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Max Halbe
Die Tat des Dietrich Stobäus
Roman
Saga
1
An einem warmen Augustabend der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts lustwandelte der alte Justizrat Märchenschön mit seinem jungen Kollegen und Kompagnon Leonhardi an dem Strandbogen, der in anmutiger Überschneidung sich von Zoppot nach der bewaldeten Landspitze Adlershorst herumzieht. Die beiden Männer hatten sich eigentlich nur ein Stückchen von Kurhaus und Steg entfernen wollen, wo das letzte Badefest der Saison bunte Menschenscharen dichtgedrängt beisammenhielt. Aber wie sie schweigend nebeneinander fortschlenderten und die Walzerweisen der Kurkapelle immer ferner verklingen hörten, schien es, als wolle der schmeichelnde Sommerabend, der apfelsinenfarben über Wald und Meer hingegossen lag, sie tiefer und tiefer in seinen lichten Frieden locken.
„Wissen Sie, woran mich der Abend heute und überhaupt dieser ganze wolkenlose Sommer erinnern?“ fragte Märchenschön mit eins in das Schweigen hinein.
Leonhardi schüttelte mechanisch den Kopf. Er wäre am liebsten so fortgegangen, getragen von der lässigen Melodie halb oder kaum gewußter Gedanken, wozu der Rhythmus der leise atmenden See die Begleitung gab. Aber er wußte, daß Märchenschön keine Unaufmerksamkeit duldete, wenn er einmal ins Reden gekommen war. Also wandte er sich resigniert zu dem kleinen spitzbäuchigen Herrn, der mit seinem vorspringenden Vogelkopf unter dem schwarzen Schlapphut und dem aus Nase, Ohren und Kinn wuchernden grauen Rundbart wie ein Zwergenkönig in Zivil aussah.
„Wissen Sie, woran mich dieser fabelhafte Sommer erinnert?“ wiederholte Märchenschön und faßte seinen jungen Vertreter fest ins Auge, ihm gleichzeitig die Hand auf den Arm legend, wie um ihm jedes Ausweichen abzuschneiden.
„Nun?“
„Er erinnert mich an die Sommer meiner Jugend.“
Märchenschöns zwinkernde Augen hefteten sich in das Gesicht des andern, um dort die Wirkung abzulesen.
Leonhardi wußte nicht recht, was er aus den Worten seines Kollegen und Chefs machen sollte.
„Die Sommer Ihrer Jugend?“ meinte er schließlich zweifelnd.
„Jawohl, mein hochzuverehrender jüngerer Zeitgenosse!“ erwiderte Märchenschön und handhabte dabei den festgehaltenen Arm des andern wie einen Taktstock, mit dem er die Worte unterstrich und die Pausen markierte. „Die Sommer ... meiner ... Jugend!“
Märchenschön ließ Leonhardis Arm mit einem kurzen Schwung los, so daß er noch einen Augenblick wie ein Pumpenschwengel weiter pendelte, und lachte meckernd vor sich hin.
„Sie bilden sich natürlich ein, Sie kürzlich aus dem Ei gekrochener Hahn, ein Sommer sei so ungefähr wie der andere? Der eine etwas nasser, der andere etwas trockener, aber alle schließlich nach demselben Rezept gearbeitet: man schwitzt, man kriecht eine Stunde früher aus den Federn, man stülpt sich einen Strohhut statt eines Filzdeckels auf, man betreut seine Klienten bei Tageslicht statt bei Lampenschein, kurz, Sommer ist eben Sommer nach Ihrer höchst unmaßgeblichen Ansicht? Nicht wahr?“
„Ja, ist es denn nicht auch wirklich so?“ warf Leonhardi mit einem zerstreuten Lächeln hin.
„Es ist nicht so!“ donnerte Märchenschön, als gälte es, den Staatsanwalt vor den Geschworenen in Grund und Boden zu schmettern. „Es ist sogar das Gegenteil! Sommer und Sommer, das kann so zweierlei sein, wie der Surius aus Bomst und der Steinberger Kabinett zweierlei sind, wenn sie auch beide unter dem Namen Wein gehen. Der eine zerreißt Ihnen die Magenwände und treibt Ihnen das helle Wasser in die Augen. Der andere schmeichelt sich wie Honig durch die Kehle und zaubert Ihnen einen Blumengarten vor die Nase. Sehen Sie, der diesjährige Sommer, das ist wieder mal ein Steinberger Kabinett nach einem Menschenalter von Kretzer-Jahrgängen! Und solche Edelwein-Sommer hab’ ich in meiner Jugend so ein anderthalb Dutzend hintereinander erlebt, ehe der große Mißwachs einbrach.“
Märchenschöns rechter Arm beschrieb einen mächtigen Bogen durch die Luft, als wolle er den ganzen Ertrag dieses Mißwachses mit einer einzigen Gebärde wegfegen und die zurückbleibende Wüstenei im übrigen sich selbst überlassen. Dann senkte sich seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern.
„Es ist, als ob manchmal auf ganze Generationen ein Fluch gelegt wird. Ich bedaure euch Spätlingsvolk, das so ohne Sonne, Licht, Wärme, kurz ohne Sommer hat aufwachsen müssen. Man sieht ja auch, was zustande gekommen ist. Lauter verkrüppeltes Knieholz! Zwergpflanzen ohne Saft und Kraft! Wir alte, stolze, eisenfeste Garde dagegen! Unsere Jugend ist von der Sonnenglut der Zwanziger- und Dreißigerjahre des Jahrhunderts beschienen worden. Wir haben als junge Kerle Licht, Wärme, Glanz tonnenweise in uns eingeschluckt. Damit haben wir in der nachfolgenden Vereisung eingeheizt! Davon haben wir gezehrt in der ägyptischen Finsternis unserer Mannesjahre. Respekt vor uns Sonnenkindern, ihr amphybischen Eiszeitprodukte!“
Märchenschöns Plädoyer hatte sich aus mystischem Abgrund durch alle Register bis zu höchsten Höhen erhoben. Die possierliche Gnomengestalt schien ins Ungeheure zu wachsen. Die Augen schleuderten Blitze in die Runde und fuhren an der anderthalb Köpfe höheren Gestalt Leonhardis hinauf und hinunter, als müßten sie sie verdoppeln und verdreifachen, um sie in ihrer ganzen mikroskopischen Winzigkeit zu ermessen.
Aber Leonhardi schien an derartige Ausbrüche gewöhnt zu sein. Nachdem der erste Sturm sich gelegt hatte, meinte er gleichmütig:
„Ob nicht sehr viel Einbildung und Illusion hinter dem allen steckt?“
Märchenschön blieb wie festgenagelt stehen, stemmte die Arme in die Hüften und lehnte sich herausfordernd zurück.
„Wohinter steckt?“ fragte er drohend.
„Hinter Ihrer Behauptung, die Sommer Ihrer Jugend wären so unvergleichlich viel schöner gewesen als alle, die Sie nachher erlebt haben.“
„Erstens habe ich das nicht behauptet!“ kreischte Märchenschön. „Und zweitens ist es natürlich Einbildung, falls ich es behauptet habe.“
„Wie sagen Sie?“ fragte Leonhardi, jetzt wirklich etwas überrascht.
„Ich sage, daß alles in dieser Welt Einbildung ist, junger Mann! Daß das ganze Leben auf Illusion beruht, verehrter Fürst! Ist deshalb das Leben weniger real? Sind die Dinge dieser Welt darum weniger körperhaft? Stößt man sich den Kopf weniger an der Wand ein, weil man weiß, daß es eigentlich gar keine Wand ist, sondern etwas ganz anderes, was man nicht weiß? Und hebt etwa nach Ihrer Ansicht die Tatsache der Illusion die Tatsächlichkeit der Illusionen auf?“
Märchenschön verschnaufte sich einen Augenblick und maß seinen Begleiter mit einem triumphierenden Blick von oben bis unten, in dem die ganze Niederlage des andern beschlossen lag. Dann fuhr er milder und versöhnlicher fort, wie man dem Besiegten goldene Brücken baut:
„Es bleibt also dabei, junger Freund, daß die Sommer meiner Jugend die schönsten sind, die es jemals gegeben hat. Wobei ich Ihnen natürlich das Recht konzediere, das gleiche von Ihrer Jugend zu behaupten.“
„Danke! Kein Bedürfnis!“
„Weil es bei Ihnen noch nicht so lange her ist!“ schrie Märchenschön. „Weil Sie noch mitten darin stehen, Sie Kuckindiewelt! Da liegt der Hund begraben! Die Erinnerung ist es, die den blauen Dunst um die Dinge her macht, als hätte wunder was dahintergesteckt. Die Erinnerung ist die größte Betrügerin, die es auf Erden gibt. Mit der Erinnerung geht es wie mit der Abendsonne, die einem den finstersten Tag nachträglich vergolden kann. So die Erinnerung das Leben. Aber ist man deshalb weniger hereingefallen?“
Leonhardi nickte bei den Worten des Alten schweigend vor sich hin. Dieser ließ ihm keine Zeit, seine Gedanken fortzuspinnen.
„Nein, man ist nicht hereingefallen! So wenig, wie man hereingefallen ist, wenn man sich von einem Maler porträtieren läßt und bekommt schließlich ein Bild geliefert, so kreuztoll in Farbe und Beleuchtung, daß man seine eigene Physiognomie nicht wiedererkennt. Würden Sie sich getrauen, den Maler auf Rücknahme des Bildes zu verklagen? Sie würden sich’s nicht getrauen, junger Mann! Denn der Maler hat recht gehabt, und die Erinnerung hat recht, und ich habe recht ...’
„Sie vor allem, Herr Justizrat!“ warf Leonhardi mit ironischem Lächeln ein.
Aber Märchenschön war so in seinen Gedankengang eingesponnen, daß er nicht darauf achtete.
„Sehen Sie mal her, junger Mann! Was mache ich hier? Ich stehe und zeichne mit meinem Stock Figuren in den nassen Sand. Da! Ein Mann! ... Eine Frau! ... Ein Haus! ... Ein Schwein! ... Die nächste Welle wird sie wegwischen. Jetzt! ... Jetzt! ... Nein, warten Sie nur ab. Die See ist zwar so ruhig heute wie eine Waschschüssel. Aber es kommt schon ... Da! Sehen Sie! Klatsch! Weg! Mann, Frau, Haus, Schwein, fortgewischt! Ausgelöscht! Tot! Nichts mehr davon übrig! ... Oder am Ende doch?“
Märchenschön erhob langsam seinen Kopf, der ihm bis auf die Brust gesunken war, und tippte sich ruhig und nachdrücklich dreimal vor die Stirn.
„Hier ... hier ... hier leben sie weiter, der Mann und die Frau und das Haus und das Schwein. In diesem Gehirn leben sie weiter. Der Abdruck bleibt. So bleibt auch unser Abdruck im Gehirn des vermutlichen Weltgeists, der uns in den Sand des Lebens skizziert hat. Bleibt, nachdem die Welle uns längst wieder verschlungen hat. Und ebenso bleibt unsere eigene Vergangenheit als Abdruck in uns selbst. Ob dieser Abdruck mit dem, was wirklich war, übereinstimmt? Dumme Frage! Die Wirklichkeit ist tot, ist unwiederbringlich dahin. Die Erinnerung aber lebt. Die Erinnerung ist das einzig Reale in dieser Welt der irrealen Wirklichkeit.“
Eine Weile gingen die beiden Männer wieder schweigend nebeneinander her. Der Himmel hatte sich aus einem tiefen Orange in flammendes Rot gefärbt. Schwarzblau standen die Wälder der Küste. Ein langer blasser Rauchstreif zog sich parallel dem Horizont über die See hin. Unendlicher Frieden nach vollbrachtem Werk schien aus dämmerigen Fernen hinwandelnd durch die Welt zu ziehen.
Märchenschön atmete aus tiefer Brust und sog mit breiten Nüstern den Salzduft des Wassers ein, den ab und zu eine Brise herübertrug. Dann schwenkte er seinen Stock durch die Luft, wie um zum letzten Schlage gegen den Feind auszuholen.
„Ich behaupte also nicht nur, daß die Sommer meiner Jugend unvergleichlich und unübertrefflich waren. Ich behaupte auch, die Frauen meiner Zeit waren schöner und verführerischer als jemals vorher oder nachher. Ich behaupte, die Mädchen waren anmutiger und zierlicher, die Männer aufrechter und entschlossener, die Geselligkeit liebenswürdiger und angeregter, das Leben im ganzen leichter, heiterer und lebenswerter, und auf der anderen Seite wieder größer, bedeutender, charaktervoller. Ich behaupte, alles und jedes trug zu meiner Zeit unendlich viel mehr seine eigene, besondere, individuelle Physiognomie, interessantere und einträglichere Prozesse wurden geführt und sogar die Mörder waren merkwürdiger und sozusagen mörderhafter. Das alles behaupte ich ganz kaltblütig und ohne mit der Wimper zu zucken. Beweisen Sie mir das Gegenteil!“
Leonhardi lachte unwillkürlich auf.
„Die Mörder waren mörderhafter? Wie meinen Sie das?“
Märchenschön deutete mit ausgestrecktem Arm auf ein weißes Landhaus, das unfern auf einer Waldhöhe zwischen Buchengehölz halb versteckt lag.
„Sehen Sie den Zopfbau da oben mit den geschlossenen Fensterläden? Etwas altmodisch im Äußeren, aber immer noch nobel und vornehm, wie ein alter Kavalier, der sich zurückgezogen hat und von den Erinnerungen seiner Jugend lebt.“
Leonhardi kannte von seinen Spaziergängen her das einsame Haus, in dem alles Leben seit langem erloschen schien.
„Was ist es eigentlich mit der Villa?“ fragte er. „So lange ich hier bin, habe ich noch nie einen Fensterladen geöffnet gesehen.“
„Wissen Sie nicht, daß das Haus im Volksmunde das ‚tote Haus‘ heißt? Sein letzter Bewohner ist vor dreißig Jahren gestorben. Die Erbschaft fiel an ganz entfernte Verwandte, die irgendwo im Reich draußen leben. Sie haben das Haus nie betreten.“
„Sonderbar! Warum denn nicht?“
„Vielleicht sind sie abergläubisch. Vielleicht knüpft sich eine Geschichte an das Haus.“
„Ah! Es spukt wohl? Nicht?“
„Lachen Sie nicht, junger Mann! Sie können es schwarz auf weiß bei mir niedergelegt sehen.“
Leonhardi war stehen geblieben und schüttelte lächelnd den Kopf.
„Glauben Sie im Ernst an solche Märchen, Herr Justizrat?“
Märchenschön kreuzte die Arme über der Brust, während er die geöffnete rechte Hand dicht vor die Augen hielt, als wolle er in ihren Linien die Lösung des Rätsels finden.
„Ich will Ihnen etwas sagen, mein vielgeliebter Fürst!“
Märchenschön hielt inne und machte wie zur Erhöhung der Spannung eine längere Kunstpause, indem er unverwandt in seine Handfläche starrte. Leonhardi blieb geduldig wartend neben ihm stehen und ließ seine Blicke von dem runzligen Gesichte des alten Mannes hinüberschweifen zu der verwitterten Fassade des alten Hauses, das in dem bleicher werdenden Lichte des Abends wie ein Phantom aus den Waldbüschen hervorschimmerte.
„Ich will Ihnen etwas sagen,“ wiederholte Märchenschön nach einer Weile und setzte sich langsam wieder in Bewegung. „Ich selber glaube in diesem Punkt alles und nichts, je nachdem es mir bewiesen wird oder nicht. Und in diesem Falle ist allerdings nichts bewiesen. Nicht das allermindeste!“
„Nun also!“
„Halt, mein Verehrtester! Halt! Halt!“ donnerte Märchenschön und reckte seinen Arm hoch in die Luft, wie ein Stationsvorsteher, der einen vorbeisausenden Zug im letzten Augenblick zum Stehen zu bringen sucht. „Ich sage, bewiesen wurde nichts. Schon darum nicht, weil ja sonst mein Klient zum Tode verurteilt worden wäre. Und das wäre doch ein sehr unwürdiges Ende für den letzten Sprößling des Hauses Stobäus gewesen. Abgesehen davon, daß ich meinerseits als Verteidiger von Dietrich Stobäus alle Ursache hatte, einen Freispruch zu erzielen.“
Der alte Herr hatte sich wieder etwas außer Atem geredet. Er mußte innehalten und sich verschnaufen. Aber ehe noch der andere nach dem Zusammenhange von dem allen fragen konnte, hatte er bereits von neuem ausgeholt.
„Ja, mein teurer und hochgeachteter Adlatus, das ist uns denn auch wirklich gelungen. Damals hat sich Josua Märchenschön seine ersten Sporen als Hort aller unschuldig Verfolgten und als Schrecken aller Staatsanwälte verdient. Nehmen Sie sich ein Beispiel daran und werfen Sie nie die Flinte ins Korn, wenn der Fall auch noch so verzweifelt liegt. Vielleicht gelingt es schließlich doch, die Geschworenen einzuwickeln und den Angeklagten herauszuhauen.“
„Wovon sprechen Sie eigentlich, Herr Justizrat?“ fragte Leonhardi, als Märchenschön geendigt hatte und über den festen weiß gewaschenen Strand rüstig der dunkel aufsteigenden Landspitze entgegenschritt.
„Von dem berühmten Fall Stobäus, der sich vor reichlich einem Menschenalter hier auf dem Schauplatz zugetragen hat.“
„Ein Mordfall also? Von besonders ... wie nannten Sie es? ... von besonders mörderhaften Umständen?“
„Ja. Aber ich bestreite eben den Mord und glaube noch heute an einen einfachen Unglücksfall.“
„Wie lautete denn die Anklage?“
„Stobäus habe seine junge, dreiundzwanzigjährige Geliebte an einem stürmischen Herbstabend rücklings in die See hinuntergestürzt. Dort drüben von der Höhe herunter. Bei der sogenannten Teufelskanzel, wo man den Rundblick hat, auch nach der jenseitigen Bucht hinüber.“
„Wo die Bank steht?“ fragte Leonhardi. „Und über das Geländer blickt man senkrecht auf den Wasserspiegel hinab?“
„Ganz richtig! Das Geländer ist aber erst neueren Datums. Vielleicht stammt es sogar von der Katastrophe her. Aber an dem 19. September 1862, als Dietrich Stobäus und Karoline Bergmann dort oben standen und über die donnernde See wegsahen, war’s damit noch eine ziemlich brenzlige und gefährliche Geschichte. Ein Schritt zu weit, eine unvorsichtige Bewegung, ein Ausgleiten, ein kurzer Schwindelanfall, und das Unglück war geschehen! Der Absturz beträgt hundert Fuß. Die Wand ist aus steinhartem Ton. Das Wasser hat richtige Klippen, Kanten und Schroffen hineingewaschen. Man bricht sich unfehlbar das Genick und was etwa noch lebendig unten ankommt, das nimmt die Brandung in ihren Schoß auf. Gute Nacht und adieu!“
Ein Weilchen schwiegen die beiden Männer wieder. Der schwarze Höhenstreif, der scharf abgezeichnet gegen den hellen Himmel des Sommerabends die Küste begleitete, trat näher an die See und warf dunkle Schatten vor die Füße der einsamen Strandgänger. Aus dem schlafenden Wald hoch über ihren Köpfen schien sich die Erinnerung an eine finstere und schwermütige Begebenheit mit lastenden Flügeln auf sie herabzusenken. Die See leckte müde um ihre Füße. Minutenlang glitt kein Hauch über den blanken Wasserspiegel.
„Wer war Dietrich Stobäus?“ fragte Leonhardi, wie um die drückende Stille durch einen Laut zu unterbrechen. „Die Familie ist mir nicht erinnerlich.“
„Sagte ich Ihnen nicht, Verehrtester, die Familie ist ausgestorben? Im übrigen sieht man, daß Sie fremd hier sind. Die Familie hat nämlich keine kleine Rolle in unserer Stadtgeschichte gespielt. Ein Ahnherr war Bürgermeister im sechzehnten Jahrhundert. Ein anderer Admiral der Stadt im siebzehnten. Er hat über fünfzig Seeräuber an ihrem besten Halse aufhängen lassen. Überhaupt alles Leute, die Haare auf den Zähnen hatten, die Stobäus! Männer der Tat! Handelsherren, Seeleute, Soldaten! Eine Nachblüte der Familie fällt ins achtzehnte Jahrhundert, wo während der Schweden- und Russenzeit ein Stobäus einen riesigen Grundbesitz rings um die Stadt zusammenbringt. Später geht’s langsam wieder bergab. Unglücksfälle, Schicksalsschläge, Krankheit und Kurzlebigkeit ... Die Anzeichen der beginnenden Erschöpfung. Und die Familie, die über dreihundert Jahre lang lauter stramme, feste, sehnige Kerle produziert hat, endigt mit einem kleinen, hageren, spinnenarmigen Männchen, das unter seinen Folianten hockt und horribile dictu Gedichte macht. Was sagen Sie dazu? Ein Stobäus, der Gedichte machte! Daß eine solche Entartung kein gutes Ende nehmen konnte, daß die Abnormität in diesem und anderen Punkten den armen Kerl schließlich in Mordverdacht bringen mußte ... mußte, sage ich, ist klar.“
„Na, erlauben Sie mal!“ lachte Leonhardi. „Weil jemand Gedichte macht, soll er imstande sein, einen Mord zu begehen?“
„Wer Gedichte macht, ist zu allem imstande!“ schrie Märchenschön und wischte sich die Schweißtropfen ab, die ihm auf der Stirn perlten. „Ich habe selbst in meiner Jugend Gedichte gemacht und muß es wissen.“
„Wer hat keine gemacht?“ meinte Leonhardi wieder lachend. „Wollen Sie uns alle glattweg zu Mördern stempeln?“
„Allerdings, Eure Herrlichkeit! Das will ich. Wir sind Mörder alle zusammen. Oder können Sie sich jemanden vorstellen, der nicht schon in Gedanken jemand umgebracht hätte?“
„In Gedanken!“ warf Leonhardi ein.
„Papperlapapp! Gedanken sind Tatsachen, so gut wie alle anderen Tatsachen. Und mit dieser Tatsache heißt es sich abfinden. Dieser Tatsache heißt es ins Gesicht sehen. Sonst wirft sie uns um, und es kann uns ergehen, wie es Dietrich Stobäus gegangen ist.“
„Wie denn?“
Märchenschön erhob seinen rechten Arm und führte ihn waagrecht mit vorgestrecktem Zeigefinger wie eine eingelegte Lanze dreimal in die Stirngegend seines Begleiters.
„Man schnappt über, mein Fürst! Man verliert die Balance, herzogliche Gnaden! Man wird rappelig, Herr Zeitgenosse! Verstehen Sie mich jetzt?“
„Stobäus war nicht ganz richtig, wollen Sie sagen? Sie haben auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert?“
„Im Gegenteil!“ schrie Märchenschön. „Ich habe auf volle Zurechnungsfähigkeit und absolute Unschuld plädiert.“
„Dann verstehe ich Sie allerdings nicht,“ erwiderte Leonhardi achselzuckend. „Entschuldigen Sie meine Talentlosigkeit.“
Märchenschön blieb breitbeinig stehen und nahm über seinen erhobenen linken Daumen weg wie über ein Visier Leonhardi aufs Korn, als wolle er ihn mit einem Meisterschuß zur Strecke bringen.
„Haben Sie schon von Doppelgängern gehört, junger Mann? Sie werden natürlich behaupten, es gibt gar keine Doppelgänger. Wenigstens nicht, was man darunter versteht. Nicht Leute, die einem von weitem ähnlich sehen, sondern wirkliche Doppelgänger. Gut! Ich bin auch noch keinem begegnet. Die Natur schafft keine Dubletten, kann man sagen. Die Natur ist immer original. Aber nehmen wir einmal an, es gäbe Doppelgänger. Inkarnationen des eigenen Ichs, die außerhalb des eigenen Ichs vorhanden sind. Spiegelbilder unserer selbst, die doch nicht wir sind. Und nehmen wir an, wir begegnen solch einem Spiegelbild, solch einem Doppelgänger. Begegnen ihm in der Dämmerung auf einsamer Straße oder um Mitternacht im Korridor eines alten Schlosses ... Müßte uns der Anblick nicht total umwerfen? Müßten wir nicht aus dem Häuschen geraten? Müßten wir nicht nach der Zwangsjacke schreien? Vorausgesetzt nämlich, daß uns niemand beizeiten gesagt hat: Es gibt Doppelgänger. Man kann ihnen des Abends in der Dämmerung oder gegen Mitternacht im Ahnensaal begegnen. Denn in diesem Fall, und darauf kommt es an, würde uns die Begegnung vielleicht ein bißchen unbequem sein, man würde vielleicht unwillkürlich den Rockkragen in die Höhe schlagen, würde vielleicht dem Herrn nicht grade die Hand reichen, würde aber immerhin seinen Hut ziehen und sagen: Sehr angenehm! Und womit kann ich dienen? ... Verstehen Sie mich jetzt, junger Mann? Begreifen Sie, was das Gleichnis für den Fall Stobäus bedeutet?“
„Nicht so ganz,“ antwortete Leonhardi und lächelte.
„Worüber lachen Sie, Mensch?“ fragte Märchenschön stirnrunzelnd und in dumpfem Ton.
„Über mich selbst! Über meine fürchterliche Borniertheit! Ich komme nicht dahinter. Ich verstehe die Beziehungen nicht. Es muß wohl an mir liegen, oder ich wüßte nicht, an wem sonst.“
Leonhardi hatte so behutsam wie möglich gesprochen, denn er erwartete einen furchtbaren Ausbruch des in seiner nächsten Nähe wirkenden Vulkans.
Aber das Gegenteil geschah. Märchenschön legte seinen rechten Arm vertraulich um die Schultern des andern und sagte, während er ihn weiterzog, mit väterlicher Milde:
„Es liegt natürlich an Ihnen, liebster junger Freund! Aber man muß Nachsicht mit euch jungen Leuten haben. Ich sage ja, es hat euch an Licht, Sonne, Wärme in eurer Jugend gefehlt. Daher die Begriffsstützigkeit. Ich will Ihnen mit zwei Worten auf die Strümpfe helfen. Der Doppelgänger, das ist das Geheimste, das Tiefverborgene in uns, das, wenn es plötzlich und unvorbereitet aus seinem Schlupfwinkel vor uns hintritt, uns unbedingt über den Haufen rennt. Hätte Dietrich Stobäus gewußt, was wir wissen, nämlich, daß wir alle zusammen arme Sünder, Verbrecher, Mörder sind, sei es in Gedanken, sei es mit der Tat, was in moralischer Beziehung verdammt wenig Unterschied bedeutet, ich sage, hätte er sich beizeiten mit diesen Faktoren vertraut gemacht und abgefunden, wer weiß, ob er dann nicht, trotz des furchtbaren Schlags, seine klaren fünf Sinne behalten hätte? So aber stieß er vielleicht grade im Augenblicke der tiefsten seelischen Zerrüttung nach dem Unglücksfall auf die Tatsache des Gedankenmordes in seinem Bewußtsein, das arme erschöpfte Gehirn ging darüber aus den Fugen, und die überreizte, morbide Phantasie machte aus dem bloßen Gedankenmord einen richtigen Tatsachenmord. So wenigstens erkläre ich mir ...“
„Halt! Einen Augenblick!“ unterbrach Leonhardi. „Es scheint also, um endlich mal auf festes Land zu kommen, daß Stobäus Ihnen ein Geständnis gemacht hat ...“
„So ist es, mein hochrespektabler Kollega! Dietrich Stobäus hat mir allerdings ein Geständnis gemacht. Aber erst nach seinem Tode.“
„Nach seinem Tode?“
„Ja, sozusagen aus dem Grabe heraus. Aus der andern Welt herüber, vorausgesetzt, daß es eine gibt.“
„Wohl ein nachgelassener Brief an Ihre Adresse?“
„Ein längeres Schriftstück eigens für mich, seinen Rechtsfreund und einstigen Verteidiger abgefaßt. Jawohl. Eine eingehende Darstellung der ganzen Tragödie, so wie sie sich nachträglich in seinem Gehirn widergespiegelt hat.“
„Sie zweifeln also an seinem eigenen Bekenntnis?“
„Es gibt zwei Möglichkeiten, mein Geliebter! Entweder Dietrich Stobäus war verrückt und beging in der Folge die Tat, oder er beging die Tat nicht und wurde in der Folge verrückt. Wir haben die Wahl. Ich bin für Nummer zwei, Sie, wie es scheint, für eins.“
„Erst müßte ich doch das Schriftstück selbst kennen,“ meinte Leonhardi nachdenklich.
„Das wird Ihnen zuteil werden, sobald Josua Märchenschön den Schauplatz seiner planetarischen Existenz verlassen und sich auf dem Stern Beteigeuze im Orion einen neuen Wirkungskreis geschaffen haben wird. Also binnen sehr absehbarer Zeit!“
Leonhardi wollte einen Einwand erheben, aber der alte Herr schnitt ihm mit einer kurzen Geste das Wort ab.
„Keine Widerrede, mein Bester! Ich bin ein alter Kapitän, der lange genug den Ozean befahren hat, um den Quadranten zu kennen und zu wissen, daß die Reise zu Ende geht. Deshalb keine weitere Aufregung, Geliebtester! Auch die längste Weltumsegelung kommt einmal zum Schluß, und das ist gut. Im übrigen werden Sie das betreffende Schriftstück im untern Fach meines Schreibtischs finden. Verfügen Sie darüber, wie Sie wollen. Die Leute, die es anging, sind ja dann sämtlich tot. Die Wahrheit kann in ihr Recht eintreten. Sie werden einen bemerkenswerten Beitrag zu dem Kapitel ‚Liebeswahnsinn‘ kennen lernen. Und hier,“ schloß Märchenschön, „hier befinden wir uns an der Stelle, wo am Morgen nach jener Sturmnacht die zerschmetterte Leiche von Karoline Bergmann, halb von Wasser und Schlamm bedeckt, aufgefunden wurde.“
Die beiden Männer waren unwillkürlich stehen geblieben und sahen zu der hoch über ihnen wuchtenden, dunkel drohenden Wand auf. Ausladende Tongesimse und Erdkanzeln waren mit Gestrüpp und Laubholz bewachsen und schienen halb in der Luft zu hängen. Unten hatte die Brandung bald in stürmendem Anprall, bald in stiller Gefräßigkeit ihren Zahn in den tönernen Sockel geschlagen und tiefe Löcher herausgerissen. Als ein schmaler weißer Saum schmiegte sich der kaum schrittbreite Strand zwischen dem herrisch getürmten Bergklotz und der unterwürfig kauernden See um die scharf vorspringende Nase des Kaps herum. Wenige Schritte und jenseits öffnete sich ein neuer Strandbogen, dessen äußerste Kapspitze in der jetzt schneller rieselnden Dämmerung untertauchte.
„Und die Heldin der Tragödie?“ fragte Leonhardi nach einer Pause beklommenen Schweigens. „War sie schön? Haben Sie sie gekannt?“
„Ob ich sie gekannt habe, junger Mann?“ erwiderte Märchenschön und meckerte in sich hinein. „Wer von uns allen, die damals jung waren, hätte nicht die wonnige Bergmann gekannt, wenn nicht anders, dann wenigstens von der Bühne herunter? Die entzückendste Soubrette, die jemals da war! Ich denke wie heute an den Abend, wo sie aus dem Chor heraus entdeckt wurde, anderthalb Jahre vor ihrem Tode. Ich, ich stand in der vordersten Kulisse neben dem besagten Stobäus, als sie das berühmte Zerlinenlied sang, und klatschte wie rasend Beifall, und mir, mir hat sie auch als Erstem nachher ihre bezaubernden Fingerspitzen gereicht! Und da fragen Sie mich, ob ich Karoline Bergmann gekannt habe? Mich fragen Sie? Mich? Mich?“
Märchenschön hatte Leonhardis Arm mit einem plötzlichen Polizeigriff gepackt und mißbilligend mehrmals geschüttelt, um ihn dann ebenso plötzlich wieder loszulassen und mit der Hand am Ohr in die dämmernde Stille hinauszulauschen.
„Hören Sie den Rudertakt? Offenbar ein Fischer, nicht weit von hier auf der See. Vielleicht nimmt er uns gegen Geld und gute Worte auf und bringt uns nach Hause. Strengen Sie mal Ihre Kehle an.“
Wenige Minuten später saßen die beiden Männer ein wenig müde und versunken auf der hinteren Bank des Fischerboots und ließen sich durch die laue, leise fächelnde Sommernacht den ferne grüßenden Lichtern des Seestegs entgegenrudern.
„Wissen Sie, warum mir dieser fabelhafte Sommer mit seinen wolkenlosen Tagen und seinen weichen Sternennächten so verdächtig ist?“ fragte Märchenschön, als die Landspitze längst im Dunkel verschwunden war und plätschernder Ruderschlag ringsumher und getragene Töne der Kurmusik die Nähe des Ziels ankündigten. „Wissen Sie das? Können Sie sich das zusammenreimen?“
Leonhardi schüttelte schweigend den Kopf.
„Nun, dann will ich es Ihnen verraten. Eben weil mir dieser Sommer die Sommer meiner Jugend so deutlich zurückruft, darum ist er mir verdächtig. Es ist das Ende, in dem sich der Anfang noch einmal rückblickend wiederholt. Der Ring meines Lebens rundet sich in sich selbst. Der Zirkel schließt sich. Plaudite, amici! Das Spiel ist aus! ... Und diese lauwarme Sommernacht, die einem in allen Gliedern prickelt, die sich um einen legt, wie ein nackter Frauenarm, diese Betrügerin, die uns Bilder und Geschichten vorgaukelt, die längst nicht mehr sind und nie mehr sein werden, diese Hochstaplerin und Schwindlerin soll der Teufel holen!“
2
Märchenschöns Ahnung hatte sich erfüllt. Es war das Abendrot seines Lebens, das ihm den Morgenschein junger Tage golden widergespiegelt hatte, ehe die Nacht hereinbrach. Eines Nachmittags im Februar, knapp ein halbes Jahr nach dem Spaziergang Märchenschöns mit Leonhardi, fand die Wirtschafterin, die dem alten Herrn wie gewöhnlich den Kaffee ins Arbeitszimmer brachte, ihn zurückgelehnt und still entschlummert in seinem schwarzledernen Großvaterstuhle. Die starren Augen hinter den halbgeöffneten Lidern schienen wie in unabsehbare Räume verloren. Der schlaff herunterhängenden Rechten war der Traktat Spinozas De deo et homine entsunken. Die hochgewölbte Stirn war kalt und wächsern, und um den zusammengekniffenen, blutlosen Mund, umrahmt vom wuchernden Buschwerk grauer Bartwildnis, geisterte ein letztes erfrorenes Lächeln, man wußte nicht ob ironischer Überlegenheit, ob schlichten Sichbescheidens. Der leidenschaftliche Jünglingsgeist aber, der die Seele dieser morschen Behausung gewesen, hatte die mühsame und rätselvolle Pilgerfahrt nach dem weltweiten Ziel seiner Wünsche, nach dem Stern Beteigeuze angetreten.
Wenige Tage später saß Leonhardi an dem altmodischen Schreibspind in der Hinterstube von Märchenschöns Wohnung, um als Testamentsvollstrecker des Verstorbenen dessen Papiere zu ordnen und für die Vormundschaftsbehörde der Erben, zweier minderjährigen Neffen, die gesetzliche Aufstellung des Nachlasses vorzunehmen. Ein wilder Nordsturm, der schon seit mehreren Tagen von der See herüberbrauste, rüttelte an den Türklinken und Fensterkreuzen, fuhr längs der Regenrinnen herunter und schnob durch die Schornsteine in die Ofenlöcher, daß die Funken der glimmenden Asche wie unter einem Blasebalg aufstoben und jäh verloschen. Stimmen in den Lüften heulten, kreischten, pfiffen, wimmerten und schwiegen ebenso plötzlich und geheimnisvoll, wie sie eingesetzt hatten. Ein tiefer, einförmiger Orgelton, gleich dem Rauschen eines unterirdischen Stroms, zog hoch über den Dächern hinweg und begleitete als dunkle Grundmelodie das hüpfende, springende, abreißende und aufschnellende Geknatter des Blasund Streichorchesters in den Lüften.
Leonhardi hatte stundenlang beim friedlichen Lichte der Petroleumlampe gesichtet, geprüft, geschrieben, und es war schon nach Mitternacht, als ihm im untersten Schubfach, ganz hinten in der Ecke, ein mehrfach versiegeltes und mit Schnüren umwundenes Paket in die Hand fiel. Es trug die Aufschrift: „Für meinen Testamentsvollstrecker.“ Leonhardi zerschnitt die Schnüre und öffnete mechanisch. Ein ovales Miniaturbildnis im schmalen Goldrahmen lag zu oberst, darunter ein Stoß engbeschriebener Bogen eines dünnen, vergilbten Papiers von älterer und vergessener Fabrikation.
Leonhardi, der von der langen Arbeit ermüdet war, ließ zerstreut seine Blicke über die fremden Schriftzüge gleiten. Plötzlich schlug er sich vor den Kopf. Das war ja der Abend am Strand und Märchenschöns Erzählung! Er rückte die Lampe näher und hielt das Medaillon prüfend vor die Augen. Eine jugendschlanke weibliche Gestalt lag hingestreckt mit leicht erhobenem Oberkörper, den Kopf auf einem Kanapee. Das lose, durchsichtige Gewand verriet den weichen Linienfluß der Glieder. Die nackten Füße mit den zierlichen Fesseln waren übereinandergekreuzt. Eine Spange wand sich um den linken Knöchel. Darüber sah man die volle Wade bis zum Knie herauf. Busen, Hals und Arme waren frei. Die linke Hand fiel schlank und schmal am Kanapee herunter. Die rechte hielt lässig ein Goldschnittbändchen. Das Gesicht war dem Betrachter zugekehrt. Eine feingeschnittene griechische Nase, dunkle, sehnsüchtige Augen, wirres Kraushaar um die steile Stirn, ein voller sinnlicher Mund, zwischen den halbgeöffneten Lippen ein Stückchen weißen Zahnschmelzes schimmernd, das Kinn rund und weich, Hals und Schultern blendend weiß und wie aus der Drechselbank gedreht. Die ganze Erscheinung ein Bild zierlicher und mädchenhafter Fülle, in lichten, heiteren Farben sehr glatt und porzellanhaft gemalt.
Leonhardi hatte sich in das Bildnis der Ruhenden versenkt, als wolle er ihre Seele wachrufen und ihr das Geheimnis ihres Lebens entlocken. In seinen Fingerspitzen prickelte es leise wie von einem elektrischen Kontakt. Ein sanftes Eratmen und Erwarmen schien über den Leib des jungen Weibes zu gleiten. Die Lippen schürzten sich. Um den feuchten Mund mit dem weißschimmernden Zahnschmelz irrte ein wissendes Lächeln wie von geschlürftem Champagner und durchküßten Nächten. Und jetzt begannen die hingestreckten Glieder sich zu dehnen. Die schlanken Arme mit den schmalen Händen regten sich schwach und tasteten wie nach Leben, der feine Kopf auf dem weißen zierlichen Hals und dem leicht erhobenen Oberkörper neigte sich trunken zurück. Noch ein Augenblick, und die blonde Flut des gelösten Haars würde rückwärts über die Lehne des geblümten Kanapees fließen ...
Leonhardi durchzuckte es. Er sah auf und bemerkte, daß er noch immer das Bildnis in den Händen hielt. War es nicht wie ein unsichtbarer Funkenkranz rings um das Bild, was durch seine Nerven knisterte? Er schüttelte sich mit einer unwilligen Gebärde und legte das Täfelchen auf die entgegengesetzte Seite des Tisches, wie man ein Flakon mit einem seltsamen und rätselhaften Gift vorsichtig aus dem Bereich seiner Hände entfernt.
Es war spät in der Nacht. Das Feuer im Ofen war erloschen. Kalte Luftstöße fegten über die Tischplatte und erfüllten die toten Papiere rings umher mit raschelndem Leben. Regenkörner klatschten wie Peitschenhiebe gegen die Fenster. Der unsichtbare Organist, der hoch in den Lüften die Sturmorgel spielte, hatte seine tiefsten Register gezogen, während die begleitenden Blasinstrumente aus vollen Backen aufschmetterten, die Violinen durch alle Tonarten jagten und die Schlagkörper hie und da in furchtbarer Wut zusammendröhnten, daß das alte Patrizierhaus in seinen Lebenswurzeln erbebte.
Leonhardi lauschte ein Weilchen in den wilden Aufruhr hinaus. An Schlafen war nicht zu denken. Er lehnte sich bequem in seinen Stuhl zurück, zündete sich eine neue Zigarre an und nahm die engbeschriebenen Bogen zur Hand, in denen das Geheimnis des Dietrich Stobäus zu Papier gebracht sein sollte.
3
D ....., den 15. März 64.
Die beiliegenden Blätter, die ich meinem Freunde und wohlmeinenden Verteidiger Doktor Märchenschön zur freien Verfügung nach meinem Tode übergebe, sind infolge eines sinnlosen Schicksals bestimmt, unvollendet zu bleiben. Ich weiß nicht, ob es eine wissende und sorgende Vorsehung gibt, und ich für mein Teil glaube es auch nicht, was ich angesichts meines nahen Endes hiermit offen und auf jedes Risiko hin bekenne. Sollte aber wider Erwarten dennoch eine solche höchste und inappellable Instanz irgendwo über den Sternen etabliert sein, so hätte sie allen Grund, der bevorstehenden Auseinandersetzung zwischen uns mit einiger Unruhe entgegenzusehen, während es hinwiederum an mir sein wird, jener zugleich lenkenden und richtenden Behörde ihr spezifiziertes Konto mit verschiedenen unbeglichen gebliebenen Posten vorzulegen und Bezahlung zu verlangen für lebenslänglich auferlegte Fronden, Spanndienste und qualvolle Opfer an Körper und Seele, an Leib und Leben. Es mag dann auf Heller und Pfennig das gegenseitige Schuldkonto herauszurechnen und Debet und Kredit der beiden Parteien gegeneinander auszugleichen sein, derart, daß das verbleibende Plus dem obsiegenden Teile im Hauptbuch der Ewigkeit mit Flammenschrift gutgebracht wird. Es mag auch im Laufe des hochnotpeinlichen Verfahrens von klägerischer Seite, als welche sich der Unterzeichnete betrachtet, der Prozeßeinwand erhoben werden, wie es denn eigentlich um die Unbefangenheit und Zuständigkeit eines Gerichtshofes bestellt sei, der im Hauptamte mit absoluter Allmacht die Menschenherzen zu lenken beansprucht, gleichzeitig aber das, was er als unverantwortlicher Schöpfer durch seine willenlosen Kreaturen vollbringen läßt, an diesen selben Kreaturen als furchtbarer Rächer bis ins siebente Glied heimsucht?
Mögen also diese Frage und jene Rechnung erhoben und noch so streng durchgeführt werden: der Unterzeichnete sieht im Bewußtsein seiner gerechten Sache dem Ausgang mit voller Sicherheit entgegen, und nichts kann ihm erwünschter sein, als endlich seine Beschwerde vor dem Stuhle der Ewigkeit in Person vorzutragen und dem allwissenden Richter die Anklage gegen den allmächtigen Schöpfer von Angesicht zu Angesicht entgegenzuschleudern.
Aber, wie mein verstorbener Freund, Herr von B., zu äußern pflegte: „Es steht flau mit den Aktien der Unsterblichkeit,“ und ich fürchte, meine Generalrechnung an die Vorsehung wird ganz und gar unkassierbar bleiben. So will ich mir denn mit dieser letzten Verwünschung gegen ein sinnloses Schicksal noch einmal Luft gemacht haben, ehe ich für immer den Mund gestopft bekomme.
Ja, ein sinnloses und wahnwitziges Schicksal, unter dessen tückischen Rutenstreichen ich durchs Leben gekeucht bin! Schwächlich und bresthaft, um nicht zu sagen verkrüppelt, auf diese Welt gekommen! An Vater und Mutter und naher Verwandtschaft in frühester Kindheit, beinahe vor allem Wissen verwaist, betrogen um das natürliche Grundkapital jedes höheren Geschöpfes, um Mutterliebe und kindliche Zärtlichkeit, und also von doppelter, dreifacher, hundertfältiger Gier danach zerfressen, gleich dem Blindgebornen, der mit der ungestillten Sehnsucht nach der sagenhaften Schönheit des Lichts durchs Leben geht! Betrogen auch um das stolzeste Erbteil eines großen und kühnen Geschlechts, um Kraft, Mut, Entschlossenheit, die mir — ich fühle es wohl — in tiefster Seele innewohnen und die doch immer wieder — bis auf einen einzigen Fall! — an der lächerlichen Unzulänglichkeit meiner körperlichen Hülle, diesem angeborenen Gebrechen meines jämmerlichen Kadavers haben zuschanden werden müssen! Hinausgestoßen fast vom Mutterleibe an in eine Welt fratzenhaften Hohns, der mir aus den Gesichtern meiner Mitschüler entgegengrinste, niedriger Habsucht, die sich an dem materiellen Überfluß des schutzlosen Knaben zu bereichern suchte, eiskalter Verachtung, die ich aus den Augen heimlich und glühend geliebter Mädchen ablas (mochten auch die Lippen gleißnerisch das Gegenteil beteuern)! Gehetzt, seitdem der Trieb in mir erwacht war, von einer fast unmenschlichen Sinnlichkeit, einer verstiegenen Gier nach dem anderen Geschlecht und doch in phantastischem Überschwang jäh mich überschlagend und nach schneller Erfüllung ewig, ewig unbefriedigt, auch hier wie in allem anderen ein lächerliches Opfer meiner körperlichen Imbezillität! Geboren, nach Abstammung und Anlage, um gleich meinen Vorfahren in das Rad der Zeit einzugreifen und unseren alten Namen mit neuem Glanz zu umkleiden, und doch bar jedes Entschlusses, gelähmt im innersten Mark, verdorben zu jeder Tat, bis auf die eine einzige, die meinem Leben den letzten Schwung und tiefstes hoffnungsloses Verzweifeln gebracht hat!
Solchermaßen also enterbt, ausgestoßen, betrogen, verflucht von einem blinden und planlosen Schicksal, wie dürfte ich diesem Schicksal nicht tausendfach widerfluchen? Oder soll der Reisende, der auf einer Fahrt durchs Gebirge sich von einem betrunkenen Fuhrknecht geplündert und ausgeraubt sieht, diesem vielleicht noch danken, weil er ihn nicht zu guter Letzt noch in den Abgrund gestürzt hat? Und doch wäre das Verhalten eines solchen Fuhrknechts immerhin menschenfreundlich, verglichen mit der wahnwitzigen Bosheit meines Schicksals, das mir zwar in einem Augenblick höchster Gefahr zum Schein das Leben geschenkt hat, mir dafür aber kurz nachher mit einem stumpfen Messer hinterrücks die Kehle durchsägt, so daß ich bei klarem Bewußtsein alle Qualen langsamen Sterbens und Verblutens durchzumachen habe? Denn daß ich von dem Lager, auf dem ich diesen inständigen infernalischen Fluch niederschreibe, nicht mehr aufstehen werde, ist meine felsenfeste, unerschütterliche Überzeugung, so sehr auch meine beiden Ärzte, der eine ein Idiot, der andre ein Betrüger, das Gegenteil behaupten mögen.
Gewiß! Lungenentzündung, deren Ausbruch vorgestern nacht bei mir festgestellt wurde, ist nicht mit Notwendigkeit eine tödliche Krankheit, und Tausende laufen durch die Welt, die sie überstanden haben. Auch fühle ich mich nach der ersten Attacke rasender Brustschmerzen und Seitenstiche, die den Beginn der Krankheit anzeigten, heute bei mäßigem Fieber körperlich noch leidlich frisch und sollte also bis zum endgültigen Spruche des Geschicks diese abschließenden Zeilen vielleicht aufschieben. Aber erstens könnte es bei plötzlich eintretender Verschlimmerung leicht zu spät damit werden, und zweitens bedarf es einer äußeren Bestätigung nicht, da die innerliche Gewißheit nur allzu deutlich spricht.
Von Kindesbeinen an habe ich vor keiner anderen Krankheit Furcht gehabt, als gerade vor der, die jetzt im Mark meines Lebens sitzt, und oft genug bin ich im Traum gerade an dieser Krankheit gestorben. Solche Stimmen scheinen mir aus dem tiefsten Grund unseres Daseins zu klingen und verlangen, daß wir ihnen das Tor der Vernunft weit auftun, wenn wir unserer Bestimmung nicht wie das Kalb der Fleischerbank entgegentaumeln wollen. Was wir für diesen Vorzug unseres Menschtums freilich einzutauschen haben, ist die Qual des zum Tode Verurteilten, der mit Bewußtsein der nahen Vernichtung entgegenblickt. Ich habe — das darf ich sagen — auch diese namenlose Qual, neben all den anderen aus dem Füllhorn des Schicksals, bis zur Neige durchkosten müssen, denn schon wochenlang vor dem Ausbruch der Krankheit bin ich auf ihr Kommen und auf meinen baldigen Tod vorbereitet gewesen, wofür die beiliegenden Blätter Beweis erbringen werden.
Wäre nun, wenn der Vorhang der Zukunft durchaus vor meinen Augen gelüftet werden sollte, dieses noch um einige Monate früher geschehen, so hätte ich die Galgenfrist dazu benützen können, meine Lebensgeschichte vollständig fertigzustellen, wie das nach Plan und Anlage dieser Aufzeichnungen meine Absicht war. So aber hat der mir verbleibende Spielraum nur knapp dazu hingereicht, den zuvörderst begonnenen zweiten Teil, die Geschichte meiner Tat, im Rohbau zu beendigen. Der sie erklärende und begründende erste Teil dagegen, Kindheit, Jugend und frühere Manneszeit, müssen ungeschrieben bleiben, wovon der tiefere ironische Sinn vielleicht der, daß es des zustande gebrachten Geschreibsels gerade genug und für den Skribenten nun an der Zeit, die Feder aus der Hand zu legen, da es ihm auch hierzu wie zu allem anderen am richtigen Talent gemangelt hat.
Bereite dich also zum Sterben, alter Freund! Nach der Prognose deiner beiden Ärzte, des Betrügers und des Idioten, soll die Krisis etwa morgen abend eintreten, worauf baldige Genesung zu erwarten sei. In deine Sprache übersetzt, dürfte das heißen: Du wirst die Sonne des übermorgigen Tages schwerlich mehr zu Gesicht bekommen ... Nun gut! Wenn noch einige Logik in der Welt ist, so hoffe ich, daß die Pferde meines Leichenwagens vor irgendeinem alten Weibe durchgehen und den Sarg mit meinen Gebeinen in den Straßengraben befördern werden. Ich hätte dann wenigstens einem hochansehnlichen Trauergefolge noch einen letzten Spaß bereitet. Denen aber, die mich herauszufischen und auf dem Kirchhof einzuscharren haben, vermache ich in Dankbarkeit ein Faß vom allerfeinsten Fusel und ordne zum Schlusse an, daß auf meinem Grabe Nieswurz und Knoblauch anzupflanzen sind, damit alle ehrsamen Bürgersleute sich die Nasen zuhalten und einen weiten Bogen um meine Ruhestätte beschreiben, denn ich will allein sein ... allein ... ewig allein ...
Geschrieben am Vorabend meines Todes, zugleich des hundertfünfzigsten Geburtstages meines nachstehend mehrfach erwähnten Urgroßvaters, des Ratsherrn Johann Kaspar Stobäus.
4
Heute, Mittwoch, ist eine Woche vergangen, seit die Assisen das Nichtschuldig ausgesprochen haben. Seit einer Woche also bin ich frei und wieder Herr meiner selbst. Aber dreizehn Monate Untersuchungshaft sind nicht so im Handumdrehen aus den Knochen zu schütteln und noch weniger aus dem Gedächtnis, zumal wenn das Gedächtnis überwach ist, wie das eines im Finstern Daliegenden, der schlafen möchte und doch nicht schlafen kann. Wie viele Nächte habe ich so in der undurchdringlichen Dunkelheit meiner Zelle, in diesem schwarzen Schweigen einer enggewölbten Totengruft, als ein Lebendigbegrabener mit offenen Augen auf meiner Bahre dagelegen und meine Ohren für die geheimsten Regungen meines eigenen Verwesungsprozesses geschärft! Oh, man wird so unbeschreiblich hellhörig in dieser Grabesstille mit ihren zahllosen Flüsterstimmen, so über alle Maßen weitsichtig in dieser ummauerten Finsternis mit ihren plötzlich aufschießenden und verlöschenden Flammen, die wie Blitze in gewitterschwarzer Nacht fernste Bergspitzen an einen Geisterhorizont hinzaubern und wieder verschwinden lassen!
Schlechte Menschenkenner, ihr Richter und öffentlich prokurierten Ankläger! Anstatt eure Kapitalverbrecher noch rauchend vom Blut ihrer Opfer vor die Assisen zu stellen und sie durch die Wucht der frisch geborenen Tatsachen, an die das Bewußtsein sich noch nicht gewöhnt, mit denen sich das Gewissen noch nicht wie mit etwas Selbstverständlichem abgefunden hat, kurzerhand zu Boden zu schmettern, sperrt ihr sie monate-, vielleicht jahrelang in eine Art von erzieherischer Kerkerhaft und umgebt sie mit jener hellhörigen Stille, jener weitsichtigen Abgeschlossenheit, in der der Geist Zeit findet, dem Ungeheuren und Unausdenkbaren der vollbrachten Tat wie einer düstern und pfadlosen Felsenburg näherzutreten, gleichsam die Augen zu ihren drohenden Zinnen zu erheben und sich mit ihren Pforten, Brücken und Luken vertraut zu machen. Gelingt es dem Verfolgten auf diese Weise, sich in die Burg einzuschleichen, mit anderen Worten: Ergreift der Täter, der im Augenblick der Tat wie unter einem Naturzwang gehandelt hat, nun seinerseits von der Tat sozusagen geistig Besitz, lernt er sie seinem innersten Sein und Wesen einordnen und rubrizieren, lernt er geistig ihrer Herr werden, nachdem er zuvor auf roh körperliche Weise ihr Knecht gewesen, so wird er im Bezirk seiner Tat unbezwinglich und unüberwindlich und trotz aller Finten und Listen der draußen lauernden Verfolger wird es dennoch nicht glücken, ihn aus den Schlupfwinkeln seiner Festung herauszulocken.
Ich weiß wohl, die monatelange Einschließung soll nach der tiefgründigen Absicht richterlicher Weisheit den Belagerten langsam an Körper und Geist aushungern, soll durch den eintönigen und unermüdlichen Tropfenfall der Sekunden sich in sein Gehirn einfressen und es von innen her aushöhlen, bis das letzte Quentchen von Mut, Stolz, Energie, Widerstandskraft fortgeschwemmt ist ... Stümper eures Handwerks! Werft eure Schlingen nach denen aus, die dumm und verblendet genug euch von selbst hineinrennen! Nach den Kleinen, Schwachen, Niedrigen, Haltlosen, die nicht wert sind, um Kopf und Kragen gespielt zu haben, und denen ihr mit Recht ihren hohlen Schädel vor die Füße legt! Sie mögt ihr aushungern! Mögt sie zermürben und zerreiben mit euren Büttelkünsten und Henkersfaxen! Wir Starken, Aufrechten, Entschlossenen aber, die im hundertgradigen Feuer der Leidenschaft geschmiedet, in tausendfachen Schmerzen und Leiden gehärtet sind, wir Reiter-bis-ans-Ende-der-Welt, die gegen Tod und Teufel die höchsten Augen gewürfelt haben, wir lachen über eure kleinen Kniffe und Pfiffe! ...
Ich bin aus dem Stil gefallen. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Bericht in aller Ruhe und Kälte, frei von jedem Überschwang niederzuschreiben. Die Klarheit der Darstellung soll, wenn mir mein Vorhaben gelingt, das darin zusammengefaßte Lebensschicksal so naturgetreu und durchsichtig wiedergeben, wie sich im Bernstein das Bild der vor Jahrtausenden vom Harzfluß überraschten und eingeschlossenen Eintagsfliege zeigt.
Freilich ist das für eine Natur wie die meine, noch dazu unter den obwaltenden Umständen, leichter gesagt als getan. Drei Jahre einer qualvollen, mörderischen und schweigend verschlossenen Leidenschaft, dreizehn Monate zerstörender Kerkereinsamkeit und unausgesetzter Inquisitionsfolter, endlich das dreitägige Vabanque-Spiel vor den Assisen mit seinen fortwährenden Umschlägen, Zwischenfällen, Glückswechseln und der fieberischen, fliegenden Spannung bis zum Schluß: Schuldig oder nicht? Tod oder Leben? ... Dies alles hinter sich zu haben und nicht wenigstens einmal aus tiefster Seele aufzuschreien, das geht über menschliche Kraft.
Aber jetzt genug des überströmens und Monologisierens, wozu einsame und verzweifelnde Seelen so leicht ihre Zuflucht nehmen. Ich will klar, ruhig und besonnen an meine Arbeit gehen, die darin besteht, Gerichtstag über mich selbst zu halten, nachdem der unbeholfene Arm der Justiz dicht an meinem Kopf vorbei ins Leere getroffen hat.
5
Am 12. September 1859 hatte ich einiger wichtiger und dringender Geschäfte wegen eine Reise nach K. anzutreten. Ich ließ mir von meinem Bedienten die Reisetasche für mehrere Tage packen und fuhr gemächlich zum Bahnhof. Es war ein schöner wolkenloser Spätsommertag von milder Wärme und der durchsichtigen Reinheit, die dieser Jahreszeit eigen ist. Die Brust atmet freier als sonst, und das Leben erscheint für Augenblicke leicht und heiter wie ein Kinderspiel.
Etwas von dieser Stimmung wirkte noch in mir nach, als ich schon im Zuge saß und das vieltürmige Stadtbild, umrahmt von grünen Wällen und ragenden Bastionen, langsam am hellblauen Himmel verbleichen sah, bis schließlich nur noch der klotzige Würfel von Sankt Marien über den Horizont ragte und am Ende dann auch dieser entschwand.
Ich hatte die Fenster meines Kupees geöffnet und ließ meine Augen über die gelben Stoppelfelder in die Weite gehen. In diesem Umkreise hatte einst mein Urgroßvater, der Ratsherr Johann Kaspar Stobäus, seine Liegenschaften gehabt und ein tätiges und fruchtbares Wirken entfaltet, ehe der dunkle Abenteuerdrang unserer Familie ihn überfallen und den Sechzigjährigen zu der großen Weltumsegelung getrieben hatte, auf der er in geheimnisvoller Weise verschollen war.
Aus meiner frühesten Erinnerung dämmerte mir das Bild dieses sagenhaften Urgroßvaters, der in unserer Geschichte eine so große Rolle gespielt hatte und von dem meine uralte Kinderfrau, jetzt längst gestorben, mir versicherte, sie habe ihn noch persönlich gekannt und sei auf der Langen Brücke zugegen gewesen, als er auf Nimmerwiedersehen sich einschiffte.
Ich weiß nicht, ob es das alte Familienmöbel sehr genau mit der Wahrheit genommen hat. Der Zeit nach konnte ihre Erzählung ungefähr stimmen, und jedenfalls hatte sie mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen, vor allem ein Umstand darin, bei dem mir regelmäßig die Haare zu Berge standen und das Gruseln über den Rücken lief. Der Urgroßvater, so hieß es nämlich, sei noch gar nicht gestorben, sondern halte sich irgendwo auf einer weltentlegenen Südseeinsel oder im hinterwäldlerischen Amerika verborgen und warte, bis seine Zeit erfüllt sein werde. Fragte ich Frau Julchen — so hieß das alte Inventar —, wann das sein werde, so schüttelte sie abwehrend den Kopf, holte irgendwo eine große Horndose hervor und nahm eine mächtige Prise. Dann zog sie mich schnaufend an ihren Ammenbusen, streichelte mir über das Haar und sagte nur: „Armes Kerlchen! Armes Kerlchen!“, wobei gewöhnlich eine dicke braune Schnupftabaksträne auf mich heruntertropfte.
So unangenehm mir das war, eine kribbelnde Neugier lockte mich doch immer wieder zu dem Thema zurück, bis ich endlich, schon etwas größer geworden, auch den Schluß der Familienlegende erfuhr. Der Urgroßvater sollte danach so etwas wie die Rolle einer weißen Frau bei uns spielen. Sein Wiedererscheinen werde den Untergang unseres Hauses ankündigen. Er werde kommen, um seinem letzten Enkel ein großes Unglück und das nahe Ende vorauszusagen und sich dann, nachdem seine Zeit erfüllt sei, für immer schlafen zu legen.
Da nun nach dem raschen Tode meiner Eltern und fast meiner ganzen Verwandtschaft ich beinahe als der einzige von der Familie zurückgeblieben war, so mochte die gute Alte ihre eigenen Gedanken haben, wenn sie mir dies erzählte und mich dabei in meiner nichtsahnenden Kindlichkeit vor sich sah. Mir selbst hat sich ja die ganze Tragweite der Prophezeiung erst viele Jahre später enthüllt, aber ihr vorausgeworfener Schatten hat mich doch von Jugend an begleitet und hat mir das bißchen Sonnenschein verdunkelt, das selbst mir im Leben beschieden gewesen ist.
Kaum ein Tag meines späteren Daseins, wo mir nicht die Erinnerung an jene Kindergeschichte auftauchte und mich, je mehr die Jahre vorrückten, mit immer schwereren Ahnungen beschlich. Glichen nicht die Umstände meines Lebens genau den Voraussetzungen, unter denen die Sage sich erfüllen sollte? Unser altes Handelshaus in fremde Hände übergegangen. Unsere Familie durch schnelles Wegsterben dezimiert. Ich selbst, der Letzte meines Namens, der es nach menschlicher Voraussicht auch bleiben würde, da ich längst entschlossen war, nicht zu heiraten. Stimmte nicht alles bis auf den Schluß, der noch ausstand, aber zu seiner Zeit schon kommen würde, wie die Prophezeiung besagte?
Auch während der fünfstündigen Fahrt nach K. zogen mir solche Gedanken durch den Kopf. Aber gerade an jenem Tage, wie ich mich deutlich erinnere, hatten sie nicht die lähmende und verdüsternde Macht über mich wie sonst. Der lichtgoldene Spätsommer, durch den mein Bummelzug dahinfuhr, hatte es mir mit seiner fließenden und schmeichelnden Heiterkeit angetan, wie ich mich denn immer als ein sehr feinfühlig reagierendes Wetterinstrument erwiesen habe. Besonders Herbststimmungen haben ihren Widerklang in mir gefunden, und die Hauptentscheidungen meines Lebens, wozu ich wohl auch meine Geburt rechnen darf, sind in den Herbst gefallen. Vielleicht wird es folgerichtig auch mit meinem Tode so seina).
Aber ich komme auf die Fahrt nach K. zurück. Etwas Klingendes und Schwingendes und zugleich Tiefresigniertes war in mir, welches offenbar der sonnenbeglänzten und doch sichtlich altersmüden Septemberwelt da draußen entsprach. Ich war achtunddreißig Jahre alt und also schon auf der absteigenden Seite des Lebens. Selbst Alltagsmenschen pflegen gegen die Vierzig hin einen Schimmer von Nachdenken und Melancholie um die Stirn zu bekommen. Wie viel mehr eine Natur wie die meine, die sich wohl einbilden darf, wenn auch nicht im Vollbringen, so doch im Wollen und Verstehen über das Maß des Gewöhnlichen hinauszuragen. Jedes Menschenwesen stellt ja doch einen Mikrokosmus, eine Art von beseeltem und bewußtem Weltkörper dar, dessen Werden und Vergehen ihm selbst gleichbedeutend mit dem der Welt überhaupt ist. Grund genug, das Altern als unsere größte und konsequenteste, ja als unsere eigentliche und wesentliche Tragödie anzusehen, es die Tragödie des Lebens zu nennen. Denn keinem bleibt sie erspart und für jeden vollendet sie sich mit unbedingter und unentrinnbarer Tragik, nämlich mit seinem Untergang.
Das ist es, was zu einer bestimmten Wendezeit die Stirn des Gewöhnlichen wie des Hochbewußten mit einer geheimen Wehmut zu umwittern scheint. So sah auch ich mich damals in voller Klarheit als den tragischen Helden der eigenen Lebenstragödie. Mit dem Schmerz aber, der darin lag, genoß ich zugleich die Wonne des unbeteiligten Zuschauers, der seinen bewunderten Helden im Kampf gegen das ewige Schicksal unterliegen sieht.
6
Nachmittags gegen vier traf ich in K. ein, suchte kurz mein gewohntes Logis auf, um mein Gepäck abzulegen und mich etwas zu restaurieren, und begab mich dann zu dem inzwischen verstorbenen Konsul Pritzlaff, einem ganz entfernten Vetter und einstigen Geschäftsfreunde meines seligen Vaters. Der damals etwa sechzigjährige Herr war seinerzeit mein Vormund gewesen. Wir hatten uns bei aller Verschiedenheit der Temperamente stets recht gut verstanden, und ich hatte ihn auch später über meine Vermögensangelegenheiten auf dem laufenden erhalten und oft genug von seinem Rat profitiert. Auch diesmal hatte ich verschiedene Geschäfte mit ihm zu besprechen.
Da ich nicht darauf rechnen konnte, ihn noch in seinem Privatkontor zu treffen, so war ich direkt nach seinem Landhaus gepilgert, das draußen vor dem Tor in der Vorstadt lag, erfuhr aber hier zu meinem Leidwesen, daß er und seine Frau — ich nannte sie Onkel und Tante — einen größeren Ausflug zu Wagen unternommen hätten und nicht vor dem späten Abend zurückzuerwarten seien. Offenbar war der Brief, worin ich mein Kommen ankündigte, zu spät eingetroffen. Ich hinterließ meine Karte und ging meiner Wege.
Es war spät am Nachmittag, also an Geschäfte doch nicht mehr recht zu denken, und ich entschloß mich zu einem Spaziergang auf der ins Freie hinausführenden Allee, an der Haus und Park des Konsuls lagen. Ich schlenderte planlos bis ins nächste Dorf und spann an dem Gedankenfaden weiter, den ich während der Eisenbahnfahrt begonnen hatte. „Du bist achtunddreißig Jahre alt,“ sagte ich mir, „und hast also eigentlich das Gröbste und Schwerste vom Leben überstanden. Menschen von deiner Art, Zaghafte und Schwächlinge wie du, leiden zu keiner Zeit mehr als in ihrer Jugend, wo es im Wettstreit mit den Altersgenossen auf Kraft, Mut, Entschlossenheit ankommt und jeder gebrandmarkt ist, dem es daran fehlt. Du kannst ein Lied davon singen! Aber das liegt hinter dir, so gründlich, wie zum Glück deine Jugend hinter dir liegt. Das Prinzip der rohen Kraft, der brutalen Tat rein als Tat hat aufgehört, dein Leben zu bestimmen. Auch große Leidenschaften hast du kaum mehr zu befürchten. Die Zeit der Maigewitter ist vorbei und deine Apfelbäume sind längst verblüht, wenn sie überhaupt jemals geblüht haben. Deine Zukunft wirst du immer mehr nach rein geistigen Gesichtspunkten einrichten und kannst also auf einen angenehm temperierten Herbst rechnen nach der ungesunden Schwüle und Dumpfheit deiner jungen Jahre.“
Plötzlich fiel mir wieder die Erzählung meiner Kinderfrau ein. Aber bezeichnend für die gehobene und ungewöhnliche Stimmung, in der ich dahinschlenderte: ich zuckte mit den Achseln und warf den Kopf zurück, wie einer, der sich im Vertrauen auf sein Glück der Kugel des Feindes stellt, und irgendwo blitzte sogar ganz verwegen ein Einfall auf: „Wie nun, wenn du dem Spuk schlankweg an die Gurgel gehst und ihm das Genick umdrehst, und zwar einfach dadurch, daß du noch heiratest und Kinder zeugst? Dann hast du aufgehört, der Letzte deines Geschlechts zu sein, und dein Herr Urgroßvater mag sich noch ein- oder zweihundert Jährchen gedulden, ehe er zur Ruhe kommt.“ Ich mußte ordentlich in mich hineinlachen bei dem Gedanken, ich könnte dem alten Herrn auf diese simple und probate Weise ein Schnippchen schlagen und meinen Kopf in letzter Stunde aus der schon bereitgehaltenen Schlinge ziehen.
O menschliche Kurzsichtigkeit, die kaum die folgende Minute übersieht und im Wahn, einen untrüglichen Ausweg gefunden zu haben, gerade damit nichtsahnend den letzten Schritt ins Verderben tut. Von jeher ist mir die Geschichte des Ödipus als das tiefste Gleichnis erschienen für das boshafte Hineinlocken des Schuldlosen in Schuld und Not, welches dem Leben eigentümlich zu sein scheint, und wenn ich heute, wo der Vorhang über meinem Drama bereits wieder gefallen ist, zurückblickend mich an dem Septemberabend auf der Chaussee vor dem annoch geschlossenen Vorhang meiner Tragödie sehe, so weiß ich, daß auch ich im Begriffe stand, so ein Ödipus-Schicksal zu erleben, indem ich dem Verhängnis gerade dadurch den Kopf in den Rachen steckte, womit ich mich ihm am sichersten zu entziehen meinte.
7
Die Sonne war in einem Feuerwerk von Rot, Gelb und Violett untergegangen, und es dunkelte schon, als ich auf einem Umwege wieder in die Stadt zurückkam. Ich trat in eine Konditorei und ließ mir das Intelligenzblatt geben, um mich nach irgendeiner Zerstreuung für den Abend umzusehen. Das Stadttheater hatte seine Pforten noch nicht geöffnet, und es war wenig Auswahl. Schließlich fiel mein Blick auf eine Annonce ganz in einer Ecke, wonach das Sommertheater Elysium zu seiner Abschiedsvorstellung und gleichzeitig zum Benefiz der Frau Direktor einlud. Es wurde „Kieselack und seine Nichte vom Ballett“ gegeben. Leichte Kost, die mir gerade in die Stimmung paßte.
Ein Bühnennarr bin ich immer gewesen, und unser heimisches Stadttheater hat manche Zuwendung von mir erhalten, die sich allerdings, wie ich gestehen muß, öfters auch auf die mitwirkenden Damen erstreckt hat. Ich beschloß also, ins Elysium zu gehen, aß schnell in meinem Hotel zu Abend und fuhr dann hinaus, wieder an dem Hause des Konsuls vorbei, denn das Theater lag in derselben Vorstadt, nur wenige hundert Schritte weiter.
Es war ein großer Garten mit alten dichtbelaubten Linden, von leiser herbstlicher Färbung. Nur ein paar Laternen brannten, und die Zuschauer saßen rings herum im Halbdunkel an den Holztischen und verteilten ihre Aufmerksamkeit zwischen ihren Biergläsern und dem hellerleuchteten, überwölbten Bühnenhalbrund, das sich im Hintergrunde des Gartens auftat.
Rechts und links vom Podium zogen sich gedeckte Arkaden, die in Logen eingeteilt waren. In der vordersten Loge, dicht an der Bühne und etwa in gleicher Höhe mit ihr, nahm ich Platz, bestellte mir eine Flasche Wein und zündete mir eine Zigarre an.
Das Spiel hatte bereits begonnen und die Frau Direktor schickte ihre süßesten Triller zu mir herüber, wobei sie in wechselnden Posen alle ihre brünetten Reize zu enthüllen strebte. Mir schien, daß dies alles für mich berechnet sei, denn ich bemerkte zuerst niemand in den Logen, und das Volk unten im Garten zählte ja nicht.
Unter anderen Umständen hätte ich sie vielleicht nicht lange schmachten lassen und ihr das Taschentuch des Paschas zugeworfen, denn da ich mit meinen körperlichen Vorzügen nie habe Staat machen können, so hat es mir immer doppelte Lust bereitet, das, was meiner Person versagt wurde, mir durch meinen Geldbeutel zu erzwingen und mich für die Nichtachtung des weiblichen Geschlechtes dadurch zu rächen, daß ich das Weib in seiner Erniedrigung als käufliches Objekt, als Dirne, als Sklavin genoß. Merkwürdigerweise haben unter den solchermaßen von mir Beglückten nicht wenige Gefallen an ihrer Rolle gefunden. Ein Beweis, daß die weibliche Natur, zum mindesten im Zustande sinnlicher Erregung, ein brutales Herrentum nicht ungern duldet, oft sogar danach verlangt. Ich selbst aber bin auf diesem Schleichwege, wenn auch nicht zur Liebe selbst, immerhin in ihr Grenzgebiet gekommen. Ich habe mich statt an Wein gleichsam an Schnaps betrunken und so doch wenigstens mit einer Art von Rausch mich schadlos gehalten.
Aber wie nenne ich das Unnennbare, was an jenem Abend kurz nach meinem Eintreten in die Loge mich überfällt, alle meine Sinne und Nerven, mein Fühlen und Denken, meinen ganzen Menschen gefangen nimmt, so daß die schönsten Triller und üppigsten Haremsposen der Frau Direktor mich kalt lassen und meine Augen nur ein Einziges auf der Bühne wahrnehmen, nur mit einem Einzigen mitgehen, an einem Einzigen gebannt hängen? Wie nenne ich diese rätselhafte, tückische und zerstörende Kraft, die blitzschnell mein Blut entzündet und mein Mark versengt hatte?
Mögen die Philosophen, Ärzte, Dichter oder wer sonst immer nach neuen Worten dafür sinnen! Was ist der alte, brave, ehrbare Schulbegriff Liebe gegen den Zustand wilden Taumels, süßer Trunkenheit, gieriger Leidenschaft zugleich, der von einem Moment zum andern durch und durch Besitz von mir ergriffen und mit einem Schlage, wie durch ein grauenhaftes Wunder, den alten Menschen in einen neuen umgewandelt hatte! Die Urheberin aber der furchtbaren Zauberei, die mich in meinen Grundwurzeln vergiftete und mich sofort ein Ende mit Schrecken vorausahnen ließ, ohne daß ich auch nur eine Spur von Angst davor empfand — die unbewußte Urheberin also, die Anstifterin dieser dämonischen Besessenheit war ein achtzehnjähriges, schlankes, graziöses, wundervoll gewachsenes Geschöpfchen mit aschblondem Kraushaar, dunklen, feuchtschwimmenden Augen und milchweißen Schultern, das im Bühnenchor mit noch vier, fünf anderen Mädchen mitsang und zuerst durch eine süße, glockenhelle, wenn auch kleine Stimme meine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Sie stand dabei etwas von den anderen Mädchen verdeckt, so daß ich nur aus dem Wohllaut ihres Tons auf ihre Erscheinung hatte schließen können. Aber dann bringt eine Wendung der Szene sie in den Vordergrund. Ein einziger entzückter, umfassender Kennerblick, und es ist um mich getan! Sie trägt, wie die Mitspielerinnen, ein kurz geschürztes, dünnes Ballettröckchen, das von ihren biegsamen Formen wenig mehr zu erraten übrig läßt. Ich sehe den blendenden Nacken, die durchsichtigen, zart marmorierten Schultern, den schwellenden Ansatz der Brüste, die prachtvoll modellierten weißen Arme, die hochgestellte, gertenhafte und zugleich so weich gerundete Figur, ich trinke die schwimmende Sehnsucht der großen dunklen Augen, die in die Ferne zu träumen scheinen, den unendlich keuschen und doch merkwürdig sinnlichen Liebreiz von Stirn und Wangen, an denen in gewissen Augenblicken, wenn sich der Kopf wie trunken zurückneigt, irgend etwas mich an die Leda- und Jogesichter der großen Italiener erinnert. Ich verfolge das gefällig hin und her bewegte Mädchen auf der Bühne mit neuem, immer steigendem Entzücken, denn jede Geste der schlanken, vornehmen Hände, jede Regung des biegsamen Körpers, jedes Neigen des schmalen feinen Kopfes enthüllt mir neue, noch ungesehene Reize oder zeigt mir die schon bekannten in immer anderer, wechselnder Beleuchtung.
Ich saß in meiner Loge vorgebeugt, mit angespannten Muskeln und, wie ich glaube, weit herausquellenden Augen, die lächerliche Verkörperung eines maßlos und über alle Begriffe hinaus Verliebten, der keinen Blick von dem angebeteten Mädchen wendet, als hinge Leben oder Tod daran.
Und schon begann die Eifersucht zu spielen. In der ersten Pause, die mir Zeit dazu ließ, sah ich mich argwöhnisch und feindselig um, und fand, daß die Nachbarlogen sich gefüllt hatten. Gegenüber bemerkte ich ein paar Herren, die ich für Offiziere in Zivil hielt. Sie beteiligten sich lebhaft am Klatschen und warfen der tief sich verneigenden Frau Direktor Blumen, Bonbons und Schokolade zu. Einige sehr ausdrucksvolle Kußhände schienen mehr den Chormädchen und besonders auch meiner Auserwählten zu gelten.
Ich fand dieses Benehmen rücksichtslos und empörend, obwohl ich es in anderen Fällen oft genug selbst so gehalten hatte. Aber an jenem Abend war das alles weit, weit von mir fort, als hätte ich geschlafen und sei plötzlich auf einem anderen Planeten erwacht. Mein ganzes bisheriges Leben erschien mir mit einemmal so fremd, schal, leer. Eine ausgepreßte Zitrone, die ich hinter mich warf! Ich begriff nicht, wie ich so viele Jahre hatte essen, trinken, schlafen, atmen, leben, vegetieren können, da doch meine wahre Existenz soeben erst begonnen hatte! Wie war es nur möglich gewesen, diese unendliche Zimmerflucht aneinandergereihter, gleichförmiger, graugetünchter Lebenstage zu durchwandern, ohne daß je ein Strahl von der Sonne mich beschienen hatte, die jetzt blendend in meine Augen brach und mich mit niegekannter Seligkeit erfüllte? Hatte ich die Stunden, Tage, Jahre meines Daseins bis zu diesem Augenblick nicht heruntergehaspelt, wie eine Betschwester die Perlen ihres Rosenkranzes sinn- und gedankenlos durch die Finger gleiten läßt? Plötzlich aber öffnet sich der Himmel über ihr, das Wunder steigt herab! Da bricht sie in die Knie, weiß nichts mehr, fühlt, sieht nichts mehr, als daß ein Wunder geschah und daß sie jetzt erst lebt, nie vordem gelebt hat!
Ruhe, meine Seele! Fassung, leidenschaftliches und gemartertes Herz, das noch jetzt, so manches Jahr hernach, stärker an seine Wände klopft bei der Erinnerung an den Frühlingsglanz, der an jenem Schicksalsabend in mein herbstelndes Leben kam und durch die Schuld der Sterne und meine eigene nun für immer dahin ist!
Irgendwo habe ich bei einem Dichter einmal gelesen, daß die Liebe, die uns beim ersten Anblick eines Wesens unvorbereitet, unangemeldet, wie eine Naturkatastrophe überfällt, nichts anderes sei, als das blitzartige Rückerinnern an eine frühere Seelenwanderungsexistenz, in der wir mit eben jenem Wesen schon einmal, vielleicht schon viele Male vorher, in Liebe und Haß verbunden gewesen wären. Möglich, daß diese Hypothese den meisten lächerlich und phantastisch erscheinen wird. Man muß sie wohl am eigenen Leibe erlebt und erfahren haben, um sie ganz zu verstehen. Nun denn! Ich, der, wie man sieht, ein Wörtchen in der Sache mitreden kann, ich bin von ihrer Richtigkeit überzeugt. Ich glaube daran wie an mich selbst. Nur werden wir, wenn wir vordem waren, notgedrungen auch nachher sein. Ohne Postexistenz keine Präexistenz, und umgekehrt. Eines bedingt das andere.
Was ich hier erzählt habe und noch zu erzählen gedenke, wäre also nur eine einzelne Phase und Episode aus dem in Ewigkeit währenden Ringen zweier unlöslich auf der Galeerenbank zusammengeschmiedeter Seelen, und ich hätte Chancen, den Kampf zwischen Mann und Weib, in dem ich für diesmal zugrunde gegangen bin, unter anderen Sternen, in fernen Regionen und ungedachten Zeiten noch einmal, vielleicht noch oftmals und dann mit glücklicherem Ausgang zu bestehen.
8
Die Vorstellung nimmt ihren Fortgang. Die Frau Direktor und ihre Mädchengarde singen, werfen die Beine, teilen Kußhändchen aus und erwidern sie. Der Herr Direktor, ein aufgedunsener Komiker mit einer fettig krähenden Kapaunstimme, sorgt für die Belustigung des Parterres, indem er über seine eigenen Beine stolpert, unter Tischen verschwindet und wieder zum Vorschein kommt, und mit Stühlen zusammenbricht. Die Offiziere gegenüber klatschen immer lebhafter. Sträußchen werden geschleudert, Blicke getauscht. Nach dem vorletzten Bild die pièce de resistance. Der Frau Direktor als Benefiziantin werden, im Auftrag der Offiziere, ein riesiger Lorbeerkranz, ein Pelzmuff und ein Vogelbauer mit einem Harzer Kanarienvogel auf die Bühne gereicht. Der Kanarienvogel beginnt im Lichtschein der Bühne aus voller Kehle zu schmettern, und eine rauhe Stimme aus dem Garten ruft unter schallendem Gelächter dazwischen: „August, kick mal, was die für ’n großen Vogel hat!“
Das Wort schlägt bei mir ein. Ich habe immer die gefährliche Eigenschaft besessen, sogar in der höchsten Aufregung und im stärksten Affekt, mich selbst wie einen Wildfremden beobachten und zerlegen zu können. Während ich also mit dem Publikum mitlachte, sagte ich zu mir: „Und du? Was für einen Vogel hast du? Anstatt wie ein verliebter Primaner dazusitzen und die Kleine da oben auf der Bühne anzuschmachten, wovon sie nichts hat, vielleicht kaum etwas merkt, solltest du dich lieber beeilen, ein Billetdoux hinter die Szene zu schicken und sie zu einer Cliquot bei De Crignis einzuladen, ehe es zu spät wird und vielleicht einer von den Offizieren sie dir wegschnappt.“
Aber indem von der einen Seite der Tatmensch so zu mir redet, flüstert von der andern der Stubenhocker, der Grübler und Zauderer: „Wozu dir einen Korb holen! Das Püppchen hat längst seinen Abnehmer gefunden. Du bist ein Narr! Begnüge dich mit dem Bilde als Bild und frage nicht, ob es von Leinwand oder Pappe ist. Geh hübsch nach Hause und träume davon, und morgen machst du dich aus dem Staube und siehst sie nie wieder. So bleibt sie dir eine Sehnsucht dein Lebelang. Ein holder Klang, vom Wind verweht. Das ist das Höchste, was uns beschieden ist.“
Die Vorstellung ist zu Ende. Der Vorhang fällt und hebt sich noch ein halbes dutzendmal. Beifallsklatschen, Bravorufe, Blumen, Knixe, Kußhändchen, Gläserklirren, Stühlerücken, Geldklappern, knirschender Gartenkies. Die Laternen erlöschen. Ich sehe auf und stehe allein auf der dunkeln Straße, während hier und da aus der sich zerstreuenden Menge Stimmen, wie hin und her bewegte, immer fernere Lichtchen, aufblitzen und verschwinden.
Ich stehe wie betäubt und warte noch etwas. Irgendwo ganz tief in mir wurmt eine dunkle Hoffnung, die versäumte Gelegenheit noch in letzter Minute nachzuholen, wenn meine Angebetete aus dem Tor treten werde. Aber niemand kommt. Ich höre, wie von innen verriegelt wird. Der Bühnenausgang ist rückwärts nach einer hinteren Gasse zu, fällt mir ein. Also vorbei! Zu spät! Der Lebensstümper hat wieder einmal den Tatmenschen geschlagen.
Ich knirschte mit den Zähnen, drehte mich auf dem Absatz um, und während ich langsam nach Hause ging, malte ich mir aus, wie sie sich jetzt von den Offizieren zu De Crignis führen ließe.
9
Am folgenden Morgen erhielt ich, noch im Bette liegend, einen Brief von Pritzlaff. Der Konsul schrieb: „Lieber Junge, haben sehr bedauert, daß Du Dich umsonst bemüht hast. Tante und ich waren draußen bei Boltenhagens, noch etwas Luft schnappen, ehe der Winter und das verdammte Reißen wieder loslegen. Teplitz hat übrigens in alter Weise angeschlagen. Empfehle Dir das, wenn Du mal meine Jahre auf dem Buckel hast. Kriegsjahre doppelt gerechnet. Du verstehst mich. Also komm um elf aufs Kontor! Habe prima Überraschung für Dich in petto. Exquisite Sache! Nur zugreifen und nicht lang besinnen! Pünktlich um elf, mein Junge! Um zwölf auf die Börse. Weizen loco sehr fest. Könnte noch einige Waggons gebrauchen. Frühstück bei De Crignis! Oder ziehst Du Ungar vor? Dann natürlich ins Petersburg! Dein alter Onkel Fritzepritz. Diskretion vor Tante, falls Du sie vorher noch aufsuchst!“
Ich überlas den Brief mehrere Male, drehte das Papier hin und her und überlegte mir kopfschüttelnd, was für eine Überraschung gemeint sein könne. Etwas Weibliches vielleicht? Onkel Pritzlaff verstand sich darauf. Und doch ... ich konnte es mir nicht zusammenreimen.
Auch das Erlebnis vom gestrigen Abend schien verblaßt. Ich hatte Mühe, mir die Züge der Kleinen zurückzurufen, die noch vor wenigen Stunden so unauslöschlich in mich eingeschrieben schienen. Waren das Züge, Farben, Umrisse, die nur im Halbdunkel eines mattbeleuchteten Tingeltangels, in jener Dämmerung zwischen Traum und Wachen gleichsam phosphoreszierten, aber vor der ruhigen Klarheit des Tageslichts wie spurlos verschwanden, ohne darum doch aufzuhören, wirklich zu sein? Denn als ich unwillkürlich die Augen mit der Hand überdeckte, tauchte langsam ein süßes sinnliches Mädchengesicht wieder auf und leuchtete wie aus weiter Ferne in mystischem Licht.
Pritzlaffs Kontor lag in einem der hochgiebeligen, schmalbrüstigen Häuser der Altstadt. Die steile dunkle Treppe ächzte unter meinen Tritten. An einem unvermuteten Absatz stolperte ich und mußte mich am Geländer festhalten, um nicht rückwärts abzustürzen. Als ich die Klingel zog, schlug es von der nahen Domkirche her elf Uhr. Gleichzeitig hörte ich in dem Stockwerk über mir eine Tür öffnen und wieder zuschlagen, ohne daß jemand herunterkam. Aus dem Klang schloß ich, daß es eine Glastür sein müsse, wie übrigens auch die, vor der ich stand.
Warum mir alle diese Kleinigkeiten so in Erinnerung geblieben sind? Vielleicht weil die nachfolgende halbe Stunde über mein Leben entschieden und in ihrem rückwirkenden Lichte auch das scheinbar Bedeutungslose, das ihr vorausging, Bedeutung gewonnen hat. Aber was ist am letzten Ende denn wirklich bedeutungslos in dieser Welt der verborgenen und unerforschlichen Zusammenhänge? Das Ächzen der Treppe, das Stolpern auf dem Absatz, das Öffnen und Zuschlagen der Tür ... hat vielleicht ein geheimer Sinn in dem allen gelegen? Waren es Flüsterstimmen, in denen mein kommendes Schicksal zu mir redete, aber nur taube Ohren und stumpfe Sinne fand?
Der Konsul saß vor einem Stoß von Papieren und Kontobüchern und reichte mir mitten aus der Arbeit heraus die Hand, über die er einen Schreibärmel gestreift hatte.
„Nimm Platz, mein Junge. Ich bin gleich so weit.“
„Bitte, laß dich nicht stören. Ich habe Zeit.“
Während er hastig über das Papier weiterfegte, hier und da auf einem Blättchen sich Notizen machte und Zahlen ausrechnete, hatte ich Muße, ihn zu betrachten. Ich hatte ihn seit dem Frühjahr nicht gesehen und fand ihn merklich gealtert. Die große, breitschulterige, immer etwas schwerfällige Gestalt war sehr zusammengesunken. Das vordem noch kohlschwarze Haar war stark ergraut und überquerte in dünnen Strähnen den mächtigen Schädel, der in seiner plattgedrückten Kugelform an einen tief über dem Horizont hängenden Vollmond erinnerte. Sollte dieser Vollmond, der seit der Kindheit an meinem Himmel gestanden hatte, wirklich schon seinem kalendermäßigen Untergang nahe sein? So fragte ich mich. Aber die breite fleischige Knollennase in dem glattrasierten Gesicht und das ausladende wollüstige Kinn verrieten noch die alten Lebensinstinkte dieser in Tat wie in Genuß gleich unermüdlichen und eisernen Natur.
Entschlossenheit, Rücksichtslosigkeit, selbst Grausamkeit, wenn es galt, einen geschäftlichen Vorteil auszunützen oder einem langjährigen Konkurrenten in einem günstigen Moment das Messer auf die Brust zu setzen, auf der anderen Seite eine durstige, durch nichts zu ersättigende Empfänglichkeit für die weichen Dinge dieser Welt, das waren die Pole, zwischen denen die Bahn dieses körperlich und geistig über das Maß gewachsenen Mannes sich länger als ein Menschenalter immer aufwärts und über die Höhen des Daseins hinwegbewegt hatte.
Wie hatte ich seine hinreißende und verwegene Art, das Leben zu nehmen, von Jugend an beneidet, und wie weit entfernt war ich selbst von dieser echten Tradition unserer Familie! Wer ihn nicht näher, etwa nur gesellschaftlich kannte, gewahrte den liebenswürdigsten, gastfreundlichsten, jovialsten Lebemann von kaufmännisch patrizischer Färbung. Aber welch prächtiges und gefährliches Raubtier lauerte hinter dem breiten Lachen und der gefälligen Behäbigkeit!
Wegen seines ausgearbeiteten, wollüstig grausamen Römerkopfs hatte ich ihn in meiner Primanerzeit mit dem großen Lebenskünstler und Genußmenschen Sulla verglichen. Wie ich jetzt so vor ihm saß und ihn betrachtete, mußte ich mir selbst ein Kompliment machen über die instinktive Sicherheit meiner Schülerphantasie.
Pritzlaff ordnete seine Papiere, klappte die Kontobücher zu und schloß alles sorgfältig ein. Dann zog er mich mit einer großen Gebärde an sich.
„Willkommen, Dietrich! Willkommen, mein alter Junge! Freut mich, dich wieder mal zu sehen. Gut siehst du aus. Sehr gut, mein Junge. Besser als im Frühjahr. Mein Gott! In deinen Jahren ... Bäume habe ich ausgerissen! Einen ganzen Wald von Mastbäumen hätt’ ich ausreißen können! Seitdem hat man ein Loch nach dem anderen zurückgesteckt. Es gibt ein Lied mit dem Refrain: ‚Und in der Kajüte wird es kalt ...‘ Hab’ ich dir sicher schon vorgesungen bei De Crignis? Na also, mein Sohn. In der Kajüte wird es kalt. Und darum, mein lieber Dietrich Stobäus ... wundere dich nicht. Bleibe ruhig auf deinen vier Buchstaben sitzen. Darum also, mein lieber Junge, will ich dir jetzt ein Präsent machen, das ich dir, um offen zu sein, vor zehn Jahren, vor fünf Jahren, ach vielleicht noch vor drei Jahren nicht gemacht hätte. Dann hätt’ ich es nämlich, mit Verlaub zu melden, für mich selbst behalten. Aber wie bereits so schön bemerkt, in der Kajüte wird es kalt, und alte Knaben, wie ich ganz sachte einer geworden bin, sollen ihre Finger von so etwas lassen. Diese Blume, die ich dir jetzt überreichen und ins Knopfloch stecken will, diese Wunderblume blüht mehr für die reifere Jugend von deiner Jahreszeit. Für mich hat sie leider zu spät geblüht. Hol’ uns der Deiwel! Man kann nicht alles haben wollen. Dir aber rat’ ich, mein lieber Dietrich Stobäus, greife zu. Nimm, was du kriegen kannst und was ich dir als dein alter Vormund und Onkel in aller Freundschaft und Uneigennützigkeit ans Herz lege.“
Pritzlaff hatte während seiner langen Rede sich mit den beiden Händen rechts und links auf meine Schultern gestützt und vorgebeugt die Worte in mich wie in einen Schalltrichter hineingesprochen. Jetzt ließ er mich los, richtete sich auf und steuerte schwerfällig zu einer Tapetentür, die zu einem Nebenraum führte. Ich meinerseits war bereit, alles über mich ergehen zu lassen, und drehte mich halb mit meinem Stuhl herum, neugierig, was da wohl herauskommen werde. Pritzlaff drückte auf die Klinke und rief durch die halbgeöffnete Tür hinein: „Immer heraus mit Ihnen, Mädelchen! Treten Sie über die Schwelle und erfüllen Sie meine niedere Hütte mit dem ganzen Glanze Ihrer achtzehn Jahre.“
Dabei streckte er seine breite, fleischige, beringte Hand durch die Türspalte und zog wie ein Fischer, der einen zappelnden Fisch aus dem Netz holt und ihn dem Käufer präsentiert, ein halb widerstrebendes Mädchen aus dem dämmerigen Hinterzimmer ins volle Tageslicht. Als es über die Schwelle getreten war und mir zwischen Lachen und Verwirrung sein Gesicht zuwandte, sah ich, daß es meine Angebetete vom gestrigen Abend war.
Einen Augenblick glaubte ich, mein Herz sollte stillstehen. Es war, als seien die Pforten seiner Kammern mit einem Schlage ins Schloß gefallen, und alles Blut schiene sich da innen anzustauen, um sich dann, wie aus einer plötzlich geöffneten Schleuse, brausend wieder durch meinen Körper zu ergießen. Ich fühlte, wie ich kreideweiß und dann glühend rot wurde, der Schweiß trat mir auf die Stirn, und es war gut, daß ich saß. Sonst hätte ich taumeln oder gar umsinken müssen. Wie durch einen blutigen Nebel oder durch einen durchsichtigen roten Vorhang hörte ich die Stimme des Konsuls:
„Hier, liebes Kind, stelle ich dir deinen künftigen Protektor und Mäzen vor, Herrn Dietrich Stobäus aus D. Er wird die Güte haben, dich an das Stadttheater in D. zu empfehlen, und dich überhaupt in jeder Weise unter seine Fittiche nehmen. Er ist ein Gentleman und du kannst dich ganz auf ihn verlassen. Dies, mein lieber Junge“ — ich hörte, wie die Stimme sich an mich wandte —, „dies ist Fräulein Karola vom Elysiumtheater, mit ihrem bürgerlichen Namen Fräulein Karoline Bergmann, die Zierde und der Stern unseres Sommertheaters, wie gesagt. Vorläufig als Stern am Bühnenhimmel allerdings nur mit bewaffnetem Auge sichtbar, aber für Kenner und Forscher, wie wir es sind, mein Junge, eine kommende Größe ersten Ranges. Du mußt nämlich wissen, lieber Dietrich Stobäus, Fräulein Karola verfügt über eine geradezu entzückende, himmelssüße Nachtigallenstimme, der es nur noch an Ausbildung und Technik fehlt. Das eben ist deine Sache, mein Junge. Dafür lege ich Fräulein Karola vertrauensvoll in deine Hände. Ich bin überzeugt, du wirst das schon machen.“
Ich hatte meine äußere Fassung wiedergefunden und nickte mechanisch, ohne recht zu wissen, warum.
Der Konsul schien über meine schnelle Zustimmung sehr befriedigt.
„Na also, mein Junge!“ fuhr er fort und klopfte mir ermutigend auf die Schulter. „Ich wußte ja, man kann sich auf dich verlassen. Man sieht doch gleich, was ein Mann und keine Schlafmütze ist. Ihr habt ja in D. eine so ausgezeichnete Kraft für Gesang und Stimmbildung, die Pellerini. Früher unsere erste Koloratursängerin und Primadonna hier. Meiner Zeit auch eine gute Freundin von mir. Im Vertrauen gesagt, sie heißt eigentlich Matutat, Mieze Matutat, und stammt aus Pillkallen, die brave Pellerini. Ich werde ihr schreiben, die Kleine kommt zu ihr. Und alles weitere, mein Junge, alles weitere, das siehst du ja selbst.“
Er zog das Mädchen, das bisher schweigend mit einem leichten Erröten auf dem lieblichen Engelsangesicht dagestanden hatte, näher zu mir heran.
„Da, überzeuge dich selbst, mein lieber Dietrich Stobäus. Ist man mit einer solchen Erscheinung nicht gerade prädestiniert für eine glänzende Bühnenlaufbahn? Auch ohne Stimme geradezu prädestiniert? Im übrigen mußt du nicht meinen, daß du in Fräulein Karola die erste beste junge Dame aus dem Volk vor dir hast. Fräulein Karolas Stammbaum führt durch ihre Frau Mama, eine geborene Triboleit, ebenfalls früher bei der Bühne, auf den ältesten litauischen Uradel, ja, wenn die Angaben stimmen, direkt auf den Großfürsten Jagello zurück. Du erinnerst dich von der Schule her, Jagello von Litauen, später König von Polen, 1343—1415, der Besieger des deutschen Ordens bei Tannenberg. Ich bitte dich, das zu respektieren.“
Der Konsul hatte die letzten Sätze mit einem breiten und zynischen Lachen begleitet, das wie ein Grunzen klang. In das eben noch so reine, holde und süße Gesicht der Kleinen trat ein böser Zug. Wie ein dünner senkrechter Bleistiftstrich zeichnete er sich zwischen die dunklen feingezogenen Brauen.
„Sie brauchen nicht zu lachen, Herr Konsul,“ hörte ich sie sagen, und es waren die ersten Worte, die sie vor mir sprach. „Sie brauchen nicht zu lachen. Wir haben es schwarz auf weiß von meinem verstorbenen Onkel, von Mamas Bruder, daß wir von einem polnischen Obersten abstammen. Ich weiß nicht, wann er gelebt hat.“
„Selbstverständlich nicht!“ warf der Konsul ein und grunzte wieder.
„Natürlich unehelich!“ ergänzte die Kleine und machte jetzt ein sehr sachliches Gesicht.
„Natürlich unehelich!“ echote der Konsul.
„Lachen Sie nicht immer so!“ sagte die Kleine erbost und stampfte ganz heftig mit dem Fuß auf. Aber es schien ihr nicht so sehr ernst damit zu sein. Ihr Gesicht klärte sich plötzlich wieder auf und sie mußte selber lachen.
„Mein Gott, man kann doch nicht wissen, wann alle polnischen Obersten gelebt haben! Jedenfalls ist es schon sehr lange her.“
„Polnische Obersten sind immer sehr lange her!“ grunzte der Konsul dazwischen.
„Und was das Uneheliche anbetrifft,“ fuhr die Kleine dozierend fort, „dabei ist doch nichts. Mama ist doch auch ein uneheliches Kind. Wer kann überhaupt wissen, ob er ehelich oder unehelich ist. Vielleicht bin ich auch unehelich und weiß es nicht.“
Ich sah, wie ein Schatten über Pritzlaffs zynisch verzogenes Gesicht ging.
„Rede keinen Unsinn, mein liebes Kind!“ sagte er mit einem Ausdruck, als habe er auf ein Pfefferkorn gebissen. „Ich kann das schon aus Pietät vor dem Andenken deines hochachtbaren Vaters nicht dulden.“
„Damit sage ich doch nichts gegen Papa,“ warf Fräulein Karola dazwischen. „Er hätte doch nichts dafür gekonnt. Das wäre doch Sache von Mama gewesen. Und die hätte vielleicht auch nicht mal Schuld gehabt. Wer hat überhaupt Schuld in der Welt?“
Der Konsul kratzte sich geräuschvoll den Kopf und lachte mit einem Anflug von Verlegenheit, den ich noch kaum an ihm kannte:
„Du siehst, mein lieber Dietrich Stobäus, du hast ein sehr philosophisches kleines Dämchen vor dir. Laß dir das gesagt sein. Die Kleine ist nicht auf den Kopf gefallen ... Was aber Ihre Abstammung anbetrifft, mein liebes Fräulein Karola, so müssen wir doch ein für allemal daran festhalten, daß Sie die erstgeborene und eheliche Tochter des Herrn Malermeisters Immanuel Bergmann und seiner Gattin Ilona, gebornen Triboleit, sind, der dann noch sieben weitere, ebenso im ehelichen Bette erzeugte Töchter gefolgt sind. Bitte das jedenfalls zu beachten!“
„Ganz, wie Sie wünschen, Herr Konsul!“ knixte die Kleine mit einem anmutigen Lächeln und einem schnellen, nicht recht verständlichen Blick zu Pritzlaff hinüber, den dieser zu übersehen schien. Er wandte sich vielmehr an mich und sagte in seinem pointierten Ton, jedesmal mit einem Grunzen zwischen den einzelnen Kadenzen:
„Du mußt nämlich wissen, mein lieber Dietrich Stobäus, Herr Immanuel Bergmann vertritt im Gegensatz zu dem großfürstlichen mütterlichen Blut mehr das bürgerliche und volkstümliche Element in dem Stammbaum dieser philosophischen jungen Dame. Herr Immanuel Bergmann hat bei Großgörschen bei Leipzig, und auf den Schlachtfeldern in der Champagne gegen den französischen Erbfeind geblutet, hat danach viele Jahre lang das ehrsame Handwerk eines Dekorationsmalers am hiesigen Stadttheater mit künstlerischem Pinsel versehen, ist erst als reiferer Mann in den heiligen Stand der Ehe getreten und hat sich endlich, nach wohlvollbrachtem Tagewerk, zu seinen Vätern versammelt. Ehre seinem Andenken!“
Der Konsul hatte sich in Schweiß geredet. Er zog sein großes, rotes Taschentuch, tupfte sich die Stirn und trat mit feierlich erhobenen Händen näher an Fräulein Karola und mich heran.
„So! Die Zeremonie der gegenseitigen Vorstellung wäre damit beendigt. Und jetzt, Kinder, jetzt habt euch! Der Herr segne euren Eingang und Ausgang! Amen!“
Damit drückte er uns so dicht gegeneinander, daß wir beinahe mit den Köpfen zusammenstießen, kehrte uns dann entschlossen den Rücken und schob sich schwerfällig gegen das Fenster, wo er in die Betrachtung eines gegenüberliegenden Getreidespeichers versank. Ich aber stand mit mühsamer Fassung, in allen Nerven glühend, vor dem schönen Mädchen, das lächelnd in meinem Gesichte zu forschen schien.
„Wir wollen gute Freunde werden, Fräulein Karola,“ sagte ich schließlich und kam mir über die Maßen dumm vor, daß mir nichts Besseres einfallen wollte.
Sie schwieg und lächelte noch immer und schien in meinen Zügen weiterzuforschen.
„Wir wollen gute Freunde werden!“ wiederholte ich. „Wollen wir das, Karola?“
Sie senkte den Kopf, warf einen schnellen Blick zu dem gegen die Scheiben trommelnden Konsul hinüber und errötete ein wenig, was ihr einen reizenden Anschein von Hilflosigkeit gab. Dann erhob sie mit einem himmlischen Aufschlag, der mir den letzten Rest von Besinnung raubte, ihre großen dunklen Augen zu mir und lächelte von neuem, so daß zwischen den halbgeöffneten Lippen ein Stückchen des weißen Zahnschmelzes sichtbar wurde. Wie ein schwellendes rotes Kissen mit einer schmalen weißen Stickerei in der Mitte erschienen mir diese Lippen. Ich hätte die meinen inbrünstig und besinnungslos darin versenken mögen.
„Ja, Fräulein Karola? Sagen Sie ja!“ stieß ich heraus und erschrak vor meinem eigenen Ton, so rauh und heiser klang er mir.
„Vielleicht!“ nickte sie leise und mit einem kleinen Seufzer. „Wir wollen sehen. Vielleicht!“
Ich ergriff ihre kühlen weichen Hände und vermählte sie mit der Glut der meinen.
„Sie schönes, schönes Mädchen, Sie!“
Der Konsul drehte sich am Fenster um und sagte, auf seine Uhr deutend, trocken und geschäftsmäßig:
„Dreiviertel zwölf! Börsenstunde, liebe Kinder! Besprecht das nötige Wie und Wo und dann trennt euch für jetzt. Das Leben ist noch lang. Weizen dagegen kann morgen schon wieder um einen halben Taler gefallen sein.“
10
Am späten Abend dieses Schicksalstages traf ich wieder in D. ein, ohne Karola vor meiner Abreise von K. noch einmal gesehen zu haben. Wir hatten verabredet, daß sie in einigen Tagen ebenfalls nach D. herüberkommen solle, um ihren neuen Wohnort in Augenschein zu nehmen und sich dem Direktor des Stadttheaters persönlich vorzustellen.
In welchem Zustande ich diese Zwischenzeit verbracht habe, ist mir heute selbst nicht mehr so recht klar. Es muß mehr Traum als Wachen gewesen sein, worin ich umherging, aß, trank, redete, schrieb und las, überhaupt alle Funktionen eines bewußten Menschen ausübte und dabei mit keinem Gedanken wußte, was ich tat. So sind mir lange hernach Briefe geschäftlichen Charakters vor Augen gekommen, die ich, wie aus dem Datum ersichtlich, in diesen Dämmertagen abgeschickt haben muß und von denen ich, ehe ich sie nicht schwarz auf weiß gesehen hatte, geschworen haben würde, ich hätte sie nie geschrieben. Dabei waren sie nicht etwa wirr und konfus, sondern ruhig, gesetzt, vernünftig und nach Stil und Inhalt durchaus korrekt. Ich hatte nur nicht die entfernteste Ahnung, daß sie je aus meiner Hand hervorgegangen wären.
Auch sonst war ich in meinen Handlungen, trotz des Somnambulismus, in dem ich lebte, ganz planvoll und zielbewußt. Ich ließ zum höchsten Erstaunen und nicht geringen Verdruß meiner alten bärbeißigen Wirtschafterin meine Wohnung um- und umkehren und neu instandsetzen. Ich schickte meinen vielgewandten und bewährten Bedienten Klaus in mein selten betretenes Landhaus bei Z., um die Läden zu öffnen, die Zimmer zu lüften und auch sonst nach dem Rechten zu sehen. Ich besuchte den Direktor des Stadttheaters und empfahl ihm meinen Schützling. Ich machte Bestellungen in Geschäften, Gänge zu Schneider und Schuster und tat hunderterlei andere Dinge, die sich mir erst nachher in ihren Folgen als durch mich geschehen und getan präsentierten.
War ich so des Tags wie träumend und dennoch handelnd umhergegangen, so begann des Nachts im Traum ein scheinbares zweites und übergeschäftiges Wachen. Alles, was ich am Tage zuvor getan, erschien in übertriebenen, phantastischen und monströsen Formen wieder vor meiner entfesselten Phantasie, wirrte sich zu bleichen, fließenden Arabesken oder jagte in wilder Gespensterflucht hintereinander her.
In diesen starrkrampfähnlichen, halbwachen Träumen, aus denen ich bisweilen in Schweiß gebadet auffuhr, um sogleich wieder wie gelähmt zurückzusinken und weiterzuträumen, quälte mich besonders der hartnäckig wiederkehrende Gedanke, Karola habe es sich inzwischen anders überlegt und ihre Übersiedlung nach D. aufgegeben. Seltsamerweise war es immer wieder der Konsul, der ihr in meinen Visionen von der Fahrt zu mir abriet, während in Wirklichkeit doch gerade er der Urheber des ganzen Plans war, wie ich mir mit wachen Sinnen sagen mußte. Welches mochte überhaupt das eigentliche Verhältnis des Konsuls zu der Kleinen sein? Woher das auffallende Interesse? Und warum mir die Protektorrolle? Diese Fragen drängten sich mir auf, aber ich vermied es, sie zu beantworten, wandte gleichsam den Kopf davor weg, wie man einer unangenehmen Bekanntschaft aus dem Wege geht, indem man sich den Anschein gibt, sie zu übersehen und zu überhören.
Eines von jenen wirren Angstträumen, durch den sich in wechselnden Formen, vielköpfig und hundertarmig wie ein altindisches Götzenrelief, die Gestalt des Konsuls wand, erinnere ich mich besonders deutlich. Vielleicht darum, weil sich hier zum ersten Male wie in frühester Ahnung das Ereignis ankündigte, das meinem Leben die bestimmende und entscheidende Schlußwendung gegeben hat.
Ich befand mich mit Karola in dem Garten meines Landhauses bei Z., der aber eigentlich kein Garten, sondern ein Park voller uralter Waldbäume und dann wiederum doch ein Garten mit geschorenen Buchsbaumhecken und streng gezirkelten Bosketts in der Art von Sanssouci war. Es graute die Dämmerung eines Herbstabends. Wir gingen nebeneinander her. Zu beiden Seiten des Gartenwegs standen unzählige hochstämmige lila Rosen wie eine blühende Mauer.
Ich trat auf eines der Stämmchen zu und wollte eine Rose für Karola abbrechen. Als ich aufsah, war sie einige Schritte vor mir her, und ich beeilte mich, sie einzuholen. Aber je schneller ich ging, desto weiter wurde der Abstand zwischen uns. Und doch sah ich, wie die Gestalt vor mir ganz langsam, ruhig und gemessen dahinschritt und dabei immer größer und höher zu wachsen schien. Ich lief und lief, aber es war, als seien meine Sohlen mit Leim bestrichen.
Auf einmal waren wir in einem ganz fremden Teile des Parks, wo ich mich nicht erinnerte, jemals hingekommen zu sein. Es war Abend, und dennoch zeichnete sich alles in einem unnatürlichen geisterhaften Licht, so daß man die Dinge genau unterscheiden konnte. Die Gestalt vor mir schien verschwunden, aber plötzlich sah ich sie ganz fern und klein auf einer Anhöhe stehen, die scharf gegen den Horizont abschnitt. Ich hörte etwas dunkel rauschen und brausen und sagte mir, dort, wo sie steht, muß unten das Meer liegen. Im gleichen Augenblick sah ich es auch in seiner ganzen Weite vor mir ausgebreitet und violett beleuchtet, als hätte ich ein buntes Prisma vor den Augen.
Karola war fort, aber dicht vor mir, zum Greifen nah, sah ich die große, breitschulterige Gestalt des Konsuls, den ich, obwohl er mir den Rücken kehrte und trotz der etwas fremdartigen Kleidung, sofort erkannte. Ich freute mich, ihn zu treffen und legte ihm von hinten die Hand auf die Schulter. Er wandte sich langsam und gemächlich um und erhob, wie aus tiefem Nachdenken, die Augen zu mir. Auf der Stelle wußte ich nach dem Bilde aus meinem Bibliothekszimmer, daß es mein verschollener Urgroßvater war, und stieß einen fürchterlichen Schrei aus, von dem ich erwachte.
Es war tief in der Nacht. Ich zitterte am ganzen Leibe und rang nach Atem. Mein Herz klopfte heftig gegen die Rippen. Noch im Erwachen war es mir, als habe die Erscheinung mir nach dem Halse gegriffen und entferne sich erst, als ich schon die Augen öffnete, langsam von meinem Bettrand in das Dunkel des Zimmers.
11
Fünf Tage waren seit meiner Rückkehr von K. verflossen, ohne mir ein Lebenszeichen von Karola gebracht zu haben, und die Angst meiner Nächte, alles sei nur ein Wahnbild gewesen und ich würde sie nicht wiedersehen, begann sich bereits in meine Tage einzuschleichen. Da erhielt ich am sechsten Morgen, während ich gerade ruhelos meinen Frühstückstisch umkreiste und alle Möglichkeiten für und wider abwog, die erlösende telegraphische Depesche: „Großfürstin kommt Mittagszug. Bereite würdigen Empfang. Fritzepritz.“
Ich mußte unwillkürlich laut auflachen, als ich die Worte las und mir die zynische Grimasse des Konsuls dabei vorstellte. Wie die Welt doch mit einem Schlage anders aussah! Mir war, als hätte ich tagelang Zahnschmerzen gehabt und sei mit dichtverbundenem Kopfe umhergegangen. Die Dinge des Lebens hatten nur ganz von weitem in meinen Ohren gesummt, und alle Gedanken hatten sich um den einen dumpfen, bohrenden, zuckenden Nerv, um den qualvollen Dorn im Fleisch gedreht. Plötzlich war, wie durch eine Wundertinktur, dies alles mitsamt Binden und Tüchern von mir fort und ich sah entzückt die freie, leuchtende Herrlichkeit der Welt.
Ich stürzte an die Fenster meines Wohnzimmers, stieß sie auf und atmete aus tiefster Brust. Welch strahlender Himmel, gleich tiefblauem Samt, über den roten Giebeln und Dächern straßauf, straßab. Wohl erinnerte ich mich dunkel an eine Reihe von schönen warmen Tagen, die seit meiner Reise nach K. einander gefolgt sein mußten. Sie waren aus den unermessenen Weiten des Kommenden über die schmale Regenbogenbrücke des Heute dahingezogen, um in den bodenlosen Abgründen des Gewesenen zu verschwinden, und keine Spur ihres Seins war mir geblieben. Erst dieses heutige Heute, diese Sonne erst und diese wolkenlose Bläue waren wirklich und wahrhaft und unverlierbar.
Ich ging in mein Bibliothekszimmer, öffnete den Schreibsekretär und malte mit großen Buchstaben und Zahlen auf einen weißen Bogen Papier: „Montag, den 19. September 1859, vormittags 10 Uhr.“ Es war mir, als schriebe ich damit eine Art von kabbalistischer Zauberformel hin, die ich sorgfältig wegschließen und aufheben müsse, da ich sie vielleicht einmal brauchen würde. Irgend etwas in mir widersprach dem zwar und ließ mich über mich selbst den Kopf schütteln. Dennoch tat ich, wie mich mein Daimonion geheißen, und legte das Papier in meine Geheimmappe, während das Bildnis meines Urgroßvaters, des Ratsherrn Johann Kaspar Stobäus, von seinem Platz über dem Schreibsekretär ernsthaft auf mich herunterblickte.
Auf dem Wege zum Bahnhof, den ich zu Fuß machte — mein Wagen sollte nachkommen —, traf ich meinen alten Schulfreund Julius Schwarzwald. Er bewohnte in einer der stillen menschenleeren Gassen dieses Stadtviertels ein hübsches zweistöckiges Familienhaus und saß gerade im Sonnenschein auf dem Beischlag, als ich vorbeiging.
Wir kannten uns seit unserer Kinderzeit, hatten zusammen Klipp gespielt und Ball geschlagen und waren im gleichen Zug nebeneinander auf der Leiter der Realschule von Sankt Petri emporgestiegen. Er war immer ein schwächlicher und blutarmer Junge gewesen, wie ich auch, und das mochte uns im stillen, uns selber unbewußt, verbunden haben.
Später war ich ins Gymnasium übergegangen, er in die kaufmännische Lehre eingetreten, und wir hatten uns etwas aus den Augen verloren. Als ich ihn nach meiner Studentenzeit wiedersah, fand ich einen lang aufgeschossenen, schmalschultrigen Menschen mit kahlem Schädel und roten Flecken auf den vorstehenden Backenknochen, dem man auf den ersten Blick den Brustleidenden anmerkte.
Er hatte sich als Getreidefaktor in D. etabliert, brachte die Mittagsstunden regelmäßig auf der Börse zu, wo man ihn mit den Bauern, Gutsbesitzern und Inspektoren der Umgegend verhandeln sehen konnte, und stand wohl auch, wenn ich mich nicht irre, in Geschäftsverbindung mit Konsul Pritzlaff in K. Seine Verhältnisse waren schon von den Eltern her geordnete, sein Geschäft ging vortrefflich, da er sich unter seinen Kunden einer großen Beliebtheit erfreute. Er war nämlich stets heiter und guter Dinge, öfters von sprudelnder Laune und sarkastischem Witz, der neben den anderen auch sich selbst und sein eigenes Leiden nicht verschonte, wie sich das bei Schwindsüchtigen findet.
Wie oft war er nicht unter seinen Bekannten totgesagt worden, und immer hatte er sich von den schwersten Anfällen wieder erhoben und sogar als reiferer Dreißiger noch eine junge schwarzäugige Frau geheiratet, die ihm in wenigen Jahren drei Kinder geboren hatte.
Als ich im Näherkommen Schwarzwald auf seinem Beischlag sitzen sah, fiel mir ein, daß er neulich ja eine besonders schlimme Attacke gehabt hatte und diesmal endgültig aufgegeben gewesen war. Nun hatte er dem Knochenmann und seinen voreiligen Propheten abermals ein Schnippchen geschlagen und atmete, im Lehnstuhl halb hingestreckt, mit seinen armen zerstückelten Lungen die würzige Seeluft, die ein leichter Wind über die Stadt hertrug.
Ich freute mich, daß doch wieder das Leben sich stärker gezeigt hatte als der Tod, was so ganz meiner augenblicklichen Stimmung entsprach, und trat näher, um den Genesenden zu begrüßen. Er wickelte seine Hand aus der schwarzen Decke, in die er bis an den Hals eingemummt war, und reichte sie mir schwach herüber.
„Nun ist es doch wieder nichts damit,“ sagte er mit leiser belegter Stimme und lächelte.
„Womit?“ fragte ich teilnehmend.
„Mit dem Trauerhut für meine Frau,“ erwiderte er hüstelnd. „Schade! ... Schwarz steht ihr so gut.“
„Aber, Kerlchen ...!“ versuchte ich abzuwehren.
Er winkte ungläubig mit der Hand und preßte das Taschentuch vor den Mund.
„Was nicht ist, kann ja noch werden,“ klang es krächzend dahinter hervor. „Wir müssen ja alle mal dran glauben ... Und Mariechen ist ja noch jung ... Ich werde ihr schon mal den Gefallen tun müssen ... damit sie zu ihrer Farbe kommt.“
Ich schwieg und sah besorgt auf ihn hinunter, wie er so, ein Bild der Erschöpfung, im Stuhl lehnte und vor sich hinstarrte. Plötzlich kniff er das eine Auge zusammen und erhob den Kopf ein wenig zu mir.
„Man muß die Weiber kennen,“ klang es hohl aus seinem Brustkasten, wie aus einer leeren Tonne. „Sie sind nicht wie wir ... Ich sage nicht, sie sind schlechter ... auch nicht besser als wir. Sie sind bloß anders. Total anders! ... Eine Speicherkatze braucht ja auch nicht zu sein wie ein Ziegenbock ... Ein echtes Frauenzimmer ist wie eine gute Reisetasche. Man kann hineinstopfen ... und hineinstopfen. Es ist immer noch Platz für etwas. Der kranke Mann ... das neue Kleid ... die Krinoline von Tante Ida ... was bei Lemkes auf den Tisch kommt ... ob Jettchen bald mit dem Zahnen fertig ist ...“
Ein heftiger Hustenanfall warf ihn in den Stuhl zurück. Es war ein Keuchen, Ächzen, Rasseln, als habe eine unsichtbare Hand innen in das verborgene Uhrwerk hineingegriffen, um es für immer zum Stehen zu bringen. Ich beugte mich über ihn, deckte ihn sorgfältig wieder zu und flößte ihm einen Löffel von der neben ihm stehenden Medizin ein. Allmählich ließ der Krampf nach. Schwarzwald dankte mir mit einem Druck seiner feuchten, heißen Hände und sagte, als habe er in meinen Augen gelesen:
„Keine Bange, Freundchen! ... Er holt mich noch nicht! ... Mariechen wird noch ein Weilchen Geduld haben müssen. Und was die Frauenzimmer im allgemeinen anbetrifft ... man braucht doch nun mal ... eine Reisetasche ... für unterwegs ... Solltest dir auch noch so ein Dings anschaffen auf die Reise. Zeit wär’s! ... Aber aufpassen heißt es, Freundchen. Augen haben wie ein Luchs ... Die Dinger werden einem ... zu leicht vertauscht oder stibitzt. Und je aparter das Muster ... desto fixer.“
Ich bedeutete ihm, sich zu schonen, indem ich den Finger auf den Mund legte, winkte ihm zu und ging. Seine Worte klangen mir in den Ohren nach, ohne daß ich mir Rechenschaft ablegte, warum. Es war ja nichts darin, was ich nicht selbst längst gewußt hätte. Aber ihren tiefsten Sinn empfinde ich doch erst heute, wo ich im eigenen Schicksal den Schlüssel dazu gefunden habe. So gehen wir alle schablonenmäßig mit dem Leben zu Werke, schwatzen mechanisch hunderterlei Wahrheiten und Tatsachen nach, die in Wirklichkeit nur die Tatsachen und Wahrheiten anderer sind, und merken erst, was hinter der simplen Wirklichkeit eines Ziegelsteines steckt, wenn er uns auf den Kopf gefallen ist.
Am Bahnhof fand ich meinen neuen Verdeckwagen mit den beiden dreijährigen Fuchsstuten, die erst seit kurzem in meinem Stall standen, und hatte gerade noch Zeit, mir von dem diskret lächelnden Klaus das bereitgehaltene Rosenbukett geben zu lassen. Gleich darauf schnaufte der Zug herein. Karola stand am offenen Fenster eines der vorderen Kupees und nickte mir lächelnd zu.
Sie trug ein blaugewürfeltes Reisekleid mit gleichem Paletot, in dem sich ihre biegsame, ebenmäßige Gestalt sehr vorteilhaft abzeichnete, und einen Schäferhut mit schwarzen Bändern, wie es damals Mode war. Die Türen wurden aufgerissen und ich half ihr über das steile Trittbrett auf den Boden, wobei sie sich ein wenig auf meinen Arm stützte, so daß ich den elastischen Druck ihres wohlgeformten Busens fühlte. Eine heiße Blutwelle durchschoß mich, und ich zog die Operation etwas länger, als gerade nötig war, hinaus. Karola ihrerseits schien es willig hinzunehmen, ja, sich noch dichter an mich anzuschmiegen. So standen wir ein paar kurze, selige Augenblicke ganz ineinander versunken, während das Bahnhofsgetriebe uns umdrängte.
Ihr Blick fiel auf das Bukett in meiner linken Hand.
„Ach, und die wunderschönen Rosen!“ rief sie. „Sind die für mich?“
„Natürlich!“ bejahte ich. „Für wen denn sonst?“
„Oh, sind die schön! Sind die schön! Ganz wunderschön!“ wiederholte sie mit einem Tone aufrichtigen, kindlichen Entzückens, der mein ganzes Herz hinnahm, und drückte die Rosen tiefatmend gegen ihr Gesicht. „Das tut gut! Das tut gut nach der langen, heißen, staubigen Fahrt! Die kühlen weichen Rosenblätter! ... Und daß Sie daran gedacht haben! Ich habe Sie gar nicht für so aufmerksam gehalten.“
„Warum denn nicht?“ fragte ich erstaunt.
„Ich weiß nicht, Sie haben so etwas Finsteres, so etwas Verschlossenes im Gesicht. So etwas ... wie soll ich sagen ... fast etwas Verächtliches. Ich meine, als wenn Sie einen verachten würden.“
„Ich Sie verachten? O Karola! Kind ...!“
„Nicht nur mich! ... Alle Menschen überhaupt.“
„Schon möglich!“ warf ich ein. „Außer Ihnen. Sie nicht, Karola, Sie niemals.“
Die Kleine warf mir über ihr Bukett hin einen schalkhaften Blick zu.
„Was? Alle Menschen verachten Sie? Bloß mich nicht? Das ist drollig.“
„Nicht so sehr, Sie kleine Spitzbübin, Sie!“ sagte ich und drohte ihr mit dem Finger.
Sie lächelte und vergrub ihr Gesicht wieder in das Rosenkissen.
„Ich glaube, man muß Sie erst kennen lernen. Sie sind ja gar nicht so schlimm.“
Wir waren während des Gespräches langsam nebeneinander her und durch den Bahnhof geschritten und standen vor meinem Kutschwagen, dessen Schlag Klaus, jetzt mit steinerner Miene, geöffnet hielt.
„Ist das Ihre Kalesche?“ fragte Karola, und ihr Respekt vor mir schien zu wachsen.
„Allerdings, mein Fräulein! Bitte nur einzusteigen.“
Ich hob sie mit einer fürstlichen Gebärde in den grauen Atlasfond des Wagens. Klaus stand mit tiefgezogenem Hut in abwartender Haltung.
„Du bist entlassen,“ sagte ich ihm. „Zum Abend alles parat halten.“
Klaus verneigte sich zustimmend, und ich sah ihm an, daß er mit mir und meiner Wahl zufrieden war.
„Nach Zeidlershöhe, Jan!“ rief ich dem Kutscher zu. „Außen herum fahren! Nicht durch die Stadt!“
„Sie fürchten sich wohl ein bißchen?“ fragte sie mit einem ironischen Lächeln, das mich ärgerte.
„Ich fürchte mich vor nichts!“ antwortete ich etwas schroff. „Ich bin nur kein Freund von unnützem Aufsehen.“
„Ich ja!“ meinte sie ganz ruhig und warf den Kopf ein wenig zurück. „Warum soll man nicht Aufsehen machen?“
Ich schwieg.
Sie merkte meinen Unmut und legte mir begütigend die Hand auf den Arm.
„Aber Sie haben ja ganz recht. Fahren wir außen herum. Wozu müssen alle die dummen Menschen wissen, was man tut!“
So fuhren wir durch die stillen Gassen längs der Festungsmauer, in denen das Rasseln der Räder und das Aufschlagen der Hufe auf dem holperigen Steinpflaster alle Köpfe aus den Fenstern lockte, und gewannen durch das nächstgelegene Tor, über den breiten moosgrünen Stadtgraben hinweg, den Weg ins Freie und außen um Wälle und Bastionen herum zur großen Allee, die nach Johannistal und Zeidlershöhe führt.
Unter den braungelben Blätterkronen der alten hohen Alleebäume war es um diese Mittagsstunde still und menschenleer. Nur ein paar Husarenoffiziere, die ich vom Ansehen kannte, wie sie mich, ritten mit ihren Burschen an uns vorbei. Gleich darauf hörte ich, wie sie ihre Pferde parierten, offenbar, um uns nachzublicken und Bemerkungen über uns zu machen.
Ich wußte nicht, sollte ich mich ärgern oder mich geschmeichelt fühlen. Ein hübscher Anfang! dachte ich mir. Man wird aufzupassen haben! Wie war das doch vorher mit den Reisetaschen, was Schwarzwald geäußert hatte? Je aparter das Muster, desto leichter kommen sie einem abhanden. Ich schielte von der Seite ein wenig zu Karola hin. Sie lag anmutig hingegossen in ihrer Wagenecke, ein Bild glückseligen Genießens und zugleich einer überraschend selbstverständlichen Sicherheit in der Situation. Zum Teufel ja! Apart war das, was ich da an meiner Seite hatte! So apart, daß sich wohl manche Hand danach ausstrecken würde, vielleicht schon ausgestreckt hatte. Aber was ging das mich an? Noch dazu in dieser Minute. Man würde ja sehen. Die Zeit würde das schon besorgen, irgendwie. Die Zeit verstand sich auf solche Geschäfte. Man konnte sich auf sie verlassen. Für jetzt hieß es, sich dem Augenblick hingeben, es dem hingegossenen Persönchen an meiner Seite nachtun, das sich von den Wellen des leise federnden Wagens wie von einem süßen Walzer hin und her wiegen ließ und dabei eine verliebte Melodie auf den sinnlich geschürzten Lippen zu haben schien.
„Mögen Sie gern Wagen fahren, Karola?“ fragte ich sie lächelnd.
„Oh, für mein Leben gern!“ nickte sie lebhaft. „Leidenschaftlich gern! Aber wann kommt man denn mal dazu? ... Der Konsul hat mich ja öfter Wagen fahren lassen, das ist wahr.“
„Der Konsul? So, so! Hm ...!“
Es mußte wohl etwas in meinem Gesicht oder in meinem Ton liegen. Sie stutzte und sah mich an.
„Ist Ihnen das nicht recht?“ meinte sie ein wenig unsicher.
„Sie kennen wohl den Konsul schon ziemlich lange?“ fragte ich ablenkend.
„Schon einige Zeit. Er hat sich immer sehr nett gegen uns benommen. Gegen Mama und mich. Wir haben ihm sehr viel zu danken. Besonders seit Papa tot ist! ... Finden Sie nicht auch, daß er ein ganz reizender alter Herr ist?“
„O gewiß, liebes Kind! Ganz gewiß! ... Sie haben ihn sicher auch sehr gern?“
Ich hatte die Worte nur so wie beiläufig hingeworfen.
„Aber doch nur väterlich,“ erwiderte sie sehr bestimmt. „Was denken Sie denn von mir! Man wird sich doch nicht mit einem so alten Herrn einlassen.“
„Wollen Sie mir nicht etwas von Ihrem Leben erzählen, Karola?“ sagte ich nach einer Pause.
„Mein Leben?“ meinte sie achselzuckend. „Was gibt es da viel zu erzählen! Was erlebt man denn, wenn man arm ist und kein Geld hat!“
„Ich dächte, grade!“ warf ich ein.
„Mehr als so eine reiche Gans gewiß!“ erwiderte sie eifrig und machte dabei so ein drolliges Gesicht, daß ich unwillkürlich auflachen mußte.
„Was haben Sie denn?“ fragte sie verwundert. „Sie lachen ja beinahe so wie der Konsul.“
„Lacht der so?“
„Ja, ich kann sagen, was ich will, er lacht! Fast über jedes Wort von mir lacht er! Wenn ich zum Beispiel von Mama spreche, daß Mama von so vornehmer Familie stammt, väterlicherseits, als uneheliches Kind, und daß sie sie beinahe als rechtmäßiges Kind angenommen hätten, wenn sie nicht zum Theater gegangen wäre, aus Liebe zur Kunst ... verziehen Sie nicht schon wieder das Gesicht! Jedes Wort davon ist wahr! Ich schwör’s bei meiner Seele!“
„Ich glaub’s Ihnen ja, liebes Kind,“ sagte ich lächelnd und ergriff unter dem Spritzleder ihre kleine, weiche Hand, die sie mir willig überließ.
„Dabei lachen Sie in einemfort!“ sagte sie unmutig und runzelte die dunkeln Brauen. „Aber das ist noch gar nichts gegen den Konsul. Der lacht, daß ihm der dicke Bauch nur so wackelt. So nett er sonst ist, aber das ist wirklich eine häßliche Angewohnheit.“
Sie wollte noch etwas sagen, schwieg aber und sah höchst unzufrieden vor sich hin.
„Ein Beweis eben, daß Sie ein komisches Talent ersten Ranges sind, liebste Karola!“ sagte ich nach einem Augenblick etwas zerstreut, indem ich ihre Hand drückte.
„Finden Sie? Meinen Sie?“ rief sie lebhaft mit einem Gegendruck und strahlte über das ganze Gesicht. „Ja, ich glaube selbst, ich habe Talent. Ich bin so fest überzeugt, ich werde noch mal eine berühmte Schauspielerin oder Sängerin. Oder beides zugleich. Ich muß nur meine Stimme noch richtig ausbilden lassen.“
„Ja, davon wollen wir jetzt einmal reden, von Ihrer Stimme und von der Bühne. Überhaupt von dem allen!“
„Ach, dazu ist immer noch Zeit,“ meinte sie. „Jetzt wollen wir erst ruhig sitzen und in die Bäume sehen. Man genießt sonst gar nicht das Fahren. Und ich fahre so leidenschaftlich gern. Wenn ich einmal reich und berühmt bin, werd’ ich den ganzen Tag im Wagen liegen.“
Sie brach ab und bettete sich wieder bequem in ihre Ecke zurück. Ich rückte ein wenig dichter zu ihr, so daß ich ihre warme Nähe fühlte, und behielt dabei ihre Hand in der meinen. So rollten wir eine Zeitlang schweigend in leichtem Trab unter den dunkeln hundertjährigen Linden dahin, zwischen deren leise flüsternden Wipfeln hier und da ein Stückchen tiefblauen Himmels herunterlächelte.
Wie wohl das tat nach dem Fieber und der quälenden Unruhe, die tagelang mein Blut erhitzt und meine Nerven gepeitscht hatten! Noch auf dem Wege zum Bahnhof — erinnerte ich mich — hatte mir das Herz bis zum Halse geklopft bei der immer wiederholten sorgenvollen Frage: Kommt sie oder kommt sie nicht? Hat sich der Konsul vielleicht einen Spaß erlaubt und statt des Mädchens steigt er selbst oder einer seiner Bekannten aus dem Zug? Oh, ich weiß nicht, wie ich es ertragen hätte! Es hätte mich umwerfen, mich um den Verstand bringen können! Ich wäre fähig gewesen, irgend etwas zu tun! Irgend etwas ...!
Nun sah ich auf all das zurück wie auf eine böse und schleichende Krankheit. Julius Schwarzwald fiel mir ein. Ja, so ähnlich wie der in seinem Stuhl lag und die Wonne des Genesens nach schwerer Lungenkrisis auskostete, so lehnte ich hier in der weichen Wagenecke, atmete befreit die feuchte Kühlung, die mir durch die schnurgerade Allee entgegenstrich, und genoß in tiefster Seele die glückhafte Leichtigkeit und die warme sichere Nähe meines neuen Besitzes.
Aber da zog auch schon ein Schatten über die lichte Helligkeit des Bildes. Wie lange mochte es denn dauern, bis ein neuer, vielleicht ein allerletzter Anfall über den Schwindsüchtigen kommen und ihm den Garaus machen würde? So lauerte auch für mich hinter der sieghaften Heiterkeit dieser jugendlichen Stunde wieder die altvertraute Urahne Melancholie, um mich in ihre Arme zurückzuziehen und ihren fahlen Geistermantel um mich zu schlagen.
Und noch etwas anderes war da, was ihr von jetzt ab die Herrschaft über mich streitig machen würde, etwas Schlimmeres noch als die graue Muhme selbst: das würde die Angst sein. Die Angst um das, was ich soeben noch meinen sichern Besitz genannt hatte und was der nächste Augenblick mir doch wieder nehmen konnte. Und was würde dann sein? Wie würde dann erst die dumpfe Schwermut des Daseins auf diese soeben entlastete, kaum schon aufatmende Seele drücken! Nein, das durfte um nichts in der Welt geschehen. Dieses hingeschmiegte zauberische Menschenbild an meiner Seite, mit dem Jugendglanz um Stirn und Wangen, mußte mein bleiben, und wenn ich darum auf Tod und Leben zu kämpfen hatte! Also würde doch wieder die Angst wie ein aufgehängtes Schwert über mir sein, und das Fieber, das meine letzten Tage und Nächte geschüttelt hatte, würde wieder- und immer, immer wiederkommen ...
„Was halten Sie vom Leben, Karola?“ fragte ich plötzlich und unvermutet in die einlullende Stille.
Karola fuhr mit einem kleinen Schrei zusammen.
„Mein Gott, bin ich erschrocken!“ sagte sie und schien leise zu zittern.
„Recht so, Sie kleines furchtsames Täubchen, Sie!“ rief ich und preßte ihre beiden Hände in den meinen. „Recht so! Sie sollen auch erschrecken! Sie sollen Angst haben vor mir! Und jetzt schnell: Was halten Sie vom Leben? Glauben Sie nicht auch, es wäre besser, man lebte nicht? Oder man machte ein Ende beizeiten?“
„Um Gottes willen!“ meinte sie ganz verdutzt und erhob bittend ihre Hände. „Nur nicht vom Sterben sprechen! Ich mag gar nicht an den Tod denken. Es muß schrecklich sein, zu sterben. Bitte, bitte, nicht!“
„Und doch werden wir nicht darum herumkommen, ums Sterben, kleine, schöne, einzige, süße Karola du!“
Eine wilde Lustigkeit hatte mich erfaßt. Ich schlang meinen Arm um ihre Hüften und drückte sie fest und heiß an mich.
„Bitte, bitte, nicht! Ich fürchte mich so!“ hauchte sie, und man wußte nicht, fürchtete sie mich oder den Tod.
12
Auf Zeidlershöhe war die Stille des Montags. Gestern, an dem schönen Herbstsonntag, mochten Scharen von Spaziergängern sich vor die Tore der Stadt ergossen und hier ihren Nachmittagskaffee mit den berühmten Waffeln genommen haben. Da pflegten die Backeisen über dem Feuer keinen Augenblick zu rasten, das Kuchenschmalz tropfte prasselnd auf die glühenden Herdringe, und Tassen und Kannen klapperten auf der Veranda draußen, von wo man den Blick hinüber nach der fernen See genießt.
Ich vermied es im allgemeinen, mich unter dieses kaffeetrinkende und kuchenschmausende Sonntagspublikum zu mischen. Die Nähe des schwatzenden und schmatzenden Familienglücks, das sich an den Gartentischen breit machte, war mir von jeher in der Seele zuwider, und wenn die Blicke der eifrig strickenden Tanten und Basen über den Wollstrumpf weg in die Runde flogen und die Stricknadeln rhythmisch dazu klirrten, so klang es mir immer wie das feine blutgierige Surren von Stechmücken, die auf Beute gingen.
Welch ein nicht auszudenkender Gedanke, mich einmal eines Sonntags mit Karola in diese Spießbürgerwelt zu wagen, wo jeder einzelne Clan gegen den andern auf der Lauer lag, und doch alle zusammen wie durch einen geheimen Schwur gegen den Eindringling von außen verbunden schienen! Konnte da nicht aus der Mückenschar, deren Stiche nur juckten, ein Wespenschwarm werden, der tödlich zu stechen verstand?
Der Gedanke reizte und belustigte mich, während wir in den totenstillen Wirtschaftshof einfuhren. Hier schien man nach den Mühen des gestrigen Tages in den üblichen sechstägigen Wochenschlaf versunken, denn weder der Hausknecht erschien, noch selbst der Hofhund Karo, ein riesiger und gefährlicher Neufundländer, schlug an.
Ich zog die alte verrostete Hausglocke an dem hölzernen Hintertor, indes Karola von ihrer Wagenecke aus sich neugierig und gespannt auf dem Hof umsah. Nach einigen Minuten schlürften innen Schritte. Ein wütendes blutrünstiges Gebell, das plötzlich abbrach. Karo hatte mich von innen her erkannt. Riegel wurden zurückgeschoben. Der Wirt stand vor mir und begrüßte mich mit leidlicher Höflichkeit, während ein verständnisvolles Augenblinzeln sich aus dem verwitterten Gesicht zu Karola hinüberstahl und gleichzeitig Karo mir zum Willkomm die beiden mächtigen Tatzen auf die Schultern legte.
„Bekommen wir zu essen, Grabowsky?“ rief ich ihm zu. „Schnell! Wir verhungern sonst!“
„Wenn’s nicht anders ist!“ meinte er, nicht gerade ermunternd. „Irgend was wird’s wohl noch geben von gestern ... Steigen Sie man aus, Fräuleinchen.“
„Und eine oder zwei von Ihren guten Flaschen ganz hinten aus dem Verschlag können Sie aufmarschieren lassen, Grabowsky,“ ordnete ich an und half Karola mit ihrer nicht allzu umfänglichen, aber doch etwas hinderlichen Krinoline aus dem Wagen.
„Immer verrückter die Welt!“ hörte ich Grabowsky im Abgehen brummen. „Jetzt kommen sie schon am Montag! Man wird bald gar keine Ruh’ mehr haben.“
Unter den würfelförmig geschorenen herbstbraunen Linden des alten Gartens machten wir es uns an einem der grüngestrichenen Holztische bequem.
„Was ist das da?“ fragte Karola und deutete über das zu unseren Füßen liegende Weideland mit den eingewirkten gelben Stoppelvierecken hinweg auf einen hellen Saum, der sich in sanftem Schwung am Horizont hinzog.
„Das ist der Strand, süße Karola,“ erwiderte ich. „Die Sonne scheint gerade darauf. Man sieht ordentlich den weißen Sand in der Sonne blitzen.“
„Dann ist das also dahinter das Meer?“ fragte sie mit offenem Munde.
„Allerdings, mein Schatz. Was sich da wie eine tiefblaue Glocke über den Horizont spannt ...“
„Das hab’ ich für den Himmel gehalten,“ fiel sie ein.
„Das könnte man meinen. Am Himmel ziehen nur keine Segel, mein Kind.“
„Ich bin wirklich dumm!“ lachte sie und schlug sich vor den Kopf. „Natürlich, die Segel dort! Eins, zwei, drei, vier Stück. Jetzt erkennt man’s deutlich. Also das Meer, das wirkliche Meer!“
Sie klatschte entzückt in die Hände, mit jenem Ausdruck kindlicher Freude, der ihr schon vorher mein ganzes Herz gewonnen hatte.
„Ja, das ist das Meer,“ wiederholte ich und rückte dichter an ihre Seite. „Die heilige Salzflut, wie die Alten sagten. Wie gefällt Ihnen das, mein kleines angebetetes Fräulein?“
„Oh! Schön! Schön! Herrlich! Wunderschön!“ rief sie mit ihrer süßen, melodischen Stimme. „Die hab’ ich nämlich noch nie zu Gesicht bekommen, die echte, wirkliche See. Das Haff schon. Das ist ja nicht so weit von uns. Aber noch niemals die echte, wirkliche See.“
„Und ich bin es, der sie Ihnen zum erstenmal zeigt,“ sagte ich. „Also hab’ ich doch Hoffnung, Ihnen in Erinnerung zu bleiben.“
„Ja, unbedingt!“ nickte sie. „Sie sind mir jetzt für immer mit der See verbunden. Wenn ich später mal wieder ans Meer komme, werd’ ich an Sie denken, daß Sie der erste waren, mit dem ich’s von weitem gesehen habe.“
Ich nahm ihre Hand und streichelte sie.
„Das freut mich, Karola. Sie müssen nämlich wissen, ich bin aus einem alten Seefahrergeschlecht. Ich habe das Gefühl, wir gehören zueinander, die See und ich. Und wenn wir beide, Karola, jetzt auch zusammenkommen, dann gibt das einen guten Bund zwischen uns dreien.“
Sie antwortete nicht, sondern sah wie verloren in die Weite, hinüber nach dem blauen Meeresbogen, der über den Horizont gespannt war. Ich legte den Arm um ihre Taille und zog sie näher an mich heran. Sie wehrte sich nicht, lehnte sich mit einem leise verhauchenden Seufzer an meine Brust. Ich strich mit der Handfläche leise tastend über das weiche seidige Haar, so daß ich es in den Fingerspitzen prickeln fühlte. Dann erhob ich ihr Gesicht ein wenig zu mir und drückte auf die halbgeöffneten Lippen mit dem dazwischen schimmernden Zahnschmelz einen ersten heißen, langen, durstigen Kuß.
Grabowsky kam und brachte zu essen. Auch eine verspinnwebte Flasche war aus dem Keller gestiegen. Ich goß zwei Gläser des alten, weichen Bordeaux rasch nacheinander hinunter. Er schmiegte sich wie Öl über den Sturm da innen. Karola hatte zuerst nur am Rande ihres Glases genippt. „Mein Gott, der schwere Wein!“ meinte sie. Aber ich kannte keine Gnade und hielt ihr das Glas so lange an den Mund, bis sie sich fügte und es austrank.
Grabowskys kalter Schweinebraten schmeckte wie der erlesenste Leckerbissen. In Liebesgeschichten und Romanen pflegen ja Verliebte gewöhnlich über Hunger und Durst erhaben zu sein. Nun, was mich betrifft, so kann ich wohl sagen, ich habe nie mit solchem Appetit gegessen wie bei einem zärtlichen Tete-a-tete.
Auch Karola griff kräftig zu, was meinen Gefühlen für sie nicht den geringsten Abbruch tat. Ich habe, wie man sieht, mit beiden Füßen auf der Erde gestanden und das gleiche auch an den Frauen geschätzt, die ich geliebt und besessen habe. Das ätherische Von-der-Luft-leben so vieler weiblicher Wesen hat mich nie gereizt, und wenn Karola von jener Art gewesen wäre, die durchsichtig wie ein Mondstrahl durchs Leben zu gleiten scheint, so wäre vielleicht diese ganze Geschichte ungeschrieben geblieben.
Statt dessen sah ich zu meinem Vergnügen, wie sie sich das schwarze Landbrot dick mit der gelben Weidebutter bestrich, den weißen Schweinebraten in tüchtigen Schnitten dazu aß und mir, nach dem ersten Sträuben, auch mit dem dunkelroten Bordeaux wacker Bescheid tat.
„Sie sind ein famoses Mädchen!“ sagte ich kauend und klopfte ihr wohlgefällig auf den schöngewölbten Nacken, während ich mit der Linken mein Glas an das ihre stieß. „Sie gefallen mir jeden Augenblick besser, Sie kleine, süße, mollige, appetitreiche Schönheit! Recht so! Nur immer zugegriffen! Grabowsky bringt mehr.“
„Ja, ich kann tüchtig essen,“ nickte sie und bediente sich von neuem. „Und hier braucht man doch mit der Butter nicht zu sparen. Bei Mama ist das was anderes. Die schmiert so, wie der Barbier einseift. Erst wird bestrichen und dann wieder abgekratzt. So macht’s Mama auch.“
Ich mußte mehr noch über ihren Ton und den drollig eifrigen Ausdruck ihres Gesichtes als über den Einfall selbst lachen.
„Also so sparsam ist die Mama?“ fragte ich.
„Aber natürlich! Das muß sie doch auch, bei uns acht Frauenzimmern. Die anderen liegen ihr ja alle noch auf dem Halse. Ich bin doch die Älteste.“
„Gewiß auch die Hübscheste!“ warf ich ein.
„O nein! Da sind noch ein paar. Die werden auch mal was. Mama ist ja so eine schöne Frau. Auch heute noch. Fragen Sie nur den Konsul.“
Sie warf mir über das Butterbrot weg einen schelmischen Blick zu. Als ich schwieg, fuhr sie lebhaft fort:
„Denken Sie sich, mein jüngstes Schwesterchen ist erst fünf Jahre alt. Denen steht das noch alles bevor, was ich schon hinter mir habe. Die sollen froh sein, solange sie noch Mamas Butterbrot haben ... Butterbrot und Schweinebraten! Ja, den gibt es bei uns nur alle heiligen Zeiten.“
Sie hielt inne und schien über etwas nachzudenken. Dann, als sei es ihr eingefallen:
„Ach überhaupt! Hier so zu sitzen, die alten Bäume und den blauen Himmel über sich, draußen steht der Wagen, man kann fahren, wohin man will, braucht niemanden zu fragen und freut sich, daß man lebt ... Das ist was anderes, als so Abend für Abend in dem alten Kasten auftreten, in dem schmutzigen Elysium. Vormittags die Proben, abends die Vorstellung. Nichts als seine Beine zeigen. Sich angaffen lassen. Die Schuhriegelei von den Kolleginnen, die schon was sind oder sich’s einbilden! Am schlimmsten und hochnäsigsten ist natürlich die dumme Kuh, die Direktorin! Und er ... na, von ihm will ich schon gar nicht reden. Er ist wieder zu liebenswürdig ... Oh! Schrecklich!“
Sie hatte die Worte sehr schnell und eifrig und um so drolliger herausgesprudelt, je ernster es ihr damit war.
„Eine hübsche Schilderung!“ sagte ich lachend. „Und ich glaubte, Sie seien so gern beim Theater?“
„Aber nicht beim Elysium! Sie haben ja keine Ahnung, wieviel man da einstecken muß. Zuerst hab’ ich gedacht, ich ertrag’s nicht, diese Schimpfereien, diese Gemeinheiten! Was einem nicht alles an den Kopf geworfen wird! Ach ja, der Mensch hat’s nicht leicht.“
„Aber er hält’s aus,“ setzte ich hinzu, als ich sie mit ihren kleinen, weißen, spitzigen Mauszähnen in das knusperige Butterbrot einbeißen sah, daß man es leise krachen und knacken hörte.
„Ja, Sie haben recht,“ nickte sie wieder. „Das sag’ ich alles jetzt. Aber wenn ich mir dann wieder denke: Wie gut hast du’s eigentlich, daß du bei der Bühne sein kannst, wirst von allen Menschen gesehen und gehört, kannst dich in deiner ganzen Glorie zeigen, von hinten und von vorne, alles, was du hast und bist! Brauchst keinem andern Rechenschaft abzulegen! Andere müssen irgendwo in den Dienst. Werden erst recht geknechtet und geknufft. Und du bist frei wie der Vogel in der Luft. Jeden Abend, wenn der Vorhang aufgeht, kann das Glück auf dich warten. Das große, unbekannte, märchenhafte Glück ... Nein, da möcht’ ich mit keinem in der Welt tauschen.“
Sie hatte den Kopf zurückgeworfen. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie fuhr sich mit der Hand über das krause aschblonde Haar.
„Und einmal wird es ja auch kommen,“ setzte sie tief aufatmend hinzu. „Einmal wird es auch da sein, das Glück. Das weiß ich genau. Und dann ... dann ...“
Ich ergriff ihre beiden Hände und zog sie auf meinen Schoß. Sie sträubte sich nicht viel und sank halb seitwärts an mich heran.
„Es ist schon da!“ flüsterte ich. „Es ist schon da, das Glück!“ und fühlte die warme bebende Last ihres weichen Körpers dicht in meinen Armen. Ihr Kopf war nach rückwärts gesunken, ihre Lippen geöffnet, als warteten sie. Und ich beugte mich darüber und küßte diese wartenden Lippen, küßte und küßte sie immer wieder, bis uns beiden der Atem verging.
„Mein Gott, Sie bringen mich ja um!“ seufzte sie schwach.
„Siehst du! So sieht es aus, das Glück!“ sagte ich und entließ sie mit einem letzten Druck aus meinen Armen.
„Also Sie sind das Glück?“ meinte sie mit einem schwachen Lächeln, während sie sich auf ihren Stuhl zurücksetzte und ihre Krinoline glatt strich.
„Hast du dir das nicht gleich gedacht, süße Karola, als du mich an dem Abend in der Loge sahst?“
„Gesehen hab’ ich Sie wohl, und daß Sie immer zu mir hinguckten. Aber daß Sie das Glück sind ...“
„Das hast du dir ein bißchen anders vorgestellt, schöne Karola, das Glück, nicht wahr? Mit einem mächtigen Schnauzbart und Sporen an den Stulpstiefeln, nicht wahr?“
Sie sah mich an und schien mich im stillen mit irgendeinem von ihren Traumbildern zu vergleichen. Dann zog sie die Brauen zusammen und sagte, indem sie die Lippen etwas spöttisch aufwarf:
„Ach was weiß man, was das Glück ist! Der Augenblick ist alles. Das ist das Glück.“
13
Die Sonne hing als ein großer, gelber Ballon dicht über der dunkeln Waldmauer am westlichen Horizont, als wir in scharfem Trabe die tiefe Senkung der Chaussee hinter dem Fischerdorf und Badeörtchen Z. hinunterrollten und jenseits der Mulde die wieder ansteigende Straße nun in ruhigerer Gangart hinauffuhren. Hier auf der höchsten Höhe der Dünenkuppe, von wo man das graue Straßenband in Wellenlinien bergab, bergauf sich links nach den schwarzen Wäldern hinüberwinden sah, ließ ich meinen Wagen halten und stieg aus. Dicht vor uns, scheinbar fast zu unseren Füßen, und in gewaltigem Bogen bis an den fernsten Horizont gespannt, lag die unendliche Weite der See. Schon während der einstündigen Fahrt von Zeidlershöhe bis hierher hatten wir sie zu unserer Rechten näher und näher herantreten, bei etlichen Einschnitten der Straße wieder verschwinden und von der nächsten Höhe her abermals auftauchen sehen. Aber noch hatte es wie ein dünnes Häutchen von Dunst darüber gelegen, so daß man Himmel und Wasser kaum unterschied und beide in eins zu fließen schienen. Erst jetzt im klaren, reinen Lichte des sinkenden Septembernachmittags begann das Bild sich in seiner leuchtenden Schönheit zu entschleiern. In unabsehbarem Halbrund wölbte sich der tief ultramarinblaue Wasserspiegel unter dem strahlenden Lichtblau des Firmaments. Scharf vorspringende waldgekrönte Landspitzen unterbrachen und belebten den Linienschwung der Küste.
Ganz weit am Horizont, im fernsten, gerade noch erreichbaren Bezirk des Auges, schimmerte aus den blauen Fluten ein schmaler, weißer Dünenstreif, betupft mit winzig kleinen Häuschen, deren rote Ziegeldächer in der Abendsonne funkelten. Das war die weltentlegene, sagenberühmte Halbinsel H., die dort als meilenlange Sandbank die gewaltige, vor uns liegende Meeresbucht begrenzte.
Karola hatte sich im Wagen erhoben und entzückt die Arme ausgebreitet, als wolle sie alle diese jauchzende Bläue mit einer einzigen stürmischen Gebärde an sich schließen, diese grenzenlose Freiheit in einem tiefen, unausschöpfbaren Atemzuge in sich einsaugen. Dann legte sie die Hände an die Wangen und stieß mit ihrer silbernen, glockenklaren Stimme einen langgezogenen jubelnden Ruf aus, der in einem klirrenden, weithin tönenden Lerchentriller endete.
Ich schwieg und lauschte und berauschte mich an der traumhaften, nie wiederkehrenden Schönheit des Augenblicks. Die schrägen Sonnenstrahlen flimmerten in dem jetzt mattgoldenen Haar des hochaufgerichteten, wie entrückten Mädchens und woben etwas wie einen Flammenschein um ihren jugendfrohen Scheitel, so daß sogar mein alter, stumpfsinniger Kutscher Jan, der sich bei den Tönen des Trillers erstaunt umgedreht hatte, respektvoll seine Peitsche senkte.
Seltsam aber, daß mich selbst in dieser Minute seliger Besessenheit meine angeborene, fast visionäre Doppelgesichtigkeit nicht verließ.
„Das alles, was du hier siehst und erlebst,“ sagte ich mir, während ich noch immer an dem Bilde von Himmel und Meer und Mädchenschönheit festgebannt hing, „das alles ist gar nicht so, wie du es hier siehst und erlebst. Das alles scheint dir nur so und du weißt genau, daß du nur träumst, und wenn du aufgewacht bist, dann ist der Himmel nüchtern und grau, die Wasser brausen im Sturm, und das blonde Engelsbild mit dem Heiligenschein ist nichts als ein hübsches, sinnliches Augenblicksgeschöpf, das heute dem im Arm liegt und morgen dem.“
Karola stand noch immer hochaufgerichtet im Wagen und starrte mit vorgehaltenen Händen in die unabsehbare Meeresweite, als müsse sie dort irgend etwas suchen, oder als erwarte sie etwas, das aus den Fluten aufsteigen solle.
Plötzlich ließ sie ganz überrascht die Hand sinken und deutete in die Ferne.
„Da liegt ja Land!“ rief sie. „Und Häuser! Und alles mögliche! Sogar ein Kirchturm scheint dabei! ... Was ist denn das da so mitten in der See?“
„Das ist die versunkene Stadt, meine kleine angebetete Schönheit!“ antwortete ich und stieg wieder in den Wagen ein.
„Die versunkene Stadt?“ meinte sie kopfschüttelnd. „Was Sie nicht reden!“
„Vineta, die versunkene Stadt, mein Schatz. Mit lauter Menschen, die eigentlich gar nicht leben, und mit Häusern, die untergehen, wenn man näherkommt. Es gibt manche solche versunkenen Städte. Vielleicht ist unser ganzes Leben nichts anderes, mein Engelsgesicht.“
Jan machte seinen Zungenschnalzer und hob die Peitsche. Die beiden Füchse zogen an. Leicht und glatt, wie auf der niederschwebenden Schaukel, glitten wir in die vor uns aufgetane Talfalte hinab und, seewärts von der Straße abbiegend, auf den ausgefahrenen sandigen Feldweg, an dessen Ende das Buchengehölz mit meinem inmitten eingebauten Landhaus stand. Das dumpfe Rollen der Räder auf dem festgewalzten Straßenkies schwieg plötzlich wie verschluckt, als wir nach dem Feldweg einschwenkten, und die Stille, in die wir beide versunken waren, schien sich enger und enger um uns zu legen, gleich einer luftdichten Kappe, die jeden Ton aufsaugte und körperlos machte. Nur hin und wieder verriet ein kurzes Aufknirschen aus dem tiefen Sand der Geleise, daß wir noch im Stofflichen und in der irdischen Schwere waren.
Als wir durch das offene Tor in den Park vor meinem Hause einfuhren, war die Sonne soeben hinter den blauschwarzen Wäldern am Horizont verschwunden, wie eine feurige, breitgequetschte Riesenzitrone, die eine verborgene Hand mittels eines unsichtbaren Schnürchens langsam am Himmelsgewölbe hatte heruntersinken lassen.
An der Treppe der Gartenveranda empfing uns Klaus mit einer wohl abgezirkelten Verbeugung, nicht tiefer, als es die Situation gebot, aber auch wieder nicht formlos vertraulich, wozu die Umstände einen minder Gewandten ja wohl hätten verführen können.
„Der Champagner steht im gelben Saal,“ meldete er, und sein glattes, gepflegtes Dienergesicht mit den rechts und links abschließenden Bartkoteletten legte sich in die vorschriftsmäßigen Devotionsfalten.
Ich hatte seit Jahren keinen Fuß mehr in das alte Väterhaus gesetzt. Es stammte aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Mein Urgroßvater, der mehrerwähnte Johann Kaspar Stobäus, hatte es um die Mittagszeit seines Lebens erbaut und sollte manches Mal hier draußen geweilt haben, wenn er sich von seinen viel umfassenden und weitverzweigten Geschäften erholen wollte. Er, der unermüdliche Landerraffer, der heißhungrige Aneigner von Grund und Boden, hatte der Familienüberlieferung zufolge oft stundenlang auf einem und demselben Fleck (den man noch genau zu bezeichnen wußte) hier am Fenster gesessen und hinausgestarrt in das ewig wechselnde, ruhelose Antlitz der See, die sich hinter dem Buchenhang und dem schmalen Strandsaum in blauer Unendlichkeit breitete. Hatte ihn der Gegensatz gereizt zwischen dem sichersten Element, auf dem er mit festen Füßen gewurzelt stand, und dem allertrüglichsten, wohin ihn die lebenslange Sehnsucht des alten Seefahrerbluts lockte und endlich auch auf Nimmerwiedersehen entführte? War ihm, wenn er so von seinem Lehnstuhl unverwandten Auges nach dem Meer hinübersah, wohl eine Ahnung gekommen, daß dort, auf den silbernen und azurnen Fluten, einmal sein Schicksal sich erfüllen und seine Erdenspur zerrinnen werde, wie die weißen Schaumkränze der Wogen in der Sonne aufblitzten und verschwanden? ...
In dem dämmerigen Hausflur, den wir zuerst betraten, war die feuchtkalte, stickige Atmosphäre lange unbewohnt und ungelüftet gebliebener Räume. Wie aus einem Kellergewölbe oder aus einem alten Kreuzgang schlug es uns entgegen und benahm uns den Atem. Karola schien es leise zu frösteln. Wie unwillkürlich drückte sie sich enger an mich, während Klaus uns über die steile Holztreppe in das Obergeschoß voranleuchtete.
Der gelbe Saal lag am Ende des langen, düstern Korridors, dessen morsche Dielen unter unseren Tritten knarrten und ächzten. Der Schein der flackernden Kerzen irrte über die alten Familienbilder rechts und links an den Wänden, umspielte hier und da ein vorspringendes Männerkinn über der Ratsherrenkrause oder im Schoße gefaltete Matronenhände und ließ bohrende Augen, die längst erloschen waren, für eine flüchtige Sekunde im Halbdunkel wieder aufleben. Vor und hinter und über uns schwankten die Umrisse unserer eigenen Gestalten, riesengroß und gespenstisch, neigtén und beugten sich in seltsam verwunschenem Reigen, flossen durcheinander und tauchten plötzlich an unerwarteter Stelle wieder auf und führten ein wunderliches Schattenleben, als seien sie gleichsam aus eigenem Recht und unabhängig von uns da.
„Mein Gott, ist das unheimlich hier!“ flüsterte Karola und sah wie hilfesuchend zu mir auf.
Ich legte den Arm fester um ihre Hüften und preßte das bebende Mädchen dicht und warm in meinen Besitz. Sie ließ es ruhig geschehen, übergab sich willenlos meinem Herrenrecht. Das Gefühl eines sicheren Triumphs ging in starken Pulsschlägen durch meine Adern.
„Ist es unheimlich hier?“ stieß ich heraus. „Recht so, mein Engel! Der richtige Platz für uns zwei. Die alten Herrschaften aus den Goldrahmen sollen uns Gesellschaft leisten. Ein paar tolle Burschen sind darunter. Es würde sich lohnen, ihre Bekanntschaft zu machen.“
Ich fühlte, wie ein neuer Friesel über den Leib des angeschmiegten Mädchens lief, und ich weidete mich daran. Mir war, als müsse ich dieses blendende, sinnbetörende Geschöpf, das eine so plötzliche unbegreifliche Macht über mich gewonnen hatte, nun meinerseits niederzwingen durch die Kraft des Grauens, die ich diesem alten Hause und den Porträts an der Wand und mir selbst, dem letzten Enkel dieses Hauses und dieser dunkelblickenden Ahnenbilder, innewohnen sah.
„Aber, was die Damen meines Hauses erst für Gesichter schneiden mögen über den neuen Besuch!“ rief ich in aufschäumendem Übermut, der mir selbst das Blut in den Adern erschauern machte, riß dem erschrockenen Klaus von hinten her den hocherhobenen Leuchter aus der Hand und schwenkte ihn zu einem schwarzen Frauenbild gerade über unseren Köpfen hinauf. Ein greller Lichtstrahl fiel auf eine lange, spitze, käseweiße Nase, die sich verächtlich zu rümpfen und in die Luft zu heben schien.
Ich lachte laut auf und stampfte mit dem Fuß auf den Boden, daß das wurmstichige Holz nur so krachte und der Kalk von den Wänden rieselte.
„Bravo! Sie ärgert sich! Sie hat fi donc gemacht, die Tante Sibylle! ... Ja, ja, diese Damen meines Hauses! Die hatten Zucht und Sitte in Erbpacht genommen. Wenn die jetzt reden könnten“
Karola wollte mir mit ihrer schlanken Hand den Mund verhalten. Aber ich preßte das zierliche Gelenk in meinen harten Fingern, bis sie einen kleinen Aufschrei tat und von mir abließ.
„Wir sind am Ruder!“ rief ich, noch einmal den Leuchter schwenkend. „Merkt euch das, messieurs et mesdames! Wir sind am Ruder! Und dieses kleine, entzückende bijou hier, ein lebendiges Menschenbild, bring’ ich euch allen zum Trotz in eure moderige Ahnengruft!“
Klaus nahm mir mit einem diskret mißbilligenden Kopfschütteln den Leuchter wieder ab, und während ich in Gedanken mit den Gebeinen meiner Vorvordern Fangball spielte, ohne noch zu ahnen, wie nahe mir ihre Rache schon auf den Fersen sei, betraten wir den gelben Saal.
Es war ein Eckzimmer mit drei Fenstern nach Norden auf die See hinaus und zweien gen Westen, durch die noch das helle Abendlicht der langen Herbstdämmerung hereinfiel. Mattgoldene geblümte Damasttapeten bedeckten die Wände und hatten dem Raum seinen Namen gegeben. Vergoldet waren die geschweiften Füße des Marmortisches, der niedrigen silbergrauen Seidensessel, die zopfigen Lehnen der Polsterstühlchen und des kissenbedeckten Kanapees an der Wand. Vergoldet die zierlichen Säulenkapitäle an dem edlen Bouleschrank mit den Messingleisten, mit den eingelegten Goldarabesken auf schwarzem Ebenholzgrund und mit der graugemaserten Marmorplatte.
Aus der ernsten Umrahmung der holzgetäfelten Decke blickte, in den lichten silbernen Tönen Tiepolos und seiner Schule gehalten, ein großes ovales Deckengemälde wie ein heiter strahlendes Auge auf das Rokoko-Interieur, das sein Zeitgenosse war. Venus, die aus den Fluten steigt, stellte es dar. In einem Gewimmel von Putten, Amoretten und Nymphen, alle gleich nackt und zum Anbeißen appetitlich, stand die Göttin mit langen, schlanken Beinen und rundlichem Oberkörper auf zarten Rosenwölkchen über dem Meeresschlund, der sie geboren hatte, und Rosenwölkchen flatterten rechts und links zu Häupten des nackten Gewimmels und schienen beim hellen Dämmerschein, der durch die Abendfenster kam, in den breiten, tiefen Saal niederzuschweben, als suchten sie sich der freien Anmut und gefälligen Grazie des achtzehnten Jahrhunderts, die ringsum lebend war, schmeichlerisch und liebend anzuschmiegen.
Karola, immer noch in meinen Arm gedrückt, hatte beim Eintritt in den Saal ganz verdutzt dagestanden und nach dem Halbdunkel des Korridors unwillkürlich vor der überraschenden Helligkeit die Augen geschlossen. Ich sah sie gespannt und ihres Eindrucks gewärtig an. Es machte mir eine zunehmende Freude, jede Regung ihrer empfänglichen Seele zu beobachten und zugleich das Bild meiner selbst, der ja als Besitzer aller dieser Herrlichkeit größer und größer vor ihr emporwachsen mußte, nun in ihrer Bewunderung sich widerspiegeln zu sehen.
„Ach, sind die süß, die Seidenstühlchen!“ rief sie jetzt in aufrichtigem Entzücken. „Und die Goldtapeten! Und der Marmorkamin!“
Sie hatte sich ungestüm von mir losgemacht und lief durch den Saal, strich liebkosend und musternd über die seidenen Polster und klopfte mit naiver Kennermiene gegen die Ebenholzfüllung des Bouleschrankes.
„Eingelegte Metallarbeit. Rokokogravierung. Handgemacht alles.“
Jetzt war es an mir, mich zu verwundern.
„Ei, sieh mal an! Welche Kennerschaft! Potztausend!“
Klaus hatte den dreiarmigen Leuchter auf den Marmortisch inmitten des Zimmers gestellt und stand in gemessener Haltung an der Tür, ein sanft zustimmendes Lächeln um die Geheimratsmundwinkel.
„Ja, davon versteh’ ich was,“ nickte Karola eifrig und selbstbewußt. „Papa war nicht umsonst Dekorationsmaler am Stadttheater. Mit den Moden und Stilarten weiß ich Bescheid. Unsere ganze Wohnung haben wir ja mit Stichen und Bildern und Kupfern voll gehabt!“
„Also daher die feine Nase!“ warf ich vom Mitteltisch her ein und fühlte mich ganz in den Anblick des blonden Mädchens versunken, wie es, vom Abendlicht umzeichnet, an dem Bouleschrank lehnte und seine Kindheitserinnerungen sprechen ließ.
„Ja, das hat Papa auch immer gesagt,“ bestätigte Karola und setzte plötzlich in sehr energischem Ton hinzu, indem sie mit ausgestrecktem Arm auf Klaus deutete: „Was hat denn der Mensch da zu lachen? Er soll sich doch scheren!“
Ich drehte mich zu Klaus um, der hinter mir noch auf der Schwelle stand. Ich konnte mir, ohne es gesehen zu haben, sein hochmütig devotes Gesicht mit der Mischung von steifbeinigem äußeren Respekt und tiefinnerster Überlegenheit genau vorstellen und mußte im stillen über Karolas Scharfblick lächeln.
Klaus’ Mienen waren zu Eis erstarrt. Mit dem vorgestreckten Kopf und Nacken und dem nach auswärts gebogenen Gesäß kam er mir vor wie ein etwas schief geratenes Semikolon. In seinem Innern mochte er Karola die Pest auf den Hals wünschen. Aber sein Gesicht verriet nichts davon.
„Abtreten!“ kommandierte ich. „Ist der Klingelzug in Ordnung?“
Ich trat, ohne seine Antwort abzuwarten, an die Wand und griff nach dem herunterhängenden goldgestickten Gurt. Es gab ein helles, feines, fast spitziges Klingen durch die tiefe Verschwiegenheit des Hauses, wie von einem Klöppel, der an altes Silber schlägt.
Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Mir war, als müsse im nächsten Augenblick an Stelle von Klaus ein bezopfter und gepuderter Lakai in der Tür erscheinen und sich nach den Befehlen von dero Herrlichkeit, des Herrn Ratsherrn Johann Kaspar Stobäus erkundigen. Und richtig — wie hatte ich es bis jetzt übersehen können —, da hing ja über dem Marmorkamin, gerade gegenüber der Abendseite, so daß noch das volle Dämmerlicht darum webte, das lebensgroße Bildnis meines sagenhaften Urgroßvaters, aber nicht im schmucklosen, düsteren Ratsherrntalar, wie es in meinem elterlichen Stadthause auf meinen Schreibsekretär herunterblickte, sondern im hellfarbigen, reichgestickten Patriziergewand der Rokokozeit, den Dreispitz auf dem Kopf und den Krückstock in der Hand, zum Greifen lebendig, wie er an Festtagen durch die Straßen von D. und oft auch durch die weitläufigen Zimmer und Korridore dieses Hauses gewandelt sein mochte. Die stahlharten Augen in dem sonst weichlichen und runden Gesicht sahen mich kalt und forschend an. Ein unsäglich feines, kaum faßbares Lächeln zwinkerte um den bartlosen Mund mit den leicht aufgeworfenen sinnlichen Lippen.
Es durchzuckte mich mit einem kurzen Ruck. Ich wischte mir mit der Hand über die Stirn und sah um mich. Klaus’ Semikolon hielt sich noch unbeweglich auf der Schwelle. Karolas zierliches Persönchen stand mit halber Wendung zum Bouleschrank wie vorher, während der Kopf, vom nahen Kerzenlicht beleuchtet, sich nach rückwärts kehrte und die blitzenden Augen das wartende Semikolon im Bann zu halten schienen. Das Hundertstel einer Sekunde mochte vergangen sein, und niemand schien mein Fernsein in den Dämmerungen der Vergangenheit bemerkt zu haben.
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