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Martin Schwarz

Das Buch-Buch

Buchobjekte

Bücherbilder

Egon Plüsch und

der entschlüpfte Roman

Der ”Roman“ (Das Textzusammenfügungs-Experiment) soll nicht die Buchobjekte erklären und die Abbildungen der Buchobjekte sollen nicht den ”Roman“ illustrieren, wobei es doch beabsichtigte und unbeabsichtigte Übereinstimmungen gibt.

Inhalt

Kapitel 1


Beim Formen meiner Buchobjekte lugte öfters eine Idee zwischen den geschichteten Seiten hervor. Wie man sich diesen Sachverhalt vorstellen soll? Sie gehören vielleicht zu den Lesern, die ein offenes Buch etwas weiter von sich weg halten müssen, um die Zeilen lesen zu können. Sie brauchen eine Brille! Jedoch wenn die Idee immer noch nicht zu sehen ist, liegt es nicht an Ihrer reduzierten Wahrnehmungsfähigkeit – die Ideen lugen, gucken oder drängen sich natürlicherweise ausschliesslich in der Imagination aus den schmalen Zwischenräumen der Seiten. Wesentlich entdeckungsfreudiger müssten wir sein, wenn eine Idee nicht zwischen den Seiten erscheint, wenn ein geplanter Buchanfang, z.B. ein Notizblatt eines Entwurfes ein unsichtbarer Bestandteil des Objektes geworden ist – unsichtbar zwischen den anderen, bereits bemalten, zerknüllten oder verleimten Seiten und darum nicht mehr zu erkennen ist oder sogar zu Papiermaché geknetet wurde. Es ist meine Gewohnheit, entwurfsmässig bekritzeltes Papier auf diese Weise zu verarbeiten. Bevor ich die um mich liegenden Blätter vermantsche, schreibe ich die Entwürfe für einen Buchanfang noch schnell auf dieses Papier. Nichts endet, bevor es beginnt — so wollte ich beginnen. Es wäre doch bestimmt kein schlechter Anfang gewesen. Das Wort ”Nichts“ als erstes. Jedoch ist es nun zu spät und mir ist bereits der Fehler passiert, so unspektakulär wie oben begonnen zu haben. Sie als Leser werden mich noch öfters ertappen, wie ich mich entlang der Wörter verirre und ich werde von mannigfaltigen Dichtern, sich widersprechenden Philosophen und vertieft-forschenden Wissenschaftlern mit dem ”Nichts“ konfrontiert. Ärgern Sie sich bitte nicht. Begleiten Sie mich eher mit nachsichtigem Bedauern auf die oft verhängnisvolle Reise über den Wörtersee, wo sich ein Sturm auftürmt und mir im heulenden Getöse ein Mann aus dem Volk zusätzlich noch eine Last von Worten übergibt – ja nun – eben nochmals zurück zum Anfang. Ein Buch zu schreiben ist eine grenzenlose Freude – ja, nein – so ist es nicht. ”Erfüllend” wäre ein gern gehörtes Prädikat. Ich möchte behaupten, es ist ein Gedankengeknutsche, begleitet von einem beglückenden Ächzen in einer Plackerei mit stummem, wohltuendem Stöhnen. Worte finden, Worte wegdrängen, Worte suchen. Dann wiederum erreichen mich die Sätze und ich empfange alles wie eine hochsteigende und sich ausbreitende Flut in einem Land ohne Wehr. Hin und wieder – mehr oder weniger häufig – werde ich Zitate von bekannten und weniger bekannten Wortkünstlern in meinen Text einstreuen und die Leserin oder der Leser wird bemerken, dass diese Wort-Edelsteine durch meinen grauen Wörtergrund so richtig brillant erleuchtet werden. Denn ausschliesslich Edelsteine wären nur ein unüberblickbares Blendwerk. So bin ich in einem gewissen Sinne den grossen Geistern zu Dienste – eine mir selbsterschaffene Ehre. Aber eben, welch ein Mühen. Bereits jetzt müsste ich wieder nach einem Buch suchen und nach einer darin enthaltenen Textstelle, lasse dies jedoch bleiben und gebe darum ein Zitat von Friedrich Nietzsche – dem vielbewunderten, der doch kein Vorbild zu meiner Orientierung ist – nur sinngemäss wieder und daher mit weniger Wörterglanz: ‚Die Dichter gebären mit Schmerzen, denn warum soll dies auch anders sein als bei den Weibern?‘ Allzu sehr will ich die Geburt meines Textes nicht zu einem masochistischen Unternehmen werden lassen und ich mache meinen hartnäckigen Willen nachgiebig und weich und strapaziere mein Können nicht grossmeisterlich, denn es gibt wohl sowieso keine unvergängliche Poesie, die aus mir herauszuzwingen wäre. Jedoch, da ich es nicht lassen kann – denn es gehört zum Künstler, sich zu formulieren und zu fabulieren, ist ein forcierter Poesieversuch entstanden: ‚ab fliesst nur, in Dichtung und Wahrheit – durch die Abflussdichtung, so nass war es.‘ Der Versuch ist mir mäßig gelungen.



In der erhellten Nacht ein Buch zu schreiben, bringt ungeahnte Entdeckungen. Überraschende Schwierigkeiten sagen wiederholt ”guten Tag.“ Letzteres beginnt auch schon damit, dass sich die schreibende Fürstin Marie-Gabrielle Hohenlohe zu mir einmal folgendermaßen äusserte: „Der Erfolg von einem Buch entscheidet sich bereits mit dem ersten Satz.“ Und da ich mir einen völligen Misserfolg nicht erschreiben wollte, hatte ich verhängnisvollerweise unnötig viele Versuche damit verbracht, einen ersten guten Satz zu finden. Der erste Satz in ihrem Buch ‚Alison liebt einen Franzosen‘ lautet: ”George Henely faltete die Times zusammen.“ Bei mir fehlt ein solcher einfach nachzuvollziehender Vorgang, so werde ich vielleicht mein Versäumnis wieder gut machen und auf einen guten Schlusssatz hinarbeiten – sofern ich meinen mahnenden Vorsatz nicht bereits einige Sätze weiter vergesse. Ein Buch selbst zu machen, ist manchmal auch eine Form von Eigensinn. Künstler, die Bücher oder Ausstellungskataloge machen wollen, begeben sich bald auf einen Weg voller Demut: ”Wer unterstützt mich? – Wer hilft mir bei der so genannten Druckvorstufe?“ Dann begibt man sich in einen ‚Dschungel‘ von Ratschlägen, Meinungen und Finanzberechnungen und ist dann noch abhängig, dass das Buch richtig angeboten wird und überlegt um die Weihnachtszeit, ob der Verlagsvertreter ein Geschenk bekommen soll, obwohl er vielleicht ein Atheist ist. So versuche ich, die Schwierigkeiten zu meistern und vieles selbst zu machen und verschwende Zeit und Kräfte an Buchmessen und ernte Freuden. Gleichzeitig kann ich jedoch sagen, dass es für mich jeweils vieleicht die phantastischsten beruflichen Erlebnisse im Jahr sind. Es ist einfach überwältigend, wenn man (damit meine ich immer auch ‚Frau‘) durch das Angebot der verschiedenen Verlage geht: Dieses riesige Angebot von Fantasie und Wissen steigert sich bei mir zeitweise zu einem philosophisch-religiösen Erlebnis. Es ist unfassbar, wie vielfältig der Mensch seine Existenz reflektiert und zu ergründen versucht. Die Leipziger Buchmesse, angegliedert und innerhalb der grandiosen, lichtdurchfluteten Glashalle, bestehend aus tausenden von Gestellen und Tischen, in und auf denen die Bücher mit ihrem noch lockenden und unerschlossenen Geheimnis ruhen, belebt von noch mehr zumeist schreitenden Menschen. Und wie die Menschen doch so unterschiedlich schreiten! Die eine Person setzt einen Fuss vor sich hin und scheint dann den ganzen Körper nachzuziehen. Eine andere Person schwingt ihren Körper tänzerisch durch den Raum inmitten von Büchern und elegant ergänzen sich die Glieder in ihrer Bewegung. Geschwind zappeln die Beine eines Studenten, und wie schwebend läuft er gezielt zu einem präsentierten Buch. Eine junge, schwarz gekleidete Frau setzt ihren umlederten Fuss mit den massiven Schuhsohlen energisch auf das vorgesehene Bodenstück vor sich und dann ebenso den andern Fuss in unüberhörbarem Takt – welches gewünschte und gesuchte Buch lenkt ihren Schritt? Mit einem Büchlein in der Hand kommt eine voluminöse Frau daher, und unter ihrem langen Rock ist die Bewegung der Beine kaum zu sehen – wie geschoben von einer unsichtbaren Person zieht sie vor meinen Augen wie auf Rollen vorbei. Ich, in der Buchmesse als Verkäufer und Kontaktperson stehend, mache zwischenzeitlich meine Ausflüge zu andern Verlagen und in die Buch-Antiquariatsmesse und ich komme dann wieder zurück zu meinen angebotenen Produkten. Käme Friedrich Nietzsche an meinen EigenArt-Verlagsstand, würde er mir aufmunternd zuflüstern: „Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoss von Büchern zu Gedanken kommen – unsere Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meere, da wo selbst die Wege nachdenklich werden. Unsere ersten Wertfragen in Bezug auf Buch, Mensch und Musik lauten: kann er gehen? Mehr noch, kann er tanzen?“



Ich würde ihm erklärend antworten: ”Wir sind doch nicht in einer Tanzveranstaltung und ich bedaure dies etwas, dass ich nicht gleichzeitig ein Werk schaffen kann und ich empfinde es sowieso als ein Ungehorsam gegenüber dem Kunst- und Literaturbetrieb, dass ich mich soweit selbst zu verwirklichen suche. Wenn dies jeder Kunstschaffende machen würde, wäre die Folge ein heilloses Durcheinander in der undurchschaubaren Hierarchie des ganzen Betriebes. Anderseits hatte ich mich zu viele Jahre dieser Lebendigkeit verweigert, im Glauben, alleine im Atelier den Versuch machen zu müssen ‚Grosses zu erschaffen“. So machte ich mir an der Buchmesse wenigstens impressionistische Notizen ”wie die Menschen schreiten“ für den damals noch unbestimmten Buchinhalt. Schreitend: Zögernd-ängstlich, wiselig-fröhlich, schüttelnd – wie wenn Regentropfen vom Schuh in die Luft befördert werden sollen, oder im geraden Gehschritt ohne bewegliche Kniegelenke, ein Anderer wankendschwankend und doch wie in panischer Eile, mit Schuhen wie Tierchen, die den munteren Menschen sorglos weitertragen oder unstet – vor- und zurückwippend von süchtig suchenden Augen getrieben – ein Bibliophiler, forsch und nichts beachtend, wie von einer Mechanik angetrieben, im Gegensatz zum anderen Besucher: langsam, wie wenn die Bewegungen gleich versiegen würden. Jemand wollte mit seinen schönen Schuhen richtig auftreten und gleich wieder hüpfend abtreten – wie er das macht, ist mir unerklärlich.“

Mir bedeuten Bücher sehr viel – müsste ich mich jedoch entscheiden, was ich auf die viel beschworene, einsame Insel mitnehmen dürfte: eine Bibliothek oder eine Frau, so würde ich mich doch für das Zweite entscheiden. Dies könnte bereits ein Thema sein zur psychologischen Ergründung in einem ganzen Buch. Jedoch, bei genauerem Nachdenken bin ich mir über meine Wahlentscheidung doch nicht mehr so sicher – wäre es doch möglich – die erwählte Frau macht mir rechthaberische Vorwürfe, dass ich ohne körperliche Ertüchtigungsübungen eine Kokosnuss vom Baum zu pflücken versuchte und ich nun, nach dem unheldenhaften Absturz, für gar nichts mehr zu gebrauchen wäre. Bald träumte ich dann, im säuselnden Wind liegend, von einer Palme mit raschelnd-flatternden Bücherfrüchten anstatt von harten Nüssen unter dem Blätterdach und ich würde mich an Angelus Silesius erinnern: “Ein Buch wäre der bequemste Freund. Man kann sich mit ihm unterhalten, so lange und so oft man will, man ist ganz ein Empfangender, kann in jeder Stimmung die rechte Kost wählen und ist nie enttäuscht.“


Und mit einem Gedanken an Stefan Zweig würde das Verlangen nach Büchern noch größer: ”Eng und einsam wird ein Leben, das nicht mehr als sich enthält: Lernst du erst dich hinzugeben, wird Dir jedes Buch zur Welt!“ Nun auf dieser grünen Insel in einsamer Zweisamkeit mahnt mich ein wiederkehrender Gedanke von JeanClaude Wolf an meine Buchobjekt-Kreationen, und ich werde wenigstens einmal aus pflanzlichen Blättern ein Objekt formen: ‚Leidenschaft für Bücher kann sich in der relativ harmlosen Sammelwut manifestieren; relativ harmlos ist sie deshalb, weil sie gewöhnlich nur dem Sammelnden selber schaden kann, insbesondere seinen Finanzen. Wer von der Sammelleidenschaft besessen ist, zieht es vor, in den meisten anderen Lebensbereichen geizig zu sein. Wenn der Sammelwütige nicht schäbig gekleidet ist, so trifft man ihn doch im Verein der Billigesser, die an den einschlägigen Orten speisen oder sich heimlich vier Tage lang von einem Kohlkopf ernähren. In Buchhandlungen und Antiquariaten kennt man ihn als süchtigen Stammkunden. Harmlos ist der Sammler vielleicht auch deshalb, weil es ihm um eine Meidung der Bücher als Lese-Objekte geht; als BücherFetischist wird er die meisten erworbenen Bücher nie lesen, sondern sie wandern ins Regal, Trophäen eines privaten Prestiges. Der wahre Bücherhamster liebt den Einband, das Druckbild, das Vorsatzblatt, die Gestalt, die Farbe und den Geruch seiner Bücherchen, kurz: er hat ein irrationales, zärtliches Verhältnis zu ihnen. Das Buch wird zum Ersatzpartner, zum stummen und doch beredten Begleiter. Das Buckobjekt als sinnlicher Gegenstand wurde auch zum Kunst- und Ausstellungsobjekt erhoben. Damit hat es sich immer mehr von einem Medium der Mitteilung in ein fast naturwüchsiges Produkt verwandelt, das von Staub und Stockflecken, Würmern und Pilzen befallen werden kann und schließlich wie ein ”objet trouvé“ von der Strasse oder aus dem Wald dahinmodert.‘


Zu meinem ersten Versuch, einen begleitenden Text zu meinen Buchobjekten zu verfassen, kann ich mir kein Lob aussprechen und nicht mal anerkennend wenigstens auf die eine meiner Schultern klopfen. Ich brauche Hilfe und ich erschaffe mir eine Romanfigur: ‚Plüsch‘ wird sie genannt und mit Vorname ‚Egon‘. Zweiter kaum erwähnter Vorname wäre ‚Albert‘, also Egon Albert Plüsch. Er hat sein Vorwort zu meinem geplanten Buch nach unserm ersten Zusammentreffen wieder mitgenommen und er will dieses nun wesentlich andern und zu einem Nachwort umschreiben. Deshalb schreibe ich hier in Erinnerung das Wesentliche noch einmal. Egon Plüsch war anfänglich zuvorkommend, einfühlsam, hilfreich, praktisch und kooperativ, und so hatte er mich gleich persönlich besucht, um sein bereits geschriebenes Vorwort zu meinem Romanentwurf vorzulesen, in der Absicht, den Inhalt zu diskutieren und eventuell zu verbessern, zu ergänzen oder zu kürzen. Ziemlich übermüdet erschien Egon im Büro meiner Verlagsräume in Oberwinterthur und erwähnte, dass er bald seinen Wohnort wechsle, völlig überarbeitet sei und darum gleich zur Sache kommen wolle. Nach einer knappen Stunde anstrengender und beglückender Arbeit mit seinem Vorwort, dem Vorwort zu den gefundenen Schriftstücken aus einem grossen, sperrigen Koffer, verabschiedete er sich und nahm den Text mit wenigen, angefügten Korrekturen wieder mit. Nach drei Wochen, erhielt ich den Text immer noch nicht, nach etlichen weiteren Wochen desgleichen und ich begann mich nach dem Verbleiben von Herrn Plüsch zu erkundigen. Ich konnte auch mit all meinen einfallsreichen und detektivischen und bereits etwas besorgten Bemühungen seinen neuen Aufenthaltsort nicht in Erfahrung bringen, auch nach etlichen Monaten erhielt ich keine Nachricht von ihm und so logischerweise ebenso wenig vom vermutlich weiterbearbeiteten Vorwort.



So müsste ich versuchen, das Vorwort aus der Erinnerung wieder auferstehen zu lassen. Ich mache dies jedoch morgen, übermorgen und auch später nicht. Viele andere Schriftstücke stehen bereits einige Wochen unsichtbar und unerkannt in einem verschlossenen Koffer, ohne befestigte Adresse vor meiner Haustüre. „Ist dieser Koffer für Sie oder ist er für Herrn Plüsch bestimmt?“, so wurde ich von einer Nachbarin gefragt und da ich keinen so grossen Koffer erwartete, sah ich mich selbst auch nicht als Empfänger; dies umso weniger, als es ein alter Uberseekoffer war – eigentlich fast schon eher eine Kiste. Ausserdem fühle ich mich in Europa heimisch und habe gar keine Abenteuerlust nach Ubersee. Dann, nach wenigen Stunden kam überraschend der mir damals noch ziemlich unbekannte Egon Plüsch vorbei und nahm den schweren, ungeöffneten Koffer an sich und transportierte ihn mit Hilfe eines Transporteurs ab. Vor der Haustür erschall ein Ächzen, Rumpeln und Motorengeratter, bis die Geräusche des sich entfernenden Transportautos allmählich abklangen.

Heute nun ist Herr Plüsch bereits wieder hier in meinem kleinen Verlagsraum und erzählt vom Kofferinhalt, den gesammelten Papieren zu meiner Arbeit und allerlei Dazugehörigem als Material für das neue Buch. Ein zusammengeschnürter Stapel Papiere – relativ wenig aus dem Kofferinhalt, trägt er unter dem Arm. „Ist dies alles für mich bestimmt – so quasi zu meiner Selbsterkenntnis?“ – frage ich ihn. Doch warum soll ich eine korrekte Antwort erwarten, zumal mir ja Etliches als unglaubhaft, unmöglich, fabulierend erscheint, wie bereits sein Name „Egon Plüsch“ mich befremdete, beim ersten Mal, als ich ihn hörte. Jedoch, was kann der Mann für seinen Namen, da darf ich ihn doch nicht bereits anfänglich mit etwas Negativem belasten. Er ist ja wahrlich nicht der Einzige, welcher einen nicht wohlklingenden Namen trägt. Auch soll schicksalhaft sein Geburts- und zeitweiliger Wohnort „Kissenburg“ bei Ulm sein, so dass einige Personen, welche seinen Namen und die Ortschaftsbezeichnung vernehmen, eher in der aktivierten Fantasie eine gemütliche Sitzgruppe vor sich sehen oder etwas Ähnliches wie ein organisches Möbel. So soll sich am vergangenen Montag eine ihm flüchtig bekannte Frau grundlos auf seine Oberschenkel gesetzt haben, als er auf der Parkbank den Sonnenuntergang genoss – anlehnend fühlte sie sich eingepolstert im feinsten, anschmiegsamen Plüsch. Dabei soll sie, die sich schrankenlos Annähernde, Egon ins Ohr geflüstert haben: „Bei allen Plüschbindungen ist darauf zu achten, dass der Polfaden immer zu seinem Grundfaden – dem Stützfaden – richtig einbindet, damit alle Polnoppen den gleichen Stand haben. Es ist nun so: ändert man also die Lage des seitlich vom Polfaden stehenden Grundfadens, so wird die Polnoppe eine andere Lage erhalten.“ Egon war das Eingeflüsterte unverständlich und er vermutete es handle sich vielleicht um einen außergewöhnlichen erotischen Wunsch. Doch als sie mit ihrem Getuschel fortfuhr merkte er, dass es sich um ein vorgetragenes ästhetisches Fachwissen handelt: „Sind in demselben Plüschgewebe die Polnoppen verschieden gestützt, so sehen wir durch den Lichtreflex zwei verschiedene Farbtöne. Diesen Sachverhalt hat sich meine Firma der Brüder Carl und Adolf Vorwerk aus Wuppertal-Barmen ausgenutzt und sich ein Verfahren zur Herstellung von im Stück gefärbten Plüsch patentieren lassen, bei dem die Musterung je nach Einfall des Lichts in hell und dunkel erscheint, wodurch ein besonders schöner Effekt erzielt wird.“

Er erzählte weiter von seinen Erlebnissen, auch detailgetreu wie bei dem Beispiel der hier wiedergegebenen Expertise, allerdings nicht zu einer mit Plüsch überzogenen Parkbank, vielmehr zu einem Tischproblem. Ich begehrte noch kurz auf und erklärte, dass in dem zu konzipierenden Bücherbuch logischerweise der Gegenstand der Erörterung das Buch sei und nicht der Tisch. Als Erwiderung äusserte er ein wenig spöttisch die Idee: „…so fertigen Sie doch ein kleines Buchobjekt an mit vier Puppenbeinen in Schuhen unten am aufgeklappten Buch befestigt, als Buchtisch.“ Ohne in seinem Geplapper innezuhalten, tischte er mir seinen Bericht von einer Tischlerprüfung auf und friedfertig gestimmt, liess ich es zu. Nun haben wir den folgenden Salat als Kuckucksei:

”Verlangt wurde ein künstlerisches Gesellenstück: halb Tisch – halb Mensch. Der Geselle investierte alle seine Kräfte, denn innerhalb von fünf Wochen musste das Prüfungswerkstück zur Begutachtung bereit sein. Hier Auszüge aus den damaligen Anforderungen: Es mussten Holzstücke auf eine Bohle oder auf ein Brett mit möglichst wenig Verschnitt aufgezeichnet werden. Bei der Auswahl der einzelnen Stücke musste die Holzstruktur richtig erkannt und der Zuschnitt unter Beachtung der natürlichen Eigenschaften des Holzes vorgenommen werden. Es war die Fertigkeit in der Führung vom Sägen und Hobeln nachzuweisen und die Sägeschnittflächen mussten eine gleichmässige Schnittspur zeigen. Also deckte er sich ein mit den unterschiedlichsten Hölzern, konstruierte seinen Plan, wie aus der Tischplatte der Mensch herauswachsen soll. Als erstes hobelte er aus einem sehr massiven Hartholz das Schlüsselbein, welches dann wie ein Strebepfeiler zwischen das geplante Brustbein und die Schulter eingefügt werden sollte. Die gehobelten Flächen und Kanten bearbeitete er mit mehr als fachüblicher Genauigkeit, hobelte winkelund fluchtgerecht, bearbeitete die Oberfläche weiter mit Ziehklingen und Schleifpapier, dass die Hobelansätze nicht mehr zu sehen waren. Während Tagen verfeinerte er seine Konstruktion und bearbeitete das Schulterblatt, welches ja zum grössten Teil an der hinteren Fläche des Brustkorbes gelegen ist. Er arbeitete, ja, er schuftete sogar bis tief in die Nacht, und vergass beinahe das Essen, und bestand bald nur noch Haut und Knochen. ‚Ist es wohl genügend gut, mein Prüfungsstück?‘ – dachte er, sich selbst hart prüfend, als er an der Unterschulterblattgrube schnitzte. Er hobelte aus, machte Falze, Nuten und Kehlungen mit dem Falz-, Sims-, Nut- und Kehl-Hobel. Der sich mit der Arbeit überfordernde Tischler fertigte im ganzen Umfang gleichmässige und stellenweise organisch-geschwunge Linien mit punktierten Kanten. Nun stand schon alles in ziemlicher Stabilität auf der Tischplatte, und er, als Gedrängter in vollem Arbeitseifer, versuchte, die Fugen am Ende der Bretter zu schliessen und bewegte sich wie ein lebendiges Skelett um seinen Tisch-Holzknochen-Bau. Arge Mühe bereiteten ihm die beiden Unterarmknochen, Elle und Speiche und er verzweifelte fast, als er entdeckte, dass er die Speiche irrtümlicherweise an der Kleinfingerseite enden liess und die Elle auf der Daumenseite. Er änderte dies und mit kleinsten Holzstückchen machte er sich an die Arbeit der Hand. Die Handwurzelknochen, bestehend aus acht kleinen, meist vieleckigen, in zwei Reihen gruppierten Knochen, bearbeitete er aus Stirnholz mit Bohrer, Mikrosäge, Raspel, Schneidewinkel und Schleifpapier. Diese tage- und nächtelange Feinarbeit erschöpfte ihn nun völlig. Die vorbereiteten Holzstückchen für die Finger blieben neben seiner erlahmten Hand liegen. Ein halblebendig scheinender Holz- und Knochenhaufen derartig in Form und Farbe verbunden, gelblich bleich mattiert und halb gebeizt, und ein Betrachter hätte den Tischknochenmenschen fast nicht mehr vom Holzarbeiter auseinander halten können. Den Tischlergesellen ängstigten die eigenen nächtlichen, gespenstischen Schattensilhouetten, seine einzigen Begleiter. Die begonnene Furnierarbeit war nicht mehr zu bewerkstelligen, entkräftet brach er leider vor der Fertigstellung des tragenden Rücken-Gerüstes seines Tischmenschen zusammen. Er verstarb und der Furnierleim tropfte von der Tischplatte.“



Hier ein anderer Text zu einem Tischproblem von Bertrand Russell notiert, und ich bin hoffentlich nachher bald wieder auf dem Weg zum Buchkonzept:

„Ernest Nagel scheint sich auf eine leidenschaftliche Verteidigung des gesunden Menschenverstands eingelassen zu haben und weist ganz richtig darauf hin, dass alle Wissenschaft vom gesunden Menschenverstand ausgeht. Er behauptet mit Leidenschaft, er habe ”Tische“ gesehen, aber fügt hinzu, er meine das in dem Sinn, in dem wir gewöhnlich die Wörter ‚sehen‘ und ‚Tisch‘ verwenden. Ich könnte zustimmen, wenn er den Ausdruck ‚einen Tisch sehen‘ als Ganzes nähme. Wie Nagel habe ich oft das Erlebnis gehabt, dass man ‚einen Tisch sehen‘ nennt. Mein Einwand ist, dass der Ausdruck, wie er gewöhnlich verstanden wird, eine falsche Metaphysik enthält. Ich sehe etwas Kontinuierliches, Rechteckiges, Glänzendes und Braunes. Mein Sehen ist gewiss ein Ereignis in mir. Auf jeden Fall ist das, was ich sehe, wenn ich ‚einen Tisch sehe‘, mit meinem Sehen gleichzeitig, während der Tisch als der mit meinem Sehen verbundene physikalische Gegenstand etwas früher ist. (die Sonne ist acht Minuten früher, einige Sternennebel Hunderttausende von Jahren früher). Was ich sehe, hat sekundäre Qualitäten, die seit Locke als nicht zum physikalischen Gegenstand gehörig anerkannt sind und primäre Qualitäten, für die dasselbe seit Berkeley anerkannt ist – oder seit Kant von denen, die Berkeley nicht mögen. In welchem Sinn kann man dann sagen, man sehe den physikalischen Gegenstand, der nach der Physik der Tisch ist?



Hat man einmal den vom Tisch zu meinem Perzept (Vorgang des Wahrnehmens im Gehirn) führenden Kausalvorgang in all seiner Komplexität erkannt, dann wird klar, dass mein Perzept nur durch ein Wunder dem Tisch überhaupt sehr ähnlich sein könnte. Mehr noch, wenn dieses Wunder wirklich geschieht, kann uns nur eine göttliche Offenbarung versichern, dass es geschieht. Keine solche Offenbarung ist mir gewährt worden, und deshalb bin ich im Zweifel gelassen, ob der Tisch meinem visuellen Perzept in andern Hinsichten gleicht als in denen, von denen es die Physik behauptet.

Ernest Nagel ist über mich entrüstet, weil ich das Wort ‚sehe‘ in einem unüblichen Sinn verwende. Ich gebe das zu. Der gewöhnliche Sinn impliziert den naiven Realismus und jeder, der nicht naiver Realist ist, muss entweder das Wort ‚sehen‘ vermeiden oder es in einem neuen Sinn verwenden. Der gesunde Menschenverstand sagt: ‚Ich sehe einen braunen Tisch‘. Er wird sowohl der Aussage zustimmen: ‚Ich sehe etwas Braunes‘. Da Tische nach der Physik keine Farbe haben, müssen wir entweder (a) die Physik leugnen, dass ich einen Tisch sehe, oder (b) leugnen, dass ich einen Tisch sehe, oder (c) leugnen, dass ich etwas Braunes sehe. Es ist eine qualvolle Wahl; ich habe (b) gewählt, aber (a) oder (c) würden zu mindestens gleichen Paradoxen führen.

Ich komme schließlich zu einer Behauptung von mir, die Nagel zutiefst schockiert hat, wie sie auch verschiedene andere Philosophen schockiert hat; ich meine die Behauptung, dass wenn ein Physiologe das Gehirn eines andern Menschen anschaut (gegenwärtige Aufzeichnungen der Gehirnaktivitäten), das, was er sieht, in seinem eigenen Gehirn ist und nicht in dem des andern.

Dies war ein weiterer Bericht aus dem Kofferinhalt. Ein verzwicktes Hin und Her waren die aufregenden Umstände, dass der Koffer sich nun wieder hier bei mir befindet. Egon Plüsch wollte sich mit den Worten verabschieden: „Egon Plüsch war mein Name, denn alles Irren findet heim, alles ist nur Saat und Keim!“ Aber nun, – „so bleiben Sie doch noch!“ rief ich ihm zu – „unser Buch braucht doch Wörter, und die Wörter brauchen eine Ordnung“. Er erwiderte mir in klagendem Tonfall, wie man üblicherweise von Kopfschmerzen spricht: „Da erinnere ich mich an einen Ausspruch von Götz Eisenberg zur Philosophie des Kleinbürgers: Wenn das Leben schon keinen Sinn hat, so soll es doch wenigstens eine Ordnung haben…“ und er lamentierte weiter „nicht einmal eine solche Einsicht gibt mir in meinen momentanen Nöten einen Halt, und ich muss gerade jetzt über meine Existenz im Ganzen nachdenken und dass meine Lebendigkeit ja ausschließlich durch ihre Fantasie bedingt ist – jedoch nur keine Sorge – ich komme wieder wenn sich mein Zustand gebessert hat.“ Etwa so lautete seine Erklärung, und Recht hat er – bevor er ganz verschwindet, sollte ich doch wenigstens seine äußere Erscheinung beschreiben: Durchschnittlich groß, borstige Haare, suchender Blick, seinen Bewegungen schienen immer eine gewisse Verzögerung anzugehören und … ach nein, obwohl Egon Plüsch ganz und gar nicht unbeschreiblich ist, lasse ich es bleiben.

So beginne ich nun selbst vom Kofferinhalt mit dem überbordend vielen Papier zu berichten, welches sich vor mir ausbreitet und stapelt. Vieles ist ausgewaschen, zerknittert, verklebt und marmorisiert, obwohl der ganze Inhalt nur wenige Jahre alt ist. Den Grund dieser Patinierung fand ich auch auf einigen Papieren vermerkt – die Malerin Anna-Chronista – erzählt später davon. Welch ein Allerlei war da zu entdecken?! Aufgeschnürte Bündel von Heften, kleine Fachbücher mit gezeichneten Tabellen, gestempelte Belege und Quittungen aller Art. Einige Notizbücher sind randvoll geschrieben, andere beinahe leer. In einem sind z.B. nur fünf Namen vermerkt: Franziska Tinari, Gottlieb Holzuner, Karl Schmitt, Lavinia Meduluso, Rainhold Fass. Von den beiden Frauen sind moderne Poesie-Alben zu entdecken, wenn diese überhaupt noch als Poesie-Alben bezeichnet werden dürfen – sind doch diese schnörkellosen Alben unpoetisch und sachlich mit Fotos, Billetten von Pop-Konzerten, Werbezetteln, Telefonnummern und Adressen gefüllt, welche sich, wie ich später feststellen konnte, wieder auf den Kofferinhalt beziehen. Den Männernamen ist gar nichts zuzuordnen.

Eigentlich bin ich so ziemlich am Anfang und bereits am Ende, weil ich nicht weiß, wie ich von diesem Allem schreiben soll. Was ist erwähnenswert, wo sind Bedeutungen, was ist nichts sagend, banal? Die erkennende Vernunft kommt – woher auch immer, vielleicht später. Eine Vielfalt möglicher Titel ist vermerkt: „Die Kartei der Imaginationen“, „Die Erhellung der Dunkelheit zwischen zwei Karteikarten bei deren Trennung“, „Das verlorene Dokument mit dem verschlüsselten Text zur Lokalisierung vom Aufbewahrungsort des Schlüsselbundes“, ein unverständliches, loses Inhaltsverzeichnis zu einem Etwas mit dazu angehefteten neun leeren Seiten. Das Etwas ist bis zum heutigen Tag unauffindbar, und am heutigen Tag haben sich viele Tage in die Nacht begeben, daher habe ich kaum eine Vermutung, was dieses Etwas von Text sein könnte. Wer will was wann von wem? Aus dem Kofferinhalt sind auch diese Sätze aus einem Notizbuch, und als Leser befinde ich mich mit konstruierter Präzision in einer unwirklichen Gegend: ‚Die äusseren Gedankenmuster und die eigenen inneren Empfindungen können die Person mit sich selbst verschmelzen lassen“. Die Form des Daseins in der Vorstellung desselben spiegelt sich als gleichzeitige bewusste Wahrnehmung. Beigefügt sind weitere Forschungsberichte eines Bewusstsein reflektierenden Experimentes: Ein Ausstellungsbesucher wird an eine neu entwickelte Apparatur angeschlossen, welche die elektromagnetischen Strömungen der Hirntätigkeit mittels hochempfindlicher Sensoren registriert und diese als optische Strukturen vor die betrachtende Person projiziert (Konzept aus dem Jahr 1970). In der gleichzeitigen Wahrnehmung …viele der Notizen sind fragmentiert. Dennoch zu diesem, nach den vielen Aufzeichnungen im Notizbuch weniger erfolgreichen neurobiologischen Experiment einer solopsistischen Visualisierung, sollen sich ausserdem im Dasein die verlorenen Gedanken so sehr gehäuft haben, dass die euphorische Person den weit entfernten Boden eines Abgrundes immer wieder neu und auch nahsicht- und spürbar erfahren musste. Unten ging es wieder in den unbeweglichen, schönen Lift. In Schönschrift auf dem Liftboden sitzend fragt er sich: „Wann und wo wurde bei einer Rückseite gerückt?“ – man kann eben ein Blatt wenden, so oft man will – immer wieder wird eine Vorderseite zur Rückseite und eine Rückseite zur Vorderseite. Mehrere Notizbücher voll oder halbvoll mit unzusammenhängendem Gekritzel und am Schluss noch einige dazu gefügte Blätter, mit Wörtern, deren Sinn manchmal darin zu bestehen scheint, die Leerräume zwischen den hellgrauen Linien zu füllen. Ein lächelndes Tier wird auf anderen Blättern genau beschrieben – mit dem Wort ‚Bemerkenswert‘ bezeichnet und eingelegt im Heft ‚der Schweizer Tierfreund‘ zwischen den Angeboten von Auto-Occasionen. Des Weiteren ein langer Bericht zu einer Person, männlich oder weiblich ist nicht festzustellen, deren Gehirnströme mit den Bildern ihrer Wahrnehmung keine Identität haben wegen einem Ausgeschlossensein von zärtlich-differenzierten Berührungen in der frühen Kindheit, mit anschließender lebenslänglicher, übermäßiger Liebessehnsucht.



Goethe: „Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe bist du!“

Nun entdecke ich eine biografische Notiz zu Goethe aus einem Buch von Hugo Hertwig: „…Dann kommt der Tod Christianes, der ihn zwar tief ergreift, aber nicht verhindert, dass sich ein Mensch, der wie er das Leben bis zum Ende bejaht, noch einmal leidenschaftlich, schmerzlich und hoffnungslos zugleich in die 19jährige Ulrike von Levetzow verliebt. Goethe ist 74 Jahre alt und lässt durch den Großherzog um ihre Hand bitten. Die Mutter bittet geschickt um einen Aufschub. Das genügt Goethe; er reist ab und schreibt unterwegs die bekannte „Marienbader Elegie“. Dieses letzte Liebeserlebnis bringt ihm außer der schweren seelischen Depression eine gefährliche körperliche Krisis, welche die Arzte das Schlimmste befürchten lässt.“ Zur Vergegenwärtigung muss ich mich selbst erinnern, dass der ganze Kofferinhalt sich auf mich als Künstler beziehen soll, wenn auch oft wohl nur am Rande und vereinzelt mit doppelbödigen Wortironien: Verlegen muss ich eingestehen, dauernd finde ich meine Manuskriptseiten nicht, verlegt zwischen allerlei Anderem – also bin ich ein tüchtiger Verleger. Da sind die ersten vier Seiten aus einem Heft, oben handschriftlich bezeichnet von einer unbekannten Person … ”für Befugte!“ – also folge ich dieser Anweisung, indem ich die übereinander geschichteten Blätter zu einem schmalen Streifen falte und stopfe ihn in eine Fuge zwischen zwei Bodenbretter … dann frage ich mich, ob ich dazu meinen Raum noch musikalisch befugen soll, mit einer Fuge von …? So, nun nehme ich noch einen Stapel Papier aus dem Koffer hervor, schliesse diesen endgültig und stosse als Erstes auf ein von mir nicht autorisierten Nachruf meiner selbst – es ist bedrückend unangenehm, bereits zu Lebzeiten eine solche Lebenszusammenfassung geschrieben zu sehen – also werfe ich den Nachruf in den Papierkorb und rufe diesem nicht nach! Sogleich kommt Egon Plüsch in mein Verlags-Büro, bückt sich über den Papierkorb und ruft: “Echo wo bleibst du?“ und verschwindet ebenso nullkommaplötzlich wieder durch die Türöffnung, durch die er eben hereingekommen ist.

Ein von ihm mitgebrachter Zettel liegt neben dem Papierkorb – ein Spiel für zwei sprechend Personen – „Das teilnehmende Echo“.



Ein Musiker ging einst über Feld und Au. (Echo fröhlich): au! Da sah er eine Schnitterin, die ward bald seine Frau. (Echo bedenklich): au! au! Sein Glück, das währte einen Tag, dann traf den Armen Krach auf Krach. (Echo klagend): ach! ach! Da kam der Blitz endlich dazu und half der Frau zur ewigen Ruh. (Echo jammernd): uh! uh! Fritz war ein munterer Bursche, gesund und lebensfroh. (Echo heiter): o! Er schweifte gern ins Weite und schlief wohl auch auf Stroh. (Echo bedenklich): o! o! Jetzt liegt er längst begraben in einem tiefen See. (Echo erstaunend): Eh! Die Mutter sitzt am Wasser und klagt: O weh! O weh! (Echo jammernd): weh! weh!

Anschliessend an den überraschenden Besuch stosse ich in der Erforschung des Papierstapels auf eine Sammlung von bedeutungsschwammigen Buchstabenaugenblicken und ich bewege mich mit meiner Wahrnehmung in die unauslotbaren Tiefen mit psychologischen Benennungen. In meinen Händen halte ich nun eine von mir nicht akzeptierte „fiktive Pathographie“ nach Lange-Eichbaum von Tina Ramses: Martin Schwarz, weltfremder Schwärmer, fortwährender Wechsel der Stimmung, disharmonisch, Hang zum Vergänglichen, vergisst vieles, Zeit, Stunde, Menschen, Bekannte, manchmal sogar seinen Namen. Oft zerstreut, abwesend, gedankenfixiert. Ubermass von Erregbarkeit und innerer Unruhe mit körperlichen Reaktionen: Ohrensausen, Magenknurren, Wippen mit den Beinen. Oft Fehlen jeder psychischen Hemmung, Zornmütigkeit, Klagen über eingebildetes Elend (lamentieren), Tränenseligkeit ohne Grund, wenig liebenswürdige Würde. Zeitweise Verschwendungssucht, dann wieder Geiz. Schulversager, als Kompensation geltungsbedürftig mit zwanghaft verhülltem Exhibitionismus. Überempfindlich, reizbar, labil, euphorisch, ausfallend, zwischen autistischem Traumdenken und pathetischem Welt-Ich-Gegensatz hin und her pendelnd. Mangel an Wirklichkeitsfreude, Uberwiegen des Gedrückten, Verstimmten, Gespannten. Erwartungen an das Leben, welche es nie erfüllen kann. Masslosigkeit im Fühlen und Urteilen. Er behauptet, die Kunstgeschichte sei eine Wahrheit voller Lügen. Seine phantastischen Deutungen sind aus dem herrschenden Gedankenkreise aufzufassen. Geheimniskrämerei. Dennoch, sein gewaltiges Selbstgefühl steigert sich aber nie zum ausgesprochenen pathologischen Grössenwahn. Eitelkeit? – «Bescheidenheit ist eine Zier, die steht allen, nur nicht mir». Im Verhalten, entgegen seiner Vorliebe für unbunte Farben, chamäleonartig. Manchmal trauriger Blick. Unbefriedigtes Sehnen nach etwas, das ihn von sich und seinem mächtigen Innenleben befreit. Nervenschwäche, Schlafstörungen, Schwarzseherei, diffuse Angstzustände vor seinem eigenen Schatten. Zweiteilung in Wille und Vorstellung aus Zwiespalt und Duplizität des eigenen Wesens. Glaubt unter anderem an die Lehre des treibenden Willens, aus eigener überstarker Triebanlage. Selbstvorwürfe wegen seiner Heftigkeit und Streitsucht. Periodische Selbstzweifel bis zur Lethargie als Abwehr von Konfliktlösung – „Nichts, das ist mir schon zuviel“. Humorlos, dennoch brillanter Sarkasmus zumindest in seiner Kunst. Sehr empfindlicher Egoismus mit Schuldgefühlen. Undankbar oder dankt gleich masslos. Kühl gegen andere, sofern sie seinem Ich nicht schmeicheln. Distanziert zur Mutter. 21.12.1978, Heirat mit sich selbst. Fixierung im Gefühl, Kritik und Enttäuschung im Verstand. Körperlich zart, dennoch verhältnismässig gesund und entgegen seinem eigenen Glauben viril. Stimme zaghaft. Unschuldige Lasterhaftigkeit. Ungeordnet in der Lebensführung. Manchmal scheint es ihm, er sei nicht mehr, was er war. Leichte Rechtschreibschwäche: Weiss oft nicht mehr, hat jetzt wieder das Wort «Nahmen» ein «H» oder das Wort «Ramen» kein «H». Zeichnet linkshändig, schreibt rechtshändig. Ambidexter? Spiel mit der Schizophrenie und anderen verrückten Geisteszuständen. Merkwürdig seine Furcht vor dem Dämonischen. Verschrobene Einsichten. Sagt manchmal zu sich: «Lieber schlecht leben, als gar nicht. Tot sein kann ich noch lange genug.» In seinem obskuren Werk neurotische Auseinandersetzung mit dem Tod. Sonderbare Naivität: Es gibt Momente, da kann er sich einbilden, dass, wenn er sich mit aller Kraft gegen einen Felsen stemmt, sich die Erdkugel etwas schneller dreht; ein anders Mal ist ihm das Blei zu schwer im Stift. Sieht sich selbst als Fremder. Gewürztes Rauchen steigert die Fülle und Deutlichkeit der Anschauungsbilder. Sieht dann Ungewöhnliches in unnatürlicher Bewegung. Trinkt auch Rotwein. Gewisse Alkoholintoleranz aus bionegativem Unbehagen. Ausschweifende Phantasie. Wenige Halluzinationen, mehr bewusste Imagination. Gehemmte Möglichkeiten, dies in der Kunst darzustellen, wegen seiner Neigung zur Akribie im Schaffen. Latente Über-Ich-Forderungen – es konnte ihm gelingen, was er wollte, erfüllend war es nie. Gewann er bei einem «Kunst am Bau»-Wettbewerb den 1. Preis, so war er unzufrieden, dass er sein Projekt ausführen musste. Mit dem 2. Preis ärgerte er sich, dass er nur Zweiter wurde. Sein ganzes Liebesieben, an Rätseln reich, nur verständlich aus seiner niemals glatt überwundenen infantilen Fixierung auf mädchenhafte Frauen. Vampir an Frauen, welche wiederum Vamp an ihm sind. Sehnsucht sich hinzugeben, Angst sich zu verlieren. Aus Verzweiflung über den quälenden Dämon der Leidenschaft ein Streben nach «reiner» Ideenmalerei. Am Anfang als Künstler Schüchternheit, Verlegenwerden, Stottern, Erröten, murmelnde Selbstgespräche. Er suchte stundenlang im Lexikon nach seiner Identität. Obwohl grosses zeichnerisches Jugendwerk (teilweise erhalten) nicht besonders frühreif. Zeigte sich bis zum 33. Altersjahr viel an Ausstellungseröffnungen, krankhaft ehrgeizig. Hat sich mit seiner Kunst oft auf dem Kunstmarkt hervorgetan, und mit ebensolcher Lust in Privatklubs, Weihern und Wäldern, Badeanstalten, Kuhställen, heiligen Hallen und feuchten Gewölben und so weiter. Kein Publikum ist ihm unwürdig als Gegenüber seiner Werke. Beeinträchtigtes, beschädigtes Genie wegen verschwendeter Begabung. Werke durch psychische Erschütterungen nicht geschädigt, Qualität vielmehr dauernd ansteigend. Die abwesende Mona Lisa, frühkindliches Trauma der abwesenden Mutter wegen Fabrikarbeit. Sabotiert sich seinen eigenen Erfolg, Trieb zur Selbstbeschädigung und einen Hang sich selbst anzuschwärzen. Zunehmende Unfähigkeit zur Wirklichkeitsanpassung, gesteigerte reaktive Zustände. Kein Spielball von Kunstsnobs. Wenn er an die damals aktuellen Ausstellungen nicht zur Beteiligung eingeladen wurde, war er gekränkt und litt unter leichter Paranoia von übler Nachrede, und dass er und seine Arbeit nicht geschätzt und geliebt werden. Zu Unrecht, dem ist nicht so. Die zahlreichen Urteile widersprechen sich zwar beständig. Hätte er über sich selbst eine Pathographie verfasst, hätte er sich verhüllend verstellt, und dabei Ehrlichkeit gezeigt, die unerkennbar geblieben wäre. Ich verweise auf meine frühere Originalarbeit und betone, dass ich diese in allem Wesentlichen noch keineswegs für veraltet halte, wie einige gerne annehmen, um die klärenden Lichtblicke wenigstens auf diese Weise aus der Welt zu schaffen. Nicht bloss der unbefangene Mensch von heute hat dabei das dunkle Gefühl: „In diesem Leben, an diesem Manne ist irgend etwas nicht in Ordnung, da stimmt etwas nicht, sein Werk wäre aber ohne dies nicht so wertvoll geworden. Die Akten sind noch nicht geschlossen.“





Die abgeschriebene fiktive Pathographie ist in mir nicht bestimmbaren Teilen durch den Lauf der Zeit überholt, denn das ursprünglich vermerkte Datum bezieht sich auf das Jahr 1982. “Fünf vergrabene Grabsteine“, realisiert für die Ausstellung „Kunst – Natur», im Gebiet des Fünfweiher, Lenzburg 1982. Auszug aus dem Katalog, Text von Annelise Zwez: «Ein auf verschiedensten Ebenen immer wiederkehrendes Uema ist der Tod. Die Friedhofsatmosphäre ist Martin Schwarz vertraut und unheimlich zugleich. Den Tod erlebt er als Sehnsucht wie auch als Bedrohung. In diesen Rahmen gehört die Aktion «Fünf vergrabene Grabsteine». In fünf alte, abgetretene Grabsteine mit teilweise pathetischen Sprüchen hat Martin Schwarz seinen Namen eingravieren lassen (Ausführung: Gregor Frehner). In einer stillen Aktion hat Martin Schwarz sie an fünf verschiedenen Orten entlang dem Ausstellungspfad vergraben. Ist er damit seiner unterschwelligen Todessehnsucht gefolgt und hat sich selbst symbolisch begraben? Dieses Element schwingt zweifellos mit, auch wenn es Schwarz nicht formuliert hat. Für ihn sind andere Komponenten vordergründig: z.B. die Absurdität, einen Grabstein zu vergraben, oder auch der Kontrast zu den übrigen Teilnehmer/innen, dann aber auch der Gedanke, dass der Tod etwas Unsichtbares ist und darum auch unsichtbar dargestellt werden soll. Ein weiterer Aspekt ist das Bewahren in der Erde, der Prozess des Vergrabens, des Zudeckens… wohl halt doch der eigenen Identität.»



Nun bin ich bereits mehrere Tage in meinem Büro und lese mich unkonzentriert durch den Blätterstapel und ich habe immer noch keinen Überblick über den Inhalt. Ab und zu ist auch Egon Albert Plüsch, das Zettelmaterial sortierend, bei mir – jedoch meistens ist die unüberblickbare alles enthaltende Arbeit ausschliesslich meine eigene und so finde ich sinnigerweise die in einer ähnlich vereinnahmenden Situation verfasste Beschreibung eines «Milchmädchen» von Heinrich Heine:

«Ich war die letzte Zeit nicht aus dem Pandektenstall herausgekommen, römische Kasuisten hatten mir den Geist wie mit einem grauen Spinnweg überzogen, mein Herz war eingeklemmt zwischen den eisernen Paragraphen selbstsüchtiger Rechtssysteme, beständig klang es mir noch in den Ohren wie «Tribonian, Jusinian, Hermogenian und Dummerjahn», und ein zärtliches Liebespaar, das unter einem Baume sass, hielt ich gar für eine Corpusjuris-Ausgabe mit verschlungenen Händen. Auf der Landstrasse fing es an lebendig zu werden. Milchmädchen zogen vorüber, auch Eseltreiber mit ihren grauen Zöglingen». Das Briefleinklein von Christoph Martin Wieland aus dem Buch: «Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalvax»: Er ging also in die Hütte hinein, fand aber niemand darin als ein junges Milchmädchen in einem schneeweissen Leibchen und Unterrocke. Sie war eben im Begriff, etliche Ziegen zu melken, die an einer diamantnen Krippe angebunden standen. Der Melkkübel, den sie in ihrer schönen Hand hielt, war aus einem einzigen Rubin gemacht, und statt des Strohes war der Stall mit lauter Jasmin- und Pomeranzenblüten bestreut. Alles das war bewundernswürdig genug; allein der Prinz bemerkte es kaum, so sehr hatte ihn die Schönheit des Milchmädchens geblendet. In der Tat Venus, in dem Augenblicke da sie von den Zefyrn ans Gestade von Pafos getragen wurde, oder die junge Hebe, wenn sie halb aufgeschürzt den Göttern Nektar einschenkt, waren weder schöner noch reizender als dieses Mädchen. Ihre Wangen beschämten die frischesten Rosen, und die Perlenschnüre, womit ihre Arme und ihre kleinen netten Füsschen umwunden waren, schienen bloss da zu sein, um die blendende Weise derselben zu erhöhen. Nichts konnte zierlicher und reizender sein als ihre Gesichtszüge und ihr Lächeln; über ihr ganzes Wesen war ein Ausdruck von Zärtlichkeit und Unschuld verbreitet, und ihre kleinsten Bewegungen hatten den namenlosen Reiz, dem die Herzen beim ersten Anblick entgegen fliegen».



„Hören sie mir zu, Herr Plüsch!“ sagte ich eines Tages zu ihm – und fragte: „Können Sie sich wirklich denken, dass wir mit all diesem Zettelmaterial, welches Sie mir hier anlasten, wenigstens einen Flick-Werk-Roman zustande bringen können?“ Er, meine Hoffnung und tätige Hilfe, antwortete zu meiner Enttäuschung und brachte mich so nahe an eine Resignation: „Wohl kaum – eher nur einen Rapport über den Versuch der Herstellung eines Flick-Werk-Romans – um wenigstens einen Versuch zu wagen, vorwärts zu schreiten, könnten wir doch vorerst mal einen Buchtitel festlegen.“ Und er machte gleich drei Vorschläge: „Ein Bett für Bücher“ mit dem Untertitel – „Ein Roman für Bibliophile“, als zweiter Vorschlag: „Der kurze Schatten einer langen ungeschriebenen Erzählung“ oder „Der entschlüpfte Roman“. Ich begehrte auf und erwiderte: „Alle drei Titel sind negativ oder komisch formuliert, und der dritte führt in eine grosse Weite mit Assoziationen von schmutzigen Fantasien.“ „Kommt auf den einzelnen Menschen an – wie er es versteht und welche Bedeutung er dem Ganzen gibt!“ behauptete er und referierte weiter: “…gerade Gestern machte ein Schulpsychologe mit dem Moritz einen Test. Vor seinen Augen zeichnete er einen Kreis an die Tafel und fragte: „An was denkst du, wenn du das siehst? Aufmerksam schaute sich Moritz die Zeichnung an, dann äusserte er: „an ein Mädchen“. Der Psychologe wunderte sich, zeichnete eine Pyramide an die Tafel und fragte: “Und an was denkst du nun?“ Abermals guckte sich Moritz die Zeichnung eine Weile an, dann antwortete er: “Ich denke wieder an ein Mädchen“. Nachdem Moritz auch noch beim Anblick eines Quadrates und eines Würfels Mädchen sehen will, springt der Psychologe erbost auf und schreit: “Kannst du nicht einmal an etwas anderes denken als immerzu an Mädchen?“ Da antwortete Moritz empört: “Nun, hören Sie mal! Wer zeichnet denn hier die Mädchen an die Tafel – Sie oder ich?“



Mit Egon Plüsch diskutierte ich danach nochmals weitschweifig seinen favorisierten Titel „der entschlüpfte Roman“ im Umfeld von Jugendstil-Damenschlüpfern, entgleitenden Fischen, Koitus Interruptus, sachliches Entschwinden usw. – beim alternativen Titel: „Ein ausgeschlüpfter Roman“ würde fast jeder an ein aufgebrochenes Hühnerei denken und verdeutlichte nicht unsere Bestrebungen, eine Romanform zu bilden. Ausführlich vom Arbeitsgespräch zu schreiben, habe ich keine Absicht. Auch von Herrn Plüsch kann ich nichts Weiteres berichten, er entzog sich darauf elegant dem Gespräch – er ist so quasi entschlüpft. Ich werde dann bei unserem nächsten Zusammentreffen versuchen, die disharmonischen Knitterungen wieder auszubügeln.

Im Koffer sind noch ungezählt viele schriftliche Aufzeichnungen verwahrt. Auf einer gefundenen Notiz von Lavinia Meduluso ist das berühmte Rezept vermerkt, welches die charakteristische Arbeitsweise des klassischen Surrealismus in der Objektkunst umschreibt:

„Das unverhoffte Zusammentreffen von einem Regenschirm und einer Nähmaschine auf dem Operationstisch“. Genau nach dieser Vorgehensweise habe ich eine Variation erstellt: „Das unverhoffte Zusammentreffen von einem Bügeleisen und einem Buch auf einem Gemälde“. Dazu ein Textblatt mit der Überschrift „Bügeln ist die Herstellung von einem Nichts an Knitterung“. Das BügeleisenBuch-Gemälde Objekt ist vorgesehen für die Sammlung des Bügeleisen-Museums im Dorf Nordbroek, 27 km östlich der Stadt Groningen in Holland. Anstelle eines Kataloges wurde von den Museums-Initianten ein Buch veröffentlicht: «Strijken, Streek, Gestreken» (zu Deutsch: «Wir bügeln, wir bügelten, wir haben gebügelt), von G.J. den Besten und L.S.J. den Besten-den Burger, dieses ist inzwischen vergriffen. Hier jedoch eine Buchbesprechung, von Vittorio Di Martino aus dem Journal des «Club der Sammler antiker Bügelgeräte in der Schweiz»: Kapitel I und II zeigen das Thema und den geschichtlichen Hintergrund auf, einschliesslich der Reproduktion eines Marksteins in der Entwicklung der Bügeleisen – dem ältesten holländischen Patent von August 1603. Kapitel III, IV und V beantworten die Fragen «Wie wurde gebügelt», «Wie werden Eisen erwärmt» und „Wie hält man die Griffe kühl?“. Wie das Buch aufzeigt, wurden über ein Dutzend einfallsreiche Wege gefunden, um ein Übertragen der Hitze auf den Griff zu verhindern: durch ein Stück Tuch oder eine Holzzwinge, durch Verwendung eines nicht leitenden Materials für den Griff, durch dünnere Stützen, um so den Abstand zwischen Eisenkörper und Griff zu erhöhen, durch Griffe aus einfachen oder durchlöcherten Röhren, durch Erhitzen des Eisens mittels eines eingeführten Bolzens, durch ein Hitzeschild, um die aufsteigende Hitze abzuschirmen. Wir sind jetzt bei Kapitel VI und den Kohleneisen. Louise und Guus den Besten stellen ein solches Eisen – 1980 an der Elfenbeinküste erworben – als Beispiel für dessen Überleben bis in unsere Zeit vor, überraschend, aber sicherlich keine Seltenheit. Selbst jetzt, nach dem Beginn des 3. Milleniums, werden noch Kohleneisen in vielen Entwicklungslandern hergestellt, in denen die Elektrifizierung noch nicht abgeschlossen oder die Stromkosten für einen Teil der Bevölkerung unbezahlbar sind. Kapitel VII behandelt Eisen mit einer eingeführten Hitzequelle, Kapitel VIII die Flacheisen (Anlegeeisen) und Kapitel IX die kleinen Eisen. Kapitel X ist ein Abstecher in die Welt der Hilfsmittel für besondere Bügelvorgänge – es behandelt Schneidereisen, Reisebügeleisen, Tolleisen, Eikolbeneisen, Pilzeisen, Hut- und Handschuheisen, Kappeneisen, Korsetteisen, Plissier- und Saumeisen. Kapitel XI beschreibt technische Innovationen, und das Kapitel XII befasst sich mit Ästhetik und Design von frühen handgefertigten Eisen bis hin zu denen des Art Nouveau zum Ende des 19. Jahrhunderts und den stromlinienförmigen Eisen der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Kapitel XIII beantwortet die Frage des „Woher?“, während Kapitel XIV, XV und XVI Accessoires beschreibt, wie z.B. Zugschieber, Untersetzer und Bügelbretter.

Ich möchte an dieser Stelle darauf verweisen, dass diese vielen Wörter benötigt werden, das künstlerische Konzept konsequent darzustellen auch wenn 99.9% der auf dieser Welt lebenden Menschen wenig Sinn haben für das Spezielle eines Glätteeisens. Marcel Duchamp war elitär, obwohl er sich mit den allergewöhnlichsten Dingen beschäftigte. Ich suche weiter im Schriftenstapel nach … Jetzt weiss ich auch nicht, nach was. Ich stosse auf ein begonnenes Buchkonzept aus dem Engadin in den Schweizer Alpen: Giovanni Segantini und Friedrich Nietzsche lebten manchmal zur selben Zeit im Engadin am Silser-See und könnten sich auch begegnet sein. Von welchem der Beiden soll ich berichten? Aus dem Kunstkammerallerlei ein Nietzsche-Zitat zur Liebe: „Die Liebe ist der Zustand, wo der Mensch die Dinge am meisten so sieht, wie sie nicht sind.“ Ein weiteres Zitat: ”Man soll weder Gott noch den Teufel an die Wand malen. Man verdirbt damit seine Wand und seine Nachbarschaft.“ Dem Zitat beigefügt ist eine Fotografie der Diaprojektion des um-nachteten Nietzsche, mit einer Zeichnung vom Ende des 19. Jahrhunderts von Hans Olde, auf die Hausfassade vom Nietzsche-Haus in Sils-Maria am 29.9.1994, anlässlich des Nietzsche-Kolloquiums. „Zum redenden Buch“: Während der Ausstellung meiner Werke im Nietzsche-Haus in Sils-Maria wurde mehrmals gefragt, ob das Buchobjekt mit den eingebauten Zähnen das Gebiss von Nietzsche sei. Nietzsche-Zitate: ”Meinem Leser: Ein gut Gebiss und einen guten Magen – Dies wünsch ich dir! Und hast Du erst mein Buch vertragen, verträgst du dich gewiss mit mir“! Und: ”Der Autor hat den Mund zu halten, wenn sein Werk den Mund auftut.“



Um etwas weniger Bekanntes weitergeben zu können, hier ein Bericht der Zugsreise des seit einigen Tagen geisteskrank gewordenen Nietzsche von Turin nach Basel. «Overbeck soll sehr ängstlich und viel aufgeregter als Nietzsche selbst gewesen sein. Der andere Reisebegleiter, der Zahnarzt Leopold Bettmann, hat sich während der Fahrt ein abstossendes künstliches Gebiss aufgesetzt, um zu verhindern, dass andere Reisende in ihr Abteil zustiegen» (nach der Erzählung von Overbecks Tochter und zitiert von Pia Daniela Volz in ‚Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit‘). Heiraten hätte Herr Nietzsche sollen, zumindestens sich selbst. Doch gibt es ein grösseres Glück, als sich selbst zu heiraten! Ein Versuch sei dann eine Seite weiter beschrieben.

Nun fällt es mir nicht leicht, mich von Egon Plüsch zu verabschieden. Es ist noch keine lange Zeit verstrichen, seit ich ihn als Romanfigur zum Leben erweckte, und nun wurde er bereits ziemlich frech. So behauptet er grundlos, ohne dass ich dieses Wort überhaupt in meinem Text verwendete und dies auch nicht im Sinn hatte – Afrika schreibt sich mit einem doppelten Buchstaben „ff‘ also Affrika. Ich verneinte selbstverständlich vehement. Er äusserte: „Der Wortstamm geht auf das Wort Affe zurück“, und bei seiner rechthaberischen Erklärung vergrösserte er seinen Unterkiefer, indem er ihn hervorschob. Er wollte mir meine Entgegnung partout nicht glauben „nicht die Affen haben Afrika erschaffen.“ Also schickte ich ihn in die grosse Buchhandlung an der Winterthurer Marktgasse. Dort fragte er die Verkäuferin: „Haben sie hier keine Wörterbücher?“ Sie antwortete: „Keine Wörterbücher finden sie im Untergeschoss – hier gibt es keine Taschenbücher.“ Auf dem Rückweg zu mir – ohne ein Buch – traf er, wie er erzählte, einen weitherum bekannten Lektor, und der kam eben von der Konferenz für die endgültige Festlegung der Rechtschreibreform. Er fragte diese Kapazität: „Was haben sie an der Konferenz gesagt?“ Er: „Nichts!“ Darauf meinte Egon: „Das dachte ich mir sowieso – jedoch mit welchen Worten haben sie dies formuliert?“ Solche grotesken Sachen erzählte mir meine von mir erschaffene Roman-Figur, und der Leser wird nun verstehen, dass ich Egon Plüsch aus diesem Romanentwurf verabschieden will, wenn auch vielleicht nicht für immer. In behutsamer Freundlichkeit entlasse ich ihn, gelöst von meinen Worten in die Freiheit, und mit auf den Weg gebe ich ihm noch zwei Gedanken:


Jeanne Hersch aus einem Gespräch mit Gabrielle Dufour-Kowalska: „Die Freiheit ist es, die das Menschsein zu etwas Einzigartigem macht, das es verdient, mehr als alles andere geliebt zu werden. Wir sind nicht wie alle anderen Lebewesen, einfach von aussen getrieben, Gefangene im System von Ursachen und Wirkungen. Alles was Ursache und Wirkung ist, hat an sich keinen Sinn. Damit ein Sinn entsteht, muss ein Ziel sein. Damit ein Ziel ist, muss sich eine Freiheit bewegen, muss auf einen Wert gerichtet sein, auf etwas, was noch nicht ist und es wert ist, zu sein.“

Doch in aller Freiheit soll auch der folgende Gedanke berücksichtigt werden. Willem Frederik Hermans: „Der Mensch kann nicht anders, als in Vorstellungen leben; jede Vorstellung fordert Sinn, Sinn aber ist nicht verifizierbar. Vielleicht ist es so, dass Bewusstsein, Wille, Hoffnung und Furcht nichts anderes als Manifestationen des Mechanismus sind, der die menschlichen Moleküle dazu bringt, sich im unermesslichen Dunst der kosmischen Materie zu bewegen.“

Jetzt komme ich zu dem vorher angekündigten Versuch einer Glücksfindung – ein Fragment – gefunden neben der Romantischen Strasse zwischen Würzburg und Rothenburg ob der Tauber.

Das plötzliche Himmelszeichen im Dunkeln der Augen.

Aus den Aufzeichnungen der Anna-Chronista – die Malerin. …..in meiner Erinnerung schweife ich nochmals zurück in die manchmal doch so mildtätige Wirklichkeit und zum Anfang, wie ich auf das Schriftenbündel aus Kärtchen, Zetteln und gefalteten Blättern gestossen bin, von dem ich hier erzählen will: …Ziemlich früh am Morgen wandere ich unterhalb des Städtchens Bartenstein am Biergarten der Gaststätte zum “Ettetal“ vorbei auf dem moosigen Weg in die Wald-Landschaft. Im Gehölz versteckte Ruinen bezeugen, dass hier vor einigen hundert Jahren Menschen wohnten. Als ein wenig begangenes Gebiet birgt dies für einen Wanderer in überschaubarem Umfeld alles, was sich dieser von einer harmonischen Natur wünschen kann. Schon bald, nachdem ich mich in die “drei Täler“ genannte Landschaft begebe, sehe ich am Fuss eines Waldes, der von einem üppig überwachsenem Hang gesäumt wird, eine riesige, ungefähr fünf Meter hohe Sintersteinwand. Feuchtes, dunkelgrünes Moos hängt schwer am aufragenden Grund, und stellenweise verfärbt sich das Grün in einen leuchtend orange-ockergelben Farbton, und darunter funkeln kleine Rinnsale, und an feinen Flechten glänzen und schillern die Tröpfchen. Der Hang ist noch grösstenteils im Schatten und doch von einer rätselhaften Schönheit. Ein leises Gurgeln und ein feines Plätschern klingen von dem wunderlichen Hain. Einzelne Sonnenlichtflecken im Naturwerk umwerben meine Aufmerksamkeit, und die Pracht eröffnet sich beim detailgenauen Schauen. Bezaubert bin ich von dem entdeckten farbig gesprenkelten Käferchen und ich bin von der kleinen Welt so erfüllt, dass ich mich mittendrin fühle und staunend verweile. Etwas weiter geleitet der Weg mich über einen Bach, der seltsam geordnete Steine als Grund hat, und es lässt sich schwer entscheiden, ob dies ein angelegtes Bachbett ist, oder eine überflutete Strasse. Dann verdeutlichen gemähte Wiesen, dass ich mich nicht in einer unberührten Natur befinde, und ich gehe unter Bäumen weiter in das tiefe Tal und überquere wieder das Bachbett zur Seite gegen den Schattenhang hin, der bald steil nach oben ansteigt. Weiter aufwärts stehen rechts und links hintereinander die Bäume ähnlich wie Säulen einer Kathedrale, und die Äste bilden oben ein Dach in einer Regelmäßigkeit wie in einem erdachten, komponierten Muster eines Himmelszeltes. Die Wipfel neigen sich seltsam symmetrisch zueinander und berühren sich und unterstützen so den sakralen Eindruck. Beim Aufwärtsgehen denke ich an den schwarzen Martin, der in meiner Nähe im Schloss Bartenstein wohnt und arbeitet. Wie oft denke ich an ihn? Um es mit dem französischen Schriftsteller Stendhal und seinem Symbol der «Kristallbildung» auszudrücken: “Was geht binnen vierundzwanzig Stunden im Kopf eines Liebenden vor? Es ist dies: Wirft man in den Salzbergwerken von Salzburg einen entlaubten Zweig in die Tiefe eines verlassenen Schachts und zieht ihn nach ein paar Monaten wieder hervor, so ist er mit glänzenden Kristallen überzogen. Auch die kleinsten Äste, nicht grösser als der Fuss einer Meise, sind mit zahllosen lockeren, funkelnden Diamanten bedeckt. Der kahle Zweig ist nicht wiederzuerkennen. Kristallbildung nenne ich die Tätigkeit des Geistes, der bei jedem Anlass neue Vorzüge bei der Geliebten entdeckt.“



Oben auf dem Hügel gelange ich zu einem sehr dicken, massiven Brett auf zwei Pfählen als einen einfachsten, langen Holztisch und darauf platziert ist ein Bündel Papier, mit gelockerter Schnur ein wenig geöffnet. Dieses wurde wohl auch schon einige Mal verregnet, und die darin enthaltenen Papiere sind zum Teil gewellt und zusammengeklebt. Eben diesen Haufen sehe ich verwundert von dessen kunterbuntem Inhalt, von dem ich hier berichte, und der wohl Martin Schwarz gehörte und auf den sich der Inhalt auch bezieht. Auch bin ich darin auf ein zusammengefaltetes Textblatt gestossen, welches dichterisch überhöht, seltsam ähnlich ist, wie meine Naturerlebnisse auf dem Weg zum hier entdeckten Schriftenbündel, wie wenn eine Person mit denselben Empfindungen die Natur erlebte… doch vorher noch dieses:


Jetzt, da ich meine Gedanken an Dich richte, aufmerksamer Leser, ordne ich Buchstaben zu Wörtern und diese zu Zeilen. Ich frage mich, ob für den beabsichtigten Satz die Zeilen dieser Seite zu knapp aneinander gereiht stehen und deshalb mehr Abstand hätten haben sollen. Denn durch einen weiten Zeilenabstand wird das Lesen erleichtert, die geschlossene Wirkung jedoch gestört. Eine gute Lesbarkeit ist das erste Erfordernis jeder Druckschrift. Neben einem ausgewogenen Zeilenabstand, kann eine gute Lesbarkeit nur erreicht werden, wenn das Bild eines Buchstabens den zur Verfügung stehenden Raum möglichst ausfüllt, wenn das Bild nicht zu schmal erscheint. Es darf aber deshalb nicht gleich an halbfette Schriften gedacht werden. Schon eine geringe Verdickung der Haarstriche lässt das Bild wesentlich kräftiger und somit lesbarer erscheinen. Dass jede Verzierung und Verschnörkelung wegzubleiben hat, ist selbstverständlich, denn durch solch überflüssiges Beiwerk verliert jedes Schriftbild vor allem an Deutlichkeit.

Nun der vorher angekündigte, seltsam ähnliche Text aus dem Schriftbündel: „…fern von Feinden, Missgünstlingen und quälenden Liebschaften, unerreichbar für Lärm und synthetische Farben, wartet ein Ort, der mir vertraut ist und unheimlich zugleich. Dahin führt mich an Abenden mit länger werdenden Schatten vom tiefen Verlöschen eine unerklärliche, sanfte Macht. Da stehe ich geborgen in hohen Büschen, wie keine Burg besser bergen könnte, wäre nicht hinter den Blättern und dem Geäst abgrundleere Dunkelheit, dass ein sehendes Auge sowenig zu erkennen vermag wie ein blindes. Verweilend, eine süsse Müdigkeit lockt mich, selbstvergessen bin ich gefangen in der sanften Macht, im unwiderstehlichen Ziehen, dem leichten Stossen mit verstummend fragendem Wohin. Die Dunkelheit erscheint, als läge in ihr meine Heimkehr, und die Erde verspricht mir bei einem Niedersinken innige Wonne, wie ein Federbett im Winter, gewärmt mit der Liebsten, vereint im Traum der Ungeborenheit. Zeitlos kommt die Nacht; mein Ich verliert sich in dunkelstem Licht, in einer unermesslichen Stille in mir, weit hinter mir. Abschied von Allem: Die Hingabe in das endlich endende Sehnen bringt eine wunderbare Fülle von nie geahnt glückseligen Empfindungen – voller und voller und trägt mich in einen köstlichen Rausch von namenloser Wollust, mehr und mehr, in einen verklärten Kristall aus puren Lichtstrahlen, heller und heller, inmitten von ungezählten, riesig wallenden Wogen, in ein strömendes Meer endlosfeinstrukturierter Ornamentbahnen aus zerschmelzenden Wasserfeuerwerken, verwandelnden Lichtbrunnen, transparenten Spiralwolken, wirbelnd und schwebend in niegesehener Schönheit mit lieblichdonnernden Klängen verwebt. Schillerndglimmendes-zitternd-glitzerndes Funkeln, aufbäumend-durchdringendes Niedersinken zerbricht, zerfällt, zerstäubt sich ordnend in eine pulsierende Harmonie tausend tanzender Reigen von Tränen der gesättigten Freude, ewigvereint mit ungebändigt-zarten Küssen von reinen Honiglippen. In dieser grenzenlosen Glorie, einmalig im Wechsel des Unveränderlichen, ist ohne Anfang am Ende der Unendlichkeit alles absolut g…. „Du“ – ein laut gesprochenes Wort. Erwachend zwischen hohen Büschen bin ich kraftlos von der Hingabe. Ein falscher Freund steht an meiner Seite, spricht von Glück und Ruhm, Kampf und Geld, Erinnerungen und Erwartungen. Ich heisse ihn willkommen. Gemeinsam belächeln wir den wieder einmal aufdringlich-kitschig gewesenen Sonnenuntergang, der von einem schlechten Dichter mit viel Pathos beschrieben worden wäre, und in dieser nun nüchternen Nacht verlassen wir ziellos den mir unheimlichen und zugleich vertrauten Ort.“



In der Wirklichkeit ist es jedoch noch ziemlich früh am Morgen. Ich nehme mir wieder einige Blätter aus dem aufgeschnürten Schriftbündel, und es wird von einem Atelier berichtet, in dem der schwarze Martin vor vielen Jahren lebte (oder sind es Spuren von einem dunklen Märchen?): «Die unbunte Farbe Schwarz», Schloss Schwarzenbach. Im königlichen Schloss Schwarzenbach arbeitete Martin Schwarz zwei Jahre, Sommer 1985 bis Sommer 1987. Nur wenige Minuten vom SBB-Bahnhof Schwarzenbach bei Wil (St. Gallen) steht das stattliche Schloss Schwarzenbach, durch Rudolf von Habsburg im Jahr 1273 erbaut. Die Mutter von ihm war Hedwig von Kyburg – von der schlossartigen Burg bei Winterthur. Im gleichen Jahr trat Rudolf von Habsburg als Hauptmann der Zürcher Truppen (mit denen er zuvor die Uetliburg, Burg Baldern, Burg Wulp im Küsnachter Tobel und das Städtchen Glanzenberg an der Limmat gestürmt und zerstört hatte) zurück, da er Anno 1273 zum König des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt wurde. In der Folge war er gezwungen, das ihm durch seine Wahl übertragene Königsamt gegen den Gegenkönig Ottokar von Böhmen, der sich diese Würde selbst zugelegt hatte, zu verteidigen. Mit seinen Stammtruppen, Aargauern, Zürchern, Thurgauern und St. Gallern sowie mit den aus den übrigen deutschen Landen stammenden Zuzugstruppen zog er Ottokar entgegen, schlug diesen und konnte in der Folge österreichische Lande annektieren. Als König bestätigte Rudolf von Habsburg den Zürchern und den Urkantonen ihre Rechtsunmittelbarkeit und verlieh ihnen weitere Rechte. Er war ihnen, insbesondere den Zürchern, bis zu seinem Tode dankbar und diese sowie die anderen deutschen Lande waren in ihren Geschichtsbüchern bis ins 19. Jahrhundert voll des uneingeschränkten Lobes über ihn. Der Aargauer und Zürcher Hauptmann gilt als Gründer eines während rund 650 Jahren an der Macht gebliebenen Kaiserhauses, das wie kein anderes die europäische Geschichte während Jahrhunderten beeinflusst hat. Rudolf von Habsburg muss daher als die geschichtlich bedeutendste Persönlichkeit, die aus der Schweiz stammte, bezeichnet werden.


Hier eine Aufzählung der Bilder, die im Schloss ausgestellt worden sind: «Hommage an die nicht gedachten Gedanken», schwarzes Bild, das Glas rückseitig mit schwarzer Farbe vollständig bemalt, 50 x 50 cm. Eine später erstellte Replik in breitem schwarzen Rahmen, Bildgrösse 100 x 70 cm, ebenfalls Glas rückseitig vollständig schwarz bemalt. «Im Schatten der Nacht gewachsene Nachtschattengewächse»: «Atropa Belladonna (Tollkirsche)», «Hyosciamus Niger» (Bilsenkraut), «Datura Stramonium» (Stechapfel), «Atropa Mandragora» (Mandragorawurzel), 1971, Collage aus schwarzem Papier, 50 x 50 cm. Variante: 1971/73 Mischtechnik auf Plexiglas 100 x 70 cm. Im Schloss ist ein Zimmer reserviert für die fiktive Nachtigallerator-Kammer von Professor Dr. Abdul Nachtigaller und Walter Moers. Dies wäre der dunkelste Ort im ganzen Universum! Schon bei halber Kraft erreicht dieser Generator Werte um 400 Nachtigall – das entspricht der Dunkelheit von 400 luftdicht ineinander geschlossenen Kühlschränken. Der Nachtigallerator, ein Triumph der Dunkelheitsforschung (Nachtigallik), schneidet besonders dunkle sternenlose Stücke aus dem Nachthimmel, filtert sie und füllt sie ab. Zurück bleiben abgrundtief schwarze Löcher, über deren Herkunft sich Physiker bis heute den Kopf zerbrechen.


Hier ein zusätzlicher Ausstellungsbeitrag zur unbunten Farbe schwarz. Ein noch nicht gemaltes Bild nach Kasimir Malewitsch: Das Romantische und das Absolute. Kasimir Malewitsch gilt als der Erfinder des schwarzen Quadrates für die Kunst. Dieses scheinbar allereinfachste Bild, 79,5 x 79,5 cm zu malen (1914 oder 1915), erschöpfte ihn nach eigener Erzählung so sehr, dass er eine ganze Woche weder trinken, essen noch schlafen konnte. 1935, bei seinem Tod, wurde an seiner Grabstätte ein weisser Holzkubus mit einem schwarzen Quadrat auf der Frontseite aufgestellt. Dieser Holzkubus verwitterte und verfiel im Laufe weniger Jahre. Eine Foto zeigt die Grabstätte in einer romantischen Umgebung. Von der Grabstätte existiert eine Fotografie mit Gebüschen, Wiesen und einem grossen Baum in der Bildmitte. Diese Idylle ist für Martin Schwarz die Vorlage für das Bild «Das Romantische und das Absolute». Aber nicht nur das Grab von einem berühmten Künstler interessierte den schwarzen Martin. Er empfand die Nähe von Leben und Tod so nahe nebeneinander, wie nur durch eine durchsichtige Wand getrennt. Er suchte auch diese Empfindung auf seinen Wegen zwischen fremden Grabstätten, mit manchmal bereits verwitternden oder ganz verlorenen Namen. Er berichtet: Am Abend eines düsteren Tages sah ich auf dem Melaten-Friedhof in Köln einen Grabstein, auf dem der Name «Martin Schwarz», welcher auch mich benennt, eine Weile der Vergänglichkeit trotzt. Empfand der Träger dieses schwarzen Namens vor seiner ewigen Nacht so wie ich, sich selbst manchmal nur als einen Schatten und sein Leben als einen Irrtum und einen Traum? Suchte er sich selbst, im Dunkeln tappend, oft vergebens? Oder schlich er, wie eine Blindschleiche durch im Schatten der Nacht gewachsene Nachtschattengewächse schleicht, blind durch das Leben? Wurde Schwarz einer schwarzen Seele, eines schwarzen Herzens bezichtigt, weil die Welt es liebt, das Strahlende zu schwärzen, obwohl auch schwarzes Licht nicht schwärzer als schwarz sein kann? Wird vergessen, dass er und ich durch dieses Anschwärzen an Glanz gewinnen, wie das Leuchten der Sterne um so mehr erscheint, je dunkler der klare Nachthimmel ist. Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann, weil viele im Dunkeln munkeln, dass man sich nicht zu dem gesellen soll, durch den man in den Schatten gestellt wird? Kein rabenschwarzes Pech wirft seine Schatten voraus, denn wir sehen nicht schwarz, wenn eine schwarze Katze unsern Weg kreuzt, und wir haben eine weisse Weste als Schwarzfahrer, Schwarzseher und Schwarzarbeiter, so brauchen wir keine nächtlichen schwarzen Messen mit schwarzer Magie im tiefen Schwarzwald. Wir ärgern uns auch nicht schwarz, wenn wir auf schwarze Listen kommen, weil wir im Schwarzen Meer baden oder auf dem Schwarzen Markt kaufen. Nur die düster-schweren Gedanken um die schwarzen Löcher hinter dem Licht im weiten Weltall könnten auch uns umnachten, sind mit dem schwärzesten Humor nicht zu erhellen, und so denken wir lieber an die anderen schwarzen Löcher, die Pupillen, das schwärzeste am Menschen, durch die die Welt in ihrem Licht zu erkennen ist, denn welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raumes um ihn, das allerfreuliche Licht. Ebenso lieben wir die Finsternis und sagen zu uns selbst: Ja, kehre nur der holden Erdensonne entschlossen deinen Rücken zu! Und zu diesem Schritt sich heiter zu entschliessen, und wär› es mit Gefahr ins Nichts dahin zu fliessen (Goethe). Nicht aus diesem Grunde tragen wir schwarze Kleider, aber auch nicht wie andere nur zu besonders feierlichen Anlässen, denn wir wissen, auch schwarze Kleider machen keine Leute, so wie wir auch wissen, dass, wenn jemand Schwarz heisst und er Maler ist, er deswegen kein Schwarzmaler sein muss, denn sonst wären wir, wenn wir Süss heissen würden, unbedingt Zuckerbäcker oder sogar ein mariengläubiger Zuckerbäcker.



Aus weiteren Schriftblättern: Maria, „Über die Schönheit von einem Namen“ von Alphons von Liguori geschrieben und gesammelt: Der erhabene Name Maria, welcher der Mutter Gottes gegeben wurde, ist nicht auf Erden erfunden worden, auch nicht von dem Verstande oder den Absichten der Menschen erdacht worden, wie dies bei allen anderen Namensgebungen der Fall ist. Er ward vom Himmel gewählt und nach göttlichem Ratschlusse verliehen. Er ist über alle anderen Namen erhaben und verleihet solche Majestät und Macht, dass, so er ausgesprochen wird, alle auf ihren Knien ihn verehren sollen; der Himmel und die Erde und die Hölle (Dedit tibi, Maria, tota Trinitas nomen quod est super omne nomen, post nomen Filii tui, ut in nomine tuo omne genu flectatur caelestium, terrestrium et infernorum. De Land.B.M.1.1.c.2.). Der Name dieser jungfräulichen Mutter ist ihren Verehrern eine Wonne im Herzen, Honig im Munde, Wohlklang im Ohre. Der ehrwürdige Pater Juvenal Ancina, Bischof von Saluzzo, empfand, wie in seinem Leben erzählt wird, beim Nennen des Namens Maria eine so grosse Süssigkeit, dass er sogar seine Lippen ableckte, und eine Frau in Köln habe dem Bischofe Marsilius bezeugt, dass sie, so oft der Name Maria ausgesprochen werde, einen Geschmack im Munde verspüre, der süsser sei als Honig. Richard von St. Lorenz stellte die Frage, warum die Engel nach den Worten des Hohenliedes bei der Himmelfahrt Maria’s so oft nach dem Namen dieser Königin fragten und antwortet, weil sie begehrten den ihnen so süssen Namen Maria zu hören (Forsitan quia dulce nomen sibi desiderant responded. De Land. B.M.loc.cit.). Doch will ich nicht von der fühlbaren Süssigkeit sprechen, welche für gewöhnlicht nicht jedermann empfängt, sondern von der heilsamen Süssigkeit des Trostes, der Liebe, der Freude, des Vertrauens, der Stärke, welche der Namen Maria all denen bringt, welche ihn mit Andacht aussprechen. Diese Süssigkeit bezeugte auch der seelige Heinrich Suso, als er sagte, dass er im Aussprechen des Namens Maria sich zu solchem Vertrauen erhob und mit so freudiger Liebe entzündet fühlte, dass er nur unter Tränen der Freude diesen geliebten Namen hervorbringe und glaube, es steige sein Herz aus der Brust in den Mund; indem der süsseste Name in den Tiefen der Seele wie eine Honigwabe zerfliesse. O süssester Name pflegte er auszurufen, o Maria, was musst du selber sein, wenn schon dein Name so lieblich und gnadenvoll ist!

Jetzt sind wir wieder bei mir, der Anna: zugeneigter Leser, ja ich bin noch da, ich – Anna-Chronista die Malerin und verstehe diese Marienbewunderung vom schwarzen Martin wenig und ich muss schmählich eingestehen: ich bin nicht nur fast, sondern wirklich ein wenig eifersüchtig auf diese unschlagbare Konkurrenz, welche seine Emotionen bindet. Mit Schmerz und auch etwas Agression wende ich mich der Malerei zu. Wie soll ich mein Befinden beschreiben, zu malen, ohne an die Malerei zu glauben, da mein Innerstes vom Martin ganz ausgefüllt ist? Denn alle Leinwände oder sonstigen Bildträger schmücken sich oder bedrängen den Betrachter mit Farbe und Form, ob entstanden im Wettbewerb der Schmierfinke oder als geometrische Konstruktionen in neu renovierten Räumen für mathematische Lehrveranstaltungen. So werde ich nun wieder den Pinsel schwingen, und in meiner Sucht nach dem Duft von Terpentin verteile ich die Farbe weiter auf der Leinwand in sich überschlagenden Farbfleckenwellen, in kleinen Pinselstrichen, die sich zu grösseren Flächen ergänzen, mit Emotionen begleitetes, rhythmisches Schraffieren, wie die Visualisierung von Musik in einem Farbenfest mit spannender Disharmonie von geglückten und missglückten Pinselstrichen. Zerstörte Ornamente, die sich neu arabesk ordnen und in den Details so gemalt sind, wie wenn diese ein imposant-grosses Bild zeigten. Malen und weitermalen bis zur Erschöpfung, bis zum Pinsel weglegen und mich etwas ganz anderem zuwenden. Nein, doch noch weitermalen! Malen und das Tempo beibehalten, zufällige Farbverläufe zulassen. Gefällige Formenlinien unterbrechen, um zu erreichen, dass mein Gemälde eine überraschende Wendung im Duktus erhält. Dann versuche ich unbestimmte Bilder, die sich um die Wörter in meinen Gedanken ranken, in Farben umzusetzen: Der prächtige Königsmantel mit dem grauen Topf vom armen Tropf. Meine Malerei beginnt, wenn die Farben aus der Tube auf meine Palettenteller gedrückt werden. Dies ist der Urgrund, aus dem meine Bilder entstehen und zu diesen gehören. Der Zufall (gibt es den überhaupt?) gestaltet meine Tellerfarbpaletten und diese Farbmischungen übermale ich teilweise später. Wiederum und ebenso Dinge, die um meine Malwerkzeuge sind. Nun gehe ich Farben kaufen. Gehe ich nach links, gehe ich nach rechts? Kaufe ich Farben oder lasse ich es sein? Warum bin ich da und nicht dort, jetzt, nicht gestern und nicht erst morgen? Jetzt ist Sommeranfang 2004. Dann, völlig unvorbereitet begegne ich Dir, und im selben Moment empfinde ich: da steht mein Mann vor mir! Wie ein plötzliches Himmelszeichen, und ich bin verwundert, erstaunt und fast erschrocken. Aber warum, warum nur mein Allerliebster, Du mein Martin, als wir im Dunkel unseres Blickes versanken, warum, warum zögerten wir uns an der Hand zu nehmen und in Liebe verfallen einen unbekannten Weg zu gehen? Ich weiss, wir beide dachten dasselbe: Da bist Du! …mein Leben und mein Tod! Was ich nicht weiss, eben warum wir zögerten. Alles hätten wir sein lassen sollen und sofort ein Plätzchen suchen, und wenn es nur die Geborgenheit von einem ganz fremden Hotelzimmer ist, denn von liebendem Begehren erfüllt, benötigen wir als erstes und unbedingt das Ausschliessen von aller Welt, die etwas anderes als unser Wir ist und das Angenehme von einem weichen Bett, um die anfänglich schüchternen Zärtlichkeiten spüren zu können, der feine Hauch unseres Atmens, das Herzklopfen im Zueinanderschmiegen, das mit den Fingern Ineinanderspielen. Das Erleben der Ohnmacht im Glück in einem zeitlosen Jetzt. In der Körperwärme werden uns köstliche Gedanken geschenkt mit gewaltig-feinen Empfindungen. Da bin ich nun gelassen von Dir – mein Glück, du mein Martin, allein mit meinen Farben, ohne unser gemeinsames Schauen und Erleben. So will ich mich malen so gut ich kann in meinem schönsten rot-schwarzen Kleid umgeben von geöffneten weissen, textlosen Büchern, die eben nicht einmal berichten können von dem ungelebten Leben – unserem nicht Zusammenleben. So will ich auf diese Weise mich Dir zeigen und hoffen, Du kannst das Bild bald einmal sehen. Das Bild ist keine Klage, es ist vielleicht das Nichtsein von etwas Göttlichem, einer in unendliches Nichts führenden Perspektive. Du weisst ja, ich bin, wie man dies nennt – religiös, darum glaube ich, mein Leiden muss einen höheren Sinn haben. Ich sehe die Welt nur noch durch eine Tränenwand – und doch und ach, wenn ich jetzt daran denke, dass Du nicht bei mir bist, steigert sich die Sehnsucht, und wenn ich daran denken muss, dass Du vielleicht nie mehr bei mir bist, verwandelt sich die Sehnsucht in eine Angst und mein liebendes Herz befindet sich in einem Labyrinth einer grenzenlosen Verzweiflung und drängende und ziehende Kräfte in meinem Innern lähmen mich, ich kann kaum mehr atmen und nicht mehr weiter schreiben, schreiben, schreiben… sehr…





Darum, komm, nimm Dir meinen Stolz. Komm doch, nimm Dir meine Ehre, mein Geld, meine Gesundheit, nimm Dir von mir alles – jedoch lass Dich lieben! Zerstöre mich, erniedrige mich, missachte mich – jedoch lass Dich von mir lieben. Du Martin, sei noch mehr in meinen Gedanken, Du sei ganz meine Gedanken – sei mein Ich und lass Dich lieben!

Aber Du bist nicht da und deshalb vertiefe ich mich weiter in Deinen von Dir gesammelten Texthaufen. Auf dem Gefälle der PapierSchichtungen auf der Rückseite gegenüber von meinem Sitzplatz ist ein quirliges Leben von Kleinsttieren: Fliegen, Mücken, Marienkäfer und vorwiegend Bienen tummeln sich, sirren und kriechen. Ein bernsteinfarbener Lebensraum von getränkten Papieren, durchscheinend glänzend und stellenweise in tiefrotem Leuchten und in hellrosa Verfärbungen. Es ist eine Höhle, mit Wänden triefend von Kirschenmarmelade und Honig. Verklebte Seiten aus dem Buch von Maurice Maeterlinck «Das Leben der Bienen» lässt mich an einem königlichen Hochzeitsausflug teilnehmen: Sehen wir indessen zu, auf welche Weise sich die Begattung der Bienenkönigin vollzieht. Auch hier hat die Natur ausserordentliche Massregeln ergriffen, um die Vereinigung der beiden Geschlechter aus verschiedenen Stöcken zu begünstigen, ein seltsames Gesetz, zu dem sie durch nichts gezwungen wird, eine Laune vielleicht oder Unachtsamkeit, deren Wiederausgleichung die wundervollsten Kräfte ihrer Wirksamkeit verschlingt. Es ist höchst wahrscheinlich, dass, wenn die Natur zur Erhaltung des Lebens, zur Milderung des Leidens, zur Herbeiführung eines sanfteren Todes, zur Fernhaltung der schrecklichsten Zufälle halb soviel Geist aufgewandt hätte, als sie für die kreuzweise Befruchtung und einige andere willkürliche Einfälle vergeudet, das Rätsel des Daseins uns minder unbegreiflich und erbarmungswürdig erschienen wäre, als so, wie es sich jetzt unserer Wissbegier darstellt. Doch wir dürfen unser Bewusstsein und den Anteil, den wir am Dasein nehmen, nicht aus dem schöpfen, was vielleicht hätte sein können, sondern aus dem, was ist. Die jungfräuliche Königin lebt also in der kribbelnden Enge des Bienenstockes mit einigen hundert sie umschwärmenden Drohnen oder männlichen Bienen, die voller Übermut in stetem Honigrausche leben und keinen anderen Daseinsgrund haben als die Vollziehung eines Aktes der Liebe. Aber trotz der ewigen Berührung der beiden Geschlechter, die überall woanders alle Widerstände überwinden, findet die Begattung niemals im Bienenstock statt, und es ist noch nie gelungen, eine eingesperrte Königin zu schwängern. Die sie umringenden Drohnen kennen sie nicht, solange sie in ihrer Mitte weilt. Sie fliegen aus und suchen sie im Luftraum, in den verborgensten Winkeln des Horizontes, ohne zu ahnen, dass sie sie eben verlassen haben, dass sie mit ihr auf derselben Wabe schliefen und sie bei ihrem ungestümen Aufbruche vielleicht angerannt haben. Man möchte sagen, ihre prachtvollen Augen, die ihren ganzen Kopf mit einem blinkenden Helme bedecken, erkennen sie und verlangen nur dann nach ihr, wenn sie im blauen Äther schwebt. Jeden Tag von Mittag bis um drei Uhr, wenn die Sonne am höchsten steht, fliegt ihre federgeschmückte Horde zur Eroberung der Gattin aus, die königlicher und unvergleichlicher ist, als die unerreichbarste Märchenprinzessin, denn zwanzig oder dreissig Stämme sind von allen Stöcken der Nachbarschaft herbeigeströmt und umschwärmen sie: ein Gefolge von mehr als zehntausend Freiern, von denen ein einziger zu einer einzigen minutenlangen Umarmung auserkoren wird, die ihn dem Glücke, aber auch dem Tode vermählt, während alle anderen das engverschlungene Paar als unnütze Begleitung umschwirren und bald darauf umkommen werden, ohne das schicksalsvolle Zauberbild wiedergesehen zu haben.



Ich halte ein nächstes Schriftblatt in Händen. Es ist ein gewelltes Blatt von der Arche Noah, und ich lese: „…sie, die Anna, ist glühend vor Liebe, und nicht weniger harmlos als ein Jäger, der sich durch das Gestrüpp des dicksten Urwaldbusches kämpft. Auf die Zähne beissend mit fast starrem Blick und angespannten Gesichtsmuskeln drängt sie durch städtische Menschenmassen. Anrempeln da – wegdrängen dort und keine Konventionen lebend. Sie ist voll und ganz der lautere Wille zu ihm zu kommen. Fast wie ein wildes, getriebenes Tier – selten-schön und im Schweiss badend kleben ihr die Haare, wie ein wirres Ornament um ihr Antlitz. Das lange, rot-schwarze Kleid ist am unteren Saum mehrfach eingerissen, ausgefranst, strassendreckbeschmutzt. Ohne Schuhe, mit roten, aufgeschürften Knöcheln. Ein fieberndes Glück erfüllt sie: Ich will zu Dir! – ich bin bald bei Dir! – dann können wir uns verschmelzend Einswerden. Ungeduld, ungezähmt vorwärtstreibend zwischen vielen Fremden – Gesichter sehen und sogleich übersehen, eigentlich gar nicht sehen. Herzklopfen, Händezittern, ausser Atem sein. Ich will zu Dir! – ich bin nur dieses Wollen und die Erwartung ist schon jetzt der schöne Schmerz der Erfüllung im Beieinandersein. Tapfersein – durchstehen – weitergehen. Nicht mehr sehen – weitergehen - näher kommen.

So berichte ich weiter von dem durch Regenwasser gewellten Papier. Oft sind die Schriften völlig ausgewaschen oder nur fragmentarisch lesbar und ich erkenne dennoch: Von mir steht geschrieben - ich bin es! Ich bleibe die Närrin im Liebeswahn. Der Geliebte ist überall und spricht durch alle Mitmenschen. Bei allen, die sich verabschieden und sagen: «Auf Wiedersehen», vermeine ich zu hören: «Du wirst ihn bald Wiedersehen!» Bekomme ich von einem fremden Chef zu hören: «Auf sie ist kein Verlass!» verstehe ich: «Der Geliebte wird sie nicht verlassen, – bestimmt!» Ja bestimmt, denn mit jedem wiederkehrenden Atemzug und jedem Regentropfen kommst Du zu mir und bleibst bei mir. Auch jedes Lüftchen weht Dich zu mir, Du mein Windbräutigam – Du streichelst und beseligst meine Haut und verzückst mein Innerstes. So bist Du da – leg Dich zu mir in unser Bett und halte mich, komm nahe, erzähl ein wenig, wie es Dir ergangen ist und dann nimm mich……

1. Nachtrag von Unbekannt:

Es ist mir eine Freude, dass ich berichten kann, die Anna nahm meine psychologische Hilfe an. Ich habe ihr alles erklärt: Der Lebensund Liebestrieb als die schönste Krankheit (die einen glauben zwar, es sei das wahre Leben), die Gefühlsduselei wie in den französischen Chansons oder den deutschen, schnulzigen Pop-Songs usw. usw. … Auch die gefundenen Aufzeichnungen mit bombastischen Formulierungen ihrer Herzensregungen grenzen fast an Kitsch und gehören doch eher ins 19. Jahrhundert – ein vernünftiger Mensch von heute macht sich aus der Liebe keine so grosse und schwere Sache. Sie sagte nach jedem Satz nur: «Ach so, Aha, Ach so – ach so». So musste ich ihr den Unterschied von den alten Zeiten zu den modernen verdeutlichen. Früher: Bettina von Arnim an Achim von Arnim: „Ach, ich wollt, ich hing an Deinem Hals, und dürft nur Dich ansehn, bis in den Tod“. Heute: Sie sagt zu ihrem Liebsten: „Wenn ich einmal nicht genau zu dem Zeitpunkt an dem Ort bin, an dem wir uns begegnen wollten, und Du nicht gleich befürchtest, dass mich vielleicht der Tod geholt hat – dann hast Du mich nicht lieb.“ Wieder sagte Anna „ach so“, es schien mir jedoch, sie kann den feinen Unterschied nicht verstehen. Das Gespräch endete in Schweigen. Sie hatte das Malen gelassen und doch noch zu ihrem Martin gefunden, und beide leben jetzt fortwährend bescheiden, zufrieden, ziemlich normal und glücklich zusammen.

2. Anzuzweifelnder Bericht zu der Anna auch von Unbekannt:

Bei der von Sagen umrankten Kirche oberhalb vom Dorf Laudenbach ist sie in einer sehr gegensätzlichen seelischen Verfassung aufgefunden worden. Mal still in sich versunken, mal wiederholend fast trotzig immer vom selben erzählend und sie behauptete unentwegt: „Ich möchte leben wie die Mitmenschen um mich herum und ich habe auch bereits ein verlockendes Ziel, ein viel versprechendes Restaurant (Befremdlicherweise betonte sie dieses Wort so, dass ich hörte: „Rest o Rand“ und gleich an die Traueranzeigen in Zeitungen denken musste) in das ich mich einfügen werde – so gut es mir möglich ist“ und sie zitierte aus einem bunten Werbe-Faltblatt. Die Anna ist dann weitergegangen, und ich kann nicht mehr von ihr berichten. Nur das Faltblatt ist mir geblieben mit den Informationen zum Ort der gesuchten und wohl missglückten Sehnsuchtserfüllung und da ich nur so wenig von ihr habe, will ich wenigstens dieses fast vollständig zitieren – so ist es eben heute an der romantischen Strasse: Herzlich Willkommen! An einer der längsten und schönsten Theken im Taubertal ist jeder Gast zu Hause. Ob beim Bier, Milchkaffee oder einem Glas Wein, hier sitzt man im Mittelpunkt und hat Einblick auf die Wettkämpfe beim Bowling oder Kegeln. Unsere Küche bietet alles, was das Herz begehrt, äussern Sie Ihre Wünsche, wir sind flexibel, vielseitig und gut. Ob Kaffee, Kuchen oder Eisbecher, gemessen Sie einfach in Ruhe den Blick zu den Bergen der Winzer. Auf unseren vier Bowlingbahnen geht es trotz Spannung und Anstrengung sehr gemütlich zu. Die einzigartig bemalten Wände mit ihren Konturen, sowie die bequemen Sitzecken, unterscheiden uns von der herkömmlichen Bowling-Center-Atmosphäre. Im Stammtischbereich trifft man sich zum Plaudern, Kartenspielen oder Essen und kann nebenbei alle Sportevents im Fernsehen live miterleben. Die 4 Bundeskegelbahnen können Sie, ausser an Wettkampftagen, telefonisch buchen. Seltenes Highlight unserer Anlage sind Computerspiele für Hobbykegler, welche den Abend schnell vergehen lassen und für Kindergeburtstage bestens geeignet sind. Von der Theke aus verfolgen Sie spannende Punktspiele der heimischen Mannschaften auf unseren modernen Segmentbahnen. Im Sommer gibt es direkt nebenan die Möglichkeit zum Beach-Volleyballspiel. Unser Saal bietet Familienfeiern und Versammlungen bis zu 85 Personen Platz. Dieser wunderbar helle Raum ist abteilbar und kann somit für zwei kleinere Feiern zeitgleich genutzt werden. Beim Sonntagsbrunch haben Sie direkten Zugang vom Frühstücksbuffet auf unsere Sonnenterrasse.“



In Laudenbach jedenfalls ist die Anna-Chronista nicht mehr.

Am Boden liegt ein beschriebener Zettel und niemand weiß, wo er hingehört – Hölderlin in einem Brief an Neuffer vom 16. Februar 1797: „Wen die Götter lieben, dem wird große Freude, großes Leid zuteil. Auf dem Bache zu schiffen ist keine Kunst. Aber wenn unser Herz und unser Schicksal in den Meeresgrund hinab und an den Himmel hinauf uns wirft, das bildet den Steuermann.“

Von dem sehr kommunikativen Michael von Poser, mit dem ich angeregte Gespräche führte, erhielt ich zu meiner Ausstellungseröffnung 1991 im Schloss Schrozberg die Rede, die er selbst – selbstverständlich nicht schweigend – vorgetragen hatte:

”Die Versorgung mit Schweigen. Bei sintflutartigem Regen ist der Schirm des Schweigens aufzuspannen. Dabei muss überlegt werden, welcher der passende ist. Die Sorten des Schweigens sind nicht gleich gut. Wähle ich das Purpurstoffschweigen oder das aus Segeltuch? In welchen Ausnahmefällen ist das goldene richtig? Wo darf das steinerne angewandt werden, bei dem die ganze Person in der Unlust, Erklärungen abzugeben, halb mitversteinert? Beim Schweigen sind die Form- und Materialfragen viel schwieriger als beim Reden. Dieses geht leicht vor sich, ist in der Regel jetzt elektrisch oder papieren. Man redet, weil es den Anschein hat, dass man am Leben ist, solange man redet. Wer einhält, gibt sich verloren. Der Ankündigung folgt das Werk, dem folgt die Kritik, der folgen die Materialien, wieder eine Kritik, eine Gegenkritik, ein Gespräch, eine Enthüllung, eine Stellungnahme. Bei zu großem zeitlichen Abstand käme jedes in Beziehung zum anderen zu spät. Eine Stellungnahme darf nicht im nächsten Jahr abgegeben werden! Die Stellungnahmen jagen sich und werden doch nie tönend. Würde das auf dem Papier Stehende sich in Schall verwandeln, wäre die Atmosphäre bis zum Rande mit Stimmgewirr gefüllt. Ich höre dieses Stimmgewirr aus Klanglosigkeit, es ist eine spezielle Nervenstörung. Das Schweigen, das mir zur Abwehr dient, trage ich nur ansatzweise in mir, ich muss mir zusätzliche Quarantänen aus weiter Ferne beschaffen, aus Weltraumgegenden, wo ein Sphinxstern einsam steht, unberührt von Konservendosen mit Boogie-Woogie, aus Klostermauern ‚ in denen der Bann der Exerzitien noch herrscht, aus wüster Landschaft und aus Gräbern. Mein Schweigen ist importiert und teuer bezahlt, denn es nimmt die Gedanken hin zu jenen Gebieten, woher es kommt, die voll sind mit Schweigen, und zu ihrem Wahnsinn. Das tiefe Schweigen lässt sich allerdings gut weiterverarbeiten. Man kann nebst Schutzvorrichtungen eine Herme daraus machen, die Ähnlichkeit hat mit den frühen, aus italienischem Boden ausgegrabenen Götterbildern. Deren Mund ist zu einem bösen Lächeln verzogen. Sie haben Jahrtausende in Schutt und Sand gelegen und immer böse gelächelt. Das ist ihre Stellungnahme, sie erklären sich nicht darüber hinaus. Ich habe eine Vorliebe für die schlanke Darstellung des Schweigens, kann aber verstehen, wenn einer Üppigeres will und sich etwa dem Buddha zuwendet. Sein fülliges Schweigen entführt uns ins Wolkenreich jenseits von Leben und Tod, wo es wirklich keinen Zweck hat, erfahren zu wollen, was jemand meint. Es ist so schön, wenn jemand nichts meint und dann darüber auch nicht spricht. Besinnt er sich doch und schreibt auf, was er nicht meint und worüber zu reden er keine Lust hat, dann kann es ein Essaychen werden wie dieses hier, meistens jedoch wird es ein dickes Buch. Gerade die voluminösesten Werke aller Sparten verraten am wenigsten von sich. Und oft ist die kurze Unterbrechung des Schweigens am unangenehmsten. Der Atemlose sagt drei Worte und hat schon alles preisgegeben, schon ist es zuviel, eine kleine, unwillkommene Steigerung der Sturmflut des Redens. Der auf eine Hauswand geschmierte Satz kann den Frieden einer ganzen Gegend stören und ruft den alten Zweifel hervor: Welches Schweigen wäre richtig, um das wieder gutzumachen?“

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9783037600375
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