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Martin Rafelt

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Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH

ISBN 978-3-7307-0307-6

InhaltPrologEine Anmerkung zu Mainz 05Jürgen Klopp, AutodidaktKlopp und das große „Wie“Exkurs: Bedeutung der TaktikKlopp, Pressing und GegenpressingKlopp und OrganisationKlopp, Krawietz, Buvač – das TriumviratExkurs: Konzeptfußball: Explizite BewusstheitKlopp, der emotionale Taktik-RhetorikerKlopp, der MedienmannMannschaftsentwicklungImplikationen für dieses Buch2008/09: Ein vielversprechendes DebütZu Anfang – erste LichtblickeSpieleranalyse und TransfergeschickKlopp und die unterschätzte Schwierigkeit von SpielerbewertungenStrategische GrundausrichtungenSpielerporträt: Neven SubotićSpielerporträt: Mats HummelsProblemeAufschwung und Siegesserie2009/10: Stille WeiterentwicklungEingespieltheit statt Neuzugänge – von wegenUmstellung auf 4-4-1-1Exkurs: Zwischen Druck und StabilitätDie RollenverteilungMasterplan SpielerentwicklungSpielerporträt: Marcel SchmelzerSchwache Endphase kostet die mögliche Champions-League-Qualifikation2010/11: Der SensationsmeisterVollgas-Tiqui-tacaEtablierung des GegenpressingsSpielerporträt: Shinji KagawaScheitern in der Gruppenphase der Europa LeagueDie Rückrunde: Kaltstart und langer AtemDer Vorsprung wird ins Ziel gerettetExkurs: Gegenpressing2011/12: Doublesieg mit AnlaufDas Abenteuer BallbesitzfußballSpannende, aber instabile StrukturStabilisierung per Ballbesitz ohne SpielmacherSpielerporträt: Sebastian KehlEntwicklungen als WeichenstellungÜberragende KontermannschaftDefensive steht, Konter nutzen sich abÜberragendes Saisonfinale mit Doppelschlag gegen BayernSzenenanalyse: Die pendelnde Doppelsechs2012/13: Etablierung auf internationalem ParkettDefensive FindungsphaseInkonstanz gegen DurchschlagskraftSpielerporträt: İlkay Gündoğan„Internationale Klasse“: Passende Gegner und abgeklärter UmschaltfokusExkurs: HerausrückenUnscheinbare Fortschritte im Winter und FrühjahrSpektakuläre Champions-League-EndrundeDie große Spielanalyse: Das Champions-League-Finale 2013Erste Halbzeit: Passives 4-4-2-Angriffspressing des BVBEin Spiel der zweiten BälleZweite Halbzeit: Heynckes mit effektiver FeinjustierungVollgasfußball auf dem Olymp2013/14: Ein unscheinbarer KurswechselDas neue Pressing: Anpassungsfähig und zwingendSpielerporträt: Kevin GroßkreutzAbhängigkeit von der gegnerischen StrategieVerletzungsmisere zerstört StabilitätExkurs: Laufen durch Laufen: Veraltete Trainingsmethodik?Spielerische Probleme im ZentrumLangsame FortschritteSystemanalyse: Pressingdynamik im neuen HybridsystemSystemumstellungen prägen das Saisonfinale2014/15: Ein Ende mit SchreckenFokus auf SystemeAufbauspiel über SchlüsselakteurePersonelle StrukturExkurs: Die Bedeutung des ZentrumsHenrikh Mkhitaryan: Der perfekte Klopp-Spieler als Symbol des ScheiternsGegen jede Statistik – Borussia Chancentod und andere AnomalienStabilisierung in der RückrundeEin ordentliches Ende2015/16: You’ll never walk alonePressingmechanismenSystemwechsel und RollenverteilungLicht und SchattenAusblick: Der Glaube an TrainingDer ungeplante Epilog: Klopp schlägt den BVBAutor und Bildnachweis

Prolog

„Uns ging doch allen der Arsch hier auf Grundeis, vor dreizehn Monaten. Als wir nach‘m Bielefeld-Spiel hier langgelaufen sind und hier war‘s mucksmäuschenstill. Und es war tot hier in diesem Trainingsgelände.“

Wir schreiben den 23. April 2008. Ein aufgebrachter Thomas Doll echauffiert sich über den medialen Umgang mit ihm. Er hat am vergangenen Wochenende das Finale des DFB-Pokals verloren. Nach einem aufopferungsvollen Spiel hatte Luca Toni in der Verlängerung den Siegtreffer für den FC Bayern erzielt. Durch die Finalteilnahme hat sich der BVB sicher für die anstehende UEFA-Cup-Saison qualifiziert, was Doll gerne als Erfolg verbuchen würde. Doch der öffentliche Fokus liegt auf der Liga, wo den Schwarzgelben nur ein Sieg in den letzten acht Spielen gelang. Vor dem anstehenden 30. Spieltag liegen nur Energie Cottbus, Arminia Bielefeld und sieben Punkte Differenz zwischen Borussia Dortmund und einem Abstiegsplatz.

Auch insgesamt bestand Anlass zur Sorge: In den vier Jahren zuvor war der Verein dem finanziellen Ruin, der Insolvenz und dem Zwangsabstieg nur knapp entronnen und musste nun schon das zweite Jahr in Folge gegen den Abstieg spielen. Den folgenden Aufschwung, der über zwei deutsche Meisterschaften und einen Pokalsieg bis ins Endspiel der europäischen Königsklasse führte und den BVB als zweite große Kraft des deutschen Fußballs etablierte, konnte niemand ahnen – und auch nicht, dass dieser rapide Weg nach oben ein Gesicht tragen würde: das von Jürgen Klopp.

Zurück zum 23. April 2008. Thomas Doll will sich auf den unangenehmen Abstiegskampf konzentrieren, doch ist angespannt und genervt von den Wechselgerüchten um seine Spieler. Auch die Diskussionen um seine Person nehmen ihn mit; noch am Tag des Finales hatten Medien Jürgen Klopp als seinen möglichen Nachfolger vermeldet. Seiner Frustration verschafft er auf der Pressekonferenz Luft. Seine Wutrede wirkt unkoordiniert, stellenweise gestottert. Inhaltlich ist sie wirr. Sie wird später in Bundesliga-Rückschausendungen neben den legendären Ausrastern von Trapattoni, Hoeneß oder Völler gesendet werden. Der Satz, der hängen bleibt: „Das ist doch alles bla bla bla, ist das doch.“ Kein konstruktiver Satz, kein Satz, der die Menschen überzeugt. Vor allem kein Satz, der Spiele gewinnt.

Vier Wochen später. Der BVB hat die Bundesliga-Saison 2007/08 auf Platz 13 beendet, seiner schlechtesten Platzierung seit 20 Jahren. Ein einziger Sieg aus den letzten fünf Spielen reichte für den Klassenerhalt. Mit 62 Gegentoren ist die Mannschaft von Thomas Doll der defensivschwächste Bundesligist. Die Analyse der Saison fällt sehr negativ aus. Doll tritt am 19. Mai 2008 zurück. Eine Entscheidung, die sich als einer der wichtigsten Schritte in Dortmunds Vereinsgeschichte entpuppen wird.

Vier Tage später. Dolls Nachfolger wird öffentlich vorgestellt. Der als Favorit gehandelte Jürgen Klopp übernimmt den BVB. Aus Mainz folgen ihm seine Co-Trainer Željko Buvač und Peter Krawietz. Von nun an bleiben andere Sätze hängen, wenn sich der Cheftrainer von Borussia Dortmund der Presse stellt.

Mit Vollgas

Bei seiner Vorstellung skizzierte Klopp seine fußballerischen Vorstellungen in klaren Ansagen. Seine Idee von spektakulärem, direktem Fußball und einer mannschaftlich geschlossenen, extrem intensiven Pressingarbeit beschrieb er schon damals. Vor allem seine versprochenen „Vollgasveranstaltungen“ hallen bis heute nach – wie nicht zuletzt der Titel dieses Buches zeigt. Mit seiner hemdsärmligen, lockeren Art fand Klopp schnell Anklang bei den Fans, und es entwickelte sich zügig eine Aufbruchstimmung. Diese feuerte er mit klaren und zielgenauen Ansagen weiter an, ohne sich der üblichen Floskeln zu bedienen. Wenn einige seiner Sätze heute wie Floskeln klingen, dann deshalb, weil sie im Laufe der letzten Jahre breitflächig adaptiert wurden. Viel „investieren“, „unangenehm“ sein, „Gier entwickeln“, dies und das.

„Man kann es als Populismus abtun, wenn man sagt, man möchte den Fußball spielen, den die Leute sehen wollen. Ändert nichts daran, dass wir’s trotzdem versuchen werden. (…) Wir wollen dieses unglaublich positive Bild, das dieses volle Stadion abgibt, dann einfach auch dazu nutzen, tatsächlich wieder richtig leidenschaftlichen Fußball zu spielen.“

Jürgen Klopp bei seiner ersten Pressekonferenz als BVB-Trainer

Zugleich erklärte Michael Zorc, dass Klopp nach Ansicht von Borussia Dortmund gut in den Verein und die Region passe. Dies sei ein wesentlicher Punkt bei der Entscheidung für ihn gewesen. Später meinte Zorc einmal, dass man zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt habe, dass in dem charismatischen Redner auch ein so herausragender Taktiker stecke. In der medialen Betrachtung war ebenfalls lange Zeit der erste Punkt der präsentere, und Klopp galt vor allem als Motivator. Klopp selbst hatte den Fokus auf seine psychologischen Fähigkeiten seit jeher abgelehnt und Wert darauf gelegt, dass es ihm vor allem auf inhaltliche, fußballerische Punkte ankomme. Im Laufe der Jahre erkannte dann allmählich auch die Öffentlichkeit, dass Klopps taktische Ideen entscheidenden Einfluss auf seinen Erfolg hatten. Schließlich waren diese Ideen immer klarer auf dem Feld zu beobachten. Doch wie sehen diese Ideen genau aus und wieso sind es ausgerechnet die Ideen von Klopp?

„Ich mochte, wenn Trainer ’ne Mannschaft besser gemacht haben. Wenn du nicht nur das abgerufen hast, was eh schon da war.“

Klopp über Trainer, die ihn beeinflussten

Eine Anmerkung zu Mainz 05

Klopps erste Trainerstation beim 1. FSV Mainz 05 wird in diesem Buch nur marginal betrachtet. Die Erklärung ist relativ einfach: Die ersten sieben Lehrjahre in Klopps Karriere fielen in die Kindheit und Jugend des Autors, der sie deshalb folgerichtig nicht ausreichend (auch in der Tiefe) und nicht aus erster Hand hat verfolgen können. Da Klopps Zeiten beim BVB und in Liverpool zudem genug (und aktuelleres) Material hergeben, erschien der Aufwand für eine hinreichend umfangreiche Recherche unverhältnismäßig – insbesondere die 05er unter den Lesern mögen es verzeihen.

1

Jürgen Klopp, Autodidakt

Jürgen Klopp ist ein Autodidakt. Diese Tatsache ist essenziell, um zu verstehen, was ihn so außergewöhnlich macht – und aus meiner eigenen Sicht das Wichtigste, was man von Klopp lernen kann: von sich selbst zu lernen.

Sein Fußballverständnis hat Klopp nicht aus den Lehrgängen des DFB. Auch sein Studium der Sportwissenschaften beschreibt Klopp als zweitrangig. Stattdessen betont er immer wieder die Bedeutung von autodidaktischer Videoanalyse. Er hat in seiner Zeit als Student stundenlang Videokassetten mit Fußballspielen vor- und zurückgespult. Er wollte die Gründe für Tore verstehen. Was hätte die Mannschaft besser machen können, wo stand ein Spieler falsch? Wer hätte sich wann besser bewegen können? Was war gut, was schlecht? Über diese penible analytische Leidenschaft hat er eine eigene Idee vom Fußball entwickelt. Dafür, was die tatsächlichen Gründe für Erfolg und Misserfolg sind, jenseits von Floskeln und emotionalem Stochern im Dunkel.

Klopp und das große „Wie“

Das Ergebnis dieser analytischen Herangehensweise und zugleich wichtigste Säule von Klopps Erfolg ist, dass er weiß, wie man gut Fußball spielt. In der öffentlichen Diskussion ist das ein Faktor, der normalerweise völlig unter den Tisch fällt. Es wird davon ausgegangen, dass jeder weiß, wie das grundsätzlich geht. Aber das ist eben nicht der Fall. Das Fußballverständnis der meisten Menschen – in beobachtender und aktiver Rolle – ist von simplen dogmatischen Heuristiken geprägt, die sich über Jahrzehnte verselbstständigt haben und die von Verständlichkeit leben, nicht von Qualität. Viele Leute verstehen eigentlich gar nicht, wie Fußball fundamental funktioniert und wie seine Facetten aussehen, sondern sie kennen eine bestimmte Spielweise.

Das beste Beispiel dafür ist die Manndeckung mit Libero, die in Deutschland jahrzehntelang praktiziert und nicht hinterfragt wurde – bis irgendwann am ausbleibenden Erfolg klar wurde, dass es Spielweisen gibt, die besser sind. Auch die 4-4-2-Raumdeckung, die aktuell den Welt- und vor allem Jugendfußball prägt, ist nur eine einzelne, einigermaßen simple Art und Weise, mit der Komplexität des Spiels fertig zu werden. Beide Varianten setzen auf anspruchslose Orientierungen, die selbst für den untalentierten Fußballer nicht zu schwierig sind: Bei der Manndeckung suche ich mir einen einzelnen Gegenspieler, verfolge ihn und ignoriere das restliche Spiel mehr oder weniger. Bei der Raumdeckung halte ich mich an meine Position und reagiere auf das Spielgeschehen mehr oder weniger erst dann, wenn es in meiner unmittelbaren Nähe ist. In beiden Fällen blende ich einen großen Teil des Spielgeschehens aus, um der Komplexität des Spiels Herr zu werden.

Auffällig dabei ist auch, dass die großen, festen Regeln des Fußballs meist die Defensive betreffen. Weil die Offensive so sehr von den individuellen Fähigkeiten der Spieler abhängt, ist sie taktisch weitestgehend „unerforscht“. Offensive Maßnahmen beschränken sich meist auf die Betonung bestimmter individueller Mittel („mehr Flanken“) und unspezifische Rhythmusvorgaben („schneller spielen“). Genauere taktische Vorgaben lassen sich wegen der Dynamik und Komplexität des Spiels auch tatsächlich schwer so gestalten, dass sie anwendbar und effektiv sind. Trotzdem wird immer wieder von unterschiedlichsten Leuten betont, dass Fußball ein simples Spiel sei. Bei einem Spiel, in dem sich 22 Spieler völlig frei auf einem riesigen Feld bewegen, wodurch quasi unendlich viele Situationen entstehen können. Doch wenn das Spiel wirklich so einfach wäre, dann wäre Spielintelligenz sicherlich kein so seltenes Gut unter Fußballern. Spielern würde es auch viel leichter fallen, unbekannte Positionen zu spielen, und kreative Momente wären häufiger. So ist es aber nicht.

Beginnend vor etwa zehn Jahren hat sich das Fußballverständnis zwar rapide weiterentwickelt und verändert, und so werden zum Beispiel die Lehrinhalte des DFB ständig überarbeitet. Trotzdem wird immer noch wenig Augenmerk darauf gelegt, was die handwerklichen Umstände von Sieg und Niederlage sind. Das ist innerhalb des Fußballs teilweise so und im öffentlichen Verständnis ganz extrem. „Die können es doch eigentlich!“, wird gerne gesagt. Es wird also angenommen, dass die Frage, was auf dem Feld zu tun ist, wie man gut spielt, keine Frage ist. So, als ginge es nur darum, die Lösungen umzusetzen, und nicht darum, die Lösungen zu finden. Diese Herangehensweise ist falsch und führt immer wieder zu Ratlosigkeit bei der Erklärung von unerwarteten Erfolgen oder Misserfolgen.

Ich beginne dieses Buch mit diesem Verriss der Zustände im Fußball, weil dies fundamental für das Verständnis ist, was herausragende Trainer ausmacht. Wer eine Mannschaft formen will, die guten Fußball spielt, braucht eine genaue Vorstellung davon, was diesen guten Fußball ausmacht. Er muss genau wissen, wie es geht. Er muss nach schlechten Spielen herausfinden können, was die Mannschaft genau falsch gemacht hat. Er darf sich nicht hinter einer emotionalen Ursachenforschung verstecken, wenn es konkrete handwerkliche Defizite bei seiner Mannschaft gibt. Es gibt zahlreiche weitere Faktoren, die die Qualität eines Trainers bestimmen, doch das Verständnis für das Spiel ist das Fundament. Und um die Qualität eines Trainers zu verstehen und zu beurteilen, muss man dementsprechend ebenfalls auf diesen Faktor blicken.

Aktivität

Ein zweites Missverständnis von der taktischen Ebene des Fußballs ist die, dass „taktische Disziplin“ sich auf passives Verteidigen bezieht. Klopp ist die Personifizierung des Gegenteils. Seine Philosophie ist überall aktiv. Seine taktische Disziplin ist nicht die Disziplin, nichts zu tun und Fehler zu vermeiden. Seine taktische Disziplin ist vielmehr, die Lösungen auf dem Feld zu finden und zu perfektionieren. Eine Taktik zu haben, bedeutet also, eine Lösungsmöglichkeit zu haben. Es gibt eine Problemstellung, und man erarbeitet einen Plan, um dieses Problem zu lösen. Auf diese Weise erarbeitet man eine Taktik. Fußball ist ein Spiel, und Spiele bestehen aus der Herausforderung, Probleme zu lösen. Im Fußball sind diese Probleme die Kontrolle des Raumes, die Kontrolle des Balles, die Kontrolle des Gegners und damit letztlich die Kontrolle des Spiels.

„Fußball ist kein Fehlervermeidungsspiel.“

Jürgen Klopp über ein Gegentor durch einen individuellen Fehler

Dementsprechend ist es auch kein taktisches Spiel, die Kontrolle dem Gegner zu überlassen. Wenn man selbst nicht in der Lage ist, Kontrolle auszuüben, dann kann das zwar eine strategische Entscheidung sein, die Sinn ergibt. Aber sie wird immer nur darauf basieren, dass man nicht in der Lage ist, mehr Kontrolle auszuüben – also taktisch hochwertiger zu spielen. Klopps Philosophie ist die, so viel wie möglich richtig zu machen – und nicht, so wenig wie möglich falsch zu machen. Bei seinen Iden geht es um Aktivität. Das Pressing ist die Umkehr der Logik, dass die verteidigende Mannschaft reagiert. Bei einem guten Pressing agiert die Mannschaft ohne Ball, sie bestimmt das Spiel. Das Gegenpressing ermöglicht ein aktiveres, risikoreicheres Spiel mit dem Ball und entwertet die reaktiven Möglichkeiten des gegnerischen Konters.

Exkurs
Bedeutung der Taktik

Für dieses Buch ist es wichtig, frühzeitig die Bedeutung des Begriffes „Taktik“ zu erklären. Im fußballerischen Volksmund nämlich wird die allgemeine Marschroute als Taktik bezeichnet; die strategische Vorgabe also. Die Strategie ist aber eben das übergeordnete Leitmotiv, welches man verfolgt. Die Strategie wird in diesem Buch dementsprechend nicht als Taktik bezeichnet. Die Taktik bezeichnet hier die konkrete Umsetzung der Strategie: Wann bewege ich mich wohin, welchen Pass spiele ich in welcher Situation, wann gehe ich ins Dribbling, über welche Räume versuche ich anzugreifen und so weiter. Auch die taktischen Hintergründe für Aufstellungen werden als Taktik bezeichnet, ebenso wie die Art und Weise, in der Mannschaften sich auf dem Feld organisieren.

Wichtig ist zudem, dass nicht nur geplante Dinge taktisch betrachtet werden. Die Feststellung eines taktischen Sachverhaltes bedeutet nicht, dass dies eine konkrete Vorgabe oder Planung des Trainers war. Wenn sich aus den Wechselwirkungen zwischen zwei Teams organisch ein bestimmtes Muster ergibt, so ist dieses ebenfalls taktisch zu betrachten. Weil Fußball zu einem großen Teil intuitiv und gefühlsmäßig gespielt wird, ist es auch die besondere Herausforderung an den Trainer, systematische Dinge so zu planen, dass sie sich mit den intuitiven Voraussetzungen und den Zufällen vertragen, die so im Laufe von 90 Minuten auf dem Feld passieren.

Wenn die taktische Analyse an der ein oder anderen Stelle ungewöhnlich komplex wirkt, liegt das also an der Komplexität des Spiels, nicht an einer übertrieben verwissenschaftlichten Herangehensweise der handelnden Personen. Ebenfalls negiert die taktische Erklärung keine anderen Erklärungen. Wenn eine Mannschaft schlecht spielt, kann das beispielsweise durchaus psychologische Gründe haben. Bevor diese in Tore umgemünzt werden, müssen sie sich jedoch erst einmal auf die Verhaltensweise auf dem Feld auswirken – und sind dementsprechend taktisch zu beobachten. Insofern kann jede Art von Begründung im weiteren Sinne taktisch „übersetzt“ werden, das ist kein Widerspruch.

Klopp, Pressing und Gegenpressing

Der elementarste Bestandteil von Klopps Fußball ist die aktive Arbeit gegen den Ball. Er hat sie nicht erfunden, ist aber einer der größten Pioniere, hat sie perfektioniert wie vielleicht kein anderer Trainer und sie der großen, weiten Fußballwelt erklärt und vorgeführt. Das Pressing und das Gegenpressing sind die Kernstücke, die es zu verstehen und zu diskutieren gilt, wenn man Klopp als Trainer verstehen will. „Pressing“ bezeichnet das organisierte Attackieren des gegnerischen Aufbauspiels. Im Klartext: In der Defensivformation zieht man sich nicht nur zurück und wartet vor dem eigenen Strafraum auf den Gegner, sondern attackiert ab einer bestimmten Höhe auf dem Spielfeld den Ballführenden. Man betreibt also Balleroberung, statt sich auf Torverteidigung zu beschränken. Optimalerweise „presst“ man mit mehreren Spielern, die sich stabil im Raum organisieren, um so viele Angriffsmöglichkeiten wie möglich abzudecken.


Abb. 1: Pressing nach außen im 4-2-3-1, Überzahl in Ballnähe durch kollektives Verschieben

„Gegenpressing“ bezeichnet die Balleroberung direkt nach einem Ballverlust. Der wichtigste Unterschied ist der, dass man sich nun nicht in seiner Defensivformation befindet. Die Spieler stehen weiter auseinander, da sie gerade noch im Angriff waren. Die Gegenspieler stehen dafür enger beisammen. Letzteres kann man nutzen, um sofort Druck aufzubauen. Damit wird im besten Falle verhindert, dass der Gegner einen Konter führen kann. Pressing wird also gegen den Angriff durchgeführt und Gegenpressing gegen den Gegenangriff. In anderen Sprachen werden teilweise auch Begriffe genutzt, die eher in Richtung „Konterpressing“ gehen.


Abb. 2: Gegenpressing nach einem Ballverlust, aus einer geordneten Spielaufbau-Staffelung wird von allen Seiten sofort Druck gemacht

„Der günstigste Moment, den Ball zu erobern, ist direkt nach eigenem Ballverlust. Der Gegner muss sich erst orientieren, schauen, wo er den Ball hinspielen könnte. Und zack, ist man schon da.“

Klopp 2012 an der Sporthochschule Köln über Gegenpressing

Der große Vorteil von Pressing und Gegenpressing ist, dass man weniger „klassisch“ verteidigen muss. Früher wurden die Abwehrspieler für Gegentore kritisiert. Bei Klopp werden eher die Mittelfeldspieler dafür kritisiert, dass die Abwehrspieler überhaupt eingreifen mussten. Das Spiel wird im Grunde nicht mehr qualitativ gewonnen, sondern quantitativ: also nicht dadurch, dass ich meinen Strafraum besser verteidige, sondern dadurch, dass ich meinen Strafraum seltener verteidige. Bei dieser Art Fußball löst sich das Spielergebnis auch etwas von der individuellen Ebene der Spieler. Deshalb konnte Klopp mit unterlegenem Personal überlegen sein. Seine Spieler konnten sich nicht unbedingt besser durchsetzen als ihre Gegenspieler, aber wenn sie sich durchsetzten, kamen sie öfter in die Situationen, in denen das gefährlich wurde.

Klopp und Organisation

Dass man den Gegner früh unter Druck setzt, ist dabei eigentlich ein sehr altes Element des Fußballs. Zumindest in bestimmten Spielphasen wurde das immer wieder praktiziert. Es galt allerdings als riskant, was es auch ist: Wenn ich nach vorne rücke und den Ballführenden attackiere, aber ausgespielt werde, hinterlasse ich Lücken. Entscheidend ist deshalb, wie das Pressing organisiert ist. Welche Spieler verteidigen wann welchen Raum? Wie groß wähle ich die Abstände zwischen den Spielern und den Mannschaftsteilen? Ab welcher Höhe attackiere ich den Gegner? Wohin will ich den Gegner leiten, wie laufe ich ihn an? Woran orientiere ich mich in meiner Positionierung auf dem Feld – an der Position, meinen Mitspielern, den Gegenspielern, dem Raum, dem Ball? Wie stark verschiebe ich zum Ball?

Aus heutiger Sicht ist der strategische Vorsprung Klopps auf die restliche Fußballwelt geschrumpft. In England kann er noch auftrumpfen, doch in Deutschland gehört aktives Verteidigen mittlerweile zum guten Ton. Was Klopp aber immer noch von vielen Trainern unterscheidet, ist sein taktischer Perfektionismus bei der Umsetzung seiner Strategien. Den meisten Trainern, die mittlerweile aggressiv pressen und umschalten lassen, geht diese Feinarbeit und die Balance in der Vermittlung ihrer Ideen ab. Alexander Zorniger zum Beispiel scheiterte in der Bundesliga mit einem Vollgasfußball, der zwar hochintensiv war, aber nicht stabil genug organisiert.

Perfektionismus

Klopps Ambition, sein Anspruch an sich selbst, ist die zweite Säule neben seiner Selbstbildung, die ihn zu so einem außergewöhnlichen Trainer macht. Andere Trainer geben sich mit weniger zufrieden als er. Sie geben einer Mannschaft einen gewissen Input und hoffen, dass dieser genügt. Taktische Aspekte werden normalerweise bis zu einem Level entwickelt, auf dem sie stabil funktionieren und alle Spieler damit zurechtkommen. Sie werden nicht perfektioniert; weder von der Idee noch von der Umsetzung her.

Klopp hingegen gibt sich nicht damit zufrieden, irgendein System zu haben – es soll das perfekte System sein. So formulierte er öffentlich, an seine Dortmunder Mannschaft den Anspruch zu haben, die kompakteste Mannschaft der Welt zu sein. Samuel Ipoua, 2000/01 Klopps Mitspieler in Mainz, berichtete einmal aus der gemeinsamen Zeit, dass ihm Klopp seinerzeit gesagt habe, eines Tages der beste Trainer Deutschlands zu sein. Auch nach seinem Aus beim BVB erneuerte Klopp seinen Anspruch an sich selbst:

„Ich bilde mich weiter, ich lese viel, ich treffe viele Leute. (…) Ich habe mir eine Auszeit genommen. Ich möchte nach der Auszeit nach Möglichkeit ein besserer Mensch, vor allem aber ein besserer Trainer sein.“

Klopp im September 2015

Am aufschlussreichsten ist aber vielleicht ein Satz aus seiner ersten Saison beim BVB. Damals sagte Klopp, dass er sich als Trainer endlich nicht mehr limitiert fühle; anders als in seiner Zeit als Spieler. So ist also das Selbstbild von Klopp: Er hat in seinen Trainerfähigkeiten kein Limit. Das heißt, es kann für ihn immer Weiterentwicklung geben. Folglich strebt er diese auch immer an.

Autodidaktischer Perfektionismus ist Klopps Lernmethode. Diese Herangehensweise ist elementar für das Verstehen von Klopps Arbeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass seine Arbeit visionär sein konnte. Dafür, dass Klopp seiner Zeit voraus sein und einen eigenen Stil entwickeln konnte. Ein Trainer, der nur gelernte Dinge umsetzt, kann immer nur mit etablierten Werkzeugen arbeiten und läuft damit grundsätzlich der Zeit hinterher. Um einen Vorsprung zu haben, muss man sich seine Werkzeuge selber konstruieren. Man muss Dinge tun, die die anderen noch nicht lernen konnten. Man muss eigenständig, kreativ und in gewissem Maße visionär sein.

Auch Klopps Mindset dabei ist außergewöhnlich. Er ist reflektiert, rational und differenziert in seinen Einschätzungen. Besonders bemerkenswert ist die Reflektiertheit bezüglich der eigenen Emotionalität. Er nutzt diese zwar, wann immer es Sinn ergibt und sich daraus Energie ziehen lässt, reflektiert aber dennoch stark genug, um emotional begründete Denkfehler zu erkennen. Beispielsweise erklärte er einmal auf einer Pressekonferenz, es gäbe zwei Ansätze, mit den erzieherischen Erfahrungen umzugehen, die man im Laufe seines Lebens macht: „Das hat mir nicht geschadet, das mache ich auch so“ und „Das fand ich fürchterlich, das werde ich niemals machen“. Seine Schlussfolgerung: Beide Ansätze sind Unsinn. Er reagiert also auf Erfahrungen nicht emotional schwarz-weiß, sondern versucht sie differenziert zu bewerten und mit einer gewissen Distanz einzuordnen.

Das ist eine Erkenntnisstrategie: die rationale Überprüfung und Verarbeitung von emotionaler Reaktion. Diese Fähigkeit führt auch dazu, dass Klopp so gut mit eigenen und fremden Emotionen hantieren kann. Dass er auf Pressekonferenzen häufig ganz explizit thematisiert, wie sich eine Situation anfühlt, und daraus dann Schlussfolgerungen zieht. Zwar hat er seine Emotionen nicht in jeder Situation im Griff – seine Ausraster am Spielfeldrand sind berüchtigt. Allerdings kann er im Allgemeinen seine Emotionalität gut für sich nutzen und besonders im langfristigen Prozess recht gezielt steuern. Die Brücke zwischen Rationalität, Emotionalität und Intuition schlagen zu können, ist eine herausragend wertvolle Fähigkeit für einen Fußballtrainer. Sie ist die Grundlage für eine passende Menschenführung, für eine wirkungsvolle Ansprache und eine taktische Analyse und Planung, die ins Gesamtgefüge passt.


Das kongeniale Trainertrio 2008 vor der ersten Saison in Dortmund: Peter Krawietz, Jürgen Klopp und Željko Buvač (v.l.)

Klopp, Krawietz, Buvač – das Triumvirat

Was bei dem Fokus auf Jürgen Klopp stets zu kurz kommt, ist die Bedeutung seiner beiden Mitstreiter Peter Krawietz und Željko Buvač. Jede Aussage, die man über den Trainer Klopp trifft, müsste man eigentlich als Aussage über das Trainerteam formulieren. Klopp ist weniger ein Trainer mit zwei Zuarbeitern als vielmehr das mediale Gesicht eines Triumvirats. Er formulierte selber einmal, dass die drei der Ansicht wären, „gemeinsam einen guten Bundesliga-Trainer abzugeben“. Dieser „dreiköpfige Trainer“ arbeitete schon in Mainz zusammen und ging über Dortmund auch gemeinsam nach Liverpool.

Krawietz wird intern „das Auge“ genannt und ist für den analytischen Teil der Trainerarbeit zuständig. Er sitzt bei Spielen zuweilen auf der Tribüne und bereitet Videomaterial für die Halbzeitansprache vor, in der Klopp gerne Videoanalysen nutzt. Auch in der Gegneranalyse ist er die federführende Instanz.

Buvač gilt als „das Gehirn“ des Trios. Er ist hauptverantwortlich bei den meisten Trainingseinheiten, konzipiert die Übungen und leitet sie häufig auch. Er spielte von 1992 bis 1995 mit Klopp zusammen bei Mainz und war dort der spielmachende Sechser – die Rolle, die wohl die meisten Toptrainer hervorbringt, so wie beispielsweise Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti. Klopp schwärmt von seinem Wissen über Fußball, und so dürfte der zurückhaltende Bosnier vielleicht sogar der wichtigste Mann hinter den meisten taktischen Ideen des Teams sein.

Konkrete Dinge über „Gehirn“ Buvač dringen derweil kaum an die Öffentlichkeit. Für die ist Klopp im Alleingang zuständig. Seine Aufgabe ist, all das zu verkörpern, zu transportieren und zu vermarkten, was den Fußball des Triumvirates ausmachen soll. Mit seinem Charisma, seiner Energie und geschickter Psychologie fördert er die Intensität im Trainingsalltag, nimmt sich aber auch Auszeiten. Hauptsächlich fokussiert er sich auf den Spieltag und das „Drumherum“. Von außen ist allerdings schwer zu entschlüsseln, welche Prozesse hinter den Entscheidungen des Trainerteams stehen. Das meiste von dem, was Klopp am Ende vor der Öffentlichkeit verantwortet, dürfte aber der Schluss einer zwei- bis dreiköpfigen Diskussion sein und nicht die spontane Idee einer Einzelperson. So ist dieses Buch hier auch so zu interpretieren, dass „Klopp“ eher der Code für die gemeinsame Arbeit von Klopp, Krawietz und Buvač ist.

„Meistens arbeiten wir telepathisch zusammen.“

Klopp über die Zusammenarbeit mit Buvač

Exkurs
Konzeptfußball: Explizite Bewusstheit

Neben Jürgen Klopp kam in den Jahren nach dem deutschen „Sommermärchen“ eine Reihe weiterer junger und taktisch ambitionierter Trainer in das Bundesliga-Oberhaus. Ralf Rangnick, Thomas Tuchel, Christian Streich und andere wurden schon bald unter dem Stempel der „Konzepttrainer“ zusammengefasst. Dieser Begriff wurde häufig kritisiert; schließlich habe auch ein Trainer der alten Riege ein Konzept. Doch das Wort beinhaltet mindestens eine Wahrheit: Die jungen Trainer legten mehr Wert darauf, ihre Ideen vom Fußball zu konzeptionalisieren. Und sie taten das zielgerichtet, strukturiert und auf eine neue Art und Weise.

Der Fußball gilt als einfache Sportart, weil er intuitiv ist. Jeder Zuschauer erkennt ein gutes Dribbling oder einen tödlichen Pass. Aus dieser intuitiven Natur hat sich ergeben, dass die Sprache des Fußballs nicht wissenschaftlich oder handwerklich strukturiert ist, sondern ein historisch gewachsenes Sammelsurium von bildlichen Schlagwörtern. Diese sind oftmals emotional gebunden. Der „tödliche Pass“ war eine emotionalere Bezeichnung als der „Vertikalpass“ oder der „Schnittstellenpass“. Ebenso ist „Druck machen“ intuitiver als „Pressing spielen“. Es ist jedoch auch ungenauer: Wenn ich Druck machen will, kann das nicht nur bedeuten, dass ich den gegnerischen Spielaufbau intelligent störe. Es kann auch heißen, viel zu schießen oder riskant aufzurücken. Außerdem lässt sich nicht ablesen, wie genau die Umsetzung erfolgen soll. Im Pressing wird gerne zwischen Angriffs-, Mittelfeld- und Abwehrpressing unterschieden; je nach der Zone, in der man den Ball gewinnen will. In der klassischen Fußballsprache wird im Grunde nur zwischen „tief stehen“ und „Druck machen“ unterschieden, in verschiedenen emotionalen Bezeichnungen; kein Wunder also, dass es Mittelfeldpressing früher kaum gab. Passenderweise ist Mittelfeldpressing eine sehr rationale und ausgewogene Form der Balleroberung – die Form übrigens, die auch von Klopp präferiert wird.

Die Sprache formt das Denken. Um also Spieler mit besserem Denken auszustatten, muss man eine bessere Sprache anwenden. Die weniger intuitive, aber konkretere Sprache von Klopp und Co. führt dazu, dass auch die Spieler expliziter und definierter über die Geschehnisse auf dem Feld nachdenken. So bekommen sie ein stärkeres Bewusstsein dafür, ob man sich im Spielaufbau oder im Umschaltspiel befindet, und passen ihren Rhythmus dementsprechend besser an, sprich: Wenn ich genau weiß, „jetzt ist ein Umschaltmoment“, dann werde ich auch entschlossener umschalten. Wenn ich weiß, wir spielen als Team ein „Mittelfeldpressing“, werde ich mich an diesem Pressing auch beteiligen, wenn ich nicht in direkter Ballnähe bin, denn ich weiß um meine Aufgaben innerhalb dieser Strategie; das Gleiche wird mir vielleicht nicht notwendig erscheinen, wenn nur gesagt wird, dass wir im Mittelfeld die Zweikämpfe gewinnen wollen. Wenn ich weiß, ich soll das Spiel „vertikal eröffnen“, werde ich häufiger den Blick nach vorne richten und mehr über meine Passentscheidungen reflektieren.

Vorgaben zur Spielweise sorgen auch dafür, dass man das eigene Verhalten besser vergleichen und einordnen kann. Da damit gleichzeitig Spielziele formuliert werden, kann ich am Ende eine bessere Problemanalyse durchführen. Ich kann überprüfen, ob die taktischen Ziele erreicht wurden – und wenn nicht, habe ich klare Gründe für eine Niederlage und eine klare Vorgabe, woran ich arbeiten muss. Diffuse, intuitive Vorgaben lassen sich schwer überprüfen und schwer erarbeiten. Wann ist „schneller spielen“ schnell genug, und was muss ich konkret dafür tun? Schwer zu sagen.

„Nachsetzen!“

Das beste Beispiel für die Wirkung dieser verbesserten Konzeptionalisierung ist das überaus starke Gegenpressing der Dortmunder Borussia. Gegenpressing ist mittlerweile im deutschsprachigen Raum wie ein Schlagwort für guten Fußball, doch das war nicht immer so. Holzschnittartig ausgedrückt: Vor zwei, drei Jahren musste man noch regelmäßig erklären, dass es sich dabei um die Ballrückeroberung handelt; mit Betonung auf „rück“, also direkt nach Ballverlust, anders als das „normale“ Pressing gegen den gegnerischen Spielaufbau. Vor fünf Jahren musste man nicht nur diesen Unterschied erklären, sondern die Idee an sich. Und vor zehn Jahren hat kein Mensch von Gegenpressing geredet.

Spannend daran ist, dass Gegenpressing an sich nicht neu ist. Man kann sich ein beliebiges Fußballspiel aus einer beliebigen Ära anschauen und wird mit großer Wahrscheinlichkeit einzelne Spielszenen finden, in denen eine Mannschaft den Ball verliert und ihn sofort zurückholen kann. Wenn man direkt Zugriff auf den Ball hat, geht man intuitiv gleich wieder drauf. Jupp Heynckes legte schon in den 1980er Jahren großen Wert auf diesen Aspekt bei seinen Mannschaften. Speziell im deutschen Fußball ist das „Nachsetzen!“ bis in die tiefsten Niederungen eine der am meisten eingeforderten Tugenden. Nachsetzen bezeichnet im Grunde Gegenpressing, nichts anderes. Aber nie in der Fußballgeschichte hat eine Mannschaft so gut „nachgesetzt“, wie Klopps BVB „gegengepresst“ hat.

Schnippisch könnte man sagen, das habe einfach daran gelegen, dass die Väter der Kinder an den Ascheplätzen der Republik immer nur einzelne Spieler zum Nachsetzen auffordern und nicht die ganze Mannschaft. Der Unterschied ist nämlich vor allem dieser: Bei Klopp ist Gegenpressing eine Mannschaftsstrategie, kein spontanes, individuelles Verhalten. Wenn man einer Gruppe unterschiedlich ausgebildeter Menschen eine neue Strategie vermitteln will, hilft es gleichzeitig ganz enorm, wenn diese einen Namen hat. „Nachsetzen“ ist die Bezeichnung eines Verhaltens, nicht die Bezeichnung einer Strategie. „Gegenpressing“ hingegen klingt nach einer Idee, nach etwas Neuem, Durchdachten. Das ist fancy. Damit kann man Autos verkaufen.

Klopp, der emotionale Taktik-Rhetoriker

Im Grunde ist es Ideen-Marketing, das Klopp betreibt. Das mag vielleicht despektierlich klingen, dies wäre es aber nur, wenn man nicht die Notwendigkeit dahinter sieht. Als Fußballtrainer muss man einer heterogenen Gruppe von Personen, die häufig eher egoistisch motiviert sind, einen taktischen Plan vermitteln und bestenfalls noch eine gemeinsame Identität geben. Das funktioniert jedoch nur dann mit vollem Erfolg, wenn jeder versteht, was man sagt – und auch davon überzeugt ist, dass das funktionieren kann. Als Fußballtrainer eines Vereins mit Tausenden oder Millionen von Anhängern muss man noch viel mehr Menschen davon überzeugen, dass man einen guten Plan hat. Und spätestens hier wird es unmöglich, den Plan in allen Einzelheiten zu erklären. Stattdessen muss die Idee so verpackt werden, dass sie intuitiv und emotional zugänglich ist und selbst oberflächlich betrachtet schlüssig erscheint.

Diese Disziplin beherrscht Klopp wie kaum ein anderer im Fußballgeschäft. Pep Guardiola beispielsweise hat trotz größerer Erfolge permanent mit Skepsis bezüglich seiner fußballerischen Idee zu kämpfen. Auch bei Klopp trat diese Skepsis bei Misserfolgen hier und da mal auf. Unter dem Strich weiß er aber nicht nur, sich zu erklären, sondern ihm gelang es sogar, breitflächig zu euphorisieren. Das gelang zu seinem Amtseinstieg in Dortmund wie auch in Liverpool; noch bevor er Erfolge vorzuweisen hatte also. Menschen vertrauen Klopp. Die Basis für diese Fähigkeit: Klopp ist emphatisch. Nicht nur im Fühlen, sondern auch im Denken. Er versteht, wie andere Leute Dinge aufnehmen und verarbeiten. Er fühlt, ob er etwas so erklärt, dass andere es verstehen, dass es andere überzeugt und sogar mitreißt. Das hilft ihm in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit wie auch in der Vermittlung seiner taktischen Inhalte.

So bleiben immer wieder bestimmte Aussagen von Klopp hängen, die die strategische oder taktische Herangehensweise an das Spiel griffig beschreiben und gleichzeitig neuartige Denkanstöße liefern. Zum Beispiel sagte Klopp vor Spielen gegen Bayern, dass man versuche, den Gegner „auf das eigene Niveau herunterzuholen“ – und beschrieb damit, wie man taktisch die gegnerische Spielstärke zerstören wollte. Seine These, das Gegenpressing sei der beste Spielmacher der Welt, wurde etliche Male zitiert. Klopp wirft also alte Denkmuster um, richtet den Fokus auf den taktischen Aspekt, aber er nutzt gleichzeitig auch ein bekanntes Konzept zur Verpackung und emotionalisiert durch die inbegriffene Wertung. Eine eierlegende Wollmilchsau der Didaktik und Rhetorik.

Der Menschenfänger

Mit dieser vielseitigen Rhetorik bringt Klopp die Leute hinter sich. Er schafft es, sich als intellektuell und kompetent zu profilieren, ohne dabei abgehoben zu wirken. Dass er scheinbare Gegensätze vereint, ist auch die Grundlage dafür, dass er als Charakter so mitreißend wirkt. Auf der einen Seite ist er freundlich, emphatisch, humorvoll und intellektuell, auf der anderen Seite kämpferisch, impulsiv, aggressiv und überzeugend, sprich: eine Führungsfigur. Dadurch kann er mögliche negative Aspekte einzelner Charakterzüge auffangen und sich flexibel Situationen anpassen.

Die Leute mögen Klopp und vertrauen ihm gewissermaßen. Weil er viel, viel grinst und lacht, und weil er entschlossen wirkt, wenn er es einmal nicht tut; weil er hemdsärmlig daherredet, weil er gute Pointen setzt, weil er energiegeladen und trotzdem locker ist, weil er durchdachte Dinge sagt, die man versteht. Wie viel von seiner Herzlichkeit dabei bewusste und vielleicht sogar aufgesetzte Show ist, können nur diejenigen seriös einschätzen, die ihn persönlich sehr gut kennen. Fakt ist: Die Menschen kaufen es ihm ab. Der Wert dieser Fähigkeit ist im Profifußball nicht zu unterschätzen. Gerade in Phasen, in denen es schlecht läuft, sorgt sie dafür, dass das Maß an Kritik im Rahmen bleibt. Sie schützt einen Trainer vor dem Einfluss der Öffentlichkeit. Dadurch kann dieser stringenter an seinen taktischen Ideen arbeiten, kann überzeugender auf die Mannschaft eingehen und muss keine Kompromisse eingehen.

Klopp, der Medienmann

In dieser Hinsicht ist auch Klopps Gespür für die Medien zu loben – ohnehin ein Faktor, auf den er besonderes Augenmerk legt. Ihm gelingt es in einmaliger Art und Weise, zündstoffhaltige Aussagen so zu formulieren, dass sie unverfänglich und trotzdem auf den Punkt gebracht sind. Gerade wenn er Kritik äußert oder zu einem kritischen Standpunkt befragt wird, erklärt er geschickt die Gründe für eine kritische Sichtweise, ohne sie zwingend noch einmal auszusprechen. Gleichzeitig ordnet er kritische Anmerkungen so in den Gesamtkontext ein, dass sie inhaltlich bestehen bleiben, aber an emotionaler Zugkraft verlieren. Klopps Kritik wirkt meist nicht wie unsouveränes Geätze, sondern sehr sachlich und zuweilen regelrecht bedauernd.

Zudem betreibt Klopp im Umgang mit Medienvertretern eine Art „Zuckerbrot und Peitsche“. Er ist viel verfügbar, gibt viele Interviews und ist dabei immer interessant und unterhaltsam. Auf Pressekonferenzen entstehen immer wieder humoristische Highlights. Es gibt Youtube-Zusammenschnitte seiner witzigsten PK-Momente. Seine Rhetorik sorgt immer wieder für gute Zitate. Auf gute Fragen bietet er interessante Einsichten und Erklärungen. Im Tagesgeschäft eines Fußballjournalisten gibt es wohl kaum etwas Leichteres, als über Aussagen von Klopp zu schreiben. Auf der anderen Seite findet er aber auch klare Worte gegenüber Journalismus, der ihm nicht passt. Auf undurchdachte kritische Fragen reagiert er zuweilen sogar patzig. Dabei wirkt er aber nicht hysterisch, sondern behält eine gewisse Sachlichkeit und Klarheit bei, die ihm Autorität verleiht.

Mit dieser Strategie hat er auch Einfluss darauf, wie er in den Medien rezipiert wird; speziell dadurch, dass er mit seinen Reaktionen inhaltlich fokussierte, sachliche und auch positive Berichterstattung belohnt. Im Grunde motiviert er Journalisten damit, kein dummes Zeug über ihn zu schreiben – und möglichst auch kein negatives.

Fehleranalyse

In diesem Zusammenhang ist wichtig, wie Klopp der Öffentlichkeit Spiele beschreibt. Er fokussiert sich bei Gegentoren auf die taktischen Aspekte und erklärt die Partien häufig nicht so sehr über die Zeitpunkte der Tore, sondern eher durch die Dominanzverhältnisse. Wann war meine Mannschaft gut im Spiel, wann hatten wir keinen Zugriff? Vor allem: Warum war das so? Dabei ist er sehr konkret. Welche Abläufe haben funktioniert, welche waren weshalb nicht passend? Auch legt er das Geschehen auf dem Feld immer wieder neben den Plan, mit dem seine Mannschaft ins Spiel ging.

Letzteres bezieht sich dann meist auch auf die Eigenheiten des Gegners, womit er die taktische Vorbereitung auf das Spiel unterstreicht. Generell beziehen sich seine Punkte häufig nicht nur auf Aspekte der eigenen Mannschaft, sondern auf die Wechselwirkungen mit dem Gegner. Hier erkennt man erneut Klopps Kompetenz, das Spiel als Ganzes zu begreifen und analysieren zu können. Es ist auch nicht zu unterschätzen, wie viel Disziplin dies erfordert: Da man als Trainer die ganze Woche lang nur am Spiel der eigenen Mannschaft werkelt und nur darauf unmittelbaren Einfluss hat, neigt man stark dazu, sich auch während des Spiels zu sehr darauf zu fokussieren. Das Augenmerk auf das gegnerische Spiel vernachlässigt man dann leicht. Elf zusammengehörige Referenzpunkte lassen sich auch leichter überblicken als 22 Referenzpunkte, die gegeneinander agieren. Deshalb neigen viele Trainer dazu, Erklärungsansätze innerhalb des eigenen Teams zu suchen, ohne die Gesamtstruktur des Spiels ausreichend zu berücksichtigen.

Das alles heißt erst einmal, dass er nicht in die Defensive geht und sich für negative Ergebnisse entschuldigt oder für positive Ergebnisse feiert. Stattdessen strebt er nach der Deutungshoheit über das Spiel und unterstreicht seine inhaltliche Autorität. Andere begründen das Ergebnis aus ihrer subjektiven Rolle als Beteiligter heraus, Klopp erklärt das Spiel von einem objektiveren Standpunkt aus. Zu Zufällen bewahrt Klopp meistens eine kühle Distanz. Er nutzt Fehler des Schiedsrichters oder unglückliche Situationen nicht in großem Maße als Erklärung oder Entschuldigung für die Leistung seiner Mannschaft. Er nennt solche Aspekte zwar meist kurz, ohne aber näher darauf einzugehen, und betont dann vielmehr die mannschaftliche Leistung. Zuweilen spielt er die Zufälle sogar herunter, um die Mannschaftsleistung hervorzuheben.

„Our play was shit, so the linesman couldn’t believe our goal.“

Klopp nach einer Niederlage mit Liverpool gegen Newcastle, bei der der Ausgleichstreffer fälschlicherweise wegen Abseits aberkannt wurde

Die Einordnung der taktischen Leistung ist der wesentlichste Aspekt der Klopp’schen Fehleranalyse. Interessant dabei ist, dass er einen hohen Maßstab anlegt. Er ist meist erst dann zufrieden, wenn man taktisch klar überlegen und nahe am Optimum war; ansonsten legt er den Finger eher auf die Defizite seines Teams. Diese Anspruchshaltung spiegelt seine Arbeitsweise und seine Anforderungen an die Mannschaft wider.

Bei diesem Lob für Klopps Spielanalysen muss man jedoch einschränken, dass er all diese positiven Punkte nicht hundertprozentig konstant umsetzt. Gerade in den schwächeren Phasen zwischen 2013 und 2015 rutschte er hier und da in „klassischere“ Erklärungsansätze. Zum Teil lag das daran, dass es wirklich außergewöhnliche Spielverläufe und Situationen gab. Möglicherweise war es hier und da auch eine absichtliche Strategie, um sich massentauglicher, gewissermaßen populistischer zu verkaufen und den öffentlichen Druck etwas aufzufangen. Die fehlenden Fortschritte weisen aber darauf hin, dass sich zugleich tatsächlich auch der Fokus seiner Arbeit etwas verschob. In ähnlicher Weise zeigen seine schon angesprochenen Ausraster am Spielfeldrand, dass er seine Emotionen nicht immer komplett im Griff hat.

Seine Herangehensweise ist außerdem gar nicht mal (mehr) so außergewöhnlich. Gerade in den letzten Jahren ist ein taktischer Fokus in der Spielanalyse zumindest in der Bundesliga weitestgehend Usus geworden. Das ist zum Teil ein kultureller Wandel, vor allem aber eine Folge der gestiegenen Qualität auf den Trainerbänken. Die substanziellen Aussagen auf Pressekonferenzen werden aber meist nicht in den Fernsehsendungen gezeigt, die sich stattdessen auf Kurioses oder Aussagen zu Schiedsrichterentscheidungen fokussieren.

Der differenziert taktische Stil der Problemanalyse ist in einem weiteren Sinne bedeutsam. Es ist nicht nur so, dass Klopp auf taktische Dinge schaut, er fokussiert sich dabei auch auf möglichst grundlegende Aspekte im strategischen Sinne. Das heißt, er schaut bei einem Gegentor nicht nur auf die Momente unmittelbar vor dem Treffer, sondern er schaut vor allem darauf, wie diese Momente entstanden sind. Bevor er einen Spieler für individuelles Verhalten kritisiert, stellt er die Frage, ob die Mannschaft die Situation nicht schon in den Sekunden zuvor hätte verhindern können.

Klopp ist zudem in der Bewertung von Fehlern sehr gut. Er erkennt, ob es für einen Spieler sehr schwer war, ein verlorenes Einsgegen-eins zu gewinnen, oder ob er sich tatsächlich schlecht angestellt hat. Er kann gut beurteilen, wie schwierig der gegnerische Angriff zu verhindern war. Er kann akzeptieren, dass man auch mal ein Kopfballduell verliert, wenn der Gegner mit mehr Geschwindigkeit ankommt. Er ist Realist und reagiert auf Misserfolge seiner Spieler nicht verurteilend und abwertend, sondern analytisch und konstruktiv. Er weiß, dass er seinen Spielern nicht beibringen kann, jeden Zweikampf zu gewinnen. Deshalb fokussiert er sich darauf, dass jeder Zweikampf abgesichert wird.

Mannschaftsentwicklung

Was nach der vorangegangenen Erörterung der verschiedenen Facetten Klopps unter dem Strich steht, ist die Ambition, herausragende Fußballmannschaften zu entwickeln. Die Arbeit des Trainerteams Klopp ist Tagesgeschäft, das langfristig angelegt ist. Es geht darum, kurzfristig die beste Lösung zu finden, um langfristig große Schritte machen zu können. Konstant ist dabei die strategische Idee vom intensiven, aktiven Fußball. Doch selbst die Gestaltung des Pressings und die Idee des Gegenpressings mussten sich erst über die Jahre entwickeln. Unterwegs fielen etliche taktische Kniffe wieder ab, etliche Konstellationen entstanden und hatten Erfolg oder scheiterten, etliche Ideen wurden umgesetzt oder verworfen. Das Trainerhandwerk ist häufig mehr eine Kunst als ein Handwerk, welches stetige Anpassung, Fortentwicklung und Kreativitität erfordert, ohne dass es eine perfekte Lösung gibt.

Das „System Klopp“ existiert dabei genaugenommen nicht. Es existiert immer nur eine Mannschaft von Klopp, die ein bestimmtes System zu einem gewissen Grad beherrscht. Und es gibt Spiele, in denen diese Systeme mehr oder weniger gut funktionieren. Folgerichtig lässt sich kaum einmal eine Phase von mehr als ein paar Monaten ohne wesentliche taktische Änderungen in Klopps Karriere ausmachen, und nur selten mehr als drei, vier aufeinanderfolgende Spiele, ohne dass seine Mannschaft mit einem bestimmten Gegner ernsthafte Probleme hatte.

Ein Trainer definiert sich nicht in der Theorie, sondern in seinen Aktionen und in seinen Reaktionen auf die Umstände, die ständig in chaotischer Bewegung sind. Man kann Spiele am Reißbrett gewinnen, doch man muss seine Skizzen im Sturm zeichnen. Dementsprechend versucht dieses Buch, die Entwicklung und die Ideen von Klopp, Buvač und Krawietz anhand der Entwicklung ihrer Mannschaften zu skizzieren. Es wird dabei nicht nur darum gehen, zu zeigen, was Klopp auszeichnet. Es soll auch dargestellt werden, wie sehr Erfolg und Misserfolg eines Trainers von den Umständen abhängen.

Implikationen für dieses Buch

Die Feststellungen zur Mannschaftsentwicklung haben auch Implikationen für den Aufbau dieses Buches, der im Grunde aus einer chronologischen Abhandlung besteht und Klopps Rolle dabei nur vereinzelt explizit herausarbeitet. Nichtsdestotrotz ist die Philosophie des Trainers ja die Grundlage für die skizzierten Entwicklungen. Zugleich erlaubt das Vorgehen den Versuch, diese Entwicklungen aus der ungefähren Sicht Jürgen Klopps darzustellen. Seine Fußballphilosophie ist der Filter, durch den dieses Buch auf die Entwicklung seiner Mannschaften schaut. Die Zusammenhänge und der Fokus der Betrachtungen orientieren sich an Klopps Aussagen, wie auch die persönliche Fußballphilosophie des Autors stark von selbigen geprägt ist.

An dieser Stelle soll auch die einzige Rückblende in die Zeit bei Mainz 05 erfolgen: Erwähnenswert ist in diesem Kontext nämlich, dass Klopp in Mainz noch aktiver Spieler war, als er von Sportdirektor Christian Heidel auf die Trainerbank befördert wurde. Er beendete damit seine Spielerkarriere und trat die Nachfolge von Wolfgang Frank an, den Klopp bis heute als seinen wichtigsten Lehrmeister für seine Rolle als Trainer bezeichnet. Wolfgang Frank war in den 1990er Jahren in Deutschland einer der wenigen Pioniere im Geiste der Fußballlehre von Arrigo Sacchi, der vor allem die Raumdeckung im 4-4-2-Mittelfeldpressing predigte. Diese bis heute gängige Spielweise machte der Italiener am Ende des vorangegangenen Jahrzehnts durch große Erfolge mit dem AC Mailand weltweit populär. Dem 2013 mit 62 Jahren verstorbenen Wolfgang Frank blieb der große Erfolg als Trainer verwehrt, doch prägte er damit in seiner Zeit bei Mainz neben Klopp auch weitere deutsche Profitrainer wie Torsten Lieberknecht oder Jürgen Kramny. Besonders Klopps Fokus auf die Organisation und Aktivität des Defensivspiels ist ein Erbe Franks.

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2008/09: Ein vielversprechendes Debüt

Mit der Betonung von Intensität und Defensivspiel war Klopp beim BVB 2008 auf jeden Fall zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dem BVB 2007/08 hatte es an ebendiesen Aspekten enorm gemangelt: Die Mannschaft, die Klopp, Buvač und Krawietz übernahmen, war zuvor vor allem durch große Instabilität geprägt gewesen. Sie hatte eine wechselhafte Saison gespielt, die jedoch stärker von Schatten als von Licht geprägt gewesen war. Thomas Dolls Elf hatte zwar viel offensives Potenzial besessen, aber zu wenig Struktur, um dieses konstant abzurufen, und Dortmunds Anfälligkeit in der Anfangsphase war 2007/08 fast schon zum Running Gag der Bundesliga geworden: In den ersten zehn Spielminuten hatte man über die Saison hinweg eine katastrophale Bilanz von 1:10 Toren erzielt. Die Defensive um die „Opa-Abwehr“ aus Robert Kovač und Christian Wörns wackelte ständig, Mittelfeld und Sturm unterstützten die Viererkette zu wenig. Im Gegensatz zur Borussia hatte keiner der Absteiger die Marke der 60 Gegentore geknackt.

Nach vorne hatten die Dortmunder jedoch individuelle Klasse geboten, die besonders dann glänzen konnte, wenn es darauf ankam. In den Endphasen der Spiele hatte die Borussia 2007/08 ihre Stärke bewiesen und in den letzten zehn Minuten der Partien insgesamt 8:4 Tore erreicht. Auch im Pokalfinale konnte Mladen Petrić noch in der zweiten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich erzielen. Mit 50 erzielten Toren hatten die Dortmunder im Spiel nach vorne 2007/08 immerhin die achtbeste Mannschaft der Liga gestellt. Die Leistungsträger dieser Mannschaft waren mit Petrić und Giovanni Federico eher inkonstante Individualisten gewesen, und mit Tinga und Vereinslegende Dedê waren es ausgerechnet zwei Brasilianer, die der wechselhaften Mannschaft etwas Stabilität hatten geben können. Alexander Frei und Sebastian Kehl hätten weitere Stützen sein können, doch hatten sie mit Verletzungen zu kämpfen.

Diese inkonsistente Mannschaft sollte nun zu einer Einheit geformt werden. Die Art des Problems kann man aus einem Satz von Klopp aus dieser Zeit herauslesen. Er formulierte, seine Aufgabe wäre es, in Giovanni Federico das Kampfschwein zu wecken. In diesem speziellen Fall sollte er scheitern. Doch zu diesem frühen Zeitpunkt war die Zielstellung die richtige.

Zu Anfang – erste Lichtblicke

Schon in der Vorbereitung der ersten Spielzeit gab es einen klaren Fingerzeig, wohin es gehen sollte beim „neuen“ BVB. Gemeinsam mit dem FC Bayern unter dem neuen Coach Klinsmann entschloss man sich, den Supercup neu zu beleben, auch wenn es ohne Unterstützung der DFL bei einem inoffiziellen Rahmen blieb. Das Spiel endete nach frühen Dortmunder Treffern mit einem 2:1-Sieg der neuformierten Schwarzgelben. Mit fünf Jahren Abstand wirkt es symbolisch, dass Klopp in seinem ersten annähernd bedeutungsvollen Spiel direkt dem deutschen Primus einen Titel wegschnappte. Seine Mannschaft trat da noch im 4-4-2 an; also dem mit Viererkette im Mittelfeld, nicht dem Rautensystem 4-3-1-2, das anschließend zum Standard wurde. Neuzugang Tamás Hajnal startete auf der Doppelsechs neben dem neu ernannten Kapitän Kehl und trieb die Bälle aus dem defensiven Mittelfeld nach vorne.

Nun sehen Spiele in der Vorbereitung oft viel besser oder schlechter aus als das, was anschließend in der „echten“ Saison abgeliefert werden kann, aber in diesem Fall war tatsächlich eine massive Änderung im Spielstil der Mannschaft zu erkennen. Der BVB überrannte den Gegner förmlich. Die Spieler übten konstant und frühzeitig Druck aus, attackierten mit Geschwindigkeit über Hajnal oder die Flügel und dominierten das Spiel.

Auch die restliche Vorbereitung gestaltete sich positiv. Eine 1:3-Niederlage gegen Juventus Turin hielt die Euphorie zwar im Rahmen, aber dennoch kam Dortmund mit viel Optimismus aus den ersten Trainingswochen unter dem neuen Trainerteam. Es sah schon einmal danach aus, dass die Versprechen vom neuen Vollgasfußball eingelöst werden könnten.

Das duale System: Preiswerte Erfahrung und mutige Wertanlagen

Dortmunds Saisonstart wurde jedoch auch von Skepsis begleitet, da einige Fragezeichen hinter dem Kader standen. Es war zudem noch nicht klar, wie viel Vertrauen man in die Augen des neuen Trainerteams haben konnte – Klopp erklärte eine 50:50-Verantwortungsteilung bei Transfers –, und Manager Michael Zorc wurde zu diesem Zeitpunkt noch von vielen Seiten negativ beäugt. So wirkten die ersten unorthodoxen Transfers auf einige Fans etwas abschreckend.

Für die Abwehr hatte Jürgen Klopp aus Mainz den jungen Neven Subotić mitgebracht, der vier bis fünf Mio. Euro Ablöse kostete – zu diesem Zeitpunkt ein ordentlicher Batzen Geld für den Ballspielverein, der immer noch in der wirtschaftlichen Konsolidierung begriffen war. Zudem war für diese Position schon Felipe Santana aus Brasilien geholt worden. Der wurde trotz der Ablöse von rund zwei Mio. Euro aber erst einmal auf die dritte Position versetzt. Die beiden unerfahrenen 19-Jährigen Subotić und Hummels sollten den wichtigen Job im Abwehrzentrum erledigen – aus heutiger Sicht eine geniale Entscheidung, doch damals sah dies nicht nach der sichersten Lösung für eine Mannschaft mit massiven Defensivproblemen aus.

Ebenfalls pessimistisch wurde die Verpflichtung von Patrick Owomoyela aufgenommen. Den verletzungsanfäligen Rechtsverteidiger war Werder Bremen in der öffentlichen Wahrnehmung eher „losgeworden“ und kassierte dafür noch 2,5 Mio. Euro. Doch hier demonstrierte Dortmunds neues Trainerteam das Auge für unterschätzte, aber erfahrene Spieler, die gut ins taktische Konzept passen. Owomoyela brachte gute Leistungen und wurde im zweiten Jahr sogar zum besten Vorlagengeber. Solche überraschenden Transfers von scheinbar Gescheiterten wurden neben der Talentförderung zu Borussias zweitem Standbein in der Personalpolitik.

Als Linksverteidiger kam noch für wenig Geld der erfahrene Young-pyo Lee von Tottenham Hotspur und half ein Jahr lang bei der Stabilisierung der Abwehr. Der Koreaner wurde allerdings nur kurzfristig verpflichtet, nachdem sich Leistungsträger Dedê im ersten Spiel schwer verletzt hatte. Der etatmäßige zweite Linksverteidiger kostete die Borussen indes überhaupt nichts. „Das Auge“ des neuen Trainerteams konnte auf dieser Position Geld einsparen und hatte in Dortmunds zweiter Mannschaft einen zukünftigen Nationalspieler gesehen, der vorher noch keinem aufgefallen war: „Als wir über den Kader sprachen und über einen Linksverteidiger nachgedacht wurde, war mein Einwand: ‚Moment – ihr habt einen: Marcel Schmelzer.‘ Ab diesem Moment war er Mitglied der Profiabteilung; ich glaube sogar, zu seiner eigenen Überraschung“, so Peter Krawietz im Oktober 2008.

Die hoffnungsvoll stimmenden Neuzugänge waren zu diesem Zeitpunkt jedoch der besagte Hajnal sowie Nuri Şahin. Das Dortmunder Toptalent, das aus seinem „Ausbildungsjahr“ bei Feyenoord Rotterdam zurückgekehrt war, wollte endgültig den Durchbruch bei seinem Heimatverein schaffen. Hajnal, der im Übrigen nach einer herausragenden Zweitligasaison für eine niedrige feste Ablöse vom Karlsruher SC gekommen war, spielte sich von Beginn an als Leistungsträger fest.

Mitarbeitende Stürmer

Den ersten richtigen Euphorie-Dämpfer hauten Klopp und Co. aber raus, als die Transferplanungen schon weitestgehend abgeschlossen schienen. Am Tag des Saisonauftakts wurde bekannt, dass Mladen Petrić nach Hamburg verkauft werden sollte. Dafür kam Mohamed Zidan, Klopps ehemaliger Lieblingsschüler aus Mainzer Tagen, zum BVB. Der war in Hamburg allerdings ziemlich dramatisch gescheitert, und so war das Signal, das bei den Fans ankam: „Aussortierter Risikoakteur kommt für etablierten Topspieler; Rückbau statt Aufbruch.“

Dieser Transfer fiel zugleich in eine allgemeine Diskussion über Klopps Auffassung vom Stürmerspiel. So sorgte er mit seiner Betonung der defensiven Bedeutung von Offensivspielern für Skepsis. Mehrfach musste Klopp gegen die Befürchtung anreden, dass den Stürmern vor dem Tor die Kraft fehlen könnte, wenn sie sich im Defensivspiel aufreiben würden; ein Gedanke, der heute nur noch schwer vorstellbar ist und zugleich eine interessante Fußnote der fußballerischen Entwicklung der letzten Jahre darstellt. Die Mitarbeit der Stürmer im Pressing ist in der deutschen Fußballlandschaft mittlerweile schließlich vollkommen etabliert.

Es wurde zudem medial diskutiert, ob denn Petrić nicht ins System Klopp hineinpasse. Der Trainer unterstrich in der Debatte seine detaillierten Vorstellungen vom Fußballspiel: Solch ein Spielertyp würde schon in sein System passen, aber zwei solche Spielertypen passten nicht – und mit Alex Frei habe man bereits einen solchen Akteur. So hätte man einen Transfererlös erzielen können und sei zudem im Sturm vielfältiger aufgestellt.

Spieleranalyse und Transfergeschick
Synergien von Spielertypen

Jürgen Klopps Erklärung zu Petrić/Frei am Ende des vorangegangenen Abschnitts lässt sich im Zusammenhang mit Synergien unmittelbar wieder aufgreifen. In der Tat zeichnen sich Petrić und Frei durch ähnliche Stärken aus. Beide sind Strafraumstürmer mit kreativem Potenzial und einem starken Distanzschuss. Durch ihre spielerischen Möglichkeiten wäre wohl eine ganz gute Koexistenz möglich gewesen, doch ohne besondere Synergie. Ihre Qualitäten hätten sich also lediglich addiert, nicht multipliziert. Die beiden Spitzen gemeinsam ins Rennen zu werfen, hätte dementsprechend Klopps Philosophie widersprochen, eine Mannschaft zu verbessern, anstatt nur „das abzurufen, was eh schon da ist“. Der Verkauf von Petrić war das erste große Signal, dass der neue BVB als einheitliche Mannschaft geformt werden sollte und nicht nur als Ansammlung guter Spieler.

Mit Zidan kam stattdessen eine andere Alternative, die mit den vorhandenen Typen gewinnbringender kombinierbar war. Der wuselige Dribbler konnte engere Räume nutzen als seine potenziellen Sturmpartner. In den äußeren Räumen konnte er aggressiv das Eins-gegen-eins suchen und somit Möglichkeiten für Frei im Zentrum schaffen; durch sein Tempo eignete er sich zugleich aber auch als Abnehmer für Freis kreative Pässe. Spielte Zidan neben Nelson Valdez, konnte er den spielmachenderen Stürmer geben und mit Hajnal kombinieren, während sich der arbeitsame Pressingstürmer Valdez darauf konzentrierte, die gegnerische Viererkette zu beschäftigen.

Die richtige Einbindung

Von Beginn an zeichnete den neuen BVB aus, dass die Spielsysteme gut auf die Einzelspieler abgestimmt waren und die Stärken der Akteure effektiv miteinander verknüpft wurden. Dieses Taktieren mit den Spielerrollen war der wesentlichste Grund dafür, dass es immer wieder so erschien, als ob fast alle Spieler in Dortmund aufblühten und vom Trainerteam des BVB massiv besser gemacht wurden. Im Fußball werden Formschwächen gerne damit verwechselt, dass ein Spieler nicht passend in die taktischen Abläufe eingebunden ist. Dieses Problems ist sich Klopp absolut bewusst und macht in dieser Richtung selten Fehler. Im Gegenteil: Immer wieder, wenn Klopp öffentlich über Spieler spricht, scheint durch, dass er genau weiß, welche Qualität ein Akteur mitbringt und welche Funktion er für die Mannschaft erfüllen soll. Auch betont er hier und da, wie sich einzelne Spieler gegenseitig ergänzen oder wie eine bestimmte Spielweise von den vorhandenen Spielertypen abhängt.

Das goldene Händchen für Transfers

Diese Qualität von Klopp und seinem Trainerteam offenbarte sich auch im Transferverhalten der Dortmunder Borussia. In den Jahren vor Klopp hatte Sportdirektor Michael Zorc mit zahlreichen gefloppten Transfers viel Standing in der Öffentlichkeit verloren. Zusammen mit Klopp gelang – zumindest vorerst – ein Transferhammer nach dem nächsten. Dabei gab es keine so klare Aufgabenverteilung wie in anderen Vereinen, wo der Trainer die Spieler mehr oder weniger vorgesetzt bekommt. Im Gegenteil war von Anfang an allen Beteiligten klar, dass die Spieler nach der Vorstellung des Trainers verpflichtet werden müssen. Klopp bezeichnete die Verantwortlichkeiten in Transferfragen einmal als 50:50 – zur Hälfte Zorc, zur Hälfte Klopp (und wahrscheinlich auch Buvač und Krawietz). In dieser Konstellation zauberten die Borussen immer wieder überraschende Neuzugänge aus dem Hut, die zuvor niemand in der Öffentlichkeit auf dem Schirm hatte. Der spektakulärste dieser Transfers war selbstverständlich Shinji Kagawa, der für eine Ausbildungsentschädigung unterhalb der Millionengrenze nach Dortmund kam und die Mannschaft als Zehner zur Meisterschaft und zum Double führte.

Öffentlich wurde das „goldene Händchen“ der Dortmunder immer wieder diskutiert, ohne dass es klare Erklärungsansätze dafür gab, wie den Borussen so etwas ständig gelingen konnte. Vielleicht war die Lösung dafür banaler, als man glauben mag. Die Gründe für die Vorteile auf dem Transfermarkt könnten die gleichen sein wie für die taktische Überlegenheit auf dem Rasen: Klopp und Co. waren in diesem Zeitraum einfach kompetenter als der Rest.

Anstelle eines Exkurses:
Klopp und die unterschätzte Schwierigkeit von Spielerbewertungen

Die Basis für die Einschätzung eines Spielers liegt zu einem großen Teil im taktischen Verständnis. Jeder Beobachter kann sagen, ob eine Aktion erfolgreich oder nicht erfolgreich war. Man benötigt jedoch ein gutes Gefühl für das Spiel, um zu beurteilen, was die Gründe für Erfolg oder Misserfolg waren: Staffelungen, Spieltempo, Sichtfelder, Mitspielerbewegungen, der nutzbare Raum, Über- und Unterzahl – die Spieldynamiken variieren im Fußball extrem schnell und beeinflussen die Erfolgschancen des ballführenden Spielers. War der Pass schlecht gespielt, oder hat sich der Mitspieler unpassend bewegt, oder hat der Verteidiger genial antizipiert? Hätte der Stürmer den Ball noch einmal querlegen können oder musste er abziehen? War das Dribbling brillant oder das Abwehrverhalten dilettantisch?

Dazu kommt der Faktor Glück – ist ein Sonntagsschuss individuelle Qualität oder statistische Streuung? Auch die strategische Einordnung bestimmter Aktionen kann falsch sein: Ein „riskantes Dribbling“ kann durchaus mehr Nutzen als Risiko haben, zumal der Spieler seine Erfolgschancen besser einschätzen kann als der Beobachter. Eine „schöne Flanke“ ist hingegen oftmals so unkontrolliert und vorhersehbar, dass sie nicht annähernd so gefährlich ist, wie sie aussehen mag.

Überdies ergeben sich wichtige quantitative Effekte erst aus den taktischen Umständen: Wie oft habe ich die Möglichkeit zu einer guten Aktion? Wenn mein Team den Ball meist schon in der Offensive erobert und wir alle zwei Minuten auf die unsortierte Abwehr zumarschieren, werde ich als Offensivspieler über 90 Minuten mehr erfolgreiche Aktionen zeigen können, als wenn wir die ganze Zeit hinten drinstehen und meistens schon die Spieler hinter mir den Ball verlieren. Der ungeschulte Beobachter sieht aber nur, was am Ende dabei herauskommt, und sagt im ersten Fall: „Hat gewirbelt“, und im zweiten Fall: „Ist abgetaucht.“

Im Gegensatz dazu sorgt Klopps taktisches Verständnis dafür, dass er ein besseres Auge für den Gesamtzusammenhang hat als andere. Da er in der Lage ist, die Umstände einer Spielsituation schnell und korrekt einzuordnen, kann er zutreffender beurteilen, welche Erfolgschancen ein Spieler hatte. Er sieht, ob ein Fehler auf die Umstände oder auf den Spieler zurückzuführen war, und erkennt, wenn ein Spieler in einer schwierigen Szene eine gute Lösung findet. Klopp kann die relevanten von den irrelevanten Situationen trennen und nimmt wahr, was in einem Spieler steckt, und nicht nur, was aus ihm herauskommt. Dadurch erkennt er Spieler, die gute Fähigkeiten haben, aber zu selten in Situationen kommen, in denen sie diese auch anwenden können – und sieht zugleich, was man mit einem Spieler in einem passenden taktischen Rahmen machen könnte.

Die Komplexität von Spielerfähigkeiten

Über die rein taktischen Aspekte hinaus trennt Klopp, der differenzierte, analytische Autodidakt, detailliert zwischen technischen, athletischen und taktischen Fähigkeiten. Er lässt sich nicht so stark davon beeinflussen, welche effektive Gesamtleistung ein Spieler bringt, sondern stärker davon, welche Aspekte in seinem Spiel gut und welche schlecht sind. Diese Differenzierungsfähigkeit ist wichtig, denn nur so kann man das volle Potenzial eines Spielers erkennen.

Auch im Profifußball fokussieren sich die meisten Scouts und Verantwortlichen auf ein ungefähres Gefühl von „Qualität“, welcher Art auch immer. Das, was „Qualität“ genannt wird, ist häufig jedoch einfach nur „Leistung“. Es geht dann ausschließlich um die Gesamtqualität, und die bemisst sich zumeist nur in erfolgreichen Aktionen. Bei einer solchen Perspektive fallen aber beispielsweise Spieler durchs Raster, die in Teilbereichen extrem stark sind, ihre Fähigkeiten allerdings nicht effektiv auf den Platz bringen können. Das kann beispielsweise daran liegen, dass bestimmte taktische Fähigkeiten noch fehlen, etwa mangels Erfahrung oder mangels Schulung. Es kann aber auch schlicht an einer unpassenden Mannschaft liegen. Man stelle sich Andrés Iniesta bei einer Mannschaft vor, die nur lange Bälle und Flanken schlägt. Oder Marcel Schmelzer bei einer Mannschaft, die kaum Pressing spielt – böse Zungen würden vielleicht die Nationalmannschaft als Beispiel dafür nennen, wo der bissige Linksverteidiger regelmäßig öffentliche Prügel bezog.

Umgekehrt werden bestimmte Spieler durch diesen Fokus auf „Qualität“ statt auf „Fähigkeiten“ kontextuell überschätzt. Ein technisch unterdurchschnittlicher Spieler, der in einer schwächeren Liga durch seine Schnelligkeit sehr durchschlagskräftig ist, bekommt ein Problem, wenn seine Gegenspieler auf einmal nicht mehr langsamer sind als er. Ein Spieler, der – wie beispielsweise Shinji Kagawa – durch herausragende taktische und technische Fähigkeiten brilliert, kann sich oftmals leichter an ein höheres Niveau anpassen.

Wenn man es schafft, sich vom Gesamteindruck ein wenig zu lösen und einen genauen Blick auf das Fähigkeitsprofil eines Spielers zu werfen, kann man Spieler finden, die der eigenen Mannschaft sehr weiterhelfen, während sie in anderen Vereinen unter dem Radar sind. Dabei hilft natürlich sehr, wenn man wie Klopp eine sehr spezielle Spielweise hat. Brauchen alle Mannschaften die gleichen Fähigkeiten und ich als einziger eine andere Fähigkeit, dann habe ich weniger Konkurrenz auf dem Markt und komme billiger weg.

Movement

Ein weiterer Wettbewerbsvorteil von Klopp ist gleichzeitig auch ein Grundpfeiler seiner taktischen Philosophie: Die Bedeutung von intelligentem Bewegungsspiel. Klopp erkennt Spieler, die mit ihren Bewegungen Einfluss auf das Spiel nehmen. Er nimmt also wahr, ob ein Außenverteidiger im richtigen Moment aufrückt, ob ein Mittelfeldspieler im richtigen Moment den richtigen Raum besetzt und ob ein Stürmer mit dem richtigen Timing vor dem Tor auftaucht.

Folglich findet Klopp Spieler mit gutem intuitiven Spielverständnis. Wer sich gut bewegt, muss eine gute Wahrnehmung und Beurteilung des Spielgeschehens haben. Das hilft Klopp dann wiederum dabei, seine taktischen Systeme effektiv anzuwenden. Wenn man mit Spielern arbeiten muss, die orientierungslos in der Gegend herumstehen oder isoliert und unpassend umherhetzen, wird es schwieriger, intelligentes und systematisches Verhalten zu vermitteln. Selbst wenn es gelingt, ist doch die Umsetzung inkonstanter oder man ist in der Planung des Systems beschränkter. Gerade Letzteres ist bei Klopp ein Faktor, da er besonders Akteuren mit gutem Bewegungsspiel wie Kevin Großkreutz, Henrikh Mkhitaryan oder (in Liverpool) James Milner immer wieder wichtige Sonderrollen zuteilte.

Klopps Fähigkeit, passende Akteure für sein System zu finden, gilt übrigens nicht nur für das Spiel gegen den Ball. Gerade das Offensivspiel von Klopp basiert seit jeher viel mehr auf guten, also etwa gut getimten, gut abgestimmten oder druckvollen Bewegungen als das anderer Teams und weniger auf den klassischen individuellen Fähigkeiten. Extrem durchschlagskräftige Tempodribbler, herausragend robuste Stürmer oder zaubernde Zehner hatte Klopp in seiner Amtszeit beim BVB fast nie. Selbst die Spieler, die ungefähr in diese Profile passen – Reus, Götze, Kagawa, Mkhitaryan, Lewandowski –, sind ziemlich komplette Spielertypen, die sich klug auf dem Feld bewegen. Dazu kommen gänzlich untypische Offensivspieler wie Kevin Großkreutz oder Miloš Jojić.

Spielerentwicklung und Positionsprofile

Neben diesen stilistischen und analytischen Vorteilen hat Klopp auch einen handwerklichen Bonus: Er sieht nicht nur die Fähigkeiten, sondern er weiß auch, in welchem Maße er sie weiterentwickeln kann und in welchem Maße sie für seine Spielweise benötigt werden. So sparten die Borussen eine Menge Geld, indem sie für die Außenverteidigerpositionen keine flankenstarken Dampframmen verpflichteten, sondern sich unscheinbare Spieler mit Lernwillen und guter Athletik heranzogen und sie so schulten, dass sie im Dortmunder System gut funktionierten, sprich: „Die Außenverteidiger bauen wir uns einfach selber.“

Nun ist dies zwar kein Zitat von Klopp, zumindest kein öffentliches, könnte aber eines sein. Es beschreibt die Herangehensweise und einen Wettbewerbsvorteil. Erik Durm etwa hat sich so innerhalb einer Saison vom Stürmer in der dritten Liga zum Außenverteidiger einer Weltmeistermannschaft entwickelt. Vor der Saison 2013/14 nämlich hatte Klopp festgestellt, dass Durm der schnellste und laufstärkste Spieler in der zweiten Mannschaft der Borussia war. Er fragte also Durm und dieser antwortete ihm, dass er zu einer Umschulung bereit sei. Vereinfacht ausgedrückt: Schnell, laufstark, lernwillig? Mensch, daraus koch’ ich mir doch einen geilen Außenverteidiger.

Strategische Grundausrichtungen
Die neue Raute bringt das Pressing in die Bundesliga

Nach den guten ersten Leistungen bekam die Mannschaft im neuen System leichte Probleme. So stellte man nach den ersten Spielen im 4-4-2 auf das 4-3-1-2 um, welches zu diesem Zeitpunkt besser zum Spielermaterial passte. Die Doppelsechs Kehl/Hajnal wurde gemäß ihrer Stärken in Sechser und Zehner aufgeteilt; Hajnal rückte nach vorne hinter die Stürmer. Zudem war Jakub Błaszczykowski der einzige richtige offensive Flügelspieler, der jedoch auch gut die Rollen als Halbspieler oder Stürmer besetzen konnte. Mit Tinga, Florian Kringe und potenziell Nuri Şahin gab es weitere Leistungsträger, die gut in die Raute passten. In diesem 4-3-1-2 starteten die Dortmunder den deutschlandweiten Siegeszug des Pressings. Was heute ein taktischer Markenkern der deutschen Liga ist, war damals noch relativ neu. Das erkennt man schon beim Blick darauf, wie die Defensivprobleme der Borussen öffentlich diskutiert wurden. Vor allem die „Opa-Abwehr“ um Christian Wörns und Robert Kovač stand im Mittelpunkt der Kritik. Dass die Abwehrarbeit Mannschaftssache ist, musste Klopp erst einmal erklären.

„Wenn ständig die Innenverteidiger im Mittelpunkt des Geschehens stehen, dann ist definitiv in den Reihen davor so einiges falsch gelaufen.“

Jürgen Klopp vor der Saison 2008/09

Das Pressing von 2008 ist daher auch nicht mit dem Pressing zu vergleichen, das man heute in der Bundesliga zu sehen bekommt. Es war nicht so kollektiv, intensiv und selbstverständlich – jedoch: Es war da. Auch die Stürmer engagierten sich bereits damals zuverlässig im Pressing. Meist positionierten sie sich in einem passiven Angriffspressing zwischen Innen- und Außenverteidigern und versuchten, das gegnerische Aufbauspiel in die Überzahl des Zentrums zu leiten. Situativ gingen sie aktiv in die Balleroberung. Vor allem der extrem laufstarke Valdez legte dabei sehr weite Wege zurück und galt deswegen lange Zeit als ein Lieblingsspieler von Klopp. Zuweilen rückte auch Hajnal nach vorne zwischen die Stürmer und attackierte die Verteidiger, während die Passwege nach außen zugestellt waren. Das defensive Mittelfeld agierte im Nachrücken eher situativ und vereinzelt. So war das Pressing zwar kollektiv angelegt und jeder brachte sich ein, aber die ganz große Kompaktheit fehlte diesem „Pressing 1.0“ noch – räumlich wie auch in den Entscheidungen.


Abb. 3: Dortmunds neues Pressing unter Klopp

Zweistufige Defensive

Das hatte auch mit den körperlichen Gegebenheiten zu tun. 2008 waren Laufleistungen oberhalb der zehn Kilometer noch nicht die Regel, sondern hauptsächlich den laufstärksten Akteuren vorbehalten. Mittlerweile kommen diese auf über 13 Kilometer pro Spiel. Schon daran lässt sich erkennen, dass nicht die gleiche Grundkompaktheit gegeben sein konnte. Das zeigte sich vor allem im Nachrücken (nach vorne und hinten) sowie beim Verschieben zum Flügel. Wenn sich der Gegner aus einer Pressingsituation befreite, waren die Borussen nicht immer sofort in der Lage, die nächste Drucksituation zu erzeugen. Stattdessen zogen sie sich erst einmal zurück und formierten sich neu. Eine dabei recht häufige Situation war, dass das leitende Angriffspressing über die Flügel umspielt werden konnte, beispielsweise durch hohe Verlagerungen der Innenverteidiger. Dann schoben die Borussen nicht kollektiv nach außen, sondern ließen den gegnerischen Außenverteidiger gewähren. Sie zogen sich in eine 4-3-Anordnung am Strafraum zurück und verteidigten die Angriffe im Abwehrdrittel.

Kopfballfokus für den „Kinderriegel“

Aus dieser Grundsituation heraus operierten die Dortmunder dann sehr situativ. Der Außenverteidiger rückte zum Attackieren heraus, der Halbspieler unterstützte je nach Situation. Auch der Sechser schob nach Bedarf hinterher; wie bereits erwähnt fehlte allerdings noch ein kollektives Verschieben nach außen. Der ballferne Halbspieler rückte dementsprechend unkonstant ein, so dass die Borussen potenziell anfällig in den Halbräumen waren. Besonders Błaszczykowski agierte eher wie ein Flügelspieler. Es fehlten den Gegnern jedoch oftmals die spielerischen Fähigkeiten, diese Schwächen auszunutzen.

Zugleich spielte Hajnal eine beeindruckend aufwendige Defensivrolle. Er zog sich meist eng vor das defensive Mittelfeld zurück und presste situativ rückwärts. So entstanden bei den Schwarzgelben recht häufig unsaubere 4-4-Ordnungen am Strafraum. Mit dieser Flexibilität konnte der BVB die räumliche Unkompaktheit gut kompensieren – die Gegner kamen dadurch oft nur zu Flanken. Da die Viererkette nicht auf den Flügel durchschob, sondern die Innenverteidiger am Strafraum verharrten, standen sie gegen diese recht stabil. Die 19-jährigen Hummels und Subotić konnten sich durch diese Strategie auf eine ihrer Kernkompetenzen konzentrieren und ihre Schwächen kompensieren. Beide hatten damals nämlich noch größere Probleme in Eins-gegeneins-Situationen – wegen ihrer Körpergröße geht beiden die Beweglichkeit ab, was sich auf diesem Niveau noch nicht über individualtaktische Qualitäten kompensieren ließ. Gegen Flanken jedoch konnten sie ihre Körpergröße gewinnbringend einsetzen. Gleiches galt für den schlaksigen Santana, der in dieser Saison wegen Verletzungsproblemen von Hummels auf 26 Spiele kam.


Abb. 4: Dortmunds Pressing gegen den Flügel mit potenziellen Kompaktheitsproblemen im Zentrum und den Verbindungsräumen

Der „Kinderriegel“

Einer der prägendsten, auffälligsten und letztendlich auch einer der schlausten Schachzüge, mit denen Klopp seine Dortmunder Amtszeit einleitete, war die Installierung der neuen, blutjungen Innenverteidigung. Mats Hummels wurde ihm dabei quasi in den Schoß geworfen: Ein halbes Jahr zuvor hatte ihn der FC Bayern nach Dortmund verliehen, und schon unter Thomas Doll hatte er bei seinen Einsätzen einen guten Eindruck hinterlassen können. Klopp erkannte, dass er dem gut ausgebildeten und technisch hochveranlagten 19-Jährigen bereits kurzfristig das Vertrauen schenken konnte.

Zumindest oberflächlich betrachtet war es jedoch äußerst mutig, dass Klopp als Nebenmann für Hummels ebenfalls einen Nachwuchsspieler auswählte. Neven Subotić war noch eine Woche jünger als Hummels. Er hatte in der Vorsaison unter Klopp in Mainz sein Profidebüt gefeiert und bei den 05ern sofort zu überzeugen gewusst; der Kicker kürte ihn zum stärksten Zweitliga-Innenverteidiger der Rückrunde. Für erwähnte Ablösesumme von vier bis fünf Mio. Euro, die zu diesem Zeitpunkt eine erhebliche Investition für die klamme Borussia darstellte, brachte Klopp Subotić mit nach Dortmund. Ebenso wie Hummels sollte auch er das Vertrauen sehr schnell mit stabilen Leistungen zurückzahlen. Darüber hinaus waren die beiden das perfekte Sinnbild für die Entwicklung, die der Verein in den folgenden Jahren nehmen sollte. Als die Dortmunder den Meistertitel holten, waren beide bereits gestandene Spieler. Als der BVB im Champions-League-Finale ankam, hatten sie sich zur (erweiterten) Weltklasse gemausert. Diese Entwicklung war frühzeitig zu erahnen, und weil Klopp ebenso frühzeitig darauf baute und dieses „Projekt“ konsequent vorantrieb, konnte der „Kinderriegel“ sein volles Potenzial entfalten und bildete den Rückhalt der gesamten Klopp-Ära.

Auch in diesem Fall bewies Klopp übrigens ein gutes Gespür für die Synergien, die Spieler entwickeln können. Er betonte einmal, dass es „kein Zufall“ sei, dass sich die Innenverteidigung von den Spielertypen so gestalte: In Subotić fand sich eher der robuste, schnörkellose Abräumer, in Hummels der feinfüßige Spielmachertypus.


Abb. 5: Dortmunds Stammbesetzung in der Saison 2008/09.

Subotić besitzt zwar auch ordentliche technische Fähigkeiten, und Hummels kann durchaus körperlich und rabiat verteidigen, doch von ihrer jeweiligen fußballerischen Mentalität her ist Hummels eindeutig offensiver ausgerichtet, während Subotić sich auf Stabilität und Absicherung fokussiert; in Zuspitzung der eingangs getroffenen Charakterisierungen also sozusagen ein spielstarker Abräumer und ein robuster Spielmacher. Eine vergleichbare Konstellation wären beispielsweise Rio Ferdinand und Nemanja Vidić, die mit Manchester United viele Titel holten.

SPIELERPORTRÄT


Neven Subotić

Neven Subotić ist in seinen besten Phasen vielleicht einer der am meisten unterschätzten Spieler eines überschätzten Spielertypus. Grundsätzlich werden betont harte, defensive Abwehrspieler wie er gerne überschätzt, da sich Betrachter meist auf Kernqualitäten einer Position fokussieren und andere wichtige Aspekte dann unter den Tisch fallen, ergo: unterschätzt werden. Subotić hingegen ist in seiner stabilisierenden Wirkung auf das Dortmunder Pressingsystem und mit seinen Offensivqualitäten auch in weniger leicht sichtbaren Eigenschaften stark.

Konstanz in der Absicherung

Der wichtigste Aspekt in Subotićs Spiel ist dabei die enorm konstante und zuverlässige Erfüllung absichernder Defensivaufgaben. Das gilt zum einen für das Verschieben innerhalb der Viererkette, in der er gut hinter dem Außenverteidiger herausschieben kann und ausgezeichnet in die Mitte hin für Hummels den Raum absichert. Zum anderen ist Subotićs Tiefensicherung hervorragend; damit hat Hummels des Öfteren Probleme. Zugleich ist Subotić sehr bissig darin, unsaubere, schlechtere Angriffswege des Gegners – wie lang gebolzte Bälle – mit Disziplin zu verteidigen. So sorgt er dafür, dass der Gegner seltener zu „leichten“ Toren kommt. Zufällig durchgerutschte Bälle, inkonsequente Klärungsaktionen und dergleichen sind bei einem formstarken Subotić die absolute Ausnahme. Das fällt nicht unbedingt auf – die Fehler bleiben ja aus –, ist in dieser Ausprägung aber eher selten anzutreffen. Gerade bei hohem Pressing der eigenen Mannschaft, gegen das Gegner dann häufig zu blinden Zufalls-bällen greifen, ist das ein wichtiger Faktor.

Auch Subotićs Strafraumverteidigung passt gut zur Pressingspielweise der Borussen. Zwar agiert Subotić im ganz klassischen, tiefen Verteidigen nicht immer so überragend, wie man anhand des Spielertyps meinen könnte. Durch seine Disziplin, Aufmerksamkeit und seine gute Körperkontrolle hat er jedoch eine sehr hohe Reichweite innerhalb des Strafraums. Dadurch kann er glücklich und unsauber durchgerutschte Attacken häufig noch entscheidend stören oder aufhalten. Bemerkenswert dabei sind Subotićs überaus präzise und gut gewählte Grätschen: Was bei vielen Spielern einen Risikofaktor darstellt, weil man sich unmobil macht und ein Foul riskiert, ist bei Subotić eine überaus zuverlässige letzte Waffe.

Strategisch sauber

Bei eigenem Ballbesitz personifiziert Subotić den Unterschied zwischen einem schwachen und einem unauffälligen Passgeber. Er spielt zwar häufig nur einfache Pässe, allerdings spielt er diese nicht aus Verlegenheit und mangelndem Spielverständnis. Die Bälle kommen nicht unklug oder zu früh, wodurch er Druck von sich auf seine Mitspieler abwälzt. Seine Passentscheidungen sind in den meisten Phasen vielmehr strategisch sauber. Er spielt die richtigen Bälle im richtigen Moment auf die richtige Weise.

Lediglich das aktive, kreative Ankurbeln des Spiels ist nur bedingt Subotićs Metier. Er kann zwar durchaus hin und wieder überraschend gute lange Bälle und Verlagerungen spielen, doch meistens sind die anspruchsvolleren Pässe eher inkonstant und zu unzuverlässig. Mit einem kleinräumigen Sechser vor sich und Mats Hummels neben sich ist das aber für das Mannschaftsgefüge meist ein vernachlässigbarer Aspekt. Wenn man dafür sorgen kann, dass die Spielmacher den Ball sauber bekommen, braucht man selbst kein Spielmacher zu sein.

SPIELERPORTRÄT


Mats Hummels

Mats Hummels ist der Prototyp des modernen, spielmachenden Innenverteidigers. Seine langen Verlagerungen und seine flachen „Laserpässe“ ins offensive Mittelfeld sind berühmt-berüchtigt. Zuweilen war er für die Offensive der Borussia so wichtig, dass gegnerische Trainer ihn in Manndeckung nehmen ließen.

Technisches Repertoire

Doch nicht nur in der Spieleröffnung hat Hummels viel Qualität, seine Technik macht ihn auch in höheren Zonen gefährlich. Beispielsweise ist er unheimlich erfolgsstabil darin, mit dem Ball ins Mittelfeld vorzustoßen. Selbst wenn er dabei in enge Situationen gerät, kann er sich mit viel individual-taktischem Geschick meist durchsetzen. Wenn es in Endphasen noch um etwas geht, dribbelt er zuweilen auch einfach bis an die Strafraumgrenze durch. Im Passspiel kann Hummels durch seine Außenristpässe mehr Winkel bedienen als andere Spieler und ist dadurch vielseitiger und überraschender. Immer wieder spielt er auch Bälle direkt hinter die letzte Linie und sammelt so sogar Assistpunkte von ganz hinten. Gerade gegen hochstehende Gegner ist diese Fähigkeit Gold wert. Hummels‘ technische Möglichkeiten sind aber auch nach Balleroberungen in Strafraumnähe hervorragend. Mit seinen Dribblingfähigkeiten kann er sich immer wieder gut gegen anstürmendes Gegenpressing zur Wehr setzen, selbst wenn er Bälle in unangenehmen Positionen – beispielsweise mit Blick zum eigenen Tor – gewinnt. Gelegentlich spielt er eroberte Bälle mit dem ersten Kontakt sogar direkt in die Angriffsreihe.

Der defensive Spielmacher

Doch auch im Verteidigen ist der spielmachende Innenverteidiger Hummels mehr Kreativspieler als Zerstörer. Sein Defensivspiel basiert ungewöhnlich stark auf dem Lesen des Spiels. Im hohen Pressing der Borussia verteidigt er häufig im mittleren Spielfelddrittel, und dazu passt, dass er stärker auf die Balleroberung aus ist als auf das Verteidigen in Richtung des eigenen Tores. Er liest die gegnerischen Angriffe, antizipiert die Spielzüge und rückt dann heraus, um den Ball zu erobern.

Im Eins-gegen-eins hat er eine eher untypische und risikoreiche Spielweise. Selten stellt er Gegenspieler bloß und wartet auf die gegnerische Bewegung, um dann zu reagieren. Gerade in Situationen, wo er keine Unterstützung mehr erwarten kann, sucht er stattdessen oft die Bewegung nach vorn in den Gegner hinein. Dabei ist er individualtaktisch sehr geschickt, kann den Ballführenden zu bestimmten Richtungswechseln verleiten und diese dann vorausschauend kontern. Wichtig dabei ist, dass er seine Körpergröße (beziehungsweise Beinlänge) geschickt einzusetzen weiß und daher eine große Reichweite im Zweikampf hat. So kann ein Offensivspieler trotz Hummels‘ eher schwachem Antritt kaum an ihm vorbeiziehen.

Selbst in der Strafraumverteidigung kommt Hummels mehr über geschickte Raumkontrolle als über brachiale Robustheit. Besonders stark ist er deshalb in komplizierten, unübersichtlichen Strafraumsituationen mit vielen Spielern vor dem Tor. In solchen Szenen positioniert er sich geschickt, um auf möglichst viele Optionen – Räume oder Gegenspieler – Zugriff zu haben. Wiederum hilft ihm seine individuelle Reichweite. So gelingen ihm gegen wild anstürmende Gegner viele Klärungsaktionen; ein Musterbeispiel dieser Fähigkeit war das Viertelfinale der WM 2014 gegen Frankreich.

Fehlende Bissigkeit in unsauberen Situationen

Der negativste Aspekt in Hummels Spiel ist genau das, was Subotić so unauffällig stark macht: die Disziplin im Absichern von Zufällen und Unsauberkeiten. Strukturierte Angriffe kann Hummels strukturiert stoppen, in unstrukturierten Situationen verlässt er sich aber hier und da zu sehr auf die Wahrscheinlichkeit. Phasenweise schleicht sich eine gewisse „Wird-schon-schiefgehen“-Mentalität ein, und Hummels verteidigt nicht mit letzter Bissigkeit. Ähnliches gilt auch für die Disziplin beim Herausrücken und in der anschließend folgenden Rückzugsbewegung. (Im Interview mit Spielverlagerung.de kritisierte er höchstselbst einmal, dass er zuweilen zu sehr auf die spektakuläre Balleroberung spekuliere.) Wenn solche Versuche ins Leere gehen, zieht er sich nämlich oft zu langsam in die Abwehr zurück.

Diese Probleme treten bei Hummels in manchen Phasen gebündelt auf, in anderen Phasen agiert er am mentalen Limit und dadurch sehr dominant und fehlerfrei. Es gibt wenige Spieler, bei denen man die Form so klar über mehrere Wochen aus ihrem Spiel abzulesen vermag. Doch selbst in seinen schwachen Phasen ist Hummels noch ein außergewöhnlich guter Verteidiger. In guter Verfassung gehört er zu den besten der Welt. Die Mischung aus Technik, Physis und Spielintelligenz ist in dieser Form weltweit vielleicht einzigartig. Klopp erkannte das früh.

Eine schwer zu schlagende Mannschaft dank Dominanz im Zentrum

Mit den neuen Pressingansätzen und dem talentierten „Kinderriegel“ standen die Borussen normalerweise gut gegen das gegnerische Aufbauspiel und konnten vom ersten Spieltag an ziemlich konstante Leistungen abrufen. Diese Konstanz war ein beeindruckender Fortschritt zur Vorsaison und sorgte für einen guten Einstand des neuen Trainergespanns. In der Hinrunde verloren die Borussen lediglich zwei Ligapartien, spielten siebenmal zu null und kassierten nur fünfmal mehr als ein Gegentor. Besonders gegen individuell unterlegene Gegner lieferte man viel zuverlässiger gute Ergebnisse ab. Durch die klare Pressingidee wurden diese Gegner sehr klein gehalten, und der Schlendrian der Vorsaison konnte sich nicht entwickeln. So waren die Borussen stets ein unangenehmer Gegner, der bald den Ruf der „schwer zu schlagenden Mannschaft“ genießen konnte.

Dieser Fortschritt hatte auch mit dem 4-3-1-2 zu tun, das ein „fieses System“ (Thomas Tuchel) ist: Durch die Überzahl im Zentrum waren die Dortmunder nicht wirklich zu dominieren. Auch an schlechten Tagen konnte der Gegner zumindest nicht aus den zentralen Räumen gefährlich werden, und so war stets eine Grundstabilität gegeben. Das ging zwar auf Kosten des Zugriffs auf dem Flügel, sorgte aber dafür, dass die Borussen fast immer eine Feldüberlegenheit auf ihrer Seite hatten. Für eine individuell eher durchschnittliche Mannschaft ist dies eine gute Ausgangslage, um zuverlässig zu punkten.

Spieleröffnung der Innenverteidiger

Auch nach vorne zeigten sich die Borussen konstanter als zuvor, was ebenfalls mit der Überzahl im Zentrum zu tun hatte. Während die Gegner fast nie kontrolliert in diesen Bereich kamen, baute der BVB meistens durch die Mitte auf. Subotić und Hummels untermauerten ihren Status als moderne Innenverteidiger und eröffneten die Angriffe sehr fokussiert. Dabei profitierten sie auch von den taktischen Schwächen der Liga: Gegen den Ball mitarbeitende Stürmer waren – wie bereits angedeutet – noch nicht an der Tagesordnung. So konnten Dortmunds Innenverteidiger die Bälle oftmals völlig ungestört ins Mittelfeld spielen, da die erste Pressinglinie der Konkurrenz keine Pressinglinie war, sondern eher eine Fahnenstangenlinie.

Im Mittelfeld sollte dann Hajnal freigespielt werden, der zum wichtigsten Akteur der Offensivbemühungen avancierte. Die guten Partien des BVB waren in dieser Phase auch stets die guten Partien von Hajnal. Mit Distanzschüssen, kurzen Dribblings und Schnittstellenpässen auf die Stürmer sorgte er für Gefahr in Strafraumnähe. Die zweite große Antriebsfeder war Błaszczykowski, der in den ersten Monaten unter Klopp wohl die beeindruckendste Phase seiner Karriere hatte, was sein rein individuelles Spiel angeht. Aus der Halbposition der Raute oder aus dem Sturm heraus brach er immer wieder auf den rechten Flügel aus und brachte Breite und Schnelligkeit in das 4-3-1-2. Seine Dribblings waren nach Petrićs Abgang die außergewöhnlichste Offensivqualität der Mannschaft. In den beiden Hinrunden-Spielen, die der BVB torlos bestritt, fehlte der Pole verletzt.

Probleme
Fehlende Durchschlagskraft

Ungeachtet der positiven Tendenzen lief nicht alles rund bei den Schwarzgelben. Die taktische Stabilisierung ging ein wenig auf Kosten der potenziellen Durchschlagskraft, die man aus der Vorsaison kannte, und spektakulärere Feuerwerke blieben aus. Nur sechsmal schossen die Borussen mehr als ein Tor. Auch deswegen stellte sich zunehmend das 1:1 als Standardergebnis ein. Bis in den Frühling 2009 spielten die Dortmunder konstant in etwa der Hälfte ihrer Spiele unentschieden.

Die fehlende Durchschlagskraft hatte verschiedene Gründe. In erster Linie war der BVB im Vergleich zur Konkurrenz zu diesem Zeitpunkt individuell nicht außergewöhnlich gut besetzt. Das galt besonders im Sturm, wo Valdez und Zidan lange Zeit vor dem unfitten Frei gesetzt waren. Valdez ist bei aller Einsatzfreude kein Spieler für die individuellen Glanzmomente, sondern eher eine Beschäftigungstherapie für die gegnerische Viererkette. Zidan kam verunsichert aus Hamburg und ist auch ohne Formprobleme mit seinen Risikodribblings und der unsauberen, aber potenziell spektakulären Schusstechnik ein unkonstanter Spieler. Teilzeit-Stürmer Błaszczykowski wirbelte zwar viel, strahlte jedoch nur wenig Torgefahr aus. Folglich war die vordere Reihe der Borussen in den meisten Partien nur mittelmäßig.

Hinzu kamen systemische Faktoren, die die fehlende individuelle Brillanz in der Spitze noch unterstrichen. Ähnlich wie gegen den Ball hatten die Borussen auch im Angriffsspiel Probleme mit der Breite. Die Außenverteidiger hielten sich eher zurück und stießen erst nach, wenn man sich weiter vorne festgesetzt hatte. So liefen die Dortmunder zwar konstruktiv durchs Zentrum vorwärts, die Angriffe endeten aber oft in recht engen Situationen. Da es im Kader auch nicht gerade vor Kombinations- und Nadelspielern wimmelte, tat sich die Mannschaft schwer. Hajnal war diesbezüglich zu sehr auf sich allein gestellt.

Die Alternativen auf den Halbpositionen waren limitiert. Obwohl die Akteure auf diesen Positionen durchaus aktiv nach vorne arbeiteten und der BVB oft in einer 4-1-3-2-Charakteristik angriff, brachten sie ihrem Naturell entsprechend nur selten Breite ins Spiel. Florian Kringe belebte den linken Flügel vereinzelt, doch fehlte ihm in seinen Offensivaktionen die Konstanz. Er brachte zwar ein vielfältiges Fähigkeitsprofil ein, allerdings befand er sich bei Distanzschüssen, Flanken und Dribblings nicht auf allerhöchstem Niveau, während ihm die Kreativität im Passspiel etwas abging. Tinga wiederum rückte eher zentral auf. Der Brasilianer machte zwar leidenschaftlich und zuverlässig Druck, doch auch ihm fehlte die kreative Komponente. Kevin-Prince Boateng kam auf Leihbasis in der Winterpause, um dieses Problem zu beheben, doch fand er wegen Rotsperren und Verletzungen keinen Rhythmus – nur fünfmal stand der talentierte Allrounder in der Startelf.

Alles in allem versuchten die Dortmunder stets viel nach vorne, doch produzierten sie dabei auch eine Menge Ausschuss. Durch die konstante Offensivpräsenz kamen sie indessen zu zahlreichen Standardsituationen. Hier konnten die Innenverteidiger ihre Kopfballstärke einbringen, und vor allem in den ersten Monaten von Klopps Amtszeit gehörten Ecken zu den wichtigsten Waffen. Im Laufe der Hinrunde verloren sie jedoch an Effektivität, da sich die Gegner zunehmend auf die bekannte Stärke einstellten.

Viele Unentschieden durch Schwächen im Umschaltspiel

Hinzu kam ein Problem, welches rückblickend vielleicht etwas grotesk erscheint: Die Dortmunder waren keine gute Kontermannschaft. Durch die Zweistufigkeit des Pressings eroberten sie kaum Bälle im Mittelfeld. Aufgrund der tiefen Rolle Hajnals im Abwehrpressing fehlte ihnen in diesen Situationen der Umschaltspieler, und auch die Stürmer positionierten sich nicht vorausschauend für den Moment der Balleroberung – oft standen sie ungestaffelt auf einer Höhe, ohne Bewegungen in Freiräume. Den Kontern ging zuweilen auch die Struktur ab, was die Einzelspieler selten auffangen konnten. Besonders die hektischeren Akteure (Valdez, Tinga) würgten viele erfolgversprechende Umschaltsituationen mit schlechten Entscheidungen ab.

Dieses Defizit trug mit dazu bei, dass Dortmund in der Saison 2008/09 so oft unentschieden spielte. Es erlaubte den Gegnern ein recht risikofreies Aufrücken, wenn in der Endphase noch Ergebnisse erzwungen werden mussten. Fast nie konnte der BVB in diesen Spielphasen noch einmal nachlegen und „den Sack zumachen“. Stattdessen wurden viele Führungen verspielt. Auf der anderen Seite war der BVB nicht mehr so sehr zum Einsatz der Brechstange befähigt wie in der Vorsaison und erzielte wenige späte Tore. Neben den individuellen Defiziten lag das auch am eigenen Anspruch: Ein Unentschieden war zu diesem Zeitpunkt durchaus ein Ergebnis, mit dem die Dortmunder zufrieden waren. Anders als heute konnten sie außerdem ein hohes Aufrücken noch nicht so gut über ihr Gegenpressing auffangen – das gab es nämlich noch nicht in dieser Form.

Konteranfälligkeit in den Halbräumen

Nach Ballverlusten setzten die leidenschaftlichen Borussen zwar intuitiv nach, teilweise auch in kleiner Gruppe und nicht nur individuell, jedoch noch nicht kollektiv. Besonders Ballverluste in den Halbräumen konnten dadurch zum Problem werden, da diese in der 4-1-3-2-Rollenverteilung nicht gut abgesichert waren. Während die Flügel sich wegen der Ausrichtung der Außenverteidiger selten öffneten, ergaben sich zwischen Flügel und dem alleinigen Sechser durchaus Lücken. Diese Schwäche wurde allerdings dadurch relativiert, dass die Gegner sie nur selten ausnutzen konnten. Viele Mannschaften in der Bundesliga setzten noch auf Systeme mit zwei Stürmern und nutzten viele lange Bälle. Diese konnten von der Viererkette und dem alleinigen Sechser gut kontrolliert werden. Schnelles, flaches und breit angelegtes Konterspiel sollte erst in den folgenden Jahren zum Bundesliga-Trend werden.

Einer der größten Trendsetter diesbezüglich war die frisch aufgestiegene TSG 1899 Hoffenheim, die unter Ralf Rangnick ein sehr schnelles Konterspiel mit drei Spitzen praktizierte. Es überrascht daher nicht, dass die Borussen gegen den späteren Herbstmeister die höchste Niederlage der Hinrunde kassierten, ein desaströses 1:4. In dieser Partie lief allerdings auch eine B-Elf auf, da die erste Wahl zum Teil für die Qualifikation zur Gruppenphase des UEFA-Pokals geschont wurde. Auch dort trat man gegen eine schnell umschaltende Mannschaft mit drei Spitzen an – nämlich Udinese Calcio – und kassierte im Hinspiel zwei frühe Gegentreffer. Diese konnten im Rückspiel noch egalisiert werden, doch im Elfmeterschießen unterlag man den Italienern letztlich und schied aus. Dieses Scheitern auf internationaler Bühne sollte sich noch drei weitere Jahre durch die Dortmunder Leistungsbilanz ziehen – auch wenn die Gründe jeweils andere waren.

Vertragsverlängerung in der Ergebniskrise

Trotz insgesamt guter Basis und großer Fortschritte im taktischen Verhalten waren also einige Probleme auszumachen. Das Dortmunder Trainergespann erkannte diese und arbeitete daran. Besonders in der Winterpause und den folgenden Wochen gab es Fortschritte zu beobachten, das System wurde balancierter und flexibler. Dennoch startete die Borussia mit oberflächlich gesehen schwachen Ergebnissen in die Rückrunde, zumal die größten Änderungen erst mit Verzögerung griffen. Als Folge diverser Formschwankungen, Verletzungsproblemchen, des Spielplans und der weiterhin teilweise fehlenden Durchschlagskraft gab es keinen Sieg aus den ersten sieben Spielen nach der Winterpause. Dabei hatte man es allerdings mit sechs Gegnern zu tun gehabt, die später in der ersten Tabellenhälfte landeten, und erreichte dabei dennoch fünf Unentschieden. Nur gegen Bayern (am Ende Tabellenzweiter) und Stuttgart (Dritter) verlor man.

Indes führten die gute Hinrunde und die spielerischen Fortschritte dazu, dass Dortmunds Veranwortliche trotz der Serie siegloser Spiele weiterhin überzeugt waren von Jürgen Klopp und seinem fußballerischen Konzept. So wurde zwei Tage nach dem siebten Rückrundenspiel gar eine Vertragsverlängerung des Trainerteams bekannt gegeben. Im Anschluss daran gab es dann sieben Siege in Folge. Über den Einfluss der Vertragsverlängerung lässt sich dabei nur spekulieren. Wesentlicher dürfte das eindrückliche 4:4 zwei Tage zuvor gewesen sein, als man in Hannover gleich zweimal einen Zwei-Tore-Vorsprung verspielte. Anschließend wirkten die Dortmunder wie angestachelt von diesem bitteren Spielverlauf. Jedenfalls agierten sie zielstrebiger und klarer im gruppentaktischen Ausspielen der Angriffssituationen und entwickelten in den folgenden Wochen mehr Dominanz und Durchschlagskraft.

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Дата выхода на Литрес:
12 декабря 2025
Объем:
345 стр. 93 иллюстрации
ISBN:
9783730703076
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