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Undercover Boss
Liebe und Intrige im 4/8 Takt
Mathilde Berg
Erstveröffentlichung Dezember 2020
Inhaltsverzeichnis
Hannah 4
Hannah 9
Lars 12
Hannah 13
Hannah 17
Hannah 21
Lars 26
Hannah 28
Hannah 35
Lars 41
Hannah 45
Hannah 56
Lars 63
Lars 71
Hannah 77
Lars 84
Hannah 89
Hannah 96
Hannah 105
Lars 111
Hannah 118
Lars 121
Hannah 129
Lars 134
Hannah 140
Hannah 151
Lars 163
Hannah 172
Hannah 185
Lars 194
Hannah 201
Hannah 206
Elias 217
Hannah 222
Danke 236
Lesetipp 238
Inhaltsverzeichnis
Hannah
Rücksichtslos drängelt sich Nils an mir vorbei. Mit seinem Ellenbogen pufft er mir in die Seite. „Mach mal Platz, Plantschkuh!“
„Autsch!“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht reibe ich mir die Stelle. Morgen werde ich dort mit Sicherheit einen blauen Fleck haben.
Nils dreht sich zu mir um und grinst höhnisch.
„Pass doch mal auf, du Vollidiot!“, eilt mir meine Kollegin Lisa zu Hilfe.
„Wer zuerst kommt, malt zuerst. Die Schmalen nach vorn, und die Fetten nach hinten. Was soll denn der Neue von uns denken, wenn er die gleich zu Gesicht bekommt? Der läuft nachher sofort wieder weg. Außerdem, hinter der sieht mich doch keiner. Die braucht ja Platz für zwei.“
„Sagt gerade der, der aussieht wie Rumpelstilzchen. Außerdem bist du viel größer. Wir können hinter dir nichts sehen. Denkst du, wir wollen in deinem Schatten stehen?“
Verstohlen schaue ich an mir herunter.
„Von mir aus darfst du gern neben mir stehen, Lisa Schätzchen.“ Süffisant befeuchtet er seine schmalen Lippen und krault sich den langen, ungepflegten Vollbart.
Lisa verzieht angewidert das Gesicht.
„Ach, lass ihn“, versuche ich, Lisa zu beruhigen. Nils hat ja recht. Ich bin nun mal kein schlankes Reh. Jedenfalls nicht so wie Lisa. Wenn ich einen Kopf größer wäre, sähe das schon anders aus.
„Du Knallkopf glaubst wirklich, du bist der aller Größte, was?“
Nils hat schon eine passende Antwort parat, die sicherlich nicht jugendfrei ist, wird aber von unserer Personalchefin unterbrochen, was ihm sichtlich missfällt.
Lisa wirft ihr langes, braunes Haar mit einer lässigen Handbewegung über die Schulter.
„Komm, Hannah, wir gehen da rüber. Dort ist die Luft besser. Hier stinkt es mir zu sehr.“ Lisa hakt sich bei mir ein und zieht mich hinter sich her zur anderen Seite vom Besprechungsraum.
„Liebe Kolleginnen und Kollegen.“ Frau Peschke klatscht in die Hände, um sich Gehör zu verschaffen. Augenblicklich verstummt das Gemurmel. „Ich darf Ihnen heute unseren neuen Volontär, Lars Schelling, vorstellen. Bitte begrüßt ihn und überhäuft ihn mit viel Arbeit. Er soll ja schließlich was lernen.“ Sie lacht über ihren eigenen Witz, und die Kollegen lachen vereinzelt aus Höflichkeit mit. Am lautesten natürlich Nils. Das war ja klar! Für ihn war das kein Witz, sondern eine Tatsache, dass wir Volontäre für die festangestellten Journalisten arbeiten, während er die Füße auf den Tisch legt und sich den lieben langen Tag seinem Instagram-Account widmet, Läuse aus seinem struppigen Bart sucht und die Lorbeeren auf meine Kosten einheimst. Denn bisher war ich die einzige Volontärin und warte auf eine Festanstellung. Vielleicht ist das ein Zeichen des Schicksals, dass ausgerechnet jetzt ein neuer eingestellt wird. Immerhin bin ich schon seit zwei Jahren hier. Ein fester Job mit einem vollen Gehalt wäre echt an der Zeit.
Der Neue wird mit Sicherheit von Nils unter Beschlag genommen werden. Dann hätte ich Zeit, an meiner eigenen Story zu arbeiten und endlich einen Vertrag zu bekommen. Vor allem aber würde ich nicht mehr als Fußabtreter für Nils dienen müssen und auch seinen Grapschfingern entgehen.
Lisa stupst mir mit dem Ellenbogen in die Seite.
„Der sieht ja gut aus“, flüstert sie mir ins Ohr. „Hoffentlich kommt er in mein Büro! Der ist wirklich was fürs Auge.“
Lisa seufzt, und ich schaue mich um. Die anderen Kolleginnen starren den Neunen auch mit einem schmachtenden, verträumten Blick an. Ich schüttele verständnislos den Kopf.
Seine Augen strotzen nur so vor Arroganz, die, zugegeben, wunderschön und rauchblau sind. Wohlgemerkt, der Rest ist auch nicht übel. Durchtrainierter Körper, dunkelblonde, kurze Haare, Dreitagebart. Na, da muss ich mir ja keine Sorgen machen, dass der mich anspricht. Wieder schaue ich an mir herunter. Jeans, Pulli, Sneaker. Wie meine feinen Haare aussehen, die ich im Überfluss besitze, kann ich direkt fühlen – sie fliegen mir wie immer wirr um den Kopf herum. Da hilft auch Bürsten nichts. Selbst wenn ich sie mit einem Haargummi zusammenhalte, winden sich die widerspenstigen Biester daraus hervor. Ich seufze. Nicht jeder kann perfekt sein.
„Unwahrscheinlich“, sage ich leise zu Lisa. „Zum einen wird sich Nils das Frischfleisch unter den Nagel reißen, und zum anderen ist in deinem Büro doch kein Platz!“
„Ja, ich weiß, aber Gitta könnte doch bei dir sitzen.“
„In meiner Besenkammer? Ha–ha, sehr witzig. Der Raum bietet gerade mal so viel Luft zum Atmen, dass es für mich reicht! Nee, nee, nee.“
„Platz ist in der kleinsten Hütte. Ein bisschen Gesellschaft würde dir ganz gut tun. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“
„Du spinnst ja. Ich bin froh, dass ich in dem Kabuff meine Ruhe habe.
„Herr Schelling hat in den USA studiert“, erzählt Frau Peschke weiter, „und möchte nun sein Wissen über die hohe Schreibkunst bei uns vervollständigen. Bitte heißen Sie Herrn Schelling recht herzlich in unsere Mitte willkommen.“ Sie applaudiert, und die anderen tun es ihr gleich.
„Ach du meine Güte. Eine College-Pfeife!“, höre ich Nils sagen. „Wer will sich denn die Zeit nehmen, dem alles beizubringen? Bei dem Pensum, was wir abarbeiten.“
Als ob er jemals selber eine Kolumne recherchiert und geschrieben hat, denke ich mir. Zumindest nicht, seit ich hier arbeite.
„Vielen Dank, Herr Förster, für Ihren qualifizierten Einwurf“, entgegnet Frau Peschke mit einer säuerlichen Miene. Sie kann es überhaupt nicht leiden, wenn man sie unterbricht, besonders wenn es sich um dumme Zwischenrufe handelt. „Darüber haben wir uns natürlich im Vorfeld Gedanken gemacht. Das Beste wird sein, wenn Frau Rosenow ihn unter ihre Fittiche nimmt.“
Mir wird schlagartig heiß im Gesicht, als ich meinen Namen höre. Dabei waren meine Gedanken bereits bei dem Thema, über das ich schreiben wollte. Der Rest meines Körpers wehrt sich vehement gegen diese Entscheidung, was sich in einem flauen Gefühl in der Magengrube und lautem Gegrummel äußert. Das passiert ständig, wenn ich nervös bin. Ich mag es einfach nicht, im Mittelpunkt zu stehen.
Ein tumultartiges Raunen geht durch die Reihen der Kolleginnen, und sie scheinen nicht die Einzigen zu sein, denen diese Neuigkeit bitter aufstößt.
„Wieso denn ausgerechnet die?“, fragt Nils entgeistert in die Runde.
„Weil sie im Gegensatz zu Ihnen, wie Sie soeben geistreich beigetragen haben, Zeit hat. Frau Rosenow ist hier ja schon länger als Volontärin tätig und kann ihn in unsere Gepflogenheiten einweisen, damit er Ihnen schnell zur Verfügung steht und gut zuarbeiten kann. Frau Rosenow?“ Frau Peschke versucht, mich im Pulk der Kollegen ausfindig zu machen.
Ich bleibe weiterhin im Schutz der Masse stehen. Meine Füße wollen einfach nicht von der Stelle. Ich befinde mich offensichtlich unter Schock.
Eine Hand legt sich auf meinen Rücken, die mich ungefragt nach vorn drückt.
„Ah, da sind Sie ja!“, flötet Frau Peschke. „Seien Sie so gut und führen ihn in der Redaktion herum.“
„Ich?“, würge ich hervor. Meine Stimme ist kratzig, meine Zunge wie gelähmt.
„Ja, Sie!“
„Okay. Und wo soll er sitzen?“
„Na, in Ihrem Büro, Kindchen! Wo denn sonst?“ Frau Peschke lächelt gekünstelt.
Ich merke die Blicke der Kolleginnen, die sich wie Giftpfeile in mein breites Kreuz bohren.
„Das … das ist doch viel zu klein. Könnte er nicht …“
„Frau Rosenow!“ Die Personalchefin wird ernster. „Lassen Sie sich etwas einfallen. Sie sind doch nicht seit gestern bei uns, oder? Improvisieren Sie. Das kann ja nicht so schwer sein.“
„Schon, aber …“
„Gut!“ Sie wendet sich wieder dem Kollegium zu. „Dann wünsche ich Ihnen allen einen schönen Arbeitstag und Ihnen, Herr Schelling, einen guten Start.“
Murrend und hinter vorgehaltener Hand flüsternd löst sich die Versammlung auf. Alle schlendern zu ihren Büros. Toll! Da bin ich ja wieder mal Gesprächsthema Nummer eins in der Redaktion.
Voller Selbstmitleid atme ich geräuschvoll ein. Lisa klopft mir aufmunternd auf die Schulter. „Nur Mut!“
„Ha–ha, sehr witzig!“
„Und vergiss nicht, mit unserem Neuzugang in meinem Büro vorbeizukommen.“
„Lisa … ich wollte das nicht …“
Sie zwinkert mir aufmunternd zu und geht.
Nun sind nur noch er und ich im Besprechungsraum übrig. Langsam komme ich wieder zu mir. „Ja … also … äh … Ich bin Hannah. Hannah Rosenow. Ich bin hier Volontärin im zweiten Jahr und …“
„Ist das Volontariat nicht üblicherweise nur anderthalb Jahre?“
Schön, ein Klugscheißer, na wunderbar! Nicht, dass mich seine Präsenz schon genug unter Druck setzt. Nein, er entpuppt sich auch noch als zweiter Nils. Was mich dabei wurmt, ist, dass er recht hat.
„Normalerweise, ja. Willkommen im Verlag Gröne“, erwidere ich, und meine Stimme trieft vor Sarkasmus. Mit diesem überflüssigen Spruch hat er meine Achillesferse getroffen. Ich mache mich so groß wie möglich und sage von oben herab: „Ich führe dich als Erstes herum, damit du alle kennenlernst. Danach geht’s gleich an die Arbeit. Mein Büro ist nämlich auch das Archiv. Also, nicht das vom Verlag, nur von dieser Abteilung. Seit der Hausmeister in Rente ist, wurden die Akten aus Bequemlichkeit in diesem Raum eingelagert. Er ist klein, fensterlos und bis obenhin voll mit Kartons. Deine erste Aufgabe wird sein, Ordnung zu schaffen und das alte Zeug in den Keller zu verfrachten. Ich hoffe, du machst dir dein weißes Hemd und deine zarten Hände nicht schmutzig.“
„Und wie diese Hände zart sind!“, kontert er und zwinkert mir mit einem schiefen Lächeln zu.
Das ist doch nicht zu fassen! Ich ignoriere seine unpassende Bemerkung. Schlucke sie voller Stolz herunter, als ob nichts passiert wäre, und verlasse den Raum. Er folgt mir. Ich kann seinen Blick auf meinem Körper fühlen. Augenblicklich wird mir ganz warm. In der Magengrube fängt es an, zu kribbeln. Ich bin wie elektrisiert. Verlegen zupfe ich meinen schlabbrigen Pulli zurecht. Warum in Gottes Namen musste ich heute Morgen unbedingt dieses alte Ding anziehen? Zu allem Überfluss stelle ich mir vor, wie seine Hände über meine Haut streichen. Ich balle die meinen zu Fäusten und schüttele den Kopf, um ihn daraus zu verbannen.
Hannah
„Ui, da hatte aber jemand einen schlechten Tag! Was hast du denn mit dem gemacht?“
Lisa und ich gehen gemeinsam zum Parkplatz. Während ich meinen Fahrradhelm zurechtrücke, höre ich, wie jemand seine Autotür mit voller Wucht zuknallt. Ein Motor heult auf. Als ich dem Geräusch folge, sehe ich, wie mein neuer Kollege und Tischnachbar mit einem Kavalierstart grußlos an uns vorbeifährt und vom Gelände prescht. Der Drang, ihm die Zunge rauszustrecken, ist unwiderstehlich und nur mit Mühe zu unterdrücken.
„Wieso?“, frage ich bewusst unschuldig.
„Na, der kann es ja gar nicht abwarten, vom Hof zu kommen.“
Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht hat er noch einen Termin? Soll ja vorkommen!“
„Ach, komm schon. Der ist bestimmt nett, so wie der aussieht!“
„Wer? Lars der Eisbär? Vielleicht ist er in der Realität aufgewacht und hat gemerkt, dass er selber arbeiten muss und sein Äußeres keine Wirkung auf mich hat, im Gegensatz zu dir und den anderen. Der muss nicht denken, nur weil er aussieht, als wäre er einem Modekatalog entstiegen, springe ich, wenn er mich ansieht. No way, Lisa.“
„Lars der Eisbär?“, lacht Lisa. „Wie kommst du denn darauf?“
„Na, er sieht doch aus wie einer. Alle oder besser gesagt jede möchte ihn knuddeln und ihm durch sein volles Haar strubbeln. Ihr bekommt alle gleich einen glasigen Blick, wenn ihr ihn seht. So wie bei einem Hundebaby.“
„Na, wenn das Lars der Eisbär ist, dann möchte ich mich gern mal an sein Eisbärfell kuscheln.“
„Tu dir keinen Zwang an. Lars ist für uns alle da. Das hat Frau Peschke ja heute Morgen gesagt.“
Lisa schaut mich seltsam von der Seite an. „Findest du nicht, dass du etwas zu fies zu ihm warst? An seinem ersten Tag? Für sein Aussehen kann er ja nichts.“
Schlechtes Gewissen keimt in mir auf. „Schon. Aber … aber ich wollte auf gar keinen Fall, dass er denkt, er könne mir auf der Nase herumtanzen und mich rumschupsen wie einige andere. Anwesende ausgeschlossen. Nur weil er zufällig gut aussieht …“
Lisa seufzt und nickt zustimmend. „Hmhm.“
„… braucht er nicht zu denken, dass ich Prinz Charming ergeben zu Füßen sinke und ihm seine sündhaft teuren Lederschuhe küsse. Ich hoffe für ihn, er weiß, woher das Leder für diese Schuhe kommt. Nicht, dass ein artengeschütztes Tier sein Leben lassen musste, damit er Eindruck auf die Frauenwelt machen kann.“
„Was macht dir mehr Angst? Dass du ihn gut findest oder er dich toll findet?!“
„Quatsch!“, bestreite ich. „Weder noch. Wir sind viel zu verschieden. Dieser arrogante Schnösel und ich? Niemals, nur über meine Leiche!“
Mittlerweile sind wir am Fahrradstand angekommen. Ich verabschiede mich von Lisa und entriegele das Zahlenschloss an meinem Hollandfahrrad.
***
Der warme Wind pustet mir ins Gesicht. Es riecht nach Sommer. Ich genieße die Sonnenstrahlen auf der Haut und das Fahren ohne Jacke und Schal. Die Girlande aus Seidenblumen am Lenker flattert im Luftstrom. Bei jedem Hubbel auf dem Radweg macht die verrostete Fahrradklingel ein leises Ping. Meinen ganzen Ärger vom Tag kann ich jetzt wegstrampeln. Unwillkürlich muss ich an das Gespräch mit Lisa denken. Wenn ich ehrlich bin, würde es mir mehr Angst machen, wenn Lars mich mögen würde. Dass er mich wahrscheinlich nicht leiden kann, ist jedoch offensichtlich. Zumindest seiner säuerlichen Miene nach zu urteilen. So kann ich ihn wenigstens im Verborgenen anschmachten und mich auf mein Ziel konzentrieren.
Lars hat sicherlich gedacht, er würde mit jemandem wie Lisa zusammen in einem Büro sitzen und nicht mit einer Vogelscheuche wie mir. Es hat mich einfach geärgert, dass ich jetzt den Babysitter für ihn spielen darf und er an meinen Hacken klebt wie ein ausgespuckter Kaugummi.
Leider musste er die Kisten mit den Ordnern wirklich allein in den Keller schaffen, weil Nils mir wieder seine supereiligen Sachen mit den Worten „Deadline läuft, Dickerchen!“ aufs Auge gedrückt hatte. Auf dem Weg nach draußen habe ich die ‚supereilige Sache‘ dann in seinem Korb auf dem Schreibtisch gesehen. Er hatte sich meinen Bericht noch gar nicht angeschaut. So viel dazu. Aber diese Schikane bin ich mittlerweile gewohnt.
Andererseits soll Lars nicht denken, dass er nur mit den Fingern zu schnippen braucht, damit ich freudestrahlend vor ihm auf die Knie falle wie die anderen Weiber im Büro. Schon klar, würde ich auch, wenn ich so aussehen würde wie die. Er hat dunkelblondes, dichtes Haar, und am liebsten möchte ich meine Hände darin vergraben und … Hallo, Hannah, aufwachen! Verdammt. Es ärgert mich, dass mir dieser Typ nicht aus dem Kopf geht.
Lars
„Verdammt!“ Vor Wut schlage ich mit der Faust auf das Lenkrad. Ich hasse es, abhängig von anderen zu sein. Niemals hätte ich einwilligen sollen. Nur meiner Mutter zuliebe habe ich mich auf diesen Deal eingelassen. Wer schlägt schon einer Sterbenden den letzten Wunsch ab? Und was erschwerend hinzu kommt: Ich habe zurzeit keine finanziellen Mittel, um mein eigenes Projekt durchzuziehen.
Auf dem Parkplatz fahre ich an meinen neuen Kolleginnen Liane, Luise – oder wie sie auch heißen mag – und Hannah vorbei. Die Dünne winkt mir zu, während Hannah mit ihrem tödlichen Blick Giftpfeile auf mich schießt. Für einen Moment glaube ich, sie würde mir die Zunge rausstrecken.
Heute Morgen wollte ich mit meinem lockeren Spruch das Eis zwischen uns brechen. Aus irgendeinem Grund hat das nicht geklappt. Im Gegenteil, es ist mächtig nach hinten losgegangen, so wie sie sich aufgeregt hat. Den ganzen Nachmittag hat sie nicht mehr mit mir gesprochen. Nur das Nötigste, als sie mit mir die Bürorunde gemacht hat. Danach habe ich mich mächtig ins Zeug gelegt und die Rumpelkammer aufzuräumen, die Hannah Büro nennt. Alle hundertsechsunddreißig staubige, mit Akten gefüllte Kartons habe ich – wohlgemerkt, ohne zu murren oder zu ächzen – in den Keller geräumt, um sie zu beeindrucken.
Anstatt sich zu bedanken oder mich zu loben, hat sie mir jedoch den Staubsauger in die Hand gedrückt. Das war über allen Maßen frustrierend. Noch nie ist mir so was passiert. Ansonsten liegt mir die Frauenwelt zu Füßen.
Was für ein beschissener Tag. Am meisten ärgere ich mich aber darüber, dass ich meinem Erzeuger nicht die Stirn geboten, sondern mich gefügt und klein beigegeben habe.
Ich fahre jetzt zu Marek. Mein Bruder versteht mich. Der einzige Lichtblick, wie mir scheint. Ich drehe das Radio lauter und gebe am Ende des Parkplatzes richtig Gas, sodass die Räder quietschen, als ich auf die Hauptstraße biege.
Hannah
Auf dem Weg nach Hause radele ich mich so richtig in Rage. Was bildet sich dieser Y-Chromosom-Träger eigentlich ein? Wutschnaubend schnappe ich mir meine gepackte Sporttasche. In ein paar Minuten habe ich die Gelegenheit, mich auszupowern.
Das Sportstudio ist gleich um die Ecke. Der Besitzer der Muckibude ist mein Türnachbar Rudi. Ich war froh, als er mir bei unserer abendlichen Begegnung auf dem Hausflur einen Nebenjob anbot. Wir geben uns sozusagen die Klinke in die Hand. Wenn ich nach Hause komme, geht er zu seinem Sportstudio.
Als Volontär sind die Verdienstmöglichkeiten begrenzt. Nachbarschaftshilfe, hat er augenzwinkernd zu mir gesagt. Als ehemaliger Bodybuilder bedient er fast jedes Klischee. Braungebrannt, überaus muskulös und kann vor Kraft kaum laufen und geradeaus schauen. Manchmal ist der Mädchenschwarm etwas weltfremd und nicht immer ganz helle, aber er ist ein herzensguter Mensch und meistens gut gelaunt.
Bevor ich aufbreche, sehe ich in meiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung nach meinen Mitbewohnern Paul und Gisbert – meine beiden Meerschweinchen. Die Vormieter haben Paul einfach hier stehen lassen. Als ich einzog, stand sein alter, schäbiger Käfig mitten im Zimmer. Der kleine Kerl war mehr tot als lebendig. Ich schloss ihn sofort ins Herz und päppelte ihn wieder auf. Ich kann Menschen nicht verstehen, die so etwas tun. Ein hilfloses Tier so seinem Schicksal zu überlassen.
Damit er nicht so allein ist, habe ich ihm einen Freund dazu geholt.
Paul begrüßt mich mit seinem munteren Quieken. Gisbert sitzt im leeren Futternapf und schaut mich vorwurfsvoll an.
„Na, ihr beiden? Geht’s euch gut?“ Ich kraule Paul hinter den Ohren. Fülle dann den Futternapf und wechsele das Wasser aus. Lege eine Möhre in den Käfig und beobachte die beiden, wie sie selig an der Wurzel knabbern. Ich könnte ihnen stundenlang zusehen. Mein Blick fällte eher zufällig auf die große Uhr an der Küchenwand, und ich realisiere, dass meine Schicht in fünf Minuten anfängt.
***
Wie immer betrete ich das Trainingscenter auf den letzten Drücker und völlig abgehetzt. Der durchdringende Beat vom Step-Aerobic-Kurs in Studio drei empfängt mich am Eingangsbereich, genauso wie der Geruch der schwitzenden Leiber an den Geräten. Auch hier ist Musik zu hören, zu der sich die Kunden auf den Laufbändern und Crosstrainern rhythmisch bewegen. An der Butterfly-Maschine wärmen sich die Jungs vom Hanteltrainingskurs auf. Die meisten typisch in Jogginghose und Muskelshirt, damit die Mädels gleich sehen können, was für coole Poser sie sind.
Auf der linken Seite winkt mir Ilka zu, die hinter der Theke steht und Eiweißshakes für eine Gruppe junger Männer mixt. Es sind die Bodybuilder, deren Kurs zeitgleich mit dem Hanteltraining läuft.
Ich zerre meine sperrige Sporttasche hinter mir her. Bleibe wie so oft überall hängen. Ecke an der Türzarge an, bis mir die schwere Tasche von der Schulter rutscht, mir die Haare unter dem Gurt einquetscht und mit einem lauten Plumps auf dem Laminat aufkommt. Jetzt habe ich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller, die sich in meiner unmittelbaren Nähe auf ihren Geräten abmühen – und ausgerechnet auch die von Rudi. Demonstrativ tippt er mit seinem Finger auf seine nicht vorhandene Armbanduhr. Sein Blick spricht Bände.
„Ups!“, entfleucht es mir, und ich lächele verlegen. Ich spüre, wie ich einen roten Kopf bekomme. Meine Wangen und Stirn glühen, als wäre ich im Fieberwahn. Ich hasse solche Situationen, aber diese hier passt gut zum heutigen Tag.
Dann ist der peinliche Augenblick zum Glück vorbei, und jeder widmet sich seiner Tätigkeit, als ob nichts passiert wäre.
„Gut, dass du da bist“, ruft Ilka von der Bar. „Ich muss gleich los. Heute treffe ich mich mit meiner Aktivistengruppe.“
„Aha! Malt ihr wieder Pappplakate für euren nächsten Sitzstreik im Supermarkt?“
„Nee! Obwohl das eine wirklich gute Aktion war. Zumindest hat an diesem Tag keiner Eier aus einer Legebatterie im Supermarkt gekauft. Und wir haben auf das Leid der Tiere aufmerksam gemacht.“
„Ich hätte dich zu gern in dem Hühnerkostüm gesehen.“
„Geschwitzt habe ich wie sonst was, aber das war es mir wert. Die Qualen der Tiere in Bodenhaltung oder den sogenannten Freilaufgehegen ist unmenschlich groß. Hast du mal gesehen, wie die Tiere aussehen? Keine Federn am Hals, blutige Stellen am Körper …“
„Igitt!“
„Ganz zu schweigen von dem Schicksal, das die meisten männlichen Küken erwartet, die lebendig geschreddert und zu Tiermehl weiterverarbeitet werden. Das musst du dir mal vorstellen! Da wird den pflanzenfressenden Kühen Tiermehl gefüttert. Wie pervers ist das denn?“
„Wenn ihr mit eurem Kaffeekränzchen fertig seid, könntet ihr dann wieder an die Arbeit gehen?“ Wie aus dem nichts steht Rudi hinter uns.
Schuldbewusst zucke ich zusammen. „Ah … ja, klar.“ Geistesgegenwärtig greife ich nach dem Geschirrhandtuch vor mir und poliere ein sauberes Glas.
„Ich bin dann mal weg“, sagt Ilka. „Wenn du Lust hast, komm doch mal mit. Wir können immer jemanden gebrauchen, der mithilft.“
„Heute hat Hannah andere Verpflichtungen.“
„Rudi, du Sklaventreiber, wir sehen uns morgen.“ Ilka zwinkert dem Sonnyboy zu und rauscht ab.
„Ich bin kein Sklaventreiber, ich bezahle sie!“, ruft er ihr hinterher. Doch Ilka ist schon hinter der Tür verschwunden.
„Also … ich wollte nicht so hart sein. Bitte entschuldige, es sollte nicht böse rüberkommen.“
Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Nein, Rudi, alles in Ordnung. Du hast ja recht. Aber wenn Ilka in Rage gerät, ist sie nun mal nicht zu bremsen.“
„Hmmm.“ Rudi starrt immer noch zur Tür. Ein seltsamer Ausdruck liegt auf seinem Gesicht.
„Sag mal, Rudi?“
„Hmmm?“
„Hast du dich schon mal mit Ilka verabredet?“
„Was?“ Erst jetzt wacht er aus seiner Trance auf. „Wieso das denn? Wie kommst du darauf? Ist das so offensichtlich?“ Zu meiner Überraschung sackt dieser große, starke Mann in sich zusammen.
„Ach, Rudi! Du bist ja bis über beide Ohren in Ilka verliebt.“
„Hmm. Was soll ich denn machen? Ich weiß nicht, was ich zu ihr sagen soll. Könntest du nicht mir ihr reden?“
„Ich?“
„Na ja, du kannst doch gut mir ihr. Du könntest ja … durch die Blume fragen, ob sie mich leiden mag. Sodass sie keinen Verdacht schöpft.“
„Leiden mag?“
„Du weißt schon, was ich meine, Hannah!“
Da steht dieser große, muskulöse Mann vor mir und schaut mich mit seinen braunen Teddyaugen an. Ich knicke innerlich ein. Obwohl ich mich weder einmischen noch als Kupplerin fungieren möchte, kann ich nicht anders.
„Okay“, seufze ich. „Ich versuche es. Aber ich verspreche dir nichts!“
Rudi strahlt. „Hannah, du bist die Beste!“ Er nimmt mich in die Arme und drückt mich, und mein Schmunzeln wird breiter.
Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, unglücklich verliebt zu sein in jemanden, der keine Ahnung hat, dass du existierst, weil du unsichtbar für ihn bist. Ich fühle mich oft wie Jean-Baptist Grenouille aus dem Roman ‚Das Parfüm‘.
In diesem Moment bin ich Rudi sehr verbunden. Verstehe ihn. Weiß, wie es in ihm aussieht. Daher werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, damit Ilka Rudi wahrnimmt.
Hannah
Die Montagabend-Schicht nimmt ihren Lauf. Am Anfang der Woche ist es immer besonders voll. Wahrscheinlich drückt die sowieso schon Schlanken das schlechte Gewissen, weil sie am Wochenende nur Joggen waren und ansonsten auf dem Sofa gechillt haben. Allerdings sehen sie nicht danach aus, als ob sie allein auf der Couch versauern würden.
Man darf eben nicht nur von sich auf andere schließen. Ich liebe es einfach, zu Hause zu sein. Einkäufe und Hausputz werden möglichst am Samstagvormittag erledigt. Danach gehört das Wochenende mir. Ich schließe die Haustür ab und igele mich in einer Wolldecke ein. Manchmal schalte ich sogar mein Handy aus, damit mich keiner stört. Meine Mutter hat die Angewohnheit und das Talent, in den unpassendsten Augenblicken anzurufen. Es ist ja nicht so, dass wir uns nie sehen. Jeden Mittwoch schaue ich bei ihr vorbei. Sie kocht dann was Schönes. Manchmal ist das meine einzige warme Mahlzeit unter der Woche.
Wir reden dann über die Ereignisse der letzten Tage. Natürlich könnte ich auch bei ihr wohnen. Das hat sie mir schon oft angeboten. Aber ich möchte unabhängig sein. Ich will es allein schaffen und ihr vor allem nicht auf der Tasche liegen. Sie hat schon genug Probleme.
Ich kann stundenlang auf der Couch liegen und in einem Buch versinken. Oder ich arbeite an meinem Roman. Ich liebe es, zu schreiben und auf den Flügeln der Fantasie davon zu fliegen.
Doch dann holt mich der Montag in die Realität zurück und schlägt voll zu. So wie heute. Zwischen dem Mixen von Eiweißshakes und Ausfegen der Umkleidekabinen esse ich mein Butterbrot, das ich mir heute früh geschmiert habe. Ich will mich nicht beschweren, denn wenn viel zu tun ist, vergeht wenigstens die Zeit schnell.
Da ich von den Aushilfen am längsten dabei bin, kenne ich mich mit vielen Dingen aus, die anfallen. Ich bin eben ein Mädchen für alles. Genauso wie in meinem Job im Verlag ist es gut, wenn man flexibel und ein Allrounder ist.
Es ist Kurswechsel. Step-Aerobic ist zu Ende. Bauch-Beine-Po fängt gleich im Anschluss an sowie Zumba und Spinning für Fortgeschrittene. Zwischen den vielen sportbegeisterten Menschen sammele ich die leeren Gläser ein, die auf den Tischen neben den Geräten stehen. Auf meinem Tablett stapeln sich die Trinkgefäße. Die Fitnessgeräte sind so gut wie alle belegt. Die Kursteilnehmer nutzen vorher die Gelegenheit, ihre Muskulatur aufzuwärmen.
Als hätte sich die Menschenmenge wie die Fluten des Roten Meeres geteilt, steht da plötzlich mein neuer Kollege. Vor Schreck werden meine Hände schwitzig. Das Tablett gerät in bedrohliche Schieflage. Manche Gläser rutschen und klirren laut gegeneinander. Einige kippen um. Im letzten Moment kann ich es gerade noch halten und eine Katastrophe abwenden.
Kann der mich nicht wenigstens in meinem Feierabend in Ruhe lassen? Dass er hier auftaucht, bringt mich völlig aus dem Konzept.
Er schaut in meine Richtung. O Gott! Hat er mich gesehen? Panik breitet sich in mir aus. So kenne ich mich überhaupt nicht.
Schnell tauche ich in der Menge unter, aber anscheinend nicht schnell genug, denn er erkennt mich. Er winkt und kommt auf mich zu. Ich beeile mich, das Tablett neben der Hantelbank hinter mir verschwinden zu lassen.
„Na, das ist ja eine Überraschung! Was machst du denn hier?“
Das ist wohl die blödeste Frage, die ihm hätte einfallen können. Jedes Mal, wenn er den Mund aufmacht, steigt Wut in mir auf. Ja, was mache ich hier wohl? Ich möchte ihm am liebsten mein Shirt mit der Aufschrift ‚Rudi’s Fitnessbude‘ an den Kopf werfen. Dabei schaut er so spöttisch, dass es mir in den Fingern juckt, ihm eine Ohrfeige zu verpassen.
„Ach, hallo! Hab’ dich gar nicht gesehen“, sage ich stattdessen. „Was ich hier mache? Tja, ich vermute, das gleiche wie alle anderen im Fitnessstudio.“
„Du läufst?“
„Wer? Ich?“ Erstaunt schaue ich mich um. Neben mir steht das Laufband, das wohl gerade frei geworden ist. „Ja, genau. Ich habe gewartet bis das, äh … Laufband frei wird. Voll heute.“ Mutig stelle ich mich auf die Tretmühle.
„Cool, habe ich dir gar nicht zugetraut.“
Die Blöße will ich mir jetzt nicht geben. Außerdem muss er nicht unbedingt checken, dass ich hier nur arbeite und nicht zum Vergnügen bin. Er scheint ja keine Geldsorgen zu kennen. Sein Auto mit dem Schwaben-Stern hat sicherlich Papi finanziert.
Ich streiche mir ein paar verirrte Strähnen aus dem Gesicht. Hier im Studio ist die Luft oft so trocken, dass sich meine Haare elektrisch aufladen und mir wirr um den Kopf schwirren. Mein Blick fällt auf das Display. Herrje, hierfür benötigt man ja ein technisches Studium! So viele Knöpfe und Einstellungen. Mehr aus Zufall finde ich den Einschaltknopf. Das Band fängt gleich an, zu rotieren. Schneller als erwartet. Durch den plötzlichen Ruck komme ich kurz ein wenig ins Straucheln, was ich aber gut überspielen kann. Instinktiv setze ich einen Fuß vor den anderen.
„Also dann …“, sage ich zu ihm als Zeichen, dass das Gespräch jetzt beendet ist. Lars bleibt aber unglücklicherweise neben mir stehen und schaut mir zu. Macht auch keine Anstalten, zu gehen. Ich hatte gedacht, er würde nur Höflichkeiten austauschen wollen und dann wieder verschwinden. Da habe ich mich wohl getäuscht. Apropos gehen. Je mehr ich auf dem Band laufe, umso schneller wird es. Inzwischen jogge ich, obwohl ich in meinem ganzen Leben noch nie gejoggt bin.
„Und du? Bist du nur zum Zuschauen hier?“, presse ich stoßweiße hervor. Die Puste geht mir langsam aus.
„Nein, ich wollte in den Indoor-Cycling-Kurs. Bin neu hier.“
Ach was!
„Der Kurs beginnt immer pünktlich. Darauf legt Joachim sehr viel wert. Raum fünf. Treppe hoch, dann links, dem Schweißgeruch hinterher.“
Ich habe das Gefühl, dass mir gleich die Lunge platzt. Inzwischen habe ich schon ein ordentliches Tempo drauf. Will der denn gar nicht gehen? Ich renne, was das Zeug hält. Darum halte ich mich krampfhaft am Griff fest.
„Na, dann will ich dich nicht länger stören. Du hast ja schon ein ordentliches Tempo drauf.“ Er gibt mir einen Klaps auf die Schulter. „Respekt!“
„Hannah?“, ruft Rudi. „Hannah!“
Ich kann Lars nur noch zunicken. Mir ist glühend heiß. Allerdings schwirren meine Haare nicht mehr. Die kleben mir nämlich jetzt klatschnass an Kopf fest.
„Es gibt doch nichts Schöneres als sich mal so richtig auszupowern, was?“
Ich lächele gequält. Meine volle Konzentration gilt dem Laufband, damit ich bloß nicht über meine eigenen Füße stolpere.
„Also, man sieht sich.“
Lars macht sich endlich auf den Weg zu seinem Kurs. Gott sei Dank, denke ich. Mein Problem mit dem Laufband ist aber noch nicht gelöst. Der Ausstellknopf ist in unerreichbarer Entfernung. Ich traue mich einfach nicht, die Hand vom Griff zu lösen. Das Band wird immer schneller. Plötzlich verlassen mich die Kräfte. Meine Beine knicken weg und sausen mit dem Band nach hinten weg.
Verzweifelt und mit letzter Kraft mache ich Vorwärtssprünge, um auf dem Band zu bleiben. Ich kann mich nicht mehr halten. Meine schwitzigen Hände rutschen vom Griff ab, mit denen ich jetzt panisch in der Luft rudere, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Irgendwann verliere ich auch diesen Kampf, der sich für mich wie eine Ewigkeit anfühlt, in Wirklichkeit aber nur Sekunden dauert.
Ich sause vom Laufband. Mit einem Angstschrei falle ich auf den Po, schlage einen filmreifen Purzelbaum rückwärts und komme auf dem Bauch zum Liegen. Meine Fußspitzen donnern in das Tablett mit den Gläsern, dass ich dort abgestellt habe. Es klirrt und scheppert gewaltig. Erschöpft bleibe ich auf dem müffelnden Teppich liegen.
„Hannah!“, ruft Rudi in der Ferne.
In meinen Ohren rauscht es, und mein Herz rast wie nach zwanzig Tassen Espresso. Bäuchlings bleibe ich erschöpft auf der blauen Auslegeware liegen. Mit letzter Anstrengung hebe ich den Kopf. Neben mir erblicke ich ein Paar weiße Turnschuhe.
„Hmmm?“ Ich blinzele nach oben.
Rudi steht neben mir mit Eimer und Wischmopp. „Was machst du denn da unten auf dem Fußboden?“
„Rudi, ich … ich liege einfach so hier rum. Der Teppich müsste übrigens dringend gesaugt werden“, versuche ich, zu scherzen. Ich habe zwar meine Würde verloren, aber meinen Humor offensichtlich nicht.
„Mensch, Hannah! Ausruhen kannst du dich zu Hause. Und wenn du schon Bodenexpertin bist – die Damendusche muss auch dringend gereinigt werden.“
Umständlich rappele ich mich auf.
Rudi drückt mir Eimer und Mopp in die Hände. „Und stell das Laufband aus, das irgendein Idiot angelassen hat.“
Hannah
Bevor ich mich der Gruppendusche mit vollem Einsatz widme, sammele ich die Glasscherben auf, die um das Tablett auf dem Teppich verstreut liegen. Scherben bringen ja bekanntlich Glück.
Von meinem Malheur hat anscheinend keiner so richtig etwas mitbekommen. Jedenfalls spricht mich niemand darauf an. Ich sehe auch keinen, der hinter vorgehaltener Hand etwas tuschelt oder mich komisch von der Seite ansieht. Was ich durchaus als positiv bewerte.
Herrje, war das peinlich! Aber so typisch für mich. Ich bin eine große Meisterin darin, mit solchen Aktionen unabsichtlich in den Mittelpunkt zu geraten.
Meine Beine fühlen sich wie Gummi an. Morgen werde ich mit Sicherheit einen ordentlichen Muskelkater haben plus einen blauen Fleck an meinen Rippen, den mir Nils heute Morgen verpasst hat.
Der Waschraum ist schnell wieder vorzeigbar. Dank der Musik, die durch die Lautsprecher in der Decke auf mich herabrieselt. Im Takt schwinge ich meinen Mopp von rechts nach links.
Ich schlappe in meinen Badelatschen pfeifend und gemächlich in Richtung Abstellkammer, um meine Putzutensilien zu verstauen. Gleich ist Feierabend.
Jonas steht hinter der Theke. Er halbiert Orangenscheiben für den letzten Saunagang, als ein Schrei aus seiner Richtung mich zusammenfahren lässt.
„Ahhhhhhh … verdammt, ich habe mich geschnitten!“ Jonas hält den Finger in die Höhe. „Ich blute!“
Eimer und Mopp lasse ich fallen und eile meinem Kollegen zu Hilfe. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst. Tatsächlich kann ich aber nur einen Tropfen Blut erkennen, den er sich aus der winzigen Wunde quetscht. Erleichtert atme ich auf.
„Ach, Jonas, so schlimm ist das gar nicht.“
„Doch!“, erwidert er wehleidig.
„Halte deinen Finger unter den Hahn und kühle ihn mit kaltem Wasser.“
Da er keine Anstalten macht, meiner Anweisung Folge zu leisten, nehme ich kurzentschlossen seine Hand und halte sie unter den Wasserstrahl.
„Mist …“
„Jonas, bitte! Es ist ein wirklich nicht schlimm.“
„Doch, es tut verflucht weh!“
„Es ist nur ein winziger Schnitt. Hier, sieh selber.“
„Nein, lieber nicht.“
„Trockne deinen Finger mit der Küchenrolle ab. Ich hole dir ein Pflaster.“
„Mir wird schlecht!“
„Ach, Quatsch! Doch nicht wegen so einem winzigen Schnitt.“ Ein klitzekleines Tröpfchen Blut sucht sich seinen Weg durch das Papier. Jonas wird blass um die Nase.
„Rudi!“, rufe ich in den Raum. „Ich brauche hier ganz dringend deine Hilfe!“
Da sackt Jonas auch schon zusammen. Gerade kann ich ihn noch halten, bevor er hart aufschlägt. Gemeinsam sinken wir zu Boden.
Dann steht Rudi neben mir. „Was ist denn hier los?“
„Jonas hat sich geschnitten. Nicht doll, aber er ist einfach in Ohnmacht gefallen.“
Rudi kniet sich neben mich. Er tätschelt ihm die Wangen, bis er wieder aufwacht. „Na, mein Junge? Ich glaube, du ruhst dich noch ein wenig aus.“ Er hebt Jonas auf, als wäre er leicht wie eine Feder, obwohl er ein breites Kreuz hat und mindestens 1,80 m groß ist. Rudi trägt ihn zu der Krankenliege im Büro. Über seine Schulter hinweg ruft er zu mir: „Kümmerst du dich um den Aufguss in der Sauna? Danach kannst du auch gern Feierabend machen.“
Feierabend! Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Schnell räume ich mein Putzzeug weg, das ich vorhin so unsanft fallengelassen habe.
Der letzte Aufguss ist immer sehr gut besucht. Zum Glück hat mir Jonas, unser Saunameister, gezeigt, wie man die Aufgusszeremonie korrekt durchführt. Einen Tag lang habe ich die richtige Handtuchwedel-Technik gelernt. Am Ende des Crashkurses war er zufrieden und ich erschöpft und klitschnass geschwitzt. Jetzt ist Premiere vor Publikum.
Mit dem Tablett Orangen und einem Holzbottich voll Wasser mache ich mich auf den Weg zur Sauna. Wäre doch gelacht, wenn ich die Nackedeis nicht zum Schwitzen bekommen würde.
Schon durch das kleine Fenster, das zum spärlich beleuchteten Raum führt, kann ich sehen, wie die Gäste dicht gedrängt, Pobacke an Pobacke, bis in die obere Reihe sitzen.
Bottich und Tablett stelle ich ab und öffne die Tür, um den Innenraum zu lüften. Heiße Luft schlägt mir entgegen.
Jetzt kommen die letzten Vorbereitungen. Jonas hat eine ganze Gefriertruhe voll Kunstschnee, daraus forme ich drei faustgroße Bälle, so wie er es mir gezeigt hat, lege sie in eine Holzschale und nehme die ätherischen Öle sowie das große Handtuch mit.
Nun habe ich alles beisammen. Jetzt ist Showtime. Ich gebe zu, ich bin sehr aufgeregt. Schließlich mache ich das zum ersten Mal. Mit klopfendem Herzen betrete ich die Sauna mit den Utensilien und schließe die Tür hinter mir. Nervös räuspere ich mich und hole tief Luft.
„Hallo, mein Name ist Hannah, und ich begrüße euch zu dem letzten Aufguss des heutigen Abends, den ich für euch mache. Es gibt insgesamt drei. Für die erste Runde habe ich euch Zitrone mitgebracht. Das Aroma ist frisch, fruchtig und wirkt desinfizierend. Für den zweiten Pfefferminze und zuletzt Kiefer. Beide Öle befreien die Atemwege. Wenn ihr euch nicht wohlfühlt, dürft ihr gern nach unten, sofern das möglich ist. Sollte es euch dennoch zu viel werden, könnt ihr die Sauna jederzeit verlassen. Ich wünsche euch gute Entspannung und ein angenehmes Schwitzen.“
Mit dem Schöpflöffel gieße ich zwei Kellen Wasser auf die Lavasteine, das sofort zischend verdampft. Die Lavasteine knacken. Ich beträufele die erste Schneekugel mit Zitronenöl und lege sie in die Glut. Danach gieße ich eine Kelle Wasser darüber und zerklopfe die Kugel. Langsam schmilzt das Eis. Der fruchtige, frische Duft der Zitrone entfaltet seine Wirkung. Ich falte mein Frotteehandtuch auf die halbe Größe, rolle es auf der einen Seite etwas ein und schwenke es mit Schwung nach hinten links, über den Kopf und dann nach vorn, ähnlich der Bewegung der Vorhand beim Tennis, und schlage die heiße Luft vom Ofen zu den Gästen. Ein Wohliges Ah und Oh kommt mir entgegen. Meine Augen haben sich inzwischen an das diffuse Licht gewöhnt. Mit einem Schlag wird mir heiß, und es liegt nicht an der steigenden Raumtemperatur.
Vor mir auf der untersten Stufe sitzt, natürlich splitterfasernackt, mein neuer Kollege und grinst wie ein Honigkuchenpferd. Den Impuls, ihn mit der Ecke des Handtuchs, selbstverständlich versehentlich, zu treffen, kann ich nur mit Mühe unterdrücken.
Muss das denn sein? Kann der mich nicht in Ruhe lassen? Der Kerl verfolgt mich schon den ganzen Tag! Kurz vor Feierabend muss ich ihn nun wirklich nicht auch noch hier in der Sauna sehen.
Oh. Mein. Gott!
Ich kann alles – aber auch wirklich alles – sehen, da er breitbeinig in einer typisch männlichen Pose vor mir sitzt. Sein Oberkörper mit seinen definierten Muskeln ist ja ein richtiger Hingucker. Und es scheint ihm überhaupt nicht peinlich zu sein, ganz im Gegensatz zu mir. Normalerweise macht es mir nichts aus, andere Menschen unbekleidet zu sehen, bei bekannten Gesichtern ist das jedoch etwas anderes. Es gibt eben Dinge, besonders von Kollegen und Eltern, die möchte man nicht sehen. Lars scheint das aber keineswegs etwas auszumachen. Anstatt sich anders hinzusetzen, bleibt er machomäßig so hocken und glotzt mich wie ein Mondkalb auf Ecstasy an.
Ich versuche, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Was mir schwerfällt. Seine dominante Nähe bringt mich aus dem Konzept. Als ob es nichts Besonderes wäre, reiche ich jedem das Tablett mit den Orangenstücken an. Für die obere Reihe muss ich mich ein bisschen recken. Die meisten machen Platz, damit ich das Brett bis in die hinterste Reihe reichen kann. Hier nimmt man Rücksicht auf den anderen und übt sich in Diskretion, damit man den schwitzenden Nebenmann nicht unnötig berührt. Bis auf Lars. Pietätlos stoßen seine Knie gegen die der Sitznachbarn rechts und links neben ihm.
Mir bleibt tatsächlich nichts anderes übrig, als zwischen seinen Beinen nah an ihn heranzutreten, damit die obere Bank in den Genuss der Orangenstücke kommt. Kurz bleibt mir die Luft weg, als ich versehentlich seinen Oberkörper berühre. Er fühlt sich, zu meinem Leidwesen, fürchterlich angenehm an. Mir schwirrt ein Schwarm Schmetterlinge durch den Bauch. Beinahe lasse ich das Tablett fallen.
Zum Glück fange ich mich schnell wieder und fahre mit meiner Arbeit fort. Ich konzentriere mich auf den nächsten Durchgang.
Die zweite Schneekugel mit dem Pfefferminzöl kommt in die Glut. Darüber leere ich wieder zwei Kellen Wasser, ehe ich sie zerklopfe. Der frische Minzduft beißt in den Atemwegen und befreit sie. Ich rolle das Handtuch auf und wirbele mit der Propellerbewegung die heiße Luft vom Ofen zu den Gästen. Der Schweiß fließt in Strömen, nicht nur bei mir.
Puh, Ah, Boa, geht es durch die Reihen. Um den Effekt vor dem letzten Durchgang zu erhöhen, reiche ich nun den Eimer mit den Eiswürfeln herum. Damit können sich die Saunierenden abreiben, um abzukühlen.
Und wieder ist es Lars, der keinen Platz macht, damit ich an die hintere Bank komme. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mich abermals dicht vor ihn zu stellen.
Als die obere Reihe fertig ist, kann ich den schweren Bottich mit den Eiswürfeln nicht länger halten. Er gleitet mir durch die rutschigen Hände, aber ich fange ihn noch gerade so auf. Dabei ist der Eimer jedoch in eine bedenkliche Schräglage gekommen, und die Gravitation erledigt den Rest. Die gefrorenen Wasserwürfel prasseln auf Lars herab und landen auf seine Körpermitte.
„Ups!“, entfleucht es mir.
Wie von der Tarantel gestochen springt Lars mit einem überhaupt nicht männlichen Schrei auf. Plötzlich ist er hellwach.
„Bist du total bescheuert? Kannst du nicht aufpassen?“, schimpft er, und ich stehe da wie ein begossener Pudel. Meine Haare kleben mir am Kopf, genauso wie das Shirt am Körper. Ich bin so perplex, dass ich kein Wort der Entschuldigung hervorbringe. Röte schießt mir ins Gesicht, die man in diesem schemenhaften Dunkel zum Glück nicht sieht.
Hämisches Gelächter hinter vorgehaltener Hand entspannt die Lage, und Lars verlässt fluchend die Sauna. Leichte Schadenfreude breitet sich in mir aus. Es gibt also doch noch Gerechtigkeit! Nicht, dass ich jemandem oder ihm etwas Schlechtes wünsche. Doch das hat er irgendwie verdient.
Als er endlich draußen ist, beginne ich mit der letzten Runde. Am Ende bekomme ich Applaus. Diese Anerkennung habe ich zum Abschluss dieses schrecklichen Tages wirklich gebraucht.
Lars
„War das peinlich, Marek!“ Ich sitze auf dem Sofa. Meine linke Hand ruht auf meinen geschlossenen Augen. Die Mansardenwohnung liegt im vierten Stock und hat einen tollen Ausblick auf die Innenstadt. Das Grün der Bäume ragt zwischen den Dächern hervor. Es erweckt den Eindruck, man wohne hier eher im Wald als in einer Großstadt. Die Wohnung ist nicht groß, aber sie gehört mir. Jedenfalls solange ich die Miete zahle. Meinem Vater war es zwar nicht recht, als ich hier eingezogen bin, da er es lieber gesehen hätte, ich wäre bei ihm in der Villa wohnen geblieben, aber er hat mich nicht umstimmen können. Ich bin immer noch stolz auf mich, sein Angebot für das Loft, das er mir kaufen wollte, ausgeschlagen zu haben. Hier bin ich mein eigener Herr und stehe nicht mehr unter seiner Fuchtel. Es reicht schon, dass ich ihm in anderen Dingen ausgeliefert bin.
Das Gelächter von meinem kleinen Bruder dringt aus dem Handy direkt an mein Ohr.
„Ich habe mich total bloßgestellt!“
„Du meinst wohl eher entblößt“, prustet Marek.
„Ha-ha, sehr witzig. Ich habe mich absolut zum Honk gemacht. Was soll sie denn jetzt von mir denken?“
„Sicherlich nur Gutes. Und süße Träume wird sie bestimmt auch von dir haben. Hi-hi-hi.“ Marek scheint sich auf der anderen Seite der Leitung köstlich zu amüsieren. Es macht ihm Spaß, mich damit aufzuziehen. Mein Bruder hat manchmal einen sonnigen Humor.
„Hoffentlich denkt sie nicht, dass ich ein Exhibitionist bin.“
„Ach komm, du stellst dich doch sonst auch mal gern zur Schau.“
„Ja, aber doch nicht so! Und schon gar nicht vor neuen Kolleginnen.“
„… die bald deine Angestellten werden, vergiss das nicht.“
„Hör bloß auf! Daran will ich überhaupt nicht denken. Das war die blödeste Schnapsidee aller Zeiten!“
„Wie ist es denn so weit gekommen? Ich meine, in der Sauna. Musstest du nicht damit rechnen, ihr eventuell dort zu begegnen?“
„Weiß auch nicht. Irgendwie war ich nicht ich selbst. Womöglich eine Fehlschaltung in meinen Synapsen. Eigentlich wollte ich gerade den Schwitzkasten verlassen. Die Sanduhr war schon durchgelaufen, und ich saß bereits ganz unten auf der untersten Bank, weil ich längst überhitzt war, als die Tür zur Sauna zum Lüften aufgemacht wurde. Das war sehr angenehm. Also bin ich sitzengeblieben. Ich hatte gerade an sie gedacht, wie sie auf dem Laufband so ein Tempo hingelegt hatte. Das habe ich ihr gar nicht zugetraut. Da stand sie auch schon vor mir. Zuerst habe ich das gar nicht geschnallt. Ich war noch so mit meinem Tagtraum beschäftigt …“ Aus dem Nichts taucht ihr hübsches Gesicht vor mir auf. Diese atemberaubenden Augen und ihr Blick gnadenloser Intensität, für den sie eigentlich einen Waffenschein benötigen sollte. Mit einem Blauton, den ich noch nie gesehen habe. Dunkelblau, und um die Iris ein grünlicher Farbkranz. Ihre Seelenfenster sind klar und unergründlich wie ein Bergsee und trotzdem warm wie ein Kaminfeuer und können sogar Funken sprühen. Und ihre geschwungenen, vollen Lippen …
„Erde an Lars! Bist du noch da oder schon eingeschlafen? Was ist dann passiert?“, holt mich Marek auf den Boden der Tatsachen zurück.
„Ach, was weiß ich“, erwidere ich verärgert. „Ich war wie hypnotisiert. Bin erst zu mir gekommen, als sie den Kübel mit den Eiswürfeln über mir ausgekippt hat. Das hat sie sicherlich absichtlich gemacht. Das Biest!“
„Na, das nenne ich mal eiskalt abserviert, mein Lieber!“
„Dann habe ich Hannah auch noch beschimpft, weil ich mich so erschrocken hatte. Wie soll ich ihr morgen nur unter die Augen treten?“
„Jedenfalls nicht nackt.“
„Sehr witzig, Marek. Das ist keine Hilfe. Ich muss das irgendwie wiedergutmachen, wo doch schon der Anfang so unterkühlt war. Dabei wollte ich doch nur mit meinem Spruch heute Morgen das Eis brechen.“
„Das hat offensichtlich schon sie übernommen. Es lebe die Emanzipation! Dafür hast du sie mit nackten Tatsachen konfrontiert“, erwidert mein Bruder, und ich höre über das Telefon, dass er schmunzelt.
„Ich muss unbedingt bei ihr punkten, sonst wird die Zusammenarbeit mit ihr der reinste Spießrutenlauf!“
„Okay, ich habe eine Idee. Wir machen Folgendes …“
Hannah
Ich werde vom fröhlichen Geschepper der Mülltonnen geweckt. Mit einem Auge schiele ich auf den Wecker. Zehn vor sieben! Mit einem Ruck sitze ich senkrecht im Bett. Verschlafen, na super! Der Dienstag scheint da anzufangen, wo der Montag aufgehört hat.
Reflexartig springe ich aus dem Bett, und meine Füße landen auf meinem Flokatiteppich. Offensichtlich gefällt ihm das nicht, denn er versucht, mich abzuwerfen. Vor Schreck strauchele ich. Mit schmerzverzerrtem Gesicht komme ich zum Stehen. Der Muskelkater in den Oberschenkeln ist unbeschreiblich und zieht bis in die Pobacken. Dennoch husche ich so schnell wie möglich ins Bad und mache mich fertig. Frühstück muss heute ausfallen. Das kann ich gleich im Büro nachholen.
Paul und Gisbert bekommen noch frisches Wasser und ihr Futter. Streicheleinheiten müssen bis nachher warten.
Ein anderes unerwartetes Problem taucht auf. Was ziehe ich an? Die Frage hat sich mir sonst noch nie aufgedrängt. Ich durchforste meine Sachen und muss feststellen, dass ich nichts Vernünftiges zum Anziehen habe. Demnächst muss ich dringend shoppen gehen. Nach zu langem Hin und Her, was mir die Uhr bestätigt, entscheide ich mich für eine Jeans und eine geblümte, taillierte Bluse. Im Schlafzimmer sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Der knappen Zeit wegen verzichte ich darauf, meine leichte Naturkrause mit dem Glätteisen aus den Haaren zu ziehen. Noch ein bisschen Lipgloss, und fertig. Im Vorbeigehen schlüpfe ich in meine Sneaker und schnappe mir Tasche, Jacke und Fahrradhelm. In großen Sätzen haste ich die Treppen nach unten. Das Fahrradschloss klemmt natürlich. Der Verkehr ist heute Morgen enorm. Überall Gehupe und Geklingel. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich eine halbe Stunde später als sonst auf der Piste bin. Schüler kommen mir in Scharen aus allen Gassen in die Quere und verlangsamen meine Fahrt.
Extrem genervt komme ich beim Verlag an. Der Eingangsbereich bremst mich kurzfristig aus, bevor ich die Stufen zur zweiten Etage hochhaste. Als Warnung an alle, die das Foyer ahnungslos betreten, steht ein gelbes Warnschild mit einem schwarzen Strichmännchen, das hilflos die Arme in die Luft reißt und ausrutscht. Unsere Reinigungskraft pflegt den Marmorboden mit äußerster Hingabe und stundenlang mit Bohnerwachs. Bei Regenwetter ist der Eingangsbereich besonders unfallträchtig. Die Eintretenden fallen regelrecht wie die Kastanien beim ersten Herbststurm zu Boden.
Mit dem Glockenschlag um acht Uhr klickt die Stechuhr meine Karte ab. Geschafft! Später als sonst, aber nicht zu spät. Ich atme tief durch und gehe zu meinem Büro.
„Na, gerade noch geschafft?“, ruft Nils von seinem Platz aus quer durchs Büro.
Klar, muss ja auch jeder mitbekommen, dass man mal etwas später dran ist als sonst.
Er sitzt mit überkreuzten Beinen, die auf der Tischplatte liegen, weit nach hinten gelehnt in seinem Bürostuhl und pult sich den Dreck mit einer verbogenen Büroklammer unter den Nägeln weg. Hmm, lecker.
Ich zucke nur entschuldigend mit den Achseln. „Der Verkehr heute Morgen. Ging nicht schneller.“
„Ich war auch mal jung, hi-hi.“ Bei seinem dreckigen Lachen dreht sich mir der Margen um. Zum Glück ist er noch leer, sonst müsste ich mich jetzt übergeben. „Merk’ dir eins, Dickerchen. Wenn du schon auf deinem Freund rumhüpfst, mach schneller oder verschiebe es auf den Feierabend. Montags bis freitags von acht bis siebzehn Uhr gehört dein Arsch mir. So, und nun schieb’ deinen dicken Hintern hierher. Ich habe Einiges, was du bis zwölf Uhr erledigt haben musst – und zwar zack, zack. Deadline läuft. Ach ja, heute Mittag hätte ich gern was vom Chinesen.“
Ich verdrehe die Augen. Nils hat ja eine super Laune. Widerrede ist da zwecklos. Ich schnappe mir wortlos die Liste, die Nils mir mit einem schmierigen Grinsen entgegenhält.
„Ja, ja. Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, schiebt er süffisant hinterher. Er versucht offensichtlich, mich zu provozieren. Aber Auflehnung führt zu nichts, und er sitzt am längeren Hebel, daher halte ich die Klappe und würdige ihn keines Blickes. Beim Gang zu meinem Kabuff schiele ich auf die Liste. Dabei entgleisen mir meine Gesichtszüge.
„Und schick mir die College-Pfeife!“, höre ich Nils krähen.
Frustriert reiße ich die Tür meines Minibüros auf, das nur ein Fenster zum Großraumbüro hat. Da es an Tageslicht mangelt, wollte keiner ‚im Schaukasten‘ sitzen. Mir macht das nichts aus. Es ist zwar extrem klein und ein wenig muffig, aber man kann wenigstens die Tür hinter sich schließen. In der Ruhe und Abgeschiedenheit kann ich mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren.
Beirrt bleibe ich an der Schwelle stehen. „Entschuldigung, hab’ mich in der Tür geirrt.“ Irritiert schließe ich sie wieder hinter mir. Irgendetwas stimmt da nicht. Etwas ist anders als sonst. Lars saß dort. Okay, ich versuche, meine Gedanken zu ordnen.
Verunsichert öffne ich die Tür erneut und spähe in den Raum. Im ersten Moment kann ich es noch nicht erfassen, aber nach und nach lichtet sich der Nebel.
„Ich habe Tageslicht!“, platzt es erstaunt aus mir heraus. Tatsächlich ist gegenüber ein geputztes Fenster mit knallroten Vorhängen und einer Topfpflanze davor. Auf dem beigefarbenen Teppich liegt ein weinroter Perserteppich, der, zugegeben, etwas abgetreten aussieht – was ihm jedoch nichts abtut. Im Gegenteil, der Vintage-Look verleiht dem historischen Knüpfwerk Charme und passt gut in diesen Raum. An der Decke baumelt statt der einsamen, verstaubten Glühbirne ein kleiner Kronleuchter aus dem Möbelladen mit den vier gelben Buchstaben. Lars sitzt an seinem Schreibtisch gegenüber von meinem.
„Guten Morgen!“, grüßt er fröhlich.
„Morgen … Was ist denn hier passiert?“
„Du wolltest ja, dass ich hier mal ein bisschen klar Schiff mache. Und das habe ich erfolgreich umgesetzt. Ist irgendwie gemütlicher. Findest du nicht?“
„Doch, doch“, bringe ich verdattert hervor. Er hat recht. Es ist heimeliger und lädt zum Verweilen ein. Staunend schaue ich mich weiter um. In der einen Ecke steht eine Stehlampe, die garantiert aus den Fünfzigerjahren stammt. Hier passt sie aber gut zum Ambiente. Sogar einen Garderobenständer haben wir hier. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
Vergessen sind Nils blöde Laberei, der morgendliche Ärger mit dem Wecker und der peinliche gestrige Tag.
Wie ein Bumerang kehrt die Erinnerung an gestern, insbesondere an den Abend, in mein Gedächtnis zurück, als ich auf meinem Schreibtisch eine Apfelsine liegen sehe. „Eine Orange?“
„Wir hatten gestern ja nicht so einen guten Start, und da wollte ich mich entschuldigen.“
„Mit einer Orange?“ Ungläubig schaue ich ihn an.
„Nun ja, ich habe mich echt blöd benommen. Ich wollte alles perfekt machen. Hat wohl nicht geklappt.“ Lars kratzt sich verlegen im Nacken. „Ich wollte es wiedergutmachen …“
„Mit Obst?!“
„Ja … nein … Ich meine … Okay … entschuldige. Mit der Orange konnte ich nicht widerstehen, als ich sie heute Morgen am Obststand gesehen habe.“ Ein schiefes Lächeln liegt auf seinen Lippen, als er Prinz Charming heraushängen lässt. Fehlt nur noch, dass er mir zuzwinkert. Automatisch verengen sich meine Augen zu Schlitzen. Seine Reue scheint ja von sehr kurzer Dauer zu sein.
„Also, in der Sauna …“, er räuspert sich, schaut verlegen nach unten, „… du musst zugeben, die Begegnung in der Sauna war …“
„Unpassend? Unangemessen? Fehl am Platz?“
„Nun ja, ungewöhnlich, wollte ich sagen.“
„Du bist der arroganteste, aufgeblasenste Macho, den ich kenne! Schenkst mir einfach eine Apfelsine und weist damit direkt auf dein sexistisches, taktloses, peinliches Verhalten hin.“
„So habe ich das gar nicht gemeint! Es ist mir ausgesprochen unangenehm, was gestern in der Sauna passiert ist. Ich wusste nicht, wie ich das ansprechen sollte. Die Orange ist nur eine Brücke, ein Stichwort, damit ich nicht alles sagen muss. Ich wollte unsere Beziehung glätten.“
„Beziehung, so, so. Ich wusste gar nicht, dass wir ein Paar sind! Was so ein bisschen nackte Haut alles ausmachen kann.“
Inzwischen stützen wir uns beide mit den Fäusten auf der Tischplatte ab und kläffen uns an wie Köter in einer Arena, die gleich aufeinander losgehen.
„Weißt du was? Eigentlich wollte ich die Wogen glätten, indem ich das Büro aufhübsche, weil mir ein gutes Arbeitsverhältnis sehr wichtig ist. Das geht aber nicht, solange der Vorfall in der Sauna zwischen uns steht. Aber du musst mir ja jedes Wort im Mund umdrehen. Du bist eine kratzbürstige Zicke!“
„Das sagt ausgerechnet Mister Unwiderstehlich. Du aufgeblasener Popanz!“
„Xanthippe!“
„Du kannst es nur nicht ertragen, mit jemandem wie mir zusammenzuarbeiten!“
„Nein, das stimmt nicht!“
„Du würdest sicherlich lieber mit Lisa oder den anderen Kolleginnen zusammensitzen als mit mir!“
„Wie kommst du jetzt darauf?“
„Wir sind eben sehr unterschiedlich. Du siehst aus, als wärst du aus einem Modekatalog gestiegen, und ich, als wäre ich in einen Stromkreis geraten.“
„Ich finde deine Frisur heute sehr hübsch. Solltest du öfters so tragen.“
Er versucht tatsächlich, mich mit schönen Worten einzulullen. Ich fass es nicht! Wenn ich nicht schon verärgert wäre, würde ich es jetzt garantiert sein. Sein Spruch wirft mich kurz aus der Bahn. Die Worte sind Balsam auf meiner Seele. Schmiegen sich an mein Ego wie Öl an einen Motor. Gleichzeitig kann ich nicht glauben, dass er es ernst meint. Ich möchte es ja gern. Es wäre nur zu schön. Verunsichert fahre ich fort.
„Ja, witzig“, sage ich spitz. „Ich lache später darüber, wenn ich mal Zeit habe. Außerdem lenkst du ab! Wenn du meinst, dass …“
„Stopp!“, ruft er mir entgegen. Verdutzt halte ich inne. „Okay, wie gesagt, gestern hatte ich einen schlechten Tag und wollte mich einfach nur mit einer netten Geste bei dir entschuldigen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir arbeiten jetzt zusammen, damit musst du leben, auch wenn du mich offensichtlich nicht leiden kannst. Mein Vorschlag ist, wir fangen ganz von vorn an.“
Ungläubig sehe ich ihn an. Meine Zunge ist wie gelähmt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Er streckt mir seine Hand entgegen. „Hallo, ich bin Lars und arbeite seit gestern hier.“
„Hallo.“ Ich gebe zu, damit habe ich nicht gerechnet. Mein schlechtes Gewissen meldet sich sofort, denn normalerweise bin ich nicht so. Nur er reizt mich bis aufs Blut, sobald er den Mund aufmacht. Das kenne ich sonst nicht. Umständlich räuspere ich mich. „Ich bin Hannah und total ungerecht. Tut mir leid.“ Versöhnend reiche ich ihm meine Hand. Bei der Berührung bekommen wir einen ordentlichen elektrischen Schlag. Es knallt, und wir reißen unsere Hände wieder auseinander.
„Huch, es hat zwischen uns gefunkt“, zwinkert er mir zu.
„Das hat gar nichts zu bedeuten. Der Teppich ist schuld. Das passiert mir ständig. Gewöhn’ dich besser daran.“
„Wie wäre es mit Essen?“
„Jetzt?“ Mein Magen sieht den Anlass als Bestätigung und fängt an, zu grummeln. Schnell lege ich meine Hand auf den Verräter, um das verdächtige Geräusch zu dämmen
„Nein, ich wollte dich zum Essen einladen.“
Meine inneren Alarmglocken schrillen schon wieder. Achtung, Hannah, Einlulltechnik! Wenn er glaubt, ich würde das nicht merken, ist er schiefgewickelt. Misstrauisch schaue ich ihn an. „Kantine oder Pommesbude?“
„Weder noch. Ich wollte dich zum Abendessen einladen. Ein Versöhnungsessen, sozusagen.“
Ich traue dem Braten noch nicht. Argwöhnisch blicke ich ihn an. Rechne jeden Moment damit, dass er mit einer schrägen Antwort um die Ecke kommt. Mich auslacht, dass ich darauf hereingefallen bin. Spielt er vielleicht auf meine Figur an?
„Was ist? Isst du nicht gern?“, fragt er erstaunt.
Also doch!
„Ich jedenfalls esse für mein Leben gern, und ich koche auch sehr gut.“
Aha, daher weht der Wind! Essen bei ihm zu Hause. Ich habe ihn und seine kuriosen Machenschaften durchschaut. Das zieht bei mir nicht. Da kann er Gift drauf nehmen.
„Was ist? Traust du dich nicht?“ Da ist es wieder. Ich habe es doch gewusst. Mein Handy summt. Eindeutig eine Nachricht von meiner Mutter.
„Klar traue ich mich! Wann?“
„Samstag?“
„Abgemacht!“
„Cool!“
Die Tür wird aufgerissen, und Lisa prescht herein.
„Hallo, Hannah. Hast du das von Nils schon gehört?“
Nils! Es fällt mir wie Schuppen von den Augen.
„Oh, apropos Nils. Lars, du solltest zu ihm kommen. Hab’ ich total vergessen. Du wärst gut beraten, wenn du das schnellstmöglich nachholst. Er ist heute echt mies drauf.“
„Na gut! Wenn du das sagst, werde ich es tun. Entschuldigt mich, Ladys.“ Lars verlässt das Büro.
Lisa seufzt und sieht ihm verträumt hinterher, dann schaut sie mich verblüfft an. „Hab’ ich irgendetwas nicht mitbekommen?“
„Nee, alles in Ordnung. Wir raufen uns gerade zusammen. Andererseits … ach, ich weiß nicht. Er hat mich zum Essen eingeladen.“
„Oh, ein Date!“ Freudig klatscht Lisa in die Hände.
„Nein, kein Date!“, streite ich ab, und doch hat es den faden Beigeschmack einer Verabredung. Mein Magen flattert. Ich muss unbedingt etwas essen, bevor ich ohnmächtig werde.
„Es ist ein Versöhnungsessen unter Kollegen. Ein Neubeginn. Eine Teambuilding-Maßnahme, sozusagen“, versuche ich es Lisa, aber vor allem mir schönzureden, doch plötzlich wird mir das eigentliche Ausmaß dieser Situation bewusst. Ich Schaf bin doch tatsächlich in die Dating-Falle getappt!
„Was ist?“, fragt Lisa besorgt. „Du bist ja ganz blass im Gesicht! Magst du etwa keine Dates?“
„Natürlich, aber doch nicht mit ihm – und schon gar nicht jetzt! Ich muss mich auf meinen Job konzentrieren. Und überhaupt … Lisa, ich hab’ ein Problem. Gehst du mit mir shoppen?“
„Ja klar!“, ruft sie freudig aus. „Morgen nach Feierabend?“
„Gern. Danke, Lisa“, erwidere ich erleichtert. „Und was ist jetzt mit Nils?“
Hannah
„Klasse von der Peschke, Nils den Urlaub nicht zu genehmigen“, nehme ich noch mal das Gesprächsthema Nummer eins vom internen Firmenklatsch auf. Zusammen schlendern wir vom Parkplatz zur Innenstadt. Ich freue mich riesig, dass Lisa mich begleitet.
„Ja, ausgerechnet unserem Brückentagkönig.“
„Das hätte ich der Personalchefin gar nicht zugetraut.“
„Die beiden können sich nicht leiden. Jedenfalls nicht mehr.“
„Wie das?“
„Na, man munkelt, dass die beiden ein Verhältnis hatten.“
Verdattert bleibe ich stehen. „Liselotte Peschke und Nils Förster? Bist du sicher?“
„Und ob! Es wurde zwar nie an die große Glocke gehängt, und keiner weiß etwas Genaues darüber, aber Frau Peschke plaudert gern auf Betriebsfeiern aus dem Nähkästchen, wenn sie etwas mehr getrunken hat.“
„Ich kann das überhaupt nicht fassen!“
Langsam schlendern wir weiter.
„Nils bandelt doch mit jeder an, von der er sich einen Vorteil verspricht.“
„Das kann ich mir bei ihm sehr gut vorstellen. Der hat Arme wie ein Oktopus. Ständig tätschelt und grabbelt er herum. Einfach widerlich!“
„Du musst dich wehren, Hannah. Wenn es zu viel wird, musst du es Frau Peschke melden.“
„Ja, hätte ich schon lange. Ich kann ihm aber nichts nachweisen. Wir sind immer allein, wenn er das tut. Ich habe überhaupt nichts in der Hand gegen ihn. Er würde alles abstreiten. Außerdem brauche ich seine Beurteilung und sein Empfehlungsschreiben.“
„Ach, Hannah, Nils ist ein Schwein! Er weiß genau, dass er am längeren Hebel sitzt. Da bist du nicht die Einzige. Das macht er mit jeder, zumindest fast.“
Ich seufze und bemitleide mich etwas selber, denn eine Lösung für diese unangenehme Situation habe ich noch nicht gefunden. „Frau Peschke sehe ich jetzt mit ganz anderen Augen.“
„Du hättest sehen sollen, wie er auf unserem Flur vor ihrem Büro getobt hat.“
„Kann ich mir gut vorstellen. Daher hatte er gestern Morgen so schlechte Laune. Jetzt wundert es mich gar nicht mehr.“
„Oh, schau mal hier! Das wäre doch was für dich.“ Lisa zieht mich am Arm zu einem Schaufenster.
„Meinst du?“ Ungläubig schaue ich auf die Auslegeware. Jetzt bin ich mir doch nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee war, Lisa zu fragen und mich ihrem Geschmack anzuvertrauen.
„Na klar, komm!“ Widerspruch ist zwecklos. Lisa zieht mich schon am Arm in die Boutique.
***
In der Umkleidekabine stapeln sich die Kleidungsstücke. Hosen, Röcke, Blusen, Shirts. Lisa ist in ihrem Element. Während ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht, läuft Lisa mit der Verkäuferin um die Wette und schleppt immer mehr an.
In einem quietschgelben Kleid mit floralem Aufdruck stehe ich vor dem Spiegel im Laden.
„Ist das nicht ein Traum? Das hätte ich auch noch eine Nummer größer und in anderen Farben da.“
Es ist wirklich ein Traum, aber kein schöner, sondern einer, aus dem ich gern sofort aufwachen würde. Die Person im Spiegel ist mir völlig fremd. Das bin nicht ich.
An meinem Gesichtsausdruck erkennt die geschulte Verkäuferin, dass noch jede Menge Überzeugungsarbeit an mir geleistet werden muss. „Der Retro-Look steht Ihnen ausgezeichnet. Das trägt man jetzt in allen großen Metropolen der Welt. Den tiefen Ausschnitt könnten Sie auch mit einem Tuch kaschieren oder mit einer langen Kette betonen. Je nach Anlass.“
Hilfesuchend schaue ich zu Lisa.
„Also, ich finde es traumhaft!“ Danke, Lisa, für die Unterstützung. „Kann ich das bitte in Größe sechsunddreißig anprobieren?“
„Aber sicher doch! Ich hole es Ihnen.“
Als sich die Verkäuferin entfernt hat, platzt mir fast der Kragen. „Ich werde dieses Kanarien–Flowerpower–Faschingskleid auf gar keinen Fall kaufen. Ich trage sonst Jeans und Shirts. Das passt nicht zu mir.“ Mein Blick erhascht das Preisschild. „Und definitiv nicht zu meinem Geldbeutel.“
„Gerade weil du dich sonst so schlicht kleidest …“
„Praktisch. Ich trage praktische Sachen. Das machen Fahrradfahrer so.“
„Genau. Deswegen musst du ja nicht wie eine Vogelscheuche herumlaufen.“
Der Schlag saß. „Danke!“ Beleidigt rette ich mich in die Umkleidekabine, um das scheußliche Stück Stoff mit den Prilblumen auszuziehen.
„Hannah, das habe ich nicht so gemeint. Ich finde nur, du könntest ein wenig mehr Farbe vertragen und deinen Kleidungsstil überdenken. Das ist alles.“
Ich kann ihr nicht böse sein, denn sie hat recht.
„Ja, okay. Ich weiß, was du meinst. Aber ich bin nun mal kein Modepüppchen. Dieses Kleid ist wirklich …“ Ich suche nach dem richtigen Wort. „Speziell.“
Die Verkäuferin kommt zu uns zurück. „So, hier ist das Kleid in der gewünschten Größe.“
„Danke. Ich probiere es gleich an.“
„Und Sie?“, spricht sie mich durch den dicken Samtvorhang an. „Alles in Ordnung bei Ihnen? Kann ich Ihnen noch etwas bringen? Ich habe da noch einen Plisseerock in einem wunderbaren Zimtton.“
„Nein, danke. Ich habe mich entschieden.“ Entschlossen schiebe ich den Vorhang beiseite, froh darüber, wieder in meinen vertrauten Sachen zu stecken.
Lisa kommt aus der Kabine, und wow – an ihr sieht der Zwirn absolut umwerfend aus.
***
Eingehakt schlendern wir durch die Fußgängerzone. An unseren Ellenbogen baumeln schicke Einkaufstüten, die viel zu schade zum Wegwerfen sind.
Ich habe mich für eine Hose und einen Rock entschieden. Dazu für eine Bluse und zwei farbenfrohe Shirts, die mit beiden Teilen kombinierbar sind. In meinem Kleiderschrank hängt noch eine Strickjacke, die ich schon ausgemustert habe, aber bislang noch nicht dazu gekommen bin, sie in die Altkleidersammlung zu geben. Sie harmoniert perfekt mit den neuen Sachen. Manchmal lohnt es sich eben doch, sich nicht gleich von Dingen zu trennen.
Lisa hat logischerweise das ausgefallene Kleid gekauft, das an ihr einfach fantastisch aussieht.
„Wollen wir noch etwas zusammen essen? Eine Stärkung könnten wir jetzt gut gebrauchen!“
Ein Blick auf die Armbanduhr verrät mir, dass die Verabredung mit meiner Mutter unmittelbar bevorsteht. Ich mag sie nicht enttäuschen, weil sie mit Sicherheit etwas Leckeres für uns gekocht hat.
„Sorry, ich hab’ gleich eine Verabredung. Aber für einen Cappuccino reicht noch die Zeit.“
„Gut! Dort drüben ist ein schönes Café.“ Sie deutet nach links.
„In Ordnung. Lass uns draußen hinsetzen. Das Wetter ist noch so schön.“
„Auf jeden Fall, ich liebe es, Leute zu beobachten, die vorbeischlendern. “
Ich knuffte ihr in die Seite. „Wusste gar nicht, dass du voyeuristische Züge hast.“
Wir gackern wie zwei Teenager.
***
Zucker rieselt in die dampfende Tasse, die vor mir steht. Das kunstvolle Blütenmuster vom Barista-Meister versickert langsam. Beim Anblick des Amaretti läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich liebe italienische Kekse.
„Du kommst doch auch zum Presseball, oder?“
„Ich?“ Ertappt versuche ich, wie Lisa den Keks zu ignorieren.
Sie rührt versonnen in ihrem Cappuccino. „Hast du schon jemanden, der dich begleitet? Oder kommst du allein?“
„Äh … weiß nicht.“
„Ist doch eine Firmenveranstaltung.“
„Schon, aber das ist das reinste Schaulaufen.“
„Nun ja, jeder bringt seinen Partner mit. Das ist Verlagstradition. Außerdem, wenn der Chef einlädt, geht man hin, ob man will oder nicht. Und die Atmosphäre ist ja auch besonders. Abendkleidung, Orchester, sagenhaft gutes Essen …“
„Aha! Dann muss ich mir bis dahin noch einen Mann schnitzen.“ Langsam schlürfe ich die Kaffeevariation. Im letzten Jahr habe ich eine Magen-Darm-Infektion vorgetäuscht. Es gibt nichts Schlimmeres als partnerlos unter Paaren zu sein.
„Du könntest doch Lars fragen!“
Geschockt verschlucke ich mich an dem heißen, koffeinhaltigen Wachmacher. Lisa klopft mir auf den Rücken.
„Wie kommst du denn darauf?“, frage ich sie, als ich wieder sprechen kann und die Tränen, die der heftige Husten heraufbeschworen hat, mit der Serviette wegwische.
„Er ist neu im Verlag, und du bist allein. Ergo?“
„Meinst du, Lars würde ausgerechnet mit mir dahin gehen? Mit Sicherheit hat er eine Freundin. Er wird sich kaputtlachen, wenn ich ihn frage. Außerdem, wer sagt denn, dass ich ausgerechnet mit ihm zu dieser oder einer anderen Veranstaltung gehen will?“
„Hmm … wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“
„Ja, ja, und wer nicht heiratet, kriegt doch ein Kind. Ich kenne den Spruch. So wie er aussieht, ist er mit Sicherheit liiert.“
„Kommt darauf an, mit wem.“
„Verstehe ich nicht!“
„Schau mal da rüber. Wenn man von der Sonne spricht, geht sie auf.“
Ich folge ihrem Fingerzeig. Mir kommt da eher der Spruch ‚Wenn man vom Teufel‘ spricht in den Sinn.
Wir haben von unserem Platz einen herrlichen Blick auf den Marktplatz und das Wasserspiel vom Springbrunnen. Keine dreißig Meter entfernt von uns, auf den Stufen zum Brunnen, steht Lars zusammen mit einem dunkelhaarigen Mann. Sie albern herum. Lachen und boxen sich. Sie sehen sehr vertraut in ihrem Umgang miteinander aus.
„Und?“, frage ich verwirrt.
„Da steht deine Lösung!“
Ich runzele die Stirn und starre sie fragend an.
„Mann, stehst du auf der langen Leitung! Alle Männer, die zu gut aussehen, haben gar keine Freundin, weil sie einen Freund haben.“
„Du meinst?“
„Wäre doch möglich? Immerhin zeigt er kein Interesse an mir oder den anderen Kolleginnen“, schiebt sie den zweiten Teil betont hinterher, als ob sie etwas beleidigt wäre.
Mir fällt unser Büro ein, das er so wohnlich hergerichtet hat. Alles ist farblich abgestimmt. Der Kronleuchter, die Blume auf dem Fensterbrett, der Teppich. Welcher Mann würde schon auf so kleine Details achten?
„Hmmm. Weiß nicht. Er sieht doch so männlich aus …“ In diesem Moment umarmen sich die beiden. Nach nur Freundschaft sieht das nicht aus. Dann gehen sie in verschiedene Richtungen davon. „ Obwohl? Kann man sich in jemandem so täuschen?“
Lisa macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, wer weiß! Keine Ahnung. Aber irgendetwas stimmt nicht mit ihm, und ich werde es herausbekommen.“
Lisa ist eine liebe Freundin und Kollegin, dennoch spielt sie mit Vorliebe die erste Geige. Sie quatscht gern und ist immer über jeden Tratsch im Verlag bestens informiert. Es macht sie wahnsinnig, wenn sie mal nichts brühwarm mitbekommt oder dem Wahrheitsgehalt eines Gerüchts nicht auf die Schliche kommt.
„Wie dem auch sei, Lisa. Heute werden wir das jedenfalls nicht klären. Wenn du Näheres weißt, wirst du mir sicherlich berichten. Ich für meinen Teil muss jetzt los.“
Lars
Mit einem Lächeln im Gesicht bin ich auf dem Weg zum Parkhaus. Es ist immer wieder wohltuend, mich mit meinem kleinen Bruder zu treffen. Er genießt es auch sichtlich. Wenn wir zusammen sind, lässt er seinen Gedanken freien Lauf; kann dann auch mal er selbst sein. Er blödelt gern herum, was bei mir auf fruchtbaren Boden fällt. Wenigstens das haben wir gemeinsam, wenn wir schon als Brüder nicht unterschiedlicher sein könnten. Während ich groß, dunkelblond mit blauen Augen und muskulös bin, ist er mit seinen 1,70 m eher klein, dunkelhaarig und von einer drahtigen Statur. Mit seinem asiatischen Aussehen und den dunklen, mandelförmigen Augen wickelt er jede Frau um den Finger. Im Verlag ist er eher zurückhaltend, denn jeder kennt ihn als Sohn des Chefs, der irgendwann sein Nachfolger sein wird. Jetzt ist er der Assistent der Geschäftsleitung und vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.
Mein Handy klingelt. Umständlich fingere ich es aus der Hosentasche. „Marek! Was gibt’s?“
„Hi, Lars. Ich hatte vergessen, dich an die Party am Wochenende zu erinnern. Hab’ es meiner Mom versprochen.“
„Party?“
„Ja, meine Mutter ist schon ganz aus dem Häuschen wegen den Vorbereitungen.“
„Ist das schon dieses Wochenende?“
„Ja klar! Du hast es doch nicht vergessen, oder?“
„Nein. Aber ich …“
„Du hast es vergessen. Gib’s zu!“
„Habe ich nicht, ich mag nur nicht die Art von Partys, die Meylin ausrichtet. Die aufgeblasenen Geldsäcke sind so oberflächlich wie sonst was. Und dazu noch langweilig und anstrengend. Außerdem habe ich schon einen Termin, den ich ungern verschieben möchte.“
„Aber sie und Vater freuen sich so, ihren verlorenen Sohn aus der Ferne in der Heimat, im Schoß der Familie, willkommen zu heißen.“
„Höre ich da versteckte Ironie? Papa hat nur ein schlechtes Gewissen, und Meylin organisiert für ihr Leben gern Cocktailpartys für die High Society.“
„Da könnte was dran sein.“
„Mist! Könnte die Feier eventuell auf einen anderen Tag verschoben werden? Es ist nur so, dass …“
„Wohl kaum. Die Einladungen sind längst raus. Sämtliche Freunde aus dem Golf- und Tennis-klub kommen, und Vater hat wichtige Geschäftsfreunde aus der Branche eingeladen. Er will dich mit allen bekanntmachen.“
Mir dreht sich bei diesem Gedanken der Magen um. „Marek, das geht nicht! Die merken doch gleich, dass ich von der Materie keine Ahnung habe.“
„Vielleicht solltest du unserem alten Herrn reinen Wein einschenken.“
„Nein, das geht nicht. Nicht jetzt!“
„Ehrlichkeit währt am längsten!“
„Na, dann fass’ dir mal lieber an die eigene Nase.“
„Schon gut! Aber Kneifen geht nicht.“
Ich hole tief Luft. Habe das Gefühl, ich drehe mich im Kreis. Weiß nicht, was ich tun soll. Gerade war ich froh, dass Hannah die Einladung zum Essen angenommen hat. Schwebe noch immer auf Wolke sieben und kann gar nicht fassen, dass wir ein Date haben. Es hat wirklich einiges an Mühe und Überredungskunst gebraucht, dass sie überhaupt zugestimmt hat. Ich möchte sie nicht enttäuschen und meine Chancen bei ihr zunichtemachen. Seit unserer Aussprache läuft es einwandfrei zwischen uns. Sie ist nicht nur eine wunderbare Kollegin, die mir viel und mit unendlicher Geduld alles zeigt und beibringt und so meine Wissenslücken schließt, sondern auch ein überaus warmherziger Mensch. Dazu ausgesprochen hübsch, auf ihre Art und Weise. Ich möchte ihr ungern absagen, aber darum werde ich wohl nicht herumkommen.
„Keine Sorge, tue ich nicht. Trotzdem würde ich lieber einen großen Bogen um das Tamtam machen, wenn ich könnte. Es passt mir nun mal nicht, wenn ich wie ein preisgekröntes Rennpferd allen vorgeführt werde.“
„Gönne es unserm alten Herrn, wenn er etwas mit seinem Erstgeborenen angeben möchte.“
„Ein bisschen spät! Findest du nicht?“
„Besser spät als nie. Ich bin immer nur der Zweitplatzierte und komme an die Nummer eins nicht ran.“
„Außerdem bist du viel kleiner!“, necke ich ihn. Ich weiß, wie sehr ihn das ärgert.
„Dafür aber wesentlich gutaussehender als du!“, kontert er.
„Punkt für dich! Dann sag Meylin, dass ich mich wahnsinnig auf die Party freue, auch wenn das gelogen ist.“
„Hey, so schlimm wird es schon nicht werden. Es gibt gut zu essen und reichlich zu trinken. Ein bisschen Blabla hier, ein bisschen Bussi-Bussi dort. Außerdem bin ich auch noch dort und werde dich, wenn es sein muss, vor Beverly retten.“
„Ach, du Schreck! Die kommt auch? Dann muss ich vorher schon was trinken. Die wird wie eine Klette die ganze Zeit an mir kleben.“
„Ja, genau. Besonders wenn Papa eure Verlobung verkündet! Immerhin bist du als zukünftiger Verlagschef eine gute Partie.“
Das saß. Automatisch verziehe ich mein Gesicht zu einer Grimasse, als würde ich in einen Apfel beißen, der von innen gammelig ist.
In meiner Erinnerung ist Beverly ein verzogenes, dickes Mädchen, das uns aufs Auge gedrückt wurde, wenn sich unsere Eltern besuchten. Mit Leidenschaft spielte sie gern Mutter, Vater, Kind. Marek sollte immer das Kind sein. Wenn wir uns wehrten, was eigentlich ständig war, fing sie an, zu plärren, und beschwerte sich bei ihren Eltern. Das Ende vom Lied war, dass die Erwachsenen auf der Seite von Beverly waren, sodass wir uns, unter Androhung von Strafe, zu fügen hatten und uns mit ihr beschäftigen mussten.
Einmal haben Marek und ich uns vor ihrem Besuch aus Verzweiflung absichtlich mit Schaumküssen überfressen, damit wir uns übergeben mussten. Wir haben furchtbar gelitten, aber das war es wert gewesen, denn wir durften zu Hause bleiben.
„Nee, lass mal lieber! Eher gehe ich ins Kloster und schwöre ewige Enthaltsamkeit.“
„Was für ein Verlust für die Frauenwelt! Du kannst doch deine Freundin mitbringen. Wo liegt das Problem?“
„Äh, Freundin? Ich habe keine Freundin, jedenfalls zurzeit nicht.“
„Und was ist mit der Frau, mit der du verabredet bist? Wer ist sie eigentlich? Kenn’ ich sie?“
„Nee, kennst du nicht!“, versuche ich, einzulenken. „Und ich habe nie behauptet, dass ich mit einer Frau verabredet bin.“
„Was denn sonst? Komm, Bruderherz, mir kannst du nichts vormachen. Du benimmst dich seit ein paar Tagen wie ein verliebter Schuljunge. Es ist die Kleine aus dem Büro, stimmt’s?“
„Bin ich bei der Inquisition, oder was?“, sage ich verärgert. Ich mag nicht, welche Richtung dieses Gespräch nimmt. „Sie ist mir wichtig. Okay? Sie hilft mir in meinem Job. Das ist alles. Mehr ist da nicht!“
„So, so. Du weißt schon, was Papa von einem Techtelmechtel unter Kollegen hält.“
„Ja!“ Ich seufze, dann zitiere ich: „Keine Liebelei am Arbeitsplatz! So was gibt nur Probleme. Einer muss dann gehen.“ Dass Hannah ihren Job verliert, ist das absolut Letzte, was ich ihr wünsche.
„Keine Angst, ich sag’ ihm nichts. Ich werde schweigen wie ein Grab, das weißt du. Sei du bloß vorsichtig, dass er keinen Wind davon bekommt. Sag’ ihr ab, sie wird das schon verstehen.“
„Ja klar. Vermutlich wird sie dann überhaupt nicht mehr mit mir reden.“
„So schätze ich sie nicht ein.“
„Na, du musst es wissen. Du bist ja der Frauenversteher unter uns.“
„Durchaus! Ich weiß, was Frauenherzen begehren. Darum bin ich die ideale Shopping-Begleitung. Da kannst du alle meine Freundinnen fragen.“
„Wie dem auch sei. Auf jeden Fall kannst du Meylin berichten, dass ich am Wochenende da sein werde.“
„Okay, Bruderherz. Wir sehen uns morgen, und überleg dir was Einfallsreiches für deinen Gang nach Canossa, damit es nicht so schlimm wird.“
„Für sie oder mich? Fraglich ist nur, welcher der steinigere Weg ist, der nach Canossa führt. Party oder Büro?“
Damit beende ich das Gespräch. Mir schwirrt der Kopf, und wieder ärgere ich mich darüber, dass ich mich auf diesen Schlamassel eingelassen habe. Daher beschließe ich, am Wochenende mit meinem Vater zu reden. Ich weiß zwar nicht, wie oder was ich ihm sagen will, aber eins habe ich erkannt: Dies ist der falsche Weg. So wie es jetzt ist, fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut. Darüber, wie es nach dem Gespräch weitergehen wird, werde ich mir anschließend Gedanken machen. Im schlimmsten Fall habe ich nächsten Montag keinen Job mehr und kann am Monatsende meine Miete nicht bezahlen. Dafür hätte ich aber immerhin ein reines Gewissen. Ich sehe mich schon unter einer Brücke kampieren.
Jetzt habe ich aber erst einmal einen Mordshunger. Bei psychischem Stress muss ich immer etwas Gutes essen. Ich steige in das Auto, das mir mein Vater zur Verfügung gestellt hat, und steuere den nächsten Supermarkt an.
Hannah
Bepackt wie ein Maulesel bugsiere ich die neuen Errungenschaften vom Einkaufsbummel auf dem Fahrrad. Wie jeden Mittwoch besuche ich meine Mutter. Ich bleibe vor der Haustür stehen und kann das Abendessen schon riechen. Erst jetzt merke ich, wie hungrig ich bin. Zur Bestätigung macht sich mein Magen lautstark bemerkbar.
Der Schlüssel ist natürlich bis nach unten in den hintersten Winkel meiner Handtasche gerutscht. Mir bleibt nichts übrig, als sie auszuräumen. Trotz intensivem Suchen bleibt der Schlüssel jedoch unauffindbar. Mir wird heiß und kalt. Tausend Gedanken jagen mir durch den Kopf. Tränen schießen mir in die Augen. Wie soll ich nachher in meine Wohnung kommen? Paul und Gisbert brauchen ihr Futter. Verzweiflung macht sich in mir breit. Der schöne Nachmittag ist wie weggeblasen, und ich kann nur hoffen, dass nachher der Fahrradkeller nicht abgeschlossen ist, damit ich zumindest an meinen Zweitschlüssel komme. Ich greife in die Hosentasche, um mein Taschentuch raus zu holen und fördere stattdessen meinen Schlüsselbund zutage. Ich brauche einen Moment und schaue den Gegenstand in meiner Hand verdutzt an, dann erinnere ich mich wieder. Um diesem Tohuwabohu vorzubeugen, habe ich den Schlüssel vorsorglich in die vordere Tasche meiner Jeans verfrachtet. Ein bisschen muss ich über mich selbst lachen. Mit der flachen Hand klatsche ich mir auf die Stirn. Wo habe ich nur meine Gedanken? Leider weiß ich das nur zu genau. Auf dem Weg hierher habe ich über Lars nachgedacht. Die Frage, ob die Sache mit dem Kerl das ist, wonach es ausgesehen hat, lässt mich nicht mehr los.
Ich betrete das Treppenhaus, husche zur Wohnung von meiner Mutter und öffnete die Tür. Der Duft nach gutem Essen schlägt mir intensiv entgegen.
„Hannah? Bist du das?“
„Ja! Erwartest du noch jemanden?“
Sie lacht und kommt zu mir. „Nein, eigentlich nicht. Oh, du warst in der Stadt?“
„Ja, ich brauchte mal dringend was Neues.“
„Hmm, gibt es dafür einen besonderen Anlass?“ Sie nimmt mich zur Begrüßung in den Arm.
„Nein, wieso? Ich kann mir doch mal was zum Anziehen kaufen!“
„Ja, ja, schon. Diese Boutique führt nur im Allgemeinen sehr ausgefallene, modische Kleidung.“
„Ach, meinen alten Kram konnte ich nicht mehr sehen. Außerdem habe ich demnächst eine Art Meeting. Zu dem Anlass habe ich etwas Passendes gebraucht.“
„Oh, ist es das, was ich denke?“
„Nein, das ist es nicht“, nehme ich ihr gleich den Wind aus den Segeln. Ich weiß, wie sehnlich sie sich wünscht, dass mein Volontariat bald vorbei ist. Vermutlich genauso wie ich. „Ich treffe mich mit Kollegen aus der Abteilung. So eine Art Teambuilding-Maßnahme. Weißt du?“
„Aha! Wir haben das früher Date genannt.“
„Was gibt es denn Leckeres zum Abendessen? Hmmm, das riecht einfach köstlich. Pflaster treten macht echt hungrig!“, versuche ich, meine Mutter abzulenken, denn es duftet unverkennbar nach Rouladen.
„Du kannst ihn jederzeit zum Essen mitbringen, das weißt du!“
„Ja, Mama!“
„Du brauchst mir nicht zu verheimlichen, dass du einen Freund hast.“
„Ich weiß, Mama!“
„Und warum machst du dann so ein Geheimnis daraus?“
„Mache ich gar nicht.“
„Und warum bringst du ihn nicht einfach mit?“
„Weil ich keinen Freund habe. Es ist nur ein Firmen … Dingsbums. Mehr nicht.“
„So, so. Ich glaube dir kein Wort.“
„Ist es aber. Können wir jetzt von was anderem reden?“
„Ich dachte, du würdest dich mir anvertrauen!“
„Mama! Nun sei doch nicht gleich eingeschnappt.“
„Bin ich gar nicht.“
„Wohl!“
„Hmm!“
Ich setze mich an den Küchentisch, und meine Mutter serviert das Essen, das sie stundenlang zubereitet hat. Sie ist wirklich eine gute Köchin.
„Ich finde es gut, wenn du unter Leute gehst. Mal was anderes siehst. Dir muss ja langsam die Decke auf den Kopf fallen.“
„Was hast du denn? Ich gehe zur Arbeit, habe einen Nebenjob …“
„Apropos Nebenjob. Am Samstag haben wir einen großen Auftrag. Da könnte ich dich gut gebrauchen. Könntest du mal wieder kurzfristig einspringen?“
„Samstag?“
„Es ist auch nicht lange. Nur der Empfang und die Essensausgabe. Danach kommen wir allein klar. Wir haben so viele Kranke im Moment. Es wäre wirklich eine große Hilfe, wenn du einspringen könntest.“
„Ich kann leider nicht! Sorry.“
„So? Warum denn nicht?“
„Weil ich schon eine Verabredung habe.“ Das zusätzliche Geld könnte ich, gerade nach meinem Shoppingtrip, zwar gut gebrauchen, aber wenn ich jetzt Lars absage, sieht das aus, als ob ich feige wäre und mich um das Treffen mit ihm drücken würde. Diese Genugtuung gönne ich ihm einfach nicht.
„Oh, da hast du dein Date?“
„Es ist kein Date! Nur eine harmlose Verabredung. Mehr nicht. Ehrlich!“
„Und wenn du später zu deinem Treffen gehst? Es wird auch gut bezahlt.“
„Nein, wirklich nicht. Wir essen zusammen. Würde gern ein paar Scheinchen dazuverdienen, aber diesmal passt es nicht.“
„Na gut!“ Sie schaut mit einem wissenden Lächeln auf ihren Teller und isst weiter, als ob nichts gewesen wäre. Meine Mutter ist sehr hartnäckig und gibt ansonsten nicht so schnell auf. An ihrem Blick kann ich sehen, dass sie sich ihren Teil denkt. Die entstandene Stille, wo nur das Geklapper von Messer und Gabel auf dem Porzellan zu hören ist, wird immer lauter. Die Spannung steigert sich wie ein Luftballon, der kurz vom Zerplatzen ist.
Schließlich kann ich es nicht mehr ertragen. „Was?“
„Hmm?“ Sie schaut mich fragend an, als hätte ich sie aus ihren Gedanken gerissen. „Nichts, alles ist gut!“
Es macht mich wahnsinnig, wenn sie so rumdruckst. „Nun mach doch kein Drama daraus, wenn ich mal nicht bei euch aushelfen kann.“
„Mach ich gar nicht!“
„Sondern?“
„Ach, ich schwelge ein wenig in Erinnerungen. Ich habe gerade an deinen Papa denken müssen. Wie wir uns kennengelernt haben. Ich war auf den ersten Blick in ihn verliebt. Ihn musste ich aber erst noch von mir überzeugen.“
„Bitte keine Details!“
„Ich habe Gerd zu uns nach Hause eingeladen. Meine Eltern waren an diesem Abend zum Kartenspielen bei den Wischnefkys.“
„Mama, ich weiß nicht, ob ich das jetzt hören möchte.“
„Ich habe für ihn gekocht!“
„Und?“ Ich bin mir nicht sicher, worauf meine Mutter hinauswill. „Was hat das mit mir zu tun?“
„Hannah, liebe geht durch den Magen!“
Jetzt fällt bei mir der Groschen. „Oh! Die Sachlage mit meinem Kollegen und mir ist völlig anders als du denkst. Wir sind am ersten Tag furchtbar aneinandergeraten. Er ist ein Machomann wie er im Buche steht. Wir müssen aber nun mal miteinander arbeiten und sitzen zudem noch in einem Büro. Dieses Treffen ist mehr ein Friedenstreffen. Abgesehen davon hat er ganz andere Ambitionen, glaub mir. Mehr als eine aufgewärmte Pizza aus dem Supermarkt erwartet mich nicht. Er, ein Schönling, macht sich garantiert nicht die Finger schmutzig.“
„Tja, wenn das so ist.“
„Es ist so!“
Der weitere Abend verläuft harmonisch. Wir unterhalten uns noch über einige mehr oder weniger belanglose Dinge und lachen über den neusten Klatsch im Treppenhaus, bis ich aufbrechen muss.
Paul und Gisbert quieken munter in ihrem Käfig, als ich nach Hause komme. Bevor ich zu Bett gehe, bekommen die beiden frisches Wasser und Futter.
Bei den leisen Schmatzgeräuschen, die sie zufrieden von sich geben, schlafe ich ein.
***
Der Donnerstagvormittag plätschert so dahin. Von Nils bekomme nach der Redaktionssitzung jede Menge Notizen für die Kolumne und einen Bericht auf den Tisch geklatscht.
„Hier, Konfetti, damit du dich nicht langweilst in deinem Traumpalast.“ Dabei macht er eine ausladende Geste. Er ist offensichtlich neidisch auf unser schönes Büro. Ich denke, er kann nachts nicht mehr richtig schlafen, weil er darüber nachdenkt, wie er uns das vorher verschmähte Büro abluchsen kann. Mit seiner unverwechselbaren, schnodderigen Art und Weise baut er sich vor uns auf. „Heute Abend habe ich alles fertig auf dem Tisch, klar? Und du, College-Pfeife, siehst zu, dass du in der Kaffeeküche klar Schiff machst. Kaffee ist schon wieder alle. Habe zum wiederholten Male nur den letzten, abgestandenen Rest abbekommen. Irgendjemand hat mir alles weggesoffen!“ Dabei schaut er grimmig auf Lars’ dampfenden Becher Kaffee.
„Den habe ich mir in einer Thermoskanne selber mitgebracht!“, verteidigt sich Lars.
„Nun fühl dich mal nicht auf die Füße getreten, Prinzesschen. Außerdem haben wir keinen Zucker mehr, und jeder weiß, dass man bei Stress einen höheren Energiebedarf hat. Sonst droht das diabetische Koma …“
„Ich habe Süßstoff anzubieten“, wagt Lars, Nils ins Wort zu fallen.
„Du hältst dich wohl für sehr witzig, was? Beweg’ deinen Arsch in den nächsten Supermarkt und hol’ Zucker! Aber dalli. Du bist sicherlich nicht an einer schlechten Beurteilung interessiert, oder?“
„Ähhh …“ Lars ist sprachlos.
„Dachte ich mir doch, dass wir uns verstehen. Das faule Studentenleben ist vorbei. Zeit, in der Realität anzukommen.“ Er wirft mir einen letzten Blick zu und sagt: „Deadline läuft.“ Dann verlässt er das Büro und knallt dabei so hart die Tür hinter sich zu, dass eins von den neuen Bildern an den Wänden bedrohlich ins Wanken gerät.
„Was war denn das?“
„Darf ich vorstellen: Nils, der Sklaventreiber.“
„Darf der das? So mit uns reden und uns so behandeln?“
„Wo kein Kläger ist, ist auch kein Angeklagter.“
„Aber so was muss doch der Chef erfahren!“
„Herr Gröne?“
„Ja!“
„Der interessiert sich vor allem für die Zahlen. Glaub’ mir, das führt zu nichts. Aus irgendwelchen Gründen hat Nils einen Stein bei ihm im Brett. Das liegt wohl daran, dass er das abliefert, was der Kunde lesen will, und die Auflage steigert. Er sorgt dafür, dass wir uns auf dem Markt gut behaupten können.“
Darauf erwidert Lars nichts mehr. Er steht auf und marschiert in den nächsten Supermarkt.
Die Recherchearbeiten sind umfangreich. Lars habe ich, zu meiner Entlastung, die Leserbriefe und das Horoskop übergeben. Damit ist er mehr als nur beschäftigt. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie er sein Studium geschafft hat. So hilflos habe ich noch keinen Kollegen gesehen, wenn er vor einem leeren Blatt Papier sitzt – und ich spreche nicht von einer Schreibblockade. Wir alle lieben das Schreiben. Darum haben wir uns schließlich für diesen Beruf entschieden.
„Das ist doch Schwachsinn!“, ruft Lars über den Tisch.
Seit heute Morgen dudelt ein kleines Radio auf der Fensterbank, dass Lars mit einem Tada! aus seinem Rucksack hervorgezaubert hat, als käme ein weißes Kaninchen daraus hervor. Hätte nicht gedacht, dass Musik so entspannend sein kann. Es ist richtig gemütlich in unserem Büro.
„Da schreibt tatsächlich jemand, ich zitiere: ‚Ich möchte jetzt auch Schüßler-Salze wie die heißen Sieben ausprobieren. Ich weiß aber nicht, ob ich dabei was Bestimmtes beachten muss.‘ Haben die kein Internet?“
„Im Heft zweiunddreißig hatten wir einen Bericht über Schüßler-Salze. Die Informationen kannst du dir im Archiv aufrufen. Schreib’ so sachlich und allgemein wie möglich.“
„Okay, aber das ist doch Schwachsinn!“
„Für dich vielleicht, aber für den Leser ist es wichtig und für uns ist es ein Zeichen, dass die Berichte gelesen werden. Somit wissen wir, was unsere Kunden interessiert.“
„Ich dachte immer, die Geschichten der Kummerkasten-Tante wären längst überholt. Das liest doch keiner mehr!“
Es entlockt mir ein Schmunzeln. „Irgendwie müssen doch die leeren Seiten gefüllt werden. Daher auch die Rätselecke, das Horoskop, die Rezeptideen mit Bildern, Reisetipps, Witze und Cartoons. Aber auch Informationen über Gesundheit, die Kolumne und Berichte über andere spannende Themen, um das Fernsehprogramm abzurunden. Je bunter das Drumherum, umso besser. Hast du dich schon mal damit befasst, was für ein Produkt wir herstellen?“
„Produkt? Eine Zeitschrift!“
„Korrekt! Um es ganz präzise zu sagen, eine Fernsehzeitschrift. Was unterscheidet unsere Zeitschrift, Schau-Genau-TV, von anderen Programmzeitschriften, die es auf dem Markt gibt?“
Lars zuckt mit den Achseln.
„Wir bedienen die breite Masse. Leichte Kost, von jedem etwas. Nicht zu politisch, nicht zu viele Boulevard-Geschichten.“
„Zuckerwatte fürs Hirn?“
„Ein wenig vielleicht! Wenn du mehr über die Marktanalysen wissen möchtest, ist Marek Gröne dein Ansprechpartner.“
Still arbeiten wir vor uns hin. Leise ist das Geklapper der Tastatur zu hören. Im Hintergrund dudelt eine fröhliche Melodie aus dem Radio, die die stumpfsinnige Tätigkeit erträglicher macht und locker von der Hand gehen lässt.
„Du, Hannah?“, unterbricht Lars das Schweigen.
„Ja?“
„Also, wegen Samstag …“ Er räuspert sich. Macht eine Pause.
Ich schaue von meinem Bericht auf und blicke ihn über unsere Bildschirme hinweg erwartungsvoll an.
Lars sieht auf seine Schreibtischunterlage. Mit den Händen traktiert er nervös einen Kugelschreiber. Er dreht das Griffrohr auf, friemelt die Mine raus und bastelt alles wieder zusammen.
„Ich … ich muss absagen“, platzt er schließlich hervor.
„Oh!“ Ich schlucke und versuche, die plötzlich aufkommende Enttäuschung, die mich selber überrascht, zu verdrängen.
Eigentlich habe ich es von Anfang an gewusst, ja, praktisch erwartet, dass er es nicht ernst gemeint hat und einen Rückzieher machen würde. Trotzdem tut es verdammt weh, in meiner Herzgegend, und mein Magen zieht sich zusammen.
Und ich blöde Kuh habe mich verrückt gemacht, was ich am Samstag anziehen soll! Gott sei Dank habe ich die Quittungen aufgehoben und die Etikette von meinen neuen Sachen noch nicht abgeschnitten. Somit wird es wenigstens kein finanzieller Reinfall.
Ich versuche, nicht zu enttäuscht zu klingen. „Nicht so schlimm! Ich habe auch noch eine andere Verabredung am Samstag. Das wollte ich dir schon den ganzen Tag sagen. Bin nur noch nicht dazu gekommen. Also, mach dir keinen Kopf. Außerdem war das mit unserem Treffen doch eh nicht so eine gute Idee.“
Mit einem lautem Klack, bricht der Klipp von der Druckhülse ab.
„Ach so!“ Jetzt klingt er enttäuscht. Eventuell interpretiere ich da auch zu viel hinein. So gefühlsduselig habe ich ihn nicht eingeschätzt. Das ist eigentlich etwas für, na ja … Jedenfalls nichts für gestandene Männer. „Warum denn nicht?“
„Weil … Zum einen: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Zum anderen wird es nicht gern in diesem Unternehmen gesehen, wenn sich männliche und weibliche Kollegen privat treffen. Liebelei am Arbeitsplatz, und so. Nicht, dass wir je … Versteh mich nicht falsch, aber die Gerüchteküche und die Stille Post sind hier nicht zu unterschätzen. Im Nu müssen wir in der Chefetage zum Report antreten, und ich habe echt keinen Bock, deswegen meinen Job zu verlieren.“
Mittlerweile hat er den Kugelschreiber in seine Einzelteile zerlegt. Ohne großen Erfolg versucht Lars, die Druckfeder wieder auf die Miene zu schieben.
Ich greife in die Handtasche, die in der untersten Schreibtischschublade liegt, um mein Handy herauszuholen. Jetzt kann ich meiner Mutter doch noch für Samstag zuzusagen. Die zusätzlichen Scheinchen kann ich gut gebrauchen.
„Eigentlich wollte ich dich fragen, ob wir den Termin auf morgen Abend vorverlegen könnten.“
„Oh! Damit habe ich jetzt nicht gerechnet“, gebe ich ehrlich zu. Ärgere mich jedoch gleich im Nachhinein, dass ich mehr von mir preisgebe als mir lieb ist.
„Wieso?“
„Na ja, keine Ahnung“, druckse ich herum. „Du hast sicherlich Besseres zu tun als dich mit mir zu treffen!“
„Nö, eigentlich nicht. Wie kommst du darauf?“, fragt er verblüfft.
„Wir sind doch völlig verschieden. Schau dich doch an. Du siehst aus, als wärst du aus einem Modekatalog gestiegen, und ich … ich bin eben nur ich.“
„Ja, und? Gegensätze ziehen sich doch an, habe ich mal gehört.“
„Aber kein Schönling einen Struwwelpeter!“
„Du hast ja eine seltsame Wahrnehmungskraft! Dein Aussehen scheint dich sehr zu beschäftigen, wenn du schon wieder davon anfängst. Hast du kein Körperbewusstsein?“
„Doch!“
„Und? Ist irgendetwas nicht okay mit deiner Verpackung?“
„Was soll das denn jetzt heißen? Natürlich weiß ich, wie ich aussehe. Ich bin nur zu klein.“ Da ist es schon wieder! Sobald er den Mund aufmacht, bin ich auf Krawall gebürstet. Er hat meinen empfindlichsten Punkt getroffen. Pikiert recke ich mich, um ein paar Zentimeter größer zu wirken, und zupfe das Shirt zurecht.
„Dann weißt du ja, dass du eine hübsche Frau bist, mit scharfen Kurven.“
Ich nehme alles zurück. Er ist hinreißend!
Mit Mühe unterdrücke ich den Impuls, mich umzudrehen, obwohl ich genau weiß, dass wir allein im Büro sind. Er kann also mit seinen Worten nur mich gemeint haben.
Mir wird etwas mulmig zumute. In meinem Bauch kribbelt es, als wären dort dreißig Schmetterlinge gefangen, die verzweifelt einen Weg ins Freie suchen.
„Quatsch!“ Mit der Hand mache ich eine wegwerfende Bewegung. „Du nimmst mich auf den Arm.“
Verlegenheit schwingt mit, als er mit sanfter Stimme sagt: „Nein, gar nicht, ich meine das total ernst. Ich mag Frauen mit Kurven.“
Sprachlos schaue ich ihn an. Weiß nicht, was ich davon halten soll, als plötzlich die Druckfeder von dem in Einzelteile zerlegten Kugelschreiber vor ihm mit einem Geräusch, das mich an den hüpfenden Flip aus Biene Maja erinnert, in hohem Bogen quer über den Schreibtisch saust und in den Fransen des hochflorigen Teppichs verschwindet.
Lars blickt dem Geschoss bedeppert hinterher. Die Situation ist so komisch, dass ich lauthals anfange, zu lachen. Als Lars endlich aus seiner Schockstarre erwacht, fällt er in mein Gelächter ein. Es ist ein schönes Lachen, voll und ganz von Herzen kommend. Inzwischen rollen mir die Tränen über die Wangen. Meine Mascara ist sicherlich total verschmiert. Vermutlich sehe ich aus wie ein Pandabär, aber das ist mir im Augenblick völlig egal. Mein Bauch schmerzt, und ich bekomme kaum Luft, dafür aber Seitenstiche. Er sieht, wenn er so lacht, bezaubernd aus. Etwas Spitzbübisches strahlt aus seinen rauchblauen Augen. Der arrogante Zug in seinem Gesicht ist verschwunden und hat Platz gemacht für einen charmanten, aparten Bick, der echt sexy ist.
Wir brauchen etlichen Minuten, um uns mehr oder weniger zu beruhigen, denn jeder Blick zu dem anderen löst einen neuen Lachflash aus.
Großzügig verteile ich Taschentücher, schnäuze meine Nase und versuche, mein Make-up einigermaßen zu retten.
„Ich sollte den Kugelschreiber wieder zusammenbauen. Weißt du, wo diese Feder hingeflogen ist?“
„Ja, in den Teppich vor dem Schreibtisch. Aber schmeiß’ das alte Ding doch einfach weg. Er ist sowieso kaputt, nachdem du ihn so malträtiert hast.“
„Keine schlechte Idee, wenn der Kuli nicht Nils gehören würde. Ich hab ihn versehentlich vorhin mitgenommen und …“
Laut ziehe ich die Luft durch die Zähne ein. „Das ist Nils Kugelschreiber? Du hast seinen heiligen Stift mitgehen lassen?“
„Ja, ist eine blöde Angewohnheit von mir. Aber es ist doch nur ein Kugelschreiber!“
„Nicht für ihn!“
Auf allen vieren krabbeln wir auf dem Teppich und suchen die Druckfeder zwischen den langen Fransen, als die Tür aufgerissen wird. Dem ungebetenen Störenfried strecke ich unfreiwillig den Hintern entgegen. Auf die Idee, dass ich Lars in dieser Haltung einen tiefen Einblick auf meine weiblichen Rundungen gewähre, komme ich nicht.
„Hat jemand von euch meinen Kugelschreiber geklaut? Ihr wisst genau, dass dieser Stift mir gehört. Also, her damit!“
Ertappt fahre ich herum und setze mich auf. Peinliche Röte schießt mir in die Wangen, als mir meine Körperhaltung bewusst wird.
„Sorry, Herr Förster, hier ist er nicht. Vorhin hatte ich ihn auf Ihrem Schreibtisch gesehen“, flunkert Lars Nils an.
„Da ist er aber nicht, verfluchte Scheiße!“
„Vielleicht ist er runtergefallen und liegt jetzt irgendwo auf dem Boden.“
„Da habe ich auch schon gesucht.“
„Dann komme ich gleich und helfe Ihnen beim Suchen. Vier Augen sehen je bekanntlich mehr als zwei.“
„Na, da bin ich aber gespannt!“ Nils donnert die Tür zu, und die Bilder an der Wand wackeln bedrohlich.
„Schleimer!“, zische ich.
Lars zuckt nur mit den Schultern. „Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.“
„Na gut, du Sprüche-Kasper. Du solltest ihm schleunigst seinen Kuli zurückbringen. Damit versteht er keinen Spaß.“
„Warum eigentlich?“
„Man munkelt, er war ein Geschenk einer Verflossenen.“
„Ähhh …“ Lars verzieht angewidert das Gesicht. „Lass uns bloß die verflixte Feder finden.“
„Wie willst du ihm das kaputte Ding unterjubeln? Der wird ausrasten.“
„Lass mich nur machen!“, sagt er mit einem umwerfenden Grinsen und einem schelmischen Blick, der mich dahinschmelzen lässt.
Die Druckfeder sehen wir gleichzeitig. Als wir beide danach greifen, bin ich etwas schneller. Lars fasst meine Hand. Wir schauen uns an. Sein Gesicht ist meinem ganz nah. Unter seinem gepflegten Dreitagebart ist ein Grübchen versteckt. Um seine rauchblauen Iris ist ein leicht grüner Kranz. Wir verharren in unserer Bewegung. Dann ist dieser magische Moment leider vorbei, und ich reiche ihm die kleine Feder.
„Danke“, haucht er. Schnell hat er den Kuli wieder zusammengebaut und geht zu Nils.
Unter einem Vorwand, etwas ganz Wichtiges kopieren zu müssen, folge ich Lars. In Wirklichkeit bin ich viel zu neugierig darauf, wie er den kaputten Kugelschreiber Nils unterjubeln will.
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