Читать книгу: «Babaji - Botschaft vom Himalaya»
Das Buch
Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs, an der Schwelle zu einem Neuen Zeitalter, wie viele glauben, oder am Abgrund, der endgültigen Vernichtung der menschlichen Rasse, wie andere fürchten. Tatsächlich haben sich die Verhältnisse seit Beginn unseres Jahrhunderts so zugespitzt, dass nur noch ein radikaler Wandel des Bewusstseins der Menschen, das immer der letzte Grund und Ursache für die selbstgeschaffenen Lebensbedingungen ist, das »Ruder herumwerfen« und das Raumschiff Erde einer sicheren Zukunft entgegensteuern kann.
An solchen Wendepunkten der Geschichte, wo sich beide Möglichkeiten: Sein oder Nicht-Sein, zum Extrem verdichtet, gegenüberstehen und der Mensch in Verantwortung für seine ganze Spezies wählen muss, wird ihm aus anderen Seinsbereichen auch immer verstärkt Hilfe zuteil. Viele große Seelen inkarnieren sich, um den verirrten Menschen in menschlicher Gestalt den Weg zu weisen, der aus dem drohenden Chaos führt. So auch jetzt. 1970 erschien am Fuße des Kailasch Berges im Himalaya - seit Alters her als Sitz der Götter und Zentrum der Welt verehrt - Babaji wieder in einem irdischen Körper und lebt seither unter den Menschen. Babaji gilt als ein ›Avatar‹, d. i. eine Verkörperung des Göttlichen selbst - Avatare erscheinen selten, und immer nur an solchen entscheidenden Zeitenwenden, wenn nur noch das direkte Eingreifen des Göttlichen selbst den Lauf der Geschichte ändern kann. Babaji gilt als die Inkarnation des Gottes Schiwa, des großen Zerstörers des Alten und Wegbereiters des Neuen, das sich manifestieren will. Yogananda spricht in seiner »Autobiographie eines Yogi« von ihm als dem großen Führer der Menschheit im Verborgenen und dem ewig jungen, nie sterbenden Babaji, der den Menschen mit seiner körperlichen Unsterblichkeit den Hinweis gibt auf noch unentdeckte Entwicklungsmöglichkeiten, die im Menschen selber liegen: die Unsterblichkeit im Körper, auf der Erde. Welchen Weg werden die Menschen wählen?
Die Autorin
Dr. Maria-Gabriele Wosien studierte Slawistik an den Universitäten London und St. Petersburg, mit Promotion über das russische Volksmärchen. Sie studierte westliche und östliche sakrale Traditionen und entwickelte zahlreiche Tanz-Choreografien. Ihr besonderes Interesse gilt dem religiös-rituellen Ursprung der Tanzfolklore. Ihre Arbeit ist dabei auf das bewusste Erleben mythischer Bilder und Symbole ausgerichtet, die so ihre Heilkraft entfalten können. Ihre Tanzschöpfungen basieren auf traditionell überlieferten Bewegungsarchetypen, denen sie sakrale, klassische und Musik aus der Folklore zugrunde legt.
Ihre Veröffentlichungen, darunter „Botschaft vom Himalaya“ wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Maria-Gabriele Wosien
Babaji
Botschaft vom Himalaya

Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch / Die Autorin
Titel
Inhaltsverzeichnis
I SADASCHIWA AVATAR
1. Begegnung
2. Zur Philosophie des Hinduismus
3. Der Avatar als göttliche Inkarnation
4. Der Avatar aus der Sicht des Schaiwismus
5. Haidakhan Vischwamahadham - Zentrum der Mythologie um Babaji als Schiwa-Avatar
6. Haidakhan Baba - geschichtlicher Überblick
II BABAJIS LILAS
1. Überlieferte Erlebnisberichte ca. 1800-1922
2. Erlebnisberichte 1922-1970
3. Mahendra Baba
4. Erlebnisberichte nach 1970
III SADHANA (Übungsweg)
1. Pudscha (rituelle Andacht) und Yagya (Feueropfer)
2. Meister und Schüler. Sadhana
3. Babaji und das sanatana dharma
NACHWORT
BILDER
GLOSSAR
IMPRESSUM

Die Autorin dankt dem Aschram Haidakhan Vischwamahadham für die freundliche Zurverfügungstellung der Erlebnisberichte, sowie Swami Fakira Nand und Dr. V. V. S. Rao für ihre Hilfe bei der Zusammenstellung des Materials.
M.-G. Wosien


I SADASCHIWA AVATAR
1. Begegnung
»Bhole Baba Ki Dschai! ... Bhole Baba Ki Dschai ... Bhole Baba Ki Dschai!« ... Der Jubelruf kommt aus der Flussrichtung und wird langsam immer deutlicher. In wenigen Minuten wird Babaji (›Ehrwürdiger Vater‹) hinter dem Strauchwerk sichtbar werden, das die staubige Dorfstraße säumt. Jedes Mal kehrt er so vom abendlichen Bad in den Tempelbezirk zurück, umgeben von seinen Getreuen; im Anhang die vielen Schaulustigen und die immer sehr große Kinderschar.
Es ist gegen fünf Uhr nachmittags. Die Hauptglut des Tages ist vorbei, und man ist aus den schattenspendenden Räumen ins Freie zurückgekehrt. Auch gebadet haben wir bereits. Die tropfnasse Wäsche hängt zwischen den Bäumen vor unserem Schlafraum in der Nachmittagssonne. Als Großstadtmensch aus Westeuropa machen mir meine zivilisierten Gewohnheiten noch zu schaffen. Die selbstverständliche Art der indischen Dorfbewohner, ganz einfach zu leben, erscheint vorerst noch jenseits des Möglichen.
Ich hatte es schon gelernt, öffentlich und trotzdem ganz verhüllt das abendliche Bad zu nehmen, etwas, das sich frühmorgens im Schutze der Dunkelheit weniger umständlich gestaltet: denn zweimal täglich vor Sonnenauf- und -untergang zu baden, ist dem religiösen Inder Pflicht. Dabei spielt sich das Baden etwa so ab : Man entledigt sich sämtlicher Hüllen, bis auf den knöchellangen Unterrock, den man sich bis unter die Achseln zieht und dort festbindet. Dann lässt man den, um diese Tageszeit mit einiger Mühe erstandenen, Eimer am langen Seil in die Tiefe des Brunnenschachtes baumeln, vorsichtig, im Hinblick auf das wackelige Gleichgewicht. Die Bewohnerin des Brunnens, eine Riesenschildkröte, weicht dem Aufprall des Eimers geschickt aus, und das kostbare Nass wird langsam hochgehievt.
Inzwischen haben sich mehrere Frauen und eine Schar von Kindern aller Altersstufen am Brunnen versammelt, die das seltene Spektakel, wie sich eine weiße memsahib wäscht, kreischend und gestikulierend aus nächster (!) Nähe begaffen. Auch meine Seife findet großen Anklang. Am Tag vorher hatte ich die indischen Frauen - dezent aus einiger Entfernung - beobachtet, wie sie sich beim Bad am Fluss gegenseitig mit Bimsstein bearbeiteten. Das Wasser wird nun kübelweise übergeschüttet, und die Kleider werden umständlich gewechselt. Das Terrain um den Brunnen ist sehr glitschig geworden, und man muss aufpassen, wenn man ein Schlammbad vermeiden will.
Nach bestandener Prozedur flüchte ich schleunigst samt Eimer und gewaschener Wäsche durch eine Lücke im Zaun hintenherum in den Aschram; erst über einen Haufen von Blatttellern hinweg, die nach dem Mittagsmahl über den Zaun geworfen werden und die inzwischen von den vielen streunenden Hunden ganz reingeschleckt sind.
Gerade war ich mit dem Aufhängen der Wäsche fertig, als das Signal für die Rückkehr Babajis gegeben wurde. Wie elektrisiert strömen nun die wartenden Menschen aus allen Ecken des Tempelbezirks dem Eingang zu. Auch auf der Straße haben sich die Gläubigen versammelt. Und jeder will der erste sein, um dem als Gott verehrten Heiligen die Füße zu berühren oder auch den Saum seines Kleides, zumindest aber ihm ganz nahe zu sein. Babaji balanciert gerade auf dem schmalen Steg über dem Wassergraben, der außerhalb der Tempelmauer an der Dorfstraße entlang fließt. Jetzt tritt er durch das mit Palmenwedeln, Girlanden und Spruchbändern geschmückte Eingangstor; und schon sind ihm mehrere Blumenkränze übergehängt worden.
Viele sehen den legendenumwobenen Avatar (göttliche Inkarnation) zum ersten Mal: Er ist mittelgroß, hat ein junges, strahlendes, sympathisches Gesicht mit blitzenden, durchdringenden Augen und einen schelmischen Zug um den Mund. Scherzend droht er eben den Knirpsen, die sich ihm zwischen die Beine drängeln, mit seinem Stab und hat sich auf diese Weise für einen Augenblick den Weg gebahnt. Da sieht man ihn plötzlich ganz behende laufen: Im Nu ist er vor allen anderen mit fliegendem Gewand bei dem Podest angelangt, auf dem für ihn unter einem bunten Sonnenzelt ein erhöhter Sitz aufgebaut ist. Dort hat er sich niedergelassen, lässt die Beine herunterbaumeln, klatscht in die Hände und will sich ausschütten vor Lachen. Die List ist gelungen und die Kinder kreischen vor Vergnügen. Da verändert sich ganz plötzlich sein Gesicht und wird ernst, fast finster. Ein Ordner soll für Ruhe sorgen. Die Menge wird gebeten, sich zu setzen - Männer auf die eine, Frauen auf die andere Seite, dazwischen wird ein Gang freigehalten.
Babaji war schon wieder aufgestanden. Leichtfüßig schreitet er mit seinem Stab zur Mitte des offenen Zeltes, wo er die Kinder um sich versammelt. Er heißt sie sich hintereinander in Reihen hinsetzen und beginnt eine improvisierte Lektion: »Om. Namah Schi-way. Om. Na-ma-ha Schi-wa-ya. Om...« - »Ich ergebe mich Schiwa. Dein Wille geschehe, o Herr. Amen.« Babaji legt Wert auf deutliche Aussprache. Mit ihren hohen Stimmchen wiederholen die Kinder im Chor das Gebet, erst verworren, dann immer klarer und ganz rhythmisch. Die übermütigen Lausbuben von vorhin sind wie umgewandelt und erinnern an die Putten zu Füßen der Sixtinischen Madonna. Mit großen Augen blicken sie ehrfürchtig und etwas scheu auf die vor ihnen stehende hohe, leuchtende Gestalt mit dem Stab, gleich einem Engel des Herrn. Gut zehn Minuten dauert die Lektion, dann kehrt Babaji zu seinem Sitz zurück.
Inzwischen hat sich eine lange Schlange von wartenden Gläubigen gebildet. Oft kommen sie von weit her, um dem Heiligen aus dem Himalayagebirge ihre Ehrerbietung zu bezeugen und ihm ihre Gaben zu bringen. Jeder, der vor ihn tritt, verbeugt sich, indem er vor ihn niederkniet, dann seine Füße berührt, die mitgebrachten Gaben vor ihm ausbreitet und sich demütig wieder zurückzieht. Die tiefe Gläubigkeit und die bescheidene, ehrfürchtige Art, wie die Menschen sich dem verehrten Meister nähern, stimmen sehr feierlich. Manch einer hat auch ein Anliegen und bittet um Rat oder Hilfe. Den Bittsteller segnet Babaji mit erhobener Hand, oder er legt sie ihm leicht auf den Kopf und beugt sich freundlich zu ihm.
Die Blumengirlanden und vielen Früchte häufen sich auf dem Podest und werden nun unter die Anwesenden verteilt. Durch seine Berührung sind die Gaben mit seinem besonderen Segen angereichert und werden deshalb als Kostbarkeit geschätzt. Manchmal wird um dieses prasada auch gerauft, besonders dann, wenn Babaji von seinem Hochsitz aus die Früchte in die Menge wirft. Dabei gibt es dann immer mehr Hände als Gaben; trotzdem erfreut sich dieses Wurfspiel besonderer Beliebtheit.
»Was ist denn das für ein Heiliger, der sich so unseriös im Tempelbezirk aufführt«, hatte am Vormittag ein skeptischer Dorfbewohner bemängelt. »Er ist Bhole Baba«, hatte ihn ein Anhänger aufzuklären versucht, »er ist der Herr, der einfach, bhola ist, wie ein Kind. « Genau sind es 1008 Namen oder Masken des Gottes Schiwa, und Bhole Nath, der Herr Simplicissimus, ist nur eine seiner Verkörperungen.
Doch hinter dem kindlichen Gebaren verbirgt sich der feierliche Ernst dieser Erscheinung: Kaschi Vischwanatha Bhagawan ist der Titel, mit dem ihm seine Jünger huldigen - Kaschi ist der klassische Name für Benares, die heilige Stadt der Hindus und Sitz des wichtigsten Schiwa-Heiligtums; Vischwanatha Bhagawan, Herr des Universums, bezeichnet den eigentlichen Anspruch seiner Göttlichkeit.
Ganz plötzlich war die Dunkelheit hereingebrochen. Die bunten, dekorativen Glühlämpchen leuchten auf, und die Blumengirlanden schmücken jetzt den Thronsitz und die Zeltstangen. Babaji hatte sich unterdes in seine kuti, sein kleines Privatgemach, zurückgezogen. Die dichtgedrängte Menge der Gläubigen und Schaulustigen erwartet die Arati, den abendlichen Gottesdienst. Man hatte mit dem Kirtan begonnen, dem Chorsingen religiöser Hymnen, und mit dem Psalmodieren des Mantras Om Namah Schiway; dazu begleiten ein Harmonium, Trommeln und verschiedenartiges Schlagzeug. In den Zwischenpausen erhebt sich immer wieder das Stimmengewirr der Wartenden, Neuankömmlinge drängeln sich zu ihren Bekannten in den vorderen Reihen, ein schreiender Säugling wird über meinen Kopf hinweg seiner Mutter gereicht; dabei werde ich angestoßen und erwache aus meinem Nachsinnen.
Nun wird es wieder still. Babaji ist bereits auf seinem Sitz, die Beine hat er untergeschlagen, seine Hände liegen auf den Knien, den Kopf hält er leicht nach vorn geneigt, die Augen sind gesenkt. Die Arati beginnt.
Die Gottesverehrung bei Sonnenauf- und -untergang ist der feierlichste Teil des Tages. Der verehrten Gottheit, ob Bild, Statue oder lebendige Inkarnation, werden Feuer, Wasser, Weihrauch und Blumen dargebracht, begleitet von den religiösen Gesängen der Gläubigen. Das Feuer, als Symbol göttlicher Potenz, ist reinigende Kraft und in seiner Vollkommenheit Ebenbild des Erleuchteten; Wasser wird geopfert als Elixier des Lebens.
Während dieser Zeremonie bietet der als Avatar, als göttliche Inkarnation, verehrte Babaji den Anblick eines überirdischen Wesens. Ganz in Weiß gekleidet, scheint er fast über seinem Sitz zu schweben, so unkörperlich wirkt er durch die tiefe Stille, die er ausstrahlt. Seine geweiteten Augen blicken ruhig in das dargebotene Feuer. Dabei mutet seine Gestalt an wie eine transparente Hülle für das Leuchten, das aus ihr hervorströmt. Ich sehe in die gefurchten, von einem harten Leben gezeichneten Gesichter der neben mir sitzenden Menschen. Ihre Inbrunst und gläubige Hingabe verleiht ihren Zügen etwas Weiches, Verinnerlichtes. Dasselbe Licht leuchtet auch aus ihren Augen. Ich kann mich nicht erinnern, je ein ergreifenderes Schauspiel erlebt zu haben, als dieses Zelebrieren des Mysteriums des Lichtes.
Die Andacht ist erst etwa gegen zehn Uhr beendet mit ihrem improvisierten Programm von religiösen Liedern, einigen Ansprachen und dem darschana für die Gläubigen. Allmählich gleichen die Feierlichkeiten eher einem Volksfest - zur Buntheit der Aufmachung gesellt sich der farbige Charakter der Darbietungen nach dem Motto ›no colours, no Guru‹. Als Babaji dann plötzlich aufsteht, um sich zurückzuziehen, verstreuen sich die Anwesenden, und in der Dunkelheit sind nur noch vereinzelte Grüppchen zu sehen, die miteinander satsang halten, d. h. ihre spirituellen Erlebnisse austauschen. In der kleinen, offenen Vorhalle des Aschrams erklärt ein Jünger einem Neuankömmling die geschichtlichen Hintergründe zur Gestalt dieses Avatars. Einige Brahmanen haben sich um das Yagya-schala (Feuergrube) gelagert, wo morgen das traditionelle Feuerritual seinen Höhepunkt finden wird; dazu und zum abschließenden bhandara, dem großen Festmahl, ist das ganze Dorf geladen.
Es ist sehr still geworden. Eine klare Sternennacht breitet sich über die weite Landschaft. Einige vermummte Gestalten haben sich um den Erzähler versammelt. Sie hocken beim dämmrigen Schein eines Öllämpchens und lauschen seinen Ausführungen. Ich setze mich zu ihnen.
2. Zur Philosophie des Hinduismus
Es ist der Glaube der Hindus1, dass der Mannigfaltigkeit der Welt eine letzte Einheit zugrunde liegt, und als religiöser Mensch sieht er seine Aufgabe darin, diese Kraft zu ergründen, wie sie ihm immer und überall in immer neuen Maskierungen entgegentritt.
Diese an sich selbst, im Kosmos und der Umwelt erlebten Mächte sind im Mythos personifiziert: der Raum entfaltet die Vielfalt des Ureinen, was im Polytheismus seinen Niederschlag findet, der Verehrung der vielen Aspekte der letztlich einen göttlichen Macht.
Die Vielfalt der Gotteserscheinungen basiert auf einer Dreiheit: Die Schöpferkraft wird verehrt im Gott Brahma, die welterhaltende Kraft im Gott Vischnu und die Kraft, die alles Gewordene auflöst und verwandelt, wird geschaut als der Gott Schiwa.
Allen Göttergestalten ist außerdem eine große Göttin vermählt, die in ihrer Funktion dem Partner angemessen ist. Die Göttin ist die dem Gotte eigene Kraft (Schakti), die in sich noch vereint, was in dem Gatten zwiefältig erscheinen kann; denn seit den Veden ist jede Gottheit ambivalent und manifestiert wohlwollende, gnadenreiche, wie auch fürchterliche, gewaltsame Aspekte. Entsprechend dieser Doppelaspektigkeit des Göttlichen in seiner Offenbarung befinden sich auch alle Kräfte und Formen der Erscheinungswelt gleichzeitig im Antagonismus wie in der Identität.
Nach der traditionellen Überlieferung offenbart das Universum in seiner Manifestation aller Welten und Erscheinungsformen eine unerschütterliche zeitlose Norm oder Gesetzlichkeit, das sanatana dharma, identisch mit der absoluten Wahrheit und als Grundstruktur allem Geschaffenen immanent. Jede Abweichung von dieser transzendenten Gesetzmäßigkeit, die sich in allem Gegenständlichen widerspiegelt, äußert sich als Verfall, Krankheit und Chaos.
Der Lauf und die Entwicklung des Kosmos, der Erde und des Lebens auf ihr werden geschaut vor dem Hintergrund gigantischer, Hunderttausende von Jahren währender Zeitzyklen, den mahayugas. Zweitausend solcher mahayugas, oder achtmillionensechshundertvierzigtausend Jahre machen ein kalpa oder Äon aus, ein Tag und eine Nacht des Schöpfergottes Brahma.
Die kleineren Zeitabschnitte, oder yugas, enthalten jeweils vier Zeitalter, die eine absteigende Tendenz des sanatana dharma, des ewigen geistigen Gesetzes und Grundlage allen Lebens, manifestieren. Dieser Verfall der göttlichen Norm und der Vollkommenheit des Lebens beginnt schon nach dem ersten Zeitabschnitt, dem satya yuga, dem Zeitalter der Wahrheit, und endet mit dem kali yuga, dem dunklen Zeitalter, in welchem nur noch ein Viertel der Wahrheit wirksam ist.
Nach einem klassischen Schriftstück hinduistischer Mythologie2 hat dann die menschliche Gesellschaft einen Zustand erreicht, »wo Besitz allein Vorrang gewährt, Reichtum als einzige Tugend gilt, wo nur die Leidenschaft Mann und Frau verbindet und nur Unwahrheit zum Erfolg führt, wenn der Genuss der Sinne als höchste Glückseligkeit gilt und äußere Formen mit wahrer Geistigkeit verwechselt werden«.
Das Abweichen von der Norm und der Verfall des göttlichen Gesetzes bis zu seiner Umkehrung führt schließlich zur Auflösung des Schöpfungsprozesses und einer weltweiten Zerstörung des Geschaffenen.
Dies sieht die Götterlehre als das Werk des Gottes Schiwa und seiner Gemahlin Mahakali. In der Periode kosmischer Nacht, in der wir nach dieser Zeitrechnung jetzt leben, wird aber schon wieder der Keim gesät für ein neues Zeitalter, in welchem die Welt in ihrer ursprünglichen vollkommenen Reinheit und unberührten Schönheit wieder ersteht. Somit ist Schiwa, die Kraft der Auflösung und Verwandlung, wieder eins mit Brahma, dem Prinzip der Schöpfung.
Eingespannt in diesen Rahmen ist der Mensch, der, in der Sprache der Upanischaden, von seinem Wesen her, vom atmanoder Selbst, identisch ist mit dem letztlich einen Gott, dem paramatman oder universalen Selbst. Als Geschöpf aber ist der Mensch ebenso gebunden an maya, die Weltillusion, mit der er sich durch das Vergängliche, Grobstoffliche seiner Sinne und seines Körpers identifiziert.
Alles Vergängliche aber wird gleichgesetzt mit Unwirklichkeit und alles Transzendente, Zeitlose mit Realität, und das Befangensein in der Scheinwirklichkeit der Welt gilt als der Ursprung allen Leides. Dieses wird nicht bewertet als Schuld an sich, sondern als Unwissenheit um die wahre Natur der Dinge, und das Thema hinduistischer Religionsphilosophie, wie des religiösen Lebens überhaupt, ist deshalb das Überwinden des Leides durch Erlangen des Wissens um die Wahrheit, um die Gesetzlichkeit als immanente Struktur alles Manifestierten. Es ist die Erkenntnis der Wahrheit, die zur Befreiung aus der Kausalität führt, aus dem endlosen Kreislauf von Ursache und Wirkung.
Das indische ›Denken‹ ist den Weg der Innenschau gegangen, deren Ziel nicht die theoretische und praktische Bewältigung der äußeren Wirklichkeit war, sondern die Beobachtung und Aufgliederung geistiger Vorgänge, die ihren Niederschlag in der religiösen Erfahrung als Erkenntnis vom Ursprung des Lebens gefunden hat.
In diesem Zusammenhang betrachten sich indische Weise und Asketen als lebende Laboratorien, in denen experimentiert wird, da nur eine Metamorphose des Menschen, vielmehr seines Bewusstseins, eine wahre Lösung seiner Probleme bringen kann. In ihnen vollzieht sich die Wandlung der stofflichen Elemente zur Bildung, zum Wachstum und zur Vollendung des ›himmlischen Leibes‹. Diese Transformationsprozesse werden bewertet als Dienst an der Materie, an der göttlichen Weltmutter. Für das Gros der Menschheit sind sie Vorbilder des Göttlichen in seiner manifestierten Potenz und Spiegelbild für die Vervollkommnung des eigenen Strebens.
Das höchste Sein, das jenseits von allem ist, was mit der Welt identifiziert wird, ist zugleich die ursprüngliche Seinsquelle des Menschen, wie der Ursprung des Heiligen.
Ziel der Bewusstseinswandlung ist die dauerhafte Verbundenheit, jenseits aller Illusion und allen Zweifels, mit dem immanent Göttlichen in der Erscheinungswelt und, darüber hinaus, in der göttlichen Transzendenz. Aus diesem Bewusstsein heraus ist auch alles zu bejahen, ob erhaben oder erschütternd, und nichts zu verneinen, denn alles ist ja eine Manifestation des Göttlichen.
Die göttliche Lebenskraft, die das Weltall durchdringt und jedem Geschöpf innewohnt, dieses anonyme antlitzlose Wesen hinter den zahllosen Masken, wird sowohl in der Erscheinungswelt wie auch als unsere inwendige Wirklichkeit erlebt.
Nach den Upanischaden und Puranas kann das Sehnen des Menschen nach Erfüllung seiner tiefsten Wünsche nur durch eine göttliche Inkarnation verwirklicht werden. Ihre Biografie ist zu verstehen als ein Symbol und eine Verkörperung kosmischer Gesetzlichkeit.
3. Der Avatar als göttliche Inkarnation
Die Lehre vom Avatar3 ist ein Grundpfeiler hinduistischer Theologie. Diesem fällt, insbesondere in der Entwicklung einer periodisch wiederkehrenden Endzeit, eine entscheidende Rolle zu.
Große Avatare sind selten. Sie erscheinen immer zu einer Zeitenwende, zu Krisenzeiten der Weltgeschichte, um den Körper der Welt von einer ihn zersetzenden Krankheit durch radikalen Eingriff zu heilen. Das Erscheinen einer Erlöserfigur in Menschengestalt wird daher oft mit einem einen ertrinkenden Schwimmer Rettenden verglichen, der ihn nur dadurch vom Tode bewahren kann, dass er sich in denselben See stürzt.
Das Phänomen der Herabkunft des Göttlichen von der Transzendenz in die Erscheinungswelt ist kein einmaliges historisches Ereignis, vielmehr ist die immer wieder sich offenbarende heilige Kraft ein feierliches Leitmotiv im unendlichen Drama des kosmischen Prozesses.
Als weltbewegende Kraft sind die Ereignisse, Lehren und Bedeutung, ausgelöst durch das Erscheinen des Avatars, überliefert im klassischen Schrifttum, den großen Epen, den Puranas, Schastras und Upanischaden, wie auch im Brauchtum und der mündlichen Tradition.
Das Herabkommen von Göttern auf die Erde ist etwas ganz Gewöhnliches und ist beschrieben in zahllosen Mythen. Die Bhagavad Gita enthält die vielleicht eindringlichste Formulierung der Avatar-Doktrin, wonach das Göttliche sich durch die ihm eigene, geheimnisvolle Kraft der maya gebiert:
»Immer wenn die Grundsätze der Pflichterfüllung sich Lokkern oder erschlaffen und die Ungerechtigkeit überhand nimmt, dann ströme Ich hervor: um die Gerechten zu schützen und die Übeltäter zu vernichten, um die göttliche Weltordnung wieder einzusetzen, werde ich in jedem Weltalter zum vergänglichen Wesen inmitten der sterblichen Geschöpfe. «4
Ramakrischna, der große Heilige des neunzehnten Jahrhunderts, vergleicht die Avatare mit Wellen im unendlichen göttlichen Meer:
»Dem Geist und der Materie wohnt, vergleichbar einem Meer ohne Grenzen, eine unendliche Macht inne. Um einer besonderen Aufgabe willen nimmt diese unendliche Macht zu einer bestimmten historischen Zeit sozusagen konkrete Formen an - das ist, was man einen großen Menschen nennt. Er ist, genaugenommen, eine örtliche Manifestation der alles durchströmenden Macht, mit anderen Worten eine göttliche Inkarnation. Diese Größe in einem Menschen ist im eigentlichen eine Manifestation göttlicher Energie ... Der Avatar ist immer derselbe: Er stürzt sich in das Meer des Lebens, taucht an einem Ort auf und wird Krischna genannt, taucht wieder unter und erscheint am anderen Ort als Christus.« 5
Die Lehre vom Avatar, dessen Erscheinen für die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins immer richtungweisend ist, beinhaltet nicht nur ein Transzendieren der irdischen Wirklichkeit, sondern auch Verwirklichung des göttlichen Gesetzes auf der Erde. So ist das Phänomen der Herabkunft des Gottes eng verbunden mit dem Aufstieg des Menschen.
Als höchste Verwirklichung des Göttlichen im Menschen ist der Avatar das vollkommene Vorbild für seine geistige Neugeburt. Dabei unterscheidet die Philosophie des Hinduismus zwei Aspekte der göttlichen Geburt:
»Der eine ist ein Abstieg, die Geburt Gottes in der Menschheit, die Gottheit, welche sich in menschlicher Gestalt und in der Natur zeigt - dies ist der ewige Avatar; die andere ist ein Aufstieg, die Geburt des Menschen in der Gottheit - der Mensch, welcher sich in die göttliche Natur und das göttliche Bewusstsein erhebt, über das Gesetz der karmisch bedingten Seelenwanderung hinaus. «6
Der Unterschied zwischen dem menschlichen Gott und dem göttlichen Menschen ist der, dass der Avatar seiner Identität mit brahman, der göttlichen Kraft, voll bewusst ist, ganz zum Unterschied vom Menschen, der, obwohl aus derselben Potenz geschaffen, von seinen Sinneswahrnehmungen befangen ist. Es ist diese immanente göttliche Lebenskraft, die es dem Menschen ermöglicht, die Bedeutung eines Avatars ahnend zu begreifen, da ja nur Gleiches Gleiches zu erkennen vermag.
Der Avatar, dessen Erscheinen einer uralten menschlichen Sehnsucht nach Erlösung und Erfüllung seiner tiefsten Wünsche entspricht, manifestiert sich ganz konkret, doch wird seine eigentliche Bedeutung jeweils nur von wenigen Zeitgenossen erkannt. So galt Christus für viele nur als Sohn des Zimmermanns aus Nazareth und dem orthodoxen jüdischen Klerus als störendes, ihre etablierten Positionen gefährdendes Element; wie auch Krischna, einer von vielen Prinzen seiner Zeit, seine Gottesmacht nur einigen wenigen Vertrauten offenbarte.
Adi Schankara7 der wohl bedeutendste Lehrer des Vedanta, hat das Phänomen des Avatars vielfach kommentiert. Er lässt ihn an einer Stelle sprechen:
»Die Unwissenden glauben, Ich habe mich erst jetzt manifestiert, doch bin Ich der ewig leuchtende Herr. Ich erscheine nicht allen Menschen, sondern nur denjenigen, die an mich glauben, denn ich halte mich hinter dem Schleier der yoga-maya verborgen. «8
Es wird im religiösen Schrifttum auch immer betont, dass allein die Unkenntnis des eigenen immanenten Selbst den Menschen in seiner Blindheit gefangen hält.
Bisweilen jedoch offenbart sich der Avatar als Ischwara, als Herr der Schöpfung, indem er die Begrenzung des menschlichen Zustandes auflöst und dem Gläubigen die geistige Schau zuteil werden lässt. Dabei entspricht der Verklärung des Gottes in Menschengestalt die Erleuchtung des Jüngers, dessen inneres Auge das Bewusstsein der göttlichen Transzendenz gewahrt:
»Und nach sechs Tagen nahm Jesus zu sich Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, und ging mit ihnen auf einen hohen Berg.
Und er ward verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie Licht. «9
»Und als er am Freitag am Kreuz aufgehängt wurde, war zur sechsten Stunde Finsternis auf der ganzen Erde. Und es stand mein Herr mitten in der Höhle und erhellte sie und sagte: ›Johannes, für die Menschen unten werde ich in Jerusalem gekreuzigt und mit Lanzen und Rohren gestoßen und mit Essig und Galle getränkt.
Mit dir aber rede ich, und was ich rede, höre! Ich habe dir eingegeben, auf diesen Berg zu gehen, damit du hörst, was ein Jünger vom Meister lernen muss und ein Mensch von Gott.‹
Und als er das gesagt hatte, zeigte er mir ein festgemachtes Lichtkreuz, und um das Kreuz herum eine große Volksmenge, die nicht nur eine Form hatte ...
Den Herrn selbst aber sah ich oben auf dem Kreuz, und er hatte nur eine Stimme, doch nicht die uns gewohnte Stimme, sondern eine liebliche und gütige und wahrhaft Gott gehörige...
›Die nicht einförmige Menge um das Kreuz herum ist die untere Natur ... noch ist nicht jedes Glied des Herabgekommenen zusammengefasst. Wenn aber die Menschennatur und ein mir nahekommendes und meiner Stimme folgendes Geschlecht aufgenommen ist, wird der, der mich jetzt hört, mit diesem vereint werden und nicht mehr sein, was er jetzt ist, sondern über ihnen sein wie ich jetzt.
Denn solange du dich noch nicht selbst mein eigen nennst, bin ich nicht das, was ich bin ... Als ersten erkenne den Logos, dann wirst du den Herrn erkennen, an dritter Stelle aber den Menschen und was er gelitten hat ... «10
»Siehe das ganze Weltall, mit allem, was sich bewegt und nicht bewegt, als eine Einheit, als ein Ganzes in meinem Leib.
Doch mit deinem irdischen Auge kannst du mich nicht sehen. Ich will dir ein Geistesauge geben- siehe meine höchste mystische Natur:
... Mit vielen Gesichtern und Augen, vielseitig, wunderbar, mit göttlichen Dingen geschmückt, mit himmlischen Kräften versehen.
Göttlich bekleidet und bekränzt, durchdrungen von himmlischen Wohlgerüchen, ein überaus wunderbares, lichtvolles, unendliches, allsehendes Wesen.
Wenn tausend Sonnen zugleich am Himmel aufflammen würden, käme es wohl nicht dieser Herrlichkeit gleich.
Da sah nun Ardschuna das ganze Weltall, das so mannigfaltig in seiner Erscheinungswelt ist, als ein Einziges, in den Körpern der Götter als viele Teile geoffenbart.«11
Der Augenblick der Bewusstseinswandlung, und davon zeugen auch die Erlebnisberichte der Schüler Babajis12, wird erlebt als ein Moment höchster Weihe und als ganz besonderer Gnadenbeweis des Göttlichen: dem Glaubenden widerfährt die Schau dessen, was als das ganz Andere erlebt wird, ihm aber näher ist als das eigene Selbst. Das schauende Bewusstsein wird eins mit dem Geschauten, und die essentielle Beziehung alles Gewordenen mit dem Ursprung des Seins wird zur entscheidenden Erfahrung..
4. Der Avatar aus der Sicht des Schaiwismus13
Im Drama der Schöpfung fallen den Gyanis, Yogis und Siddhas, d.h. den Weisen, Asketen und Menschen mit übersinnlichen Kräften, eine wichtige Rolle zu, doch ist es der Avatar, der die entscheidenden Impulse zur Entwicklung des menschlichen Bewusstseins gibt.
Unter den Avataren sind die meisten sterblich; wie Krischna und Christus verlassen sie ihren Körper am Ende ihrer irdischen Mission. Einige wenige, die Purnavatare, die das Göttliche in seiner höchsten Potenz inkarnieren, sind unsterblich. Von ihnen berichtet die Tradition, dass sie keinen körperlichen Tod sterben, dass sie immer und überall gegenwärtig sind, sich zu bestimmten Zeiten manifestieren und sonst dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Alle Purnavatare sind Inkarnationen Schiwas; zu ihnen zählen Hanuman, Baba Goraknath und Babaji.
Zu allen Zeiten der großen Übergänge zwischen den Schöpfungsperioden ist das höchste Amt der Auflösung des Gewordenen in den Händen des unendlichen Wesens selbst. Der Purnavatar oder Mahavatar14 erscheint immer dann, wenn das Ausmaß des Gesetzesverfalls jenseits der integrierenden Kraft des Avatars ist: der Urheber des Schöpfungsdramas greift selbst in die Handlung ein.
Diese höchste Kraft bezeichnet das System des sanatana dharma als ›Samba Sada Schiwa‹, als ewigen Gott Schiwa, eins mit seiner schakti oder schöpferischen Potenz, der Mutter des Weltalls, Amba.
Aus der Sicht einer immerwährenden Transformation ist alles, vom Subtilsten bis zum Grobstofflichen, eingebettet in einen Prozess unaufhaltsamer Verwandlung, wobei alles Geschaffene letztlich in seinen Ursprung zurück absorbiert wird.
Als alles verwandelnde Potenz ist Schiwa auch der Gott der Schöpfung. Er, der endet, ist auch derjenige, der beginnt, mehr also als nur ein Funktionselement einer Dreiheit: als Schiwa-Rudra ist er der Zerstörer, als Sadaschiwa der ewige Gott und als Maheschwara die große Gottheit des Urbeginns, der somit über die Prozesse der Auflösung, der Welterhaltung und der Schöpfung regiert. Aus dieser Sicht gibt es letztlich weder Schöpfung noch Zerstörung, sondern nur einen unendlichen Prozess der Verwandlung.
Im Mythos wird das Bild gebraucht von Schiwa, dem Zerstörer, als einzigem Zeugen, der die Periode kosmischer Grabesnacht transzendiert, indem er das Universum mit allen seinen Welten hineingibt als Opfergaben in das Feuer seines eigenen Lichts:
»Wenn Dunkelheit nicht ist, wenn ist weder Tag noch Nacht, weder Sein noch Nichtsein, ist allein Schiwa.«15
In der Ikonografie wird Schiwa auch dargestellt als der einsame kosmische Tänzer, dessen Tanz alle Wesen und Welten beinhaltet. Seine endlos sich wiederholenden rhythmischen Figuren und Gesten fließen hervor aus dem nie nachlassenden Strom seiner göttlichen Energie. Wenn der Mond in den Wassern versunken, die Berge verschwunden, die Sonne verloschen, die Menschheit vergangen, die Sterne gefallen und die Erde in den Fluten eines gigantischen Ozeans versunken, ist Schiwa allein geblieben, den pralaya tandava16 tanzend.
Schiwa, der brahman des Vedanta, ist der göttliche Urgrund, in welchen selbst die Götter, als die verwirklichenden Teilaspekte seiner Macht, untertauchen und wiedererstehen, die auch den Menschen von seinem Innersten her regieren. Diese Vielfalt der Manifestation des Göttlichen in der Materie veranschaulicht der Mythos in den eintausendundacht Namen oder Aspekten Schiwas, die er alle in der Einheit seines Wesens einbeschließt.17 Diese Teilmanifestationen wiederum werden wirksam im fünffachen Offenbarungsprozess der Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verschleierung und Gnade.
Die Entfremdung, die Bewegung fort vom Urgrund des Seins, wie die Reabsorption in das Göttliche hinein, ist ein unaufhörlicher Prozess, der auch das sogenannte Böse als unumgängliches, die Dualität gestaltendes Prinzip mit einschließt. Die Verehrung des Schrecklichen, als die andere Seite des huldvollen, gnadenreichen Gottes, ist ein wesentlicher Bestandteil hinduistischer Gottesschau.
Schiwa, als Zerstörer aller weltlichen Illusion, verlangt das Erlebnis des Göttlichen in seiner furchtbarsten Form: das Vermögen, der unverschleierten Wahrheit ins Auge sehen zu können, ohne davon überwältigt oder verstört zu werden. Deshalb rief Ramakrischna seine Schüler auf: »Betet das Schreckliche an, stürzt euch in den Tod, nicht ins Leben!«
Den Dämon und den Gott als eins zu erkennen, ist eine Weihe höchster Ordnung. Dabei wird einem die Gewissheit zuteil, dass einem nichts geschehen kann, als was einem seit Ewigkeiten zugehört.
Als höchstes Wesen hat Schiwa teil an der Erfahrung der Endlichkeit, ohne dass seine Offenbarungspotenz dadurch gemindert ist: in der manifestierten Wirklichkeit nimmt er die verschiedensten Formen an, bleibt aber unverändert in seiner Wesenheit.
Schiwa, das Urbild des Yogi, stellt die Ikonografie dar als jenseits aller Zeitlichkeit in unberührbarer Einsamkeit auf dem Schneegipfel des Kailasch Berges sitzend, versunken in die kristallklare Schau des Urgrundes seines unendlichen Wesens.
Die künstlerische Darstellung Babajis als swayambhu (sich selbst erzeugendes göttliches Wesen) in der Position des meditierenden Yogi auf dem Kailasch als Zentrum der Welt und Übergang in die göttliche Transzendenz zeigt ihn auch als Herr über die drei gunas: radschas, tamas und sattva, den strukturierenden Grundelementen des Daseins, veranschaulicht durch drei konzentrische Kreise, sowie über die fünf Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Mit dem Urlaut OM beginnt die Schöpfung und die Trennung von Schiwa und Schakti, die vereint sind im Licht, das vom Herztschakra Babajis die Welt erleuchtet.
So vereint und manifestiert Schiwa absolute, in sich ruhende Stille mit sich in die unendliche Vielfalt des Lebens verströmender dynamischer Energie.
Als kosmisches Wesen »sind seine Stirn Feuer, Sonne und Mond seine Augen, die vier Himmelsrichtungen seine Ohren, die Veden seine Stimme, der Wind, der die Welt durchzieht, ist der Atem, der seine Brust belebt, die Erde seine Füße. Er ist das innere Selbst aller Lebewesen. «18
Entsprechend der unterschiedlichen geistigen Entwicklung der Menschen zeigt sich Schiwa als Du in göttlicher Form - davon berichtet die Fülle der Mythen, überliefert in den großen Epen des Mahabharata und Ramayana, und auch die Erlebnisse, Visionen und Träume der Gläubigen.19 Schiwa offenbart sich weiter als das Wissen, das aus dem Innersten des Menschen geboren wird, wobei das Göttliche als ›ich‹, im eigenen Werdeprozess einbezogen, erlebt wird und auch in der Form einer außenstehenden Person als Meister oder Guru.
Als göttlicher Guru ist Schiwa inkarniert in Babaji, der seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts im Vorgebirge des Himalaya als Baba Haidakhan verehrt wird und im Abendland durch die Veröffentlichung von Paramahansa Yoganandas Autobiografie eines Yogi um die Mitte unseres Jahrhunderts als Mahavatar Babaji bekannt wurde.
5. Haidakhan Vischwamahadham20 - Zentrum der Mythologie um Babaji als Schiwa-Avatar
Haidakhan ist ein kleines Dörfchen im Kurmantschal Vorgebirge des Himalaya, sechsundzwanzig Kilometer östlich des Marktfleckens Haldwani im Distrikt Nainital der Großprovinz Uttar Pradesch.21
Mythologisch ist die Kurmantschal Region ein uraltes Gebiet und wird, unter anderem, auch in Verbindung gebracht mit der zweiten Inkarnation des Gottes Vischnu als Kurma, Schildkröte, zu Beginn des satya yuga, des Zeitalters der Wahrheit, dem ersten Zeitabschnitt unseres gegenwärtigen Äons.
Nach Angaben im Uttar Manas Skanda Purana22, in einem Dialog zwischen Schiwa und seinem Sohn Karttikeya23, wird dieser Ort schon als ein während der Eiszeit heiliges Gebiet erwähnt, als der indische Subkontinent noch bis zur Vindhatschal Region, im heutigen Radschasthan, mit Gletschern bedeckt war.
Nach dem Mythos beauftragte Schiwa Virabhadra24, eine feurige Emanation aus seinem Munde, »fürchterlich anzuschaun und von gewaltiger Macht«, mit der Lokalisierung des Zentrums der damaligen riesigen Landmasse, ehe das aus den Wassern herausragende Gebiet in die fünf Kontinente zerbrochen war.
Dieses weltbewegende Ereignis, das einer Neuschöpfung gleichkam, wird kommentiert mit »die Berge fielen krachend ein, die Erde erbebte, die Winde brüllten, aufgewühlt ward die Tiefe des Meeres«.
Die Eismassen blieben nur auf den höchsten Erhebungen des heutigen Himalayagebirges zurück. Schiwa und das Pantheon der Götter, vormals zu Hause auf dem Kurmantschal Kailasch-der mit dem mythischen Meru Parvat als axis mundi identisch ist-, zogen sich zurück auf den gleichnamigen Berg Kailasch im heutigen Tibet, nördlich des Manasarovar Sees, während das alte heilige Zentrum nach und nach von den Menschen besiedelt wurde. Das Zentrum der Welt hat als meru dandaseine mikrokosmische Entsprechung in der Wirbelsäule, mit der die Bewusstseinszentren, oder Tschakren, als Manifestationsorte der Götter verbunden sind.
Als Schiwa sich mit Sati vermählte, brachte er sie zum Kurmantschal Kailasch, an dessen Fuß sich zu alten Zeiten ein See befand. In diesem pflegte sie zu baden, und noch bis zum heutigen Tag heißt dieser Ort ›Sati Kunda‹.
Am Tag ihrer Ankunft pflanzte die Göttin dort ein Bäumchen, das heute als stattlicher und einziger Baum mitten im Flussbett des Gautama Ganga steht. Diesen Fluss leitete Schiwa, zu einem späteren Zeitpunkt, etwa eineinhalb Kilometer nördlich an die Oberfläche, als besonderen Gnadenbeweis für einen der sieben Rischis25 mit gleichem Namen, der sich in diese Gegend zum Meditieren zurückgezogen hatte.
Der Gautama Fluss fließt aus dem Manasarovar See unterirdisch viele Kilometer lang durch das Himalayagebirge und taucht unweit des Örtchens Haidakhan an die Oberfläche. Weiter fließt er durch die Stelle des ehemaligen ›Sati Kunda‹, ohne aber je den heiligen Baum zu überschwemmen, selbst nicht zur Zeit des jährlichen Monsunregens, wo riesige Wassermassen den Fluss zu einem reißenden Strom anschwellen lassen. Ebenso wie das Wasser des Ganges kann man es jahrelang aufbewahren, ohne dass ein Fäulnisprozess einsetzt.
Am Fuße des Kailasch, nur wenig über dem Wasserspiegel des Gautama Flusses, befindet sich eine Höhle, die wie der Berg selbst auf die Schöpfungsgeschichte zurückgeht. Diese Höhle wird im Schiwa Purana26 erwähnt als Aufenthaltsort der Gottheiten und wird verehrt als ein Ort, wohin Schiwa sich bisweilen zu tiefer Meditation und asketischen Übungen (tapasya) zurückzieht.
In dieser Höhle, von der aus unterirdische Gänge nach Haridwar, Benares und zum Manasarovar See führen, wurde Babaji erstmals wieder im Juni 1970 von einem Bewohner der Gegend durch Weisungen eines Traumes gefunden.27
Der Kailasch (etwa 2 600 m hoch) wird sowohl im Mythos wie in Erzählungen aus der Gegend beschrieben als ›der goldene Berg‹, denn der Meru Parvat wird auch Hemadi - der goldene Berg, Ratnasanu - Juwelenspitze, Karnikatschala- Lotusberg und Devaparvata - Berg der Götter genannt.
An seinen unteren Hängen gibt es heute vereinzelt kleine Siedlungen, doch zeigt der Berggipfel kaum Vegetation, noch sind dort Wasserquellen zu finden. Auf seiner höchsten Erhebung ist ein Schiwaheiligtum mit lingam und dhum28 und ein von Pilgern gestifteter Glockenaltar.
Der Berg ist vielfach mit einer sehr seltenen Art des Paridschata Baumes (entstanden beim Quirlen des Milchmeeres des Trankes der Unsterblichkeit) bewachsen, von denen nur einer unter tausenden Samen hervorbringt.
Zu Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstand auf einem dem Kailasch gegenüberliegenden Hügel ein Schiwatempel von Babajis eigener Hand unter Mithilfe einiger Einwohner aus der Gegend. Sein Grundriss ist achteckig als Symbol für die aschthasiddhis29 (die acht Machtaspekte Schiwas).
Nach einer mündlichen Überlieferung30 wurde der Tempel 1843 fertiggestellt, und da nur Felsgestein aus der Umgebung dafür zur Verfügung stand, pflegte Babaji die Größe der Baublöcke mit seinem Stab zu umreißen, worauf diese sich im exakten Maß aus dem Gestein lösten. Von dem dreiseitigen lingam im Tempelinneren wird erzählt, dass er mit göttlichem Atem belebt ist. In den Jahren nach Babajis Erscheinen wurde der Tempelbezirk zu einem Aschram mit Wohngelegenheiten erweitert.
Das etwa einen halben Kilometer breite Flussbett ist übersät mit Steinen und Geröllblöcken, von denen Babaji sagt, dass sie Seelen sind, die Erlösung erlangt haben, und dass der Tag nicht mehr fern sei, wo so viele Menschen nach Haidakhan strömen werden, dass ihre Zahl die der Steine im Flussbett übertreffen wird.
Der Stein als Kultobjekt und Medium der Offenbarung spielt eine bedeutende Rolle nicht nur im Mythos und Ritus, sondern auch in den Erlebnissen der Adepten des Aschrams. So bezeichnet, zum Beispiel, im Flussbett unterhalb des Tempels ein lingam den »heiligsten Ort der Erde« ; seine Bedeutung wurde vor einigen Jahren von einem Adepten in einer Vision geschaut:
»Am Abend des achtundzwanzigsten Januar 1976 wurde im Flussbett, unterhalb des Aschrams, eine Hochzeit gefeiert. Während der Festlichkeiten ließ Babaji mich zu sich rufen und trug mir auf, nach Seinem kleinen Jungen zu sehen, der vermisst wurde.
Langsam stieg ich in der Dunkelheit die vielen Stufen zum Aschram hinauf. Einige Male blieb ich stehen, um mich auszuruhen und um auf das bunte Treiben hinunterzuschauen. Die Klänge der Blechkapelle und die Stimmen der vielen Menschen drangen zu mir herauf als ein Gemisch von Summen und Dröhnen. Und als ich mich so an das Mauerwerk anlehnte und hinuntersah, schaute ich plötzlich das ›andere Haidakhan‹, sozusagen die geistige Wirklichkeit des Ortes, der mir während meines zweimonatigen Aufenthaltes so vertraut geworden war.
Die Worte ›Haidakhan ist das Zentrum der Welt‹ kamen mir immer wieder in den Sinn. In der Einfachheit der gegliederten Steinwälle des eingefriedeten havana kunda (ausgehobene Grube für das Feueropfer), in dem sich das Leben tummelte, schaute ich den ersten und letzten Ort, der auf der Erde besteht ... «
Mahendra Baba31 hat die Bedeutung und Schönheit dieses Ortes in ekstatisch inspirierten Versen in seinem Haidakhandi Aratt32 beschrieben:
»Haidakhan ist ein einzigartiger Ort, voll Reinheit, Glückseligkeit - des Lebens höchstes Ziel,
Dort fließt der Gautama Fluss, dort weilen Götter und Weise. Erblicke ich den Berg Kailasch, fühle ich mich aus tiefster Seele zu ihm hingezogen.
Am Fuße des Berges - eine göttlich-schöne Höhle: dies ist der Wohnort des Herrn.
Die Tiere des Waldes, ganz ohne Furcht, leben in Eintracht miteinander.
Selbst Nandana Van, der Himmel Krischnas, erscheint mir armselig, vergleiche ich ihn mit dem Wohnort des Herrn. Preis und Ehre dir, Haidakhan, heiligster Ort, Wohnsitz Schiwas, des Herrn ...«
In seiner Vision der Zukunft eröffnet Schiwa seinem Sohn Karttikeya, dass eine Zeit kommen würde, da die Götter wieder zum Kurmantschal Kailasch zurückkehren werden; dann würde auch Haidakhan seine ursprüngliche Bedeutung wiedergewinnen als zentrales Heiligtum der Welt; es sei dies auch die Zeit eines Wendepunktes in der Weltgeschichte und der Beginn eines neuen Zeitalters.
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