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DAS BUCH DES
KURFÜRSTEN

Historischer Roman
von
Marlene Klaus

Für Tone,
wo immer du sein magst.
Ich hoffe,
du singst und trommelst
noch immer.
Und für Kutira,
deine visionäre Kraft
schürte den Mut
zum Anfangen.

Martini 1595

Eins
Der Schnee kam früh in diesem Jahr.
Hedwig erlaubte sich, einen Augenblick innezuhalten und sah aus dem Fenster. Es schneite große Flocken. Zielsicher strömten sie zu Boden, stetig und eilig wie die Vorüberhastenden unten auf der dämmrigen Hauptstraße. Ein weißer Flaum legte sich auf Baretts und Schauben, auf Simse und Dächer Heidelbergs.
Wie sie es liebte, so weit über allem zu stehen und hinunterzuschauen. Dabei befand sie sich erst im zweiten Obergeschoss des großen Hauses. Drei Stockwerke gab es noch über diesem. Gleichwohl, sie sollte mit ihrer Arbeit fortfahren. Sie warf einen letzten Blick hinunter, sah vereinzelt Laternenlichter huschen, da zuckte sie jäh zusammen und trat einen Schritt vom Fenster zurück.
Da war er wieder! Nicht mehr als ein Schemen im treibenden Schnee. Oder täuschte sie sich? Nein, drüben harrte er reglos in einer Mauernische der Heiliggeistkirche. Eingehüllt in einen dunklen Umhang, die schneebedeckte Kapuze tief ins Gesicht gezogen, nicht anders als die meisten Menschen in dieser Jahreszeit, dennoch auf besondere Weise eigentümlich, ohne dass sie hätte sagen können, woran das lag. Sie meinte, ihn schon öfter gesehen zu haben, und er war ihr unheimlich. Er war wie unsichtbar und doch da.
Was wollte er? Spähte er das Haus ihrer Herrschaft aus? Hedwig sah sich in dem großen Wohnraum um. Alles hier war so wunderbar gestaltet und kostbar. Wollte er die Beliers ausrauben? Sollte sie Herrn Belier ihre Beobachtung mitteilen? Sie schaute noch einmal hinunter – er war weg! Vielleicht hatte er auf jemanden gewartet? Ach, sicher täuschte sie sich. Heidelberg quoll ja über von Menschen aller Art. Sie durfte nicht so misstrauisch sein. Zudem war das Haus ihrer Herrschaft stattlich und sicher. Sämtliche Türeinfassungen waren nicht nur aus Stein, sondern auch mit rankendem Grün ummalt. Im gesamten Haus roch es auch drei Jahre nach dem Neubau noch immer nach frischem Holz, Stein und Farbe. Es war prachtvoll! Abermals spürte sie Stolz. Sie hätte Philipp wieder und wieder dafür küssen mögen, dass er ihr diese Anstellung verschafft hatte. Bereits vor einem Jahr hatte er beim Tuchhändler Belier vorgesprochen und um eine Stellung für sein zukünftiges Weib gebeten. Mit einem Empfehlungsschreiben seiner kurfürstlichen Gnaden, denn es war unüblich für eine verheiratete Hausfrau, als Magd zu arbeiten. Kurz vor ihrer Hochzeit im vergangenen Februar war sie dann mit ihrem Vater hier gewesen, um die Anstellung fest zu verabreden. Denn da hatte auch er längst begriffen, dass nichts sie und Philipp davon abbringen würde, sich an ihrem sechzehnten Geburtstag zu vermählen. Sie hatten Ziele. Ebenso sehr wie Philipp sich gewünscht hatte, Knecht in der kurfürstlichen Kanzlei zu sein, war es ihr Wunsch gewesen, in einem guten Haus in Heidelberg Arbeit zu finden. Sie würden ihr Leben gemeinsam aufbauen. Eines Tages ein Gärtchen besitzen, Ziegen, Gänse. Da musste man gut zusammen wirtschaften. Dafür hatte sie ihre anfängliche Unsicherheit wegen ihrer Herrschaft in Kauf genommen. Beliers waren Wallonen. Inzwischen wusste sie: Sie hätte es nicht besser treffen können. Fremde hin oder her, Beliers waren nicht nur wohlhabend, sondern auch wohlwollend und großmütig. Als sie vor vier Monaten mit ihrer Tochter Juli niedergekommen war, durfte sie nicht nur die üblichen sechs Wochen zu Hause bleiben, sondern sieben. Und ihre Herrschaft hatte nichts dagegen gehabt, dass sie ihr Töchterchen mit hierher brachte, solange sie in der Küche unter der Aufsicht der Köchin schlief und Hedwig nicht an ihrer Pflichterfüllung hinderte. Ja, in diesem Hause wehte ein angenehmer Geist. Beliers waren vor vielen Jahren des Glaubens wegen aus Tournai weggegangen und zunächst nach Frankfurt gezogen, bevor sie sich in Heidelberg niederließen. Mit Unterstützung des jungen Kurfürsten, wie Madame immer wieder betonte. Die Familie stand gut mit dem Hof. Dass der Herr Tuchhändler da nicht Nein sagte, als der Kanzleiverwandte Philipp Eichhorn mit einem Empfehlungsschreiben von Kurfürst Friedrich um eine Stellung für sein Eheweib bat, lag auf der Hand. Seine Teller füllten sich nicht zuletzt durch Bestellungen kostbarer Tuche, wenn die Hofkleidung der kurfürstlichen Kammerjungen und Lakaien oder die Röcke der Trabanten und Soldaten neu gefertigt werden sollten. Kurfürst Friedrich war den Beliers teuer – verständlicherweise. Und so hatte Hedwig vor neun Monaten, kurz nach ihrer Hochzeit, ihre Stellung als Magd angetreten. Ach, es war, wie sie und Philipp es sich gewünscht hatten.
Trompetenschall ließ Hedwig zusammenschrecken. Der Turmbläser. Vier Uhr. Es dunkelte bereits. Die Glocken von Heiliggeist ertönten, kündeten vom Schließen der Stadttore, läuteten den Abend ein. Hedwig warf einen Blick durch den behaglichen Raum. Ja, alles war gerichtet, alles an seinem Platz.
Hedwig strich im Hinausgehen über den Samtbezug eines Sessels. Es war angenehm, in einem solchen Sessel zu sitzen, zweimal hatte sie nicht widerstehen können und es ausprobiert. Sie betrat das Zimmer, das zur rückwärtigen Seite auf den Hof hinausging. In diesem Raum standen zierliche Tische und Stühle, man spielte abends Schach oder Karten an ihnen. Von hier aus gelangte man in den Vorraum, in dem es den Kamin gab. Hedwig hatte diesen, sowie jenen im darunterliegenden Stockwerk, vor zwei Stunden entzündet, sie musste nun nachlegen und das Feuer im Auge behalten. Sie ging in die Hocke, um die Holzscheite mit dem Schürhaken zurechtzuschieben, als sie auf der Wendeltreppe hinter sich im Treppenturm Schritte vernahm. Sie verharrte. Dann erkannte sie am Klirren des Schlüsselbunds Madame Belier. Ihre Röcke raschelten über die Steinstufen, Hedwig erhob sich und drehte sich um. Madame stand in der Tür zum Vorraum.
„Sind alle Fenster geschlossen?“
„Ja, Herrin.“
„Das Wasser für die Fußwäsche gerichtet und die Nachttöpfe verteilt?“
„Ja, Madame Belier.“
Das abendliche Abfragen, bevor sie nach Hause gehen konnte, war Hedwig inzwischen so vertraut wie das Wippen von Madames großen rotblonden Locken, wenn sie nickte. Munter umschaukelte Frau Beliers Haar ihr Doppelkinn und die Halskrause. „Lege zwei Scheite nach, dann gehe hinunter. Herr Belier wird die Löhne vor dem Abendgebet auszahlen.“
Martinstag! Ihr erster Lohn! Da sie noch kein volles Jahr bei Beliers arbeitete, bekam sie heute nur vier statt fünf Gulden. Doch die würde sie Philipp später am Abend stolz vorzählen. Ihm die zehn Ellen Tuch unterbreiten, das Paar Schuhe, das erste von dreien, das einen Teil ihres Lohnes ausmachte. Sie freute sich schon jetzt auf sein Lächeln. Sie würde sich auf seinen Schoß setzen und ihm sagen, er könne künftig darauf verzichten, sie wegen jeder kleinen Ausgabe zu tadeln – sie verdiente jetzt schließlich ihr eigenes Geld. Wie griesgrämig er manchmal sein konnte. Tand nannte er die kleinen Dinge, die sie erwarb, schalt sie verschwendungssüchtig. Dabei war sie das keinesfalls! Aber in der Stadt gab es so viel Verlockendes zu sehen. Beutler, Nestler, Krämer, Gürtler, Goldschmiede – das alles kannte sie von ihrem Heimatdorf Reilingen nicht. Und sie kaufte manches doch nur, um ihre Wohnung behaglich zu gestalten. Einen tönernen Kerzenständer etwa, obwohl sie kaum Kerzen benutzten, denn die waren teuer. Ein farbenfrohes Tuch, um Juli darin einzuwickeln. Es gefiel ihr, und sie tat es doch für ihre kleine Familie. Wenn sie ihm dies vorhielt, grummelte er meist noch ein wenig – und beruhigte sich wieder.
Madame Belier zog sich in den großen Wohnraum zurück, ihr faltig gereihter Rock schwang und schabte am Türrahmen. Hedwig legte Holz nach und betrat schließlich den kleinen turmartigen Anbau mit der Wendeltreppe, die alle Stockwerke bis zum untersten Giebelgeschoss miteinander verband. Sie stieg hinunter, die Hand tastend am Mauerwerk streichend, denn im Turm war es inzwischen dunkel. Sie erreichte das erste Obergeschoss. Der Vorraum war mit Steinfliesen ausgelegt. Er erstreckte sich über die ganze Breite der Hoffront, und Hedwig erkannte am gelblichen Flackern, das durch das Fenster hereinfiel, dass unten im Hof bereits die Fackeln brannten. Auch hier legte sie Holz im Kamin nach, entzündete einen Kienspan an einem brennenden Scheit und hielt ihn an den Docht der großen Hauskerze, die auf einer Gipssäule stand. Zufrieden blickte sie umher. Gleich würden sich die Beliers mit dem Gesinde in diesem schmucken Vorraum versammeln. Herr Belier würde die Löhne auszahlen und das Abendgebet mit den Seinen sprechen. Hier, wo die prunkvollsten Räume der Familie lagen, hier, wo sonst nur Handelsvertreter, Hofangestellte, Geldgeber und Gäste empfangen wurden.
Hedwig überlegte, ob die Zeit wohl noch reichte, um einen Blick auf Juli zu werfen, als sie hastiges Trappeln auf der Wendeltreppe hörte. Unwillkürlich schmunzelte sie. Das konnte nur eine sein. Und richtig, Appel, ebenfalls Magd im Hause Belier, schnellte durch die Tür, ihre kleinen schwarzen Locken wirbelten um ihren Kopf. Sie brachte kalte Luft mit herein. Ihre Miene hellte sich auf, als sie Hedwig sah, die Wangen gerötet vom Laufen und der Erregung. Sie drehte sich um sich selbst, griff nach den Enden ihres wollenen Umhangtuches und schwang es mit ausgestreckten Armen über dem Kopf. Sie lachte und summte. Dann hielt sie inne und blitzte Hedwig mit ihren großen schwarzen Augen an.
Hedwig verschränkte die Arme vor der Brust und unterdrückte das Grinsen.
Appel stapfte trotzig mit dem Fuß auf. „Nun frag schon!“, befahl sie.
Hedwig zog spöttisch die Augenbrauen hoch. „Welcher also?“
Wieder stapfte Appel mit dem Fuß. „Dummes, niederträchtiges Weib! Nicht welcher! Wann!“
„Also gut. Wann triffst du welchen deiner unzähligen Verehrer?“
„Oh du Schändliche! Da eile ich mich, um es dir zu erzählen, bevor du nach Hause gehst, und du, du hast nichts Besseres im Sinn, als mich zu … zu …“
„Zu?“
„Zu beleidigen!“
„Aber Appel! Jeden Tag nennst du mir einen anderen Namen, wie soll ich mir die alle merken?“ Vorsichtshalber duckte sie sich. Und richtig, in gespieltem Zorn ließ Appel das Umhangtuch in Hedwigs Richtung schwingen.
„Ach du!“, schmollte ihre Kollegin.
Hedwig betrachtete sie. Appel war schön. Auch wenn sie selbst mit ihrem dunkelbraunen Haar und den blauen Augen nicht unansehnlich war, so kam sie nicht gegen Appels milchweiße Wangen an und deren schwarze Augen, die Unschuld und Versprechen zugleich waren. Hedwig lächelte. Appel tändelte sowohl mit Bäcker Henrichs Lehrling als auch mit Timotheus, dem vierzehnjährigen Lehrjungen des Hauses Belier. Sogar dem Gesellen Meinrad Lücke machte sie schöne Augen. Und wer wusste, wem sonst noch. Sie setzte sich damit gewitzt über das eine oder andere Gebot des Herrn Belier hinweg. Aber Appel strahlte dabei so viel Leben aus, so viel Schalkhaftigkeit. Hedwig hatte die ein Jahr ältere Kollegin gern. „Nun sag schon“, lachte sie daher.
„Adam hat mich gefragt!“, strahlte Appel.
„Adam?“
„Ach Hedwig, du vergisst ja wirklich alles! Adam! Goldschmied Adelmanns Lehrling!“
„Ach der.“
Appel drehte sich erneut um sich selbst. „Er hat mich gefragt, ob ich übermorgen den Einmarsch des Tataren mit ihm zusammen anschauen will!“ Ein holdseliges Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
„So, wie du aussiehst, hast du Ja gesagt, was?“
Appel erwiderte, indem sie den Kopf wie in schüchterner Ablehnung neigte und den Busen vorschob: „Aber selbstverständlich! Was denkst du denn?!“
Hedwig wollte fragen, ob Appel um Erlaubnis gebeten hatte, heute Abend ausgehen zu dürfen, als Schritte im Treppenturm das Herannahen der anderen Hausmitglieder ankündigten. So raunte sie ihr nur rasch zu: „Dann nimm dich bloß vor den Mahnreden des Paterfamilias in Acht!“ Sie betonte das Wort verschwörerisch. Charles Belier wurde nämlich nicht müde, Appel vorzuhalten, was geziemendes Verhalten sei, und beim täglichen Abendgebet verurteilte er leichtsinnige Reden und Taten und blickte diese dabei besonders streng an. Hedwig wusste dies nur, weil Appel es ihr erzählt hatte. Sie selbst musste nicht mit der Familie Belier beten. Man ging davon aus, dass ihr Eheherr diese Pflicht zu Hause erfüllte und abendlich aus dem Katechismus vorlas.
Herr Belier betrat den Vorraum, gefolgt von Wittib Zwengel, der Kinderfrau, und den Kindern Daniel und Susanna. Zuletzt folgte Margret, die fünfzehnjährige Küchenhilfe.
Charles Belier war ein Mann in seinen besten Jahren. Ein gebildeter, die Schönheit liebender und in edle Stoffe gewandeter Kaufherr mit einer lustigen Färbung in der Sprache, die Hedwig gefiel.
„Liebe ’ausverwandte“, hob er mit seiner ruhigen Stimme an, „bevor wir dem ’errn für geistige Führung danken und seinen göttlichen Schutz vor nächtlichen Übeln erflehen, gebietet die Sitte des ’eutigen Tages, dass ihr für eure Dienste entlohnt werdet.“
Hedwig mochte, wie er die H’s verschluckte. Wenn er mit ihr sprach, hoffte sie, er möge ihren Namen aussprechen und Wörter mit vielen H’s verwenden. Sie fand es erstaunlich, eine fremde Sprache zu beherrschen und bewunderte Familie Belier dafür, dass sie die ihre aufgegeben und das Deutsche gelernt hatten. Sie schnappte einiges an Wörtern in dem Handelshaus auf, in dem Käufer und Freunde aus dem gesamten Reich, aus Italien, England oder Polen ein und aus gingen.
Herr Belier räusperte sich und blickte Hilfe suchend zum Treppenturm. Da das Kommen seines Eheweibs nicht zu hören war, wandte er sich an Hedwig. „’edwig, du bekommst als Erste deinen Lohn. Schicke Frau Spahr ’erauf, sobald du dein Töchter geholt ’ast.“
„Ja, Herr Belier.“
„Und Velten soll sich eilen, sobald er ’inter dir abgeschlossen ’at.“
„Gewiss, Herr Belier.“
Ein seltsamer Augenblick des Schweigens entstand, in dem Hedwig der unheimliche Schemen einfiel und sie sich erneut fragte, ob sie Herrn Belier warnen sollte. Aber wovor eigentlich? Vor einer dunklen Ahnung, die sie beim Anblick eines wartenden Mannes befallen hatte?
Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, hastige von unten, vom Rascheln des Rockes begleitete, und deutlich gemächlichere von oben. Ein freundlicher Wortwechsel, dann betrat Madame Belier den Vorraum, gefolgt von Meinrad Lücke, dem Gesellen, welcher der Hausherrin den Vortritt gelassen und ihr offenbar auch die Kiste abgenommen hatte, die er wie eine Jagdbeute hinter ihr hertrug. Auf seinem gefütterten violetten Wams schmolzen Schneeflocken, er brachte einen kalten Windhauch mit herein. Er stellte die Kiste neben Frau Belier auf dem Boden ab, rieb die Handflächen aneinander, äugte dankbar zum Kamin und reihte sich schließlich bei den Kindern ein. Wie jeden Abend hatte er zusammen mit Velten, dem Knecht, und dem Lehrjungen Timotheus die Läden und Türen in den Verkaufsräumen im Erdgeschoss verschlossen. Das quietschende Klirren, Rasseln und Scheppern war dumpf bis nach oben gedrungen.
Frau Belier stand neben ihrem Eheherrn. Sie sah eindrucksvoll aus in ihrer braunen Schoßjacke mit den gepufften Ärmeln und mit dieser ausladenden Hüfte unter dem Hüftpolster, an der der riesige Schlüsselbund im Kaminfeuerschein glänzte. Sie war füllig, hatte gerötete, volle Wangen und strahlte jene stolze Zufriedenheit aus, die eines erfolgreichen Bürgers Eheweib wohl anstand. Sie öffnete den großen Leinenbeutel, den sie an einer Schnur am Arm getragen hatte.
Es klimperte, als Herr Belier den großen Lederbeutel von seinem Gürtel nahm, um die Gulden herauszuzählen. „’edwig“, sagte er und winkte sie zu sich.
Hedwig trat vor und nahm die Münzen in Empfang. Madame zog ein Paar Halbstiefel aus dem Leinenbeutel und gab sie ihr. Hedwig wurde vor Freude rot. Es waren schöne Stiefel aus Rindsleder, dunkelbraun, und sie hatten einen breiten Schaft. Madame beugte sich hinunter, öffnete die Kiste und entnahm ihr ein Bündel. Wie Hedwig von Appel und Frau Spahr wusste, pflegte Madame Belier die zehn Ellen Tuch in übrig gebliebene Tuchreste zu packen und mit einer Schnur zu umwickeln, sodass sie getragen werden konnten. Das Bündel, das Madame Hedwig reichte, war in wollfarbenes Leinen gewickelt. Letztlich war dies eine Dreingabe, denn aus diesen Resten ließ sich noch immer etwas fertigen, und wenn es eine Windel für Juli war. Hedwig knickste ehrerbietig. „Danke, Herr Belier. Danke, Frau Belier.“
„Gute Nacht, Hedwig, gehab dich wohl.“
Hedwig verabschiedete sich und ging die Stufen hinunter. Um im Dunkeln nicht zu stürzen, musste sie langsamer gehen, als ihr lieb war. Unten angekommen trat sie in den Hofraum, wandte sich nach rechts, wo an den Treppenturm eine Küche aus Stein angebaut war. Lächelnd öffnete sie die Tür und wurde sofort von Wärme und dem Geruch von Holzfeuer und frisch gebackenem Brot empfangen. Und vom freundlichen Lächeln Frau Spahrs. Die Köchin stand am großen Holztisch in der Mitte des niedrigen Raumes und richtete Äpfel, Birnen und Karottenstücke in einer Schale.
„War sie brav?“
„Aber ja, das war sie. Sie ist es immer.“
Hedwig hörte an Frau Spahrs Ton, dass deren Lächeln noch breiter geworden war. Augen indes hatte sie nur für das Weidekörbchen, das links neben dem Herd stand. Im Nu war sie dort und äugte hinein. Wärme kroch ihr vom Bauch in die Brust und weiter hinauf bis in die Wangen. Ihre Tochter!
„Sie schläft, oder?“, fragte Frau Spahr herzlich.
„Ja, das tut sie.“
Hedwig wandte sich zum Tisch und hielt Frau Spahr stolz Stiefel und Bündel hin.
„Fein gearbeitet, da lassen sie sich nicht lumpen“, bemerkte die Köchin anerkennend. Sie deckte die Schale mit den Früchten und die Teller, auf denen sie Brot und Käse für das Nachtmahl der Familie gerichtet hatte, mit einem weißen Leinentuch ab. Während sie sich daranmachte, alles in einen großen Henkelkorb zu packen, sagte sie: „Ist ja heute wieder zugegangen wie im Taubenschlag. Was für ein Haus!“ Sie lachte, und das klang zufrieden. „Lieferung neuer Tuche, das Rumpeln der Fässer, die ausgefrorenen Fuhrleute, die auf einen Becher Würzwein in die Küche kommen. Ich sag dir, fehlte bloß noch unser Fürst höchstselbst.“
Frau Spahrs Stolz, zu einem solchen Haus zu gehören, sprach aus jedem ihrer Worte, und Hedwig, die ihr dies nachempfinden konnte, lächelte sie an. „Ja“, stimmte sie zu, „ein Umtrieb ist das stets.“
„Na, ich bin’s froh, meine müden Knochen bald aufs Lager strecken zu können. Nun spute dich, damit ich nach oben kann.“
Auch Velten wartete, sicher, dass sie käme, um hinter ihr abzuschließen. Sie band die lange weiße Schürze ab und hängte sie an den Haken an der Wand. Dann schälte sie Juli vorsichtig aus dem Körbchen, hüllte sie in das Wolltuch, das an einem weiteren Haken neben ihrem eigenen Mantel hing. Nachdem sie diesen angezogen hatte, hob sie Juli mit Frau Spahrs Hilfe in das Tragetuch und wickelte noch das Schaffell darum. Ihre Tochter auf dem Bauch, das Tuchbündel und die Stiefel in der Hand, verabschiedete sie sich von der Köchin.
„Bis morgen!“, rief diese und schloss die Küchentür hinter ihr.
Hedwig überquerte den großen, fast quadratischen Hof, an dessen östlicher Mauer zwei Fackeln in Halterungen flackerten. Sie bog nach links und betrat das lange, schmale Hofgelände, das zur Straße führte und an dessen Ende sich das Eingangsportal befand. Dort standen Velten und Timotheus und – wer noch? Kurz erschrak sie, ob es sich wohl um den seltsamen Unbekannten handelte. Knecht und Lehrling hatten die Fackeln, die diesen Teil des Hofes erhellten, aus den Halterungen genommen und hielten sie in der Hand. Beide wandten ihr den Rücken zu. Sie kam näher und sah im Fackelschein einen jungen Mann mit schmalem, blassem Gesicht. Er war barhäuptig, hatte kinnlanges schwarzes Haar und war gänzlich in Schwarz gewandet. Zu seinen Füßen lag ein schwarzer Ledersack. In einem seltsamen Singsang sprach er auf die beiden jungen Männer ein, dann bemerkte er Hedwig.
Velten und Timotheus drehten sich zu ihr um, und der Fremde hob den Arm, ein Lächeln huschte über seine hohlen Wangen. Er rief über die Köpfe der beiden vor ihm Stehenden hinweg: „Jungfer, seid gegrüßt! Sankt Martin ist ein harter Mann für den, der nicht bezahlen kann. Wollt Ihr so gütig sein und von einem Reisenden am Tag seines Schutzpatrons erwerben eine Heiltinktur? Geweihtes Öl vom Grab des heiligen Martin? Auch Räucherwerk und allerlei Würzereien ich habe anzubieten, die sorgen für gesunden Schlaf und gute Träume.“ Er lächelte gewinnend. „Hat Martini weißen Bart, wird der Winter lang und hart. Da solltet Ihr sein gewappnet und mein Wundermittel gegen Gelenkschmerzen im Haus haben, auch wenn Ihr – hold und jugendlich wie die aufgehende Sonne – von derlei Gebrechen sicher nicht heimgesucht werdet. Ich hoffe, Ihr habt mehr Einsehen als diese beiden Sturköpfe hier.“
Der Redeschwall war mit atemlosem Eifer auf sie niedergegangen. Die Stimme des Unbekannten hatte einen seltsamen Beiklang. Englisch?
„Nichts da, wir brauchen nichts!“, besann sich Velten auf seine Pflichten. „Raus hier!“ Unsanft stieß er den Fremden zum Portal. Der klaubte seinen Sack vom Boden und rief über die Schulter: „Möge der Herr Euch schenken einen friedvollen Schlaf!“
Dann verschlang ihn die Dunkelheit jenseits des Hofportals.
„Nichts für ungut, Hedwig, der schwatzte uns ganz dumm mit seinen Wundermittelchen.“
„Vielleicht wartet Ihr besser einen Augenblick, ehe Ihr geht, Frau Eichhorn“, zeigte Timotheus sich besorgt. „Soll ich nachschauen, ob er auch wirklich fort ist?“
Hedwig war der Fremde zwar harmlos erschienen – doch jener andere fiel ihr erneut ein, also machte sie eine zustimmende Geste, und der Lehrjunge, stolz, ihr behilflich sein zu können, wuselte durchs Tor.
Drei Herzschläge drauf war er wieder da, hob die Schultern und sagte: „Keine Spur mehr von ihm! Ihr seid sicher.“
Woraufhin sie den beiden eine gute Nacht wünschte und hinaus auf die Straße trat.
Zwei
Philipp sah nach rechts und links in die Obere Kalte Talgasse, während er darauf wartete, dass Sekretarius Kolb die Stufen hinabging. Kalte Luft wehte in den Vorraum der kurfürstlichen Kanzlei am Schlossberg. Glaslaternen hingen von der Decke und sorgten für Licht. Draußen dämmerte es, vor Kurzem hatte der Turmbläser vom Jakobstor zum Beginn der Nacht geblasen.
Die Dächer der beiden gegenüberliegenden Scheunen waren weiß bepudert, es schneite. Eine Schneeflocke ließ sich auf Philipps Nase nieder, er fuhr mit dem Handrücken drüber, um die Nässe wegzuwischen.
Kolb stapfte Richtung Kanzleigasse davon, und Philipp betrachtete dessen Fußspuren auf den drei Stufen vor sich. Ob es nötig wäre, die Treppe zu fegen, damit niemand stürzte? Er würde den Kollegen Hans darum bitten. Er selbst musste die Zollzeichen fertig machen.
Er war im Begriff, die Tür zu schließen, als ihm eine schwarz vermummte Gestalt auffiel, die ebenfalls Richtung Kanzleigasse ging, nicht mehr als ein Schatten, mit schneebedeckter Kapuze, die das Gesicht verhüllte. Der Schatten wirkte seltsam unförmig, als habe er einen Buckel oder verkrüppelte Schwingen wie ein Dämon. Auf der Höhe der Tür verlangsamte er seinen Schritt, wandte den Kopf kurz herüber, machte eine Bewegung, als wolle er sich entschließen, heranzukommen.
Das kam nun gar nicht infrage! Rasch schloss Philipp die Tür und drehte den Schlüssel im Schloss. Sicher ein Aussätziger. Doch für Almosen war die Kanzlei nicht der rechte Ort. Was wollte der im Oberen Kalten Tal? Dem Viertel, in dem lediglich Hofbedienstete wohnten? Man würde ihn davonjagen. Vielleicht will er auch nur zum „Blauen Hut“, dachte Philipp, während er in die Stube im Erdgeschoss zurückging. Durch den schiefergedeckten Turm am Ende des Kalten Tals in der östlichen Stadtmauer gelangte man ebenfalls hinaus in die Jakober Vorstadt, wo Pilgerquartiere und Spitäler lagen.
Philipp schloss die Tür der Schreibstube. Hier war es warm, ein Feuer brannte im Ofen, Kerzen in Wandhaltern und im Messingständer auf dem Schreibtisch erhellten den Raum, in dem es nach Papier und Kerzenwachs roch. Er setzte sich wieder an den Tisch, von dem er zuvor aufgestanden war, um Sekretarius Kolb hinauszulassen. Vor ihm lagen die Zollzeichen, die er fast fertig gestempelt hatte. Nur wenige waren noch übrig, er machte sich an die Arbeit. Das tintengetränkte Leintüchlein, in das er den kurpfälzischen Stempel drückte, roch eigen nach Kanzlei. Er mochte, wie es in der Schreibstube roch. Er mochte, wie es in der gesamten Kanzlei roch. Nach Holzkästen, Siegelwachs und Sackleinwand. Und wenn die fürstlichen Räte und Juristen an ihm vorbeieilten, wehte hinter ihren schwarzen Wämsern ein Dunst aus Tinte, Schweiß und Bratenfleisch vom Mittagsmahl her.
Derzeit ging es emsig zu. Kaum einer der Sekretäre und Schreiber konnte in diesen Tagen pünktlich um fünf Uhr Feierabend machen. Sie schwirrten umher, suchten Truhen und Kisten zusammen, packten Schriftstücke und Urkunden hinein, bearbeiteten Dringliches und Liegengebliebenes gleichermaßen eilfertig. Und die schwarzgelben Umhänge der Pfälzer Boten wehten in noch größerer Eile als sonst durch die Türen, wenn diese mit wichtigen Mienen nach jenen fragten, denen sie Botschaften zu überbringen hatten, oder jenen, die nach ihnen geschickt hatten. Denn Kurfürst Friedrich IV. verließ Heidelberg in wenigen Wochen, um in die Oberpfalz zu reisen. Man hatte im entfernten, zur Pfalz gehörenden Territorium nach ihm verlangt. Er sollte dort für eine längere Zeit seinen Aufenthalt nehmen und die Angelegenheiten ordnen. In der Oberpfalz schien der Aufstand der Einwohner gegen das calvinistische Pfälzer Regiment immer bedrohlicher zu werden. Die Anwesenheit des Fürsten war vonnöten. Und bis also Ihro Gnaden mit der Hälfte seines Hofstaates im Januar gen Amberg abreiste, mussten Unterlagen gesichtet, Schriftstücke vorbereitet, Bestände geprüft und der Reisezug gerüstet werden. Das setzte die Kanzlei noch mehr als sonst in Umtrieb.
Zu alledem war heute Martinstag. Das neue Wirtschaftsjahr begann. Zahltag für das abgelaufene Pachtjahr. Die Collectoren waren seit dem Nachmittag durch das Gebäude gehastet, um die eingenommene Pacht in der Rechenkammer abzuliefern. Die Rechenschreiber hatten nicht einmal Zeit für eine Pause gehabt und den Imbiss, den Philipp ihnen zu Mittag gebracht hatte, neben den Rechnungsbüchern eingenommen.
Er lehnte sich im Stuhl zurück und hob den Kopf. Im schwarzen Rechteck des Fensters gegenüber spiegelte sich sein Gesicht, bartlos derzeit, schmal. Draußen war es jetzt gänzlich dunkel. Philipp blähte seinem Spiegelbild die Backen auf, strich das ohrlange blonde Haar nach hinten. Er sah auf das Stundenglas. Fünf Uhr vorbei. Er hatte es geschafft. Er hatte die Zollzeichen fertig, musste sie nur noch in die Lade schließen. Er starrte in die Kerzenflammen auf dem Schreibtisch. Eigentlich sollte er nun durch die Stuben gehen und das Schreibzeug wieder einsammeln, doch zeitig morgen früh würde ohnehin alles wieder gebraucht werden. Es gehörte zu seinen Aufgaben als Kanzleiknecht, die Dinge, die in der Kanzlei verwendet wurden, zu verwahren. Er kümmerte sich um Truhen, Säcke, Taschen, Papier, Wachs und Tinte. Auch das Brennholz gab er aus. Er, Philipp Eichhorn, zwanzig Jahre alt, war der Hüter des Schreibzeugs, wie er zu Hedwig manchmal scherzhaft sagte. Beim Gedanken an Hedwig schmunzelte er. Sein Weib! Kämpfe hatten sie ausgefochten, bis sie endlich heiraten konnten. Weil sie so jung waren, war ihr Vater dagegen gewesen. Aber Hedwig war standhaft geblieben. Sie wollte ihm folgen. Sie hätten sich zu ihrem sechzehnten Geburtstag im vergangenen Februar ohnehin vermählt – dass Juli zu diesem Zeitpunkt bereits unterwegs war, erleichterte das Argumentieren gegenüber Hedwigs Vater. Vor Vorfreude auf sein Weib und seine Tochter wurde ihm warm ums Herz. Den Abend würden sie mit Freunden im Gasthaus „Schwert“ verbringen. Kilian kam natürlich mit, und dessen Kollege Georg Bock, der wie Kilian Hausknecht im Marstall war. Peter Manhum und Martin Bellersheim, zwei befreundete Einspännige, würden da sein, Torwächter und Trompeter, mit denen sie auch sonst gelegentlich im „Schwert“ oder dem nebenan gelegenen „Bären“ zechten. Und weil heute Martini war, das beliebteste Fest im Jahreslauf, das den Überfluss des Herbstes vielerorts mit Schlachtfesten feierte, zudem der Tag der ersten Weinprobe, würden zu dem Schmausen und Trinken am Abend auch die Weiber und Liebchen mitkommen, sodass die Schenken überquellen würden. Er freute sich darauf. Leider erinnerte es ihn aber auch daran, dass die Kanzleiknechte in ihren Stuben drüben im Ostflügel im Zwerchhaus unterm Dach ebenfalls ein Trinkgelage veranstalten würden. Er hoffte, Nickel würde ihm nicht den Abend verderben und ihm den Rundgang durch die Kanzlei aufbürden, weil er selbst saufen wollte. Es gehörte ebenfalls zu seinen Aufgaben, die Kanzleiverwandten abends hinauszulassen und sorgfältig hinter ihnen abzusperren. Doch da er verheiratet war und nicht wie die meisten Kanzleiknechte im Gebäude wohnte, musste er hernach nicht herumgehen, um nachzusehen, ob sich niemand in der Kanzlei verbarg. Nun, gewöhnlich tat Nickel dies ohnehin zu gerne selbst. Nicht nur, weil er oberer und Philipp unterer Kanzleiknecht war, sondern weil er sich gerne wichtig vorkam, wenn er, das Kurzschwert gegürtet und den stämmigen Michel Ley an seiner Seite, durch die leeren, dunklen Räume schritt, in denen tagsüber die Schreiber arbeiteten, die Notare protokollierten und der Oberrat tagte.
Philipp gähnte und betrachtete sich im Fenster, wie er das Maul aufriss. Just in dem Augenblick ging die Tür, und Sekretarius Dürr rauschte herein.
„Müde, Eichhorn?“, näselte er, während er herankam und mit gerunzelter Stirn auf Philipp niederschaute.
Philipp stand auf.
„Uns ist die rote Tinte ausgegangen, Eichhorn. Morgen früh ist mein zweites Horn wieder gefüllt, denk daran!“
Wie der das „uns“ betonte. Wichtigtuer.
„Du kannst mich nun hinauslassen. Kammersekretär Pelen ist schon gegangen.“
Kammersekretär Pelen ist schon gegangen, äffte Philipp in Gedanken das hochmütige Näseln des Sekretärs nach. Der bildete sich gewaltig was drauf ein, von Kammersekretär Pelen eingearbeitet zu werden. Dürr, Sekretär im Oberrat, genoss die Gunst des Kurfürsten und würde mit nach Amberg reisen, wo er die Aufgaben des alten Kammersekretärs übernehmen würde. Deshalb hing er mit Pelen derzeit meist droben im Schloss am Rockzipfel des Kurfürsten.
Philipp folgte dem schmalschultrigen Mann in den Flur. Dürr wartete, dass Philipp ihm die Tür aufhielt und stolzierte die drei Stufen hinunter, ohne einen Gruß auch nur zu murmeln.
Hässlicher Emporkömmling, dachte Philipp.
Er sah noch einmal die Gasse hinauf und hinunter. Keine dunkle Gestalt, kein Schatten. Philipp schloss die Tür und drehte den Schlüssel im Schloss.
„Wer war das?“
Philipp zuckte zusammen. Er hatte Nickel nicht herankommen hören.
Er drehte sich zu seinem Kollegen um. „Dürr“, antwortete er.
„Dann sind jetzt nur noch Hartung und Advokatus Schöner da. Und hinten in der Registratur Heberer.“ Nickel feixte.
Philipp ahnte, was nun kam.
„Du wartest, bis sie gegangen sind. Dann machst du den Rundgang. Worauf du hinaufkommst und dich bei mir abmeldest. Danach kannst du gehen. – Was? Passt dir nicht?“
„Nickel, du weißt …“
„Dass du zu deiner Holden willst?“ Er kam nah an ihn heran, so nah, dass Philipp riechen konnte, dass er bereits Bier getrunken hatte. Obwohl Nickel von kräftigerem Körperbau war als er selbst, der er zwar groß, aber dünn war, wich er nicht zurück. Nickel schob sein Gesicht dicht an seines. „Der untere Kanzleiknecht ist dem oberen zur Unterstützung beigeordnet“, spie er ihm ins Gesicht. „Und deshalb unterstützt du mich – und machst den Rundgang.“
Verachtung und Wut.
Warum nur? Weil Philipp ein Weib hatte und ihm deshalb erlaubt war, statt in der Kanzlei in einer Wohnung zu wohnen? Da war er nicht der Einzige, auch der ältere Knecht Conradt Hofman war verheiratet und verließ die Kanzlei am Abend. Er war Philipps Nachbar, hatte ihm die Wohnung bei Witwe Ringeler vermittelt. Neidete Nickel ihm dies? Oder lag es einfach an Nickels Wesen? Er war ein grobschlächtiger Prahlhans mit einer dicken, schiefen Nase, die ihm wohl einst einer gebrochen hatte.
„Du hast gedacht, weil Martini ist, lass ich dich früher laufen?“, zischte Nickel, dann lachte er einmal auf, falsch und widerwärtig, ein Stachel, den er Philipp ins Fleisch trieb.
Philipp starrte Nickel ins Gesicht und zischte: „Offenbar kennst du die Kanzleiordnung? Jeder Kanzleiverwandte muss sich eines gottesfürchtigen, ehrbaren und redlichen Wandels und Wesens befleißigen und sich der Laster …“
„Brauchst nicht so von oben herab zu tun, Eichhorn“, fiel Nickel ihm ins Wort. „Eines Tages polier ich dir die Fresse.“
Philipp schlug das Herz bis zum Hals. Dennoch bemühte er sich um einen schneidenden Ton. Kalt wie die Steinmauern, die sie umgaben, sagte er: „So? Und warum?“
„Um dir aufgeschossenem Unkraut eine zu verpassen, braucht’s keinen besonderen Grund.“ Noch einmal kam sein Gesicht nah heran. „Einfach – nur – weil – du – atmest.“
Philipp hielt der Nähe stand. Starrte Nickel in die Augen. „Dann wag’s doch!“, zischte er.
„Nimm’s Maul nicht zu voll!“
Philipp ballte die Hände zu Fäusten. „Du streitsüchtiges Schandmaul! Dir steigt doch zu Kopf, dass dein Pumphahn nur bei Schafen zum Zug kommt!“
Nickels Augen funkelten vor Zorn. Er streckte den Zeigefinger aus, hielt ihn Philipp drohend vors Gesicht.
Wenn er mich auch nur mit dem Nagel seines dummen Fingers berührt …
„Deine Nase soll im Arsch eines Hundes stecken!“, fauchte Nickel. „Ich hau dich zu Brei.“ Damit wandte er sich um und stapfte davon.
„Vorher hau ich dich zu Brei!“, schnaubte Philipp hinter ihm her. Er musste sich zusammennehmen, um die Tür zur Schreibstube nicht zuzuschlagen. Drinnen stapfte er wütend vor dem Schreibtisch auf und ab. Nickel war ein Widerling. Eine Eiterbeule. Eine Ausgeburt an Boshaftigkeit. Eines Tages würde eine Prügelei unvermeidlich sein. Nickel legte es darauf an. Herrgott noch mal! Er blieb stehen und starrte auf die fertigen Zollzeichen auf dem Tisch. Jeder Versuch seinerseits, mit Nickel auszukommen, scheiterte an dessen verbohrter Feindseligkeit. Sämtliche Kanzleiverwandte bis hinunter zu den Knechten waren durch die Kanzleiordnung dazu angehalten, keine Streitigkeiten zu beginnen, innerhalb der Kanzlei keine Gruppe um sich zu bilden, keine üble Nachrede zu führen und so zu vermeiden, Zwiespalt hervorzurufen. Traten doch Uneinigkeiten auf, sollte man versuchen, diese gütlich beizulegen. Half dies nicht, hatte man sich an den Großhofmeister oder Kanzler zu wenden. Hätte er dies also nicht längst tun sollen? Sich wehren und an Culmann wenden? Philipp wusste, sein Stolz ließ nicht zu, dass er wie ein kleiner Junge heulend zum Vater rannte. Und er wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Keine solche Aufmerksamkeit. Er wollte nicht unangenehm auffallen, auch wenn er Culmann, der das Amt des Vizekanzlers innehatte und, da es keinen Kanzler gab, dessen Geschäfte führte, seiner sachlichen Art wegen angenehm fand. Er wollte, dass man merkte, wie gewissenhaft und vorbildlich er seine Pflichten erfüllte. Er wollte oberer Kanzleiknecht werden. Und dann, verwegen zu denken: Skribent, das Wort, das einen ganz eigenen Zauber besaß und ausmachte, dass sein Herz mit großem Klopfen in seiner Brust schlug. Warum nicht? Mit Fleiß und Gehorsam konnte er das schaffen. Auch wenn er als Knecht unter allen Schreibern stand. Man konnte aufsteigen. Ahnte Nickel dies? Fühlte er, dass ihn, Philipp, ein Ehrgeiz trieb, der ihm gänzlich fremd war? Wie auch immer – Nickel quälte ihn. Er musste einen Weg finden, dies zu unterbinden.
Aber nicht heute Abend! Heute war Martini. Hedwig, Juli, Kilian und die Freunde später im Wirtshaus. Er machte sich daran, die Zollzeichen in dem Kasten zu verwahren. Zollzeichenschreiber Wernig würde sie morgen beschriften, erst durch seine Schrift erhielten sie ihre Gültigkeit.
Philipp dachte, dass die Männer, die noch immer in der Kanzlei arbeiteten, dies gewiss nicht mehr allzu lange tun würden – auch sie wollten sicherlich den Martinsabend mit einem Umtrunk beschließen.
Drei
Im Dunkeln mussten die Menschen den Weg mit den Ohren finden. Oder mit der Nase.
Das gelang Hedwig inzwischen auch in Heidelberg. Wenn sie sich auch noch immer nicht so mühelos wie in ihrem Heimatdorf bewegte, wo sie sich vom Duft eines Geißblattbusches oder dem Gestank von Hübner Müllers Misthaufen hatte leiten lassen, so fand sie sich doch auch in Heidelberg am Kläffen der Hunde zurecht. Hatte zu Hause das Blöken der Schafe des Wersauer Schafshofs sie gelenkt, wenn sie nachts von einem heimlichen Treffen mit Philipp in ihr Elternhaus zurückkehrte, so wusste sie in der Stadt inzwischen um die Beschaffenheit des Straßenpflasters und wo sie Unebenheiten und Löchern ausweichen musste.
Dennoch blieb sie nun zögernd am Anfang der Unteren Gasse stehen, die vor ihr lag wie ein schwarzes Loch. Das unbehagliche Gefühl wich nicht. Sie sah zurück zum Marktplatz, den sie eben überquert hatte. Laternen und Fackeln tupften Lichtpunkte in die Dunkelheit, ein Schragentisch wurde umflackert von Rübengeistern, ausgehöhlten und von innen her erleuchteten Rübenköpfen, die schaurig grinsten. Es raschelte, als die Händler ihre groben, wachsgetränkten Leinwände über ihre Verkaufstische breiteten. Dahinter leuchtete das Gemäuer von Heiliggeist rotbraun im Fackelschein. Die Bäcker und Kammmacher, Töpfer und Goldschmiede harrten noch in ihren Verkaufsbuden zwischen den Außenstreben der Kirche aus, um späte Geschäfte zu machen. Bis hierher roch es nach Brezeln und Wellfleisch, und aus der Richtung des Fischmarkts drang ihr der Geruch heißer Maronen in die Nase. Sie war zuvor an der Kirche stehen geblieben, hatte sich vom Duft der kleinen Mandelkuchen verführen lassen und beim Zuckerbäcker zwei davon gekauft. Dabei hatte sie sich beobachtet gefühlt und sich umgeschaut. Doch da war nichts gewesen. Etwas war nicht da und doch da, wie ein gestaltloses Gespenst. Sie fühlte sich unbehaglich, weil ihr der Mann vor der Kirche wieder einfiel, den sie vom Fenster aus gesehen hatte. Warum hatte sie nicht Appel gefragt, ob der ihr ebenfalls aufgefallen war? Wenn nein, täuschte sie sich wohl. Doch wenn ja, wäre es leicht gewesen, Herrn Belier darauf hinzuweisen. Vielleicht hätte er ihr Velten zur Begleitung mitgegeben. Sie ärgerte sich über sich selbst. Sollte sie zurück?
Sie betrachtete die Lichtflecken auf dem Marktplatz, spähte nach Gestalten. Ein Mann hielt eine Laterne hoch, sah einem anderen ins Gesicht und lachte. Ein Bauer schrie einem Jungen eine Anweisung zu. Flocken taumelten sacht aus der Schwärze des Nachthimmels.
Sei nicht dumm, Hedwig, schalt sie sich. Hier gehen Leute in unterschiedlichsten Geschäften umher, Amtleute, Vasallen, Studenten. In einer Stadt wie Heidelberg ist doch stets etwas los. Kein Grund, sich Sorgen zu machen!
Sie legte den rechten Arm um die schlafende Juli und sah auf die Giebelhäuser vor sich in der dunklen Gasse. Hier begann das Vierte Quartier, in dem sie und Philipp wohnten. Es war das Viertel östlich des Rathauses, zu dem auch die Jakober Vorstadt jenseits der östlichen Stadtmauer sowie Schlierbach gehörten, das jenseits des Neckargemünder Tores lag. Sie musste die Gasse nur weitergehen, fast bis zum Ende an der Stadtmauer. Auf deren Wehrgang würden zwei bewaffnete Wachmänner mit Fackeln Aufsicht halten. Am Jakober Tor selbst würde eine Laterne hängen, ein Licht, auf das sie zuhielt – tagein, tagaus auf dem Heimweg. Doch irgendwie weigerten sich ihre Füße weiterzugehen, was sie an die Angst ihrer Anfangszeit in Heidelberg erinnerte. Sie hatte mit Philipp hier leben wollen und war doch nicht darauf gefasst gewesen, wie sehr die unzähligen Wege, Pforten, Steinhäuser, Ladengeschäfte und vor allem die vielen Menschen sie verunsicherten. Inzwischen hatte sie sich gewöhnt an Studenten, die in fremden Sprachen miteinander plauderten. An fremdländisch aussehende Gelehrte, an Amtleute und Wachen, und auch die Ordnung der Gassen begriff sie. Von der schnurgerade von Ost nach West verlaufenden Hauptstraße gingen einerseits zum Neckar, andererseits zum Berg hin nach Art der Fischgräten die Gassen ab. Sie kannte die Gerüche nach Sand, Wasser, Pferd und Holz am Ufergelände der Froschau, wo sie im Sommer unterhalb der Neckarschule mit ihrer Tochter gesessen und zugesehen hatte, wie an der Pferdeschwemme die Pferde getränkt und die Floße draußen auf dem Wasser flussaufwärts getreidelt wurden. Sie war vertraut mit allem, es gab keinen Grund, sich zu fürchten. Sie atmete durch und ging weiter. Philipp würde heute Abend etwas später kommen, da wegen der bevorstehenden Reise des Kurfürsten in die Oberpfalz viel zu tun war und die Kanzleiverwandten selbst auch länger blieben. Sie hatte also Zeit, Juli frisch zu wickeln und zu stillen und sich ein wenig hübsch zu machen. Ob sie die neuen Stiefel anziehen sollte? Vorfreude ließ sie schmunzeln, als sie sich vorstellte, wie sie die Stiefel überzog. Sie hatten ausgemacht, dass Philipp sie abholte. Sie würden Juli in der Obhut Wittib Ringelers, ihrer Vermieterin, lassen und zusammen mit Kilian, der zu ihrer Wohnung kommen sollte, ins „Schwert“ zum Umtrunk gehen. Kilian wohnte nicht weit von ihnen, draußen in der Jakober Vorstadt, einen Steinwurf weit weg, wenngleich durch die östliche Stadtmauer getrennt. Dabei fiel ihr ein, dass Kilian Philipp gebeten hatte, Hedwig zu sagen, sie solle doch Appel am heutigen Abend mitbringen. Die Augenbrauen hatte sie hochgezogen, Philipp hatte geschmunzelt, sie in die Arme genommen, und lachend wie ein Verschwörerpaar hatten sie den armen Kilian bedauert. Er würde es schwer haben unter all den Verehrern Appels.
Juli an ihrem Busen bewegte sich und gab einen kleinen schmatzenden Laut von sich. Hedwig hielt inne und schaute auf sie nieder. „Sind gleich daheim“, flüsterte sie.
Jemand mit einer Laterne erschien in einigen Schritt Entfernung vor ihr aus der Schneeflockennacht. Ihr Herz schlug schneller, wachsam sah sie der Gestalt entgegen, erkannte sie zuerst an der gebückten Haltung, dann an der Stimme, als sie einen Guten Abend wünschte. Es war Margret, die alte Tapeziererin, die mit ihren vier Kindern vorm Obertor wohnte. Hedwig war erleichtert. Sie blieb stehen. Nur Nachbarn aus dem Viertel, dachte sie. Kein Grund zur Besorgnis. „Wohin noch, Wittib Margret?“
Die Witwe bog den Kopf nach hinten und sah sie unter der Kapuze hervor an. Ein Brot wolle sie noch holen, vorne, beim Bäcker an der Kirche. Alsdann beklagte sie den früh einsetzenden Schneefall und was man da an Brennholz brauchen würde. Hedwig stimmte ihr zu und fragte anschließend: „Werdet Ihr übermorgen den Einzug dieses erstaunlichen Tieres anschauen, das man dem Kurfürsten zum Geschenk machte? Man sagt, es kommt mit einem Tataren, der einen Turban statt eines Baretts auf dem Kopf trägt!“
„Ich lass mir doch die Wecken nicht entgehen, die der Kurfürst deshalb verteilen lässt!“, schmunzelte Margret.
Hedwig lachte auch, rief einen Abschiedsgruß und ging weiter. Langsam, um auf dem schiefen Pflaster der Gasse nicht im feuchten Schnee auszurutschen.
Dann ging alles sehr schnell. Unversehens stürmte eine dunkle Gestalt aus der Ecke beim Handschuhsheimer Hof. Bevor Hedwig begriff, was geschah, wurde sie festgehalten, etwas Feuchtwarmes presste sich auf ihr Gesicht, sie bekam keine Luft mehr. Sie wollte schlucken, konnte es nicht, sie merkte, wie ihr das Bündel und die Stiefel aus der Hand fielen. Sie wollte Juli an sich drücken. Jemand umschlang sie, sie konnte den Arm nicht bewegen, verlor den Sinn, das Gleichgewicht und fiel in finsterste Schwärze.
Vier
Alle Kanzleiknechte dienten allen Behörden, die in der Landkanzlei unterhalb des Schlossbergs ihren Sitz hatten.
Heute Abend gab es nur einen, der allen diente.
Und der heißt Philipp Eichhorn, dachte Philipp grimmig. Der Rest hatte sich versteckt wie Schaben, die in Holzritzen huschen. Nickel, dieser Scheißhaufen, ließ ihn den Rundgang durch die drei Hauptgeschosse der Kanzlei allein machen. Eigentlich ein Unding, er sollte dies wirklich Vizekanzler Culmann melden. Was, wenn er auf einen Eindringling stieße? Gut, das war noch nie vorgekommen, aber dennoch, es war einfach besser, zu zweit zu sein. Zumal derzeit die unterschiedlichsten Gestalten in der Stadt unterwegs waren.
Was sollte es. Er war ohnehin fast durch. Und es war noch nicht sieben Uhr, da war er sicher. Halb sieben vielleicht.
Vor einer Weile hatte er Registrator Heberer hinausgelassen. Er war in die Registratur gegangen, um zu fragen, ob er Tinte und Schreibzeug wegräumen sollte. Heberer hatte gerade eine Kiste auf seinen Schreibtisch gewuchtet und, als er seiner ansichtig wurde, gerufen: „Briefe der Oberpfalz. Zu sichten für die bevorstehende Abreise. Was sagt man dazu?“
Philipp hatte Mitempfinden ausgedrückt angesichts der zu bewältigenden Arbeit. Aufarbeitung und Sichtung der alten Bestände des Archivums seien schon aufwändig genug. Nun noch diese zusätzlichen Bürden. Behutsam hatte er den Registrator auf die Bedeutung des heutigen Tages hingewiesen. Da hatte Heberer ausgerufen: „Potzteufel, ja! Ich werde Schluss machen.“
Den Worten hatte er die Tat folgen lassen, ein rechter Mann, dieser Heberer, der umso leutseliger mit Philipp umging, seit er erfahren hatte, dass Philipp aus Hockenheim kam, wo er einen Freund hatte, den dortigen Schultheiß nämlich.
Philipp hatte anschließend den Rundgang begonnen, obwohl er wusste, dass Advokatus Schöner noch über den Rechenbüchern saß. Er wollte zeitig fertig werden. Den Ostflügel hatte er am schnellsten durchschritten. Rats- und Hofgerichtsstube lagen ohnehin verlassen und die angrenzenden Schreibstuben ebenso. Die Räume des Kirchenrats im Westflügel hatte er anschließend überprüft, hatte über alle noch glimmenden Feuer Asche gestreut. Nun befand er sich im ersten Stock des mittleren Gebäudeteils, warf Blicke unter Tische, und das Licht seiner Laterne huschte über Holzkästen voller Briefe, über Truhen und Regale und über die Haftzettel an den Schränken der Sekretäre, die Verzeichnisse aller vordringlichen Sachen waren. Alles in bester Ordnung.
Er stieg die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Sollte er in die Rechenkammer gehen und Advokatus Schöner ans Heimgehen erinnern? Womöglich war er über seinen Büchern eingeschlafen. Sein Gegrübel war unnötig. Unten angekommen hörte er Schritte, ein Lichtschein huschte heran. Die Deckenlaternen waren gelöscht. Hans hatte dies genauso übernommen wie das Fegen von Treppe und Gasse vor der Kanzlei.
„Ah, du stehst schon bereit, Eichhorn, bestens.“ Mit diesen Worten reichte Advokat Schöner ihm die Laterne, um sich den Mantel umlegen zu können, den er über dem Arm getragen hatte. Der Mantel verhüllte alsdann Schmuckkette und Halskrause und wurde mit einem Seufzer geschlossen. Das Barett bereits auf dem Kopf, schritt der Doktor zur Tür.
Philipp stellte die Laternen neben sich auf den Boden, fischte den Schlüsselbund vom Gürtel und schloss dem Kanzleiverwandten auf. „Einen schönen Martinsabend, Doktor Schöner.“
Der Advokat hob die Hand zum Gruß und bedachte ihn mit einem Nicken, das „Ja, ja, schon recht“ heißen mochte, blieb auf der oberen Stufe stehen und sah müde in den noch immer fallenden Schnee. Er brummte etwas Unverständliches, während Philipp sich beeilte, eine Laterne wieder aufzunehmen, um dem Kanzleiverwandten die Stufen zu beleuchten. „Gebt acht auf den Weg, Advokatus Schöner. Wollt Ihr die Laterne nehmen?“
Schöner winkte verneinend ab, wünschte ihm eine gute Nacht und machte sich Richtung Kanzleigasse davon. Ein kalter Wind wehte Schnee in den Flur. Die Gasse lag verlassen und leuchtete weiß. Philipp schloss die Tür und ging mit den Laternen zurück in die Schreibstube. Feierabend! Jäh fiel ihm Nickel ein. Wut und Trotz wallten in ihm empor. Vermaledeit! Kannst mich mal, Hundsfott! Er würde den Teufel tun und sich bei Nickel abmelden. Der war sicher ohnehin schon zu besoffen, um noch an seine Anweisung zu denken. Philipp warf sich seinen Mantel über, löschte die Kerzen und verließ die Stube. Er verschloss das Rundbogenportal des leicht zurückgesetzten Gebäudeteils und ging die Stufen hinab.
Hinter dem Strebepfeiler zu seiner Linken löste sich eine Gestalt aus dem Dunkel.
Philipp schrak zusammen. Überrascht machte er einen Schritt nach rechts. So spät noch ein Bote?, dachte er unbestimmt, bis ihm deutlich wurde, dass der Umhang des Mannes nicht der eines Boten war.
Der Fremde warf ihm unter seiner Kapuze einen raschen, prüfenden Blick zu und raunte mit rauer Stimme: „Eichhorn, kommt hierhin.“ Er hob den Arm, die Geste wirkte eindringlich. Der Mann kannte seinen Namen? Philipp wunderte sich, folgte ihm. Drei knirschende Schritte bis zum Ersten der beiden rundbogigen Eingänge des östlichen Gebäudeteils der Kanzlei. Drei Schritte, die genügten, dass Philipp Unbehagen spürte, denn er bemerkte, wie der Mann flink die Gasse hinauf und hinunter sah. Philipp unterdrückte aufkommende Beklommenheit und bemühte sich um einen freundlichen Ton, als er sagte: „Die Kanzlei ist längst geschlossen, Herr, das wisst Ihr sicher. Wenn Ihr in Geschäften hier seid, kommt morgen früh wieder. Gegen halb acht Uhr. So es eilig ist, könnt Ihr auch um sieben bereits …“
„Spar dir das!“, unterbrach der Mann ihn harsch, und aus seiner Stimme sprachen Kraft und Autorität. Er reckte den Hals, sah zur Gasse, zurück zu Philipp. Der spürte einen Stich in der Brust. Er war angehalten, höflich zu sein. Plötzlich schlug dieser Grobian den Mantel zurück, und Philipps Blick fiel auf das Schwert an seiner Seite.
Er schluckte. Der Mann stand nah vor ihm, kein Schritt trennte sie, der Eingang war zu eng für zwei gleichzeitig. Was wollte er? Philipp sah ihm ins Gesicht – oder versuchte es jedenfalls. Doch die Gesichtszüge des Mannes blieben unter dessen tief heruntergezogener Kapuze verborgen. Philipps Gedanken stolperten übereinander. Gestalt und Stimme des Mannes ließen vermuten, dass er mittleren Alters war. „Wer seid Ihr, Herr?“ Philipp zwang sich weiterhin zu Freundlichkeit, obwohl ihm der Fremde deutlich zwielichtig erschien. „Ich bin Euch gerne behilflich, soweit es in meiner Macht steht“, sagte er und deutete mit einer Neigung des Kopfes seine Bereitschaft an, auch wenn sein Unbehagen wuchs.
„Es steht in deiner Macht. Es befindet sich etwas im Archivum der Kanzlei, das ich gerne hätte.“
Philipp runzelte die Stirn. „Im Archivum? Da müsst Ihr tagsüber kommen und mit Meister Heberer sprechen.“
„Sieh, genau das geht nicht“, antwortete der andere gepresst. „Du wirst ins Archiv gehen und nach dem suchen, was ich benötige.“
„Ich? Ich darf das Archivum nicht einmal betreten! Nur der Registrator und der Protonotar dürfen das.“
Der Fremde nickte, als sage Philipp ihm damit nichts Neues. Er legte die Hand auf den Schwertknauf. „Du holst das Lehenbuch Friedrichs des Dritten.“ Mit Verachtung rotzte er ihm den Namen des ehemaligen Fürsten hin.
Philipp wusste im selben Augenblick, dass sein Gefühl ihn nicht trog: Hier stimmte etwas ganz und gar nicht, der Mann war unlauter.
„Mein Herr“, sagte er und schluckte die aufkommende Angst hinunter, „dies ist gänzlich unmöglich. Könnt Ihr nicht morgen wiederkommen und Euer Anliegen mit dem Registrator besprechen?“
Blitzschnell packte der Fremde ihn beim Umhang und zog ihn an sich. „Ich sage nicht alles zweimal. Du gehst und bringst mir das Buch“, zischte er.
„Ich darf das nicht!“ Sofort hasste sich Philipp für den weichlichen Tonfall.
Wieder nickte der Mann, als wisse er dies hinlänglich. Er ließ ihn los.
„Euer Gebaren …“, setzte Philipp an, doch mit einer Geste brachte der andere ihn zum Schweigen.
„Du gehst zurück, suchst das Buch. Ich werde zur Stelle sein, wenn du herauskommst. Du übergibst mir das Buch. Dann entscheide ich – hör auf, den Kopf zu schütteln, hör zu! –, ob du noch etwas anderes, sagen wir: entleihen musst.“
„Bei meiner Seele, das werde ich nicht tun!“, fauchte Philipp. „Ihr seid toll, dass Ihr so etwas annehmt!“ So gefiel er sich schon besser. Er war wütend, trotz seiner Beklommenheit, und die Wut war seinem Ton anzuhören. Er würde doch nicht wider die Gebote seines Amtes handeln! Er schickte sich an, den Grobian einfach stehen zu lassen und auf die Gasse zu treten. Der andere versperrte ihm den Weg, indem er seine rechte Hand nah an Philipps linker Schulter gegen die Mauer stützte. Lederhandschuhe. Geruch nach Leder und Rauch.
Philipps Herz schlug schneller. Er fragte sich, ob er rufen sollte – und wenn, ob die Kollegen oben im Zwerchhaus ihn hören würden. Seine rechte Hand glitt zur Hüfte hinab, vermaledeit, das Kurzschwert am Gürtel nützte nichts unter dem Mantel.
„Denk nicht mal dran!“, drohte der andere leise. „Es gibt da nämlich ein gutes Argument für deine Hilfe.“
„Kein Argument der Welt kann mich zu einem Handeln bewegen, das gegen die Vorschriften ist!“
„Ich denke, du irrst.“ Seine Stimme war schneidend. „Braunes Haar, liebliches Wesen. Ein saftiges Weib.“
„Mein Weib?!“
„Nicht so laut, sollen deine Kollegen aufmerksam werden?“
„Was habt Ihr mit Hedwig …?“
„Sie ist, sagen wir, in Gewahrsam.“
„Gewahrsam?“, schrie Philipp. „Ge…“
Der Faustschlag traf sein Kinn. Sein Kopf schlug nach hinten an die Steinwand. Ein harter Schmerz zischte durch sein Hirn, Lichtpunkte tanzten vor seinen Augen.
„Ich sagte dir bereits, ich sage nicht alles zweimal.“ Er hielt Philipp an der Kehle fest.
Philipp schmeckte Blut im Mund. Das hier konnte doch nicht wahr sein! Er spuckte das Blut aus, als der Mann ihn losließ, sah aus den Augenwinkeln, wie der Fremde an einer Innentasche seines Umhangs nestelte. „Siehst du, ich weiß, dass du nicht tun darfst, worum ich dich ersuche. Deshalb geht es deinem Weib auch nur so lange gut, wie du bereit bist, deine Bedenken zu überwinden und zu tun, was ich verlange.“ Bei den letzten Worten hielt er Philipp einen Ring vor die Nase.
Hedwigs Ehering! Philipp griff hastig danach.
Der Mann zog die Hand zurück. „Nicht so hurtig, junger Freund!“ Er schien zu lachen, es klang wie ein Keuchen.
„Was wollt Ihr? Was habt Ihr vor?“, presste Philipp wütend hervor, obwohl er wusste, dass es keinen Sinn hatte. Er hatte Hedwig. Er hatte … Oh Herr, was war mit Juli?
„Meine Tochter?“ Mehr Krächzen als Worte.
„Noch wohlbehalten bei der Mutter.“
Philipp atmete schwer. Sein Verstand weigerte sich zu verstehen, was er da hörte. Das konnte nicht sein. Er sah zu dem durch die Kapuze verhüllten Gesicht. Seine Augen fragten: Warum? Aber er würde keine Antwort erhalten. Natürlich nicht.
„Das Lehenbuch Friedrichs. Oder du bekommst den Finger zum Ring.“
Philipp hörte die Drohung. Er musste seine Beine zwingen, standhaft zu bleiben und nicht unter ihm nachzugeben. In seinem Kopf nur Durcheinander. Konnte er den Kerl niederschlagen, ihn überwältigen, ihn prügeln, bis er ihm sagte, wo Hedwig und Juli waren? Ohnmächtige Wut, sie schmeckte bitter in seinem Mund.
„Überredet?“
Philipp schwankte. Jemand hatte ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
Fünf
Hedwig. Juli.
Mehr Wörter passten nicht in seinen Kopf. Mit zitternden Händen schlug Philipp den Feuerstein, um eine Laterne zu entzünden. Er saß auf dem Boden in der Schreibstube, die kurz zuvor noch so etwas wie sein Zuhause gewesen war.
Hedwig. Juli.
Wo waren sie? Ging es ihnen gut? Was, wenn nicht? Der Gedanke brachte ihn schier um den Verstand. Er sah Hedwigs Gesicht vor sich, ihre Augen, blau wie Kornblumen, das braune Haar, das im Talglicht einen Glanz wie von polierten Kastanien hatte. Ihre Oberlippe mit dem kleinen Knubbel in der Mitte. Wenn sie zornig war, machte sie immer eine Schnute, und der Knubbel wölbte sich über die untere Lippe. Manchmal konnte er nicht anders, er küsste sie einfach auf dieses Schnutenmäulchen. Dann musste sie lachen. Dann lachten sie beide. Er hätte aufheulen mögen wie ein verletzter Wolf. Sie hatten so sehr darauf gepocht, dass man auch aus Liebe heiraten und ein Bündnis gründen konnte, das Bestand hatte, ja, dass ihre Liebe Bestand haben würde! Und nun wollte man ihm dieses Glück fortnehmen? Irgendwo dort draußen lauerte ein Hundsfott, der ihm sein Weib und seine Tochter genommen hatte und darauf wartete, dass er etwas täte, was er nicht tun durfte und nicht tun wollte. Von einem Augenblick zum nächsten war seine Welt aus den Fugen geraten.
Hart schlug er den Feuerstein, Funken stoben in den Zunder. Er entzündete den Kerzendocht, schloss das Glastürchen der Laterne. Er neigte den Kopf, hielt ihn gesenkt, krallte die Finger hart ins Haar. Am Hinterkopf bildete sich eine Beule, sie tat weh. Auch sein Kinn schmerzte von dem Faustschlag, und im Mund hatte er den Geschmack von Eisen.
Grundgütiger Vater im Himmel! Was soll ich tun? Hilf mir!
Sämtlichen Schreibern und Sekretären war es verboten, aus Kanzlei, Rechenstube und den anderen Behörden ohne Erlaubnis Schriftstücke herauszugeben. Niemand durfte etwas für sich selbst kopieren, behalten oder gar mit nach Hause nehmen. Er selbst am allerwenigsten. Als Kanzleiknecht durfte er zwar die Schreibstube betreten, etwas, das außer ihm nur Großhofmeister, Kanzler, Marschall und die Schreiber durften, aber in das Archivum durfte er nicht. Die Geheimhaltung der kurpfälzischen Akten wurde ernst genommen. Er durfte ja nicht einmal die Boten hineinlassen, sie mussten in dem ihnen zugewiesenen Raum warten. All dies hatte er mit Eid vor Großhofmeister, Kanzler und Oberrat bei seiner Bestallung geschworen.
Und nun sollte er genau dies tun? Er sollte einen Diebstahl begehen. Er würde alles verlieren, was er sich erarbeitet hatte. Gab es eine Möglichkeit, dem auszuweichen? Fieberhaft überlegte er. Er könnte sagen, dass er den Schlüssel für das Archivum nicht gefunden habe. Aber er hatte oft genug gesehen, wie Registrator Heberer ihn abends in der Lade verwahrte. Und er war sich mit einem Mal sicher, dass der Hundsfott dort draußen dies wusste. Dessen gesamtes Gebaren wies darauf hin. Er hatte gewartet, bis er, Philipp, aus der Kanzlei kam. Er hatte gewusst, dass er herauskommen würde, er nächtigte ja nicht in der Kanzlei. Auch seinen Namen kannte er. Er hatte Hedwig und Juli entführt, um ihn zu Einbruch und Diebstahl zu zwingen. Das bedeutete, er wusste, wo sie wohnten, hatte ihr Leben ausgespäht. Also war diese Sache von langer Hand geplant.
Er schlug die Faust auf den Steinboden, auf dem er hockte. So ein Hurensohn! So ein elender, scheißdreckiger Hurensohn! Sich vorzustellen, wie er hinter ihm oder Hedwig herschlich … Plötzlich hielt er inne. Wo hatte er Hedwig verborgen? Hatte er sie bei sich, hatte er sie irgendwo in der Nähe der Kanzlei versteckt? Womöglich hatte sie wenige Schritte von ihm entfernt gekauert und hatte mit anhören müssen, was man von ihm erzwang, hilflos, gefesselt, den Mund verstopft mit einem schmierigen Lappen, damit sie nicht schrie. Er geriet außer sich, wenn er sich das vorstellte. Er würde dem Strauchdieb nachher folgen. Er würde – jäh überfiel ihn ein anderer Gedanke: Was, wenn der Fremde einen Helfer hatte, der Hedwig bewachte? Denn nie und nimmer würde sie stillhalten. Es sei denn … Er rang nach Atem. Juli. Das Herz wollte ihm die Rippen sprengen.
Gegen zwei würde er nicht ankommen. Was sollte er tun? Hilfe? Die Kollegen? Wieder schlug die Faust auf den kalten Steinboden. Käme er mit Gefolge, der Spitzbube hatte es ihm eindringlich zugezischt, bevor er in die Kanzlei zurückgegangen war, käme er mit Gefolge, verriete er auch nur ein Wort des Vorhabens … Philipp schluckte. Er hatte nicht zu Ende sprechen müssen.
Es gab keine Hilfe. Er musste tun, was man von ihm verlangte, wollte er Hedwig und Juli lebend wiedersehen.
Er stand auf. Lauschte. Still.
Vorsichtig öffnete er die Tür zum Vorraum, spähte hinaus. Schlich durch den Vorraum bis zur Registratur an dessen Ende. Er trat ein, ging zum Schreibtisch, auf dem noch Heberers Kiste mit den Oberpfälzer Briefen stand. Ein Griff in die Lade, der Schlüssel, die Tür zum nebenan liegenden Gewölbe aufschließen. Mit klopfendem Herzen drehte er sich um, äugte in die Stube zurück, lauschte erneut.
Dann betrat er das Archiv. Die gesamte hintere Längsseite wurde von Holzregalen eingenommen, in denen Holzkisten lagerten. Kalt war es, es roch modrig, nach Verputz und dem alten Holz der Truhen, Leder. Philipp leuchtete Wände und Boden ab. Rundum dasselbe Bild: Regale an den Wänden. Kisten und eiserne Truhen auf dem Boden, die durch mehrere Schlösser gesichert waren. Der Boden war mit Holzbohlen ausgelegt, damit keine Feuchtigkeit die wichtigen Akten verdarb. Er hob wahllos den Deckel einer Holztruhe, die ihm am nächsten zur Linken am Boden stand. In Leder gebundene Bücher, zu Packen gebundene Papierseiten. Obenauf ein Papier. Er hielt es an die Laterne. Es war eine Auflistung dessen, was sich in der Truhe befand. Soweit er sehen konnte, enthielt die Kiste Akten aus jüngerer Zeit, 1594, 1593. Philipp wusste, dass im Archiv auch jene Sachen lagerten, die man im laufenden Tagesgeschäft nicht mehr benötigte. Er ging zum linken Ende des Raumes. Hier sah er Truhen aus Holz, die an den Seiten dick mit abgewetztem Leder bespannt waren. Er ging in die Knie, leuchtete mit der Laterne hinein, erkannte Schriftrollen, sah rote Siegel an braunen Bändern. Eine Rolle auf der anderen. Geruch nach altem Pergament und altem Siegelwachs stieg ihm in die Nase. Das Verzeichnis, das auch hier nicht fehlte, gab eine fein säuberlich geschriebene Übersicht über den Inhalt des Kastens. So wurde vermieden, dass man immer alle Briefe herausnehmen musste. Es sagte ihm, dass in der Truhe alte kaiserliche Privilegien lagerten. Erbverträge und dergleichen, noch aus uralten Zeiten. Schätze der Kurpfalz.
Das brauchte er nicht. Er erhob sich, drehte sich um sich selbst. Wo lagerten die Kopialbücher? Sie waren ja nicht gerade klein. Und es mussten unzählige sein, denn für jeden Kurfürsten wurde ein neues Kopialbuch von jeder Art angelegt. Soweit er wusste, gab es vier verschiedene Arten. Das „perpetua“ enthielt die Abschriften jener Urkunden, die er soeben in der lederverkleideten Kiste gesehen hatte. Es gab eines, das „ad vitam“ hieß, es gab die Dienerbücher, in denen die Bestallungen festgehalten wurden. Und es gab die Lehenbücher. Die enthielten die Lehensbriefe der kurpfälzischen Vasallen. Reichsritterschaft.
Philipp merkte, dass er zu zittern begann. Was bedeutete dies? War der Verhüllte ein Ritter? Was hatte er vor? Wozu brauchte er das Kopialbuch?
Die Kopialbücher wurden sorgfältig gehütet, denn sie waren wichtig. Was, wenn jenes, das er holen sollte, gerade in Benutzung war, was durchaus vorkam, wenn es etwas zu klären gab. Er wusste, dass der Registrator eine Liste jener Schreiber führte, die eines der Bücher entliehen hatten. Und Lehenprobst Zweifel, der ebenfalls in der Registratur tätig war und die Lehenssachen bearbeitete, hatte ein ebenso wachsames Auge auf die ihm anvertrauten Unterlagen. Philipp hätte schreien mögen. Seine rechte Hand schmerzte, sein Kopf tat weh. Er durfte hier nicht sein. Er wollte hier nicht sein. Nachdenken. Er kannte die Sorgfalt, mit der Heberer arbeitete, um dem Durcheinander des Archivums Herr zu werden. Immer wieder klagte er über die Anstrengung, die es kostete, die alten Bestände in eine Ordnung zu bringen. Zwar standen Truhen und Kästen halbwegs sorgfältig in den Regalen und auf dem Boden, dennoch konnte Philipp keine bestimmte Gliederung erkennen. Er ging einige Schritte, leuchtete in den rechten hinteren Teil des Raumes, sah dort Säcke lagern, deren Ausbuchtungen darauf schließen ließen, dass auch sie Schriftrollen enthielten. Zwischen den Säcken standen Truhen, die in schlechtem Zustand waren, ihr Holz war an vielen Stellen morsch und faulig. Manche waren übereinandergestapelt, und im Laufe der Zeit waren einige der unteren Kisten eingebrochen von der Last jener über ihnen, müde vom Tragen. Philipp wurde zunehmend unruhiger. In dieser Ecke verschwendete er seine Zeit. Doch erst wenn er dem Entführer das Buch gebracht hatte, würde er erfahren, was weiter geschähe. Wann er Hedwig und Juli wiederbekäme. Und wie.
Er wandte sich der gegenüberliegenden Ecke zu, leuchtete gewissenhaft die Regalreihen ab. In Augenhöhe vor sich hob er den Deckel eines Kastens – und fand, was er suchte. Im spärlichen Lichtschein erkannte er das Register, das ihm sagte, dass hier die Kopialbücher lagerten, die zu Regentschaftszeiten Ludwigs VI. angelegt worden waren, des Sohnes und Nachfolgers Friedrichs III. In den Reihen darüber standen wohl die Kisten mit den noch älteren Registerbüchern. Philipp stellte seine Lampe auf den Boden, hob den Kasten herunter und zerrte ihn ein wenig nach rechts auf eine andere Truhe zu, wobei er über das laute, schleifende Geräusch erschrak. Er hielt inne, lauschte.
Er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen.
Sonst Stille.
Schließlich griff er die Lampe, stellte sie auf die Nachbartruhe, öffnete den Kasten und durchsuchte ihn. Dann hielt er es in Händen. Ledereinband mit gepresstem Druck, Verschlussbänder aus Leder. Das Lehenbuch Friedrichs III. Eine Auflistung jener Vasallen, denen damals ihre Lehen zugeordnet worden waren. Nachdenklich blickte er auf das dicke Buch in seinen Händen.
Was wusste er über die Ritterschaft und das Lehenswesen? Ein Lehen war etwas, ein Dorf, eine Burg oder Zölle, das ein Lehensmann von seinem Lehensherrn, in diesem Fall dem Kurfürsten, geliehen bekam. Er wurde mit einem Lehensbrief in das Lehen eingesetzt. Dafür schwor der Lehensmann dem Lehensherrn einen Treueeid. Den Empfang der Güter und dass er den Eid geleistet hatte, beurkundete der Lehensmann durch ein Lehensrevers, das er an den Lehensherrn übergab. Er durfte das Lehen besitzen und nutzen, jedoch nur mit Zustimmung des Lehensherrn veräußern. So war es seit ewigen Zeiten, so war es bis heute. Damit niemand vergaß, wer wann von wem welches Gut oder Dorf als Lehen erhalten hatte, wurden Bücher darüber geführt, die eine Übersicht über die landesherrlichen Besitzungen gaben: die Lehenbücher.
Dies konnte nur eines bedeuten: Der Verhüllte, der draußen irgendwo auf ihn lauerte, war wirklich ein Vasall. Oder handelte im Auftrag eines Vasallen. Philipp dachte an die ledernen Stulpenhandschuhe, verschlissen, fleckig … Warum wollte er das Kopialbuch haben? Er wollte … etwas ändern? Das konnte er doch nicht wagen! Die Kopialbücher waren sauber zu führen, man durfte keine Veränderungen vornehmen. Allein der Registrator, so wusste Philipp von Heberer, durfte, wenn er Mängel entdeckte, Berichtigungen einfügen.
Nicht so viel nachdenken, Philipp Eichhorn, gemahnte er sich. Je weniger du weißt, desto besser. Bring ihm das Buch, es geht um das Leben deines Weibes! Tue, was er verlangt, und du wirst Hedwig und Juli wiedersehen.
Entschlossen packte er Buch und Laterne und wandte sich der Tür zu. Er betrat die Schreibstube der Registratur – und zuckte jäh zusammen. Stimmen im Flur.
Rasch schloss er die Tür zum Gewölbe, blickte sich hastig um, legte das Kopialbuch zuoberst in die Kiste mit den Oberpfälzer Briefen auf Heberers Schreibtisch.
Dann löschte er die Kerze in der Laterne, duckte sich neben einen Schrank. Keine Sekunde zu spät.
Die Tür zur Stube ging auf.
„Dieser dreckige Hurensohn!“
Nickel!
„Dem werd ich morgen was flüstern!“, polterte der obere Kanzleiknecht.
„Was willst du hier?“, lallte Michel Ley. „Ist doch nichts!“
„Dieser Hurensohn! Ich sag, der soll sich abmelden, und er tut’s nicht!“
„Weiß ich!“, brummte Ley.
„Also frag nicht, was ich hier will, Schafsarsch! Nachschauen muss ich! Ob alles seine Ordnung hat.“ Ein Grunzen. Licht huschte näher. Philipps Herz raste, er atmete flach.
„Lass mir doch nichts anhängen von dem!“
Ihm wurde heiß vor Anspannung. Wonach sah es wohl aus, sollten sie ihn hier entdecken, im Dunkeln, neben einen Schrank gekauert?
„’s riecht nach …“
„Maul!“
„Mein ja nur, es kann noch nicht lang her sein, dass er weg ist. Riecht nach eben gelöschter Kerze.“
„Heberer war noch hier, als ich hochging. Wird grad gegangen sein.“
Das Laternenlicht huschte gen Tür. „Wette, der hat den Rundgang nicht gemacht. Ich schwör dir, dem hau ich morgen die Fresse blau.“
Die Tür schloss sich. Dunkelheit flutete die Schreibstube.
Philipp atmete gepresst aus. Widersprüchliche Gedanken wirrten durch seinen Kopf. Alles verwirkt. Hätte er nicht soeben die Möglichkeit gehabt, sich Nickels und Michels Hilfe zu sichern? Er hatte es nicht getan. Er raufte sich einmal mehr das Haar. Nein, sinnlos, Nickel hätte zu Recht etwas Unlauteres vermutet, hätte er ihn hier ertappt. Und die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, seine Wut gegen ihn auszuspielen.
Nein, er konnte nichts anderes tun als das, was der Entführer von ihm verlangte, solange er nicht wusste, wo Hedwig war.
Er trat aus der Kanzlei, schickte vorsichtig Blicke die Gasse hinauf und hinunter, ehe er abschloss.
Nichts. Niemand.
Das Buch trug er unterm Mantel, hielt es im Arm, dicht an den Körper gepresst.
Er stieg die Stufen hinunter. Noch immer schneite es, wenn auch nicht mehr so heftig wie am frühen Abend. Dort, wo Hans zuvor gefegt hatte, lag eine neue weiße Decke aus Schnee auf dem Pflaster.
Hedwig. Juli. Wo waren sie?
Eine Gestalt eilte um die Ecke von der Kanzleigasse her, geradewegs auf ihn zu, hob den Arm.
„Philipp!“
Kilian!
Den konnte er nun gar nicht gebrauchen. Aber da war sein Freund schon heran. Etwas außer Atem vom raschen Gehen, Atemwölkchen in die Luft stoßend und einen Geruch nach Pferd verbreitend. „Dachte mir, dass du noch in der Kanzlei bist. Wurde also spät, was?“
Kilian schob die Kapuze aus der Stirn und sah ihn an.
Philipp spähte rasch umher. Wo war der Fremde? Lauerte er in der Nähe und beobachtete, wie er mit Kilian sprach? Die Obere Kalte Talgasse lag verlassen.
„Was ist?“, fragte Kilian, hielt die gewölbten Hände vors Gesicht und blies warmen Atem hinein.
„Nichts.“ Sein Herz raste. Gäbe es eine Möglichkeit …?
„Ich war bei euch. Hedwig ist nicht da“, sagte Kilian, ließ die Arme sinken und trat auf der Stelle.
Und dann sah Philipp ein verstohlenes Lächeln in Kilians Gesicht aufflammen, und mit einem Schlag wurde ihm so elend, dass er am liebsten um sich geschlagen hätte.
„Sie ist wohl schon vorgegangen, was? Hat sie …?“
Kilian ließ seine Frage unausgesprochen, schaute verlegen zu Boden und scharrte mit dem Fuß im Schnee. Dann blickte er Philipp wieder an. In seinem Gesicht lag eine so offensichtliche Vorfreude, dass Philipp augenblicklich wusste, sein Freund hoffte, Hedwig habe Appel tatsächlich zum Mitkommen bewogen. Er ballte die Hand zur Faust, schluckte. Dachte daran, dass Hedwig nicht dort war, wo Kilian sie vermutete. Vater im Himmel, hilf mir doch!, flehte er still. Was soll ich tun? Kilian einen Hinweis geben? Er wagte es nicht.
„Was ist mit dir? Hattest du so viel Arbeit?“ Kilian legte eine Hand auf Philipps Arm und sagte froh: „Komm, bei einem Krug Wein vergessen wir für heute die Arbeit!“
Unwillkürlich zuckte Philipp etwas zurück. Unter seinem anderen Arm klemmte das große Buch. Er konnte Kilian nicht ansehen, sah hinauf zum Himmel, aus dem winzige Flocken fielen, blickte die Gasse entlang.
„Komm“, sagte Kilian noch einmal.
Philipp hörte seines Freundes aufkommende Besorgnis. Er schüttelte den Kopf.
„Was?“
„Ich kann nicht.“ Er wand sich innerlich. Was sollte er Kilian sagen? Geschrien hätte er am liebsten. Hedwig verschleppt, troll dich, Kilian …
„Philipp?“
Er sah Kilian an. Rang nach Worten. Fühlte Angst.
„Du hast doch was. Ist etwas nicht in Ordnung?“ Forschend sah Kilian ihm ins Gesicht. Kilian, sein freundlicher, ruhiger Freund, den er schätzte und liebte. Kilian, Julis Pate. Er sah Kilian an und wünschte, er würde weggehen. Verzweifelt dachte er daran, dass der Hundsfott irgendwo in der Nähe vielleicht hörte, wie er mit Kilian sprach. Was mochte er annehmen?
„Ich muss … ich muss noch“, stotterte er schließlich. „Ich muss noch etwas erledigen. Einer der Räte. Ich …“
Kilian nickte zu seiner linken Seite hin: „Das, was du da so verkrampft unter dem Umhang trägst?“
Philipp erstarrte.
„Nun schau nicht so entsetzt. Ich weiß, dass du keine Kanzleigeheimnisse verraten darfst. Musst mir nicht sagen, was du tun sollst.“ Verständnisvoll breitete er die Arme aus. „Auch im Marstall gibt es wegen der bevorstehenden Abreise des Hofstaates viel zu tun.“ Er schlug ihm leicht auf den Arm. Dann schmunzelte er. „Hei, Freund, alles klar. Ich gehe voraus und unterhalte dein Weib so lange.“ Sein verschmitztes, scherzhaftes Lächeln brachte Philipp fast um den Verstand.
Trotzdem nickte er wie zur Zustimmung, brachte ein schmales Lächeln zuwege, sagte: „Ja.“
Kilian machte einen Schritt von ihm weg, sah die Gasse hinunter, fragte nun doch, indem er zu ihm zurücksah: „Ist sie dabei?“
Falls Appel im „Schwert“ war, würde sie sich ebenso wie Kilian wundern, wo Hedwig bliebe.
„Ich glaube schon“, antwortete Philipp und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Er konnte es nicht fassen, dass er seinem Freund ins Gesicht log. Er wollte das nicht. Aber er log noch einmal, indem er mit abschließendem Unterton sagte: „Ich komme, sobald ich kann.“
Kilian lächelte ihm zu, verschmitzt und in Feierlaune. „Wir werden uns die Zeit schon vertreiben. Doch sieh zu, dass du dich sputest! Einem wie mir können die Weiber nicht lange widerstehen!“
Er hob den Arm zum Gruß und verschwand im Dunkel der Gasse.
Zögernd tat Philipp einige Schritte Richtung Kanzleigasse. Der Fremde hatte gesagt, er käme auf ihn zu. Wo war er?
Er spähte vor sich. Schnee bedeckte das Pflaster, die Dächer, erhellte die Nacht. In der Ferne vor ihm schimmerte weißlich der waldige Hang am Friesenberg. Wo waren Hedwig und Juli? Und was würden Kilian und die Freunde denken?
Er erschrak, als sich eine dunkle Gestalt aus dem Schatten an der Ecke des Kanzleigebäudes löste und auf ihn zukam.
„Du hast es?“
Philipp nickte. Merkte, dass er zitterte. Angst bohrte sich in seine Eingeweide wie ein gefräßiger Wurm. Eine schreckliche, beschwörende Angst, die ihm Fragen in den Kopf hämmerte. Was, wenn der Strauchdieb Hedwig und Juli längst getötet hatte? Wenn er nun auch ihn an Ort und Stelle niedermetzelte und mit dem Buch verschwand?
Er bezwang sich, hörte sich raunen: „Das Buch nur gegen mein Weib und meine Tochter!“
„Komm!“, befahl der Mann lediglich knapp.
Er ließ Philipp vorangehen Richtung Friesenberg. Rechter Hand kleine Häuser, schief, schneebedeckt und dunkel. Zwischen zweien ein freies Grundstück. Der Fremde bedeutete Philipp, die Gasse zu verlassen. Geröllbrocken, eine weiß bestäubte, fast mannshohe Hecke. Philipps Herz schlug schneller. Hatte der Hundsfott Hedwig und Juli hier verborgen? Ein Kopfrucken, er sollte Hecke und Steinhaufen umrunden. Bang war ihm, so bang, dass Hedwig hier läge, und dann jäh das Erkennen, dass sie nicht hier war, als er auf der anderen Seite von Gesträuch und Geröll anlangte. Eine Laterne blinzelte am Boden. Der Mann hatte sie gänzlich mit Schnee umhäuft, sodass ihr Licht nicht zu sehen war. Nicht für jemand, der die Gasse entlang kam und einen Blick herüberwarf. Hinter der Laterne lag etwas nah bei dem Steinhaufen. Ein Bündel? Ein Sack?
„Das Buch!“
„Wo sind mein Weib und meine Tochter?“ Philipp zwang seiner Stimme einen gebieterischen Ton auf. „Ich werde es Euch nicht geben, wenn Ihr mir nicht …“
Sein Gegenüber schlug lediglich den Umhang zurück und deutete auf sein Schwert. Mit der freien Hand forderte er wortlos das Buch. Philipp verstummte, zog es unter dem Umhang hervor und reichte es ihm.
„Du begreifst schnell, Eichhorn“, sagte der Fremde, während er das Buch entgegennahm. „Du machst besser keine Dummheiten, während ich einen Blick hineinwerfe.“ Er hockte sich neben der Laterne in den Schnee. Zog die Lederhandschuhe aus. Schlug das Buch auf und hielt es schräg an das Licht. Eine Urkunde fiel heraus, er hob sie auf, schüttelte sie, betrachtete sie. Legte sie zurück.
Philipp schmeckte kalte Schneeluft auf den Lippen. Wonach suchte der Verhasste? Und warum? Mit einer Seelenruhe, wie es schien, blätterte er in dem Kopialbuch, ging Seite für Seite sorgfältig im blassen Lichtschein durch.
„Setz dich“, forderte er mit einem Mal zischend und ohne aufzusehen.
„Oder was? Metzelt Ihr mich sonst nieder? Habt Ihr das auch mit meinem Weib getan? Wo ist sie? Was habt Ihr ihr angetan?“
„Du bist besser leise und setzt dich.“
Zögernd ließ Philipp sich im Schnee nieder. Sein Herz raste, während er zusah, wie der andere Seite für Seite mit dem Finger entlangfuhr. Schließlich nickte er unmerklich, klappte das Buch zu. Sah unter der Kapuze zu ihm her.
„Du musst nicht noch einmal zurück.“
Anschreien hätte er diesen Sauhund mögen, dass er dies mit Sicherheit auch nicht getan hätte! Aber er musste seine Erregung und seine Verzweiflung hinunterschlucken, zitternd und fast toll vor Wut, denn er wusste, er hätte es getan.
Er neigte den Kopf. Rieb sich die Augen. Hedwig. Juli.
„Ich werde das Buch mitnehmen“, hörte er den anderen raunen. „Aber du hast sicher Verständnis dafür, dass es wieder in die Kanzlei zurückmuss. Und zwar so, wie es herauskam: ohne Aufsehen zu erregen. Das wird dir nicht sonderlich schwerfallen. Dieser Tage ist es umtriebig in der Kanzlei.“
Philipp begriff einmal mehr, dass der jetzige Zeitpunkt absichtlich gewählt worden war. Die Übersiedlung des Hofstaats hielt die Amtleute auf Trab. Er hörte ein Geräusch und sah auf. Der Fremde zog das Bündel zu sich, das hinter ihm gelegen hatte, es war ein Ledersack. Er zurrte ihn an den Schnüren auf und nahm etwas heraus, das in Lappen gehüllt war. Es war ein kleines tönernes Gefäß mit einem Deckel, er stellte es neben sich in den Schnee.
Was hatte er vor? Philipp war auf der Hut. „Wo ist mein Weib?“, fragte er und ließ ihn nicht aus den Augen.
„Dazu kommen wir jetzt.“ Der Mann packte das Buch in den Sack. „Eselsweg. Oberhalb des ‚Blauen Huts’, die Scharte in der Stadtmauer.“ Unter der Kapuze drehte er Philipp den Kopf zu.
Zum Zeichen, dass er verstand, nickte Philipp unmerklich.
„Übermorgen, wenn dieser Scheißungar kommt, drängt sich sämtliches Volk in der Stadt. Tischzeit in der Kanzlei ist von zehn bis eins. Du kommst um zwölf dorthin …“
Philipp sprang auf. „Übermorgen?!“, stieß er hervor.
Ein schwarzer Schatten zischte auf ihn zu, der Faustschlag ins Gesicht ließ Philipp rückwärts taumeln. Er hob die Arme in Abwehr, ein Schlag in den Magen. Er japste nach Luft, krümmte sich, sackte zusammen. Fiel auf die Knie, schlang die Arme um die Leibesmitte. Hörte sich keuchen. Ein Schmerz wie tausend eiserne Nadeln, als sein Schopf gepackt wurde, der Kerl ihn an den Haaren mit sich schleifte, sodass er auf Knien hinter ihm herrutschen musste, mit den Armen rudernd in grotesken Verrenkungen. Mit einem Ruck ließ er ihn los, und Philipp schlug mit dem Gesicht in den Schnee.
Ein gebieterisches Zischen dicht über ihm. „Übermorgen Buchübergabe am Eselsweg. Du bringst es zurück in die Kanzlei. Danach Wiedersehen mit deinem Weib in der Jakober Vorstadt. Ich sag dir noch wo.“
Philipp keuchte. Schnee, kalt wie eine Maske aus Eis, schnitt ihm ins Gesicht. Er drückte sich auf den Unterarmen hoch, hob den Kopf an.
Wieder packte der andere ihn an den Haaren, zog den Kopf daran in die Höhe, dass er vor Schmerz aufstöhnte. Dicht an seinem Ohr die verhasste Stimme. „Keinen Knecht, keine Büttel. Du allein. Oder dein Weib treibt im Neckar.“
Philipps Gesicht brannte vor Kälte und von dem Faustschlag, er roch Leder, feuchtes Wolltuch, Schnee.
„Verstanden?“
Er wurde losgelassen, damit er Zeichen geben konnte. Er nickte schwach, rollte sich auf die Seite, stützte sich auf den Ellbogen. Hustete. Fühlte sich hilflos wie ein Wurm und hasste diesen Sauhund dafür. Den Hals durchstechen wollte er dem, seine Überlegenheit aus ihm herauswürgen mit eigenen Händen. Der schwarze Schatten hatte sich von ihm abgewandt und machte sich an dem Tongefäß zu schaffen. Philipp versuchte sich aufzusetzen. Er ächzte, alles tat ihm weh. Und dann war die dunkle Gestalt wieder heran, Philipp wollte die Arme hochreißen, als der Arm des anderen sich von hinten um seine Kehle schlang. Er hörte das gurgelnde Geräusch, das er machte, als der ihm die Luft abpresste, seine Hände krallten sich in den Unterarm des Mannes, wollten ihn fortziehen. Etwas Feuchtes wurde ihm auf den Mund gepresst, er hörte den anderen „Atme!“ zischen. Hart und erbarmungslos hielt er ihn, und Philipp rang verzweifelt nach Luft, sog den fremden Geruch ein, merkte, wie er erschlaffte und ihm die Sinne schwanden.
Sechs
Die Schenke war zum Bersten voll.
Die Herberge hieß „Zum Schwert“. Mit Mühe hatte er ein Zimmer im Obergeschoss erhandelt, das er mit drei anderen Reisenden teilte, zwei Mann je Bett. Er hatte erst dann daran gedacht, in den Pilgerquartieren vor der östlichen Stadtmauer eine preisgünstigere Unterkunft zu suchen, als die Stadttore längst geschlossen waren. Dumm. Er wäre zwar noch hinausgekommen, aber hinein, falls sein Bemühen vergeblich gewesen wäre, nur noch nach Zahlung eines gehörigen Batzens Sperrgeld, wie sie es hier nannten. Das hatte er nicht wollen. Also war er in die Stadt zurückgekehrt und hatte in dieser Herberge eine Bleibe gefunden. Seit vier Tagen hielt er sich in Heidelberg auf, doch konnte er es sich auf Dauer nicht leisten, ausschließlich in Wirtshäusern abzusteigen. Nicht, dass er kein Geld hatte. Aber der Winter begann eben erst. Ohne eine angemessene Unterkunft konnte es schnell teuer werden.
An zweien von vier Tagen hatte er in dieser geizigen Residenzstadt nicht das eingenommen, was er ausgab. Selbst in dem steinernen Bürgerhaus mit den stattlichen vier Stockwerken über dem Erdgeschoss, den vielen Fenstern, den zahllosen Bildwerken dazwischen, den Medaillons, Wappenzeichen und goldverzierten Inschriften bis hinauf in das oberste Giebelgeschoss, von denen er im Dämmerlicht lediglich hatte „amicitia“ ausmachen können – selbst in diesem offenbar beträchtlich wohlhabenden Haus war er weder eine Kräutermischung noch ein Sälbchen losgeworden. Er hatte danach in jenem Viertel, das sie Oberes Kaltes Tal nannten, noch an zwei, drei Häusern geklopft. Doch weil es längst dunkel war, hatte man ihn auch dort nur mürrisch davongejagt. Einer gar, ein Wichtigtuer mit Mützenbrille, ein Gelehrter wohl, hatte ihm ins Gesicht geschimpft, dass Hausieren und Feilhaben fremder ausländischer Krämer weder in Städten, Flecken noch Dörfern gestattet noch zugelassen, sondern bei Verlust ihrer Waren verboten sei. Er hatte ihm außerdem, die Faust nach ihm schüttelnd, hinterhergebrüllt, dass Landfahrer, Würzverfälscher und andere fremde und unbekannte Hausierer keineswegs geduldet, sondern außer dem Gebiet gewiesen werden sollen. Er hatte zugesehen, dass er Land gewann. Myn diawl! Die hier mit ihrer vermaledeiten Landesordnung! Der hatte sie ja fast auswendig dahergeschrien. Andererseits musste er zugeben, dass sie milder war als die Bestimmungen in seiner Heimat. Dort galt das englische Gesetz. Und nach dem sollten Landstreicher schwer gepeitscht werden und den Knorpel des rechten Ohrs mit glühendem Eisen durchbohrt bekommen. Hierzulande wurde er nur hinausgeworfen. Und immerhin wäre es ihm erlaubt, zu ordentlichen Wochen- und Jahrmärkten – gegen Erlegung gewöhnlichen Stand-Gelds – seine aufrichtigen, unverfälschten, guten Waren feilzuhaben und um gebührlichen Wert zu verkaufen. Unverfälscht? Wer wollte schon das Wort auf die Goldwaage legen. Geheimnisvolle Zusätze waren das Salz seiner Medizinsüppchen. Ein Quäntchen Magie würzte seine Wunderpillen. Und damit war er bislang gut durchgekommen. Landesordnung hin oder her – er war doch kein Marktschreier!
Ryss sah sich verhalten um, während er die kräftige Ochsenschwanzsuppe aus einer Holzschale löffelte. Um ihn her herrschten Ausgelassenheit und Sinnenfreude. Er saß mit fünf Männern, etwa in seinem Alter, an einem Tisch. Einer, jünger als er, mit freundlichen braunen Augen und kinnlangem, welligem braunem Haar saß ihm gegenüber und reichte ihm einen Kanten Roggenbrot.
Ryss nickte dankend und widmete sich seiner Suppe.
Besser nicht so viel reden, lieber nachdenken, was er nun tun sollte.
In Frankenthal, später in Speyer, hatte er erfahren, dass Heidelberg dieser Tage besonders umtriebig und bevölkert wäre. Der hiesige Fürst unternahm in Kürze eine große Reise. Adelige, Boten, Amtleute, Huren und Musikanten würden sich in der Stadt tummeln. Eine solche Auswahl an zahlungskräftiger, vor allem aber an leichtgläubiger Kundschaft würde er nicht alle Tage auf einem Haufen haben. Also war er hergekommen. Aber das große Stück vom Kuchen hatte er bisher nicht abbekommen. Die Schaulustigen waren längst nicht so zahlreich, wie er gehofft hatte. Oder sie verkrochen sich in warme Löcher. Und die Bürger hielten ihm ihre vermaledeite Landesordnung vor und kauften nichts. Es war wohl doch besser, er machte sich in den Odenwald auf. In einer der zahlreichen Burgen würde er sicher die ein oder andere leichtgläubige Hausherrin mit locker sitzendem Geldbeutel finden. Und in Dörfern war man, wie überall, wo man stadtfern lebte, sicher froh um Abwechslung.
Außerdem – zufrieden tunkte er mit dem Brot die restliche Suppe aus dem Teller – außerdem waren die Mägde auf dem Land … nun, auf ihre eigene Art und Weise gastfreundlicher. In einem Stadthaus boten sich wenig Möglichkeiten, einem wie ihm eine Bleibe für einige Nächte zu gewähren. Auf dem Land hingegen gab es mindestens ein Plätzchen im Stall. Dort fand man ihn oftmals viel zu unterhaltsam, um ihm nicht später, wenn man einen Krug Bier herausbrachte samt Brot und Käse, die mit dunkler, fremdländisch klingender Stimme geraunten Schmeicheleien zu glauben und die Schenkel zu öffnen.
Besser also, er zog weiter. In irgendein Ritternest, das nicht zur Pfalz gehörte, und das, wie er gehört hatte, demnach nicht deren Gesetzen unterlag. Und zwar morgen in aller Frühe.
Sieben
„Warum diese Umstände? Und dazu noch ein Balg!“
Bisher hatte sie nur ein Auf und Ab von Lauten wahrgenommen, unverständlich, gedämpft. Doch auf einmal hörte Hedwig das Gesagte deutlich. Ein Mann sprach. Es hörte sich an, als hätte er Öl in der Kehle.
Wabbelige Grütze in ihrem Kopf, der schmerzte. Unklar die Gedanken. Doch jetzt diese Wörter, die sie verstand. Sie musste sich nur mühen, ihren Sinn zu begreifen. Wo war sie? Alles dunkel. Sie merkte, dass sie fror. Kälte von unten. Lag sie auf kaltem Boden? Aber sie hörte doch Feuer knistern. Irgendwo links von ihr. Sie drehte den Kopf ein wenig, die kleine Halskrause schabte am Kinn, die wollene Haube verrutschte. Sie versuchte die Augen zu öffnen. Die Lider schienen schwer wie Blei.
„Das Balg ist lästig. Wo wir sie …“
„Wir brauchen sie!“
Ein zweiter Mann, blechern schepperte seine Antwort.
Sie rührte sich. Spürte ihre harten Brüste, sie taten weh. Ihr Mantel war irgendwie hinderlich, sie wollte ihn zurechtziehen, merkte, dass sie die Arme nicht bewegen konnte – und begriff jäh, dass Fesseln ihr in die Handgelenke schnitten, dass der Druck auf Augen und Schläfen von einer Binde herrührte. Da erinnerte sie sich: die Untere Gasse, der Schatten, ein Mann – ein Magenstich: Juli!
„Von einem Balg war nicht die Rede. Ist hinderlich. Erhöht die Gefahr.“
„Halt’s Maul!“
Sie versuchte sich aufzurichten, stützte sich mit den gefesselten Händen ab.
„Man hätte es gleich in den Neckar werfen sollen!“
„Dass dich der Teufel schände! Halt endlich’s Maul!“
Hedwig keuchte, sie hörte eine Bewegung, ein leises Rasseln, dort, wo das Feuer knisterte und knackte.
„Sie kommt zu sich.“
Ein Luftzug, Geruch nach Schweiß und Leder. Jemand kam an sie heran. Knie knackten, als er neben ihr in die Hocke ging. Sie hörte Atmen. Sie öffnete den Mund. Der war wie ausgedörrt, sie musste sich räuspern.
„Bist also bei dir?“
Eine Stimme, dünn wie flach gehämmertes Blech.
Herzklopfen. Wo war ihre Tochter? Sie wollte sprechen. Ihr Mund war pelzig und trocken.
„Mein Kind!“, hauchte sie.
„Dein Balg ist hier.“
Sie streckte die zusammengebundenen Hände aus, tastete blind umher. Ein winziger Ton, ein Säuglingskeckern. Sie ertastete das Bündel, vielleicht hatte er es ihr auch herangeschoben. Sie fühlte das Schaffell, in das Juli gewickelt war. Zog ihre Tochter zu sich heran, befühlte das Gesichtchen. Warm, lebendig. Sie begann zu zittern. Tränen stiegen auf. Wer waren die beiden Männer?
„Wasser …“, bat sie.
„Wirf den Trinkschlauch rüber!“
Ein wabbeliges Geräusch.
Hart packte er sie am geflochtenen Haarkringel und riss ihr den Kopf nach hinten. Das Horn am Trinkschlauch war kalt und roch schlecht. Wasser floss ihr in die Kehle, sie verschluckte und benässte sich.
„Teufel auch!“, fluchte die Blechstimme neben ihr.
„Bind ihr die Arme frei. Soll sie selber saufen.“
„Geh mir nicht auf den Sack!“
„Dann spiele weiter milde Schwester.“
„Maul.“
Grob riss er ihre Arme hoch und zerrte an ihren Fesseln. Er musste wissen, dass er ihr wehtat. Sie hörte ihn durch den Mund atmen, ächzen fast. Scharf sog sie Luft durch die Zähne, als er den Strick mit einem letzten festen Ruck löste. Dem Lachen, das er dabei ausstieß, hörte sie die Lust am Quälen an. Der Schlauch wurde ihr in die Hände gedrückt. Sie ließ ihn fast fallen, so sehr schmerzten die Handgelenke. Wieder knackten die Knie, als der Mann sich erhob. Der, der weiter weg war, lachte. Hässlich, boshaft, pappig. Dann schien er näherzukommen. Sie hörte Schritte, gedämpft, ein Lehmboden also. Eine Hand umklammerte den Trinkschlauch, die andere fasste nach Juli, sie wagte nicht zu trinken, wollte aus diesem stinkenden Schlauch ohnehin nichts mehr trinken. Die Schritte erstarben, nah bei ihr ein Raunen, seimig, ölig: „Mutter und Kind. Du hast mich doch nicht absichtlich hinters Licht geführt? Lediglich von einem Weib war die Rede.“
Hedwig krallte die Finger in Julis Schaffell und kämpfte gegen die Angst.
Kleidung raschelte, etwas rasselte, klirrte leise. Ein Schwertgehänge?
„Heiheihei, mein Freund. Finger weg!“, grollte es gallertig.
„Wenn du nicht augenblicklich dein Maul hältst, stopf ich es dir!“, schepperte die Blechstimme.
„Und wenn du mich noch einmal anfasst, hack ich dir die Hand ab!“
„Dass dich der Teufel schände. Ich geh pissen!“
„Schon wieder?“, kam es hämisch.
Eine Tür wurde aufgerissen, sie quietschte. Eiskalte Luft blies herein, Schneegeruch. Hedwig zitterte. Ihre Brüste waren prall, sie müsste Juli stillen, ein Wunder, dass ihr Kind nicht nach der Brust verlangte. Oh lieber Herr im Himmel, hatten sie sie ebenfalls betäubt?
„Denk drüber nach, während du dein Würstchen an die Luft hängst. Ein Balg macht es schwieriger. Erhöht die Kosten.“
Die Tür wurde zugeschlagen.
Hedwig wagte kaum zu atmen. Sie spürte, dass der Zurückgebliebene auf sie herabschaute. Sie spürte seine verschlagene Art und schauderte. Warum hatte man sie verschleppt? Was hatten sie mit ihr vor? Ihr Herz hämmerte wilde Schläge. Entsetzen und Angst fuhren ihr in den Magen.
„Jung bist du.“
Sie hörte, wie er herantrat. „Gesund wohl, was? Schade drum.“
Ein Luftzug, als er sich zu ihr herunterbeugte. Der roch auch so: fettig, ranzig. Er packte sie am Kinn. „Süße Schnute!“
Seine Finger drückten ihren Mund spitz zusammen, so sehr, dass es wehtat, sie stieß einen ängstlichen Laut hervor. Heiß schossen ihr Tränen in die Augen.
„Furcht, was?“ Er sog scharf die Luft ein, raunte ihr ins Ohr, leise und schmierig: „Kann sie riechen, die Furcht. Riecht bei jedem anders und doch auf eine Weise immer gleich. Wie schwere Luft vorm Gewitter.“
Mit einem Laut des Entsetzens zuckte Hedwig zurück. Er hatte ihr seine Zungenspitze ins Ohr gesteckt! Sie wischte mit dem Ärmel über die eklige Nässe.
Ein widerliches Lachen. „Jammerschade, wirklich.“
Hedwigs Herz raste. Sie hörte, wie die Tür aufging.
Der andere kam zurück.
„Hast du deine Duftmarke an die Tanne gesetzt?“
„Dass dich der Teufel schände, weg von ihr.“
Der neben ihr erhob sich. „Weshalb? Ein bisschen Spaß mit ihr …“
„Zur Hölle, ich sagte, wir brauchen sie.“
Furcht machte ihre Kehle eng. Juli begann zu weinen.
„Da hast du’s. Das Balg plärrt.“
„Weib, bring’s zum Schweigen!“, befahl der andere.
Unter Tränen öffnete Hedwig den Mantel, fingerte an der Schnürung ihres Wamses, das sie über dem Hemd aus warmem Wollgewebe trug, öffnete Hemd und Unterkleid. Ihre Finger waren kalt, Gänsehaut überzog ihre Brust. Sie drehte sich zur Seite, damit sie den Männern den Rücken zukehrte. Sie befühlte das Bündel, nahm Juli hoch, murmelte, um sie zu beruhigen. Nicht mehr als erstickte Laute. Sie gab ihrer Tochter die Brust. Stille im Raum. Vielleicht sahen sie zu. Vielleicht sahen sie weg. Ein nie gekanntes Gefühl der Hilflosigkeit bemächtigte sich ihrer, und während sie Juli stillte, weinte sie. Man hatte sie verschleppt. Warum nur? Lösegeld? Philipp war kein reicher Mann. Philipp! Oh, was mochte er denken, wo sie war, was ihr widerfahren war? Oder hatten sie auch ihn gefangen? Plötzlich fielen ihr Schauergeschichten von Mördern und Unholden ein. War es das, was ihr bevorstand? Sollte sie verschleppt werden? Wollte man sie verkaufen? Immer wieder hörte man, dass Menschen gewaltsam fortgeschafft wurden, um andernorts furchtbare Arbeiten zu verrichten, an denen sie nicht selten zugrunde gingen. Ihre Gedanken überschlugen sich, sie merkte, dass ihr der Atem stockte, und sie holte tief Luft.
Juli begann, den Mund hin und her zu bewegen, ein Zeichen, dass sie genug von der Brust hatte. Hedwig nahm sie ab und legte sie an die andere. Es dauerte nicht lange, da hörte Juli auf zu schmatzen und zu saugen und schlief ein. Hedwig legte sie auf ihren Schoß und schloss ihre Kleidung. Was nun? Sollte sie etwas sagen oder besser den Mund halten? Die Männer schienen sich von ihr entfernt zu haben, still war es, nur das Feuer knackte und knisterte. Schließlich hielt sie es nicht aus, sie verharrte in ihrer abgewandten Haltung und wagte zu fragen: „Warum haltet Ihr mich gefangen? Mein Mann und ich sind nicht reich. Wir können Euch nichts bezahlen.“
„Du bist auf andere Weise nützlich.“
„Wie kann ich Euch nützlich sein?“
„Frag nicht so viel!“
Dieser ölige Widerling, schon beim Klang seiner klebrigen Stimme spürte sie seine schleimige Zunge im Ohr. Sie fühlte sich hilflos ausgeliefert, und die Tränen kamen erneut. „Bitte“, flehte sie. „Mir ist kalt, ich habe eine kleine Tochter, ich …“ Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte. Sie war ein Weib, und man hatte sie in einer bestimmten Absicht hierher gebracht. Es war bedeutungslos, was sie sagte, worum sie flehte. Aber sie konnte ihre Angst nicht bezähmen, und so fragte sie mit tränenschwerer Stimme: „Mein Mann, weiß er, dass ich hier bin? Wartet Ihr auf ihn?“
„Mädchen, halt’s Maul.“
Was hatten sie mit Philipp getan?
„Aber was nur wollt Ihr von uns?“, rief sie so verzweifelt, dass Juli aufwachte und zu weinen begann.
Sie tastete nach dem Kind, hob es an den Busen, wiegte es.
„Himmelarsch, mach, dass es Ruhe gibt, Weib!“
Sie küsste das warme Gesichtchen ihrer Tochter, benetzte es mit ihren Tränen. Sie müsste sie frisch wickeln. Juli stank. Das hatte sie zu Hause tun wollen. Doch sie war nicht zu Hause. Sie wusste nicht, wo sie war. Sie wusste nicht, warum sie hier war. Sie wusste nicht, was ihr bevorstand. Die Angst saß in ihren Eingeweiden wie ein Ungeheuer. Sie hörte das Knacken des Feuers, das Grummeln der Männer. Was hatte der eine zuvor gesagt? Sie sei nützlich? Wie konnte sie nützlich sein? Sie grübelte, und als sie vor lauter Angst nicht mehr weiterkam, wagte sie schließlich zu fragen: „Welchen Nutzen versprecht Ihr Euch durch mich?“
Sie hörte Schritte, war dennoch nicht auf den Schlag gefasst.
Unter der Wucht wurde ihr Kopf in den Nacken geschleudert, die heftige Bewegung verursachte ein lautes Knacken. Heiß schossen ihr die Tränen aus den Augen.
Juli begann zu schreien.
„Eindeutig redest du zu viel, Holde! Halt’s Maul.“
Hedwig rutschte vor dem Mann mit der Blechstimme zurück, Strohhalme stachen ihr in die Handballen, dann spürte sie die Wand im Rücken. Sie lehnte sich dagegen und presste ihr Kind an die Brust.
Geräusche, Bewegung und ein eiskalter Luftzug ließen sie aus dem Schlummer hochfahren. Schneewaldgeruch.
„Er kommt.“
Juli begann zu weinen. Sie krähte, sie plärrte, sie hatte Hunger, und sie war schon viel zu lange eingewickelt. Hedwig tastete nach ihr, hob sie an die Brust, wiegte sie. „Scht, scht.“
Sie begann zu zittern. Vor Kälte. Und vor Hunger. Durstig war sie ebenfalls.
Eilige Schritte, die näherkamen. „Mach, dass es still ist!“, befahl die Blechstimme.
„Ich sag ja, das Balg erschwert die Sache.“
„Dass dich der Teufel schände, bring es zum Schweigen!“
Aber Juli schwieg nicht.
„Herr, ich …“
Der Schlag war so hart, dass sie sich in die Wangenfalte biss. Juli weinte nun noch lauter, obwohl Hedwig sie fest an den Busen gedrückt hielt. Von dort wurde sie ihr unsanft entrissen. „Nein, lasst mein Kind!“, schrie Hedwig. Die Furcht ließ ihren Herzschlag aussetzen. Juli brüllte. Und in ihr Gebrüll hinein schrie sie selbst: „Gebt sie mir. Lasst mich sie auswickeln, dann wird sie Ruhe geben.“ Oh Gott, was tat er mit ihr? Ihr Kind greinte umso lauter, je mehr es dem Grobian ausgeliefert war und Hedwigs Angst spürte.
Hedwig taumelte auf die Beine. Eine verzweifelte Kraft trieb sie an. „Bitte!“, flehte sie und streckte die Arme suchend aus.
„Was geht hier vor sich?!“
Eine neue Stimme. Hart und befehlsgewohnt. Ein weiterer Mann. Die Tür schlug zu.
Juli gab erstickte Laute von sich.
„Was treibst du da?!“
Fast besinnungslos vor Angst torkelte Hedwig umher, wimmerte, wehklagte.
Ein weiterer Schlag ließ sie zusammenbrechen.
Als sie wieder zu sich kam, spürte sie zunächst nur die Härte des Untergrundes und die Kälte. Dann das Loch im Bauch, das von Hunger und Angst gleichermaßen kam.
Sie hörte das Knacken von brennenden Holzscheiten. Ein Husten. Rascheln von Papier- oder Pergamentseiten. Und ein anderes, ein wohlvertrautes Geräusch dicht neben sich, ein Säuglingsschmatzen. Sie weinte vor Erleichterung, als sie das warme Gesichtchen ihrer Tochter ertastete, Juli aufnahm und an ihr Herz drückte.
Die Tür ging, kalte Luft wehte heran.
„Gehst verdammt oft austreten, Vetter.“
Das war die neue Stimme, die des dritten Mannes.
„Wo viel reinläuft, muss auch viel raus“, gab der andere zurück und lachte, so, als glaube er seine Worte selbst nicht.
„Sie ist bei Sinnen. Gib ihr Brot.“
Das klang fast fürsorglich.
„Wozu sie füttern?“, hörte sie die ekelhafte, ölige Stimme.
Scheinbar hatte der neu Hinzugekommene das Sagen, denn er erwiderte nichts, und trotzdem ergänzte der andere gleich darauf mürrisch: „Mein ja bloß.“
Etwas wurde ihr in den Schoß geworfen. Sie nahm es und biss hinein. Juli begann zu weinen.
„Da hört ihr es. Wieder plärrt das Balg. Lass nur jemand in der Nähe sein, der zu neugierig ist und meint, nach dem Rechten schauen zu müssen.“
„Quatsch nicht. Mach weiter.“
Das Brot war trocken, Hedwig schluckte hart an dem zerkauten Brei, sie nahm ihren Mut zusammen und sagte erstickt: „Herr, lasst mich sie auswickeln. Nehmt mir die Binde ab. Ich schaue auch gewiss nicht zu euch.“ Ihr Herz raste. Sie hatte es immerhin versucht.
Sie erhielt keine Antwort. Nichts geschah.
Juli weinte und stank, und Hedwig wünschte, sie hätte Honig und Mohn zur Hand, um sie zum Schlafen zu bringen, wie sie dies von Tante Barbara gelernt hatte, die ihre Tochter Sophia ebenfalls auf diese Art besänftigte, wenn sie nicht aufhörte zu plärren. Ihre Base war eineinhalb Jahre alt, und beim Gedanken an sie und ihre Familie stiegen die Tränen erneut in ihr hoch. Dann war einer dicht bei ihr, drückte ihren Kopf unsanft nach unten und band ihr den Lappen von den Augen.
Hedwig blinzelte. Der Raum schien in Licht getaucht – im Vergleich zu der Schwärze, welche sie die ganze Zeit umgeben hatte. Sie wagte nicht aufzusehen.
„Sieh zu, dass sie Ruhe gibt!“, befahl jener, der neu hinzugekommen war, aus dem gegenüberliegenden Winkel.
Der ihr die Augenbinde abgenommen hatte, stand noch schräg hinter ihr. Sie zwang sich dazu, ihn nicht wahrzunehmen, bemerkte nur helle lederne Hosen und Stulpenstiefel. Dahinter flackerte Feuer in einer Feuerstelle. Zusätzlich musste es Laternen geben, denn die Ecke, in der die beiden anderen Männer saßen, lag in gelbem Lichtschein. Hedwig schaute auf Juli, die sich in ihrem Schaffell und den Windeln, in die sie geschnürt war, nicht rühren konnte. Deshalb weinte sie so ausdauernd. Sie wollte die Ärmchen bewegen, mit den Beinen strampeln. Also begann sie, auf Juli einzuflüstern, sie sah nicht auf dabei, wusste den Mann noch immer hinter sich, gewahrte die dunkle Hüttenwand rechts von sich, die aus Lehm zu sein schien, hörte dahinter den Wind durch die Nacht streichen. Jetzt sah sie auch, dass sie auf einer verschlissenen Wolldecke kauerte, die auf dünn ausgestreutem altem Stroh lag.
Sie versuchte, das Augenmerk einzig auf das Auswickeln ihrer Tochter zu richten, nahm das Schaffell weg, das wollene Tuch. Dabei flüsterte sie mit Juli, die nur noch in Schüben keckerte, da sie die Augen ihrer Mutter sah, die die ihren festhielten, da sie die Stimme ihrer Mutter vernahm, die beruhigend auf sie einsprach, da sie merkte, dass das geschah, wonach sie so lauthals verlangt hatte. Hedwig löste die Windelschnur, mit der Juli von den Schultern ab bis zu den Beinchen umwickelt war. Dann nahm sie die Außenwindel fort, Juli krähte geplagt, strampelte. Der Gestank wurde beißender. Ohne aufzuschauen sagte Hedwig: „Bitte Wasser … und vielleicht … Ich hatte ein Bündel …“
„Bah, das stinkt ja!“, kam es von der Feuerstelle.
Der hinter ihr rührte sich, kurz darauf warf er den Trinkschlauch neben sie. „Das muss reichen“, befand er. „Hier, dein Zeug.“ Madame Beliers einst wohlverschnürtes Bündel landete neben dem ledernen Trinkbeutel. Sie hatten es durchsucht, Trageschnur und Leinenumhüllung waren lose, das dunkelgraue Wollgewebe zerwühlt.
Hedwig entfernte nun auch die Ärmelwindel, Juli lag nackt vor ihr. Der Boden war kalt, das Wasser war kalt. Sie konnte nur hoffen, dass es ihrer Tochter keinen Schaden zufügte. Ohne zu fragen, griff sie den Lappen, den man ihr von den Augen genommen hatte, tränkte ihn mit Wasser und säuberte Juli. Diese begann bei der Berührung mit dem kalten Nass erneut zu schreien. Verzweifelt flüsterte Hedwig auf sie ein, streckte ihr zwei Finger der anderen Hand hin, damit sie nach ihnen langen konnte – und erstarrte. Ihr Ehering war fort! Heiß schoss ihr das Blut in die Wangen. Ihr Ehepfand! Philipps Geschenk für das Eheversprechen. Hatte sie ihn verloren? Oder hatte man ihn ihr weggenommen? Juli nahm die Finger nicht, sie weinte, wenn auch nicht mehr so schrecklich laut, und drehte den Kopf hin und her. Wie aus weiter Ferne drang die ölige Stimme zu ihr: „Ich mach die Löschung. Von einem Balg war nicht die Rede. Die Bezahlung wird höher ausfallen müssen.“
„Du nimmst, was vereinbart ist.“
„Es war schwer, Weib samt Säugling aus der Stadt zu schaffen. Erhöhte Gefahr erhöht die Besoldung.“
Ein trockener Knall, den Hedwig nicht einordnen konnte, folgte diesem Ausruf.
„Zwanzig Gulden mehr oder ich mach nicht weiter.“
„Der Teufel soll dich … Du wagst es?!“
Hedwig beugte sich vor, sprach leise auf Juli ein, die anhaltend greinte. Ihre Tochter war sonst ein ruhiges Kind. Dass sie jetzt weinte, lag nicht nur daran, dass sie zu lange eingewickelt gewesen war. Es lag an der Kälte, der sie ausgesetzt war, es lag an den lauten Männerstimmen, die sie erschreckten, und es lag sicher an der Angst, die sich von ihr, Hedwig, auf das Kind übertrug, dessen war sie gewiss. Mit zitternden Fingern umwickelte sie den Hintern der Kleinen mit dem Leinen, das als Umhüllung für das Wollgewebe gedient hatte.
Die Männer stritten nun lautstark. Hedwig versuchte angestrengt, nicht auf ihre Worte zu hören. Sie umhüllte Julis Oberkörper nur mit der kleinen Ärmelwindel, statt die Ärmchen darin fest einzuwickeln. Die Außenwindel, die als Nächstes käme, war kotverschmutzt, sie nahm stattdessen das Wolltuch, wickelte ihre Tochter locker hinein und verzichtete darauf, sie einzuschnüren. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als das neue Wollgewebe zu benutzen. Es war zu viel Tuch. Trotzdem umschlang sie den kleinen Körper mit der gesamten Menge und legte ihre Tochter auf das Schaffell. Langsam verebbte Julis Greinen.
Hedwig wusste nicht, wie sie sich nun verhalten sollte. Die Männer stritten, sie wagte nicht, sich zu rühren, behielt ihre Haltung bei und blieb mit ihnen zugekehrtem Rücken sitzen.
„Du Hundsfott bist nur auf deinen eigenen Vorteil bedacht!“ So dünn und blechern diese Stimme auch klang, jetzt, in Wut, hatte das Blech scharfe Kanten.
„Ach? Und zu wessen Vorteil machen wir das hier?“
„Auch du ziehst Nutzen daraus!“
„Der größer sein könnte. Nehmt’s von ihrem Eheherrn.“
„Wir zahlen die ausgemachte Summe. Punktum.“
Das sagte jener, der später erst hinzugekommen war.
Der Schmierige wollte also mehr Geld. Wofür? Was tat er dort am Feuer, wofür er Geld bekam? Und wofür er dieses viele Licht benötigte?
Ein Schaben, als würde ein Stuhl zurückgeschoben. „Scheiß drauf, ich hab genug von euch beiden Jammerlappen. Ihr sagt Ja oder ich verzieh mich. Seht doch zu, wer euch hilft.“
„Der Teufel soll dich … Du nennst mich nicht Jammerlappen!“ Etwas polterte, Gerangel entstand, Hedwig konnte nicht anders, sie musste den Kopf drehen und hinschauen.
Einer saß an einer offenen Feuerstelle auf einem Faltstuhl. „Hört auf!“, befahl er den beiden anderen, die sich in drohender Haltung gegenüberstanden. Der Größere kehrte ihr den Rücken zu, er hatte den anderen an der Kehle gepackt. Den sah sie halb von vorn, fettiges Haar, flusiges Gekräusel rund ums Kinn, und Augen, zusammengekniffen vor Wut. Er beugte sich nach hinten weg, suchte der Umklammerung auszukommen und stolperte über einen umgefallenen zweiten Faltstuhl. „Nur wenige Gulden mehr, Roth. Trägst sie sonst eh nur zu den Huren.“
Die Bewegung war fließend. Mit dem Ausruf „Hundsfott!“ stieß der Größere den anderen von sich, zog sein Schwert und stieß es ihm in den Leib.
Ungläubig glotzend sank der kleinere Mann zu Boden.
Hedwig schlug die Hand vor den Mund.
Der Dritte sprang auf. „Bist du von Sinnen!“ Er beugte sich über die zu Boden gesunkene Gestalt.
Blankes Entsetzen packte Hedwig. Sie presste Juli an sich und drückte sich in den Schatten der Hüttenwand. Der Niedergestochene hob einen Arm, röchelte, schließlich hustete er. Dann griff er sich mit einer matten Bewegung an die Seite. Blut färbte seine Finger. Der, der ihm das Schwert in die Seite gerammt hatte, stand breitbeinig da und glotzte auf ihn hinab. Hedwig sah ihn halb von hinten, halb von der Seite, viel hellbraunes Leder, Haare, die im Feuerschein rötlich schimmerten. „Das kommt, wenn man den Hals nicht voll genug bekommt, Scheißhaufen!“, stieß er hervor. Er war der mit der blechdünnen Stimme.
Der Dritte sah ihn an, wütend, vorwurfsvoll. Hedwig gewahrte sehr kurzes Haar, ein dünnes, dunkles Bärtchen um Kinn und Lippen. „Unbeherrschter Ochse! Steh nicht rum, hol was zum Verbinden!“, schimpfte er.
Dem am Boden fielen die Augen zu. Diesem Frettchen also gehörte jene widerlich ölige Stimme, die sie zu verabscheuen gelernt hatte. Stumpf vor Angst und Grauen starrte Hedwig hin. War er tot? Da drehte der Hellbraune sich um, kam auf sie zu. Hedwig hielt den Atem an. „Her mit dem Tuch!“
Mit zitternden Fingern kam sie seinem Befehl nach, wickelte es von Julis kleinem Körper. „Bitte!“, flehte sie, doch ihr versagte die Stimme. Juli würde erfrieren, wenn er ihr das warme Tuch nähme. Der Mann beugte sich herab. Mit grober Gleichgültigkeit riss er das Kind aus dem Gewebe, da ihre Finger zu langsam waren. Als sie die Brutalität sah, mit der er Juli einen Schlag verpasste, da begriff sie, wie taub und tot vor Pein, dass sie verloren war, dass ihr Leben und das ihrer Tochter keinen Pfifferling wert war, denn wenn der schon so toll war, seinen Kumpan niederzustechen, der ihm behilflich gewesen war – welches Schicksal erwartete dann erst sie?
Herbst 1595

Acht
Philipp hing schräg auf dem Stuhl in der Kammer, die Hedwig stolz „unsere Wohnkammer“ nannte.
Aber Hedwig war nicht da. Juli war nicht da.
Er starrte in die rußende Flamme des Talglichts auf dem Tisch. Sein Mantel war feucht, er zurrte ihn dennoch enger, kreuzte die Arme vor der Brust, aber warm wurde ihm nicht. Seine Finger waren eisig. Die Stube war kalt, dunkel. Er hatte kein Feuer in dem gusseisernen Gluttiegel entzündet.
Wie lange saß er hier, zerschlagen und niedergeschlagen? Er wusste es nicht. Jegliches Zeitgefühl war ihm abhandengekommen.
Knarren im Gebälk, er hörte das rasche Trippeln der Ratte im Fachwerk, die sie noch immer nicht gefangen hatten. Sonst war es still, auch Wittib Ringeler, die Vermieterin, plärrte unten im Erdgeschoss noch nicht mit ihren Kindern herum. Kein Gerufe, Gezänk und Gemach vom Jakober Tor her.
Philipp hatte kein Wort für das Gefühl, das ihm in Mark und Bein brannte. Wut? Es war mehr als das. Zorn? Es war mehr als Zorn. Hilflosigkeit? Ja. Schmerz? Grenzenlos und allumfassend, wie er ihn nie für möglich gehalten hätte. Julis Quengeln und Schmatzen, ihr Gebrabbel, das er frühmorgens vernahm, im Halbschlaf noch, wenn Hedwig sie stillte und leise mit ihr sprach. Das zufriedene Grunzen seiner Tochter. Nebenan in der Schlafkammer stand das Körbchen aus Flechtwerk, in das sie sonst gebettet lag. Leer. Wo war seine Tochter?
Philipp spürte, wie der Kloß im Hals sich löste. Er schluckte. Neigte den Kopf, bedeckte die Augen mit der Hand und weinte. Er konnte nichts dagegen tun. Es überwältigte ihn.
Nach einer Weile hob er den Arm und wischte sich den Rotz von der Nase. Nachdenken. Eine ungeheure Anstrengung – und doch rumpelte es in seinem Kopf, unablässig, sprangen die Gedanken von hier nach da, gaukelten Hoffnung, sprachen von Irrtum, rissen ihn in Verzweiflung, zeigten ihm wieder und wieder den Ablauf des gestrigen Abends, schimpften ihn einen Tor, einen Narren. Er dachte daran, wie er zu sich gekommen war, weil seine Zähne hart aufeinanderschlugen. Er hatte im Schnee gelegen, sein Schädel hatte gebrummt, ihm war übel gewesen. Er hatte nicht gewusst, wo er war. Um ihn her Dunkelheit und Kälte, auf seinem Mantel eine weiße Schneedecke. Die Erinnerung war gekommen, als er benommen auf eine tönerne Flasche starrte, die neben ihm im Schnee stand. Diesen Augenblick des jähen Begreifens, das ihn durchfahren hatte wie ein zischender Pfeil, würde er niemals in seinem Leben wieder vergessen können. Er hatte die Tücke begriffen, die hinter des Finsterlings Handeln steckte: Sollte man ihn finden, würde die Flasche hinlänglich Zeugnis davon ablegen, dass er am Martinsabend einen über den Durst getrunken und es nicht mehr nach Hause geschafft hatte.
Aufgerappelt hatte er sich. Hatte die Flasche im hohen Bogen von sich geworfen. War heimgeschlichen, im Mund einen bitteren Geschmack, im Schädel ein infernalisches Hämmern. Die Hölle konnte nicht schlimmer sein als das, was er durchlitt, auch wenn dies ein gotteslästerlicher Gedanke sein mochte.
Nachdenken. Konnte, sollte er sich jemandem anvertrauen? Er lachte trocken auf, als ihm einfiel, dass die Kanzleiordnung gebot, dass die Kanzleiverwandten untereinander „kein Gebolder oder ungeschicktes Wort gebrauchen“ und sich vor allem gegenseitig mit Rat und Tat helfen sollten. Wer konnte ihm helfen? Nickel gewiss nicht. Der umsichtige, ältere Kanzleiknecht Conradt Hofman? Der Vizekanzler? Doch was sollten sie tun? Wo Hedwig und Juli suchen? Vielleicht waren sie bereits … Nein! Das durfte er nicht denken! Er verscheuchte diese Angst. Nein, niemand konnte ihm helfen. Er musste warten. Morgen Mittag würde er das Buch erhalten und es zurückbringen in die Kanzlei. Danach würde er Hedwig und Juli zurückbekommen.
Das Morgengeläut der Franziskanerkirche ließ ihn hochschrecken, ein Röcheln kam aus seiner Kehle. Er war tatsächlich eingeschlafen!
Das Talglicht war ausgegangen. Durch das Hinterfenster schimmerte das Leuchten schneebedeckter Dächer im Novemberdunkel.
Die Knie knackten, als er sich reckte. Harndruck. Sein Nacken schmerzte, er langte hin, spürte die Beule am Hinterkopf. Sein Mund war trocken, er schluckte mehrmals, ein Kratzen im Hals. Er befühlte die geschwollene Wange und sog die Luft ein. Sie verfärbte sich wohl schon. Er stand vom Stuhl auf. Sämtliche Gliedmaßen taten weh. Außer die Zehen, die spürte er in den nassen Stiefeln schon gar nicht mehr. Er bewegte sie. Eine Qual. Er ächzte. Humpelte die zwei Schritte zum Geschirrschrank, nahm den Krug Wasser, trank in großen Schlucken. Eiskalt rann die Flüssigkeit seine Kehle hinab.
Die Glocken läuteten, im Erdgeschoss schlug die Tür, dass das kleine Haus zitterte. Schneegedämpftes Pferdegetrappel. Männerstimmen von fern. Heidelberg erwachte.
Er musste nun zum Haus Belier.
Dann in die Kanzlei. Tun, als ob nichts wäre.
Er sah sich in der Stube um. Ohne Hedwig war sie ohne Leben. Tisch, Stühle, eine hohe Truhe, ein Wandbord, der dreiarmige Kerzenständer, den sie eines Tages angeschleppt hatte und um dessentwillen er sie gescholten hatte, denn sie benutzten ja kaum Kerzen, schon gar nicht drei auf einmal. Jetzt tat es ihm leid. Dabei hatte er ihr selber Geschenke mitgebracht in den eineinhalb Jahren, die er sie in Reilingen besucht hatte, während er in Schwetzingen bei Onkel Dietmar und später bereits in Heidelberg lebte. Die kleine Lammfigur aus Horn, weil sie Tiere so gerne mochte. Eine Neckarmuschel an einem Lederband, die sie nicht hatte tragen können, solange ihr Vater ihre Verbindung nicht erlaubte, weshalb er sich heimlich mit ihr traf. Sie hatten so viel auf sich genommen! Nie mehr würde er sie ausschelten. Sie sollte nur wohlbehalten zu ihm zurückkommen.
Bevor die Verzweiflung ihn erneut übermannte, straffte er entschlossen die Schultern. Es half ja nichts. Er musste los. Also trat er zur Waschschüssel, die auf der Truhe stand, wusch sich mit dem kalten Wasser das Gesicht, spülte den Mund aus, um den bitteren Geschmack loszuwerden. Griff mit beiden Händen ins Haar, strich es mit gespreizten Fingern nach hinten. Dann öffnete er die Tür. Vermaledeit! Bestimmt zwei Zoll hoch lag der Schnee auf der Außentreppe.
Hell schimmerte der Hof unter ihm in der Dunkelheit. Wittib Ringelers Ältester war dabei, den Weg zum Abtritt frei zu fegen. Dick eingemummt war er und sah nicht auf, obwohl das Knarren der Tür zu hören war, als Philipp sie schloss. Eine Laterne mit einer brennenden, dicken Kerze hing an einem kahlen Ast des alten Apfelbaumes neben dem Abtritt.
Philipp überlegte, ob er die Stiegen frei fegen sollte, als seine Vermieterin durch die Küchentür am Fuß der Treppe in den schmalen Hof kam. Wittib Ringeler, den Schopf zur Gänze von einem zweifarbig gestreiften, im Nacken geknoteten Tuch eingehüllt, dessen langes Ende ihr im Rücken wie eine Schärpe auf dem wollenen Umhang lag, trug den Nachttopf in der einen, einen Eimer in der anderen Hand. Sie gab acht, dass sie nicht ausrutschte und stapfte mit festen, vorsichtigen Schritten gen Abtritt.
Als spüre sie ihn im Rücken, wandte sie den Kopf und sah zu ihm herauf. „Ach, aber da seid Ihr ja, Herr Eichhorn!“, rief sie. „Wo wart Ihr gestern Abend? Ihr wolltet doch das Mädchen zu mir bringen.“
Jäh kam Philipp dies zu Bewusstsein. Sie hatten Juli bei Wittib Ringeler lassen wollen, während sie mit den Freunden feierten. Was nun?
Ihr Sohn hielt mit Kehren inne, sah herauf und grüßte. Er hatte eine schmale Gasse frei gefegt, keine halbe Rute mehr bis zum Bretterverschlag, hinter dem der Abtritt lag.
Philipp erwiderte den Gruß. Zum Henker, er konnte nicht wie angewurzelt hier oben stehen bleiben. Außerdem musste er dringend pissen. Vorsichtig stapfte er die schneebedeckten Stufen hinab. Was sollte er sagen?
Er war kaum am Fuß der Treppe angelangt, da hob Wittib Ringeler beide Arme leicht an und klagte: „Nicht mal den Unrat kann man ungehindert in die Schissgrube werfen, Herr Eichhorn! All der Schnee! Gott sei Dank ist der Nachttopf nicht eingefroren. Einen Guten Morgen auch!“
Den wünschte er ihr nun ebenso. Philipp hatte nichts gegen seine Vermieterin. Sie war freundlich und hilfsbereit, hatte Hedwig sowohl während der Schwangerschaft als auch nach der Geburt beigestanden, und jeden Montag und Mittwoch kochte sie für ihn und Hedwig mit, da sie keine Küche hatten in ihren beiden Räumen, die einst von der gesamten Familie Ringeler bewohnt worden waren. Aber seit der Mann vor acht Jahren gestorben war, musste die Witwe schauen, wie sie mit ihren sechs Kindern zurechtkam. Gleichwohl hielt sie den Mietzins moderat und schlug für das Essen lediglich zehn Kreuzer drauf.
Deshalb war es Philipp gerade jetzt eine Qual, sie zu treffen. Er war voller Sorgen und hatte Angst, dass man sie ihm anmerkte. Er suchte sich daher so knapp wie möglich zu halten, indem er raunte: „Hättet Ihr etwas dagegen, wenn ich rasch zuerst …?“ Er nickte gen Abtritt.
„Geht nur, geht!“, rief die Witwe. „Mach Platz, Lutz. Lass Herrn Eichhorn durch!“
Philipp hastete an dem aufgeschossenen Burschen vorbei.
Dann saß er auf dem Balken über der Schissgrube und stöhnte leise. Der Arsch wollte ihm anfrieren, so kalt war das. Er stützte die Ellbogen auf die Knie, barg den Kopf in den Händen. Vermaledeit, vermaledeit, vermaledeit. Musste sie ihm ausgerechnet heute Morgen über den Weg laufen. Wegen des Schnees war sie vermutlich später dran als sonst. Was sollte er ihr sagen, sie würde eine Antwort erwarten. Na, Dummkopf, das Gleiche wie Hedwigs Brotherrn. Ihm grauste davor. Er musste zu Beliers. Er musste einen ganzen vermaledeiten Tag warten, bis er Hedwig wiedersähe. Die Sorge zerfraß ihn. Draußen die Kehrgeräusche, Lutz’ Schnaufen. Er nahm einen der kleinen Lappen, die in einem Holzkästchen neben dem Balken lagen, und wischte sich sauber. Diese Eigenart der Wittib Ringeler schätzte er. So sie nicht selbst welche hatte, kaufte sie von Lumpensammlern alte Lappen, schnitt sie in kleine Stücke und sorgte dafür, dass der Vorrat neben dem Schissbalken nicht ausging. Auch wenn die Lappen nun starr und kalt waren, mochte Philipp das angenehme Gefühl von Sauberkeit. Als er fertig war, nahm er eine Kelle voll Kalk aus dem Eimer und warf ihn in die Grube hinunter. Auch darauf legte die Witwe Wert. Es mindere den Gestank, und wenn alle das täten, hingen die Fäulnis-Ausdünstungen nicht so sehr in den Gassen der Stadt, war die Witwe sich sicher.
Er ging hinaus.
Wittib Ringeler wartete am Apfelbaum. Nachttopf und Eimer hatte sie neben sich abgestellt, aus beiden stank es. Sie schaute ihrem Sohn zu. Der machte noch zwei, drei letzte Schlenker mit dem Besen, richtete sich auf und sagte: „Fertig.“
Philipp wollte ein Danke murmeln und sich vorbeistehlen, da fasste ihn Wittib Ringeler am Arm, neigte den Kopf näher zu ihm und raunte verschwörerisch: „Jägermeister Simmel hat mir eine schöne Lammschulter angeboten … Jaja, geh du schon rein“, richtete sie sich armwedelnd an ihren Sohn, ehe sie sich wieder Philipp zuwandte. „Günstig, wenn Ihr versteht. Da hab ich nicht Nein gesagt.“ Sie lächelte listig. Lutz stapfte davon. „Mit Rüben und Kraut gibt das ein kräftiges Süppchen, was? Freut Euch auf heute Abend!“
Heute Abend?
Mittwoch!
Philipp nahm sich zusammen. Doch noch ehe er „Sicher“ murmeln konnte, zeigte sich die Witwe bestürzt, sie reckte den Kopf näher an sein Gesicht, ihre Hand fuhr zum Mund und sie rief: „Aber was ist denn mit Eurer Wange? Ihr habt Euch doch nicht geprügelt gestern Abend?“
„Nein, nein“, entgegnete er rasch.
Sie hob die kräftigen dunklen Augenbrauen, die über der Nasenwurzel fast zusammenstießen. „Das sollt Ihr auch nicht!“ Sie nahm wieder Abstand, winkte tadelnd mit dem Zeigefinger und ergänzte: „Auch zu viel Wein ist nicht gut.“
„Ich …“, stammelte Philipp, der nicht wusste, was er sagen, wie er dieser Besorgnis auskommen sollte.
„Schon gut. Ich dringe nicht weiter in Euch. Ihr seid jung.“ Sie lächelte. Philipp wollte sich endlich erleichtert mit einem Gruß verabschieden, als die Augenbrauen sich erneut hoben und Wittib Ringeler, indem ihr Blick zur Treppe huschte, fragte: „Hab die Kleine noch nicht gehört. Ist doch alles in Ordnung? Ihr habt sie wohl doch mitgenommen gestern Abend?“
Das war nicht anders zu erwarten gewesen, er hatte es befürchtet. Was nun? Er sah die Dellen und Grübchen im Kinn seiner Vermieterin. Er kniff die Augen zusammen. Wand sich innerlich. Es half ja nichts. Er würde Beliers die gleiche Lüge erzählen müssen. Wie er es verabscheute!
„Hedwig ist gestern Abend nach Reilingen aufgebrochen. Ihre Mutter ist krank.“
„Herr im Himmel, hilf! Es ist doch nichts Schlimmes? Und Ihr habt das arme Ding allein ziehen lassen?“
Grundgütiger, daran hatte er nicht gedacht. Und jetzt? Er sah Wittib Ringelers Blick und erkannte, dass sie eher vermutete, er und Hedwig hätten einen handfesten Krach hinter sich und das Mädchen wäre in die Arme ihrer Familie geeilt. Aber all das war ja nicht so, weder das eine noch das andere stimmte, und am liebsten hätte er ihr dies ins Gesicht geschrien. Er wollte das hier nicht. Er wagte kaum, sie anzusehen. Er hatte Angst, sie könne ihm im Gesicht ablesen, dass er log. Wie er es hasste, dies tun zu müssen! Wie er hasste, dass es letztlich doch so einfach ging: „Nein, ihr Vater sandte einen Boten, mit dem ging sie mit. Ich hab beide zum Speyerer Tor begleitet“, hörte er sich sagen.
„Ach weh, und Euer kleines Mädchen? Sie hätte sie doch bei mir lassen können, nicht dass sie auch noch krank wird! Die Amme ist ja nicht weit. Ach je, der Herr erbarme sich, dass sie die Reise wohlbehalten übersteht! Na, kräftig ist sie ja.“
Philipp nickte unbestimmt.
„Ich dachte mir gleich, Ihr saht so bekümmert drein. Ich sah sofort, dass Euch etwas drückt.“ Sie tätschelte seinen Arm. „Eine Schüssel warme Grütze, Herr Eichhorn, bevor Ihr in die Kanzlei geht?“
Er zwang sich zu einem Lächeln, lehnte die Grütze dankend ab, er würde sich vorne beim Bäcker an Heiliggeist eine Brezel kaufen.
Ihre Hand lag noch immer auf seinem Arm, ihr Blick war forschend, sie schien nach den rechten Worten zu suchen. Und tatsächlich, nachdrücklich sagte sie: „Das wird schon wieder, sorgt Euch nicht.“ Es war nicht klar, ob sie die kranke Mutter oder den vermeintlichen Ehekrach meinte.
Philipp wollte nur noch weg. Mit einer Geste deutete er an, dass er nun aber aufbrechen müsse.
„Sicher, sicher, geht nur“, nickte sie. „Ihr müsst aufschließen, Feuer anmachen. Ich weiß, ich weiß, nun geht!“ Damit entließ ihn die gute Frau, die letztlich nichts weniger getan hatte, als ihrer nachbarschaftlichen Pflicht nachzukommen, weshalb ihn seine Lügen umso mehr schmerzten.
Er eilte durch die Pforte, die zur Gasse hinausführte – und prallte mit Kilian zusammen.
„Holla Freund, Guten Morgen!“, rief dieser. „Will eben zu dir.“
Vermaledeit, jetzt auch noch Kilian!
Sein Freund wohnte in der Jakober Vorstadt, sein Weg zum Marstall führte ihn schnurstracks an ihrem Haus vorbei.
„Haben auf euch gewartet gestern. Wurdest du so lange gebraucht?“
Weiterlügen. Am liebsten hätte er Kilian in die Stube gebeten, ihm anvertraut, in welch unsagbarer Not er sich befand.
„Auch Hedwig … Aber was ist nur? Ich seh dir an, etwas stimmt nicht. Ist etwas geschehen? Juli ist doch nicht krank?“ Kilians Miene, die zunächst ein wenig ungehalten gewirkt hatte, drückte nun neugierige Anteilnahme aus.
Philipp schüttelte den Kopf. „Nein. Aber Hedwigs Mutter. Hedwig brach gestern Abend nach Reilingen auf.“
„Wie das? Du sagtest doch, sie sei bereits in der Schenke.“
Verflucht! Wie sollte er sich da herauswinden? Gott, steh mir bei, auch wenn es beim Lügen ist.
„Und du ließest sie allein gehen?“, setzte Kilian ungläubig nach.
„Nein, nein.“ Philipp suchte nach einer Erklärung. Und wunderte sich fast nicht mehr, wie leicht sie ihm auch diesmal über die Lippen kam. „Nach meinem Amtsgang eilte ich noch einmal nach Hause, weiß gar nicht mehr warum. Hedwig hat dort auf mich gewartet, zusammen mit dem Boten, den ihr Vater sandte. Der begleitete sie.“
„Und du?“
„Was meinst du?“ War Kilian misstrauisch? Philipp wagte nicht, ihm offen ins Gesicht zu sehen. Wie er sich für seine Lügerei schämte.
„Hättest doch noch ins ‚Schwert‘ kommen können.“
Philipp machte eine unbestimmte Geste. „Ich ging bis zum Rabenstein mit. Auf dem Rückweg blieb ich am Speyerer Tor bei den Wächtern hängen. Denen hatte wer zwei Kannen Roten ausgegeben.“ Er zuckte die Schultern.
„Ah“, machte Kilian.
Nahm er ihm das krumm? Er konnte es nicht einschätzen. Gott, Kilian, wenn du wüsstest …
„Was hat ihre Mutter?“
Wieder zuckte Philipp die Schultern. „Etwas mit Fieber, man weiß es nicht genau.“
Verständnisvoll nickte Kilian. Plötzlich kniff er die Augen zusammen, sein Gesicht kam näher. „Herrje, was ist mit deiner Backe?“
Er würde ständig darauf angesprochen werden, er hatte sich bereits etwas einfallen lassen. „Ich hab mich gestoßen“, winkte er ab.
Kilian setzte ein schiefes Grinsen auf. „Der Rote schmeckte wohl. Und die Straßen sind rutschig.“ Er hieb ihm auf die Schulter. „War jedenfalls lustig, kannst dir ja denken. Conradt spielte den Zink, Ochsenkuhn die Sackpfeife, ein Flötist noch dazu – es ging heiter her. Ha, und zu später Stunde sang so ein schwarzer Vogel welsche Lieder.“
Als Philipp fragend schaute, ergänzte Kilian: „Der war gänzlich schwarz gewandet, wie ein Magister. Rabenschwarzes Haar dazu und Augen wie ein Muselmann, ansonsten bleich wie Milch. Sprach so gut wie nichts. Nach ’ner Kanne aber hob er an zu singen, keiner verstand sein Gekrähe, aber alle johlten mit.“ Kilian grinste.
„Da hab ich ja was verpasst“, sagte Philipp müde.
Kilian wurde ernst. „Hattest ja andere Sorgen. Was ist, willst du in der Mittagspause nicht zum Marstall kommen? Gut dreihundert Pferde sind schon da. Täglich werden es mehr. Sollen bis sechshundert werden für den Umzug nach Amberg.“ Er fasste Philipp am Arm. „Das wird dich ablenken.“
„Ich weiß nicht recht.“ Er fürchtete sich vor dem Zusammensein. Er würde weiterlügen müssen. Und andererseits hätte er sich Kilian nur zu gerne anvertraut.
„Denk drüber nach. Ich werde dort sein.“
Sie mussten einem Ochsenkarren Platz machen, der vom Jakober Tor heranrumpelte, drückten sich an die Hauswand. Kilian deutete die Gasse hinunter und sagte: „Lass uns das Stück zusammen gehen.“
Philipp nickte und trottete neben seinem Freund gen Marktplatz.
Später stand er in der Mauernische von Heiliggeist, stopfte den letzten Krümel Brezel in den Mund und schaute hinüber zum Belierschen Haus. Kaum dreißig Schritte bis zum Tor, sie erschienen ihm wie dreitausend.
Er hatte eigentlich keine Zeit mehr, lange zu überlegen. Heiliggeist schlug sechs, er musste in die Kanzlei. Und doch stand er hier und starrte auf die etwa vier Ruten breite Hausfassade, als könnten ihm Erkerbrüstung, Bogenfenster, Ornamente und Reliefs des neuen Gebäudes bei seinem Vorhaben irgendwie behilflich sein. Aber das konnten sie nicht. Er musste selbst entscheiden, ob er zum Hausherrn persönlich ginge oder ob er es dabei bewenden ließe, dem Knecht Bescheid zu geben. In Anbetracht der Zeit und weil es weniger unangenehm war, musste wohl Letzteres genügen. Doch noch waren die vertikal ausschwenkbaren Klappläden, die als Verkaufstische für die Tuche dienten, an den eingemauerten Eisenlaschen verriegelt und nicht heruntergelassen. Auch das Hofportal war noch geschlossen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als zu pochen. Er schaute noch einmal an der Vorderseite des Hauses empor und erkannte im zweiten Obergeschoss einen blassen Lichtschein. Er gab sich einen Ruck und ging auf das Tor zu. Hob den Arm und klopfte fest.
Sofort wurde geöffnet. Doch nicht Velten, dem Knecht des Hauses, sah er sich gegenüber, sondern Appel, im Wollumhang und mit zwei Eimern in den Händen. Sie war auf dem Weg zum Wasserholen. Sofort dachte er daran, dass Kilian ihm glücklich erzählt hatte, dass Appel gestern Abend tatsächlich gekommen war und bei ihnen gesessen hatte. Sie war wirklich schön, er verstand Kilian. Augenbrauen wie mit einem Pinselstrich hingeschwungen. Augen wie zwei schwarze Kirschen. Runde Lippen und ein Lächeln, das ihr erstarb, als sie ihn erkannte. „Ist etwas mit Hedwig?“, fragte sie sofort. „Oder Juli?“ Atemwölkchen vor ihren Lippen, duftig wie Schmetterlinge.
„Nein, den …“ Er stockte. „Den beiden geht’s gut“, hatte er sagen wollen. Aber jäh wurde ihm bewusst, dass er nicht wusste, wie es ihnen ging. Er wusste nicht einmal, ob sie noch am Leben waren. Er kämpfte die aufsteigende Angst nieder, die Verzweiflung. Rang mit sich. „Appel“, sagte er, und die Betonung, die er in ihren Namen legte, ließ sie aufmerken und ihn noch aufmerksamer anschauen. „Sag den Beliers, Hedwig musste nach Reilingen. Ihre Mutter ist krank und man schickte nach ihr. Bitte gib den Herrschaften Bescheid. Ich muss zur Kanzlei, bin ohnehin schon spät.“
Appel blickte ihn unverwandt an. „Und Juli?“, fragte sie.
„Ist bei ihr. Willst du es ausrichten, Appel?“
Sie nickte, und der Ernst in ihren Augen, die sonst so vorwitzig blickten, verfolgte ihn den gesamten Weg bis zur kurfürstlichen Kanzlei am Fuße des Schlossbergs.
Neun
Der Morgen war trüb und grau, wie es einem Novembermorgen anstand. Auf dem Küchentisch flackerte deshalb ein Öllicht. Hausherr Matthias Großhans schob den länglichen Eisenbehälter am Griff ein wenig zur Seite, damit die eineinhalbjährige Sophia nicht drankam. Seine Nichte konnte keine fünf Minuten stillhalten, zappelte auf dem Schoß ihrer Mutter, seiner Schwester Barbara, herum. Was war er froh, dass seine Kinder aus dem heraus waren! Hedwig war bald siebzehn und bereits unter der Haube, sein Sohn Michel fast elf.
Sein Weib Gundel kam mit einem Krug angewärmten Bieres zum Tisch und füllte die Tonbecher. Matthias schob Magister Baumann den ersten hin. Der Lehrer war zeitig aus Hockenheim nach Reilingen herübergekommen, um die morgige Reise nach Heidelberg mit ihnen zu besprechen. Deshalb war auch seine Schwester Barbara mit ihren beiden Stiefsöhnen Cornelius und David da. Der zwölfjährige David schielte augenblicklich neidisch zu seinem fast fünfzehnjährigen Bruder, weil der einen Becher Bier entgegennahm, während er selbst sich mit Milch begnügen musste.
Das wird was geben, dachte Matthias, mit vier heranwachsenden Jungen morgen nach Heidelberg! Sein eigener Sohn Michel, Cornelius und David sowie deren Vetter Sebastian hatten ihm die Ohren vollgejault, seit vor wenigen Tagen die Kunde umgegangen war, dass es in Heidelberg ein fremdländisches Tier zu bestaunen geben würde. Der Herzog von Württemberg gedachte, dem Kurfürsten von der Pfalz durch die Übersendung eines gefangenen Kamels nebst zugehörigem Tataren seine Achtung auszudrücken. Dass der protestantische Württemberger damit ein politisches Zeichen der Verbundsbereitschaft an seinen reformierten Nachbarfürsten sandte, dürfte Friedrich wohl gefallen, da war sich Matthias sicher. Die calvinistische Pfalz brauchte und suchte Verbündete. Und der Erhöhung der Ehre diente es zudem, wenn der übliche Pomp das Volk zusammenlaufen ließe, da Wein und Wecken umsonst ausgegeben würden. Ganz sicher gab es obendrein Wettschießen oder Ringlerennen. Matthias schnaufte durch. So machte man sich lieb Kind mit seinen Untertanen. Und die Herrscher sich gegenseitig. Nun, man würde hinfahren und es sich anschauen, man hatte es den Jungen versprochen, weil ihr Bitten und Betteln nicht nachließ.
„Seit Julianas Taufe im August haben wir sie nicht mehr gesehen, Magister Baumann“, sagte Gundel gerade zu dem Lehrer. „Wir wollen sie mit unserem Besuch überraschen.“
Natürlich war auch das ein Grund für die Reise. Sie wollten die Tochter besuchen, die in der Residenzstadt lebte. Sein Weib war im Sommer zwei Wochen dort gewesen, um der Tochter bei der Geburt beizustehen und ihr im Haushalt zu helfen. Zur Taufe hatte er ein Fest ausgerichtet, wie es üblich war, und war mit seiner Mutter, seiner Schwester und deren Familie nachgereist.
„Ruhig jetzt, Sophia!“, zwang Barbara ihre Tochter zur Ordnung.
Sophia bog und wand sich, wollte runtergelassen werden.
Lehrer Baumann nickte und fragte: „Mit dem Fuhrwerk geht alles klar?“
„Gib sie mir“, sagte Cornelius und streckte die Arme nach seiner Halbschwester aus. „Komm her, Plaggeist!“ Sophia strahlte und streckte ihrerseits die Ärmchen nach ihm aus. Cornelius nahm sie auf seinen Schoß und hielt ihr den Fuchsschwanz hin, den er am Gürtel festgebunden hatte. Damit hatte er sie eine Weile beschäftigt. Barbara lächelte zu den beiden hinüber und sagte: „Ja, Markward wird euch sein Fuhrwerk leihen.“
Markward war ein Freund von Barbaras Ehemann.
Baumann nickte. „Gut, ich komme mit dem Mietpferd herübergeritten, wir treffen uns am Hohen Stein.“
Matthias sagte: „Wir müssen sehr früh los. Wollen wir um die Mittagszeit in Heidelberg sein, sollten wir gegen acht Uhr aufbrechen. Eher früher. Vier Stunden brauchen wir sicher, erst recht bei diesem Schnee!“ Er wandte sich an seine Schwester. „Ich kann das Fuhrwerk heute Abend bei Markward abholen?“
Barbara nickte zustimmend.
„Dann komme ich mit Gundel und Michel morgen früh zu euch. Etwas nach sieben Uhr. Cornelius, nicht dass du dann erst anfängst, den Rappen aufzuzäumen! Du bist mit David und Sebastian bereit!“
Er blickte zu Baumann. „Am Hohen Stein. Halb acht.“
„Gut“, sagte der Lehrer.
„Und denkt an ein Licht. Euer Heimritt, Magister Baumann, wird im Dunkeln stattfinden. – Cornelius?“
„Ja, Oheim Großhans, ich vergesse die Leuchte nicht.“
Matthias nickte zufrieden. „Dann ist alles geschwätzt. Magister Baumann, ich denke, Ihr werdet mit drei Halbwüchsigen fertig beim Heimritt.“
Das meinte er scherzhaft, und der Lehrer verstand es auch so und lächelte.
Cornelius würde seinen Bruder David, Baumann deren Vetter Sebastian mit aufs Pferd nehmen und am Nachmittag den Heimritt antreten. Er selbst würde mit seiner Familie zwei Tage länger in der Stadt bleiben. Gundel wollte Hedwig und Juliana nicht so schnell wieder verlassen und schauen, wo sie ihrer Tochter helfen konnte. Michel wollte unbedingt den Marstall sehen, dieses neue Prachtgebäude, von dem man so viel hörte. Und da Hedwigs Ehemann einen Freund im Marstall hatte, konnte man da sicher etwas abmachen, denn im vergangenen Sommer, als sie zur Taufe in Heidelberg gewesen waren, war dafür keine Zeit mehr geblieben. Na, wenn er ehrlich war, freute er sich selbst auf diese Reise. Auch er wollte seine Tochter samt Enkeltochter wiedersehen. Und ein Erlebnis war die große Stadt allemal, man kam ja nicht alle Tage hin. Und nachdem man gehört hatte, dass der Lehrer Baumann zu seinem Heidelberger Buchhändler wollte, war man rasch einig geworden, den Weg gemeinsam zu machen. Zumal sie jemanden brauchten, der mit den Jungen heimkehren würde, wenn er, Gun-del und Michel noch in der Stadt blieben.
So war nun alles geregelt – morgen in der Früh konnte man also gen Heidelberg aufbrechen.
Zehn
Runde weiße Brüste.
Das war das Bild, das die abgeholzten, schneebedeckten Hügel südöstlich von Heidelberg in ihm wachriefen. Er hatte sie längst hinter sich gelassen, durchstapfte lichten Wald gen Süden, doch weiße Brüste hatte er noch immer im Kopf. Wollüstiger Zeitvertreib an diesem kalten, schneegrauen Morgen. Außerdem waren die Kopfschmerzen so erträglicher. Eindeutig hatte er zu viel gesoffen.
Ryss leckte sich über die Lippen, zog die Kapuze tiefer, brummte mit sich selber. Die hatten aber auch einen Wein hier in der Gegend!
Nefoedd Wen, sogar gesungen hatte er! Lieder seiner Heimat, die er längst vergessen wähnte. Nun, es hatte ja Spaß gemacht. Die jungen Gesellen an seinem Tisch waren leutselig und freundlich gewesen und hatten ausgelassen gefeiert. Jener, der ihm gegenübersaß, hatte ihm immer wieder aufmunternd zugelächelt und ihn letztlich angesprochen. Ob er ein Gelehrter sei, seine schwarze Gewandung ließe darauf schließen? Auch die Färbung in seiner Aussprache, sein fremdländisches Aussehen wiesen auf einen Magister hin? Nein? So hielt er sich also schlicht an die spanische Mode, man sähe ja auch hierzulande viel schwarze Kleidung? Auch nicht, es gefiele ihm lediglich? Diese Pfälzer aber auch, neugierig und einem Schwatz nie abgeneigt. Er hatte ausweichend geantwortet, auch, weil er zuerst nicht hatte einschätzen können, ob der Jüngling etwa ein Auge auf ihn geworfen hatte, etwas, das ihm immer wieder widerfuhr, sein langes schwarzes Haar, seine reine Haut – er gefiel nicht nur den Weibsleuten. Doch dann war ein schönes junges Weib herangekommen, lächelnd und keck, mit Wangen wie Nikolausäpfel, die Haare so schwarz wie seine eigenen, nur dass sich die ihren in munteren kleinen Locken ringelten. Die Augen des Jünglings glänzten mit einem Mal wie die dunklen Trauben der Pfälzer Weinberge im Tau, und er hatte kein Liebesorakel gebraucht, um zu sehen, dass der bis über beide Ohren in die Maid verliebt war. Sie hatten gelacht, sie hatten getändelt, sie hatten getrunken und schließlich gesungen. Man hatte ihn mit einbezogen, ihn ermuntert. Das musste man diesem ach so rechtgläubigen Volk lassen, sie feierten gern und ausgiebig. Hatten ja auch einen Fürsten, der die Lustbarkeiten liebte. Das hatte er unterwegs immer wieder gehört, und als ihm ein englischer Kavalier in Brügge erzählte, der großzügige Hof des jungen Fürsten in der Kurpfalz stehe weithin in gutem Ruf, hatte er beschlossen, hierherzukommen. In Speyer sowie in manch pfälzischem Dorf hatten sie allerdings die Nasen über den Kurfürsten gerümpft. Seine verschwenderische Hofhaltung sei schändlich, desgleichen sein tollkühner Lebenswandel, sein ungezügeltes Jagdgebaren. Allzu oft überspanne er den Bogen seiner Großmannssucht. Statt zu regieren, fröne er kostspieligen Liebhabereien und veranstalte ein Turnier nach dem anderen.
In Frankenthal hingegen war man voll des Lobes über den Herrscher gewesen. Ryss dachte an die Wallonen dort, bei denen er gute Geschäfte gemacht hatte. Wohlhabende Tuchmacher und Teppichwirker. Weber, die ihm, ohne mit den Wimpern zu zucken, seine wunderwirksamen Elixiere abkauften, denn deren Wandteppiche waren weithin gesucht und ihre Geldbeutel entsprechend gefüllt, da sie auch für den Hof des Fürsten arbeiteten. Sowohl sie als auch all die Juweliere, Gold- und Silberschmiede waren Fremde wie er selbst, mit dem Unterschied, dass sie in der Pfalz eine neue Heimat gefunden hatten, während er noch immer umherwanderte, seinem Schicksal folgte, das ihn in die Welt hinaustrieb. Waren jene hier sesshaft geworden zu Bedingungen, die ihren verfolgten Leibern und ihren geplagten Seelen wohltaten, so schien es für seine eigene Seele keinen Trost zu geben, noch immer nicht. O’r argol, jetzt nur nicht in Melancholie abgleiten! Auch hier war nicht alles eitel Sonnenschein, denn auch wenn die neuen Untertanen den hiesigen Fürsten für sein Vorgehen liebten, wussten sie doch, dass es Berechnung war, denn die Pfalz saß wegen der calvinistischen Religion noch immer auf einem gesonderten Ast im Baum des Reiches, und je mehr gleichgläubige Untertanen, desto besser.
Nun, ihm war’s gleich. Er kam zurecht, auch mit der Religion, wenn sie nicht gar zu streng gehandhabt wurde. Und Seelentrost? Nun, den schafften am ehesten eine Ecke im Stall, Kuhgeruch und wärmendes Heu. Er verscheuchte die altbekannten wehmütigen Gedanken und ergab sich von Neuem seiner lüsternen Fantasie: Heranhuschender Lichtschein, eine schüchtern-kecke Stimme, die ihm Brot und Bier anbot und fragte, ob er es auch warm genug habe. Ich wüsste, wie mir noch wärmer würde, meine Schöne, würde er raunen, sie an sich ziehen, was sie willig geschehen ließe. Er würde den weißen Busen streicheln, ihr unter die Röcke gehen, stöhnen würde sie, und er würde ihr den Hals küssen und sie schließlich nehmen.
Ryss spürte seinen Schwanz hart werden und wünschte, diese Fantasie, so oder so ähnlich schon geschehen, würde heute Abend Wirklichkeit werden. Also hieb er seinen Wanderstock in den Schnee und stapfte voran auf dem schmal ausgetretenen Pfad, den Wildspuren säumten. Den Rucksack hatte er wie stets unter dem Wollumhang geschultert. Und wie stets scheuerte der hölzerne Kasten darin an seinem Rücken. Die unterschiedlich großen Beutelchen an seinem Gürtel schwangen mit dem Trinkschlauch im Gleichmaß seiner Schritte.
Schnee rieselte von einem Ast. Eine Wildtaube gurrte.
Langsam schwanden die Kopfschmerzen. Duw Mawr, war ja nicht jedes Mittelchen, das er mit sich herumschleppte, wirkungslos. Rosenöl zum Beispiel brauchte er ohnehin für die Weiber. Es half auch gegen Kopfgrimmen. Und den Wirt der Herberge hatte er in aller Herrgottsfrühe genötigt, ihm ein Stück rohes Rindfleisch beizuschaffen, das er sich ins Genick legte. Nicht umsonst stand er in der Nachfolge Rhiwallons und seiner Söhne Cadwgan, Gruffydd und Einion, der Heiler von Myddfai, die diese Vorgehensweise bei einem Brummschädel empfahlen. Der viele Wein und sein unseliger Bettgenosse hatten ihm eine unruhige Nacht beschert. Er schlief ohnehin nicht sonderlich gut, doch diesen Stinkbolzen hätte er keine Minute länger ertragen. Nefoedd Wen! Der furzte im Schlaf und knirschte und schmatzte wie zehne zusammen. Da hatte auch sein altbewährtes Mittel nicht geholfen, die Anisbeutelchen, die er sich unter die Nase band, um erholsamen Schlaf zu fördern. Daher hatte er die Stadt zeitig im trüben Morgenlicht gen Osten verlassen. Ursprünglich hatte er bei den vier Steinacher Burgen den Anfang machen wollen. Aber nachdem er erfahren hatte, dass die Herren der Burgen, die Landschaden von Steinach, seit Generationen brav in Diensten der Heidelberger Fürsten standen, war er davon abgekommen. Die kannten die pfälzische Landesordnung sicher noch besser als jeder Bürger.
Also hatte er den Neckar nach Schlierbach hinter sich gelassen und war gen Süden weitergewandert. Dank der Auskünfte seiner Zechgenossen wusste er in etwa, dass er sich Richtung Südosten halten musste. Kraichgau hieß die Region, in der er sein Glück versuchen wollte. Dort lagen Ritterdörfer und Rittergüter versprenkelt inmitten der pfälzischen Lande. Dort würde er sein Glück machen, dort würde ein Mägdlein seiner harren.
Ryss hob den Kopf, weil das Gehen plötzlich anstrengender wurde und er hörte, wie er keuchte. Er sah die Atemwolken, die er in die grauweiße Luft entließ. Er war einen Hügel hinaufgewandert, umgeben von dichter werdendem Wald. Weiß behangen die kahlen Bäume, hier und da noch ein braunes Blatt, das an einem dürren Ast im Wind schaukelte.
Stille um ihn her. Allein auf Wanderschaft. Wie immer.
So ist mein Los, dachte Ryss. Hab’s mir selber zuzuschreiben. Die Melancholie wollte wiederkommen, und er eilte sich, sie zu verdrängen, indem er sich erneut einen wohligen Abend ausmalte. Er wusste, dass er an Mädchen dachte, um an jene eine nicht denken zu müssen. Und so stapfte er weiter und hoffte, dass er bis Mittag einen Flecken oder Weiler erreichen würde, wo er etwas essen und sich aufwärmen konnte.
„Er ist tot!“
Sofort war Hedwig hellwach.
Trotz des Grauens, trotz der Angst war sie eingeschlafen und nur einmal erwacht, um Juli zu stillen.
Das rasselnde Atmen des Sterbenden, anfangs noch übertönt vom wütenden Zanken der beiden anderen, hatte aufgehört. Sie rührte sich nicht. Sah nicht auf. Kauerte in ihrer Ecke, barg Juli in ihren Armen und verhielt sich ruhig.
„Du jähzorniger Idiot! Und jetzt?!“
„Was willst du hören?“
„Gott, ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen.“
Ein Auflachen, es klang wie auf die Gasse gekipptes Schmutzwasser. „Und dann? Immer sich weiter kränken lassen? Auf eine neue Anmaßung harren? Die Zeit ist günstig. All der Trubel in Stadt, Kanzlei und Schloss!“
„Was nützt es uns – nun?“
„Lass mich nachdenken.“
„Dann denke, wie du pisst, Vetter! Zügig!“
„Zunächst müssen wir ihn fortschaffen.“
„Dass wir ihn nicht hier liegen lassen können, weiß ich selbst.“
„Bring ihn nach Wiesenbach. Der Lange wird nicht viel fragen.“
„Du hast den angeschleppt! Du schaffst ihn auch fort!“
„Ich kenn dich doch, Vetter. Hier sitzen und warten ist deine Sache nicht.“
Ein Scheit Holz wurde aufs Feuer geworfen.
„Ich hab zudem die Lösung.“
Schweigen. Knistern des Feuers. Draußen rief ein Waldvogel.
„Der Knecht.“
„Den anschleppen?“
„Ist nicht gut, wenn noch mehr Bescheid wissen. Der wartet ohnehin auf dich. Wird brav mitkommen, da du ihm in Aussicht stellst, seine Holde zu sehen.“
Meinten sie Philipp? Sie wollten Philipp holen?
„Wir hätten es gleich selber tun sollen.“
„Greine nicht. Schaff den Hundsfott weg und den Knecht bei.“
Geraume Zeit sagte keiner etwas.
Dann: „Sagen wir, ich reite. Dass du sie nicht anrührst! Und lass das Kind zufrieden!“
Sofort pochte ihr Herz schneller vor Angst. Ausgeliefert einem Mörder. Was mochte ihm einfallen, wenn er allein mit ihr war?
Der Wald war dichter geworden. Kein Gehöft hinter der nächsten Biegung, der nächsten Baumgruppe. Er hatte Rast gemacht und die Brezeln verspeist, mit denen er sich in Heidelberg wohlweislich eingedeckt hatte. Seit einer halben Stunde etwa wanderte er wieder. Folgte noch immer einem ausgetretenen Pfad, auch wenn er bisher keiner Menschenseele begegnet war und nur seine eigenen Schritte im Schnee knirschen hörte. Ryss fragte sich, ob es nicht doch klüger gewesen wäre, noch in Heidelberg zu bleiben. Die jungen Männer gestern Abend hatten von einem Tataren erzählt, der morgen in die Stadt einziehen würde. Von nah und fern käme Volk, um das zu sehen. Er hätte womöglich doch gute Geschäfte gemacht, wenn er sich fernab aller Gesetzeshüter hielte? Ach was, sagte er sich, wo viel Volk, da auch viele Aufpasser. Es war besser gewesen, weiterzuziehen. Auch wenn seine Stiefel inzwischen durchnässt waren und seine Hände trotz seiner wollenen Pulswärmer rot gefroren. Er hatte vorhin überlegt, ein Feuer anzuzünden, es aber gelassen. Er wollte nicht so lange verweilen. Wollte zügig vorankommen. Brüste lockten. Vielleicht eine heiße Suppe.
Ryss blieb abrupt stehen. Das Knirschen seiner Schritte verstummte, die plötzliche Stille rauschte in seinen Ohren.
Rauch? War das Rauch, was er da roch?
Endlich ein Gehöft?
Er spähte durch die schwarzbraunen Stämme. Nach links. Nach rechts. Stapfte weiter. Schmunzelte über sich selbst, weil er merkte, dass er sich über Begegnung freuen würde. Keine Seele seit Stunden, der man zumindest ein „Guten Morgen“ hätte zurufen können. Wo waren die Pfälzer denn alle?
Da sah er Spuren, die links vom Pfad Löcher in den Schnee gestanzt hatten. Er blieb stehen und betrachtete sie. Pferdespuren? Ein Hirsch? Er sah in die Richtung, in die sie führten. Sie verliefen sich im Unterholz. Ob dort eine Ansiedlung lag? Er drehte den Kopf und sah auf den Pfad, den er weitergehen würde. So oder so nur Wald weit und breit. Ob er es hier versuchen sollte?
Und dann, eindeutig: Rauchgeruch. Ganz sicher. Ein warmes Herdfeuer. Die steifen Glieder aufwärmen. Ein Becher heißer Würzwein vielleicht. Seine Füße liefen von selbst, wadentief sank er im Schnee ein.
Nach einigen Minuten blieb er erneut stehen. Ein Kind schrie. Ein sehr kleines Kind, ein Säugling noch.
Also lebte dort wirklich wer.
Munter stapfte er voran.
O’r argol, das Kind schrie sich ja die Seele aus dem Leib! Es wollte sich gar nicht beruhigen. Jetzt zeterte auch noch ein Weib. Und dazu eine Männerstimme, die zornig Befehle spie. Herrje, in einen Zwist mochte er nicht hineingeraten. Das war selten ratsam. Besser man mischte sich nicht in die Belange anderer Leute ein.
Da verstummte das Schreien.
Kurz darauf erspähte er eine Hütte. Aufgetaucht aus dem Nichts. Sie war schwer auszumachen. Eingezwängt zwischen Stämmen und Büschen, windschief und winzig. Ryss blieb stehen. Er äugte hinüber. Männerstimmen drangen heraus. Und das Kind hob wieder zu greinen an. Er verharrte. Das Reisen hatte ihn vorsichtig gemacht. Man war besser auf der Hut. Umkehren? Aber eine warme Suppe … Die Tür schepperte mit dumpfem Knirschen auf, zwei Männer kamen heraus.
Ryss handelte unwillkürlich. In der Sekunde, da er begriff, dass sie einen Toten zwischen sich schleppten, machte er einen Satz hinter den nächsten Baumstamm. Er erfasste noch die Gleichzeitigkeit, mit der alles geschah, bevor er sich für seine Ungeschicktheit verfluchte: Seine Bewegung war zu rasch gewesen, es knackte und knarzte, als er umknickte, das Gleichgewicht verlor, stürzte und heiser aufschrie, weil ihm die Kanten seines Kastens in die Rippen stachen. Schnee rieselte auf ihn herab, die Männer ruckten die Köpfe in seine Richtung. Sie ließen den Toten fallen wie einen Mehlsack und stürmten mit grimmiger Entschlossenheit auf ihn zu.
„Dass dich der Teufel schände, was ist da drin?“
Der mit der roten Nase und der dünnen Stimme kniete neben seinem Rucksack und hielt ihm das bauchige Fläschchen aus grünem Waldglas hin. Der zweite Mann, der gepflegter aussah, stand daneben und ließ ihn nicht aus den Augen.
Ryss lag am Boden, eine Körperlänge von der offenen Feuerstelle entfernt. Er bewegte die Arme, die man ihm auf dem Rücken gebunden hatte, und verzog missfällig das Gesicht. „Getrocknete Mausköpfe“, antwortete er gleichmütig und hoffte, dass man nicht hörte, dass ihm das Herz im Halse schlug. Er verwünschte seine Tölpelhaftigheit. Ließ sich von diesen beiden Kalbsköpfen gefangen nehmen. Mit Genugtuung sah er zu, wie Rotnase das Glas von sich weg hielt und ungläubig darauf starrte, wobei er die schräg stehenden Augen zusammenkniff, dass die Haut der Unterlider schmale Wulste warf. Er sah grobschlächtig aus. Rote strähnige Borsten wie ein Ire, die dazu passende rote Knollennase, fleischige Lippen. Ein roter Kinnbart von gut zwei Zoll Länge und zerfranst wie bei einem Ziegenbock, zu dem das hellbraune Lederwams passte, das er über einem Lederhemd trug. Ein Haudrauf, wenn man ihn fragte.
„Was verschlägt dich in diese abgeschiedene Ecke?“, fragte der, der stand. Sein Mantel war aus gutem Wollstoff, wie er ihn bei den Wallonen gesehen hatte. Er hielt Stulpenhandschuhe in der Hand und schlug damit immer wieder auf die Innenfläche der anderen Hand. Er hatte sehr kurz geschorenes braunes Haar, einen dünnen Oberlippenbart, schmale Lippen, einen senkrechten Bartstrich zum Kinn, der in einen dürftigen braunen Kinnbart mündete. Verwirrend war, dass er in den Augen des Mannes eine Art melancholischer Trauer las, die ihn eigentümlich an die eigene erinnerte.
„Ich habe mich verirrt.“ Ryss’ Herz klopfte. Neben der Hüttentür, keine drei Schritte entfernt, lag die Leiche eines Mannes wie ein hingeworfener Sack. Schweinepisse und Teufelsdreck – der war keines natürlichen Todes gestorben! Das Blut an seiner Seite sprach eine deutliche Sprache. Und was hatte es mit dem Weib auf sich? Auf einer dünnen Strohschütte hinter ihm kauerte ein verängstigtes Mädchen, das einen Säugling in den Armen hielt. Sie gab keinen Mucks von sich. Gehörte sie einem der beiden Misthaufen?
Der Stehende kickte ihm die Stiefelspitze in die Seite. Ryss zuckte von ihm weg.
„Wer bist du? Und was ist das für eine Färbung in deiner Aussprache?“
„Nur ein umherziehender Krämer, Herr.“
Die beiden wechselten einen Blick.
Er deutete mit dem Kinn zum Glas, das Rotnase neben sich am Boden abgestellt hatte, und sagte leichthin: „Ich biete vielerlei Hilfliches an. Die Mausköpfe, sie erleichtern das Zahnen einem Kind. Nichts für Euch, nehme ich an.“
„Mach dich nicht lustig, Milchgesicht! Außerdem heißt es hilfreich.“ Rotnases Stimme schepperte dünn. Sie passte nicht zu diesem verschlagenen Rohling.
„Ich meinte nur, Herr, Ihr selbst braucht ihn nicht, so Ihr jedoch habt ein zahnendes Kind, ich empfehle Euch, ihn um den Hals zu binden dem Kind. Mein Ehrenwort, jede Maus sprang noch putzfidel umher, ehe ich ihr den Kopf abbiss.“
„Erzähl keinen Scheiß!“
„Das tue ich nicht, Herr. Ich handelte ehrlos, würde ich die Köpfe abkaufen dem erstbesten Bettler, von dem ich annehmen muss, dass er zuerst tötete die Maus, bevor er den Kopf abschnitt. Das wäre unwirksam und daher unlauter und daher ich verrichte die Schmutzarbeit selbst und beiße den lebenden Mäusen die Kö…“
„Quatsch mich nicht zu.“
Aber er horchte auf! Ryss äugte zu dem Stehenden, nickte dann zu dem Toten hin, bemühte sich um einen unterwürfigen Ton, gab sich dienstbar und bemerkte bedauernd: „Wäre ich früher zu Euch gefunden, hätte ich sicher helfen können Eurem armen Verwandten. Ich habe Mittel gegen mancherlei Gebrechen.“ Nahmen sie ihm ab, was er damit andeutete? Dass er einen gewaltsamen Tod nicht in Betracht zog? Wohl kaum. Es war ihm ein Gräuel, Rotnase zuzusehen, der Tiegel und Säckchen aus seinem Rucksack klaubte, den Kasten hervorholte und ihn öffnete. Er enthielt Fächer, damit zerbrechliche Dinge nicht kaputtgingen. Beide Männer starrten argwöhnisch auf das Gewirr aus Ton- und Glasgefäßen.
„Was ist das?“, fragte Rotnase und hob ein Gläschen hoch.
„Gummi Arabicum.“
Er schaute fragend, also erklärte Ryss: „Ich mische es mit anderem zu einem Gemenge, um gefeit zu sein gegen Gifte.“
Rotnase feixte – und ließ das Gläschen fallen. Es zerbarst nicht, sondern rollte weg.
Ryss schluckte.
Das nächste Gläschen.
„Pulverisierte Mäuse“, sagte Ryss so gleichgültig wie möglich. In Wahrheit mischte er Staub und Sand und gab vor, es seien pulverisierte Mäuse. „Gegen Fallsucht“, ergänzte er rasch, noch ehe Rotnase fragen konnte.
Diesmal warf der Haudrauf es mit Schwung ins Feuer, wo es mit einem hässlichen Knacken zerbarst.
„Also?“, fragte der, der stand.
„Bitte!“, sagte Ryss und grollte sich selbst für den flehentlichen Ton. Aber sie zerstörten sein Einkommen! Was er in Apotheken oder von Kräuterweibern erwarb, kostete Geld!
„Du bist also zufällig hier?“
Rotnase zurrte ein rotfleckiges Säckchen auf, äugte hinein und warf es dann grinsend ins Feuer. Das waren die getrockneten Wolfsbeeren. Ryss stöhnte auf. „Ja. Ich bin unterwegs nach Süden.“
„Im Winter?“
„Ein Händler wie ich kennt keine Jahreszeiten. Ich brauche auch etwas zu essen im Winter. Zudem – mit Verlaub – ist noch Herbst.“
Rotnase verpasste ihm eine Kopfnuss. „Werd nicht frech, Milchgesicht.“
„Verzeiht“, murmelte Ryss. Er sah, wie sie sich erneut mit Blicken verständigten.
Die Stiefelspitze des Dunkelhaarigen tippte nacheinander einige der umliegenden Gegenstände an. „Tönerne Räucheröfchen, der Fünfstern als glasierte Verzierung. Schmelztiegel, Hahnenkrallen. Und was ist das? Ziegenohren? Ein Krämer? Würzverfälscher wohl eher.“
Rotnase hielt ein Säckchen hoch und schüttelte es. Die Walnüsse darin klapperten. „Dass der Teufel dich schände, Geschäftemacher und Betrüger“, bemerkte er.
„Keineswegs, Herren“, widersprach Ryss und legte Selbstbewusstsein in Stimme und Haltung.
„Kräuter, Öle. Und das hier …“ Die Stiefelspitze trat auf einen mit einer Kordel zusammengehaltenen Bund Flugblätter, die Rezepte und Zaubermaßnahmen enthielten, was man an den Bildern erkennen konnte. „Damit führst du leichtgläubige Menschen hinters Licht.“
„Ich …“
Rotnase hielt ihm sein in schwarzes Leder gebundenes Buch hin, in das er seine Rezepturen und Erfahrungen einzutragen pflegte. Er trug es stets ums rechte Bein gezurrt, und sie hatten es ihm ebenso abgenommen wie seine Beutelchen, als sie ihn nach Waffen durchsuchten. Besonders überlegt waren sie dabei allerdings nicht vorgegangen. Die naheliegendste Stelle hatten sie nicht angetastet. Ryss versuchte, die niedergeschmetterte Miene beizubehalten und sich nicht anmerken zu lassen, dass es ihn anwiderte, dass die dicken Finger mit den schwarzen Nägeln sein geliebtes Buch beschmutzten.
„Verwickelte Verzierungen im schwarzen Leder.“ Er drehte das Buch um und deutete mit dem Finger auf die Rückseite. „Noch einmal der Fünfstern. Und innen drin unverständliche Zeichen und Wörter. Die Zubehöre eines Zauberers, wenn Ihr mich fragt. Herr.“ Er warf das Buch zu den anderen Dingen am Boden.
„Aber Ihr irrt!“ Ryss gab sich empört und zog die Nase hoch. Unverständliche Zeichen und Wörter! Dieser Idiot! Nur weil er selbstverständlich in seiner eigenen Sprache schrieb, die dieser Dummkopf natürlich nicht kannte. Wenn der überhaupt lesen konnte!
„So?“ Der Stehende klang fast belustigt.
Ryss’ Kehle wurde eng, als er sah, wie Rotnase die Hand auf den Schwertknauf legte.
„Lass stecken, Vetter. Er kommt uns wie gerufen. Erspart uns unnötig Weg und Unbill. Und er ist ein Fremder. Wir nehmen ihn.“
Rotnase stieß ein überraschtes Grunzen aus.
„Quacksalber, sagen wir, du wirst uns einen Gefallen tun“, bemerkte der Dunkelhaarige.
Das hieß, dass sie ihn erst einmal nicht kaltmachten. Ryss spürte Erleichterung, auch wenn er Übles ahnte. Er rang sich ein steifes Lächeln ab und erwiderte: „Jederzeit, die Herren, zu Diensten, so es ist nicht unlauter und ich es vermag!“
„Unlauter?! Hirhirhir!“ Rotnases Lachen rasselte dünn. „Unlauter, ich fress dem Ochsen seine Eier! Unlauter!“ So ungestüm, wie er begonnen hatte, war er auch wieder still. Er beugte sich zu ihm herüber, Ryss konnte den üblen Atem des Gesellen riechen, als der ihm drohend langsam Wort für Wort entgegenspie: „Hausierer sind hierzulande keineswegs gut gelitten.“ Er deutete auf die umherliegenden Dinge. „Zauberer auch nicht. Schau dir deinen Mischmasch an. Und dann danke dem Herrn, dass wir dich nicht dem nächsten Büttel ausliefern.“
Ryss schluckte. Das hätte gerade noch gefehlt. Da war er aus diesem Grund aus der Stadt fort, nur, um ausgerechnet mitten im verlassensten Wald auf diese beiden Halunken zu treffen, die ihm damit drohten, ihm genau zu jenem Schicksal zu verhelfen, dem er zu entfliehen gedacht hatte. Oder die ihn umbrachten, wenn er sich nicht geneigt zeigte. „Ich bin sicher, wir kommen überein“, sagte er glatt – und lächelte. Gwae fi! Wie komme ich da wieder heraus?, überlegte er.
„Binde ihn los!“, befahl der Stehende.
Rotnase warf ihm einen warnenden Blick zu. „Keine Dummheiten, verstanden!“
Ryss schnitt eine Grimasse, von der er hoffte, dass sie leutselig und zustimmend aussah, drehte den Oberkörper, sodass der Kerl ihm die Fesseln abnehmen konnte. Er ächzte, als er die Hände nach vorne nahm und sich die Gelenke rieb. Man bedeutete ihm aufzustehen.
Als er es tat, warf er einen raschen Blick in die Ecke, wo zusammengesunken das Mädchen kauerte. Sie sah nicht her.
„Nur so, um Aufschluss zu erlangen“, sagte er beiläufig. „Die Gegenleistung für meinen Gefallen?“
Rotnases Faust schnellte nach vorne, traf ihn hart am Kinn, sein Kopf flog zur Seite, er taumelte rückwärts. Ein erstickter Aufschrei des Mädchens. Ryss spuckte auf den Boden, hielt sich den Kiefer, nickte. „Verstanden“, murmelte er. „Ihr seid gerade nicht so gut bei Kasse, um zu bezahlen mich. Ich habe Verständnis.“
Rotnase packte ihn am Brusteinschnitt seines schwarzen Überhemds.
„Du – quatschst – mich – nicht – dumm, Windhund!“
Beschwichtigend hob Ryss beide Arme.
Rotnase ließ ihn los.
„Genug jetzt!“, befahl der andere. Er hatte nahe der Feuerstelle herumgekramt, jetzt legte er ein großes Buch auf einen Baumstumpf und winkte ihn heran. Er schlug das Buch auf, blätterte zu einer Seite weiter und zeigte darauf. Ryss konnte die Schrift im schwachen Feuerschein kaum erkennen. Auch um welche Art Buch es sich handelte, vermochte er nicht zu sagen. Von der Größe her allerdings schien es nichts Alltägliches zu beinhalten.
„Ein Radiermesser stellen wir. Du musst mit äußerster Umsicht vorgehen. Hernach wird eine Behandlung erforderlich sein, die das Papier glättet, es in eine Art, sagen wir, jungfräulichen Zustand versetzt.“ Der Schmallippige grinste tatsächlich anrüchig. „Wir haben dafür vorgesorgt.“ Er wies auf Ryss’ am Boden verstreute Habseligkeiten. „Aber sicher findet sich zudem in deinem Zauberkasten Geeignetes.“
„Ich bin Krämer, kein Alchemist!“, widersprach Ryss und bereute es sofort, da Rotnase drohend an seine Seite trat.
„Schon gut!“, wehrte er ab. „Gestattet eine Frage mir?“
Die beiden verständigten sich einmal mehr mit Blicken, und Ryss, bemüht, dass es nicht wieder wie eben mit ihm durchging, sagte: „Ich nehme an, ich kann ziehen meiner Wege, wenn meine Aufgabe ist erfüllt?“
„Du wirst so lange bei uns bleiben, wie wir dich brauchen. Danach kannst du gehen“, bestimmte der Braunhaarige.
Ryss verneigte sich. Sie werden den Teufel tun und mich ziehen lassen, dachte er.
Da begann der Säugling zu keckern und Rotnase fuhr zornig herum. „Wenn das wieder losgeht, werf ich es ins Feuer!“
Sie sahen alle drei zu dem Mädchen hin, das aufschluchzte und eilig das Kind zu beruhigen suchte. Hastig schnürte sie ihre Kleidung auf und begann, es zu stillen. Ryss kaute seine Unterlippe. Damo!, wo war er da nur hineingeraten?
Elf
Der erste Glockenton von Heiliggeist hallte über den Marktplatz, weitere folgten, es schlug Mittag. Philipp lehnte an der Rathausmauer. Er hatte das rechte Bein angewinkelt und stützte den Fuß am Mauerwerk ab. Über seinem Kopf stoben laut flatternd die Tauben vom Balkon auf, der über die gesamte Stirnseite des Rathauses verlief. Benommen starrte er auf das Gewirr aus Schragentischen, Menschen, Hunden und Hühnern vor sich. Er gewahrte den langen braunen Mantel einer Bürgersfrau am Stand eines Goldschmieds, die Puffärmel, den hohen Kragen, der in die Halskrause mündete, die Kinn und Haaransatz im Nacken bedeckte. Er sah die rote Feder auf ihrem kleinen Barett bei jeder Bewegung ihres Kopfes wedeln. Wie konnte sie nur so sorglos um eine Kette feilschen, wo seine Welt doch aus den Angeln gehoben war? Wie konnte nur alles den gewohnten Gang gehen, wie konnte der Metzger so gleichgültig wie eh und je Schweinehälften in Stücke hacken, wie der Kammmacher so selbstverständlich am Horn herumfeilen? Er hatte ein solches Mühlrad im Kopf! Zu seiner Angst und Sorge um Hedwig und Juli kam die Wut darüber, was vorhin in der Kanzlei vorgefallen war. Er legte den Arm vor den schmerzenden Magen, fühlte sich noch ohnmächtiger. Er hatte sich gezwungen, seine Aufgaben mit dem gewohnten Fleiß zu verrichten, doch als wäre die ständige Besorgnis nicht genug, dass man das Fehlen des Kopialbuches entdecken könnte oder man ihn bei der morgigen Rückgabe des Buches ertappen würde, hatte ihn auch noch Nickel übel zugerichtet. Wieder sah er vor sich, wie dieser Teufelsbraten mit dem Besen auf ihn zukam, ihm den Stiel so hart in die Magengrube stieß, dass er einknickte.
„Scheißhaufen!“, zischte Nickel. „Du widersetzt dich nicht noch einmal meiner Anordnung!“ Rasch und zackig schlug Nickel ihm die Faust ins Gesicht. Philipp wankte, er war darauf nicht gefasst gewesen. Und noch ehe er sich wehren konnte, kam der zweite Schlag, der dritte. Philipp ging in die Knie, rang nach Luft. Nickel zog ihn hoch, stieß ihm den Besen vor die Brust. Streitsucht quoll aus jeder Geste des oberen Kanzleiknechts. Er brachte sein Gesicht nah an Philipps. „Ich sag ja, ich hau dir in die Fresse! Raus jetzt! Fegen!“
Das Herz schlug ihm vor Wut bis zum Hals, und er ballte die Hand zur Faust, als er daran dachte, wie er hinausgetorkelt war. Er hatte die Zähne zusammengebissen, durch den Schmerz geatmet und gefegt. Scheißnickel. Eine Stunde später hatte er den ihm zugeordneten Amtleuten ein kleines Mahl von der Garküche am neuen Markt gebracht. Jetzt hatte er selber Mittag, stand hier am Rathaus, ohne zu wissen weshalb, und sog die kalte Luft ein. Nachdenken. Die Schmerzen nicht beachten. Gab es etwas, das er tun konnte? Wieder und wieder überlegte er. Sich jemandem anvertrauen, vielleicht doch dem Vizekanzler? Es kam nicht infrage. Er würde es nicht über sich bringen, die unverzeihliche Tat zu offenbaren, die er begangen hatte. Um seine Familie zu retten, musste er schweigen – und bis morgen ausharren. Das brachte ihn schier um den Verstand. Dazu kamen die Schmerzen. Brust und Kehle taten weh, desgleichen sein Magen. Sein Gesicht war angeschwollen. Er sollte sich ausruhen. Aber daran war nicht zu denken, er würde ohnehin keine Ruhe finden.
Dann, ohne dass er wusste, woher der Anstoß dazu kam, setzten sich seine Füße in Bewegung, er wandte sich nach rechts, ließ die Verkaufstische des Marktplatzes links liegen und hielt auf die Untere Straße zu, die nördlich an Heiliggeist vorbei Richtung Fischmarkt führte. Spatzen stritten sich bei den Bäckerbuden an der Kirche im Schneematsch um heruntergefallene Krümel. Vorsichtig ging er auf dem unebenen Pflaster weiter. Karren, Vieh und Menschen hatten einen schmutzigen Pfad in das Weiß gefurcht. Als er den Fischmarkt am westlichen Ende der Kirche überquerte, vermied er den Blick nach links, wo die Haspelgasse nach wenigen Hundert Schritten in die Hauptstraße mündete und geradewegs auf das Beliersche Haus wies. Als ob er nicht ohnehin unablässig an Hedwig denken würde. Und daran, dass der Finsterling ihren Namen kannte und ihren Ring besaß. Wut raste durch seine Eingeweide wie ein Feuerball, vermischte sich mit den Körperqualen, und Philipp musste achtgeben, dass er nicht strauchelte und in den Matsch fiel. Ablenkung!, sagte er sich, während er auf den Brunnen am Heumarkt zuhielt. Der Anblick von Pferden würde ihn ablenken. Philipp passierte den Brunnen und folgte dem ansteigenden Schlenker der Gasse nach links, wo sie vor dem Mitteltor mit der Hauptstraße zusammenlief. An dem quadratischen Torturm drängten sich noch mehr Leute, Studenten vornehmlich, denn links vom Tor in der Grabengasse lag die Universität, das erst vor vier Jahren vollendete Collegium Casimirianum, und gleich daneben das Sapienzkolleg. Hier hatte man Sand ausgestreut, weil sich die Hauptstraße nach Westen hin leicht absenkte. Pferdeäpfel und Schweinekot mischten sich mit dem Matsch zu einer braunen Sudelei. Der Torwächter indes sorgte für ein fließendes Durchkommen in beide Richtungen. Philipp überquerte die Brücke und erreichte die westliche Vorstadt auf der anderen Seite des Grabens. Der Stadtgraben entlang der alten westlichen Stadtmauer war seit Langem zugeschüttet, der Teil des Grabens rechts vom Mitteltor jedoch, rundum von Mauern begrenzt, diente als Turnier- und Schießplatz. Man konnte ihn von der Straße aus nicht einsehen, ein mehrstöckiges Gebäude verhinderte die Sicht hinunter. Wehmütig dachte er daran, dass er zusammen mit Hedwig etliche Male auf dessen Aussichtsplattform gesessen und Wettspielen zugesehen hatte, die der junge Kurfürst auf dem Platz zu veranstalten liebte. Er passierte das Gebäude und die sich daran anschließende Backsteinmauer und bog schließlich rechts in die Untere Sandgasse ab. Kalter Wind fauchte ihm vom Neckar her ins Gesicht. An den Seiten der Eingänge der spitzgiebeligen Fachwerkhäuser türmten sich kleine Schneehaufen. Wieder wich er Leuten aus, die die Gasse heraufkamen und wie er in der Mitte gehen mussten. Dann stand er am Eingang zum Marstall. Der vorige Kurfürst Johann Casimir hatte das alte Zeughaus um den Marstall ergänzen lassen. Er war erst vor zwei Jahren fertiggestellt worden. Der Wächter ließ ihn passieren. Als er in den Innenhof trat, stieß er mit einem überraschten Pfiff die Luft aus. Welch ein Gewimmel, Gewieher, Gebell! Edle in gestreiften Kniehosen und pelzverbrämten langen Mänteln, Knechte in Wollkitteln, die dampfende Holzeimer schleppten. Helle Zelte in ordentlichen Reihen nahmen gut ein Drittel des geräumigen Hofgevierts ein. Man hatte schmalste Gassen zwischen ihnen gelassen, Stroh ausgestreut. Fässer und Holzkisten standen zwischen Schneehaufen, hier und da Holzgestelle, an denen Schwerter in Halterungen staken. Auf einem dicken Pfosten thronte ein Falke, vor einem Zelt färbte verschütteter Wein Stroh und Matsch rot. Bunte Wimpel wehten im Winterwind, Rauch kräuselte sich aus kleinen Feuern in Eisenpfannen gen Himmel, der Geruch mischte sich mit dem nach Pferden und Pferdemist, nach Leder und gebratenem Fleisch. Philipp wich zwei schwarzen Doggen aus, die sich im Spiel umkreisten, dass der Matsch aufspritzte, und hielt auf die Mitte des Innenhofes zu. An dessen östlichem Ende erkannte er zwischen Menschen und Zelten hinten bei der dicken Befestigungsmauer, die auf der anderen Seite den Turnierplatz am Graben begrenzte, Gäule in eigens dafür gezimmerten Stellplätzen. Er wusste, dass im kurfürstlichen Marstall gut einhundert Pferde Platz fanden. Dreihundert seien schon da, hatte Kilian gesagt. Und es sollten noch mehr kommen. Schon jetzt war das eine beachtliche Ansammlung. Philipp blieb inmitten des Hofes stehen. Um ihn her ein Gerufe und Gesumm aus unzähligen Kehlen. Er sah hinüber zu dem aus Buckelquadern erbauten Zeughaus. Es lag links von ihm, zum Neckar hin, und von dessen beiden Wehrtürmen am Fluss konnte er von seinem Standort aus lediglich die obersten Spitzen der Turmhelme sehen. Strebepfeiler stützten das Gebäude, in dem Versorgungsgüter und Ausrüstungen lagerten, mittig ragte ein Treppenhaus in den Hof, zwei Zeugwärter kamen herunter und riefen einem Knecht, der Schnee von den Stufen fegte, eine Anweisung zu. Rechts von ihm erhob sich der zweigeschossige neue Bau des Marstalls. Wahrlich, ein bewundernswertes Gebäude. Dreistöckige Spitzengiebel, zwei schlanke Treppentürme mit zwiebelartigen Hauben, kunstvoll gearbeitete Säulen an der – sicherlich fünfzig Ruten breiten – Vorderseite, eine doppelläufige, steinerne Freitreppe in deren Mitte, unter der sich der Eingang zu den Stallungen befand. Eine Weile stand Philipp nur da und staunte, roch Stein, Rauch und Leder, hörte Gelächter und von irgendwoher gar das Quäken einer Sackpfeife. Er vergaß, was ihm Sorgen bereitete. Doch von einem Augenblick zum nächsten fühlte er sich inmitten all diesen Gewühls allein und elend. Ihm wurde mit einem Mal beklemmend zumut, und er spürte sein Herz heftig gegen die Rippen schlagen. Eine so jähe Angst griff nach ihm, dass alles vor seinen Augen zu verschwimmen drohte. Das Blut pulste ihm in den Ohren, seine Hände waren eiskalt, er wollte gleichzeitig weglaufen und zu Boden sinken. Niemals zuvor hatte er ein solches Gefühl erlebt, etwas kehrte ihn von unten nach oben, er schnaufte tief durch, hatte plötzlich die Stimme des Scheißkerls im Ohr, die „Atme!“ zischte. Er wankte und musste sich irgendwo anlehnen! Er sah ein Fass, hielt darauf zu, doch dünkten ihn seine Beine schwer wie Blei. Das Fass war ein aufgerissenes Maul, schwarz wie die dunkelste Nacht. Gleich würde er stürzen, Herr im Himmel, was war ihm nur? Zwei Schritte noch, dann erreichte er das Fass und lehnte sich dagegen, neigte den Kopf, um niemanden ansehen zu müssen, legte den Arm um die Leibesmitte, suchte ruhig zu atmen, um das Herzrasen zu beruhigen. Dennoch fühlte er sich, als müsse er schreiend durch die Reihen rennen, alsdann erschöpft im Matsch zusammenbrechen.
Es ist gut, Philipp Eichhorn, es ist gut, sprach er sich zu und gewahrte, wie sein Atem sich langsam beruhigte. Ein Knappe kam heran und fragte ihn, ob alles in Ordnung sei. Er nickte, hob besänftigend den Arm, sah auf. Die braunen Augen des Jungen erinnerten ihn an Kilians braune Augen. Da wusste er, warum er hergekommen war. Er brauchte Trost. Er brauchte die Nähe eines Freundes. Er versuchte ein freundliches Lächeln und stieß sich vom Fass ab. Er spürte den verwunderten Blick des Knappen im Rücken, als er auf den Eingang zu den Stallungen zuhielt.
Als er in das warme Innere eintauchte, wo der Geruch nach Pferd, Leder und Stroh naturgemäß am eindringlichsten war, merkte er, dass ihm bang davor war, Kilian möglicherweise erneut belügen zu müssen. Aber er hoffte, dies würde sich in Grenzen halten. Er hoffte, Kilian, begeistert von dem Umtrieb, der sich im Marstall darbot, würde ihm seine Wortkargheit nachsehen und selbst das Reden übernehmen.
Er fand seinen Freund am linken hinteren Ende vor dem Pferdestand einer Fuchsstute. Neben Kilian drückte sich dessen Kollege Georg dicht ans brusthohe Holzgatter, beide Hausknechte stützten die Unterarme auf die Kante, jeder biss von etwas ab, das wie Brot aussah, während sie das Tier betrachteten, kauten und gleichzeitig miteinander sprachen. Sie wandten ihm den Kopf zu, als er herankam. Die Stute schnaubte leise.
„Holla, Freund, da bist du ja!“, begrüßte ihn Kilian lächelnd.
Georg und er nickten sich zu, Philipp sah, dass es tatsächlich Brot war, dicke Schnitten, zwischen denen ein ebenso dickes Stück braun gebratenen Fleisches lag. Es roch vortrefflich und erinnerte ihn daran, dass er nichts gegessen hatte. Und das nicht nur, weil sein Magen von Nickels Stoß wehtat.
„Warum ist schon so viel Umtrieb hier?“, fragte Philipp. „Sind doch noch fast zwei Monate bis zur Abreise nach Amberg.“
Kilian zuckte die Schultern, während er an Georg vorbei auf ihn zutrat. „Eindrucksvoll, was?“ Er klopfte ihm auf die Schulter.
Philipp nickte zustimmend.
„Deine Fresse sieht bald aus wie Cronbergs Schamkapseln!“, feixte Kilian und drehte den Kopf zu Georg, der ebenfalls lachte.
Untermarschall von Cronberg war bekannt für seine Vorliebe für pflaumenblau und gelb geschlitzte Hosenlätze, und hinter vorgehaltener Hand machte man sich darüber lustig. „Dumm, wenn das Tor beim Heimweg plötzlich acht Fuß weiter links steht als beim Hinweg.“
„Wer denn Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“, erwiderte Philipp und versuchte ein schiefes Grinsen.
„Hast du dich draußen umgesehen?“, fragte Kilian.
„Hm“, machte Philipp. Kilian biss von seinem Brot ab und sagte mit vollem Mund: „Seit Friedrich regiert und sie wieder an den Hof dürfen, laufen einige der Vasallen so aufrecht und so stolzen Schritts herum, als wollten sie mit ihren Scheiteln an die Sterne stoßen.“ Er machte eine entsprechende Geste und Georg lachte. Philipp fiel mit ein.
Kilian, von all dem Auftrieb angetan, fuhr fort: „Was glaubst du, wie stinklangweilig es hier sein wird, wenn erst einmal alle abgezogen sind und das lärmende Treiben vorbei ist?“
Philipp nickte unbestimmt. Als seine Augen die von Kilian trafen, merkte er, dass sein Freund von alledem nicht nur deshalb so vergnügt plauderte, weil er die Schwätzerei genoss, sondern auch, weil er ihn aufmuntern wollte. Wähnte er ihn doch in Gedanken bei Weib und kranker Schwiegermutter in Reilingen.
Er biss sich auf die Unterlippe. Das Gefühl, das ihn zuvor im Innenhof überfallen hatte, schien erneut aufkommen zu wollen. Er starrte auf die blaugelben Schabracken, die links an der steinernen Stallwand auf Holzböcken hingen, und kämpfte es hinunter. Ein heißer Klumpen Pech lag ihm im Magen. Er war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen, spürte Leere, spürte Not, fühlte Schmerz.
Irgendwo lachte jemand laut, ein Gaul wieherte, ein Hammer, der auf Eisen schlug. Philipp zwang sich in die Wirklichkeit und sah Kilian an.
Und wie Kilian ihn ansah, da spürte er plötzlich Wärme im Bauch und wurde verlegen. Im Blick seines Freundes lag das Wissen um etwas Unausgesprochenes, das ihn einhüllte, und die Bereitschaft, für ihn da zu sein, wenn er ihn benötigte.
Er schluckte. „Ich muss los“, sagte er und verabschiedete sich mit einem Nicken.
Zwölf
Seit sie diesen Fremden gefangen und dessen Rucksack durchsucht hatten, herrschte eine eigenartige Spannung in der Hütte. Als wären die beiden Bösewichte darauf gefasst, dass er mit irgendeiner Zauberei grünbäuchige Dämonen herbeirief, die sie allesamt mit Stumpf und Stiel verschlangen.
Könnte er das? Unheimlich war er schon, mit allem, was er da in seiner Tasche hatte, dazu so bleich und so gänzlich in böses Schwarz gehüllt wie der Leibhaftige selbst. Wieder äugte Hedwig vorsichtig hinüber zur Feuerstelle. Ja, keine Frage, er war es. Sie hatte diese Stimme mit der seltsamen Färbung darin schon einmal gehört. Sie hatte dieses milchweiße Gesicht gestern Abend im Fackelschein des Belierschen Hofes gesehen. Jetzt sah sie es hier im Schein der Laternen und des Feuers. Wenngleich nur von der Seite, war sie sich doch gewiss, dass es sich um den Hausierer handelte, der ihr zugerufen hatte, sie sei hold wie die Sonne. Sie hatte es nicht vergessen. Sie hatte es gegen ihren Willen gern gehört. Auch wenn sie wusste, dass es nicht mehr gewesen war als ein Beutel voll Luft, eine Schmeichelei, damit sie ihm etwas abkaufte. Er war ein Schwätzer, ein Aufschneider, ein Schwindler. Das war nur allzu deutlich. Vor so einem nahm man sich besser in Acht. Nur – wie gelangte er in diese Hütte? Und wo lag diese Hütte? Wenn er sie gefunden hatte, warum fanden andere sie nicht? Wie viel Zeit mochte vergangen sein, seit ihn die Widerlinge vor ein großes Buch genötigt hatten und ihn zwangen, darin irgendeine Veränderung vorzunehmen? Zeit genug jedenfalls, so stellte Hedwig erstaunt fest, um zu bemerken, wie sich die schreckliche Angst auf eine Art beruhigte, die ihr Herz nicht mehr wie einen ins Netz gegangenen Fisch zappeln ließ. Mit dem schwarzhaarigen Fremden war Hoffnung in die Hütte geflattert. Sie war nicht mehr allein. Es war eigenartig, er war ja nicht vertrauenswürdig, doch war auch er nicht freiwillig hier. Er tat das, was sie von ihm verlangten, unter Zwang.
Still saß sie an die Hüttenwand gepresst, Juli im Arm, fuhr mit der Zunge über die wulstige Stelle, wo sie sich in die Wangenfalte gebissen hatte, und sann darüber nach, ob es einen Ausweg geben könnte. Die Männer hatten gesagt, sie ließen ihn gehen. Vielleicht, ja vielleicht wäre es ihm möglich zu verlangen, dass man sie ebenfalls gehen ließe?
Schlagartig verging diese Hoffnung, da ihr klar wurde, dass der Fremde sie den Männern zugehörig wähnen musste. Kein einziges Mal hatte er hergesehen. Er hatte sie überhaupt nicht beachtet. Er würde seinen Handel mit den beiden abschließen und froh sein, von dannen ziehen zu können. Die Verzweiflung kehrte zurück. Aussichtslos. Es war gänzlich aussichtslos. Tränen schossen ihr in die Augen, die umso heißer waren, da zuvor der Glaube an eine Wendung in sie geflossen war wie ein kräftigender Trank.
Bitte, gnädiger Gott, betete sie still, hilf mir. Rette mich und meine Tochter, lass mich nicht allein. Verzagt äugte sie hinüber zur Feuerstelle. Der Fremde kniete vor dem Buch, das auf dem Baumstumpf lag, und hantierte schweigend mit einem Gegenstand auf der Seite, während die beiden Schurken seitlich hinter ihm standen und sich leise unterhielten. Ihre Mienen waren finster. Vorne neben der Tür lag noch immer der Tote. Hedwig schaute sogleich wieder weg, es machte sie zu bang und ekelte sie zu sehr.
Drüben am Feuer regte sich etwas, der Fremde seufzte mit einem Mal tief, ließ die Luft mit einem Brummton fahren, der Erschöpfung anzeigte. Hedwig hob den Kopf nur so weit, dass sie unauffällig hinsehen konnte. Der Schwarzhaarige streckte beide Arme nach oben, lehnte sich zurück, reckte sich. Die beiden drehten ihm die Köpfe zu. Er verschränkte die Hände im Nacken und sagte mit Blick auf die Buchseite vor sich: „Das war Arbeit. Etwas zur Stärkung, das die Herren mir können anbieten?“ Er sprach leise und rollte das R, es klang kehlig und ein kleines bisschen herausfordernd.
Sie nahm die rasche Bewegung wahr, mit der der Anführer dem Rothaarigen in den Arm fiel und ihn daran hinderte, dem Fremden für seine freche Frage eins überzubraten. Ein unwirsches Knurren war die Antwort, der junge Mann schien es nicht zu bemerken. Er erhob sich und ging umher. Die beiden Männer betrachteten das Buch. Hedwig äugte zu dem Fremden hin. Er war schlank, dünkte sie etwas älter als Philipp und nur wenig kleiner als dieser. Seine schwarzen, fast schulterlangen Haare waren wellig, und er war bartlos. Er kreiste den Kopf im Nacken, lockerte die Arme, schüttelte die Beine. Dabei sah er nach oben, nach unten, zur Seite – nur in ihre Richtung sah er nicht. Ginge es nach seinem Gebaren, so war sie wohl unsichtbar. Zuerst entmutigte sie das. Dann ärgerte es sie. Er müsste sie doch einmal zur Kenntnis nehmen! Er hörte mit seinem Gezappel auf und trat zum Baumstumpf.
Der Anführer hielt ihm einen Trinkschlauch hin.
Der Schwarzhaarige zog den Pfropfen vom Mundstück, streckte den Arm und zeigte mit dem Trinkschlauch auf das Buch. „Schönschrift und Sorgfalt, gut lesbare Buchstaben …“ Er unterbrach sich und trank.
Hedwig konnte sein Gesicht nicht sehen, da er ihr den Rücken zuwandte, doch wieder klang sein Tonfall so, als würde er sacht mit dem Fehdehandschuh winken. Er setzte den Schlauch ab, drehte den Männern den Kopf zu. „Hier wird gelegt großer Wert auf saubere äußere Form. Ich hoffe, ich kann sie erhalten.“ Er wandte sich von den beiden ab, sagte: „Muss pissen“ und ging zur Tür.
Sie sah den Blick, den die Kerle miteinander wechselten.
Sie hatte keine Worte für das, was plötzlich in sie fuhr. Es fühlte sich an wie ein kräftiger Ruck, der sie durchzuckte, und er wandelte Hoffnungslosigkeit in Beherztheit, Angst in Kraft.
Die Stunden des Tunichtgutes waren gezählt.
Besser, sie gewann ihn dafür, gemeinsam zu entkommen.
Der Braunhaarige machte sich auf den Weg.
Er hatte bis zur Dämmerung gewartet, um den Toten fortzuschaffen. Der Rothaarige zwang den Fremden, die Leiche zusammen mit dem Anführer hinauszutragen.
Hedwig versuchte ihn auf sich aufmerksam zu machen. Ihm mit den Augen ein Zeichen zu geben. Er sah durch sie hindurch, als wäre sie Luft.
Prahlerischer Pillendreher!
Sie zupfte Haube und Haarkringel zurecht, stillte Juli und dachte nach.
Rot- und Schwarzschopf kamen zurück. „Weitermachen!“, knurrte der Rothaarige und deutete zum Arbeitsplatz am Baumstumpf.
„Ich habe Hunger“, sagte Hedwig leise.
Unsichtbar machen, sich still verhalten – es würde sie nicht retten. Also konnte sie sich genauso gut bemerkbar machen. Und dem Salbenverkäufer verdeutlichen, dass sie hier nicht dazugehörte, sondern gefangen gehalten wurde wie er.
Der Rote drehte sich zu ihr um. Das geile Grinsen in seinem Gesicht öffnete der Angst erneut die Tür. Hedwig schluckte und neigte den Kopf.
„Dann verdiene dir dein Essen“, raunte er, und sein Knurren wandelte sich zu einem widerlichen Zischen unzähliger Schlangenzungen.
Er trat einen Schritt auf sie zu und leckte sich brünstig die fleischigen Lippen. Sie sah seine schrägstehenden Augen, sah den roten Kinnbart, die Hand, die sich über die Schamkapsel legte und das, was drunter war, schüttelte.
Ihr Herz raste. Ihre Zähne schlugen plötzlich aufeinander, sie zitterte. Ihre Gedanken überschlugen sich. Den Blick gesenkt halten oder ihn ansehen? Schweigen oder eine standhafte Entgegnung geben? Gleich würde sie vor Furcht schreien oder weinen. Sie dachte daran, wie der andere, der nun tot war, ihr das Ohr geleckt hatte. Ekel wallte in ihr hoch, sie räusperte sich, musste husten. Nie im Leben würde sie das überstehen. Gütiger Herr, was nun, was?
„Mach dich nützlich. Kümmere dich um das Feuer.“ Sie wollte schon erleichtert sein, spürte jedoch, dass es nicht ausgestanden war.
Er packte sie an der Hinterbacke und schob sie zur Feuerstelle.
„Bitte … lasst das“, hauchte sie.
Ein dreckiges Lachen. Er deutete auf den kleinen Holzstapel in der Ecke. „Los doch. Ein Scheit nach dem anderen.“
Sie hörte die Gier in seiner Stimme flackern, kopflos vor Angst griff sie rasch zwei Scheite, warf sie nacheinander aufs Feuer. Funken stoben, es krachte und knisterte, als die rot glühenden unteren Scheite zusammenfielen.
Grob zerrte er sie herum, verpasste ihr eine Ohrfeige, dass ihr die Tränen in die Augen schossen und die Ohren klingelten. „Einzeln!“, befahl er.
Sie tat, was er verlangte. Bückte sich, um das Holz aufzunehmen.
„Bleib so!“
Sie erstarrte. Er trat hinter sie.
Dann spürte sie, wie ihr die Röcke hochgehoben wurden. Ihr wurde heiß vor Scham. „Bitte …“ flüsterte sie, wollte mit dem Arm den Stoff nach unten ziehen, er schlug drauf. Kalter Stahl. Oh bitte, lieber Gott, bitte nicht, flehte sie innerlich, als sie begriff, dass er das Schwert benutzte, um ihre Röcke zu lupfen. Sie Stück für Stück nach oben zu schieben. Den kalten Stahl an ihren wollenen Beinlingen entlang zu streichen. Ihr Herz raste, ihr brach der Schweiß aus. Die Angst riss sie mitten entzwei. Das Schwert glitt an ihren Schenkeln hinauf, er stach ein wenig zu, strich höher. Sie spürte, dass er noch nichts sehen konnte, was sie entehren könnte, doch war allein die Langsamkeit, mit der er tat, was er tat, die Genüsslichkeit, die ihm aus dem gesamten Wesen troff, so erniedrigend, dass sie zu weinen anfing. „Bitte …“ flehte sie erstickt. „Lasst mich doch. Bitte.“
Er lachte sein Vergnügen an ihrer Not mit einem hässlichen Krächzen heraus. Sie dachte daran, dass zwei Schritte entfernt der Fremde saß. Würde er dies geschehen lassen? Zusehen? Oder gar mitmachen?
Ein Grunzen, wie es der Teufel selbst nicht ekelhafter ausstoßen konnte, zeigte ihr deutlich den Gefallen, den der Rothaarige daran fand, sie derart zu demütigen. Das Feuer knisterte, das Holz knackte. Und zwischen ihren Schenkeln schwebte eine Waffe. Hedwig würgte an ihrer Angst. Gleich würde sie umfallen. Oder verrückt werden.
„Ma“, girrte Juli drüben auf der Decke. „Da“, machte sie.
Das brachte irgendetwas in ihr zurück. Kraft? Mut? Um Julis willen. Für Juli.
„Bitte, Herr“, wagte sie zu flüstern. „Lasst mich nach ihr sehen. Bevor sie wieder zu weinen beginnt.“ Sie verharrte in der gebückten Haltung, hatte Angst vor einem neuen Schlag. Und dann, jäh, ein Gedanke: Vor ihr die Holzscheite. Was, wenn sie ein Großes nähme, herumwirbelte, es ihm ins Gesicht schlug. Sie sah es vor sich. Er würde nicht darauf gefasst sein. Doch ihr Herz klopfte zu wild, sie überlegte zu lange, was, wenn sie ihn nicht träfe, wenn er auswich, sie nur seine Schulter streifte.
Sie nahm das Scheit und warf es aufs Feuer.
„Braves Mädchen. Noch eins!“, befahl er.
Und das Schwert hob den Stoff.
Tränen fielen auf ihre Hand, die nach dem Scheit griff.
„Dada“, blubberte Juli.
Etwas in ihrem Innern barst, als würden Fesseln mit einem kraftvollen Hieb durchtrennt. Sie wusste selbst nicht, wie es geschah, doch ruckartig richtete sie sich auf, die Röcke fielen, die Waffe drang nicht in ihren Leib, mit einer nie gekannten Entschlossenheit warf sie sich herum, hob das Holzstück, zum Schlag bereit, und schrie: „Hört auf, mich zu quälen!“
Er war tatsächlich zu verdutzt, um etwas anderes zu tun, als sie anzuglotzen. Und ein rascher Blick auf den Schwarzhaarigen ließ sie mit Genugtuung erkennen, dass sie endlich dessen Aufmerksamkeit gewonnen hatte. Das galt es auszunutzen. „Ihr verschleppt mich, haltet mich gefangen, und ich weiß nicht weshalb!“, schrie sie weiter. „Ihr quält mich, und vielleicht trachtet Ihr mir gar nach dem Leben! Was habe ich Euch getan, was?! Ich kenne Euch nicht!“
Sie zitterte.
Das Gesicht des Widerlings verfinsterte sich. „Bist ja eine Wildkatze. Wer hätte das gedacht!“, raunte er.
Ein Augenblick gefährlicher Stille, nur das brennende Holz knisterte.
Er holte aus, diesmal wich sie vor ihm zurück, trotzdem erwischte er sie und schlug mit dem Handrücken fest in ihr Gesicht. Sie taumelte rückwärts, verlor das Scheit und fiel auf das Holz. Kanten und Ecken bohrten sich schmerzhaft in ihre Seite.
„Das wagst du nicht noch einmal!“, zischte er.
Sie wusste, sie hatte seine Ehre verletzt. Sich vor den Augen eines anderen gegen ihn zu stellen, war nicht ratsam gewesen. Doch etwas in ihr hatte sich wie losgelassen angefühlt. Das, was jedes Wesen zum Überleben antrieb. Es hatte keinen Platz gelassen für Überlegungen. Verrenkt und keuchend lag sie da und starrte in sein wutverzerrtes Gesicht.
Juli fing an zu weinen. Jäh die Angst, dass er sich rächte, indem er ihrer Tochter nun doch etwas antat.
„Herr“, hörte sie wie aus weiter Ferne die Stimme des Schwarzhaarigen. „Lasst von ihr ab.“
Dankbar gewahrte sie, dass er sich ihnen zugewandt hatte. Sie sandte ein Flehen in seine Augen.
Der Rothaarige fuhr zu ihm herum, knurrte wütend: „Glotz nicht! Kümmere dich um deine Aufgabe.“
„Sicher“, nickte er und machte Anstalten, sich wieder abzuwenden.
Die Angst schwoll an.
Dann räusperte sich der Fremde, bat den Widerling mit einer Geste näher zu sich. „Ihr könnt vertiefen diese … äh … Angelegenheit“, raunte er. „Doppeltes Vergnügen. Ich habe Hilfsmittel. Wenn Ihr wisst, was ich meine.“ Mit dem Kinn deutete er in die Ecke, in der sein Rucksack lag.
Der Blick des Rothaarigen huschte von dem Fremden zu ihr und wieder zu dem Fremden. „Du meinst …?“
„Sicher!“, nickte der andere und lächelte ein gewinnendes Lächeln.
Ihre Erleichterung schmolz dahin.
Und mit ihr die Hoffnung.
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