Читать книгу: «Gewaltfrei, aber nicht machtlos»

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Maria Neuberger-Schmidt

Gewaltfrei,

aber nicht machtlos

Erziehung mit Herz, Verstand

und Führungskompetenz

Das Buch zum

ABC-Elternführerschein®

ENNSTHALER VERLAG STEYR

Erklärung:

Die in diesem Buch angeführten Vorstellungen, Vorschläge und Beratungsmethoden sind nicht als Ersatz für eine professionelle medizinische oder therapeutische Behandlung gedacht. Jede Anwendung der in diesem Buch angeführten Ratschläge geschieht nach alleinigem Gutdünken des Lesers. Autoren, Verlag, Berater, Vertreiber, Händler und alle anderen Personen, die mit diesem Buch in Zusammenhang stehen, können weder Haftung noch Verantwortung für eventuelle Folgen übernehmen, die direkt oder indirekt aus den in diesem Buch gegebenen Informationen resultieren oder resultieren sollen.

www.ennsthaler.at

1. Auflage 2013

eISBN 978-3-7095-0012-5 (EPUB)

eISBN 978-3-7095-0020-0 (MOBI)

Maria Neuberger-Schmidt . Gewaltfrei, aber nicht machtlos

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2012 by Ennsthaler Verlag, Steyr

Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich

Coverentwurf & Übersichtsseiten: Thomas Traxl – www.thomas-traxl.at

Titelfoto: UJac - fotolia.de

Satz & Layout: Ennsthaler Verlag

Vorwort
von o. Univ. Prof. Dr. H. Max Friedrich

Vorwort

von o. Univ. Prof. Dr. H. Max Friedrich

Die Erziehungsvorstellungen und Ziele sind zeitgeistig und gesellschaftlich Veränderungen unterworfen. Betrachtet man die Entwicklung der gewandelten Erziehungsstile der letzten 100 Jahre, so stand am Anfang die AUTORITÄRE Erziehung im Vordergrund. Die damals geltenden Schlagworte lauteten »Für Gott, Kaiser und Vaterland« und »Führer befiehl, wir folgen dir«. Es wurde die totale Unterwerfung unter eine Autorität gefordert. In der Nachkriegszeit kristallisierte sich in der 68er Generation mehr und mehr der ANTIAUTORITÄRE Erziehungsstil heraus, in dem möglichst keine Ge- und Verbote eingesetzt werden sollten. Dies bedeutete für Kinder eine nicht angstfreie, sondern ängstigende Erziehungsform, da Richtlinien in der Erziehung für ein Kind unumgänglich notwendig sind und bei bestmöglicher Freiheit Erziehungsgrenzen vermittelt werden müssen. Der antiautoritäre Erziehungsstil kann als gescheitert betrachtet werden, ebenso wie die danach folgende DEMOKRATISCHE Erziehung, bei der alles und jedes mit den Kindern ausdiskutiert werden sollte. Das Ziel, zur Demokratie hin zu erziehen, war zweifellos lobenswert, eignete sich jedoch nicht für eine umfassende Erziehungsnorm. Die nächste Phase eines Erziehungswandels führte zur LIBERALEN Erziehung. Wiederum war die Idee interessant und sogar wünschenswert, führte jedoch zu einer großen Verunsicherung vieler Eltern, da vor allem Kinder ab der Pubertät den PEERGRUPPEN Erziehungsstil wählten. Dies bedeutete, dass der letzte Rest elterlicher Autorität ins Wanken geriet.

Die gegenwärtige Diskussion über Erziehungsstile wird von Schlagzeilen, medialer Überfütterung, von Erziehungsratgebern, Supernannys und Mag. Dr. Google geführt.

Die gesellschaftlichen Veränderungen durch Reduktion auf Einkindfamilien, Mangel an großelterlicher Unterstützung, Arbeitsdruck, Patchworkfamilien und einzelerziehende Elternteile führen zu einem Vakuum im Imitationslernen und sozialer Identifikation. Moderne Armut wird zum erzieherischen Armutsrahmen, in dem, der Not gehorchend, wenig Zeit zur wichtigen pädagogischen Sozialisation bleibt. Die Schule ist vielfach außerstande, ihren im Schulgrundgesetz festgelegten Aufgaben zur Bildung und Erziehung nachzukommen.

Das vorliegende Buch hat es sich zur Aufgaben gestellt, erziehende Personen zur Gewaltfreiheit aufzurufen, die aber niemals Machtlosigkeit bedeuten darf. Gerade der Erziehung in der Familie, dem Grenzensetzen und der Vermittlung vom Umgang mit Gefühlen sind wesentliche Kapitel gewidmet. In sehr plastischen Beispielen werden Konfliktmanagement, Streitschlichtung und entwicklungspsychologische Strategien für Kinder von der Geburt bis zur Adoleszenz beschrieben.

Aus kinder- und jugendpsychiatrischer, individualpsychologischer Tiefenpsychologie und sozialpädagogischer Sichtweise sei diesem Buch Erfolg gegönnt, in dem im Fünf-Felder-Schema Körperlichkeit, Intellektualität, Emotionalität, Sozialisation und die Genderfrage Berücksichtigung erfahren sollen.

o.Univ.Prof.Dr. Max H. Friedrich

Vorstand der Univ.Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

am AKH Wien

Begleitwort

Begleitwort

Sie planen, Eltern zu werden?

Sie haben sich das Leben mit Kindern leichter vorgestellt?

Sie wollen Ihr Bestes geben und stoßen manchmal an Ihre Grenzen?

Selbst wenn Ihnen schon einmal die »Hand ausgerutscht« sein sollte: Keinesfalls wollen Sie mit Gewalt erziehen!

Dieses Buch, das die Grundlagen des ABC-Elternführerschein®s beschreibt, zeigt Ihnen, wie gewaltfreie Erziehung, basierend auf Wertschätzung und wechselseitigem Respekt zwischen den Generationen gelingen kann. Es soll vor allem verunsicherten Eltern Mut machen, zu ihrer elterlichen Autorität zu stehen, und aufzeigen, wie sie ihre Führungsqualitäten liebevoll und kompetent einsetzen können – zum Wohl ihrer Kinder, zur Schonung ihrer Nerven.

In diesem Buch enthalten sind nicht nur die Früchte meiner Arbeit mit Eltern, sondern es steht auch ein ganz persönlicher Lebensweg dahinter – der turbulente Weg einer Mutter von mittlerweile vier erwachsenen, aus zwei Beziehungen stammenden Kindern, sowie zwei Stiefkindern, die ich fünf Jahre lang in einer Patchwork-Familie durch die Pubertät begleiten durfte. Seit dem vierten Lebensjahr meiner jüngsten Tochter war ich allein erziehende Mutter. Meiner Einschätzung nach war ich eine mutige, bemühte und kompetente Mutter und ich freue mich, dass es mir gelungen ist, viele schwierige Situationen im Leben zu meistern. Allerdings habe ich auch Fehler gemacht. Darum habe ich versucht, ehrlich mit meinen Kindern, meiner Geschichte und mit meinen Stärken und Schwächen umzugehen. Ebenso habe ich begonnen, das durch Bücher und Studium erworbene Wissen zu hinterfragen, um es kritisch und lebendig in meine Arbeit integrieren zu können.

Als mein damals 15-jähriger Sohn mir attestierte, ein »guter Vaterersatz« zu sein, freute mich dies zwar, da er offensichtlich mit seiner Mutter zufrieden war, aber trotzdem weiß ich, dass er sich irrte. Auch einer allein erziehenden Mutter kann Erziehung gelingen, aber Vaterersatz kann sie niemals sein. Die häufige Abwesenheit der Väter, aus welchen Gründen auch immer, hat eine stärkere Prägung auf unsere Kinder, als es sich viele eingestehen wollen. Heute weiß ich den Wert von geordneten Familienverhältnissen noch mehr zu schätzen und das natürliche Anrecht der Kinder, mit Vater und Mutter aufzuwachsen. Alles andere kann nur die zweite Wahl oder das »kleinere Übel« sein.

Viele Jahre schien mir der in seinem Buch »Familienkonferenz« von Thomas Gordon entworfene »partnerschaftliche Erziehungsstil« der richtige Ansatz zu sein – bis ich merkte, dass ich das Wort »partnerschaftlich« im Zusammenhang mit Erziehung oft missverstanden hatte. Ich merke es aber auch bei den Eltern, die in unsere Kurse kommen, und auch in der Fachwelt.

Aus dieser Einsicht heraus habe ich ein Konzept entwickelt, das ich mit dem Bild von drei Körben darzustellen versuche: Es soll helfen, die Führungsrolle der Eltern besser zu verstehen, um spontan und stimmig, der jeweiligen Situation und dem jeweiligen kindlichen Entwicklungsstand entsprechend, das rechte Maß an Freiheit, Mitbestimmung und Gehorsam zu gewähren beziehungsweise einzufordern. Unter dem ungeliebten Wort Gehorsam verstehe ich das Recht, in bestimmten Situationen und mit Wertschätzung Anweisungen geben zu dürfen und zu erwarten, dass sie befolgt werden. Was ich konkret unter dem »3-Körbe-Prinzip« verstehe, erfahren Sie bei der Lektüre dieses Buches, in dem es darum geht, wie Sie diese Prinzipien auf Ihre persönliche Weise in Ihrem Erziehungsalltag umsetzen können.

Aufgrund der steigenden Nachfrage aus verschiedenen Regionen ist auch die Notwendigkeit entstanden, zertifizierte Elterntrainer/innen auszubilden, die den ABC-Elternführerschein® authentisch und kompetent vermitteln können. Meinem Elternwerkstatt-Team, insbesondere Katharina Grötzl und Silvia Berthold, sowie meiner langjährigen Freundin und Pädagogin Gertrud Hampel-Leikauf möchte ich für ihre klugen, kritischen und ermutigenden Anmerkungen beim Lektorat danken, ebenso Frau Mag. Dorothea Forster für ihr präzises, professionelles und einfühlsames Lektorat im Ennsthaler Verlag. An dieser Stelle möchte ich auch meinen Kindern Pamela, Rudolf, Maria, Michaela und meinen Stiefkindern Ákos und Laura sowie deren Vätern und den zahlreichen Eltern danken, die mir ihr Vertrauen geschenkt und mich zu diesem Buch inspiriert haben. Ein besonderer Dank gilt Herrn Professor Dr. Max H. Friedrich, der unsere Arbeit seit vielen Jahren kennt und unterstützt.

Liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie bei der Lektüre dieses Buches den Wunsch verspüren, die verschiedenen Anregungen praxisorientiert zu üben, dann lade ich Sie herzlich ein, an einem ABC-Elternführerschein® teilzunehmen, und wenn Sie gerade dabei sind, ihn zu machen oder ihn vor einiger Zeit schon kennengelernt haben, dann wird ihnen dieses Buch helfen, Ihr Wissen zu vertiefen und zu festigen.

Nun wünsche ich Ihnen eine spannende und gewinnbringende Lektüre und freue mich auf zahlreiche Rückmeldungen, um zu erfahren, was Ihnen gefällt, was Sie erstaunt oder was für Sie noch offen ist.

Mit herzlichen Grüßen, Ihre Maria Neuberger-Schmidt

Hier unsere Kontaktdaten:

Elternwerkstatt – Verein im Dienst von Kindern,

Eltern und PädagogInnen

A-1230 Wien, Tel.: +43-1-66 22 006

office@elternwerkstatt.at

www.elternwerkstatt.at

Erläuterungen zur
Anwendung dieses Buches

Erläuterungen zur

Anwendung dieses Buches

Gender-Erklärung

So wichtig mir die Bemühungen um weibliche Emanzipation, ein faires Verhältnis der Geschlechter zueinander und die damit verbundene geschlechtssensible Sprache sind, so kann bei deren strenger Einhaltung oftmals eine stilistische Schwerfälligkeit entstehen. Um dies zu vermeiden, werde ich in diesem Buch manches Mal nur die weibliche oder nur die männliche Form verwenden. In einigen Fallbeispielen ist von Müttern, in anderen von Vätern die Rede. Im Prinzip sind aber stets beide Elternteile gemeint und ebenso beide Geschlechter, wenn von Buben oder Mädchen die Rede ist.

Einzahl, Mehrzahl

Wenn ich von Kind oder Kindern in der Ein- oder Mehrzahl rede, so fühlen Sie sich bitte in der für Sie passenden Variante angesprochen.

Kapitel 1: Familie und Erziehung

Kapitel 1

Familie und Erziehung

»Wer nach Vollkommenheit strebt,

muss das Unvollkommene lieben«

Maria Neuberger-Schmidt

1.1. Erziehung – gestern, heute, morgen

1.1.Erziehung – gestern, heute, morgen

So wie alle Bereiche menschlichen Lebens, ist auch Erziehung nicht nur im persönlichen, individuellen, sondern auch im jeweiligen sozio-kulturellen, gesellschaftlichen Kontext zu sehen. In den letzten 60 Jahren hat sich ein starker gesellschaftlicher Wandel vollzogen, der die Einstellung zu Erziehung und zu Fragen der Autorität enorm verändert hat.

Erziehung zu Großmutters Zeiten

Wenn wir versuchen, uns in die Welt unserer Groß- und Urgroßmütter bzw. -väter hineinzuversetzen, in Zeiten der Großfamilien ohne Waschmaschinen, Geschirrspüler und all den Errungenschaften des modernen Haushalts, können wir vielleicht nachvollziehen, dass das Eingehen auf individuelle kindliche Gefühle und Bedürfnisse blanker Luxus war. Kinder mussten funktionieren und möglichst wenig Aufwand verursachen – im Vordergrund standen die Versorgung der Großfamilie und die Weitergabe der Tradition.

Gehorsam war als oberste Tugend angesagt. Das kindliche Recht auf Eigenwillen und Individualität war kein Kriterium und wurde stark eingeschränkt. Körperliche Strafen und Machtmissbrauch wurden als »elterliche Gewalt« legitimiert – was oft gravierende Auswirkungen auf die kindliche Persönlichkeit und ihr Selbstwertgefühl hatte. Jemand mit geringem Selbstwert wiederum kann Widerspruch schwer dulden. Er hat Angst davor, in Frage gestellt zu werden – besonders von den eigenen Kindern. Von Generation zu Generation war es also nicht leicht, das autoritäre Muster zu durchbrechen. Es wäre jedoch falsch, generalisierend daraus zu schließen, dass früher Eltern ihre Kinder nicht geliebt hätten und Autorität nur negativ erlebt worden wäre.

Grenzenlose Freiheit

Die Auswirkungen des nationalsozialistischen Regimes haben besonders deutlich gemacht, wohin missbrauchte Macht und Autorität führen können. Immer mehr Menschen wurde bewusst, wie sehr sie unter einer unterdrückenden, autoritären Erziehung zu leiden hatten, und sie wollten das ihren eigenen Kindern nicht antun. Daraus folgte der Trend zur anti-autoritären Erziehung, welche die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten der Kinder als vorrangiges Ziel sah. Der kindlichen Freiheit sollten nur ja keine Einschränkungen auferlegt werden. Der anti-autoritäre Erziehungsstil, der besonders bei vielen Eltern der 68er Generation sehr verbreitet war, blieb ebenfalls nicht ohne unerwünschte Nebenwirkungen: Er gibt Kindern zu wenig Halt und Orientierung und fördert die Entwicklung egozentrischer Persönlichkeiten, die Schwierigkeiten haben, sich in Gemeinschaften einzugliedern.

Partnerschaftlich – Verzicht auf Autorität

In den 70er Jahren entwickelte Thomas Gordon auf der Grundlage der humanistischen Psychologie seine »Familienkonferenz«. Er vertrat einen partnerschaftlichen Erziehungsstil und zeigte Wege auf, wie Eltern mit ihren Kindern Beziehung pflegen und sie in Problemlösungen einbeziehen können. Thomas Gordon war getragen vom Ideal der Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kindern und glaubte offenbar, auf Autorität ganz verzichten zu können. Vor allem ging es ihm darum, nicht nur die körperliche Gewalt zu verbannen, sondern Eltern dafür zu sensibilisieren, direkte oder indirekte abwertende Botschaften (Du-Botschaften) zu vermeiden. Eltern sollten Kinder durch Ich-Botschaften (authentischer Ausdruck ihrer eigenen Gefühle und Bedürfnisse) motivieren, auch auf ihre Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Eltern, die seine Gesprächsregeln anwenden, getragen von einer wohlwollenden, starken Persönlichkeit, ist oft gar nicht bewusst, dass ihre Autorität im Spiel ist, denn sie SIND Autorität. Ob bewusst oder unbewusst: Immer da, wo Liebe, Autorität und gesunde Familienstrukturen zusammenwirken, wird Erziehung gelingen. Wenn nicht, kommt es zu Verwirrungen und Komplikationen.

Unsicherheit und Überforderung

Es wurden und werden viele psychologische Bücher über Kindererziehung geschrieben und darüber, wie viel Unheil falsche Erziehung mit sich bringen kann, mit vielen Anregungen und guten Ratschlägen. Die Rechte, Gefühle und Bedürfnisse der Kinder stehen absolut im Vordergrund, Autorität gilt vielen als Unwort. Durch das Ideal der Gleichberechtigung und dem damit verbundenen Autoritätsverzicht und -verlust kommen Eltern in eine Zwickmühle. Es ist, als würde man von ihnen verlangen: »Geh schwimmen, aber mach dich nicht nass!« Sie sollen Verantwortung tragen, dürfen aber keine Macht ausüben. Das ergibt ein Anforderungsprofil an Eltern, dem sich viele nicht gewachsen fühlen. So manche moderne Mütter und Väter sind verunsichert und schwach ihren Kindern gegenüber. Sie gehen so sehr auf deren Wünsche und Launen ein, dass sie die Führung abgeben und sich allzu leicht Schuldgefühle unterjubeln und manipulieren lassen. Dadurch geraten Eltern unter einen ständigen Rechtfertigungsdruck und Machtverlust. Weil Kinder auf schwache Eltern nicht hören, orientieren sie sich zunehmend an Gleichaltrigen, an der Peer-Gruppe, die einander jedoch nicht Halt und Orientierung bieten kann. Wenn Kinder sich selbst überlassen sind, geraten sie unter Geltungszwang und Gruppendruck. Um nicht missverstanden zu werden: Ich denke, dass Kinder sehr wohl die Gesellschaft von Gleichaltrigen zu ihrer Entwicklung brauchen, aber sie können nicht Elternersatz sein, nicht elterliche Fürsorge und Geborgenheit bieten, weil sie deren selbst noch bedürfen.

Andererseits steht das moderne Leben mit seinen erheblichen Stressfaktoren oft im Widerspruch zu den eigentlichen Bedürfnissen der Kinder, die zu befriedigen manchen Eltern die Zeit und innere Ruhe fehlt. Statt sich mit ihren Kindern auseinanderzusetzen, werden sie durch bequeme Ersatzbefriedigungen aus der Konsumwelt abgelenkt und abserviert. Dadurch wird es immer schwieriger, authentische und tragfähige Eltern-Kind-Beziehungen aufzubauen, die Zeit und persönliche Präsenz erfordern.

Der gegenwärtige Trend in der Kindererziehung geht wieder hin zur Notwendigkeit des Grenzensetzens. Allerdings macht es einen Unterschied, ob ich aus der Perspektive der Gleichberechtigung oder Kraft meiner elterlichen Autorität Grenzen setze. Auch sind die Meinungen über brauchbare und akzeptable Methoden unterschiedlich. Manche Eltern wünschen sich eine »Super Nanny«, die ihnen wie eine Zauberfee die passenden Patentrezepte liefert.

Eltern haben eine Führungsrolle zu erfüllen

Im ABC-Elternführerschein® setzt man auf gewaltfreie und Halt gebende Erziehung auf Grundlage des Respekts für die Persönlichkeit, die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes, einer Kultur der Mitsprache und des Einspruchs und auf ein klares Bekenntnis zur elterlichen Autorität. Die Teilnehmer/innen haben Gelegenheit, ihre Rolle als Führungskraft im Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern zu reflektieren und kommunikative Schlüsselqualifikationen zur Stärkung ihrer natürlichen Erziehungskompetenz zu erwerben – für mehr Sicherheit, Gelassenheit und Freude im Erziehungsalltag.

1.2. Lebenseinstellung und Partnerwahl

1.2.Lebenseinstellung und Partnerwahl

Der Traum vom Glück

Wir leben in einer Zeit, in der das Streben nach dem persönlichen Lebensglück einen sehr hohen Stellenwert eingenommen hat. Wir wollen ein glückliches Leben mit einem liebevollen Partner, erfüllter Sexualität, einem netten Freundeskreis, materiellem Wohlstand, Wellness und schönen Urlauben. Wir wollen uns ein möglichst großes Stück vom Glück abschneiden und prüfen es in den diversen Alltagssituationen mit der Frage: »Was habe ich davon?«

Was bedeutet gelungenes Leben wirklich? Für mich ist es nicht das permanente Streben nach mehr, sondern die Zufriedenheit mit dem, was man hat, und sei es noch so wenig. Lebensschicksale sind sehr unterschiedlich. Wenn ich neidisch nach jenen schiele, die scheinbar mehr haben als ich, die es schöner, bequemer, leichter haben, dann bestimmt der Frust mein Lebensgefühl. Wenn ich aber für das, was ist, danken kann, dann lebe ich im Gefühl der Fülle, der Freude und der Zufriedenheit. Dann kann ich meine Aufgaben im Hier und Jetzt erfüllen und gelassen und konstruktiv an einer guten Zukunft bauen. Dann werde ich mich auch fragen: »Was hat die Welt davon, dass es mich gibt?« »Wie kann ich meine Talente und Fähigkeiten in den Dienst meiner Familie, meiner Mitmenschen und der Menschheit stellen?«

Mangelnde Vorbilder und naive Erwartungen

Immer weniger junge Menschen können heute auf das Vorbild ihrer Eltern zurückblicken und sich sagen: »Ja, so wie meine Eltern möchte ich auch einmal Beziehung leben!« Wir tragen die Sehnsucht nach einer glücklichen Paarbeziehung und einem harmonischen Familienleben in uns und holen uns die Modelle aus Film und Fernsehen, basteln uns ein inneres Traumbild zusammen, das häufig von sehr hohen Erwartungen geprägt ist. Unser Partner oder unsere Partnerin hat die unausgesprochene Erwartung »Mach mich glücklich!« zu erfüllen. Er oder sie verkörpert die Projektion unserer Sehnsüchte, an der ein realer Mensch praktisch nur scheitern kann. Umgekehrt erheben wir den Anspruch »Nimm mich so, wie ich bin!« mit all meinen Fehlern und Schwächen – die legitime Ursehnsucht jedes Menschen, die seit unserem ersten Atemzug in uns lebt.

Viele Menschen leben in Bezug auf ihre Erwartungen wie naive Kinder, mit einer gehörigen Portion Egoismus, und sind enttäuscht, wenn die Rechnung nicht aufgeht, wenn der andere nicht »mitspielt«. Nach der schönen Zeit der ersten Verliebtheit, wenn wir langsam die rosarote Brille abnehmen, stellt sich die entscheidende Frage: Können wir einander annehmen, so wie wir wirklich sind? Sind wir bereit, an unserer Beziehung zu arbeiten, um daraus eine echte Partnerschaft und eine tragfähige Basis für unser Familienleben zu machen?

Moderne Partnerwahl

Klug ist, wer sich solche Fragen schon im Vorhinein stellt, seine Partnerwahl nach tieferen Werten orientiert und sich nicht überstürzt in Beziehungen einlässt. Wer spannende Abenteuer sucht und sich vorrangig von den »Schmetterlingen im Bauch« leiten lässt, wird häufiger in Zufallsbeziehungen hineinstolpern und immer wieder Enttäuschungen erleben. Vielleicht hat man dann bereits ein oder mehrere Kinder in die Welt gesetzt. Wollen wir unseren Beziehungsfrust nicht in die nächste Partnerschaft mitnehmen, ist es sehr wichtig, dass wir uns Zeit für unsere Trauer nehmen, das Geschehene aufarbeiten und verzeihen. Nur wenn wir auch unseren eigenen Anteil am Misslingen eingestehen – können wir als reifere Menschen in eine künftige Partnerschaft gehen, die grundsätzlich in Patchwork-Familien vom Start weg um eine Nummer schwieriger sein wird. Beziehungsarbeit ist gefragt! Wer das nicht wahrhaben will, dem wird das Leben immer wieder neue Enttäuschungen bescheren.

Selbstverwirklichung und Selbstüberwindung

Noch eine Bemerkung zum Zauberwort Selbstverwirklichung, dem anspruchsvolle moderne Menschen einen hohen Stellenwert beimessen. Dies wird häufig ausschließlich mit Erfolghaben und individueller Entfaltung assoziiert. Mit Erfolg lässt sich’s leicht leben! Aber welchen Stellenwert haben Rücksichtnahme und Verzicht? Wie gehen wir mit unserem Versagen, mit Schwierigkeiten und Schicksalsschlägen um? Echte Selbstverwirklichung beginnt für mich erst dann, wenn ich auch bereit bin, die Schattenseiten meines Lebens anzunehmen.

Mir scheint, dass wir dauerhaftes Glück nur um den Preis der Selbstüberwindung erwerben können. Das Leben ist nun einmal eine Bewährungsprobe. Glücklich ist, wer das akzeptiert und sich ehrlich den Herausforderungen seines Lebens stellt. Der wird es nicht immer leicht haben, aber dem wird Leben gelingen – was auch immer das für den Einzelnen bedeuten mag.

1.3. Beziehungskultur

1.3.Beziehungskultur

Gesellschaftlicher Wandel

Der Zerfall der traditionellen Familie begleitet die Entwicklung der letzen Jahrzehnte in unserer modernen, westlichen Kultur. Soll man gegen dieses gesellschaftliche Drama ankämpfen oder diesen Zustand akzeptieren, indem man einfach beginnt, das Wort Familie neu zu definieren? Die traditionelle Kernfamilie wird häufig nur noch als eine der möglichen gleichwertigen Formen von Familie angesehen. Dennoch stellt die intakte, traditionelle Familie immer noch die Ursehnsucht junger Menschen und das ideale Nest für unseren Nachwuchs dar.

Der moderne Mensch wollte sich von gesellschaftlichen und moralischen Zwängen befreien und war bereit, für sein individuelles Glück einen sehr hohen Preis zu bezahlen. Die zunehmende Eigenständigkeit und Unabhängigkeit hat es insbesondere Frauen ermöglicht, aus unerträglichen Zwängen auszubrechen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das Positive daran: Heute bleibt man nicht mehr deshalb beisammen, weil man muss, sondern weil man es wirklich will. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass gesellschaftliche Normen nicht nur Zwangsjacke, sondern auch Schutz für das Individuum und für die Familie sind. Ich wage zu behaupten, dass die modernen Menschen mit ihrer neuen Freiheit nicht glücklicher geworden sind. Die vielen Alleinerziehenden und Patchwork-Familien sind meist nicht Resultat einer bewussten Wahl, sondern einer Situation, die sich irgendwie so ergeben hat. Die Belastungen für Eltern und Kinder sind meist nicht kleiner, sondern größer geworden und dementsprechend auch die unerfreulichen Nebenwirkungen.

Nach der wohl notwendigen individuellen Liberalisierung der letzten Jahrzehnte geht es jetzt darum, chaotische Entwicklungen zu erkennen und nach einem neuen Gleichgewicht zu suchen. Vielen jungen Familien gelingt das bereits und die moderne Psychologie bietet allerlei Möglichkeiten, Paare und Familien dabei zu unterstützen, gute und gesunde Grundlagen aufzubauen, das Gleichgewicht in den Beziehungen immer wieder neu zu finden und so einen lebendigen Prozess zu fördern. Die Hochzeit in Film und Märchen ist nur ein vorläufiges Happy End. In der Wirklichkeit fängt jetzt erst eine spannende Geschichte an und das Leben führt Regie.

Die Balance zwischen Geben und Nehmen

Jeder, der in längeren Beziehungen gelebt hat, wird das gelegentliche Gefühl kennen, zu kurz zu kommen, das Gefühl, mehr zu geben als zu empfangen. Es ist der Nährboden für Beziehungsfrust. Interessanterweise stellt er sich meist auf beiden Seiten ein. Um dieser gefährlichen Emotion keine Macht zu geben, müssen Sie sich einmal vor Augen führen, dass wir immer zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen einen direkten Zugang haben, zu jenen des Partners aber nicht. Jeder spürt, wo der eigene Schuh drückt. Beim anderen kann ich es nur indirekt nachvollziehen, wenn er es mir erzählt und ich obendrein genug Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen aufbringen kann und will. Daher erscheint das eigene Problem immer größer und wenn wir versuchen, das Geben und Nehmen streng quantitativ zu bemessen, ergibt sich dabei immer eine »optische Täuschung«. Ohne es zu wollen, nehmen wir die eigenen Bedürfnisse wichtiger als die des Partners, geben wir den eigenen Bemühungen einen höheren Stellenwert als jenen des anderen.

Daraus ergibt sich ein wichtiger Aspekt für gelungene Beziehungskultur, welcher in modernen Zeiten oft als naiv abgewertet wird, nämlich das Glück des anderen wichtiger zu nehmen als das eigene. Das klingt nach Aufopferung, und davon will der moderne Mensch nichts mehr wissen. Frauen scheinen dieses Geheimnis in ihrer tiefen, weiblichen Intuition immer schon geahnt zu haben.

Das Merkmal glücklicher Beziehungen besteht in der Grundhaltung: »Dein Wohl ist mir wichtiger als das eigene.« Wirklich beziehungsfähig sind nur jene Menschen, die in der Lage sind, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren und zu vertreten, die aber auch fähig und bereit sind, sie gegebenenfalls hintanzustellen.

Wenn idealer Weise beide Partner aus der Bereitschaft handeln, mehr zu geben als zu nehmen, dann wird sich das subjektive Gefühl einer stimmigen Balance auf beiden Seiten einstellen.

Nicht mit Anerkennung sparen

Eine weitere menschliche Eigenschaft ist es, Störungen stärker zu registrieren als das Positive, sei es bei den Kindern oder dem Partner. Dass es den ganzen Tag harmonisch war, nehmen wir kaum zur Kenntnis, eine Missstimmung aus nichtigem Anlass registrieren wir jedoch mit Verärgerung.

Wenn ich in Paarberatungen die Qualitäten des einen herausstreiche, meint oft der andere: »Ja, das ist doch selbstverständlich!« Warum aber sollten wir nicht auch das Selbstverständliche würdigen? Dass wir füreinander sorgen, Pflichten erledigen, für den Partner und die Kinder da sind, Solidarität statt Egoismus leben etc.? Familie und Gesellschaft würden ohne diese täglichen Selbstverständlichkeiten zusammenbrechen und im Chaos versinken.

Tagtäglich werden viele Gelegenheiten verpasst, einander Wertschätzung auszudrücken. Dabei ist es lebenswichtiges Vitamin C für unser Selbstwertgefühl und unser Wohlbefinden. Wenn ich genug positives Feedback erhalte, bin ich auch eher bereit, gelegentliche Kritik anzunehmen, anstatt sie in einem Reflex der Kränkung zurückzuschmettern.

Wir alle brauchen Anerkennung und Ermutigung. Warum geizen wir dann so sehr bei anderen damit? Ich plädiere nicht für ein exzessives, oberflächliches Schmeicheln, sondern für den wohlwollenden Blick auf die Qualitäten Ihres Partners oder Ihrer Partnerin und dies bei passender Gelegenheit in stimmigen Worten immer wieder auszudrücken. Im Zweifelsfall: lieber einmal zu viel als zu wenig. Was Ihnen anfänglich womöglich gekünstelt vorkommen mag, wird mit der Zeit und mit der Übung zu etwas wohltuend Natürlichem. Diese Übung brauchen Sie nicht allein auf Ihren Partner beschränken. Sie können sie bei Ihren Kindern, Ihren Nachbarn, Kollegen und Vorgesetzten, einfach überall anwenden, wenn Sie mit Menschen zu tun haben. Ich bin überzeugt, wir hätten mehr Lächeln in den Gesichtern und unsere tägliche Arbeit würde mehr Freude machen.

Ihr Partner ist die wichtigste Person in Ihrem Leben

Wir sollten auch bedenken, dass gerade unser Lebenspartner am meisten von unseren eigenen Belastungen abbekommt. Er oder sie ist Teamkollege, Manager, Blitzableiter, Kuschelecke, Vertrauter, Feuerwehr, Finanzminister, Koch oder Köchin, Putzfrau und Butler, Reparaturstelle etc. Niemand sonst kennt mich besser mit all meinen Licht- und Schattenseiten, mit meinen Fehlern und Schwächen. Das macht weich, aber auch verletzlich. Wenn Paare beginnen, auf den Schwachpunkten des anderen herumzutrampeln, dann geht es häufig unter die Gürtellinie und eine Negativspirale beginnt sich zu drehen.

Niemanden dürfen und müssen wir mit unseren eigenen Problemen mehr belasten als unseren Partner. Daher sollten wir gerade mit dieser Person besonders verständnisvoll und wertschätzend umgehen, hilfsbereit und rücksichtsvoll sein, damit wir uns tagtäglich und womöglich lebenslänglich einander »zumuten« können. Und wenn kein Partner da ist, dann ist es besonders wichtig, darauf zu achten, dass wir nicht mehr oder weniger unbewusst einem unserer Kinder diese Rolle zuzuteilen.

Verzeihen können

Da niemand perfekt sein kann und Verletzungen gerade in nahen Beziehungen sich nie ganz vermeiden lassen, sollten wir immer eine Haltung der Offenheit, des Dialogs und auch des Verzeihens einnehmen.

Lebensaufgabe Beziehung:

Einander helfen, bessere Menschen zu werden

Liebevoller, weiser und reifer zu werden ist die zentrale Lebensaufgabe jedes Einzelnen. Sie erfordert eine ehrliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Lebenssituationen und viel ehrliches Bemühen und Selbstüberwindung. Paare können einander in einzigartiger Weise dabei unterstützen.

Warum »Ändere dich!«-Botschaften auf Widerstand stoßen

Allerdings lauert hinter diesem Bemühen auch eine große Gefahr. Die Fehler und Schwächen, oder positiv ausgedrückt, das individuelle Verbesserungspotenzial erkennen wir beim anderen meist leichter als bei uns selber. Nachdem wir uns selbst infolge »optischer Täuschung« naiv als das Maß aller Dinge erleben (»So wie ich bin, ist es gut, ist es ›normal‹ «), messen wir andere Menschen, insbesondere unseren Partner, nach unserem persönlichen Maßstab. Abweichungen sind »nicht OK«. Leicht sind wir dazu geneigt, mit mehr oder weniger eifrigen Bemühungen »an die Arbeit« zu gehen, den andern verändern zu wollen. Wenn wir jedoch mit »Sei anders!«- oder »Ändere dich!«-Botschaften konfrontiert werden, reagieren wir naturgemäß mit Abwehr oder Rückzug, worauf der andere seine Bemühungen noch verstärkt. Der »Teufelskreis« beginnt sich zu drehen.

Paradox: Um mich ändern zu können, muss ich mich

zuerst einmal akzeptiert fühlen

Wie aber können wir tatsächlich wichtige und positive Veränderungen herbeiführen? Als Grundsatz sollten wir uns merken: Ich kann immer nur mich selbst verändern, nicht den anderen. Positive Veränderungen entstehen nur unter Freiwilligkeit, nicht unter Zwang. Ich muss also auch Handlungsspielraum lassen und dem anderen die Möglichkeit geben zu »kommen«.

Zunächst sollten wir prüfen, was wirklich wichtig ist, was wirklich stört. Ist das Verhalten des Partners falsch an sich oder liegt es an meiner subjektiven Sicht der Dinge? Sind wir uns über Werte und Ziele einig? Ist mein Partner überhaupt in der Lage sich zu ändern? In der Art und Weise und in der Geschwindigkeit, die ich mir wünsche? Oder ist ein geduldiger Lernprozess mit viel Toleranz aussichtsreicher? Schaffen wir es alleine oder brauchen wir Hilfe von außen? Hilfreich ist auch der offene Austausch mit anderen Paaren.

Die wichtigste Frage ist jedoch: Was kann ich an MEINEM Verhalten verändern, um eine Trendwende einzuleiten? Denn einzig und allein darauf habe ich tatsächlich Einfluss.

Es müssen auch Prioritäten gesetzt werden. Wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin 10 Eigenschaften hat, die Sie stören, dann entscheiden Sie sich zunächst nur für die wichtigste und konfrontieren Sie ihn wertschätzend mit der einen Angelegenheit. Nehmen Sie seine Sicht der Dinge ernst und fragen Sie, wie Sie ihn dabei unterstützen und welche Erwartung Sie im Gegenzug erfüllen können. Geben Sie einander Zeit, daran zu arbeiten. Würdigen Sie jedes Bemühen, jeden Erfolg. Um schlechte Gewohnheiten abzulegen, brauchen wir viel Ermutigung. Es ist wie bei Kindern. Schließlich müssen wir für jeden kleinen Lernschritt über unseren eigenen Schatten springen. Das erfordert eine gute Portion Selbstüberwindung und Selbstdisziplin.

Liebe, Konsequenz, Nachsicht und Treue sind einige der Eigenschaften, die wir benötigen, um einander zu helfen, bessere Menschen zu werden – ein lebenslanges Programm.

Egal, welche Probleme Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin haben: Kritik sollte immer mit Wertschätzung erfolgen und am besten unter vier Augen. Wenn Kinder erleben, dass ihre Eltern solidarisch und respektvoll miteinander umgehen, dann fühlen sie sich gut und geborgen. Dann lernen sie gutes Sozialverhalten und Achtung vor den Eltern wie von selbst.

1.4. Wie gehen wir mit Belastungen um?

1.4.Wie gehen wir mit Belastungen um?

Nach einer hoffentlich sorgenfreien Kindheit in der elterlichen Geborgenheit hat der junge Mensch gelernt, für sich selbst zu sorgen und Verantwortung in der Gesellschaft und in seiner Beziehung zu übernehmen. Mit der Geburt eines Kindes kommt eine weitere gewaltige Herausforderung auf ihn zu. Die mit einzigartiger Freude verbundene Elternschaft stellt junge Mütter und Väter auch auf eine besondere Belastungsprobe. Die äußeren Rahmenbedingungen sind unterschiedlich angenehm oder schwierig, wie auch jedes einzelne Kind. Es gibt die pflegeleichten Babys und die Schreihälse, die zarten und die robusten, die gesunden und die kranken. Auf alle Fälle erfordert ein Neugeborenes Pflege und Verfügbarkeit beinahe rund um die Uhr. Wenn ein Säugling im Tragetuch am Leben seiner Erwachsenen teilhaben darf, kann es den natürlichen Rhythmus der Eltern spüren, sich geborgen fühlen und vertrauensvoll in das Leben hineinwachsen.

Obwohl einerseits natürlich und selbstverständlich, kann es aber auch zur extremen Belastungsprobe werden: das neue Arbeitspensum, Verzicht und Einschränkungen, turbulente und schlaflose Nächte. Sind mehrere Kinder da, steigert sich der Arbeitsaufwand. Die junge Mutter braucht ganz dringend die Unterstützung ihres Partners, der aber nicht immer ausreichend verfügbar und belastbar ist. Womöglich muss er selbst erst lernen, dass seine Frau nicht mehr für ihn allein da ist. Schön ist es, wenn ein junges Paar auch mit der Unterstützung von außen rechnen kann. Sind bereits Kinder da, so ist es empfehlenswert, sie in die Pflegehandlungen mit dem neuen Säugling mit einzubeziehen. Dadurch erfahren sie Wertschätzung und werden weniger eifersüchtig. Mit der Zeit merkt man, dass mehrere Kinder nicht automatisch ein Mehrfaches an Arbeit bedeuten wie ein einzelnes, dass sie miteinander spielen, miteinander Spaß haben und nicht ständig die alleinige Aufmerksamkeit der Eltern beanspruchen – was bei klugem Familienmanagement eine spürbare Entlastung bedeutet.

Psychologen weisen mit Recht darauf hin, dass wir in schwierigen Situationen auf zusätzliche Ressourcen zurückgreifen sollten, denn nur wenn es uns selber gut geht, sind wir in der Lage, das zu geben, was erforderlich ist und von uns erwartet wird. Die gegenseitige Unterstützung und die Ausschau nach inneren und äußeren Ressourcen sind überaus wichtig.

Für mich stellt sich allerdings auch die Frage, ob ich überhaupt wirklich bereit bin, meine Belastungen anzunehmen. Wie haben das frühere Generationen ohne Pampers, moderne Einbauküchen, Waschmaschinen und Geschirrspüler geschafft? Bei durchschnittlich doppelt bis dreimal so vielen Kindern wie heute?

Mir scheint, dass die Bereitschaft, zu verzichten und Schweres auf sich zu nehmen, ebenfalls eine andere war. Viele unserer Mütter und Großmütter beteten schlicht und einfach um die Gnade, Schwierigkeiten zu meistern, ohne zusammenzubrechen. Und die meisten wuchsen über sich selbst hinaus, ohne Drogen, Alkohol und Psychopharmaka. Viele schafften es auch noch, liebevoll und gut gelaunt zu sein und sich über jeden einzelnen Entwicklungsschritt ihrer Kinder und jede kleine Erleichterung in ihrem Leben zu freuen. Ich hatte das Glück, meine Mutter nie jammern, anklagen oder beschuldigen zu hören. Sehr wohl aber konnte sie ausdrücken, was sie von wem erwartete. Der Vergleich meiner eigenen Lebenssituation mit jener vieler moderner Menschen hat mich zum Nachdenken gebracht. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, Schwierigkeiten tapfer und klug zu durchleben anstatt vor ihnen zu flüchten – und womöglich viele neue Probleme dadurch erst zu schaffen. Für den Vater gilt das genauso wie für die Mutter, egal ob sie sich zu einer traditionellen oder modernen Arbeitsteilung entschließen.

Mit dieser Schilderung möchte ich keinesfalls verallgemeinern, idealisieren oder bagatellisieren. Ich habe tiefe Achtung vor dem persönlichen Schicksal jedes Menschen. Belastungen lassen sich nicht vergleichen. Jeder Mensch hat seine individuellen Möglichkeiten und Belastungsgrenzen. Eine Hürde, die einer mit Leichtigkeit nimmt, macht dem anderen schwer zu schaffen. Daher sollten wir lieber einander helfen statt zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Aber ich möchte jede Mutter und jeden Vater ermutigen, sich ehrlich und tapfer den jeweiligen Herausforderungen ihres Familienlebens zu stellen. Denn gerade darin liegt ein enormes Potential an Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung, das uns zu reiferen und liebesfähigeren Persönlichkeiten werden lässt.

Trotz allem gibt es kaum tiefere Freuden im Leben eines Menschen als die Elternschaft. Es ist ein unglaublich großes Geschenk der Liebe, die Entwicklung eines kleinen Menschen begleiten und die Zuneigung und Zärtlichkeit eines Kindes erfahren zu dürfen.

1.5. Ist Erziehung out?

1.5.Ist Erziehung out?

Auch das Wort Erziehung hat in der modernen Pädagogik eine beträchtliche Abwertung erfahren. In vielen Menschen entsteht dabei das Bild vom Ziehen und Zerren, was einem möglichen gewalttätigen Eingriff in Kinderseelen gleichkommt. Ziehen, das mutet sich wie Gewaltanwendung an, zumindest wie Manipulation. Es löst Aversionen aus, weil es im Widerspruch zum Ideal einer freien und demokratischen Erziehung steht, die Kinder als gleichberechtigte Partner sieht und um die freie Entfaltung ihrer individuellen Persönlichkeit und Wesensart bemüht ist. Es wurde nach Alternativen im deutschen Sprachgebrauch gesucht wie Begleiten oder Ähnliches. Ein richtig passender Ersatz wurde allerdings bis heute nicht gefunden. Ebenso wie Macht und Autorität bekam auch das Wort Erziehung einen negativen Beigeschmack. Deshalb wollen manche Menschen einfach lieber darauf verzichten.

Wenn Erziehung mit Zwangsbeglückung oder Manipulation assoziiert wird, dann ist es berechtigt, erzieherische Maßnahmen äußerst kritisch zu betrachten. Wenn es unser Ziel ist, die Entwicklung freier, kreativer und verantwortungsbewusster Persönlichkeiten zu fördern, ist dann elterliche Autorität und Einflussnahme überhaupt berechtigt? Welche Art von Erziehung ist heute gefragt?

In Freiheit begleiten?

Gleichberechtigte Begleitung mit einem Maximum an Freiheit führt nicht automatisch zur gesunden Entfaltung des Kindes, zu Ich-Stärke, Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein. Im Gegenteil: Häufig führt ein Zuviel an Freiheit zu Orientierungslosigkeit und Chaos, Labilität, Willkür und Ich-Bezogenheit. Viele junge Menschen von heute haben nicht gelernt, sich in eine Gemeinschaft einzugliedern, sich Gesetzen und Regeln unterzuordnen, und scheitern häufig daran, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, welche diese Eigenschaften überall verlangt: im Unternehmen, im Staat, im Verkehr etc. Im Endeffekt fühlen sie sich dann keinesfalls frei, sondern im Abseits, an den Rand gedrängt, um ihre Chancen betrogen. Sie sind dann umso eher in Gefahr, in eine Abwärtsspirale von Arbeitslosigkeit, Drogen, Prostitution oder Kriminalität zu geraten. Und dafür tragen Eltern und Erzieher und zu einem gewissen Grad auch das ganze gesellschaftliche Umfeld Verantwortung.

Man kann nicht nicht Einfluss nehmen

Würde man Kinder sich selbst überlassen und alles entscheiden lassen, wäre auch das eine Art von Einflussnahme, eben die der erzieherischen Abwesenheit. Einfluss nehmen heißt für mich nicht automatisch manipulieren. Autorität ausüben heißt nicht automatisch unterdrücken. Die Frage an Eltern und Erzieher ist, welche Art von Einflussnahme sie ihren Kindern gegenüber ausüben wollen und welche Art von Autorität sie vertreten. Es gibt auch eine positive Autorität, die mit Liebe, Verständnis und authentischem, bewusstem und konsequentem Handeln einhergeht, ohne jegliche körperliche oder psychische Gewalt. Zu dieser Art von elterlicher Autorität will ich mich hier bekennen.

Gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt

Erziehen ist mehr als begleiten: Für mich beinhaltet das Wort »begleiten« etwas Kameradschaftliches, Gleichberechtigtes und Unverbindliches. Deshalb ist es mir für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern zu wenig. Ich möchte mich bewusst für das Wort »erziehen« entscheiden, weil es mit einer Beziehung zu tun hat, in der die Eltern die Verantwortung für das Wohl und die Entwicklung des Kindes tragen, welches als Person wohl gleichwertig, nicht aber gleichberechtigt ist.

Erziehen heißt für mich ein klares Bekenntnis zu elterlicher Verantwortung und Autorität, zur elterlichen Führungskompetenz und Macht. Ich spüre, dass jetzt bei manchem Leser Widerstand oder Widerwille hochkommt. Bitte um Geduld! Was ich damit meine, darauf komme ich noch ausführlich zu sprechen.

Die Macht des Gärtners

Mir persönlich gefällt das Bild vom Gärtner. Er schafft günstige Rahmenbedingungen für Boden, Luft und Sonne. Er pflegt seine Sprösslinge, indem er gießt, düngt, stützt, Unkraut jätet usw. In ihrer Wesensart entfalten dürfen sich die Pflanzen und Blumen dann ganz von selbst – jede nach der ihr eigentümlichen Gesetzmäßigkeit. Der Gärtner merkt an ihrem Wohlergehen, ob seine Maßnahmen richtig waren, und kann sie an die jeweiligen Bedürfnisse und Gegebenheiten anpassen. Das ist seine Form der Kommunikation mit den ihm anvertrauten Lebewesen. Manche Gärtner reden auch noch mit ihren Pflanzen, worauf sie angeblich mit besonders freudigem Wachstum reagieren. Der Gärtner trägt die Verantwortung für die ihm anvertrauten Sprösslinge. Werden sie vernachlässigt, sind ihre Lebenschancen stark eingeschränkt, so auch bei Kindern.

Einen wichtigen Unterschied gibt es allerdings zwischen Pflanzen und Menschen: Blumen widersprechen nicht, wie es Menschenkinder tun.

1.6. »Ich weiß, was gut für dich ist!«

1.6.»Ich weiß, was gut für dich ist!«

Auch dieser Satz löst heutzutage »Allergien« aus, ist er doch äußerst ambivalent besetzt. Gerne wurde er insbesondere von früheren Generationen dazu verwendet, kindliche Wünsche zu unterdrücken und sich hinter der »Maske Autorität« zu verschanzen, um der heranwachsenden Generation nicht Rede und Antwort stehen zu müssen und Kritik mundtot zu machen. Unterdrückte Konflikte erzeugen jedoch Widerstand und feindselige Gefühle, das ist allgemein bekannt. Manche Menschen spielen gerne mit ihrer Macht unter dem Mäntelchen der Fürsorge – nicht nur im Kinderzimmer.

Bevormundung in bester Absicht

In bester Absicht oder warum auch immer, zu starke Bevormundung kann zu Entwicklungshemmungen führen, zur Entfremdung zu mir selbst. Manchen Menschen ist eine chronische Unsicherheit förmlich ins Gesicht geschrieben. Nicht selten hat sie ihre Wurzeln in ihrer Erziehung, geprägt von ängstlicher oder unterdrückender Bevormundung.

Wenn ein anderer behauptet, zu wissen, was gut für mich ist, dann traue ich bald selbst nicht mehr meinen eigenen Empfindungen und Meinungen, sondern schaue auch noch als Erwachsener stets auf eine höhere Instanz, um Bestätigung oder Erlaubnis einzuholen.

Für Kinder mit starker Persönlichkeit ist dieser Satz ein Reizwort und provoziert Protest und Widerstand, spätestens in der Pubertät.

Unsere eigene »Landkarte« prägt unser Weltbild

Weiß nicht jeder selbst am besten, was gut für ihn ist? Gilt das nicht auch für unsere Kinder? Selbst wenn wir zu wissen glauben, was für unsere Kinder gut ist: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir doch immer von unserer eigenen subjektiven »Landkarte« ausgehen, von unserer Persönlichkeit, geprägt von unseren persönlichen Erfahrungen, Wünschen und Ängsten.

Respekt und Wertschätzung

Um Kindern wirklich gerecht zu werden, müssen Eltern versuchen, sich in sie hineinzuversetzen, dem Geheimnis ihrer Persönlichkeit nachzuspüren, um ihr Wesen, ihre Neigungen und Talente zu erkennen. Das erfordert einen tiefen Respekt vor der sich entfaltenden, einmaligen Persönlichkeit des Kindes und ein behutsames, achtsames Hinhören. Darum ist das einfühlsame, aktive Zuhören eine der wichtigsten Schlüsselqualifikationen für Eltern und alle Menschen, die einen respektvollen und wertschätzenden Umgang miteinander pflegen wollen.

Wenn Eltern ihren Kindern diese Haltung entgegenbringen, bekommen sie sehr wohl ein Gespür dafür, was gut für ihre Kinder ist, und strahlen es auch aus – ohne ihnen diesen Satz selbstherrlich drüberzustülpen.

1.7. »Ich weiß, was gut für dich ist!« – die andere Seite der Medaille

1.7.»Ich weiß, was gut für dich ist!« –

die andere Seite der Medaille

Eltern und Erzieher müssen wissen, was gut für ihre Kinder ist! Das Baby und Kleinkind muss sich darauf verlassen können, dass seine Eltern in den vielen alltäglichen Situationen die richtigen Entscheidungen treffen, wie auch der Gärtner wissen muss, welche Maßnahmen zu welcher Jahres- und Entwicklungszeit zu treffen sind.

Kinder brauchen einen geschützten Rahmen

»Ich weiß, was gut für dich ist!« ist vor allem eine Haltung, die Eltern ausstrahlen müssen. Sie gibt dem Kind Sicherheit und Geborgenheit und bildet zusammen mit Liebe und Annahme den Boden zur Festigung des Urvertrauens. Nur in einem geschützten und von Eltern verantworteten Rahmen können Kinder unbeschwert ihr Kindsein ausleben.

Kinder nicht mit Freiheit überfordern

Schon früh beginnen Kinder, nach Freiheit und Autonomie zu streben und Dinge für sich selbst entscheiden zu wollen. Es beginnt mit »Selber, selber!« und hört sich später vielleicht so an: »Von dir lass ich mir nichts mehr sagen! Ich weiß selbst, was gut für mich ist!« Manche Kinder fordern sehr vehement, auf eigenen Beinen zu stehen, und trauen sich in diesem an sich gesunden Impuls oft mehr zu, als sie dann tatsächlich bewältigen können. Wenn Eltern in falsch verstandener Freiheitsideologie nicht lenkend und Grenzen setzend eingreifen, führt das beim Kind nicht zur Stärkung der gesunden Willenskraft, sondern zu Labilität, Launenhaftigkeit, Willkür und Aggression. Auch die soziale Eingliederung kann durch das zu starke Ausleben des kindlichen Eigenwillens und natürlichen Egoismus erschwert werden.

Autoritätsverlust führt zu elterlicher Verunsicherung

Nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten restriktiver Erziehungskultur ging die Tendenz der letzten Jahrzehnte eher dahin, Kindern sehr viel eigene Entscheidungsfreiheit zuzugestehen. Daher wurde in bester Absicht zu viel elterliche Autorität abgegeben. Das hat bei der heutigen Elterngeneration große Unsicherheit und oft auch Hilflosigkeit verursacht, welche erst recht zu elterlicher Unberechenbarkeit und nicht selten zu offener oder unterschwelliger Aggression ihren Kindern gegenüber führt. Was als kindliche Freiheit und Eigenständigkeit gepriesen wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung oft als Trend zur Verwahrlosung. Erwachsen gewordene Kinder sagen dann rückwirkend: »Ich konnte machen, was ich wollte. Ich hatte den Eindruck, meinen Eltern war es sowieso egal!«

Kinder in die Krise

Bei Kindern und Jugendlichen wiederum hat der Selbstbestimmungs- und Freiheitskult dazu geführt, dass sie sich immer weniger von Erwachsenen sagen lassen. Wenn Erziehende die Steuerung abgeben, führt dies zu mangelnder Selbstdisziplin, Charakterschwäche und fehlendem Verantwortungsbewusstsein. Es verleitet dazu, dass junge Menschen immer jünger Entscheidungen treffen und Erfahrungen machen, für die sie noch nicht reif sind. Das führt zu Überforderung und Entwicklungsstörungen, zu schwerwiegenden Krisen und verpatzten Lebenschancen. Wie viele Umwege und Leid könnten unserer Jugend erspart bleiben, wenn sie auf gut gemeinte und fundierte Ratschläge von Eltern und Pädagogen/innen hörte!

Eltern mit Führungskompetenz

Erziehung gelingt am besten dann, wenn beide Seiten aufeinander hören und einander ernst nehmen und wenn Eltern und Erzieher fähige Berater und Mentoren sind, die auf Basis von Liebe und Annahme Kinder bei der Entscheidungsfindung unterstützen, mit Widerstand umgehen und Einsicht fördern können. Die kompetente Anwendung der Coaching-Formel »Verstehen, Klären, Lösen« ist hier die erforderliche Schlüsselqualifikation. Kinder brauchen gefestigte Persönlichkeiten, die ihnen Interesse und Aufmerksamkeit schenken und die sie als Vorbilder achten können.

Entwicklungschance für beide Seiten

Der Weg in die Eigenständigkeit ist ein Prozess lebendiger Entwicklung, der beide Seiten emotional fordert. Die Verantwortung bleibt aber bei Eltern und Pädagogen/innen. Sie müssen Einfühlungsvermögen und Führungskompetenz beweisen, um die wahren Bedürfnisse ihrer Kinder Bescheid wissen, sie liebevoll auf ihrem Reifungs- und Loslösungsprozess begleiten und die täglichen Herausforderungen auch als Chance für ihre eigene Entwicklung sehen.

Kapitel 2: Erziehung und die Frage der Macht

Kapitel 2

Erziehung und die Frage der Macht

»Wer liebt, herrscht ohne Gewalt

und dient, ohne Sklave zu sein«

Zenta Maurin

2.1. Grundsätzliche Überlegungen

2.1.Grundsätzliche Überlegungen

Viele Menschen haben ein derart gestörtes Verhältnis zum Thema Macht, dass man sie in der Erziehung am liebsten ganz abgeschafft hätte. Weil mit der Ausübung von Macht die Gefahr von Gewalt und Machtmissbrauch einhergeht, wurde sie in den letzten Jahrzehnten in der Pädagogik generell negativ bewertet. Man wollte sie aus der Erziehung verbannen. Deshalb ist sie nicht etwa verschwunden, sondern sie treibt seltsame Blüten, oft im Verborgenen. Viktor Adler sieht in der Frage der Macht das zentrale Motiv für menschliches Handeln.

Wir müssen uns vor Augen halten, dass sich ein gesundes Selbstwertgefühl nur dann entwickeln kann, wenn sich ein Kind akzeptiert, ernst genommen und handlungsfähig, also mächtig fühlt, im Gegensatz zu ohnmächtig. Macht ist also nichts Negatives an sich, auch nicht die elterliche Macht, sondern es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Lassen Sie mich einige grundlegende Überlegungen dazu anstellen.

Grundsatz 1: Macht braucht Legitimität

Staat und Gesellschaft

Im Staat ist sie durch Verfassung, Gesetze und Verordnungen geregelt in Parlament, Regierung und Verwaltung, Polizei und Gericht. In der Wirtschaft wird sie durch Arbeitsrecht, Verträge und Vereinbarungen ergänzt. Im Leben der Demokratie geht die Macht durch freie Wahlen vom Volk aus.

Elternhaus

Die Legitimität der elterlichen Macht ergibt sich aus der biologischen Beziehung. Sie wurzelt in der Fürsorge und Verantwortung der Eltern für ihre Kinder und deren anfänglicher Hilflosigkeit und Unfähigkeit zu selbständigem Überleben.

Schule

Die Legitimität der pädagogischen Macht ergibt sich aus dem für die Durchführung des Bildungsauftrags benötigten Ordnungsrahmen.

Macht darf nur zum Dienen dienen

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Macht nur dort legitim ist, wo sie zum Wohle derer dient, über die sie ausgeübt wird, um ein gemeinsames, übergeordnetes Ziel zu erreichen.

Grundsatz 2: Macht braucht Befugnisse

Im Staat, bei der Polizei und in der Wirtschaft sind die jeweiligen Befugnisse klar definiert. Der Finanzminister z. B. hat klar definierte Möglichkeiten, wie er seine Steuern eintreiben kann. Ein Polizist kann Strafmandate austeilen.

Welche Befugnisse haben Eltern und Lehrer? Mir scheint, dass man ihre Befugnisse aus Angst vor Machtmissbrauch stark reduziert, indem man den Worten Macht und Autorität einen negativen Beigeschmack verpasst hat.

Gab es früher oft ein Zuviel an Autorität, so erleben wir heute eher ein Defizit. Pädagogen sehen sich häufig vor dem Dilemma, dass sie Führungsverantwortung tragen müssen, ihnen aber die dafür erforderlichen Machtbefugnisse aberkannt wurden.

Stattdessen fordert man von ihnen, Jugendliche allein über die Kunst der Motivation zu lenken. Diese ist überaus wichtig im pädagogischen Alltag und erfordert permanente Selbstreflexion und Weiterbildung. Aber es ist, als müsste der Finanzminister allein auf Aufklärung und Motivation setzen, um seine Steuern einzuheben. Ob alle Staatsbürger die Reife hätten, ihre Abgaben freiwillig in der erforderlichen Höhe abzuliefern?

Grundsatz 3: Macht braucht Kontrolle

Ethisch saubere Machtverhältnisse kommen ohne entsprechende Kontrollmechanismen nicht aus. Es bedarf mehrerer Ebenen, um Macht zu kontrollieren.

a)Durch übergeordnete Instanzen

In der Erziehung ist das zum Beispiel die Jugendwohlfahrt.

b)Im Reflexions- und Erfahrungsaustausch auf gleicher hierarchischer Ebene

zwischen dem Elternpaar, aber auch in der Beratung, in Seminaren und im Erfahrungsaustausch von Eltern untereinander.

c)Durch jene, über die sie ausgeübt wird

Überall muss es ein Recht auf Einwand oder Einspruch geben. Es ist die Aufgabe der Eltern, die Einwände ihrer Kinder ernst zu nehmen und ihnen Gesprächs- und Konfliktkultur zu vermitteln. Immer aber sollten die Ebenen des Respekts gewahrt bleiben und Wertschätzung in beide Richtungen fließen.

In den vorangegangenen Seiten habe ich einen Schwerpunkt darin gesehen, ein Defizit elterlicher Autorität in der gegenwärtigen Erziehungskultur aufzuzeigen. Damit möchte ich aber keineswegs die Bemühungen um Liberalisierung und Demokratisierung der vergangenen Jahrzehnte abwerten, die für unsere westliche Kultur überaus wichtig waren, sondern lediglich darauf hinweisen, dass ein neues Ungleichgewicht entstanden ist, welches die Gefahr einer reaktionären Gegenbewegung in sich birgt.

Meine Aufgabe sehe ich darin, mich für ein neues Gleichgewicht einzusetzen und Eltern darauf zu sensibilisieren, in ihrem Erziehungsalltag die jeweils richtige Balance zwischen Freiheit, Mitsprache und Gehorsam zu erkennen, und sie in ihren Fähigkeiten zu bestärken, stimmig, authentisch und selbstbewusst auf die unterschiedlichen Situationen zu reagieren.

2.2. Betrieb Familie

2.2.Betrieb Familie

Stellen Sie sich Ihre Familie wie einen kleinen Betrieb vor. Die Eltern sind die Vorgesetzten, die Kinder die Mitarbeiter. Da stellt sich die Frage: Haben Sie Führungskompetenz? Wissen Sie, was Sie von welchem Mitarbeiter verlangen können? Sind die Aufgaben klar definiert? Geben Sie Gelegenheit zur Mitsprache? Nehmen Sie die Sorgen Ihrer Mitarbeiter ernst? Überlegen Sie sich, was Sie von einem Chef erwarten, damit Sie gerne für ihn arbeiten, und prüfen Sie, wie weit dieses »Anforderungsprofil« auf Sie zutrifft als »Boss« Ihren Kindern gegenüber.

Wie viel Führungskompetenz haben Sie?

Die nächste Frage ist, ob Sie sich als Chef ernst genommen und respektiert fühlen. Können Sie sich durchsetzen? Wird Ihre Autorität akzeptiert? Sind Sie konfliktfähig? Können Sie delegieren? Wie locker oder mühsam funktionieren die alltäglichen Abläufe? Wie viel Kontrolle dürfen oder müssen Sie ausüben? Passt das Betriebsklima? Stimmt die Vertrauensbasis? Gibt es Mobbing oder Machtmissbrauch? Macht das Zusammenleben Freude oder ist es von Chaos, unterschwelligen Konflikten und Machtkämpfen geprägt? Wichtig ist auch, ob das Führungsteam, die Eltern, gut kooperieren und wertschätzend und freundlich miteinander umgehen und ob Fairness und Solidarität die Beziehungen prägen.

Eine Fülle von Aufgaben

Der Betrieb Familie hat eine Fülle von Aufgaben zu bewältigen, die von Visionen und Zielen geleitet werden: Die materielle Existenzsicherung der Familie, Gesundheit und Freizeit, die Entfaltung und Ausbildung des Nachwuchses – das alles erfordert bewusstes Handeln, die Schaffung tragfähiger und klarer Strukturen und gerade in unserer modernen Welt ein kluges und effizientes Zeitmanagement.

Wofür steht Ihre Familie?

Wie sieht es mit der Familienkultur, mit der »Corporate Identity« in Ihrem Betrieb Familie aus? Welche Ausstrahlung hat er nach innen und nach außen? Welche Rolle spielt er in der Gesellschaft? Welche Werte und Familienregeln sind Ihnen wichtig? Wie werden diese den Mitarbeitern vermittelt? Stärken sie ihnen den Rücken oder stellen sie ein einengendes Korsett dar oder gar ein Gefängnis, aus dem man am liebsten ausbrechen möchte?

Coaching und Weiterbildung

Die Liebe der Eltern zueinander und eine funktionierende Partnerschaft bieten das beste und tragfähigste Gerüst für ein erfülltes Familienleben. Bitte beachten Sie: Nicht nur die Mitarbeiter, auch die Führungskräfte müssen von Zeit zu Zeit auftanken, brauchen Coaching und Weiterbildung, um die vielfältigen Anforderungen des modernen Lebens zu bestehen. Das gilt auch, wenn die Eltern voneinander getrennt sind, und erhält einen besonderen Stellenwert bei Alleinerziehenden. Wie sieht es mit Ihren persönlichen Ressourcen aus? Wo holen Sie sich die Kraft, die Sie brauchen, um gut für sich selber und Ihre Familie sorgen zu können? Der Austausch im Freundeskreis und die gelegentliche Rücksprache mit kompetenten Vertrauenspersonen helfen, die eigene Situation objektiv zu beleuchten und sogenannte »blinde Flecken« zu vermeiden, auch dann, wenn man selbst »vom Fach« sein sollte.

Familie lässt sich nicht kündigen

Ein guter Chef fühlt sich für seine Mitarbeiter verantwortlich, Eltern umso mehr. Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings zwischen Firma und Familie: Eltern und Kinder genießen absoluten Kündigungsschutz! Daran kann z. B. auch eine Scheidung nichts ändern. Mit dem Erwachsenwerden erhalten die Kinder immer mehr Selbständigkeit und Unabhängigkeit und gründen eines Tages ihre eigene Firma oder Familie, in welcher die Eltern höchstens noch beratende Funktion einnehmen. Trotzdem bleiben sie mit ihren Kindern in einer lebenslangen Schicksalsgemeinschaft verbunden, die einen einzigartigen Reife- und Entwicklungsprozess für beide Seiten möglich macht, der aber auch schwierige und schmerzhafte Anteile beinhalten kann.

Wie schön ist es, wenn erwachsene Kinder sich in Liebe und Dankbarkeit von ihren Eltern lösen können, um eine neue Beziehung der Gleichberechtigung und Generationensolidarität miteinander einzugehen.

2.3. Die natürliche hierarchische Ordnung

2.3.Die natürliche hierarchische Ordnung

Moderne Eltern wollen Kinder nach demokratischen Prinzipien erziehen und sie gehen vom Ideal der Gleichberechtigung aus. Im Konfliktfall wird Eltern von den meisten Experten geraten: Verständnis, Geduld, diskutieren, verhandeln, verhandeln, verhandeln – bis eine für beide Seiten akzeptable, eine sogenannte WIN-WIN-Lösung gefunden wird. Ein wunderbares Konzept für Erwachsene, in das Kinder hineinwachsen sollten.

Aber kennen Sie das? Sie haben Ihrem Kind ausreichend erklärt, warum es Zähne putzen soll, warum es einen bestimmten Film nicht sehen darf etc. Jede weitere Erklärung wird mit einem »Ja, aber …« abgeschmettert. Da fängt man an, sich sozusagen den »Mund fusselig« zu reden, kein Argument kann motivieren und überzeugen. Hier geht es also um das Durchsetzen notwendiger Maßnahmen, nicht um Win-Win-Lösungen, weil dem Kind offenbar noch die nötige Reife und Einsicht fehlt.

Wenn ein 5-Jähriger oder 12-Jähriger bei der Debatte über das Fernsehprogramm zu seinen Eltern sagt: »Aber du schaust dir doch auch an, was du willst!«, fehlt diesen oft das passende Argument. Aus Sicht der Gleichberechtigung ist dieser Einwand stichhaltig. Wie kommen Sie dazu, Ihrem Kind Vorschriften zu machen? Das tun Sie doch auch Ihrem Partner oder Ihrer Freundin gegenüber nicht! Spüren Sie, dass das mit der Gleichberechtigung so nicht stimmen kann?

Kinder sind gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt

Sie haben von Geburt an dieselbe Würde wie Erwachsene und verdienen dieselbe Wertschätzung – aber sie haben nicht dieselben Pflichten wie ihre Eltern und daher auch nicht dieselben Rechte – eine pädagogische Binsenweisheit, die aber durch die blauäugige Gleichberechtigungsbrille betrachtet häufig verzerrt wird.

»Ich will den Willen meines Kindes nicht brechen!«,

sagen verantwortungsbewusste und bemühte Eltern, fühlen sich aber zunehmend hilflos, wenn ihre Anweisungen ignoriert werden oder das Kind auf legitime Auforderungen mit »Hab’ keine Lust!«, »Mir doch egal!« reagiert oder wenn es sich weigert, seine Sachen in Ordnung zu halten, Hausaufgaben zu erledigen, sich gesund zu kleiden oder zu ernähren, etc.

»Kinder lernen aus den Folgen«

ist ein Slogan, der eine gewisse Berechtigung hat. Aber was ist, wenn mein Kind die Folgen auch dann nicht ernst nimmt, wenn es die zehnte Bronchitis oder Blasenentzündung hat, die Zähne bleibenden Schaden nehmen oder die Tochter mit 20 ohne Schulabschluss und Berufsausbildung dasteht? »Du hättest das besser wissen müssen!«, lautet dann der berechtigte Vorwurf der jungen Leute an ihre Eltern.

Ob wir es wollen oder nicht: Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist nicht von Gleichberechtigung, sondern von einer natürlichen hierarchischen Ordnung geprägt. Die Rolle der Eltern ist die von Führungskräften. Sie tragen die Verantwortung dafür, das Unternehmensziel zu erreichen, die Existenz ihrer Mitarbeiter abzusichern und ein Klima zu schaffen, bei dem jeder seine Rechte und Pflichten kennt und ein offenes und verständnisvolles Miteinander möglich wird. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, dürfen sie ihre Führungsverantwortung nicht abgeben – um dann womöglich den Kindern die Schuld am Chaos zu geben.

2.4. Elternrechte, Elternpflichten, Kinderrechte, Kinderpflichten

2.4.Elternrechte, Elternpflichten,

Kinderrechte, Kinderpflichten

Die Pflicht der Eltern ist es, ihre Kinder zu lieben und für sie zu sorgen, ihre Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Die Pflicht der Kinder ist es, ihre Eltern zu achten und ihnen zu gehorchen. Das ist die Ausgangsbasis in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern und entspricht der natürlichen hierarchischen Ordnung zwischen den Generationen, den »Ordnungen der Liebe«, um es mit Bert Hellinger zu sagen. So ist es auch im vierten Gebot festgelegt: »Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass du lange lebest und es dir wohlergehe auf Erden.«

Alle menschlichen Kulturen basieren auf dem Respekt der jüngeren vor der älteren Generation. Es widerspiegelt den Vorsprung an Wissen und Erfahrung und gewährleistet die Balance zwischen Geben und Nehmen, da das kleine Kind noch nicht die Verantwortung für das eigene Leben übernehmen kann. Umgekehrt können seine Eltern ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, wenn es sich notorisch ihren Weisungen widersetzt und die Achtung vor ihnen verliert. Tiefenpsychologisch gesehen verliert es damit auch seine Selbstachtung. Wer seine Eltern nicht respektieren kann, hat auch Schwierigkeiten, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Heute ist erfreulicherweise viel von Kinderrechten die Rede. Was man Kindern, auch noch hierzulande und über den Globus betrachtet, alles antut, ist eine Schande für die Menschheit. Andererseits hat unsere westliche, konsumorientierte Jugend begonnen, selbstbewusst auf ihre Rechte zu pochen, manchmal auch ohne den gebührenden Respekt. Daher stellt sich für mich auch die Frage: Was ist mit den Kinderpflichten? Ich glaube, dass wir die junge Generation nicht nur mit Kinderrechten, sondern auch mit Kinderpflichten vertraut machen müssen, so wie auch Elternrechte und Elternpflichten stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert werden sollten.

2.5. Der Kampf der Generationen

2.5.Der Kampf der Generationen

»Ich will aber nicht!« – Schon in der Trotzphase wird klar, dass sich Kinder gegen den elterlichen Willen auflehnen und ihren eigenen durchsetzen möchten. Es geht also um die Frage der Macht.

Kindlicher Widerstand ist

eine entwicklungspsychologische Notwendigkeit

Warum fordern Kinder Erwachsene so häufig zum Machtkampf heraus? Weil der Kampf der Generationen zum natürlichen Entwicklungsprozess dazugehört!

Indem sie Erwachsenen Widerstand entgegenbringen, lernen Kinder, ihren eigenen Willen und ihre Interessen zu spüren und durchzusetzen, auszuloten, wie viel Macht sie besitzen und sich gegen Übergriffe anderer zu wehren.

Wir dürfen es als Zeichen ihres Vertrauens werten, dass wir Eltern für sie die Ansprech- und Konfliktpartner Nummer Eins sind – weil sie eben zu uns eine ganz besonders enge und einmalige Beziehung haben – und dürfen ihr Trotzen und Revoltieren nicht persönlich nehmen.

Eltern und Pädagogen/innen sind aufgefordert, sich dieser Herausforderung zu stellen, wenn sie Kinder ins Leben begleiten. Dieser natürliche Machtkampf zwischen Eltern und Kindern löst bei Erwachsenen oft Angst aus und wird nicht selten mit Unterdrückung und Gewalt beantwortet. Das muss aber nicht so sein! Das natürliche Kräftemessen kann auch von Wertschätzung, Liebe und Fairness geprägt sein und kann solchermaßen einen absolut positiven Beitrag in der kindlichen Entwicklung und in unserer Beziehung zum Kind leisten.

Kinder wollen starke Eltern

Wie sollen Kinder Respekt haben, wenn Eltern schwach und nachgiebig sind und sich zu viel gefallen lassen? Es ist natürlich, dass Kinder testen, um zu wissen, woran sie sind und wie weit sie gehen können. Jedoch können sich Kinder nur dann bei ihren Eltern geschützt und geborgen fühlen, wenn sie sie als überlegen erleben und zu ihnen aufschauen können.

Konfliktkultur

Kinder wollen eine klare Antwort auf ihre Frage der Macht. Eltern, die sich zu ihrer Führungsrolle bekennen, können diese so ausüben, dass sie sich nicht zu Machtmissbrauch – meist aus Überforderung – hinreißen lassen, sondern dass sie eine Kultur des Einspruchs und Widerspruchs möglich machen, damit Kinder lernen, ihre Wünsche und Bedürfnisse, aber auch ihre Einwände so zu artikulieren, dass sie zu ernst zu nehmenden Verhandlungspartnern heranreifen können. Auch liegt es in der Kompetenz der Führungskraft, konstruktive Streitkultur zu vermitteln, bei der alle Beteiligten sich respektiert und ernst genommen fühlen.

Kinder brauchen authentische und starke Persönlichkeiten und Vorbilder – echte, wohlwollende Autoritäten.

Überforderung durch Schwäche

Wenn Eltern ihre Führungsrolle und ihre Macht abgeben, wird oft jeder kleine und notwendige Ablauf im Familienalltag zur Nervenprobe. Damit überfordern sie nicht nur sich selber, sondern vor allem auch ihre Kinder, weil es ihnen an Halt und Orientierung fehlt.

Solche Kinder werden führungslos, frech und altklug und wir bringen sie um ihre unbekümmerte Kindheit und womöglich auch um ihre zukünftigen Chancen im Leben.

2.6. Führungskompetenz und Führungsverantwortung

2.6.Führungskompetenz und

Führungsverantwortung

Was versteht man nun unter Führen oder Führung?

In einem Skriptum aus dem Fach Betriebswirtschaft meiner Tochter Michaela (Quelle leider unbekannt) fand ich zu diesem Thema folgende Aussagen:

»Führen ist das Richtung weisende und steuernde Einwirken auf das Verhalten anderer Menschen, um ein Ziel zu verwirklichen. Es umfasst auch den Einsatz verschiedener Ressourcen. Führen ist lehr- und lernbar.«

Was unterscheidet nun Führen von Zwang und Manipulation? Es hat mit der Legitimität der Führungsposition, der Kompetenzen und Machtbefugnisse und mit der Wahl der Mittel zu tun. Manipulation ist versteckte Machtausübung – sowohl was das Ziel als auch die Mittel anbelangt. Sie lässt sich schwer nachweisen, insbesondere dann, wenn ihre Opfer unmündige Kinder sind oder sich scheinbar freiwillig einem Diktat unterwerfen.

»Führen ist nichts Selbständiges an sich, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, um Visionen, Planungsvorstellungen, Ziele, Aufträge und deren Anforderungen realisieren zu können. Führen hat eine dienende Funktion – nämlich der Sache, dem Ziel.«

Diese dienende Rolle kennen Eltern zur Genüge. Mit der Geburt eines Kindes wird ein langer Lebensabschnitt dieser Aufgabe untergeordnet. Wie lässt sich nun das Dienen mit dem Bekenntnis zu elterlicher Macht und Autorität vereinbaren? Zenta Maurin hat es in bewundernswerter Weise auf den Punkt gebracht und darum steht dieses weise Zitat auch zu Beginn dieses Kapitels: »Wer liebt, herrscht ohne Gewalt und dient, ohne Sklave zu sein.«

»Effizientes Führen ist für den Erfolg unabdingbar.«

Egal, wie man die Erziehungskultur vergangener Tage beurteilen mag – es gab einen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens darüber, was akzeptiert war und was nicht. Kinder und Jugendliche wussten, was man von ihnen erwartete, woran sie waren, was sie sich erlauben konnten und was nicht. Dadurch war es für Eltern leichter, Führungskompetenz auszuüben.

Das hat sich in unserer modernen, pluralistischen Zeit grundlegend geändert. Erziehung ist zur Privatsache geworden. Es gibt viel weniger verbindliche Werte und Methoden, auf die Eltern zurückgreifen können, und keinen allgemeinen Konsens, was erlaubt ist und was nicht. Ein Überangebot an Erziehungsratgebern schafft oft erst recht Unsicherheit. Die Jugendschutzbestimmungen wurden lockerer und können sehr individuell ausgelegt werden. Dadurch können sich Eltern kaum mehr auf diese berufen, wenn sie dringend eine Stärkung ihrer elterlichen Autorität benötigen.

Es gibt kaum jemanden, der einen 12-jährigen Raucher im öffentlichen Raum zur Rede stellen würde, und wenn, dann wehren sich viele Eltern gegen einer derartige Einmischung. Das bedeutet aber auch, dass sie nicht mehr auf die Ressource eines erziehenden Kollektivs zurückgreifen können und Eltern heute zunehmend alleine dastehen und das Grenzensetzen viel mühsamer geworden ist als in früheren Zeiten. Ist man noch dazu allein erziehend, fehlt auch der zweite, stärkende und ausgleichende Elternteil.

All das hat Erziehung heute schwieriger gemacht und es ist notwendiger denn je, sich der eigenen Werte und Führungskompetenzen bewusst zu werden und ständig daran zu arbeiten.

Welches sind nun die Ziele der Erziehung?

Das langfristige Ziel der Erziehung besteht darin, die nächste Generation, die nächsten Führungskräfte heranzuziehen. Dabei handelt es sich darum, Kindern eine gesunde und ihren Anlagen und Begabungen entsprechende Entfaltung ihrer Persönlichkeit und ihre Integration in der Gesellschaft zu ermöglichen, in einer Weise, die sie ein aktives und verantwortungsbewusstes Individuum werden lässt, das im Einklang mit sich selbst, seinen Mitmenschen und der Umwelt leben kann – das aber auch genügend Selbstbewusstsein besitzt, seine eigene Meinung zu vertreten, und genügend Mut und Zivilcourage, sich in begründeten Fällen auch gegen den allgemeinen Strom oder gegen Autoritäten zu stellen.

»Die Aufgabenstellung des Managers konzentriert sich immer mehr auf menschliche und soziale Führung.«

Die Aufgabenstellung der Eltern umfasst nicht nur die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern vor allem auch die emotionale und soziale Entwicklung der Kinder und die Vermittlung von Werten. Eltern sind für das Familienmanagement verantwortlich. Sie sorgen für den Lebensunterhalt der Familie und müssen auch Verpflichtungen in Staat und Gesellschaft wahrnehmen. Bei alldem sollen auch ihre eigene persönliche Entwicklung und das eigene Wohlergehen nicht zu kurz kommen.

Welche Eigenschaften haben erfolgreiche Führungskräfte?

Wie Eltern ihre Rolle als Führungskräfte sehen und welche Aufgaben ihnen zum jeweiligen Entwicklungsstand ihrer Kinder zukommen, wird in unseren Seminaren von den Teilnehmern aktiv erarbeitet. Welches Anforderungsprofil haben verantwortungsbewusste Eltern zu erfüllen? Hier einige Anregungen:

•Liebesfähig, einfühlsam, belastbar, selbstsicher,

ausgeglichen, flexibel

•verantwortungsbewusst, positiv denkend,

aufmerksam, kritikfähig, konsequent

•Eltern sollten Veränderungen wahrnehmen und angemessen darauf reagieren, das Kreativpotential der Kinder und Partner erkennen und schätzen und an ihre Kinder glauben.

•Hinzu kommt ein hervorragendes Zeit- und Ressourcenmanagement

Sind Eltern Übermenschen?

Ein derartiger Anforderungskatalog ist nicht selten von Versagensängsten begleitet. Müssen Eltern Übermenschen sein? Nein, sie dürfen auch Fehler haben, aber sie sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und offen und verantwortungsvoll damit umgehen. Eltern müssen auch dafür sorgen, dass sie sich vor Überforderung bewahren, indem sie einander partnerschaftlich unterstützen und sich gegebenenfalls auch Ressourcen von außen holen, damit sie ihre wichtige Aufgabe der Kindererziehung gut erfüllen können.

Echt sein geht vor perfekt sein

Eltern verdienen Ermutigung und Wertschätzung und dürfen mit ihren Sorgen und Nöten von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht allein gelassen werden, denn sie leisten die wichtigste volkswirtschaftliche Aufgabe, die in einer Gesellschaft erbracht werden kann: Sie sichern den Fortbestand unserer Zivilisation.

Freiheit, Mitsprache, Gehorsam/Autorität

In einem gut geführten Unternehmen hat jeder Mitarbeiter ein gewisses Maß an Freiheit, an Mitbestimmung, aber auch an Weisungsgebundenheit (Gehorsam). In diesem Rahmen hat er oder sie die Möglichkeit, sich zu engagieren und zu entfalten, um zum Unternehmenserfolg beizutragen und selbst einmal in eine Führungsrolle hineinzuwachsen.

Daher stellen wir uns die Frage: Wie viel Freiheit, Mitsprache und Autorität braucht ein Kind?

2.7. Das »3-Körbe-Prinzip«

2.7.Das »3-Körbe-Prinzip«

In den zahlreichen täglichen Interaktionen zwischen Eltern und Kindern fällt es nicht immer leicht, schnell und gleichzeitig situationsgerecht zu reagieren. Was können Sie erlauben, was nicht? Wie lange sollen Sie mit Ihren Kindern diskutieren? Wann lieber nicht? Wann sollen Sie auf Gefühle eingehen, wann auf Ihre Autorität pochen? Das Bild von den drei Körben soll Ihnen helfen, die jeweilige Situation schnell und stimmig zuzuordnen, um rasch und kompetent reagieren zu können.


Das 3-Körbe-Prinzip Eltern als Führungskräfte: gewaltfrei, aber nicht machtlos
Die natürliche hierarchische Ordnung: Eltern sorgen – Kinder folgen – Kultur des Widerspruchs Kinder sind gleichwertig (Würde, Wertschätzung), aber nicht gleichberechtigt (unterschiedliche Rechte und Pflichten). Wir hören aufeinander: Eltern auf die Gefühle und Bedürfnisse der Kinder, Kinder auf das Wort der Eltern
FREIHEIT – Kinder bestimmen Für Gefühle und Bedürfnisse. Die Wesensart des Kindes annehmen, wie es ist Fördert: Kreativität, Lebensfreude, Selbstwertgefühl, individuelle Entfaltung Freiheit braucht einen geschützten Rahmen je nach Situation, Alter und Entwicklungsstand des Kindes VERSTÄNDNIS, ANNAHME Aktives Zuhören, Coaching
MITSPRACHE – Beide bestimmen Bei Dingen, die Kinder etwas angehen, bei Problemen, die sie haben oder verursachen Fördert: Kompetenz, Selbstbewusstsein Verantwortungsgefühl, Kooperation Kinder nach ihren Ideen fragen, wie sie Probleme lösen möchten PARTNERSCHAFTLICHKEIT Verhandeln, Familienkonferenz
GEHORSAM – Eltern bestimmen Bei Dingen, welche die Kompetenzen und Einsichtsfähigkeit der Kinder überschreiten Fördert: inneren Halt, Sicherheit Geborgenheit, soziale Eingliederung Regeln, Strukturen, Gebote, Verbote, Vorbilder, Werte, Familienkultur, Rituale GRENZEN, AUTORITÄT Anweisungen, Konsequenzen, Strafen

Übersicht 1

Der Korb der Freiheit

Hier bestimmt das Kind, es kann tun, was es will. Hier kann es seinen kindlichen Übermut, seine Fantasie und seine Sorglosigkeit ausleben und Lebenslust auftanken. Es ist der Bereich der Gefühle und Bedürfnisse, der Lebensfreude und der Kreativität. Ein Kind muss auch spüren, dass es so sein darf, wie es seiner Wesensart nach ist. Das gelingt, wenn Eltern die Botschaft vermitteln: »Ich mag dich, wie du bist!« »Wir freuen uns, dass es dich gibt!« Das vermittelt Selbstwertgefühl und Urvertrauen.

Der Korb der Mitbestimmung

Hier bestimmen beide, das Kind darf mitreden. Es gibt Angelegenheiten, bei denen Sie Ihr Kind alters- und situationsbedingt mitbestimmen und mitentscheiden lassen können. Indem Sie Ihr Kind auf diese Weise ernst nehmen, stärken Sie das kindliche Selbstbewusstsein und sein Verantwortungsgefühl. Einmal getroffene Entscheidungen sollten auch für das Kind verbindlich sein – es sei denn, es wird neu verhandelt. Dies ist der Bereich der Mitbestimmung und der Eigenverantwortung.

Der Korb des Gehorsams

Hier bestimmen die Eltern, das Kind muss folgen. In manchen Belangen hat sich das Kind einfach den Anordnungen der Eltern zu fügen. Regeln und gute Gewohnheiten können dazu beitragen, dass dieser Bereich zu einer Selbstverständlichkeit wird. Er hilft entscheidend mit, den Schutz des Kindes zu gewährleisten und die notwendigen alltäglichen Abläufe effizient und reibungslos abzuwickeln. Hier bekennen sich Eltern zu ihrer natürlichen Autorität und gewähren dem Kind dadurch Halt, Sicherheit und Geborgenheit. Es ist der Bereich der Grenzen, der Achtung und des Respekts zwischen den Generationen. Liebevolle Autorität gibt Halt, fördert Selbstdisziplin und stärkt die Liebe der Kinder zu ihren Eltern.

Schauen wir uns die einzelnen »Körbe« noch genauer an.

Korb 1: Der Korb der Freiheit

In der Deklaration der Menschenrechte steht: »Jeder Mensch ist frei und gleich an Würde geboren.« In seiner Würde ist jedes Kind frei von Anfang an. In die Freiheit des Handelns muss es erst Schritt für Schritt hineinwachsen, bis es erwachsen ist. Sensible Eltern haben Respekt vor der Persönlichkeit und Würde ihres Kindes, vor der Freiheit, zu der jeder Mensch berechtigt und berufen ist.

In welchen Bereichen hat das Kind Freiheit? Zunächst beim Äußern seiner Gefühle und Bedürfnisse. Niemand weiß besser über das eigene Befinden Bescheid als die betreffende Person selber – auch das Kleinkind. Es weiß selbst am besten, ob es hungrig oder ängstlich ist, auch wenn es sich noch nicht adäquat artikulieren kann. Eltern müssen nicht für alle Gefühle und Bedürfnisse Lösungen anbieten, aber sie sollten sie akzeptieren und ernst nehmen.

Ein wichtiger Bereich der Freiheit ist die Entfaltung der Persönlichkeit, das Kind in seiner ganz persönlichen Eigenart zu akzeptieren und nicht durch »Sei anders«-Botschaften zu verunsichern. Jedes Kind hat seine besondere Art sich auszudrücken. Es sollte nicht dauernd gezeigt oder vorgeschrieben bekommen, wie es etwas zu machen hat. Um seine Fähigkeiten zu entfalten, braucht es die Möglichkeit zu testen und zu experimentieren. Ihre Kreativität entfalten Kinder am besten, wenn ihnen innerhalb entsprechender Rahmenbedingungen angemessene Freiheit zugestanden wird, insbesondere beim Spielen. Geben Sie Ihrem Kind so viel Freiheit wie möglich innerhalb der Grenzen, die Sie für sinnvoll erachten. Das kann auch individuell von Kind zu Kind verschieden sein. In seiner Entwicklung fordert das Kind immer mehr Freiheit und Eigenständigkeit. Grenzen werden fortlaufend in Frage gestellt und verschoben – was beide Seiten herausfordert und dort gelingt, wo Liebe und Vertrauen die Basis bilden.

Das Kind in seiner Freiheit zu respektieren erfordert sehr viel Einfühlungsvermögen und Verständnis. Daher sind hier die erforderlichen Schlüsselqualifikationen das aktive Zuhören und das Hinführen zu Selbständigkeit und Einsicht durch das elterliche Coaching-Gespräch mit der Formel »verstehen – klären – lösen«, das in einem späteren Kapitel vorgestellt wird.

Korb 2: Der Korb der Mitbestimmung

Die moderne Auffassung von Pädagogik geht davon aus, dass Kinder selbständiger und selbstbewusster werden, wenn sie angemessen mitreden und mitbestimmen können. Auch ich teile diese Ansicht. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass sie auf rechte Weise (»Mama, bitte darf ich …?« »Ich hab’ einen Vorschlag …«) und mit guten Argumenten bei ihren Eltern etwas erreichen können, haben sie es nicht nötig, zu trotzen und zu erpressen. Doch ist es Aufgabe der Eltern, darauf zu achten, Kinder mit der Frage »Was willst du?« nicht zu überfordern. Das hängt vom Alter und Reifegrad des Kindes ab und ob die Eltern dafür sorgen, dass vereinbarte Regeln eingehalten werden.

Wenn Sie sich gestört fühlen, ist es ebenfalls von Vorteil, Mitbestimmung einzuräumen, statt Befehle auszuteilen: »Ich hab’ ein Problem: Ihr seid mitten im Basteln, aber wenn der Tisch voll geräumt ist, kann ich nicht kochen …« Wenn Sie Ihren Kindern Gelegenheit geben, selber Lösungsvorschläge einzubringen, werden sie mehr Verantwortung übernehmen und beide Seiten fühlen sich respektiert – so mancher Machtkampf kann so vermieden werden.

Die kommunikativen Schlüsselqualifikationen im Korb der Mitbestimmung sind verschiedene Verhandlungstechniken, wie sie vor allem auch Thomas Gordon in seiner »Familienkonferenz« sehr schön dargestellt hat. In vielen Unternehmen ist betriebliche Mitbestimmung eine Selbstverständlichkeit und trägt bedeutend zur Motivation der Mitarbeiter und zum Unternehmenserfolg bei.

Korb 3: Der Korb des Gehorsams/der Autorität

Warum verwende ich dieses für viele Menschen so ungeliebte Wort? Ich könnte doch einfach nur vom Grenzensetzen reden. Grenzen setzen müssen wir im Leben immer wieder, auch auf gleicher hierarchischer Ebene, wenn zum Beispiel ein Kollege oder Nachbar meine Grenzen missachtet. Hier aber geht es darum, dass Kinder lernen, sich einzufügen und unterzuordnen. Diese Tugenden stehen heute nicht hoch im Kurs, weil man häufig annimmt, dass sie dem gesunden Selbstbewusstsein im Wege stehen. Das ist ein Irrtum. Wer Führungsqualitäten erwerben will, muss zuerst einmal gelernt haben, sich unterzuordnen. Dies ist gerade in den ersten Kindheitsjahren sehr wichtig. Kinder fühlen sich gut, wenn sie sich ihren Eltern bedingungslos anvertrauen und unterordnen können, in der Gewissheit, dass sie auch ihrerseits mit ihren Anliegen ernst genommen werden. Dann strahlen sie Heiterkeit und innere Ruhe aus. Notorische Neinsager hingegen sind nicht selbstbewusster, sondern labiler, launenhaft, überdreht und unausgewogen.

Welche kommunikativen Strategien können Eltern anwenden, um sich in Korb 3 durchzusetzen? Hier kommt es vor allem zum Einsatz von Ich-Botschaften, Anweisungen, Geboten und Verboten, Regeln und Konsequenzen. Manchmal kann auch eine Strafe angemessen sein – vorausgesetzt, sie greift nicht auf körperliche Züchtigungen oder Demütigungen zurück.

Wie können Eltern erkennen, auf welcher Ebene, in welchem Korb sie jeweils reagieren sollten?

Hier einige Beispiele:

•Ihr Kind hat ein Problem, kommt mit sich selber und seinen Gefühlen nicht klar? Verständnis und Einfühlungsvermögen sind gefragt: Korb 1.

•Es missachtet Ihre Grenzen? Dann haben Sie Handlungsbedarf in Korb 3.

•Sie reden sich »den Mund fusselig«, aber es fehlt Ihrem Kind an Einsicht? Fragen Sie sich leise: »Fühle ich mich ernst genommen?« Wenn Sie die Frage mit nein beantworten müssen, ist ebenfalls Handlungsbedarf in Korb 3.

•Sie spüren bei Ihrem Kind ein legitimes Streben nach Autonomie? Bieten Sie Mitsprache an, um neue Vereinbarungen zu treffen! (Korb 2)

Für eine Kultur des Widerspruchs

Um sicher zu gehen, dass wir Eltern nicht über kindliche Bedürfnisse »drüberbügeln«, müssen wir ihnen die Möglichkeit einräumen, Einwände zu präsentieren. Wenn Sie der Meinung sind, dass die Steuervorschreibung zu hoch ist, erheben Sie Einspruch. Wenn Ihr Kind der Aufforderung »Zieh dich an, wir müssen gehen!« nicht nachkommen will, kann es mit Ihnen Verhandlungen aufnehmen und somit in Korb 2 (Mitsprache) wechseln: »Darf ich noch den Turm fertig bauen?« Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass Sie diesem Einwand stattgeben – aber die Führungskompetenz bleibt bei Ihnen.

Zuerst »abholen«, dann hinführen

Sie sollten sich von einem Tobsuchtsanfall im Supermarkt von Ihrem Kind nicht erpressen lassen, daher ist Korb 3 (Gehorsam) angesagt. Ein stures elterliches Nein kann die Eskalation jedoch noch verschärfen. Wie wäre es, Sie holen Ihr Kind in Korb 1 (Freiheit) ab, indem Sie zunächst Verständnis für seinen Wunsch äußern (»Du hättest dieses Spielzeugauto wirklich gerne …«) und dann erst zu Ihrem Entschluss zurückkehren (Ich-Botschaft: »Das Problem ist nur, dass ich dir nicht jedes Mal etwas Neues kaufen will, wenn wir einkaufen gehen. Aber du kannst wählen, welches Joghurt du möchtest.« (Korb 2) So wird es Ihrem Kind leichter fallen, Ihr Nein zu akzeptieren (Korb 3).

Mit diesem kurzen Ausflug zur Kunst des Grenzensetzens möchte ich veranschaulichen, wie Sie zwischen den drei Körben flexibel hin- und herschwenken können – und Ihre Führungskompetenz

beibehalten.

Vorsicht Machtmissbrauch!

Die Notwendigkeit der Wahrung elterlicher Autorität soll aber kein Freibrief für willkürliche Machtausübung sein. Gar zu leicht lässt sich Autorität missbrauchen – wenn Eltern nicht auf die Gefühle ihrer Kinder eingehen und wichtige Bedürfnisse missachten, wie Aufmerksamkeit, Zuwendung, Überforderung, bzw. »lästiges« kindliches Verhalten autoritär »abstellen«.

Hier einige Beispiele:

•Wenn Einwände abgewimmelt werden:

»Warum muss ich die warme Weste anziehen?« »Weil ich es gesagt habe!« – »Warum darf ich nicht zu meinem Freund gehen?« »Weil ich nicht will!« – »Ich bin schon so müde, ich will nach Hause gehen!«, aber Kinder die halbe Nacht lang das Elternprogramm absolvieren müssen.

•Wenn kindliche Kritik abgeschmettert wird:

»Mama, du hast selbst gesagt, dass man vor dem Essen nicht naschen soll!« »Sei nicht so frech!« – »Papa, du hast versprochen, mit mir zu spielen!« »Jetzt gib endlich Ruhe!«

•Wenn Meinungen der Kinder lächerlich gemacht werden:

»Was verstehst denn du schon davon!«

•Wenn mit Angst manipuliert wird:

»Wenn du nicht sofort aufhörst, holt dich der schwarze Mann!«

•Wenn mit Liebesentzug gedroht wird:

»Wenn du nicht brav bist, hab ich dich nicht mehr lieb!«

•Wenn Eltern die Abhängigkeit der Kinder missbrauchen und ihre Macht ausspielen:

»Wenn es dir nicht passt, kannst du ja gehen!«

Herausforderung in Liebe

Es war immer schon so: Kinder stellen Eltern in Frage, Kinder halten uns den Spiegel vor, Kinder machen uns auf unsere eigenen Fehler und Schwächen aufmerksam. Das tut manchmal weh. Aber wenn wir uns ernsthaft damit auseinandersetzen, dann fördern wir nicht nur die Beziehung zwischen uns und unseren Kindern, sondern auch unsere eigene Entwicklung. Wenn Offenheit, Verständnis und Wertschätzung unsere Beziehungen prägen und wir nicht alles persönlich oder tierisch ernst nehmen, sondern uns vom kindlichen Humor anstecken lassen, dann können unsere täglichen familiären Auseinandersetzungen durchaus witzig und lustvoll sein – sind sie doch die Übungswiese unserer Kinder zum Erlernen sozialer Kompetenz.

Die eigenen Kinder sind unsere größte Herausforderung. Es gibt keine schönere Anerkennung, keinen größeren Erfolg im Leben, als die Liebe und die Achtung unserer Kinder zu gewinnen. Dies wird nur möglich sein, wenn unsere Beziehung zu ihnen von Liebe und Wahrheit geprägt ist und wenn wir uns ehrlich bemühen, an uns zu arbeiten und Vorbild zu sein. Keine Angst: Kinder brauchen keine Übermenschen. Sie haben Nachsicht mit so manchen unserer Fehler, wenn sie unsere Fairness und unser ehrliches Bemühen spüren.

Kapitel 3: Die Nachrichtenanalyse

Kapitel 3

Die Nachrichtenanalyse

»Der Schlüssel für jede gute Beziehung

ist eine klare Kommunikation

und der Respekt vor der Persönlichkeit und

Individualität des anderen.«

Thomas Gordon

3.1. Die 4 Seiten der Nachricht

3.1.Die 4 Seiten der Nachricht[1]

Das »Nachrichtenquadrat« des deutschen Kommunikationsforschers Friedemann Schulz von Thun stellt ein hervorragendes Kommunikationswerkzeug dar, um die »Botschaften zwischen den Zeilen« zu verstehen. Da man bei der Anwendung dieses »Werkzeugs« bewusster senden (reden) und entschlüsseln (zuhören) lernt, versuchen wir in unseren Seminaren, Eltern damit vertraut zu machen – falls sie es nicht ohnehin schon sind, denn es wird häufig auch in beruflichen Weiterbildungsseminaren verwendet. Das dahinterliegende Prinzip lässt sich in wenigen Minuten erklären. Ich lade Sie ein, die beiden Graphiken zu betrachten, die 4 Seiten der Nachricht zunächst aus der Sicht des Senders (der Sender mit den 4 Zungen), dann aus der Sicht des Empfängers (der Empfänger mit den 4 Ohren), der die empfangene Nachricht hört und entschlüsseln muss.

Laut F. Schulz von Thun hat jede Nachricht gleichzeitig vier Ebenen, der Sender spricht sozusagen mit vier Zungen.


Übersicht 2

Die Sachebene

Immer, wenn jemand sendet, gibt es einen Sachinhalt. Das lässt sich mit der Frage auf den Punkt bringen: Worum geht es? Worüber informiere ich? Es sind Informationen, Erklärungen, Beschreibungen, Argumente.

Die Selbstoffenbarungsebene

Immer, wenn jemand verbal oder auch non-verbal eine Nachricht sendet, sagt er oder sie auch etwas über sich selber aus. Wir bekommen einen Eindruck, ein Bild von der Person, selbst wenn wir sie nicht sehen, wenn sie zum Beispiel im Radio spricht. Das ist die Ebene der Selbstoffenbarung oder Ich-Ebene. Nicht immer ist den Menschen bewusst, was sie auf dieser Ebene senden. Das hat viel mit Selbsterkenntnis zu tun. Oft haben wir aber geradezu einen blinden Fleck. Die Frage lautet: Wie wirke ich auf andere? Was tu ich von mir selber kund? Wir können diese Ebene ausdrücklich zum Thema machen, zum Beispiel: »Ich komme aus Österreich«, »Ich liebe Musik«, »Ich freue mich«, »Ich bin müde«, »Ich bin verärgert.« Wenn wir uns Klarheit verschaffen wollen, können wir auch danach fragen, wie wir auf andere wirken: »Welchen Eindruck hast du von mir?« Was wir hier senden, ist zum einen situationsbezogen, von unserer momentanen Befindlichkeit abhängig, aber auch von unserem Charakter, unserem Temperament, unserer Persönlichkeit, von unserem Äußeren und unserem Outfit, das zu unserer Persönlichkeit passen kann oder auch nicht.

Die Beziehungsebene

Immer wenn wir eine Nachricht senden, dann drücken wir irgendwie auch aus, wie wir zu der Person stehen, zu der wir sprechen, was wir von ihr halten, welche Einstellung und welchen hierarchischen Bezug wir zu ihr haben. Das kann idealerweise neutral wohlwollend sein und eine Haltung der Wertschätzung ausdrücken, aber auch ängstlich, unterwürfig oder abschätzend, überheblich oder demütigend. Wenn ich sage: »Ich liebe dich« oder »Ich hasse dich!«, habe ich beide Male direkt zum Ausdruck gebracht, wie ich zu dir stehe, einmal auf positive, das andere Mal auf negative Weise, das heißt, die andere Person wird es entweder gerne hören oder auch nicht, sich dabei gut oder verletzt fühlen.

Meist wird aber der Beziehungsinhalt nicht direkt, sondern indirekt, anders gesagt nicht explizit, sondern implizit ausgedrückt.

Der Appell

Auf der Appellebene bringe ich zum Ausdruck, bewusst oder unbewusst, was ich vom anderen erwarte, wozu ich ihn veranlassen möchte. Das lässt sich mit der Frage klären: »Was will ich von dir?«, »Wozu sage ich das überhaupt?«

Die Bedeutung der Nachricht ergibt sich immer aus einem bestimmten Kontext, den wir als Ganzes sehen müssen, um sie richtig zu interpretieren. Sie wird über das gesprochene oder geschriebene Wort, die Sprache, Gestik und Mimik kommuniziert, welche dem Inhalt des Gesagten die besondere Bedeutung verleihen. Nicht umsonst sagt das Sprichwort: »Der Ton macht die Musik!«

Eine der Seiten der Nachricht steht immer im Vordergrund, d. h. sie wird ausdrücklich, explizit, gesagt, während die anderen Botschaften meist unausgesprochen, implizit, darin enthalten sind.

Fallbeispiel 1:

Eine Frau macht folgende Bemerkung: »Es zieht!«

Es handelt sich hier vordergründig um eine Nachricht auf der Sachebene. Sie macht eine Feststellung. Welche Selbstoffenbarung macht sie mit dieser Bemerkung? Anders gesagt: Was glauben wir, was sagt diese Person damit über sich selber aus? Wahrscheinlich: »Mir ist kalt.« Was sagt dieser Satz über ihre Beziehung zu demjenigen aus, dem sie das sagt? Das kann neutral wohlwollend sein, es könnte aber auch einen unterschwelligen Vorwurf enthalten, je nach Tonlage (»Merkst du nicht, dass mir kalt ist?!«). Schließlich: Welchen Appell sendet diese Frau damit? Wahrscheinlich: »Mach das Fenster zu!« oder »Ich möchte dich nur informieren, dir meine Befindlichkeit mitteilen.«

Wir merken, dass die Lösungen vielschichtig und nicht eindeutig sind. Aus der Sicht des Empfängers sind es bloße Vermutungen. Ihre Deutung ergibt sich aus dem jeweiligen Kontext und lässt sich aus Ton, Mimik und Gestik interpretieren. Sehen wir uns deshalb die nächste Graphik an.

3.2. Der Empfänger mit den 4 Ohren

3.2.Der Empfänger mit den 4 Ohren

Betrachten Sie dazu die Übersicht 3.

Um eine Nachricht zu entschlüsseln, muss der Empfänger Vermutungen darüber anstellen, wie das Gesagte wohl gemeint sein mag. Er hört sozusagen mit 4 Ohren gleichzeitig, indem er sich intuitiv folgende Fragen stellt:

Das Sach-Ohr

Auf der Sachebene: »Worum geht es eigentlich? Ist die Information klar für mich?« Habe ich überhaupt akustisch richtig verstanden? Hier hilft Nachfragen: »Kannst du es bitte wiederholen? Ich habe dich nicht gut gehört.« Oder: »Ich habe das nicht gut verstanden. Kannst du es mir bitte erklären?« Oder: »Was bedeutet eigentlich XY?«

Das Selbstoffenbarungsohr

Auf der Selbstoffenbarungsebene fragt sich der Zuhörer: Was ist das für einer? Wie ist seine oder ihre momentane Stimmung? Wenn jemand Selbstoffenbarungsbotschaften gut entschlüsseln kann, spricht man von Menschenkenntnis.


Übersicht 3

Unser unsichtbares Schild

Ist es nicht so, als würden wir Menschen wie mit einem unsichtbaren Schild durchs Leben gehen, auf dem Botschaften stehen können wie: »Ich bin offen und kommunikativ«, »Ich bin ängstlich und misstrauisch«, »Keiner mag mich!«, »Ich bin zu kurz gekommen!«, »Ich traue niemandem«, »Ich lasse mir nichts gefallen«, »Ich habe Komplexe«, »Ich bin die Größte!«, »Ich bin ein Optimist« oder »Ich bin ein Menschenfreund«? Vor einigen Jahren sah ich einen Film mit Andreas Vitasek, in welchem die Hauptdarstellerin sagte: »Spätestens mit 40 hat jeder das Gesicht, das er sich verdient!« Ich denke, da ist etwas Wahres dran. Für mich sagt dieser lockere Spruch aus, dass uns Dinge im Leben nicht einfach nur passieren, sondern dass wir die Wahl haben, selbst an unserer Persönlichkeit zu arbeiten oder es auch bleiben zu lassen, bewusst nach Werten zu leben oder uns gehen zu lassen – und dass man es uns mit der Zeit ansieht, welche Grundeinstellung wir im Leben haben.

Das Beziehungsohr

Am empfindlichsten reagieren die meisten Menschen am Beziehungsohr. Intuitiv stellen wir uns die Frage: »Wie steht diese Person zu mir? Mag sie mich? Akzeptiert sie mich? Nimmt sie mich ernst?« Wenn wir Störungen am Beziehungsohr wahrnehmen, sollten wir es ansprechen, weil diese Ebene die sensibelste ist und die gesamte Kommunikation und Beziehung zwischen zwei Menschen beeinträchtigen kann.

Das Appellohr

Schließlich gibt es noch das Appellohr. Da stellen wir uns die Frage: »Was erwartet der Sprecher von mir?« »Wozu will er mich motivieren, überreden oder anleiten?«

Wenn Eltern versuchen, die Wünsche und Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen, sind sie appellorientiert. Das ist bei Babys und Kleinkindern durchaus angemessen und notwendig. Später kann die einseitige Betonung des Appellohrs in Verwöhnung ausarten – wenn wir einseitig darum bemüht sind, unseren Kindern jeden Wunsch von den Augen abzulesen, unsere eigenen Bedürfnisse dabei missachten und unmerklich beginnen, uns von ihnen dirigieren zu lassen.

Umgekehrt haben Kinder oft ein Problem mit dem Appellohr. Oft wollen sie so gar nicht tun, was von ihnen erwartet wird.

Wer effizient kommunizieren will, tut gut daran, auf alle vier Ebenen gleichzeitig zu achten. Welche Ebene gerade die wichtigste ist und auf welcher Ebene wir reagieren wollen, können wir bewusst entscheiden.

3.3. Quelle von Missverständnissen

3.3.Quelle von Missverständnissen:

Vermutungen und Interpretationen

Immer, wenn wir eine Botschaft empfangen, fragen wir uns intuitiv: Wie ist das gemeint? Dabei stellen wir Vermutungen an. Es ist nichts Negatives an sich, Vermutungen anzustellen und Dinge oder Ereignisse zu interpretieren, d. h., ihnen unsere persönliche Deutung zu geben. Ohne eine solche »Denkakrobatik«, denn das ist es ganz bestimmt, könnten Menschen gar nicht effizient miteinander kommunizieren. Zum Glück interpretieren wir in einem hohen Ausmaß richtig. Treffende Zuordnungen zu finden ist ein Zeichen von Intelligenz und sozialer Kompetenz. Aber es muss uns klar sein, dass Vermutungen eben nur Vermutungen sind, dass sie stimmen können oder auch nicht. Daher ist es ratsam, vorschnelle Schlüsse, die wir oft für Tatsachen halten, zu meiden, denn sie könnten falsch sein und zu Vorurteilen verleiten. Wir könnten uns irren und so dem anderen Unrecht tun.

Klärung durch Nachfragen

Daher sollten wir unsere Vermutungen klugerweise und fairerweise auf ihre Richtigkeit hin prüfen, will man nicht aneinander vorbeireden und Störungen aufgrund von Missverständnissen erzeugen. Es ist in der Verantwortung des Empfängers, nachzufragen.

Ich habe die Wahl: Auf welcher Ebene will ich reagieren?

Machen wir uns auch bewusst, dass wir immer die Wahl haben: Auf welcher Ebene will ich reagieren? Ich kann es mir aussuchen und dadurch das Gespräch positiv oder negativ beeinflussen. Für einen bewusst kommunizierenden Menschen gibt es keine Ausrede: »Weil er … getan/gesagt hat, musste ich … tun/antworten!« Nein! Ich hätte immer auch anders reagieren können!

Gehen wir zurück zu unserem harmlosen Beispiel »Es zieht!« Wie kann der Empfänger oder die Empfängerin darauf reagieren? Er könnte auf die Sachebene schauen und die Information einfach nur zur Kenntnis nehmen, z. B.: »Ja, finde ich auch!« Er könnte auf die Selbstoffenbarungsebene eingehen und nachfragen: »Ist dir kalt?« oder auf der Beziehungsebene reagieren, wenn er sich beispielsweise kritisiert fühlt: »Musst du schon wieder meckern?« oder etwas salonfähiger »Ich fühle mich kritisiert« bekunden. Weiters könnte der Empfänger nach dem Appell fragen: »Soll ich das Fenster zumachen?« Die Antwort könnte auch non-verbal sein, indem er einfach aufsteht und das Fenster schließt.

3.4. Unklare Botschaften

3.4.Unklare Botschaften

Rate doch mal!

Sehr klar drückt diese Frau mit ihrer Nachricht »Es zieht« jedenfalls nicht aus, was sie will. Manche Menschen haben die Erwartung, der andere müsse das doch erraten, und sind enttäuscht, wenn es nicht so ist. Klarer wird die Kommunikation, wenn sie sagt: »Mir ist kalt. Bitte mach das Fenster zu!« Dann sendet sie gleich auf zwei Ebenen (Selbstoffenbarung und Appell) und der Empfänger weiß, was mit ihr los ist und was sie will. Das macht es ihm leichter, sich in sie hineinzufühlen, sie zu verstehen. Sie gibt ihm eine Chance, in ihrem Sinn zu handeln, anstatt sich zu ärgern, wenn es nicht geschieht – ohne womöglich ihren Anteil am Misslingen der Kommunikation zu erkennen.

Wenn wir es »durch die Blume« sagen

Ein Merkmal der Erziehung vergangener Tage war es, Kindern, insbesondere Mädchen, zu vermitteln: »Es gehört sich nicht, Wünsche zu äußern, anspruchsvoll zu sein. Das ist unbescheiden und unerzogen.« Durch solche Botschaften konditioniert, haben viele Erwachsene nicht gelernt, ihre Wünsche offen und adäquat zu formulieren. Sie sagen es daher »durch die Blume«, eben so, dass der andere raten muss. Damit ersparen sie es sich, offen zu ihren Wünschen zu stehen oder ehrlich Kritik zu äußern. So sehr ich Blumen liebe, als Kommunikationsmittel zur Verschleierung taugen sie wenig. Sie bringen Missverständnisse und Gefühle der Frustration auf beiden Seiten. Nachdem ich mit dieser Strategie geringe Chancen habe, meine Wünsche und Bedürfnisse befriedigt zu sehen, verleitet sie auch zu Manipulationsspielchen. Irgendwie will man ja doch erreichen, was man will. Das Leben wird kompliziert, Beziehungen werden getrübt.

Was ist dabei, offen und freundlich zu sagen, was wir wünschen und was uns stört – solange wir dem anderen die Freiheit lassen, unsere Wünsche zu erfüllen oder auch nicht? Rücksicht und Bescheidenheit sind Tugenden, die ich sehr schätze. Aber sie sollten auf dem Boden eines gesunden Selbstwertgefühls wachsen, als Tugend einer reifen statt frustrierten Persönlichkeit, die sich einem anderen zuliebe zurücknehmen, gegebenenfalls aber auch für ihre Bedürfnisse selbstbewusst eintreten kann.

Ich bin für eine offene und wertschätzende Kommunikation mit unseren Kindern von klein auf, in welcher beide Seiten einander ernst nehmen und aufeinander hören. Die Anleitung dazu können sie nur von uns Erwachsenen erhalten. Gesprächskultur gehört vorgelebt und eingeübt.

Widersprüchliche Botschaften

Manche Menschen sagen mit Vorliebe genau das Gegenteil von dem, was sie meinen.

•»Das ist aber eine schöne Bescherung!« statt

»Welch ein Missgeschick!«

•»Das ist aber nicht sehr nett von dir!« statt

»So eine Frechheit!«

•»Du hast uns gerade noch gefehlt!« statt

»Gerade jetzt kommst du sehr ungelegen!«

Bei Kindern stiftet eine solche Sprache Verwirrung. Sie nehmen Dinge auf kindlich naive Art wörtlich. Ironie und Zynismus haben immer einen negativen Beigeschmack und sind für Kinderseelen giftig und verwirrend.

»Dann mach doch, was du willst!«,

hört man manche Eltern sagen, wenn sie vom Verhalten ihres Sohnes oder ihrer Tochter enttäuscht sind, weil er oder sie nicht auf die Stimme der Vernunft hört. Es ist ein Zeichen von Hilflosigkeit und Resignation, wenn wir Kinder auf solche Weise von uns stoßen. Denn in Wirklichkeit will man genau das nicht. Viele Konflikte ließen sich leicht lösen, wenn Eltern den Mut hätten, ihre ehrlichen Gefühle zu sagen, weil es Kinder ermutigt, dasselbe zu tun, anstatt sich in Protestreaktionen hineinzusteigern.

»Das darf man nicht!«

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind benimmt sich unartig einer von Ihnen ungeliebten Person gegenüber. Dann kann es vorkommen, dass man das Kind verbal dafür tadelt, weil man korrekt sein will, das Kind jedoch ein geheimes Lächeln, vielleicht sogar eine gewisse Genugtuung bei Ihnen verspürt. Worauf soll es reagieren: auf das, was Sie sagen, oder auf das, was Sie ausstrahlen? Kinder entscheiden sich immer für das Letztere, denn sie sind Meister der intuitiven Kommunikation. Weil sie die Zusammenhänge aber nicht logisch zuordnen können, entsteht Verwirrung: »Was meint meine Mutter nun eigentlich?!« Fragt das Kind nach, so heißt es meistens: »Sei nicht so frech!«, weil man sich ertappt fühlt.

3.5. Der Vorgang des Verschlüsselns und Entschlüsselns

3.5.Der Vorgang des Verschlüsselns

und Entschlüsselns

Die beiden Vorgänge des Verschlüsselns und Entschlüsselns finden immer statt, wenn Menschen miteinander kommunizieren, meistens unbewusst. Gott sei Dank entschlüsseln wir in einem hohen Ausmaß richtig – das heißt, beim Empfänger kommt ungefähr das an, was der Sender meint, sonst wäre menschliche Kommunikation unmöglich.

Aber stimmiges Verschlüsseln und Entschlüsseln ist gar nicht so selbstverständlich. Der Sender fasst seinen Gedankeninhalt, das, was er sagen will, in Worte. Er verschlüsselt. Das erfordert die hohe Kunst, zu abstrahieren und sich auszudrücken. Der Empfänger leistet einen ebenso großen Beitrag zum Gelingen der Kommunikation, indem er entschlüsselt. Das gelingt ihm, indem er zuhört und sich intuitiv überlegt, wie das Gesagte wohl gemeint sei. Das Resultat hängt von seiner Aufmerksamkeit, seinem Wissensstand, seinen Vorerfahrungen, seinem Wohlwollen und von seiner Stimmung ab. Dabei kommt es nicht nur auf die gesprochenen Worte, sondern auch auf Mimik und Tonfall an und auf den jeweiligen Kontext, d. h. auf den Zusammenhang, in dem eine bestimmte Nachricht gesendet wird. Je besser die Beziehungsebene zwischen zwei Menschen ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass Botschaften gut gesendet und gut empfangen werden.

Wie schon erwähnt, kann es leicht zu Missverständnissen kommen und manchmal hat man gar den Eindruck, zwei Menschen sprechen nicht dieselbe Sprache – dann kriegen sie alles in die »verkehrte Kehle« oder es scheint, als lebten sie auf einem »anderen Planeten«. Je konfliktträchtiger die Beziehung, umso häufiger tauchen kommunikative Schwierigkeiten auf. Umgekehrt können diese zu Konflikten führen, die vorher nicht vorhanden waren, weil man gerne dem jeweils anderen die Schuld an einem Missverständnis gibt, das man gar nicht als solches erkannt hat. Man nimmt es einfach gerne »persönlich«.

Die Verantwortung des Senders

Wie sieht die Verantwortung des Senders am Gelingen der Kommunikation aus?

Je klarer und kongruenter, d. h. stimmiger der Sender seine Nachricht formuliert, umso leichter kann sie der Empfänger richtig entschlüsseln. Daher tragen wir die Verantwortung dafür, klar zu senden, insbesondere wenn wir mit Kindern reden. Sehen Sie sich die Fallbeispiele 2, 3 und 4 an.

Die Verantwortung des Empfängers

Aber auch als Empfänger tragen wir ein Stück Verantwortung dafür, wie die Nachricht bei uns ankommt. Nehmen wir uns die Mühe, aufmerksam zuzuhören? Fragen wir nach, wenn uns etwas nicht klar ist, oder gehen wir naiv davon aus, dass das, was wir verstehen, genau das ist, was der Sender gemeint hat? Sind wir von Vorurteilen geprägt und denken: »Das sagt sie nur, um mich zu ärgern« oder »Ich weiß eh, was sie sagen will, da brauche ich gar nicht genau hinzuhören«?

Warum kommunizieren Menschen überhaupt?

Sie wollen informieren (Sachebene), etwas bezwecken und Anweisungen geben (Appellebene) oder über sich selber reden (Selbstoffenbarungsebene). Meiner Meinung nach ist es das Mitteilungs- und Geltungsbedürfnis, welches den Inhalt der meisten Gespräche bestimmt. Natürlich ist das auch von Typ zu Typ verschieden. Aber wir wollen, indem wir reden, etwas verarbeiten und uns dabei auch wichtig fühlen. Es geht also um das Bedürfnis nach Selbstoffenbarung, das jedem Menschen angeboren und dessen Befriedigung genauso lebensnotwendig ist wie Essen, Trinken und frische Luft zum Atmen. Wir sollten einander ermöglichen, dieses Bedürfnis in gesunden Proportionen und auf gesunde Weise ausleben zu können. Wenn wir es Kindern ermöglichen, leisten wir den wichtigsten Beitrag für ihre psychische Gesundheit und zur Entfaltung eines gesunden Selbstwertgefühls. Dies gelingt, wenn Eltern Aufmerksamkeit schenken, sich zurücknehmen und aktiv zuhören, wenn Kinder das Bedürfnis haben, uns ihre Erlebnisse mitzuteilen.

Ich bin OK, du bist OK

Es ist vorteilhaft, wenn Menschen so miteinander kommunizieren, als würden sie auf der Ebene der Selbstoffenbarung sagen: »Ich bin OK«, und die zugrundeliegende Beziehungsbotschaft würde lauten: »Du bist OK.« Das gelingt aber nur, wenn unser Selbstwert intakt ist, wenn wir unsere Stimmungen kontrollieren können und dem anderen Wohlwollen entgegenbringen. Wenn man verliebt ist, sind diese Voraussetzungen optimal vorhanden. Aber wie ist es im Konfliktfall? Wenn ich in einer Stresssituation bin oder jemanden unsympathisch finde? Bin ich auch dann noch dazu willens und fähig?

Spüren Sie, wie wichtig offene, wohlwollende und wertschätzende Kommunikation mit Kindern für deren Entwicklung ist? Ich denke, ja, sonst hätten Sie dieses Buch erst gar nicht in die Hand genommen.

Leib und Seele

Die Art und Weise, wie wir mit unseren Kindern kommunizieren, ist prägend für ihr Wohlbefinden und die Entwicklung ihres Selbstwertgefühls. So wie der Körper die Basis unserer physischen Konstitution ist, so ist das Selbstwertgefühl die Grundlage unserer Seele, unserer Persönlichkeit. So wie der Körper braucht es Nahrung, um sich zu entwickeln. Wird der Körper verletzt, stößt man einen Schmerzensschrei aus. Wird die Seele verletzt, so reagiert sie mit Abwehr oder Rückzug, ausgedrückt in so manchen Verhaltensauffälligkeiten.

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22 декабря 2023
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357 стр. 13 иллюстраций
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9783709500125
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