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Marion Petznick
Last der Lust
Ostsee-Krimi

Ostsee-Krimi
Inhaltsverzeichnis
1 Last der Lust
2 Motto
3 Prolog
4 Lisas Rückkehr
5 Rostock, Innenstadt
6 Rostock, Kriminalkommissariat
7 Graal-Müritz, Muschelweg
8 Klinikum Südstadt Rostock
9 Rostock, Kriminalkommissariat
10 Graal-Müritz, Dr. Maximilian Schäfer
11 Rostock, Kriminalkommissariat
12 Rostock, CityHotel
13 Graal-Müritz
14 Rostock, Kriminalkommissariat
15 Rechtsmedizin
16 Rostock, Kriminalkommissariat
17 Rostock, Kunsthalle »Vernissage«
18 Rostock, Kriminalkommissariat
19 Rostock, Brauhaus »Zum Alten Fritz«
20 Rostock, Kriminalkommissariat
21 Lisa in Aufruhr
22 Rostock, Kriminalkommissariat
23 CityHotel
24 Auf der Flucht
25 Lisa in Graal-Müritz
26 Rostock, Kriminalkommissariat
27 Epilog
28 Personen
29 Impressum
1 Title Page
2 Inhaltsverzeichnis
Leidenschaften sind die Pferde am Wagen des Lebens;
aber wir fahren nur gut, wenn der Fuhrmann mit
Vernunft die Zügel lenkt.
Unbekannt
Alle agierenden Personen, Namen und Handlungen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist rein zufällig.
Prolog
Er drückte den Deckel seines Laptops beinahe zärtlich zu. Dann ließ er sich in den weichen Sessel zurückfallen und schloss zufrieden seine Augen.
Kaum, dass er die Gruppe im Chatroom verlassen hatte, ahnte er, dass sich ab jetzt alles in seinem Leben ändern würde. Hier im Netz verstand man ihn.
Niemals zuvor hatte er offen über seine Neigungen und Begierden gesprochen. Ja, er kannte nicht einmal einen einzigen Menschen, dem er sich hätte anvertrauen können.
Im Chatroom war es anders. Er brauchte nicht umständlich nach passenden Worten zu suchen. Immer kam ihm jemand rechtzeitig zuvor und ersparte ihm, sich lange erklären zu müssen.
Von Anfang an hatte er sich bemüht, zu erfahren, ob er sich nicht irrte und tatsächlich Gleichgesinnte traf.
Er wollte nicht wieder enttäuscht werden.
Gleich nach der ersten kurzen Vorstellungsrunde war klar gewesen, dass alle Chatteilnehmer ähnlich tickten. Bereits in den ersten Minuten hatte er wertvolle Tipps erhalten, mit denen er schnell an das Ziel seiner Begierde gelangen konnte. Ein Teilnehmer aus der Gruppe hatte ihm geraten, mit allen Mitteln vorzugehen. Aber mit welchen? Davon wollte er erst später mehr berichten.
Nur eines war ihm nicht klar. Wie sollte er seine speziellen Interessen in sein altes verstaubtes Leben integrieren? Kam ihm seine Frau in den Sinn, wurde er nervös. Und der Gedanke an sie ließ ihn nicht mehr los. Seine Hände klopften automatisch auf den Tisch, als ob ihm dadurch die Idee käme, sich von ihr zu trennen. Aber erst der Gedanke, sich irgendwann outen zu müssen, sorgte für heftige Kopfschmerzen.
Zwar ging es um eine Leidenschaft, die er lange schon mit sich herumschleppte, aber bisher war es ihm perfekt gelungen, sein anderes Ich zu verschleiern.
Besonders aufpassen musste er in seiner engeren Umgebung. Selbst seine Ehefrau ahnte nichts von seinen besonderen Vorlieben.
In einem bescheidenen Umfang lebte er ja seine Lust längst schon aus. Doch bald würden seine Treffen Grenzen überschreiten. Wer weiß, wohin ihn das Unbekannte bringen würde? Viel Neues erwartete ihn. Er wollte aufpassen und sich besser tarnen. Vor allem seine Frau sollte nicht merken, was er machte, und zwar viel lieber mit anderen, als mit ihr.
Ihm selbst war das ganze Ausmaß kaum bewusst. Nicht eine winzige Idee hatte er, wohin ihn seine Begierde führen würde.
Im Internet hatte er von Praktiken erfahren, die ihn neugierig machten. Vieles passte zu ihm. Er wusste, dass er genau das tun musste, wonach sein Innerstes verlangte, damit es ihm gut ging. Richtig gut ging.
Beim ersten Mal hatte es ihn erschreckt, zu welcher Ekstase er fähig war. Obwohl er nicht mal viel brauchte, um richtig wild zu werden. Es genügte eine Frau, die gierig war. Meist stellte er das im Internet mit ein paar Fragen schnell fest, spätestens aber, wenn er sie sah und roch. Sein Geruchsempfinden war ausgeprägt, genauso sein Gespür für sinnlich weiche Materialien. Immer musste er den Frauen viel zu lange erklären, was sie anzuziehen hatten. Vor allem welchen Stoff und welche Farbe ihre Kleidung haben sollte. Dann die Frage nach ihrem Lieblingsparfüm. Schrecklich, was da mitunter herauskam.
Die erste Begegnung brachte meist an den Tag, ob er sich getäuscht hatte oder er der Frau eine weitere Chance einräumte. Es gab leider nur Wenige, die ihn richtig antörnten und wild machten. Seine Wut darüber konnte er schon lange nicht mehr beherrschen.
Durch die Gruppe würde er bald mehr wissen, vor allem, wie er die Frauen zähmen und beherrschen konnte. Einer aus der Gruppe meinte, alles sei recht, egal mit welchem Mittel er vorging. Er wusste, dass er viel Unbekanntes erfahren würde, und dafür war er jetzt schon dankbar …
Lisas Rückkehr
Gut vier Monate waren inzwischen vergangen, seit Lisa Liebich zum letzten Mal den beeindruckenden Anblick des Hafens der Warnow genießen konnte. Ihr wurde wieder deutlich vor Augen geführt, welch außergewöhnliche Lage ihre Dienststelle hatte.
Eine Ewigkeit, dachte sie gerade, als sie die wenigen Treppenstufen zum Hauseingang hinter sich gelassen hatte. Sie stand vor der vertrauten Bürotür und zögerte etwas, ehe sie eintrat. Seit Lisa aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatte sie sich Gedanken gemacht, wie sie bei der Rückkehr nach ihrer langen Abwesenheit empfangen würde. Sie kam zwar auf eigenen Wunsch ins Kommissariat zurück, gleichzeitig fühlte sich dieser Moment fremd an.
Erneut zeigte sich das maue Gefühl in der Magengegend. Der trübe Novembertag mit einem rauen Nordwestwind machte ihre Gefühlslage nicht besser.
Erst jetzt war sie in der Lage, ihren Dienst aufzunehmen. Dabei hatte ihr die mehrwöchige Psychotherapie geholfen, bei der die Therapeutin den Finger auf ihre seelischen Wunden gehalten hatte, die sie nach dem Übergriff des Mörders erlitten hatte. Kaum war es Lisa besser gegangen, wollte sie zurück zur Kripo. Dazu war es vor allem nötig, dass Peter Heilmeyer, ihr Chef, sie nach dem Vorfall fest anstellte. Sie hatte als Polizistin bei der Aufklärung eines Falls absolut fahrlässig gehandelt. Gleichzeitig konnten die Kollegen erst durch ihre ungewollte Beteiligung am Tatgeschehen, den Fall des Serienmörders zum Abschluss bringen. Der Täter wurde zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt. Eine anschließende Sicherheitsverwahrung wurde später gerichtlich beschlossen. Mit der Festsetzung des Mörders konnte die Akte »Soko Weiße Calla« endgültig geschlossen werden.
Diese lange Auszeit hatte sie gebraucht, um in diesen Job erneut einzusteigen. Von dem Plan, ein Jura-Studium zu beginnen, hatte sie sich bereits im Krankenhaus, nach dem brutalen Übergriff endgültig verabschiedet.
Während sie zu Hause bleiben musste, hatte sie mehrfach telefonisch das Gespräch zu ihrem Chef gesucht. Der hatte versprochen, sich zu melden, sobald das Team sich einig darüber wurde, ob es Lisa trotz des Vorfalls dabeihaben wollte. Vor einer Woche hatte sie endlich erfahren, dass die Entscheidung für sie positiv ausgefallen war.
Endlich war sie hergestellt und konnte in Heilmeyers Team zurückkehren. Mit dem Wiedereinstieg in den Job wollte sie mehr denn je üblen Verbrechern das Handwerk legen.
Jetzt stand Lisa Liebich vor dem Eingang des Kommissariats und klopfte zaghaft an die Tür, bevor sie diese öffnete. Kaum stand sie im Raum, wurde sie mit einem freudigen Hallo begrüßt. Alle waren da, selbst Tess aus der Gerichtsmedizin. Mit so einem Empfang hatte Lisa nicht gerechnet. Sofort waren alle Zweifel für einen Neubeginn verflogen.
»Na, du hast uns ja lange zappeln lassen. Aber gut, dass du zurück bist«, preschte Olli vor und begrüßte sie als erster in seiner kumpelhaften Art.
Für einen Arbeitstag, wie Lisa ihn kannte, war dieser eher besonders. Die Kollegen hatten Kaffee mit Kuchen vorbereitet und ein bunter Blumenstrauß stand mitten auf dem Tisch.
Tess deutete auf den Kuchen. »Den habe ich gebacken. Hoffe, dass er dir schmeckt.«
Lisa lächelte verlegen. »Woher weißt du, dass ich Käsekuchen besonders mag?«
»Wer mag den nicht?«
Lisa antwortete mit einem Lächeln.
So schnell wie sie gekommen war, verflog die anfängliche Unsicherheit, genauso das maue Gefühl in ihrer Magengegend. Ab jetzt freute sich Lisa ungehemmt über die herzliche und bedingungslose Begrüßung ihrer Leute.
Olli wartete nicht lange und schob sich ein Stück Kuchen in den Mund. »Köstlich«, sagte er mampfend.
Der Kuchen von Tess schien auch den anderen zu schmecken, alle langten kräftig zu.
Jens schluckte schnell einen Bissen hinunter und sah Lisa an. »Traust du dir die Arbeit bei uns überhaupt wieder zu?«
Olli wartete Lisas Antwort gar nicht erst ab und meinte: »Wir hatten Angst um dich, gut, dass du keinen körperlichen Schaden genommen hast.«
Die meisten Kollegen hatte Lisa tatsächlich in den letzten Monaten nicht zu Gesicht bekommen. Lediglich Tess, Olli, Jens und der Chef hatten sie im Krankenhaus und zu Hause regelmäßig besucht.
Im Dienstraum hob sich allmählich der Geräuschpegel und kaum jemand verstand mehr sein eigenes Wort.
Peter Heilmeyer zeigte auf seine Uhr. »Leute lasst uns mit der Besprechung beginnen. Es wird Zeit.« Dann sah er Lisa an. »Du merkst, dass alle sich freuen, dich wieder dabeizuhaben. Aber jetzt kommt bitte langsam zum Schluss der Kaffeerunde, auf uns wartet jede Menge Arbeit. Der neue Fall ist zwar kein Mord, aber er wird uns mindestens genauso intensiv beschäftigen. Davon gehe ich jedenfalls fest aus. Er birgt jede Menge Gewaltpotenzial und könnte weitere Straftaten nach sich ziehen.«
Lisa kannte den Chef, wenn er in dieser vehementen Art seine Stimme erhob, duldete er keinen Widerspruch und erwartete, dass jeder zur Sachlage überging. Er konnte es nicht ausstehen, unnütz Zeit zu verlieren.
»Ich bin mir sicher, Lisa, du bist bald mittendrin in der Arbeit und wirst dich schnell zurechtfinden. Wir werden dich nicht schonen, das kann ich dir versprechen. Es gibt jede Menge zu tun und wir brauchen jeden Einzelnen, der konzentriert bei der Sache bleibt.«
Der Hauptkommissar wollte ihr offenbar zeigen, dass sie keine Praktikantin mehr war, sondern ein vollwertiges Mitglied im Team.
»Ich brauche keine Sonderbehandlung, ich bin hier, um das Beste zu geben. Bevor es für mich aber richtig losgeht, muss ich ein Dankeschön loswerden. Leute, danke! Für alles«, betonte Lisa, froh darüber einen guten Start hingelegt zu haben.
»Schon gut. Das eben war vielleicht etwas direkt, aber du kennst mich hoffentlich noch. Nichts für ungut.« Während Heilmeyer den letzten Satz herausbrachte, lächelte er Lisa zaghaft an. Sie lächelte zurück und das Eis zwischen ihnen war gebrochen.
Heilmeyer sprach weiter: »Lasst uns die bisherigen Ermittlungen besprechen, damit Lisa auf demselben Wissensstand wie wir ist. Übrigens passt dieser Fall perfekt zum gerade erschienenen statistischen Bericht. Vergewaltigung und sexuelle Nötigung stehen an zweiter Stelle der seit zwei Jahren erhöhten Straftaten in unserem Land. In dem Bericht wurde aufgezeigt, dass es eine satte Steigerung von 12,8 % gibt. Diese Info nur mal nebenbei.«
Heilmeyer war ganz bei der Sache. Er machte seine Tasche auf, holte einige Fotos hervor, mit denen er in die Richtung der zentral angebrachten Pinnwand ging. Die große, fast die Hälfte der Wand einnehmende Schautafel stand in direkter Blickrichtung zu allen Teilnehmern der Runde. Neben den Fotos heftete Heilmeyer auch einige Notizen an, von denen er manche farblich markierte.
Während der Hauptkommissar mit den Infos an der Pinnwand beschäftigt war, räumte Tess leise sämtliches Geschirr vom großen Arbeitstisch ab. Dann gab sie Lisa ein Zeichen, dass sie später telefonieren würden, und verließ den Raum.
Heilmeyer blickte intensiv auf ein Foto, markierte es farbig, ging einen Schritt zurück und betrachtete es wieder. Dann drehte er sich um. »Lasst uns Struktur hier reinbringen. Fällt euch etwas auf?«
Stille im Raum. Nicht nur Lisa konnte nichts mit den Pfeilen und Farbmarkierungen Heilmeyers etwas anfangen.
Lisas Augen huschten von Bild zu Bild. Aber was sollte sie schon mit ihnen anfangen? Schließlich war heute ihr erster Arbeitstag.
»Was soll uns dieses Foto mit der brutal zugerichteten Frau überhaupt sagen?«, fragte Lisa deshalb laut.
Auf einmal sah es aus, als wollten alle eine Antwort geben. Dabei murmelten sie sich nur untereinander etwas zu. Der Chef unterbrach die lauter werdenden Stimmen und schaute alle im Raum erwartungsvoll an. »Was gibt es da so lange zu überlegen? Seht euch alle Fotos an, nicht nur die mit den misshandelten Frauen. Wie ihr seht, haben wir zwei Opfer, die sind klar auf den Bildern hier zu erkennen. Von der anonymen Anruferin haben wir keine persönlichen Angaben. Aber ich will auf etwas anderes hinaus. Gibt es etwa nicht einen einzigen scharfsinnigen Beobachter unter euch?«
Lisa sah von Kollege zu Kollege und las in deren Gesichtern viele Fragezeichen. Heilmeyer wollte gerade selbst die Antwort geben, als Lisa eine Idee kam. »Ich bin zwar in den aktuellen Fall nicht involviert, aber das Foto der Frau auf der rechten Seite kommt mir bekannt vor. Und wenn ich das Logo darunter richtig deute, ist es dieselbe Partnervermittlung vom Sommer. Die spielte ja bereits im August keine unwesentliche Rolle. Wir konnten denen zwar keinen direkten Einfluss nachweisen, aber ganz geheuer waren mir die Damen nicht.«
»Bingo, Lisa! Genau diese Agentur meinte ich. Willkommen im Team! Ich merke, du bist dabei. Seit einiger Zeit betreiben die Leute neben dem uns bekannten Partnerportal eine mysteriöse Seitensprungagentur, und das nicht ganz legal. In diesen Kreisen sind sie längst keine Unbekannten mehr.«
Olli schaute irritiert. »Seitensprungagentur? Wie bitte darf ich mir so einen Laden vorstellen? Und was soll die mit unserem Fall zu tun haben?«
Heilmeyer sah Olli an. »Olli, stell dich nicht dümmer an als nötig. Der Name sagt es bereits. Aber eigentlich läuft alles im Hintergrund über eine Webseite ab, und genau die Seite wird von dieser ominösen Agentur angeboten. Dort melden sich oft unzufriedene Frauen an. Sie suchen für ihre speziellen Vorlieben einen entsprechenden Mann, weil sie sich nicht trauen, ihrem Partner oder Ehemann ihre speziellen Wünsche anzuvertrauen.«
»Meinst du etwa, sie sind Gefangene ihrer Triebe oder so was in der Art? Ich meine damit, dass sie ohne eigene Kontrolle, nymphoman oder so was Ähnliches sind?«
»Soweit würde ich nicht gehen, Olli, aber sicher haben die Männer und Frauen ihre Motive. Um ans Ziel ihrer Wünsche zu gelangen, ist ihnen sicher jedes Mittel recht, und wie es den Anschein hat, fängt hier unsere Arbeit an. Es hat sich herausgestellt, dass das Portal gleichermaßen alle Geschlechter anspricht. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass das Interesse von Frauen und Männern sich die Waage hält.«
»Okay, soweit klar. Aber noch einmal. Was haben diese speziellen Interessen von, wie du sagst, ›Getriebenen‹ mit unserem Fall zu tun? Wäre das nicht eher was für den Fachbereich Sitte?«
»Wir haben bisher zwei Frauen, die geschädigt wurden«, mischte sich Jens ein und sah von Olli zu Heilmeyer. Letzterer zeigte auf die Wand. »Seht euch die Fotos an! Das Opfer auf dem rechten Bild meldete sich direkt aus einem Hotel und rief in unserer Zentrale an. Inzwischen wissen wir, dass das Hotel ein beliebter Treffpunkt für Paare ist, die sich zum Sex verabreden. Und die Frau selbst gab offen zu, dass sie sich immer wieder mal mit fremden Männern traf, um mit ihnen Sex zu haben. Angeblich, weil sie den zu Hause von ihrem Mann nicht bekommt.«
»Das ist nicht gerade viel. Denn weder sprach sie davon, dass sie den Täter über ein Seitensprungportal kennenlernte, noch, dass sie mehrmals verletzt wurde«, warf Jens ein.
Heilmeyer hörte ihm aufmerksam zu und meinte schließlich: »Ich habe da noch etwas.«
Er öffnete seine Tasche und zog einen Ordner mit weiteren Fotos heraus, die er neben die anderen an die Wand anbrachte. Das neue Bild zeigte eine jüngere blonde Frau mit zerrissener Bluse und blutverschmiertem Oberkörper. Außerdem war ihr Gesicht stark gequollen. Genau wie auf dem Bild, das er schon angebracht hatte, machte die Frau einen desolaten Eindruck. Mit blauen Flecken und tiefen Wunden blickte sie ängstlich in die Kamera.
Heilmeyer hatte nun alle seine Fotos angebracht. »Seht euch die Fotos genau an. Frau Paul berichtete freiheraus auf ›nicht normalen Sex‹ zu stehen. So nannte sie das am Telefon, und dafür traf sie sich eben mit speziell veranlagten Männern. Sie wandte sich nur deshalb an die Polizei, weil sie das letzte Mal lebensbedrohlich verletzt wurde. Sie meinte, dass die Aktion einer Vergewaltigung gleichgekommen wäre und sie wohl von Glück sprechen könne, dass sie noch am Leben sei.«
»Und das alles erzählte sie am Telefon?« Lisa war überrascht.
»Genau, sie hatte den Mann noch am selben Tag angezeigt und erwähnt, dass der Schläger ein Kondom benutzt hat, bestimmt, um bei einem möglichen Gentest keine verwertbaren Spuren zu hinterlassen.«
»Und? Wann war das?«, wollte Olli ungeduldig wissen.
»Das war vor zwei Tagen!«
»So ein Date läuft natürlich absolut anonym ab, oder?«
»In der Regel schon.«
»Und? Wir sollen untersuchen, ob der Mann derselbe ist, der auch die andere Frau hart zugerichtet hat?«
»Ganz richtig, Jens. Einiges spricht dafür, anderes weniger. Auf den ersten Blick sieht es jedenfalls nach einem möglichen Zusammenhang aus. Frau Paul, die in der Lage war bei uns anzurufen, meldete sich ja gleich am selben Tag. Ihr erinnert euch? Sie nannte sogar das Hotel, aus dem sie anrief. Ob Frau Stolz im gleichen Hotel unterwegs war, müssen wir erst klären. Wir werden sie später sprechen, wenn sie überhaupt dazu in der Lage sein sollte, noch erlauben es die Ärzte nicht.«
»Der Typ hat sie ziemlich zugerichtet, jedenfalls soweit es auf den Bildern zu erkennen ist«, äußerte sich Lisa angewidert.
Heilmeyer antwortete nicht und ließ die Aussage für sich stehen.
»Das ist kein Zufall und wir sollten nicht warten, bis Frau Stolz vernehmungsfähig ist. Wir müssen handeln!« Ollis Ton klang ungewohnt barsch.
»Solange werden wir auch nicht brauchen«, gab Heilmeyer zur Antwort.
»Gibt es weitere Hinweise?«, meldete sich nun Lisa erneut zu Wort.
»Ja, der Mann hat sein mitgebrachtes Messer mehrfach zum Einsatz gebracht, um Frau Stolz bewusst Schmerzen zuzufügen. Wahrscheinlich befriedigte ihn das sexuell. Aber diese Verletzungen reichten ihm nicht, er fesselte sie auch und fügte Frau Stolz lebensgefährliche Schnittwunden zu. Nicht nur am Hals, wie hier deutlich zu sehen ist, sondern auch an den Armen, aber vor allem am Oberkörper. Mit seiner Quälerei zwang der Täter sie, perverse Handlungen an ihm vorzunehmen.«
»Ja und? Berichtete die Frau, die anonym aus dem Hotel anrief, Ähnliches?«
»So ist es, Jens. Wir haben es hier also jedes Mal mit einem identischen Muster zu tun. Deshalb habe ich mich im forensischen Bereich kundig gemacht.«
Olli nickte, bevor er seine Stimme erneut erhob »Die Fotos zeigen ganz klar sadistische Züge. Die Würgemerkmale, die blauen Flecken, alles sieht selbst auf den Fotos noch grauenvoll aus.«
»Hmm …« Lisa runzelte die Stirn. »Warum wurden die Frauen überhaupt mit dem Messer so stark verletzt, wenn er sie zuvor gefesselt hat?«
»Eine berechtigte Frage Lisa, die einem normal denkenden Menschen natürlich sofort aufkommt. Die Psychologen nennen das Dissexualität. Das ist eine Verhaltensstörung, die in beiden Fällen klar zu erkennen ist.«
Heilmeyer stand auf, ging zur Pinnwand und stellte sich, die Arme verschränkt, davor. Auf seiner Stirn erschien eine tiefe Falte, die Lisa sogar von ihrem Sitz aus gut erkennen konnte.
»Hierzulande kommt es zum Glück nur selten zu derartig schweren Übergriffen mit Vergewaltigungen in einem solchen schweren Ausmaß. Aber genau aus diesem Grund liegt das jetzt mit hoher Priorität auf unserem Tisch. Ich möchte noch mal die Psychologen zitieren, die meinen, dass bis zum sexuell motivierten Töten nur ein kurzer Weg sein kann. Der eine oder andere wird sich dunkel daran erinnern, dass wir im Strafgesetzbuch unter ›Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung‹ in den Paragrafen § 174 – 184 alles zur Rechtslage nachlesen können. Wen das im Detail interessiert, sollte da ruhig mal reinschauen, weil wir mit derartigen Straftaten eher selten zu tun haben.«
»Also können wir davon ausgehen, dass die Männer oder der Einzeltäter bald töten wird?«
»Genau, Jens. Solange diese Männer ihre Fantasie in den eigenen vier Wänden mit ihren eigenen Partnern auf freiwilliger Basis ausleben und kein anderer Mensch geschädigt wird, bleiben die Handlungen eine persönliche Angelegenheit. Sobald Personen vergewaltigt und zu perversen Handlungen gezwungen werden, ist das abnorm und wir müssen handeln.«
Peter Heilmeyer machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. »Ihr wisst, die Umstände machen die Tat. Wir müssen also verhindern, dass aus der nächsten Vergewaltigung ein Mord wird.«
»Und zwar so schnell wie möglich. Es dürfen nicht noch mehr Frauen in die Falle dieser kranken Männer tappen«, mischte sich Lisa mit fester Stimme ein. Die brutalen Vergehen an diesen Frauen erinnerten sie nur allzu genau an ihre eigene drastische Situation vor wenigen Monaten. Sie schluckte schwer. Besann sich aber schnell und wollte sich besser auf die anstehende Arbeit mental einstellen und aktiv werden.
»Ich könnte mich morgen früh gleich auf den Weg in die Partnervermittlungsstelle machen und den Frauen dort mal auf den Zahn fühlen. Die dürften nicht mehr so unwissend rüberkommen wie beim letzten Mal. Zumal Reiman, der von uns überführte Mörder, auch ein Klient von ihnen war. Kooperativ konnte man die Zusammenarbeit mit denen ohnehin nicht nennen. Bin gespannt, was die Blondinen dieses Mal zu bieten haben.«
»Gut, Lisa. Du kennst dich dort ja aus. Doch wie gesagt, es geht uns jetzt nicht um die Partnervermittlung, sondern um die neue Seitensprungagentur.«
»Vielleicht gibt es weitere geschädigte Frauen, die ihren Lover dort kennengelernt haben?«
»Zumindest Frau Paul gab an, dass sie den Mann auf dieser Seite kennengelernt hat.«
Olli zog sein Handy aus der Tasche und tippte auf diesem kurz rum, bis er vielsagend aufblickte. »Hört mal, ich habe da was recherchiert.« Er räusperte sich, bevor er begann den herausgesuchten Text laut vorzulesen: »Vergiss enttäuschende Bekanntschaften – hier gibt es Männer und Frauen, die Spaß haben wollen! Melde dich bald an und du findest garantiert den Partner, der zu dir passt. Unsere Leute von Seitensprung.de sind natürlich, tolerant und lechzen nach neuen Abenteuern. Du kannst all deine Fantasien ausleben und lang ersehnte Träume wahr werden lassen! Bisher hat jeder bei uns seinen perfekten Gegenpol gefunden.«
»Na ja, das hört sich maßlos übertrieben an, aber das muss es wohl auch, um überhaupt die Leute mit speziellen Vorlieben zu erreichen.« Jens betonte das Wort »maßlos« besonders stark und ergänzte: »Wobei ich denke, dass solche Foren gar nicht schlecht sind. Wenn wirklich ein Topf seinen Deckel finden würde, wäre alles okay. Böse wird es erst, wenn einer von beiden eine andere Vorstellung vom Sex oder der Herangehensweise zum Höhepunkt hat.«
Heilmeyer unterbrach Jens, der seine ausschweifenden Anmerkungen gerade fortsetzen wollte. »Uns interessieren weniger die sexuellen Vorlieben dieser Herren als ihre Straftaten, die in dem Zusammenhang stehen. Deshalb der Reihe nach, der letzte Übergriff auf eine Frau, wurde uns erst gestern gemeldet. Wir prüfen sämtliche Zusammenhänge, die es auch mit anderen Frauen gab, und laden diese so schnell wie möglich zur Befragung zu uns ein.«
»Ich überprüfe die Angaben zum Hotel. Vielleicht plaudern die an der Rezeption etwas aus«, meinte Olli, sah Lisa dann an und gab ihr mit den Augen ein Zeichen. Sie verstand ihn sofort. »Ich könnte mit Olli gemeinsam zum CityHotel fahren und würde von Graal-Müritz mit dem Zug fahren, so wäre es kein Umweg.«
»Meinetwegen, übernehmt ihr morgen früh das Hotel und im Anschluss könnt ihr gleich die Partneragentur aufsuchen.«
»Apropos Hotel, das CityHotel soll in unmittelbarer Nähe zum Rostocker Hauptbahnhof sein. Von dort ist man relativ schnell aus der Stadt verschwunden. Seht euch das genauer an. Vielleicht ist es sogar möglich, anonym rein- und rauszuspazieren.«
Lisa nickte. Sie kannte sich in der Gegend relativ gut aus, weil sie manchmal mit dem Zug von Graal-Müritz nach Rostock fuhr.
»Nicht schlecht gewählt«, meinte auch Olli.
»Aus diesem Grund nehmt ihr morgen als Erstes das Hotel unter die Lupe. Bin gespannt, welche Neuigkeiten ihr herausbekommt. Wenn es als Stammhaus des Seitensprungportals läuft, dürfte das den Leuten von der Rezeption nicht entgangen sein«, ergänzte Heilmeyer.
Olli nickte unruhig und deutete auf seine Uhr als Zeichen, dass er noch einen Termin in anderer Sache hatte.
»Gebt mir eine Minute, bevor wir für heute etwas zeitiger auseinander gehen. Jens, du machst bei den Webseiten im Netz weiter. Vielleicht gibt es noch mehr Portale, die spezielle Dates anbieten.« Heilmeyer stand auf, ging zur Pinnwand und zeigte auf die angebrachten Fotos. »Die beiden Frauen hier an der Wand sind nicht die Einzigen. Die dritte Frau blieb bis auf wenige Telefonangaben bis jetzt zwar anonym, aber ich denke, dass keine weitere dazukommen darf. Das ist uns allen wohl klar. Macht heute mit euren Recherchen weiter. Ich bin im Außendienst, morgen schließen wir an dieser Stelle an.«
Lautes Klopfen auf den Tisch wurde von schrillem Schurren der Stühle verstärkt.
Bevor sie mit den anderen hinausging, verschaffte sich Lisa in einem Ordner einen Überblick über die Arbeit der letzten Monate und merkte, dass einiges nachzuholen war.
Um 17 Uhr war Lisas erster Arbeitstag Geschichte, aber ihr Job als vollwertige Kollegin in Heilmeyers Team hatte gerade erst begonnen. Sie war keine Praktikantin mehr, und das wollte sie ab jetzt auch unter Beweis stellen.
Alle Kollegen waren bereits auf dem Weg zu ihren Autos, nur Olli kam ihr entgegen und hielt sie am Arm fest. »Hey, nicht so schnell. Ich freu mich wirklich, dass du zurück bist. Wollte dir das nur noch einmal persönlich sagen. Um welche Uhrzeit treffen wir uns morgen?«
»Wie gesagt, manchmal fahre ich mit dem Zug von Graal-Müritz nach Rostock, das dauert etwa eine halbe Stunde. Ich denke, um neun Uhr könnte ich am Bahnhof sein. Hol mich dort ab, dann laufen wir zum Hotel rüber und anschließend zur Partneragentur.«
»Gut, so machen wir das. Kann ich sonst irgendwas für dich tun?«
Lisa schaute Olli überrascht an. »Hallo? Du, ich bin fit. Du musst dir keine Sorgen um mich machen. Ich habe genug getan, um die böse Geschichte vom Sommer loszuwerden. Aber, wenn was sein sollte, wärst du der Erste, der davon erfährt. Versprochen.«
»Dann verstehen wir uns ja und fangen einfach dort an, wo wir im Sommer aufgehört haben. Ich denke, das wird die beste Basis für eine gute Zusammenarbeit sein.«
»Danke Olli, du hast recht. Wir sollten so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren. Morgen wird ein guter Start dafür sein. Dir einen schönen Abend, bis später.«
Olli nickte zustimmend und ging mit ihr zusammen in Richtung Parkplatz. Als er in sein Auto stieg, schaute Lisa ihm mit einem langen Blick hinterher und spürte plötzlich ein wohliges Gefühl durch ihren Körper fließen. »Ich bin zurück«, dachte sie gut gelaunt.
Auf der Heimfahrt nach Graal-Müritz ließ Lisa den ersten Arbeitstag Revue passieren. Dieser war deutlich einfacher verlaufen, als sie es zuvor vermutet hatte. Ihre Leute freuten sich aufrichtig und erleichterten ihr mit ihrer Freude den Wiedereinstieg. Ihr wurde zwar immer noch mulmig zumute, wenn sie am Waldstück in der Rostocker Heide vorbeifuhr, in das der Mörder sie entführt hatte. Doch ab heute sollte der normale Alltag beginnen. Sie wollte endlich zur Normalität zurückkehren.
Sie erreichte gerade Torfbrücke, den Vorort von Graal-Müritz, als ihr der leuchtend bunte Blätterwald auffiel. Die goldenen Baumkronen glitzerten in der Sonne und ihr wurde vom Anblick warm.
Bis vor einigen Tagen hatte Lisa überhaupt keine Augen für den Herbst mit seiner bunten Pracht gehabt. Die fallenden Blätter sah sie als Gleichnis für ihre momentane Situation. Altes fiel ab, damit Neues entstehen konnte. Dieser Gedanke gefiel ihr und sie atmete leicht und unbeschwert durch, so wie schon lange nicht mehr.
Selbst zu Hause ging Lisa vieles leichter von der Hand. Sie dachte daran, dieses besondere Gefühl an diesem Abend mit einem Titel ihrer Lieblingsmusik zu unterstreichen. Sie ging ihre übersichtliche und gut sortierte Schallplattensammlung durch. Nach dem Umzug von Rostock nach Graal-Müritz vor drei Jahren, wollte sie nur noch wenige behalten. Die mit Nelly Furtado war zwar eine Platte älteren Datums, aber der Titel »I'm Like A Bird« sprang ihr dennoch sofort ins Gesicht. Mit diesem Lied ließ sich garantiert ihre gute Laune verstärken.
Behutsam legte sie die Platte auf den uralten Player und drehte die Lautstärke ungewöhnlich laut auf. Die Musik würde eh niemanden stören, weil im Herbst kaum Leute anzutreffen waren. Selbst das Haus, in dem sie lebte, blieb meist Feriengästen vorbehalten, sodass Lisa in der Nachsaison fast allein in diesem dreistöckigen Haus wohnte.
Graal-Müritz strahlte in der Nachsaison eine entspannte Ruhe aus. Der Ort gehörte wieder den Einheimischen, aber das bedeutete nicht, dass Lisa sich einsam fühlte. Sie mochte den Herbst mit all seiner bunten Pracht besonders gern. Die Abende wurden zwar kürzer, aber umso gemütlicher machte sie es sich in dieser dunklen Jahreszeit zu Hause mit einem guten Buch vor dem knisternden Kamin. Sie würde neu durchstarten und den Kollegen zeigen, dass es richtig war, ihr eine zweite Chance zu geben. Der Anfang war geschafft. Ihre Gedanken wanderten in eine positive Richtung, nach vorn. Sie war raus aus dem Tief.
Rostock, Innenstadt
Punkt neun Uhr kam Lisa auf dem riesigen Bahnhofsvorplatz an. Olli stand rauchend am Auto und als Lisa ihn sah, musste sie lächeln. Er war wie immer überpünktlich und hatte das mehr als einmal unter Beweis gestellt. Sie stiegen ohne lange Begrüßungsfloskeln ins Auto und Olli steuerte zügig das CityHotel an. Das Hotel befand sich in unmittelbarer Nähe, eigentlich hätten sie dorthin laufen können. Im Anschluss wollten sie aber gleich den Termin in der Altstadt wahrnehmen und um 14 Uhr hatte der Chef wie immer die Besprechung geplant, also brauchten sie das Auto, um zügig voranzukommen. Nicht erst beim Aussteigen fiel Olli auf, wie gut gelaunt Lisa war. Kaum zu vergleichen mit dem gestrigen Tag. »Du bist richtig gut drauf, hast dich wohl auf mich gefreut?«
Lisa sah Olli mit schrägem Blick an. »Ich dachte eigentlich, das Kapitel ist abgeschlossen. Aber ansonsten freue ich mich immer, wenn ich dich sehe.«
Ollis Stimmung verschlechterte sich augenblicklich, nicht wegen Lisas Abfuhr, es gab schlichtweg in der Nähe des Hotels keinen Parkplatz. Extra in die Tiefgarage wollte er nicht fahren, also hieß es: Weitersuchen.
»He, da fährt gerade ein Auto weg, beeil dich!«
»Offenbar bist du mein Glücksbringer, da kann der Tag ja nur gut werden.«
Nach wenigen Schritten standen sie vor der Eingangstür des Hotels, die genauso schmucklos aussah wie der gesamte Hotelkomplex.
»Ein Haus ohne Gesicht«, stellte Lisa gleich fest.
»Kein Wunder, Leute, die anonym bleiben wollen, suchen sich so einen Kasten aus. Der ist vergessen, ehe man drin gewesen ist. Also mein Geschmack ist anders.«
Lisa antwortete auf Ollis Feststellung mit einem müden Lächeln.
Sie durchschritten eine große Pendeltür und standen in einem ausladenden Foyer. Zwei schwere Säulen ließen den Raum riesig erscheinen. In ihrer direkten Blickrichtung lag die mittig angebrachte Rezeption. Zwei Mitarbeiterinnen waren mit Unterlagen beschäftigt und ein Mann unterhielt sich mit einem Gast. Auf der gegenüberliegenden Seite saß eine junge Frau auf einem bequemen Schwingsessel an einer kleinen Café Bar.
Lisa und Olli hatten sich darauf geeinigt, an diesem Tag nur das Haus zu inspizieren, ohne sich dem Personal gegenüber zu outen. Fürs erste sollte es reichen, sich einen Überblick über die Achtsamkeit der Leute an der Rezeption zu verschaffen.
Behielt das Personal wirklich das Kommen und Gehen der Gäste im Blick oder ging es eher salopp zu?
Das war zumindest gleich nach dem Betreten des Hotels ihr erster Eindruck. Sie wollten vor allem nach Fluchtwegen Ausschau halten und sich einen ersten Eindruck vom Hotel verschaffen. Vielleicht hatten sie ja Glück und ein sexhungriges Paar ließ sich blicken.
Erst einmal fuhren sie mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage, dabei entging ihnen nicht, dass das problemlos möglich war, selbst, ohne Gast des Hotels zu sein. In vielen Häusern gab es längst eine Karte, die als Zimmer- und Fahrstuhlschlüssel diente. Ohne ein angemietetes Zimmer bekam niemand die Chance, den Lift zu nutzen. Unliebsamen Besuchern wurde durch so ein Prozedere ein Riegel vorgeschoben. Aber das schien der Hotelleitung offenbar nicht wichtig zu sein.
Im obersten Stockwerk angekommen, erstreckten sich lange, weitläufige Flure. Ein Putzwagen stand zwar im Flur, doch eine Putzfrau war weit und breit nicht in Sicht. Alles machte den stillen Eindruck eines leeren Hauses.
Plötzlich öffnete sich eine Tür, heraus kam ein gut gelauntes Paar. Der Mann zog einen Rolli hinter sich her und die ihm nachfolgende Frau trug leichtes Handgepäck. Die Frau ließ die Tür offen stehen, wahrscheinlich für die Putzfrau, deren Wagen genau vor der Tür stand. Lisa und Olli gingen weiter in Richtung der offenen Tür. Lisa blieb vorsichtshalber draußen, um Olli rechtzeitig zu warnen, falls jemand käme.
Olli warf einen vorsichtigen Blick zunächst in den Flur, dann ging er in das großzügige Zimmer hinein.
»Beeile dich, ich kann die Putzfrau schon hören«, meinte Lisa unruhig.
Olli ging unsicher weiter, ohne weiter auf Lisas Worte zu achten. Auf einmal rief er begeistert: »Das musst du dir ansehen! Das ist ein besonders großes Appartement, ich würde sagen erster Klasse.«
»Erkennst du etwas, das mit unseren Nachforschungen zu tun hat?«
»Ich sehe mich jetzt in dem separaten Wohnbereich etwas näher um.«
Dieser Raum war hell und sah von innen weitaus freundlicher aus, als das Haus von außen vermuten ließ. Beim Blick aus dem Fenster sah Olli einen großzügigen Innenhof mit wenigen rotgoldenen Blättern an den Bäumen und Rosen, die sehr kurz beschnitten waren. Die parkähnliche Anlage machte einen gepflegten Eindruck, dabei störten lediglich die ungeordneten Tische und Stühle.
Draußen hatte er genug gesehen.
Interessiert begann Olli die Räume weiter nach Auffälligkeiten abzusuchen. Dabei entgingen seiner Aufmerksamkeit die hochwertigen Möbel und die dazu passenden Zierfiguren nicht. Alles war perfekt aufeinander abgestimmt und machte einen stilvollen, gehobenen Eindruck. Es gab viel Platz, obwohl eine moderne Sitzgruppe mitten im Raum ihren Platz fand. Das Badezimmer war mit einem Whirlpool ausgestattet, an dessen Rand hochwertiger Nippes standen.
Ansonsten gab es nichts Interessantes zu sehen, also kehrte Olli um und gab Lisa das Zeichen, hineinzugehen.
»Schau du dich auch um, vielleicht fällt dir etwas auf, was ich übersehen habe.«
Olli übernahm die Beobachterrolle und Lisa betrat die Suite.
Auf den ersten Blick erkannte Lisa nichts, was ihr wichtig erschien. Deshalb wollte sie gerade den Rückweg antreten, als ihr ein winziger Knopf an der Wand auffiel, der zunächst unscheinbar aussah. Nur durch Zufall sah sie dorthin, weil an dieser Stelle ein Buch stand, das ihr Interesse weckte.
Lisa drückte am Knopf hin und her, ihr Spürsinn vermutete sofort einen geheimen Raum dahinter. Doch selbst nach festem Drücken bewegte sich nichts. Es musste einen besonderen Trick geben und ihre Fantasie überschlug sich jetzt erst recht. Zuerst dachte sie an ein Versteck für jene, die nichts Seriöses im Schilde führten. Aber wofür so ein Raum wirklich gut sein sollte, wollte sie besser mit Olli besprechen.
»Beeil dich, ich höre Schritte, die in unsere Richtung kommen«, rief Olli laut in den Flur des Appartements hinein.
Lisa hatte verstanden und kam unmittelbar nach Ollis Ruf heraus.
»Hast du etwas Markantes entdeckt?«, fragte er Lisa ungeduldig.
Lisa schüttelte zuerst den Kopf, dann dachte sie an den womöglich geheimen Raum »Ist dir der winzige Knopf an der Bücherwand aufgefallen?«
»Nee, was soll da sein?«
»Ein geheimes Versteck, was sonst. Wozu manipuliert oder tarnt man denn sonst eine Wand mit einem Bücherregal?«
»Wie kommst du auf ein Versteck? Das passt gar nicht zu diesen first-class Räumen.«
»Vielleicht gerade deshalb. Wenn du jedenfalls genau davorstehst und hinsiehst, erkennst du ganz genau den Rand, der sich präzise abzeichnet. Es könnte aber auch etwas anderes dahinterstecken.«
Ollis Interesse schien geweckt zu sein. Er ging selbst ins Zimmer zurück, um sich das aus der Nähe anzusehen. In dem Moment öffnete sich in unmittelbarer Nähe eine Tür und die Putzfrau kam heraus. Die sah Lisa erstaunt an.
Lisa ging ihr geistesgegenwärtig entgegen, um sie abzulenken. »Haben Sie vielleicht ein kleines Mädchen gesehen? Eben war sie noch da«, sagte Lisa extra laut, damit Olli sie auch hören konnte. Der verstand ihr Ablenkungsmanöver zum Glück sofort und verließ schnell die Räume.
»Liebling. hier ist Susann auch nicht«, meinte er, dann sprach er die Putzfrau an. »Hat meine Frau schon gefragt, ob Sie unsere Tochter Susann gesehen haben?«
Lisa riss ihre Augen weit auf. Sie hoffte, dass er sich nicht in Einzelheiten verstricken würde, und sprach daher dazwischen: »Lass uns unten weitersuchen. Vielleicht ist sie schon draußen. Hoffentlich ist ihr nichts passiert.« Lisa legte all ihr schauspielerisches Talent in ihre Stimme, um ehrlich besorgt zu klingen.
Die dunkelhäutige Frau musterte Olli, dann Lisa und zuckte mit den Schultern, was wohl bedeuten sollte, dass sie nichts verstanden hatte.
Lisa und Olli verabschiedeten sich wie aus einem Mund und gingen hastig zur Treppe.
»Glück gehabt, hätte auch anders ausgehen können. Und? Was meinst du? Bist du meiner Meinung?«
»Ja, könnte sein. Vielleicht ist es nur ein Raum für Eltern, die mit Kindern reisen und mal für ein paar Minuten ungestört sein wollen.« Seine Antwort schien ihm selbst eher vage zu sein, weshalb er mit den Schultern zuckte. »Das werden uns die Leute vom Haus sicher besser erklären können. Auch, ob dieser Bereich häufiger frequentiert wird als andere.«
Lisa wäre dennoch am liebsten sofort der Sache auf den Grund gegangen, doch Olli verstand es sie zu besänftigen. »Das werden wir erfahren, gedulde dich bis zum nächsten Mal. Spätestens, wenn wir im Kommissariat mit der Befragung der Frauen weitergekommen sind, wissen wir mehr.«
»Ja, und der Chef wird zufrieden sein, weil wir für den Anfang vorsichtig vorgegangen sind.«
»Bisher hat jedenfalls niemand Verdacht geschöpft.«
In den oberen Räumen hatten sie vorerst genug gesehen. Auf dem Rückweg liefen sie über die Treppe und nahmen dabei auch die anderen Gänge in Augenschein. Die darunter liegende Etage sah genauso aus wie die darüber, nur ohne die Schrägen des Dachs. Sie stiegen Treppe für Treppe nach unten, entdeckten aber nichts, was ihr Interesse weckte. Später wollten sie sich gegebenenfalls von der Rezeption den Fluchtplan geben lassen. Aber erst, wenn klar war, ob auch die anderen Frauen dieses Haus als Treffpunkt genutzt hatten.
Eine gute halbe Stunde später kamen sie erneut an der Rezeption vorbei. Alles lief genauso ab wie zuvor. Die Frauen waren mit Papieren beschäftigt, an der Bar saßen inzwischen drei Personen mit jeweils einem Kaffee in der Hand, die sich unterhielten.
Niemand schien von ihnen Notiz zu nehmen, geschweige denn, dass sie gefragt wurden, wohin sie wollten oder ob sie Gäste des Hauses waren. Die Leute von der Rezeption schauten nicht mal hoch, als Lisa und Olli mit einem Gruß an ihnen in Richtung Ausgang gingen.
»Also perfekt für diejenigen, die unentdeckt und anonym bleiben wollen«, sprach Olli aus, was Lisa dachte.
»Damit hat sich meine Vermutung bestätigt. Aber wir sind in diesem Haus bestimmt noch lange nicht fertig«, brachte Lisa gerade noch raus und war bereits mit dem nächsten Ziel beschäftigt. Sie suchte schnell die Rufnummer der ihr vom Sommer her bekannten Partnervermittlungsstelle raus, dann bat sie Olli darum, den Besuch dort schon mal anzukündigen. »Ruf du an. Sie werden dich sicher für einen potenziellen Kunden halten.«
»Weiß zwar nicht, wozu das gut sein soll, aber ich mache es. Gib mal die Nummer ein und mach den Lautsprecher an.«
Ein lautes Klingeln ertönte, prompt hörten sie die dominante Stimme einer Frau. »Hallo? Weber am Apparat, Partnervermittlung ›Meer – Lust‹ in der Altstadt!« Weiter kam die Stimme nicht, weil Olli hastig auf die Aus-Taste drückte. »Also ehrlich, ich habe keinen Bock auf solche Spielchen. Da ist jemand, das wars doch, was wir wissen wollten.«
Lisa schaute ihren Kollegen fragend an, besann sich, bevor sie eine pampige Antwort gab, und meinte kurz: »Beruhige dich, es ist alles gut, Olli. Nix passiert.« Dann machte sich ein Schmunzeln in ihrem Gesicht breit. Olli musste auch lächeln und schien selbst über sein schroffes Verhalten erstaunt zu sein. »Du kennst mich, ich schieße gern mal übers Ziel hinaus.«
Nachdem es ihnen gelang, das Auto in einer Querstraße abzustellen, liefen sie die paar Meter bis in die Altstadt zu Fuß weiter. Lisa war froh, ein paar Schritte gehen zu können, der Nachmittag im Büro würde noch lang genug werden.
An der Fensterfront zur Partnervermittlung entdeckte Lisa sogleich die erste Veränderung: Keine Gesichter von strahlenden Männern und Frauen auf riesigen Fotos wie im Sommer, sondern zeitlose Naturaufnahmen aus der Ostseeregion. Wer nicht wusste, dass sich hier eine Partneragentur versteckte, vermutete auch keine. Genauso hatte sich auch der gesamte Eingangsbereich verändert. Nichts erinnerte Lisa an ihren ersten Besuch, dabei waren seitdem gerade mal drei Monate vergangen.
Der einst geräumige und ungemütlich wirkende Eingangsbereich war jetzt strukturiert und gut aufgeteilt. Olli und Lisa gelangten zunächst in einen Vorraum, in dem sie von einer Empfangsdame begrüßt und nach dem Anliegen gefragt wurden.
»Hier, mein Anliegen!« Olli hielt seinen Ausweis vor das Gesicht der Empfangsdame, sodass sie die Polizeimarke genau erkennen konnte. »Mein Name ist Olaf Wilke.« Er deutete auf Lisa, die sich selbst vorstellte. »Lisa Liebich, wir möchten die Geschäftsführerin, Silke Peters, sprechen.«
»Frau Peters gibt es bei uns nicht mehr. Etwa vor zwei Monaten hat der Inhaber gewechselt. Die frühere Chefin hatte alles urplötzlich verkauft und ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Sie soll ins Ausland gegangen sein, munkeln einige. Hatte wohl einige Leichen im Keller, aber da wissen Sie wahrscheinlich mehr als ich.«
Lisa schaute ihren Kollegen fragend an. »Habe ich etwas überhört? Kannst du dich erinnern, dass Heilmeyer davon gesprochen hat?«
Olli wirkte nicht minder überrascht, ließ sich aber fast nichts anmerken, und reagierte stattdessen forsch. »Na, dann eben jemanden von der Geschäftsführung. Oder gibt es hier auch keine Partnervermittlung mehr? Die müsste sich erst gestern aufgelöst haben, sie steht jedenfalls im Register.«
»Natürlich arbeiten wir hier weiter, nur unter einem neuen Chef. Ich läute mal durch, ob Niels … Pardon, Herr Sauer, frei ist.«
»Sagen Sie ihm bitte gleich, falls er keine Zeit haben sollte, darf er uns auch gern im Kommissariat beehren. Ein zweites Mal kommen wir nämlich nicht vorbei.«
»Ist ja schon gut.«
Sie wählte kurz und nuschelte unverständliche Worte in den Hörer. Anschließend dauerte es nicht lang und Niels Sauer stand in der Tür.
»Womit habe ich Ihren Besuch verdient? Bitte kommen Sie doch mit in mein Büro.« Er hielt die Tür zum angrenzenden Raum auf und zeigte auf eine gemütliche Sitzecke.
»Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
Keine Antwort abwartend, gab er der Mitarbeiterin am Empfang ein Zeichen. Niels Sauer war ein smarter, gut aussehender Mittdreißiger, der mit guten Umgangsformen zu glänzen verstand. Doch Lisa ließ sich davon nicht beeindrucken. »Ich konnte im August Ihre Vorgängerin Silke Peters kennenlernen, damals sah es nicht so aus, als wolle sie bald ihren Dienst quittieren.«
»Das ist interessant, davon weiß ich gar nichts. Und Sie sagen, dass Sie schon einmal den Kontakt zu uns suchten? Im August war ich ja auch schon da. Die Partnervermittlung habe ich endgültig erst vor wenigen Monaten übernommen, sozusagen als ihr ehemaliger Stellvertreter. Silke verschwand Hals über Kopf, weil es für sie nach jede Menge Ärger aussah. Eine Angestellte hatte sie verklagt. Aber wieso und weshalb, das brauche ich Ihnen wohl nicht zu erzählen. Außerdem arbeitet diese Angestellte auch nicht mehr bei uns.«
»Moment mal. Das hängt ganz davon ab, ob die Sache auch mit unseren Fragen zu tun hat.«
»Uns ist bekannt, dass seit einiger Zeit über Ihre Partneragentur eine weitere ›Vermittlung‹ angeboten wird. Ein sogenanntes Seitensprung-Dating-Portal, richtig?« Olli blickte Niels Sauer herausfordernd an.
»Wenn Sie schon so gut Bescheid wissen, warum sollte ich das leugnen? Das läuft ganz legal ab und spielt bei uns nur eine untergeordnete Rolle. In diesem Land gibt es leider nicht viele Menschen, die offen zugeben, dass sie fremdgehen wollen. Dennoch sind es immerhin 57 % aller Männer und die Frauen schneiden mit 54 % auch nicht viel schlechter ab.«
»Sie kennen sich ziemlich gut aus.« Lisa missfiel die selbstherrliche Art des Mannes, deshalb unterbrach sie ihn. Doch kaum war der Satz draußen, ärgerte sie sich über ihre Spontanität. Umso heftiger fiel ihre darauffolgende Frage aus. »Ja und? Hat die Flucht der ehemaligen Chefin mit diesem Portal zu tun?«
Niels Sauer verzog die Lippen, was Lisa freute. Sie hatte es geschafft, den smarten Blender aus seiner Komfortzone zu locken. Es dauerte etwas, bis er die Frage bedächtig beantwortete: »In gewisser Weise schon.«
Die Anspannung zwischen Lisa und dem Chef der Agentur war wohl nicht mehr zu übersehen, was Olli veranlasste, einzugreifen. »Na, da haben wir wohl direkt ins Schwarze getroffen. Erzählen Sie uns einfach der Reihe nach, warum Silke Peters so schnell über alle Berge ist.«
Im selben Moment kam die Empfangsdame mit Kaffee und ein paar Plätzchen herein, die sie betont laut direkt vor der Nase der Gäste platzierte. Eisige Stille machte sich breit, bis die Tür wieder geschlossen wurde und sie zu dritt im Raum zurückblieben.
Niels Sauer stand auf, ging zu seinem Schreibtisch, nahm einen Ordner vom Tisch, mit dem er sich wie ausgewechselt vor ihnen hinsetzte und schwungvoll zu erzählen begann: »Silke hatte die Idee mit dem Seitensprungportal. Ein Kunde hatte mal beiläufig danach gefragt und über einige seiner besonderen Vorlieben beim Sex gesprochen. Silke hatte später recherchiert und tatsächlich mehr dazu im Internet rausgefunden. Dieses Portal schien die ideale Ergänzung zu unserer Partnervermittlung zu sein. Zeitgleich bekamen wir die Bewerbung von Charlotte Schmidt. Ich hielt sie für dieses neue und spezielle Gebiet eigentlich nicht für geeignet. Sie war gerade mal 20 Jahre alt und ich fand sie etwas naiv. Aber Silke meinte, dass sie genau die Richtige sei.«
»Ja und? Kommen Sie zum Punkt.«
»Na ja, wie soll ich Ihnen das beschreiben? Charlotte brachte alles ins Rollen und wie sich etwas später herausstellte, war sie alles andere als naiv.
Silke hatte wohl den Fehler gemacht, sie mit Sexgesuchen zu beauftragen. Ihre Aufgabe war es, Profile von Frauen anzulegen, die es in der wirklichen Welt gar nicht gab. Sie beschrieb diese fiktiven Frauen ausschweifend, exotisch und so als besäßen sie besondere Vorlieben für Männer mit extravaganten Wünschen. Charlotte suchte sich ihre Ideen im Internet oder erfand sie. Sie war übereifrig und wollte gleich von Anfang an beweisen, wie gut sie diese Arbeit beherrschte. Und tatsächlich, ihre Fantasie kannte keine Grenzen. Silke war stark beeindruckt von dem, was sich das junge Ding alles ausdachte. Das erzählte sie mir zumindest. Die neue Mitarbeiterin hatte regelrecht Spaß daran, immer exklusivere Wünsche von Frauen aufzuzeigen. Aber dann drängte Silke sie weiter und weiter, immer mehr Profile sollte sie erstellen, denn der Zuspruch ließ ja nicht lange auf sich warten bei den vielen speziellen Angeboten. Es war an der Zeit, auch für ausreichend Frauen zu sorgen. Doch nach einigen Wochen war Charlotte nur noch ein Nervenbündel.
Sie bekam wegen der vielen Arbeit am Computer eine Sehnenscheidenentzündung und Silke hatte sie nach einer verbalen Auseinandersetzung fristlos gekündigt. Daraufhin zog ihre Mutter mit ihr und einem Anwalt vor Gericht. Für Silke sah es nicht gut aus.«
»Und Sie? Haben Sie etwa nichts von diesem ominösen Arbeitsverhältnis gewusst?«, fragte Olli und auch Lisa war skeptisch.
»Das kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, schließlich waren Sie der Geschäftspartner von Frau Peters und sie hat Ihnen sicher auch alles anvertraut.«
»Über die Neueinstellung der Kollegin war ich selbstverständlich informiert. Personelle Veränderungen besprachen wir gemeinsam, allerdings war ich nie in konkrete Details ihrer Arbeit in Rostock eingeweiht, da ich noch nicht hier wohnte. Silke betrachtete das neue Portal von Anfang an als ihre besondere Chefsache. Erst als der Brief von einem Rechtsanwalt hereinflatterte, konnte sie die Geschichte nicht länger geheim halten und outete sich schließlich auch mir gegenüber. Ehrlich, ich war total entsetzt, erst recht, als ich mit dem gesamten Ausmaß und der fristlosen Kündigung konfrontiert wurde.«
»Was ist bei der Verhandlung rausgekommen?«
»Silke wurden die überhöhten Anforderungen an Charlotte angekreidet. Es hieß, die neue Mitarbeiterin sei durch die maßlose Überanstrengung der Tastaturarbeit arbeitsunfähig geworden. Die fristlose Kündigung musste sie natürlich auch zurücknehmen. Die unverhältnismäßig hohen Überstunden von Frau Schmidt wurden anerkannt und das fehlende Geld musste Silke überweisen. Die inhaltlichen Formulierungen und der Zweck des Arbeitsinhalts, den Charlotte täglich ins Netz zu stellen hatte, wurden gar nicht besprochen. Konnten sie ja auch nicht, denn die Profile waren ja Charlotte Schmidts eigener Fantasie entstanden.«
»Dann kann diese Sache wohl kaum der Grund für den schnellen Abgang Ihrer Geschäftspartnerin gewesen sein. Was war es also dann?«, fragte Olli.
»Kommen Sie endlich zum Punkt!«, mischte sich nun Lisa ein.
Niels Sauer beeilte sich mit einer Antwort: »Ich bin nie richtig schlau aus der Sache geworden. Silke kam mit einer geringen Summe an Schmerzensgeld relativ günstig davon, aber trotzdem rief sie mich eine Woche später an und fragte, ob ich die Agentur übernehmen will. Ich kannte bereits den Ablauf und war mit allem vertraut, deshalb sagte ich sofort zu. Das war endlich meine Chance, mich selbstständig zu machen. Beim geschäftlichen Teil wurden wir uns zügig einig. Ich hatte ohnehin das Gefühl, dass sie um jeden Preis nur schnell wegwollte. Ich nahm einen Kredit auf, überwies die Hälfte der Summe mit dem Vertragsabschluss und dieselbe Summe läuft weiter auf Abzahlung.«
»Und wie ist Ihr Kontakt heute?«
»Na ja, von Kontakt kann kaum die Rede sein. Seit einem Monat habe ich überhaupt nichts mehr von ihr gehört. Selbst auf meine Einladung zur Eröffnung der neu gestalteten Agentur, vor etwa sechs Wochen, reagierte sie nicht. Sie können sich bestimmt vorstellen, wie enttäuscht ich bin. So ein Verhalten hätte ich ihr niemals zugetraut. Aber soweit ich weiß, wollte sie mit dem Metier nichts mehr zu tun haben.«
Lisa hörte dem Mann die ganze Zeit aufmerksam zu und stellte fest, dass sie im Unrecht lag. Er wusste nichts, sie hakte trotzdem weiter nach: »Und Sie machen jetzt allein mit der Seitensprungagentur weiter?«
»Ich werde mich demnächst wohl von der Seitensprungagentur verabschieden. Sie ist sowieso schon stillgelegt. Die Partnervermittlung reicht mir, vorerst jedenfalls. Das andere Portal passt nicht zu mir und seit der Sache mit Charlotte bin ich ohnehin sensibilisiert und halte mich besser an die Vorschriften.«
»Womit Frau Peters derzeit beschäftigt ist, wissen Sie aber schon? Wenn Sie nicht mit diesem Portal beschäftigt sind und Frau Peters nicht, wer könnte es sonst sein? Kennen Sie womöglich jemand in der Szene, dem Sie das Engagement in dieser Richtung zutrauen würden? Wir wissen jedenfalls, dass da immer noch was laufen muss. Es gibt einige Aussagen«, meinte Olli übertrieben.
»Nein, aber falls mir was zu Ohren kommt, werde ich mich bei Ihnen melden.«
»Bitte auch, wenn sich Frau Peters melden sollte«, ergänzte Lisa.
»Seit der Übergabe des Geldes habe ich zwar von Silke nichts mehr gehört. Weder weiß ich, wo sie hingegangen ist, noch was sie jetzt macht. Wenn sich daran etwas ändert, erfahren Sie das als Erste.«
»Gab es seitdem Frau Peters die Agentur verließ im Nachhinein Beschwerden?«
Lisa setzte gleich eine Frage drauf: »Wir meinen beispielsweise Übergriffe auf Frauen oder etwas in dieser Richtung?«
»Nein, davon habe ich nichts gehört.«
Olli stand auf und Lisa folgte ihm mit einer letzten Bemerkung an Sauer. »Dann wäre das vorläufig alles. Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung, falls wir weitere Angaben benötigen.«
»Selbstverständlich, ich will schließlich nicht bei der Polizei in Ungnade fallen.«
Lisa lächelte kurz. »Dazu gibt es aus unserer Sicht bisher auch gar keinen Grund.«
»Dann hoffe ich, dass Sie uns wenigstens dienstlich nicht mehr aufsuchen müssen«, meinte Niels Sauer und deutete lächelnd zur Tür.
Draußen auf der Straße holten Lisa und Olli erst mal tief Luft. Obwohl der jetzige Chef um einiges angenehmer rüberkam als seine Vorgängerin, beschlich Lisa dasselbe ungute Gefühl wie im August.
»Wer weiß, wo Silke Peters inzwischen steckt? Wir sollten sie nicht aus den Augen verlieren, um sicherzugehen, dass sie mit den geschädigten Frauen nichts zu tun hat. Ich werde jedenfalls ein mulmiges Gefühl nicht los.«
»Zerbrich dir bloß nicht deinen schönen Kopf. Wie es weitergeht, besprechen wir nachher im Büro.«
»Du hast recht, muss mich wohl erst wieder an die Gepflogenheiten im Job gewöhnen. Der Austausch mit Kollegen ist ja schon ein paar Tage her.«
Beide hatten einen strammen Schritt drauf, vor einer langen Menschenschlange blieb Lisa aber plötzlich stehen. So wie meist, wenn sie in der Altstadt unterwegs war, packte sie der Appetit auf eine echte Rostocker Currywurst ohne Darm. Sie brauchte Olli nicht lange überreden, die lange Schlange schreckte ihn auch nicht ab. Er meinte lediglich: »Eine Rostocker ohne Darm geht immer …«
Bis zur Sitzung um 14 Uhr blieb ihnen etwas Zeit, um sich nebenan einen Kaffee zu genehmigen. Olli setzte sich mit seinem Kaffee und der Currywurst Lisa gegenüber und sah ihr dabei zu, wie sie in einem Büchlein blätterte. Das Buch trug sie neuerdings stets bei sich. Das war ein Tipp ihres Psychologen nach dem Übergriff im Sommer.
Lisa legte das Buch kurz zur Seite, um in ihrer Tasche nach einem Stift zu suchen, den sie aber nicht sofort fand. Olli war schneller, griff in seine Jackentasche und gab ihr seinen Kugelschreiber.
»Danke.« Sie nahm den Stift und griff sogleich nach dem Notizbuch. »Viel Brauchbares ist heute ja nicht rausgekommen. Trotzdem mache ich ein paar Stichpunkte, mit diesen können wir nachher in der Dienstbesprechung konzentrierter berichten.«
»Immerhin haben wir jetzt eine Vorstellung vom Prozedere der Rezeption im Hotel und meine Vermutung der Unachtsamkeit des Hotelpersonals hat sich bestätigt.«
»Stimmt. Allerdings bleiben ein paar Fragezeichen zu viel offen. Jetzt interessiert mich erst recht, ob alle betroffenen Frauen über diese Agentur vermittelt wurden. Und diese Silke Peters, ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Frau. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber sie könnte noch eine Rolle spielen.«
»Sehe ich genauso«, bestätigte Olli. »Wenn selbst eine Mitarbeiterin von Leichen im Keller spricht?«
Lisa schrieb weiter, bevor sie eine Antwort gab. »Dieser Sauer hat ja nicht gerade viel preisgegeben.«
»Ich denke, er hat nur das erzählt, was ihn selbst nicht verdächtig macht.«
»Bestimmt. Ich nehme ihm auch nicht ab, dass er mit dem Schmutz überhaupt nichts zu tun hatte.«
Olli nickte kurz und schaute auf seine Uhr. »Wir sollten los, wenn wir nicht zu spät kommen wollen. Wäre wirklich schade, wenn das vorerst unser letzter gemeinsamer Außendiensteinsatz gewesen sein sollte, wo mir unsere gemeinsame Arbeit gerade anfängt wieder Freude zu bereiten.«
»Freu dich bloß nicht zu früh. Ich kann auch anders«, betonte Lisa locker, aber dankbar für Ollis Worte. Sie hatte längst festgestellt, dass es genau diese Zusammenarbeit war, die ihr in den Monaten zu Hause gefehlt hatte. »Wir werden auf keinen Fall zu spät kommen. Ich bin zurück und jetzt bleibe ich auch. Und zwar zuverlässig.«
Olli griente, ohne ein Wort zu verlieren.
Rostock, Kriminalkommissariat
Lisa und Olli kamen ziemlich abgehetzt im Dienstraum an. Dabei waren sie längst nicht die Letzten, selbst der Chef war noch nicht da.
Die anderen nutzten die Gelegenheit Lisa weiter auszuquetschen, am Tag zuvor blieb kaum Zeit dafür. Sie hatte sich verändert, das war vor allem den Kollegen vom internen Kreis nicht entgangen. Wenige Minuten später betrat auch Peter Heilmeyer den Raum. Allmählich verstummten die angeregten Gespräche. Er war nicht allein, ein untersetzter Mann ohne nennenswerte Haare begleitete den Hauptkommissar. Der bot ihm direkt an seiner Seite einen Platz an, bevor er den Anwesenden den Mann als einen Kollegen vorstellte.
»Dr. Walter Althaus ist unter anderem Spezialist für verbotene Internetforen. In diesen Fragen arbeitet er eng mit dem LKA in Berlin zusammen. Er hat heute etwas Zeit freigeschaufelt, um uns bekannte Muster aufzuzeigen, die auf solchen Portalen zu finden sind. Ihr seht, unser aktueller Fall zieht bereits Kreise bis in die oberste Etage. Da Dr. Althaus’ Zeit begrenzt ist, lasst uns sofort beginnen.«
Dr. Althaus erhob unmittelbar nach der Vorstellung seine Stimme: »Danke für die nette Vorstellung, Peter. Ich werde ohne Umschweife oder lange Vorreden loslegen. Denke allerdings, dass euch einiges bekannt vorkommen könnte. Damit meine ich auch diese Zahl.« Er stand von seinem Platz auf und schrieb in die Mitte der Pinnwand »100.000 Straftaten im Netz.«
»Könnt ihr das so genau bestimmen?«, fragte Jens.
»In etwa. Jährlich werden circa hunderttausend Straftaten im Netz festgestellt, und das ist nur die Spitze des Eisberges. Die Dunkelziffer wird um ein Vielfaches höher liegen.« Dr. Althaus schrieb weiter und markierte einige Zahlen. »Ich weiß, dass ihr gerade einen speziellen Fall auf dem Tisch habt, und denke, dass es für unsere Arbeit wichtig sein kann, engmaschig Informationen auszutauschen. Im LKA ist die zuständige Abteilung vor allem mit dem Cybergrooming beschäftigt. Einige kennen das sicher schon. Cybergrooming bedeutet nichts anderes als das Anbahnen oder Vorbereiten einer Straftat im Netz, also das strategische Vorgehen der Täter. Genauso gibt es selbstverständlich auch Täterinnen. Dabei wissen wir inzwischen, dass die Verbrecher es besonders darauf absehen, die Wahrnehmung und das Handeln von jungen Menschen zu manipulieren. Ja, man könnte auch sagen, dass Träume und Sehnsüchte der Kids künstlich aufgebaut werden.«
»Und da haben sie bei den meisten Kids leichtes Spiel«, unterbrach Peter Heilmeyer seinen Kollegen. »Ihr wisst selbst, wie leicht diese manipulierbar und beeinflussbar sind.«
Lisa dachte an den letzten Sommer. Alles hatte im Internet begonnen. Sie war erfahren und dennoch auf einen Verbrecher reingefallen. Sie hörte aufmerksam zu, ihre Kollegen dagegen wurden unruhig, weil Jens der Computerspezialist, sie unlängst über diese Verbrechen aufgeklärt hatte.
Althaus bemerkte wohl die aufkommende Nervosität im Raum. Er kräuselte ungehalten die Lippen, ließ sich aber sonst nicht beirren. »Die Täter im Netz geben sich meist als gleichaltrige oder nur wenig ältere Jugendliche aus, dabei zeigen sie sich als verständnisvolle Traumtypen. Die von ihnen verschickten Textnachrichten sind harmlos und zielen aufs Alltagsgeschehen ab. 65 Prozent der Täter sind unter 30, 25 Prozent sind zwischen 14 und 18 Jahren alt. Minderjährige sind demnach nicht immer nur die Opfer, sondern werden zunehmend selbst zu Tätern. Oft kommen die betroffenen Opfer aus Elternhäusern, die sich weniger um sie kümmern.«
»Sie sehen die Täter ja nicht, und die können übertrieben das Blaue vom Himmel lügen, damit erzählst du uns nichts neues«, warf Jens überheblich in den Raum.
Lisa konnte seinen Einwurf gut verstehen. Interessant wären Informationen darüber, ob es allgemeine Verknüpfungen zu dem Seitensprungportal in Rostock gibt. Zwielichtige Portale in der digitalen Welt der Kids waren allen längst bekannt. Fälle in diesem Bereich wurden in Rostock aber eher selten gemeldet, weshalb die Anzeigen spärlich und überschaubar waren. »Ich merke, dass ihr euch auskennt, aber ich möchte meine Ausführungen mit dem allgemeinen Begriff des ›Cybercrime‹ vervollständigen. Mit diesem Begriff sind alle Straftaten im Internet gemeint, also informationstechnische Systeme oder deren Daten. Computersysteme werden manipuliert und damit persönliche Daten abgefangen.«
»Genau, der sogenannte Identitätsdiebstahl.« Wieder war es Jens, der sich einmischte.
Dr. Althaus nickte. »Meist wird Lösegeld gefordert oder es werden andere kriminelle Handlungen mit den Daten betrieben. Mir ist bewusst, dass ihr mit einigen dieser Straftaten in der Praxis längst konfrontiert wart. Ich möchte euch lediglich einen kurzen Überblick geben, bevor wir uns mit den in unserer Abteilung erhobenen statistischen Erhebungen beschäftigen. Die Daten gründen auf präzisen Ermittlungen unserer Kriminalbeamten. Wir haben dabei eine große Anzahl von Netzwerken untersucht, die alle nach einem einheitlichen Muster vorgehen. Mecklenburg–Vorpommern gehört mit den knappen Beispielen kaum dazu, aber bei eurem Fall weist auch alles auf ein einheitliches Muster hin.«
Althaus schwieg kurz, nahm aus seiner Tasche Unterlagen und gab sie zum Verteilen in die Runde der Zuhörer. »Ihr werdet feststellen, dass diese Erhebungen interessant sind, denn sie zeigen eindeutig, wie diese Banden zusammenarbeiten.«
»Werden wir wenigstens Verknüpfungen zu unserem aktuellen Fall finden?«, fragte Olli, der sich diese Anmerkung wohl nicht verkneifen konnte, denn der aktuelle Fall verlangte schnelles Handeln. Es musste schließlich verhindert werden, dass sie in absehbarer Zeit in einem Mord ermitteln mussten.
Anstatt darauf zu antworten, erhob sich Althaus und lief bedächtig im Raum umher. »Seht euch die Unterlagen genau an! Die meisten Linien führen an einem Punkt zusammen. Ihr erkennt, dass die meisten kriminellen Strukturen in Berlin zu finden sind. Ich selbst lebe in der Hauptstadt und arbeite eng mit den Kollegen zusammen, die diese Erhebungen angefertigt haben.«
»Okay, Rostock-Berlin, das sind gerade mal 250 Kilometer. Das dürfte für einen Verbrecher keine große Hürde sein.«
Althaus antwortete auf die knappe Feststellung von Jens genauso knapp: »Für den Täter im Netz sind Entfernungen nicht wichtig, dort gibt es keine räumlichen Barrieren.« Althaus ging auf Jens zu und blieb direkt vor ihm stehen. »Zuerst sind da die Köpfe mit einer Idee, die beginnen Partner zu suchen, dann spinnen sie das Netz weiter. Nicht nur in der zivilen Welt sind Netzwerke unabdingbar.«
Inzwischen lagen vor allen Anwesenden die von Dr. Althaus mitgebrachten Unterlagen. Lisa betrachtete diese genauso interessiert wie ihre Kollegen. Sie erkannte auf einen Blick eine präzise Statistik, deren Spitze durch die Straftaten in Berlin angeführt wurde.
Althaus und Heilmeyer flüsterten, um die anderen nicht zu stören. Dann sagte der Gast laut: »Falls jemand von euch eine Verbindung zwischen eurem aktuellen Fall und den hier aufgezeigten Erhebungen erkennt, der notiert sich das bitte. Wir beziehen jeden weiteren Anhaltspunkt in unsere Arbeit mit ein. Vielleicht kommen wir einen Bruchteil weiter. Unser aller Ziel bleibt es, diesen Banditen das Handwerk zu legen. Bisher haben wir lediglich die Untermänner erwischt. Die Macher bleiben stets im Hintergrund und vernetzen sich sofort wieder neu, sobald einer auffliegt.«
Heilmeyer ergriff das Wort: »Das ist für alle Beteiligten ein schweres Unterfangen, aber wir werden auch in Rostock nicht aufgeben.«
»Ich hätte natürlich die Statistiken per Post senden können«, holte Dr. Althaus aus, um zum Schluss seiner Ausführungen zu gelangen. »Aber bei der Gelegenheit haben wir uns wenigstens persönlich kennengelernt. Das LKA Berlin hat die Absicht, sich auf dem Gebiet der Cyberkriminalität mit möglichst vielen Dienststellen bundesweit zu vernetzen. Nur gemeinsam können wir grundlegend eingreifen.«
Alle trommelten als Anerkennung für das Statement von Althaus auf den Tisch.
»Okay Leute, ich denke, dass wir demnächst mehr miteinander zu tun bekommen. Mein kurzer Auftritt sollte euch lediglich für die aktuellsten Erhebungen sensibilisieren und motivieren, sie nicht gleich in der Tonne verschwinden zu lassen. Noch eins, wenn einer von euch mal in Berlin zu tun hat, kann derjenige ruhig mal bei uns vorbeischauen. Lasse für den Fall ein paar Karten da.«
Auch Lisa schnappte sich eine Visitenkarte und schaute Olli dabei verschmitzt an. »Man weiß ja nie.«
»Was willst du in Berlin, die Ostsee würde dir sowieso bald fehlen.«
»Erst recht die gute frische Luft«, antwortete sie keck, »da kommt die Berliner Luft ohnehin nicht mit.«
Beide grienten.
So unauffällig wie Dr. Walter Althaus gekommen war, so flott war er auch wieder verschwunden. Der Besuch dauerte zwar nur etwas mehr als eine Stunde, aber der Hauptkommissar bot trotzdem eine kurze Raucherpause an.
»Wir machen gleich mit unseren eigenen Ermittlungen weiter, macht also nicht so lange.«
Lisa nutzte die Zeit, um ihre Notizen von der Partnervermittlung querzulesen.
Andere diskutierten die neue Statistik oder verglichen die farblichen Markierungen, die Peter Heilmeyer inzwischen an der Wand ergänzt hatte. Olli war draußen bei den Rauchern. Lisa ging hinterher, um frische Luft aufzusaugen, bevor es weiterging.
»Warum hat der Chef überhaupt diesen Dr. Althaus eingeladen?«, fragte sie in die Runde.
»Keines unserer Probleme hat der Mann wirklich angesprochen«, meinte nun auch Olli.
»Genau, statistische Erhebungen bringen uns nicht weiter.«
»Bin gespannt, was Peter zum Auftritt von Kollege Althaus zu sagen hat«, meinte Lisa skeptisch.
»Einen Grund gibt es bestimmt. Ihr kennt Peter, er macht nichts ohne Sinn«, mischte sich auch Jens ein. Er stand bei den Rauchern, obwohl er nicht mehr rauchte, seit seine Frau vor ein paar Jahren ihr erstes Kind bekommen hatte.
Die Anwesenden kommentierten Jens’ Einwurf nicht, stattdessen gingen sie gemeinsam in den Dienstraum. Dort warteten bereits alle anderen auf die Raucher.
»Ich will nicht lange herumreden, mir ist das Unverständnis bei einigen von euch über den Besuch von Dr. Althaus nicht entgangen«, empfing Heilmeyer seine Leute.
»Ich finde zwar, dass die Vorrede von Dr. Althaus zum Thema etwas zu lang gezogen war, aber er ist auf seinem Gebiet eine echte Kapazität, und nicht nur, weil er an den ersten statistischen Erhebungen selbst mitgewirkt hat. Er weiß also ganz genau, was los ist und worum es uns geht. Die vor euch liegenden Materialien könnten uns daher noch nützlich sein.
Außerdem werden wir mit den Kollegen in Berlin mehr zu tun bekommen. Das war heute sozusagen der erste Kontakt. Bei der ständig steigenden Cyberkriminalität müssen wir über den Tellerrand schauen und flächendeckend mit möglichst vielen Fachleuten zusammenarbeiten. Es handelt sich schließlich um kein lokales Problem, sondern um eins, das sich rasant wie ein Lauffeuer ausbreiten kann.«
Lisa stellte in der kurzen Sprechpause, die Heilmeyer machte, fest, dass er zufrieden wirkte. Sie wusste vom Chef, dass es ihm besonders wichtig war, alle seine Mitarbeiter mitzunehmen und möglichst keine Fragen offen stehen zu lassen. Er betonte oft genug, wie wichtig ihm Transparenz, Offenheit und Loyalität waren. Heilmeyer ging vom Fenster zu seinem Tisch zurück und wechselte das Thema.
»Bevor Olli und Lisa uns von ihrem Ausflug berichten, kann ich erfreulicherweise mitteilen, dass es laut Krankenhaus Frau Stolz deutlich besser geht. Heute Morgen sagte mir eine Schwester am Telefon, dass es von Seiten der Ärzte keine Einwände gibt, sie morgen Nachmittag kurz zu befragen. Die Betonung liegt allerdings auf kurz, denn länger als zehn Minuten dürfen wir nicht zu ihr. Aber es wäre wichtig zu erfahren, ob es dasselbe Hotel wie bei den anderen Frauen war. Natürlich brauchen wir auch eine genaue Beschreibung von dem Mann, mit dem sie sich traf und der sie so übel zugerichtet hat.«
»Ich bin bei der Befragung dabei«, meldete sich Olli.
»Gut, Olli. Ich möchte aber zwei Mann im Krankenhaus dabeihaben. Jens, was ist mit dir?«
»Geht klar Chef, ich auch.«
Lisa, die eigentlich auch zum internen Kreis für die Außenarbeit zählte, blieb still. Sie brauchte sich aber auch nicht zu melden. Der Chef wandte sich ganz von selbst an sie. »Lisa, du hältst dich erst mal von Krankenhäusern fern. Ich denke, das ist auch in deinem Interesse.«
Lisa blickte Heilmeyer dankbar an und nickte verlegen.
»Okay, dann wäre für morgen alles soweit klar. Lisa und Olli, wir sind ganz Ohr, was ihr herausbekommen habt.«
Lisa breitete ihre Notizen vor sich aus und sah dann zu Olli. Der forderte sie mit den Augen auf, zu beginnen. Sie zögerte nicht lange. »Zum Hotel gibt es nicht viel zu sagen. Es entspricht genau dem Charakter eines anonymen Hauses, so wie wir es uns gedacht haben. Suiten gibt es auch, sogar eine mit einem Raum, der als Bücherwand getarnt wurde. Wir kamen dort nicht weiter, weil wir durch eine Putzfrau gestört wurden. Nun wissen wir nicht konkret, ob unsere Vermutung zutrifft oder etwas anderes dahintersteckt.«
»Wir wollten keine schlafenden Hunde wecken«, fügte Olli hinzu.
»Wieso seid ihr so sicher, dass es eine getarnte Tür ist?«, hakte Jens interessiert nach.
»Wie bezeichnest du denn einen Knopf an der Wand mit sichtbaren Zeichen eines Zimmers, das auf ein Versteck hinweist? Und dann sogar hinter einer Bücherwand versteckt liegt?« Olli rutschte seine Antwort hingegen etwas zu unwirsch heraus.
Lisa machte ungeachtet des verbalen Schlagabtausches ihrer Kollegen weiter. »Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Raum hinter der Wand dazu dient, etwas zu verbergen.«
Olli unterbrach Lisa noch einmal: »Wir haben uns beim Personal bewusst nicht zu erkennen gegeben, weil wir damit bis nach der Befragung der zweiten Frau warten wollten. Vielleicht steckt ja viel mehr dahinter?«
»Danke ihr beiden«, erhob Heilmeyer seine Stimme. »Frau Stolz werden wir morgen befragen, danach werden wir unter Umständen ein großes Stück weiter sein. Durch eure Recherchen haben wir nun einen ersten Eindruck vom Hotel, aber auch eine bessere Vorstellung von dem, was die Frau beschreiben wird. Gibt es Videoaufnahmen?«
»Ja, die gibt es. Wir haben einige Kameras entdeckt.«
»Okay, die wird sich Jens später vornehmen, wenn die Frau ihren Aufenthalt im Hotel bestätigt hat.« Heilmeyer sah von Lisa zu Olli. »Und wie war es bei der Partnervermittlung?«
Obwohl der Chef Olli ansprach, machte Lisa weiter: »Da gibt es eine neue Entwicklung. Silke Peters, die frühere Chefin, ist ausgeschieden und arbeitet angeblich gar nicht mehr für irgendein Portal, geschweige denn für ein Seitensprungportal. Niels Sauer, der ehemalige Geschäftspartner, ist jetzt der neue Chef und leugnet jeglichen Kontakt zu seiner damaligen Chefin. Er gab aber zu, dass die Peters Schwierigkeiten mit einer Kollegin hatte.«
»Aus diesem Grund könnte sie weggegangen sein«, ergänzte Olli.
Lisa nickte. »Irgendwas stimmt an der Sache nicht, der muss mehr wissen, als er zugegeben hat. Wir sollten ihm weiter auf die Finger schauen, denke ich jedenfalls.«
»Genauso sehe ich das zwar auch«, unterbrach Olli Lisa energisch, »aber der Sauer meinte auch, dass er selbst nichts mit dem Seitensprungportal zu tun hatte. Genau das nehmen Lisa und ich ihm allerdings nicht ganz ab. Wie schon gesagt, wir sollten dranbleiben. Entweder lügt er oder Silke Peters hat das Portal mit anderen Leuten aufgezogen.«
»Danke euch beiden, im Protokoll werden wir sicher mehr Details dazu nachlesen können. Ich schlage vor, wir machen für heute Schluss. Lisa, du bleibst morgen mit den anderen hier und recherchierst weiter. Vielleicht entdeckst du auf dem Portal von Niels Sauer Neuigkeiten, die bisher noch gar nicht zur Sprache gekommen sind.
Olli und Jens, wir treffen uns um zehn Uhr vor dem Krankenhaus in der Südstadt. Frau Paul, die uns direkt aus dem Hotel anrief, ist für den Nachmittag eingeladen. Bin sicher, dass sie uns den Mann beschreiben wird, das wollte sie am Freitag ja noch nicht machen.«
»Aus purer Angst hat schon manch einer gesprochen. Wer weiß, womit der Mann ihr gedroht hat?«
»Lisa, das sind Vermutungen, die bringen uns nicht wirklich weiter. Du wirst morgen das Gespräch mit Frau Paul führen. Wahrscheinlich wird sie etwas lockerer sein, wenn sie von einer Frau befragt wird. Ich denke, du beginnst und ich stoße später dazu. Olli, du machst das Protokoll!«
Lisa nickte kurz.
Heilmeyer gab das Zeichen für heute Schluss zu machen, indem er begann seine Sachen einzupacken. Sofort wurden die Stimmen im Raum lauter und das vertraute Verabschiedungsgeplänkel war unüberhörbar. Gerade als Lisa den Raum verlassen wollte, winkte Heilmeyer sie zu sich.
»Alles gut bei dir? Durch unseren aktuellen Fall wirst du ja gewissermaßen auf Schritt und Tritt an deine eigene Geschichte erinnert?«
»Stimmt, ist aber auch ein gutes Mittel endgültig davon loszukommen. Leider sterben diese perversen Typen wohl nie aus. Wenigstens arbeite ich an der richtigen Stelle, um denen hin und wieder mal kräftig dazwischen zu funken. Aufgeben gibt es für mich nicht.«
»Wenn irgendwas sein sollte und du eine Pause brauchst, sag bitte Bescheid. Wir würden vorübergehend sicher auch andere Aufgaben für dich finden.«
»Nix da. Ich habe nicht gedrängt, bei euch wieder einzusteigen, um mich wenig später zu schonen. Ich hatte genug Zeit, um mir das gründlich zu überlegen. Peter, bitte keine Extrawurst für mich.«
Der Hauptkommissar griente. »Ist ja schon gut. Du bist unsere einzige Frau im Team, wir wollen dich nicht gleich vergraulen.«
»Verstehe«, meinte Lisa kurz und griente ihren Chef ebenfalls an. »Und versprochen, wenn es was gibt, mit dem ich nicht klarkomme, wirst du es von mir erfahren.«
Peter Heilmeyer nickte zustimmend und reichte Lisa zum Abschied die Hand, die sie zögerlich ergriff.
Draußen begann es gerade dunkel zu werden. Lisa fröstelte, obwohl das Thermometer noch bei guten Plusgraden stand. Mit 10°C war es ungewöhnlich warm für einen Novembertag. Temperaturen entsprechend der Jahreszeit wollten sich bislang in diesem Winter, selbst nach dem langen Sommer, nicht einstellen. Doch Lisas Gänsehaut rührte nicht von der Wetterlage her. Die Darstellung der brutalen Vergewaltigung setzte ihr heftiger zu, als sie anfangs geglaubt hatte.
Lisa rubbelte sich über die Arme und freute sich auf ihren Kamin zu Hause. Den würde sie sofort anmachen und nach langer Zeit einen guten Tropfen Wein dabei trinken. Ob sie eine Freundin anrufen sollte? Nein, dachte Lisa und schüttelte instinktiv den Kopf. Ihr war es lieber in aller Ruhe, die ersten Diensttage Revue passieren zu lassen. Die brutalen Übergriffe auf die Frauen brachten tatsächlich ihre eigenen Erinnerungen zurück.
Auch ihre Geschichte begann mit einem Mann, den sie im Internet kennengelernt hatte. Genau wie bei den Frauen, die sie morgen zu befragen hatten. Und auch bei ihr endete alles mit einem brutalen Übergriff.
Lisa blieb abrupt stehen. Plötzlich stand ihr die unwirkliche Situation in der Rostocker Heide vor Augen. Sie lag auf dem kalten Boden, geknebelt und gefesselt. Das Loch hatte der Mörder bereits ausgehoben, in dem er sie bei lebendigem Leib entsorgen wollte. Ihr wurde kalt. Sie sah seine Augen genau vor sich und es brauchte einiges an Anstrengung, um sein Gesicht zu verdrängen.
Sie schüttelte sich. Die Bilder waren nur in ihrem Kopf. Sie war frei und lebendig. Und sie konnte sich glücklich schätzen, dass ihre Kollegen schnell zur Stelle gewesen waren, noch bevor Hans Reiman, der Psychopath, seine Perversion an ihr ausleben konnte, so wie bei ihrer Freundin Sarah. Schlimm genug, dass sie damals nichts mehr für ihre Jugendfreundin tun konnte. Sarah hatte er genau wie seine Opfer davor, in einem Waldstück getötet. Er hatte sie hingelegt, als ob sie schliefen. Das war sein krankhaftes Muster bei allen Frauen und mit Lisa hatte er das Gleiche vor.
Bis heute hatte Lisa nicht erfahren, woher die Kollegen wussten, dass sie in großer Gefahr schwebte. Sie würde sie später vielleicht einmal danach fragen, bis jetzt war keine Zeit dafür da gewesen, um über diese Nacht zu sprechen. Aber die würde sich demnächst finden.
Graal-Müritz, Muschelweg
Lisa fuhr direkt nach Hause und eine gute halbe Stunde später stand sie auf dem Parkplatz vor dem Wohnhaus. Am heutigen Abend waren viele Autos im Ort unterwegs, ganz anders als in der Nachsaison vergangener Jahre. Sie hatte längst das Gefühl, dass die Saison im schönen Ostseeheilbad fast das ganze Jahr über anhielt, zumindest bis Anfang November. Zwar zählte man nicht mehr die große Zahl von Touristen wie im Sommer, aber von der beschaulichen Ruhe wie ansonsten konnte selbst bis in den späten Herbst hinein nur selten die Rede sein.
Als Lisa aus dem Auto stieg, wusste sie, dass nach diesem ereignisreichen Tag ein Spaziergang an der frischen Luft das Beste war. Der späte Nachmittag zelebrierte bereits eine beeindruckende Dämmerung. Dieses spektakuläre Wechselspiel zwischen Licht und Wolken faszinierte sie besonders. Bereits als Kind war sie, beeindruckt im Dämmerschein des Abends, am Meer entlang spaziert.
Lisa ging gar nicht erst ins Haus, sondern lief auf direktem Weg zum Strand. Heute würde es sich bestimmt lohnen, nach Bernsteinen zu suchen. Erst gestern gab es das besondere Intermezzo eines kräftigen Herbststurms, der garantiert den Meeresboden ordentlich aufgewirbelt und eingelagerte Bernsteine freigelegt hatte. Doch zum Suchen war es jetzt zu spät. Sie kannte einige Stellen, an denen es sich auch später lohnen würde hinzuschauen. Bei der Wassertemperatur von 4°C hat das Salzwasser jetzt eine ausreichende Dichte, um Bernsteine an die Wasseroberfläche zu spülen.
Ob sie bald wieder fündig wurde? Ein richtig großer Bernstein für einen Kettenanhänger wäre nicht schlecht. Aber Lisa wollte nicht auf hohem Niveau jammern, ihr Sammlerglück hatte sie nie im Stich gelassen. Nicht nur einmal hatten ihre Gäste das große Glas mit den goldbraunen Steinen bestaunt. Berechtigt, denn es waren einige von beachtlicher Größe dabei.
An der Seebrücke angekommen, sah sie deutlich weniger Leute, als sie zuvor vermutet hatte. Eine Mutter mit zwei Kindern, zwei ältere Herren und ein junger Mann, der gedankenverloren aufs Meer schaute. Lisa kam näher und erkannte, dass es sich bei einem der beiden älteren Männer um Erwin handelte. Wie immer war er mit seinem Fahrrad unterwegs, das vor der Seebrücke angelehnt stand. Erwin, ein Graal-Müritzer Einwohner, der im Sommer einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte, dass ihre Kollegen dem Mörder aus der Rostocker Heide auf die Spur gekommen waren.
Jetzt erkannte der Mann auch Lisa und strahlte über sein ganzes Gesicht. »Sieht man sich mal wieder? Von Ihnen hab ich ja lange nichts gehört. Als der Hauptkommissar bei mir war, um sich offiziell zu bedanken, waren Sie ja nicht dabei.«
Lisa nickte. Erwin hatte wohl keine Ahnung davon, was ihr damals in der Nacht passiert war. Das musste er auch nicht und so überging Lisa seine Frage einfach. »Ihnen ist sicher bekannt, dass es bei der Kripo jede Menge zu tun gibt. Aber Sie haben uns sehr geholfen, passen Sie weiter gut auf. Das Böse ruht nie.«
»Ich halte meine Augen immer auf, aber meine Altherrenrunde löst sich gerade auf. Im letzten Sommer waren wir noch fünf Mann, mittlerweile sind wir nur noch drei. Das Alter. Dabei waren wir eine eingeschworene Runde, aber wenn der Kopf und die Knochen nicht mehr wollen, kann man nichts machen. Vielleicht kommen im Frühjahr ein paar neue Leute dazu.«
Lisa nickte ihm aufmunternd zu und machte Anstalten sich zu verabschieden. »Das wünsche ich Ihnen auf alle Fälle. Gut, dass Sie heute wenigstens zu zweit sind, da haben Sie jemanden zum Schnacken.«
Sie winkten sich zum Abschied zu und Lisa lief weiter bis ans Ende der Seebrücke. Der Wind hatte etwas nachgelassen, blieb aber kräftig genug, um sie ordentlich durchzupusten. Das war es, was Lisa besonders liebte, kein frostiger Wind, aber eine steife Brise, die die Naturgewalten andeutete. Ein Anflug von Melancholie überkam sie beim Anblick des Meeres. Sie ließ ihren Blick bis zum Horizont schweifen, den sie nur erahnen konnte. In der Ferne leuchtete das ständig wiederkehrende Licht vom Darßer Ort.
Was für eine gute Sicht heute, da ist sogar der Leuchtturm von Prerow zu sehen. Ein warmes Gefühl beschlich sie, begleitet vom süßlichen Schmerz der Sehnsucht. Einer Sehnsucht, von der sie nicht genau wusste, was diese zu bedeuten hatte. Oder verwechselte sie das Gefühl mit Melancholie?
»Sie hatten wohl den gleichen Gedanken wie ich«, wurde sie im selben Moment von einer kräftigen Männerstimme und doch zaghaft angesprochen. Lisa drehte sich um und blickte in die blauen Augen des Mannes, der vorhin aufs Meer hinausgesehen hatte. Jetzt, wo er vor ihr stand, merkte sie, dass er gar nicht so jung war, wie der erste Blick es vermuten ließ. Er musste etwa in ihrem Alter sein. Sie schätzte ihn auf Anfang 40.
»Ich liebe den Herbst am Meer«, hörte sie sich plötzlich automatisch sagen.
»Stimmt, ich hätte nicht gedacht, dass ich mich in dieser Jahreszeit an der Küste so wohlfühlen würde. Obwohl ich eigentlich nicht ganz freiwillig hier bin.«
»Ah ja«, antwortete Lisa kurz und dachte daran, dass der Mann sie blöd anmachen wollte. Er sprach weiter, während er seinen Blick auch übers Wasser schweifen ließ. »Hier bekomme ich meinen Kopf frei und es tut richtig gut, mal dem Großstadtlärm zu entfliehen.«
Lisa blieb seit dem Erlebnis mit dem Mörder vorsichtig, dennoch ging sie auf sein Gespräch ein. »Jetzt kommen meist diejenigen zu uns an die Küste, die nicht nur träge in der Sonne liegen wollen, um braun zu werden, eher die Urlauber, die die Natur lieben und die Ruhe suchen, die jetzt mehr und mehr wieder einkehrt.«
»In dem Punkt bin ich ganz bei Ihnen, jedenfalls was die Natur angeht. Ich bin zwar dienstlich hier, genieße aber diese eine Woche am Meer in vollen Zügen. Außerdem bin ich Hobbyfotograf und meine Kamera hat mir schon zu einigen besonderen Fotos verholfen.«
Lisa fiel die Souveränität des Mannes auf. Sie hatte sich geirrt. Dies war kein plumper Versuch, sie anzubaggern, viel eher suchte er ein kurzweiliges Gespräch. Er war dabei unaufdringlich und freundlich, deshalb kam ihre Frage fast von selbst. »Sie arbeiten in der Nachsaison in Graal-Müritz? Das ist eher selten. Die meisten Leute kommen in der Hauptsaison zu uns.«
Der Unbekannte überging ihre Frage. »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, Maximilian Schäfer, aber man sagt schlicht Max zu mir. Das gilt natürlich auch für Sie. Falls Sie mögen, versteht sich?«
»Also gut, ich bin Lisa Liebich.« Ein Schmunzeln entwich ihr. »Kürzer als Lisa geht es nicht.«
»Lisa! Ich finde, das passt gut zu Ihnen. Sind Sie aus dieser Gegend oder kommen Sie aus Graal-Müritz?«
»Richtig geraten. Zwar noch nicht so lange, aber ich bin bewusst wegen der Nähe zum Meer hierhergezogen. Obwohl ich jetzt zu meiner Dienststelle in Rostock eine Fahrt mit dem Auto in Kauf nehmen muss. Letztlich kann ich aber meine freie Zeit besser genießen und ›Im Haus des Gastes‹ wird für Kultur und Sport mit unterschiedlichen Angeboten gesorgt. Außerdem sind Rostock und Stralsund ja nicht weit entfernt.«
»Und Berlin auch nicht, da komme ich nämlich her.«
»Stimmt!« Lisa wurde skeptisch. War es vielleicht doch eine Masche von ihm?
Max Schäfer schien Lisas Irritation zu spüren. »Na ja, eigentlich ist es egal, wo man wohnt. Das Wichtigste ist vor allem, dass es einem dabei gut geht.«
Plötzlich schaute er auf seine Uhr. »Oh, jetzt habe ich mich etwas verplaudert, habe nachher einen wichtigen Termin in Rostock. Ein dienstliches Arbeitsessen sozusagen. Schade, ich hätte gern länger mit Ihnen geplaudert. Vielleicht treffen wir uns ja wieder, dann machen wir da weiter, wo wir heute aufgehört haben. Ich bleibe ja noch ein paar Tage hier.«
»Ja, vielleicht sehen wir uns, das würde mich freuen.«
Max Schäfer war so schnell weg, wie er aufgetaucht war, und Lisa bedauerte irritiert die schnelle Verabschiedung. Irgendwie ärgerte es sie, dass sie weder die Telefonnummern noch die Mail-Adressen ausgetauscht hatten. Mit etwas Abstand betrachtet, fand sie die Begegnung mit dem Mann interessant. Sie hätte gern gewusst, was ihn tatsächlich nach Graal-Müritz gebracht hatte. Und auch, was er beruflich machte und wo genau er wohnte.
Ob er allein war und, und, und? Es waren viel zu viele Fragen offengeblieben. Deshalb wollte sie den Mann unbedingt noch einmal treffen.
Nachdem Max Schäfer gegangen war, blieb Lisa eine Weile allein auf der Seebrücke zurück. Niemand war mehr zu sehen und auch Lisa machte sich mit zügigen Schritten auf den Weg nach Hause. Sie lief den Weg an der Straße entlang, nicht wie am Tag gleich hinter den Dünen.
Von dort konnte man längst den dunkel gewordenen Strand nicht mehr erkennen. Zwar war es erst kurz nach 18 Uhr, aber bereits so dunkel als wäre es Mitternacht. Weit und breit keine einzige Menschenseele in Sicht. Automatisch ging sie zügiger, sie mochte es immer noch nicht, allein am Waldrand zu spazieren.
Zu Hause zündete sie den Kamin an, stellte den am Morgen zubereiteten Salat auf den Tisch und öffnete eine Flasche ihres Lieblingsrotweins, einen Spätburgunder »Pinot Noir«.
Der Spaziergang hatte ihr gutgetan und sie fühlte sich nun ruhig und gelassen. Sie atmete tief durch und aß genussvoll den Salat mit etwas Brot. Die Flasche Wein stand geöffnet bereit, bevor das Aroma sich vollständig im Glas entfalten konnte. Sie trank nicht oft, nur wenn ihr Gaumen besondere Lust auf einen guten Tropfen hatte, dann genehmigte sie sich ein, zwei Gläser. Im Kamin knisterte das Holz fröhlich vor sich her und strahlte bereits eine behagliche Wärme aus. Moderne Klavierstücke von Andreas Wolter erfüllten gelassen den Raum. Genau das war der eine Moment, der sie zufrieden stimmte und den sie im Herbst an der Küste so sehr liebte.
Das erste Mal seit längerer Zeit war sie im Reinen mit sich und so blickte sie dankbar auf die letzten Wochen zurück, alles hatte sich letztlich zum Guten gefügt. Sie fühlte sich wohl in ihrer Haut.
Etwas später nahm sie in gewohnter Weise ein Buch mit ins Bett, doch es gelang ihr einfach nicht, sich auf die Worte darin zu konzentrieren. Einige Gedanken, die ihr gerade noch vor dem Kamin übersichtlich erschienen waren, kreisten jetzt wild und quer in ihrem Kopf herum. Die ersten Tage im Dienst, die Recherchen, die sie wieder an ihre eigene Situation erinnerten. Ja, und schließlich die Begegnung mit Maximilian Schäfer, alias Max.
Mit dem Bild im Kopf vom Prerower Leuchtturm schlief sie nach einer Weile friedlich ein. Aber die tiefe Ruhe hielt nicht lange an, ein Traum bemächtigte sich ihres Schlafes. Wild und ungestüm breiteten sich Bilder aus:
Sie sah sich im Krankenhaus vor dem Bett einer unbekannten Frau stehen. Sie beugte sich über ihr Gesicht, um sie genauer zu betrachten. Als sie direkt über der Frau war, erkannte Lisa weit aufgerissene Augen, die ins Leere starrten. Sie war tot, das war nicht zu übersehen.
Lisa wollte laut schreien, brachte aber keinen Ton heraus. Sie wollte nur noch wegrennen, kam aber nur bis zur Tür. Dort blieb sie stehen, drehte sich noch einmal um, aber dann lief und lief sie, bis sie von starken Armen festgehalten wurde. Sie war direkt in die Arme eines Mannes, eines fremden Mannes, gelaufen.
Nein! Er war gar nicht fremd. Sie kannte ihn.
Es war Maximilian Schäfer.
Lisa wachte verschwitzt auf, doch den Traum wurde sie nicht los. Sie musste an die Frau im Krankenhaus denken, die heute von ihren Kollegen aufgesucht werden würde. Hatte der Traum etwa mit ihr zu tun? Wollte er ihr etwas sagen?
Aber was konnte ein Traum mit der Wirklichkeit zu tun haben? An Prophezeiungen glaubte sie nicht. Es war nur ein Traum, nichts weiter. Im Kommissariat wurde sie mental stark gefordert. Am nächsten Tag würde sich ihre Gefühlswelt normalisiert haben, da war sie sich sicher. Und der Mann von gestern … »Maximilian Schäfer«, sprach sie laut seinen Namen aus. Ob sie ihn wiedersehen würde? Irgendwie gefiel er ihr, obwohl sie es sich nur ungern eingestand.
Er schien nicht nur sympathisch, sondern auch klug zu sein. Ein Mann wie sie eher selten anzutreffen sind. Er sprach von einem Dienstessen in Rostock. Sie hatte keine Vorstellung davon, was sein Beruf war, aber das spielte auch keine Rolle. Er hatte schöne Augen, die sie tief und einprägsam angeblickt hatten, aber nicht zu tief, um aufdringlich zu sein. Sein Gesicht war fein gezeichnet und er sprach einwandfreies Hochdeutsch. Er könnte Lehrer sein, kam ihr in den Sinn. Aber verband ihn außer dem Job noch etwas mit Rostock? Ob er verheiratet war?
Ihre abenteuerlichen Gedanken an diesen Mann hatten den Vorteil, dass sie nicht nur vom Job abgelenkt wurde, sondern auch bald darauf erneut in einen tiefen Schlaf fiel.
Klinikum Südstadt Rostock
Olli wartete vor dem Eingang des Südstadt Krankenhauses und sah ungeduldig auf seine Uhr. Er hasste es, der Letzte zu sein, privat und erst recht, wenn es um dienstliche Belange ging. Aber noch mehr nervte ihn, wenn man ihn lange warten ließ. Auf einmal schrillte sein Telefon in der Tasche, als er aufs Display sah, erschien Lisas Nummer.
»Wo drückt dir am Morgen denn der Schuh? Bist du etwa zu früh aus dem Bett gefallen?«
»Nichts von beidem. Musste gerade an die Frau im Krankenhaus denken, die ihr gleich befragt. Hoffe, dass sie Informationen hat, die uns weiterbringen. Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass ich in Gedanken bei euch bin.«
»Aha! Das ist nett von dir. Aber sonst muss ich mir keine weiteren Gedanken machen?«
»Mensch Olli, rede keinen Blödsinn. Darf ich dich nicht mal anrufen, ohne dass du schräge Hirngespinste bekommst? Wir sehen uns nachher.«
Bevor Olli antworten konnte, hatte Lisa aufgelegt.
Was war das denn eben? Lisa hatte sehr seltsam geklungen, irgendwie müde. Olli starrte immer noch aufs Telefon, als Heilmeyer und Jens ankamen.
»Morgen miteinander. Lisa hat mich eben angerufen. Ich habe den Eindruck, sie wäre gern bei der Befragung dabei.«
»Und woher kommt dein Eindruck?«, interessierte sich Heilmeyer.
»Nur so ein Gefühl. Aber warum sonst sollte sie, noch bevor wir die geschädigte Frau befragen, anrufen und uns viel Erfolg wünschen?«
»Okay, bitte lasst ab jetzt persönliche Mutmaßungen draußen. Wir haben als Erstes einen Termin in der Unfallchirurgie mit dem behandelnden Arzt der Frau. Den Kontakt konnte ich gestern erst herstellen, weil ich ihren behandelnden Arzt nicht ans Telefon bekam. Die Befragung von Frau Stolz wollte ich aber von ihrem Arzt abgesegnet haben. Er sagte mir auch, dass sie auf Station zwei liegt.«
Der Chef wartete keine Antwort ab und lief voraus. Olli und Jens blieb nichts anderes, als ihm zu folgen.
Der Arzt wirkte bereits aus der Ferne unruhig. Er wies eine Schwester barsch ab und eilte ihnen mit hastigen Schritten entgegen.
»Viel Zeit habe ich nicht«, sagte er dann tatsächlich zur Begrüßung. »Die nächste Operation wartet auf mich. Zehn Minuten gebe ich Ihnen aber gern.«
»Das sollte genügen«, meinte Heilmeyer gelassen.
Der Arzt bat die Beamten zu sich ins Dienstzimmer und fing an zu berichten, ohne eine Frage des Hauptkommissars abzuwarten. »Also, Frau Stolz wurde übel zugerichtet. Der Täter hat sie nicht nur lebensgefährlich verletzt, sondern auch misshandelt. Dabei sind die Knochenbrüche noch das geringste Übel. Wie ich Ihnen gestern schon sagte, mussten wir die Patientin ins künstliche Koma versetzen. Dadurch konnten wir einige tiefen Wunden versorgen, ohne dass sie die Prozedur bei vollem Bewusstsein mitbekam. Aus unserer Sicht hatte sie großes Glück, die Folter überlebt zu haben. Das hat sie nur ihrem ansonsten gesunden Körper und einer robusten Konstitution zu verdanken. Ich schlage vor, Sie besprechen heute mit Frau Stolz nur allgemeine Fragen. Sie darf auf keinen Fall überfordert werden. Meinen Sie, dass eine Viertelstunde genügt?«
Der Arzt musterte Olli, dann Heilmeyer, der sogleich antwortete: »Ich denke, das reicht für das erste Gespräch.«
»Können Sie schon sagen, wie lange die Frau bei Ihnen bleibt? Oder wird sie später auf eine andere Station verlegt?«, fragte Olli.
»Das kann ich noch nicht mit Bestimmtheit sagen, aber wir halten Sie selbstverständlich auf dem Laufenden.«
»Ist es möglich, dass wir die Frau gleich in ihrem Zimmer aufsuchen?«
»Ja, sie liegt im Zimmer 34, das ist ein Einzelzimmer. Da sie ständig versorgt werden muss, hielten wir das vorerst für das Beste. Aber sobald es ihr besser geht, werden wir sie wegen des sozialen Kontakts verlegen. Das ist für ihre mentale Situation wichtig.«
Der Arzt stand als erster auf, Heilmeyer, Olli und Jens folgten ihm.
»Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Ich kann mir gut vorstellen, wie eng Ihr Dienstplan aussieht. Bei uns sieht es nicht anders aus«, meinte Heilmeyer.
»Gern. Viel lieber wäre mir natürlich, wenn es solche Fälle erst gar nicht gäbe.«
Heilmeyer nickte zustimmend und verließ mit Jens und Olli den Raum.
»Lasst uns auf der Station zwei das Zimmer 34 suchen«, meinte Heilmeyer und hielt auf eine Schwester zu, die ihnen den Weg zeigte.
»Ich schlage vor, dass nur zwei von uns die Frau aufsuchen. Ihr Zustand ist absolut desolat, wie wir eben erfahren haben, da würden wir sie mit voller Mannschaft nur erschrecken«, schlug Heilmeyer vor.
»Das sehe ich genauso und verzichte freiwillig«, meinte Jens schnell. Er holte sein iPhone aus der Tasche und zeigte darauf. »Es gibt genug zu tun. Ich warte auf euch da drüben im Wartebereich, aber vergesst bitte nicht, mich nachher abzuholen.«
»Natürlich nicht! Bis gleich.«
Olli klopfte zaghaft an die Tür, wartete aber keine Antwort ab und trat ein. Das Bett der misshandelten Frau stand direkt am Fenster, überall waren Gerätschaften an der Wand angebracht und zwei Monitore surrten monoton.
Da Frau Stolz nicht reagierte, trat Olli näher an das Bett heran. Wie es aussah, schlief sie. Er übernahm es, sie zu wecken.
»Frau Stolz?«
Frau Stolz öffnete erschrocken die Augen. Durch den Verband an ihrem Kopf wirkten sie groß und markant, wahrscheinlich größer als sie wirklich waren.
Instinktiv sprach auch Heilmeyer sie mit leiser Stimme an: »Hauptkommissar Heilmeyer, das ist mein Kollege Olaf Wilke. Wir sind froh, dass Sie das Schlimmste überstanden haben. Sind Sie in der Lage, uns einige Fragen zu beantworten? Ihre Angaben sind wichtig, um den Mann, der Ihnen das angetan hat, schnell hinter Gitter zu bringen. Er darf keiner Frau mehr so etwas antun.«
Frau Stolz nickte heftig und gab eine erstaunlich klare Antwort. »Ja, das will ich natürlich auch nicht. Ich frag mich ständig, seit mein Kopf wieder einigermaßen klar ist, wie mir so was passieren konnte.«
»Na ja, mit so viel Brutalität rechnet normalerweise kein Mensch«, bemühte Olli sich, sie zu trösten. So ein Häufchen Elend hatte er lange nicht gesehen. Die Frau tat ihm leid. »Und Vorwürfe bringe Sie jetzt auch nicht weiter.«
»Wir haben ein paar Fragen vorbereitet, die uns womöglich weiterhelfen, den Mann zu überführen.« Heilmeyer wollte wohl schnell beginnen, um die Befragung nicht unnötig in die Länge zu ziehen. »Sie sind nicht die Einzige, die misshandelt wurde. Es gibt zwei weitere Frauen. Aber, das kann Sie sicher nicht trösten«, ging Heilmeyer beschwichtigend auf die Frau ein. »Lassen Sie uns am besten gleich beginnen, damit wir Sie nicht unnötig belasten. Wo sind Sie auf den Mann gestoßen?«
Frau Stolz sah aus, als müsste sie nachdenken. »Im Internet, eine Freundin hatte mir von diesem Portal erzählt«, begann sie schwerfälliger zu reden und machte eine kurze Pause, um mühsam ein Glas vom Nachttisch zu nehmen. Erst nachdem sie etwas getrunken hatte, sprach sie weiter. »Ich hatte meiner Freundin gebeichtet, wie mau es in meiner Ehe zugeht. Nach über 25 Jahren wohl kein Wunder?«
Olli wollte den hinkenden Vergleich nicht unkommentiert stehen lassen. Er kannte es von seinen Eltern anders, die mehr als 30 Jahre verheiratet waren und deren Ehe weiterhin liebevoll und vertraut war. »Allerdings gibt es auch Ehen, wo alles stimmt, sogar noch nach vielen Jahren.«
»Das weiß ich ja«, meinte Frau Stolz kleinlaut, drehte sich um und nahm sich ein Taschentuch. »Ob Sie mir das glauben oder nicht, ich liebe meinen Mann. Er ist der großartigste Vater, den es gibt.« Die Frau machte erneut eine Pause, schluchzte laut und sprach zaghaft weiter. »Wir sprechen über vieles, aber mir fehlte dennoch etwas. Seit vielen Jahren schlafen wir wie Bruder und Schwester nebeneinander ein. Keiner meiner Küsse weckt seine Begierde. Ja und kein einziger Kuss endete mehr beim Sex. Wirklich alle meine Verführungsversuche schlugen fehl.«
Die Frau hörte wieder auf zu sprechen. Sie merkte anscheinend, dass alles, was sie sagte, einer Entschuldigung gleichkam und nach einem Fehltritt aussah. Doch plötzlich schien sie wie ausgewechselt und sprach klar weiter. »Als ich den Text des Mannes auf der Internetseite las, wusste ich: Das ist er. Wir schickten Bilder hin und her. Selbst was ich anziehen sollte, bestimmte er. Der Gedanke, dass ein Mann mich sexy fand, erregte mich. Und jetzt …«
Sie schluchzte und begann leise zu weinen. Olli reichte ihr ein Taschentuch und wartete einen Augenblick, ehe er weiter fragte. »Wo haben Sie sich getroffen?«
»Das war in der Nähe des Bahnhofs. Ich wohne in Dierkow und habe zurzeit kein Auto. Er selbst schlug das CityHotel am Bahnhof in Rostock vor. Das musste auch für ihn gut gewesen sein. Er betonte, dass er nicht aus Rostock käme.«
»Woher kam er?«
»Darüber sprachen wir nicht. Ich hatte ihn an diesem Tag erst zum zweiten Mal getroffen. Er hatte auch keinen mecklenburgischen Dialekt, im Gegenteil, ich erinnere mich an ein ziemlich gutes Hochdeutsch. Also von der Küste kam er bestimmt nicht. Sonst erkenne ich das gleich.«
»Haben Sie vorher schon mal das Seitensprungportal genutzt oder haben Sie den Mann gleich beim ersten Anlauf getroffen?« Olli wollte unbedingt wissen, ob der Mann sich die Frauen erst nach längerer Suche schnappte.
»Ich hatte einige Tage zuvor recherchiert. Eigentlich wollte ich mir die Sache noch mal überlegen. Sowas hatte ich meinem Mann zuvor nie angetan. Wie gesagt, im Internet sah der Täter gut aus und machte viele Versprechungen. Aber ich will nicht lange drum herumreden, ich hatte einfach Lust auf ein Abenteuer und wollte mich endlich wieder mal spüren.«
Heilmeyer sah Olli kurz an, der verstand es als Aufforderung, seine letzte Frage zu stellen. »Dürfen wir noch einmal vorbeikommen, falls sich weitere Fragen ergeben?«
»Natürlich. Wenn ich behilflich sein kann, dieses Monster endlich hinter Gitter zu bringen, dann gern.«
»Vielen Dank, Frau Stolz, wir wünschen Ihnen baldige Genesung und alles Gute auch privat.«
Heilmeyer stand bereits in der Tür, als Olli noch eine Frage einfiel.
»Ach ja, hat Ihr Mann Ihnen eigentlich den Seitensprung verziehen?«
Heilmeyer wirkte entsetzt und schüttelte den Kopf. Da Olli die Frage aber nicht zurücknahm, entschied er sich wohl selbst einzugreifen: »Verzeihen Sie meinem Kollegen diese indiskrete Frage, auf die Sie natürlich nicht antworten müssen.«
»Es ist sowieso alles egal«, antwortete Frau Stolz resigniert. »Nein, er ist mehr über mein Verhalten schockiert als über die Tatsache, wie der Kerl mich zugerichtet hat. Ich wünsche mir jetzt nichts sehnlicher, als dass sich unsere Beziehung wieder glättet und so wird wie früher.«
Die Beamten nickten verständnisvoll.
»Ich würde gern einen Zeichner aus unserem Kommissariat zu Ihnen schicken, der würde mit Ihnen gemeinsam ein Phantombild anfertigen. Wäre das für Sie in Ordnung?«, fragte Heilmeyer.
»Bitte nicht heute. Jetzt brauche ich Ruhe. Das Gespräch hat mich ziemlich belastet und aufgewühlt.«
»Keine Sorge. Wir haben mittlerweile eine spezielle Software, die für diese Aufgabe entwickelt wurde und dazu einen Fachmann, der ein Phantombild ziemlich rasch herstellen kann. Das dauert nicht lange.«
»Das wäre gut, bin ja hier festgenagelt, und das sicher für eine nicht absehbare Zeit. Weglaufen ist also nicht möglich.« Die Trauer war deutlich aus ihrer Stimme herauszuhören und so fiel es Olli schwer, zu antworten, aber er fand dennoch ein paar Worte. »Wir werden unseren Besuch vorher ankündigen, dann wissen Sie Bescheid und können sich auf unser Treffen einstellen.«
Die Frau schloss die Augen als Zeichen, dass sie jetzt allein sein wollte. Olli schloss die Tür beim Hinausgehen genauso zaghaft wie beim Eintritt.
Beide Männer blieben vor der Tür stehen und atmeten erst mal kräftig durch. Olli war der erste, der seine Sprache wiederfand. »Ich weiß jetzt wirklich nicht, ob ich sie bedauern soll. Irgendwie hat sie sich da selbst rein manövriert.«
»Das ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu urteilen. Wir müssen den Typen finden, der sie so zugerichtet hat. Vor allem wissen wir jetzt, dass wir im CityHotel weiter auf Spurensuche gehen sollten, und Jens bekommt auch einiges mehr zu tun. Das können wir ihm gleich persönlich sagen.«
Jens hatte es sich im Warteraum bequem gemacht, so gut es eben ging. Er war gerade im Gespräch mit einem Besucher, als Olli und Heilmeyer ankamen. »Hat ja nicht lange gedauert«, begrüßte Jens die beiden.
»Dafür haben wir dir genug Arbeit mitgebracht. Lass uns gleich losfahren. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Auf dem Weg zur Dienststelle klärte Heilmeyer Jens über die anstehenden Aufgaben auf.
»Okay, wann soll ich die Frau aufsuchen, um das Phantombild anzufertigen?«
»Warte erst mal die Befragung am Nachmittag ab. Vielleicht ist Frau Paul in der Lage, eine gute Beschreibung zu liefern, dann könntest du darauf aufbauen. Es müsste schon ein großer Zufall sein, wenn zeitgleich mehrere Männer von diesem ominösen Seitensprungportal in ein und demselben Hotel aktiv gewesen sein sollten.«
»Und so brutal zuschlugen«, ergänzte Olli.
»Wobei die dritte Frau, die direkt nach dem Vorfall die Polizei anrief, nicht solche Blessuren davongetragen haben kann.«
»Wie kommst du darauf, Jens?« Der Hauptkommissar zeigte sich erstaunt.
»Na ja, von der hat man nie wieder was gehört, keine Angaben über sich oder den Mann. Nicht mal, ob sie verletzt wurde. Ja und es gab auch keine Protokollnotiz.«
»Immerhin hat sie uns erst auf die Spur des CityHotels gebracht. Sie war es ja, die beim Anruf das Hotel nannte.«
»Nur als die Streifenpolizei ankam, war weder von der Frau noch von dem Mann etwas zu sehen. Das Personal an der Rezeption hielt sich genauso bedeckt. Damit hatte sich für alle die Sache erledigt«, fügte Olli entrüstet hinzu.
Heilmeyer nickte. »Da habt ihr recht. Wir müssen herausbekommen, was wirklich passiert ist. Diese Frau sollten wir schnellstmöglich finden. Fakt ist, dass der brutale Typ mit Beweisen festgenagelt werden muss, bevor er erneut zuschlägt. Was offensichtlich im wahrsten Sinne des Wortes zutrifft.«
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