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Michael Georg Conrad
In Purpurner Finsterniß
Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066116354
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 1
Inhaltsverzeichnis
Grege wußte, daß kein Abmahnen fruchtete, wenn Jala ihren Willen durchsetzen wollte.
Wie tief und schmerzlich seine Wunde am Fuß, hatte er ihr verheimlicht. Immer noch sickerte Blut durch den leichten Verband. Als er die Tropfen mit dem Finger wegstrich, griff Jala nach seiner Hand, so daß an der ihrigen, an der inneren Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger, ein rothes Blutzeichen haften blieb. Lächelnd besah es Grege, es hatte die Form eines Sterns.
— Also Du ziehst voraus, meine süße Hoffnung?
— Ja, Grege. Ich bin voll Unruhe. Und wenn ich vorzeitig raste, schwinden meine Kräfte. Kann ich irren?
— Nicht leicht, Jala. Geradeaus im versandeten Kanalbett, bis in die Dünen, die wir noch in der Nacht erreichen. Du hast die frische Brise, vom Meer herüber, immer im Gesicht. Verlaß Dich darauf. Bis die Luft wechselt, bin ich Dir wieder nahe. Ich muß, muß mich jetzt eine Weile schonen, meiner Wunde wegen.
— Schmerzt Dich die Wunde? Warum läßt Du sie mich nicht befühlen?
— Es ist nicht viel, Jala. Sie heilt, wenn ich kurze Rast halte.
— Du bist so voll Kraft und Gesundheit, mein Held. Und wir wachsen in der herrlichen Einsamkeit. Ich hätte mich nie so stark geglaubt, als in dieser Bewegung, die mich beschwingt.
— Es ist eine Flucht, Jala.
— Nie mehr zurück, nie mehr! Hinaus in unsere Welt, in unser freies Himmelreich! Säume nicht zu lange, Grege, laß Deine Jala nicht zu lange ohne Dich! Hast Du nirgends etwas wahrgenommen mit Deinem scharfen Blick, das uns bedrohen könnte?
— Nirgends. Die Luft ist vollkommen rein. O, ich muß lachen, weißt Du. Sie haben sich selbst des Mittels zu unserer Verfolgung beraubt, unsere Oberweisen von Teuta, seit sie die Luftfahrt verboten und alle Schwinggondeln in ihrem Lande zerstört. Und die Wege, die wir auf ebener Erde durch die Wüsteneien ihrer Grenze gegangen, sind der Lahmheit ihrer Häscher verschlossen. Weit, weit liegt jetzt Teuta mit seiner unterirdischen Herrlichkeit hinter uns. Kaspe, ihr wortreicher Oberrichter, ist langsamer in Entschlüssen und Bewegungen, als eine Schnecke, und Ao, ihr Oberpriester, schläft und verdaut.
— Du nennst nur Ao und Kaspe. Vergiß nicht, daß noch ein Dritter im hohen Rathe sitzt.
— Ach, Minus meinst Du? Der Dich einmal mit widerlichen Anträgen belästigte? Den hat nur Dein Anblick entzündet. Wenn Du aus seinen Augen bist, bist Du ihm auch aus den Sinnen. Der ist kein Verfolger. Der findet andere Ablenkungen. Ein schwacher Querkopf, dem es genügt, wenn er nichts Anderes haben kann, den heiligen Wortschatz von Teuta hüten zu helfen. Nein, dieser hohe Oberlehrer von Teuta wird uns nicht gefährlich. Ich kenne ihn. Er hat mich einst unterrichtet.
— Du beschwichtigst mich, Grege, dennoch bin ich voll Unruhe.
Sein Auge umfing ihren jugendlich-kräftigen Leib mit einem tiefen zärtlichen Blick.
— Die hat andere Ursache, süßes Weib.
— Also folg’ mir bald, Grege.
Dann reichte er ihr noch eine Handvoll Surro in die Tasche, ein Zehrungsmittel seiner eigenen Erfindung, das in Nußgröße die Kraft des Brodes und Weines und die labende Frische der Quelle barg, und ließ sie ziehen.
Er wußte, wie wohl und sicher ihr war, wenn sie uneingeschränkt ihren Willen hatte. Er wußte auch, daß in ihrer Einsamkeit seine Seele mit ihr war.
So legte er sich zur Ruhe nieder. Die Augen fielen ihm zu, das Bild der Wandernden einschließend. Er entschlummerte. Ein lebhaftes Jucken seiner Wunde erweckte ihn, er mußte doch eine geraume Zeit durchschlafen haben.
— Jala wird sich um mich bangen. Ach, die weite Landschaft, endlos! Aber er war so schlaftrunken und in seinen Gliedern erschlafft, daß er sich nicht zu erheben vermochte. Nein, sie hatte recht, Ruhe thut nicht gut. Er wird sich jetzt doppelt anstrengen müssen, sie einzuholen. Wer weiß, wie groß der Vorsprung ist, den sie bei der ausdauernden Stetigkeit ihres Schrittes vor ihm gewonnen, die rastlose Pilgerin.
Und in Gedanken malte er sich ihr einsames Dahinschreiten aus, ihre hoheitsvolle Haltung in der grenzenlosen Schweigsamkeit dieser unendlichen, sonnenhellen, weißen Landschaft mit der hochgewölbten Himmelskuppel. Eine schwebende Seele, die nur im Banne des Leibes mit der Fußsohle die Erde berührt. Die verkörperte Sehnsucht nach den höchsten Räthseln des Lebens und deren eigenpersönlichster Lösung. Eine wandelnde Flamme mit eigenem Gluthherd, aus sich selbst ihre Nahrung schöpfend zu immer stärkerem Glanze, unfaßbar allem Gemeinen.
— Jala, Jala, ich verbrenne an der Sehnsucht nach Deiner Schönheit, wenn ich länger säume.
Und er schnellte auf, schwang seinen Stab hoch und zwang sich, mit schmerzendem Fuße ihren Spuren zu folgen.
Er erinnerte sich genau aus alten Schilderungen, durch welche seltsamen Gegenden ihn jetzt sein Schicksal führte, die große Befreiung.
Alles in der Welt war seither ein Abstreifen, ein Tiefer-Zwingen, ein Unterdieerdebringen.
Was lag rings unter dem Sande gebettet? Städteleichen über Städteleichen. Für blühende Gemeinwesen haben sie sich gehalten, und ihre Blüthe war eine Wurzelfäule. Ihr Aufstreben war ein maskirter Niedergang. Eine Kraft schlug die andere, eine Kraft fraß die andere. So wurde immer weniger Kraft, bis sich Alles in platte Gleichheit und Unkraft wandelte und unter den Erdboden kroch. Ein unterirdisches Geschlecht. Ein naturscheues Geschlecht. Was übrig geblieben war von alten Kulturen, Künsten und Herrlichkeiten, eine Kuriosität für die Gaffer, ein Hohnlachen für die Wissenden, ein Spott für die Langeweile der Feiertage.
Aber ihr Gewimmel giebt ihnen die erstickende Macht. Ihre Vielzahl erdrückt den Einzelnen. Da winde sich Einer heraus, wenn ihm Hunderte gleich an den Beinen und Armen hängen!
— Jala, Du freilich bist ein solches Wunder! Du schreitest über Köpfe und Tröpfe weg. Du hast auch mich schreiten gelehrt. Was haben diese Nichtse aus Niemandsland und Niemandsgeschlecht aus mir gemacht, dem Sprossen alter Könige? Heiliger Gott Bimbam, ist’s denn glaublich? Und erst eine Blinde mußte mir die Augen öffnen? Ein Kind Ao’s, des frommen Komödianten, mußte mir Ernst beibringen und Selbstachtung? So oder so, jetzt stell’ ich meinen Mann.
Er vergaß seiner Wunde und der endlos sich dehnenden Länge des gleichförmigen Weges in diesen bald stillen, bald lauten Selbstgesprächen. Er zog die leichte Kapuze tiefer in’s Gesicht, die Sonnenstrahlen abzuwehren, die mit den Reflexen der Sandfläche sich verbündeten, ihn desto heißer zu stechen.
Ermüdet ließ er endlich den Kopf sinken, schloß die Augen und tastete sich mit dem Stabe weiter. Sollte er’s besser haben als Jala, sein Weib, die blinde Seherin? Ueberwindet sie nicht alles Ungemach im Purpurglanze der Finsterniß, im hellen Muthe des Alleinseins, die starke Pilgerin?
Greges Ohren summten.
Er blieb plötzlich stehen. Er bog sich nieder und befühlte seine Wunde an der Ferse. Kein Blut mehr. Aber in den Zehen und in der Wade fühlte er schmerzenden Krampf von dem ungleichmäßigen Auftreten. Instinktiv war er die lange Zeit her nicht mit der ganzen Sohle des wehen Fußes, sondern nur mit den Zehen aufgetreten. Er hinkte.
Hörte er nicht eine Stimme? Wer rief?
Er fuhr auf, spähte geradeaus, lauschend. Es war nicht Jala’s Ton.
Er schlug die Kapuze zurück, wendete sich betroffen um.
Zwei Männer entstiegen ihrem Luftschiff, einer altmodischen Schwinggondel, zweimal Stabeslänge kaum, hinter ihm.
Es durchzuckte ihn.
Fremdlinge zum Glück, ganz offenbar, ihrer Tracht nach. Also wenigstens keine Häscher aus Teuta.
— Wer bist du, Hinkender? Wohin des Weges in dieser Wüste?
Das gab ihm die Fassung wieder. Er stützte sich auf seinen Stab und blickte die Fragenden scharf an.
Hochaufgeschossene Gesellen mit schlanken Knochen, durchgearbeiteten Muskeln und Sehnen, keine Spur von Fett, mit blonden Bärten, kalten, festen Augen mit herrischem, unerbittlichem Blick gleich Stoßvögeln.
Er antwortete nicht. Mit vorgestrecktem Arm machte er eine abweisende Bewegung in dem Sinne: Was kümmert’s Euch? Laßt mich! Ich will nichts mit Euch zu schaffen haben.
— Ist Dein Mund so krank wie Dein Fuß? Hinkt auch Deine Zunge?
Und sie lachten kalt.
Der Eine näherte sich ihm, während der Andere mit dem Fuße den Anker, mit der Hand das Steuer der Schwinggondel festhielt.
— Du kannst mit uns ziehn. Unser Fahrzeug trägt drei.
Das sprach der Aeltere. Genau hingesehen, hatte er nicht ein Gesicht wie ein Todtenkopf? Wahrhaftig. Und wie er grinste! Hing sein Bart nicht leblos, wie angeklebt?
— Du gehst in die Irre, scheint es, wir bringen Dich zurück.
— Du kannst uns von Nutzen sein, wenn Du gefällig den Mund öffnen willst. Wir grüßen Dich!
Aber es klang nicht wie Gruß.
Grege biß die Zähne zusammen, ärgerlich, daß er nicht schnell den rechten Entschluß fand. Wie würde Jala handeln?
Da lachte er auf: — Ich erwidere Euren Gruß. Nun laßt mich in Frieden. Ich suche mein Weib.
Er stieß seinen Stab auf und wollte sich zum Gehen wenden.
— Er sucht sein Weib in dieser Wüstenei! lachten jetzt die Fremden.
Sie wechselten rasch verständige Blicke. Sein Weib? Wäre das auch mitzufangen? Eine doppelte Beute? Das Fahrzeug hat Raum und Tragkraft auch für vier. Oder macht er nur Flausen? Fragt sich überdieß, ob das Weib nicht eine Katze, die schwer zu bändigen. Sicher ist sicher. Schließlich ist der Teutamann doch die Hauptsache.
Nach wenigen Schritten fühlte sich Grege angehalten. Der eine Fremde, der jüngere vertrat ihm den Weg.
— Höre, Mann aus Teuta!
— Woher weißt Du das?
— Ferner sind alle bewohnten Länder. In deinem Zustande kann man nur aus dem nächsten kommen. Auch Dein Gebahren deutet darauf und Dein bartloses Gesicht. Nur in Teutas Land ist die Gleichheit so strenges Gesetz, daß sich Keiner den Bart darf sprossen lassen. Alle sind dem gleichen Willen unterthan, bartlos zu gehen mit glattgeschabtem Gesicht.
— So sieh’ doch, jetzt sproßt mir der Bart. Ich habe nichts mehr mit der glatten Gleichheit Teutas zu schaffen. Und ich eile meinem Weibe nach. In Teuta sind die Weiber Allen gemeinsam. Keiner darf dort der Ausnahme sich rühmen, eines eigenen Weibes eigener Mann zu sein länger, als die Zeit der Begattung währt.
— Köstlich, wie du Bescheid weißt!
— Gut, ich habe Dir, dem Fremden, meine Sache gesagt. Nun hindere mich nicht länger.
— Willst du Gewalt gegen unsere Wißbegierde brauchen? Setz’ Dich zu uns und belehre uns. Wir sind Forscher. Wir ziehen auf Kundschaft aus nach seltenen Sitten. Du hast eine geläufige Zunge und einen lahmenden Fuß. Dein Fuß kann in unserem Fahrzeug ruhen, Deine Zunge sich behaglich in Allem ergehen, was uns wissenswerth. Du bist uns ein guter Fund.
— Aus welchem Lande kommst Du, daß Du eine solche Sprache zu mir, dem Freien, wagst?
— Angelos sind wir, wie Du bald erfahren sollst, und Du — ein Freier gewesen.
Nach kurzem Ringen war Grege überwältigt, gefesselt und in die Gondel gelegt.
Im Nu stieg das Fahrzeug in die Luft wie ein Geier.
Kapitel 2
Inhaltsverzeichnis
Die Winde schliefen. Kein Laut in der Luft. Müdes Flimmerlicht.
Was am warmen Boden knisterte, war der feinkörnige Sand, unter Jalas Sandalen, so oft sie den Fuß hob und senkte in wachsender Ermüdung. Es waren keine Schritte mehr. Die Gelenke zitterten vor Ueberanstrengung.
Jala war heute mehr Meilen gewandert, als gestern und ehegestern, von jagender Sehnsucht gepeinigt, endlich an’s Ziel zu gelangen.
Grege, der Getreue, warum war er um Hochmittag zurückgeblieben? Bis zum Abend versprach er sie einzuholen, wenn er seine Wunde gepflegt. Jala konnte ja des Weges nicht fehlen, in der geraden Linie des übersandeten Kanales mit der leichten dünenartigen Böschung auf beiden Seiten. War das nicht seine feste Meinung?
Nun kam ihr doch der Gedanke, sie möchte irre gegangen sein. Ihr tastender Stab fühlte keinerlei Erhöhung mehr am Wege.
Jala hielt an, lauschend, den Kopf zurückgelegt, das Gesicht in der Richtung der scheidenden Sonne, die Lider tief über den blinden Augensternen. Keines Dinges wurden ihre Sinne im Verweilen inne, außer ihrer brechenden Müdigkeit.
So beschloß sie, zu rasten, bevor volle Erschöpfung sie zwänge, und Grege’s, des Getreuen, zu harren.
Ausgestreckt, in seitlicher Lage, die aufeinandergepreßten Handflächen unter die linke Wange geschoben, ruhte sie am Wege, wie entseelt.
Auf ihre Schulter senkte sich, leicht wie ein Hauch, mit bebenden Flügeln ein gelber Schmetterling.
— Wenn Grege jetzt mich so fände, seine muthige Jala! dachte sie. Dann verwehte ihr Bewußtsein, bis sich’s wieder verdichtete im Traum.
Ihr lichtgraues Wanderkleid, überstaubt, hatte die Farbe des Sandbodens, ihr aschblondes Haar, in ungeordneten Locken aus der Kapuze hervorquillend, die Farbe der verdorrten Gräser und Halme.
Das Gesicht, sonst mattweiß, hatte auf der langen Wanderung in freier Luft und Sonne sich ins Bernsteinfarbige gedunkelt. Um die weichen Umrisse der Nase, des Mundes und des Kinns wie über die geschmeidige Fläche der Wange schwebte ein Lächeln der Ergebenheit jungheißer Leibeslust in den leidvollen Sieg der Seele, gemischt mit der Erinnerung an die tiefwühlenden, schauerlich-süßen Wonnen, die sie im Zauber ihrer ersten wildfreien, sich selbstbejahenden Liebe genossen.
Immer tiefer, immer inniger schien der ausgestreckt rastende Körper in den warmen Boden zu versinken, abgeflacht zu Schemen und Schatten.
Wie eine große, selige Mattigkeit war die Dämmerung über die Welt gekommen, wie ein tiefausholendes Verschwingen in langen, lauen Rhythmen.
Am Horizonte das Meer in weingelben Streifen, veilchenblau geädert, letzte, verklingende Liebkosung aus der strahlenfeurigen Zärtlichkeit der versunkenen Sonne.
Jala sah es im Traum, ganz so. Und ihr Herz erfüllte es wie heiliger Rausch beim Kusse des Geliebten. Und wie von stummer Musik getragen, schwebte sie mit Grege im lichten Gefilde, zwischen feierlichen Sonnenblumen, um deren hohe Stengel zierliche Schlingrosen rankten, in süßen Düften die seidenweiche Luft gebadet.
Nun sah sie dies: Heilig, aus nächtiger Finsterniß tauchend, die Insel, das Ziel der Pilgerschaft, die Heimath, das freie, ungetrübte Glück, Grege’s Himmelreich und das ihre.
Ausland und Fremde war ihr die weite, feste Erde gewesen, wo die Vielzuvielen und Zusammenhängenden wohnen, der dichte, drückende Schwarm der Gleichmäßigen, die traurigen Völker, verblödet im Glück des Niemalsunglücklichseins und des stumpfgewordenen Willens.
Nie, seit sie wußte, hatte sie sich Mensch mit solchen Menschen gefühlt.
Wie war das gekommen, daß sie anders war? Ein Trotz für sich und ein Widerspruch allen Anderen? Ein drohendes Aufbäumen in ihrem Fürsichsein und eine beständige Gefahr? Ein Verdacht, der zur herrischen Ueberzeugung wuchs, daß die Ordnung rings nur ein feiges Elend sei, dem ein Held erstehen müsse, der Alles erlöse, indem er Alles aus den Fugen schlägt? Und sie die Heldin des Helden?
Wie war das gekommen?
War’s eine verborgene Erbschaft aus ihrem Stammlande Friska, die jetzt in gesammelter Kraft aus ihrem stillen Herzensschrein hervorbrach, ihre Gedanken zu feurigen Pfeilen spitzte, ihre Empfindungen mit sprengenden Elementen lud?
Oft hatte Jala nach Zeichen gesucht, sich’s zu deuten in gegenständlichen Bildern, da die erklärenden Worte versagten.
War es ihre Blindheit, darin sie das neue Sehen fand?
War das eine Deutung, daß in jener Sturmnacht des jauchzenden Frühlings, als die Reife des Weibes im Wunder der Liebe ihren Leib verwandelte, das Licht aus ihren Augen floh und die Seele so hellsichtig wurde, als schwämme sie in Blitzen?
Schuf Grege, der Heiße, Treue, Unvergleichliche, den Unterschied zur dauernden Gestalt, daraus die neue Menschheit wachsen mußte? Konnte sie darum nimmer von ihm lassen?
— Auf der Insel die Erfüllung! seufzte Jala im Traume.
So verging die Zeit.
Plötzlich erwachte Jala in süßer Erschütterung.
Langsam richtete sich ihr Oberleib vom Boden auf.
— Nicht versinken, nicht unter die Erde! In die Höhe! Grege! Grege!
Was war das Alles? Was?
Ihre Hand tastete nach dem Stabe. Sie zog sich daran empor, sie straffte ihren Körper zu voller Höhe. Fremd. Allein.
— Grege! Grege!
Es war ein Nothschrei aus tiefster Seele. Ein Schrei in’s Leere.
Das schwarze Schweigen der Nacht verschlang ihre Stimme.
Kapitel 3
Inhaltsverzeichnis
Kaspe und Ao saßen in ihrem geheimsten Berathungssaal, dreißig Klafter tiefer, als die übrigen Amtsstuben, unter der gemeinen Erde.
Es war ein weiter, magisch erleuchteter und wie ein Treibhaus durchwärmter Raum, zeltartig mit Teppichen und seidenen Geweben ausgekleidet, so daß keine Wand zu sehen. Von der Decke hingen Reihen verschiedenfarbiger Schnüre für die Luft-, Licht- und Tonleitungen. Die Mitte nahm ein kleiner runder Tisch ein mit dem Tastwerk und dem Spiegel.
Der oberste Diplomat von Teuta, Titschi und sein junger Gehilfe Soundso hielten ihnen abwechselnd den Wochenvortrag.
Ein Theil war nunmehr erledigt, der auf die allgemeinmenschliche Stimmung der Teutaleute bezügliche.
— Alle satt? fragte Ao, der dicke Oberpriester, sich auf dem fahrstuhlähnlichen Polstersitz streckend.
— Alle ruhig? fragte Kaspe, der schmächtige Oberrichter.
— Alle satt und ruhig, antwortete Titschi mit verbindlichem Lächeln.
— Also Alle glücklich, nickte Ao.
— Wie üblich, bestätigte Kaspe.
— Ist es Euch, Hoheiten, nicht um einen Zehntel Grad zu warm? fragte Soundso. Ich meine, es müßte uns um einen Zehntel Grad zu warm sein.
Ao drehte den Ring an seinem kleinen Finger der linken Hand, die mit einem feinen Faden umwickelt war, der magnetische Apparat spielte, mit einem zarten Ton entwich das Zehntel überschüssiger Wärme durch die Temperaturorgel.
Alle nickten. Soundsos Hautempfindung war unfehlbar.
— Ist es Euch, Hoheiten, nicht um eine Zehntausendstel Kerze zu hell? fragte wieder Soundso. Ich meine, es müßte uns um eine Zehntausendstel Kerze zu hell sein.
Alle stimmten bei.
Ao berührte den Ring an seinem kleinen Finger der rechten Hand, der Apparat spielte, mit einem feinen Duft kam die gewünschte Milderung der Helligkeit in den Raum. Die Talare der hohen Räthe schimmerten um die Idee einer Schattirung tiefer in ihrem purpurnen Seidenglanz. Der goldgelbe Ton der Zeltgewebe und Tücher stumpfte sich um ein kaum Merkliches. Aber die hohen Räthe empfanden die schwache Veränderung als eine Mehrung ihrer sinnlichen Behaglichkeit.
— Die Abschaffung sämmtlicher Luftfahrzeuge für das gemeine Volk hat sich bewährt? fragte Kaspe mit zirpender Stimme. Es finden keinerlei Entweichungen mehr nach oben statt, die Teutaleute halten sich zufrieden am Rücken der Erde? Es wurde keinerlei Verunreinigung der Luft durch Schwinggondeln mit Flüchtigen und Durchbrennern bemerkt?
— Die Luft ist vollkommen geschlossen, erwiderte Titschi, seine etwas geknickte Gestalt erhebend.
— Freiheit und Gleichheit herrschen im Lande innerhalb der Grenzen der gemeinen Wohlfahrt. Ungetrübt ist das gemeine Glück, dank der Idealität unserer Zustände. Gott und sein Volk sind das A und das O, und ich bin, durch beider Willen, ihrer frommen Fürsorge treuer Knecht, so lange ich im geheiligten Amte stehe — sprach der Oberpriester in schläfriger Feierlichkeit.
— Ja, Hoheit, Deiner Tugenden Lohn ist Allen sichtbar, Du verdaust gut, Du schläfst gut. Dem Volke Gottes kann es an nichts mangeln, betheuerte im weichsten Ton Titschi, der oberste Diplomat.
— Wie war das Ergebniß der letzten Zeugungsperiode? nahm Kaspe das Wort.
Titschi rieb sich die feine Schnüffelnase. Er blätterte in einem winzigen Notizbuche, das mit allerlei krausen Abbreviaturen vollgekritzelt war.
Abtheilung I zwischen Fünfzehn und Fünfundzwanzig sehr gut, Abtheilung II zwischen Achtundzwanzig und Fünfunddreißig gut, Abtheilung III zwischen Vierzig und Fünfundvierzig mäßig, Abtheilung IV zwischen Achtundvierzig und Fünfzig gut, Abtheilung V Rest ungenügend.
— Wir werden uns mit dem Oberphysikus benehmen müssen. Vielleicht, daß er eine Abkürzung der Schonperioden gutheißt und eine Erweiterung der Abtheilungen nach unten und oben vorschlägt, lallte Ao schlafsüchtig.
— Nach oben, das wird wenig nützen, bemerkte Soundso mit pfiffiger Miene, es liegt in der Natur, daß die Leute mit der Zeit flau und bequem werden und sogar angenehmeren Pflichten sich entschlagen.
Soundso hatte sich diesmal verschnappt. Niemand nickte.
Das riß Ao aus seiner Schlummerstimmung.
— Natur? rief er merklich überrascht, beinahe vorwurfsvoll, was hat in Teuta die Natur zu sagen? Ich schaudere schon vor dem Wort zurück. Größe und Glück unseres Teutalandes, seine Einzigkeit und sein Ruhm begründen sich darauf, daß wir über die Natur hinaus sind, seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden. Alles ist Mechanik und Mystik. Damit stehen und fallen wir. Das ist unser Lebensgeheimniß. Das ist unsere Macht. Mechanik und Mystik, das sind die beiden Pole unseres Staates, um den uns die Welt beneidet. Soundso, ich rufe Dich zur Ordnung. So lange ich hier meines Amtes walte, ich, Ao, will ich das Wort Natur in diesem Zusammenhange nicht mehr hören. Hüte Deine Lippen, Soundso. Auch Deine Werthung der Pflichten, nach ihrer größeren oder geringeren Annehmlichkeit, ist Ketzerei, wenn man der Sache auf den Grund geht. Du bist gewarnt.
Alle stutzten. So lebhaft hatten sie den würdevollen Ao schon lange nicht mehr gesehen.
— Das macht die Jugendlichkeit meines vortrefflichen Gehilfen, daß er sich so verschnappt hat, beschwichtigte Titschi, mit einem mahnenden Zwinkerblick auf Soundso.
Der junge Diplomat hatte sofort die gefügigste Lammsmiene aufgesteckt, als hätte er nie das kleinste Wässerchen getrübt.
Titschi fuhr im trockensachlichen Tone fort: Ja, Hoheiten, der Oberphysikus wird uns Bescheid sagen. Inzwischen will ich feststellen, daß keinerlei ernste Gefahr im Verzuge ist.
Nun zirpte auch Kaspe: Der Bevölkerungsrückgang ist durchaus normal und giebt zu keinen Befürchtungen Anlaß, so lange wir in der Lage sind — und wir sind es, wie seit fünfzig Jahren stets — den Slavakos die festgesetzte Zahl an jungem Tauschvolk alljährlich und pünktlich gegen die Einlieferung der bedungenen Nahrungsfrüchte zu liefern. Wir können sogar, bei der nächsten Erneuerung des Vertrages, mit der Schätzung unserer Leistung hinaufgehen und stärkere Gegenleistung fordern.
Soundso konnte hier eine sachliche Bemerkung nicht unterdrücken.
— Eines Tages möchte sich’s doch ereignen, daß Teutaland nicht mehr so viel Tauschvolk produzirte, um die genügende Nahrung geliefert zu erhalten. Und bei allen Fortschritten der Technik werden wir nicht leicht dahin kommen, das Volk mit Luft zu ernähren. Auch die Surros kriegt man auf die Dauer satt. Der Magen nimmt sie nicht mehr an. Er will natürliches Originalfutter zur Abwechslung. Unsere Vorfahren thaten nicht gut, die Landwirthschaft zu zerstören und uns ganz den Künsteleien der Techniker und Chemiker zu überliefern oder gar den dilettantischen Erfindern vom Schlage Greges. So hängen wir von den Slavakos ab. Wenn denen einmal Unheil zustößt, sind wir ohne Früchte. Es könnte sich auch ereignen, daß sie unsere menschliche Tauschwaare zurückwiesen. Womit wollten wir sie dann verpflichten? Oder sie führen ein System des Lebens ein, das ihnen selbst genügend Menschen lieferte. Was dann, Hoheiten? Gestattet meiner Jugendlichkeit diese bescheidenen Gedanken.
— Zukunftsgespenster! Die schrecken uns nicht. Die Slavakos werden im Gegentheil immer nachdrücklicher auf unsern Menschenersatz angewiesen sein.
— Wie das? fragte Ao, der seine Schläfrigkeit vollkommen bezwungen zu haben schien.
— Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten weiß, sind bei den Slavakos wieder einige neue religiöse Sekten entstanden, welche es mit den Lehren ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten ihrer Rasse vor zweitausend Jahren entdeckten, noch viel strenger nehmen. Toistoji nennen sie sich. Diese Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute Enthaltung von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen und wählen ihre Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen . . .
— Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste Mal erbitten wir uns weitere Aufschlüsse, Kaspe. Die Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos? Hat sich unsere Abschließungszone gegen sie erweitert? Ist unsere Grenze genügend geschützt? Die Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung und sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen lauert ihre Herrschgier. Liegt nichts Verdächtiges vor?
Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso, als wolle er wieder das Wort nehmen. Aber nun kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine neue Verschnappung seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen und damit eine lästige Verlängerung der Sitzung herbeizuführen.
— Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ sich keiner von diesen Störenfrieden an der Grenze unseres Reiches blicken. Unsere Abschließungszone gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich verbreitert. Die sanften Slavakos, obwohl sie immer weiter nach Westen drücken, sind unsere vertragsmäßigen Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung. Weitab wohnen die kleinen Völker, die ihrer turbulenten Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren haben. Ich kann mir kein friedlicheres Bild unserer Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer der Trieb unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger Angriffspunkte bieten wir.
— Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, zirpte Kaspe. Schade, daß wir die alten Kulturdenkmäler nicht auch unter die Erde bringen können. Das Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, das Zuchthaus — gäbe es wirklich kein Mittel, sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin die Verwitterung so stark, daß uns die Unterhaltungskosten mit der Zeit drückend werden können. Oder wollen wir sie wie die Fabrik mit ihren neunundneunzig Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen? Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten auch daran. Ich glaube nicht, daß unsern Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt. Für diesen Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen.
— Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit lächelnder Lammsmiene, ja, das ist das herrliche Problem, neue Vergnügungen, Hoheiten!
— Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns Alles Eintracht und Zufriedenheit athmet. Probleme sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen, welche Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man nach ihnen welche machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, so ist’s.
— Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, ich hebe die Sitzung auf.
Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal hüllte sich in purpurne Finsterniß. Der Oberpriester drückte den Daumen an den Knopf des Riemens, der um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der Mechanismus, der die Hoheiten mit sammt ihren Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände in die Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten Gemächer in der höheren Region harrten.
Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr:
— Der Alte wird schwach.
— Ein Idiot.
Kapitel 4
Inhaltsverzeichnis
Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen aus der Ohrmuschel und schlenkerte sie nervös spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick war seltsam unruhig.
— Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog sein längliches Gesicht zu einem neugierigen Lächeln.
— Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat ihn gekränkt. In der Wochensitzung. Heillose Worte sind gefallen. Ich soll prüfen.
— Heillose Worte? Von Seite Aos?
— Nein. Soundso versündigte sich am heiligen Wortschatz.
— Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand beobachten lassen. Mir ist er längst verdächtig. Also Frevelworte ausgestoßen?
— Hm.
Minus spitzte den Mund und blies in die hohle Hand.
— Na, Hoheit?
— Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer das Sprüchlein: „Worte sind Schall und Rauch.“ Das wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei uns. Gehörtes verführt . . .
Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere Nachdenklichkeit.
— Wie hat der vor bald zweitausend Jahren gesagt?
— „Worte sind Schall und Rauch.“
— Hab’ ich nie gehört. Ich verneige mich vor Deiner Gelehrsamkeit. Worte nicht bloß Schall? Worte auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die rauchen. Worte die nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen belästigen. Die brändeln und stänkeln. Puh, Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, großer Wissender?
— Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die Staatsgeschäfte hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt, sei überzeugt.
— Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, Seele, Alles in eins. Furchtbare Gewalt. Wenn nun Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, Umwälzung, Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und was — —
Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte seinen langen dünnen Hals verzweiflungsvoll, daß die Wirbel knackten.
— Hm, machte Minus, indem er wieder die winzigen Hörröhrchen in die Ohrmuschel steckte.
— Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte.
— Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint ihm verdächtig. Seit der Wochensitzung. Worte, Worte, Worte.
— Schon wieder? Was hab’ ich vorhin gesagt? Darf ich nun erfahren?
— Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt Aergerniß auf allen Seiten.
— Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand.
— Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus. Amtsgeheimniß.
— Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares Material unter dem Siegel der Verschwiegenheit.
Aug’ in Aug’, daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten, dann den Mund am Ohr: Vernimm, Bim — Natur — angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst Du? — Probleme, herrliche Probleme sogar.
Dann blickten sie sich starr an.
— Soundso?
— Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte er nicht des Schlimmsten fähig sein? Ist das nicht ein keimender Entartungstypus in unserem normalen Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender Seuchenheerd in unserem musterhaft gesunden Land?
— Ich ahne, Bim.
— Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung des Urstoffs, alle Geister hat sie erschüttert, ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, angenehmere Pflichten vor dem Oberpriester auszusprechen.
— Und vor dem Oberpriester!
— Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, der meine unglaubliche Entdeckung mit dem höchsten Lob auszeichnete. Weißt Du noch?
— Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete doch gleich Deine herrliche Entdeckung? Die Worte sind mir nicht gegenwärtig.
— O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus welcher die Atome bestehen, ist nicht qualitativ verschieden, sondern die verschiedenen Atome sind nur verschiedene Qualitäten derselben Materie, und diese Materie ist der Urstoff.
Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie ein schwarzes Runzel-Dreieck über den erstaunten Augen standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder, aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake — aber seinem Munde entschlüpften klügere Worte.
— Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, das sind Ideen, nicht Schall und Rauch. Davon wird eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme werden hervorsprießen, neue —
Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken Hand in die Höhe und legte die rechte dem Sprecher auf den Mund.
— Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh! Entwi— Entwicklung, gehört das nicht auch zu den verpönten Worten unseres staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue Probleme? Stehen wir nicht auf dem Gipfel? Wohin mit Entwi— Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel eines Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, wir fügen hinzu, aber entwickeln? Nein. Wir haben einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist nicht Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung — wem schauderte da nicht? Sturz in’s Bodenlose — wem — — —
Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß die Halswirbel knackten.
Minus hatte sich bei Bim’s emphatischer Strafpredigt langsam umgewendet. Jetzt drehte er ihm das Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe:
— Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein Amt gestattet mir, mich auch einmal über meinen Standpunkt zu stellen, um — Andere zu prüfen. Du hast die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen. Der Mann des Geistes beglückwünscht den Mann der Körperlichkeit.
— Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit.
Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches Lächeln den aufsteigenden Aerger zu dämpfen.
Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten Gelehrsamkeitsverwalter, es ist ein Stich in’s Boshafte, fast in’s Größenwahnsinnige dabei, dem nichtsahnenden Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man könnte sich ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen solche Neigungen herrschend werden. Das ist kein glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten Volkes. Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit hinterlistigen Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade ihm, dem tadellosen Bim, dem unersetzlichen Physikus, der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit der Teutaleute mit solchem Eifer wacht!
Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten Köpfen, wenn ein Mann von der Gelehrsamkeit und Würde eines Minus Schabernack treibt? Kommt damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle Beziehungen derer, die der Wille des Volkes auf die wichtigsten Posten gestellt?
— Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann plötzlich der Oberlehrer wieder. Du bist ein Mann von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich erweise, der Weisheit meiner hohen Kollegen immer näher komme?
— Wieso das?
— Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, daß die Erde nichts ist als ein erstarrter winziger Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein Sandkorn in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen, welche Gase an der Fläche der fernsten Sterne glühen. Macht das Dein Herz größer? Dein Leben fröhlicher? Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel zu lösen im Begriffe war, von denen wir heute keine Ahnung haben. Daß man damals fast das Problem gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und in die Sphäre des Mondes hineinzufahren. Hat dieser Aufschwung gehindert, daß dennoch ganz Europa in die Brüche gegangen? Daß all’ die großen Reiche des Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste sind? Wie viele Jahre noch?
— O, Hoheit.
— Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch?
— Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? Wir sind beide in guter Verfassung.
— Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch nicht im hohen Rath, Bim. Bei der nächsten Musterung, wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die Alten nicht mehr, stell’ Dir das vor! Es geht wie ein Traum der Verjüngung durch die Herzen der kleinen Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter wollen sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt?
— Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus ermüdet.
— Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen zittern. Hast Du Zahnweh?
— Aber, ich bitte.
— Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du überhaupt noch Zähne?
— Die sitzen noch ganz solide.
— Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß zu tragen?
— Ich begreife nicht, Hoheit.
— Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren wohl auf diesen Zierat verzichtet.
— Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument der Gesundheit. Erinnere Dich, daß ich einst ein vielgepriesenes Mittel erfunden, dieses Instrument zu schärfen.
— Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. Nach Dir kam aber einer, der Speiseformen erfand, wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt überflüssig wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung Ehre erwiesen, wirklich, Bim?
Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen — es war keine vollständige Garnitur, und griff sich mit der Hand an die Stirn. Dann warf er einen hilflosen Blick auf den unbegreiflichen Frager.
Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise fort:
— Wie ein Traum der Verjüngung. Meine Späher und Zeichendeuter sind zuverlässig. Hast Du nie einen ähnlichen Traum geträumt?
— Nie, Minus.
— Hättest Du’s doch. Vielleicht hätte Dein Scharfsinn einen Sporn mehr erhalten. Du hättest uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden, Bim. Warum läßt Du uns sterben?
— Sterben wir? Hoheit, noch leben wir.
— Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. Wir sterben — wir sterben an der Jugend der Anderen. Grausame Todesart. Sie macht lächerlich.
— Du quälst Dich und mich, Minus. Warum quälen wir uns mit solchen Fragen?
— Weil sie zeitgemäß sind.
— Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, Minus, Hoheit.
— Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler.
— Du verschwendest Deinen Geist, Minus.
— Verschwende ich ihn?
— O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin — —
— Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu Thoren geredet, wenn ich vermeinte, zu Weisen zu sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig ganz unter uns. Oberphysikus, Amtsgeheimniß!
Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte. Irgendwo und bei irgendwem stand’s nicht richtig.
Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen Rathe an.
Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus diesen Mienen war keine Erklärung für die sonderbaren Worte zu schöpfen.
— Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen lassen, Bim? Weißt Du? Die den Sterbenden lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt? Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken’s, Bim! und lachen und weinen, die Unerbittlichen.
— Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. Ich fasse Deine Besorgniß nicht, Minus.
— Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit ihren Thränen verhöhnen sie den Unglücklichen. Ihre Thränen sind Salz in offene Wunden.
— Minus, nie habe ich Jemand von unserem Volke weinen sehen. Im edlen Lande der Teutaleute kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In alten Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten, Tyrannen und Knechte. Da kam’s zu blutigen Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, noch schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die sozialistischen Quälereien. Das besserte wenig. Die Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus! Das ist vorbei. Das ist die Auszeichnung der Teutaleute, ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke doch, ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können ruhig sterben, Minus.
— Warum thun wir’s nicht? So stirb doch, Bim! Schaffe Platz der Jugend! Was zögerst Du? Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen bestellt hat. Nimm Dir einen Soundso. Die einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in Staatsgeschäften unser Leben zu dehnen. Aber Alles das thust Du nicht, Du wartest ab. Du greifst nicht vor. Du läßt’s drauf ankommen. Du willst gestorben werden. Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart.
— Minus!
— Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. Ich mache ein Ende. Heute noch. Ich habe Sehnsucht, loszukommen, ohne Hohn.
Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles Uebrige. Also darauf spielten die krausen Wendungen und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen Minus der Ueberdruß, der Unmuth.
— Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten gestellt. Und da sollen wir flüchten, ohne Noth, aus trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns anvertraut — —
— Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine Reverenz — —
— Gut denn. So sagen wir (und kost’ es mir den Kragen, wenn’s ein Späher hört), die Beherrschung des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das nicht?
— Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem Herrscher, zu einem Gott in Dir, Bim? Ich hänge an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner Unvollkommenheit. Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich.
— Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, Minus.
— Aber nicht mein Wohl. Und warum können wir das Volk beherrschen? Weil wir ihm die Flügel gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen!
— Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen, Minus.
— Ist’s das? Bestellt sich der Mündige einen Vormund? Duldet der Freie Obere, die sich mit „Hoheit“ anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte Dich und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus der Erde heraus und liefe frei in die Sonne und allen Winden nach, wie die Thiere des Waldes, wie die Vögel des Himmels.
— Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: Deine Gelehrsamkeit ist Dir zu Kopf gestiegen. Das sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus alten Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. Ich weiß mich frei davon, drum kann ich ruhig reden.
Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei im Kopfe durcheinander geht. Wiederholt setzte er sein Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von keiner Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt?
Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung nahe. Solchen unerfreulichen Sachen war er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an unentwirrbaren Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den Strich. Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in einem solchen Zustande gesehen. Ein Knäuel von Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen.
— Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der Himmel, die Thiere.
— Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. Teuta aber ist gesund geblieben, weil es der Sonne, dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil es die Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat. Diesen vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten nachschwärmen: Poeten und Verliebte. Und mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt, gründlich.
— Haben wir das, alter Bim?
— Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die Erde im Teutaland. Alles ist klar und bestimmt nach Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten bleiben, er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen. Das empfand ich in meiner Jugend, das bestätigt mein Alter. Eine Wissenschaft, die anders lehrt, ist falsch. Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut.
Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen Gedanken versunken. Nie hätte er überhaupt den klugen, beschränkten Schwätzer so lange angehört, außer der Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte Komödie mit ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in der Geduld. Aber heute! —
Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der Fernsprecher wußte ihm so wenig zu melden, wie der Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte, es kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit der Wiederholung altbekannter Dinge.
Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine Erwartung schlug.
— Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer Weile. Ao weiß nichts. Kein Mensch weiß was. Jala, Unglückliche!
— Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte sie in meiner Irren-Abtheilung zur Beobachtung. Dann entwich sie — —
— Das sagst Du mir jetzt erst?
— Fragtest Du?
— Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich nicht weiß? Berichte!
— Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande entsprechend. Sie entwich. Sie wird ein Ende gemacht haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta ist ruhig.
— Ich danke. Fahr’ ab, Bim, und hüte Deine Zunge.
— Eine Närrin weniger, das regt in unserem Lande keinen Menschen auf. Eine Närrin weniger, ich bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um.
— Fahr’ ab, Bim. Jala ist keine Närrin und — mehr als Eine. Schluß. Fahr’ ab.
Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß vor der Thür.
Kapitel 5
Inhaltsverzeichnis
Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete das Firmament auf der naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne.
Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang gedämpft der schwermüthige Gesang der Wellen am Strande.
Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern kam es zuweilen wie hartes Grollen und Stoßen und Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlägen bald über die Fluth hinweg in’s Land zu fallen in wüthender Heerfahrt.
Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem Bogen den Strand umgürteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhütten: Eine Weltfremde in den düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und Wetter verschlagenen Insulanern oder Flüchtlingen aus den platten Hinterländern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche zogen wieder ab bei günstiger Wetterwende, Etliche, die sich anzufreunden und innigeres gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen.
Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam hausenden Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit des Daseins zwischen den Dünen.
Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten beschränkt. Das Meer forderte beständig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine Gewalt am schwächeren Nachwuchs.
So gab’s keine Bedrängniß an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen, die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die in längst verschwundenen Epochen bis an’s Meer stießen, den Ur gejagt, war das Geschlecht blondmähnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren.
Das große Wort aber führten einige schwarze Rundköpfe in den länger werdenden Abenden der Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz.
Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen Küsten heraufgekommen, die in weißen Felsen und Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ältesten Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszügen, Revolutionen und Umstürzen, mit solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten, unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen, und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, als die Menschheit noch lärmte und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute.
Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen der Mund über von ihrem kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos den Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem zweiten Erscheinen mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß unter ihren Fußtritten die Erde gebebt.
Das Alles war längst, längst vergangen. Aber es hatte seine Spuren zurückgelassen, sogar im Gedächtniß der rundköpfigen, kleingewachsenen Männer mit der unermüdlich behenden Zunge.
Wenn sie erzählten, mußte man staunen über so außerordentliche Dinge. Aber wenn draußen der Sturm dazu brüllte, Blitze in die schwarze, sich rasend aufbäumende Wogenwildniß schleudernd, als sollte sich die Erde spalten und der Wolkenhimmel in Schlünden und Abgründen schmetternd versinken, da klang das alte Heldenlied so glaubhaft, daß jeder Zweifel wich.
Nein, es konnte keine Fabel sein.
Wie das Meer in seinem Aufruhr, wie Sturm- und Gewitternacht heute noch, wenn die Jahreszeiten sich kreuzen, so war einst die Menschheit, ehe die große Helle und Stille über sie kam.
Auch die Angelos, die drüben auf der großen Insel, weit weg vom Strande, hausten, und von denen zuweilen noch Einzelne in listiger Fahrt herüberkamen, bestätigten dies. Ja, sie hatten selbst noch mancherlei Manieren an sich, die an die wilden Menschenzeiten gemahnten, etwas Gewaltthätiges, Tückisches, Raubthierhaftes, das namentlich den Leuten, die aus Teuta stammten, beängstigend erschien und von ihnen als drohende, unausrottbare Feindseligkeit empfunden wurde, gegen die ausreichender Schutz nicht leicht sei. Aller Vorsicht und Ordnung zum Trotz.
— Gieb Acht, in dieser Nacht wird der Sturm noch losbrechen, wie wir lange keinen gehabt, sprach der blondmähnige Schiffer Willem Mom zu seinem Nachbar Fix, dem kleinen Schwarzkopf, der heute wieder unermüdlich in alten See- und Räubergeschichten gekramt und vom Hundertsten in’s Tausendste fabulirt hatte.
— Alles kehrt wieder, Willem Mom.
— Schlechtes Wetter, jawohl.
Sie wollten, heute als Wächter bestellt, dieweil Alles in den Hütten schlief, der Auffahrt des Wetters näher zusehen. Sie krochen auf den Kamm der Düne. Zu sehen aber war in der mond- und sternenlosen Nacht nicht viel. Dicke Schwärze, zuckende Blitze, grollender Donner, regenschwere Luft.
— Es gab eine Zeit, Willem Mom, da fuhren da draußen ungeheuere eiserne Maschinen in schwarze Rauchwolken gehüllt, Dampfschiffe genannt, die an die tausend Menschen faßten.
— Das ist vorbei, Fix.
— Damals gab es auch Eisenbahnen, mit hundert Wägen, einer am andern, die faßten noch mehr, die fuhren auf dem platten Land, durch die Berge, über Brücken.
— Das kommt nicht wieder.
— Warum, Willem Mom?
— Das ist zu plump. Die Menschheit hat keinen Geschmack mehr am Plumpen.
— Na, mag sein. Jetzt ist man für das Kleine, Flinke. Jeder für sein kleines, unterseeisches Boot. Du kannst recht haben. Aber das kriegen sie auch wieder satt.
— Dann erfinden sie was Neues, Fix. Hast Du den Blitz gesehen? Der hat sich durchgehauen, und von einer solchen Dicke. Da liegt Kraft drin.
— Jawohl.
— Früher hat man sie in Drähten aufgefangen, fingerdick, von schwerem Metall. Jetzt thut’s ein haarfeiner Faden, oder gar nichts. Das geht, wie man will.
— Aber die Blitze, die so wild herumfahren, mit dem prächtigen Donner, he, Willem Mom!
— Ja, die gezähmten sind stumm, in der Gewalt der Menschen, sie leuchten nicht einmal unterwegs.
— Und wo sie dennoch Licht geben, geben sie gleich Musik dazu, hab’ ich mir sagen lassen. In Teuta sollen sie wunderbare Sachen machen.
— Ich sag’ Dir, Fix, den Teutaleuten ist auch nicht wohler in ihrer Haut, als uns, wenngleich sie sich für das erste Volk auf Erden halten.
— Das thut schließlich jedes. Ich hätte schon Lust, einmal dahinein zu sehen, nach Teuta.
— O, die sperren sich ab, die sind sich selbst genug, Fix. Und immer tiefer in die Erde hinein, da ist nicht beizukommen.
— Wenn einmal die Wolken ’runterbrechen, müssen sie alle miteinander ersaufen. So eine Nacht, wie jetzt diese da, meinst Du nicht, das gäbe eine Ueberraschung für die Teutaleute! Klitsch, klatsch, Alles unter Wasser, Willem Mom!
— Das kommt nicht. Merkwürdig, die haben Alles ausgerechnet. Da geht Alles trocken über ihr Land weg. Nichts kommt aus der Luft herunter, was sie nicht haben wollen. Die lassen sich nichts auf die Köpfe fallen.
— Was trinken sie denn in ihrem trockenen Land?
— Das haben sie sich abgewöhnt, Fix.
Fix lachte.
— Das wäre unser Fall, Willem Mom. So ein Leben ohne Feuchtigkeit. Und was glaubst Du von ihrem Essen?
— Das haben sie sich wahrscheinlich auch abgewöhnt.
Fix lachte wieder.
— Na, hör’ mal, das ist ja geisterhaft. Da können sie ja auch nackt gehen, denn zu sehen ist da wohl nichts.
— Thun sie auch, Fix. Wie die Würmer. Drum verkriechen sie sich tief in die Erde, wo’s hübsch warm ist.
Fix war ungemein belustigt von diesem Bericht.
— Höre, Willem Mom, das müssen wir sehen. Ist da keine Möglichkeit?
— Sehr schwer. Das ist schon das stärkste Abenteuer, nur davon zu träumen. Wär’ auch hineinzukommen, heraus kämen wir gewiß nicht mehr.
— Oho! Es sind doch schon Teutaleute zu uns herübergekommen, hört’ ich.
— Das schon, wenn auch ungeheuer selten.
— Nun also, Willem Mom.
— Jawohl. Aber die sind nicht echt. Die sind aus der Art geschlagen. Oder sie haben etwas Verrücktes angestellt.
— Noch Verrückteres, als es schon die Anderen treiben? Kanntest Du so Einen?
— Jawohl.
— Davon mußt Du mir einmal erzählen, Willem Mom. Jetzt fröstelt mich. Ich denke, wir haben von der Nacht genug. Wir legen uns schlafen. Oder glaubst Du, es ereigne sich noch was? Der Nebel wird immer dicker. Was ist da zu sehen? Es rührt sich nichts.
In der That, die Welt war wie mit Finsterniß verhängt. Auch das Blitzen und Donnern hatte nachgelassen. Das Getöse des Meeres klang gedämpfter.
Plötzlich war’s, als gingen die Falten der Nebelgardine auseinander, als würden sie emporgezogen von oben. Eine schmale Lichtung that sich auf, in einem Strich, weit hinaus auf die wogende See. In ungewöhnlicher Schönheit tauchte der Mond mit voller Scheibe aus der bewegten Horizontlinie auf, gerade im Mittelpunkte der Lichtung, deren schwarze Wände sich in dunkles Gold färbten, und violettrothe Lichter spiegelten auf der bauschigen Fluth.
Die beiden Männer standen wie gebannt von so viel Schönheit.
— Da spricht man von einem Zauberland, begann Fix leise, ergriffen. Was sagst Du dazu, Willem Mom?
Der aber deutete auf den Strand hinab, in die Lichtung hinein, und steckte den Kopf vor, um schärfer zu sehen.
— Da unten bewegt sich was, Fix. Hart am Wasser hin. Siehst Du?
— Ein Thier? Wo? Ich entdecke nichts. Sprich doch, wo?
— Es geht aufrecht wie ein suchender Mensch, ein wenig gebückt.
— Richtig. Wer kann denn zu dieser Stunde von den Unsrigen noch am Strande sein?
— Niemand von den Unsrigen. Das ist was Fremdes, sicher, was ganz Fremdes.
— Verirrtes, ohne Zweifel. Jetzt ist’s weg, rechts hinein. Am Ende doch nur ein Schatten, ein Wolkenschatten. Wollen wir nachsehen, Willem Mom? Meinst Du?
— Ja, wir wollen nachsehen, bevor der Mond wieder verschwindet.
Die Männer hatten erst wenige rutschende Schritte im feuchten Sande abwärts gethan, als in der That leichte Wölkchen, die wie Rauch an der Mondscheibe vorüberzogen, sich mehr und mehr verdichteten. Im Nu war das Spiel des Lichtes wieder in nächtiger Finsterniß verloren. Nur der weiße Strand grenzte noch in trüber Helle sich schwach von dem schwarzen Wasser ab.
— Mehr nach rechts, Willem Mom.
— Dort liegt’s, noch fünfzig Schritte. Hast Du eine Ahnung, was das sein könnte?
— Ein Mensch. Wir werden ja gleich sehen.
Und sie stapften in großen Schritten weiter, die Beine hochziehend im nachgiebigen Sande.
— Etwas Verhülltes, langausgestreckt, Willem Mom.
Nun standen sie davor.
— Heda! rief Fix.
Willem Mom beugte sich schweigend nieder.
— Greif nicht zu, lass’ mich erst reden, rief Fix wieder, auf die andere Seite tretend. — Heda, rühr’ Dich!
Willem Mom hatte den Körper bereits am Kopfende erfaßt und bemühte sich, ihn vorsichtig aufzurichten. Die Gestalt lag der Länge nach, auf dem Gesicht, die Stirn auf den gekreuzten Armen.
— Hier ein Stab, sieh mal, Willem Mom.
— Greif lieber da zu, an der Schulter, Fix, daß wir ihn umwenden.
— Maustodt, Willem Mom, wie vom Blitz erschlagen. Es rührt sich nicht. Wär’s nur nicht so stockfinster, daß man sehen könnte. Das steckt wie in einem nassen Sack. Am Ende doch was Angeschwemmtes. Nicht das Richtige, was wir von oben gesehen. Glaubst Du?
— Lass’ mich nur machen. Faß unten, ziehe die Beine, richte die Füße, Fix.
Willem Mom hatte sich niedergekniet und hielt nun den Oberleib in seinen Armen, mit den Ohren nach der Brust und dem Herzen suchend.
— — Ein Weib, Fix, sagte er leise. Fass’ den Arm und fühle nach dem Puls!
Inzwischen streifte er mit der Hand über den Hals zog die Kapuze zurück und seine Finger verfingen sich in einer Fülle von Haaren.
— Ich finde keinen Puls, Willem Mom.
— Das ist eine haarige Geschichte. Was machen wir nur gleich, Fix?
— Also wirklich ein Weib, Willem Mom? Du wirst recht haben, die Glieder sind schlank und zart. Ich will’s noch einmal mit einer Anrede versuchen.
— Schweig’, Fix. Sie ist jung und schön, das sieht man im Finstern. Wir müssen sie lebendig machen. Das geht nicht mit Redensarten. Reibe die Handflächen kräftig. Ich will’s an der Brust und im Rücken versuchen.
Und schweigend machten sich die Männer, an’s Werk.
Der Himmel blieb verhüllt. Das Meer beschwichtigte sich, die Wogen schwankten sanfter an den Strand und lindes Rauschen erfüllte die Luft wie elegische Musik.
Willem Mom zog seine warme Jacke aus und umwand damit den Oberleib des Weibes. Dann eilte er geschäftig, ihre Füße von den Sandalen zu befreien und einen Fuß nach dem andern in seine Hände zu pressen.
Fix athmete heftig, so angestrengt bearbeitete er die Hände und die Arme.
— Sie rührt sich, Willem Mom, wahrhaftig, sie rührt sich. Ihre Finger zucken.
— Am besten, wir tragen sie in meine Hütte. Ich nehme sie auf meine Schulter, Fix.
— Nein, in meine Hütte, die ist näher und geräumiger. Ich habe auch Stärkungsmittel. Heda, Weib, komm’ zu Dir und zu mir!
— Sei kein Narr, Fix. Lass’ los, ich bin Manns genug.
— Willem Mom, ich sag’ Dir, sei nicht gewaltthätig. Heda, Weib, schlag die Augen auf! Siehst Du mich?
Ohne sich weiter um Fix zu bekümmern, hatte Willem Mom mit einer raschen kraftvollen Bewegung das Weib auf seine Schulter geladen und versuchte davonzueilen wie mit einer kostbaren Beute.
Fix nahm den Stab vom Boden und stapfte mit seinen kürzeren Beinen mühsam hinter dem hochgewachsenen, weitschrittigen Kameraden drein, aufgeregt, ärgerlich, hitzige Worte in die graue, kühle Luft prustend.
Und Willem Mom immer vorwärts, keuchend, mit offenem Munde, mit stechenden Blicken die Finsterniß durchbohrend, um ohne Umweg die Buchtung zu finden, von der aus der kürzeste Pfad durch einen Düneneinschnitt in die Siedlung und zu seiner Hütte zu gewinnen war. Mit starken Armen hielt er die schlanke Gestalt umfangen. Er fühlte ihre Brüste an seiner rechten Wange, wärmer und wärmer, und plötzlich war ihm als höbe sich ihr herabhängender Arm und suche sich um seinen Hals zu legen.
— Recht so! rief er mit stoßendem Athem. Halte Dich fest, ich bin stark.
Aber da that er einen Fehltritt, kam in eine Senkung und stürzte mit seiner Last zu Boden.
Mit schwerem Druck kam er auf das Weib zu liegen, das er im Schreck noch gewaltsamer an sich preßte.
Wie aus schmerzhafter Empfindung entrang sich der Brust des Weibes der erste Laut, der wie ‚Grege‘ klang.
— Grege! Du thust mir weh! seufzte die zarte Stimme.
— Sie lebt, sie spricht! jubelte Willem Mom und bemühte sich mit äußerster Anstrengung, im weichenden Sande sich aufzurichten.
— Was beginnst Du da? schrie Fix, der ihn nun eingeholt hatte. Ganz Leidenschaft, schwang er drohend den Stab. Willem Mom saß auf der Böschung, das Weib auf sein Knie ziehend.
— Alles gewonnen, Fix, sie lebt, sie lebt. Siehst Du? rief er fröhlich. Und der Schweiß perlte ihm von den Schläfen und tropfte auf die weiche weibliche Hand, die auf seiner Schulter ruhte.
Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drückte sie in der seinigen und riß gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen Gesichts zu erspähen.
— Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich schütze Dich!
— Schweig’, Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner Heftigkeit.
Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken.
Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die Männer überein, gemeinsam die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war ansteigend und schwierig, und so war’s das Vernünftigste, sich in die Last zu theilen.
Dann ging’s vorwärts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein Wort.
An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die Willem Mom’s, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein kleines Feuer angeschürt hatte, um Thee zu kochen.
— Hier Vater, mach Platz’ auf dem Lager, wir bringen menschliches Strandgut. Ein Weib.
— Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe.
Aber da waren nicht viele Umstände zu machen.
— Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens. Warmes Lager und einen warmen Schluck.
Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand.
Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem wohligen Lager, im Dämmerlicht der stillen Hütte.
— Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage.
— Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom.
— Ist Grege da?
Die Männer sahen sich an.
— Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend.
Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt, die Hände über der Brust gefaltet.
Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, und entzündete den Glanz der reichen blonden Haare. Die Männer standen betroffen vor so edler Schönheit.
Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig hellenden Morgens und schlüpften durch die angelehnte Thür.
— Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lächelt.
— Oeffne die Augen, sieh’ uns an, bat Willem Mom.
Endlich bewegten sich ihre Lippen: — Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum Sehen.
— Sie redet irr, flüsterte Fix.
Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie den Hauch seines Athems spürte, wehrte sie mit schwacher Handbewegung ab. Zwischen Daumen und Zeigefinger erschien ein blaßrother Stern.
Fix entging er nicht.
— Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit eigener Beobachtung beschäftigt.
— Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zärtlichem Tone. Wie heißt Du?
— Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde.
— Die??
— Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert.
— Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf.
Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: — Nicht möglich? Es giebt kein Unglück, das nicht möglich wäre.
Dann, gegen das Lager gewendet:
— Ist’s wirklich so? Bist Du blind?
Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei große blicklose Augen enthüllten sich wie wolkenverschleierte, unergründliche Sterne.
Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer Schmerzenszug.
— Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände gefaltet.
Sie nickte und seufzte:
— Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles sagen.
— Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Männer durcheinander.
Der Frühwind sprang über’s Meer und jagte die Thür auf.
Flammend grüßte jetzt die Sonne in’s Gemach.
Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen geschlossen, ein schmerzliches Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren Rettern.
— Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht über Männerwitz.
Kapitel 6
Inhaltsverzeichnis
Die Luft klar wie Krystall.
Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen Wölkchen zur Rechten und Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegensätzlichen Kräften getragen.
Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben.
Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte.
So ging’s die Nacht hindurch, so den zweiten Tag.
Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten gekreuzt von einer kalten Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war kaum mehr zu schätzen.
Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften unbemannten und dunklen Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben.
Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem ungeheuren Anprall im wilden Wirbel des Fallwindes überhaupt nicht vollständig scheiterte.
Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose Flug spottete jeder Berechnung.
Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue Färbung des Himmels und die krystallene Klarheit der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel.
Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt hatte, war fremdes weißes Land in ungeheuren Flächen zu erkennen.
— Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspießen zum Verschnaufen, spottete der Jüngere.
— Und einem Eisbären das Fell über die Ohren ziehen, damit es uns den Buckel wärme. Uebrigens ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in dieser Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ändern und sich Urwälder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta?
— Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, in dieser programmwidrigen Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst Du nie dazu gekommen, aus solcher Höhe den Wundern der Schöpfung in die Töpfe zu gucken.
Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe. Außer seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die Richtung und den Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst seine Lippen schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine Offenbarung. Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien wurde, nahm er seinen Entführern schon gar nicht mehr übel in der gemeinsamen Noth.
Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem irrenden Luftschiff in den ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner knirschenden Betäubung vollständig.
Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bös, eher humoristisch.
— So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt.
In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt durch den nächtigen Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen bestimmten Gedanken denken konnte.
Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des Fallwindes hatten auch seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie sich vergewissert hatten, daß vorerst nichts zu unternehmen war, als dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an ihn.
— Nimm’s uns nicht übel, wir hatten’s besser mit Dir vorgehabt. Wir werden Dich für die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind. Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere Meinung von uns gewinnen. Willst Du frei sein, Flüchtling?
Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab.
Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen in die Augen zu sehen. Er fürchtete das kalt Beherrschende, das starr Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und lähmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwältigung und Fesselung vermeinte er wieder zu fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenüber, fand er sich in’s Unvermeidliche und fühlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod Verbündeter.
Nur wenn er an Jala dachte, war’s mit seiner Fassung vorbei.
— Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wüßtest! Das war ein übler Anfang. O über die verwünschte Wunde!
Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher Nähe, hergezogen durch die schmerzlich überquellende Sehnsucht seiner Seele.
Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung in unmeßbarer Ferne wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie außerhalb aller Welt, losgelöst von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte auf die bittere Erregung.
— Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe des Pols bewegen? fragte er seine Peiniger.
— Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher schließen den Zweifel aus.
Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten über die schneeige Erde und lockten aus dem Weiß ein wunderbares Spiel zarter Farben.
Grege machte große Augen. Er strengte seine Sinne an.
Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät war das Schauspiel, das die Erde aus dieser fabelhaften Höhe bot!
Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen der Landschaft ewigen Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er mochte nicht fragen.
Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein Feuerwerk. Eine lange rosige Dämmerung legte sich darüber.
Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel. In der Höhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem Glanz.
Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien.
Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig einfachen Schönheit in dieser weltentrückten Höhe, wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht und Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in den Zuständen dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealität.
Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in das All und ihre eigene unwillkürlich erschauernde Seele empfanden, keiner ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es war das äußerste Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuüben vermochte, in diesen fremden Regionen.
— Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, um sich aus dem Zauber zu lösen, und über die Stupidität geht nichts.
— Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere.
— Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme, die Augen aufschlagend, wie im Traum.
— Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir sie auch wiederholen, klüger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere. Lass’ ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch’ Dir den Mund. Wir thun das Gleiche.
Grege versank in Schweigen, das auf’s Neue zu einem schlummerähnlichen Zustand überleitete. Die Einförmigkeit der Bewegung war so unerschütterlich, daß er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos, und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem — — so verwandelt — — —
Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thränen, von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung.
Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten.
Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich damit seinen Bart.
— Originell ist er immerhin, dieser Typus.
— Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer zu stehen kommen.
— Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt vorausgesetzt.
— Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir gondeln bedenklich tief, da unten ist’s Meer. In seinen Schlünden zwischen Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht.
Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte es seltsam.
— Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod und Leben.
— Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit einem Griff und Wurf ists gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?
— Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht von der richtigen Stärke.
— Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt. Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns ein anderes Exemplar einfangen.
Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand! Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und Sinnloses — ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände. Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen — —
Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch.
Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig.
— Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht, seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust.
Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen, blutigrothe.
— Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter.
Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner nieder.
Wie rother Qualm brach’s durch die Luft, und eine frische Strömung hob das Fahrzeug.
— Jala, das dank’ ich Dir! Jala, Lebendige! —
Kapitel 7
Inhaltsverzeichnis
Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter.
Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz.
Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben.
Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann.
Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.
Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der Feind dich nicht mit Ränken umgarnt!
Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth wieder.
An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden.
Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte.
Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war’s vorbei.
Grege verhehlte sich’s nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe. Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit.
Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken.
— Möchtest Du’s noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir?
Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort:
— Sag’ jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen?
— Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich.
Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm eine.
— Da, nimm und wohl bekomm’s! Wir müssen den Rest eintheilen.
— Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen.
— Warum hoffst Du das?
— Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich!
In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei andere Fahrzeuge hielten.
— Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht’s gut, werden wir uns schleppen lassen.
— Und dann?
— Dann kehren wir heim.
— Wie verstehst Du das?
— Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht fern. Dort ist unser Ziel.
Grege stutzte. Also in’s Land der Feinde, unentrinnbar, in die Gefangenschaft.
— Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn in’s Auge.
— Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter Harmlosigkeit.
— Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken!
— Du wirst unser Gast sein.
— Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf.
— Und wenn mir das nicht behagt?
— Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen.
— Wenn ich aber nicht empfangen sein will?
— Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu feiern. Ist Dir das zu wenig?
Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.
Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei meiner Wege geh’n, als Niemandes Knecht.
— Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist.
— Was für eine Rechnung?
— Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr’ ich heim. Durch Deine Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach.
— Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist Du!
— Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.
Heiß stieg’s in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt?
Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen.
Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an!
Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner Flucht aus Teuta klar.
Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt galt’s die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.
Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf gegen die, die vor ihm sind.
Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein.
Grege’s Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er drückte die Hand auf die pochende Brust.
Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine Legion aus dem Boden.
Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt.
Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß: Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen.
Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen. Sogar für die Weisesten im hohen Rath.
— Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo mit boshaftem Lächeln.
— Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz.
— Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen.
— Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge, Schurke immer und ewig.
— Tobe Dich aus, bevor’s zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts, ich bitte Dich.
Grege’s Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala!
Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt?
Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Späherblicke seines Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles.
Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen — jedenfalls würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in Sicherheit zu bringen.
Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war’s ihm jetzt ein geschäftlich verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut — Kalkulation und kein Ende.
Da — alle Wetter!
Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker.
Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die Erde.
Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm nachstürzen, wär’ sicherer Todessprung.
— Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen!
Kapitel 8
Inhaltsverzeichnis
Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus erlebt. Was ihm nur plötzlich durch’s Gehirn gestiegen sein mochte, daß er jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu behelligen!
Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn.
Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim’s Blätter und Tafeln, dann schob er sie ärgerlich bei Seite.
— Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben? Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen hat! Eine neue Beleuchtung — nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell genug. Was meinst Du, Minus?
— Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt. Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.
Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte:
— Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!
— Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester, Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht.
— Sag’ Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch dieses vertuschen? Denk’ nach, Minus!
— Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest, wenn das Volk nicht dem Grege in’s Antlitz sehen kann.
Ao machte ein bekümmertes Gesicht.
— Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag’, Minus, ginge das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.
— Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag’s zum Grundgesetz unserer Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag’ ich zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber, Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig verschwunden?
— Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von Staatswegen und Augenweide für Alle.
— Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.
— Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles.
— Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person. Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er königlich.
Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte er mit speckiger Stimme:
— Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben.
— Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.
Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt.
— Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim nicht Rath?
— Geh’ mir mit Bim!
— Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn da nichts machen?
— Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast’s vorhin selbst gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie — läßt sich daraus ein Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?
— Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium.
— Du thust Dich leicht, Ao.
Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie Glaskugeln:
— Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an kein Weib!
— Soll ich’s an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da.
Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern.
— Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath, fügt sich’s nicht in’s Gesetz!
— Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!
— So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal steigt mir ein Wirrsal um’s andere auf den Nacken. Ach, ach . . . .
— Gut, ich werde ein Ende machen.
— Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten Weiblichen. Mach’ ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach’ ein Ende.
— Noch vor dem Zarathustra-Fest.
— Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig. Teutaland wird Dir’s danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach’ ein Ende. Mach’ Frieden mit Deinem Herzen.
— Gewiß, das will ich.
— Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Anstoß daran. Allerlei Schwierigkeiten, Du verstehst mich.
— Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.
— Und nun verlaß’ mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?
— Mich auch. Leb’ wohl, Ao, leb’ wohl.
Minus kämpfte schwer.
Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit verschlechtert.
Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt?
Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten.
Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener Nase, Tag für Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden Hinsiechen sich von selbst verstopft?
Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit. Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn, Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst mehr ernst nehmen kann.
— Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . .
Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe.
Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt.
Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen — wie: Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der Gefühle, Schwelle des Unbewußten — trennte die Männerhauptstadt vom Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe.
Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.
Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte, zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des verminderten Lichts.
— Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.
Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd:
— Soundso grüßt Minus, Hoheit.
— Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?
— Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst.
— Kehr’ ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge.
— Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei Titschi.
— In diplomatischer Sendung versäumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du kannst dann übrigens den Hoheiten Schönes von mir melden.
Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwände in mehrere kleine Räume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen Knopf am Boden, sofort ward milde Dämmerung.
— Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet sein.
Minus ging bis zur nächsten Abtheilung.
Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch.
— Darf ich Mitwisser sein, Soundso?
— Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete Soundso, den Flüsterton etwas erhöhend.
— Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen?
Soundso blieb stumm.
— Und durch das Thor der sieben Seligkeiten?
Soundso seufzte wollüstig.
— Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum süßen Salböl, wo die apokalyptischen Leuchter stehen?
Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle.
— Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche Jugend . . . . Und hat das Mondlicht Dich wonnig umflossen?
Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. Wenn der Esel Minus wüßte . . .
— Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir’s gefällig?
Soundso räusperte sich. — Kann ich leise sprechen, hörst Du?
— Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung?
— Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der schön gemessenen Bewegung . . .
— Wenn Du den Namen verschweigst, denk’ ich an Jala. Einverstanden?
Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, bis an die Stirn.
— Hat man Spuren? Nähere Umstände?
— Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung.
— Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist’s so?
— Du sprichst im Bilde, Minus.
— Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme.
Soundso schwieg.
— Hat man Hoffnung auf Wiederkehr?
— Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben.
— Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdächtig? Möchtet ihr seiner los sein?
Soundso schwieg.
Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hören.
Die Pause verlängerte sich.
Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum vernehmbares Geräusch wie von sich entfernenden schleichenden Schritten.
Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hörte nur noch seinen eigenen Athem.
Schwül beklemmender Duft dickte die Luft.
— Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gütigem Gruß, bitte.
Eine Weile tödtliche Stille.
— Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem Hintergrunde.
Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und unerfreulicher Ausgang, dachte er.
— Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte gegen den Hintergrund.
— War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich mich zurückziehen?
Es ward ihm keine Antwort.
Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf am Boden.
Plötzlich stand er im Dunkeln.
— Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten zu sein, ich werde meine Maßregeln ergreifen, daß mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht seine eigenen Wege schließlich.
Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und er versprach sich Nutzen von diesem Wissen.
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