteil des OLG Koblenz, 1. Senat für Familiensachen:

»Zwar hat sich der Betroffene durch seine unerlaubte Einreise in die Bundesrepublik nach §§ 95 Abs. 1 Nr. 3, 14 Abs. 1 Nr. 1, 2 AufenthG strafbar gemacht. (…) Die rechtsstaatliche Ordnung in der Bundesrepublik ist in diesem Bereich jedoch seit rund eineinhalb Jahren außer Kraft gesetzt und die illegale Einreise ins Bundesgebiet wird momentan de facto nicht mehr strafrechtlich verfolgt.«

Ein erstaunliches Dokument sozusagen richterlich beglaubigten Landesverrats.

15. Januar

Heute feiert – so will ich doch hoffen – Günter Maschke seinen 75. Geburtstag. Der gebürtige Erfurter ist einer der bedeutendsten Köpfe, die dieses Land nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs hervorgebracht hat, was auf den ersten Blick in einem gewissen Widerspruch zu seinem lediglich esoterischen Ruhm und zur fehlenden Würdigung des Jubilars stehen mag, auf den zweiten Blick ist es schon recht; manche Instrumente klingen in engen und klebrigen Resonanzräumen einfach nicht.

Maschkes Biographie ist geronnene deutsche Nachkriegsgeschichte: Als Adoptivkind kam er von Mitteldeutschland nach Trier, 1960 trat er in die illegale KPD ein, heiratete die Schwester von Gudrun Ensslin, studierte Philosophie bei Ernst Bloch, schloss sich der »Subversiven Aktion« Tübingen und danach dem SDS an, verweigerte den Wehrdienst und entzog sich einer drohenden Verhaftung durch die Ausreise zuerst nach Österreich und schließlich nach Kuba, wo er politisches Asyl erhielt. Der reale Sozialismus ernüchterte ihn, er äußerte offen Kritik und wurde schließlich aus Castros Zuckerrohrparadies ausgewiesen. Er kehrte in die Bundesrepublik zurück und verbüßte eine einjährige Haftstrafe wegen Fahnenflucht in Landsberg. Später lehrte er als Dozent an der Marineschule von La Punta (Peru) Theorie und Strategie der Partisanenbekämpfung und nahm selber an Gefechten gegen den Sendero Luminoso (»Leuchtender Pfad«) teil. Sowohl bei der kubanischen Miliz als auch bei der Marineinfanterie in Peru »ging es weniger ängstlich, ging es freier zu« als in Deutschland, resümierte er später, denn: »Aus einem verzagten Hintern kommt kein fröhlicher Furz – und der Hintern war im demokratischen Deutschland verzagter als im totalitären Cuba und im autoritären Peru.«

Eine Zeitlang war Maschke freier Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen, wo bekanntlich die verklemmten Popos längst das Sagen haben, und mit aller Folgerichtigkeit endete sein Aufenthalt dort aufgrund unerwünschter Ansichten. »Nach einer publizistischen Kontroverse mit Jürgen Habermas schied Maschke 1985 aus der FAZ-Mitarbeit aus«, liest man auf Wikipedia; tatsächlich wurde er ebenso hinausgeworfen wie aus Kuba (wo die Militärpolizisten dem Dissidenten bei dessen Abtransport zum Flughafen immerhin noch eine Lebewohl-Zigarre in die Hemdbrusttasche steckten, worauf bei einem Rausschmiss im stilabholden Deutschland niemand kommen würde), und zwar weil er sich zu positiv über Carl Schmitt geäußert hatte. Heute gilt der linke Renegat als bester und belesenster Kenner des schwefelumschwafelten Staatsrechtlers (Maschke: »Zuweilen weht mich der Verdacht an, daß ich mich dummgelesen habe«). Beiseite gesprochen: Es gehört zu den bemerkenswerten Phänomenen dieser Republik, dass nach Kontroversen mit Herrn Habermas immer Karrieren endeten und Reputationen ruiniert waren; an der Brillanz der Argumente des Transzendentaldemokraten lag es nicht. Über dessen »Theorie des kommunikativen Handelns« befand der Verstoßene lakonisch, es sei der Mühe nicht wert, sich mit einer Theorie zu befassen, die jeden Tag durch die Abendnachrichten bequem widerlegt werde.

Von der radikalen Linken wechselte Maschke zu den gemäßigten Rechten. Er übersetzte Donoso Cortes und Gómez Dávila ins Deutsche und publizierte vor allem zu staats- und völkerrechtlichen Themen, und zwar immer in einem blendenden, beißenden Stil. Seine Generationen-Essay »Die Verschwörung der Flakhelfer« etwa beginnt mit dem Satz: »Die Bundesrepublik, halb ordentlicher Industriehof, halb Naherholungszone mit regelmäßig entleertem Papierkorb, dieses handtuchbreite Restland, dessen Bewohner nach Harmlosigkeit gieren, ist zugleich das Land, in dem jeder zum Verfassungsfeind des anderen werden kann.«

Auf die heutige Linke, »die UNESCO-Linken mit ihrem rührend kindlichen Menschenbild«, blickt der einstige Revoluzzer mit Geringschätzung. »Angesichts ihrer heutigen theoretischen Anämie muß sie ihren lächerlichen Aufkläricht als Aufklärung verkaufen, ihre Zerstörung der Bildung als Bildungspolitik, ihr faible für ›humanitäre Aktionen‹ – gleich Imperialismus – als Friedenspolitik, ihre so brachiale wie seichte Umerziehung als Befreiung usw. Die klassische Hoch-Aufklärung war ein extrem skeptisches, elitäres Unternehmen (…) Solcher Realismus fehlt den heutigen naßforschen Vulgarisatoren völlig. Der realistische Blick auf den Menschen, das Erkenne-die-Lage und Rechne-mit-den-Beständen, damit aber die Vernunft – das sind Dinge, die doch weit eher auf der Rechten zu finden sind. Was sind hundert Seiten Habermas gegenüber einer Seite Hobbes oder Gehlen? Wer klärt da auf?«

Auf die Frage »Glauben Sie an Gott?« hat er vor ein paar Sündenjährchen geantwortet: »Nicht immer, aber oft. Hemingway antwortete einmal auf diese Frage: ›Sometimes at night.‹ Man entdeckt, meist schockhaft, was für ein Dummkopf und Feigling man ist, wie kleinmütig, rachsüchtig, heuchlerisch, zur Liebe unfähig man ist. Zu derlei Gedanken sind Nächte besonders geeignet. Das Leben besteht aus grauenvollen, absurden Bruchstücken, und man denkt darüber nach, was Er fragen wird an jenem Tage: ›Günter Maschke, was hast du getan?‹ ›Ich habe zwei bis drei gute Aufsätze geschrieben und ansonsten das Meer gepflügt, aber selbst das ohne Fleiß!‹ Das wird noch meine positivste Antwort sein.«

Dem Herrgott galt übrigens auch der erste Satz, den ich von ihm zu hören bekam. Er lautete: »Ich glaube, dass Gott raucht.« Mögen ihm die Zigaretten und der Wein auch heute munden!


»Guten Abend, Herr Klonovsky, ich gestatte mir, Ihren sehr pauschal geratenen Hinweis auf den ›durchschnittlichen IQ von deutlich unter 100‹ (bei den aktuellen Einwanderern; Acta diurna von gestern – M.K.) mit meinen Quellen etwas zu konkretisieren, wobei ich mich auf muslimische und afrikanische ›shit-hole countries‹ begrenze:


Land CA IQ
Bahrain 84 81
Botswana 74 71
Ägypten 81 83
Indonesien 82 87
Iran 83 84
Kuwait 76 87
Marokko 71 84
Oman 81 85
»Palestina« 80 86
Philippinen 74 86
Qatar 72 83
Saudi Arabien 74 80
Südafrika 63 72
Syrien 81 79
Tunesien 81 84
Türkei 87 90
UAEmirates 92 83
Yemen 64 83

Sie wundern sich garantiert nicht überfolgende Vergleichsdaten:


Australien 101 98
Österreich 100 100
Deutschland 99 99
Hong Kong 104 108
Japan 105 105
Niederlande 102 100
Neuseeland 100 99
Singapur 105 108
Südkorea 106 106
Schweiz 100 101
Taiwan 103 105
100 100
USA 98 98

CA = Cognitive Abilities kann als der ›pragmatische‹ IQ-Wert bezeichnet werden; er setzt sich zusammen aus Leistungen in Flexibilität/Anpassungsfähigkeit, Selbst-Regulation, Arbeitsgedächtnis; die CA-Daten sind Schätzungen aus den IQ-Werten von PISA-, TIMSS- und PIRLS-Tests, die in den betreffenden Ländern tatsächlich erhoben worden sind.«


Es gibt aber auch sehr viele erfolgreiche Migranten. »Fast jeder zweite Flüchtling, der gegen die Ablehnung seines Asylantrags klagt, ist damit in erster Instanz vor den Verwaltungsgerichten erfolgreich«, meldet die FAZ.

16. Januar

In einer Rede im sächsischen Chemnitz fordert der Anwalt Maximilian Krah, der von der CDU zur AfD gewechselt ist, das Publikum auf, nicht immer nur über die Motive zu rätseln, die hinter dem willkommenskulturellen Amoklauf der Kanzlerin stehen mögen, sondern einmal diejenigen in den Blick zu nehmen, die beim Götzendienst um den bon sauvage ihre eigenen Kinder zum Opfer bringen. Was, fragt er, ist eigentlich im Leben beispielsweise der Eltern der in Kandel erdolchten Mia oder bei denen der in Freiburg ermordeten Maria L. oder bei denen des schariakonform weichgeklopften Kika-Mädchens falsch gelaufen, dass sie ihre Töchter überhaupt einer solchen Situation aussetzten? Jedem nüchtern Denkenden sei doch klar, dass solche interkulturellen Konflikte jederzeit möglich sind und die Gegenseite womöglich ganz anders damit umgeht, als in deutschen Bildungseinrichtungen gemeinhin gelehrt wird. Wer oder was hat diesen Leuten die Skepsis und den Schutzreflex abtrainiert? Offenbar seien sie »von einem kollektiven Wahn befallen. Das heißt, sie tun etwas, wovon der gesunde Menschenverstand eigentlich sagt: Finger weg!« Und warum, fragt Krah weiter, sind gerade die Menschen in Ostdeutschland anscheinend dagegen immunisiert?

Meine Antwort kennen Sie. Die Gehirnwäsche im Westen war viel smarter und tiefreichender als in der DDR, wo auch das nicht funktioniert hat, am Ende wahrscheinlich sogar besser als die in Rotchina. Man hat den armen Westdeutschen den Selbsterhaltungsinstinkt abdressiert und ihnen gleichzeitig eingeredet, dass sie die moralische HerrInnenrasse der Menschheit, gewissermaßen die Elite der nationalen Selbstabschaffung seien. Diese spinnerten Provinzler träumen von der Einen Welt, wo zehn Milliarden Gleiche einander zum energiereduzierten Massenschunkeln unterhaken, sie glauben allen Ernstes, ein Teil der Menschheit denke schon jetzt wie sie, und der große Rest strebe es an. Ihr Erwachen ist blutig und wird noch viel blutiger werden. Das Ganze läuft unter Darwin Awards. Wie so oft müssen die Kinder für die Torheiten ihrer Eltern, die Völker für jene ihrer Regierungen büßen.


Um eine Vorstellung zu gewinnen, welche Sitten uns mitsamt ihrer schutzbedürftigen Beherziger inzwischen zugelaufen sind, muss man die Meldung über den soeben in Potsdam zu lebenslanger Haft verurteilten somalischen Mörder bis zu Ende lesen. Der Asylbewerber hatte einen Landsmann erstochen. Täter und Opfer kannten sich gut. Auch ihre Familien übrigens. »Die Großfamilie des Angeklagten hat nach eigener Darstellung den Angehörigen des Opfers Kamele im Wert von 36.000 US-Dollar übergeben, damit diese Familie auf eine Blutrache verzichtet«, meldet rbb. »Die beiden Großfamilien leben in Somalia in nächster Nachbarschaft.«

17. Januar

Eines meiner Lieblingsbonmots stammt von Ralph Waldo Emerson und lautet: »Das Gefühl, gut gekleidet zu sein, verschafft eine Sicherheit, wie sie keine Religion geben kann.« Rein empirisch sind gut gekleidete Menschen freilich noch seltener anzutreffen als fromme, auch wenn zunehmend neues religiöses Bodenpersonal im postchristlichen Westen eintrifft, das aber in der Regel ebenfalls nicht besonders ansprechend gekleidet ist.

Während den Damen oder mittlerweile Mädels eine erhebliche Freiheit des sich-Kleidens zu Gebote steht, sowohl was die Formen als auch die Farben betrifft, vom kleinen Schwarzen bis zum Ballkeid, vom Dirndl bis zum Kostüm, sollte ein westlicher Mann, der etwas auf sich hält, beim Verkehr mit anderen Menschen die bürgerliche Uniform tragen: den Anzug. (Ein guter Bekannter erschien sogar im Anzug, als er mir beim Umzug half.) Wie jeder schon einmal auf Bildern gesehen hat, wirkt sogar ein Schimpanse im Anzug manierlich, also sollte auch jeder höhere maskuline Primat einen anziehen, bevor er sich in die Öffentlichkeit begibt. Dieses Gebot galt hundert Jahre, inzwischen gilt es bekanntlich längst nicht mehr. Das Bequeme, Praktische, Billige, »Funktionale« hat das geschmacklich Ansprechende und sittlich Verbindende abgelöst, und nur ein Don Quichotte des Ästhetischen kann sich noch darüber beklagen. »Ein Photo mit streikenden Arbeitern um 1900 zeigt eine Menge in schwarzen Anzügen mit schwarzen Melonen auf dem Kopf«, schreibt Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch Manieren. »Mit diesem Typ Proletarier gedachten Bebel und Lenin und Mussolini Staat zu machen. Welches Staatsbild entspricht dem Unisex-Jogginganzug?«

Bekanntlich wird uns Letzterer als ein Bestandteil oder Kollateralschaden der individuellen Freiheit verkauft, welche einschränkungslos zu preisen sei, »denn-die-Melone-hat-Hitler-nicht-verhindert«, und jedes Staatsbild ist verwerflich, solange der bildlose Staatsgötze hinreichend für die große Umverteilung sorgt. Tatsächlich erleben wir einen Siegeszug der Vulgarität, auf welche Freiheit ohne kulturelle Verbindlichkeiten anscheinend unvermeidlich hinausläuft. Der merkwürdige Reiz, den Filme aus den 30er bis 60er Jahren auf den dafür Empfänglichen ausüben, egal ob sie in Europa oder Übersee gedreht wurden, hat neben der warmen, unhektischen, kultivierten Diktion der Darsteller ja vor allem mit ihrer Kleidung zu tun. »Es wäre vielleicht nicht einmal abwegig, in der gesamten Periode von der Jahrhundertwende bis etwa 1970 eine stilistische Einheit zu sehen«, notierte Rolf Peter Sieferle. In den Filmen etwa seien Ton, Stimmung, Ambiente ungefähr identisch. »Ähnlich die Mode, vor allem die Männermode: Anzug und Schlips treten gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf und beginnen seit den frühen siebziger Jahren wieder zu verschwinden; sie degenerieren zur Berufskleidung von Versicherungsvertretern und Politikern. Vielleicht können sie, ähnlich wie die Culotte im 19. Jahrhundert, noch eine längere Zeit ihr Dasein in bestimmten Gesellschaftssegmenten fristen, doch gehören sie nicht mehr zur dominanten Uniformierung des Massenmenschen.«

Typischerweise lesen wir in den Gazetten, dass »Top-Manager« zunehmend auf die Krawatte verzichten, und zwar mit einer gewissen Periodizität, als müsse noch der Letzte der enorm wichtigen Herren davon überzeugt werden. Am spektakulärsten aber, so Sieferle, sei das Verschwinden des Hutes – ich vermag mir an dieser Stelle jedesmal die Bemerkung nicht zu verkneifen: mit Ausnahme der Geßler-Hüte –: »Im Untergang des Hutes bestätigt sich die alte kulturkritische Diagnose, daß mit der bürgerlichen Kultur eine sehr weit in hochkulturelle Räume zurückreichende Tradition untergegangen ist.«

Was stattdessen über die gesamte westliche Welt hereinbrach, war die Kultur der Unterschicht. Dieser Prozess begann im Gefolge des 68er Destruktionstheaters, als die gesamte westliche Welt in Alltagsgeschmacksfragen auf LSD gekommen zu sein schien: Die Frisuren, die knallbunten Farben von Hemden, Autos und Tapeten, die Schnitte der Hosen und die auf Küchenfliesen geklebten Pril-Blumen bezeugten, dass die Gesellschaft ästhetisch verrückt geworden war. Die Befreiung des Menschen von den »bürgerlichen Zwängen« lief naturgemäß darauf hinaus, dass er seinen animalischen Trieben mehr Auslauf verschaffen durfte. Am signifikantesten standen dafür die sogenannte sexuelle Revolution, der explodierende Drogenkonsum und die Rockmusik. Mögen die Beatles noch Genies gewesen sein, der abschüssige Weg war beschritten. Heute hören die Jugendlichen Rap, und die Luxusvorstellungen eines Spitzenpolitikers oder -managers laufen ungefähr auf das hinaus, was Videos amerikanischer »Gangsta-Rapper« als die verdienten Trophäen des Rücksichtslosen präsentieren: geile Weiber, große Autos, teure Uhren.

Sieferle übernimmt für diesen Prozess einen Begriff, den der amerikanische Kulturhistoriker Paul Fussell geprägt hat: prole drift. Diese Drift besteht darin, dass der Stil – und das gilt nicht nur für die Kleidermode – »nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben fließt«. Dergleichen habe es in agrarischen Zivilisationen nie gegeben. Die aus der aristokratischen Kultur gewachsene bürgerliche Kultur wandert derweil ins Museum (das Museum ist bürgerliche Kultur). Oper, klassisches Konzert, Hausmusik, Salon, Manieren, Tischsitten, Konventionen, Konversation, Bildungskanon, all das sind nur noch von distinkten Käuzen gepflegte Überbleibsel einer verschwundenen Epoche. Wer einen Prozess namens prole drift überhaupt bemerkt, gehört schon zu diesen Käuzen. Die neue, »moderne« Kultur besteht zu einem gewissen Teil noch aus dem Abräumen der alten – der Begriff Regietheater sollte hier als pars pro toto hinreichen –, ansonsten genügt der Besuch einer documenta und eines Rock-Pop-Rap-Konzerts, um zu wissen, worauf die Sache hinausläuft. Zum Phänomen prole drift gehören Boxkämpfe, Fußballspiele, überhaupt Sportereignisse als der zentrale Kult unserer Zeit – außer in Mekka und bei Papstbesuchen versammeln sich nirgendwo so viele Menschen, aber beim Sport tun sie es regelmäßig in insgesamt ungleich höherer Zahl –, dazu gehört generell die Vorliebe für Massenveranstaltungen, Massenpartys, Massentourismus, Massenstrände, Massenskipisten, überhaupt alles Massenhafte. Und eben auch die Veränderung der Kleidung ins Funktionale, Stillose, Beliebige, aber in seiner Beliebigkeit entsetzlich Uniforme.

Apropos funktional: Ich werde mich jetzt in meinem Harris Tweed-Anzug für ein Vormittagsschläfchen aufs Sofa legen, in der schönen Gewissheit, dass der Stoffbeim Aufstehen keine einzige Falte haben wird. Mallory, Irvine und die anderen Titanen der frühen Alpinistik sind in Tweedanzügen auf den Mount Everest gestiegen (und dort gestorben, was allemal würdiger ist, als irgendwo in Jack Wolfskin-Klamotten zu mumifizieren).

Wenn es wärmer wird, reden wir über italienische Anzüge.


»Für mich nach 20 Jahren als Gerichtsreporterin der erschütterndste Prozess meines Berufslebens.« So beginnt ein Artikel über den Prozess gegen Mohammed N., 27, und Adil E., 35, »die mit falschen Identitäten nach Deutschland eingereist waren«. Die beiden Marokkaner hatten »mehrere Unterkünfte zerlegt, Menschen in und vor Gaststätten angegriffen. So bekam ein Mann ein Bierglas ins Gesicht geschlagen, einem Behinderten wurde die Krücke weggenommen, als er zu Boden ging, wurde er mit der Krücke geschlagen. Schon diese Taten hatten die Angeklagten gemeinsam begangen, doch der 35-Jährige hatte noch mehr auf Lager: So wurden einmal Menschen auf einem Supermarktparkplatz mit einer Machete verfolgt, bei zwei anderen Gelegenheiten zog der 35-Jährige einmal mit einer Axt und ein weiteres Mal mit einer Motorsäge durch den Ort. Die Motorsäge stammte dabei übrigens aus einen Garageneinbruch bei dem Vorsitzenden eines Flüchtlingshilfevereins, den die Lindlarer extra zur Unterstützung der ankommenden Asylanten gegründet hatten.«

Was alles offenbar kein Anlass war, diese fröhlichen Gesellen auszuweisen oder vorm Kanzleramt anzuketten. Erst mussten die beiden einen Mitbewohner mit »ungeheurer Brutalität und selten anzutreffendem Vernichtungswillen«, wie der Richter sagte, zusammenschlagen und -treten. Das ins Koma geprügelte Opfer landete auf der Intensivstation, die beiden Täter in U-Haft. Dort ging es weiter. »Nachdem er einen Mitgefangen schwer verletzt hatte und schließlich einen Justizvollzugsbeamten angegriffen und mit dem Tode bedroht hatte (›Ich habe schon zwei Menschen getötet und du bist der dritte‹), war der 35-Jährige nur noch in Hand- und Fußfesseln, begleitet von mehreren Beamten, ins Gericht gebracht worden. Dem Gericht hatte E. schon angekündigt, dass er nicht an der Urteilsverkündung teilnehmen werde, weil der Richter kein Recht habe, dort zu sitzen und er nur Angst vor Gott habe. Das Urteil werde er anfechten. Tatsächlich musste E. von den Beamten gefesselt in den zweiten Stock in den Gerichtssaal getragen werden und selbst dort kämpfte der Mann mit aller Kraft gegen die Beamten. Lediglich am Boden liegend konnte er halbwegs ruhig gehalten werden.«

So geht es also zu am Landgericht Köln in Zeiten wachsender Gefahr von rechts.

Das Schlusswort der Gerichtsreporterin lautet: »Ich gebe jedenfalls mein Ehrenwort, dass bei meiner Arbeit in den Gerichten deutsche Angeklagte die absolute Minderheit sind.«


Ein Kessel Buntes, Fortsetzung:

»572 Fälle von Genitalverstümmelung« seien allein in Hessen erfasst, meldet die Welt, die Dunkelziffer sei aber um ein Vielfaches höher zu veranschlagen: »In ganz Deutschland leben fast 50 000 weibliche Opfer von Genitalverstümmelung, wie eine Studie des Bundesfamilienministeriums im Jahr 2017 ergab. Verbreitet ist diese Praxis demnach unter anderem in Ägypten, Eritrea, Somalia, Äthiopien, Mali und dem Irak«.

18. Januar

Ein berühmtes Zitat aus Tocquevilles Großessay Über die Demokratie in Amerika beschreibt mit Falkenblick in die Zukunft die Art und Weise, wie die totalitär gewordene Demokratie ihre Opponenten dermaleinst liquidieren werde, ohne ihnen dabei ein Haar zu krümmen, nämlich durch den bürgerlichen Tod: »Der Machthaber sagt hier nicht mehr: ›Du denkst wie ich, oder du stirbst‹, er sagt: ›Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie ich; Leben, Vermögen und alles bleibt dir erhalten: aber von dem Tage an bist du ein Fremder unter uns. Du wirst dein Bürgerrecht behalten, aber es wird dir nicht mehr nützen; denn wenn du von deinen Mitbürgern gewählt werden willst, werden sie dir ihre Stimme verweigern, ja, wenn du nur ihre Achtung begehrst, werden sie so tun, als versagten sie sie dir. Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. Wenn du dich einem unter deinesgleichen nähern wirst, so wird er dich fliehen wie einen Aussätzigen; und selbst wer an deine Unschuld glaubt, wird dich verlassen, sonst meidet man auch ihn. Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.‹«

Soweit die inzwischen fast schon zweihundert Jahre alte Prognose. Nun zu einem Exempel ihres Vollzugs. Martin Sellner, der Chef der identitären Bewegung, von der wir lesen, dass sie ganz furchtbar sein soll, aber mir ist keine einzige Gewalttat dieser Leute gegen Leib und Leben von anderen bekannt wie etwa bei der Antifa, ist als bürgerliche Existenz binnen weniger Tage ausgemerzt worden: Linksfaschisten haben sein Auto angezündet, drei Banken haben seine Konten gekündigt, Twitter, YouTube und Facebook haben sein Profil gelöscht, Amazon hat sein Buch aus dem Sortiment genommen. Dergleichen geschieht ohne jede Begründung. Feile Lumpen in den Medien haben den Aktivisten monatelang ohne jedes Maß verunglimpft und zur Jagd freigegeben, und nun beschweigen sie mit dem inneren Frohlocken des versetzten Sadisten die soziale Vernichtung eines jungen Mannes, dem keine Straftat zur Last gelegt werden kann und auch sonst kein Delikt oberhalb der Nichtbefolgung von Gleichschritt und Maulkorbpflicht. Dass die Nazi-Mentalität inzwischen mit amerikanischen Weltkonzernen kooperieren darf, ist eine Schande für das land of the free, aber wahrscheinlich nur ein Anfang. Das einzige, was hier helfen kann, sind die Kräfte des freien Marktes.

So sieht es auch der Exkommunizierte, der erstaunlich optimistisch ist und ein schönes Beispiel dafür abgibt, was sich hinter dem von Feiglingen und Opportunisten gekaperten Terminus »Zivilcourage« eigentlich verbirgt.

19. Januar

In einer Rede zur »Denkmalkultur in Deutschland« im September 2016 sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters: »Dass nach 1990, als das wiedervereinte Deutschland seine Rolle in Europa und der Welt vorsichtig neu definierte, das lang umstrittene Holocaust-Mahnmal (…) zum bedeutendsten Denkmal in Berlin wurde, das hat für sich genommen schon hohe Symbolkraft. Neil MacGregor hat anhand dieses Beispiels auf eine Besonderheit deutscher Denkmalkultur aufmerksam gemacht. Er kenne, schrieb er im Buch zu seiner Ausstellung ›Deutschland. Erinnerungen einer Nation‹, er kenne ›kein anderes Land, das in der Mitte seiner Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande errichtet hätte.‹ Als eine weitere Besonderheit deutscher Denkmalkultur scheint sich nun mit dem vorläufigen Aus für ein Freiheitsund Einheitsdenkmal das Unvermögen herauszukristallisieren, prägenden freudigen und hoffnungsvollen historischen Ereignissen und Entwicklungen ein Denkmal zu setzen.«


Die Entfernung von Ernst Moritz Arndt aus dem Namen der Universität Greifswald ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Abstimmungen vom Establishment bei Bedarf für obsolet erklärt werden, wenn sie nicht die erwünschten Mehrheiten ergeben haben. Im Dezember hatten in einer internen Umfrage 49 Prozent der Professoren, Hochschulmitarbeiter und Studenten für die Beibehaltung des Namens gestimmt. 34 Prozent waren dagegen. 15 Prozent der Teilnehmer gaben an, beide Namen seien für sie gleichermaßen akzeptabel, der Rest enthielt sich. Doch die Charakternaturen im Senat der Hochschule entschieden anders: Von 35 Senatoren stimmten 27 für die Umbenennung, acht dagegen.


Ein Mitarbeiter eines Wasserwerkes in einer thüringischen Kleinstadt hat mir erzählt, dass der Wasserverbrauch des dortigen Asylantenheims exorbitant hoch sei. Im Grunde ist das leicht zu verstehen, manche der in unsere wasserreiche Weltgegend vorgestoßenen Wüstensöhne und Savannenbrüder werden wegen der unbegrenzten Verfügbarkeit des bei ihnen eher raren Gutes in helles Entzücken geraten und sich zu temporären Hydromanen wandeln, zumal es sie ja nichts kostet (und seien wir mal ehrlich: Die meisten Deutschen würden doch auch mit dem Wasser aasen, wenn es gratis wäre).

Was mir, um beharrlich mein Lieblingsthema zu traktieren, die Frage abnötigt, wie es mit jenen angeblich von »uns« zu integrierenden anderthalb bis zwei Millionen Neumitbürgern unter dem Blickwinkel ihres grünen Fußabdrucks ausschaut. Trennen sie alle brav ihren Müll? Bringen sie die Flaschen zu dem einen Container und werfen die Plastikverpackungen in den anderen? Benutzen sie die Biotonne – und die Toiletten nicht als Mülleimer? Sparen sie Strom und Heizkosten? Essen sie wenig Fleisch? Nehmen sie vorwiegend einheimische und fair gehandelte Produkte zu sich? Träumen sie davon, zeitlebens auf öffentliche Verkehrsmittel und ggfs. Fahrräder umzusteigen? Fragen über Fragen …

24. Januar

Überall ist Letztes.


Ein Freund leidet an einer mysteriösen Nervenerkrankung und muss nach ärztlichem Ratschluss auf Alkoholika verzichten, was dem Whisky-Zechpartner eine reizende Anekdote entlockte: Ein Winzer wird mit einer akuten Sehschwäche beim Arzt vorstellig. Der Doktor erkundigt sich: »Nun einmal Hand aufs Herz, wieviel Wein trinken Sie am Tag?« So um die vier Liter, erklärt der Weinbauer. Da werde er sich wohl erheblich einschränken müssen, mahnt der Arzt, sonst drohe ihm ein weiterer Verlust der Sehkraft, vielleicht sogar die Erblindung. »Ach wissen Sie, Herr Doktor«, versetzt der wackere Winzersmann, »gesehen habe ich in meinem Leben genug, aber getrunken noch lange nicht.«


Erinnern Sie sich noch an die westweltweite Empörung, als Donald Trump das Schreckenswort »shithole country« über die Lippen ließ? Nichts illustriert den Grad der öffentlichen Verlogenheit eindrucksvoller als der Dauereinsatz der ehrenamtlichen Gesinnungspolizei gegen Worte bei völliger Gleichgültigkeit gegenüber den Zuständen. Über den Einsatz einer karitativen Organisation in Haiti ist zu lesen:

»Ihr Pendeln zwischen dem Kinderkrankenhaus St. Damian in Tabarre als ihrem Einsatzort und ihrem Übernachtungscamp sei nur unter lückenloser bewaffneter Bewachung von Tür zu Tür möglich gewesen. Die Fenster der Busse seien sogar geschwärzt, um keinen Einblick auf die Hautfarbe der Fahrgäste zuzulassen. Immer wieder würden Menschen in ihrem Auto während der Fahrt von Überholern erschossen, ausgeraubt und weggeworfen. (…) Dank Spendengeldern war es möglich, 15 erschossenen, teilweise aufgeschlitzten Kindern, die in einem ausrangierten Bus aufgefunden worden waren, wenigstens ein gemeinsames Erdloch zu ersparen und in einzelnen Pappsärgen eine Bestattung zu geben. Im General Hospital hatte man die Leichname von Babys tiefgefroren, damit sie am Silvestertag beerdigt werden konnten.«

Wahrscheinlich hat der böse Donald sogar untertrieben. Aber nein: Trump hat Jehova gesagt! Trump hat Jehova gesagt! Steinigt ihn!


Apropos Trump. Ein Jahr ist er im Amt, und ich kann mich nicht entsinnen, einen einzigen positiven Satz über ihn in den Wahrheits- und Qualitätsmedien gelesen oder erlauscht zu haben. Ich verehre und bewundere diesen Mann grenzenlos. Trump hat die Heuchelei in der Politik beendet und sagt einfach, was er meint. Er ist eine Mischung aus Parsifal und Rienzi. Er hält seine politischen Versprechen. Er macht eine vernünftige Wirtschaftspolitik. Er holt Jobs nach Amerika zurück. Er hat die Einwanderung stark reduziert. Er hat Merkel so behandelt, wie es ihr gebührt. Seine Reden sind glänzend. Aber am meisten beneide ich ihn dafür, dass er den Hass der Journalisten – was eine Mehrheit der Journalisten hasst, ist fast immer lobenswert –, der Schauspieler, der geisteswissenschaftlichen Fakultäten, der Modemacher, der Neocons, der Transatlantiker, der Wall Street-Gauner sowie der globalen Linksschickeria auf sich vereint. Dieser Kerl hat wirklich Mumm. – Man lässt im Gespräch mit einem Unbekannten seinen Namen fallen und weiß drei Sekunden später, ob sich eine Fortsetzung der Unterhaltung lohnt. Wie freue ich mich auf seine Wiederwahl!


Die Buntheit erreicht immer mehr Klassenzimmer. Auf der Webseite des Aufklärungs- und Rechtleitungskanals Kika können die Schüler jetzt mit Hilfe eines Memory-Spiels testen, wie gut sie über die verschiedene Form der Brüste ihrer Mitschülerinnen, Lehrerinnen, Mütter, Omas, Kanzlerinnen und Tanten Bescheid wissen. »Glockenform«, »Tropfenform« (mein Favorit!), »die längliche Brust«, die »Ost-West-Brust« (die hat nichts mit Ost-Mädels zu tun, die in den Westen ausgewandert sind, sondern mit einer solchen hat man es zu schaffen, »wenn die Brustwarzen nach außen zeigen», sofern die Trägerin einen in Nord-Süd-Richtung anmacht). Und nun, liebe Kinder, fragen wir Fatima nach ihrer Brustform! Oder ihre Brüder! Vielleicht verraten sie uns dann sogar noch ihre Haarfarbe.


Der Deutsche hat im Stahlbad der Vergangenheitsbewältigung lernen müssen, dass die deutsche Schuld unsühnbar ist und niemals endet, er selber aber diesen Sachverhalt besser nicht thematisieren sollte. Der deutsche Protestantismus wiederum steht vor der Situation, dass seine Vertreter und Theologen nicht mehr an Gott (und auch nicht wirklich an die Göttin) glauben, weshalb sie mehrere Substitute eingeführt haben: das Weltklima etwa oder den Flüchtling, pardon: Geflüchteten. Der Unterschied zum alten Gott besteht darin, dass die neuen Gegenstände der Anbetung gerettet werden müssen. An den Erlöser, also daran, dass Gott seinen Sohn geopfert hat, um alle Schuld der Menschen auf sich nehmen und damit alle Menschenopfer zu beenden, glauben die meisten Protestanten ebenfalls nicht mehr, nicht mal Mad. Käßmann, wenn sie einen geschnasselt hat, weshalb dieser Zerknirschungskult keinen transzendenten Ausweg mehr kennt und seine Betreiber sich an sich selbst und ihresgleichen abarbeiten müssen. (Dass auf dem Stuhl Petri ein Protestant sitzt, wird Klio als Lutherjahr-Gag in ihr ewiges Buch notieren.)

Damit ist der Protestantismus zu guter letzt völlig autoaggressiv und unterwerfungsbereit geworden. Da die deutsche Schuld unendlich und unsühnbar ist, muss das deutsche Volk aufgelöst werden – hier kommen die Linken und die Grünen mit ins Spiel, mit denen sich der ungläubige Protestant bekanntlich bestens versteht –, was einzig auf dem Weg der Masseneinwanderung eines Tages gelingen kann. Am Altar des Multikulturalismus bringen diese guten deutschen Deutschlandüberwinder täglich Menschenopfer dar, indem sie immer mehr Migranten ins Land holen, die diesen Job erledigen. Über die Opfer darf weder von den Falschen getrauert werden, noch darf man falsche Schlüsse aus ihrem Ableben ziehen, vor allem eben nicht den Schluss, dass man den Täterimport vielleicht stoppen sollte.

Thorsten Hinz schreibt in der aktuellen Jungen Freiheit dazu: »Die aus der Schuldversessenheit resultierenden Opfer, die kaltschnäuzig in Kauf genommen, möglicherweise sogar eingepreist werden, sind Stationen auf dem Weg zur Unterwerfung. Die schuldtheologisch grundierte Politik wird sukzessive zur untergeordneten, funktionalen Größe einer archaischen Kulturmechanik, die die Lebenswelt Deutschlands und der westeuropäischen Länder mehr und mehr durchdringt. Der Lynchmob, der sich rudelweise um den einzelnen Indigenen sammelt, um ihn zu demütigen, zu verletzen oder zu töten, weiß genau, welche Stellung und Funktion ihm zukommt. Er nennt ihn verächtlich: ›Du Opfer!‹«

Dass nun ausgerechnet auch immer mehr Juden den neuen Herren der Straße zum Opfer fallen – in Frankreich, wo man ein bisschen weiter ist mit Le grand remplacement, insbesondere –, ist eben Künstler- bzw. Theologenpech.

25. Januar

Wenn dereinst im Dietz-Verlag Berlin die »Gesammelten Reden und Aufsätze« unserer geliebten Angela Merkel erscheinen, deren Anzahl hoffentlich bereits gen Vollständigkeit strebt, dann wird auch die »große Europa-Rede« (Die Welt), die unsere Fremdenführerin und Weltkanzlerin in Davos gehalten hat, auf fair gehandeltem Papier und keineswegs in Schweinsleder gebunden verewigt, damit auch der fromme Neubürger sich meditierend in diese Glaubensartikel versenken kann. Was eine »große Rede« sein mag, ist nach zwölf Jahren Merkel nicht so leicht zu beschreiben, aber wir können gewiss einem Blatt vertrauen, das wie nur wenige Dutzend andere für Qualitätsjournalismus steht.

Rhetorisch hat Angela die Huldreiche eine neue Perle auf die Gebetskette ihrer Weltinnenpolitik gereiht. Deutschland ist nicht mehr nur das Land, in dem die einen länger und die anderen noch nicht so lange leben, es ist »das Land, aus dem ich komme, in dem ich Bundeskanzlerin bin«. Man war ja in Davos. Eine zweite Perle glitzert sanft nun neben jener, Frau Merkel sprach endlich, endlich von »unseren Menschen«, wie die selige Margot Honecker es tat, deren letzte Rede ich als Korrektor beim Ostberliner Morgen mit einer ähnlichen Mischung aus Entzücken und Endlichkeitsgewissheit lesen durfte, wie ich nun einmal mehr jener Kanzlerin lauschte, die meine Sprache veredelt, meine Kultur adelt, mein ästhetisches Empfinden in jeder Hinsicht hebt und die im Podiumsgespräch im Nachgang an ihre übergroße Rede u.a. mich als staatliches Bearbeitungsobjekt markiert hat mit der Formulierung, der Rechtspopulismus sei »ein Gift«, gegen das man vorgehen müsse und das aus ungelösten Problemen entstehe. Wer die Probleme geschaffen haben mag, diese Frage stellte ihr die moderierende Altherrensprechpuppe mit der sonoren Stimme nicht.

Die beiden am häufigsten in der überaus großen Rede auftauchenden Termini lauteten: »multilateral« und »disruptiv«. Mit Letzterem meinte die Gebenedeite unter den Politikweibern keineswegs die disruptive Umwandlung deutscher Stadtviertel in orientalische binnen weniger Jahre, sondern selbstverständlich Technologien. Die Digitalisierung etwa – wobei sie eingestand, dass das Land, wo sie herkommt und Kanzlerin ist, in vielen Belangen hinter der Entwicklung hertaumelt und -talpt (»Heia! hei! Wie taumeln die Tölpel dahin! Durch das Tal talpen sie schon«, Loge, Rheingold). Da fragte sich der eine oder andere Hörer am Volksempfänger wahrscheinlich, wer denn die vergangenen zwölf Jahre die Deutschland AG geführt hat?

»Wir sind nicht führend in Digitalisierung«, räumte die Geschäftsführerin mutig ein. So müsse man beispielsweise »den Bürgern eine Möglichkeit geben, mit ihrem Staat in Zeiten der Digitalisierung zu kommunizieren«. Von einem iPhone 10 telefoniert es sich mit der 110 doch ganz anders! Jammerschade, dass das Teil nicht aus ’schland kommt. Aber in welcher Technologie ist denn das Land, aus dem Frau Merkel stammt und wo sie als Kanzlerin malocht, noch führend? Energieerzeugung? Die anderen Europäer betreiben nach wie vor ihre Atomkraftwerke, deren Strom sie in das einstige Land der Physiker, Chemiker und Ingenieure liefern, wenn dort kein Wind weht und keine Sonne scheint, so wie sie umgekehrt, wenn zuviel Wind weht und die Sonne lacht, gegen einen kleinen Obolus den deutschen Stromüberschuss annehmen. Das ist europäischer Geist! Die Frau, die Deutschland durch die Kataklysmen der globalisierten Disruptionenen führt, ist schließlich Physikerin!

In welchen Bereichen ist dieses Land denn überhaupt noch führend? Weltklimarettung? Afrikarettung? Eurorettung? Geschlechtervielfaltsrettung? Rette sich, wer kann! »Die Gefahr, dass die Welt über uns hinwegrollt, ist groß«, sprach die Kanzlerin, denn es war eine große Rede. Sie meinte damit natürlich die Digitalisierungsbestrebungen der anderen – falls schon wieder ein paar verschwiemelte Rechtspopulisten Nektar aus gewissen Sprachbildern saugen wollen –, sonst rollt hier gar nichts über uns hinweg!

»Daten sind die Rohstoffe des 21. Jahrhunderts.« Das könnte Claus Kleber nicht besser formulieren! »Wir müssen schauen, dass wir ein interessanter Investitionsstandort sind.« Was man dafür braucht, ist klar: Hohe Steuern, große Parteiapparate, viele sympathische, gebildete, aufstiegswillige, religiös tolerante Einwanderer, die ihre Viertel bunt ausschmücken, mehr Politikwissenschaftler, mehr Sozialpsychologen, mehr Gender-Expertinnen, mehr Kulturanthropologen, mehr Windräder, mehr NGOs, mehr Initiativen gegen »rechts«. Genossen, wir sind auf einem guten Weg.

»2015 ist die Globalisierung nach Deutschland in Form von Menschen und mit Flüchtlingen gekommen.« Vorher hatte man von ihr in Deutschland nicht einmal ein Schwänzchen gesehen. Nun auf einmal »gab es die Migration, wo man (= diejenigen, die schon länger hier leben und weder zu den Nettostaatsprofiteuren noch zur Asylindustie gehören) den Eindruck hatte: Uns wird etwas weggenommen.« Den Eindruck nur. Mit Ausnahme der denkbar wenigen, denen das Leben weggenommen wurde oder die Gesundheit oder das Gefühl, ihr Unterleib gehöre ihnen. Mit Ausnahme derjenigen, denen ihr Stadtteil weggenommen wurde und ihr Sicherheitsgefühl oder ihr Seelenfrieden auf dem Schulweg. Einigen wird auch der Wohnraum weggenommen, damit Neubürger darin hausen können, doch das sind Einzelfälle. Merkel hat wahrscheinlich nicht den Eindruck, dass die optimistisch geschätzten bis zu 30 Milliarden Euronen aus dem Steuersäckel, die im Jahr zur Pflege des Goldes aus den Schiffen gezahlt werden, statt in die Sanierung von Straßen, Schulen, Bädern, die digitale Forschung und ähnliche Profanitäten zu fließen, dem Bürger weggenommen werden, doch es gibt sehr zurechnungsfähige Leute, die meinen, auch die Steuergelder würden dem Bürger entwendet, bei der Höhe der deutschen Sätze ohnehin (immer die Mehrwertsteuer dazurechnen!).

Kommen wir zum Blick auf die Welt, Merkels Lieblingsperspektive. »Deutschland will ein Land sein, das auch in Zukunft seinen Beitrag leistet, um gemeinsam in der Welt die Probleme der Zukunft zu lösen.« Na was denn sonst! Doch wie? »Multilateral« natürlich. Man braucht dafür viele »multilaterale Organisationen«, auch da wird der Steuerzahler einspringen müssen, außerdem »Fortschritt bei der Partnerschaft mit Afrika« – mir ist bei meinen Champagnerbädern ganz entgangen, dass wir eine Partnerschaft mit Afrika haben, ich bin natürlich entschieden dagegen –, und wir (!) müssen (!) »die große Menschheitsherausforderung Klimaschutz« annehmen, damit auch der zivilreligiöse Aspekt nicht ganz unters Pult fällt bei dieser wirklich sehr großen, sehr eschatologischen Rede.

»Alle diese Fragen sind national nicht zu lösen.« Nein, aber vielleicht in Kooperation mit den anderen Nationen? Welches Gremium soll den Nationalstaat ablösen und statt seiner den Rechtsstaat und die Innere Sicherheit, die einzigen Aufgaben eines gesunden, nicht hypertrophierten Staates, garantieren? Diese vergaunerte Brüsseler EU etwa, die ihren Mitgliedern den Bräunungsgrad von Pommes frites vorschreibt, die Saugleistung ihrer Staubsauger, die Krümmung ihrer Gurken, die Wärmedauer ihrer Kaffeemaschinen? Nun, mit dieser Petitesse kann sich Angela I. in einer eminent großen Rede nicht beschäftigen.

»Europa braucht eine gemeinsame Entwicklungspolitik.« Ist denn noch nicht genug europäisches Steuergeld in den Taschen korrupter afrikanischer Despoten verschwunden? Das einzige, was Afrika von den Europäern brauchen kann, sind Investitionen, und zwar nicht staatliche, sondern wirtschaftliche. Nur keine Politik! Was Europa seinerseits braucht, ist ein klares Signal nach Afrika: Ihr seid ein riesiger Erdteil, die Natur gibt euch alles, helft euch selbst, wir werden bei euch investieren, wir werden mit euch Handel treiben, ihr könnt als Touristen zu uns kommen, aber demografisch können wir euch nicht helfen, was allein daran zu erkennen ist, dass die anderthalb oder zwei Millionen, die bei uns eine veritable Krise auslösen, auf eurem Erdteil in weniger als einem Monat nachgeboren werden. Für Einwanderer ziehen wir die Zugbrücken hoch, uns wird es allmählich zu eng. Die australische Lösung also. Wer immer sie anbietet, den werde zumindest ich bis ans Ende meiner Tage wählen.

Doch unverdrossen weiter mit der großen Rede der Sonnen- und Klimakanzlerin. »Wir glauben, dass Abschottung uns nicht weiterführt.« Wer ist »wir«? Beate Baumann und der Tauber? Und wer glaubt das Gegenteil? Schottet sich jemand ab, der seine Haustür abschließt? Wer auf dieser Welt außer Nordkorea schottet sich tatsächlich ab? Sachsen? Die Rechtspopulisten? Will die AfD den Waren- und Nachrichtenverkehr einschränken? Wollen die Rechtspopulisten den Tourismus limitieren? Fremdsprachen verbieten? Doch auf einmal will Frau Merkel selber abschotten: »Wir müssen die europäischen Außengrenzen schützen«, erklärte sie. Das sagt die Dame, die um die zwei Millionen illegale Grenzübertritte legalisieren und mit Familiennachzug belohnen will – kann sich noch jemand erinnern, auf wessen Kosten?

»Seit der chinesischen Mauer, seit dem römischen Reich wissen wir: Reine Abschottung hilft nicht, um Grenzen zu schützen.« Nein, die Grenzen schützen würde bereits genügen. Dieser Satz spricht freilich eher für eine konsequente Merkelsche Abschottung von Geschichtskenntnissen, und das wird zumeist noch schlimmer, wenn sie ihre Ressentiments gegen die Deutschen des 20. Jahrhundert formuliert. Aber das römische Reich, dieses Vielvölkerreich, das vier Jahrhunderte lang der politische, kulturelle, künstlerische, militärische, merkantile, kulinarische Mittelpunkt der Welt war, betrieb »reine Abschottung«? Geht’s noch? Bei den Chinesen wiederum ist ja bekannt, gegen welche höllischen Horden sie ihre Mauer gebaut haben, und man weiß nicht recht, was sie hätten anders machen sollen. Entwicklungshilfe? Wechselseitige Hinrichtungsabkommen? Förderprogramme für mongolische Frauen?

Doch weiter mit Merkels Imperativ-Stakkato – wenn Sie die häufige und stets begründungsfreie Verwendung der Worte »müssen« und »brauchen« irritiert: Es ist der Ton, in welchem man künftig mit Ihnen reden wird –: »Wir sind mit verantwortlich für die Entwicklung des afrikanischen Kontinents.« Dieser Satz ist eigentlich blanker Rassismus, er heißt in die saloppe Sprache der Grünen Jugend übersetzt: Die Bimbos packen es alleine nicht. Und wieder die Frage: Wer ist »wir«? Also ich nicht und niemand, den ich kenne. Und warum eigentlich? »Wir Europäer haben eine tiefe Schuld gegenüber den Afrikanern wegen des Kolonialismus.« Wie wäre es, Gevatterin, wenn Sie darüber mit ihrem belgischen oder britischen Amtskollegen sprechen? Welche Schuld haben die Polen gegenüber Afrika? Die Ungarn? Die Balten? Die Tschechen? Die Österreicher? Die Schweden? Die Sachsen? Wer solche Sätze ausspricht, plädiert für die moralische Selbstentwaffnung. Wer so etwas sagt, will der Erpressung Tür und Tor öffnen, der will invadiert und ausgebeutet werden. Wie das endet, kann man an den viehischen Morden an weißen Farmern in Südafrika studieren.

»Wir brauchen eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik.« Klar, eine deutsche gibt es ja nicht mehr, diese Truppe ist nicht mal »bedingt einsatzbereit«, wie ein nur noch bedingt berühmtes Magazin einst kalauerte. Die Frauenverteidigungsministerin, die unter Merkel in dieses Amt geschmierseift wurde, heißt bekanntlich Ursula von der Leyen, und unter ihr ist jene Armee, die über 100 Jahre das Vorbild aller anderen Armeen dieser Erde gewesen ist, endgültig zum Gespött der echten Militärs geworden. Geht niemandem die Komik einer solchen Forderung aus dem Munde dieser eminent großen Rednerin auf?

»Wir brauchen eine gemeinsame europäische Außenpolitik.« Wir brauchen am besten ein in allem gemeinsames und gleichgemachtes Europa. So redet eine Person, die nicht in Kulturen, Traditionen, Mentalitäten, gewachsenen Strukturen und Institutionen denkt – das sind die eigentlichen Ressourcen des Landes, wo sie herkommt und Kanzlerin ist –, sondern in von irgendwelchen Menschen gefüllten Räumen, wo sich neue Technologien etablieren müssen, wo Technokraten lose Einzelne bequem regieren, bevormunden und über immer neue Steuern ausplündern können, wohin man Wanderbewegungen leitet und wo man am besten alles durcheinander wirft und mischt, das wird schon funktionieren, und wenn nicht, dann ist es eben nicht mehr ihr Land. Man sollte überhaupt einmal die Frage aufwerfen, warum deutsche Politiker beharrlich die Interessen von nichtdeutschen Staatsbürgern vertreten zu dürfen meinen, woher diese Dreistigkeit kommt, den eigenen Leuten in die Taschen zu greifen und das Geld an Fremde zu verteilen. Diese Großschwätzerin des Globalismus und des Universalimus ist in Wirklichkeit ein politischer Zauberlehrling des Partikularismus. Wenn sie Pech hat, aber das interessiert die Nachkommenlose nicht, deren Gene aussterben werden, wird sie eines Tages als die Wegbereiterin der Tribalisierung jenes Landes gelten, wo sie Kanzlerin war und den Globalismus predigte. Und was die gemeinsame europäische Verteidigungspolitik betrifft: Auf phantasievollen Webforen diskutiert man längst, ob dermaleinst die Polen einmarschieren werden, um Deutschland vom Chaos zu befreien und zu befrieden, oder ob es vielleicht doch Russen und Amis übernehmen. Oder gar niemand. Selber können sie es gewiss nicht.

»Je besser es zuhause in unseren Ländern gelingt, Spaltungen zu überwinden, desto besser auch die mulitlaterale … blablabla.« Morgen kommt Trump nach Davos. Mit schlotternden Knien naht er der geschlossenen Phalanx der bzw. einiger Europäer.


Noch zum Vorigen: »More than 1,000 private jet flights have been delivering globalist elites to the World Economic Forum (WEF) in Davos, where attendees are discussing — among other topics — the ›major threat‹ of climate change«, meldet die Presse; dafür haben diese schönen Seelen aber beflissen applaudiert, als sich Merkel gegen die Rechtspopulisten erklärte, die das Klima viel mehr vergiften als der wirtschaftliche Jetset.

28. Januar

Auf Befehl der Liebsten Teilnahme am Semperopernball in Dresden. Ambivalente Eindrücke. Eigentlich eine reizende Veranstaltung. Wenn sich tausend Frauen in Abendkleider und tausend Männern in Smoking oder Frack hüllen, um miteinander Walzer zu tanzen, ist das eine löbliche Unternehmung. Zumal Hunderte noch auf dem Vorplatz bis weit nach Mitternacht mittanzten, zuletzt, als ein unbarmherziger Dauerregen eingesetzt hatte, unter Schirmen, ein pittoresker Anblick: immer je ein Paar und ein Schirm drehten sich im Scheinwerferlicht unter Regenschauern im Kreise … Rein ästhetisch war das Level hoch, viel höher, als ich erwartet hatte; die meisten Mädels und Damen trugen geschmackvolle Kleider, kaum ein Gesicht war von Botox entstellt, ganz anders als ich es von Bogenhausener und Grünwalder Schickeriaschachteln kenne, und die Herren, die es ohnehin leichter haben, erschienen (mit Ausnahme der allzeit fröhlichen Pfeife Johannes B. Kerner) formell gekleidet. Mein Favorit war ein kahlköpfiger ungefähr Endfünfziger, der einen Frack trug, gelbe Schuhe, ein Umhängetäschchen und eine auffällige Tätowierung aus drei ineinander übergehenden Sternen am Hals.

Die Veranstaltung zerfiel in zwei Teile. Der offizielle oder Showteil bestand in der – von einzelnen Musikeinlagen unterbrochenen – Verleihung des St. Georgs-Ordens (warum heißt das eigentlich »Verleihung«? Müssen die das Ding wieder zurückgeben?). Dieser unterschied sich wenig von einer Bambi-Veranstaltung oder Goldenen Kamera, die übliche Selbstfeier der Schickeria. Der Orden zeigt neben dem Wahlspruch Adverso Flumine (»Gegen den Strom«) das Bildnis des Heiligen Georg zu Pferde, mit ihm sollen also Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die »gegen den Strom schwimmen«, und so war es ja auch. Sigmar Gabriel etwa bekam ihn eingehändigt, und der ist gegen den Strom bis an die Spitze der Oppositionspartei SPD und sogar des Auswärtigen Amts geschwommen. Oder Veronica Ferres, die sich und ihrer Familie in der Dankesrede bescheinigte, es habe ihnen »an Mut nie gefehlt«; sie schwimmt also gleich mit der ganzen Mischpoche gegen den Strom. Schauspieler reden zu hören, wenn sie einmal nicht etwas sprechen, das ihnen jemand aufgeschrieben hat, ist fast immer ein Gedicht! In den Jahren davor hatte Til Schweiger diesen Orden bekommen, Thomas Gottschalk, André Rieu, Peter Maffay und andere couragierte Gegen-den-Strom-Schwimmer, auch veritable Weltveredler wie der Ex-Maoist und Eurokrat Manuel Barroso, der inzwischen den Zielhafen jedes gegenstrebigen linken Lebensplans erreicht hat: Goldman Sachs.

Dann begann der Tanzteil, in allen Etagen, Haupt- und Nebensälen, und siehe, alles war gut.

30. Januar

In praktisch jedem Text über Michel Houellebecq steht zu lesen, er sei ein Provokateur. Also mich hat er bislang mit keiner einzigen Zeile provoziert.


Gestern Stehempfang der baden-württembergischen Landesvertretung in Brüssel. Ministerpräsident Kretschmann eröffnet seine Rede mit einem Zitat des Diogenes von Sinope: »Um uns zu vervollkommnen, brauchen wir entweder gute Freunde oder hartnäckige Feinde.« Mit uns meint er die EU bzw. ihren wahren, guten und edlen Kern. Wen er in die andere Kategorie sortiert, ist klar: Putin, Erdogan und, rhetorisch etwas abgefedert, Trump als die äußeren, die Regierungen Polens, Ungarns und der anderen osteuropäischen Querulanten als innere Feinde (wenn ich mich recht entsinne, gebrauchte er das Wort »Feinde« nicht noch einmal explizit, es stand ja mit dem Diogenes-Zitat bereits im Raum).

Kretschmann und den Seinen käme nicht im Traum der Gedanke, dass irgendein Argument aus den Ostländern begründet sein könnte, dass man die Welt aus einer anderen als der deutschen EUlaliker-Perspektive sehen könnte, dass weniger die Nato und die EU als vielmehr die politische Vernunft einer Osterweiterung bedürftig sein könnte. Die Osteuropäer haben andere historische Erfahrungen gemacht als der Westteil des Kontinents. Sie haben keine Eroberer- und Kolonialgeschichte und deswegen auch kein jederzeit aktivierbares schlechtes Gewissen der Dritten Welt gegenüber. Stattdessen wurden sie mehrfach selber kolonisiert. Viele dieser Länder litten – zum Teil jahrhundertelang – unter dem osmanischen Joch, was ihre Empfänglichkeit für eine muslimische Masseneinwanderung bis heute sehr reduziert. Diese Länder waren wechselweise von den Nazis und von den Bolschewisten besetzt, die ihre Bevölkerungen dezimierten und ihnen ihre Traditionen nehmen wollten. Nun, nachdem sie Hakenkreuz und Roten Stern abgeschüttelt und wieder durch das christliche Kreuz ersetzt haben, erklärt ihnen die EU – die verheuchelt-reumütigen Nachfahren der Nazis sowie die reuefernen der deutschen Kommunisten vorneweg –, der Halbmond sei eine notwenige Komplettierung jeder Diversity-Palette. Doch was heißt, es wird ihnen erklärt – es wird ihnen befohlen bei Strafe des Geldhahnzudrehens. Im Westen, diesem Weltteil der Käuflichen, glaubt man nämlich bolzenfest daran, dass jedes Problem überall auf der Welt mit Geld zu lösen sei.

Als in Prag die Sowjet-Tanks einrollten, war Herr Kretschmann AStA-Vorsitzender, später trat er in den Kommunistischen Bund Westberlins ein. Ich werfe Kretschmann keineswegs seine politischen Tics der Vergangenheit vor, ich würde ihm auch nichts vorwerfen, wenn er heute noch Kommunist wäre, aber er soll sich nicht anmaßen, Länder zu schulmeistern, die andere Lektionen zu lernen hatten als ein mit der Gnade der späten Geburt gesegneter bräsiger schwäbischer Luxus-Linker. Immer wieder gern zitiere ich die Aufschrift eines Plakats, das nach der Kölner Silvesterkirmes bei einer deutsch-polnischen Sportveranstaltung im polnischen Fanblock entrollt wurde: »Beschützt lieber eure Frauen statt unsere Demokratie!«


Später am Stehtisch mit Freund ***, einem Charmeur hohen Karats, der amüsiert berichtet, wie er mit ein paar (politisch) grünen Mädels gescherzt und geschäkert habe und ein »Wenn die wüssten!« hinzusetzt. »Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte«, erwidere ich. – Eine Frau neben uns wird aufmerksam. Wer wir denn seien, erkundigt sie sich. Und für wen wir arbeiten? – Das wolle sie gar nicht wissen, sagt ***. – Sie bleibt hartnäckig, und die gewünschte Auskunft wird ihr schließlich zuteil. Sofort schlägt ihr Ton ins Schrille um. Wie könne man nur in diese schreckliche Partei eintreten! – Keiner von uns beiden sei Mitglied irgendeiner Partei, muss sie erfahren. – »Sie arbeiten nur für die?« Das sei ja noch schlimmer. – In welcher Partei sie selber denn beheimatet sei, erkundige ich mich. – Natürlich bei den Grünen, erklärt sie, um stracks den Mangel an weiblichen Abgeordneten bei den Rechtspopulisten zu rügen und für, na was schon, diskriminierend zu erklären. – Die Grünen privilegieren Frauen und benachteiligen Männer, sage ich, sei das vielleicht besser? – Wieso? – Weil die Partei nur ein Drittel weibliche Mitglieder habe, aber mehr weibliche Bundestagsabgeordnete als männliche; außerdem würden sämtliche Führungsposten paritätisch besetzt. – Die Hälfte der Gesellschaft sei weiblich, also sei das genau richtig. – Die Hälfte der Gesellschaft schon, aber nicht die Hälfte der Parteimitglieder. Wenn ein Kegelclub aus 100 Mitgliedern bestehe, 70 Männern und 30 Frauen, wieso solle er dann den Vorstand paritätisch besetzen? – In der Politik sei das etwas anderes. – Warum denn? – Wir hätten überhaupt so ein rückständiges Frauenbild, die Frauen sollten Kinder bekommen und zu Hause bleiben. – Wir haben überhaupt kein Frauenbild, entgegne ich, und wer denn sonst die Kinder bekommen solle.

Dergleichen »Diskussionen« sind natürlich völlig unersprießlich, und nur um die wonnige Maid zu ärgern, verschloss ich mich der Fortsetzung nicht. Nachdem sie unvermeidlich das Elend in gewissen Ländern – ich habe vergessen, welche sie nannte, aber Ruanda war dabei – weniger zur Sprache brachte als uns vorwarf, so als trügen wir mit unseren verdammt schicken Krawatten und dem miserablen Stehparty-Wein die unmittelbare Schuld daran, erkundigt sich ***, welche der in Rede stehenden Armutsländer sie denn schon einmal persönlich in Augenschein genommen habe. Immerhin Ruanda kann sie anführen, worauf die übliche Behauptung folgt, der Blick in die Welt erziehe zu Toleranz und Hilfsbereitschaft, also praktisch zur uneingeschränkten Willkommenskultur, diesem humanitären Widerspiel zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der auch nicht geholfen hat. Freund ***, vielgereist und polyglott, überrascht sie mit der Auskunft, dass er sogar während der Hutu-Massenmorde dort gewesen sei, wie überhaupt nach wenigen weiteren Wortwechseln ersichtlich ist, dass er trotz seiner vergleichsweisen Juvenilität zehnmal mehr Welt ins sich aufgenommen hat als die zunehmend in Wallung geratende Maid (ich reise ja am liebsten nur dahin, wo Wein und Oliven angebaut werden). Wie man als jemand, der sich auf allen Kontinenten umgeschaut hat, denn für so eine Partei arbeiten könne?, ist das Letzte, was sie vorbringt. – Nun, gerade als ein solcher, versetzt ***, man könne anderswo auch studieren, was man bei sich daheim besser nicht haben wolle, und der Guten ist anzusehen, dass sie am liebsten die Polizei rufen würde. Abrupt beendet sie die Unterhaltung und verlässt den Tisch.

Ihren Platz nimmt später ein junger Mann ein, der sich im Gespräch als ein Mensch vorstellt, der an der Vernetzung verschiedener Universitäten arbeite. Er entpuppt sich sogar als Professor und ehemaliger Hochschuldozent – Welches Fach er gelehrt habe? – »Politische Kommunikation.« – Sei, erkundigt sich ***, der wissenschaftliche Nutzen seiner Vernetzungsarbeit irgendwie belegbar? An den Leistungen der Studenten beispielsweise? – Nicht direkt, aber fänden wir nicht auch, dass Vernetzung und Zusammenarbeit immer einen Weg zum Besseren bedeuteten? – Das ergebe sich doch automatisch dort, wo tatsächlich wissenschaftlich zusammengearbeitet werde, sagt ***. Er müsse als Dozent immer wieder feststellen, dass die meisten seiner Studenten zwar selber unglaublich vernetzt und kommunikationstechnisch up to date seien, aber den elementaren Anforderungen eines halbwegs anspruchsvollen Studiums nicht standhielten. Er würde sich wünschen, dass die Studenten sich nicht vernetzten, sondern daheim auf dem Hosenboden säßen und lernten, wie man richtig deutsch schreibe, wohin ein Komma gehöre und wie man einem komplizierten Gedankengang so genau folge, dass man ihn danach in eigenen Worten referieren könne. – Was sei denn seine Profession?, erkundigt sich der andere. – »Ich bin Rechtshistoriker.«

Und der Nächste war froh, dass er – etwas formeller als die Grüne, also mit einem Vorwand – dem Tisch den Rücken kehren konnte …

1. Februar

Abgeschottet von Leibwächtern und in kugelsicheren Limousinen mit abgedunkelten Scheiben die Städte durchquerend, in einer Parallelwelt hinter Sicherheitsschleusen und Panzerglasfenstern amtierend, bei jedem öffentlichen Auftritt vom Kontakt zu den Menschen da draußen abgeschirmt, rauschte der Gottkanzlerin der Satz durch die Rübe: »Wir glauben, dass Abschottung uns nicht weiter bringt.«

3. Februar

Nachdem die Grünen im sozialistischen Wettstreit mit den Hell-und Dunkelroten die Kernfamilie mit ermüdlicher Penetranz wahlweise für ein soziales Konstrukt, für ein bürgerliches Relikt, für eine heteronormative Zementierung überkommener Geschlechterrollen, jedenfalls für obsolet und abschaffenswert erklärt haben, da biologische Geschlechter ohnehin nicht existieren, jeder zwischen beliebig vielen Gendern frei wählen kann und niemand mehr »dem Führer ein Kind schenken« muss, entdecken sie, mit der Spitzentörin Göring-Eckardt vorneweg, beim Thema Familiennachzugplötzlich das überholte Schema Mutter-Vater-Kind wieder. Familie ist nämlich nur ein Konstrukt, wenn es sich um Deutsche bzw. Weiße handelt, alle orientalischen oder schwarzafrikanischen Hetero-Familien sind aber total hip und fördernswert, sogar Polygamie und Kinderehe.


Warum Familiennachzug so wichtig ist, erklärt die FAZ: »Viele junge Flüchtlinge sind unter derzeitigen Bedingungen nicht ins reguläre Schulwesen zu integrieren – so steht es in einem Brief von Lehrkräften aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg an den hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU). Den Pädagogen geht es um Migranten im Alter von elf bis 16 Jahren, die sie selbst in sogenannten Alphabetisierungsklassen unterrichten. Die Jugendlichen hätten in ihren Herkunftsländern keine oder kaum Schulerfahrungen gesammelt. Sie seien ›primäre Analphabeten‹, hätten also nie gelernt, zu lesen und zu schreiben. Überdies fehlten ihnen auch soziale Kompetenzen, die Grundvoraussetzung für einen Schulbesuch seien, etwa die Fähigkeit, selbständig zu arbeiten und Regeln einzuhalten.« Ist aber nur »unter derzeitigen Bedingungen« ein Problem. Die echten Fachkräfte können ihren Hartz IV-Fragebogen schon bald mit wenig Hilfe ausfüllen.


Das BKA hat im vergangenen Jahr fast 100 Übergriffe auf Christen in Deutschland gezählt, darunter ein mutmaßlicher Mord, neun Körperverletzungen und eine Brandstiftung. In etwa einem Viertel der Fälle seien Kirchen oder christliche Symbole angegriffen worden. Die Motive sind rätselhaft, hängen aber wahrscheinlich mit der hohen Anzeigebereitschaft von Christen zusammen.

6. Februar

Freund *** berichtet von einem Gespräch mit einem Deutschlehrer, der gemeinsam mit anderen humanitär bewegten Kollegen in Berlin gestrandeten Neubürgern Deutschunterricht anbietet, ehrenamtlich in seiner Freizeit versteht sich. Alle diese Lehrer, erklärt der Vertreter der Sparte, hätten dabei dieselben Erfahrungen mit ihren Zöglingen gemacht: Ab der zweiten oder dritten Stunde trete Lustlosigkeit ein, würden die Zeiten nur noch abgesessen, spielten sie auf ihren Smartphones herum, statt zuzuhören. Kaum einer zeige die Bereitschaft, Vokabeln zu lernen, von der Grammatik gar nicht zu reden. Letztlich blieben sämtliche Bemühungen fruchtlos.

Dieses Resümee werde, wie gesagt, unisono gezogen. Dann aber trete ein interessanter Bruch in der Lehrerschar zutage: Während die eine Hälfte die Goldstücke schulterzuckend für unbeschulbar erkläre und sich aus dieser Sisyphosiade zu verabschieden gedenke, suche die andere Hälfte die Schuld bei sich. Offenbar habe man die »Flüchtlinge« nicht hinreichend motiviert, sei man nicht genug auf sie eingegangen und dergleichen fromme Floskeln mehr. Das Schema ist bei diesen Zerknirschten immer dasselbe: Wir sind diejenigen, die etwas falsch machen – die uns Zugelaufenen kommen dafür nie in Betracht. Wir müssen uns nach ihnen richten. Wir sind für sie verantwortlich. Das gilt bekanntlich auch für die Speisewünsche, religiösen Gebote und kulturellen Bizarrerien der unverhofft so zahlreich Hereingeschneiten bzw. immer noch Hereinschneienden.

Man stelle sich vor, sagt Freund ***, eine Kohorte Deutscher wandere nach China aus und verlange dort neben Sozialleistungen, Unterkunft und eigenen Andachtsräumen täglich Schweinshaxe, Königsberger Klopse, Pils – und von den chinesischen Pädagogen mehr Motivationsofferten für das Erlernen ihrer schwierigen Sprache. Fairerweise will ich hinzufügen, dass unsere Neumitbürger dergleichen ja nicht verlangen, sie nehmen es einfach nur an. Und dann erzählen sie eben in ihre Länder weiter, wie grandios bescheuert die Deutschen sind, bei denen man all das für lau bekommt, wofür sie daheim hart arbeiten müssten. Nur die Sprache von diesen Freaks, die würden sie nicht mal geschenkt nehmen.


»Die AfD ist wichtig, um die falsche Politik der offenen Grenzen zu stoppen, die sich fatal auf die Welt auswirkt«, schreibt Rafi Eitan, der Mann, der Adolf Eichmann vor seine irdischen Richter gebracht hat. In einem Grußwort zu einer Veranstaltung der AfD-Bundestagsfraktion zum Thema »alter und neuer Antisemitismus« erklärte der ehemalige Geheimdienstagent und israelische Minister, die Judenfeindschaft habe heute »ein anderes Gesicht« als in der Vergangenheit. Wenn man nichts dagegen unternehme, würden »die Moslems die freie demokratische Gesellschaft in etwas anderes verwandeln«. Ein Land, das seine Grenzen nicht sichere, sei ein schwaches Land. Der AfD bescheinigte er: »Sie haben mehr Freunde in der Welt, als sie denken.«

Das Gros der Wahrheits- und Qualitätspresse beschwieg das unerhörte Statement beflissentlich; nur da und dort, etwa aus dem Internet-Flusensieb Huffington Post, ertönte leises Gegrummel dergestalt, dass die AfD nun einen Nazi-Jäger »instrumentalisiere«, um von sich selber abzulenken. Einzig der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, reagierte in üblicher Schrillheit: Mit den Worten »Ich weise die Ausführungen von Rafi Eitan aufs schärfste zurück« zeigte er auf Twitter, was er in Deutschland gelernt hat. Eitan lobe deutsche Rechte, »die die Nazi-Vergangenheit verherrlichen« (wen genau er damit meint, ließ der Botschafter offen; es wird wohl im Zweifelsfall, wie stets, der Meister Urian aus Thüringen dafür herhalten müssen). Dass Eitan, dieser Scheitan, sogar noch den Wunsch äußerte, die Alternative für Deutschland möge eine Alternative für Europa werden, sei »traurig und eine Schande«; Letztere praktisch für ganz Deutschland.

Nun lautet die Frage, wessen Wort mehr Gewicht hat: Dasjenige des Eichmann-Entführers und Tatmenschen, oder das eines Karrierediplomaten, der die Welt hinter getönten Autoscheiben wahrnimmt und dessen berufliche Biografie sich im Wesentlichen darin erschöpft, dass er irgendwelchen Delegationen angehörte.


Das Genie der Voralpen, Heribert der Beherzte, hat in einem Leitartikel des Süddeutschen Beobachters kundgetan, dass Fußballvereine selbstverständlich das Recht besitzen, AfD-Mitgliedern den Eintritt zu verweigern. Leider hat er vergessen, zwei wichtige Folgefragen zu beantworten, die Beantwortung der ersten wahrscheinlich nur deswegen, weil es ja logisch ist, dass die Vereine dann auch SPD-Mitglieder, Grüne, Moslems oder Bibelforscher abweisen dürfen. Die zweite Frage betrifft den Verfahrensrahmen: Dürfen denn die Vereine künftig von jedem Anwärter auf Mitgliedschaft verlangen, dass er Auskunft über seine Parteizugehörigkeit erteilt? Ich meine, das sollte in einer entwickelten Gesellschaft möglich sein, solange es noch unterschiedliche Parteien gibt.

15. Februar

Seit inzwischen schon einem Jahr, lese ich, sitzt der Journalist Deniz Yücel in einem türkischen Gefängnis. Alle Solidaritätsbekundungen aus Deutschland haben keinerlei Wirkung gezeigt. Drohungen wirken eh nicht, weil die Türken ja inzwischen mehr Leopardpanzer haben als die Bundeswehr und auch sonst ’schland eher als Operationsgebiet betrachten. Doch heute hat die Kanzlerin den türkischen Ministerpräsidenten Yildirim aufgefordert, eine rasche Entscheidung im Fall Yücel herbeizuführen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich sogar der Bundespräsident gegen André Poggenburg ausgesprochen hat, weil diese nicht gerade allerhellste Kerze auf der AfD-Torte in einer Aschermittwochssuada hier lebende Türken »Kümmelhändler«, »Kameltreiber« und »vaterlandsloses Gesindel« genannt haben soll (es stimmt nicht ganz, dazu später), gestatte ich mir einen Blick auf das Werk des in der Türkei inhaftierten Pressbengels.

Yücel ist ein exponierter Vertreter der vom hiesigen Establishment gehätschelten Version des »Hate Speech«. Mit seiner tadellosen, auf den Prinzipien rotgrüner Rechtschaffenheit fußenden Allerweltsdeutschenverachtung hat sich der intellektuell eher schmalschultrige, aber hart an seiner rhetorischen Muskulatur arbeitende Deutsch-Türke von der altmodischen taz-WG in die trendige Selbsthilfegruppe für betreutes Schreiben bei der Welt emporgeschuftet. Im kippenden Ökosystem der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit versucht Yücel, die gewaltige Lücke zu schließen, die der schmerzlich vermisste Maxim Biller hinterließ, dem in den späten 1990ern die Puste für die regelmäßige Teilnahme an den helldeutschen Hassmeisterschaften ausging.

Yücel indes belegte 2012 und 2013 trotz erdrückender Konkurrenz vordere Plätze in den Kategorien Sarrazin- und Papstbeschimpfung. 2011 hatte er bei »Deutschland sucht den Superhater« erstmals die Endrunde erreicht, indem er in der taz frohlockte: »Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaftlich (so mit Zahlen und Daten) und amtlich (so mit Stempel und Siegel) erwiesen: Deutschland schafft sich ab!« – »Woran Sir Arthur Harris, Henry Morgenthau und Ilja Ehrenburg gescheitert sind, (…) übernehmen die Deutschen nun also selbst.« – »Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.« – »Nun, da das Ende Deutschlands ausgemachte Sache ist, stellt sich die Frage, was mit dem Raum ohne Volk anzufangen ist, der bald in der Mitte Europas entstehen wird: Zwischen Polen und Frankreich aufteilen? (…) Palästinensern, Tuvaluern, Kabylen und anderen Bedürftigen schenken? (…) Egal. Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.«

Das klingt wie Volksverhetzung, ist aber keine, sondern Satire. Außerdem kann man, wie die Staatsanwaltschaft Hamburg soeben bestätigte, eine »Köterrasse« überhaupt nicht verhetzen, nicht einmal beleidigen, gerade als Deutschtürke nicht – zumindest solange sie die Bevölkerungsmehrheit stellt. Und danach, seien wir ehrlich, ist es doch völlig unnötig! Hätte Yücel etwas Ähnliches über die Türken geschrieben, wäre wahrscheinlich sogar in Deutschland ein Staatsanwalt tätig geworden. Aber hätte, hätte, Dönerkette …

Derzeit sitzt unser Pissdeutscher – pardon, kleiner YücelScherz – unser Passdeutscher also in einem türkischen Gefängnis und murmelt fünfmal am Tag »Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal« vor sich hin. Er wurde inhaftiert, weil er kritisch über Erdogans Umwandlung des Landes in ein Sultanat berichtet hat. Nicht ganz so kritisch wie über Sarrazins Versuch, Deutschlands Selbstabschaffung ohne eine Spur von Begeisterung zu thematisieren, aber Sarrazin ist ja auch ein schlimmer Finger und der stolze Türke Erdogan viel leichter reizbar als ein exkommunizierter deutscher Sozifunktionär. Immerhin: Obschon in seiner Aversion gegen Deutschland so etwas wie ein Ehrenmitglied der AKP, stellte sich Yücel gegen Erdogans Janitscharenpolitik und wurde deshalb eingelocht. Angeblich, weil er sich mit Vertretern des – aus staatstürkischer Sicht – »Feindes« getroffen hat, der PKK. Außerdem wirft man ihm Verbindungen zu einer linksextremen türkischen Hackergruppe vor. Der Mann mag unappetitlich sein, feige ist er offenbar nicht.

Im Fall Yücel zeigt sich die Problematik der doppelten Staatsbürgerschaft. Eingesperrt wurde er als türkischer Staatsbürger. Da er den deutschen Pass besitzt, auch wenn der bei ihm daheim womöglich die meiste Zeit hinterm Klo liegt, müssen die deutschen Behörden gegen die Verhaftung protestieren, solange kein triftiger Grund für sie vorliegt. Doch auch als türkischer Staatsbürger wäre Yücel, gälte Recht, so lange unschuldig, bis seine Schuld erwiesen ist. Um das zu entscheiden, sind die Gerichte da. Allerdings ist von türkischen Gerichten unter dem lupenreinen Autokraten Erdogan keine unpolitische Rechtsprechung mehr zu erwarten. Insofern wären die Proteste deutscher Offizieller gegen Yücels Inhaftierung auch dann vollkommen angebracht, wenn er keinen deutschen Pass besäße.

Vollkommen unangebracht ist wiederum die aktuelle Häme von rechts gegen den Journalisten, die darauf hinausläuft, seinen derzeitigen Aufenthaltsort als angemessen, als eine Art längst fällige Lektion zu empfinden. Wer so etwas vorträgt, verschafft indirekt auch dem »Kampf gegen rechts« eine gewisse Legitimation, denn auch der lebt von der unzivilisierten Grundannahme, es gebe strafwürdige Meinungen. Die Freiheit des Wortes ist unteilbar. Das Recht gilt auch für unappetitliche Zeitgenossen. Es gilt auch für Deutschlandhasser. »Hetze« und »Hass« sind keineswegs per se Straftatbestände, sondern erst, wenn sie Persönlichkeitsrechte berühren. Nicht Yücel gefährdet die Meinungsfreiheit in Deutschland, sondern Heiko Maas, Manuela Schwesig und all die anderen Zeloten des Maulkorbzwangs tun dies.

Was uns zu jener frommen Schar zivilgesellschaftlich engagierter Landeskinder führt, die sich derzeit vehement für die Freilassung Yücels einsetzen. Man stelle sich vor, Akif Pirinçci wäre in der Türkei wegen Hetze gegen den Islam und das Türkentum eingesperrt worden – ob all diese Guten und Gerechten dann auch eifrig seine Freiheit forderten? Würden sie nicht vielmehr sagen: Das hat er nun davon …? Und sich heimlich freuen, dass die Nervensäge endlich mundtot gemacht wurde?

Das ändert nichts daran, dass unsere Guten mit ihrer Solidarität für Yücel richtig liegen. Nur dieses »Je suis Deniz« geht wohl doch zu weit. Der Zivilisierte soll ohne Wenn und Aber für die Meinungsfreiheit plädieren, aber er muss sich nicht gleich mit ihren Exkrementen einreiben.


Zurück zu Poggenburg und der Aschermittwochsveranstaltung der sächsischen AfD. Tatsächlich hat der Magdeburger AfD-Fraktionschef die Kritik der Türkischen Gemeinde an der geplanten Schaffung eines Heimatministeriums – ein solches sei »aufgrund der deutschen Vergangenheit problematisch«, meinte ein Verbandsvertreter etwas vorlaut – zum Anlass genommen, Folgendes zu äußern: »Diese Kümmelhändler haben selbst einen Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern am Arsch – und die wollen uns etwas über Geschichte und Heimat erzählen? Die spinnen wohl! Diese Kameltreiber sollen sich dorthin scheren, wo sie hingehören!« Zugleich, heißt es in den Medienberichten, die auf Wörtlichkeit noch Wert legen, habe Poggenburg Kritik an der doppelten Staatsbürgerschaft geäußert, weil sie »heimat- und vaterlandsloses Gesindel« hervorbringe (mein Ehegespons beispielsweise, die hat auch zwei Pässe). Wie man sieht, relativieren sich die Aussagen im konkreten Kontext etwas, sie nähern sich einem Niveau, das bislang eigentlich den karnevalistischen Beschimpfern der AfD vorbehalten war. Gleichwohl ist dieses Verbalrowdytum geschmacklos und sogar für Aschermittwochsverhältnisse dumm, denn es liefert dem politischen Gegner – und das sind bekanntlich alle anderen –, dessen Sinnen und Trachten dahin geht, die einzige Oppositionspartei dieses Landes als rechtsextrem und für bürgerliche Wähler unzumutbar zu stigmatisieren, wieder Gratismunition. Das ist ein etwas zu hoher Preis für das beifällige Gegröle von ein paar hundert Hinterwäldlern.


»Die dritte Gewalt tut sich schwer mit den Problemen der deutschen Einwanderungsgesellschaft. Allzu viele Urteile spielten bereits Islam-Fundamentalisten in die Hände«, schreibt der Spiegel. Das Hamburger Fachblatt für Demokratisierungsartilleristik beklagt die »stille Islamisierung« und moniert, dass in Deutschland inzwischen »die Regeln einer Kameltreibergesellschaft« – wenn nicht gar von Kümmeltürken! – akzeptiert würden. Etwa dass eine Muslimin sich ohne einen männlichen Blutsverwandten nur maximal 81 Kilometer von der ehelichen oder elterlichen Wohnung entfernen dürfe: »Das nämlich ist die Entfernung, die eine Kamelkarawane zu Zeiten des Propheten Mohammed innerhalb von 24 Stunden zurücklegen konnte.«

Wie eine »Meldung aus Absurdistan«, fährt das Magazin fort, klingt auch, dass das Bundessozialministerium deutschen Krankenkassen schrieb: »Polygame Ehen sind anzuerkennen, wenn sie dem Heimatrecht der in Betracht kommenden Personen entsprechen.«

Daraus können Sie entnehmen, geneigter Leser, dass der Artikel schon etwas älter ist, er stammt vom 26. März 2007 und trug den Titel »Haben wir schon die Scharia?«. Heute ist die Frage ja überflüssig.

13. Februar

Fürs Lesen bezahlt werden – selbstverständlich nur fürs Lesen von Büchern meiner Wahl –, das wäre ein Traum. Wenn die Summe stimmte, ich würde sogar darüber nachdenken, das Schreiben einzustellen. Doch, doch …


Auf das Wohnhaus von Uta Ogilvie, der Initiatorin der Hamburger »Merkel muss weg«-Demo, wurde gestern Nacht ein Anschlag verübt. Auf Indymedia brüsteten sich die üblichen namenlosen Verdächtigen damit. Wenn die Informationen stimmen, haben die Täter nicht nur die Hausfassade und zwei Pkw mit Farbe beschmiert sowie deren Reifen zerstochen, sondern auch einen massiven Glasbehälter voller Farbe durch das Fenster des Kinderzimmers geschmissen. Die Qualitätsmedien beschwiegen den Vorfall auf bewährte Weise.

Unsere glorreichen Antifanten, die sich selbst keck »Autonome« nennen, sind nichts weniger als das. Sie fungieren längst als die Bodentruppe der erweiterten Groko. Ihr Metier ist die Fortsetzung der von allen Parteien, Medien, Gewerkschaften, Kirchen, NGOs, Universitäten, Theatern, Kabaretts etc. pp. betriebenen Oppositionskritik mit gewalttätigen Mitteln. Sie sind Büttel des Establishments – mit jenem durch den »Kampf gegen rechts« gleichsam osmotisch verbunden – im Einsatz gegen ungehorsame Bürger.


Wenn rot-grüne Bildungspolitik und Willkommenskultur sich zum Pas de deux vereinen: »Berlins Drittklässler können nicht schreiben«, meldet der Tagesspiegel. »Die Vergleichsarbeiten der Berliner Grundschüler sollten geheim bleiben. Ein SPD-Abgeordneter hat sie dennoch bekommen.«


In der Sauna bin ich damit beschäftigt, den Inhalt des Wassereimers über den heißen Steinen zu verteilen, als eine Frau späteren mittleren Alters die Kammer betritt. Folgender Dialog entspinnt sich:

»Ah, Sie machen einen Aufguss.« – Sie setzt sich. – »Aber da ist ja gar kein Zusatz drin.«

»Tut mir leid, ich habe so etwas nie dabei. Mit genügt es, wenn die Luftfeuchtigkeit steigt.«

»Es ist aber nicht gesund, wenn bloß Wasserverdampft.« »Warum? Mit Zusatz wäre es doch immer noch dasselbe Wasser.«

»Aber es ist voller Keime, und die verteilen sich jetzt in der Luft.«

»Das ist Münchner Leitungswasser, da sind keine Keime drin, und selbst wenn sich im Eimer ein paar gebildet haben sollten, werden sie sofort getötet. Die Steine sind mehrere hundert Grad heiß.«

Unwilliges Gebrummel. Dialogende.

Die deutsche Frau bei einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen: der Suche nach Umweltgiften.

12. Februar

Regelmäßig sehen sich Konservative in Talkrunden mit der Frage konfrontiert, was denn für sie eigentlich deutsch bzw. ein Deutscher sei, vorgetragen meist im Duktus eines höheren Kindergärtners, der es an der Zeit findet, über die Nichtexistenz des Weihnachtsmannes aufzuklären. Zunächst ist die Antwort recht einfach: Deutsch ist – nein, falsch – ein Deutscher ist, wer einen deutschen Pass besitzt. Ein Deutscher muss demzufolge gar nicht deutsch sein. Menschen, die einen deutschen Pass besitzen, können jeder beliebigen Ethnie angehören. Wenn umgekehrt zum Beispiel Heribert P. aus München in den Sudan auswanderte, worüber viele traurig wären, ganz besonders der Verfasser dieses Diariums, und dort brav die Staatsbürgerschaft annähme, könnte er von sich behaupten, er sei sudanesischer Staatsbürger. In gewissem Sinne könnte er sogar sagen, er sei jetzt ein Sudanese, auch wenn das einiges Schmunzeln auslösen dürfte. Aber nimmermehr, er sei sudanesisch. Dergleichen dauert Generationen.

Wenn Achmed oder Mustafa sagen, sie seien Deutsche, weil sie einen deutschen Pass besitzen, ist das rechtlich korrekt; deutsch im Sinne eines Bündels von über Generationen tradierten und vererbten Eigenschaften sind sie damit (noch) keineswegs geworden. Das ist kein Werturteil, sondern eine Beschreibung; im umgekehrten Falle wäre es nicht anders. Haben Achmed und Mustafa zugleich noch ihren türkischen Pass, sind sie weder Deutsche noch deutsch, sondern etwas Drittes – sofern sie nicht zu jener stattlichen Schar türkischer Einwanderer oder Einwandererkinder gehören, die sich ohne Einschränkung als Türken empfinden.

Unsere Bestmenschen würden jetzt einwenden, dieses Dritte sei das Fundament für die Zukunft, es sei gut, dass nationale Loyalitäten porös werden, und bald sei dies Thema nur noch ein Spuk aus der Vergangenheit. Die Stichhaltigkeit dieser These würde sich im Konfliktfall zeigen – ich halte es hier mit Carl Schmitt, dass nur der Ernstfall in Betracht kommt, weil der Normalfall banal ist –, aber der Definition, was deutsch ist, kommen wir mit solchen Erwägungen nicht näher.

Die Frage danach wird in der Regel gestellt, um den Gefragten lächerlich zu machen, weil er an so etwas Absurdes oder Überholtes überhaupt glaubt. Deutschsein, deutsches Volk, deutsche Nationalität, all das sind bloß Konstrukte, die zwar im Grundgesetz auftauchen, aber auf den historischen Müll gehören, weil sie dem Fortschritt in die multiethnische, »bunte« Gesellschaft im Wege stehen, lautet die korrekte Antwort.

Was aber soll denn nun deutsch sein? In gebotener Kürze und mit aller Bereitschaft zum Fragmentarischen sei eine Antwort skizziert. Wilhelm Busch etwa ist deutsch, diese Mischung aus Gemütlichkeit, Schadenfreude, Boshaftigkeit und Geist. »Ordnung muss sein« ist deutsch. Ingenieurskunst und Made in Germany als weltweites Gütesiegel sind deutsch. Deutsch ist die Mentalität, eine Sache zu Ende zu führen. Es ist deutsch, zu viel zu arbeiten, und eine gewisse Unfähigkeit, die Früchte dieser Arbeit zu genießen, ist es ebenso. Die ewige Frage, was deutsch sei, ist deutsch. Deutsch sind der Tiefsinn, die Pflichtethik und die Neigung zum Prinzipiellen, zu Kehrwoche und Metaphysik. Deutsch sind eine gewisse Provinzialität, die Neigung zum Konformismus und ein unverwüstlicher Untertanengeist, alles Folgen des jahrhundertelangen Umgebenseins von unfreundlichen Nachbarn. Der Sozialismus ist deutsch, die deutsche Seele ist im Innersten sozialistisch. Deutsch ist es, »die Elementa zu spekulieren« und für alles Nichtspekulative technische Lösungen zu finden. Deutsch sind die Brüder Humboldt als Mitbegründer jener Leitkultur, deren Leidenschaft der Erforschung fremder Kulturen gilt, sowie die Idee der Universität als Ort universeller Bildung. Deutsch ist die Treue zu einer Idee bis zur Idiotie. Deutsch sind der Riesling und die Burgen am Rhein, »Eine feste Burg ist unser Gott«, das Meistersinger-Vorspiel und der Einzug der Gäste in die Wartburg im Tannhäuser, der Mond der Romantik, die Begriffsmühlen des deutschen Idealismus, aber auch jene des Amtsschimmels, gehaltene Versprechen und das völlige Fehlen von Eleganz im täglichen Umgang … – ich breche hier ab.

Das alles seien keine verwertbaren Kriterien, wird mancher einwenden. Sie seien weder verallgemeinerbar noch besonders aktuell. Viele deutsche »Jetztsassen« (Th. Kapielski) könnten mit alldem nicht das Geringste anfangen. Im Grunde legte ich mit diesem Sammelsurium bloß offen, dass ich in der Vergangenheit lebe. All diese Charakteristika seien vergänglich und würden früher oder später in den Mühlen der Globalisierung mit hinein gemahlen werden ins Mehl der ultimativen Buntheit.

Schon möglich. Aber noch sind sie wirkmächtig, auch im Denken und Verhalten derjenigen, die keine Ahnung davon haben, was ich hier vortrage. Diese Charakteristika genügen vollauf, um die gravierenden Unterschiede zu denjenigen zu beschreiben, die in hellen Scharen zu uns strömen, nichts davon mit sich tragen und angeblich integriert werden müssen. Sie genügen vollauf, um jedem Unverbohrten vor Augen zu führen, wie lange eine solche Integration sogar dann dauern würde, wenn die andere Seite bereit wäre, sich maßvoll anzupassen. Im Übrigen handelt es sich bei der deutschen Mentalität, ökonomisch gesprochen, um eine Ressource, die wiederum Parameter wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Pflichtbewusstsein, Vertragstreue, Rechtsvertrauen und Rechtssicherheit einschließt. Es dauert Jahrhunderte, bis sich ein solches gesellschaftliches Klima ausbildet, aber auch Ressourcen dieser Art können verbraucht werden und kehren nicht wieder.

9. Februar

»Es gibt kein Grundrecht auf innere Sicherheit«, tat unser führender Jurist Heiko Maas, er lebe hoch! Hoch! Hoch!, bereits vor zwei Sündenjährchen schenkelklopfend kund und zu wissen. Heute sendet mir ein Leser einen Artikel aus einem Provinzblatt, welchem zufolge Rita Haverkamp, »Stiftungsprofessorin für Kriminalprävention und Risikomanagement an der staatlichen Eberhard-Karls-Universität Tübingen«, auf irgendeiner Veranstaltung der baden-württembergischen Grünen im Dezember geechot hat: »Es gibt kein Grundrecht auf Sicherheit.«

Da sind die rechtspopulistischen Grundgesetzfundamentalisten natürlich baff. Weil sie zwar knallrechts, aber eben rechtshermeneutisch total ungeschult sind. Artikel 2 Abs. 2 GG lautet nämlich: »Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.«

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit steht im Grundgesetz. Also befinden sich sowohl der Genosse Maas als auch seine Rechtspflegerin vollkommen im Bilde. Kein Wort von »Sicherheit« – und von einem »Grundrecht« ebensowenig. Die Kryptonazis können nicht mal Grundrechte vom Grundgesetz unterscheiden! (Nun gut, Artikel 1 bis 19 GG werden gemeinhin als die Grundrechte bezeichnet, in jedem juristischen Kommentar und jedem Lexikon, aber auch dort steht nichts von Sicherheit; wer sein Recht auf körperliche Unversehrtheit wahrnehmen will, muss sich zuvor eben in Sicherheit bringen.)

Ungefähr zwei Fragen bleiben dennoch offen. Die erste: Woher leitet der Genosse Maas, Heil und Segen seien auf ihm, sein eigenes, zu Lasten des Steuerzahlers erschnorrtes Recht auf Sicherheit ab? Wenn es kein Grundrecht auf Sicherheit gibt, müsste er da seine gepanzerten Limousinen und Personenbzw. Persönchenschützer nicht selber bezahlen? Die zweite: Unsere beiden Spitzenjuristen haben gewiss da und dort einem Proseminar Naturrecht und/oder einer Vorlesung über die Hobbes’sche Staatstheorie beigewohnt; sie sollten genau wissen, dass aus ihrer Aussage zwingend eine Folgerung resultiert: Wenn es kein (Grund-)Recht auf Sicherheit gibt, dann besitzt jeder Bürger das Recht auf Selbstschutz, selbstverständlich mit einer seiner Situation angemessenen Bewaffnung.

Nachtrag: Leser *** weist darauf hin, dass Artikel 3 der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« der Vereinten Nationen von 1948 lautet: »Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.« Diese Erklärung ist zwar keine verbindliche Rechtsquelle, doch als Quelle feiler Rhetorik sei sie hier zitiert.


Lauschen wir noch etwas unserer »Stiftungsprofessorin« – dieser höchste akademische Rang entspricht etwa dem einer Generalissima – für Kriminalprävention. Welche Methoden derselben sie wohl präferiert? Dem Artikel zufolge nur eine: »Früherziehung«. (Deswegen ist ja auch der Familiennachzug so wichtig, damit man endlich die Jüngsten erreicht!) Praktisch null Effekte gegen die Kriminalität, führte die Rechtsmaid aus, erziele der Staat dagegen mit Gefängnissen, Polizeipräsenz, Videoüberwachung. Denn Sicherheit sei letztlich bloß ein Gefühl. Bei den Grünen-Wählern fühlten sich 92 Prozent »sicher« oder »eher sicher«, bei den Linken sogar 94 Prozent. Bei den Schlingeln, die der AfD ihre Stimme geben, seien es aber nur 34 Prozent. (Deshalb wählen sie ja AfD.) Aber: Bei der Angst vor Kriminalität handele es sich häufig um »Projektionen«. (Anders als bei der Angst vor Kohlendioxid, Atomkraftwerken, sterbenden Wäldern, Pegida, grapschenden Vorgesetzten, marodierenden Neonazis und Glyphosat, um nur ein kleines Potpourri begründeter Sorgen auszubreiten.) –

Ich gestatte mir, den folgenden Passus zu zitieren, damit Sie nicht meinen, ich sei schon bei der Aschermittwochsrede:

»Um das Gefühl der Sicherheit unter den Bürgern zu erhöhen, empfahl sie eine gebremste Kommunikation über Kriminalität. Wenn man nicht wisse, so Haverkamp, dass in der Nachbarschaft eingebrochen worden sei, fühle man sich auch nicht verunsichert.«

Davon einmal abgesehen, dass die ganze »Kommunikation« über Harvey Weinstein, Dieter Wedel et al. dann ja wohl ziemlich kontraproduktiv sein muss, weil seither gerade junge Miminnen verunsichert sind, befällt den zunächst beglückten grünen Hörer dieser Argumentation am Ende das flaue Gefühl, es gebe hier einen »verfluchten Bruch in der Logik« (so bekanntlich mehrfach Peter Jackopp in E. Henscheids Roman Die Vollidioten): Sollten nicht gerade Claudia und Anton Mustergrün ganz besonders sensibel, ja empathisch auf sogar allerfernstes Elend reagieren? Und nun, wenn die Nachbarstochter zwecks Willkommensdankabstattung beim Joggen ins Gebüsch gezerrt und dortselbst grün und blau gemauselt worden ist, mit »gebremster Kommunikation« reagieren? Die ganze Messerei, Treterei, Grapscherei, die vielen neuen Gruppenaktivitäten auf Bahnhöfen und in Schwimmbädern komplett ignorieren, bis man selber an der Reihe ist – und dann der geschulte Nachbar ein Gleiches tut? – Na was denn sonst! Und was den »Bruch in der Logik« angeht: Hat die Frau Hochstiftsprofessorin nicht empfohlen, die Videoaufzeichnungen zu reduzieren? Ist das nicht logisch genug?

22. Februar

Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich die Leute zu wundern anfangen, dass früher fotografiert wurde, während das Objektiv vom einem wegzeigte.


Heute das erste Mal den sanft hysterischen Harpyiensang von Frau Katrin Göring-Eckardt live im Bundestag gehört. Dass eine Person von solch monströser Schlichtheit in diesem Land eine politische Karriere hinlegen kann, indem sie jahrein jahraus die immergleichen anklagenden Worthülsen möglichst lauthals in jedes verfügbare Mikrophon schalmeit, mag einen Scherzbold mit dem deprimierenden Mangel an Humor im sogenannten Hohen Haus versöhnen. (Ich läse gar zu gern eine Studie über die Korrelation von IQ und Lautstärke bei öffentlich Redenden; ich bin sicher, dass es sie, also die Korrelation, gibt.) Es ging heute um Europa, angeblich; tatsächlich drehte sich die Debatte wie stets bloß um die EU. Das semantische Schurkenstück unserer Tage besteht ja darin, dass die Eurokraten und Zentralisten es geschafft haben, EU und Europa in eins zu setzen und die Verteidiger der europäischen Vielfalt zu Europafeinden zu erklären.

Nun wäre natürlich die große Frage, wie viele Bundestagsabgeordnete überhaupt noch über ein Sensorium für diese Vielfaltverfügen, die ja aus geistigen, kulturellen, lebensartlichen, ästhetischen, kulinarischen und, warum nicht, spirituellen Unterschieden besteht, aus unterschiedlichen Landschaften, Sprachen, Mentalitäten, Architekturen, Musiken, Traditionen, Küchen, aus einem Kosmos von Konkurrenz, Konvergenz und Kontrapunkt. Doch bei der grünen Spitzentörin fallen als Attribute Europas zuerst Begriffe wie »solidarisch« und »sozial«, auch »Freiheit«, wobei man nicht recht weiß, was Grüne darunter verstehen, wie sie ja auch ihre Solidarität möglichst auf die gesamte Menschengattung ausdehnen wollen, solange sie für diese Forderung angemessen honoriert und beklatscht werden und nicht gerade alte weiße Männer davon profitieren. Der Begriff »Recht« kommt dem späten Mädel (bei einem Bento-Komsomolzen las ich, dass man Nazis daran erkenne, dass sie »Mädel« sagen) nicht in den Sinn. Den Grünen oder Roten den Gedanken zu vermitteln, dass das, was sie Rassismus und Abschottung nennen, womöglich der einzige Weg ist, die europäische Freiheit und Vielfalt – und meinetwegen auch den Sozialstaat – zu erhalten, dürfte dem Versuch gleichkommen, einem Ameisenhaufen das Evangelium zu predigen.


Wiederholte Lektüre von Emmanuel Macrons Rede zur »Neubegründung Europas« an der Sorbonne. Neben den hinreichend thematisierten Vorschlägen des französischen Präsidenten zur weiteren Vergemeinschaftung und Zentralisierung europäischer Institutionen fallen mir ein paar Dinge auf, die bislang weniger Aufmerksamkeit fanden.

Erstens: Macron hat nicht ein Mal die Begriffe »Christentum« oder »christlich« erwähnt.

Zweitens: Er verbreitete passagenweise im Göring-EckardtStil Hass, Spaltung und Abschottung, etwa: »Ich überlasse nichts denen, die Hass, Spaltung oder nationale Abschottung versprechen. Ich überlasse ihnen keinen einzigen Vorschlag.« Ross und Reiter nannte er nicht.

Drittens: Er sprach, wie zuletzt auch Merkel, im Margot-Honecker-Duktus von »unseren Bevölkerungen«.

Viertens: Er klagte tatsächlich, die Befürworter der Vereinigten Staaten von Europa hätten »zugelassen«, dass sich in besagten Bevölkerungen gegenüber ihrem Projekt »Zweifel einnisten«.

Fünftens: Er erklärte »die kohlenstofffreie und kostengünstige Atomenergie« für »unerlässlich«.

Sechstens: Er verteidigte mit Verve die Urheberrechte von Autoren im Zeitalter der Digitalisierung, und dies mit Worten, wie sie wohl nur ein Franzose sprechen kann: »Diejenigen, die die etymologischen Boten dessen sind, was uns wirklich zusammenhält, die wahre Autorität in Europa, das sind die Autoren.« (Je ne vous crois pas, Monsieur le Président, mais mille fois merci.)

Siebentens: Anders als selbstvergessene und bildungsferne deutsche Eurokraten will Macron die Vielfalt der europäischen Sprachen erhalten und forderte, dass jedes europäische Schulkind mindestens zwei europäische Sprachen beherrschen soll.

Achtens: Macron hat sich dafür ausgesprochen, die frei werdenden 73 Sitze der britischen EU-Abgeordneten »als europäische Antwort auf den Brexit« einer transnationalen Liste zur Verfügung zu stellen. »Ich setze mich dafür ein, 2019« – also bei den Europawahlen – »transnationale Listen zu haben«, erklärte er. Und nach Macrons Willen soll »bei den darauffolgenden Wahlen die Hälfte des europäischen Parlaments über diese transnationalen Listen gewählt« werden. Die Brüder meinen es ernst.

23. Februar

Der AfD-Abgeordnete Gottfried Curio hatte gestern den für Bundestagsverhältnisse ungewöhnlich subtilen Antrag gestellt, das Parlament möge selbstverständlich die Befreiung des Journalisten Deniz Yücel aus dem türkischen Knast gutheißen, aber parallel dazu deutlich aussprechen, dass dieser zu einem noch nicht öffentlich gemachten Preis erfolgte Freikauf als Verteidigung der Meinungsfreiheit und keineswegs als Gutheißung der deutschen- und bisweilen sogar menschenfeindlichen Kommentare des zuletzt für die Welt geifernden Deutschtürken zu verstehen sei, auf dass diese Verteidigung seiner Rechte nicht mit jener seiner Positionen verwechselt werde. Sagte ich »subtil«? Nun, was heißt subtil, es ist erstes Semester Diplomatie, aber in einem smarten Gesinnungsstaat, wo sich eine von nahezu sämtlichen Medien unterstützte Allparteienkoalition gegen einen neuen Mitbewerber verbündet hat – Tagesspiegel: »Bundestag wehrt AfD-Angriff auf Deniz Yücel ab« –, löst ein solcher Vorschlag autoritäre Beißreflexe aus, die sich nach den hier täglich auszuhandelnden Bedingungen einstweilen noch mit den beliebten menschenfreundlichen Phrasen à la »Wir verteidigen die Demokratie/die Meinungsfreiheit gegen ihre Feinde« drapieren müssen, aber das gewalttätige Bodenpersonal der Humanität ist ja bei jeder AfD-Veranstaltung unterwegs.

Also, Freunde, Autokraten und Ähnlichäugige: Wer nach diesen Bildern aus dem Parlament, wer angesichts dieser hasserfüllt brodelnden Sportpalaststimmung links der Teufelsbrüder nicht begriffen hat, wer hier Meuten bildet, wer hier hetzt, wer hier gerne verbieten und verfolgen lassen würde, von wem hier die Bedrohung der Freiheit ausgeht, der gewinnt eine Traumreise mit H. Maas und Claudi R. an Bord der »Habermas« zu den Teufelsinseln.


Ein Wort in diesem Zusammenhang zu Cem Özdemir. Ich habe mich bereits zu denjenigen geäußert, die beim Politischen Aschermittwoch in Poggenburgien und Höckistan bei der Nennung seines Namens »Abschieben! Abschieben!« skandiert haben, und will das passende Wort gern wiederholen: Gesindel. Dass unser grüner Schwabe diese Steilvorlage weidlich ausgenutzt hat, sei ihm unbenommen. Ansonsten hat der Bub natürlich schwer einen an der Waffel – resp., um es etwas angemessener zu formulieren: Da ist der kleine grüne Nazi mal gewaltig mit ihm durchgegangen. Was Özdemir unter Berufung auf nicht im Saal Anwesende den AfD-Bundestagsabgeordneten zu unterstellen geruhte, nämlich dass sie »Rassisten« und Kandidaten für »Neonazi«-Aussteigerprogramme seien, das zeigt, wie perfekt eingedeutscht der Herr Özdemir ist (ich meine in jenes kranke Deutschland seit ca. 1918 ff.), welch kern- und knalldeutsche Denunziationskompetenzen er bei seiner Integration erworben hat. Hail Cem!

Am Rande: Özdemir rief in Richtung AfD-Fraktion, dass dort diejenigen säßen, die Deutschland hassten, zumindest jenes Deutschland, für das der Herr Özdemir und seine grünen Mitpatrioten stünden. Und was fiel ihm als preiswürdiger Kernbestandteil dieses grünen Deutschlands ein? »Unsere Erinnerungskultur, um die uns die ganze Welt beneidet.« Das sind zwei Märchen in einem Halbsatz. Zum einen gibt es keine deutsche Erinnerungskultur, sondern lediglich einen auf zwölf Jahre beschränkten Erinnerungstotemismus, Erinnerungsexorzismus, Erinnerungshexensabbat. Und um diesen herum eine komplette Erinnerungsamnesie, um nicht zu sagen: Erinnerungsdemenz. Ein kultureller Filmriss. Zum anderen gibt es nirgendwo auf der Erde ein Land, das uns um diese kollektive Neurose beneidet, warum auch? Darauf aber endlich einen Joint!

25. Februar

Eine wirkliche Preziose des Qualitätsjournalismus muss ich hier noch preisen, bevor sie in den unendlichen Weiten der Erinnerungskultur verschwindet. Der Washington-Korrespondent des Süddeutschen Beobachters kommentierte die Anklageschrift des US-Sonderermittlers Robert Mueller gegen 13 Russen, denen vorgeworfen wird, sie hätten versucht, die amerikanische Präsidentschaftswahl zu manipulieren, zunächst einmal mit der korrekten Feststellung:

»Trump hat im November 2016 aus vielerlei Gründen gewonnen, und welchen Anteil russische Facebook-Trolle daran hatten, lässt sich kaum feststellen.«

Das ist immer so, bei jeder Wahl: Der Anteil der Trolle ist schwer feststellbar. Nie werden wir herausbekommen, wie stark die Atlantik-Brücke deutsche Wähler beeinflusst. Aber da wir im Falle Trump gelernt haben, dass dessen Wählerschaft praktisch debil ist, jedenfalls weder Argumente noch Gründe für ihr Votum besaß, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Trolle diese Leute gesteuert haben, ins Höchstwahrscheinliche, denn:

»Die hetzerische Internet-Kampagne der Russen zugunsten von Trump erreichte Facebook zufolge bis zu 150 Millionen Amerikaner.«

Während die friedliebende, grundgütige und allzeit vertrauenswürdige Hillary Clinton zwar unter anderem Geld von den Saudis bekam (sofern hinter dieser Meldung nicht die Russen stecken), aber damit unmöglich 150 Millionen Amerikaner erreichen konnte.

»Das Ziel war zunächst vage« – also das der Russen, nicht das der Saudis –, nämlich »den Hass in der amerikanischen Gesellschaft zu schüren, die Risse zu verbreitern, Misstrauen und Chaos zu säen. Amerika sollte gespalten und schwach sein. Später, als die Kandidaten feststanden, wurde das Ziel konkreter. Die Russen sollten jenem Bewerber helfen, der Hass, Spaltung und Chaos zu seinem Programm gemacht hatte: Donald Trump.«

Wer sich gegen die Hillary-Barack-Brave New World stellt und den White trash wieder mit Jobs versorgen will, sät Hass, ist ein Spalter und Chaosdrache, was denn sonst?

»Das gesellschaftliche Klima im Land war schon vor Trump vergiftet, das soziale Geflecht, an dem die Russen zerrten, war schon vorher brüchig.«

Circa dreizehn Russen zerren am sozialen Geflecht der USA; gottlob, aus russischer Sicht, war es schon vorher brüchig, aber man weiß ja seit Alexander Karelin, wie sogar einzelne Russen zerren und aushebeln können. Aber nie, ich gelobe: nie haben sich amerikanische Trolle oder CIA-Agenten oder wohlmeinende NGOs in die inneren Angelegenheiten anderer Länder eingemischt, am wenigsten vor der russischen Haustür, in Malorossia bzw. der Ukraine, nie und nimmer.

»Die Propaganda der russischen Trolle, die den Amerikanern erzählten, dass sie ihre Landsleute verachten sollen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, an einen anderen Gott glauben oder das gleiche Geschlecht lieben, wurde von vielen Bürgern begierig aufgesogen.«

Wenn ein russischer Troll sagt, verachte deine Landsleute, dann kann der durchschnittliche Trump-Wähler einfach nicht Nein sagen. Inwieweit bei Trumps Wahlkampf Menschen, die das gleiche Geschlecht lieben, attackiert wurden, vermag ich nur in einem Fall zu belegen, nämlich anhand der Ausschreitungen an der Universität Berkeley, wo linke Randalierer einen Auftritt des schwulen Trump-Unterstützers Milo Yiannopoulos verhinderten. Wie die pejorative Anspielung auf Leute, die all diejenigen verachten (und solche auch regelmäßig in die verdiente Hölle befördern), welche an einen anderen Gott glauben, in den seit 1933 islamfreundlichen Beobachter kommen konnte, wird die Schriftleitung hoffentlich prüfen und ahnden.

»Doch die Russen hoben die Wut und die Paranoia immer wieder auf ein höheres Niveau. Sie pumpten Sauerstoff in jedes Glutnest der Angst und der Zwietracht, das irgendwo im Land glimmte, bis es hell aufloderte.«

Und säten als leicht entzündliche Keimzelle der flammenden Drehscheibe im Netzwerk der Zwietracht den lodernden Flächenbrand, der als Feuerwalze des Hasses die Angst bis ins Weiße Haus trug. – Majestätisch lodert der Verdacht auf, dass lustige russische Hacker diesen Seim platziert haben.

26. Februar

Mein Achtjähriger hört gestern in der Aktuellen Kamera, dass die Ministerposten für das neue Kabinett vergeben seien und Frau von der Leyen Verteidigungsministerin bleibe. »Und wer«, fragt er, »ist zuständig für Angriff?«


Viele Leser haben mich durchaus erregt auf das Interview hingewiesen, das der in Harvard lehrende Politikwissenschaftler Yascha Mounk vor ein paar Tagen den Tagesthemen gegeben hat, und nachdem ich es mir angehört hatte, verstand ich die allgemeine Empörung. Ein als liberaler Jude auftretender gebürtiger Deutscher, der 2017 die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hat, um nach eigener Auskunft besser oder zumindest effektvoller gegen Trump kämpfen zu können, weil er sich als Zuspätgeborener nicht auf den originalen Donald mit dem Schnauzbärtchen stürzen durfte, verkündet zur besten Sendezeit im deutschen Premium-fernsehen rechtsextremistische, rassistische, fremdenfeindliche Verschwörungstheorien – die angebliche Umvolkung und den noch angeblicheren Großen Bevölkerungsaustausch (Le grand remplacement) –, und die Moderatorin lässt ihn einspruchslos gewähren! Wahrscheinlich war Frau Miosga eingelullt, weil Mounk in seinen Eingangssätzen schlau den Nationalismus und den Rechtspopulismus verurteilt hatte, um dann die Sau raus oder vielmehr reinzulassen mit Worten, die inzwischen landauf, landab rauschen, nämlich »dass wir« – wer auch immer dieses »Wir« sein mag, welches ein amerikanischer Politikwissenschaftler im deutschen TV gebraucht – »hier« – dito – »ein historisch einzigartiges Experiment wagen, und zwar eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln. Das kann klappen, das wird, glaube ich, auch klappen, dabei kommt es aber natürlich auch zu vielen Verwerfungen.« Der Interviewpartner der Tagesthemen sagt also genau das, was diese rechten Spinner und AfD-Typen uns immer einreden wollen: Die Deutschen würden durch Einwanderer verdrängt und sukzessive ausgetauscht, sie würden fremd im eigenen Land, die Flüchtlinge seien gar keine Flüchtlinge, sondern Eindringlinge und dergleichen Fakehetze mehr. Welch ein Skandal! Der Sender freilich scheint keinerlei Konsequenzen aus dem Schurkenstück ziehen zu wollen.

Was dieses Experiment – speziell im Hinblick auf die begleitenden »Verwerfungen« – für die in Deutschland bzw. in den Nachbarländern lebenden Juden bedeutet, auch das muss u.a. in den Tagesthemen täglich neu ausgehandelt werden, gern einmal wieder mit dem während einer seiner Kampfpausen aus Übersee zugeschalteten Herrn Mounk.

2. März

»Was ich an Menschen am meisten bewundere, ist eine heitere Gemütsverfassung, eine Abneigung gegenüber moralischen Werturteilen und eine allumfassende Toleranz – kurz, eine sportlich faire Einstellung. (…) ein solcher Mensch wacht immer über seinen amour propre, indem er zunächst immer annimmt, dass sein Gegner ein genauso anständiger Kerl ist wie er selbst und am Ende vielleicht sogar recht haben könnte. Eine derartige Einstellung ist für einen Demokraten unvorstellbar. Sein Merkmal ist es geradezu, dass er seinen Gegner grundsätzlich nicht nur mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln angreift, sondern auch seine moralische Verachtung deutlich zum Ausdruck bringt. (…) Ich kann solche Burschen nicht ausstehen. In ihre Gefühle kann ich mich nicht hineinversetzen, ich kann ihre moralische Entrüstung nicht verstehen, ebensowenig wie ihr cholerisches Temperament. Ganz unbegreiflich ist mir ihr Neid – deshalb bin ich gegen sie.« Henry Louis Mencken


Nun beginnt es also. Nach dem jahrelang von bewaffneten schwarzen Banden gewissermaßen auf Raten veranstalteten Massaker an weißen Farmern hat das südafrikanische Parlament beschlossen, weiße Bauernfamilien, die ihr Land teilweise schon seit Generationen bewirtschaften, entschädigungslos zu enteignen.

Die Abgeordnete Thandeka Mbabama von der Democratic Alliance Party, die gegen den Beschluss stimmte, sagte: »Making this argument lets the ANC off the hook on the real impediments — corruption, bad policy and chronic under-funding. Expropriation without compensation would severely undermine the national economy, only hurting poor black people even further.« Doch dass sich Südafrika damit wirtschaftlich massiv schadet, wird den Neid und die Gier nicht stoppen. Die schwarzen Kommunisten Südafrikas haben stets mit dem Rassenhass kokettiert – in einem Video sieht man den ANC-Chef und langjährigen südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma vor großem Publikum »Shoot the Boer« (»Erschieße den Buren«) singen. Aber was werden die westlichen Medien schreiben, wenn nach den Enteignungen und Bandenmorden weiße Farmer jetzt systematisch und praktisch mit staatlichem Segen misshandelt, getötet und außer Landes gejagt werden sollten? Wird es der Rassismus des weißen Mannes sein, der auch daran schuld ist? Werden sie die Vertreibung, von der man ja bereits jetzt sprechen kann, moralisch legitimieren?

Die Globalisten und Weißenhasser im Westen tragen durch ihre Selbstbezichtigungspropaganda eine Mitschuld an der nunmehrigen Diskriminierung der Weißen am Kap und in anderen Ländern auf dem schwarzen Kontinent, etwa in Simbabwe. Sie haben den schwarzen Rassisten die Argumente geradezu aufgenötigt. In Umkehrung einer bekannten Kanzlerinnenforderung hat diese Propaganda Fluchtursachen geschaffen. In allen afrikanischen Ländern nimmt die weiße Population ab. Was wird passieren, wenn weiße Farmer in Deutschland Asyl beantragen, wo doch verfolgte Weiße im Weltbild der Progressisten nicht vorkommen?

Am 14. Februar lief in der ARD der Film »Aufbruch ins Ungewisse«, eine deutsch-südafrikanische Co-Produktion. Witzigerweise fliehen die Protagonisten des Propagandastücks aus Deutschland, wo sie von Nationalisten und Rassisten verfolgt werden, nachdem die Rechtspopulisten die Macht übernommen haben, ausgerechnet in den Süden Afrikas.

4. März

Mitunter fallen einem Bücher in die Hände, bei denen man sich wundert, dass es sie nicht schon lange gibt. Vor kurzem ist im Verlag »Das kulturelle Gedächtnis« – diese Wortprägung dürfte von Jan Assmann stammen – ein Opus mit dem Titel Ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch erschienen, das ich seit drei Tagen auswendig zu lernen versuche. Ich gestehe, das Grimmsche Wörterbuch ist in meiner Bibliothek nicht vorrätig; ich benutze die Online-Versionzum Stöbern. Aber die 351 Seiten umfassende Auswahl von Peter Graf, eines Mannes, der so bescheiden ist, dass sich weder im Buch noch auf der Verlagswebseite irgendeine Information zu ihm findet, lässt nun gewisse Entschlüsse in mir reifen. Diese Sammlung ist eine Art Trockenbeerenauslese, ach was: ein Eiswein aus dem Weinberg der deutschen Sprache, auf jeder Seite entdeckt man neue Düfte und Geschmacksnoten, es ist ein berauschendes Vergnügen. Vor allem aber erinnert das Buch daran, dass die Worte im Volke entstehen, im Munde ihrer exponierten Sprecher Gestalt annehmen und so die Sprache wächst und immer neue Blüten treibt.

Das Besondere am Deutschen ist bekanntlich die Möglichkeit, Begriffe unendlich zu kombinieren, ob nun zum »Netzwerkdurchsetzungsgesetz« (Maas) oder zum »Kulturbegleitgeschwafel« (Henscheid). Gut die Hälfte der Sammlung besteht aus solchen Schöpfungen, etwa das göttliche getümmelmüde (Campe) oder Heines dämmersüchtig (»es ward mir so selig dabei zu Sinne, so dämmersüchtig, so sterbefaul«). Oder schnellgeschenkelt (»die schnellgeschenkelten Rosse«, Bürger) schnellherschmetternd (»gleich schnellherschmetternden Donnern«, Klopstock) oder schnellknallendstark (»wan durch schnell-knallend-starcken dunder sein zorn und grim wird offenbar«, Weckherlin).

Oder aber die Prägungen:

deutschkomisch (Goethe)

schlangenumringelt (Voss)

edeldreist (Herder)

gesichtertrunken (Campe)

schlechtgehirnt (Hofmannswaldau)

kartätschensicher (Seume)

In substantivierter Form:

Glossenglauben (Luther; nicht zu verwechseln mit dem Genossenglauben, auf den sein Werk letztlich hinausgelaufen ist) Zwingburgbrecher (Rückert)

Frühlingsduftgestiebe (derselbe)

Ehrsuchtskitzel (Goeckingk)

Ehekitt (Jean Paul)

Igelseele (derselbe)

Und natürlich die Gurgelfreude (»die epicureischen bauchknechte, suchen nur die elende gurgelfreude«; L. Pollio 1583)

Egal, welche Seite man aufschlägt, überall springen einem unbekannte Begriffe ins Auge. Die Schlampodien zum Beispiel, »bei allen tafeln, hochzeiten, gastereien, kirchtägen und schlampodien« (Albertinus, »Narrenhatz«, 1617), wenn das schlubbische Bierluder ins Schwampeln (Straucheln) kommt und alles schwabbetzt (verschüttet). Man ist Bierheld oder Weinritter (Luther), Hauptsache schönbeweibt (Bürger), schönheitsfroh (Treitschke) und kummerverlächelnd (nochmals Bürger).

Viele Worte sind aus der mundartlichen Lautmalerei entstanden, sie haben keine namentlich bekannten Schöpfer, und das ist die andere Hälfte der Kollektion, man muss nur einen beliebigen Anlaut nehmen, und auf geht’s: knaupeln (anfressen), knoppern (hörbar nagen), knötern (verstricken), köckern (keckern), kolzen (schnattern), kolpern (rülpsen), kolollen (prassen) und kötern (wie ein Hund herumlaufen). Oder kaudern (mäkeln). Oder eben, einige Seiten weiter: lickern, liedeln, lippeln, lotteln und ludeln. Kribbeskrabbes ist seit 1573 bezeugt; wenig später schrieb Prätorius: »Es dirdirdirliret die Lerche«.

Den aktuellen Bezug stellen Wortschöpfungen wie Deutschverderber (Helfrich Peter Sturz), Karsumpel (statt Gesindel) oder klemmärschig her. Den dickhirnschaligen (Goethe) Pressbengeln gewährt das Lügenglück (Körner) eine Lumpenbeschäftigung (Goethe). Letzterer steuerte auch den schönen Begriff Quälodram bei (»Man martert sich nun mit einem neuen Quälodram«; an Zelter). In einer Zwielichtstimmung (Hebbel) betrat ich den Buchladen, Mutterherzensfülle (Jacobi) stellte sich unverhofft ein, und es wäre unedelherzig (Campe), empföhle ich das Werklein nicht weiter. Dalderaldei!

6. März

Nichts hassen die Kommissare der Buntheit mehr als individuelle Farben. Eines der auffälligsten Gewächse der hiesigen Publizistik soll nun sein Abendsonnenplätzchen am äußersten Rande der Plantage verlieren. Via Twitter teilt FAZ.net mit: »Die Blogs von Don Alphonso laufen seit vielen Jahren. Jetzt wird es Zeit für Neues. Wir wollen die Blogplattform wieder stärker als Experimentierfeld für neue journalistische Formate nutzen, d.h. kreativen Ansätzen größeren Raum geben, auch häufiger neue Themen ausprobieren.« Es seien keine neuen Formate des wahrscheinlich mit Abstand am häufigsten geklickten FAZ-Schreibers geplant, denn der war leider thematisch und mit seiner bajuwarisch-besitzbürgerlichen, bildungsstolzen Attitüde ein Pfahl im Fleische eines unter falscher Flagge segelnden merkelfromm-grünsozialistischen, jeder Art Diversity entgegenseufzenden, antisexistischen Tendenzmediums. (Das gefinkelte Marketing-Deutsch kenne ich übrigens gut von den überzähligen Hochbegabten, die sich in den Wasserkopfetagen des Burda-Verlags gegenseitig Tortengrafiken und Flipcharts zeigen.)

Die FAZ entledigt sich eines elitären Störenfrieds und verkauft diesen Niveausturz als Renovierung. All das kennt man zur Genüge. Worauf die «Zeitung für Deutschland» mit ihren fortwährenden Kniefällen vor Merkel und den Systemparteien hinauswill, habe ich mehrfach thematisiert: Wenn diese Gazetten pleite sind, was in absehbarer Zeit der Fall sein wird, wollen sie wie die Öffentlich-Rechtlichen auch staatlich alimentiert werden dürfen. Außer dem üblichen Schwarmverhalten dieses charakterlich schnell seine Grenzen touchierenden Berufsstandes kenne ich zumindest kein belastbareres Motiv. Allzu «kreative» Autoren stören dabei eher. Gehen wir davon aus, dass es sich um ein weiteres Symptom eines Verfallsprozesses handelt, der von einem Leser dieses Diariums mit den Worten «Mediensterben von seiner schönsten Seite» diagnostisch zufriedenstellend fixiert wurde.

Mehrere Leser haben mich darauf hingewiesen, dass Peter Graf, der Herausgeber des Buches Ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch (Acta diurna vom 4. März), zu denjenigen zählt, die sich tapfer und unter Inkaufnahme hoher persönlicher Risiken »gegen rechts« zu Wort melden. Das verdient eine Erwähnung.

Zunächst einmal bleibt die Qualität des Buches davon unberührt. Bereits in dessen Vorwort moniert Graf freilich, dass er im Grimmschen Wörterbuch nur neutrale oder abwertende, aber keinerlei positive Begriffe über die Juden und das Judentum gefunden habe. Es habe ihn »beschämt«, dort »über solch infame Wortschöpfungen zu stolpern, die den über Jahrhunderte gewachsenen Antisemitismus deutscher Prägung vor Augen führen«, sagte er in einem Interview. Derer drei führt Graf als Beispiele seines Beschämtseins an, nämlich: »Judenlümmel«, »Judenmauschel« und »Schacherjudenpack«. Was an den beiden ersten Beispielen erschütternd sein soll, erschließt sich wahrscheinlich nur einem bis zum bitteren Ende aufgeklärten Deutschenlümmel; das dritte Wort, eine – vom konkreten Gegenstand gelöst und ins Zeitgenössische gewendet – rhetorische Mischung aus Poggenburg und Gabriel, verdient scharfe Kritik, fürwahr.

Ich unterstelle allerdings, dass in nahezu jeder Sprache die abwertenden Bezeichnungen über andere Völker, Volksgruppen und Religionsgemeinschaften die preisenden stark überwiegen. »Alle Völker verachten einander, und alle haben recht«, notierte Karl Kraus mit der thematisch gebotenen Zartheit. Nahezu sämtliche Völker haben Leichen in ihren Kellern, viele von ihnen haben Minderheiten oder Nachbarvölker drangsaliert, verfolgt, ermordet, aber nur ein Volk hat den Mord so gründlich organisiert und danach ebenso gründlich »bewältigt«, dass einzelne exponierte Sichgebesserthabende bis heute beifallheischend nach noch nicht entdeckten Spuren der schlimmen Zeit fahnden. Es ist weniger eine Frage des Rechthabens (ein sehr deutsches Bedürfnis) als vielmehr eine des guten Geschmacks, ob man dabei mittut.

Außerdem moniert Graf, dass sich im »Grimm« die Lingua Tertii Imperii (Victor Klemperer) niedergeschlagen habe. »Fassungslos machte mich, dass ich in den Bänden, die im Nationalsozialismus erarbeitet wurden, immer wieder auch auf Einträge aus Adolf Hitlers Mein Kampf, aus dem Völkischen Beobachter oder Zitate von Hermann Göring stieß.«

Auch hier hat er, vom Interviewer aufgefordert, rasch Exempel zur Hand: »Zum Eintrag ›Tropenglut‹ heißt es etwa, ›die nun kommende zeit lag wie ein schwerer albdruck auf den Menschen, brütend wie fiebrige tropenglut‹. Die dazugehörige Quelle lautet ›Hitler, mein kampf (1933)‹. Oder bei ›Glücksritter‹: ›dieser jeder anständigen soldatischen gesinnung bare glücksritter (Churchill)‹. Quelle: ›völkischer beobachter. 31. mai 1941‹. Und so geht das fort.«

»Was hätte man an einem fotomechanischen Nachdruck ändern können?«, hakt der Interviewer nach. »Und wie wollen Sie jetzt mit diesem Fund umgehen?«

Antwort: »Im Duktus der Sprachverderber könnte man fordern, man müsse alle zwischen 1933 und 1945 bearbeiteten sechs Bände durchsehen und die entsprechenden Stellen ›ausmerzen‹. Und es ist fraglos skandalös, dass sie nach wie vor völlig unkommentiert Bestandteil des Deutschen Wörterbuches sind, sowohl im digitalen Grimm als auch in den derzeit nur antiquarisch verfügbaren Printausgaben. Und zumindest diese erklärende Einordnung müsste umgehend geschehen.«

Er plädiert also für eine Art Apotheken-Beipackzettel, weil das Grimmsche Wörterbuch ja zunehmend von Menschen genutzt wird, die der Rechtleitung bedürftig sind.

»Ich glaube, man muss einfach darauf hinweisen, was das für Quellen sind«, präzisierte Graf später im Interview mit dem Deutschlandfunk. »Jeder weiß zum Glück noch, wer Joseph Goebbels und Hermann Göring und Adolf Hitler war. Bei Hans Grimm und Hermann Stehr und anderen kann man sich da nicht so sicher sein. Aber man kann nicht einfach unkommentiert aus dem Völkischen Beobachter Zitate in dieses Wortmuseum, in diesen Wortschatz der deutschen Sprache übernehmen – das geht einfach nicht.«

Die halbwegs pikante Frage stellt sich ein: Was aber, wenn die Führungsnazis oder die Redakteure des VB Wortschöpfer von hohen Gnaden gewesen wären? Müsste dann jedes betreffende Wort im »Grimm« mit einem oberlippenbärtigen, seitengescheitelten Emojiversehen werden? Ist das »Wortmuseum« eine Erziehungs- und Besserungsanstalt für unbedarfte Erbsünder? Am »Molotow-Cocktail« stößt sich ja auch niemand. An den »Blitzkrieg« haben wir uns gewöhnt, seit die Deutschen ihn nicht mehr führen können, die »Fliegerasse« sind ausgestorben, jedenfalls auf deutsch, der »Schienenwolf« ist zwar seit Jahren im Einsatz, gegen die Familie, die Geschlechtszuschreibungen, die Atomenergie, die Gentechnik, die Automobilindustrie, die Bildung etc. pp., heißt aber heute »Gleichstellung«, »Dekarbonisierung«, »Energiewende«, »Gender«, »Diversity«, »Schreiben nach Gehör« usf. Auch die »Gleichschaltung« war niemals smarter als heute, nennt sich aber anders. Und die Gouvernanten bleiben wachsam!

SZ: »Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für den Umgang mit der gegenwärtigen Sprache?«

Graf: »Die ideologischen ›Stirnarbeiter‹ (Alfred Rosenberg) der neuen Rechten in Deutschland reden wieder ungeniert von ›Volksverrätern‹, vom ›Denkmal der Schande‹. Sie wollen den Begriff ›völkisch‹ wieder positiv besetzt wissen, oder sie erfinden Wörter wie ›Umvolkung‹, die es im Grimm nicht gibt, die aber alt klingen. Was man der Verrohung der deutschen Sprache und Gesellschaft entgegensetzen muss, steht ebenfalls im Wörterbuch der Brüder Grimm: ›Sprachmenschwerdung‹ heißt darin das von Jean Paul geprägte Zauberwort.«

Da scheint der Gevatter Graf wohl zu meinen, er habe diese Menschwerdung bereits vollzogen, obwohl er sie Satz für Satz dementiert. Zunächst einmal ist es eines Hetzers Art und Wesen, präludierend mit einem Nazi-Zitat zu fuchteln, bevor man den Finger auf irgendwelche Zeitgenossen weist.

Sodann: Von einem »Mahnmal unserer fortwährenden Schande« sprach unter anderem Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, der sich den Neuen Rechten erst postum anzuschließen vermochte, und bei Lichte besehen handelt es sich bei diesem Denkmal um genau das: Der fortwährenden Schande wurde ein Mal gesetzt (also strenggenommen gilt das Denkmal, wie ich hier mehrfach ausführte, weniger der Tat und noch weniger den Opfern als vielmehr der Selbstfeier seiner Erbauer, der trainingsfleißigsten Gedenk-Athleten der Geschichte).

Desweiteren: »Volksverräter« muss eigentlich, da hat der Mann recht, »Verräter derer, die schon länger hier leben« heißen. Und was den Terminus »völkisch« betrifft, das ist ein verbranntes Wort, das habe ich damals auch der Frau Petry gesagt, die sich von zwei journalistischen Hyänen ins semantisch Sumpfige hatte locken lassen, doch die possierlichen Aasfresser verteidigten ihre Beute gegen meine nachträgliche Intervention.

Zuletzt: Der Begriff »Umvolkung« beschreibt den derzeit laufenden Prozess der Verwandlung von »monoethnischen, monokulturellen und monoreligiösen Nationen« in »multiethnische«, multikulturelle und multireligiöse (das Letztere aber nur für eine kurze Übergangszeit, dann gehen wir zurück auf Monoreligiosität), wie ihn der Harvard-Schelm Yascha Mounk unlängst in den Tagesthemen, aber bereits anno 2015 im Spiegel verkündet hat, der Begriff »Umvolkung«, sage ich, beschreibt diesen Prozess auf das Plastischste und Allerexakteste. Er ist tadellos grimmwürdig; gerade Jean Paul würde ihn zu schätzen wissen.


»Es ist sehr gut, daß es gelbe, schwarze und braune Franzosen gibt. Sie zeigen, daß Frankreich offen ist für alle Rassen und daß es eine universelle Bedeutung hat. Aber unter der Bedingung, daß sie eine Minderheit bleiben. Sonst wäre Frankreich nicht mehr Frankreich. Wir sind vor allem ein europäisches Volk von weißer Rasse, griechischer und römischer Kultur und christlicher Religion. (…) Die Leute, die die Integration anpreisen, haben ein Kolibrihirn, auch wenn sie sonst viel wissen mögen. Versuchen Sie einmal, Essig und Öl miteinander zu mischen. Schütteln Sie die Flasche. Binnen kurzer Zeit werden sie sich wieder trennen. Araber sind Araber, Franzosen sind Franzosen. Glauben Sie denn wirklich, daß der französiche Volkskörper zehn Millionen Muslime aufnehmen kann, die morgen zwanzig Millionen und übermorgen vierzig Millionen sein werden? (…) mein Heimatdorf wird dann bald nicht mehr Colombey-les-DeuxÉglises, sondern Colombey-les-Deux-Mosquées heißen!« Charles de Gaulle am 5. März 1959. (Aus: Alain Peyrefitte, C’était de Gaulle, Paris 1994, zitiert nach: Renaud Camus, Revolte gegen den Großen Austausch, Schnellroda 2016)

8. März

Das Wort zum Frauentag: Ich bin Femininist.


Wenn man beobachtet, wie sich ein Mensch politisch positioniert, ob er sich Mehrheiten oder Meuten anschließt, was er wegen seiner Ansichten zu riskieren bereit ist, dann erhält man zwar keinen Aufschluss über die Wahrheit, aber über Charakter.


Vor anderthalb Wochen gab der Historiker Michael Wolffsohn der Neuen Zürcher Zeitung ein Interview, dessen Kernaussage lautete: Gewalt gegen Juden in Deutschland geht ausschließlich von Muslimen aus. Hören wir kurz hinein:

»NZZ: Wenn heute von Judenhass die Rede ist, dann geht es fast immer um rechte Antisemiten.

Wolffsohn: Die gibt es natürlich. Mit einem Unterschied: Der alte Jean-Marie Le Pen, so grässlich er war und ist, hat keine Gewalt an Juden verübt und sie auch nicht gefordert. Gleiches gilt in Deutschland für AfD und Pegida. Der gewalttätige Antisemitismus kommt heute nicht von rechts, auch wenn die irreführenden Statistiken etwas anderes sagen.

NZZ: Die deutsche Kriminalstatistik hat vergangenes Jahr knapp 1 500 antisemitische Straftaten erfasst. 90 Prozent sollen Rechtsradikale verübt haben.

Wolffsohn: Dieses Bild ist völlig verzerrt. Viele Vorfälle landen unter dem Stichwort ›Israel-Palästina-Konflikt’ in einer anderen Statistik, der für politisch motivierte Kriminalität. Freundlich formuliert, könnte man von Verschleierung sprechen.

NZZ: Und unfreundlich?

Wolffsohn: Es ist eine Lüge. Wenn ich mich in meinem jüdischen Bekanntenkreis umhöre, dann sagen alle das Gleiche: Gewalt gegen Juden geht ausschliesslich von Muslimen aus.

NZZ: Sind Sie selbst schon bedroht worden?

Wolffsohn: Natürlich. Auf der Strasse, im Taxi, an der S-Bahn-Haltestelle. ›Du bist doch dieser Israel-Freund‹, höre ich dann.«

Ich habe extra ein bisschen Zeit verstreichen lassen, um abzuwarten, ob irgendein Medium diese Aussage eines ja nicht ganz unprominenten deutschen Juden verbreitet. Man kann sich ja nach bewährter Art und Weise ausmalen, was abginge, wenn Wolffsohn gesagt hätte, diese Gewalt ginge vorwiegend von Neonazis oder indigenen Wutbürgern aus; Spiegel online hätte die Meldung ganz oben auf der Propagandarolle platziert, Lanz lüde lüstern zum Lamentieren, Zeit und SZ hätten es ja schon immer gewusst und so immerfort. So aber: kein Mucks. Von der Jungen Freiheit abgesehen, erwähnte lediglich die BZ schüchtern den für die Wahrheits- und Regierungspresse recht erschütternden Befund.


Unlängst hat Karlheinz Weißmann in seiner »Gegenaufklärungs«-Kolumne folgende Bilanz veröffentlicht: 1960 lag der weiße Bevölkerungsanteil in Südafrika bei 21,6 Prozent, in Südwestafrika/Namibia bei 11,76 Prozent, in Algerien bei 10,2 Prozent, Süd-Rhodesien/Simbabwe 7,3 Prozent, Angola 3,5 Prozent, Nord-Rhodesien/Sambia 3,1 Prozent, Swasiland 2,6 Prozent, Madagaskar 2,1 Prozent, ebenso Libyen und Spanisch-/später Äquatorial-Guinea, Betschuanaland/Botswana 1,4 Prozent, Senegal 1,3 Prozent.

2017 war der weiße Bevölkerungsanteil in Südafrika auf 8,37, in Namibia auf 3,05 und in Botswana auf 1,3 Prozent zurückgegangen. »In Angola, Senegal, Mosambik und Kenia gibt es noch winzige weiße Minoritäten, in Simbabwe ist der Anteil auf 0,18 Prozent geschrumpft, in Algerien, Libyen, Swasiland und den meisten übrigen dekolonisierten Staaten gibt es keine weißen Bevölkerungen mehr.« Afrika wird wieder schwarz.

Ein bisschen schwärzer ist auch Europa in den vergangenen Jahren geworden, seit Merkels Willkommens-Selfies sogar recht schwungvoll von Tag zu Tag mehr. Bekanntlich sind die Weißen moralisch verpflichtet, ihr Stammland mit den Afrikanern und Orientalen zu teilen, sprich preiszugeben und, angesichts der stagnierenden europäischen und explodierenden afrikanischen Bevölkerungsentwicklung, sukzessive zu verlieren. Das vollendungsnah Teuflische an diesem Prozess besteht darin, dass weiße politische Funktionseliten ihren Völkern immer mehr Geld wegnehmen, um damit immer mehr fremden Nachwuchs zu finanzieren. Wenn ich mich morgens an den PC setze, um meine guten und wahren Gründe gegen die Masseneinwanderung von virilen Analphabeten niederzuschreiben, geht jeder zweite Euro, den ich dabei verdiene, an den Staat, welcher damit wiederum meine ethnisch-kulturelle Verdrängung alimentiert und weitere Nichtleser ins Land holt. (Wenn jetzt ein Siebengescheiter moniert, woher ich denn wissen wolle, dass es genau meine Euronen sind, verweise ich auf die Deutsche Bahn, wo der Erste-Klasse-Passagier mit Öko-Strom fährt, die zweite Klasse nicht. Das geht!)

Da sich die verschiedenen Ethnien oder Rassen erfahrungsgemäß nicht oder nur an den Rändern vermischen, der Melting Pot sich als eine Illusion erwiesen hat, für deren Scheitern wie immer niemand die Verantwortung trägt (aber die Weißen natürlich die Schuld), wird es auch in Europa zur wechselseitigen Segregation und zu regelmäßigen Konflikten kommen, die fast immer entlang der ethnisch-kulturellen Bruchlinien ausbrechen. Wenn die Indigenen nicht mehr hinreichend viel Schutzgeld (= Sozialhilfe) zahlen, werden diese Konflikte zu regionalen Unruhen eskalieren, vor allem am Rande der großen Städte, wobei die Ghettos als eine Art Konzentrierungsraum fungieren. Immerhin hat Frau Merkel, von der Lückenpresse routiniert unbeachtet, die Existenz von No-Go-Areas bereits offiziell eingestanden und sogar gefordert, man müsse etwas gegen die Existenz solcher Gebiete unternehmen, wobei nicht ganz klar wurde, an wessen Adresse dieser Appell sich richtete; sie kann sich ja als Weltklimaretterin und Mutter Afrikas um solche Petitessen schwerlich kümmern. Der Sozialstaat wird als erstes zusammenbrechen, der Rechtsstaat immer mehr erodieren. Im bellum omnium contra omnes (Hobbes) um die Reste des Leviathan wird sich der Islam als integrierende Kraft anbieten und zunehmend Einfluss gewinnen. Die Clans werden ihre Herrschafts- und Schutzgebiete ausweiten, die Staatsgewalt wird sowohl von Kriminellen als auch von Religiösen unterwandert, der Staat ist eines Tages nicht mehr imstande, seine Bürger zu schützen und gleich zu behandeln, sondern er fällt in die Hände rustikaler Interessensgruppen und wird korrupt wie andere Zweit- oder Drittweltstaaten auch. Aus den Einwanderercommunities zieht sich der Staat völlig zurück, diese Gebiete werden orientalisch-afrikanische Enklaven, wie wir das heute schon dort beobachten können, wo die Neubürger ihre Streitigkeiten ganz unter sich austragen und regeln. Weiße, die es sich leisten können, ziehen sich in Gated Communities zurück oder emigrieren nach Übersee, Osteuropa, Asien. Die anderen fellachisieren (sich) im Vollgefühl der Anverwandlung bzw. Unterwerfung.

Trotz erfreulicher Gegenbeispiele friedlicher Koexistenz, vor allem in den besseren Wohngegenden, wäre es naheliegend, dass sich die Ethnien und Kulturen schließlich auch räumlich wieder trennen, so wie es die Ostasiaten tun, anstatt in einem tribalisierten Europa feindselig nebeneinander zu hausen, doch selbst wenn sich die restlichen Weißen irgendwohin zurückzögen, die anderen würden ihnen doch immer wieder folgen und die Hände aufhalten, sie würden Sozialknete, Technologien und Blondinen erst erbetteln und später, wenn sie zahlreich genug sind, fordern, und es würde sich in den Reihen der Weißen immer eine zahlenmäßig relevante Linke finden, die diese Forderungen unterstützt. Der Kommunismus kehrt wieder als »Antirassismus«. Man muss diese Misteln weiter miternähren oder gemeinsam mit ihnen untergehen.

9. März

Nachtrag zu meinen gestrigen bzw. ewiggestrigen Ausführungen. Inzwischen veröffentlicht sogar der Tagesspiegel Artikel zur inneren Sicherheit in einer Tonlage, wie sie seit Jahren eigentlich nur der AfD vorbehalten ist: »Wird Berlin zum Angstraum?«, »Innensenator Geisel spricht über die Verwahrlosung des öffentlichen Raumes und ›Deutschenfeindlichkeit‹ in Berlin«.

Was den Innensenator angeht, der in diesem Kontext wieder beflissen vor den »Rechtspopulisten« warnt, statt seine Arbeit zu machen, so muss der Mann einfach aus seinem Amt entfernt werden, ungefähr wie ein Arzt aus seinem Job entfernt werden müsste, der das Thermometer zerschlägt, um das Fieber des Patienten zu bekämpfen. Da Geisel ein SPD-Mitglied ist, geschieht das praktisch en passant. Leider Gottes muss man ihn wie auch die CDU-Politiker einstweilen weiter ihre – womöglich irreparablen – Fehler machen lassen, bis sich diese Erkenntnis landesweit durchsetzt. Sobald die CDU nicht mehr ausreichend Jobs versprechen kann, weil ihre Prozente fallen und fallen, wird auch dieser Laden unattraktiv. Derjenige, der danach die Aufräumarbeiten übernehmen muss, ist freilich nicht zu beneiden.

Einen Kommentar verdient der wiederholte Hinweis auf die gesunkene Zahl der erfassten Straftaten. Der Tagesspiegel-Autor erwähnt immerhin, dass die Polizei viele Straftaten nicht erfasst, weil sie gar nicht erst angezeigt werden, und führt dies auf das fehlende Vertrauen in die Aufklärung zurück, deren Quote vor zehn Jahren bei 50 Prozent lag und heute bei 44,2 Prozent. Es gibt noch drei weitere, meines Erachtens maßgeblichere Gründe fürs Nichtanzeigen. Zum ersten haben viele Opfer Angst vor Vergeltung – die Täter haben Brüder, Familien, sie treten in »Gruppen« auf, oft gibt es keine Zeugen, oder die Zeugen haben Angst, auszusagen. Zum zweiten haben viele Opfer kein Vertrauen in die Bereitschaft der Justiz, die Täter zu bestrafen, denn sie erleben, dass regelmäßig auch Schwerkriminelle mit Bewährungsstrafen aus dem Gerichtssaal schlappen und weiter Angst verbreiten können. Zum dritten dürfte ein großer Teil jener Delikte, die innerhalb reiner Einwanderermilieus geschehen, ebenfalls nicht zur Anzeige kommen, weil man die Kartoffelbehörden aus solchen Dingen raushält und das untereinander regelt.

Wenn in Deutschland die Zahl der Straftaten sinkt, ist damit noch keine Aussage über die Schwere der Delikte getroffen. Dass ein »Mann« eine Frau an seinem Auto durch die Stadt schleift; dass regelmäßig bewaffnete »Gruppen« in Innenstädten aufeinander losgehen; dass Nacht für Nacht Messer in Bäuche oder Köpfe gerammt werden; dass ein junger Mann eine Schwangere lebendigen Leibes verbrennt, weil er das Kind einer Unreinen nicht will; dass Frauen erstochen werden, weil sie gesündigt haben, und die Täter den Todeskampf filmen, um das Video später zu veröffentlichen; dass eine »Gruppe« ein Mädchen stundenlang vergewaltigt und dann bei Minusgraden bewusstlos in den Hof entsorgt, dergleichen habe ich früher nicht in den Gazetten gelesen.

Last but not least: Wenn in Deutschland die Zahl der Straftaten sinkt, heißt das gemeinhin, dass die Zahl der von Deutschen verübten Straftaten schneller sinkt als die Zahl der von Ausländern verübten Straftaten steigt. Ich habe die aktuelle Berliner Statistik nicht gelesen, aber ich wette, dass es sich auch dort genauso verhält.

10. März

Die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, eine Sozialdemokratin, tat heute kund und zu wissen, dass der Schriftsteller Uwe Tellkamp in einem Streitgespräch mit Durs Grünbein am Donnerstag in Dresden eine »Privatmeinung« vorgetragen habe, »die ich nicht teile«.

Das wirft zunächst die Frage auf, was es außer Privatmeinungen noch für Meinungssorten gibt und in welchem Verhältnis sie zu jener stehen. Fraktionsmeinung? Parteimeinung? Regierungsmeinung? Offizielle Meinung? Landesmeinung? EU-Meinung? Weltmeinung? Gattungsmeinung? Wie der Suhrkamp-Verlag gestern verkündet hat, gibt es auch eine Verlagsmeinung, die sich von jener Tellkamps unterscheidet, wobei man gern erführe, wie man innerhalb des Geltungsbereiches der Suhrkamp-Kultur mit Angestellten umgeht, die besagte Verlagsmeinung nicht teilen.

Daraus folgt die Frage, welche Art von Meinung außer seiner privaten nach Ansicht der Kunstministerin ein Schriftsteller bei einem Podiumsgespräch vortragen sollte. Und warum eine vom Steuerzahler finanzierte politische Amtsträgerin, die angeblich als Schirmherrin von Wissenschaft und Kunst fungiert, die Bonzenmentalität an den Tag legt, die Meinung eines Schriftstellers als sekundär (= privat = nicht staatlich zertifiziert) und von ihrer abweichend zu klassifizieren. Die Dame war übrigens von 1981 bis 1988 Mitglied der SED. Diese Prägung scheint heute noch zu wirken.

12. März

Wir sind »weltoffen« und dürfen uns nicht »abschotten«, lautet bekanntlich das Mantra der Willkommenskulturschaffenden und ihrer Führungsoffiziere. Aber welches Land »auf der Erde Rücken« (Wanderer, Siegfried, 1. Akt) ist nicht »weltoffen« und »schottet sich ab«? Nordkorea, gewiss – doch weitere Beispiele sind nicht so einfach zur Hand. Gut, die Australier schicken sämtliche Boote mit Migranten zurück, weshalb wohl auch keine mehr aufkreuzen, doch sonst herrscht Down Under ein reges Kommen und Gehen. Die Saudis lassen weder Israelis noch Touristen bei sich einreisen, dafür aber Frauen sogar ohne Begleitung, sofern sie am Flughafen von ihrem Ehemann oder einem männlichen Gastgeber abgeholt werden. Ähnliche Restriktionen dürfte es auch in einigen anderen Ländern geben, wo noch rechtgeleitet geglaubt wird, doch dass diese Länder sich regelrecht abschotten, wird gleichwohl niemand behaupten. Nicht einmal die Schotten schotten sich ab. Bei Lichte besehen hat niemand vor, sich abzuschotten, doch sogar der weltoffenste Grüne schließt seine Tür ab.

In der Semantik des gesinnungsethischen Lagers wird dem Imperativ, wir dürften uns nicht »abschotten«, gern die Feststellung beigesellt, dass »Zäune keine Menschen aufhalten«. Das erscheint zwar nicht besonders logisch – warum sollten wir ermahnt werden, uns nicht abzuschotten, wenn es sowieso unmöglich ist? –, aber Logik ist ja Glaubenssache. Allerdings führt uns dieser Widerspruch mitten hinein in eine Argumentation, wie sie die Kanzlerin im Januar in Davos in die funkelnden Worte fasste: »Seit der chinesischen Mauer, seit dem römischen Reich wissen wir: Reine Abschottung hilft nicht, um Grenzen zu schützen.« Und Abschottung durch Unreine wahrscheinlich auch nicht! In der Gegenwart findet man zwar keine abschreckenden Beispiele von exzessiver Weltverschlossenheit mehr, speziell nicht im besten Deutschland, das es je gab, aber der schottende Schoß ist gewissermaßen fruchtbar noch, weshalb unsere Fremdenführerin auch rhetorisch mit dem Grenzzaunpfahl der beiden historisch krassesten Exempel reiner Abschottung winkte. Andere Geschichtsexperten aus ihrer Entourage griffen die Beispiele auf und brachten sie unter die schon länger hier Lebenden. Seither weiß jeder: China, Rom, Abschottung – so geht’s einfach nicht.

Die Errichtung des Limes begann mit den ersten Kastellen unter Kaiser Claudius, unter Domitian (81–96) wurde ein Wachsystem mit Türmen und Patrouillen etabliert, Trajan (98–117) und Hadrian (117–138) ließen schließlich jenen Grenzwall errichten, der heute als Limes verrufen ist. Setzen wir als Grundsteindatum für den Beginn der reinen Abschottung der Einfachheit halber das Jahr 100 an. Geholfen hat es den alten römischen Männern nicht. Die Goten plünderten Rom anno 410, die Vandalen 455, und im Jahr 476 setzte der Germane Odoaker den letzten weströmischen Kaiser ab. Das heißt, der Limes konnte das Imperium nicht mal 400 Jahre lang abschotten, und zur See hin nutzte er praktisch überhaupt nichts. Immerhin: Fast 400 Jahre darbten »senatus et populus Romanus« (Cicero) in Weltverschlossenheit. Die Germanen mussten ihre willkommenskulturellen Menschenrechte förmlich erzwingen. Erst als Rom aufhörte, sich abzuschotten bzw. zu verteidigen, wurde es divers, fahrende Völkerschaften veranstalteten multikulturelle Events, und wenig später begann jene Epoche, die fortschrittliche Historiker »das bunte Mittelalter« nennen.

Noch früher als die Römer, angeblich schon 700 Jahre vor der Geburt des islamischen Propheten Īsā ibn Maryam, begannen die Chinesen mit der Abschottung, ebenfalls nach Norden und mit einem ähnlichen kulturellen Dünkel wie die Römer. Ihre Grenze stand nicht nur viel länger als die römische und war mehr als siebenmal so lang, sie war auch viel stärker befestigt. Wie die Römer zahlten die Chinesen einen hohen Preis für ihre Ausgrenzungspolitik und wurden zu einem der rückständigsten Länder der Erde. Nur im 13. Jahrhundert kam es zu einer Öffnung, und dank der mongolischen Einwanderer erlebte die Kultur eine kurze Blüte im sogenannten Reich der Mitte. Mit den Mongolen kamen auch Muslime, zunächst vor allem als mongolische Hilfstruppen, von denen sich während der Yuan-Dynastie viele in China niederließen. Man nannte sie später »Huihui«, aus dieser Gruppe entstand die eigene Nationalität der Hui, die heute um die zehn Millionen Angehörige hat, was in diesem Land als homöopathische Konzentration gilt. Außerdem haben sich diese und andere Muslime sowohl ethnisch als auch religiös mit den Indigenen bis zur Ununterscheidbarkeit vermischt. Jahrhundertlang konnte das Ungarn Asiens seine Abschottungspolitik weiter betreiben. Unter den Ming-Kaisern wurde die Mauer zu ihrer heutigen Gestalt ausgebaut. Aber obwohl nahezu in »Inzest degeneriert« (W. Schäuble), überlebte dieses Volk gerade noch so dank der Einführung des Kommunismus. Wer heute durch Peking oder Shanghai fährt, kann sich überzeugen: Bunt ist dort nichts. Überall bloß Schlitzaugen, und zwar jede Menge. Sogar die heruntergekommenen Stadtränder sind voll davon. Aber kein Schwarzer, keine Nafris, kaum Frauen mit bunten Tüchern auf dem Kopf oder vorm Gesicht, »Gruppen« ohne Ende, doch keine ist bunt. Nur in der Nordprovinz Xinjiang, wo die fidelen Uiguren als größte Bevölkerungsgruppe leben, vermittelt das Land eine Ahnung von Multikulti.

Merkt euch, Kinder: Abschottung hilft nicht, die Grenzen zu schützen. Beziehungsweise nicht länger als ein paar hundert Jahre, und auch dann hat sie nichts gebracht. Grenzen schützt man am besten, indem man auf beiden Seiten derselben vergleichbar unattraktive Verhältnisse herstellt. Danach kann man sich teure Sicherungsmaßnahmen sparen, und es kommt an den Übergängen auch kaum mehr zu noch hässlicheren Bildern.


Tierquälerei: Etwas, das die Natur in jeder Sekunde veranstaltet.


England hat den nächsten Vergewaltigungsskandal. Wieder handelt es sich, analog zu Rotherham, um minderjährige weiße Unterschichtsmädchen, oft noch Kinder, die von »Asiaten«, wie Bild schreibt (dortzulande ist das ein Synonym für Pakistanis), vergewaltigt, gruppenvergewaltigt, unter Drogen gesetzt, auf den Strich geschickt und misshandelt wurden, und zwar wiederum zu Hunderten. Eines der Mädchen wurde zusammen mit seiner Mutter und seinem Baby ermordet. Aus welchem ethnisch-kulturellen Milieu die Täter stammen, kann sich jeder an den Fingern abzählen, und Daily Mail präsentiert auch ein paar jener edlen Alis und Hussains. Wie in Rotherham wussten die Behörden nahezu alles, ermittelten aber lange nicht, um nicht in den Ruch des Rassismus zu geraten, zumal es Rassen gar nicht gibt, denn die sind ein Konstrukt. Es gibt nur rassistisch und antirassistisch auf der einen, nur rein und unrein auf der anderen Seite, und die Täter haben gleich drei Begründungen, warum sie diese Dinger wie Dreck behandeln dürfen: Es sind keine Moslems, es sind bloß Frauen, und es sind Weiße. Weißes Fickvieh. Von der anderen Seite betrachtet: eine Art willkommenskultureller Beifang.


Geradezu seismographisch wachsam gegenüber dem Missbrauch waren die englischen Behörden aber im Falle Martin Sellners, eines Häuptlings der österreichischen Identitären, der am Sonntag am Londoner Speaker’s Corner eine Rede ausgerechnet über Meinungsfreiheit halten wollte und rechtzeitig gehindert werden konnte, diese traditionelle Stätte der englischen Meinungsfreiheit, an der unter anderem auch radikale Moslems sprechen dürfen, zu schänden. Nach ihrer Ankunft in London wurden Sellner und seine Freundin Brittany Pettibone von der Polizei festgenommen und nach Österreich zurückgeschickt.

14. März

Große Unruhe im Bundestag löste vor einigen Tagen ein AfD-Abgeordneter aus, welcher die spärlich besetzten Reihen der politischen Mitbewerber musterte und offenbar durchzählte; der parlamentarische Schlummer wich hektischer Betriebsamkeit; die Sorge, gleich werde von den Populisten wieder ein »Hammelsprung« anberaumt, ging um; es wurde telefoniert und gesimst, man holte Abgeordnete aus den Restaurants, Hotelzimmern, Bars und, hoffentlich, Bordellen, die Zahl der Saaldiener wurde verdoppelt, die Reihen füllten sich. Aber nichts geschah, der Schelm hatte sich wieder gesetzt und tat, als sei nichts gewesen …

Einer der Saaldiener sagte: »Machen Sie denen ruhig Dampf. Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren hier, und die werden von Jahr zu Jahr fauler.«


Fremdenführerin hin, Willkommensmaid her, auch der austriakische Kanzler Kurz, scheint’s, kann der Buntheit nicht wehren. Die Zahl der Messserattacken in Wien sei in den vergangenen zehn Jahren um fast 300 Prozent gestiegen, meldet die Kronenzeitung (die Zahlen von 2017 liegen offenbar noch nicht vor, insofern wird die Bilanz des Herrn Kurz noch nachgereicht). Das ist der Unterschied zu Deutschland; hier werden es immer weniger, aber die Medien melden mit geradezu kanzlerinnenfeindlicher Intensität auch jeden Pieks. Dafür haben wir die besseren Statistiker.

16. März

Der Dummkopf weiß nicht, dass er dumm ist, sonst wäre er ja klug, und das ist die traurigste, aber zugleich auch komischste Geschichte von der Welt.


Es gibt Malen nach Zahlen, aber auch Märchenerzählen mit Zahlen. Spiegel online ist versiert darin. Diesmal geht es gegen Tellkamp bzw. dessen zu Dresden vorgetragene Zahlen im Zusammenhang mit der Masseneinwanderung bzw. Fachkräfteinfusion. (Dass er ausschließlich die Einwanderung aus Afrika und dem Orient meint und nicht, wie ihm unterstellt wird, die europäische Binnenwanderung rügt, versteht sich sowohl bei diesem Thema als auch diesem Diskussionsklima von selbst.) Der Schriftsteller hatte gesagt, 95 Prozent der sog. Flüchtlinge kämen wegen der Sozialleistungen, was, da hat Spiegel online völlig recht, falsch ist, denn es sind bestimmt sogar 99 Prozent. Leider kann man das Experiment nicht mehr anstellen, ob sie auch ohne diese Verheißung hier hereinschneien würden, denn »nu sind se halt da«. Aber wer ein sicheres Land nach dem anderen durchquert und seine vermeintliche Flucht dort beendet, wo es die höchste Zielprämie gibt, sollte nicht als Flüchtling gelten bzw. so lange in der Spiegel-Redaktion einquartiert werden, bis sich diese Erkenntnis auch dort durchsetzt.

»Einem Asylantrag in Deutschland geht fast immer eine illegale Einreise voraus, denn das ist ja ein zentrales Merkmal von ›Flucht‹«, schreibt die mit dem Auftrag der TellkampErledigung bedachte Statistikerin bzw. Statistin.

Falsch. Das zentrale Merkmal von Flucht besteht, wie gesagt, darin, dass sich Menschen in Sicherheit bringen. Schlagen Sie den Atlas auf und zählen Sie, wie viele sichere Länder zwischen Syrien und Deutschland, dem Irak und Deutschland, Afghanistan und Deutschland liegen. Flucht hat immer nur ein Woher, nie ein konkretes Wohin. Hat der Flüchtling ein sicheres Land erreicht und zieht weiter, verwandelt er sich in einen Migranten. Nur 0,3 Prozent der Migranten von 2016 bekamen tatsächlich Asyl. Ich will nicht, dass die anderen, überwiegend Leute mit befremdlichen Sitten, auf meine Kosten hier angesiedelt werden und werde jede Politik unterstützen, die das verhindert. Wer wirklich verfolgt wird, soll hier verweilen dürfen, bis der Fluchtgrund entfallen ist. Wer seine Rechnungen selber bezahlen will und kann, soll kommen. Punkt.

Man muss übrigens sehr fest in seinem Glauben ruhen, um den Zahlen des seit drei Jahren heillos überforderten Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zu vertrauen. Die Maid von Spiegel online aber suggeriert sogar statistische Gewissheiten bei den Herkunftsländern: »Ein Viertel aller rund 200 000 Erstanträge stammte 2016 von Syrern.« Richtig muss es heißen: stammte von Leuten, die angaben, aus Syrien zu kommen. Warum hat sie nicht erwähnt, wie viele von diesen Antragstellern ihren Pass verloren hatten?

Der Höhepunkt des »Faktenchecks« mit vorher feststehendem Resultat ist folgender Passus: »Stützen kann man sich im Hinblick auf Fluchtursachen getrost auf das erste Ergebnis einer langfristig angelegten Umfrage aus dem Jahr 2016 von mehr als 2 300 Asylbewerbern in Deutschland.« Asylmärchen aus Tausendundeiner Nacht als empirische Basis? Die verkaufen als Fakten, was Leute aus dem Orient, dem Weltepizentrum von Treu’, Redlichkeit, Preisbindung und Liefertermin, als Grund angeben, warum sie hier sind. Wer glaubt diesen Leuten eigentlich noch ein Wort?

Ein Artikel auf Meedia.de hebt an mit den rosenfingrigen Worten: »Der Medientheoretiker Norbert Bolz ist ein umstrittener Zeitgenosse: Insbesondere sein Twitter-Account sorgte in medialen Kreisen zuletzt für Diskussionen.«

In seiner Sentenzensammlung »Autor und Autorschaft« aus dem Jahr, wie passend, 1984 notierte Ernst Jünger: »›Der ist umstritten.‹ Das ist heute nicht etwa als Lob, sondern abschätzig gemeint. Beliebtes Urteil, vor allem von Typen, die sich nie exponiert haben. Sie halten es immer mit der herrschenden Meinung, gleichviel ob Kastraten oder Kannibalen regieren; verdächtig ist jeder, der nicht ins Schema paßt.« Soviel zur Begriffswahl.

Auf einem Online-Portal, erfahren wir weiter, »haben nun zwei Autoren Bolz’ über 1 200 Tweets, die er seit August 2012 verfasst hat, analysiert. Die Rezensenten erzählen dabei die Geschichte einer schleichenden Radikalisierung.«

Die sich spielend leicht daran erkennen lässt, dass Bolz 2012 noch keinen einzigen Tweet gegen die unkontrollierte Masseneinwanderung gepostet hat.

»Viele seiner Tweets bedienen mittlerweile die Ressentiments rechtspopulistischer, teils sogar rechtsextremer Milieus; selbst vor verschwörungstheoretischen Szenarien schreckt Bolz nicht zurück«, schreibt einer der beiden Ermittlungsexperten, deren Namen wir uns schenken, denn sie sind ja nicht mal umstritten.

Ich habe gelegentlich darauf hingewiesen, dass von 100 sog. Intellektuellen, die mit dem Terminus Ressentiment herumfuchteln, 99 keine Ahnung haben, was das Wort überhaupt bedeutet. Die Verschwörungstheorie wiederum lesen die Herrschaften aus einer Notiz des Berliner Medienwissenschaftlers, der nach »Demonstrationen« von Arabern gegen Israel in Berlin die Berichterstattung kritisiert, einen Vergleich zur Kölner Silvesternacht gezogen und gefragt hatte, ob die Medien warten mussten, »bis das Bundeskanzleramt die Richtung vorgab«. Man kann das auch als polemische Spitze lesen, aber hier heißt es, Bolz unterstelle der Regierung, »sie würde die öffentlich-rechtlichen und privaten Medien heimlich manipulieren«. Das ist in der Tat, vereinzelte Chefredakteursprivatissima der Kanzlerin und ihre Freundschaft zu Liz Mohn und Friede Springer beiseite, insofern Quatsch, als diese Manipulation bei deutschen Medienschaffenden seit beinahe hundert Jahren völlig unnötig ist, weil die meisten ganz von selbst schreiben, was von ihnen erwartet wird.

Das Duo mutmaßt zuletzt über die Gründe der angeblichen Radikalisierung. Der führungslose Professor »bekommt natürlich mit, dass er sich viele neue Feinde macht. Unter einigen seiner Tweets finden sich mehr kritische Kommentare als zustimmende Äußerungen. Aber vielleicht motiviert ihn der Widerstand.« Das können Autoren solchen Schlages natürlich nicht verstehen. Zwei Herdengeschöpfe mit Meuteninstinkten, die nie »umstritten« waren, um die es nie Diskussionen gab, die nie auf Widerstände gestoßen sind, werfen einem Intellektuellen, der auf eigene Rechnung denkt, »Altersradikalisierung« vor. Wie niedlich!

Merke Gómez Dávila: »Die Frechheiten des Jünglings sind bloß die Fußtritte des Esels, der sich an seinen Stall gewöhnt. Anders ist der Übermut des Alten, der jäh von seinem gekrümmten Rücken die Jahre der Geduld abschüttelt, ein bewundernswertes Schauspiel.«

Aber natürlich ist der getreulich in seinem Stall verharrende und schließlich dort verreckende alte Esel der Normalfall.

17. März

Viktor Orbán sagte vor zwei Tagen bei seiner »Festrede zum 170. Jahrestag der Revolution und des Freiheitskampfes von 1848/49« in Budapest unter anderem Folgendes:

»Die Situation ist die, meine lieben Freunde, dass man uns unser Land nehmen will. Nicht mit einem Federstrich, wie vor hundert Jahren in Trianon. Jetzt will man, dass wir es im Laufe einiger Jahrzehnte freiwillig anderen übergeben sollen, von anderen Kontinenten kommenden Fremden, die unsere Sprache nicht sprechen, unsere Kultur, unsere Gesetze und unsere Lebensform nicht respektieren. Man will, dass ab jetzt in erster Linie nicht mehr wir und unsere Nachkommen hier leben sollen, sondern irgendwelche andere Menschen. Tag für Tag sehen wir, dass große westeuropäische Völker und Nationen Schritt für Schritt, von Bezirk zu Bezirk, von Stadt zu Stadt ihr Land verlieren. Die Situation ist die, dass jene, die die Einwanderung an ihren Grenzen nicht aufhalten, verlorengehen. Sie werden langsam aber sicher absorbiert. (…)

Die westeuropäischen Jugendlichen werden es noch erleben, wie sie in ihrem eigenen Land zur Minderheit werden und den einzigen Ort auf der Welt verlieren, den man als Zuhause bezeichnen kann. Es sind Kräfte erschienen, wie sie die Welt schon seit langem nicht mehr gesehen hat. Afrika wird zehnmal so viele Jugendliche haben wie Europa. Wenn Europa nichts unternimmt, dann werden sie unsere Tür mit den Füßen eintreten.«

19. März

Der gestrigen Tagesschau durften wir entnehmen, dass es schlecht sei, wenn die Wahlbeteiligung hoch ist und die Menschen aufgefordert, ja sogar gedrängt werden, zur Wahl zu gehen – solange Wladimir Putin zu den Kandidaten gehört.


Anfrage an Radio Jerewan: »Ist es wahr, dass in Moskau eine Demonstration von Putin-Gegnern durch staatlich geförderte gewaltbereite Blockierer verhindert wurde und die Polizei zusah? Und stimmt es, dass in Chabarowsk der Bürgermeister erklärt hat, es sei ›völlig klar, dass alle im Föderationskreis zusammenstehen‹, wenn regierungskritische Demonstranten die Stadt für ihre Propaganda missbrauchten?«

Antwort: »Im Prinzip ja, nur handelt es sich bei den Städten nicht um Moskau und Chabarowsk, sondern um Berlin und Kandel, und bei den Demonstranten nicht um Gegner von Herrn Putin, sondern von Frau Merkel.«


Heiko Maas, der neue Chef des Außenpolitikdurchsetzungshauptamtes, hat einen Satz wiederholt, mit dem er schon vor ein paar Jahren mächtig angegeben hatte, nämlich: »Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen.« Darunter macht es unser Charakterhüne nämlich nicht. Ohne Auschwitz wäre er damals als Student in Saarlouis gar nicht in die SPD eingetreten, sondern hätte wenigstens einen Tag seines Lebens als Jurist gearbeitet. Ohne Auschwitz wüsste keiner, wem er äußerlich ähnelt und auch habituell. Ohne Auschwitz kein Maas, ganz klar. In einem Satz will dieses sich in charaktervoller Kleinheit verbergende moralische Schwergewicht klarstellen, dass wir auch intellektuell wieder wer sind. Eigentlich jedoch sollte inzwischen jeder Teilnehmer am deutschen Betroffenheits-Limbo wissen: Im Kontext Bundesrepublik lässt sich mit dem Begriff Auschwitz kein Satz bilden, der nicht auf eine Obszönität oder Trivialität hinausliefe. Wahrscheinlich weiß unser Nie-wieder!-Heiko das sogar selber. Doch diese Versuchung, sich mit der Indienstnahme der größtmöglichen Verfolgung eines Tages selber die Legitimation als Verfolger erschleichen zu dürfen, wer wollte ihr wehren?

Was mich betrifft, so habe ich mich genau wegen solcher Figuren in die Politik begeben, wenn auch nur assistierend. Von deutschem Boden darf nie wieder ein Maas ausgehen!


Kurze Durchsage der Bundesagentur für Arbeit: »Schutzsuchende sind überwiegend jung und männlich. (…) 60 Prozent der Asylerstanträge wurden im Zeitraum Januar bis Dezember 2017 von männlichen Schutzbewerbern gestellt. (…) Mehr als drei Fünftel haben das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht, 84 Prozent sind jünger als 35 Jahre. In der Altersgruppe der 16-bis unter 25-Jährigen waren fast drei Viertel der Erstantragsteller männlich.«

Merke: Die heißen jetzt Schutzbewerber. Nicht zu verwechseln mit Schutzhäftling!

20. März

Der Musikethnologe Lars-Christian Koch wird Sammlungsdirektor am Berliner Humboldt-Forum. »Ein weiterer weißer Europäer an der Spitze von Deutschlands wichtigstem Kulturprojekt – das ist kein gutes Signal«, kommentiert in erfrischend rassistischer Offenheit der Süddeutsche Beobachter. Vielleicht geht jetzt ein Ruck durch die verbliebenen weißen Abonnenten des Hochqualitätsblattes?


»Anti-Merkel-Demo am Dammtor: Gegendemonstranten legen Bahnverkehr lahm«, meldet die Hamburger Morgenpost. Gaaanz am Ende des Artikels verborgen folgt diese Mitteilung: »Im Bereich der U-Bahn-Station Stephansplatz kam es zu einer gefährlichen Körperverletzung zum Nachteil eines möglicherweise ehemaligen Merkel-Gegner durch zwei bislang unbekannte Täter. Der Geschädigte wurde mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus eingeliefert.«

Kämen die Täter zufälliger- und ungewöhnlicherweise von der anderen Seite, läsen wir gewiss die Schlagzeile: »Nazis prügeln Antirassisten ins Krankenhaus«.

Am Rande: »Ehemaliger Merkel-Gegner«, ist das eine Prognose oder eine Recherche?


Unbedingt in die Annalen der späten Bundesrepublik gehört eine Bemerkung des nordrhein-westfälischen Innenministers Herbert Reul, CDU. Im Mutterland des Großen Austausches (den es nur gibt, wenn er gepriesen wird; sonst handelt es sich um rechte Hetze) hat ausgerechnet die SPD die Zahl der Messerattacken ermittelt, die bekanntlich bei den früher schon länger dort lebenden Germanen, von denen wir gottlob nicht abstammen, viel höher war und seitdem disruptiv, aber kontinuierlich sinkt. Messerattacken gehören jedenfalls zu Deutschland wie das Oktoberfest und der Damenbart.

Liebe Kinder, jetzt alle zusammen: Messerattacken gehören zu Deutschland!

Das Ergebnis: Von September 2017 bis März 2018 haben in Nordrhein-Westfalen sogenannte Täter 572mal auf andere eingestochen, die nur durch Zufall nicht von der Gesellschaft zu Tätern gemacht wurden. Im Schnitt sind das gerade mal etwas mehr als drei Messerangriffe pro Tag; die Wahrscheinlichkeit, im Haushalt verletzt zu werden, ist ungleich höher, sogar wenn man nicht verheiratet ist. Minister Reul, Vater dreier Töchter und gelernter Soziologe oder umgekehrt, ließ sich denn auch nicht ins Bockshorn jagen und erläuterte im ZDF: »Polizisten schützen wir dadurch, dass wir sie mit Schutzwesten ausstatten, und Bürgerinnen und Bürger werden einfach sensibler sein müssen. Man muss nicht unbedingt Menschen nah an sich ranlassen.« Wer nicht genau weiß, wie er (oder sie) das bewerkstelligen soll, einfach den ersten Kampf von Ali gegen Sonny Liston anschauen, Ali konnte das vorbildlich!

Gerüchte, denen zufolge die gesamte Bevölkerung mit Schutzwesten ausgestattet werden soll, gehen vermutlich auf russische Hacker zurück.

21. März

»Was weiß die Zigarre über Männer und Frauen?« Mit dieser Frage, die sich explizit nicht auf jene Zigarre bezieht, deren Genuss sich Monica Lewinsky und Bill Clinton im Oral Office geteilt haben sollen, eröffnet der Tagesspiegel einen Tusch zum 80. Wiegenfest der Historikerin Karin Hausen. Die Dame wird als eine Pionierin der Frauen- und Geschlechterforschung gewürdigt (ein historisches Gebiet, das bestimmt genau so spannend ist wie die Geschichte der Arbeiterbewegung). Frau Hausen ist Feministin, aber Gendersternchen, Unterstriche und auch den Terminus »Gender« mag sie nicht recht: »Ich bevorzuge das deutsche Wort Geschlecht. Es ist so hinreißend vieldeutig, Menschengeschlecht, Adelsgeschlecht, Geschlechtskrankheiten …« (Wobei: Genderkrankheiten …?) Vielleicht ist sie Wissenschaftlerin genug, um den Unterschied zwischen Begriffen, mit denen sich sinnvoll arbeiten lässt, und ideologischen Konstrukten zu erfassen, vielleicht ist sie auch nur zu früh geboren, um schon richtig brainwashed zu sein, vielleicht beides zusammen.

Aber was hat es mit der Zigarre auf sich? Am Beispiel der Tabakwickel lasse sich zeigen, referiert der Tagesspiegel eine These der Historikerin, »wie im 19. Jahrhundert die Handlungsund Spielräume von Männern und Frauen neu definiert wurden. Männer rauchten Zigarren, Frauen nicht, und wenn eine Frau es doch tat, wie etwa die Französin George Sand, so wurde das als ein demonstratives Überschreiten der Geschlechterordnung von vielen – Männern wie Frauen – abgelehnt.« Eine weit eindrucksvollere und exzessivere Zigarrenraucherin als die Chopin-Dulcinea war übrigens die letzte Favoritin von Liszt, die aus Polen stammende Fürstin Caroline Sayn-Wittgenstein, Ehefrau des Prinzen Nikolaus zu Sayn-Wittgenstein, der als Sohn eines in russischen Diensten stehenden Generalfeldmarschalls zu den wahrlich Begüterten gehörte. Sie war Liszt in Kiew begegnet und hatte ihren Gatten und ihre 30 000 Leibeigenen verlassen, um fortan nur ihm zu huldigen. Zuvor hatte sie sich durch einen Grundstücksverkauf eine Million Rubel beschafft. Sie muss eine sehr eindrucksvolle Person gewesen sein, nicht nur was ihre Art der Partnerwahl, ihren Zigarrenkonsum und ihre geistig-literarischen Neigungen betraf, sondern auch habituell. Einer Anekdote zufolge soll sie den logorrhöischen Egozentriker Richard Wagner derart zusammengefaltet haben, dass der wie ein Kind verstummte; kaum einem Sterblichen ist das je gelungen. Aber Sand und Sayn-Wittgenstein, das waren Exzentrikerinnen und Heroinen, deren Art zu sein auch heute vom Mainstream problematisiert würde.

Da nur Männer Zigarren oder Pfeife rauchten und sich zum Rauchen in separate Räume zurückzogen, interpretiert Hausen das Tabakrauchen als eine »bedeutungsvolle Grenzmarkierung«. Ein gewisses Maß an Geschlechtertrennung ist freilich der Normalzustand in sämtlichen Weltkulturen; einzig der Westen hat es fertiggebracht, Männer und Frauen nicht nur gleichzustellen, sondern Frauen buchstäblich jedes männliche Refugium zu öffnen. Die Holden können, wenn sie denn wollen, zur Armee gehen, boxen, Eishockey spielen, Pfeife rauchen, Physikerinnen oder, wahrscheinlicher, Politikerinnen werden und sich bei den Wiener Philharmonikern einklagen. Nichts soll mehr exklusiv männlich oder weiblich sein, auch nicht der Kreißsaal und die Fankurve. Sogar in den öffentlichen Toiletten hat man damit angefangen, die Geschlechter zusammenzuführen. Die Frage, ob das im beispielsweise ästhetischen Sinne wünschenswert ist, stellt sich nicht mehr, denn wir haben ja individuelle Wahlfreiheit. Aber alle Möglichkeiten der partiellen Männerdomäneneroberung oder Vermännlichung sind für die meisten Frauen bis heute vollkommen uninteressant. Ich kenne beispielsweise Dutzende Frauen, die von der Zigarre einen Probezug begehrten, aber keine einzige, die sie je bis zu Ende rauchen wollte.

Das wirklich Rätselhafte, ja dialektisch Tückische an dieser Entwicklung ist die Tatsache, dass der Westen durch die, nein, nehmen wir die Kausalität heraus: parallel zur Gleichstellung der Frauen wehrlos geworden ist, auch und speziell gegenüber denjenigen, für die eine Ungleichbehandlung der Geschlechter die Grundvoraussetzung eines gottgefälligen Lebens ist. Die individuelle Wahlfreiheit hat ihren Zenit erreicht; wir erleben nurmehr noch ihre späten Irrlichtereien. Noch ein paar Jahrzehnte, dann werden womöglich Verhältnisse hergestellt sein, bei denen nicht viel von dieser Art Emanzipation übrig bleibt. Der an Kopfzahl unentwegt zulegende Rest der Welt kennt sie ohnehin nicht.

22. März

Bei der Mainzer Fastnacht im vergangenen Jahr sagte ein Redner namens Hans-Peter Betz: »Die AfD ist die Bremsspur in der Unterhose Deutschlands« und fluchte, einmal in Sportpalaststimmung gekommen, über die »braunen populistischen Kanalratten«. Ein anderer drohte: »In dem Europa, was wir uns wünschen, habt ihr keinen Platz. Packt Eure Koffer, ihr Geschichtsfälscher, ihr Kleingartenfaschisten, und macht euch auf die Reise.«

Ist das nun weniger schlimm, gleich schlimm oder schlimmer als die »Kümmeltürken«, das »Gesindel« und die »Kameltreiber« aus dem Munde des André Poggenburg? Bestimmt weniger schlimm, weil korrekt adressiert. Köterrasse und so. Der Unterschied zwischen derbem Witz und Hetze darf nämlich nicht nur an Begriffen festgemacht werden, entscheidend ist, wer gegen wen spricht. Meint zumindest die öffentliche bzw. veröffentlichte Meinung, wie speziell dieser Vergleich gezeigt hat.

Natürlich ist die Wortwahl in beiden Fällen abstoßend, aber offenbar müssen bei solchen Veranstaltungen Affekte bedient werden, die unsereiner nicht kennt, geschweige versteht. Darüber hinaus sind dergleichen Flegeleien objektiv desto unangenehmer, je weniger Widerstand sie hervorzurufen vermögen, je stärker sie auf Zustimmung zählen können, je mehr Menschen ihnen applaudieren. Das eigentlich Widerliche bei Figuren wie Betz ist ihr quietschender Opportunismus. Hier kommt jene Mentalität zum Zuge, die beflissen noch ein Stück Holz zum Scheiterhaufen beisteuert und vorgibt, ein gutes Werk zu tun. Ich bin geneigt, das noch unangenehmer zu finden als die Pöbeleien des AfD-Mannes. Die Mehrheit hat nicht zwingend Unrecht, aber sie ist zwingend abstoßend.


Ein Retrospektivlein noch. Uwe Tellkamps Erklärung, 95 Prozent der Migranten seien Einwanderer in die Sozialsysteme, nur fünf Prozent wirkliche Flüchtlinge, ist hinreichend begreint, aber nicht widerlegt worden. Auch da gab es im vergangenen Jahr eine Nachricht, auf die ich bei der Fahnenkorrektur gestoßen bin (wie gut ist es doch, eine Chronik zu besitzen!): »Fewer than 3% of migrants who reached Italy after crossing the Mediterranean in 2016 were deemed refugees, UN report shows«, meldete Daily Mail online am 25. April 2017, »UN said 181,436 migrants arrived in Italy last year, mostly across Mediterannean. Only 4,808 were granted asylum in Italy and 90,334 became ›clandestini‹.«

26. März

Liebe Kinder, unseren heutigen Thementag wollen wir unter das Motto stellen: Wer sich extrem auf das geltende Recht beruft, ist wahrscheinlich rechtsextrem. Zum Mitschreiben: Recht = rechts. Herz gibt es nur links.


Wie wir an den beiden Wochenend-Demonstrationen bzw. -Manifestationen zu Kandel, Rheinland-Pfalz, neuerlich studieren durften, läuft hierzulande in Sachen Buntheit kaum etwas ohne den Schwarzen Block. Verlässlich versuchte die Lückenpresse, den »Kandel ist überall«-Demonstranten, die daran Anstoß nehmen, dass ein juveniler afghanischer Schutzsuchender seine Beutefreundin totgemessert hat – also strenggenommen nehmen sie daran Anstoß, dass solche rustikalen Bräuche regierungsoffiziell importiert werden –, verlässlich versuchte die Presse, den Demonstranten die Etiketten »rechts« und »extrem« anzupappen und die ebenso verlässlichen Ausschreitungen der Linken in eine letztlich verständliche Empörung umzuinterpretieren. »Was das kostet«, zitiert etwa die FAZ eine ansässige Verkäuferin. »Und was man mit dem Geld für die Integration tun könnte …«. Die »Zeitung für Deutschland« erklärt: »Sie meine damit das große Polizeiaufgebot, das sichern soll, dass die Demonstration friedlich bleibt, aber auch die Maßnahmen des Ordnungsamtes, den Aufwand, den die Stadt Kandel betreiben muss, um sich instrumentalisieren zu lassen.« Mit der Demonstration, die mit Hilfe und Hege eines großen Polizeiaufgebots friedlich bleiben soll, meint die FAZ-Schreiberin übrigens die »Kandel ist überall«-Demonstration, die friedlich ablief, weil es normale Bürger sind, die dort mitlaufen. Das große Polizeiaufgebot folgt tatsächlich der empirisch über Jahre gewonnenen Erkenntnis: Die Gefährlichkeit einer rechten Kundgebung bemisst sich an der Zahl der dabei von Linksextremisten verletzten Personen. Die mutwillige, wider besseres Wissen fabrizierte Verdrehung von Ursache und Wirkung seitens der FAZ-Scheiberin ist natürlich Lumpenpresse par excellence. »Was die richtige Reaktion auf die rechten Kräfte ist«, setzt sie ihren ADN-Kommentar fort, »auf diese Frage haben die Bewohner Kandels noch keine abschließende Antwort gefunden.«

Was wohl im Wesentlichen damit zusammenhängt, dass sie gar nicht gefragt werden. Das bunte Bündnis »Wir sind Kandel« wurde überwiegend aus umliegenden Landesteilen in die Kleinstadt gekarrt – auf wessen Kosten, wird hoffentlich eine Kleine Anfrage der AfD im Landtag klären. Nichtstaatlich organisierte Demos und Initiativen kommen inzwischen nur noch von »rechts«; Vera Lengsfeld, die noch mehr als ich aus der Zukunft stammt, konstatiert die »Rückkehr der staatlich verordneten Demonstrationen«. Den engagierten Gratisreisenden konnte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) dann beschwingt zurufen, sie werde es nicht genehmigen, dass der Tod einer 15-Jährigen »instrumentalisiert« werde, die Landesregierung stehe an der Seite der Bürger, die für ein »weltoffenes, liberales und gewaltfreies Miteinander« einträten und dergleichen Kandelgelaber mehr. Als sie weg war, apropos gewaltfreies Miteinander und was das kostet, legte die Antifa los, während von den schlimmen Merkel-Gegnern wie immer keine Gefahr und erst recht keine Gewalt ausging.


Der Staatsrechtler Ulrich Vosgerau hat in einem Cicero-Essay mit dem prägnanten Titel »Die Herrschaft des Unrechts« im Herbst 2015 jene Zustandsbeschreibung formuliert, die später von Horst Seehofer popularisiert wurde, ohne dass der bayerische Ministerpräsident an besagtem Unrecht irgendetwas zu ändern gedachte; beides, die Rüge und das Nichtstun, war sicherlich mit der Kanzlerin vorher so abgesprochen. Nun fasst Vosgerau in einem handlichen Buch, für dessen Zusendung ich kalten Herzens danke, noch einmal die geltende Rechtslage in der Asylfrage zusammen. Da viele Menschen, sofern sie schon länger hier leben, verunsichert sind und nicht wissen, was sie nun glauben sollen, gestatte ich mir, die Situation aus der Sicht des Rechtsstaatsfundamentalisten (= Rechts-Extremisten) zu referieren.

Erstens: Der außerhalb der Problemgebiete viele Herzen wärmende Satz »Asyl kennt keine Obergrenze« ist falsch. »Bei dem Individualgrundrecht auf Asyl handelt es sich nicht um ein Abwehrrecht – ein reines Abwehrrecht würde in der Tat keine Obergrenze kennen, z.B.: willkürliche Einkerkerung ist immer verboten, unabhängig davon, ob der Staat einen oder tausend Menschen willkürlich einkerkern will –, sondern um ein Leistungsrecht.« Wer Asyl beantrage, wolle nicht vom Staat in Ruhe gelassen werden, sondern verlange etwas von ihm. Jedes Leistungsrecht unterliege einem stillschweigenden »Vorbehalt des Möglichen«. Wenn mehr Menschen studieren wollten, als Studienplätze da seien, müsse der Staat auch nicht so lange Universitäten gründen, bis alle individuellen Bedürfnisse gestillt seien.

Man merkt sofort, wie gemein diese Rechts-Extremisten argumentieren; als ob man die Studienplätze derer, die erst nach ihrem Abschluss auf Hartz IV ankommen, mit denjenigen vergleichen könnte, die sofort nach der Einreise »in unseren Sozialsystemen zu Hause sind und sich auch zu Hause fühlen können« (Katrin Göring-Eckhardt)! Außerdem gilt im Deutschen spätestens seit der Frühjahrsoffensive 1918, die auf den schönen Namen »Michael« getauft wurde, der stillschweigende Vorbehalt des Unmöglichen.

Indessen und zweitens, fährt der furchtbare Jurist fort, komme es auf die Frage nach der Obergrenze rechtlich gar nicht an. »Denn fast niemand, der aus Syrien zu uns kommt – selbst wenn er wirklich aus Syrien kommt –, ist in Deutschland asylberechtigt.« Nur individuelle politische Verfolgung, der sich der Fliehende –

Wehe dem Fliehenden

Welt hinaus ziehenden! –

Fremde durchmessenden,

Heimath vergessenden,

Mutterhaus hassenden,

Freunde verlassenden

Folget kein Segen, ach!

Auf ihren Wegen nach!

(Rellstab/Schubert: »In der Ferne«)

– nicht anders zu entziehen vermag als durch die Einreise nach Deutschland, bilde einen Asylgrund. »Krieg und Bürgerkrieg, auch die allgemeine, praktisch alle Menschen betreffende Gefährdung durch Gewalt und Willkür im Heimatland und erst recht wirtschaftliche Perspektivlosigkeit wegen Korruption und hoher Arbeitslosigkeit sind keine Asylgründe.« Wäre es anders, »dann hätten gut 80 % der derzeitigen Weltbevölkerung einen Anspruch auf Asyl in Deutschland.«

Doch es kommt, drittens, noch schlimmer, woraus sich auch die massive Ablehnung des geltenden Rechts durch die Rechtgläubigen herleitet: Selbst wer einen individuellen Asylgrund nachweist, besitzt kein Recht auf Asyl in Deutschland, wenn er über einen sicheren Drittstaat eingereist ist, in dem er seinen Antrag längst hätte stellen müssen.

Aber, so wird uns täglich verklickert bzw. eingehämmert, das Unionsrecht! Ober, pardon, Dame sticht Unter! Durch die EU wurde doch der »subsidiäre Schutz« eingeführt! »Das bedeutet für die Bundesrepublik jedoch nur, dass sie denjenigen Personen subsidiären Schutz gewähren muss, die in Deutschland einen Asylantrag stellen durften, der aber erfolglos blieb, weil keine individuelle Verfolgung bestand. Personen hingegen, die – wie es eben auch die Dublin III-Verordnung vorsah und unverändert vorsieht – einen Asylantrag in Ungarn oder Österreich, in Italien oder Griechenland hätte stellen müssen und die nie nach Deutschland hätten einreisen dürfen, erhalten auch keinen ›subsidiären Schutz‹ in Deutschland.«

Das war bereits viertens. Merken Sie jetzt, geneigter Leser, wie schlimm der Nationalismus ist? Ungarn, Österreich, Italien, Griechenland, Deutschland, das ist doch alles eins! No borders! Aber hat, fünftens, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Abschiebung erfolgloser Asylbewerber aus Deutschland etwa in griechische Auffanglager nicht als Menschenrechtsverletzung gerügt? »Das ist zwar richtig«, räumt der kaltlandländische Jurist ein, »betrifft aber nur Asylbewerber, die in Deutschland zunächst Aufnahme gefunden hatten und mithin der völkerrechtlichen Zuständigkeit (…) der Bundesrepublik unterlagen. Es gibt jedoch gewiss keinen menschenrechtlichen Anspruch von Ausländern aus anderen Kulturkreisen, ausgerechnet in die Bundesrepublik Deutschland einzureisen.«

Daher sei rechtlich eher das Gegenteil richtig: »Gerade wegen der teils einigermaßen rigiden Rechtsprechung des EGMR (dessen Richter zumeist von Staaten entsandt worden sind, die selbst keine Einwanderung dulden und auch kein Asyl gewähren) dürfte man die Kriegseinwanderer gar nicht erst ins Land lassen.«

So finster sähe es aus, herrschte tatsächlich Recht. Aber in Ausnahmefällen schützt allahlob immer noch die Führerin das Recht. Um die Rechts-Extremisten kümmern sich derweil die Presse und die Antifa. Fiat iniustitia et pereat mundus!

»Neueste Umfragen in afrikanischen Ländern zeigen, dass bis zu zwei Drittel der Einwohner auswandern wollen«, meldet die Welt. »Dabei sind nicht allein Not und Terror ein Antrieb, sondern oft Verwandte und Freunde, die schon in Europa sind.«

Spätere Historiker in anderen Weltteilen werden sich wahrscheinlich wundern und die Köpfe schütteln über die erstaunliche Naivität und Blindheit, mit welcher die Europäer, die einstigen Weltbeherrscher und vor allem -befruchter, ihre Territorien einer reißenden Völkerwanderung geöffnet haben (die Spenglerianer ausgenommen, die wissen, was kulturelle Erschöpfung bedeutet). Doch wie Rolf Peter Sieferle (R.I.P.) geschrieben hat, besteht die womöglich finale Befruchtungstat Europas gegenüber zumindest dem zivilisierten Rest der Welt darin, ein abschreckendes Beispiel zu geben.


Die Zeit fragte, und Daniel Kehlmann, der momentan an der New York University als Germanist doziert, ließ sich nicht lumpen und sprach: »Es gibt keine Notwendigkeit, Nazis an die Uni einzuladen.« Ein bisschen absonderlich ist dieses Statement schon – wer mag jemals das Gegenteil behauptet haben? Neugierig liest man nach dieser Überschrift also weiter:

»Zeit: Ein Professor schrieb in der New York Times, dass Aktivisten der sogenannten Alt-Right-Bewegung wie Milo Yiannopoulos nicht auf dem Campus reden dürfen. Wie sehen Sie das?

Kehlmann: Das war mein Kollege und Freund Ulrich Baer, der vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der New York University unterrichtet. Er hat einen Text über die sogenannte Snowflake-Generation geschrieben, die vor Positionen geschützt werden will, die sie emotional zu sehr verletzen. Dazu gehören auch rechte Positionen. Hier in den USA wollen sich Angehörige der Alt Right per Gerichtsklagen selbst Eingang in die Unis verschaffen. Ich hätte in dieser Debatte zwar nicht mit der Befindlichkeit der Studenten argumentiert, aber ich lande beim gleichen Ergebnis. Rechtsextreme haben kein vorgegebenes Recht, auf dem Campus zu sprechen.«

Rechtsextreme? Wo bleiben die Nazis?

»Und in der Physik lädt man ja auch keine der vielen Wirrköpfe ein, die behaupten, die Relativitätstheorie sei eine Verschwörung.«

Wirrköpfe? Ich will Nazis!

»Zeit: Aber in der Physik werden Fakten diskutiert. Der derzeitige Streit ist ein Streit der Ideale und Ansichten. Muss man den nicht führen?

Kehlmann: Man muss ihn vielleicht führen, aber er hat auch Grenzen. Es gibt keine rechtliche Notwendigkeit, Nazis an die Uni einzuladen.«

Na das wurde aber auch Zeit! Der Zirkelschluss geht so: Alt-Right = Rechtsextreme = Verschwörungstheoretiker = Wissenschaftsleugner = Nazis. Und repräsentativ dafür steht Milo Yiannopoulos. Es besteht keine »rechtliche Notwendigkeit« – ich wundere mich, wie Kehlmann je in den Ruch geraten konnte, übermäßig intelligent zu sein –, die Trump-Schwuchtel einzuladen. Der Witz ist nur, dass die Universität Berkeley genau das getan hat, sie hat Yiannopoulos, der, mit Verlaub, weder ein Wirrkopf noch ein Extremist ist und bei den Nazis im KZ gelandet wäre, als Redner eingeladen, und was dann am Campus passierte, hat sich bis hierher herumgesprochen, wahrscheinlich war die Antifa ein bisschen neidisch auf die Randale, die übrigens sogar auf der englischsprachigen Wikipedia als »Protest« firmiert, etwa so als habe am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz ein Protest stattgefunden. Es verhält sich also genau andersherum, als der saubere Gevatter Kehlmann suggeriert, und nach Lage der Dinge stellt unser Gratismutiger sich auf die Seite jenes Mobs, der die freie Rede mit Knüppeln und Brandsätzen verhindert hat, worauf gerade Autoren, die öffentlich aufzutreten gedenken, sensibel reagieren sollten.

In wessen Diensten, zu welchem Zweck das alles? Kehlmann: »Der Staat ist eben für das gesundheitliche und wirtschaftliche Wohl seiner Bürgerverantwortlich. Man sollte nicht ständig ums Überleben kämpfen müssen. Diese Idee hat in der englischsprachigen Welt nie viel Unterstützung gehabt, und das wirkt sich nun katastrophal aus. Es ist schon erstaunlich: Ausgerechnet die politisch scheinbar so stabile, liberale angelsächsische Welt springt plötzlich geschlossen von der Klippe, während Deutschland und Frankreich dem bisher entkommen sind.«

Der Staat ist für das wirtschaftliche Wohl seiner Bürger verantwortlich, das ist ungefähr eine so stimmige Behauptung wie die, der Tierpräparator sei für das Wohl seiner Objekte verantwortlich. Ich habe das hier gelegentlich ausgeführt: Gerade die deutsche Version des Sozialstaats ist eine Ausplünderungs- und Beuteverteilungsveranstaltung, ein Gegeneinander-Ausspielen von Gruppenansprüchen, das in einem zunehmend rechtsfreien Raum stattfindet, durch die Bedürftigenschwemme seit der Grenzöffnung 2015 nun aber, wenn das kecke Bild gestattet ist, in die Zielgerade eingebogen ist. Insofern wohnt der Formulierung, der Staat sei dazu da, dass die Bürger nicht ums Überleben kämpfen müssen, so etwas wie der Zauber einer visionären Satire inne.

Was noch fehlt, ist die kollektive Denunziation, und ich sagte ja bereits, Kehlmann lasse sich nicht lumpen (sic!), und er ist schlau genug, immer Witterung und »Fährte« zu haben, wen er gefahrlos verbellen kann, um sich im Betrieb an der Oberfläche zu halten: »Wenn man sich mit Trump-Wählern unterhält und sich nicht gleich echauffiert, sondern immer weiterfragt, endet man früher oder später beim Rassismus und auf eine nicht ganz so drastische Weise bei Misogynie. Sie sagen: Amerika sollte nicht von einer Frau regiert werden, aber schon gar nicht von einem Schwarzen. Der amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates analysiert die Situation gut, er sagt sehr überzeugend, dass sich letztlich die ganze Trump-Bewegung auf tief sitzenden Rassismus zurückführen lässt. Ich denke, das stimmt.«


Woher der rassistische Wind derzeit am heftigsten weht, auch das wurde hier öfter thematisiert, lässt sich in Afrika besichtigen, vor allem am Kap, wo die Enteignung, Vertreibung und Niedermetzelung weißer Farmer längst systematisch geschieht: »The murders so brutal they shocked even South Africa: Couple shot dead, then son aged 12 is drowned in scalding bath«.

28. März

Ein Staat würde es sich dreimal überlegen, die individuellen Freiheiten anzutasten, wenn jeder Bürger daheim ein Gewehr im Schrank hätte. Diese Feststellung stammt nicht von mir, sondern von Friedrich Engels (wörtlich: »Welche Regierung würde es wagen, die politische Freiheit anzutasten, wenn jeder Bürger ein Gewehr und fünfzig scharfe Patronen zu Hause liegen hat?« MEW Bd. 21, S. 345). Der Marx-Dioskure mag nicht geahnt haben, wie sehr seine Worte auf sozialistische Regierungen zugetroffen haben würden und es immer noch tun, doch sie sind und bleiben richtig. Es gibt kein besseres Mittel zur Verhinderung einer Diktatur – mag sie auch auf Samtpfötchen und schnurrend Einzug halten wie jene von George Soros und seinen Spießgesellen finanzierte – als bewaffnete Bürger. Ich gehe davon aus, dass das den Diktatoren in statu nascendi völlig klar ist, weshalb die Kampagnen gegen die Freiheit des Waffenbesitzes immer wieder angestachelt werden, während die westlichen Staaten der Gegenwart den Waffenbesitz von Kriminellen weder verhindern können noch problematisieren. Auch virile beutelustige Einwanderer benähmen sich in Gebieten, wo die Bürger Waffen besitzen oder gar tragen, deutlich friedfertiger als beispielsweise auf dem abendlichen Alexanderplatz, dem Görlitzer Park oder am Kottbusser Tor. Gerade in überalterten Gesellschaften stellt das Schießeisen jene Waffengleichheit her, die den körperlich Überlegenen erfolgreich abschreckt. Wenn der Mob durch die Straßen zieht – und wer bezweifelt, dass auch uns dies, wenngleich wahrscheinlich nur in schlechteren Wohngegenden, eines Tages bevorsteht, zum Beispiel weil kein Schutzgeld (= Hartz IV) mehr gezahlt werden kann? –, ist es doch ein beruhigendes Gefühl, daheim das Magazin zu füllen und zu wissen, dass die draußen es ebenfalls wissen …

Nun kommen die Gegenbeispiele. Der Drogenkrieg in Mexiko etwa, dem Stammland der illegalen Waffen. Aber würde dieser Krieg an Stärke zulegen, wenn jeder Normalmexikaner daheim eine Knarre hätte, oder doch eher abflauen? Das käme auf den Versuch an. Und die Amokläufe in den USA! Das ist das Königsargument, unabweisbar, erschütternd, jede Diskussion beendend. Nun, es gibt für ein echtes Problem nie die Lösung, sondern immer nur die Für-und-Wider-Abwägung. Wie viele Messerattacken hätten durch Schusswaffen verhindert werden können! Wie rasch hätte der Wachschutz Breivik in einem US-amerikanischen Schüler-Camp am Weitermorden gehindert! Wie schnell finden Attentäter in Israel den Weg zu den 72 Huris!

Der Vorstoß, den Besitz automatischer Waffen einzuschränken, ist nach dem Massaker von Las Vegas angebracht. Mehr aber nicht. Die Heuchelei bei der Berichterstattung über Schusswaffentote in Übersee beginnt damit, dass die Relationen nie bekannt gemacht werden. Die meisten davon sind nämlich Selbstmörder (gewisse Wahrheiten klingen zynisch, ohne es zu sein: Es ist für die Aufräumtrupps viel angenehmer, solche Suizidanten wegzuschaffen als Springer oder sich-vor-den-ZugSchmeißer). Beim Rest wiederum handelt es sich überwiegend um Tote bei Kämpfen im kriminellen Milieu, also Menschen, die den Mord und das Ermordetwerden zum Bestandteil ihrer Lebensphilosophie gemacht haben, meistens übrigens von Schwarzen erschossene Schwarze, was auch der Grund ist, warum darüber kaum berichtet wird. Die Amoklauf-Opfer sind zwar am spektakulärsten, aber weitaus am seltensten.

Man erwarte kein Resümee von mir. Ich denke vom Ernstfall her. Ein Mann mag frei sein ohne Waffe. Mit Waffe ist er freier.

PS: »Wir sind«, bemerkt Leser *** zum Waffen-Thema, »sozusagen einen Staatsvertrag eingegangen, der das Gewaltmonopol an die dafür von uns finanzierten Stellen überträgt. Dafür erwarten wir von den zuständigen Stellen umfassende innere und äußere Sicherheit, sowie eine unabhängige Justiz, die Kriminelle tatsächlich straft. Was bedeutet es aber nun, wenn unsere Sicherheit in immer geringerem Umfang gewährleistet wird und selbst üble Straftäter, wenn überhaupt, mit Bewährung davon kommen? Das läuft mehr und mehr auf eine einseitige Kündigung dieses Staatsvertrages hinaus. Nur echte freie Bürger haben das Recht, Waffen zu besitzen und zu führen, Untertanen aus Sicherheitsgründen für die herrschende Klasse nicht. Eine Schusswaffe stellt auch für im Regelfall körperlich unterlegene Frauen einen Gleichmacher dar und versetzt diese in die Lage, ihre körperliche Unversehrtheit durchzusetzen. Voraussetzung dabei ist aber stets die mindestens ausreichende Beherrschung der Waffe durch entsprechendes Training.«

PPS: »Verehrter Herr Klonovsky, immer wieder wird mißverstanden – wie auch bei dem von Ihnen zitierten Leser –, daß das Gewaltmonopol des Staates auch den Verzicht auf private Waffen einschließt. Das ist ein gefährlicher Trugschluß. Das Gewaltmonopol des Staates bezieht sich auf die Gerichtsbarkeit und nicht auf die Ausübung unmittelbarer Gewalt. Der Bürger hat nur insofern einen entsprechenden Vertrag geschlossen, als er dem Staat die exklusive Gerichtsbarkeit überträgt. Das heißt, er verzichtet auf Lynchjustiz oder z.B. Clangerichtsbarkeit (gibt es ja mittlerweile wieder bei uns). Das leuchtet sofort ein, wenn man sich eine Notsituationvorstellt, in der man nur durch Waffeneinsatz seine Gesundheit und sein Leben schützen kann. Schließlich hat nicht jeder Bürger – außer natürlich den paar Privilegierten, die das Waffenverbot exekutieren – einen oder mehrere Bodyguards. Übrigens wurden – soviel ich weiß – nach der Machtergreifung der Nazis als erstes die Juden entwaffnet und damit weitgehend wehrlos gemacht.«

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