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Max Schrems: Kämpf um deine Daten
Für meine Eltern
INHALT
Einführung
Das haben wir gerade noch gebraucht
Zum Spannungsverhältnis Europa – USA
Zur Großartigkeit der IT-Industrie
Warum Privatsphäre?
Nazis oder Kommunisten?
Information ist Macht
Man könnte paranoid werden
Analysieren, Verknüpfen und »Big Data«
Computer says »No«
Risikoverschiebung
Die Menschenwürde
Bullshit-Bingo!
… aber die Leute stellen ja alles ins Netz!
Ihr habt doch zugestimmt!
Vertrauen im Netz? Naiv!
Du hast doch nichts zu verstecken, oder?
Wir haben alles anonymisiert!
Wir bezahlen doch mit unseren Daten!
Das Diktat der Technologie
Datenschutz schadet Wirtschaft und Innovation!
Wenn nichts mehr hilft, dann kommt der Terror
Bist du nicht für uns, bist du gegen uns!
Andere Taktiken und Phänomene
Vom Zwang zur Einfalt
Salamitaktik
Heimlich, still und leise
Macht es noch komplizierter!
Privatisierung der Überwachung
Massenhafter Rechtsbruch
Verklag mich doch!
Ohnmacht der Behörden
Moderne Schnittstellenproblematik
Zukunftsszenarien
Kapitulation?
Praxistest USA
Was tun?
Neue Instrumente
Privacy by Design
Wettrüsten 2.0
Datenschutz-Guerilla
Bewusstseinsbildung
Schaffung von Alternativen
Aktiver Grundrechtsschutz
Schlusswort
Einführung
1. Das haben wir gerade noch gebraucht
Nicht lange nachdem unser kleiner Kampf gegen Facebook die Titelseiten einiger großer Zeitungen zierte, erhielt ich die erste Anfrage, ein Buch zu schreiben. Eine Reihe von Verlagen und Agenten machte die einfache Rechnung: Fresse von diesem Anti-Facebook-Typen, plus Ghostwriter, plus aktuelles Thema ist gleich: Umsatz.
Mein Enthusiasmus war naturgemäß überschaubar. Ein weiteres Buch zu Facebook oder der Wichtigkeit des Datenschutzes hat die Welt gerade noch gebraucht, dachte ich. Bald war aber klar, dass es zwischen Verherrlichung von Innovationen, diversen fachspezifischen Wachrüttelversuchen und Darstellungen von Weltuntergangsszenarien wenig gut Lesbares für Normalnutzer gibt. Genau hier ist eine große Informationslücke, die es zu füllen gilt.
Nachdem ich 2011 durch ein Auskunftsersuchen bei Facebook einen Datensatz in Form von 1.222 PDF-Seiten bekommen hatte, in dem unter anderem zuvor gelöschte Daten wieder seitenweise auftauchten, gründete ich mit ein paar Freunden in meinem Wohnzimmer »europe-v-facebook.org«. Ich brachte eine Reihe von Anzeigen gegen Facebook in Irland ein, da wir unsere Grundrechte einfach einem Praxistest unterwerfen wollten. Was passiert, wenn sich ein Nutzer mal wirklich auf seine Rechte beruft? Durch das daraus folgende Verfahren wurde ich zu einer Art »Held des Datenschutzes« hochstilisiert, obwohl ich zu Beginn noch verzweifelt versuchte, das Ganze möglichst anonym durchzuziehen. Von einem Tag auf den anderen musste ich dann aber kameratauglich in 2,5 Minuten oder zeitungstauglich in drei Zitaten erklären, was hier eigentlich jeden Tag hinter unserem Rücken los ist und warum wir etwas tun sollten. Die Medien hatten den idealen Protagonisten für ein trockenes, abstraktes, aber doch irgendwie dringendes Thema gefunden.
Dass sich ein normaler Bürger qualifiziert beschwert, etwas tut und nicht nur bei einem Bier oder in einem Online-Forum meckert, war anscheinend zusätzlich außergewöhnlich. Gewürzt mit ein bisschen »David gegen Goliath« stimmte dann auch der Chefredakteur bei der verstaubtesten Zeitung zu, dass der Technik-Journalist drüber schreiben darf. Einladungen zu unzähligen Konferenzen, zur EU nach Brüssel und zu Gesprächen mit vielen Experten folgten. Nach fast drei Jahren voller Interviews, Anhörungen in Ausschüssen und Diskussionen lag ein derart reicher Schatz an Informationen, Geschichten und Lösungsvorschlägen vor mir, dass es Sinn machte, diese zusammenzufassen.
Global gesehen stehen wir noch immer erst am Anfang einer total vernetzten Informationsgesellschaft, die vollkommen neue Werte, Machtgefüge und Probleme mit sich bringt. Genau hier ergeben sich viele der spannenden Fragen, welche unseren Umgang mit den rasanten Veränderungen durch die extrem schnell voranschreitende Digitalisierung bestimmen werden. Dieser Schritt zur Informationsgesellschaft ist in vielen Punkten derart tiefgreifend, dass er ähnlich elementar wie seinerzeit die Industrialisierung, die Globalisierung und ähnliche Entwicklungsschritte ist. Wir nennen es regelmäßig das Informationszeitalter und gewöhnen uns schnell an die fast beiläufigen Veränderungen, die jeden Tag einen kleinen Schritt weiter gehen. Unsere Eltern oder Großeltern sagen immer wieder mal melancholisch, dass das früher alles unvorstellbar gewesen wäre und man damals noch Telegramme bekam. Wir fühlen uns etwas alt, wenn wir uns erinnern, dass unser erster Internetanschluss krächzende Geräusche machte und man pro Minute zahlte. Erinnern Sie sich noch an das »Auto Disconnect«, das man dringend aktivieren sollte, damit das Internet nicht weiterlief und die Telefonrechnung explodierte? Wenn Sie kein ISDN hatten, dann hatten Sie aber ohnehin gute Chancen, dass Ihre Familienmitglieder Sie erinnerten: »Dreh endlich dieses blöde Internet ab – ich will telefonieren!«
Das ist gut 10 bis 15 Jahre her. Wir treten jedoch selten einen Schritt zurück und denken über diese Veränderungen nach, überlegen uns kritisch, was neben all den extrem positiven Veränderungen auch ein Rückschritt oder ein Verlust ist. Wir, die einzelnen Nutzer, sind oft nur Beobachter, werden von einer Welle der Veränderung mitgerissen und lassen uns treiben. Ab und zu wird uns etwas mulmig dabei, aber irgendwie treiben ja alle in diesem Strudel, und was genau passiert, ist sowieso nicht so wirklich nachvollziehbar.
Eine der elementarsten Fragen im Strudel der Digitalisierung wird die Macht über Informationen sein, vor allem die Macht über Ihre privaten Informationen, und damit die Macht über Sie. In diesem Punkt zahlt es sich daher absolut aus, einen Schritt zurückzutreten und sich zu überlegen, wo uns der Strudel hinführt und ob wir dort auch hinwollen.
2. Zum Spannungsverhältnis Europa – USA
Sie werden feststellen, dass ich in diesem Buch regelmäßig einen Blick auf die Situation in den USA werfe oder Vergleiche mit dem »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« ziehe. Das zeichnet übrigens fast alle Bücher im Bereich Informationstechnologie (IT) oder Datenschutz aus. Primär liegt das daran, dass die USA in diesem Bereich einfach weltweit dominierend sind. Genauer gesagt sind es nicht mal die USA als Ganzes, eigentlich ist es ein kleines Stückchen von Kalifornien: Das »Silicon Valley« genannte Konglomerat von kleinen Orten zwischen San Francisco und San Jose. Dort wird am Ufer der Bucht von San Francisco zu einem großen Teil die Zukunft gemacht, die in unseren Geschäften und Wohnungen landet. Fast jeder, der im Bereich IT begabt ist, will dorthin oder spielt zumindest mit dem Gedanken. Ohne dieses Stückchen Land hätten wir vermutlich viele Dinge nicht, die wir heute täglich nutzen und lieben. Es führte daher kein Weg daran vorbei, sich mit den USA und dem Silicon Valley als dominantem Player auseinanderzusetzen.
Ein weiteres interessantes Phänomen: Die USA sind das einzige westliche Industrieland, das keinen umfassenden Schutz der Privatsphäre und persönlicher Daten kennt. Mit ein paar spezifischen Ausnahmen ist dort alles erlaubt, was technisch möglich ist. Auch kulturell und wirtschaftlich ist der »Wilde Westen« hier noch durchaus präsent. Wer stärker ist, gewinnt. Das ist nach wirtschaftsliberaler Lesart der gerechte Lohn. Wer selbst auch mal gewinnen will, muss eben stärker werden. Auch Limitierungen und staatliche Regulierungen der freien Wirtschaft im Interesse des schwächeren Parts haben traditionell einen schweren Stand im »Land of the Free«. Daher finden sich auch viele der Extrembeispiele im Bereich Datenschutz und Privatsphäre in den USA. Das gibt uns jedoch auch die Möglichkeit, statt über abstrakte Horrorszenarien über ein großes Freiluftexperiment mit 317 Millionen Testobjekten zu reden und zu sehen was passiert, wenn wir in dieser Revolution der Technik nicht um unsere Privatsphäre kämpfen.
Ich hatte das Glück, zwei Mal, während meiner Schulzeit und während meines Studiums, in den USA zu leben. Dabei lernte ich zwei Welten kennen: den tief gläubigen und sehr konservativen Süden und das krasse Gegenteil im Silicon Valley. Natürlich prägte das auch meine Gedanken. Die dort gesammelten Erfahrungen dienen für mich auch oft als Referenz, wenn wir über Europa sprechen. Erst wenn man die eigene Welt in Perspektive setzt, kommt man vielen Dingen näher. Man lernt ebenso viel über sich selbst und seine eigene Kultur, wie über die fremde Kultur. Aber natürlich beginnt man, auch die USA von innen zu verstehen. Erst wenn man hier hinter die Kulissen einer anderen Kultur sehen konnte, lassen sich viele Dinge genauer einordnen und benennen.
Auf die Unterschiede zwischen diesen beiden Systemen einzugehen, ist essenziell. Unter der Oberfläche brodeln viele Missverständnisse, andere Konzepte, andere Ansichten und daraus entstehende Spannungsverhältnisse. In Europa nutzen wir das regelmäßig, um uns erhaben zurückzulehnen, die vermeintliche moralische Überlegenheit des alten Kontinents genüsslich zu zelebrieren und in antiamerikanistische Schablonen zu verfallen. Es zeigt sich so viel leichter mit dem Finger auf andere als sich selbst kritisch zu betrachten und etwas zu tun. Der NSA Skandal war bezeichnend: Die Aufregung über die USA wurde zelebriert, aber ähnliche Systeme in der EU verkamen eher zur Randnotiz. Man spielte bewusst oder unbewusst das alte Spiel vom äußeren Feind, anstatt auch vor der eigenen Türe zu kehren.
Weder die kritiklose Verherrlichung von allem, was über den großen Teich kommt, noch die generelle Ablehnung sind aber sinnvoll. Schnödes Pro-/Anti-USA, also reines Schwarz-Weiß, macht zwar gute Schlagzeilen, ändert aber nichts. Wir müssen uns gegenseitig verstehen, kooperieren, andere Ansichten akzeptieren und einen Modus finden, der für beide Seiten gangbar ist, um in einem weltumspannenden Netz, bei weltweit verbreiteter Technologie und bei weltweiten Produkten einen gemeinsamen Nenner zu finden.
3. Zur Großartigkeit der IT-Industrie
Wenn Sie lesen wollten, welche tollen Möglichkeiten uns das Internet und alle möglichen technischen Errungenschaften bieten, hätten Sie vermutlich nicht dieses Buch gekauft, sondern zu den Ergüssen von diversen IT-Koryphäen gegriffen. Oder sie hätten vielleicht die Verkaufszahlen einer der Biographien der Silicon Valley-Prominenz gesteigert, also von jenen Menschenfreunden, die uns gnadenhalber erlauben, ihre Produkte zu kaufen, um dann wie Halbgötter gefeiert zu werden. Trotzdem muss ich zuallererst klarstellen, dass die digitale Revolution ohne Frage unser Leben unglaublich erleichtert und befreit.
Es ist leider ratsam, diese positive Seite als Datenschützer immer erst mal festzuhalten. Personen, die sich mit Datenschutz beschäftigen, dürfen ja nach der Vorstellung vieler nur aus der Schublade jener Spielverderber rauskriechen, die unsere Freude an Innovationen und funkelnden Produkten verderben. Dass Menschen gleichzeitig Spaß an neuen Technologien haben können und trotzdem ihre Bedenken äußern, bringt leider immer noch das Weltbild von vielen durcheinander. Man kann ja, nach dem Glauben mancher, nur für oder gegen etwas sein. Blanke Ablehnung wäre natürlich relativ sinnlos. Es geht daher nie darum, »böse« Technologie zu bekämpfen, sondern tolle Entwicklungen gemeinsam in eine für die Allgemeinheit sinnvolle Richtung zu lenken.
Für mich hat sich also nie die Frage gestellt, ob diese Dinge an sich gut oder böse sind, sondern wie wir sie gestalten. Daher war für mich auch klar, dass ich Facebook, Twitter oder Google weiter nutze, auch wenn das regelmäßig für massive Verwirrung bei Journalisten gesorgt hat. Aber die Situation ist eben etwas zu vielschichtig für eine einfache Schwarz-Weiß-Geschichte.
Natürlich ist es überhaupt keine neue Erkenntnis, dass wir Neuerungen nicht verhindern, sondern lenken sollten. Bei jeder größeren Veränderung mussten wir als Gesellschaft neu festlegen, unter welchen Bedingungen wir Innovationen haben wollten. Nach der Industrialisierung haben wir festgestellt, dass beispielsweise Arbeitnehmerschutz unumgänglich ist, damit die Gesellschaft auch mit einer damals neuen Arbeiterklasse weiter funktioniert. Immer massivere Eingriffe in die Natur machten irgendwann klar, dass wir Umweltschutz brauchen, um zumindest die extremsten Auswüchse einzudämmen. Kaum gab es Autos, mussten wir uns überlegen, wie wir den Verkehr regeln, damit nicht nur jeder ein Auto hat, sondern damit auch möglichst sicher und schnell ans Ziel kommt. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Sobald ersichtlich wurde, dass neue Entwicklungen einen echten Mehrwert bringen, ging es also nie um das ob, sondern immer um das wie.
Wenn nun die Digitalisierung jeden Teil unseres Lebens durchdringt und diese Technologie eindeutig viel mehr kann als sie vielleicht soll, so wird klar, dass auch hier Regelungsbedarf besteht. Nicht weil man diese Entwicklung verhindern müsste, sondern weil wir sie zum Nutzen aller gestalten sollten. Es geht um Vertrauen, um Fairness und die Balance von Interessen. Wie weit lassen wir uns von Technologien, Konzernen und Innovationen verändern, und wie weit ordnen wir uns diesen unter? Wer bekommt wie viel vom neu entstehenden Kuchen? Stupides Ablehnen oder Verherrlichen von Innovationen ist zwar viel einfacher als eine echte differenzierte Auseinandersetzung damit, so leicht können wir es uns aber nicht machen. Wir müssen vielmehr die Konflikte erkennen und sie nach Möglichkeit im Interesse aller lösen.
Da Sie aber kein Buch über die Großartigkeit diverser Innovationen gekauft haben, darf ich im Weiteren auf die Selbstinszenierungen der Konzerne verweisen. Die können das auch viel besser. Ich empfehle überhaupt, nach jedem Kapitel dieses Buches ein Werbevideo für das neueste Handy oder einen neuen Online-Dienst anzusehen, um nicht ganz die positiven Seiten auszublenden. Ich kann Ihnen jedoch nicht garantieren, dass Sie nicht einen gewissen Zynismus verspüren, wenn Sie diesen Rat befolgen sollten. Die neueste Selbstinszenierung eines IT-Konzerns mag nach einem Kapitel über die Vorgänge hinter den Kulissen wie ein mit Antibiotika verseuchtes Käfighuhn nach einem Tierschutzfilm schmecken. Trotzdem Mahlzeit!
Nachdem ich mich also (hoffentlich erfolgreich) von jedem Verdacht der Verweigerungshaltung reingewaschen habe, würde ich nun gerne die Frage »Neue Technologie: Ja oder Nein« verlassen und in das »Ja, aber wie?« eintauchen, denn genau diese Diskussion ist wirklich spannend.
Warum Privatsphäre?
Ich gehe mal davon aus, dass ich Sie als Leser dieses Buches nicht überzeugen muss, dass Privatsphäre doch etwas wert ist. Wenn sie Ihnen nichts wert wäre, würden Sie jetzt vermutlich eher einen Krimi oder eine Liebesgeschichte lesen. Ich hoffe, wir können uns daher lange Ausschweifungen über den prinzipiellen Wert der Privatheit sparen. Gemeinsam offene Türen einzurennen ist ja für uns beide vermutlich eher minder spannend. Trotzdem gibt es einige Elemente, Hintergründe und Gedanken, die auch für bereits Überzeugte interessant sein könnten.
4. Nazis oder Kommunisten?
»Hallo? Ist da Europa gegen Facebook?«
»Ja, hallo!«
»Großartig. Ich bin von der New York Times und würde gerne über euch schreiben. Haben Sie ein paar Minuten?«
»Sicher, gerne. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Also, zu Beginn wollte ich fragen, warum in Europa Privatsphäre so wichtig ist. Ähm, … ist das wegen der Nazis oder wegen der Kommunisten?«
So ähnlich fing zirka jedes zweite Interview zu unserem Facebook-Verfahren mit Journalisten aus den USA an. Warum sind diese Europäer so paranoid? Gut, dass die Überwachung durch den Staat eingedämmt werden muss, das kann man als Amerikaner ja noch verstehen: Der Staat ist böse. Aber private Unternehmen sind ja schlussendlich dafür da, möglichst aus allem Profit zu schlagen. Was haben diese Europäer also mit ihrem komischen Datenschutz?
Nun kann man Journalisten bei derartigen Fragen Ignoranz, Blödheit oder amerikanischen Imperialismus vorwerfen. Ich sehe das neutraler. Man muss zugeben, dass Privatsphäre ein höchst unerklärliches, teilweise absurdes und stark kulturelles Konstrukt ist. Es gibt meistens keinen logischen Grund, warum wir gewisse Dinge im Geheimen machen wollen und andere in der Öffentlichkeit.
Als ich in China in einem Busbahnhof aufs Klo musste, trennte mich von meinem Nachbarn nur eine hüfthohe Wand. Stuhlgang wie bei den Römern, als gemeinschaftliches Erlebnis. Ich musste zum Glück nur klein. In Japan saßen wir wenige Wochen später auf Toiletten, die auf Knopfdruck Geräusche und Melodien spielten, damit draußen nur ja keine unschönen Körperlaute zu hören waren. Zwei Stunden Flugzeit trennen diese hüfthohen Abtrennungen von einer Kultur, die ganz natürliche Geräusche nicht ertragen kann und diese lieber mit Soundmodulen übertönt.
Wer in den USA durch eine Vorstadt fährt, findet keinen Zaun, keine Hecke und meistens auch keine Vorhänge. Jeder kann direkt von der Straße ins Wohnzimmer sehen. Wenn ein Bäumchen an der Grundgrenze gepflanzt wird, dann nur um klarzustellen, wie weit man seinen Rasen mähen muss. Der Front Yard ist die Visitenkarte des Hauses, im Hinterhof liegen nicht selten der Dreck, eine Hundehütte und ein altes Trampolin. In Zentraleuropa sind wir hingegen Meister der Mauern, Hecken, Zäune und Vorhänge. Meine Mutter arbeitet seit Jahren daran, eine möglichst hohe und dichte Hecke zur Straße hin zu haben. Strategisches Schneiden soll dabei höchste Bedeutung haben, sagt sie. Als wir einen alten österreichischen Freund der Familie besuchten, der nun in den USA lebt, war sofort klar wo er wohnte, als wir in seine Straße einbogen: in dem einzigen Haus mit einer dichten Hecke. Ein kleines Stück österreichische Privatheit in einem Vorort von New York.
Im Jahr 1928 hatte der US-Supreme-Court zu entscheiden, ob die US-Verfassung die Telefonüberwachung irgendwie einschränkt. Das Gericht entschied, dass es keine Privatsphäre bei Telefongesprächen gibt, denn die »Telefonleitungen sind ebensowenig Teil des Hauses oder des Büros wie die Highways, entlang derer sie gespannt sind.« Ein Telefonat ist also nicht privat. Punkt. Erst 1967 änderte das Höchstgericht seine Ansicht, und die Telefonleitungen wurden dann über Nacht doch Teil des Hauses oder Büros oder zumindest so etwas ähnliches Privates.
In den USA ist juristisch gesehen überhaupt nur das privat, bei dem Bürger eine »vernünftige Erwartung« haben können, dass es privat ist (»reasonable expectation of privacy«). Wenn es um vernünftige Erwartungen geht, trennen Europäer und Amerikaner oft Meilen oder Kilometer, je nachdem, wie man es misst.
In den USA fanden Gerichte, es sei nicht vernünftig, davon auszugehen, dass der eigene Hinterhof irgendwie privat ist, denn ein Polizeihelikopter könne ihn ja einsehen. Daher: kein rechtlicher Schutz gegen Überwachung. Auch wenn Sie jemandem anderen etwas anvertraut haben, können Sie nicht vernünftig erwarten, dass es privat bleibt. Das geht so weit, dass Sie nicht vernünftig davon ausgehen dürfen, dass Ihr E-Mail-Provider (dem Sie zwangsläufig Ihre E-Mails weitergeben müssen) diese nicht dem Staat weitergibt. Als allerdings die Polizei mit Wärmebildkameras nach Drogenplantagen suchte, entschied ein Gericht, dass man vernünftigerweise nicht davon ausgehen musste, dass ein privates Haus mit Wärmebildkameras durchleuchtet wird. Nachsatz: Es sei denn, Wärmebildkameras werden irgendwann eine weit verbreitete Technologie, dann ist es wieder nicht mehr vernünftig davon auszugehen, dass Sie mit Ihrer Pot-Plantage (oder auch nur Ihrem Ficus Benjamin) privat bleiben. Kurz gesagt: Alles, was technisch möglich und nicht unglaublich trickreich ist, ist erlaubt.
In Europa hat hingegen der Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass man auf der Straße vor einer Überwachungskamera einen Suizid hinlegen kann und trotzdem davon ausgehen darf, dass diese Bilder nicht ans Fernsehen weitergegeben werden. Aber auch in Europa ist nicht alles ein großer privater Einheitsbrei. Im hohen Norden etwa sind die Steuerdaten der Bürger öffentlich. Dort können Sie also einfach nachsehen, was Ihr Nachbar so verdient oder zumindest, wie viel er bei der Steuerbehörde angibt. Finnen konnten diese Daten sogar über einen SMS-Service abrufen. Sie sehen also, auch was innerhalb Europas als vernünftigerweise privat betrachtet wird, ist relativ.
Sexualität ist wiederum so privat, dass wir kaum jemanden Dritten daran teilhaben lassen. Jedoch gibt es eigentlich, abgesehen von den vielleicht etwas unpraktischen Gegebenheiten, keinen logischen Grund, warum wir uns nicht im Bus, der U-Bahn oder auf dem Gehsteig der Liebe hingeben sollten. Warum tun wir das also nicht? Es ist am Ende wohl Kultur. Logisch begründbar ist es, nüchtern betrachtet, nicht.
Sexualität ist übrigens ein Beispiel, bei dem wir in den USA mehr Drang zur Privatheit als in Europa sehen. Für körperliche Freuden im Auto oder im Freien haben Sie in den USA interessanterweise eine viel höhere Chance auf eine Strafe als in Europa. Denn bei Sexualität haben wir tendenziell einen weniger verschämten Umgang als unsere Freunde auf der anderen Seite des Atlantiks.
Ähnliche Unterschiede sieht man auch bei diversen Umfragen. In Deutschland waren beispielsweise laut NTV im April 2014 ganze 79% gegen die Vorratsdatenspeicherung. In den USA waren ein halbes Jahr früher laut einer Umfrage der Washington Post nur 41% gegen ein ähnliches geheimes System der NSA zur Telefonüberwachung. In den USA fand die Mehrheit von 56% die Massenüberwachung akzeptabel und 45% sagten sogar, dass die Regierung auch noch alle E-Mails überwachen sollte.
Hingegen halten viele meiner Freunde in den USA die Idee eines zentralen Melderegisters für einen Fall von massiver staatlicher Überwachung. Für uns ist das wiederum vollkommen normal. Es gibt also nicht nur einen größeren und kleineren Drang nach Privatsphäre, der Drang ist noch dazu in verschiedenen Bereichen verschieden ausgebildet.
Aber abgesehen von verschiedenen Kulturen zeigt sich selbst innerhalb eines Kulturkreises eine riesige Bandbreite an Einstellungen. Die einen haben Spaß dabei, befreit am FKK-Strand in die Fluten zu springen, die anderen meiden das Schwimmbad überhaupt, weil sie nicht unter Fremden liegen wollen. Die einen stellen freudig verwackelte Selbstportraits aus ihrem Badezimmer öffentlich ins Netz, die anderen wollen überhaupt nicht fotografiert werden und wollen schon gar nicht, dass Fotos von ihnen irgendwo online zu finden sind.
Wenn wir also von Privatsphäre sprechen, reden wir eigentlich alle von etwas anderem. Wenn Sie hundert Menschen aus ihrem Umkreis fragen, was für sie privat ist und was nicht, bekommen Sie vermutlich hundert verschiedene Antworten. Besonders unterschiedlich wird es, wenn wir über verschiedene Kulturen hinweg über solche höchst abstrakten und komplizierten Werte wie Privatsphäre sprechen. Je tiefer wir dabei in die Details gehen, umso mehr sehen wir, was uns trennt. Man spricht zwar vom selben Wert, im Detail und im Konflikt mit anderen Werten haben wir aber ganz verschiedene Prioritäten.
Das sieht man natürlich auch bei anderen Themen. So sind wir uns weltweit einig, dass menschliches Leben geschützt gehört. In vielen Ländern gilt das aber nicht, wenn es um die Bestrafung eines Mörders geht. Hier ist die Strafe oder auch nur die Rache wichtiger als das Leben. Entsprechend gibt es die Todesstrafe oder eben abgehackte Hände bei Dieben. Auf die Frage, ob das richtig oder falsch ist, gibt es am Ende leider keine wissenschaftlich eindeutig richtige Antwort. Ich persönlich bin froh, in einem Land ohne staatliche Giftspritzen und Hackebeile zu leben, aber das liegt vermutlich zum größten Teil daran, dass ich es so gewohnt bin und das meinen Moralvorstellungen entspricht. Genauso können Sie über den Sozialstaat, Schranken für die Wirtschaft, die Rolle der Familie, den Sinn und Unsinn von Religionen oder tausende andere Themen jahrelang diskutieren, ohne die ultimative Wahrheit zu finden.
Natürlich gehört in der Praxis viel Größe dazu, generell zu akzeptieren, dass verschiedene Menschen, Kulturen und Länder hier, vollkommen berechtigt, verschiedene Ansichten haben. Daher möchte ich auch gleich klarstellen, dass ich nicht glaube, dass meine oder die europäische Sichtweise objektiv korrekt ist, es ist nur eine Sichtweise von vielen. Diese Sichtweise ist aber genauso legitim und ist genauso zu respektieren wie jede andere. In einer demokratischen Struktur bedeutet das vor allem auch, dass es nicht mal unbedingt eine wissenschaftliche Wahrheit für diese Position braucht. Sie legitimiert sich allein über ihre allgemeine Akzeptanz oder die Mehrheitsfähigkeit. Das Ganze gilt natürlich auch für abweichende Meinungen.
Das Spannende im Internet ist nun aber, dass Gruppen, für die Privatsphäre wichtig ist, im gleichen Raum auf Gruppen treffen, die das überhaupt nicht so sehen und auch nicht unbedingt verstehen können. So gelten im Silicon Valley die Europäer mit ihrem Datenschutz für viele als vollkommen absurde Truppe. Sowas wie ein Grundrecht auf Datenschutz, wie es in der EU vorgesehen ist, kennt man dort schlichtweg nicht. Nur bei wenigen Menschen, die beim Thema Datenschutz besonders kritisch sind, gilt die EU als schillerndes Vorbild. Zu einem großen Teil wird die Idee von Privatsphäre im Netzzeitalter dort aber wie gesagt als verträumt, falsch, überkommen und jedenfalls für die Unternehmen als lästig gesehen.
Aus irgendwelchen hehren Gründen auf möglichen Profit zu verzichten ist innerhalb des liberalen Wirtschaftsverständnisses nur schwer erklärbar. Das wäre ja wie staatliche Gesundheitsversorgung für alle. Sowas kann ja auch nur den Kommunisten einfallen, würden viele ätzen.
Neben der Frage der Anerkennung von Privatsphäre an sich, kommt man hier auch zu einem zweiten Phänomen: In Europa gibt es einen viel stärkeren Drang, die armen, kleinen Konsumenten, Arbeitnehmer oder Mieter zu schützen. In den USA gibt es hingegen eine Tendenz, die Übermacht des Stärkeren als gerechten Lohn für dessen Arbeit und Kraft zu sehen. Wer sich nicht durchsetzt, hat eben verloren. Der Wilde Westen lässt grüßen, aber an sich ist diese Grundhaltung ebenso legitim wie das europäische Beschützertum.
Die Einführung von Datenschutz ist so gesehen auch nur ein logischer Schritt nach dem Arbeitnehmer- oder Konsumentenschutz. Datenschutz ist nichts anderes als der Schutz der Bürger vor den übermächtigen Unternehmen und Staaten, nur eben im digitalen Informationszeitalter. Das Ziel, das damit verfolgt wird, ist, dass der Konsument nicht informationell ausgebeutet werden soll, ebenso wie Kreditnehmer, Mieter oder Arbeitnehmer nicht finanziell oder persönlich ausgebeutet werden sollen.
Der Schönheitsfehler im europäischen Konzept ist jedoch, dass die USA den weltweiten Markt für IT-Produkte massiv dominieren. Mit wenigen Ausnahmen haben US-Unternehmen die Software unserer Geräte nach ihren Vorstellungen gemacht. Unter dem Schlagwort »Code is Law« (die Software ist das Gesetz) gilt damit auch auf unseren Geräten faktisch die amerikanische Idee von Privatsphäre und Grundrechtsschutz. Die IT-Industrie arbeitet extrem schnell und will, wenn möglich, ein Produkt mit wenig Aufwand in kürzester Zeit auf der ganzen Welt verkaufen. Anpassungen an das Recht von etwas mehr als 190 Staaten der Erde sind da nicht vorgesehen und schon gar nicht erwünscht.
Die IT-Unternehmen gehen eher mit dem »Friss Vogel oder stirb« Prinzip durch die Welt, und das funktioniert recht gut. Was für andere Branchen unmöglich wäre, ist in der IT-Sparte total normal. Oder könnten Sie sich vorstellen, dass ein europäisches Auto in den USA eine Zulassung bekommen würde, ohne unzähligen US-Standards zu entsprechen? Oder, dass jemand in den USA einfach so Kaffee verkaufen könnte, ohne diesen mit unzähligen Warnhinweisen von »Achtung, heiß!« bis zu »Kaffee kann krebserregend sein!« zu verschönern? Das wäre unmöglich.
Wenn es sich aber um die Produkte handelt, in denen unsere gesamte Kommunikation, alle unsere Unterlagen, alle unsere Interessen und unser halbes Leben verarbeitet oder oft auch überwacht werden, gelten lokale Gesetze plötzlich nicht. Wenn es nach den Herstellern geht, sollten hier, unter Ausblendung des Rests der Welt, nur die Gesetze und die Kultur eines Teils der Welt gelten. Das Traurige dabei: Wir sehen diesem Geschehen zu und tun nicht mehr, als uns verbal zu empören, um dann erleichtert ein Bier trinken zu gehen.
5. Information ist Macht
Aus Ihren Verhandlungen um Ihr Gehalt, Ihren Auftrag oder Ihren Job wissen Sie: Information ist Macht. Wer weiß, wo die roten Linien des Verhandlungspartners, die Interessen, die internen Abmachungen und Zwänge sind, hat schon fast gewonnen. Das Gleiche gilt natürlich auch in der Politik und der Diplomatie. Kein Wunder also, dass die NSA die Telefone ausländischer Regierungschefs und eventuell auch der EU-Behörden abgehört hat.
Diese Macht lässt sich natürlich noch viel intensiver nutzen. Man kann beinhart erpresst werden, mit Informationen. Letztes Jahr bei der Steuer etwas gedreht? Dem Partner untreu gewesen? Hinter dem Rücken des Partners sich mal so richtig ausgelassen? Oder eher peinliche Vorlieben? Wer Ihre kleinen oder großen Geheimnisse kennt, hat Sie vielleicht in der Hand. Auch hier gilt ganz klar: Information ist Macht.
Alltäglicher als die Überwachung der NSA und Erpressungen sind aber die kleinen Informationsgefälle, die wir täglich erleben. Wir wissen nicht, wann die Fluggesellschaft die Preise steigen oder fallen lässt, ob es morgen auch noch Tickets für ein Konzert gibt und ob wir besser jetzt oder erst in ein paar Wochen ein Hotel buchen sollen. Wir ärgern uns, wenn sofort nachdem wir etwas gekauft haben plötzlich ein Sonderangebot kommt. Hier fehlt uns einfach die nötige Information. Wie beim Poker wissen wir nicht, welche Karten unser Gegenüber in der Hand hat und welche Strategie er verfolgt.
Den Unternehmen geht es generell auch nicht anders, sie wissen nicht, was in Ihrem Kopf passiert. Sie sind aber drauf und dran, genau dieses Gleichgewicht des Unwissens massiv zu ihren Gunsten zu ändern. Unternehmen haben immer mehr Informationen über uns. Das Blatt in unserer Hand beim täglichen Poker wird also immer transparenter. Sie können uns je nach den aufgezeichneten Interessen, unserem Wohnort oder sogar dem Computer, den wir nutzen, ein individualisiertes Angebot machen. Es lässt sich errechnen, dass Kunde A eher mehr zahlt, Kunde B aber nur bei einem guten Preis kauft. Für Apple-Nutzer wird es dann leicht etwas teurer, denn die Anhänger des Apfel-Kults sind ja bekannt dafür, auch gern mal etwas mehr zu zahlen. Je nach Datenbestand wird uns ein Angebot gemacht, billigere oder bessere Angebote werden gegebenenfalls ausgeblendet.
Airlines arbeiten beispielsweise derzeit daran, Flugpreise erst nach der Anmeldung des Kunden individuell zu berechnen. Wenn Sie also immer am Montag berufsbedingt von A nach B fliegen müssen, zahlen Sie dann eben etwas mehr, während der Student neben Ihnen das gleiche Ticket für den halben Preis bekommt. Die Information, dass Sie zwingend diesen Flug buchen werden, bringt der Airline große Verhandlungsmacht und Sie in eine missliche Lage. Dafür muss die Airline nur Ihren Namen aus den Passagierlisten des vergangenen Jahres abrufen und die betreffenden Informationen mit Ihrer Anfrage kombinieren. Der Rest ist banale Statistik. Ob die Airlines das durchziehen, wird man sehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Branchen auf ähnliche Ideen kommen.
Natürlich kann auch der einfache Schneider am Eck Ihre Löcher für etwas mehr Geld stopfen, wenn er den Eindruck hat, Sie haben das Geld und brauchen die Hose dringend. Ich setze gegenüber meinem ägyptischen Schneider immer den Dackelblick auf und lege noch mal mit »Ich bin doch Student, das kann ich mir nicht leisten« nach. Am Ende der Diskussion bekommt man den guten Mann jeweils um die Hälfte runter, wenn er wieder für 10 Minuten Arbeit 10 Euro haben will, ohne Rechnung versteht sich. Der Schneider und ich haben aber die gleichen Verhandlungspositionen. Wir pokern und bluffen. Ich weiß genauso wenig, ob sein Leidklagen über seine hohen Kosten einfach nur orientalische Übertreibung ist, wie er nicht weiß, wie viel der Student denn wirklich grad in der Geldtasche hat. Am Ende trifft man sich in der Mitte, alle sind glücklich. Das funktioniert aber nicht mehr, wenn der Kunde die Hosen runterlässt, bevor er verhandelt.
Ähnlich verhielt es sich traditionell mit der Kreditwürdigkeit. Früher bekamen Menschen keinen Vertrag oder keine Mietwohnung, weil sie einen schlechten Eindruck hinterließen oder gar ihr Ruf ruiniert war. Heute wird ihr Ruf strukturiert und digital ruiniert. Der moderne Pranger sind die Datenbanken von Kreditauskunfteien oder irgendwelche Warnlisten. Dort werden Menschen von Unternehmen gebrandmarkt. Offene Rechnungen oder Zahlungsverzüge sind dort für alle verbundenen Unternehmen einsehbar. Dabei muss der Eintrag noch nicht mal richtig sein. Oft landen dort auch falsche Informationen, denn überprüfen kann man die eingehenden Informationen oft nicht. Wer aber einmal gelistet ist, spürt schnell die Macht der Daten. Kein Handyvertrag und kein Kredit sind mehr zu bekommen. Die Kreditkarte wurde leider auch nicht verlängert. Die Macht der Daten wird hier schnell sehr real, auch wenn die Betroffenen oft keine Ahnung haben, was passiert und warum sie auf einmal gemieden werden. Ihr Gegenüber hat in ihre Pokerkarten gesehen oder glaubt zumindest, diese zu kennen. Das Spiel ist für sie erst mal aus. Das Informationsgefälle resultiert, gepaart mit der Marktmacht vieler Unternehmen, in massiven Einschränkungen Ihrer alltäglichen Freiheit.
Natürlich geht es noch viel subtiler. Informationen müssen gar nicht aktiv eingesetzt werden. Allein zu wissen, dass jemand anderer etwas weiß, kann uns beeinflussen. Wenn auf Demonstrationen die Polizei alle Teilnehmer mit Kameras aufzeichnet, kann das viele von der Teilnahme abhalten. In anderen Fällen legt man sich mit einem Gegner, der intime Informationen hat, lieber gar nicht erst an. Wenn ich weiß, dass mein Gegenüber am Pokertisch weiß, was ich in der Hand habe, versuche ich gar nicht mehr zu bluffen. Es ist wie bei einem Hund: Man muss gar nicht immer an der Leine ziehen, der Hund muss nur wissen, dass sie da ist, um sich zu fügen. Es reicht oft sogar aus, dass der Hund glaubt, dass es eine Leine gäbe. Die Machtausübung muss also überhaupt nicht so brachial sein, wie man sich das im ersten Moment vorstellt.
Wenn nun aber Informationen Macht sind und daher Informationen über eine Person Macht über diese Person, wie kann man dieses Machtgefälle ausgleichen? Ich denke, es ist im Prinzip nicht viel anders als bei der Macht durch andere Ressourcen: Wir müssen umverteilen.
In diesem Credo lässt sich viel von der netzpolitischen Debatte um Information und Datenschutz zusammenfassen. Den meisten Menschen geht es um so etwas wie die soziale Informationswirtschaft als Abkömmling der sozialen Marktwirtschaft im Informationszeitalter. Eine Umverteilung im Informationszeitalter bedeutet einerseits Transparenz bei den Datensammlern und andererseits Schutz der Nutzer. Wie bei der sozialen Marktwirtschaft kann man natürlich endlos streiten, wie viel Information wir umverteilen müssen und wie man das am besten umsetzt. Darauf wird es auch nie eine finale Antwort geben. Die Unternehmen werden natürlich von »Robin-Hood-Manieren« sprechen und ihre total legale Machterlangung durch Leistung und Strategie vorschieben.
Wenn wir uns aber generell einig sind, dass wir in einem Informationszeitalter leben und daher auch von einer Informationswirtschaft ausgehen, dann können wir nicht so lange Daten Monopoly spielen, bis wenige die Macht über das ganze Spiel erlangen. Denn anders als bei Monopoly können wir das Spiel nicht einfach hinschmeißen, wenn es kippt. Weil eine entwickelte Demokratie auf einer breiten Akzeptanz aller Teilnehmer basiert, müssen wir einen Modus finden, der dauerhaft für alle Spieler akzeptabel ist und nicht nur einen alleinigen Gewinner kennt. Daten-Monopoly ist jedenfalls kein solcher Modus.
6. Man könnte paranoid werden
Schleichend wird unser Leben digitalisiert, heute gibt es nur wenig, das nicht irgendwie erfasst wird. Neben Schlüssel und Geldtasche darf unser Handy nie fehlen, wenn wir das Haus verlassen. Wobei mein Handy heute mehr Rechenleistung und Speicherplatz als mein alter PC hat und insofern eher ein kleiner Computer mit Telefonfunktion ist. Der GPS-Chip ist im Handy schon dabei. Die Kamera und unzählige andere Sensoren machen die Handy-Apps glücklich, die ohne Zugriff auf alle möglichen Daten, die sie eigentlich nicht brauchen, leider nicht installiert werden können.
In den Bussen, Zügen oder U-Bahnen, an öffentlichen Plätzen und in praktisch jedem Geschäft werden wir von Kameras gefilmt. Wir haben Millionenbeträge in omnipräsente digitale Augen investiert. Die Kameras im Supermarkt halten dann auch messerscharf fest, ob wir Granny Smith oder Golden Delicious in den Einkaufswagen gelegt haben. Obstdiebstahl ist schließlich ein massives Problem unserer Gesellschaft. Trotz der lückenlosen Überwachung werden wir an der Kasse trotzdem gefragt, ob man auch noch in unsere Tasche schauen kann.
Unsere Autos sammeln nicht nur selbst Daten über ihre Nutzung, sie werden auch bei der Durchfahrt jeder digitalen Mautstelle vermessen und erfasst. Mit etwas Glück wird mittels Kennzeichenerfassung über weite Strecken gemessen, ob wir nicht zu schnell fahren. Die sogenannte »Section Control« freut den Verkehrsminister und den Finanzminister zu gleichen Teilen. Den Rest erledigen die Radarboxen. Versicherungen wollen schon längst digitale Boxen in unseren Autos installieren, um unsere Bewegungen zu speichern. Unsere Navigationssysteme sagen dem Hersteller schon heute wo, wann und wie schnell wir unterwegs sind.
Unsere Arbeitszeit wird elektronisch erfasst und je nach Job auch unsere Leistung. Ein Mitarbeiter im Call Center wird ja schließlich nicht für gute Beratung bezahlt, sondern für die Abfertigung möglichst vieler lästiger Kunden pro Stunde. Leistung ist inhärent messbar.
Alle Verbindungen unserer Telefone werden sowieso mittels Vorratsdatenspeicherung protokolliert, bis hin zum genauen Ort, an dem wir uns befinden. Der Terrorismus ist ja bekanntlich im täglichen Leben jedes Mitteleuropäers ein ständiger Begleiter, vor dem wir uns erst ganz fest fürchten müssen, damit wir dann Biertischpolitiker für die Bereitstellung einer einfachen Lösung wählen.
Im Fitnessstudio bekommen wir kleine Speicherschlüssel, auf denen jede Bewegung gespeichert wird, damit wir uns selbst vermessen können. Der Trainer weiß beim nächsten Gespräch genau, dass wir die Übungen ignoriert haben, die wir eh nie machen wollten. Unsere Freunde kaufen sich sogar Laufschuhe und Armbänder, die jeden Schritt messen, auch wenn sie an ihrem Bauchumfang sehr viel leichter messen könnten, dass sie noch nicht am Ziel sind.
Je nach Anbieter wird der Inhalt jeder E-Mail, die wir versenden, analysiert und nach Verwertbarem durchsucht. Auch wenn wir selbst keinen solchen Anbieter nutzen, reicht es, wenn unsere Gesprächspartner das tun, damit unsere E-Mails im System landen. Wenn wir etwas Glück haben, dann hat unser Arbeitgeber, unsere Schule oder unsere Universität sowieso schon ihre eigene Infrastruktur aufgegeben und unsere Daten in die Cloud eines IT-Konzerns verschoben.
Unsere Zahlungen werden bei verschiedenen Kartenfirmen und Banken genau verfolgt. Kreditauskunfteien legen ohne unser Zutun umfangreiche Informationen über uns an und sammeln dabei Daten von unzähligen Stellen. Sie berechnen irgendwelche Kennzahlen, die unsere Zuverlässigkeit beschreiben sollen.
Wir arbeiten nicht nur am Computer, sondern verbringen auch immer mehr von unserer Freizeit im Internet oder vor dem PC. Fast jede Seite, die wir im Netz besuchen, verfolgt uns, zeichnet Interessenprofile auf und will wissen, was wir tun. Die großen Online-Unternehmen verfolgen uns auf fast allen Seiten im Netz, denn ihre Dienste sind im Hintergrund fast überall integriert. Die Software auf unserem Computer oder Handy verfolgt uns sowieso, viele der zusätzlichen Apps sind nur dafür gemacht.
Unsere Freunde stellen Informationen über uns online oder stellen ihre gesamten Adressbücher überhaupt ohne unser Wissen irgendwelchen Unternehmen zur Verfügung. Wir bekommen am Ende E-Mails von Firmen, mit denen wir nie etwas zu tun hatten.
Kurzum: Nur wenig in unserem Leben wird noch nicht erfasst. Dabei wäre der Großteil dieser Dinge vor 10 Jahren noch relativ futuristisch gewesen. Vor kurzem machte mein Computer noch quietschende und rauschende Geräusche, um sich beschwerlich mit Hilfe eines Modems mit dem Internet zu verbinden. Internet bezahlte man pro Minute, was bei zirka einer halben Stunde pro illegal runtergeladener MP3 mehr kostete als eine bezahlte MP3 heute, trotzdem war es die diebische Freude wert, wenn etwas »Robin-Hood-Stimmung« vor dem Röhrenmonitor aufkam.
Wenige Jahre später ist der Fernseher meiner Mutter schon über WLAN »always on«, auch wenn sie bis heute nicht weiß, was das genau bedeutet und was es bringen soll. Bald sollen sowieso möglichst alle Geräte und Objekte irgendwie Daten produzieren und mit dem Netz verbunden sein. Nur das mit dem Kühlschrank, der im Internet unser Essen bestellt, ist irgendwie nicht so gekommen, wie es uns vor 10 Jahren versprochen wurde. Es wird uns aber weiterhin für die kommenden 10 Jahre vorausgesagt. Was bis dahin noch alles kommt, kann man sich erst grob vorstellen. Sicher ist, dass immer mehr Teile unseres Lebens digitalisiert, vernetzt und damit auswertbar werden. Keiner hätte sich gedacht, dass ein Buch die genaue Lesegeschwindigkeit, Verweildauer, das Überspringen von Kapiteln und Ähnliches erfassen kann. Wenn Sie dieses Buch auf einem eReader oder Tablet lesen, ist es je nach Modell jedoch durchaus möglich, dass dies gerade passiert. Jahr für Jahr kommen weitere Geräte dazu, die vernetzt sind und mehr Daten über uns sammeln. Ob sich die Zahnbürste mit Bluetooth, permanenter Putzauswertung und passender Handy-App unbedingt durchsetzt, sei dahingestellt, aber schon dieses Beispiel zeigt, dass man in fast jedes Ding des täglichen Gebrauchs einen Computerchip einbauen und so Daten über eine Person produzieren kann. Jedenfalls führt der Weg sicherlich nicht zurück, sondern es werden noch mehr Daten generiert, diese werden noch stärker vernetzt und noch viel intensiver ausgewertet als heute.
Zeit für ein kurzes Selbstexperiment: Gehen Sie doch kurz Ihren Tagesablauf durch. Wie viele Daten hinterlassen Sie an einem Tag?
Wenn es gut geht, dann ist schon Ihr Weckruf auf dem Handy gespeichert. In diesem Fall fängt Ihr Tag digital an, bevor Sie noch das erste Mal »ich will noch liegen bleiben« gedacht haben. Wenn Sie sich stark bemühen, dann kommen Sie vielleicht bis zur Türe, ohne Daten zu hinterlassen. Ab der Tür loggt sich Ihr Handy brav in jeden Funkmasten ein und zeichnet so Ihre Bewegungen auf, aber schon bis zur Türe schaffen es vermutlich nur wenige ohne omnipräsente Datenspur. Sind Sie erst mal aus der Tür, geht es bei Ihnen vermutlich rasant zu. Wie viel kommunizieren Sie eigentlich noch analog? Also per handgeschriebenem Brief oder im persönlichen Gespräch? Mit allen E-Mails, Anrufen, ein paar Klicks auf Ihren Lieblingswebseiten, ein paar Suchen im Internet zu Arbeit und Freizeitplanung haben wir schon einen recht netten Katalog an Informationen über Sie zusammen.
Jetzt verknüpfen wir das noch mit anderen Daten, die bei Datenhändlern verfügbar sind. Danach vergleichen wir es mit bekannten Mustern von zehntausenden anderen Personen und ein paar anderen Statistiken und schon wissen wir mehr, als Sie vermutlich wollen.
Es kommt natürlich auf Ihren Einzelfall an, aber am Ende eines Tages hat ein Mensch eine Datenspur hinterlassen, die schnell mal ein paar Hundert Seiten lang ist. Den Großteil davon haben Sie nicht direkt fabriziert, sondern die Geräte in Ihrem Umkreis. Jeder Vorgang hat zum Beispiel einen umfangreichen Haufen an Metadaten erzeugt, also Protokolldaten, die etwa automatisch speichern, wer, was, wann, wo, wie und mit wem getan hat.
Für jede Suchanfrage soll Google über 50 Datenarten auswerten, auch wenn Sie nicht bei Google eingeloggt sind. Das passiert schon, bevor Sie den ersten Buchstaben getippt haben und Google für »A« gleich Amazon vorgeschlagen hat. Denn spätestens für den zweiten Vorschlag in der Liste will Google wissen, wo Sie sich befinden. So bekommen Sie in Österreich den Mobilfunker A1 und in Deutschland den Discounter Aldi vorgeschlagen. Unzählige andere Informationen führen dazu, dass jeder bei einer Suchanfrage etwas anderes sieht.
Ebenso lösen die vier Mal Tastendruck für den PIN am Bezahlterminal im Supermarkt in Wirklichkeit eine Lawine an Daten im Kassen und- Stammkundensystem des Supermarkts, beim Kartenunternehmen, bei Ihrer Bank und bei diversen anderen Unternehmen aus. Wenn Sie in den USA leben würden, fände es die Kreditauskunftei gar nicht so toll, dass Sie beim Discounter eingekauft haben, denn das tun nur Menschen, die wenig kreditwürdig sind.
Nun können Sie natürlich alle Zelte abbrechen, Einsiedler, Nonne oder Träger eines Stanniol-Huts werden (der soll laut eingefleischten Paranoikern gegen die imaginären Überwachungsstrahlen der NSA helfen), aber realistisch betrachtet werden Sie nicht entkommen. Genauer gesagt sollten wir gar keinen Grund haben, dem zu entkommen. Sie sollten eigentlich unbehelligt leben können, auch wenn Sie moderne Technologie nutzen.
Wir müssen aber dringend realisieren, wie viele Daten wir heute schon täglich absondern, dass es immer mehr werden, dass diese Daten immer tiefer in unser Privatleben vordringen und wir zum größten Teil weder genau wissen, noch genau steuern können, was im Hintergrund mit diesen Daten passiert.
Können Sie auf einem Zettel Papier aufschreiben, was genau, wie, wo und warum alles über Sie gespeichert wird? Ich kann trotz gut drei Jahren intensiver Beschäftigung mit Facebook nicht einmal genau sagen, was dieses einzelne Unternehmen im Detail über mich speichert und vor allem, was es mit meinen Daten macht. Dabei ist das nur ein sehr kleiner Teil meines persönlichen Datenhaufens.
Wir »datifizieren« also immer mehr Bereiche unseres Lebens. Das Speichern von Milliarden von Informationen über jeden Menschen ist relativ billig geworden. Als ich vor gut zehn Jahren Programmieren lernte, wurden wir noch gedrillt, möglichst sparsam mit Speicherplatz zu sein. Wenn man bei einer Berechnung eine kleine Zahl erwartete, legte man im Computerprogramm eine Integer-Variable an. In solchen Variablen konnte man zwar nur Zahlen bis 32.767 speichern, dafür blockierten sie weniger Speicherplatz. Erhöhte sich die Zahl auf 32.768, dann konnte der Computer die Daten nicht mehr speichern, es gab eine Fehlermeldung. Das nahm man aber in Kauf, um ein paar Bytes zu sparen. Das fertige Programm speicherte man auf (schon damals altmodischen) Disketten, weil es USB-Sticks noch nicht wirklich gab und CD-ROMs zu brennen unpraktisch war. Süß, oder?
Heute sieht es anders aus: Die Menge der weltweit vorhandenen Daten soll sich zirka alle 2 Jahre verdoppeln. Es heißt, wir haben bis 2003 in unserer gesamten Menschheitsgeschichte insgesamt so viele Daten festgehalten, wie wir heute alle paar Tage fabrizieren. Das muss man sich mal vorstellen: Alle Bücher, Videobänder, Filme, Bibliotheken, Archive, Serveranlagen und Niederschriften von tausenden Jahren sind im Umfang geringer als die Daten, die wir heute in ein paar Tagen ausstoßen. Natürlich ist das nur eine quantitative Betrachtung. Vieles davon ist einfach Datenmüll. Das Problem ist nur, dass das Löschen dieser Datenmassen oft komplizierter und sogar teurer ist, als einfach alles zu behalten. Wo früher die Festplatte voll war und mühevoll alte Daten aussortiert wurden, wird heute eine größere Festplatte reingesteckt oder für ein paar Cent weitere Giga-oder Terabytes Cloud-Speicher dazugekauft. Problem gelöst.
Wenn das allgemeine Daten über den Verkehrsfluss, das Wetter, technische, wissenschaftliche oder administrative Informationen sind, ist das für den Menschen normalerweise unproblematisch oder sogar extrem hilfreich. Viele der erfassten Daten lassen jedoch direkte Rückschlüsse auf uns zu, auf unser Verhalten, unsere Persönlichkeit und unsere Gedanken. Diese personenbezogenen Daten können ein Problem werden. Sie explodieren heute ebenso exponentiell wie der Rest. Diese Daten erlauben gleichzeitig immer tiefere Einblicke in unser Leben und unsere Gedanken.
Allein der Umfang von Informationen, die über jede einzelne Person gesammelt werden, ist erdrückend. Nicht mal Ihr persönlicher Datenhaufen ist heute noch von Ihnen überblickbar. Schon gar nicht überblickbar sind die Datenhaufen von Milliarden Menschen, die bei Millionen Unternehmen und Stellen verarbeitet werden. Jedes Jahr wird das noch mehr. Selbst Experten können Ihnen auf die meisten Fragen zu den Datenflüssen und den Details dieser Sammelwut keine konkreten Antworten geben. Die Datenwirtschaft ist heute selbst für die hellsten Köpfe unter uns zu komplex und weitläufig.
Leider ist der Umfang der Datifizierung für 99% unserer Mitbürger noch nicht real greifbar. Sie geschieht abstrakt, unsichtbar und schleichend. Es hat sich zwar herumgesprochen, dass der elektrische Strom nicht von der Hauswand abgesondert wird und dass ein Klo auch kein Loch zum Nirwana ist, sondern dass alles irgendwo herkommt und wieder irgendwo hingeht. Was aber mit unseren Daten hinter den Displays passiert, die wir so gern ansehen (oder auch liebevoll streicheln), hinterfragen nur wenige. Das eine Prozent von uns, das genauer darüber nachdenkt, was hinter den glänzenden Oberflächen so passiert, ist dann meistens entweder paranoid geworden oder wurde zum Datenschützer, manchmal auch beides.
7. Analysieren, Verknüpfen und »Big Data«
Die heutigen, unglaublich umfangreichen Sammeltätigkeiten sind schon sehr beeindruckend. Noch spannender ist jedoch, was mit diesen Daten dann noch alles passieren kann. Wenn meine persönlichen Informationen irgendwo im Keller vergammeln würden, wären meine Sorgen eher gering. Natürlich passiert aber genau das Gegenteil: Auch die Verwertung unserer Daten wird immer umfangreicher. Auch hier wird täglich tiefer in unser Leben eingedrungen.
Leistungsfähigere Computer können auch bei großen Datenmengen tiefgreifende und detaillierte Analysen auf Knopfdruck zaubern. Aus tausenden Informationen und Faktoren wird schnell ein Wert, eine Entscheidung oder eine Aussage errechnet. Aus hunderten Artikeln, die Sie auf Amazon angesehen und den paar, die Sie gekauft haben, wird in wenigen Millisekunden errechnet, was Sie vielleicht auch noch interessieren könnte. Aus tausenden Suchabfragen der letzten Jahre errechnet Google, gemeinsam mit anderen Faktoren, ob Sie beim Suchwort »Ägypten« auf der ersten Seite Urlaubsinformationen oder eher Informationen zur derzeitigen politischen Lage bekommen. Facebook errechnet auf Knopfdruck aus tausenden Meldungen jene relevanten Informationen, die Sie auf der ersten Seite angezeigt bekommen. Die passende Werbung wird auch gleich mitberechnet. Dafür werden jeweils Millionen Informationen verarbeitet und verknüpft. Alter, Interaktionshäufigkeit, Freundschaften, Klickverhalten, angegebene und errechnete Interessen, Reaktionen von Freunden und hunderte weitere Informationen werden bemüht, um für Sie ein paar Meldungen auszuwählen.
Wenn ein Dienst das gut macht, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Sie etwas kaufen, was Sie eigentlich nie wollten, weiter auf der Seite bleiben und weiterklicken. Die Nachteile solcher Analysen sind heute noch halbwegs überschaubar. Im schlimmsten Fall landen wir regelmäßig in einer sogenannten »Filter Bubble«: Damit beschreibt man das Phänomen, dass automatische Analysen den größten Teil der Informationen wegfiltern und damit bestimmen, was wir sehen oder eben auch nicht sehen. Der Informationsreichtum des Netzes wird dadurch beschnitten, ohne dass wir auswählen können, was wegkommt. Die Informationen werden immer weiter auf unsere Interessen eingeschränkt. Das bedeutet auch, dass wir in unserem eigenen informationellen Saft immer weiter einkochen. Wie bei einer Tageszeitung schneiden die Algorithmen jene Seiten weg, die Sie selten lesen. Politik? Weg damit! Sie blättern eh immer nur drüber. Dafür gibt es jetzt 25 Seiten Sport und Chronik. Wenn Sie glauben, jeder bekommt die gleichen Ergebnisse bei Google, die gleichen Updates bei Facebook oder die gleichen Vorschläge bei Amazon, dann liegen Sie falsch. Es wird alles anhand Ihrer Daten gefiltert und angepasst. In den USA geht das so weit, dass Republikaner tendenziell nur die Meinung von Republikanern und Demokraten nur demokratische Meinungen sehen. Andere Meinungen und neue Dinge, für die wir uns bis dato nicht interessiert haben, werden weggefiltert. Demokratiepolitisch ein Wahnsinn.
Aber im Vergleich mit anderen Möglichkeiten ist diese Filter-Problematik eher ein Kindergeburtstag. Mit ein paar Daten und einer guten Analyse kann man beispielsweise in Ihre Gebärmutter sehen – kein Scherz. Target, ein US-Supermarkt, machte Schlagzeilen, weil ein Verantwortlicher erklärte, dass der Supermarkt einen »Schwangerschaftsindex« für seine Kunden anlegt. Dafür haben die Analytiker von Target in Millionen Datensätzen Verbindungen gesucht. Dinge, die Kunden gekauft haben, bevor sie später Kindersachen kauften. Die Analytiker hatten am Ende eine Liste von Dingen, die statistisch relevant waren. Wenn Kundinnen diese Produkte kauften, konnte der Supermarkt sogar den Geburtstermin relativ genau errechnen. Der zuständige Analytiker meinte dazu in der New York Times, man schicke natürlich keine Aussendung mit »Gratulation zu Ihrem ersten Kind!« Man macht das etwas subtiler. An die Kunden werden »zufällig« die entsprechenden Werbungen oder Gutscheine für Babykleidung, Kinderwägen und Wickeltische verschickt. Die Aufregung in den USA war groß.
Natürlich ist davon auszugehen, dass Target nicht nur einen Schwangerschaftsindex, sondern auch unzählige andere solcher Indices für jeden Kunden anlegt. Target hält sich dabei an alle (US-) Gesetze. Der Mitarbeiter räumte gegenüber der New York Times aber ein: »Selbst wenn man sich an die Gesetze hält, kann man Dinge tun, bei denen den Leuten schlecht wird.« Ob Target den betroffenen Leuten entsprechende Gutscheine für Beruhigungstropfen zuschickt, ist nicht überliefert.
Penetrant umworben zu werden kann schon sehr grenzwertig sein. Noch problematischer wird es aber im gegenteiligen Fall, also wenn Sie gewisse Dinge nicht mehr bekommen, weil Ihre Daten analysiert wurden. Wenn Sie keine Gutscheine oder Angebote bekommen, die alle anderen bekommen, weil Sie nicht genug Umsatz bringen, wenn Sie keinen Vertrag bekommen, weil die Analyse Sie als unprofitablen Kunden ausgewiesen hat. Das muss nicht bedeuten, dass Sie nicht zahlen. Vielleicht zahlen Sie einfach nur zu wenig. Vielleicht gehen Sie nicht jedem Werbeversuch auf den Leim. Wenn Sie beispielsweise ein disziplinierter Kunde sind und eben nur die Sonderangebote nutzen, sich aber dann nicht zu großen Käufen hinreißen lassen, dann bringen Sie keinen ausreichenden Profit.
Heute ärgern wir uns, weil wir ohne Kundenkarte irgendwo keine Minus 20% bekommen. In Zukunft werden wir hingegen oft gar nicht mehr wissen, welche Optionen es gibt und was vor uns versteckt wird. So etwa hat der Zahlungsdienst PayPal mit einigen US-Airlines die Kundendaten ausgetauscht. Diese Airlines speichern in ihrer Kundenkartei, dass Sie ein PayPal-Konto haben. Wenn Sie ein Ticket kaufen, werden alle anderen Zahlungsoptionen ausgeblendet, und Sie können nur noch mit PayPal zahlen. Die Unternehmen sparen damit Kreditkartengebühren und haben vermutlich auch einen besseren Tarif von PayPal bekommen. Wenn Sie lieber mit Kreditkarte gezahlt hätten, dann ist das Ihr Problem. Ähnliches gibt es auch mit Kreditinformationen. Wenn Sie als höheres Risiko gelistet sind, können Sie nur noch vorauszahlen, die anderen Optionen werden Ihnen nicht mal mehr angezeigt. Der Vorteil für die Unternehmen: Sie wissen nicht mal, was Sie nicht bekommen.
Zur immer tiefer gehenden Analyse kommt die immer umfassendere Verknüpfung und Wiederverwendung von Daten hinzu. Wie im PayPal-Beispiel werden Daten über den einzelnen Zweck der Datensammlung, über die einzelnen Unternehmen und über alle anderen Grenzen hinweg verknüpft. Durch die Verknüpfung entsteht aus einzelnen Datenpunkten ein eng verwobenes Datennetz zu jeder Person. Wie bei einem Puzzle ergibt erst die Zusammenschau aller Teile das detaillierte Gesamtbild. Die Gesamtheit ist dabei mehr als die Summe der Einzelteile, viel mehr.
Dieser Prozess passiert einerseits über die Verknüpfung Ihren Daten aus verschiedenen Quellen, zum Beispiel bei direkten Kooperationen verschiedener Unternehmen, über Datenhändler und über die Integration von externen Systemen. Andererseits werden Ihre Daten auch mit den Daten anderer Personen verknüpft, die Ihnen irgendwie ähnlich sind oder Rückschlüsse auf Sie zulassen.
Ein Beispiel: Wenn man von Ihnen etwa nur weiß, dass Sie ein gewisses Studium an einer Uni besucht haben, so lassen sich die Informationen aller anderen Personen mit dem gleichen Merkmal mit Ihren Daten verknüpfen. Wenn Sie, wie ich, Rechtswissenschaften studiert haben, sind Sie statistisch gesehen vermutlich finanziell besser ausgestattet, konservativ und, wenn Sie das Studium überlebt haben, vermutlich auch nicht ganz doof. Wenn Sie, wie ich, im 6. Bezirk in Wien wohnen, sind Sie tendenziell finanziell okay ausgestattet, wählen Grün, kaufen Bio-Fleisch und sind ein Bobo oder zumindest nah dran einer zu werden. Wenn Sie 1987 geboren sind, dann sind Sie vermutlich Teil der »Generation Praktikum«, sind finanziell nicht so gut ausgestattet und haben bis heute keinen genauen Karriereplan.
Man sieht also, dass man schon aus drei Informationen mit einer gewissen statistischen Treffergenauigkeit Dinge errechnen kann. Wenn Sie nur die Zahlen 1060, A101 oder 1987 sehen, ist das nicht vorstellbar, aber durch die Verknüpfung mit anderen Personen, die auch als Postleitzahl 1060, als Studienkennziffer A101 und als Geburtsjahr 1987 haben, lässt sich aus diesen mickrigen drei Zahlen ein gutes Bild zeichnen. Das Ganze funktioniert, ohne diese zusätzlichen Informationen vom einzelnen Nutzer einsammeln zu müssen. Die Unternehmen brauchen nur Informationen über eine gewisse Zahl der Personen, die zu einer Gruppe gehören, um auf den Rest hochrechnen zu können. Die einzelne Person weiß nicht einmal, dass sowas passiert und geht daher auch überhaupt nicht davon aus, dass die Postleitzahl mehr als den groben Wohnort verraten kann.
Noch weiter kann man das treiben, wenn Sie beispielsweise ein Profil auf Facebook haben. Facebook braucht nicht mal mehr Ihre Angaben zu Studium, Wohnort oder Geburtsjahr. Durch Ihre Freunde lässt sich auch das ausrechnen, denn tendenziell haben Sie entsprechende Freundesgruppen, die gleich alt sind (Schulfreunde), die das Gleiche studiert haben (Studienfreunde) oder das Gleiche arbeiten (Arbeitskollegen). Über deren Daten lassen sich dann auch Ihre Informationen hochrechnen. Bei E-Mail-Konten oder anderen digitalen Beziehungen ist das natürlich auch möglich.
Das Problematische daran ist unter anderem, dass Daten, die wir irgendwo angeben, für vollkommen unvorhergesehene, absolut unerwartete Berechnungen verwendet werden. Oft sind das auch Sekundärverwendungen, die nichts mit der ursprünglichen Datensammlung zu tun haben. Wenn Sie etwa Ihre Postleitzahl in einem Webshop für die Zustellung hergegeben, haben Sie nie zugestimmt, dass dadurch Ihr vermutlicher Bio-Fleisch-Konsum oder Ihre Kreditwürdigkeit errechnet werden. Wenn Sie jemanden zu Ihrem Adressbuch hinzufügen, gehen Sie nicht davon aus, dass das zur Berechnung Ihres Wohnorts verwendet werden könnte. Das ist ein vollkommen anderer Verwendungszweck, als Sie ursprünglich dachten.
Das Problem erkannten Datenschützer schon in den 1980ern. Daher wurde in unsere Datenschutzgesetze die sogenannte »Zweckbindung« eingefügt. Das bedeutet, dass Daten nur für den jeweiligen Sachzusammenhang verwendet werden sollen und nicht für irgendwas Unerwartetes. Zweckbindung hört sich etwas formalistisch an, das Konzept kennen wir aber auch im täglichen Leben: Wenn Sie zum Arzt gehen und ihm intime Informationen über Ihre Schmerzen beim Stuhlgang geben, dann erwarten Sie implizit, dass diese Informationen nur für die Behandlung verwendet werden. Sie wären empört, wenn der Arzt das am Stammtisch weitererzählt oder wenn er die Daten an ein Pharmaunternehmen weitergibt, das Ihnen eine Testpackung Hämorrhoidenzäpfchen zuschickt. Sie erwarten vollkommen logisch, dass die Information für einen bestimmten, abgeschlossenen Zweck verwendet wird.
Die Zweckbindung, die Sie beim Arzt vollkommen natürlich erwarten, gilt laut Gesetz bei allen Daten, sie wird in der Praxis jedoch weitgehend ignoriert. Unternehmen definieren entweder den Zweck so allgemein, dass ohnehin alles erlaubt ist, oder sie vergessen auf diese Beschränkung überhaupt. Damit ist dann auch sichergestellt, dass alle Daten aus allen Quellen für jeden Zweck analysiert oder verknüpft werden dürfen. Frei nach dem Motto: »Cool, die Daten haben wir eh schon!«, wird einfach alles kreuz und quer verarbeitet und verknüpft. Die Bindung an einen spezifischen Zweck gibt es oft nur am Papier.
Generell sehen wir, dass wir selbst sehr sparsam mit den Informationen sein können, die wir preisgeben. Durch zweckfremde Nutzung, Verknüpfungen mit anderen Daten, statistische Auswertungen und Analysen kann man aber schon aus ein paar wenigen Informationen sehr viel mehr hochrechnen. Diese Systeme sind in etwa soetwas wie ein informationstechnisches Perpetuum mobile. Aus Daten werden immer neue Daten generiert. Daten sind also nicht ein Mal da und liegen dann genau so auf irgendwelchen Festplatten sondern verhalten sich heute wie ein permanent nachwachsender und sich aus sich selbst vergrößernder Rohstoff. Immer größere Massen an Rohdaten, gemeinsam mit immer mehr Verknüpfungen, Analysen und Statistiken erlauben es, den Pool an Informationen aus sich selbst heraus zu vergrößern. Das ist ein Teil des Phänomens, das heute oft mit dem Schlagwort »Big Data« beschrieben wird. Der Leitsatz »Was ich nicht angebe, können sie nicht wissen« ist schon längst überholt. Heute heißt es viel eher: »Nur was sie nicht errechnen können, können sie nicht wissen«, und täglich kann man mehr hochrechnen, analysieren und verknüpfen.
Eines der Probleme dabei ist, dass diese Hochrechnungen und Verknüpfungen nur in der durchschnittlichen Masse stimmen, nicht in jedem Einzelfall. Ich habe zwar Recht studiert, würde mich aber nicht als konservativ bezeichnen. In meinem Bezirk gibt es auch Straßen, die eher nicht auf finanziell gute Bedingungen schließen lassen. Nicht alle in meiner Generation machen unbezahlte Praktika.
Die Unternehmen nehmen diese Ungenauigkeit in Kauf. Die Hochrechnungen stimmen eben bei ein paar Prozent nicht. Wenn ich aber bei 80% richtig liege, reicht das für eine Steigerung des Umsatzes oder die generell richtige Einschätzung der Kreditwürdigkeit schon aus. Wenn Sie zu den restlichen 20% gehören, ist das eben Ihr Problem. Sie müssen dann eben in einen reicheren Bezirk übersiedeln, damit alles wieder seine Richtigkeit hat. Nein, das ist kein Scherz. In einigen Ländern bringt das eine deutliche Veränderung in der Bewertung. Da sind 100 Euro mehr für die höhere Miete vielleicht ein gutes Investment.
Oft liegen diese Ungenauigkeiten auch daran, dass hier nicht logische Brücken und »Kausalitäten« berechnet werden (also zum Beispiel: wer Rechtswissenschaften studiert hat, verdient tendenziell mehr als jemand ohne Schulabschluss), sondern nur nach »Korrelationen« gesucht wird. Das bedeutet, man errechnet einfach nur, dass Faktor A mit Faktor B zusammenhängt, kümmert sich aber nicht mehr um die Frage, warum das so ist. Das ist natürlich viel einfacher und effektiver, als sich kompliziert zu überlegen, welche Zusammenhänge bestehen könnten.
So ist es auch vollkommen korrekt, wenn festgestellt wird, dass Schwarze in den USA ein höheres HIV-Risiko haben, Kinder von Migranten schlechter in der Schule sind und Frauen in gewissen Uni-Studien besser abschneiden. Das bedeutet aber nicht, dass alle Migranten doofer und alle Frauen intelligenter wären oder mehr Pigmente in der Haut HIV-Infektionen begünstigen. Für all diese Zusammenhänge gibt es irgendwelche, oft sehr komplexe Ursachen, also Kausalitäten im Hintergrund, die an hunderten Faktoren in unserer Gesellschaft liegen. Diese Kausalitäten werden bei der reinen Betrachtung von Korrelationen ausgeblendet.
Das ist natürlich kein unmittelbares Problem von Big Data. Wir Menschen tun das auch. Wir sind leider oft nicht in der Lage oder einfach zu faul, um die wahren Zusammenhänge zu erforschen und zu erkennen. Wir haben aber gleichzeitig einen inneren Drang, Zusammenhänge als Kausalitäten zu sehen und nicht als Korrelationen. Wir wollen einfache Erklärungen, auch wenn wir keine haben.
Was Menschen betrifft, sollten wir aber inzwischen wissen, dass Korrelationen nicht der Königsweg sind. Nicht alle Menschen einer Gruppe sind gleich, auch wenn vielleicht gewisse Faktoren mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe korrelieren. Diese Unterstellung, dass jemand »eh so wie alle anderen einer Gruppe« ist, nennen wir daher heute schlichtweg Diskriminierung. Wenn Sie einem Schwarzen sagen: »Du bist arm, weil viele Schwarze arm sind«, ist das für viele Menschen offensichtlich. Wenn Sie aber Frauen eine billigere Versicherung anbieten, weil die Gruppe »männlich« generell mehr Kosten verursacht, dann ist das schon weniger offensichtlich. Es ist aber nichts anderes: Weil viele Männer für eine Versicherung teurer sind, soll ich ebenfalls mehr zahlen. Wie komme ich aber dazu, nur weil meine Geschlechtsgenossen mehr Unfälle bauen oder eher ungesund leben, wenn ich das genaue Gegenteil bin? Das ist nichts anderes als eine geschlechtsbasierte Gruppenhaftung. Die EU unterband diese Form der Diskriminierung aufgrund eines X- oder Y-Chromosoms mit »Unisex-Versicherungen«. Eigentlich nur logisch, trotzdem eine große Diskussion und ein Dammbruch in vielen Ländern.
In den USA ist es weiter vollkommen normal, dass der Tarif Ihrer Autoversicherung je nach Automarke, Autotyp, Alter, Bildung, Wohnort, Geschlecht und unzähligen anderen Faktoren berechnet wird. Nur die Hautfarbe wird noch nicht herangezogen, das wäre wohl dann politisch inkorrekt.
Wenn Sie dann, so wie ich, einen ausländischen Führerschein haben, den Sie nach unzähligen Fahrstunden und Kursen langwierig erworben haben, müssen Sie trotzdem deutlich mehr zahlen, als jemand der einen US-Führerschein hat, den man auch in 30 Minuten bekommt. Ich wurde als Ausländer einfach in einen Topf mit Leuten geworfen, die für ein Kilo Kaffee Ihren Führerschein in irgendeinem Entwicklungsland bekommen haben. Das ist eine der Unschärfen in der Praxis. Pech.
Bei massenhafter Datenverarbeitung und Analyse zahlt es sich einfach nicht aus, auf den Einzelfall einzugehen. Das ist wie beim Tontaubenschießen. Wenn Sie nur wenige Schüsse haben und nur wenige Tontauben, dann konzentrieren Sie sich auf die eine Tontaube und zielen genau. So war das in unserer kleinen analogen Welt. Wenn Sie aber 100 Gewehre haben, die pro Sekunde 1 000 Schüsse abgeben und Sie müssen 10 000 Tontauben treffen, dann drücken Sie einfach nur drauf. Durch die Masse an Schüssen und Objekten treffen Sie im Großen und Ganzen schon irgendwas, solange Sie generell in die richtige Richtung zielen.
Ähnlich passiert das auch in vielen neuen Systemen zur massenhaften Datenauswertung. Die paar Schuss, die danebengehen, sind einfach nur eine Fehlerquote. Dabei fällt auch die Individualität des einzelnen Menschen in den Bereich Fehlerquote. Bleibt nur abzuwarten, ob durch noch mehr Daten und noch mehr Analysen dieser Daten die Auflösung höher und die Fehlerquoten kleiner werden. Eine paradoxe Hoffnung.
Ein weiteres Problem bei vielen der Phänomene, die als Big Data bezeichnet werden, ist, dass Sie in den meisten Fällen gar nicht nachvollziehen können, welche Faktoren in welchem Verhältnis bei einer solchen Analyse eine Rolle spielen. Nicht mal die Techniker, die diese Systeme erstellen, können das immer genau erklären. Ihnen reicht es oft, dass das System am Ende ein möglichst gutes Ergebnis bringt. Man probiert einfach verschiedene Versionen und vergleicht die Ergebnisse (»trial and error«). Die Version mit dem besten Ergebnis wird genommen. Details zu erforschen wäre auch wieder sinnlos investiertes Geld.
Noch einen großen Schritt weiter in unsere intimen Informationen geht es, wenn aus den bestehenden Daten nicht nur neue Daten generiert werden, sondern auch noch unser zukünftiges Verhalten hochgerechnet werden kann. Das hört sich jetzt für Sie vielleicht etwas absurd, futuristisch und nach dem Film »Minority Report« an, ist aber heute schon in vielen Bereichen Realität.
Ein Kreditranking ist nichts anderes als eine Wahrscheinlichkeit, dass Sie zukünftig Ihre Rechnungen zahlen. Errechnet wird das, je nach Kreditbüro, aus Ihrem bisherigen Verhalten und dem Vergleich mit dem Verhalten anderer Menschen, die Ihnen ähnlich sind. Die Prognosen sind so gut, dass Unternehmen durchaus viel für diese Informationen bezahlen.
Auch die Idee, Zukunftsvoraussagen mit unglaublich großen Datenmengen zu machen, ist nicht wirklich neu. Denken Sie an den Wetterbericht. Hier werden schon lange Milliarden Datenpunkte von Messstationen auf der ganzen Welt verrechnet, und am Ende kommt das Wetter der nächsten Stunden oder der nächsten zwei Wochen auf ein paar Kilometer genau raus. Das Ganze funktioniert auch mit einer sehr hohen Trefferwahrscheinlichkeit. Mit der immer billigeren Rechenleistung zogen solche Systeme auch bereits in anderen Bereichen, wie der Naturwissenschaft oder im Börsenhandel, ein.
Problematisch wird es für Sie, wenn nicht mehr das Wetter, Aktienkurse oder irgendwelche Objekte mit Milliarden Datenpunkten erfasst und dann analysiert werden, sondern Sie das Objekt der Berechnung werden. Wenn die Kosten für solche Analysen immer billiger werden und die Daten immer umfangreicher und genauer, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass genau das die Zukunft ist. Die Messpunkte gibt es heute schon, und sie liefern jetzt schon Unmengen an Daten: Ihre Klicks, Ihre Suchanfragen, Ihre Handydaten und die Daten der vernetzten Geräte, die Sie täglich verwenden. Anreichern kann man das immer noch mit Daten von Datenhändlern oder anderen Personen. Aus all diesen kleinen Informationen wird Ihre persönliche Großwetterlage errechnet. Was Sie denken werden, was Sie zukünftig wollen könnten, wer Sie zukünftig sein werden. Dabei lassen sich Dinge vorhersagen, die Sie selbst noch gar nicht wissen. Weil das immer leichter und billiger wird, werden das auch immer mehr Unternehmen oder Staaten anwenden. Dass Unternehmen unser Kaufverhalten analysieren und uns dann gezielt sagen, was uns sonst noch interessieren könnte, ist heute schon Realität – vor allem im Netz. Ein extremeres Beispiel sind Systeme, die in den USA ausrechnen, ob ein Straftäter rückfällig werden könnte, was in die Bewährungsentscheidung einfließt. Andere Systeme berechnen Orte, an denen nach den neuesten Daten vermehrt Straftaten auftreten werden, die Polizeikräfte patrouillieren dort präventiv und kontrollieren vermehrt Leute. In den USA werden Verbrechensrückgänge von bis zu 30% kolportiert. Was vor 10 Jahren also noch Science-Fiction war, ist heute schon zu einem gewissen Grad real.
Nicht alle theoretisch möglichen Prognosesysteme werden uns morgen in der Realität beschäftigen. Wenn Sie aber an die Verbrechensbekämpfung denken, ist sowas wie in »Minority Report« nicht mal so absurd: IT-Systeme können heute schon mit einer respektablen Trefferwahrscheinlichkeit unser Verhalten berechnen und damit unter Umständen auch Verdachtsmomente gegen einzelne Personen liefern. Diese Systeme werden auch immer weiter verbessert. Wenn sie gut genug funktioniert, kann eine solche Analyse durchaus einen ernstzunehmenden Verdacht darstellen, dass jemand etwas getan hat oder zukünftig tun wird.
Genau so ein begründeter Verdacht oder ähnliche Ansatzpunkte sind in demokratischen Ländern üblicherweise die Basis, um Maßnahmen gegenüber den einzelnen Bürgern zu erlauben (zum Beispiel Hausdurchsuchungen, Identitätsfeststellungen, DNA-Tests oder der Ausspruch von Wohnungsverboten gegenüber potenziell gewalttätigen Ehemännern). Solche Maßnahmen werden heute schon gesetzt, um in der Folge überhaupt feststellen zu können, ob jemand tatsächlich ein Täter ist oder um zukünftige Gefahren zu vermeiden. Heute braucht man dazu einen begründeten Verdacht, also einen analogen Anhaltspunkt.
Wenn die Recherche eines Polizisten, eine Meldung bei der Polizei oder der Tipp eines Hinweisgebers als Verdachtsmoment für solche Maßnahmen ausreichen, warum soll dann nicht auch eine zu 95% korrekte Computerprognose so ein begründeter Verdacht sein? Im Kern ist eine Big Data-Analyse ja auch nichts anderes als das, was die Polizei heute schon tut. Man sucht Informationen, kombiniert diese, vergleicht sie mit Erfahrungswerten und zieht seine Schlüsse in vielen Fällen auch im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen. Der Unterschied ist nur, dass man das mit Hilfe der Technologie noch viel umfangreicher, genauer und flächendeckender machen kann. Ein permanentes Analysesystem könnte also eine richtiggehende Verdachts-Fabrik werden und permanent Tipps über Aktuelles und Zukünftiges absondern. Der Überwachungsdruck würde damit um ein Vielfaches steigen, die Aufklärungsraten aber eventuell auch.
Was wir heute schon sehen, sind erste Ansätze einer solchen Entwicklung in einzelnen Bereichen, oder zumindest, dass die Technologie dafür Einzug hält. Wenn es aber billig genug ist, betrifft die digitale Glaskugel dann nicht mehr nur potenzielle Straftäter, Häftlinge oder Ihre Zahlungsmoral, sondern einen Großteil Ihres täglichen Lebens. Sie werden klassifiziert und abgestempelt, bevor Sie selbst noch eine Entscheidung getroffen haben. Alles andere wäre auch unlogisch. Ein Bauer wartet auch nicht, bis es wirklich regnet und gibt dem Wetter damit eine zweite Chance, wenn der Wetterbericht eindeutig und üblicherweise korrekt ist. Warum sollten Unternehmen oder der Staat Ihnen gegenüber anders handeln?
Auf einer moralischen Ebene sieht es aber ganz anders aus: Ihr freier Wille wird von diesen Prognosen einfach negiert. Der freie Wille, die Unberechenbarkeit des Menschen ist nach dieser Logik nur eine Fehlerquote. Der Mensch ist in einer solchen Zukunft generell ein berechenbares Ding und kein freies Wesen mehr.
Das ist natürlich ein ethisch und philosophisch höchst problematisches Minenfeld: Wie frei sind Ihre Entscheidungen überhaupt? Hat der Mensch eigentlich einen wirklich freien Willen, so wie wir uns das landläufig vorstellen? Sind wir nicht alle irgendwie Sklaven von Logik, berechenbaren biologischen Abläufen in unserem Gehirn, unserer Erziehung oder Sozialisation? Bildet eine digitale Prognose dann nur unsere freien Gedanken ab oder unsere inneren Zwänge?
Wie viel Macht haben Einrichtungen und Experten, die das berechnen können? Sollen Private das überhaupt dürfen? Soll der Staat das dürfen? Wer kontrolliert das? Wollen wir, dass irgendjemand so viel Macht hat? Wollen wir, dass jemand in unser Hirn blickt und berechnen kann, was darin vermutlich zukünftig passieren wird?
Was passiert, wenn der Algorithmus falsch liegt? Wer haftet für eine Fehlprognose? Wie kann eine Fehlprognose überhaupt bewiesen werden, wenn schon wegen der Prognose eine mögliche Tat, ein Vertrag oder ein Kredit nie zustande kommt? Trifft dann nicht der Algorithmus schon vorab eine Entscheidung, die im Einzelfall faktisch nicht mehr als die falsche enttarnt werden kann?
Konkret bei Straftaten: Wenn ein Computer vorab mit hoher Wahrscheinlichkeit berechnen kann, dass jemand eine Straftat begehen wird, müssten wir dann nicht schon aus moralischen Gründen präventiv eingreifen und die Tat verhindern? Hat der Täter dann aber noch eine persönliche Schuld, wenn wir doch schon vorab berechnen konnten, dass er sich so entscheidet und insofern die Entscheidung gar nicht frei, sondern irgendwie vorgezeichnet war? Würde ein Eingriff nicht die berechnete Zukunft verändern und damit die Prognose irrelevant werden lassen? Ist ein Täter nicht genauso schuldig, wenn er nur versucht, eine Tat zu begehen, aber durch einen Eingriff von außen abgehalten wurde? Muss man diese Täter dann wegen der versuchten Tatbegehung einsperren?
Was ist gleichzeitig mit den braven Bürgern? Wenn ein Verbrechen zu 99% aufgedeckt oder verhindert wird, dann wäre es einfach nur noch dumm, ein solches zu begehen. Wenn Sie in einer solchen Welt dann vor der Entscheidung zwischen einem richtigen und einem verwerflichen Verhalten stehen, sind Sie de facto gezwungen, richtig zu handeln. Vernichten wir damit nicht auch die Möglichkeit, zwischen Gut und Böse frei zu entscheiden und damit unsere persönliche Verantwortung? Wie kann ich mich noch aus Überzeugung ethisch korrekt verhalten, wenn ich de facto keine andere Möglichkeit habe? Verkümmert unsere Ethik dann mangels eines praktischen Anwendungsbereichs? Wo ist die Balance zwischen einer hohen Aufklärungsquote und der Freiheit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden? Ist das Problem der Kriminalität wirklich gelöst, wenn man sie einfach unterdrückt?
Begreifen wir uns in einer Welt, in der die Analysen und Prognosen unseres Verhaltens überhand nehmen, überhaupt noch als Individuum oder nur noch als Teil einer berechenbaren Masse, ohne Anspruch auf relevante individuelle Abweichungen? Machen wir uns in einem solchen System nicht zu einem total willenlosen und berechenbaren Objekt? Ist das alles noch ethisch tragbar und mit der Würde des einzelnen Menschen vereinbar?
Fühlen Sie sich hier etwas wie bei den theoretischen Fragen aus diversen fiktionalen Filmen? Ja? Ich mich auch! Aber genau diese Fragen, und viele andere mehr, diskutieren Experten schon heute ganz ernsthaft. So extrem abgehoben sind diese Überlegungen auch nicht, denn viele der aktuellen Entwicklungen führen genau in diese Zukunft. Viele Elemente dieser Zukunft existieren heute schon und werden in Teilen auch bereits eingesetzt. Diese technische Entwicklung lässt sich auch mit einer gewissen Sicherheit fortschreiben. Die Grenze wird daher keine technische, sondern maximal eine gesellschaftspolitische sein.
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