Читать книгу: «Gehirnstation»
Marie Louise Fischer
Gehirnstation
Roman
SAGA Egmont
Gehirnstation
Gehirnstation
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1968 by Bertelsmann Verlag, Germany
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711718810
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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1
Oberarzt Dr. Carl Westhaus trat lautlos ins Zimmer. Angelika schlief tief, fest, mit leicht geöffnetem Mund. Ein rundes, gelöstes Kindergesichtchen, warm vom Schlaf, mit verwuschelten, dunklen Haaren. Die Hände mit den halbgeschlossenen Fäusten auf dem Kopfkissen — wie ein Baby.
Angelika sollte noch an diesem Vormittag operiert werden. Der Oberarzt beugte sich über sie und schob das linke Augenlid sachte zurück. Die Kleine rührte sich nicht. Das Schlafmittel, das man ihr schon am gestrigen Abend gegeben hatte, wirkte immer noch. Sie würde nichts davon merken, wenn man sie in den Operationssaal bringt. Sie ahnte nicht einmal, was ihr bevorstand.
Lange blickte Dr. Westhaus auf Angelika. Selber so ein kleines Mädchen haben … ein Kind, das ihm allein gehörte, sein Kind … oder vielleicht einen Jungen … frech, ein bißchen vorlaut … Er, Carl Westhaus, könnte ihm zeigen, wie man auf die Bäume klettert oder mit einem Bogen schießt….. er müßte sich natürlich beeilen … immerhin, mit seinen achtunddreißig Jahren …
Dann dachte er unvermittelt: Hoffentlich klappt bei Angelikas Operation alles!
Die aufgehende Tür riß Dr. Carl Westhaus aus seinen Gedanken. Er richtete sich auf und drehte sich um.
Schwester Sigrid, die Stationsschwester, die hübsche blonde Sigrid mit den braunen Augen, der ihre weiße Arbeitstracht wie ein Modellkleid stand, trat ein. Frisch, adrett wie immer, ein Lichtblick in diesem Haus der kranken Menschen.
Das war es ja auch gewesen, was ihn damals an ihr so angezogen hatte.
Dennoch dachte er jetzt: Ausgerechnet…
»Carl!« Ihre Augen leuchteten freudig auf. Sie zog die Tür rasch hinter sich zu.
Dr. Westhaus legte den Finger auf die Lippen, obwohl er wußte, kein Lärm der Welt hätte Angelika aufwecken können. Sigrids Begrüßung bereitete ihm Unbehagen. Es war ihm nicht recht, daß er ihr hier begegnete. Er wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen.
»Wie hat die Kleine die Nacht verbracht?« fragte er.
»Gut«, sagte Sigrid schnell. »Hör mal, Carl, ich muß unbedingt mit dir sprechen.«
»Aber doch nicht jetzt!«
»Wann denn? Wann sonst?« Ihre Stimme bekam einen unangenehmen Beiklang, wie immer, wenn sie erregt war. »Du hast ja nie Zeit für mich. Nie mehr. Früher …«
»Schrei nicht so!«
»Das ist alles, was du sagen kannst: Schrei nicht so!« Sie trat zu ihm hin, faßte ihn an den Kittelaufschlägen, ihre Augen baten. »Bitte, Carl — was ist nur los mit dir? Ich — ich habe heute abend frei. Könnten wir nicht … Kann ich nicht zu dir kommen?«
Langsam, mit Nachdruck, löste er ihre Hände. Er sah über sie hinweg, hatte ein schlechtes Gewissen, er wußte, daß er ihr weh tat, daß er im Unrecht war. Und dennoch sagte er:
»Nein. Es geht nicht. Ich bin mit eine paar Kollegen verabredet.«
Er log. Es stimmte nicht, was er sagte — und er schämte sich seiner Lüge. Doch wie hätte er ihr sagen können, daß ihn nichts mehr an sie band als die Erinnerung an eine Leidenschaft, die in sich zusammengefallen war, wie ausgebranntes Feuer … Sie war ihm gleichgültig, sie war ihm in den letzten Wochen immer fremder geworden, obwohl er sich gegen dieses Gefühl gewehrt hatte. Er hatte ihr nichts mehr zu sagen, und als er ihr jetzt gegenüberstand, fragte er sich verwundert, ob es wirklich einmal eine Zeit gegeben hatte, in der er glücklich war in ihren Umarmungen, in der er ihr zärtliche Torheiten zugeflüstert hatte und ihr seine Liebe beteuerte, drängend, hungrig nach ihrer Liebe und Hingabe.
Sie trat zwei Schritte zurück. Ihre Augen wurden böse.
»Kollegen —!« sagte sie spöttisch. »Sag doch lieber gleich — Skat klopfen!«
»Genau. Skat klopfen.«
»Früher —«, begann sie wieder, doch er hob beschwörend die Hände.
»Um Himmels willen — du hast eine seltene Begabung, ein Gespräch zur unrechten Zeit am unrechten Ort anzufangen. Ich muß mich jetzt vorbereiten. Der Professor ist sicher schon hier, und wir wollten Angelika um neun operieren.« Er trat an sie heran, hob mit der Hand ihr Gesicht hoch, und seine Stimme wurde weicher, begütigend. Er wollte Zeit gewinnen, in der Hoffnung, daß sich alles von selbst lösen würde. Und einmal auch mit ihr sprechen, versuchen, ihr alles zu erklären, wenigstens versuchen, obwohl er keine Hoffnung hatte, sie würde es verstehen. »Wir wollen uns in den nächsten Tagen einmal aussprechen. Bestimmt. Du kommst zu mir, und wir wollen in aller Ruhe … sei bitte nicht so ungeduldig. Ich muß jetzt gehen. Es wird vielleicht nicht einfach sein mit der Kleinen.« Er blickte kurz zu Angelika hinüber, die im Schlaf den Daumen in den Mund gesteckt hatte.
»Du brauchst dich gar nicht vorzubereiten.« In Sigrids Stimme schwang leise Schadenfreude mit. »Es wird nicht operiert.«
Dr. Westhaus starrte sie an. »Aber wieso denn? Was ist los?«
»Abgeblasen. Vor einer halben Stunde.«
»Warum, um Himmels willen?«
Schwester Sigrid zuckte mit den Schultern. »Soviel ich weiß, ist der Alte plötzlich abberufen worden. Jedenfalls hat es geheißen, Angelika wird operiert, wenn er zurückkommt.«
»Wo muß er denn hin?«
Sigrid zuckte mit den Schultern.
»Aber — das ist doch kein Grund«, sagte Dr. Westhaus. »Ich selber könnte …«
»Natürlich kannst du das genausogut wie der Professor. Aber er will das nicht. Er läßt keinen anderen ran. Er ist ein bißchen komisch geworden in der letzten Zeit. Vielleicht hat er Angst, du könntest ihm die Privatpatienten abspenstig machen. Alles schon dagewesen.«
»Unsinn! An so was denkt der Alte nicht mal im Schlaf. Ist er noch im Hause?«
»Weiß ich nicht.« Und wieder versuchte sie: »Könntest du deine Freunde heute abend nicht mal versetzen, Carl? Ich wäre so furchtbar glücklich …«
Sie verstummte, als sie in seine Augen sah. Sein Blick war abwesend, nachdenklich, er sah sie gar nicht mehr, und sicher hatte er auch nicht gehört, was sie gesagt hatte. Heiße Bitterkeit stieg in ihr hoch, verschloß ihr den Mund, ließ ihr Gesicht brennen. Wie konnte er sich nur so verändert haben. Was war nur los mit ihm? Hatte er sie — satt? Wie konnte das ausgerechnet ihr passieren? Warum hatte sie sich so besinnungslos verliebt, obwohl sie früher immer einen klaren Kopf behalten hatte. Vielleicht war es das, vielleicht hatte er sie deswegen über? Nein, er war nicht der erste, doch hatte sie früher stets nach ihrem eigenen Willen gehandelt. Es gab genug junge — und ältere Ärzte, die ihr für einen Blick, für eine kleine Zärtlichkeit das Blaue vom Himmel versprachen. Sie konnte ihre Gunst demjenigen geben, den sie sich selbst aussuchte. Und nun — das!
Zorn, Scham, Wut über sich selbst ließen ihre Hände zittern. Sie wandte sich ab, damit er ihr Gesicht nicht sah. Er war ihr aber schon zuvorgekommen. Überdeutlich hörte sie Carls Schritte zur Tür, hörte sie die Tür aufgehen und dann wieder zuklappen.
Sie war allein.
Zwischen ihren Fingern liefen Tränen und hinterließen nasse Spuren auf den Handrücken. Sie mußte etwas tun, irgend etwas. Sie wußte nicht was, aber alles war besser, als dieses langsame Sichentfremden, als zuzusehen, wie er ihr langsam entglitt, immer mehr, sie mußte etwas unternehmen, schnell, sie mußte sich beeilen, damit es nicht zu spät wurde.
Oberarzt Dr. Westhaus stürmte in das Vorzimmer des Chefarztes Professor Hornstein.
»Morgen —!« grüßte er die Sekretärin, die noch nicht richtig wach hinter ihrem Schreibtisch saß und Karteikarten sortierte. »Ich muß mit dem Alten sprechen. Sofort!«
»Na, na, nur mit der Ruhe!« Die Sekretärin, Fräulein Laberger oder »Labergerin«, wie man sie nannte, sah den Oberarzt über ihre runde Brille mißmutig an. Sie konnte es sich erlauben, seit etwa dreißig Jahren saß sie bereits an diesem Schreibtisch, hatte im Laufe der Zeit recht diktatorische Eigenschaften entwickelt, und es war ein offenes Geheimnis, daß selbst der Chef sie nur mit Samthandschuhen anzufassen wagte. Doch genausogut wußte man auch, daß sie bereit war, nächtelang für »ihre« Klinik zu arbeiten, die zum einzigen Inhalt ihres Lebens geworden war.
»Er ist doch hier?« fragte der Oberarzt.
»Der Herr Professor muß gleich wieder fort«, sagte die Labergerin.
»Wohin?«
»Nach Helsinki.«
»Helsinki? Und — was ist mit Angelika?«
»Sie können ihn ja selbst fragen. Er wollte Sie sowieso sprechen. Gehen Sie nur rein.«
Das Chefzimmer war spartanisch eingerichtet. Ein alter, großer Schreibtisch, ein paar unansehnliche Sessel, ein abgetretener Teppich, ein abgewetztes Ledersofa und ein riesiger Bücherschrank, der eine ganze Wand einnahm, waren die einzigen Einrichtungsgegenstände.
Professor Hornstein hatte um diesen Raum viele Kämpfe mit seiner Frau Iris ausgefochten. Iris Hornstein vertrat die Ansicht, daß ein vornehm eingerichtetes, sehr modernes Arbeitszimmer den Patienten weit mehr imponieren würde. Aber in dem einen Punkt war Professor Hornstein nicht von seiner Meinung abzubringen: »Die Patienten kommen nicht zu mir, um mich in Glanz und Schönheit zu bewundern, sondern weil sie kuriert werden wollen. Wenn ich das nicht mehr schaffe, dann nützt auch das feudalste Chefzimmer nichts.«
Der Professor ging nervös auf und ab, als der Oberarzt eintrat.
»Gut, daß Sie gekommen sind, Westhaus«, begann er ohne Einleitung. »Muß dringend weg. Zwei, drei Tage. Vielleicht vier. Meine Maschine fliegt in zwei Stunden. In der Zwischenzeit schmeißen Sie den Laden hier. Rissanen in Helsinki braucht mich, habe gestern abend mit ihm telefoniert. Sie erinnern sich an ihn?« Er sprach abgehackt, stieß die Worte und die Sätze aus, als hätte er es sehr eilig und als wäre er außerdem nicht ganz bei der Sache.
Dr. Westhaus nickte. Wie merkwürdig der Professor geworden war. Er hätte nicht sagen können, was an dem »Alten« so anders war als früher. Es schien, als jage er plötzlich einem nur ihm bekannten Ziel entgegen, alles andere außer acht lassend, ungeduldig, unwirsch, unberechenbar …
»Es handelt sich um Nobelpreisträger Kueinen. Ein großes Tier in Helsinki — und überhaupt. Ganz dringend, sagt Rissanen, und auf sein Urteil kann man sich verlassen.« Verständliche Genugtuung schwang jetzt in seinen Worten mit. Und Dr. Westhaus konnte es verstehen: Auch er wäre stolz gewesen, hätte man ihn ans Krankenbett eines Mannes wie Kueinen gerufen.
»Ein Tumor«, sagte der Professor. »Sitzt im Stirnhirn. Rissanen meint …« Der Professor beendete den Satz nicht. Mitten im Zimmer blieb er stehen, sah einige Sekunden vor sich hin auf den Boden, drehte sich dann abrupt um, sah Dr. Westhaus an — und es schien, als würde er erst jetzt seine Anwesenheit richtig bemerken. »Also — passen Sie auf, Westhaus. Mit dem alten Schreiber auf Zimmer zwölf bin ich nicht ganz zufrieden. Es wird am besten sein, wir machen noch eine Röntgenaufnahme, damit wir’s ganz genau wissen, bevor wir seinen Schädel aufmachen. Wenn ich zurück bin, müssen wir etwas ausklügeln, bei ihm werden wir mit den alten Methoden kaum etwas erreichen. Weiter: Die kleine Frau auf Zimmer fünfundzwanzig kann nach Hause gehen — ich meine die nette, hübsche, die so gerne lacht.«
Es folgte eine Reihe von Routineanweisungen, klar, präzise, wie in den alten Tagen. Westhaus atmete auf. Hoffentlich konnte er den Chef bewegen, seine Reise um einige Stunden zu verschieben. So sagte er, als der Professor fertig war:
»Eine Sache liegt mir besonders am Herzen, Herr Professor.«
»Ja?«
»Die kleine Angelika.«
»Wird nach meiner Rückkehr operiert.« Die Stimme des Professors klang wieder barsch, endgültig. Er nahm seine ruhelose Wanderung durch das Zimmer von neuem auf, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den mächtigen, ausdrucksvollen Kopf mit dem eisgrauen, kurz geschnittenen Haar gesenkt.
Aber Westhaus ließ nicht nach.
Er hatte sich stets bemüht, dem Grundsatz gerecht zu werden, alle Patienten völlig gleich zu behandeln. Angelika war keine Ausnahme. Und dennoch geschah es hin und wieder, daß ihm ein Patient besonders am Herzen lag; Sympathie, Zuneigung, besondere Anteilnahme verstärkten noch die Fäden, die ihn an »seine« Kranken banden. Jedem Arzt geht es so.
Angelika war ein fünfjähriges, aufgewecktes, hübsches und zierliches Mädchen mit schwarzen Kulleraugen, die ungemein ausdrucksvoll blicken konnten. Seit dem ersten Tage ihres Aufenthaltes in der Klinik hatte sie alle Herzen erobert, und besonders stark hatte sie sich an ihn, den Oberarzt, angeschlossen. Immer wenn er in ihr Zimmer kam, empfing sie ihn mit vor Freude glänzenden Augen, schwatzte, lachte, fragte ihn aus.
Ihre Eltern hatten nur widerwillig die Einwilligung zu dem Eingriff gegeben, von dessen Notwendigkeit sie nach wie vor nicht überzeugt waren. Sie konnten und wollten einfach nicht glauben, daß dieses lebhafte, scheinbar kerngesunde Kind in ständiger Lebensgefahr schwebte.
Vor einigen Monaten war Angelika aus dem Fenster des elterlichen Hauses gestürzt — aus dem ersten Stock. Schädelbruch. Schon nach einigen Wochen schien sie ganz geheilt. Bis plötzlich Krampfanfälle auftraten, die große Ähnlichkeit mit epileptischen Anfällen hatten. Angelika fiel unvermittelt zu Boden, verlor das Bewußtsein, verdrehte die Augen, biß sich die Lippen und die Zunge blutig. Wenn sie aufwachte, wußte sie nicht, was mit ihr geschehen war, und sie war munter wie zuvor.
Der Hausarzt wies sie in die neuro-chirurgische Klinik von Professor Hornstein ein. Die Diagnose stand bald fest: Ein Knochenstück mußte sich bei dem Sturz aus dem Fenster gelöst haben und drückte jetzt auf das Gehirn. Davon die Anfälle. Helfen konnte nur eine Operation.
Er selbst, Oberarzt Dr. Westhaus, hatte diese Diagnose gestellt. Aber wie sehr er auch von der Dringlichkeit einer baldigen Operation überzeugt war, konnte er andererseits Angelikas Eltern verstehen. Wie die meisten Menschen, waren sie von einer fast abergläubischen Furcht vor einer Schädeloperation besessen, gegen die Vernunftgründe nichts auszurichten vermochten.
Professor Hornstein hatte ihm das einmal erklärt. »Beobachten Sie Menschen, die sich in Gefahr befinden. Jeder greift sich an den Kopf oder bedeckt ihn mit den Händen, um ihn zu schützen — selbst wenn diese Geste völlig nutzlos ist. Einmal habe ich bei einem Bombenangriff einen Mann gesehen, der mit einer Zeitung auf dem Kopf durch die Straßen lief. Das Papier schien ihm besser als nichts. Und dann kommen wir und sagen: Wir müssen deinen Kopf aufmeißeln, es hilft nichts, sonst gehen die Schmerzen nicht weg — die Schmerzen, durch die sein Kopf nur noch empfindlicher, seine Furcht größer geworden ist. Es gehört schon eine Menge Mut dazu, sich auf den Operationstisch zu legen, und vielleicht noch mehr, zu sagen: Operieren Sie dieses Kind, das mir alles bedeutet. Sie wissen ja, wie der gute Mann in seine Kleine vernarrt ist.«
Dieses Gespräch mit Professor Hornstein griff Dr. Westhaus jetzt auf: »Könnten Sie Ihre Reise nicht um einige Stunden aufschieben, Herr Professor?« Und er sprach schnell weiter, als Hornstein mit einem Ruck stehen blieb und ihn von der Seite her ansah. »Das Kind hat bereits Schlafmittel bekommen, es ist alles bereit. Und das Wichtigste — die Eltern rechnen fest damit, daß heute die Operation stattfindet. Wenn wir die Sache verschieben …. Morgen schon können sie ihre Einwilligung zurückziehen … ich habe das so im Gefühl … und dann kann sie keine Macht der Welt mehr dazu bewegen, ihre Zustimmung noch einmal zu geben. Und — das wäre für die Kleine ein Todesurteil. Wir wissen es.«
»Und Sie meinen also, es sei meine Pflicht, die Reise aufzuschieben, ja?« Die Stimme des Professors war gefährlich leise.
»Es handelt sich ja nur um eine Stunde, Herr Professor!«
»Nein. Um einen ganzen Tag. Die nächste Maschine fliegt erst morgen. Aber — vielleicht können Sie die Flugpläne der Gesellschaft ändern. Können Sie das?«
»Aber Herr Professor —!« Dr. Westhaus sah seinen Chefarzt verwundert an.
»Sie unterstellen mir, daß ich nicht abwägen kann«, sprach der Professor mit erhobener Stimme weiter, »welcher Fall dringlicher ist: dieser oder jener. Sie sind der Meinung, daß mit meiner Urteilsfähigkeit nicht mehr alles stimmt, nicht wahr? Sie wollen mir Vorschriften machen, was ich zu tun und was ich zu lassen habe. Hier in meinem eigenen Haus!« Das schrie er laut, sein Gesicht war hochrot.
Dr. Westhaus sah ihn erschrocken an, unfähig, ein Wort der Erwiderung zu finden.
»Ich weigere mich, da mitzumachen!« schrie der Professor. »Ich weigere mich, diesen neuen Ton zu akzeptieren, der seit einiger Zeit in meiner Klinik herrscht. Ich weigere mich, von Ihnen Verhaltensmaßregeln entgegenzunehmen, Herr Oberarzt!« Seine Stimme kippte um, er stieß beide Hände empor, als müßte er einen unsichtbaren Gegner abwehren, seine Lippen zitterten. »Ich werde — werde — stammelte er, und Dr. Westhaus sah, wie sich sein Körper anspannte in der Anstrengung, sich selbst wieder in Gewalt zu bekommen. Als er schließlich weitersprach, klang seine Stimme fast normal, wenn auch ungewohnt scharf: »Ich fliege nach Helsinki. Die Kleine wird operiert, wenn ich zurückkomme. Sonst noch was, Herr — Oberarzt?«
»Nein«, sagte Dr. Westhaus. »Nichts mehr.«
»Es gibt Tage, an denen von Anfang an alles schiefgeht«, sinnierte etwas später der Oberarzt niedergeschlagen, als er der jungen Ärztin Dr. Eva Hochhoff auf dem langen Gang begegnete. Er wüßte, daß es eigentlich verkehrt war, seine Sorgen und Nöte vor einer Kollegin auszubreiten, die auf der niedrigsten Sprosse der ärztlichen Laufbahn stand — das jedenfalls war ihm immer gepredigt worden, und das hatte er in den langen, schweren Jahren seines eigenen Aufstiegs immer wieder erfahren müssen.
Nun, Oberarzt Dr. Westhaus war der Meinung, daß diese hierarchische Ordnung der Vergangenheit angehörte. Eine Ansicht, die Dr. Eva Hochhoff mit ihm teilte.
Die junge Ärztin war eine entfernte Verwandte von Professor Hornstein. Nach ihrem Praktikum war sie sofort in diese Klinik gekommen und wohnte in der Hornsteinschen Villa. Sie hatte kastanienbraunes Haar, ein eigenwilliges, interessantes Gesicht, weit auseinanderstehende, etwas schräggeschnittene grüne Augen und einen vollen Mund mit aufwärts gebogenen, lachbereiten Mundwinkeln. An ihrer Figur konnten selbst zynische Kollegen nichts aussetzen.
»Was war denn eigentlich los?« fragte sie Westhaus.
»Wenn ich das nur wüßte!« Der Oberarzt zuckte mit den Schultern. »Der Aufwand — auch der Stimmaufwand — stand in keinem Verhältnis zu der Ursache. Himmel, hat er mich angebrüllt! Und ich weiß nicht einmal, warum. So kenne ich ihn gar nicht. Früher —«
»Stimmt. Er hat sich unheimlich verändert«, sagte Eva Hochhoff. »Allein in der kurzen Zeit, seit ich hier bin. Ich werde nicht klug aus ihm.«
»Er hat mir da Sachen unterstellt…« Der Oberarzt winkte ab, als wollte er nicht mehr über dieses unerquickliche Thema sprechen. »Wahrscheinlich ist er überarbeitet.«
»Glauben Sie?« Eva sah nachdenklich durch das Fenster in den Klinikgarten. »Ich weiß nicht, ob man das damit erklären kann. Ich kenne ihn schon lange — seit ich mich erinnern kann. Mein Bruder und ich kamen früher immer auf Ferien hierher in sein Haus. Und ich habe eher das Empfinden, irgend etwas bedrückt ihn. Als würde er etwas mit sich schleppen, womit er nicht fertig wird.«
»Und ich weiß nicht, wie ich mit Angelikas Eltern fertig werde«, sagte der Oberarzt nachdenklich. »Sie warten unten. Ich habe das Gefühl, daß sie sich über den Aufschub der Operation sehr freuen werden. So sehr, daß sie ihre Einwilligung zurückziehen. Einmal konnten wir sie überrumpeln. Ein zweites Mal wird das nicht mehr gehen.«
»Aber das ist doch —«
»Sie können dazu alles sagen. Unverantwortlich, blind, dumm … was weiß ich. Aber wissen wir, wie es in dem Herzen einer Mutter, eines Vaters aussieht, deren Kind … Hoffentlich kann ich sie überzeugen, hoffentlich!«
Doch als der Oberarzt unten im Warteraum Angelikas Eltern gegenüberstand, wußte er, daß sich seine Befürchtungen bewahrheiten würden, hätte er ihnen gesagt, daß die Operation aufgeschoben worden sei.
»Haben Sie — ist Angelika schon —«, begann Angelikas Vater, ohne den Gruß des Oberarztes zu erwidern, als dieser in das Wartezimmer trat. Herr Bergner, ein Bäcker, war ein großer, schwerer Mann, seine Hände schlossen und öffneten sich immer wieder.
»Nein — noch nicht«, sagte Dr. Westhaus.
»Herr Doktor —«, begann Frau Bergner, und in ihren Augen stand stumme Verzweiflung. Aber ihr Mann unterbrach sie.
»Wir hätten es nicht zulassen dürfen!« sagte er. »Nein. Nie hätten wir … diese kleinen Anfälle … sie war ein gesundes Kind, lustig … bestimmt wäre es von selbst besser geworden … ich kenne einen Heilpraktiker …«
»Nein«, sagte Dr. Westhaus hart. »Es wäre nicht von allein besser geworden. Und kein Heilpraktiker der Welt könnte hier helfen.«
Doch Bergner hörte ihm gar nicht zu. Im wirren Knäuel seiner Gedanken, Ängste, Befürchtungen, Selbstvorwürfe eingefangen, voller Vorurteile, spann er seinen Faden weiter, das Bild seiner Kleinen vor den Augen, wie sie auf dem Operationstisch lag, umgeben von schrecklichen, blitzenden Instrumenten, wehrlos ausgeliefert. »Niemals«, sagte er, »hätten wir zulassen dürfen, daß Sie ihr das Köpfchen … mein Gott, wenn ich daran denke …!«
»Sie brauchen keine Angst zu haben«, sagte Dr. Westhaus eindringlich. Daß die Operation aufgeschoben worden war, verschwieg er. Er hätte es jetzt sagen müssen. Aber irgend etwas verschloß ihm den Mund ….
Angelikas Vater beugte sich vor. »Bitte, Herr Doktor«, flüsterte er heiser, »bitte, geben Sie acht, wenn die Kleine operiert wird, bitte! Sie ist unser … Angelika ist… bitte…!«
»Ja, ich verspreche es ihnen«, sagte Dr. Westhaus. Er drehte sich um und ging hinaus. Was er eben unterlassen hatte, konnte ihn seine Laufbahn kosten, und was er zu tun im Begriff war, erst recht. Er wußte es und hatte Angst. Aber blieb ihm eine andere Entscheidung? Ihm nicht…
Oben suchte er Olga, die Operationsschwester, auf.
»Bereiten Sie alles vor für den Eingriff an Angelika«, sagte er, und seiner Stimme war nicht anzumerken, wie schwer ihm diese Worte fielen.
»Aber — ich dachte, daß …« Die OP-Schwester sah ihn überrascht an.
»Es ist gleichgültig, was Sie gedacht haben!« fuhr der Oberarzt sie an. »Klar?«
»Ja, Herr Oberarzt…«
Eine Stunde später.
Alles war zur Operation bereit.
Dr. Eva Hochhoff hatte als Narkoseärztin Angelika eine Dauertropfinfusion angelegt. So konnten dem Kind während des Eingriffes selbst noch zusätzliche etwa notwendig werdende Medikamente direkt zugeführt werden.
Anschließend hatte sie Angelika eine kleine Dosis Curare eingespritzt, um eine vorübergehende, völlige Erschlaffung der gesamten Muskulatur zu bewirken. Nur so war es möglich, den Trachealkatheter einzuführen. Mit Hilfe des Laryngoskops sah sie genau den Eingang zur Luftröhre, schob den Trachealkatheter durch die erschlafften Stimmbänder sehr vorsichtig vor und preßte ihn dann von außen her mit Hilfe eines aufblasbaren Gummiballes so gegen die Wände der Luftröhre, daß ein Verschieben oder Verrutschen unmöglich war. Das andere Ende des Katheters verband sie außerhalb des Mundes über ein Ventil mit dem gasführenden Schlauch des Narkoseapperates.
»Fertig!«
Angelika, die im Vorraum bereits ausgezogen worden war, lag mit weißen Tüchern bedeckt auf dem Operationstisch. Ihr sorgfältig rasiertes Köpfchen wirkte winzig klein. Ihre Atmung setzte nicht eine Sekunde aus. Die Ärztin konnte sich den Druck auf den Atembeutel sparen. Die Mischung als Lachgas und Sauerstoff drang in die Lunge der kleinen Patientin und hielt sie in tiefem Schlaf umfangen, der keine Schmerzen kannte.
Eva Hochhoff war zufrieden. Jetzt blieb ihr nur noch übrig, die Sauerstoff- und Lachgaszufuhr dauernd zu überprüfen und Angelikas Körperfunktionen zu überwachen. Puls und Blutdruck waren in Ordnung — und blieben es hoffentlich während der ganzen Operation.
Während Eva auf das Gesichtchen des schlafenden Kindes niedersah, dachte sie an das kurze Gespräch mit dem Oberarzt, als er ihr gesagt hatte, er hätte sich doch entschlossen, Angelika zu operieren — gegen den Willen des Professors.
»Die Eltern hätten ihre Einwilligung nicht ein zweites Mal gegeben«, hatte er gesagt. »Ich weiß es genau. Und dann gnade Gott der Kleinen.«
»Sind Sie sich über die Folgen im klaren, Herr Oberarzt?« hatte sie, Eva, daraufhin gefragt.
Er hatte sie lange angesehen, bleich und grübelnd, so wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Schließlich hatte er langsam gesagt, Worte, die sie immer im Gedächtnis behalten würde:
»Irgendwann einmal wird jeder vor eine Entscheidung gestellt. Und dann muß man das tun, was man selbst für richtig hält, auch wenn die Konsequenzen schwer zu tragen sind. Schließlich muß ich ja noch ein ganzes Leben lang mit mir selbst auskommen …«
Olga, die Operationsschwester, überprüfte noch einmal Angelikas Lage. Das Kind durfte während der Operation keinerlei Druck ausgesetzt sein. Das Köpfchen lag locker in der Kopfstütze.
»Ein hübsches Kind«, sagte die Operationsschwester leise, während sie die Kopfhaut der Kleinen noch einmal mit Jod anstrich. Ihr strenges Gesicht war seltsam weich, ihr Mund lächelte. So war es immer gewesen, wenn ein Kind auf dem Operationstisch lag. Sie beugte sich tief über das Gesichtchen und machte mit dem Daumen das Zeichen des Kreuzes über die Stirn. »Gott behüte dich —!« flüsterte sie, »dich und — ihn.« Dann richtete sie sich wieder auf und war wieder so wie stets: Nüchtern, streng und sachlich, eine Operationsschwester, die jeden Handgriff im Schlaf beherrschte und ihn mit der Präzision einer Maschine ausführte.
»Fertig!«
Jetzt kam Oberarzt Dr. Carl Westhaus aus dem Waschraum, gefolgt von seinem Assistenten Dr. Fröhlich. Sein Gesicht war bleich, ruhig, gesammelt. Er lächelte Dr. Eva Hochhoff kurz zu, ließ sich dann auf dem verstellbaren Drehstuhl hinter dem Kinderkopf nieder. Rechts neben ihm stand Schwester Olga, links Dr. Fröhlich, im Hintergrund Schwester Gerda, bereit, auf den leisesten Wink zu Hilfe zu kommen.
Der Oberarzt sah Dr. Eva Hochhoff und Schwester Olga fragend an. Sie nickten.
»Also —!«
Bedachtsam führte er den ersten, halbkreisförmigen Schnitt über die Kopfhaut des Kindes, schlug den Hautlappen zurück.
Die große Wunde blutete kaum. Dr. Fröhlich betätigte den Sauger. Das Gefäß wurde sichtbar. Dr. Westhaus ergriff es mit den Klemmen.
»Strom!«
Der Assistent legte die Diathermienadel an, trat auf das Kontaktpedal. In wenigen Sekunden war die Blutung gestillt, das Gefäßende verschmort.
Der Schädelknochen lag frei. Die Spuren des überstandenen Fenstersturzes waren deutlich erkennbar. Dr. Westhaus ergriff den elektrischen Bohrer und legte nacheinander mehrere Bohrlöcher in einem Viereck an.
Dann reichte ihm die OP-Schwester die feine Gigli-Säge. Mit der Hand sägte Dr. Westhaus von Bohrloch zu Bohrloch die Knochendecke durch.
»Gerda!«
Schwester Gerda sprang hinzu und wischte dem Oberarzt mit einem sterilen Tuch den Schweiß von der Stirn.
Dr. Westhaus hob das herausgesägte Knochenstück vorsichtig ab, reichte es Schwester Olga. Die OP-Schwester legte es sofort in die bereitgehaltene physiologische Kochsalzlösung.
Die Hirnhaut lag frei.
Im kleinen, mit altertümlichen Sesseln und Tischchen vollgestopften Warteraum der Klinik lief der Bäcker Bergner unruhig auf und ab, blieb vor dem Fenster stehen, trommelte mit den Fingern auf die Fensterscheibe, nahm seine Wanderung wieder auf. Auf seinem runden, geröteten Gesicht standen Schweißperlen.
Was machen sie jetzt mit ihr, fragte er sich immer wieder, was machten sie mit Angelika, seiner Kleinen …
»Setz dich endlich hin!« sagte seine Frau nervös. »Du machst einen ja ganz verrückt, mit deiner Hinundherlauferei!« Sie selbst saß auf der Kante eines hohen, unbequemen Stuhls, die Handtasche auf den Knien, den Oberkörper steif aufgerichtet.
Aber Bergner kümmerte sich nicht um sie. Er hörte nicht einmal, was sie sagte. Seine Kehle war vor Angst wie zugeschnürt. Es gab kein Entrinnen vor dieser Angst, er konnte nichts tun, gar nichts. Angelika …
Die Kleine war ihr einziges Kind. Sie kam nach langen, langen Jahren vergeblichen Wartens zur Welt, als sie, Anni und er, schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, je ein Kind zu bekommen. Und sie würde ihr einziges Kind bleiben, die Kleine mit den großen Kulleraugen, sein quecksilbriges Mädchen, das jeden Morgen noch vor dem Frühstück zu ihm in die Backstube kam, um ihm zu helfen, wie sie sagte, backe, backe Kuchen, der Papi hat gerufen …
Gequält preßte er die Fäuste auf die Schläfen. »Wir hätten es nicht zulassen sollen!« sagte er heiser. »Die Anfälle waren nicht das Schlimmste. Jetzt, das ist …«
»Vielleicht könnten wir es noch … vielleicht ist es noch nicht so weit …«, sagte Frau Bergner. Ihre Lippen zitterten. Ihre Augen verfolgten unablässig den auf und ab gehenden Mann.
Er hat Angst um das Kind, dachte sie, seine Angst ist nicht kleiner als meine, Gott im Himmel, warum nur mußte ich damals aus dem Zimmer gehen! Ich war nur ein paar Sekunden draußen, die Tür war offengeblieben, und unten haben die Nachbarskinder nach Angelika gerufen … sie kletterte auf den Stuhl und beugte sich aus dem Fenster, und dann fiel sie, und unten schrien die Kinder auf, und die Leute liefen zusammen, und einer ging in den Laden und rief: »Herr Bergner — Herr Bergner, Ihre Kleine ist aus dem Fenster gefallen, schnell!«
Aber er hat mir nie ein böses Wort gesagt, dachte sie. Er ist ein guter Mann, du hättest keinen besseren bekommen können. Damals hat er mich nur angesehen, mein Gott, wie er mich angesehen hat, als er die Kleine die Treppe rauftrug, ich werde diesen Blick nie im Leben vergessen.
»Der Herr Professor hat gemeint, daß es eine ganz einfache Operation werden wird«, sagte sie leise, als wollte sie sich selbst und ihm Mut geben. »Er ist ein geschickter Mann, man hört es immer wieder. Und er operiert ja selber, er hat schon sehr viele berühmte Menschen operiert, wir müssen ihm vertrauen.«
Dr. Westhaus atmete auf, als er die Diagnose bestätigt sah: Ein etwa zwei Zentimeter langer, von der Schädeldecke gelöster Splitter hatte auf die Dura, die Gehirnhaut, gedrückt.
Er entfernte den Knochensplitter sehr behutsam, während der Assistent die offenliegende Dura unentwegt spülte. Dann untersuchte er die Gehirnhaut, Zentimeter um Zentimeter. Sie zeigte eine deutliche Druckstelle, war aber sonst unverletzt.
Dr. Westhaus warf einen fragenden Blick hinüber zu Eva.
Ihre Augen lächelten befreit über der Gesichtsmaske. »Alles in Ordnung.«
Dr. Westhaus fügte das herausgesägte Knochenstück wieder ein, klammerte es fest und schlug die Hautlappen darüber.
Dann erst fiel ihm ein, daß dies die Arbeit des Assistenten war. So stand er auf und nickte Dr. Fröhlich zu: »Jetzt sind Sie dran.« Er wäre zwar gerne bis zu Ende dageblieben — doch hätte Dr. Fröhlich, der ein fähiger und geschickter Mann war und das Zeug zu einem ausgezeichneten Chirurgen hatte, viel Fantasie und Fingerspitzengefühl, das sehr wahrscheinlich als Bevormundung aufgefaßt.
Nachdem ihn Schwester Gerda draußen im Waschraum von der Schürze, dem Kittel und der Gesichtsmaske befreit hatte, sah er auf die Uhr. Die Operation hatte nur etwa zwanzig Minuten gedauert. Er konnte mit sich selbst und mit seiner Arbeit zufrieden sein. Alles war glatt verlaufen, keine Komplikationen.
Trotz allem war er niedergeschlagen. Keine Komplikationen bei dem Patienten, aber eine ganze Menge davon beim Arzt. Wahrscheinlich fingen sie schon in der nächsten Viertelstunde mit der Frage an, wie er den Leuten beibrachte, daß ihre Kleine von ihm und nicht vom Alten operiert worden war…
Nachdem Dr. Fröhlich die Kopfhaut genäht hatte, war für die Anästhesistin Dr. Eva Hochhoff die Arbeit noch nicht zu Ende. Sie hatte die Lachgasmenge, die dem Kind in die Luftröhre geführt worden war, immer mehr verringert und durch Sauerstoff ersetzt.
Als Schwester Olga den Kopf verbunden hatte, schaltete Dr. Eva Hochhoff das Kind für einige Minuten ganz vom Narkoseapparat ab und gab ihm die Möglichkeit, normale Luft zu atmen. Dann führte sie durch den Trachealkatheter einen Absaugschlauch in die Luftröhre, um sie vom Schleim frei zu machen. Während des Absaugens entfernte sie den Trachealkatheter aus der Luftröhre, gab dem immer noch narkotisierten Kind reinen Sauerstoff und überprüfte anschließend Blutdruck und Puls.
Es war alles in Ordnung. Eva entschloß sich dennoch, über Dauertropfinfusion dem Körper Blut zuzuführen, wobei sie aufpassen mußte, daß Blutgruppe, Rhesusfaktor und Kreuzprobe der Blutkonserve mit Angelikas Blut genau übereinstimmten.
Erst als die Blutkonserve leer war, entfernte sie die Dauertropfinfusion.
Eva begleitete Angelika, als sie aus dem OP-Raum ins Wachzimmer gebracht wurde, und gab Resi, der Wachschwester, genaue Anordnungen.
»Ich glaube«, sagte sie abschließend, »alle anderen Medikamente können wir uns sparen. Die Narkose war nur leicht und kurz. Das Herz hat wunderbar durchgehalten.«
»Wie war der Herr Oberarzt?« fragte die Schwester. Schon fast sechzig Jahre alt, gehörte sie genauso wie Fräulein Laberger, die Sekretärin, zum lebenden Inventar der Klinik und interessierte sich immer für jede Kleinigkeit, die im Hause passierte.
»Großartig!« sagte die junge Ärztin.
»Na, na —«, brummte die Alte und sah Eva mißtrauisch an.
»Sie haben doch nichts gegen ihn, Resi?« lächelte Eva.
»I wo. Warum auch? Wissen Sie, wenn er will, hat er so etwas an sich wie ein unglücklicher junger Hund. Man muß ihm einfach über den Kopf streicheln, es geht nicht anders. Sie fallen hoffentlich nicht darauf rein …«
»Aber Resi!«
»Sagen Sie, Fräulein Doktor, stimmt das mit der Operation? Hat er die Kleine wirklich gegen den Willen des Herrn Professor … Ich meine, wenn das stimmt, dann … na, ich möcht’ nicht in seiner Haut stecken.«
»Was meinen Sie, Resi, was kann ihm passieren?«
»Ich kenne Herrn Professor schon bald fünfundzwanzig Jahre — genauso lange wie ich Sie kenne, Fräulein Doktor. Sie waren noch ganz klein, ja … aber wenn das so ist, dann kann der Herr Oberarzt gleich seine Koffer packen, das sag ich Ihnen. Wie hat er das bloß tun können! Und dabei hat er’s bestimmt nicht leicht gehabt. Sein Studium hat er selber verdienen müssen, kein Mensch hat ihm je geholfen … Aber andererseits …« Sie sagte nichts weiter, und als Eva hinaus auf den Gang trat, war sie sehr nachdenklich geworden. Koffer packen … Was aber dann? Sie wußte, wie man einem Arzt den Weg verbauen konnte, wenn er sich gegen die ungeschriebenen Gesetze und Regeln vergangen hatte. Überall verschlossene Türen, abweisende Gesichter, eine trübe, ungewisse Zukunft.
Und mit einemmal wurde sie sich mit überraschender Klarheit bewußt, was für eine schmerzliche Leere der Weggang des Oberarztes auch in ihr zurücklassen würde.
Als Dr. Carl Westhaus den Warteraum der Klinik betrat, hatte er ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend. Fast wie früher vor einem Examen. Und genauso, wie es früher nur wenig geholfen hatte, wenn er sich sagte, er wäre ja gut vorbereitet und es könne nichts schiefgehen, half auch jetzt nichts, daß er sich vor Augen hielt, die Operation an Angelika wäre ja völlig harmlos gewesen und so gut gelungen, wie man es nur erwarten konnte.
»So, das hätten wir jetzt hinter uns«, sagte er mit gespielter Fröhlichkeit, als er den Raum betrat. Frau Bergner war aufgesprungen, ihr Mann war mit einem Ruck stehengeblieben, als wäre er gegen ein unsichtbares Hindernis gerannt, und beide sahen ihn mit geweiteten Augen an, aus denen nur langsam die überstandene Angst um ihr Kind wich.
»Das — das ist ja …« Der große Mann schluckte. »Das ging ja sehr schnell.«
»Ich habe es Ihnen ja gesagt, Herr Bergner. Ich kann Sie verstehen, aber Ihre Angst war umsonst. Die Operation ist prächtig gelungen. Wir haben den Knochensplitter entfernt … Angelika bekommt ihn mit, als Andenken. Sie wird ganz gesund werden, so gesund wie vor diesem unglückseligen Sturz aus dem Fenster.«
»Vielen Dank — ich — vielen Dank«, stammelte Herr Bergner. In seine Augen traten Tränen.
»Schon gut, Herr Bergner.«
»Können wir sie sehen?« fragte Frau Bergner.
»Noch nicht«, sagte der Oberarzt. »Sie liegt jetzt im Wachzimmer unter der Obhut von Schwester Resi. Sie wird zwar bald zu sich kommen, aber warten Sie lieber ein paar Stunden, bis sie wieder ganz wach ist.«
»Wir warten hier«, sagte der Mann.
»Ich schlage Ihnen vor, gehen Sie einstweilen nach Hause. Sie sehen ja recht mitgenommen aus.«
»Wir warten hier!« wiederholte der Mann eigensinnig.
»Wie Sie wollen. Ich muß Sie nur auf eines aufmerksam machen: Es liegt an Ihnen, wie schnell Angelika wieder gesund wird. Auch — zuviel Liebe und Fürsorge kann schaden.« Er fuhr schnell fort, als er sah, wie die beiden zusammenzuckten. »Sie verstehen mich recht: Angelika braucht jetzt vor allem Ruhe. Nun, Sie sind ja ein vernünftiger Mann, Herr Bergner … auf jeden Fall wird es gut sein, wenn Angelika noch etwa vierzehn Tage bei uns bleibt. Bis dahin —«, er lächelte flüchtig, »— werden ihr auch die Haare ein bißchen gewachsen sein, und für eine kleine Dame wie sie ist das doch wichtig!«
Der große Mann nickte und sagte dann wieder: »Vielen Dank — ich — sagen Sie Herrn Professor, daß wir — wir sind sehr glücklich, daß er selbst — und …« Verwirrt verstummte er.
»Professor Hornstein mußte überraschend weg«, sagte Dr. Westhaus wie nebenbei. »Er hat Angelika nicht operiert.«
Betroffenes Schweigen. Bergner beugte sich vor, in seine Augen kam Mißtrauen.
»Wer sonst?« fragte er nach einer Weile.
»Ich.«
»Sie?«
»Ja.«
»Aber der Herr Professor … wir haben unsere Zustimmung nur gegeben, weil wir dachten, Herr Professor selbst würde Angelika operieren, und er hat ja auch gesagt … wieso mußte er weg — und warum haben Sie — von Ihnen war keine Rede, wie erlauben Sie sich …«
»Aber Mann!« Die Frau trat schnell hinzu, griff Bergner am Arm, versuchte ihn zu beruhigen, aber er schüttelte ihre Hand ab, sein Gesicht war hochrot geworden.
»Bitte!« Der Oberarzt hob den Arm. »Ich kann verstehen, wenn Ihre Nerven durchdrehen, aber …«
»Nichts durchdrehen!« schrie Bergner. »Was heißt hier durchdrehen! Wer hat Ihnen die Erlaubnis gegeben, wer? Wie können Sie sich anmaßen — eine Eigenmächtigkeit — ich will das Kind sehen, sofort, ich will mein Kind sehen —!«
Er lief zur Tür, wollte hinaus, doch der Oberarzt vertrat ihm den Weg. Es war zuviel gewesen. Er hatte genug. Zuerst die Szene mit dem Professor. Dann die Entscheidung. Und nun das.
»Sie — Sie Idiot!« sagte er langsam und deutlich. »Durch Ihre Dummheit hatten Sie Ihr eigenes Kind beinahe zum Tode verurteilt. Wollen Sie das jetzt wirklich fertigbringen? Ich habe die Operation auf mich genommen, weil ich Leute wie Sie kenne, dumm, vernagelt, ein Brett vor dem Kopf. Anstatt zu helfen, brüllen Sie hier herum … Dankbarkeit erwarte ich gar nicht — danken Sie Gott, daß alles gutgegangen ist … gehen Sie! Gehen Sie jetzt! Los, gehen Sie!«
Die letzten Worte schrie er dem erschrocken zurückweichenden Mann ins Gesicht, am ganzen Körper zitternd, und er hörte nur, wie durch einen Nebel, den anderen sagen:
»Schon gut. Sie haben sich da ja was geleistet. Sie haben eigenmächtig … ich kenne die Gesetze! Wir werden uns noch sprechen. Aber nicht hier, das sage ich Ihnen!«
»Gehen Sie!«
In diesem Augenblick trat Dr. Eva Hochhoff ins Zimmer.
2
Kurz nach vier Uhr landete der viermotorige Clipper auf dem Flugplatz von Helsinki.
Als Professor Hornstein und seine Frau Iris aus der Maschine stiegen, nahm ihnen die eiskalte Winterluft einen Augenblick fast den Atem. Es war bereits dunkel. Die Rollbahn wurde von riesigen Scheinwerfern taghell erleuchtet. Frau Iris kuschelte sich in ihren Nerzmantel, ein Geschenk ihres Mannes zum zwanzigsten Hochzeitstag, und stellte den Kragen auf. Auf dem Dach des Flughafengebäudes lag frischgefallener Schnee.
An der Sperre wurden sie von Dr. Rono Rissanen, einem ehemaligen Schüler des Professors, empfangen. Er führte sie zu seinem Wagen, ließ Frau Iris hinten einsteigen, während der Professor neben ihm auf dem Vordersitz Platz nahm.
Dr. Rissanen war bis vor fünf Jahren Erster Assistent des Professors gewesen. Seit seinem Ausscheiden aus Hornsteins Klinik hatten sich die Männer nicht mehr gesehen.
»Wie geht’s dem kleinen Martin, Herr Professor?«
»Klein ist gut! Der Kerl ist mir bereits über den Kopf gewachsen, in jeder Hinsicht. Macht mir Sorgen.« Martin war sein Sohn, jetzt achtzehn Jahre alt.
»Ist er immer noch so lustig?«
»Lustig — ja. Aber sonst…«
»Du übertreibst«, sagte Frau Iris. »Ein bißchen schwach in der Schule ist er wirklich. Aber ich finde das nicht so furchtbar schlimm.«
»Du nicht«, sagte der Professor. »Du bist ja auch verliebt in den Bengel.«
»Ich muß Ihnen recht geben, gnädige Frau«, lachte Dr. Rissanen. »Wenn ich daran denke, was für Zeugnisse ich nach Hause gebracht habe, puh! Und mein Vater, na — heute noch tun mir gewisse Körperstellen weh in der Erinnerung an die Folgen. Wenn man sich so umsieht — die meisten Mediziner waren keine Vorzugsschüler.«
»Das verlangt ja auch kein Mensch von ihm«, murmelte der Professor unbeteiligt. Wenn nur diese Fahrt endlich zu Ende wäre! Wenn er doch schon im Hotel wäre … diese Kopfschmerzen und wieder der leichte Schwindel, der die Straße vor ihm, die Häuser, die Scheinwerfer der entgegenkommenden Wagen, die Straßenbahn, die Menschen auf den Gehsteigen, alles, was er sehen konnte, aber auch die eigenen Gedanken mit einem seltsamen, zitternden Nebel umgab. Wie aus weiter Ferne vernahm er die Frage des Dr. Rissanen:
»Darf ich Sie zuerst zu Ihrem Hotel bringen, Herr Professor?«
Professor Hornstein nickte. Und es kostete ihn große Überwindung zu fragen:
»Wie geht es Ihrem Patienten, Kollege?«
Dr. Rissanen schien nur auf diese Frage gewartet zu haben, und dennoch dauerte es einige Sekunden, bevor er antwortete:
»Professor Kueinen, unser Nobelpreisträger, wie wir ihn alle nennen, liegt seit zwei Wochen in meiner Klinik. Sein Befinden ist sehr schlecht.«
Er verstummte. Und sie sprachen nichts mehr, bis sie Dr. Rissanen in einem vornehmen Hotel in der Alexanderstraße absetzte, in dem er ein elegantes Apartment für seine Gaste reserviert hatte.
Professor Hornstein schloß sich sofort ins Bad ein und nahm zwei Tabletten gegen die fast unerträglichen Kopfschmerzen, die ihn kaum einen klaren Gedanken fassen ließen. Wahrscheinlich kann ich das Fliegen nicht mehr vertragen, dachte er, während er im Spiegel sein Gesicht betrachtete, die Schatten unter den Augen, die tiefen Falten um die Mundwinkel. Die schnelle Luftdruckveränderung … schließlich bin ich ja auch nicht mehr der jüngste!
Er zog sich aus und duschte sich. Unter dem eiskalten Wasser schnappte er keuchend nach Luft und prustete laut. Langsam wurde ihm wohler, und als er sich ankleidete, fühlte er sich wie neugeboren.
»Wie gefällt es dir in Helsinki?« fragte er Iris, als er sich draußen die Krawatte umband.
»Himmlisch!«
»Wie leicht du zufriedenzustellen bist. Du hast ja von Helsinki noch gar nichts gesehen.«
»Darauf kommt es auch gar nicht an«, sagte sie lächelnd. »Hauptsache, ich konnte mit dir fliegen. Stell dir vor, ich erzähle Gerda: ›Ja, unlängst habe ich mit August einen kleinen Abstecher gemacht, er mußte zu einem Nobelpreisträger …‹ Bei ihrem Neid … Sag mal, was soll ich anziehen? Wir wollen doch ein bißchen ausgehen?«
»Vorerst nicht«, sagte der Professor. »Es kommt darauf an, wie lange die Konsultation dauert.«
»Konsultation? Jetzt?« Alle Freude wich aus ihrem Gesicht.
»Na, was denn sonst?« Die Stimme des Professors klang gereizt. »Hast du etwa gedacht, wir machen eine Vergnügungsreise?«
»Nein, natürlich nicht. Nur habe ich angenommen …«
»Was denn schon wieder?«
»… daß wir, an unserem ersten Abend hier —«
»Ein Irrtum!« Der Professor fühlte in sich wieder diesen unvermittelten, heißen Zorn aufsteigen, wie am Vormittag, als er seinen Oberarzt Dr. Westhaus abgekanzelt hatte. Er wußte, daß er ungerecht war, daß er gar keine Veranlassung hatte, wütend zu sein, daß ein kleines Wort, ein kurzer, begütigender Satz, die Mißstimmung sogleich wieder beseitigen würde. Aber er konnte es nicht aussprechen. Er war machtlos gegen die Worte, die er hervorstieß, als hätte sich seine Zunge selbständig gemacht, er konnte sie nicht zurückhalten, obwohl er den Schrecken und die Fassungslosigkeit in Iris’ Augen sah. »Hört denn das nie auf!« schrie er. »Muß ich mir von allen und jedem sagen lassen, was ich zu tun habe? Ich bin Arzt, verstehst du? Ich bin kein — kein, zum Teufel! Wenn du für meine Arbeit schon kein Verständnis aufbringst, dann mische dich wenigstens nicht in meine Dispositionen!«
»August — bitte!«
»Ich muß jetzt gehen!«
Grußlos lief er hinaus, knallte die Tür laut hinter sich zu. Doch draußen, auf dem halben Weg zum Lift, blieb er plötzlich stehen, lehnte sich an die Wand und schüttelte verständnislos den Kopf. Was war nur mit ihm los? Warum hatte er Iris so angebrüllt?
Ich müßte zurückgehen und mich entschuldigen, dachte er. Jetzt, sofort. Aber er tat es nicht. Mit den schweren schleppenden Schritten eines alten Mannes ging er zum Lift und fuhr hinunter in die Halle, wo Dr. Rissanen auf ihn wartete.
Dr. Rissanen war nicht allein. Ein älterer Herr hatte sich ihm zugesellt, Dr. Paltkala, der Hausarzt des erkrankten Nobelpreisträgers Professor Kueinen, wie ihn Dr. Rissanen vorstellte.
Die drei Männer verließen das Hotel und traten hinaus in die kalte Winterluft. Professor Hornstein beneidete die beiden finnischen Herren um ihre Pelzmützen, die bis über die Ohren reichten.
»Werde mir auch so ein Pelzding zulegen«, sagte er, als sie zu Rissanens Wagen gingen.
»Ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen eine zum Andenken schenken dürfte, Herr Professor«, sagte Dr. Rissanen höflich.
»Sehr gut. Solche Geschenke soll man nie zurückweisen.« Professor Hornstein lachte. »Ihr habt’s ja verdammt kalt hier.«
»Das kommt von unserer Nachbarschaft: Nordpol und Sibirien«, sagte Dr. Paltkala.
»Also — erzählen Sie!« forderte Professor Hornstein Dr. Rissanen auf, als sie im Wagen saßen und zu Rissanens Klinik fuhren.
»Ich schlage vor, zuerst Herrn Kollegen Paltkala berichten zu lassen«, sagte Dr. Rissanen.
Dr. Paltkala nickte. »Herr Kollege Rissanen hat mich als Hausarzt Professor Kueinens vorgestellt. Das stimmt und stimmt wiederum nicht. Der Patient war immer gesund — oder behauptete es zumindest. Ab und zu ein Schnupfen. Hausarzt war ich eigentlich nur für seine Familie. Er selbst hielt sich auch dann noch für gesund, als er es nicht mehr war. Ich durfte ihn erst untersuchen, als seine Kopfschmerzen so stark wurden, daß keine Tabletten mehr helfen wollten.«
»Seit wann litt er an Kopfschmerzen?« fragte Professor Hornstein.
»Seit etwa einem Jahr.«
»Waren dies die einzigen Symptome für die Erkrankung?«
»Nein. Ich habe mit seiner Frau und mit seinen Mitarbeitern gesprochen. Die Ergebnisse sind auch Dr. Rissanen bekannt.«
»Wir haben festgestellt«, begann Dr. Rissanen, »daß der Krankheitsprozeß etwa vor einem Jahr begann — mit dem Auftreten der Kopfschmerzen. Förk Kueinen war bei seinen Mitarbeitern und Studenten sehr beliebt. Seine Vorlesungen waren ein Muster an Systematik. Plötzlich aber begann er vom Hölzchen aufs Stöckchen zu springen, wie man so sagt. Seine Redeweise bekam etwas Ungeordnetes. Er wurde ungeduldig, reizbar, ausfallend und ungerecht. Seine Vorlesungen und Seminare wurden immer schlechter besucht — er hat, wie Sie wissen, den Lehrstuhl für Chemie auf unserer Universität inne. Früher die personifizierte Ordnung, machte er sich jetzt nichts mehr aus dem Durcheinander auf seinem Schreibtisch. Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten kam er auch nicht mehr weiter. Und dann begann er plötzlich über Kopfschmerzen zu klagen. Sie seien so unerträglich, sagte er, daß er glaube, verrückt werden zu müssen. Und erst da ließ er sich untersuchen. Wir haben alles getan, was notwendig war: Röntgen, EEG, HNO und so weiter. Ich werde Ihnen das Material natürlich gleich zeigen. Obwohl ich Ihrer Diagnose nicht vorgreifen möchte, Herr Professor, glaube ich doch, daß eine Operation unumgänglich ist.«
»Und warum operieren Sie nicht selbst?« fragte Professor Hornstein.
»Ich? Nein!« Dr. Rissanen schüttelte den Kopf. »Ich weiß: Das Leben eines jeden Menschen ist kostbar. Aber hier… ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen werden, Herr Professor, hier handelt es sich um Förk Kueinen …«
Förk Kueinen: Ein knochiges, graues Gesicht unter der hohen Stirn, schütteres Haar, blutleere, schmale Lippen, eine spitze Nase, auf der Bettdecke liegende Hände, grau wie das Gesicht. Teilnahmslos dahindämmernd.
Professor Hornstein hatte es nicht anders erwartet. Das war der typische Zustand der Gehirnkranken, in der Fachsprache als »somnolent« bezeichnet. Der Kranke war ständig in einer Art Halbschlaf befangen.
Dr. Rissanen sprach sehr laut und eindringlich auf den Nobelpreisträger ein.
Offensichtlich bemühte er sich, ihm die Tatsache klarzumachen, daß Professor Hornstein aus Deutschland gekommen war, um ihn zu operieren.
Der Kranke öffnete für einen Augenblick die Augen, blickte die Männer vor seinem Bett verständnislos an, schloß sie wieder.
»Augenspiegel, bitte!« Professor Hornstein setzte sich auf den Bettrand, hob das linke Lid des Patienten hoch, betrachtete aufmerksam den Augenhintergrund.
Die Schwellung der Sehnervenpapille war deutlich sichtbar.
»Hochgradige Stauungspapille. War ja auch nicht anders zu erwarten.«
»Sechs Dioptrien«, sagte Dr. Rissanen.
»Einschränkung des Gesichtsfeldes?«
»Auch das.«
Professor Hornstein betrachtete nachdenklich das teilnahmslose, bleiche Gesicht des Kranken.
»Wie alt?«
»Fünfundvierzig.«
»Herz? Kreislauf?«
»Professor Kueinen hat auf seine Gesundheit nie sehr große Rücksicht genommen.«
Jetzt bewegten sich die Lippen des Kranken plötzlich. Seine Lider zitterten, als gäbe er sich Mühe, die Augen zu öffnen. Dr. Rissanen beugte sich gespannt über das Bett. Er konnte das Flüstern des Kranken kaum verstehen. Schließlich richtete er sich wieder auf und sagte zu Professor Hornstein:
»Er sagt, sein Kopf käme ihm vor wie ein Nest voll bissiger, hungriger Ratten, die nagen, nagen, nagen … Er bittet Sie, die Ratten zu töten, er bittet Sie …« Und dann leiser, nur für Professor Hornstein: »Verstehen Sie nun, warum ich Sie so dringend hierhergebeten hatte? Wenn Sie auch noch die Befunde sehen … Sie sind der einzige, der hier noch helfen kann!«
Auch der Nachmittag hatte einigen Ärger für Oberarzt Dr. Carl Westhaus auf Lager.
Nun, wenigstens schien Eva die Geschichte mit Angelikas Eltern ausgebügelt zu haben, dachte er während der Visite. Er ertappte sich dabei, daß er die junge Ärztin in Gedanken »Eva« nannte, daß er an sie nicht als an irgendeine Kollegin dachte, sondern anders, persönlicher — und voller Dankbarkeit.
»Es ist alles in Ordnung«, hatte sie ihm nach dem Auftritt im Warteraum im Vorbeigehen gesagt. »Es war ein schweres Stück Arbeit, aber Sie brauchen sich keine Gedanken mehr zu machen.« Wie sie es wohl angestellt hatte …
Jetzt, während der Visite, mußte er sich zwingen, bei der Sache zu bleiben — und er war fast dankbar für die Unterbrechung, als Schwester Gerda ins Zimmer gelaufen kam.
»Herr Oberarzt — Sie müssen sofort ins Chefzimmer. Die Labergerin — oh — Fräulein Laberger…« Verwirrt schwieg sie.
»Was will Fräulein Laberger?« half ihr der Oberarzt.
»Frau Viola Römer ist da, die Pianistin und …«
»Um Himmels willen!« Er wandte sich an den Assistenzarzt: »Fröhlich, machen Sie weiter. Da muß ich wohl hin.«
Viola Römer war eine gottbegnadete Pianistin, anfang Dreißig. Wo sie auftrat, wurde sie stürmisch gefeiert. Ihre Launen aber, Stimmungen, Ausbrüche und Szenen, die sie ihrer Umgebung hinlegte, waren nicht minder stürmisch und machten ein Gutteil ihres Ruhmes aus.
Sie war in Begleitung ihres Verlobten erschienen, der zugleich auch ihr Agent war, eines gewissen Dr. Ernest Enders. Mit wilden, weitausgreifenden Schritten rannte sie im Chefzimmer auf und ab, hielt sich mit beiden Händen den Kopf und machte ihrer Empörung mit lauten Worten Luft.
Vergebens versuchte Dr. Enders sie zu beruhigen. »Aber ich bitte dich, Viola! Ja, ja, ich weiß, es ist unverschämt von diesem Professor, einfach abzureisen, obwohl wir uns angemeldet haben, aber es hat keinen Sinn, sich jetzt aufzuregen. Du wirst davon nur Kopfschmerzen bekommen.«
»Bekommen? Ich habe sie, du Esel! Ich werde mich bei der Ärztekammer, oder wie das heißt, beschweren. Ich werde … oh, mein Kopf platzt bald. Und da wagt es dieser Professor … hier muß doch ein Beschwerdebuch …«
»Guten Morgen, gnädige Frau!«
Das war Oberarzt Dr. Westhaus, der von beiden unbemerkt ins Chefzimmer gekommen war. Seine Stimme war tief, wohlklingend, und, wie er glaubte, beruhigend. Aber auf Viola Römer wirkte sie überhaupt nicht, und er mußte wilde Beschimpfungen über sich ergehen lassen, bevor er weitersprechen konnte.
Seine Antwort kam ihr so unerwartet, daß sie die Augen weit aufriß.
»Gnädige Frau — wenn Sie wüßten, welche Ehre es für mich ist, daß ich Sie persönlich begrüßen darf. Vor allem nach Ihrem letzten Konzert in München … ich bin eigens hingefahren, um Sie anzuhören, ein unvergeßliches Erlebnis!«
»Ja? Wirklich?«
»Bestimmt«, log der Oberarzt weiter, »und ich werde keines Ihrer Konzerte versäumen. Das dürfen Sie mir glauben, gnädige Frau.«
»Und du Esel behauptest immer, Ärzte seien unmusische Menschen!« fauchte Viola ihren Verlobten an, der mit unbeweglicher Miene danebenstand. »Ja, ja, ich weiß es besser. Da war doch auch so ein Arzt, der ein Buch geschrieben hat. Ich erinnere mich an den Titel nicht mehr. Aber unvergeßlich. Ein Dichter!«
»Oh, Sie lesen Dichter. Ich bin entzückt, gnädige Frau.«
»Wir verstehen uns, Herr … Herr …«
»Oberarzt Dr. Westhaus …«
»Ja, Herr Oberarzt … Sagen Sie, lieber Doktor, wann kommt der Herr Professor zurück?«
»Das steht leider nicht genau fest — aber wollen wir uns nicht setzen? Bitte, nehmen Sie mit mir vorlieb. Sie können sicher sein, daß ich gerade in Ihrem Fall …«
»Sie sind reizend, Doktor. Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen.«
Dr. Enders verzog mißmutig das Gesicht und setzte sich nur widerwillig. Was glaubte dieser Arzt eigentlich … sah gut aus, und gutaussehende Männer mochte Viola schon immer gerne leiden.
»Bei welchem Arzt waren Sie bisher in Behandlung, gnädige Frau?« fragte Dr. Westhaus.
»Arzt? Fragen Sie lieber, bei wem ich noch nicht war. Seit Monaten ziehe ich von Arzt zu Arzt!«
»Kopfschmerzen?«
»Irrsinnig! Man hat mir alles mögliche verschrieben, die stärksten schmerzstillenden Mittel — nützt nichts … Ich habe sogar verschiedene Konzerte absagen müssen und wurde wegen Starallüren beschimpft, oh, Sie ahnen ja nicht, wie häßlich die Menschen sind, wie böse, böse, böse! Schließlich hat mich ein Doktor — Doktor — wie hieß er schon?«
»Dr. Schildkraut«, sagte Violas Verlobter.
»Der Münchner Augenarzt?« fragte Dr. Westhaus.
»Jawohl. Er hat mich hierhergeschickt. Ich ging zu ihm, weil ich dachte, die Kopfschmerzen könnten vielleicht von einer falschen Brille kommen, ich sehe nicht sehr gut, müssen Sie wissen, und man liest ja manchmal — schlechte Augen, Kopfschmerzen … Aber er behauptete, ich würde — was habe ich, Ernest?«
»Gesichtsfeldausfall.«
»Was soll das sein, Doktor?« fragte Viola.
»Ein Gesichtsfeldausfall kann sehr wohl mit einer Gehirnerkrankung zusammenhängen«, erklärte Dr. Westhaus vorsichtig — aber nicht vorsichtig genug.
Viola Römer sprang auf, ballte die Fäuste, ihre schwarzen Augen sprühten: »Wollen Sie etwa behaupten — ich wäre verrückt?«
»Halt!« Westhaus’ Stimme klang jetzt sehr energisch. »Davon habe ich nichts gesagt, Sie sind völlig normal und werden es auch bleiben. Aber ich rate Ihnen dringend, ein paar Tage hier in der Klinik zu bleiben. Wir würden dann alle notwendigen Untersuchungen vornehmen, und wenn Professor Hornstein zurückkommt…«
»Hier bleiben? Aber ich habe doch Verpfiichtungen!«
»Sie dürfen keine Zeit verlieren, gnädige Frau«, sagte Dr. Westhaus ernst. »Am besten, Sie gehen gleich ins Vorzimmer und lassen Ihre Personalien aufnehmen, bitte!«
Schweigen.
»Gut.« Viola Römer nickte. »Ich bin ein Freund schneller Entscheidungen. Komm, Ernest, sprich du mit der alten Schachtel draußen.«
»Ich komme sofort nach«, sagte Dr. Enders und schob sie sanft durch die Tür.
»Ein — Tumor?« fragte er dann Dr. Westhaus.
»Es ist durchaus möglich. Ein Gesichtsfeldausfall wird meist durch einen Tumor verursacht, der auf den Sehnerv drückt.«
»Das heißt — Operation.«
Dr. Westhaus nickte.
»Können Sie versprechen — falls die Sache mit dem Tumor stimmen sollte —, daß meine Braut durch eine Operation geheilt wird?«
»Nein. Das kann man nie. Es kommt ganz darauf an, wie groß der Tumor ist, ob es sich um einen gutartigen oder bösartigen handelt — aber warten Sie erst die Untersuchung ab.«
Als Dr. Enders gegangen war, atmete der Oberarzt tief auf. Das ist mal eine Frau, dachte er lächelnd. Die hat den Teufel im Leib.
Er wußte noch nicht, wie recht er damit hatte.
Dann griff er zum Telefon und wählte die Nummer des Hauspsychiaters. Dr. Wolff meldete sich sofort.
»Hast du viel Betrieb?« fragte der Oberarzt.
»Mit anderen Worten — du willst eine Tasse Kaffee?«
»Ich hab’s verdammt nötig.«
»Man hört so was munkeln. Ich stelle schon Wasser auf.«
Als Dr. Westhaus die schmale Hintertreppe hinunterging, begegnete ihm Dr. Eva Hochhoff. Mit geschmeidigen, weit ausgreifenden Schritten lief sie herauf, zwei Stufen auf einmal nehmend, wie ein junges Mädchen. Etwas außer Atem blieb sie vor ihm stehen.
»War es schlimm mit der Kunst?« Um ihre Mundwinkel zuckte es.
»Kann man wohl sagen! Aber es ist mir gelungen, die Primadonna zu beruhigen. Und jetzt verraten Sie mir eins: Wie sind Sie mit Angelikas Eltern fertig geworden?«
Sie wurde ernst. »Als Sie wütend rausgerannt sind, habe ich mit ihnen wie mit vernünftigen Menschen gesprochen«, sagte sie schlicht. »Ich habe ihnen Bilder gezeigt, das Knochenstück, das Sie entfernt hatten, und ich habe ihnen erzählt, was Angelika zu erwarten gehabt hätte, wenn sie nicht operiert worden wäre.«
»Aber das haben der Professor und ich doch auch schon versucht?«
»Vielleicht haben Sie es falsch angefangen? Die gleiche Sache kann man so oder so erzählen. Und schließlich habe ich …« Sie verstummte, über ihr Gesicht breitete sich zarte Röte aus.
»Was?«
»Ich habe ihnen von Ihnen erzählt… alles, oder fast alles, was mit dieser Operation zusammenhängt. Sie haben verstanden. Und sie danken Ihnen und lassen sich entschuldigen.«
»Mädchen — Mädchen, wie haben Sie das nur angestellt?« Dr. Westhaus schüttelte verwundert den Kopf. »Und ich dachte schon … hören Sie, wollen Sie eine Tasse Kaffee mit mir trinken?«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, faßte er sie unter dem Arm und führte sie die Treppe hinunter.
Im Gang im ersten Stock kam ihnen die Stationsschwester Sigrid entgegen.
»Herr Oberarzt …« Schwester Sigrid blieb stehen, ihre Augen streiften Eva mit einem kurzen, mißtrauischen Blick, »ich muß … gut, daß ich Sie treffe …«
»Was ist los?«
»Ich — ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.«
Eva ging langsam weiter.
»Warten Sie bitte einen Augenblick, Kollegin!« rief ihr Dr. Westhaus nach. Und dann zu Sigrid: »Es handelt sich doch um einen Patienten?« Er sagte es leise und eindringlich.
»Ja … natürlich …« Schwester Sigrid stockte.
»Also — was gibt’s?« Jetzt klang seine Stimme scharf. Konnte sie’s denn nicht lassen? Fing das jetzt schon so an?
Sigrid zermarterte ihr Gehirn. Sie hatte nichts weiter vorgehabt als — was eigentlich? Sie wußte es nicht mehr, vielleicht wollte sie ihn von der jungen Ärztin trennen, die jetzt weiter unten stand und wie unbeteiligt durch das Fenster sah. Aber Sigrid wußte genau, daß sie zuhörte, daß sie die Unbeteiligte nur spielte, ihre Gleichgültigkeit war zu offensichtlich, um echt zu sein. Spann sich vielleicht etwas zwischen den beiden an?
»Es ist nur …«, sagte sie tonlos, »die kleine Ursel ist sehr verängstigt.«
»Und da haben Sie es nicht fertiggebracht, sie zu beruhigen?«
»Ich …« Sigrids Gesicht wurde flammend rot. Und fast im nächsten Augenblick sah sie kalkweiß aus. Sie tastete mit der Hand hinter sich, als suchte sie einen Halt. Ihre Augen wurden dunkel; das unheimlich glimmende Leben in ihnen hätte ihn warnen müssen. Aber er bemerkte es nicht.
»Ich bitte Sie, Schwester, mich in Zukunft nicht mit Nebensächlichkeiten zu belästigen«, sagte er bemüht kalt. Dann ging er, griff Dr. Eva Hochhoff am Ellbogen, und seine Stimme wurde wieder, wie gewöhnlich, warm und unbekümmert, die gleiche Stimme, der sie, Sigrid, ehemals, wenn er bei ihr war, so hingerissen gelauscht hatte.
»Kommen Sie, Kollegin, wir müssen uns beeilen. Unser guter Wolff …«
Dr. Rissanens Arbeitszimmer war elegant und außerordentlich modern eingerichtet. Der Arzt hatte die Untersuchungsergebnisse Förk Kueinens auf der schön gemaserten Platte seines Schreibtisches bereit gelegt.
»Hier die HNO-Untersuchung«, sagte er. »Wir können sie außer acht lassen. Wenn Sie jetzt einen Blick auf das EEG werfen wollen, Herr Professor …«
Professor Hornstein betrachtete lange die Kurve des Elektronencephalogramms. Sie zeigte erschreckende Abweichungen von der Normalkurve.
Dr. Rissanen und Dr. Paltkala sahen den Professor gespannt an. Doch er legte die graphischen Darstellungen ohne ein Wort zu sagen beiseite.
»Röntgen?«
Der Reihe nach reichte Dr. Rissanen jetzt die Röntgenbilder. Professor Hornstein hielt jedes einzelne gegen das Licht und betrachtete es lange.
»Vertiefungen der Schädelcalotte …«, murmelte er wie für sich selbst, »typischer Wolkenschädel. Weiter! Sie haben doch punktiert?«
»Ja. Wir haben uns bemüht, eine Darstellung des gesamten Hirnkammersystems zu erreichen. Bin gespannt, was Sie von diesen Aufnahmen halten.«
An den Röntgenaufnahmen war ganz deutlich erkennbar, daß das Hirnkammersystem in einer bestimmten, charakteristischen Weise verlagert war. Bei der Gehirnerkrankung des Nobelpreisträgers handelte es sich ohne Zweifel um einen Tumor, der örtlich genau bestimmbar war.
»Gute Arbeit«, sagte der Professor anerkennend, als er das letzte Bild aus der Hand legte.
»Ihre Diagnose?« fragte Dr. Paltkala.
Professor Hornstein sah den grauhaarigen, zierlichen alten Herrn nachdenklich an.
»Ich nehme an, Kollege Rissanen hatte Ihnen reinen Wein eingeschenkt?«
»Ich hatte gehofft…«
Der Professor schnitt ihm mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort ab. »Ein Tumor. Außerordentlich groß. Sitzt mitten im Stirnhirn.«
»Bösartig?« Die Stimme des alten Arztes zitterte nun kaum merklich.
»Bösartig oder nicht … Eine Geschwulst in der dritten Hirnkammer ist immer bösartig, ich meine gefährlich, leberisbedrohend. Nur sehr schwer zu operieren. Oder besser — aussichtslos. Ob es ein Karzinom ist…« Professor Hornstein zuckte mit den Schultern. »Auf jeden Fall scheint mir hier ein Eingriff ohne jede Aussicht auf Erfolg zu sein.«
»Dann ist er so gut wie …«
Professor Hornstein nickte. Alle kannten das Wort, das auszusprechen sich der alte Arzt scheute.
»Aber — aber wir haben alle Hoffnung auf eine Operation gesetzt.« Jetzt zitterte die Stimme des Alten so sehr, daß er kaum sprechen konnte.
»Das tut mir leid.« Professor Hornstein wandte sich an Dr. Rissanen. »Dann kann ich Ihnen, Herr Kollege, den Vorwurf nicht ersparen«, sprach er langsam und sehr betont weiter, »daß Sie eingermaßen leichtfertig waren. Sie haben lange genug mit mir zusammengearbeitet, um zu wissen …«
»Ich weiß alles, was Sie mir jetzt sagen wollen«, begann Dr. Rissanen nach einigen Augenblicken gespannten, unbehaglichen Schweigens. »Ich habe Sie trotzdem gerufen. Ich konnte nicht anders. Es geht jetzt nicht nur darum, was die Wissenschaft mit dem Tode Förk Kueinens verlieren würde. Er — er ist nicht nur ein Wissenschaftler. Seine Bedeutung geht viel tiefer. Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen erklären soll. Es ist der Mann Förk Kueinen, der für Finnland so viel bedeutet. Und deshalb versuche ich trotz allem, an ein Wunder zu glauben.«
»Es gibt keine Wunder. Das wissen Sie so gut wie ich.«
»Ich glaube doch.« Rissanen sagte dies sehr bestimmt. »Ich selbst habe bei Ihnen einige Operationen gesehen, die ans Wunderbare grenzten. Sie müssen es versuchen, Herr Professor, bitte …!« Und nach einer Weile: »Frau Birke Kueinen wartet im Vorzimmer.«
»Wieso — wer ist das? Seine Frau?«
Dr. Rissanen nickte.
»Und was soll ich dabei?«
»Sie weiß, wie ernst die Erkrankung ihres Mannes ist… aber auch sie hat gehofft, daß durch eine Operation … sie ist eine prächtige, tapfere Frau. Sprechen Sie doch mit ihr, Herr Professor.«
»Das habt ihr euch ja gut ausgedacht!« brauste Professor Hornstein auf. »Ihr laßt mich aus Deutschland kommen, damit ich der Frau sagen soll: Aus, nichts zu machen, Ihr Mann muß sterben. So ist’s doch, nicht wahr? Weil ihr zu feige ward, es ihr selbst zu sagen. Zum Teufel — wohin bin ich geraten!« Während er die letzten Sätze hinausschrie, wußte er, wie sinnlos seine Beschuldigungen waren und wie sehr sie die beiden Männer treffen mußten. Aber er konnte sich nicht helfen, er mußte sie anschreien, er mußte …
»Bitte …!« Das war der alte Arzt. Professor Hornstein sah ihn an, als würde er seine Anwesenheit erst jetzt wieder bemerken, und seine Stimmung schlug um.
»Ach ja«, sagte er müde. »Schon gut. Entschuldigen Sie. Also — in Gottes Namen! Lassen Sie Frau Kueinen herein.«
Birke Kueinen war eine mittelgroße, einfache Frau mit einem klaren, ausdrucksvollen Gesicht und großen, ernsten und sehr hellen Augen, denen man es ansah, wie sehr sie sich bemühte, ruhig zu erscheinen. Ihre Stimme war fest, als sie sagte:
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Professor, daß Sie unserer Einladung Folge geleistet haben.« Ihr Deutsch war gut, wenn auch ziemlich hart akzentuiert. Und bevor noch Professor Hornstein etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: »Bitte, sagen Sie mir ganz ehrlich, was Sie von dem Zustand meines Mannes halten.«
Professor Hornstein zögerte einen Augenblick, dann sagte er: »Leider, gnädige Frau… ich wäre glücklich, wenn ich etwas anderes sagen könnte … muß ich die Diagnose meines Kollegen Rissanen bestätigen. Tumor im Stirnhirn. Und aller Wahrscheinlichkeit nach inoperabel.«
»Sind Sie ganz sicher, Herr Professor?« Das Gesicht der Frau Kueinen war kreideweiß geworden.
Professor Hornstein nickte.
»Sie sagen: aller Wahrscheinlichkeit nach inoperabel. Also — besteht noch eine kleine Möglichkeit?«
»Vielleicht. Aber sie ist winzig klein. Eins zu hundert.«
»Dann…«, sagte die Frau langsam, und so, als wäre sie plötzlich in weite Fernen gerückt, »dann müssen Sie operieren. Selbst die kleinste Möglichkeit … eins zu hundert oder eins zu tausend … wir müssen sie nutzen. Die Argumente, mein Mann müßte der Wissenschaft erhalten werden, ich habe es in der Zeitung gelesen, sind mir gleichgültig. Er — er ist einzig und allein mein Mann. Ich liebe ihn. Wenn Sie nicht operieren, wird er sterben. Vielleicht noch ein paar Wochen, vielleicht sogar Monate … dahindämmern … er wird mich nicht mehr erkennen … und immer diese Schmerzen, Qualen, immer, immer. Und weil ich ihn liebe, werde ich wünschen: Stirb, bitte stirb, lieber Gott, laß ihn schnell sterben, laß ihn nicht länger diese Schmerzen erleiden, laß ihn sterben …!«
Das letzte flüsterte sie nur noch. In ihren Augen stand eine solch schreckliche Qual, daß es Professor Hornstein nicht mehr ertragen konnte. Er senkte den Blick.
»Bitte, Herr Professor«, sagte Birke Kueinen jetzt mit klarer Stimme, »bitte, operieren Sie. Bitte!«
»Ja«, sagte Professor Hornstein.
»Jetzt gleich. Bitte!«
»Ja.«
Im großen OP-Saal von Dr. Rissanen gleißten die Lampen. Es herrschte eine atemlose, gespannte Stille, in der nichts zu hören war als das überlaute Geräusch des Saugers.
Professor Hornstein hatte die Dura, die Hirnhaut des Patienten Förk Kueinen, freigelegt. Die OP-Schwester, eine kräftige, schweigsam-umsichtige Person, legte die bisher gebrauchten Instrumente — Skalpell, Pinzetten, Haken, Knochenzange und Knochensäge — zur Seite, ordnete die besonders feinen Pinzetten, Hirnspachtel, Duraskalpelle und Scheren auf dem Tisch.
Dr. Rissanen deckte das ganze Operationsgebiet mit gepreßter feuchter Watte ab.
»Ich mache jetzt auf«, sagte Professor Hornstein. »Duraeröffnung.« Seine Stimme klang klar und fest in der Stille. Die Umgebung versank jetzt für ihn, wie stets bei einer Operation. Sein ganzes Wollen, mehr noch, sein ganzes Sein konzentrierte sich auf seine Hände, die zu hochempfindlichen Werkzeugen wurden und die Instrumente mit unvergleichlicher Fertigkeit und Behutsamkeit führten. Jetzt gab es für ihn nicht mehr einen Patienten namens Förk Kueinen, einen Nobelpreisträger, sondern nur noch den offenen Schädel eines Menschen — und ein Problem.
Das Problem war der Tumor und seine Entfernung. Und er, Professor Hornstein, war nur noch dazu da, um dieses Problem zu lösen.
Er machte den ersten kleinen Schnitt in die Hirnhaut.
Der Anästhesist wiederholte: »Duraeröffnung.« Er zeichnete einen Vermerk in sein Tabellenbuch und starrte dann weiter wie gebannt auf Professor Hornsteins Hände.
»Melden Sie!«
Anästhesist: »Kreislauf gut, Blutdruck 120—70, Atmung gut.«
Professor Hornstein: »Gut. Der Blutdruck muß runter, auf etwa neunzig.«
»Blutdruck senken«, wiederholte der Anästhesist. Er versorgte den Patienten über die Dauertropfinfusion mit Medikamenten, die den Blutdruck künstlich senkten. Wenig später konnte er berichten: »Blutdruck jetzt 100—70.«
»Noch weiter runter.«
»Ich versuche es.«
Während der Anästhesist sich bemühte, den Blutdruck noch weiter zu senken — eine knifflige, doch besonders bei Gehirnoperationen unumgängliche Notwendigkeit — reichte die OP-Schwester Professor Hornstein nacheinander Duraskalpell und Duraschere. Einige wenige, mit höchster Präzision ausgeführte Schnitte. Der Professor konnte jetzt die Hirnhaut aufklappen.
Die Hirnwindungen lagen frei.
Dr. Rissanen saugte das ausströmende Blut ab, Professor Hornstein schloß die größeren Blutgefäße mit Silberclips. Dann glitten seine Finger behutsam über das Operationsgebiet. Die Hirnwindungen waren etwas abgeplattet und zeigten deutlich vermehrte Gefäßzeichnung.
»Kanüle!«
Vorsichtig sondierte Hornstein mit der stumpfen Kanüle, die ihm von der OP-Schwester in die geöffhete Handfläche gedrückt wurde, das verdächtige Gebiet.
In etwa zwei Zentimeter Tiefe war ein deutlicher Widerstand zu spüren.
»Stirnlampe!«
Die OP-Schwester setzte sie ihm auf. Die Spannung stieg, wenn dies überhaupt noch möglich war.
Professor Hornstein führte einen behutsamen Schnitt mit dem Diathermiemesser aus, trennte mit Spateln das Gehirngewebe, drückte es zur Seite. Jetzt mußte er mit besonderer Vorsicht zu Werke gehen. Operationsschäden müssen unbedingt vermieden werden. Gehirnzellen wachsen nicht nach, sie erneuern sich nicht wie die Zellen an anderen Körperstellen. Ein kleiner Schnitt zu viel kann unabsehbare Folgen haben.
Endlich wurde ein Stück des Tumors frei. Graurötlich schimmerte es aus dem Gewebe, ein Fremdkörper, die Ursache der tödlichen Krankheit.
Ob es eine Krebsgeschwulst war, ließ sich im Augenblick noch nicht entscheiden.
Professor Hornstein operierte weiter. Sehr langsam und sehr behutsam versuchte er, den Tumor aus seiner Umgebung zu lösen. Gefäße. Blutungen. Perlen roten Blutes, ein dünner Strahl Blut. Sein Rücken begann zu schmerzen. Vor seinen Augen begann es ganz leicht, kaum merklich zu flimmern. Er richtete sich auf, streckte die Schultern, atmete tief ein und wieder aus — und plötzlich, wie mit einem Schlage, war die Angst da: Was dann, wenn mich ausgerechnet jetzt, jetzt in diesem Augenblick, ein Schwindelanfall überrascht? So wie vorhin. So wie immer öfter in der letzten Zeit. Nicht jetzt! Bitte, nicht ausgerechnet jetzt! Großer Gott … nur das nicht!
»Hallo, da bist du ja«, sagte Dr. Egon Wolff, ohne sich umzusehen, als Oberarzt Dr. Westhaus und Dr. Eva Hochhoff in sein Zimmer traten. Er beobachtete aufmerksam das wallende Wasser in der Kaffeemaschine. »Setz dich. Bin gleich soweit.«
Dann sah er auf und lächelte, als er Eva erkannte.
»Na, das nenne ich eine Überraschung! Wie kommt dieser Glanz in meine Hütte?«
»Hütte? Sie haben das gemütlichste Zimmer im ganzen Haus.«
Der Psychiater sah sich zufrieden um. »Hab’ ich mir auch selber eingerichtet. Billig auf Auktionen gekauft, in Trödelläden … kenne ein paar wahre Fundgruben … selber aufpoliert, ein Hobby, sozusagen. Der Alte gab mir keinen Pfennig Zuschuß zu dem Unternehmen ›Zimmereinrichtung‹.«
»Es ist egal, wo man arbeitet. Hauptsache — man arbeitet«, ahmte Dr. Westhaus den Tonfall des Professors nach. »Hör mal, alter Junge, ich bräuchte eigentlich mehr als nur eine Tasse Kaffee.«
»Weiß ich.« Dr. Wolff holte eine Flasche Kognak aus dem Wandschrank, drei Gläser und schenkte ein. Sie tranken.
»Also — was war eigentlich los?« fragte Wolff etwas später den Oberarzt. »Sie müssen wissen …«, setzte er für Eva erklärend hinzu, »ich bin so etwas wie ein Beichtvater. Carl und ich kennen uns schon sehr, sehr lange.«
Dr. Westhaus erzählte kurz, was sich ereignet hatte. Der Ausbruch des Professors, der Entschluß Angelika zu operieren, der Zusammenstoß mit Angelikas Eltern. Als er fertig war, sagte Dr. Wolff nach einer Weile dumpfen Schweigens: »Da hast du dir ja was geleistet, mein Junge. Ich verstehe nur nicht, wie …«
Dr. Westhaus winkte ungeduldig ab. »Es ist passiert. Gut, der Alte wird mich natürlich vor die Tür setzen — so wie er augenblicklich in Stimmung ist. Und es hilft nichts zu sagen, wenn und wieso und warum.«
»Also nun: Was jetzt?« sagte Dr. Wolff.
Dr. Westhaus nickte nachdenklich. »In Deutschland werde ich kaum bleiben können. Und vielleicht soll man sich wirklich ein bißchen Luft um die Nase wehen lassen. Ein alter Freund schreibt mir immer wieder, ich soll zu ihm nach Teheran kommen … warum eigentlich nicht?«
»Teheran?«
Dr. Eva Hochhoff sah den Oberarzt aus weit aufgerissenen Augen an. »Aber — das ist doch … ist das wirklich notwendig? Vielleicht wird der Professor — nein — ganz bestimmt wird er mit sich reden lassen. Es ist doch alles gutgegangen. Soll ich … ich kenne ihn ja schon sehr lange und …«
»Es wird kaum etwas nützen«, sagte der Oberarzt mit einem gequälten Lächeln. Und dann sehr leise, während er Eva ansah: »Schade — ich — fühle mich eigentlich verflucht wohl hier.«
Doktor Wolff trank seinen Kaffee aus und drehte die leere Tasse nachdenklich zwischen den Fingern. »Vielleicht siehst du alles zu schwarz, Carl. Der Alte ist in der letzten Zeit wirklich ein bißchen — sagen wir — merkwürdig geworden. Aber er ist keiner von den anmaßenden, rechthaberischen Leuten, die wir auch kennen. Es gibt einige davon in unseren Krankenhäusern. Man konnte immer gut reden mit ihm. Was er nicht ausstehen kann, ist Dummheit und Verantwortungslosigkeit…«
»Und was ich getan habe, war dumm und verantwortungslos«, sagte Oberarzt Dr. Westhaus.
»Aber nur vom Standpunkt der Leute aus, die allein ihre Karriere vor Augen haben«, sagte Dr. Eva Hochhoff. »Wenn Sie mich fragen: Es war, weiß Gott — verantwortungsbewußt. Ich glaube nicht, daß ich es wagen würde, mir etwas Ähnliches aufzuladen.«
»Immerhin — ein Trost.« Dr. Westhaus lachte. »Na ja. Lassen wir es auf uns zukommen. Das Donnerwetter bricht noch früh genug über mich herein …«
»Er war schon immer ein leichtsinniger Kerl«, sagte Dr. Wolff zu Eva. »Na ja, als Junggeselle kann man sich’s leisten … Aber was ich sagen wollte …« Er hatte den Oberarzt und Eva mit seinen klugen, dunklen Augen schon eine ganze Zeitlang nachdenklich angesehen. Jetzt lächelte er: »Wißt ihr eigentlich, was eine Fügung des Himmels ist?«
»Dein Kognak und dein Kaffee«, sagte Dr. Westhaus.
»Das sowieso. Außerdem aber auch…« Dr. Wolff trat an seinen Schreibtisch, machte eine Schublade auf und zog ein Kuvert heraus. »Gerade bevor ihr kamt, versuchte ich, mich mit dem Gedanken abzufinden, daß ich zwei Theaterkarten für heute abend verfallen lassen muß, dazu noch Karten für eine Premiere. Hier sind sie. Schaut euch das Stück mal an.
›Ein Duell‹ heißt es, und die Hauptrolle spielt ein gewisser Frank Ehrenfeld. Hoffentlich vergeßt ihr darüber die trüben Gedanken — wenigstens für zwei Stunden. Gemacht?«
»Und ob! Sie kommen doch mit, Eva?« fragte Dr. Westhaus, und erst nach einigen Augenblicken wurde er sich bewußt, daß er sie nur beim Vornamen genannt hatte …
3
Professor Hornstein biß die Zähne zusammen. Er durfte nicht nachgeben. Vor den Augen der anderen! Er sprach mit seiner eigenen Schwäche wie mit einem lebenden Menschen, beschwor sie, von ihm abzulassen, kämpfte gegen die leichten Schleier an, die ihm der Schwindelanfall vor die Augen zauberte.
Und plötzlich, so schnell, wie es kam, war es wieder vorbei. Seine Umgebung rückte in gewohnte Dimensionen, das Flimmern zwischen seinen Augen und dem Operationsfeld war schlagartig verschwunden.
Ein Drittel des Gehirntumors war freipräpariert worden. Jetzt erst sah man deutlich, wie groß er war. Und das Schlimmste: Das Gewächs war gegen die Gehirnmasse nicht abgegrenzt. Unmöglich, es herauszuschneiden, ohne das Gewebe gefährlich zu verletzen.
Professor Hornstein hob langsam den Kopf und sah Dr. Rissanen gerade in die Augen. Und er las im Blick des Gegenübers den gleichen erschütterten Gedanken: zu spät.
Das Gehirn des Nobelpreisträgers Kueinen war durch ein bösartiges Gewächs tödlich umklammert. Es gab keine Rettung mehr. Das Leben Förk Kueinens zählte nur noch nach Stunden.
Professor Hornstein hatte seiner Frau Iris nichts von jenem Schwindelanfall während der Operation erzählt. Aber er wußte, daß es höchste Zeit war, diese immer häufiger werdenden Anfälle ernstzunehmen.
Wahrscheinlich Erschöpfung, sagte er sich, zutiefst beunruhigt. Ich habe viel zuviel gearbeitet. Seit Jahren nicht ausgespannt. Was dann, fragte er sich, wenn das so weiterging? Ein Chirurg mit Schwindelartfällen war ein Ding der Unmöglichkeit. Iris brauchte viel Geld für ihren großzügigen Haushalt. Daran war bis jetzt nichts auszusetzen gewesen. Auch er genoß die Annehmlichkeiten, die sie ihm zu bieten wußte. Würde sie es fertigbringen, sich einzuschränken? Auch die Ausbildung seines Sohnes war noch längst nicht abgeschlossen. Das Schlimmste aber: Wie sollte er ohne seinen Beruf weiterleben? Denn — das war sein Leben: die Klinik, der OP-Saal, die Instrumente, der Geruch nach Betäubungsmitteln, die gläubig-ängstlichen Augen der Patienten.
In der Nacht fand er trotz bleischwerer Müdigkeit keinen Schlaf. Die Hand auf die linke Brust gedrückt, lauschte er seinem Herzschlag. Man sprach so viel von Managerkrankheit, von kaputten Herzen — es wäre kein Wunder, wenn auch sein Herz von der dauernden körperlichen und geistigen Anstrengung angegriffen wäre. Am besten, sich einmal auf Herz und Nieren untersuchen zu lassen. Und das gleich hier in Helsinki. Zu Hause konnte leicht dummes Gerede aufkommen. Er würde morgen vormittag zu einem Herzspezialisten gehen.
»Iris …!«
Er streckte den Arm nach seiner Frau aus. Als er aus Rissanens Klinik gekommen war, schlief sie bereits. Oder hatte sie nur so getan?
»Ja?« Ihre Hand kam ihm entgegen.
»Schläfst du nicht?«
»Nein?« Weinte sie? Er glaubte aus ihrer Stimme Tränen herauszuhören und tastete mit den Fingern über ihr Gesicht. Aber die Wangen waren trocken und warm vom Schlaf, und dann griff sie nach seiner Hand und preßte sie auf ihre Lippen, und so lagen sie eine ganze Weile da, Seite an Seite, und der Professor dachte an all die Jahre, in denen er so wie jetzt neben ihr gelegen hatte, und er sagte:
»Du darfst mir nicht böse sein. Ich habe mich ekelhaft benommen. Ich weiß gar nicht, was in mich gefahren ist… überhaupt in der letzten Zeit. Ist’s sehr schlimm?«
»Sehr«, sagte sie.
»Ich bin müde«, sagte er. Und nach einer Weile zögernd, fast scheu wie ein junger Liebhaber, der mit den Worten ringt, mit denen er seine Werbung aussprechen soll: »Wir sind sehr selten allein… vielleicht sollten wir einmal irgendwohin verreisen … und dann nichts tun, ohne den Jungen, allein … gleich morgen von mir aus.«
»Und — wohin?« Aus ihrer Stimme hörte er, daß sie ihm nicht glaubte.
»Riviera? Ja? Wir wollten doch schon immer einmal hin.«
»Meinst du — meinst du das wirklich im Ernst?«
»Ganz bestimmt. Für drei Wochen mindestens.«
»Oh …!« Und dann, während sie sich aufrichtete, glücklich wie ein junges Mädchen, dem eben ein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, von dem es kaum zu träumen gewagt hatte: »Aber — aber wir haben doch keine Sachen mit, nur unsere Köfferchen …«
Er lächelte. Es war wundervoll, an seiner eigenen Frau solche typisch fraulichen Eigenschaften zu entdecken. »Richtig«, sagte er. »Wenn man eine schöne Frau hat, soll man ihr auch Gelegenheit geben, sich hübsch anzuziehen. Paß auf: Ich ordne alles in der Klinik, operiere noch die kleine Angelika, und in zwei Tagen fliegen wir weg. Für mindestens vier Wochen, keinen Tag weniger.«
»Und du wirst nicht wieder, wie so oft…«
»Nein. Diesmal nicht. Nichts soll mich abhalten!«
Iris preßte ihr Gesicht zwischen seinen Kopf und die Schulter, drängte sich ganz eng an ihn heran, und jetzt weinte sie wirklich. Er strich mit seiner großen, starken Hand zärtlich über ihre Schulter und über den Rücken, und seine Augen wurden heiß vor Glück — weil sie glücklich war.
Am nächsten Morgen, gegen neun, rief Dr. Rissanen an und sagte, Professor Förk Kueinen sei eben gestorben.
Eine Stunde später stand Professor Hornstein im Behandlungszimmer des finnischen Herzspezialisten Professor Helmström in der Universitätsklinik von Helsinki. Dr. Rissanen hatte alles in die Wege geleitet, so daß Professor Hornstein nicht hatte zu warten brauchen. Iris hatte er von seinem Vorhaben kein Wort gesagt.
Professor Helmström war ein blasser, schlanker Mann, der neben dem Hünen Hornstein noch zierlicher wirkte. Seine grauen Augen hinter den goldgefaßten Brillengläsern blickten kühl und klug. Er ließ sich die Symptome, die Professor Hornstein so erschreckt hatten, ausführlich schildern, ohne sich in irgendeiner Weise dazu zu äußern. Sein Gesicht blieb auch bei der anschließenden gründlichen Untersuchung undurchdringlich.
Hornstein trat der Schweiß auf die Stirn. Er begriff plötzlich die Beklemmung, die seine eigenen Patienten überfiel, bevor er ihnen das Ergebnis seiner Untersuchung mitteilte. Das Ganze fand er scheußlich.
»Alkohol?« fragte Helmström.
Hornstein nickte.
»Tabak?«
»Zigarren. Brasil.«
»Ausgerechnet! Wieviel?«
Hornstein kämpfte gegen die kindische Versuchung an, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. »Na ja«, sagte er, »sechs bis sieben Stück pro Tag.«
»Kaffee?«
»In rauhen Mengen.« Jetzt war ja schon alles gleichgültig.
»Überstandene Krankheiten?«
»Ich weiß gar nicht, was das heißt — krank sein.«
»Wir müssen ein EKG machen, Herr Kollege.«
»Dazu habe ich keine Zeit«, sagte Professor Hornstein ungeduldig.
Professor Helmström lächelte dünn. »Sie wissen, Herr Kollege, was wir immer den Leuten sagen, die behaupten, keine Zeit zu haben, um an ihre Gesundheit zu denken …«
»Ja, ja, natürlich. Sie haben vollkommen recht. Wenn es sein muß …«
»Es dauert nicht mal eine ganze Stunde.«
Während eine ältere Schwester Professor Hornstein über den Gang in einen anderen Raum führte, wuchs sein Unbehagen. Die Worte seines alten Freundes, des Bankiers Ehrenfeld, fielen ihm ein: »Sei mir nicht böse, mein Lieber, aber wenn es nicht gerade ans Sterben geht, würde ich mich nie in die Hände eines Arztes geben. Die machen einen ja erst krank. Man braucht nur ein Krankenhaus zu betreten, und schon fühlt man alle möglichen Wehwehchen auf sich zufliegen!« Damals hatte er, Hornstein, über diese Worte gelacht — jetzt war ihm gar nicht mehr danach zumute. Schauderhaft, das alles …
Als die Schwester ihn wieder in das Sprechzimmer zurückführte, war er soweit, daß er sich nicht mehr gewundert hätte, würde ihm der Kollege sofortige Bettruhe verordnen.
Statt dessen sagte Helmström überraschend: »Wie wär’s mit einem Kognak, Kollege? Oder möchten Sie lieber einen Whisky? Sie scheinen etwas mitgenommen.«
»Das kann man wohl sagen! Ein Kognak wird mir guttun.«
Professor Helmström goß seinem berühmten Patienten und sich selbst einen Kognak ein und reichte Professor Hornstein das Glas. Sie tranken.
»Vielleicht ist es ganz gut für unsereins, den Klinikbetrieb einmal von der anderen Seite kennenzulernen«, lächelte Helmström.
»Und — was haben Sie gefunden?«
»Gar nichts. Sie haben eine fabelhaft arbeitende elektrische Pumpe, aber kein Herz. Beneidenswert! Ihr Herz ist kerngesund!«
»Woher dann diese merkwürdigen Schwindelanfälle?«
»Vielleicht ist Ihre Brille nicht mehr ganz in Ordnung? Sie sollten mal zum Augenarzt gehen.«
»Natürlich. Das kann sein.«
»Und dann — ein Urlaub könnte Ihnen bestimmt nicht schaden. Ich habe den Eindruck, daß Ihre Nerven nicht mehr mitmachen.«
»Das habe ich vor. Vier — nein — sechs Wochen! Ich hoffe nur, Sie halten mich nicht für einen Hypochonder, weil ich…«
»Wenn man über fünfzig ist«, unterbrach ihn Professor Helmström, »ist jeder Tag, den man gesund verbringt, ein Geschenk des Himmels. Mit Geschenken aber soll man sorgfältig umgehen …!«
Angelikas Augen lachten Oberarzt Dr. Westhaus entgegen, als er in das Zimmer trat.
»Ich sehe aus wie eine indische Prinzessin«, sagte sie und zeigte auf den dicken Kopfverband. »Ist doch toll schick, was?«
»Es fehlen bloß noch ein paar dicke Diamanten und eine Pfauenfeder«, sagte der Oberarzt. »Wie geht’s?«
»Prima. Ich habe einen mächtigen Hunger.«
»Morgen kannst du essen — na — paß auf: Ei mit Zucker, Obstsaft…«
»Und ein Schinkenbrot mit sauren Gurken, ja? Und — und ein — ein — Wiener Schnitzel und — und …«
»Milchbrei!«
»Nö. Kein Milchbrei. Ungarisches Gulasch.«
»Und dazu ein großes Glas Bier, was?« Dr. Westhaus setzte sich an den Bettrand. Angelikas kleine, warme Faust verschwand in seiner großen Hand.
»Ursel glaubt mir nicht…«, mit dem Köpfchen deutete sie auf das andere Bett, in dem ein etwa gleichaltriges, blondes Mädchen lag und still, mit großen, ernsten Augen den Arzt ansah, »daß man mir den Kopf aufgemacht hat und so einen Splitter rausgenommen.« Sie zeigte mit den Händen die Größe des Splitters, danach hätte er einen halben Meter lang sein müssen. »Sag ihr, daß es stimmt.«
»Ganz so groß war er nicht«, sagte der Oberarzt. »Sonst hätte er gar nicht Platz gehabt in deinem Kopf.«
»Na, dann war er so groß.«
»Nein — so.«
»Wie ist er denn überhaupt reingekommen?« fragte Ursel. »Hast du ihn verschluckt und dann …«
»Nee. Paß auf: Ich bin durchs Fenster gefallen und habe mir den Schädel angehaut, der war ganz kaputt, und dann ist ein Splitter in den Kopf hineingewachsen. Sag mal — hast du auch so einen Splitter drin?«
»Nein. Ich bin krank gewesen, und dann wurde ich nicht gesund, und immer ist mir schlecht.«
»Kriegt sie auch den Kopf aufgemacht?« fragte Angelika den Oberarzt.
»Das müssen wir erst mal sehen. Paß auf, Ursel, auf alle Fälle kann dir Angelika ja alles erzählen, es hat ihr mächtig Spaß gemacht. Aber, Angelika, du darfst nicht verraten, was sie bekommt, wenn alles vorbei ist.«
»Niemals!« Angelika schüttelte ernst den Kopf. »EEG ist prima, so ähnlich wie Dauerwelle. Darf ich auch noch mal hin?«
Dr. Westhaus stand auf. »Das könnte dir so passen! Ach ja — ich soll dich von deinem Vater und der Mutti schön grüßen. Morgen kommen sie dich besuchen und bringen dir was mit.«
»Was? Sag’s mir!«
»Was ganz Tolles. Und du …« er trat an Ursels Bett und strich mit der Hand behutsam über ihr Gesichtchen, »…wenn du mal Angst hast oder traurig bist, dann sag’s nur Angelika. Sie weiß nämlich über alles Bescheid, und sie wird dir auch bestimmt sagen, daß du keine Angst zu haben brauchst.«
»Ich habe keine Angst.« Ursel schluckte tapfer die aufsteigenden Tränen hinunter. »Bestimmt.«
»Dann ist’s ja gut. Und jetzt schlaft, Kinder!«
Als Dr. Westhaus die Tür hinter sich geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte.
»Paß auf…«, hörte er von drinnen Angelikas helle Stimme, »… wenn die mit allem fertig sind, bekommst du vielleicht auch so einen schwarzen Pudel aus Wolle oder so was, niedlich, ganz, ganz hübsch. Aber du darfst nicht sagen, daß ich’s dir erzählt habe, nein?«
»Nein«, sagte Ursels Stimme leiser, kaum hörbar.
Gott sei Dank, dachte der Oberarzt, lächelnd, als er den Gang entlangging, Gott sei Dank, Angelika wird gesund, es ist alles in Ordnung, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ursel … wir werden sehen. Es ist egal, was wegen Angelikas Operation passiert — sie wird gesund!
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