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Zum Autor Michael Beck
Aufgewachsen in Ludwigsburg, dort Abitur am Mörike-Gymnasium (1971).
Dann Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Erlangen-Nürnberg mit dem Abschluss Diplom-Sozialwirt. Promotion auf dem Gebiet der Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Tätigkeiten und Projekte als Dozent/Trainer/Berater, Politische Bildung, Jugendarbeit, Soziale Kulturarbeit. Ausbildung Gesprächspsychotherapie in Innbruck.
Wissenschaftlich-Pädagogische Anstellungen an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Bamberg. Danach Bildungsreferent beim Bildungswerk der Wirtschaft. Später selbständig mit dem sozialwirtschaftlichen Bildungsinstitut bfe-Bildungspark, Sitz in Nürnberg und dem Seminarhotel “Schloss Daschow“. Es erfolgt die Insolvenz; danach Abwicklungsarbeiten und Neuaufbau des Kleinbetriebes „Landhotel Schloss Daschow“, welches in der Finanzkrise versteigert wird. Dann der zweite berufliche Neustart als Personalentwickler/Personalberater, Wohnsitz Nürnberg
Jüngere Veröffentlichungen vom gleichen Autor:
Michael Beck – Lyrik: Zusammengefasstes Wichtiges
Michael Beck – Fachbuch: Szenario-Plan-Methode
Michael Beck
VERNICHTUNG IN GUTEN ZEITEN
Egobericht Insolvenz
Siebenundzwanzig Essays, Notizen, Anekdoten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei Dr. Michael Beck
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
ISBN 9783957446503
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Einleitung – Anmerkungen zu den Essays, Notizen und Anekdoten
I Tatsachen
Die Gründung und das Bestehen des Bildungsinstituts – mit Ideen und Fleiß: der ganz normale, wunderbare Erfolg
Die Ereignisse in Leipzig
Wehrhaft, standhaft – bis zum Schluss
Die Vorfälle in Aschaffenburg
Nichts wie akquirieren!
Arbeitsamt Schwerin, Nebenstelle Parchim/Lübz
Die letzten Rettungsversuche, die scheiterten
Die Hausbank
Beruflicher Neustart, Teil eins: Der Neuaufbau eines Kleinbetriebes – Schloss Daschow wird Hotel und Restaurant
Bankenkrise – Auf Wiedersehen „Soziale Marktwirtschaft“
II Emotionen
Im freien Fall
Über meine Erziehung zum Gemeinsinn und das Vertrauen zum Staat
Die Jahre vergehen – Bericht des Insolvenzverwalters – Suche nach Sinn und Perspektiven
Wie sich mein Dasein in das einer großen Masse fügte
Zensuren – es gibt Gute und Schlechte
Wo ist das Licht am Ende des Tunnels?
Das „Effi-Briest-Syndrom“
III Reflexionen
Die Ethik einer erfüllten Jugend und die spätere
Unternehmenskultur
Psychologie der Freiheit
Der Traum vom liberalen Unternehmer
Vernichtungsprinzip, Teil 1 – Vorüberlegung: Gibt es das?
Vernichtungsprinzip, Teil 2 – Es existiert: Wie funktioniert es?
Vernichtungsprinzip, Teil 3 – Beschimpfung
Mittelstand, Finanzmärkte und Realwirtschaft
IV Randgeschichten
Fest im Glauben
Vom „Adlon“ zur Pommes-Bude Bahnhof Friedrichstraße
Den Tod auf der Autobahn verhindert
Am Postschalter
V Abschluss-Essay
Gelebt, so weiter! Und: Beruflicher Neustart nächster Versuch
Einleitung – Anmerkungen zu den Essays, Notizen und Anekdoten
Dies ist kein Roman und kein Krimi, liebe Leserin und lieber Leser, auch wenn der Text mit all seinen Konstruktionselementen an Überspitzungen in seinen Vorkommnissen und Entwicklungen in einen Vernichtungsprozess hinein allerhand zu bieten hat – wie wenn es nicht real wäre. Das war es aber. Alles hat sich über mehrere Jahre zugetragen und immer wieder entstanden einzelne Kapitel mit Schilderungen, Analysen, Versuchen zu verarbeiten oder etwas aufzudecken. Ich wollte ganz einfach Geschehnisse festhalten, aber auch Einschätzungen versuchen, um mich selber wieder als Person und nicht als Objekt von scheinbarer Willkür zu sehen, zu befreien, den beruflichen Neustart zu schaffen. Daher diese Mischform aus Essays, Notizen und Anekdoten. Bis zu einem Zeitpunkt, an dem ich sagen kann, das meiste dürfte nun vorbei sein, ist alles aufgezeichnet – immer noch mit einem offenen Ende. Die Stellung eines sozialwirtschaftlichen Dienstleisters im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips ist nicht einfach. Der existentielle Neustart nach einer Insolvenz ist noch schwieriger. Ich habe hier geschildert was ich unter guter Arbeit verstehe, die eigentlich überhaupt nicht in eine Insolvenz münden kann. Und ich habe protokolliert wie ein Neustart gelingen könnte, was er über lange Strecken einfach nicht tun will. Wo soll so eine Geschichte herkommen als von einem selbst – deshalb nicht objektiv, sondern so subjektiv wie die Energie, die vorher zum wunderbaren Erfolg des Kleinunternehmens geführt hat. Kein anderer Stil, der changiert vom Erfahrungsbericht, der Analyse, bis zum Pathos der Beschimpfung, ist in der Lage die Wahrheit zu finden, die subjektive Wahrheit deren überindividuelle Teile sehr deutlich werden und teilweise zu einem Portrait der Zeit beitragen. Leider sind es diese „guten Zeiten“ in denen so etwas passieren kann.
Die betriebliche – wie die Privatinsolvenz - scheinen in dieser Gesellschaft tabu zu sein, denn obwohl es in den letzten Jahren Hunderttausende davon gibt, erfährt man wenig darüber, was denn die Betroffenen daraus machen, die Ursachen - wie es passiert ist, in welche Verstrickungen man hineinkommt. Am Anfang der Entwicklung dachte ich auch, das ist eine Krise, schnell wieder da raus, das musst Du mit Dir selbst ausmachen - und keine Öffentlichkeit aufscheuen. Als daraus während des ersten beruflichen Neustarts die Vernichtung eines Lebenswerkes wurde durch den Kreditverkauf der Bank an einen Hedgfond, da ist mir der Kragen geplatzt und es wurde mir klar, zumindest möchte ich mit meinem Fall öffentlich anfragen, ob diese Gesellschaft diesen Turbokapitalismus möchte. Auch auf die Gefahr hin, dass man heute eher als Angestellter beschäftigt ist oder sich sogar in prekären Beschäftigungsverhältnissen befindet und somit wenig Interesse daran hat, zu erfahren, wie es einem Klein- und Mittelbetrieb so geht. Vielleicht ändern sich nach der Lektüre die Einstellungen gegenüber der Existenz solcher Betriebsgrößen und dem was man unternehmerische Energie nennt. Und das glaube ich einfach nicht, dass die Stütze unseres Wirtschaftssystems bis in die entlegensten Regionen hinein, die Klein- und Mittelbetriebe mit ihren Mitarbeitern, dies wollen und für gut heißen. Damit man sich ein Bild darüber machen kann wie man dazu steht, sind hier alle Erfahrungen dazu aufgezeichnet. Dabei konnte ich mir nicht so viel Gedanken über Satzbau und die allerbeste Aneinanderreihung der Sätze machen, es sollte nur alles Empirische und die Gedanken dazu, aufgeschrieben sein - manchmal persönlich mit der ganzen Wucht der Betroffenheit, manchmal wirtschaftsphilosophisch, manchmal mit dem verbliebenen Humor. Welche verschiednen Wörter, Garstige, Vornehme, Wissenschaftliche, Fachjargon dabei verwendet werden entspricht der Motivation zu sagen was zu sagen ist und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Bitte lesen Sie: haptisch das Papierbuch oder weil es ja heute so ist: das E-Book, auch gut, der Inhalt ist der Gleiche.
Michael Beck
ITatsachen
Die Gründung und das Bestehen des Bildungsinstituts – mit Ideen und Fleiß: der ganz normale, wunderbare Erfolg
Denken allein kann schädlich sein, wenn man daraus nicht die Konsequenz zieht, auch nach dem, was man sich erdacht hat, zu handeln. Wenn das nicht sofort umzusetzen ist, kommt es wohl auf den eigenen Willen an und darauf, den Zeithorizont, den man sich zugesteht, anzupassen. Erfolgt dies nicht, würde jemand wie ich in eine Blockade geraten und vielleicht krank werden. Insofern gehe ich auch ferner liegende Planungen an. In meinen Ausführungen über die Zusammenhänge, Ursachen und Auswirkungen meiner betrieblichen Insolvenzen möchte ich deshalb damit beginnen, über die von mir ausgedachte Gründung der privaten Erwachsenenbildungs-Schule zu berichten.
Das Bildungsinstitut wurde aufgrund einer privaten Initiative gegründet, um Arbeitsmarktchancen von Umweltberufen auszuloten und entsprechende Bildungsgänge auszuarbeiten und anzubieten. Zur fachlichen und öffentlichen Unterstützung wurde ein Umweltkongress kreiert und unter der Schirmherrschaft mehrerer Ministerpräsidenten und Umweltbundesminister durchgeführt.
Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und in ihrem Auftrag wurden über viele Jahre praktische Umweltschützer (dabei handelt es sich zumeist um Fortbildungsgänge mit sehr praktischen Anforderungen für Teilnehmer ohne Ausbildungsabschluss), Umwelttechniker, Umweltpädagogen, Umweltinformatiker und Betriebliche Umweltmanager ausgebildet und am ersten Arbeitsmarkt platziert. Im Laufe der Zeit boten auch andere öffentliche Einrichtungen diese Ausbildungsgänge an und der Teilarbeitsmarkt war bald gesättigt. In meinem Bildungsinstitut gab es diese speziellen Bildungsgänge deshalb nicht mehr, dafür etablierten wir uns als allgemeiner Anbieter für verschiedenste berufliche Trainings- und Bildungsgänge.
Wir verfügten über ca. 70 modular anpassungsfähige Seminar-Typen mit eigenen Prüfungen durch Bildungsträger und Fachverbände sowie mit IHK-Abschlüssen. Über 50 festangestellte Mitarbeiter in zwölf bundesweit verteilten Büros sorgten für ein effizientes Bildungsmanagement. Ein Pool von über 350 freien Dozenten stand mit fachlicher Kompetenz für den Lehreinsatz zur Verfügung. Spezielle Abteilungen beobachteten den Arbeitsmarkt, um neue Nischen zu entdecken, die von Arbeitslosen zu besetzen waren, oder um berufliche und betriebliche Trainingsmöglichkeiten und allgemeine Kontakte zu Unternehmen als potenzielle, zukünftige Arbeitgeber herauszufinden.
Ein eigenes Bildungsmodell war dazu da, die Teilnehmer fachlich zu schulen, ihnen aber auch Eigeninitiative und Selbstbewusstsein angedeihen zu lassen.
Das Gesamtkonzept bestehend aus den Arbeitsmarktkontakten, dem Bildungsmodell und den Beratungs- und Vermittlungsmodulen führte nicht selten zu Vermittlungsquoten von nahezu 100 Prozent. Das heißt, fast alle Teilnehmer der Kurse hatten danach eine feste Stelle.
Ein spezielles Verfahren der gruppenweisen Rekrutierung von Arbeitsuchenden kam der Arbeitsmarktproblematik besonders entgegen. Ebenso die aktive, vorausschauende Mitarbeit in Projektgruppen, wie zum Beispiel für die Neuansiedlung von Callcentern oder Warenhäusern in einer bestimmten Region, die zu passgenauen Weiterbildungen und Auswahlverfahren führte und damit zu gezielten und erfolgreichen Vermittlungen.
Im Zuge der Europäisierung führten wir mit Partnern in verschiedensten Ländern gemeinsame, innovative Weiterbildungs- und Vermittlungsprojekte durch. In drei Städten bauten wir anerkannte Fachschulen als feste Bildungseinrichtungen auf. Bundesweit sorgte eine ausgeklügelte Logistik für den entsprechenden Einsatz von EDV und sonstigen Lernmitteln, um auch in entlegeneren Regionen, in denen sich die Ansiedlung eines Bildungsträgers nicht gelohnt hätte, kompetente Angebote machen zu können. Die vorhandenen Schulungskapazitäten umfassten bis zu 1000 Plätzen, zwischen 400 und 930 Teilnehmer insgesamt wurden ganztags unterrichtet.
Die Ausgangslage für neuartige, attraktive Angebote war aufgrund eines soliden, gewachsenen Geschäftsaufbaus immer gut. Organisation und Finanzmittel waren auf Flexibilität, d.h. auf Schwankungen in der Auftragslage und Zahlungsmoral, eingerichtet.
Es gab auch aufregende Jahreswechsel ohne genaue Prognosen, wie gut es weitergehen würde. Die Anspannung war aber nie besorgniserregend. Wir entwickelten weiterhin neue Konzepte, bei Auftragsmangel wurden keine Büros geschlossen, auch Seminare mit zu wenig Teilnehmern wurden nicht abgesagt.
Schließlich sorgte das interne Controlling für eine genauere Verwendung der Mittel. Wenn wir gegenüber dem alleinigen Auftraggeber in Vorleistung gingen, steigerte das vor Ort das Vertrauen in eine gute Zusammenarbeit. Die manchmal intransparente Zuteilung von Kursen war zwar schmerzlich, wir hatten jedoch genügend Stehvermögen, dies auszuhalten. Es gab auch Fälle, dass überraschend ein Bildungsträger von außen Kurse bekam, obwohl er noch keinen Nachweis über eine spezielle Fachkompetenz hatte. Darüber wurde auch gelegentlich in den Medien berichtet, weshalb wir nicht immer glücklich mit unserem Auftraggeber waren. Unsere Aufgabe an sich – allein mit der individuellen Investition einer Weiterbildung jemanden wieder in den Arbeitsmarkt zu bekommen – war aber phänomenal.
Trotzdem kam ein Krisenjahr, in dem sich das flexible System mit seiner bundesweiten Verteilung bewähren musste. In bestehenden Einrichtungen wurden Kurse nicht genehmigt, in völlig neuen Städten kam man dagegen zum Zug. Das bedeutete einen hohen organisatorischen Aufwand. Doch die Auftragslage versprach sich wieder zu verbessern. In einer Region gelang uns ein ganz neues Modell: Aus der Zusammenarbeit mit politischen Vertretern, der halbstaatlichen Wirtschaftsförderung, der Arbeitsverwaltung und unserem Bildungsinstitut, welches Callcenter-Unternehmen für diese Region akquirierte, ergab sich ein enormer Arbeitskräftebedarf für Neuanstellungen, der nur durch den Einsatz von Arbeitslosen zu befriedigen war. Im Vorfeld von Weiterbildungskursen war unser Bildungsinstitut in alle Personalfragen miteinbezogen und richtete eine neue Callcenter-Schule ein. Das Geld für die Investition wurde beschafft, die Schule sollte 80 Plätze für mindestens fünf Jahre haben.
Es war alles vertraglich unter Dach und Fach, doch die Arbeitsverwaltung entsandte keine Teilnehmer, obwohl es einen Bedarf von über 1000 neuen Mitarbeitern gab. Vier neue Callcenter hatten ihre Ansiedlung zugesagt und organisiert, bekamen aber keine Mitarbeiter. Dem Institut fehlten die Gebühren für die eingerichteten Teilnehmerplätze.
Dieses Kooperationsmodell, welches in offensiver und intelligenter Weise ein Arbeitsmarktproblem lösen sollte, scheiterte. Es war der Beginn einer richtigen Liquiditätskrise.
Die Ereignisse in Leipzig
Zur gleichen Zeit führte unser Institut in Leipzig Fortbildungskurse zum „geprüften Personaldisponenten“ – eine Art Personalfachkaufmann/-frau – durch. Auch hier handelte es sich um ein lang vorbereitetes Kooperationsprojekt, um gezielt einer speziellen Arbeitsmarktproblematik zu begegnen. Zwei Landesregierungen der neuen Bundesländer gründeten staatliche Gesellschaften für Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit) – als Zwischenstation (nicht als Dauerarbeitsplatz!) für Arbeitslose eine gute Ausgangsposition, um in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Für diese Gesellschaften wurden marktorientierte Personaldisponenten gebraucht, die man unter den gemeldeten Arbeitslosen aussuchte und schulte. Unser Institut entwickelte den Kurstyp, stellte vorab die Arbeitsmarktkontakte her, analysierte den Unterschied zu den kommerziellen Zeitarbeitanbietern, bot die Kurse an und bekam den Zuschlag.
Eines Tages ließ der örtliche Kursstättenleiter die zentrale Koordination wissen, dass ein Dozent mit der entsprechenden Softwareschulung nicht unterrichten würde, weil er bislang sein Dozentenhonorar nicht erhalten hätte. Laut Vertrag war die Zentrale aber mit der Zahlung nicht in Verzug. Der Dozent kam trotzdem nicht. Da der Kurs schon fast zu Ende war, wurden – mit Genehmigung des Auftraggebers – die Teilnehmer der Softwareschulung eine Woche vorher in die Trainingsbetriebe entsandt.
Dies stellte sicherlich einen Mangel in der perfekten Durchführung eines Kurses dar. Andere Mängel waren aber aus dieser Einrichtung in Leipzig nicht bekannt. Sie wurde regelmäßig besucht, unterstützt und von der Geschäftsführung, der pädagogischen Leitung, dem Controller und dem Qualitätsbeauftragten überprüft. Bei keiner Visitation wurde irgendeine negative Auffälligkeit entdeckt. Also alles in Ordnung. Auch dieser Kurs wurde bis auf diesen kleinen Mangel ordnungsgemäß zu Ende geführt und die Teilnehmer bekamen ein Arbeitsplatz.
Mehrere Monate später nahm der Verwaltungsleiter des Instituts an einer Besprechung im Arbeitsamt Essen teil. Nachdem alle ein neues örtliches Projekt betreffenden Fragen erledigt waren, teilte ihm der Abteilungsleiter des Amtes mit, dass man weiter mit dem Institut zusammenarbeiten würde trotz des Intraneteintrages aus Leipzig. Das Instrument des Intraneteintrages war uns nicht bekannt. Was lag vor? Welche Auswirkungen sollte das haben können? Aus Leipzig erhielten wir auch keine Mitteilung.
Ich fuhr nach Leipzig in das Verwaltungsbüro für zusammengefasste Aufgaben beim Arbeitsamt. Ich sprach vor und man sagte mir, gegen das Institut läge nichts vor. Wir könnten Angebote machen wie bisher. Es gäbe einige Dinge, die wir routinemäßig nachweisen sollten, dann wäre alles in Ordnung. Eine schwarze Liste gäbe es nicht.
In Folge ging es um Unterstellungen, deren Gehaltlosigkeit leicht nachweisbar war. Einmal sollte die Bezahlung der Sozialversicherung bei einem freien Dozenten nachgewiesen werden, was schlecht möglich war. Alles kostete Zeit und Nerven und keiner wusste, was ein Intraneteintrag ist und was dieser bewirkt.
Immer nachdem neu angeforderte Nachweise erbracht waren, wurden wieder neue Nachweise verlangt, und jeweils wurde mündlich zugesagt, der Eintrag würde nun gelöscht werden. Er wurde aber nicht gelöscht. Inzwischen hatten ihn zig potenzielle Auftraggeber gelesen, ohne dass sie eine Ahnung von dem inzwischen 14 Jahre bestehenden Institut hatten.
Wir baten auch die Zentrale der damaligen Bundesanstalt für Arbeit , uns aufzuklären. Dort wollte man dann auch alle möglichen Nachweise, die wir ordnungsgemäß einreichen konnten und deren Sinn unsere Verwaltung nicht verstand. Im Gegenzug baten wir darum, die Zahlungen an uns zu beschleunigen, weil inzwischen unsere Auftragslage zunehmend ins Stocken geriet.
Inzwischen hatten wir selbst die lokalen Arbeitsämter, bei denen Kurse liefen oder eingereicht werden sollten, über den ganzen Sachverhalt informiert. Über 20 Kurse wurden nach extra anberaumten Qualitätsprüfungen der Behörde fortgesetzt – ein wunderbarer Vertrauensbeweis – und knapp 20 Kurse wurden neu zur Genehmigung eingereicht.
Eine weitere dringende Kontaktaufnahme mit der zuständigen Stelle bei der Zentrale der Bundesanstalt sollte den Zweck erfüllen, auf die sich zuspitzende Situation hinzuweisen: Einerseits sei man im Intranet negativ gelistet, andererseits sollten neue Kurse genehmigt werden und auch die Kursgebühren würden nur schleppend angewiesen. Die Dame am Telefon sagte mir nur, es gäbe über 40.000 Bildungsträger, da hätte man jetzt keine Zeit für unser Anliegen.
Vorbereitete Kurse in weiteren fünf Städten waren genehmigt, rechtsgültige Verträge mit den Studienteilnehmern lagen vor, die Kursbeginne rückten immer näher – auf einmal stornierten die zuständigen Arbeitsämter von sich aus den Kursbeginn.
Bis zu diesem Zeitpunkt konnte unser Institut allen Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Niemand wurde freigestellt. Aber mit dieser geballten Aktion ging es in Richtung Insolvenz. Gegen die Stornierung der Kurse konnten wir nichts machen. Die Zeit der noch laufenden 23 Kurse ging langsam zu Ende. Das würde es dann gewesen sein. Aus das Lied.
Seit den ersten Signalen einer Liquiditätskrise war über ein halbes Jahr vergangen, ohne dass wir hätten eingreifen können, weil wir von der nachrichtendienstähnlichen Methode des Intraneteintrages erst fünf Monate nach Eintrag von jemandem erfahren hatten, der über seine Dienstverpflichtung hinaus ganz einfach dachte, wir müssten das wissen.
Die Ereignisse überschlugen sich. Inzwischen hatte sich im Zuständigkeitsbereich des den Eintrag auslösenden Arbeitsamts Folgendes zugetragen: Der dortige Kursstättenleiter kündigte und bat um eine vorzeitige Beurlaubung, weil er sich als Rechtsanwalt freiberuflich betätigen wollte. Das Bildungsgeschäft wäre ihm zu unsicher geworden. Keiner hatte nur den leisesten Verdacht, dass das nicht stimmte. Längst hatte er alle von uns jahrelang durchgeführten Kurse beim Arbeitsamt eingereicht und noch während seiner Anstellung genehmigen lassen. Keinem seiner langjährigen Kollegen, die ihn auch sonst unterstützen, war etwas aufgefallen.
Noch besaßen wir die Kraft, sofort einen neuen Kursstättenleiter zu engagieren. Der Intraneteintrag bestand nach wie vor. Wir stellten den neuen Kollegen in der Behörde vor und wurden, wie man so schön sagt, scheißfreundlich empfangen.
Ich bekam noch einen extra Termin bei der aus München nach Leipzig versetzten Abteilungsleiterin. Sie saß hinter ihrem Schreibtisch, ich durfte an dem daran rechtwinklig angelegten Besprechungstisch sitzen und hinter meinem Rücken auf einem Stuhl in der Ecke des Zimmers saß eine Sachbearbeiterin mit einem Schreibblock – die sogenannte sowjetische Sitzordnung, wie man mich einmal aufklärte. Ein Verhör. Ich verzichtete darauf und las diesen zwei Hyänen die Leviten: „Ich gestatte Ihnen nicht, die Verantwortung für den Intraneteintrag zu leugnen und zu behaupten, Sie könnten dafür nichts“. Dieser Satz war und ist für mich wichtig, von den beiden Damen wurde er nicht verstanden.
Ich verließ das Büro und ging durch die ultramodernen Gänge mit überall aus den Lautsprechern tönender Hintergrundmusik hinaus. Und kam nie wieder. Wir hatten dort keine Kurse mehr. Die noch laufenden Kurse wurden an einen anderen Bildungsträger ohne Einhaltung von Copyright übergeben: „Abgewickelt“.
Wehrhaft, standhaft – bis zum Schluss
Von nun an musste unsere Verwaltung immer wieder die unterschiedlichsten Nachweise erbringen, was wir auch leisten konnten, einschließlich der Nachweise anderer Behörden wie Finanzamt etc. Was im Dunkeln blieb, waren die Namen der Dozenten, die in dieser Angelegenheit auch eine Rolle spielten. So konnten wir nicht einschätzen, was hier eigentlich passierte und was davon der Wahrheit entsprach.
Auch ich fuhr dann noch drei Mal nach Leipzig. Die sogenannten Besprechungen fanden im Büro der Z-Büro-Leiterin (das war damals die Abteilung für „zusammengefasste Aufgaben“, in der viele maßgebliche Entscheidungen bzgl. der Bildungsträger gefällt wurden) statt. Sie saß vor mir auf Distanz hinter ihrem Schreibtisch , mein Gesicht war zum Licht des Fensters gewandt, hinter mir saß die stellvertretende Abteilungsleiterin, bereit alles mit zu protokollieren. In keinem der drei Gespräche ging es um etwas Konkretes zu meinem Fall. Angeblich gab es keine Negativlisten oder Einträge. Gegen uns läge nichts vor. Wir könnten jederzeit Bildungsangebote einreichen. Die Bearbeitung unseres Falles wäre schon sehr fortgeschritten, usw., usw. Trotz aller hoch disziplinierten Anstrengungen war keine Klärung möglich, geschweige denn Informationen zu bekommen, sich auszusprechen, Anhaltspunkte zu erhalten oder irgendwelche Probleme zu lösen.
Beide Frauen waren sich über die Sitzordnung sehr im Klaren und wussten sehr genau, dass ihre gezielte Gesprächsführung eine einwandfreie Verzögerungstaktik war. Der Intraneteintrag hatte Zeit, nicht nur Papier ist geduldig; aber wie lange noch unser Bildungsträger, damit fertig zu werden?
Und dann kam der Gipfel der Infamie, vorbei an amtsinternen Verordnungen, eine professionell vorgebrachte Lüge, die das kriminelle Verhalten unseres ehemaligen Mitarbeiters schützte, also ebenso als kriminell zu bezeichnen ist: Beim Bildungsträgertreffen versicherte diese Abteilungsleiterin allen anwesenden Bildungsträgern, dass das Landesarbeitsamt einen Erlass herausgebracht hätte, zum Jahreswechsel grundsätzlich keine neuen Bildungsträger im Bezirk zuzulassen. „Unser Neuer“ – das heißt, unser ehemaliger Kollege – war wohl die berühmte Ausnahme. Diese Veranstaltung verhalf ihm dazu, dass Vermutungen oder Verdächtigungen in keinster Weise in die Richtung gingen, dass er den Intraneteintrag veranlasst hätte. Er hatte sich ja mit einer klaren Begründung förmlich verabschiedet und dies als Kündigungsgrund angegeben. Da waren seine Tücher mit Hilfe von den drei bis vier Mitarbeitern des Arbeitsamtes Leipzig bereits im Trocknen.
Warum es überhaupt nötig war, unsere Vernichtung anzustreben, ist mit meinen mitteleuropäischen Berufserfahrungen nicht zu erklären. Nachdem wir immer wieder die Hauptstelle der Bundesanstalt für Arbeit konsultieren wollten und um Hilfe, um ein Gespräch oder entsprechende Informationen baten, was rundum kategorisch verwehrt wurde wie in Kafkas „Das Schloss“, fingen wir an, an uns selbst zu zweifeln. Inzwischen wurden wir überall sogenannter Trägerprüfungen unterzogen, die im Prinzip durchweg positiv verliefen. Dennoch durften die fast 20 vorbereiteten, eingereichten und vorab genehmigten Kurse nicht beginnen.
Schon seit mehreren Jahren führten wir im Herbst einen mehrtägigen Erwachsenenbildungs-Kongress mit kleiner Messe durch. Hier war unser ganzes Team gefordert, einem professionellen, ausgewählten Publikum ein gutes Event zu bieten. Wegen der angespannten Situation war dieses Jahr unser Verwaltungsleiter nicht mit dabei, sondern er war zur Verabredung einiger Einzelheiten bei einem neuen Auftraggeber in Westdeutschland. Völlig unüblich und ungewohnt für diesen Event wurde ich ans Telefon gerufen. Mein Verwaltungsleiter überbrachte mir eine unklare Nachricht über einen aus Leipzig kommenden Intraneteintrag, von dem man ihm unter vier „inoffiziellen“ Augen berichtet hätte. Für mich war alles vollkommen unverständlich, weil ich ja aus den erwähnten Gründen in letzter Zeit mehrmals in Leipzig war. Welche Tragweite diese Art nachrichtendienstliche Verfolgung hatte, konnten wir nicht einmal ahnen, dazu fehlte uns jegliche negative Erfahrung mit unserem bisherigen staatlichen Auftrageber. Ich bat ihn sofort, das Arbeitsamt in Leipzig anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Der Kongress lief weiter. Mein Kollege fuhr gleich am nächsten Tag weiter nach Leipzig und kam mit einer kleinen Liste, welche Nachweise wir zu bringen hätten, zurück in unser Koordinationsbüro der kleinen Hauptverwaltung. Teilweise betrafen diese Nachweise überhaupt nicht den Standort Leipzig und es ging auch nicht um Mängel, weil wir unmittelbar nachweisen konnten, dass unsere Abläufe korrekt waren.
Ein weiterer Vorwurf war, dass die Dozenten (völlig verallgemeinert) ihr Gehalt nicht bekommen würden. Über 90 Prozent unserer Dozenten waren auf Honorarbasis verpflichtet, die Honorarauszahlung war aus verschiedenen sachlichen Gründen unterschiedlich geregelt, was aber in den jeweiligen Verträgen festgehalten war. Also konnten wir auch hier die entsprechenden ordnungsgemäßen Nachweise erbringen. Bis auf einen: den desjenigen Dozenten, der am Ende eines Weiterbildungsprojektes seinen Dienst nicht antrat mit der Begründung, er hätte sein Honorar nicht bekommen, was, unsere Fristenlösung eingerechnet, nicht stimmte. Im Gegenteil: Er hatte seinen Vertrag grob fahrlässig nicht eingehalten, weil er in dieser Woche einen anderen, attraktiveren Beratungsauftrag hatte. Seine Pflichtverletzung hatte er perfide in die Denunziation umgebogen, wir wären unseren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen. Erst mit der von ihm nicht durchgeführten Unterrichtseinheit mit Klausur wäre sein Modul beendet und die Honorarzahlung fällig gewesen. Das Arbeitsamt hatte diesen Zusammenhang nicht überprüft, sondern aus dieser vermeintlichen Beschwerde die schärfste und heimtückischste Waffe des Intraneteintrags geschmiedet. Zu diesem Zeitpunkt waren wir somit bei allen Arbeitsämtern der neuen Bundesländer vogelfrei. Später führte dies zu unserer Vernichtung. Zu diesem Zeitpunkt hatte einer einen gewaltigen Vorteil davon: Der Mitarbeiter, der sich viele Monate vorher unter Absprache mit dem gleichen Arbeitsamt selbstständig gemacht hatte, der noch während seiner Festanstellung die bfe-Instituts-eigenen Maßnahmebögen als seine eingereicht hatte, der die Beschwerde dieses Dozenten inszeniert hatte, indem er ihm riet, sich bei der Behörde zu beschweren, und der den Vorgesetzten und Kollegen nach Nürnberg meldete, der Ausfall dieses Moduls sei kein Beinbruch und mit dem Arbeitsamt abgesprochen, ein vorgezogener Beginn der praktischen Trainingszeit sei genehmigt.
Mit unseren Büros und Weiterbildungsprojekten waren wir bis dato noch an über 15 Standorten vertreten. Die laufenden Kurse sowie die über 20 im Einsatz befindlichen Dozenten bedurften bei der sich mittlerweile einstellenden Gerüchteküche und Rufschädigung einer besonderen Betreuung. Wie sich später herausstellte, hatten Festangestellte ihre Diebestour auch bereits in Bochum, Suhl und Nürnberg vorbereitet, um uns Kurse wegzunehmen. Auch im „vertrauten“ Kreis spürte man also, dass es kein leichtes Arbeiten war.
Immer noch nicht aufgegeben war der mögliche Beginn der fast 20 Kurse; um diese Standorte mussten wir uns besonders kümmern – ohne Erfolg. Hinzu kamen völlig neuartige Aufgaben bei Bank, Steuerberater, Finanzamt etc. incl. Tuchfühlung mit rechtsanwaltschaftlichen Dingen, die uns wegen der persönlichen Unbedarftheit völlig zu absorbieren schienen.
Eines Tages hatte das verbliebene Nürnberger Team einen viele Seiten umfassenden Brief an das Büro des damaligen Präsidenten der Bundesanstalt für Arbeit verfasst und abgeschickt. Er wurde nie beantwortet.
Ein paar Wochen später, nachdem sich vieles ereignet hatte, bat ich unser Rest-Team gemeinsam die Mittagspause zu verbringen. Wir machten einen fast zweistündigen gemeinschaftlichen Spaziergang und kehrten dann ein, um eine Suppe zu essen. Wir hatten kaum miteinander geredet, keiner konnte das Wort Intraneteintrag oder den Namen des ehemaligen Kollegen mehr hören.
Dies war der Abschied von meinen teilweise über vierzehn Jahre lang liebgewonnenen und geschätzten Mitarbeitern, Kollegen, Freunden und Partnern. Diese vier Stunden des letzten Tages entsprachen unserer emotionalen und geistigen Dichte, die uns immer so leistungsfähig und flexibel machte. Wir pflegten die Verteilung von Verantwortung in einer flachen Hierarchie, auch wenn ich manchmal doch der Chef sein durfte oder musste. So auch in diesem Augenblick, in dem ich entschied, meinem Team mitzuteilen, dass dies der vorgezogene diesjährige Betriebsausflug und gleichzeitig die Verabschiedung sei. Wir müssen uns verabschieden und jeder seinen Weg gehen.
Die Vorfälle in Aschaffenburg
Nach der weitgehenden Auflösung unseres Büros in Nürnberg, Neutorgraben, ging es darum, den Rest im Prinzip noch gut gehender Kurse mit einem kleineren Team zu betreuen – auch in der Absicht, im Herbst die bereits eingereichten weiteren 16 Kurse durchführen zu dürfen und zu können.
In unserer Kursstätte in Aschaffenburg ging es zunächst um die Beauftragung einer gruppenweisen Schulung und Rekrutierung von Fachpersonal für den Möbelhandel. Für derartige Problemlösungen und eine Zusammenarbeit mit externen Auftraggebern war das Arbeitsamt Aschaffenburg sehr gut vorbereitet. Die Signale am Arbeitsmarkt für passende freie Stellen wurden dort erkannt. Ein rein für den Außendienst zuständiger, kompetenter Arbeitsvermittler war dafür abgestellt, die internen Abteilungen waren darauf vorbereitet. Es wurde partnerschaftlich und sachorientiert kommuniziert, unbürokratisch gehandelt, sogar amtsbezirksübergreifend rekrutiert und informiert, es schien ein neues Modellprojekt zu werden, von einzelnen vernachlässigbaren Unebenheiten abgesehen.
Zwei Dinge waren bei der Vorbereitung und in der Startphase auffällig: Ein einziger Möbelhändler als zukünftiger Arbeitgeber drängte sich sehr in den Vordergrund, als ob er das alles bezahlen würde, und trotz des eher spektakulären Projektes blieb der Arbeitsamtsdirektor im Hintergrund.
Es kam unser bereits praktizierte Instituts-Modell zum Tragen: Wir informierten und berieten die möglichen Teilnehmer, wählten sie aus und stellten die Kurse zusammen – schon Monate vor dem Beginn!
Als „fliegender Bildungsträger“ hatten wir sehr gut geeignete Räume gefunden. Die Dozenten zeigten ihre bewährte Mobilität, die ihnen auch Spaß machte, die ganze Organisation ging von Nürnberg aus. Sprecher in den Gruppen sorgten für ein transparentes, demokratisches Klima und unterstützten das für unsere Erwachsenenbildung nötige Sozialgefüge.
Die Gruppenzusammensetzung war selbstverständlich nicht optimal. Wer kann grundsätzlich schon erwarten, dass aus einer völlig heterogenen Ansammlung von Arbeitslosen aus Aschaffenburg eine völlig homogene, fein geschliffene Bewerbergruppe entsteht. Wer tagtäglich mit dem Arbeitsmarkt und seinen Menschen zu tun hat, kennt die Problematik. Hier standen wir auch Schulter an Schulter in einheitlicher Meinung mit den entsprechenden Mitarbeitern des Arbeitsamtes. Diese Art „Kollegialität“ und Vertrautheit kannte ich schon von vielen solchen Begegnungen. Unsere Erkenntnisse waren gepaart mit einer unausgesprochenen Solidarität und sozialen Nähe zu diesen arbeitslosen Mitbürgern.
Der kleine Unterschied zwischen Arbeitsamt und uns war allerdings, dass wir als Bildungsträger eine unausgesprochene und vertraglich nirgendwo stehende Verpflichtung eingegangen waren, mit einer Bildungsmaßnahme alle Teilnehmer in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Das war unser Problem. Ein Teil der Kursteilnehmer würde mit dem erreichten Klassenziel einen sehr guten adäquaten Arbeitsplatz bekommen. Ein anderer Teil aber nicht, weil er bald glauben oder gar der Überzeugung sein würde, dass er nicht geeignet wäre, dass kein Arbeitsplatz in Wohnnähe wäre usw. Hier setzten dann unsere Beratungskompetenz und vor allem auch die höheren Motivationskünste ein, um bei diesen Teilnehmern Potenziale zu wecken, damit auch sie die subjektiv-richtige Stelle finden würden.
Aus professioneller Sicht lebenslanges Lernen zu organisieren ist so eine Situation für Andragogen nicht ganz so schwierig, wie sie sich anhört: Teilnehmer eines Weiterbildungskurses können sich positiv mit ihrer Lebenssituation auseinandersetzen, das Lernen wieder lernen, konkrete Einmündungswege mit allen Tricks kennen lernen und ausprobieren und nicht zuletzt auch neue Fachinhalte lernen, die generierbar sind. Sie können über einen geschützten Versuch-und-Irrtum-Vorgang zu einem neuen Selbstbewusstsein kommen und mit konkreten Tipps oder sogar konkreten Arbeitsstellen versorgt werden.
Wenn Not am Mann war, übernahmen wir die Verhandlungen mit dem potenziellen Arbeitgeber bis diesem schwindelig wurde oder er vor lauter schlechtem Gewissen danach in die Kirche ging. Wenn man uns die Türe wies, kamen wir zu einer anderen Türe wieder herein und standen erneut auf der Matte. Bei gruppenweisen Vermittlungen stellten wir die Arbeitgeber vor die Alternative: zwei gute Bewerber und einen schlechten oder keinen. Unser Institut hatte dadurch nicht selten eine Vermittlungsquote von fast 100 Prozent.
Auf diese Situationen, die sich meistens im letzten Drittel eines Kurses abspielen, waren wir bereits innerlich und organisatorisch vorbereitet. Wichtig war es, neben der Vermittlung fachlicher Inhalte permanent das persönliche Befinden der Teilnehmer einzuschätzen und sie auch emotional zu begleiten. Und ebenso wichtig war es, rechtzeitig adäquate sogenannte Praktikumsplätze zu haben, das heißt potenzielle Arbeitsplätze, die in Unternehmen aus einer Trainingssituation nach der Theoriephase entstehen können. Solche Möglichkeiten zu finden und sie richtig einzuschätzen, war eine zentrale Kompetenz, auf die wir sehr stolz waren. Denn kein Personalleiter oder Unternehmer ließ immer „die Katze aus dem Sack“ und offenbarte eine offene Stelle, die er schon gar nicht dem Arbeitsamt gemeldet hatte. Es war also eine aufwendige und komplizierte Analyse, durch die wir auch dank unserer langen Erfahrung und unserer Intuition herausfanden, wo eine zumindest mittelfristige Position entstand. Hinzu kam grundsätzlich, dass Unternehmen nicht nur misstrauisch gegenüber Arbeitslosen sind, sondern auch in einer gleichbleibenden Ertragslage aus den bekannten Gründen eines überregulierten Arbeitsmarktes prinzipiell lieber keine neuen Mitarbeiter einstellen wollen.
Die Kurse in Aschaffenburg waren wie die meisten unserer Kurse bewegt, durchwachsen, sehr gut durchorganisiert, trotzdem vor Überraschungen nicht gefeit, manchmal hochemotional und ohne den Anteil an Idealismus aller Mitarbeiter undenkbar. Eine Art Dienstleistung total, zwischen hoher Professionalität auf der einen Seite und der Gestalt eines Sackes voller Flöhe auf der anderen. Aber am Ende würde es wieder so sein wie immer: Die Leute sind untergebracht, sie haben ein seriöses Zeugnis für die Zukunft, die Arbeitsamtskasse hat wieder Einzahler und kann etliche Zahlungsempfänger von ihrer Liste streichen. Eine nützlichere Arbeit kann ich mir als Erwachsenenbildner eigentlich nicht vorstellen. Mit dieser inneren Zufriedenheit kann ich auch auf jegliches Danke vom Teilnehmer, vom Mitarbeiter, vom Arbeitsamt oder vom eingesetzten Dozenten verzichten.
Inzwischen schwappte die Liquiditätskrise von Leipzig, Gera, Suhl und Schwerin kommend auf unsere „gesunden“ Kurse über. Meine eigene Solidität geriet in Gefahr. So langsam aber sicher konnten wir nicht mehr wissen, was noch passieren würde. Immerhin gab es schon ein paar wenige, aber penetrante Dozenten, die berechtigt oder unberechtigt ihr Honorar anmahnten und sich einer der deutschesten Tugenden hingaben: Sie beschwerten sich nicht bei unserer Verwaltung, sondern sie denunzierten. Wenn nun der so vom Denunzianten Angesprochene diese „Information“ nicht an den Betroffenen gibt, wo sie zur Lösung des eventuellen Problems hingehört, sondern sie ohne Anhörung, Erörterung, Diskussion, Verteidigung, Stellungnahme, Lösungsvorschlag negativ interpretiert, falsch interpretiert, nicht überprüft aktenkundig macht, in irgendeiner Weise weitergibt, ohne den Betroffenen mit einzubeziehen, dann wird die Denunziation zur Verfolgung, zur Hetze, zur Vernichtung – vor allem, wenn der Tatbestand entsprechend verfälscht ist und der sich selbst abspulende Entwicklungsprozess nicht aufgehalten wird.
So weit hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht gedacht. Ich dachte nur, ich müsse etwas tun, zumindest informieren und auf Hilfe und Verständnis hoffen. So beschloss ich, beim Arbeitsamt vorzusprechen. Meine beiden Ansprechpartner waren an diesem Tage nicht im Amt. Also klopfte ich bei der zentralen Verwaltungsstelle an und traf auf einen Mitarbeiter dieses Büros, den ich kannte und der mir sympathisch war. Ich schilderte meine Vermutungen, was die Ursachen der falschen Informationen, der Gerüchte, der Vorhaltungen anging, aber auch die sich abzeichnenden Schwierigkeiten die, wenn nichts geschehen würde, bald auch die Aschaffenburger Kurse treffen würden. Ich merkte, dass ein Gespräch und eine Begegnung dieser Art in diesem Zimmer und in der ganzen Laufbahn dieses Beamten noch nicht vorgekommen waren. Und hätte ich nicht beruflich mit dem Thema Körpersprache zu tun gehabt, hätte ich die Sprachlosigkeit nicht interpretieren können. Das heißt, die Reaktion dieses erstaunten und voller Mitgefühl erscheinenden Menschen habe ich wahrscheinlich richtig interpretiert. Was ich aber falsch einschätzte, war dieses Amt, diese Behörde, diese bürokratische Anstalt. Denn von der Reaktion dieses einzelnen Menschen entwickelte sich nichts weiter in Richtung einer weiteren Erörterung mit anderen maßgeblichen Personen, geschweige denn in Richtung einer Problemlösung.
Was sich in der vertrauensvollen und empathischen Situation zwischen dem Beamten und mir abspielte, war in keinster Weise multiplizierbar. In meiner Wahrnehmung und Phantasie in diesem Zimmer, in dieser Gesprächssituation erkannte ich nicht die symbolische Kommunikation eines Fallbeils oder jemanden, der versucht mir die Haut abzuziehen oder auf den Kopf zu scheißen.
Mit der klaren Vorstellung, wie das Aschaffenburger Problem, wenn es größer wird, zu lösen wäre, machte ich mich auf den Weg nach Nürnberg, in der Aschaffenburger Kursstätte war schön längst niemand mehr. Auf der Rückfahrt klingelte zwei Mal das Handy von zu Recht besorgten Dozenten, denen ich glaubwürdig meine positive Strategie mitteilte. Ich hoffte darauf, dass sich diese positive „kämpferische“ Stimmung am nächsten Unterrichtstag verbreiten würde.
Dies traf zu. Aufgrund der sich zuspitzenden Lage sprang ein Dozent ab, ein anderer, loyaler sprang ein. Die Situation war gerettet. Der Zeitpunkt fiel zusammen mit einem Anruf des Arbeitsamtsdirektors aus Aschaffenburg bei mir im Büro. Ein langes Gespräch ergab sich. Mir schien, die Stimmung jenes Gespräches in der zentralen Verwaltungsstelle setzte sich tatsächlich im Hause dort fort. Der Arbeitsamtsdirektor erklärte mir, man sehe die Sache nüchtern, man sehe sich in der Lage, trotz merkwürdiger Irritationen die Kurse bis zum Schluss zu retten. Sorgen bereite ihm das anerkannte Zeugnis des Verbandes, der ja wegen unserer drohenden Insolvenz abgesprungen sei. Ich sagte, ein anderer Verband, der umfassende Erfahrungen in der Aus- und Weiterbildung hätte, hätte sich bereits zur Verfügung gestellt, die Prüfungskommission zu bilden und ein gültiges Zeugnis auszustellen. Der Direktor fragte dann nochmals intensiv prüfend, ob wir alle Faktoren aufweisen könnten, die Kurse bis zum nahenden Schluss durchzuführen. Ich sagte ja, die Räume, die Dozenten und die Praktikumsplätze seien sicher. „Dann machen wir weiter“, antwortete der Direktor. Wir vereinbarten ein Termin, zu dem ich mich bei ihm einfinden sollte, um alles noch einmal zu besprechen.
Ich fuhr an diesem Tag frühzeitig nach Aschaffenburg und besuchte alle Kurse, ließ die Dozenten und Sprecher zu mir kommen und versicherte allen, dass wir die Kurse wie geplant zu Ende führen würden. Mit meiner Seminarleiterin, die bis zu diesem Zeitpunkt schon viel aushalten musste, fuhr ich guter Hoffnung ins Arbeitsamt und ging in den ersten Stock zum Vorzimmer des Direktors. Die Vorzimmerdame machte die Tür zum Direktorenzimmer auf und ich erschrak.
An einem Besprechungstisch saßen soweit ich mich erinnere acht Personen, von denen ich den netten Herrn vom Z-Büro kannte, die Arbeitgeberin aus dem Möbelhandel und den jungen Rechtsanwalt vom Möbelfachverband-Bayern. Er hatte mir diese Berufsposition zu verdanken. Ihn kannte ich besonders gut, weil ich ihn selbst über mehrere Nachmittags-Coachings aus einer Gruppe arbeitsloser Juristen in den Verband vermittelt hatte. Der Hauptgeschäftsführer kam nicht selbst, trotz langjähriger Mitgliedschaft und der vielen heißen Eisen, die ich für ihn aus dem Feuer geholt hatte, ließ er mich eiskalt fallen.
Den Direktor hatte ich noch nie persönlich gesehen, nur ausführlich mit ihm telefoniert. Er hatte eine Art Freizeitschuhe an, etwas ungepflegt, bei einem Schuh waren die Schnürsenkel aufgegangen. Er trug ein dünnes Sommerhemd mit einer schmalen Lederkrawatte und hatte großräumige Schweißflecken unter den Achseln.
Er führte kurz in die Sitzung ein und begann damit, dass noch eine Person fehlen würde, nämlich der Geschäftsführer des zukünftigen Bildungsträgers, der unsere Kurse übernehmen würde. Ich könne aber auch sagen, dass ich damit nicht einverstanden sei. Dann schaute er auf unsere Seminarleiterin und fragte sie, ob sie ab morgen bereit wäre, beim neuen Bildungsträger zu arbeiten. Alle anderen sagten nichts. Dann kam der neue Bildungsträger. Er willigte ein, die Kurse zu übernehmen. Vor allen Leuten sagte der Direktor dann zu der Arbeitgeberin, sie duzend, dass sie „ihre Leute“ kriegen würde.
Der Direktor wandte sich wieder zur Seminarleiterin und fragte sie noch einmal, ob sie ab morgen beim neuen Bildungsträger arbeiten würde. Meine Kollegin verneinte. Bis zu dieser Zehntelsekunde war ich mir nicht sicher, ohne sie im Nachhinein in ihrem Ehrgefühl verletzen zu wollen, ob sie nicht vielleicht doch zusagen würde, denn wir hatten schon viele Überraschungen erlebt.
Dann fragte der Direktor mich, ob ich mit der Übergabe einverstanden sei. Ich antwortete mit fester Stimme: „Nein, aber ich kann sie nicht verhindern. Dies ist ein Skandal, Herr Direktor.“ Er beendete die Sitzung.
Wir fuhren in die Kursstätte zu den wartenden Dozenten, für die nun eine ganze Welt zusammenbrach, denn sie hatten die letzten Wochen ohne Honorar gearbeitet und hätten auf weitere Zwischenzahlungen zunächst verzichtet, um wirklich ihre Kurse zu Ende zu führen und das ganze Lehrinstitut zu retten. Wie mir in diesen Minuten zumute war, kann ich bis heute nicht beschreiben. In meinem ganzen persönlichen und beruflichen Leben hat noch nie jemand versucht, mir unter Missachtung aller Grundformen sozialen und humanen Verhaltens so etwas Vernichtendes zuzufügen.
Wenn man unterzugehen droht, versucht man sich an etwas zu klammern. Was mich stark gemacht hat, war die Erinnerung an die rührende kollegiale und fast freundschaftliche materielle Unterstützung, die diejenigen durch ihren Einsatz gaben, die zu mir und zum Institut hielten. Glücklicherweise waren wir längst ein Team auf gleicher Ebene geworden, in dem jeder alle Informationen über unseren Zustand hatte und nicht etwa meinen Versprechungen oder Einschätzungen folgen musste.
Schon am übernächsten Tag, wir hatten unsere Zelte bereits abgebrochen, rief man bei uns im Büro an und wollte die Zeichenbretter, Bücher, Computer, die Liste der Praktikumsplätze und der Dozenten usw. haben. Leider auf dem Rücken der Teilnehmer austragend gaben wir nichts von dem Gewünschten heraus, nicht einmal die Noten der zahlreichen Klausuren, die wir ordnungsgemäß bis dahin durchgeführt hatten. Dieser Pantoffelheld hatte seinen „Diebstahl“ nicht richtig vorbereitet. Und im Amt hatte ihm wohl in seinem Alleingang auch niemand von denen, die um die Details und den Fortschritt der Kurse wussten, geholfen.
Nichts wie akquirieren!
Die Situation der öffentlichen Auftragsvergabe war oft nicht transparent, und so musste ich auch Kontakte pflegen und Besuche machen, die es zunächst als nicht wahrscheinlich erscheinen ließen, einen Auftrag zu bekommen. Das ist für eine vertriebsabhängige Firma völlig normal. Diese Vorgehensweise führte uns auch in entlegene kleine Städte mit eigenem Vergabeamt, welches weitgehend eigenständig aufgrund der regionalen Kenntnisse über den Arbeitsmarkt über die Einrichtung von Schulungen entschied. Im persönlichen Kontakt konnten wir unser Schulungsangebot und unsere Lösungsansätze für spezielle regionale Probleme besser kommunizieren – was uns in der damaligen Situation noch wichtiger erschien als sonst. Eigentlich waren ja zu diesem Zeitpunkt die Auftragsbücher mit 24 laufenden, voll besetzten Kursen fast voll, aber dennoch sollte eine Akquise für die nächste Saison nicht unversucht bleiben. Eine Fahrt in dieser Absicht brachte mich in den tiefen Osten.
Bereits am Telefon konnte ich herausfinden, ob es Sinn machte, jemanden mit konkreten Absichten aufzusuchen und mit ihm über Erfahrungen, Konzepte und Erfolge zu sprechen. Weit im Osten sah ich dafür eine Chance – was jetzt wichtig war – es gab einen Termin, der Positives versprach!
Eine Stunde vorher durchkämmte ich das Städtchen und sah in negativ eindrucksvoller Weise das Bild einer „strukturschwachen“ Region. Von „blühenden Landschaften“ war eher wenig zu bemerken, umso mehr aber von dieser Architektur des Umbruchs und den Zeichen eines massiven Strukturwandels: Explodierte Neubaugebiete mit sichtbarem Mietleerstand, Betriebe aus der Jahrhundertwende als Industriebrachen, viele Menschen, die offensichtlich keiner Arbeit nachgingen und sich am helllichten Tag an Haltestellen und Billigsupermärkten häuften. Ein „Vietnamesenmarkt“ bot auf dem vor Zeiten sicherlich sehr schön gewesenen Marktplatz ein ausgeglichenes Bild sich regender öffentlicher Kommunikation: Menschen kamen und gingen, kauften aber nur gelegentlich etwas und zogen mit Taschen voller Pfennigartikeln wieder weiter.
Ich wusste von einem Küchenhersteller, der hier einen neuen Start wagte; ich sah eine Brauerei ohne Produktion („… die hamse stillgelegt.“); die Arbeitslosenquote betrug über 40 Prozent – ohne diejenigen, die in Bildungs-“Maßnahmen“ oder im 2. und 3. Arbeitsmarkt statistisch versteckt waren, ohne die unfreiwilligen Langzeitpendler, ohne diejenigen, die in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurden, ohne die Zeitarbeiter, ohne die Langzeitarbeitslosen, die bei der Sozialhilfe gelandet und so nicht mehr arbeitslos waren, und ohne die, die auf Kurzarbeit Null gesetzt waren.
Ich brauchte nur einmal nach dem Weg fragen und bekam gleich von jemandem, der den Weg zum Arbeitsamt gut kannte, eine sachkundige, präzise Wegbeschreibung. Dort angekommen suchte ich einen Parkplatz, ging durch den Haupteingang an der Pförtnerin vorbei durch einen langen Gang mit Wartebereichen – heute ohne Menschen, weil kein Sprechtag mehr war – in den ersten Stock zum Zimmer der Amtsleiterin. Ich klopfte an, eine freundliche, helle Stimme bat mich herein.
Unser Gespräch begann allgemein, dann wurde es spezieller, aber nicht etwa in Bezug auf konkrete Teilpopulationen des Arbeitsmarktes, deren Qualifikation und Vermittlungschancen sich konkret erörtern ließen – solche Themen sollten besser vermieden werden, merkte ich.
Hier wurde an diesem Tag nichts konkret. Das war wohl ein Kontakt, der vielleicht in ein bis zwei Jahren zum Wirken kommen würde. Ich überlegte, wie ich doch noch die Kurve kriegen und aus unserem flexiblen Lernsystem mit Stellenvermittlung an diesen Nachmittag ein Paket schnüren könnte, welches wir dringendst brauchten. Und welches als Spezialangebot noch ins Jahres-Budget der Region passte. Aber ich hatte keine Chance, doch noch konkreter zu werden, weil mein Gegenüber diese Ebene einer aktuellen Problemlösung mied, sie interessierte sich nicht dafür. Auf der anderen Seite wurden für den geplanten Neustart des Küchenherstellers zahlreiche Berufsbilder dieser Branche gebraucht.
Da klopfte es an der Tür. Es war wohl der Hausmeister, der auf sein Fragen hin gesagt bekam, er könne alles zusperren. So spät war es geworden. Doch warum beendete meine potenzielle Auftraggeberin unser Gespräch nicht? Schließlich gab es ja auch für sie keinen Erfolg und keinen Sinn. Es hätte genügt zu sagen: „Kommen Sie nächstes Jahr wieder, wenn wir die Maßnahmenplanung machen.“
Ohne dass ich es merkte, weil ich ungewöhnlich zwanghaft auf eine Akquise aus war, gab es einen Themenwechsel. Normalerweise gefallen mir solche Gedankensprünge, weil sich dadurch neue Gesprächsfelder ergeben und ich andere Interessen oder Bedürfnisse meines Gegenübers entdecken kann. Hier war das nicht der Fall.
Es ging um Regionen in Deutschland und auf der Welt, in denen es schön ist und in die man gerne reist. Eine Region wurde sozusagen im Doppelpack betrachtet: Wie ist dort fachmännisch gesehen der Arbeitsmarkt, und wie schön ist es dort , wenn man Urlaub machen könnte. Jetzt standen nicht mehr meine Arbeitsmarktkonzepte und Bildungspläne im Mittelpunkt, sondern auf dem Besprechungstisch lag plötzlich ein Reisekatalog („… na gucke“).
Ich bekam hiermit mitgeteilt, welche Reiseregion die Dame als nächstes bevorzugen würde. Dafür war auch schon eine Seite aufgeschlagen – der Veranstalter war klar, es fehlte nur noch der Termin für diese schöne Reise. Wie würde der mir nun noch mitgeteilt werden?
Ich hatte hier keine Chance, das war eine andere Liga. Aber noch hatte ich nicht entschieden, das Gespräch abzubrechen und mich höflich zu verabschieden. Ich ließ die Balance so, wie sie sich aufgebaut hatte.
Die attraktive Frau meinte dann, sie hätte noch einen anderen Katalog. Sie beugte sich zunächst weit vor – was physikalisch nicht notwendig war, um von ihrem Stuhl aufzustehen – warf ihren Oberleib nach vorne, lehnte sich wieder zurück, um Schwung zu holen, und unterstützte das mit nach oben gezogenen Beinen. In diesem Moment flunkerte mir das Dreieck eines weißen Höschens entgegen. Hui, Vorsicht: Kurve! Jetzt nicht die Contenance verlieren! Ficken für den Aufbau Ost. In der Amtsstube. Das wär’s. Alle Probleme gelöst. Nein, nicht meine Liga.
Die Zeit und das Geschehen waren soweit fortgeschritten, dass ich meine Präsentationen zusammenpacken konnte. Das tat ich auch. Bei diesem Spiel wollte ich nicht mitmachen und ich entschied, die Begegnung beenden. Das ging nur durch ein langes, dozierendes Reden mit vielen Gedankensprüngen, in denen immer wieder Einzelbruchstücke unseres Gesprächs vorkamen und diese Dame sich auch darin finden konnte. Dadurch hatte ich einen harmonischen Abschluss, wie wenn ein Masseur einen immer noch völlig verkrampften Körper am Schluss der Massage abstreift.
So ist mir eine Bildungs-„Maßnahme“ als Auftrag und Umsatz entgangen. Wie in Leipzig (Reisekatalog), in Schwerin (Freizeitboot), in Auer (Gartenmöbel und ein Gebrauchtwagen), in Parchim (Zuschuss für das Studium des Sohnes) und an anderen Orten. Auf dieser Ebene bewegten wir uns nicht. Solche „Geschenke“ verteilte mein Institut nie, solche Aufträge über Vitamin B hatten wir nie gebraucht.
Ich verließ diese graue, traurige Stadt so gegen 17 Uhr, alle Straßen waren fast leergefegt, und fuhr nachts noch bis nach Hause. Kein klarer Gedanke wollte sich formen. Eine Auswertung war substanzlos. Ich hatte mit hohem Aufwand noch einmal etwas probiert. Das Ausspähen eines speziellen Arbeitsmarktsegmentes war wieder einmal gut und gültig, was dann kam, hätte gut gehen können, verlief sich aber in einem entfernten Niemandsland.
Zu einem viel späteren Zeitpunkt, als schon alles den Bach heruntergegangen war, hatte ich mir ein Treffen mit einem leitenden Mitarbeiter der Innenrevision der Bundesbehörde verschafft. Da war noch gar nichts offiziell. Es war eine Begegnung in einer Pizzeria, bei der ich versichern musste, dass es sich ausschließlich um ein privates Anliegen handelte. Warum sollte ich diesem Mann das versagen, er wird triftige Gründe gehabt haben, also versprach ich, was er wollte.
Meine Schilderungen, in denen ich allerdings Ross und Reiter nicht nannte, hatten ihn nicht überrascht. Er ließ mich schätzen, wie hoch private Verbindungen dieser Art zwischen der Behörde als Auftraggeber und Bildungsträgern einzustufen wären. Ich tippte auf bundesweit 20 Prozent, er erwiderte: „Wir schätzen, es sind über 80 Prozent“. Weil ich nicht zu diesen über 80 Prozent gehöre und niemals gehört habe und nie gehören werde, konnte es nun mit meiner notwendigen Akquise nichts werden. Nur schade, dass gut zu sein, nichts nützt („…na gucke…“).
Arbeitsamt Schwerin, Nebenstelle Parchim/Lübz
Unser Institut hatte umfassende Erfahrungen und neben anderem eine gewachsene Kompetenz im Bereich EDV, Managementtechnik und Verkaufstraining. Deshalb bemühten wir uns in Bremen und in Nürnberg um den Zuschlag für die Einrichtung einer Call-Center-Schule. Aus gewissen nachvollziehbaren Gründen hatte das in Bremen nicht geklappt. Man wollte uns eben nicht. Das gesamte Know-how und die nötigen Ressourcen für eine Projektentwicklung waren nach wie vor vorhanden.
Die nächste Gelegenheit, das alles einsetzen zu können, bot sich in Parchim. Dort waren wir schon fast zehn Jahre mit einer Hotelfachschule tätig – übrigens mit den besten IHK-Ergebnissen – und bekannt. Das regionalpolitische Problem bestand darin, Call-Center-Betreiber davon zu überzeugen, nach Parchim zu gehen. Nur so würde dort auch eine Vielzahl an Arbeitsplätzen entstehen. Ein wichtiges Argument war das vorhandene, qualifizierte Personal. Wir sollten hierfür eine gewisse Garantie geben, dass innerhalb von ein bis zwei Jahren bis zu tausend (Teilzeit-) Mitarbeiter am Markt wären.
Um diese Strategie einer vollkommenen Neuansiedlung zu untermauern, mussten aus unserer Sicht folgende Maßnahmen durchgeführt werden: Die Anzahl und Qualifikation der Arbeitslosen musste untersucht und bereits angelegte Info- und Beratungsveranstaltungen durchgeführt werden. Es mussten potenzielle Teilnehmer getestet und exemplarische Berufsverläufe durchgespielt und für den geplanten Zweck motiviert werden, weil auch für die Teilnehmer dies völlig neue Berufsbilder waren. Schließlich musste für die Gesamtsituation – die Betreiber und die Teilnehmer – ein profunder Bildungsplan erstellt werden. Es mussten neue Räume angemietet und eine professionelle Call-Center-Anlage erworben und installiert werden. Es mussten Lehrkräfte für diesen Standort motiviert und viele, viele Details geregelt werden, fast wie bei einem Wanderzirkus, der für eine gute Organisation hinter den Kulissen sorgen muss, von der die verehrten Zuschauer nichts ahnen.
Dafür gab es Tag für Tag über eineinhalb Jahre zwischen unserem Institut, der regionalen Wirtschaftsförderung, den Call-Center-Betreibern, die im ganzen Bundesgebiet verteilt waren, und dem Arbeitsamt detaillierte Arbeitsgespräche und Vereinbarungen darüber, wie man das Ziel erreichen könnte. Es sollten in einem gewissen Turnus immer 80 Schüler an der Weiterbildung, hier präziser beruflichen Fortbildung, teilnehmen. Die ersten 40 Teilnehmer wurden geschult und es gab eine große Warteliste von weiteren Teilnehmern. Trotz weiterlaufendem Vertrag mit der Arbeitsverwaltung wurde kein weiterer Teilnehmer finanziell vom Arbeitsamt gefördert. Den Call-Center-Betreibern, die ihrerseits ihre Planungen abgeschlossen hatten, konnte ich keine Erklärung für diesen Zustand geben. Eines meiner geradlinigsten und arbeitsmarktwirksamsten Projekte kam hier zu Fall. Keine Erklärung, keine Erläuterung, keine Entschuldigung, keine Auseinandersetzung, keine Kommunikation, sondern alles kafkaesk.
Die letzten Rettungsversuche, die scheiterten
Trotz persönlicher Beteuerungen von Arbeitsamtsmitarbeitern, dass die Sache erledigt sei, blieb der Intraneteintrag bestehen. So manches uns gut gesinnte Amt wurde nervös und verstärkte pro Forma die Qualitätsprüfungen laufender Kurse, die von Dozenten geleitet wurden, die auch immer nervöser wurden, ob sie schlussendlich ihre Honorare bekommen würden. Manche schlechte Stimmung übertrug sich auf die in ihrer spezifischen Lage unsicheren Teilnehmer, die langsam auch etwas mitkriegten. In Nürnberg wurden die Kurse ausgerechnet von einem Mitarbeiter aus dem Arbeitsamt Schweinfurt geprüft, der seit Monaten daran arbeitete, dass wir dort keine Aufträge bekamen, und wohl privat mit dem dortigen Konkurrenten bekannt war und schon längst unseren dort verantwortlichen Mitarbeiter auf seine Seite gezogen hatte.
Die Verwaltungsabteilung unseres Instituts versuchte auf Hochtouren Kursgebühren einzutreiben, was misslang. Die Außenstände, das heißt der Betrag, den die Behörde noch nicht bezahlt hatte, wuchsen immens. Die Abstände der Bankgespräche nahmen nun nach über sechs Monaten dauerndem Liquiditätsengpasses ab.
Es gab auch viel Positives: Langjährige gute Beziehungen wurden zumindest durch Akklamation aufrecht erhalten. Die zentrale Koordination in Nürnberg stand nach wie vor zu mir. Einige Dozenten durchschauten die Situation voll und blieben letztlich im eigenen Interesse loyal und stundeten die Bezahlung zugunsten anderer, deren wirtschaftliche Situation und Einsicht dies verständlicherweise nicht erlaubten.
Wir stellten Rettungspläne und Reorganisationspläne auf, nahmen aber auch mit einzelnen Ämtern bereits Kontakt auf, um eine Übergabe von Kursen an andere Träger zu ermöglichen. Dies sollte dazu dienen, im Interesse der Teilnehmer und Dozenten noch mehr Schaden abzuwenden. Doch ohne jegliche Absprache und vertragliche Grundlage wurden sämtliche Teilnehmer in Schwerin, Suhl und Gera innerhalb von Minuten an andere Träger überstellt, obwohl immer noch der Unterricht von uns durchgeführt wurde, Verträge nicht gekündigt waren und alles den Umständen entsprechend gut verlief.
In Schwerin wurde die komplette Hotelfachschule vom Arbeitsamt an einen anderen Bildungsträger überstellt, obwohl wir selbst konkrete Übergabe- und Verkaufsgespräche führten und vertraglich vorbereiteten. Was diese Behörde sich leistete, war aus unserer Sicht Betrug und Diebstahl – das Gleiche gilt für den Bildungsträger, der so zu neuen Pfründen kam.
In Schweinfurt wurden nach fast einjähriger Vorbereitung ein sehr komplizierter Kurs eine Woche vor Beginn an unseren schärfsten Konkurrenten überstellt. Darüber hinaus wurde unser Mitarbeiter vom Arbeitsamt zur fristlosen Kündigung aufgefordert, wenn er seine Tätigkeit retten wollte, und ebenfalls dem Konkurrenten zur Verfügung stellt. Unsere sämtlichen schriftlichen Ausführungen für die Kursdurchführungen wurden einfach weitergegeben ohne Rücksicht auf Urheberrecht, Copyright oder sonstige Eigentumsrechte.
Die verbliebenen weiteren 23 Kurse gingen mit irgendeiner völlig unprofessionellen Lösung ohne unser Institut zu Ende. Die genehmigten 16 neuen Kurse kamen nicht zustande. Ein Kollege aus dem Führungsteam in Nürnberg befand sich wegen einer Herzattacke im Krankenhaus und musste ausscheiden. Eine organisatorische und finanzielle Rettung schien nicht mehr möglich. Die letzten neun Monate hatten nichts mehr mit dem zu tun, wie wir unsere Arbeit während der letzten 20 Jahre gemacht hatten. Insolvenz wurde angemeldet. Die bis dahin ausstehenden Kursgebühren von über einer halben Million Euro kamen nicht mehr beim Institut an, sondern beim Insolvenzverwalter.
Die Teilnehmer des bis ganz zum Schluss verbliebenen Weiterbildungskurses, der mit einem besonderen situativen Verständnis und fachwissenschaftlicher Berufsauffassung der leitenden Mitarbeiter des Arbeitsamtes Garbsen nach der Insolvenzanmeldung zu Ende geführt wurde, erhielten bei der Verabschiedung die entsprechenden gültigen Bildungsträger- und Verbandszeugnisse aus meiner Hand überreicht – unterstützt und begleitet von besonders kompetenten, zivilcouragierten und psychologisch volumigen Mitarbeitern des dortigen Arbeitsamtes, die sich um all das andere Drumherum nicht scherten.
Bis dahin hatte ich die Verantwortung über mehr als zehntausend Zeugnisse für Studienteilnehmer, denen wir in den ersten Arbeitsmarkt verholfen haben. Wir hatten alles für sie und die Behörde erledigt: Arbeitsmarktsegmente untersucht, praxistaugliche Lehrpläne geschrieben, Teilnehmer beraten und ausgewählt, sie in Praxisphasen vermittelt, sie in Arbeitsstellen des ersten Arbeitsmarktes vermittelt. Bezahlt hatte die Behörde mit bescheidenen Tarifen den Stundensatz pro Teilnehmer. Aber es war eine sinnvolle, erfüllende Aufgabe. An diesem Tag sollten es meine letzten Studienteilnehmer sein, die ein Zertifikat von mir erhielten. Kein schönes Gefühl, immer noch eine unerklärliche Situation.
Die Hausbank
Das Bildungsinstitut, wurde mit der konkreten Erwartung vorbereiteter, eingehender Aufträge und Einnahmen ohne Bankkredit gegründet. Wir kamen mit einer minimalen Ausstattung aus; ebenso hielten sich die Personalkosten in bescheidenem Rahmen. An allem wurde so gut wie möglich gespart. Dies bedeutete einen guten Start und eine gute Basis. Auch die Bank wurde jetzt auf ihren neuen Kunden aufmerksam, weil ein hoher Betrag das Girokonto füllte. Das hielt an und setzte sich steigernd fort, was gut war für Rücklagen aus Gründen der Sicherheit. Allerdings kamen mit der kontinuierlichen Expansion – wir eröffneten Niederlassungen in mehreren deutschen Städten – auch völlig ärgerlicher Verwaltungsaufwand, verbunden mit Kosten, auf unser junges Unternehmen zu, die mit der eigentlichen Leistungserbringung nichts zu tun hatten. Das schmälerte das Budget auf ein normales Maß mit dennoch guter Bonität.
Eine weitere Steigerung der Umsatzerlöse folgte durch die Eröffnung einer Hotelfachschule in Mecklenburg-Vorpommern. Davon merkte die Bank offensichtlich nichts – keine Betreuung, keine Beratung, eigentlich nicht einmal ein Verständnis einer „Betriebswirtschaft der Dienstleistung“ während dieser Expansion. Auch dafür benötigten wir keinen Kredit. Wir erwarben eine Immobilie, die wir vom Girokonto ohne langfristige Finanzierung bezahlten. Ein neu gegründetes Konsortium half bei der vollkommenen Restaurierung des Objektes und der Einrichtung eines wirklich noblen Weiterbildungsinstituts für die Hotelbranche. Die Expansion brachte zwangsläufig einen Fixkostensprung mit sich und auch wieder völlig neue Kostenarten wie Rechtsanwaltsgebühren, Beiträge für Versicherungen und Mitgliedschaften sowie ungewohnte Kosten der Personalentwicklung für die Mitarbeiter in den Filialen der neuen Länder. Mit den Rücklagen für die Absicherung der Marktpräsenz gab es aber nie einen Grund für eine Beunruhigung.
Eine erste unvorhergesehene Auftragskrise verschlang viel Substanz, zusätzlich mussten wir wegen verzögerter Zahlungseingänge Dispokredite in Anspruch nehmen. Unsere Bilanzen waren nach wie vor bankgerecht.
Sie beinhalteten allerdings nichts, was für einen Dienstleistungsbetrieb wichtig ist: Know-how und Erfahrung, eine bundesweite Marktpräsenz mit Filialen einschließlich einer guten Organisationsstruktur für dieses Gewerbe („Seminare mit handwerklicher Qualität“), die jederzeit abrufbare Seminarausstattung für bis zu 1000 Kursteilnehmer etc. Die Darstellung solcher Werte verlangt die Gesetzgebung nicht, was zeigt, dass die Dienstleistungsbranche insgesamt in einem modernen Wirtschaftssystem noch nicht mit allen seinen produktiven Faktoren gesehen wird. Im Bereich der Festeinstellungen setzten wir auf mehr Kompetenz im Management und weniger Lehrbefähigung im eigenen Haus, was dem Unternehmen eine gute Kostenflexibilität gab und sich auch organisatorisch als sehr anpassungsfähig erwies.
Und dann kam – Jahre später – die richtige Auftragskrise, deren Ursache im geplanten Vertrauensbruch von zwei bis drei eigenen Mitarbeitern und deren Komplizenschaft mit Mitarbeitern der öffentlichen Verwaltung in den entsprechenden örtlichen Ämtern lag. Zudem wurden einer neu geschaffenen Einrichtung in Mecklenburg-Vorpommern keine Teilnehmer zugeteilt, obwohl es Verträge gab. Auch waren bereits vor Beginn dieser Weiterbildung für die Studienteilnehmer Arbeitsplätze fest vereinbart. Wir wirkten sogar wie eine Unternehmensberatung bei der Neuansiedlung der Arbeitsplatz schaffenden Firmen mit und gaben den Investoren Garantien für die Personalbeschaffung. Das war ausschlaggebend für deren Ansiedlung als Call-Center-Dienstleister in der Region Parchim und Schwerin – mehrere Firmen mit weit über tausend Arbeitsplätzen wollten sich niederlassen.
Zu diesem Zeitpunkt, ohne da schon genau zu wissen, warum es zu dieser Krise gekommen war, weil sich alles über Monate verdeckt abspielte, kam es zu einem besorgniserregenden Liquiditätsengpass. Keiner unserer Steuer- oder Finanzberater nahm ihn jedoch nach so vielen erfolgreichen Jahren ernst. Nur unsere Bank wurde nervös. Wir mussten uns verschiedenen Sitzungen aussetzen, bei denen man lediglich feststellen konnte, dass unser Dienstleistungs-Metier hier immer noch nicht bekannt war. Das war aber nicht die Ursache für deren Unruhe. Schließlich wurden Sicherheiten verlangt, um den Dispokredit zu erhöhen. Dies wäre eigentlich nicht nötig gewesen, weil über einen längeren Zeitraum Zahlungen ausgeblieben waren, die man hätte abtreten können. Unsere Buchhaltung konnte den Nachweis erbringen, dass ein hoher sechsstelliger Betrag von der Bundesbehörde ausstand. Wir waren mit der Organisation und zwei Geschäftsführern privat in der Lage Sicherheiten zu geben. Mit dem erweiterten, raschen Dispokredit sollten vor allem die freiberuflichen Dozenten zügig bezahlt werden.
Doch was geschah: Obwohl wir dem Wunsch nachkamen, neue Sicherheiten zu geben, um damit liquide zu sein, löste die Bank die Verrechnungsschecks an die Dozenten nicht ein. Der Bankdirektor und seine Sachbearbeiterin hielten weder ihr Wort noch hielten sie sich an ihre schriftliche Zusage, für einen befristeten Zeitraum den Kredit zu erhöhen. Die geplatzten Schecks lösten natürlich helles Entsetzen aus, die Sache ging wie ein Lauffeuer durch die Geschäftswelt. Besonders betroffen waren die uns lange bekannten Privatdozenten, welche einen besonders ungeschützten beruflichen Status haben. Ein langjähriges, kollegiales Verhältnis war angekratzt, erschüttert, zum Teil zerrüttet. Um die eigene, bei vielen geschätzte Glaubwürdigkeit zu erhalten oder wieder herzustellen, überbrachten wir den Dozenten privat am Wochenende und auch nachts Bargeld, denn die laufenden Seminare durften auf keinen Fall unterbrochen werden. Doch das half nicht bei allen Mitarbeitern. Ich erinnere mich an einen Managementtrainer, NLP-ausgebildet, der mir am Telefon drohte, er könne mir mit seiner Kompetenz am Telefon „… einen Herzinfarkt hinreden“. Nun gut, sollte er es versucht haben, hätte ich ihm trotz seines sicher unwirksamen Versuches bei seinem offensichtlich gewaltigen eigenen Finanzproblem geholfen. Wir waren so groß, dass ich gar nicht wusste, was für aggressive, dumme Dozenten wir hatten.
Das hatte alles Auswirkungen auf den täglichen Unterricht mit immer noch ca. 500 (Ganztages-)Schülern. Zu diesem Zeitpunkt – wir hatten wieder konkrete neue und sinnvolle Aufträge in Aussicht – hatte sich unsere ganze Problemlösungsstrategie immer noch nicht auf die hintertreibenden Mitarbeiter und deren Komplizen in den örtlichen Ämtern konzentriert, sondern nur darauf, dass Geld benötigt wird – eine Mammutaufgabe. Die Bank hatte verbürgte neue Sicherheiten und gab trotzdem keinen Cent Spielraum. Ein verhandlungsoffensives Nachhaken bei der Bank-Zentrale ergab die Rückmeldung, mein Gehalt als Geschäftsführer sei zu hoch, ich hatte mir aber gar keines mehr ausbezahlt.
Später konnte man dann aus der Presse erfahren, dass diese Bank zu diesem Zeitpunkt so pleite war, wie eine Bank nur pleite sein kann. Deshalb konnte sie diese ernste vorübergehende Liquiditätslücke nicht überbrücken und setzte die Grundlage jeglichen wirtschaftlichen Zusammenarbeitens aufs Spiel: Vertrauen. Das bewerte ich als einen immensen Schaden mit großer Tragweite, der so schnell nicht wieder gut zu machen ist. Der materielle Schaden, der dadurch entstanden ist, ein fleißiges Unternehmen dem Henker auszuliefern und ihm nicht zu empfehlen, die zusätzlich erbrachten Sicherheiten einer anderen Bank anzubieten, ist monetär und wirtschaftsethisch nicht zu beziffern. Eine offene Frage bleibt, warum wir nichts davon erfahren hatten, dass unsere eigene Hausbank, über deren Konten pro Jahr ca. fünf Millionen Euro flossen, selbst pleite war, warum eine Bankenaufsichtsbehörde wie das Regionalbüro der Deutschen Bundesbank davon nichts vermeldete. Es kann doch nicht ausschlaggebend gewesen sein, dass der Inhaber der Bank und der Regionaldirektor der Bundesbank befreundet waren. Das ausgiebige, sympathische Sponsorenwesen der Bank hatte äußerst nachhaltige Auswirkungen auf das Vertrauensverhältnis zu ihren Kunden; umso größer war die Enttäuschung. Über dreitausend Klein- und Mittelbetriebe verloren wegen dieser Bank ihre Existenz und mussten Insolvenz anmelden. Und zig tausend Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Die nächste Frage, die sich hier aufdrängt, lautet: Warum hat der Bayerische Staat diese Bank nicht mit sicherlich wenig erforderlichen Millionen gerettet, um das Schlimmste zu verhindern? Der Inhaber der Bank war dann mit der Staatsanwaltschaft konfrontiert und ist nun vorbestraft – was mir auch nichts nützt. Die Reste der Bank wurden von der Commerzbank übernommen mit Milliarden Euro Subventionen. Von wem: vom Staat. Das ist die Antwort auf diese bayerische Tragödie.
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