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Max Geißler
Inseln im Winde
Ein Halligroman
Siebente, völlig umgearbeitete Auflage von „Jochen klähn“
Saga
Vorbemerkung.
Der preussische Staat besitzt die Halligen seit Schleswig-Holstein in seinen Verband übergegangen ist, und ihr Name begreift diejenigen der Westküste Schleswigs vorgelagerten kleinen Inseln in sich, welche weder durch Deiche noch Dünen vor der vernichtenden Gewalt der Nordsee geschützt sind. Im Jahre 1882 noch zirka zweitausendfünfhundert Hektar umfassend, beträgt ihr Gesamtareal gegenwärtig zweitausend Hektar mit etwa fünfhundert Bewohnern. — Eine Hallig ist eine ebene, liebliche Flur, die, mit einem kurzen dichten Grase bedeckt, nur ein halbes Meter über den Stand normaler Flut herausragt und ihre Bewohner durch die den Verhältnissen entsprechende Landwirtschaft, verbunden mit Viehzucht und einigem Nebenerwerb, leidlich ernährt.
Die Halligfriesen erfreuen sich dank ihrer Sparsamkeit — entgegen der Behauptung der meisten Halligschriftsteller — eines schlichten Wohlstandes. Sie sind zufriedene, gastfreundliche Menschen, nicht ohne Resignation: eine Folge des Anblicks langsamen Vergehens ihrer Heimatscholle, dem von massgebender Stelle jahrzehntelang tatlos zugeschaut worden ist. Die schutzlose, zerrissene Kante des Eilandes erleidet bei jeder, während der Wintermonate oft zweimal des Tages eintretenden Überflutung Landverluste, die sich das Jahr über auf etwa acht Fuss belaufen.
Die Häuser der Hallig stehen auf viereinhalb bis fünf Meter hohen Werften: die allverbreiteten Gerüchte von den Nöten der Bewohner bei Fluten sind in das Gebiet des Märchens zu verweisen und gründen sich in der Hauptsache auf die pessimistischen, längst veralteten Schilderungen Biernatzkis, des früheren Pfarrers auf der Hallig Nordstrandischmoor, und seiner Novelle „Die Hallig“.
Seit 1896 ist ernstlich mit der Befestigung der Halligen begonnen worden.
Der einzig wirksame Schutz der Halligkante, die kostspielige Granitdossierung, ist verhältnismässig wenig zur Anwendung gelangt. Einige Inseln sind heute bereits durch zum Teil unverantwortlich schlechte Dämme mit dem Festland verbunden.
Die ihnen gewidmete Aufmerksamkeit und Kulturarbeit stehen noch in keinem rechten Verhältnisse zu dem Werte der Halligen als Stützpunkte für die Zurückeroberung des ganzen schleswigschen Wattenmeeres.
Die einzigartigen Eilande sind eine untergehende Welt — nach der Inangriffnahme und hoffentlich rüstigen Fortführung der Sicherungsbauten nicht in dem Sinne, dass sie eine Beute des Meeres werden, sondern dass sie infolge natürlicher Aufschlickungen mit dem Festlande verbunden, dass sie eingeschlossen werden in den Rahmen der Marschen und Deiche, in deren Schutze das neugewonnene Land nach einem Jahrhundert einem kernigen Menschenschlag als Wohnsitz dienen und goldenes Getreide tragen wird.
Erstes Kapitel.
Die Frühlingssonne hatte gegen Mittag die Nebelschleier durchbrochen, die so dicht in den grauen Februartagen geflogen waren und die auch der Märzwind nicht fortzublasen vermocht hatte.
Unter den grämlichen Vorfrühlingsnebeln hatten die Rohrdächer der niederen Häuser auf der Halligwerft getrieft, und das kurze Gras auf dem Vorlande, das gegen das Wattenmeer sich hinzieht, war versilbert von dem Hauche der wehenden Nebel.
Aber heute hatte die lichte Sonne wieder zum erstenmal in den zitternden Tropfen des Rasens sich gespiegelt, und was in den Rillen der Rohrdächer herabrieselte, war blanker als rinnendes Licht und war wie blitzend Gestein. Unter dem goldenen Schuhe der Sonne hatte das Moos auf dem Rasenboden der Firsten zu schwellen begonnen, und es ward weich wie Sammet.
Aber nun wollte die Aprilsonne, die so lockend und warm gewesen war, wieder in die grauen Schleier versinken, die fern über der See lagen; und der Wind, der tagsüber draussen von den Wellen sich schaukeln liess, lief über das Watt und schleppte die grauen Nebelnetze hinter sich drein. Er legte sich auf das Gras und blies den roten Glanz der Sonne von den Firsten der Hütten.
Um diese Zeit hing Frau Kei Bonken ein schwarzes Tuch über die Schultern und ging aus der niederen Tür ihres Hauses, das im Ringe der wenigen anderen Häuser der Werft auf dem Eilande lag.
An der Aussenseite dieses Häuserringes fiel die Werftböschung gegen das Grasland ab; an der Innenseite lief ein mit runden Steinen belegter Weg von Tür zu Tür. Der bildete einen Kreis um den kleinen Süsswasserteich, aus dem das Vieh der Inselleute getränkt wurde. Aber kein Quell der Erde speiste diesen Fething: der Regen musste hineinrinnen und ihn füllen.
Mit gesenkter Stirn schritt Kei Bonken über die runden Steine des Weges auf der Werft. Sie ging langsam: wer dem Leid und der Einsamkeit nachgeht, hat keine Eile.
Die Frau hatte geweint, wie sie gegen den Abend hin ganz allein im Stüblein der Hütte gesessen hatte; denn in der dämmerigen Einsamkeit konnte sie Binne Bonken, ihrem neunjährigen Töchterlein, ihre rinnenden Tränen verheimlichen. Binne Bonken war heute in eins der Nachbarhäuser spielen gegangen; denn Mutter Kei Bonken hatte gedacht: Hertje Nomsen, das fröhliche blonde Nachbarkind, werde der Kleinen in das Herz lachen und ihr das Herz wieder froh machen. Bei Hertje Nomsen und ihrer Freude sollte sie bleiben, solange sie mochte.
Überdem trat Kei Bonken in das Haus des Schiffers Knudt Klähn. —
Um diese Zeit, wie die Nacht heimlich durch die Fenster bei Nomsen und um das Spiel der Kinder spann, das heute gar nicht so lustig werden wollte wie in früheren Tagen, da stahl sich Binne Bonken leise von Hertje Nomsen fort. Sie lief den Weg über die runden Steine, den die Mutter vor wenigen Minuten gegangen war, und lief nach Hause.
„Hat Mutter auf mich gewartet?“ fragte Binne Bonken halblaut zur Tür des stillen Stübleins hinein. Weil ihr aber keine Antwort wurde, öffnete sie die Tür vollends.
„Nicht daheim?“ sagte das Kind im Eintreten und ging auf den Zehen gegen das Fenster. „Ach so, Mutter wird ein wenig zu Goede Klähn gegangen sein, weil sie meint, ich sei zu Hertje Nomsen spielen,“ dachte sie laut.
Und Binne Bonken stützte das Kinn in die Hand und schaute mit ihren blauen stillen Augen hinaus in das sinkende Grau des verdämmernden Abends. Das Fenster klaffte oben ein wenig, weil nur der untere Haken in der Öse sass, und der Wind lief von der See her über das Grasland durch die Dämmerung.
Überall gingen die Lichter in den Häusern an.
Weil bei Kei Bonken noch kein Licht hell war, wunderte sich der Wind, legte den Mund an den Spalt des Fensters und sang hindurch. Er sang so laut, dass Binne Bonken gar nicht mehr auf den Schritt der Zeit hörte, der so vernehmbar aus dem braunen Kasten der Uhr im Winkel klang.
Und das eintönige Lied des Windes stimmte sich Binne Bonkens Seele. Die war drüben bei Nomsen nicht froher geworden; denn während die andern Kinder auf der Diele sassen, hatte Binne Bonken an dem Knie Uwe Nomsens gelehnt.
Uwe Nomsen ist der sechzehnjährige Junge mit den Traumaugen, der mit seinem Freunde Jochen Klähn des Abends immer auf das Pastorat geht und sich von dem Pfarrer lehren lässt. Uwe Nomsen möchte stets in des Pfarrers Büchern lesen und fragt ihn immer so viel und so sonderbar über Dinge, die kein Mensch weiss.
Heute, wie Binne Bonken an seinem Knie lehnte, hat er ihr von Stavenwüffke erzählt, von dem Weibchen, das in dem Kleid aus grauen Nebelschleiern mit einem Licht in der Hand am Strande läuft, wenn die Nacht kommt. Die Sage spricht: Stavenwüffke weiss, wo jene Schiffer geblieben sind, die nicht mehr heimkommen können, weil ihre Schiffe draussen versanken.
Mit verträumten Augen hat das Kind zu Uwe Nomsens Märchenmund emporgeschaut: die Geschichte ist so schön und traurig gewesen, die Uwe Nomsen von dem Stavenweibchen heute erzählt hat!
Jetzt, wie der Wind so durch den Spalt des Fensters sang, dachte Binne Bonken wieder daran und dachte auch daran, dass Uwe Nomsen gesagt habe: der Wind wisse noch viel schönere Geschichten als er; deshalb höre er oft hinaus in die Nacht, wenn der Wind draussen um die Hütten läuft. O, den Wind, den feuchten Schlickläufer, könne man recht wohl verstehen, meint Uwe Nomsen.
Darum lauschte das Kind jetzt am Fenster und sann in den Wind und sprach mit dem Wind — einmal er, und einmal Binne Bonken:
„Warum ist denn kein Licht bei Euch, Binne Bonken?“
„Weil Mutter noch nicht daheim ist.“
„Wo ist Mutter Kei Bonken?“
„Sie ist wohl zu Goede Klähn gegangen.“
„Und hat Dich ganz allein im Haus gelassen?“
„Ich ging zu Hertje Nomsen spielen. Aber Hertje Nomsen war mir heute zu laut. Ta hat mir ihr Bruder Uwe Nomsen die Geschichte von Stavenwüffke erzählt.“
„Bist Du nicht auch gern laut und singst Du nicht gern und springst über die Priele (Gräben), Binne Bonken?“
„Ach ja — früher wohl. Aber Vater ist tot. Seitdem nicht mehr. Seitdem sind wir still und traurig. Und Mutter weint auch manchmal ganz heimlich. Ich soll’s wohl nicht sehen, aber ich merk’ es doch, wie traurig sie ist.“
„Wo liegt denn Dein Vater Jürgen Bonken?“
„Ja, wenn ich das wüsste! Ich wollte heute Stavenwüffke nach ihm fragen, von dem mir Uwe Nomsen allerlei erzählt hat. Aber ich kann Stavenwüffke nicht sehen, wie lang ich auch schon zum Fenster hinausschaue.“
„So komm doch heraus zu mir!“ lockte der Wind. „Wir wollen Stavenwüffke suchen.“
„Dann hat Mutter Angst. Sie würde zu Hertje Nomsen laufen und mich ängstlich suchen, wenn sie mich dort nicht findet, und wenn ihr niemand sagen kann, wohin ich gegangen bin, würde sie noch viel trauriger sein. Sie sitzt wohl auch jetzt bei Goede Klähn und weint um Vater.“
„Wenn Du ihr aber sagen könntest: Mutter, ich habe Vater Jürgen Bonken gefunden! Komm, Binne Bonken, wir suchen am Strand!“
So lockte der Wind, so sang der Wind.
Da wandelte auf einmal weit drunten über dem Grasland ein Licht.
Binne Bonken, die es vom Fenster der Hütte aus sah, richtete sich hoch auf. Nun hörte sie den Wind nicht mehr fingen: der ist wohl dem Lichte nachgelaufen. Das wandert immer noch langsam seinen Weg am Watt.
Eine Zeitlang schaute das einsame Kind dem Lichte nach, dann sprang es hinaus, sprang die Böschung der Werft hinab und lief über das nebelnasse Gras. Und wie es dem roten Scheine nachschritt, dachte es daran:
Uwe Nomsen hat gesagt, mit einem solchen Lichte läuft Stavenwüffke. Uwe Nomsen hat auch gesagt: wenn ein Schiffer in See stirbt, so steigt seine Seele aus der Flut und irrt über das Meer bis in die Heimat. Dort erscheint sie den Ihren als „Gonger“, damit sie wissen, dass der draussen aus dem Leben geschieden ist.
Und jetzt schwamm der Mond sacht aus den Wassern; ein silberner Schein verriet sein Nahen. Und mit einem Male war eine Brücke quer über die See geschlagen, die war aus Silber.
Wenn die Sonne untergeht, ist diese Brücke golden.
Es ist eine Herrlichkeit, wie die Himmlischen bauen: alles aus Gold oder aus Silber! dachte Binne Bonken.
Und das Licht an der Halligkante lief immer vor ihr her, manchmal ein wenig landeinwärts, und manchmal tat es einen Sprung, wenn’s über einen Graben ging oder ein Sick.
Das Gras, über welches das zitternde Kind schritt, war weich und nachtnass — die Tritte versanken schier lautlos darin. Aber Binne Bonken ging dennoch auf den Zehen. Stavenwüffke flieht, wenn ein Mensch naht, hat ihr Uwe Nomsen verraten.
Manchmal schreit eine Wildgans draussen, wo die See auf das Watt steigt; die Flut ist im Anzug. Da tauchen die silbernen Muscheln, die auf den Watten liegen und von denen die Kinder so oft sammeln, in das rauschende Gewässer; da gehen alle Wattenwege unter. Und wenn Stavenwüffke jetzt etwa vom Halligvorland herunter- und hinauswandelt, weit hinaus, so kann das Kind nicht hinterdrein, wie zur Zeit der Ebbe.
O weh, nun ist das Licht fort!
Nein, da ist’s wieder.
Binne Bonken bleibt einen Augenblick stehen; der Atem zittert ihr über die Lippen, das kleine Herz schlägt ihr wie eine Glocke . . .
Was ist das nur? Es ist, als stehe eine grosse schwarze Gestalt vor dem Licht und verdecke es, und nur wie zwei goldene Flügel fällt der Schein zu beiden Seiten der schwarzen Gestalt in die Nacht.
Jetzt — jetzt wendet sich das Licht! Jetzt wird es weit fortgehen, weit fort auf das überflutete nächtliche Watt —
„Stavenwüffke!“ ruft Binne Bonken zitternd und atemlos und ist doch nicht einmal rasch gelaufen. Und noch einmal: „Stavenwüffke!“
Alle Angst des kleinen Herzens klingt hinein in dies eine Wort. Aber der Wind, der die Flut von draussen hereintreiben will und dem Kinde verrät, dass die Wellen schäumend schon an der Halligkante klingen, erfasst den Ruf und wirft ihn zurück bis an die Häuser der Werft.
Und jetzt — Tritte? Feste, sichere Tritte?
So läuft der Wind nicht und nicht die See! So geht aber auch Stavenwüffke nicht. Stavenwüffke weint leis in die Nacht, und wer ihm begegnet, hört sein Schluchzen. Und Stavenwüffke wandert lautlos, und um seine Füsse schlagen die Nebel wie weiche Schleier.
Das Kind lauscht. Und weil es ein Schreiten hört, wie das der Schiffer, die in Seestiefeln am Strande gehen, denkt es an Jürgen Bonken.
„Vater Jürgen Bonken, bist Du’s? Willst Du heim? Hat Dich die Sturzsee am ersten März nicht über Bord gespült?“
Und wieder zögerte das Licht. Manchmal war es, als irre es am Priel entlang, manchmal, als suche es einen Weg hinaus — hinaus auf das überflutete Watt.
„Jürgen Bonken!“ rief das Kind voller Angst. Und wieder und noch lauter: „Jürgen Bonken!“
Da wendete sich das Licht langsam und goss einen roten Strom über Binne Bonkens bleiches Gesicht und über ihr verwehtes gelbes Haar. Und eine rauhe Stimme fragte und konnte die Verwunderung nicht bergen: „Binne Bonken, was willst Du hier? Bist Du ganz allein herausgelaufen in die feuchte, dunkle Nacht?“ Eine warme Hand streckte sich dem Kinde entgegen: „Wen hast Du denn gerufen, Mädchen?“
„Vater Jürgen Bonken hab’ ich gerufen,“ schluchzte die Kleine. „Mutter Kei und ich — wir weinen um ihn. Und ich dachte, Du seist Jürgen Bonken.“
Da nahm Jochen Klähn, der das Boot im Priel verankert hatte, Binne Bonken an seine Hand, trocknete ihr den Schweiss auf der Stirn und führte das verängstigte Kind hinauf auf die Werft.
Zweites Kapitel.
Nicht lange nachher brannte hinter Kei Bonkens Fenster das Licht, während in den übrigen Häusern um den Fething die Lampen schon dort und da zu verlöschen begannen.
Binne schlief im Bettschrank, und noch aus ihren Träumen herüber klang ihr leises Schluchzen.
In dem Hause, in dem Kei Bonken um die Abendstunde geweilt hatte, um ihr Leid zu vergessen, sassen um diese Zeit auch die Klähns noch wach. Nur Urgrossmutter Eike Klähn waren die Lider müde zugefallen.
Sie sprachen von Binne Bonkens seltsamem Wesen und wunderten sich über den Reichtum in dieser jungen Seele.
Der Schiffer Knudt Klähn sass rauchend im Lehnstuhl aus schwarzgelbem Rohr, während die Stricknadeln von Frau Goede Klähn silbern hinter dem Ofen hervorklangen.
Goede Klähn hatte von der Küche aus vor kurzem noch einmal Dittena) aufgelegt, ehe sie sich in der Stube zur abendlichen Rast setzte. Und nun flammte ein trauliches Feuer im Beileger und spann seine sanfte Wärme durch das Zimmer. Der Pendelgang der Uhr war hörbar, wenn die Menschen schweigsam vor sich hinsannen, und manchmal unterbrach der weiche Schlag der rauchausstossenden Lippen die tiefe Stille im roten Lichte der Lampe.
„Hm,“ machte Knudt Klähn. „Woher weiss denn Binne Bonken überhaupt das Märchen vom Stavenweibchen?“ fragte der Schiffer seinen Sohn Jochen.
„Ach,“ entgegnete der blonde, hochgewachsene Junge fast unwillig, „Uwe Nomsen, der Träumer, hat’s ihr erzählt. Und noch dazu gegen Abend, zu einer Zeit, wenn Kei Bonken sonst schon daran denkt, die Kleine zu Bett zu bringen. Du weisst ja, wie unerschöpflich Uwe Nomsen in derlei Dingen ist und wie seine Augen hell werden, wenn er Märchen sinnen oder erzählen darf. Dann werden ihm die Augen tief wie Brunnen und leuchten in heimlichem Glanz. Sonst aber ist er schweigsam — und mir ist er zu still für einen, der leicht einmal mit seinem lauten Worte die brüllende See überschreien muss. Und viel zu versonnen ist er — denk doch: wenn der Sturm um die Lappen pfeift und die See über Bord springt, da darf einer kein Träumer sein.“
Jochen Klähn schwieg eine Weile und schaute seinen Vater fragend an: „Manchmal mein’ ich: Uwe Nomsen passt gar nicht in unsere Welt mit ihren tausend Fährnissen und mit ihrem ewigen Kampfe gegen die See. Er ist aus einer anderen Welt, nämlich aus der, die er sich erträumt. In der, die er sich so zurechtgemacht hat, wenn er Möweneier sucht und sich das Herz voll Sonne scheinen lässt, in der lebt er am liebsten, dort ist er daheim.“
So sprach Jochen Klähn, und Vater Knudt Klähn lächelte. Er freute sich seines tapferen Jungen, der schon jetzt die fernhinschauenden Augen hatte, die sich gewöhnt haben, den Saum der See auf kommende Wetter zu prüfen. Knudt Klähn freute sich seines tapferen Jungen, der in kniehohen Seestiefeln noch jetzt bei der Lampe sass, als sei er jeden Augenblick bereit, einer der Gefahren zu begegnen, die das Eiland stündlich umlauern.
„Vater,“ begann Jochen von neuem, „wenn ich nicht neben ihm herangewachsen wäre, so könnt’ ich nicht glauben, dass Uwe Nomsen ein Schifferkind, dass er ein Halligfriese sei. Haha, Stavenwüffke will er gesehen haben! Die Möwen hätten Kleider aus Silber, sagt er, und er behauptet, er könne den Wind sehen, wenn er schlickläuft: er trage grosse Seestiefeln und habe den Kalkstummel im Munde und die Hände in den Taschen . . .“
„Der Wind?“ fragte der Schiffer erstaunt.
Jochen Klähn schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: „Jawohl, der Wind! Er reite mit gespreizten Beinen auf dem Hausdach, sagt er. O, Uwe Nomsen, das ist ein Träumer! Neulich hat er sogar versucht, Verse aufzuschreiben.“
Während die beiden so sprachen, hatte Frau Goede Klähn die Hände mit dem Strickstrumpf in den Schoss gelegt, und sie hörte verwundert, was ihr Altester von dem Nachbarsohne berichtete.
Überdem schlug der weisse Fox an, kroch unter dem wärmelnden Ofen hervor und legte die Nase in den Spalt zwischen Tür und Pfosten. Draussen vor dem Hause auf dem Steinpflaster, über welches vorhin Kei Bonken gegangen war, klangen schwere Tritte; die klangen nun auch über die Vordiele.
Knudt Klähn hatte das Fenster der Stube ein wenig geöffnet und klopfte die Asche aus der Kalkpfeife hinaus.
„Das ist Ocke Frerksen! Er wollte heut abend noch ein wenig plaudern kommen; denn er fürchtet die Stille, die daheim um ihn ist, seit ihm das auf See widerfahren ist,“ sagte der Schiffer.
Der Hund bellte nicht mehr, sondern sprang wedelnd an dem Eintretenden empor. Der Kapitän musste ein wenig gebückt unter dem Türpfosten hindurchschreiten, reichte Goede Klähn die Hand zum Abendgruss und setzte sich neben Knudt Klähn an den mit braunem Wachstuch überspannten Tisch in der Mitte des Zimmers. Dann stopfte sich Frerksen den Kalkstummel mit schwarzem Shag und hüllte sich schweigend in eine Wolke blauen Tabakrauches.
Auch Ocke Frerksen trug kniehohe Seestiefel, und auch seine Augen waren wohl einst fernhinschauend gewesen wie die der beiden Klähns. Aber heute hatte das Leid feinen Staub darüber geblasen, und um den Mund des alternden Mannes, dessen Kommandoruf Wind und Wellen gar oft übertönt hatte, lag ein Zug herber Verschlossenheit. Er knöpfte die braune winterliche Joppe vor der Brust auf und lehnte sich mit einem Seufzer im Stuhle zurück.
Wie Jochen Klähn merkte, dass dem Kapitän das Herz schwer sei, sagte er: „Ich habe das Boot vorhin noch einmal verankert. Kapitän; es möcht’ ein Sturm kommen, und das Boot liegt weit draussen im breiten Priel.“
Frerksen legte die Hand ans Ohr: „Was sagtest Du? . . . Ach so! Woll, woll. Lang dauert’s nicht mehr, so wird schlecht Wetter in See. Das Nordlicht hat zu lange gestanden. Und das Nordlicht trügt mich nie.“
„Ich denke, das Wetter bleibt noch eine Zeitlang,“ warf Knudt Klähn ein.
„Nein, Klähn! Hast Du das Nordlicht nicht gesehen? Das Nordlicht stand auch am ersten März . . .“
Da verfinsterte sich des Kapitäns Stirn, und der Ton seiner Stimme sank, als er dumpf wiederholte: „Stand — auch — am ersten März, Knudt Klähn. Mir saust der Wind in den Ohren seit dem ersten März. Ich werde sein Rauschen nicht los. Immer braust er und will nicht schlafen, und ich hör’ ihn doch draussen gar nicht laufen. Wenn ich ihn die Hollerbüsche nicht biegen sähe, so wüsst’ ich nicht einmal, dass er da ist. Ich glaube, ich werde taub, Knudt Klähn.“
Ocke Frerksen schaute nach diesen Worten lange stumm auf die Diele. Es war nichts vernehmbar als der sanfte Schlag der Lippen an den Saugrohren der Pfeifen und der Schritt des Uhrpendels im Kasten.
Um den Mund Kapitän Frerksens wurden die Falten des Leides tiefer, als er wieder zu reden begann: „Ich weiss wohl, Ihr glaubt das nicht. Aber wenn die Nacht kommt, kann ich den Schlaf nicht mehr finden; das Rauschen in den Ohren weckt mich immer wieder auf. Darum lasst mich heute noch eine Stunde bei Euch. Mein Weib schläft schon. Und die beiden Jungen schlafen auch. Vorhin war’s — da hab’ ich an ihren Bettschränken gestanden und gelauscht, aber ich hörte sie nicht atmen. Das macht das Rauschen in den Ohren; es ist wie der Klang in den Muscheln des Watts. Ich will fortan nicht mehr fahren, Klähn. Es war zu furchtbar.“
Der Kapitän schwieg wieder, stützte die Arme in den Ellbogen auf die mächtigen Knie und sann zurück in die Sturmnacht des ersten März — in jene Sturmnacht, in welcher der „Amilhujo“, dessen Kapitän Frerksen gewesen war, Schiffbruch gelitten hatte.
Da brach Jochen Klähn das bange Schweigen: „Das Wrack des ‚Amilhujo‘, das solange draussen auf dem Sande gelegen hat, ist übrigens fort und auf Knudts-Hörn aufgetrieben. Wir sahen’s diesen Nachmittag gehen — es trieb immer die Norderaue entlang.“
Der Kapitän hörte nur mit halbem Ohre hin. „Woll, woll . . . es war zu furchtbar.“
Und weil Frerksen so redete, merkten die beiden, er hatte nicht verstanden, was ihm Jochen Klähn berichten wollte. Sie schauten sich beklommen an.
Überdem sprach der Kapitän weiter, mehr zu sich als zu den anderen: „. . . um ein Uhr nachts war Jürgen Bonken noch an Bord. Ich stand an Achterdeck, und der Wind lief steif von Nord-Nordwest. Da gab’s kein Kommando mehr. Nur der Sturm brüllte. Jeder tat, was er zur Rettung seines Lebens für gut hielt. Und die Sturzsee kam und schlug mich gegen die Bordkante; das hab’ ich mit diesen beiden Zähnen bezahlen müssen. Und wie sie vorüber war, waren wir nur noch ihrer drei; die übrigen hatte die See über Bord gespült. ‚Jürgen Bonken!‘ rief ich und noch einmal: ‚Jürgen Bonken!‘ Aber Jürgen Bonken war nicht mehr da, und er hat keinen Ruf mehr getan . . . Meiner Meinung dreiviertel Meile nördlich Norderhörn. Wir mussten wohl gegen Marschnack auftreiben. Das wäre gut gewesen, wenn wir nur hätten Ketten ausstechen können. Aber wir hatten ja keinen Anker mehr! Und dann kam das Licht. Es war ein Nebel wie nie zuvor. Da stiess der ‚Amilhujo‘ durch und sass fest. Und ich sah: von allen Bootsleuten waren nur noch Karsten Hansen und Momme Tamen übrig, die hatten sich mit Tauen an die Maststümpfe geschlungen . . . wir hatten Leck . . . und wie die See wieder anstürmte, da rief Momme Tamen: Kapitän, hörst Du mich?‘ — ‚Ja, Tamen, ich höre!‘ — ‚Kapitän, wenn Du diese Nacht überlebst, so sorg für mein Kind, Kapitän! Gott lohn Dir’s!‘ So bat Momme Tamen. Es war bitter kalt . . . Da ist dem Manne das Herz erfroren . . . Weiter weiss ich nichts mehr, Knudt Klähn.“ —
Das trübe Schweigen wollte sich wieder über die drei legen, aber Knudt Klähn verscheuchte es: „Hm. Auch Karsten Hansen war totgeblieben. Seine Kleider starrten vor Eis. Es war gegen Mittag, als wir die Boote zu Eurer Rettung an das Wrack heranbrachten, das wir wegen des Nebels ja nicht früher sehen konnten. Und dann haben wir drei Tote herübergefahren, drei Tote . . .“
Dem Schiffer Klähn stockte das Wort im Munde —
„. . . von denen Ocke Frerksen wieder lebendig ward!“ ergänzte der Kapitän dumpf und saugte hastig an der erkalteten Pfeife.
Sie redeten noch eine Weile, und der Wind ward lauter und lief geschäftiger um die Häuser der Werft.
Frerksen klopfte die Asche aus dem Kalkstummel: „Drei Tote — Karsten Hansen und Momme Tamen haben sie begraben — und Ocke Frerksen ist auch nicht wieder richtig lebendig geworden . . .“
Frau Goede Klähn goss den braunen Tee in die flachen Schalen; aber das Herz des Kapitäns fand sich in dieser Nacht nicht heim in die Traulichkeit dieses Hauses. Die Schrecken des Sturmes, der den „Amilhujo“ in wildem Spiel über die nachtschwarzen Wogen getrieben hatte, bis er ihn zerschellte, krochen heute wie Gespenster um Ocke Frerksen. Und wie ein Gespenst scheuchte die bange Ahnung alle Freude von dem alten Manne, die bange Ahnung, dass er nie wieder in einen Sturm auf der See sein Kommando rufen werde.
Gegen Mitternacht sprang der Wind um und lief nun von Nordwesten über das Eiland.
Da drückte sich der Kapitän den brüchigen Südwester fest auf die Ohren und ging heim. Wie er sich an dem feuchten Zaun entlanggriff, weil die Wolkengespenster das Licht der nächtlichen Himmelslampe mit nassen Fingern ausgetan hatten, hielt er die Hand prüfend in den Wind und wandte sich um.
„Nordwest! Siehst Du, Knudt Klähn, ich hab’ das Nordlicht gesehen!“ ries er dem Schiffer hinüber, der gerade die Haustür schloss.
Und Frerksen kam nach Hause und sass noch lange im Lehnstuhl, sann im Lehnstuhl und dachte der Zeit, in der er den Tod erlebte und wieder erwachte.
Vier Wochen waren seitdem vergangen; vier Wochen war Jürgen Bonken tot, und ebensolange war Ipke Tamen, der neunjährige verwaiste Junge, im Hause Ocke Frerksens und nannte den alternden Mann „Vater“.
Und wie er so sann und wie ihm die kurze Kalkpfeife immer wieder zwischen den Zähnen kalt wurde, trat er plötzlich an das Fenster und horchte hinaus. Er wusste: der Wind steht steif aus Nordwest, und der Wind singt um die Dächer und Giebel. Aber Frerksen hörte ihn nicht. Und er starrte vor sich in die Nacht und nahm eine Lampe von dem Wandbrette. Die zündete er an und nagelte sie auf die Fensterbank, dass sie ihren goldenen Schein in das Dunkel werfe, weit hinaus auf die See — ein Wegweiser für die, die draussen sind. Und die Lampe hat seit jener Stunde in jeder Nacht auf dem Fenster in des Kapitäns Hause gebrannt.
Drittes Kapitel.
Wie der graue Morgen nach einer verstürmten Nacht im Nebelmantel gekommen war, befand sich Knudt Klähn mit seinem jüngeren Sohne Jens bereits unten am breiten Priel, an dem Jochen gestern abend das Boot verankert hatte. Der Nebel schlug sich nieder, und das Segel des Bootes wurde gehisst. Ein günstiger Wind trieb das Schifflein vor sich her, jener Stelle entgegen, an welcher im Frühlichte die verschwommenen Umrisse der kleinen Hallig Habel mit der einzigen Werft sichtbar wurden.
Währenddem sass Jochen Klähn mit Urgrossmutter Eike in der Stube, nähte ein Segel aus rotbraunem Linnen und erzählte der greisen Frau, die zeitweilig das Spinnrad in Bewegung setzte, von der Sorge des Kapitäns.
„Olk,“ sagte Jochen, „Ocke Frerksen ist bis Mittemacht geblieben.“
Wie die Alte von Ocke Frerksens Leid erfuhr, zerbrach ihr der Faden zwischen den zitternden Fingern; sie legte die Hände in den Schoss und sann mit geschlossenen Augen zurück in eine ferne Zeit. Unter der schwarzen Friesenhaube hervor fielen die dünnen schneeweissen Strähnen ihres Haares, liefen um die faltenreiche Stirn und ringelten sich vor den Ohren zu silbernen Schnecken, deren jede von einer schwarzen Nadel durchstochen war.
Wie schlummernd sass die Greisin lange gegen die Rückenstütze des Holzstuhles gelehnt. Um ihre Lippen kam jenes Zucken, das die tiefen Falten ihres Gesichts in seltsamem Spiele bewegte.
„Was sinnt Olk Eike?“ fragte Jochen Klähn, dessen Nähfaden durch das braune Segeltuch glitt.
Da faltete die greise Frau die Hände. „Ich denke daran, dass Dein Grossvater und der Kapitän zusammen Kinder waren und dass beide die blaue Ader über der Stirn hatten. Die Leute sagen, sie sind gezeichnet gewesen. Deinen Grossvater, den ältesten meiner Söhne, hat die See verschlungen, und von den Halligleuten ist keiner unglücklicher gefahren als Ocke Frerksen . . .“
Dann verfiel die Alte in stummes Sinnen, und als sie wieder zu ihrem Urenkel herüberblickte, der auf der Schiffskiste sass, da war’s, als besinne sie sich auf etwas. Jochen Klähn wunderte sich darüber nicht. Die Alte sprach oft zusammenhanglos, zerrissen, und jetzt sagte sie: „Hast Du Nägel aus dem Schränklein bei dem Wandbrette geholt?“
Jochen Klähn merkte, dass die Neunzigjährige sich wohl noch nicht recht aus der anderen Zeit zurückgefunden hatte, in der sie soeben mit ihren Gedanken gewesen war.
„Nägel?“ fragte Jung Jochen. „Wann hat denn Grossmutter das wahrgenommen?“
„In dieser Nacht.“
„Nein, Olk.“
„So war’s Dein Vater?“
„Nein.“
„Ich hab’s aber gehört.“
„So hat Urgrossmutter geträumt.“
Aber Olk Eike sträubte sich: „Nein, Kind, nein; denn ich sass wach im Bette, sass lange wach; der Husten kam so oft und weckte mich immer von neuem. Es war längst Mitternacht vorüber. Ich hörte den Wind und wusste: er läuft nun aus Nordwest. Ich meine, wenn ich deutlich vernommen habe, dass der Wind sich wendet — denn er hat eine andere Stimme, wenn er über die See her läuft — so wird das mit den Nägeln wohl auch richtig sein.“
Jochen Klähn suchte die Alte auf andere Wege zu führen. „Ocke Frerksen hat das Nordlicht gesehen,“ berichtete er geschäftig, „und Frerksen sagt: wenn das Nordlicht steht, wechselt das Wetter. Der Kapitän hat recht gehabt.“
Jochen hoffte, Grossmutter Eike werde nun vergessen haben, was sie in der Nacht gehört haben wollte. Aber die Alte begann von neuem: „Und wie ich so wach sass und den Schein aus Frerksens Fenster gehen sah, der bis hinunter über die Fenne lief, da sah ich auch, dass sie mir das Sterbehemd anzogen.“
Die Alte sprach leise, sprach aber mit der Ruhe und Sicherheit, mit welcher sie immer berichtete, wenn sie das „zweite Gesicht“ gehabt hatte.
„Olk hat geträumt,“ warf Jochen Klähn ein, legte das Segellinnen beiseite und trat ans Fenster.
„Nein, ich habe das gesehen. Dort hab’ ich gesessen, dort stand ein Stuhl, dort das Waschwasser, dort lag die Seife . . .“
Die Alte deutete und erzählte umständlich, sie erzählte immerfort, und in ihre Augen kam der Glanz, der sommertags in ihnen war, wenn sie einen Sonnennachmittag von dem Stuhl an der Rückwand des Hauses über die blendende See geschaut hatte. Dann lag die Bibel auf ihrem Schosse, und sie blätterte in dem alten Buche; aber sie las nicht darin. Sie konnte das Evangelium auswendig. Und ihre Augen taugten längst nicht mehr, Gedrucktes zu sehen. So dämmerte sie auch jetzt vor sich hin, als sie ihre Augen nach dem Berichte über die Erscheinung der letzten Nacht geschlossen hatte.
„Wo ist Dein Vater?“ fragte sie Jochen Klähn nach einer Weile.
„Er ist nach Hallig Habel gesegelt und hat Jens mitgenommen. Sie wollen schauen, wie’s drüben steht; denn die Leute haben gestern erzählt, Tante Sikke sei fort.“
Da liess die greise Frau den Faden ihren Händen abermals entgleiten: „Sikke ist fort — von meinem Sohne Ketel?“
Jochen Klähn nickte lachend: „Olk sagt recht — von Onkel Ketel. Aber nun muss Vater bald zurück sein; denn sie sind schon mit dem Frühlichte fort und haben guten Segelwind.“
Olk Eike hatte den Faden, der ihr vorhin zwischen den Fingern zerbrochen war, noch nicht wieder aufgenommen. Und nun, da sie erfahren, was man ihr gestern verheimlicht hatte, da sie erfahren, dass die Frau Ketel Klähns den einsamen greisen Mann auf dem kleinen Eilande Habel verlassen habe, mit dem sie die Inselstille über dreissig Jahre geteilt hatte, nun schloss sie ihre müden Augenlider. Es war, als wolle sie das Leid vorübergehen lassen, das ihr in dieser Nachricht entgegenkam. Dann legte sie die zitternden Hände auf die Knie: „Es hat kein guter Stern über meinen Kindern geschienen: Deinen Grossvater nahm mir die Flut; und Ketel ist der letzte meiner Söhne und hat ein Menschenalter mit der See gekämpft. Sie hat ihn nicht verschlungen; aber sein Kampf gegen sie war lang und vergeblich. Sein Leben war ein Leben voll Mühe und Arbeit — ich weiss, sie sagen: das wär’ ein köstlich Leben. Die See hat sein Land gefressen, und er hat ihr nicht wehren können. O, die Macht der See ist grösser als Menschenmacht; und die Weisheit Gottes ist höher denn Menschenweisheit. Er vertilgt Deine Hallig und, Ketel, mein Sohn, Du hältst sie nicht!“
Die Alte hob die Hände wie eine Seherin. —
Wie Jochen Klähn einen Blick durchs Fenster tat, erkannte er die Umrisse der einzigen Werft auf Habel noch deutlicher; denn der Tag war sonnenklar geworden. Aber die Alte sah nicht mehr in diese Fernen.
Und jetzt redete sie mit sich: „In dem Jahre nach der grossen Flut ist er geboren. Wie alt ist Onkel Ketel dann?“
„Fünfundsechzig Jahre,“ rechnete Jung Jochen.
Die Alte wiederholte die Zahl dieser Jahre mit einem verwunderten Schütteln des Kopfes. „So mag er es nicht mehr erleben, dass seine Heimatscholle unter ihm fortbricht, dass ihn auch die Heimat verlässt, wie ihn die Liebe verlassen hat. Wie lang ist’s doch, dass sie sich hatten — Ketel und sein Weib Sikke? Dänisch waren wir noch — ganz richtig, noch lange dänisch.“
Jochen Klähn rechnete: „So mögen’s mehr denn dreissig Jahre sein.“
Da lachte die alte Frau, und das Lachen war doch schon seit einem Menschenalter auf ihrem melken Antlitz gestorben gewesen.
„Wir hören immer die See rauschen.“ pflegte Urgrossmutter Eike zu sagen, „und wir hören, wie der Wind weht und sich mit den Wogen beredet; und Wind und Wogen führen sonderen Zwiespruch. Der stimmt sich unsere Seelen, und wer ihn versteht, bei dem hat die laute Freude hinfort keine Statt.“
Aber heute lachte Eike Klähn, deren Enkel der Schiffer Knudt Klähn war, der vierzigjährige, trutzige, tapfere Mann, dem der Seewind das Herz hart gemacht hatte, hart wie Erz mit seinem Mut, aber weich — und rein und blank wie eine Kirchenglocke: so läutete dies Herz durch Knudt Klähns Tage, und Jochen Klähn, der Sohn, ging dieser Glocke nach und liess sich von ihr den Weg weisen.
Wie der Junge jetzt gegen den Strand blickte, sah er, dass drunten ein braunes Segel inselwärts flog.
„Das Boot ist in Sicht, Olk!“ verkündigte Jochen.
Und nicht lange, so hatte es an der Halligkante angelegt und das Klüwer fuhr dal.
Der zehnjährige Jens stürmte alsbald die Werft herauf und sprang durch die Tür. Sein Auge strahlte eine lustige Botschaft vor ihm her.
„Sie ist wahrhaftig fort, Tante Sikke ist fort! Und was sie getan hat? Einen Brief hat sie an Onkel Ketel geschrieben, in dem steht: ‚Du brukst mi gor ni to bitten, ik komm doch ni!‘“ So berichtete er hastig und lachend.
„Und Onkel Ketel?“ unterbrach Jochen den stürmischen Jungen.
„O, Onkel Ketel hat gesagt, sie hätt’ ihren Witz nicht mehr, hat die weissen Haare aus seiner Stirn gestrichen und gemeint: ‚Ik hev ihr schrewen: Bitten tu ik Dich ni; wenn ik Di langen kunt, wull ik Di bieten (beissen)!‘“
So schrieb Ketel Klähn im fünfundsechzigsten Jahr seines Lebens, im sechsunddreissigsten seiner Ehe. Bei Ketel Klähn war der Humor zu Gast, nachdem der Mann ein Menschenalter hindurch mit seiner Mühe und mit seiner Sorge Götzendienst getrieben hatte.
Weltverloren lag das Eiland Habel draussen in Wind und See, auf dem Ketel Klähn, Olk Eikes jüngster Sohn, seine Siedlung sich gebaut hatte. Er hatte auf dem flachen Grasland, das kaum ein halbes Meter über den Spiegel der See herausragte, die Werft aufgeworfen und seine Hütte auf diese Werft gestellt.
Keiner hatte ihm dabei geholfen; und keinen hatte nach Ketel Klähn noch gelüstet, die verlorene Stille von Habel mit ihm zu teilen.
Und als er vor einem Menschenalter seine Werft und sein Haus auf die Scholle inmitten der rollenden Flut gestellt hatte, die ihn von Stund’ an zum Kampfe herausforderte, da warb er um Sikke. Mit Frau Sikke und mit der endlosen Einsamkeit hatte er seine Tage verlebt und war darüber ein alter Mann geworden.
Manchmal, wenn Ketel Klähn an der Kante seiner Hallig dahinschritt und über die blanke See schaute, tauchten die Umrisse von Klähns Hallig aus der Klarheit des Tages: dort drüben lebte Eike Klähn, seine Mutter, ihr Leben zu Ende.
Und oft war ihm, als sei ein Rufen in dem Licht über der Flut: das Rufen einer Mutter, die dem einzigen Sohn, den ihr die See gelassen hatte, noch ein Wort zum Abschied aus dem Leben sagen wolle.
Und in solchen Stunden zog der Einfiedler von Habel das Segel seines Bootes hoch und steuerte gegen Klähns-Hallig.
Aber so oft er kam — immer fand er die Alte in gleicher Stetigkeit und Stille am Spinnrad sitzen. Oder er fand sie an der Sonnenwand von Knudt Klähns Hause, wie sie über die See schaute, als erwarte sie noch eine späte Freude. Und wenn sie auch immer ein wenig müder geworden war, an das Sterben dachte Eike Klähn nicht.
Und mählich bleichten die Jahre Ketel Klähns blondes Haar und machten es silbern wie das der Mutter. Aber seinen Mut im Kampfe gegen die See und seinen Willen brachen sie ihm nicht.
Immer frass die Flut gierig an der Scholle Landes, die Ketel Klähns Armut und ganzer Reichtum war. Die trug ihm jährlich eine Dieme Heu und ein wenig Grünfutter für die zwei Kühe. Die Milch der Kühe, die übrig war, nährte zwei Schweine. Und was er sonst brauchte, tauschte Ketel Klähn im Herbst, ehe See und Wind ihm den Weg nach dem Festlande wehrten, gegen das eine der gemästeten Schweine ein. Und die Möwen legten ihm in jedem Frühling ihre Eier in den Sand der Halligkante; und in den Herbstnächten oder in dem stillen Mondlichte des Spätsommers ging er auf das trockenliegende Watt und schlug die schlummernden Wildenten mit dem Netze.
Aber jahraus, jahrein frass die Flut gierig an der Scholle Landes, die Ketel Klähns Eigen und Hoffnung war. Darum stand der breitschulterige starke Mann vom Frühling bis in den späten Herbst tagsüber in dem Kleigrunde des Wattenmeeres und versuchte der See wieder zu entreissen, was sie ihm über Nacht von seinem Lande genagt hatte.
Allein die Kraft der Wogen war gewaltig. und der Kampf, den Ketel Klähn ein Leben lang kämpfte, war ungleich. Die See nagte mit tausend Zähnen und schlug mit hundert starken Fäusten — und Ketel Klähns Waffe war nur eine Schaufel.
Da ward sein Dasein Sorge, und war doch vordem ein freudiger Kampf gewesen.
Dieser grämlichen mitleidlosen Sorge lebte nun Ketel Klähn. Die schlug ihm Falten in die Stirn und um den Mund; die verschloss sein Herz der Liebe und Teilnahme, die blies ihm einen Nebel auf den Glanz seiner Augen, die beugte ihm die Schultern. Und mit dieser Sorge trieb Ketel Klähn Götzendienst.
Daran trug die Liebe zur Heimaterde die Schuld. Er sah diese Erde unter seinen Füssen fortbrechen, und er wollte sie halten. Er sah die See ihre Zähne täglich tiefer in den Leib seiner Hallig schlagen, und er wollte die karge Scholle dem gierigen Rachen entreissen.
Aber die Menschen sahen fremden Auges des Alten Beginnen, und die davon erfuhren, sagten: das sei eitel Mühen.
Der Kampf mit der See ist verloren; denn die See ist übermächtig in ihrer Kraft. Die See ist stark wie Gott: sie fegt Länder und Menschen von hinnen und lässt Länder erstehen, wie sie will, und keiner wehrt ihr. Und die See greift mit gewaltigen Armen über die Inseln und führt von dannen, was sie mag. Und keiner wehrt ihr. Und sie formt sich die Menschen in ihrem Bereich, löscht die laute Freude auf ihren Lippen und legt auf ihre Stirnen den schweigsamen Ernst. Sie allein hat das Wort; sie zeichnet ihren Menschen die Bahn, und keiner wirkt ein Werk, ohne sich zuvor mit ihr zu bereden — mit ihr und mit Gott, dem auch die See dumpfgrollend gehorchen muss.
Viertes Kapitel.
Die Lerchen hingen an den Sonnenstrahlen klingend im Frühlingslicht.
Eike Klähn hatte das Totenhemd immer noch nicht angezogen; aber als sie vom Rathause der Stadt drüben am Festlande eines Tages um Altertümer und Sehenswürdigkeiten als Zeichen lebendigen oder sterbenden Volkstums auf den Frieseninseln baten, da weigerte Eike Klähn, die Seherin, die vorübergehende Herausgabe des kunstvoll gearbeiteten Linnens mit der seltsamen Stickerei, das ihr Grabkleid war und an dem sie ein Lebensalter gewirkt hatte:
„Das geht nicht; denn ich werde sterben, weil ich in jener Nacht, in der Binne Bonken Stavenwüffke suchen ging, gesehen habe, wie sie mir das Totenhemd als letztes Kleid antaten.“
Und wenn in diesen Tagen Eike Klähn ein Rauschen hörte, oder wenn sie hörte, wie der Wind um die Fenster schliff, so hob sie fragend die Augen — ob es der Tod sei, der sie an der Hand nehmen wolle.
Und Eike Klähn gab das teure Linnen nicht; denn es war ihr Stolz und war ihr Reichtum.
Aber Eike Klähn starb auch nicht. Geschlechter hatten sich zur ewigen Rast gelegt; hundertmal war das Schiff des Todes mit den schwarzen Segeln, von dessen Achterdeck das flatternde Linnen des stummen Steuermanns weht, im Winde an die Kante der Hallig getrieben, aber Eike Klähn hatte der Tod die harte Hand nicht aufs Herz gelegt. Elf von den siebzehn Frauen des Eilands waren in einer Nacht Witwen geworden — Eike Klähn hatte der Tod vergessen.
Und nun sass die alte Frau wieder draussen im Frühlingstage, das Gesicht gegen den Mittag gewendet, und nun litt sie wieder, wie die Sonne mit ihrer segnenden Hand ihre welke Stirn streichelte, und ward froh, wenn sie ihr die warmen Lippen auf den verwelkten Mund legte; denn es war sonst niemand, der diesen Mund küsste.
Unter den trillernden Lerchen zitterte die Luft. Die See schickte ihre Wellen schmeichelnd herüber in den Duft der jungen Blumen. Und ganz draussen am Ende der Hallig stand der Frühling mit goldenen Flügeln und streckte seinen Arm über das lachende Eiland. Da fielen aus seinen Händen Blumen ins Gras. Auf den Weidefennen gingen die roten Kühe, schritten die Schafe mit den hüpfenden Lämmern. Und die Herzen der Menschen läuteten in jauchzender Freude hinein in das heilige Licht.
Fünftes Kapitel.
In einem Sick, dicht an der Halligkante, das die letzte Flut sich gewühlt und mit salzigem Wasser gefüllt hatte, spielten um diese Zeit Jens Klähn und Ipke Tamen, der jüngere Pflegesohn Frerksens. Sie liessen papierene Schiffe schwimmen und hatten den Erhöhungen im Sick die Namen der nordfriesischen Inseln gegeben. Jens Klähn warf in sein Schiff weisse Muschelschalen als Fracht: „Ich fahr’ nach Sylt. Die Lappen auf! Die Anker hoch!“
Aber Ipke Tamen senkte die Fäuste in die Hosentaschen und liess sein leichtes Fahrzeug im Hafen. Er schmollte: „Nach Sylt? Nein, das ist mir zu weit. Du weisst wohl nicht mehr vom ersten März — wie Jürgen Bonken totblieb und meinem Vater draussen das Herz erfror? Die wollten auch nach Sylt mit dem ‚Amilhujo‘ . . .“
Jens Klähn guckte verächtlich auf den zaudernden Jungen: „Die trieb der Sturm nachts von den Ketten. Das ist doch etwas ganz anderes!“
Aber Ipke Tamen blieb dabei: „Nein, nach Sylt ist mir zu weit. Denk an Jürgen Bonken und an meinen Vater, sag’ ich!“
Wie die Knaben so redeten, richtete sich ein Stück weiterhin Binne Bonken empor und sah nach ihnen herüber; sie hatte mit Hertje Nomsen am Rande des Watts aus weicher Kleierde in sauberen Muschelformen Knerken gebacken. Ihres Vaters Name war ihr ans Ohr geklungen. Nun liess sie die blaue Muschel fallen, legte die leichtgeschlossene Rechte an den Mund und sah unter der Stirn hervor. Sie war traurig und dachte jenes Abends, in den sie hineingelaufen war, um Stavenwüffke nach Jürgen Bonken zu fragen.
„Du darfst nicht so laut sein, Ipke Tamen,“ mahnte Jens Klähn, „Du weisst doch, Binne Bonken sucht dann nachts wieder ihren Vater am Strande und läuft den Irrlichtern nach!“
In Binne Bonkens Augen glänzten die Tränen. Aber sie wagten sich nicht heraus in das Sonnenlicht, nicht heraus in die lachende Lust des Frühlingstages; sie fanden keinen Weg die Wangen herab, auf denen lauter Maienglück wohnte.
Wie die Jungen Binne Bonkens Traumaugen sahen, schwiegen sie.
„Siehst Du,“ sagte Jens Klähn, „Binne will weinen, Du verdirbst ihr die Freude.“
Aber Ipke Tamen hörte diese Worte nicht mehr; den Kopf hintenübergebeugt, stand er schon mit erhobenen Händen im Grase, und die Augen der anderen Kinder folgten seinem deutenden Finger; droben schwamm ein Storch mit breiten Schwingen in mächtigen Kreisen über der Hallig.
Der Mund blieb den Kindern offenstehen, und Ipke Tamen wunderte sich: „Gebt acht, das gibt etwas! Wie er die Beine ausstreckt und wie er, ohne mit den Flügeln zu schlagen, doch in den Lüften bleibt!“
„Er kommt immer tiefer! Er will sich auf ein Dach setzen!“
Da fiel es Hertje Nomsen ein: „Ich sag’ Euch, wenn ein Storch kommt, so bringt er einem ein Brüderchen oder ein Schwesterchen.“
„Ist ja all Unsinn!“ brummte Ipke Tamen.
„So — Olk Eike Klähn wird’s wohl wissen,“ meisterte ihn Jens Klähn.
Aber Ipke Tamen liess sich nicht irre machen: „Uwe Nomsen wohl auch, he? Uwe Nomsen seine Geschichte von den kleinen Kindern gefällt mir übrigens famos . . .“
„Hurra, da sitzt er! Hurra, ein Storch auf Ocke Frerksens Haus!“
Und jetzt fiel es auch Binne Bonken ein: „Wo ein Storch auf dem Hause sitzt, gibt’s eine Braut.“
„Hurra, der Kapitän nimmt eine Braut! Was macht er dann aber mit Krassen Frerksen, seiner Frau?“
Jens Klähn sah den vorlauten Jungen, der seit dem ersten März doch bei Ocke Frerksen daheim war, unfreundlich von der Seite an: „Ipke Tamen, Du hast uns zum besten! So hat das Binne Bonken gar nicht gemeint! — Mutter sagte übrigens, die kleinen Kinder kämen aus der Hummerkiste.“
Aber Ipke Tamen wusste das besser: „Junge, Junge, die Hummerkisten sind nichts weiter als ein schlechtes Strandgut; die haben die Schiffer auf See über Bord geworfen, wenn sie ihnen leer geworden sind. Du hast genug an der Kante antreiben sehen — aber ein Kind hast Du noch in keiner gefunden.“
Hertje Nomsen zweifelte: „Aber die Frau von Ekke Nekkepenns könnte doch ein Kindlein hineinsetzen, wenn eine Hummerkiste lange als Strandgut liegt? So denken sich das die Leute auch.“
„Das ginge schon eher an,“ sagte Ipke, der Skeptiker, „aber ich weiss die Sache ganz anders von Uwe Nomsen, und Uwe Nomsen kann das fein erzählen. Wir haben neulich den ganzen Nachmittag davon gesprochen.“
Ipke Tamen verstand es, die drei neugierig zu machen.
„Soll ich Euch erzählen?“ fragte er.
„Na, was sagt denn Uwe Nomsen? So red doch, Du!“ stiess ihn Jens Klähn an.
Und schon setzten sich alle voll grossäugiger Erwartung ins Gras.
„Also los! Damit Ihr endlich mal klug werdet, wie sich’s für grosse Kinder schickt!“
Nun hockten sie um Ipke Tamen herum, so dicht beisammen, dass die gelben Haare der vier Köpfe ineinanderwehten. Und der Wind lief leis um sie herum, der sonnengoldene Seewind, und streichelte die gelben Haare und die roten Blumen im grünen Grase. Nun sassen sie um Ipke Tamen mit so verlangenden leuchtenden Augen, nur Ipke Tamen allein hatte nicht vergessen, den Mund zu schliessen. War auch keine Kunst — der wusste die Geschichte schon.
Und Jens Klähn stiess ihn noch einmal an. „Also!“ rief er ihm ungeduldig zu und nahm ihm dieses Wort von den Lippen, weil er wusste, dass Ipke Tamen jede Geschichte mit „also“ beginne.
„Also —“ endlich, das war der Anfang!
„Uwe Nomsen sagt: Vor alten Zeiten, wie das Wünschen noch geholfen hat, ist einmal die Frau von Ekke Nekkepenns in schwerer Not auf dem Watt gesessen und hat ihre Meerfrauen um Hilfe gerufen. Hat aber keine gehört; denn die Nixen hören bekanntlich bloss, wenn sie im Wasser gerufen werden. Ran, was Ekke Nekkepenns seine Frau ist, hat aber immer weiter geklagt, und weil um diese Zeit gerade eine Halligfrau draussen auf dem Porrenfang gewesen ist, so ist sie zu ihr hingegangen und hat der schönen Seejungfer in ihren Nöten beigestanden. Ich sag’ Euch, schön ist die gewesen, es ist nicht zu sagen. Einen Reif ans Silber hat sie in den goldenen Haaren gehabt und kleine Muschelperlen in den Ohren. Eine Reihe silberner Perlen hat sie um den Hals getragen; an der haben rote Korallen wie Blutstropfen gehängt. Diese Kette hat sie der Halligfrau zum Lohne mit auf den Heimweg gegeben. Die hat ihr Lebtag keine Porren mehr fangen müssen! Und noch einen Lohn sollten die Halligfrauen haben: sie sollten hinfort ihre kleinen Kinder aus dem Wasser fischen, wenn sie welche haben wollten . . .“
„Warum denn das?“
Ipke Tamen überlegte. „Das ist jedenfalls am einfachsten. Darüber muss ich doch Uwe Nomsen noch einmal fragen — der weiss in derlei Dingen genau Bescheid. Also seit jener Zeit holen die Frauen ihre kleinen Kinder aus dem Wasser, und das mit dem Storch ist ein Märchen . . .“
„Aus der Hummerkiste!“ jubelte Hertje Nomsen und klopfte in die Hände.
„Nein, nein, so lass mich man erst fertig sein!“ warf Ipke Tamen ein. „Da hat nun Ran, die schöne Meerfrau, eine Seejungfer zur Bewachung der Kleinen hingesetzt. Aber die Seejungfer soll sehr ärgerlich darüber sein.“
„Warum denn das?“ wollte Jens Klähn wieder wissen.
„Weil die Kinder, welche von den Halligfrauen geholt werden, dem Geschlecht der Meerbewohner verloren gehen. Nixen und Wassermänner werden seitdem immer weniger. Und jedesmal, wenn eine Frau ein Kind holt, gerät die Wächterin ausser sich vor Zorn. Einmal ist es geschehen, da ist eine Halligfrau vom Mähen gekommen und hat, die Sense über der Schulter, ein Kind begehrt. Aber wie sie sich danach gebückt hat, ist die Flut gekommen, und weil die Frau draussen auf dem Watt kniete, ist sie ertrunken. Die Sense aber hat die Wasserfrau behalten. Und wenn eine von der Hallig ein Kind sich fischen möchte, so darf’s ihr die Seejungfer zwar nicht wehren, aber sie hackt die Frau mit der Sense ins Bein. So sagt Uwe Nomsen.“
Sechstes Kapitel.
In den Tagen, in denen der grüne Sammet des kurzen Halligrasens weicher wurde und deren goldene Morgen voll Staunen die bunten Wunder betrachteten, die die Nächte heimlich in das schwellende Grün gewirkt hatten, ward Ipke Tamen häufiger an der Seite Uwe Nomsens gesehen; die Geschichte mit der schönen Meerfrau hatte den Kindern noch für die nächste Zeit zu denken und zu reden gegeben.
Und weil Hertje Nomsen und Jens Klähn durch mancherlei Fragen endlich auch in Ipke Tamen den Zweifel geweckt hatten, musste Uwe Nomsens unerforschliche Weisheit Rat schaffen.
Nur Binne Bonken hatte sich bei dem beschieden, was der Junge damals berichtete. „Das ist vernünftig von Binne Bonken gewesen,“ meinte Ipke Tamen, „sonst freilich ist mit ihr nicht viel anzufangen; denn in ihren Traumaugen laufen immer gleich die Tränen zusammen, wenn einer nach Jungenart einmal mit ihr reden oder spielen will.“
Wie gegen den Abend hin die See wie eine blanke Platte rings um Klähns-Hallig lag und nur die klingenden Wellen an der Kante verrieten, dass auch das segnende Gold dieses Frühlingstages sie nicht ganz eingeschläfert habe, schleuderte Ipke Tamen wieder einmal mit Nomsen am Rand einer Fenne dahin.
„Wie alt bist Du denn eigentlich, Uwe Nomsen?“
„Sechzehn vorbei und so alt wie Jochen Klähn.“
„Hui! Und weisst Geschichten, an die vielleicht selbst Eike Klähn ihr Lebtag nicht gedacht hat. Hast Du die alle aus den Büchern auf des Pfarrers Regalen?“
Da lachte Uwe Nomsen: „Manche.“ Und nachdenklich setzte er hinzu: „Manche hab’ ich mir aber auch selber ausgedacht.“
Da wuchs Ipke Tamens Staunen: „Selber — ausgedacht? Hm — kann man denn so etwas?“
Sie waren inzwischen an den grossen Felsblock gekommen, der einst in der Eiszeit sich auf die Hallig verirrt hat. Ipke Tamen lief in Schaftstiefeln, in deren Rohren er die Hosen unten vor der zähen Kleierde des Watts in Sicherheit gebracht hatte. Es geht keiner ohne Seestiefel von der Werft um die Kante, ausser dem einzigen, der manchmal um die Ebbe so weit draussen im Watt steht, dass die Leute auf der Werft von dem Fernrohre sich sagen lassen müssen: der draussen im Winde, das ist Uwe Nomsen!
Uwe Nomsen hatte auch heute Holzschuhe an den Füssen: Uwe Nomsen will kein Schiffer werden.
Nun standen die beiden an dem Stein. Auf der Luvseite liefen die Wellen in müssigem Spiel noch manchmal gegen ihn an; es war die Zeit der beginnenden Ebbe. Aber die Watte mussten noch ein gut Stück trockenrinnen, bis das Wasser tief stand.
Uwe Nomsen stützte den Arm im Ellbogen gegen den Stein, den er einmal den „feurigen Mann“ genannt hatte, weil ihn in Gewitternächten die Irrlichter umtanzen. So angelehnt sah er jetzt den schläfrig heraufrollenden Wellen zu: „Schau, Ipke Tamen, wie sie versuchen, ob sie noch gegen den Fels anrennen können!“
Und es dauerte nicht lange, so besprach fich Uwe Nomsen halblaut mit den verebbenden Wassern. Da merkte Ipke Tamen, dass die Wellen Worte für Uwe Nomsen haben mussten; denn was er sprach, klang manchmal wie die Antwort auf eine Frage.
Endlich, wie die zitternde abendrote See auch im Sprunge den feurigen Mann nicht mehr berühren konnte und Ipke Tamen auf dem Wattgrunde schon längst Muscheln suchte, weil ihn das einsilbige Schauen langweilte, ging ihm Uwe Nomsen hinterdrein.
Ipke schnellte die flachen Austerschalen über die mählich weichende Flut, und Uwe Nomsen, der dem Spiel eine Weile zugeschaut hatte, sagte: „Solch eine silberne Muschel klingt in hüpfenden Sprüngen so lange über die goldene Bahn der See, bis sie von dem Arm einer neugierigen Wasserfrau in die Tiefe gezogen wird.“
„Das hast Du wieder einmal merkwürdig gedacht!“ klang plötzlich eine Stimme in die versonnene Freude Nomsens. Es war die Jochen Klähns. So lautlos war der über Frühlingsgras und Wattgrund geschritten, dass auch Ipke überrascht zu ihm aufschaute.
Und Jochen Klähn schlug Nomsen mit leisem Schlage lachend auf die Schulter: „Wenn Eike Klähn Deine Ahne wäre, Uwe Nomsen, da wärst Du am Ende zu erklären!“
„Ich zu erklären?“ fragte Nomsen zurück. „Warum nur dann?“
„Sehr einfach! Weil in Grossmutter Eikes Herzen alle Gespenster, alle Unterirdischen, alle Nixen uud Märchenkönige leibhaftig ein und aus gegangen sind, von denen auf den Inseln jemals die Rede gewesen ist. Den Puck sieht sie an Sommermittagen wohl auch heute noch manchmal in der Bodenluke sitzen. Na, die andern sind ihr möglicherweise inzwischen abhanden gekommen.“
Überdem hatte sich Ipke Tamen zu den beiden herangefunden, und nun schritten sie zu dritt dem Grasland entgegen, über das an diesem Abende wieder zum erstenmal der weiche Duft von frischem Heu sich herübertastete.
Uwe Nomsen sann so vor sich hin, während ihm Jochen Klähn die Hand in den gebogenen Arm gelegt hatte. Die Möwen schlugen das zitternde Gold der untergehenden Sonne mit dem Silber ihrer Schwingen, und die Strandschwalben schossen wie sausende Pfeile über den Grund.
Uwe Nomsen hatte noch der vorigen Worte Klähns gedacht. Da blieb er plötzlich stehen und schaute dem Freunde in das lächelnde Gesicht: „Hm — eigentlich wundert’s mich nicht, wenn ich nicht so bin wie Du, Jochen! Das mag sein, weil Vater Nomsen auf See geblieben ist, wie ich noch nicht einmal sechs Jahr alt war. Nachher kam noch etwas verspätet Hertje Nomsen an. Da hat Mutter schaffen müssen! Ich sage Dir: bald brüllte das Vieh, bald schrie das Kind. Und Uwe, ‚der Grosse‘ mochte sehen, wo er blieb. Und weil die Menschen nicht mit mir redeten, hab’ ich die Sprache der Dinge um mich herum gelernt; die kannte ich schon ganz gut, eh’ ich noch die Leute leidlich verstand. Die See sprach; zwei Muscheln, die ich aneinander schlug, oder viele Muscheln, die ich in Reih und Glied auf dem trockengelaufenen Watt aufmarschieren liess, die sprachen auch. Und die Blumen, die der Wind über dem Gras streifte, die etwa nicht? Und der Wind nun gar — auf den Tag will ich noch warten, an dem der einmal nicht über die Insel läuft, und an dem der mir einmal nichts zu erzählen hätte!“
Dann schleuderten die beiden wieder die Kante lang, jener Stelle an der Westecke der Hallig entgegen, an der einst Pipenwarf gelegen hatte.
Ipke Tamen war ein Stück zurückgeblieben; wie Uwe Nomsen geworden war und wie er sich selbst erklärte, das kümmerte den Jungen nicht; dass er da war — mit seinen Märchen und seinen Träumen, das war ihm genug. Während er so hinter den beiden grösseren dreinschritt, sah er:
Jochen Klähn sieht schon aus wie ein seebefahrener Mann, trotz seiner sechzehn Jahre. Er ist hart und schlank; und wenn er in den Kniestiefeln dahinschreitet, deren Schäfte bei jedem Schritt hörbar aneinanderstreifen, so ist das, als wenn der Wind an einem Mastbaum sich reibt. Man könnte meinen, Jochen sei schon auf Schifferschule gewesen. Uwe Nomsen ist wohl auch gross — dafür ist er Melf Nomsens Sohn. Aber er ist weicher, lässiger im Schritt, und seine Schultern haben reichlich Platz in der grauen Joppe, während die Schultern von Jochen Klähn die Jacke sprengen möchten. Überdies hat Nomsen lange schlotternde Hosen an und stapft in Holzschuhen durch den Tag, wie sie die Frauen tragen. In Holzschuhen kann einer auf den Inseln nicht daran denken, einen weiten Weg zu gehen, und nicht einmal daran, draussen im Watt die Pfähle zu den Buhnen einzurammen, die die Kraft der See brechen sollen, wenn sie vor dem Winde in tollen Sprüngen gegen die Hallig anstürmt. Solche Holzschuhe zöge ihm der Kleigrund gar bald aus, dachte Ipke Tamen.
Nun standen sie an der Westecke des Eilands, um die ein Stück drüben das heimtückische Tief läuft, und standen an den Backsteintrümmern, die die Flut im Spiele rund gerollt hatte.
Hier hatte vor Jahren eine Werft gestanden, auf der einst Schiffer Lürsen sich sein Haus baute.
Geborstene Pfähle ragten aus dem Grunde, über den heute die See zweimal des Tages heraufkroch. Als Schiffer Lürsen seine Werft baute, war es vom Stande seines Hauses bis zur Halligkante noch weiter als einen Steinwurf entfernt.
Während rings das rote Gold des Abends in weichem Glanze lag und der Wind so sanft über die Fluren wehte — hier bei Pipenwarf hörte man ihn immer pfeifen, auch jetzt — da drückte sich Ipke Tamen die Kappe fester auf die Ohren: „Sie haben Lürsens Werft nicht umsonst die ‚Pipe‘ (Pfeife) genannt! Wenn ich Lürsen gewesen wäre, ich hätte nicht daran gedacht, an dieser Stelle eine Werft zu bauen und dem Wind und der See mein Haus so vor die Nase zu setzen!“
Jochen Klähn schlug ihn auf die Achsel: „Junge, Junge, damals hat die Hallig wohl anders ausgesehen als heute!“
Aber Ipke Tamens Zweifel war nicht so rasch zum Schweigen gebracht: „Na, wie lange hat denn die Werft gestanden?“
Uwe Nomsen überlegte: „Zwei Jahre mag sie gehalten haben — nun ja, weil keiner Lust hatte, Lürsens Nachfahr zu sein, wie der gestorben war. Da haben sie die ‚Pipe‘ verfallen lassen.“
Während sie so redeten, schaute Jochen Klähn von dem Hügel Backsteintrümmer wie ein Sieger die beiden Buhnen ab, die sein Vater und er während des letzten Jahres von dieser Stelle aus gegen das tückische Tief hin über das Watt in See geschoben hatten. Er deutete auf die Dämme: „Jetzt schlagen sich die Fluten draussen an den Buhnenköpfen die Stirnen ein, laufen matt gegen das Land, und was sie rauben, ist nicht mehr so viel als damals. Wenn die Dämme schon vor Jahren gestanden hätten, wäre Pipenwarf nicht verfallen.“
Ipke Tamen schaute Uwe Nomsen fragend an. „Glaubst Du das auch?“ wollten seine Augen wissen.
Aber Uwe Nomsen antwortete nicht. Da fragte der Junge laut: „Wie lang ist denn Schiffer Lürsen eigentlich tot?“
„Zwölf Jahre.“
„So ist Lüdde Lürsen, sein Sohn, kaum fünf Jahr gewesen, als ihn Kapitän Frerksen ins Haus nahm?“
„Woll, woll. Übrigens,“ fuhr Jochen Klähn fort, „ich habe vorhin durch das Fenster zu Lüdde Lürsen hineingefragt, ob er mitgehe, Uwe Nomsen zu suchen? Aber er lehnte bleich in Ocke Frerksens Sorgenstuhl und hustete. Ich glaube, er ist sehr krank.“
Siebentes Kapitel.
Das ging Uwe Nomsen hart an: durch den Tau des Frühmorgens hindurch in die hochstehende Sonne des Mittags die Sense zu schwingen. Alle waren sie in diesen Tagen draussen im Heu, selbst Ocke Frerksen, der seit jener unheilvollen Märznacht nicht mehr zu Schiffe gegangen war und der auch nicht mehr den scharfen Schnitt des Stahles durch das kurze blumenübersäte Gras sausen hörte.
Da sanken die Schwaden unter dem kräftigen Sensenschwung, und die Sonne schlang ein Band von Perlen um die Stirnen dieser Könige der Arbeit. Auf den gebräunten Wangen lachte die Gesundheit und in den blitzenden Augen die Lebensfreude. Die Sensen wuchsen den Mähern in die Hände.
Aber Uwe Nomsen ging’s hart an. Mit diesen Blumen hatte er einen Mai lang geredet. Und nun sanken sie unter dem sausenden Schnitte der Sense. Darum war Uwe Nomsen der Stillste von allen. Seine Träume hatten ihn hinausgetragen über die Meere der Erde von Jugend an. Aber sie hatten sein Herz weich und sehnsüchtig gemacht, und als die Zeit kam, da er sich hätte verheuern müssen, da sah er sich mit tausend Fäden an die Heimatscholle geknüpft, und sein Herz wollte nicht lassen von der lieben Welt, die es sich zurechtgebaut hatte um Haus und Herd. Seine Hand war zu weich geworden für den harten Griff in Tauen und Wanten, und ihm bangte davor, als Steuermann seines Lebensschiffes das Gestade der Halligen aus dem Auge zu verlieren. Hier war seine Welt — die war wohl anders, als sie die Halligleute kannten; aber er war vertraut mit ihr. Der anderen, der grossen weiten, und der Zeit in dieser Welt war Uwe Nomsen ein Fremdling geblieben.
Das sagte Jochen Klähn ihm gerad’ heraus.
Und so kam’s, dass Nomsen, der Träumer, keinen Plan fürs Leben schmiedete, als Jochen Klähn mit dem seinen längst fertig war. Es war so: Jochen Klähn wollte diesem Leben entgegengehen und viel von ihm fordern. Uwe Nomsen aber liess das Leben an sich herankommen und wartete, was es für ihn in den Händen halten werde.
Jochen Klähn wollte lernen, wollte nach Flensburg auf die Schifferschule. Und wenn die drei Winter vorbei wären, die er dort zu verbringen hatte — was dann werde, davon hatte Jochen Klähn sich seinen Plan gemacht; er hatte mit seinem Vater Knudt Klähn manchen Abend darüber gesprochen, und sie hatten alles sorglich erwogen. Weil die Halltgleute aber keinen Glauben an das beabsichtigte Werk der Klähns hatten, so musste Jung Jochen einstweilen schweigen: die Zeit sollte reifen.
Uwe Nomsen dagegen wollte über den kleinen Pflichten des Hauses sein Leben weiterträumen. Die lagen nun schon drei Jahre auf ihm, so jung er noch war; denn seit drei Jahren war Melf Nomsen tot. Und er tat diese Pflichten getreulich, und er tat ohne Seufzen, was not war. Auch heute. Aber seiner weichen Hand kam’s hart an, sein Arm ermüdete, und auf seine Stirn setzte die Sommersonne lachend einen Doppelreif schimmernder Perlen. Und seine Seele sehnte sich in die Ruhe ihrer Träume, sehnte sich nach den Wundern, von denen die Bücher erzählten, die auf den langen Regalen beim Pfarrer standen und die ihm alle zugängig waren.
Achtes Kapitel.
In der Mitte des Nachmittags gingen die Frauen schon mit den Harken über den dörrenden Wieswuchs und schichteten ihn zu Haufen; denn der Seewind schlug seinen feuchten Silberhauch darüber, sobald die Sonne sich zum Niedergang anschickte. Und wenn das feine Gewebe der Nebel über der See zu wehen begann, durfte auch Uwe Nomsen wieder einsam sein.
Jochen Klähn, der tagsüber mit seinem Vater meist draussen auf dem Watt stehen musste, um die Buhnen mit neuem Astwerk zu durchflechten, wo die See sich hineingewühlt hatte, fand in der Dämmerung den Weg oft und gern zu Uwe Nomsen, dessen Seele eine sondere Gewalt über Jochen Klähns Herz besass. Der nüchterne rechnende Junge der Tat gab sich ihren Verführungskünsten nicht ungern hin, und wenn sie dann recht lange zusammen in dem samtigen Grase gesessen hatten, kam auch in seine Augen etwas von dem Märchenlichte, das in dem Blick Uwe Nomsens war.
Wenn dann nach solchem Beisammensein der Alltag mit seinen trockenen Pflichten wieder nach Nomsen rief, ward es ihm nicht so leicht wie Jochen, diesem Rufe zu folgen.
„Ich möchte sein wie Du, Jochen Klähn!“ wünschte dann Uwe Nomsen nachdenklich. Aber bald zögerte er: „Nein, doch nicht ganz! Denn dann könnte ich mir keine Welt bauen und dürfte in der schönen, der bunten, über der der Zauberglanz liegt, nur manchmal zu Gaste sein, wie Du.“
Jochen Klähn überdachte die Rede Nomsens und antwortete: „Nein, auch so ist’s nicht, sondern Jochen Klähn und Uwe Nomsen sollten einer sein. Das gäb’ einen rechten Kerl!“
Da schlug Uwe Nomsen sich mit der flachen Hand aufs Knie, und seine Augen leuchteten: „Siehst Du, Jochen Klähn, Du hast wieder das Richtige getroffen!“
Heute stand Jung Jochen mit den anderen drüben auf dem Meedeland und harkte den Rest des halbgetrockneten Grases zusammen. Der Abendwind lief mit nassen Schuhen durch das Watt und lief auf das weiche Gras.
Da nahm auf der gegen Pipenwarf zu gelegenen Fenne Uwe Nomsen die Sense auf die Schulter und schritt an dem plätschernden Saume der See zu dem „feurigen Mann“, schritt um Pipenwarf, wo der Wind hinter den geborstenen Stämmen seine Flöten stimmte, und sah, wie die Wellen Schalen voll weissen Schaum um seine Füsse warfen.
Und während Uwe Nomsen daran dachte, wie Wind und See, die heute so leise waren, doch immer am Werke sind, die Inseln zu verderben, ging von drüben Lüdde Lürsen über das Grasland herüber.
Lürsen ging ganz allein. Und Nomsen dachte: er schreitet nicht so fest wie Jochen Klähn und ist noch um einen Kopf grösser als der. Aber er schwankt wie ein Rohr, gegen das der Wind stösst.
Lüdde Lürsen hatte die Hände in den Hosentaschen und schritt weite müde Schritte. Um den Hals trug er ein weisses Tuch; so hat’s ihm seine Pflegemutter Krassen Frerksen geheissen. Sie sorgt sich um den langen hageren Jungen, der in diesem Jahre nicht einmal mehr imstande gewesen ist, eine Sense zu schwingen.
Überdem war Lüdde Lürsen herangekommen.
„Du solltest in der nassen Abendluft nicht mehr am Strande sein!“ rief ihm Uwe Nomsen entgegen.
Lüdde Lürsen hustete, und wie der Anfall vorüber war, fasste er Nomsen am Joppenärmel, um ihn mit zum Heimgehen zu veranlassen: „Die Luft tut mir wohl. Der Husten ist nicht so rauh, wenn ich am Strande bin, als wenn ich immer in der Stube hocken muss, weil sie sagen, der Wind sei draussen zu hart.“
Aber Uwe Nomsen schüttelte den Kopf: „Dann solltest Du im Mittagslicht an der Kante laufen und nicht, wenn der Nachttau sich schon silbern auf die Kleider legt. Und Du solltest Dir auch nicht gerade Pipenwarf aussuchen, an der man den Wind sogar hören kann, wenn er an der Südseite nicht einmal die Blumen bewegt.“
Lüdde Lürsen dachte daran, dass er für heut abend Jochen Klähn sich bestellt habe. Aller Glanz in der Luft löschte aus. Die Nebel spannen.
„Gehst Du mit heim, Nomsen? — So komm. Jochen Klähn wird inzwischen auch vom Grasland herauf sein und will heute zu uns herüberkommen. Er hat mir versprochen, den ganzen Abend zu bleiben. Ich liege ja so wie so wach im Bette. Ocke Frerksen sitzt bei Herlich Nomsen und lässt sich von Deiner Mutter die Ohren wärmen. Wir sind heut ganz allein. So komm!“
Da gingen die beiden. Sie gingen auf die Werft, und als Uwe Nomsen die Sense über den Balken gehängt hatte, schritt er mit Lüdde Lürsen an der Innenseite der Häuser über den Damm aus runden Steinen, und sie kehrten in dem Hause des Kapitäns ein.
Wie sie in die Stube Ocke Frerksens traten, war’s schon ganz dämmrig geworden. Jochen Klähn war bereits da und goss den Tee auf.
Ipke Tamen, der jüngere Pflegesohn des Kapitäns, lag schon im Bettschrank und schlief.
Neuntes Kapitel.
Durch die geöffneten Fenster der kleinen Stube in Ocke Frerksens Hause schwamm der weiche Duft von frischem Heu und legte sich schmeichelnd um die Stirnen der Jünglinge. Draussen auf den Weidefennen, die von den Hürden umsäumt waren, lag das Vieh wiederkäuend im Gras, und nur hin und wieder irrte ein sanftes Brummen des Behagens ein Stück in das Dunkel der Nacht.
In voriger Zeit hatte Ocke Frerksen in dem kleinen Raume gehaust. Der bunte Schmuck, den er von den Südseeinseln heimgetragen hatte und der noch jetzt auf dem Wandbrett aufgestellt war, sowie das zierlich geschnitzte Schiffsmodell, das an zwei Fäden von der Decke hing, gaben Zeugnis davon. Auch des Kapitäns niedere blaubemalte Schiffskiste stand noch an dem Pfeiler zwischen den Fenstern. Manchmal sägte der Wurm in dem alten Holze.
Das ist die gleiche Schiffskiste, auf der Ocke Frerksen als Jüngling gesessen und Segel genäht hat, wie Jochen Klähn im Nachbarhause auf der seines Vaters sitzt und auch Segel näht. Die des Kapitäns hat den Mann auf allen Fahrten begleitet und trägt auf der Innenseite des Deckels das Bild eines Eilands inmitten hochgehender See — einer Insel im Winde. Darunter steht mit knorrigen, fast hilflosen Buchstaben geschrieben: „So sah meine Hallig aus, wie ich ein Kind war 1841.“
Die Buchstaben waren eckig und grob wie Ocke Frerksen, und Ocke Frerksen war’s auch, der sie einst mit schwarzer Farbe unter das Bild gestrichen, das er mit harten Farben und harten Zügen vor vielen Jahren auf ferner hoher See gemalt hatte. Keiner sah beim Anschauen dieses Bildes, dass es von weicher, heimlicher Heimatsehnsucht eingegeben war. Und keiner erkannte, dass der, der es in die Schiffskiste gestrichen, damals alle Herrlichkeit und allen Reichtum der südlichen Meere um dies arme Eiland hingegeben haben würde.
Uwe Nomsen hat einmal gesagt: „Vor mehr denn fünfzig Jahren mag Klähns-Hallig diesem Bild in der Schiffskiste ähnlich gewesen sein; heute hat die Flut das Eiland zur Hälfte gefressen.“
Seit Lüdde Lürsen vom Husten geplagt war, mied der immer tabakrauchende Kapitän die Stube, in welcher die drei jetzt beim Tee sassen und in deren Wänden die Bettschränke Lüdde Lürsens und seines jüngeren Pflegebruders sich befanden. In dem einen lag Ipke Tamen in tiefem Schlummer, den auch die Unterhaltung der drei nicht verscheuchen konnte. Lüdde Lürsen schob die Tür ein wenig weiter zu, so dass nur noch ein handbreiter Spalt das gedämpfte Licht der Lampe in das Schrankbett fallen liess.
Und die Sommernacht ging ins Zimmer und hauchte ihren Frieden ringsum.
Draussen vor den Fenstern flüsterten die Blätter des schwarzen Flieders, jenes niederen Strauches, der vielästig und wild von Wuchs war, dem der Seewind aber nicht gestattete, auf das Dach zu schauen. Und nun drängte er sich gegen die Hauswand und drängte sich gegen die Fenster, als wolle er sich mit den Händen an der Kante des Rohrdachs halten, um sich hinaufzuziehen.
Aber der Seewind litt’s nicht. Da musste der Busch sich bescheiden, wie die anderen Sträucher und Bäume auf der Hallig sich beschieden. Auch wie der grosse Birnbaum drunten bei Hannes Paulsen, der seine Äste so trutzig und sparrig breit dem Meerwind entgegenstemmt und doch nicht vermocht hat, bis an den Dachfirst zu langen. Das ist der gleiche Birnbaum, den Paulsens Vorweser, Grossvater Bonken, mit all seinem Hausrat vor der grossen Flut 1824 auf den Dachboden gerettet hat, weiss Uwe Nomsen zu erzählen; dort hat er die Flut überdauert.
Seit jenem Jahre ist die See den Leuten nicht wieder zu den Fenstern hineingestiegen. Über das Vorland, auf dem sie die Tage her Gras gehauen haben, springt sie im Jahre hundertmal. Und an der Werftböschung hat sie seit der grossen Flut schon oft wieder genagt, aber in die Häuser hat sie den Weg doch nicht noch einmal gefunden.
Und nun versucht der Birnbaum bei Hannes Paulsen in jedem Frühling, versucht er mit jedem Johannestriebe noch ein Stück höher zu dringen, um endlich doch einen Blick über den Dachfirst zu tun; wie die Welt drüben aussieht, möchte er gern wissen. Aber immer wieder läuft der Wind über ihn hinweg und tritt ihn zusammen.
Und die Sommernacht trug den Duft trocknender Blumen und gedörrten Grases auf den Händen herbei und in den Falten ihres Kleides. Nun lag er auf dem Tische zwischen den Teetassen und auf den Bänken, die an der Wand von blauweissen holländischen Kacheln hinliefen. Und er legte sich schlafen im Gärtlein auf der Werft, auf den Fenstersteinen und in dem dichten flüsternden Laubwerk des Fliederbusches. Da vergassen auch die Blätter ihren lispelnden Zwiespruch und schliefen ein.
Jochen Klähn lehnte am Fenster.
Lüdde Lürsen sass im Lehnstuhl aus Rohr und liess sich von Uwe Nomsen den Tee reichen. Er hustete.
„Die Luft war nie so weich wie heute, mein’ ich,“ sagte Lürsen, „in den zwölf Jahren nicht, da ich in Ocke Frerksens Hause bin. Der Wind macht mir immer so zu schaffen; er bläst mir den Atem in die Brust zurück.“
Jochen Klähn war von der Fensterbank unter das an der Decke hängende Schiffsmodell getreten. „Die Nixe“ stand am Galion mit feiner Goldschrift geschrieben; ein kunstfertiger Bootsmann hatte das Modell auf langer Fahrt für Lürsens Vater geschnitzt. Jochen Klähn deutete auf das zierliche Werk. „Höre, Lürsen, ist Deine Mutter damals auch mit auf der Nixe gewesen, wie die auf Hörnumsand Schiffbruch hatte?“
Lüdde Lürsen setzte das Teeglas auf den Tisch: „Nein doch! Die war schon drei Jahre tot. Ich stand im vierten.“
Nun sann Lüdde Lürsen mit toten Augen in den roten Schein der Lampe: „Mein Vater hätte das Haus nicht auf die ‚Pipe‘ bauen sollen. Die Werft, die er damals aufwarf, war nicht zu halten. Frerk Lürsen grub sich sein Grab, als er den Grund schaufelte. Nun ja — er wollte gesund werden! Er wusste nicht, dass der Tod in ihm frass. O, er hatte einen klugen Kopf und er hatte einen festen Mut —“
Jochen Klähn fiel dem Sinnenden in die Rede: „. . . und er hätte die ‚Pipe‘ gehalten, hätt’ er zu Mut und Verstand auch noch Kraft und Gesundheit besessen.“
Aber Lüdde Lürsen wehrte ärgerlich ab: „Niemals! Wie kann einer dies vergehende Land überhaupt zur Heimat sich wählen! Wie mag einer einen Schein von Liebe, von Treue zu dieser Scholle haben, zu dieser erbärmlichen Scholle, die ihm unter den Füssen fortbricht!“
Da legte sich Uwe Nomsen ins Zeug: „Du solltest nicht so reden, Lüdde Lürsen! Die Hallig ist nicht Deine Heimat, und Dir hat sie wohl nicht viel gegeben, ja — sie hat Dir vielleicht sogar geraubt, was Du besessen hast.“ Um seinen Mund zuckte der Missmut, als er fortfuhr: „Und das nicht einmal! Dein Vater trug den Stachel des Todes in der Brust, als er kam. Übrigens — das Haus, welches er auf Pipenwarf gesetzt hat, stünde vielleicht heute noch. Aber Ihr wisst ja: allabendlich um die gleiche Zeit, in der damals die ‚Nixe‘ auf Hörnumsand zerschellte, und just um die gleiche Stunde, in welcher später Dein Vater in der Dämmerung die Augen für immer schloss, da ging ein Klopfen im Haus auf Pipenwarf. Das ist noch Jahre hernach gehört worden, ist gehört worden, bis das Haus endlich mit der Werft in die See gespült wurde. Deshalb hat ja keiner auf Pipenwarf wohnen mögen. Wäre das nicht gewesen und hätte sich einer hineingesetzt, der die Werft flickte, wenn die See daran herumgefressen hatte, dann wär’s anders gekommen.“
Jochen Klähn lachte: „Eike Klähn sagt das auch, das mit dem geheimnisvollen Klopfen.“
„Sie wissen das alle und viele haben’s gehört,“ behauptete Nomsen.
Lüdde Lürsen dachte noch in stillem Sinnen der vorigen Zeit, als Uwe Nomsen wieder begann: „Es ist ein Geräusch gewesen, wie wenn unsichtbare Hände bemüht wären, einen Schreindeckel mit Brecheisen zu sprengen. Sie meinten deshalb: Frerk Lürsen habe am Ende noch einen Schatz, in Kästen vergraben, im Hause aufbewahrt. Und um den Unterirdischen das Handwerk zu legen, haben sie das Dach endlich abgetragen, da die Werft ja doch unter dem Hause fortbrach.“
Als Lüdde Lürsen das hörte, lachte er bitter auf: „Aber das Gold in den Kästen haben sie nicht gefunden! Und ich musste froh sein, dass Ocke Frerksen gerade ein Kind brauchen konnte, wenn auch man bloss ein fremdes Ja ja — er wollte die Werft halten, mein Vater Frerk Lürsen! Aber die Scholle war nicht dankbar dafür, hahaha!“
Wie hässlich dies Lachen klang!
Jochen Klähn lief mit grossen Schritten durch die Stube, und auch Uwe Nomsen stand von seinem Stuhl auf: „Du bist verbittert, Lüdde Lürsen!“
„Nein, Uwe Nomsen, nur ein Träumer bin ich nicht, der mit geschlossenen Augen in den Tag hineinduselt! Ein Träumer bin ich nicht, der am Strande steht, jedes Jahr acht Fuss von der Kante in die See stürzen sieht und sagt: ‚Es ist nicht wahr, Wellen und Wind fressen unsere Inseln nicht. Dazu haben wir sie viel zu lieb!‘ Ein Träumer bin ich nicht — meine Augen sind offen und sie belügen mich nicht . . .“
Lüdde Lürsen hustete heftig; er hatte laut und eifrig geredet.
Nomsen liess den Anfall vorbeigehen, und er warf, wie er sich auf den Stuhl setzte, einen scheuen, fast versorgten Blick zu Jochen Klähn hinüber, der mit verschränkten Armen abwartend wieder gegen die Fensterbank lehnte. Er dachte: „Wir sind ihrer nur drei und doch steht in diesen dreien das ganze Volk der Inselfriesen widereinander, das sonst so einmütig ist. Die einen, es ist kaum eine Handvoll und sind meist solche, die zugewandert sind, die sagen: lasst diese Scholle vergehen. Für sie spricht Lüdde Lürsen, und sie sind ohne Treue. Die andern — das sind die vielen, das sind die Lauen — die sagen: wir lieben die Inseln im Winde und warten, was Gott mit ihnen vor hat. Für die redet Uwe Nomsen. Und die dritten — es sind wohl nur ihrer drei, seit Jürgen Bonken tot ist, und die tragen den Namen Klähn — die wollen die See in die Schranken fordern.“
Über diesen Gedanken begannen Jochens Augen zu leuchten. Und er trat an den Tisch: „Lüdde Lürsen, was hast Du gesagt? Die See frisst, was unser ist? Ja, so sagt Ihr alle und schaut tatlos zu. Lürsen, so soll man der See Einhalt tun, soll ihr ein Bollwerk setzen! Und wenn sie mit ihren gierigen Armen nach unserem Lande langt, so soll man der See diese Arme zerschmettern. Und wenn sie an unseren Werften frisst, soll man ihr die Zähne einschlagen!“
Da regte sich Ipke Tamen im Bettschrank. Jochen Klähn hatte zur Bekräftigung seiner Worte die Hand hart auf den Tisch geschlagen und hinein in des Jungen Traum. Da lallte Ipke im Schlafe: „. . . Jawohl — Zähne — einschlagen — zerschmettern!“
Die drei lachten, und Klähns Augen leuchteten; denn er wusste, wenn die Leute der Inseln ihnen erst glauben, und wenn sie glauben, dass die See zu besiegen sei, dann ist diese „verlorene Heimat“ gerettet.
Uwe Nomsen deutete auf den Bettschrank des Jungen: „Jawohl, Zähne einschlagen, da wäre der wohl dabei. Aber —“ wandte er sich an Jochen Klähn — „woher hast Du nur diese tolle Weisheit?“
Da stellte sich Jung Jochen festen Mutes vor Nomsen: „Das nennst Du tolle Weisheit?“
Uwe Nomsen war schnell zur Antwort bereit: „Natürlich, oder hältst Du’s nicht für toll, wenn einer mit Schippe und Besen gegen den ‚blanken Hans‘ anwill?“
Jochen Klähn warf sich in die Brust: „Einer? Alle sollten wir gegen die See an, alle!“
Da richtete sich auch Uwe Nomsen hoch auf: „Dann wollten wir eben alle einen verlorenen Kampf kämpfen. Geht, schmiedet die Ketten, legt die Riesin See hinein und wartet darauf, wie sie sich das gefallen lässt! Oder, Jochen Klähn: mit tausend Armen langt sie nach unsern Inseln. Nehmt Keulen von Eisen und zerschlagt ihr diese Arme! Tausend andere werden ihr wachsen. Und dann, wenn sie sieghaft auf Eure Halligkante steigt, wieder einmal auf Eure Dächer springt und graue Fahnen flattern lässt, dann erkennt: wir haben vergeblich gekämpft! Nein, Jochen Klähn, das ist töricht; denn die See redet deutlich und redet seit tausend Jahren: ihr seid mein! Und sie geht langsam, aber sie ist unersättlich in ihrer Gier.“
Wie Lüdde Lürsen des Träumers Nomsen feste Worte hörte, schlug er mit matter Lust in die Hände und höhnte: ‚Nun, Jochen Klähn, was sagst Du dazu? Wie steht’s mit dem Zähneeinschlagen?“
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