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Marco Bertolaso

Rettet die Nachrichten!

Was wir tun müssen, um besser informiert zu sein Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses, 6 Köln: Halem, 2021

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung

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© Copyright Herbert von Halem Verlag 2021


Print: ISBN 978-3-86962-493-8
E-Book (PDF): ISBN 978-3-86962-494-5
E-Book (EPUB): ISBN 978-3-86962-520-1

ISSN 2699-5832

UMSCHLAGGESTALTUNG: Claudia Ott, Düsseldorf

UMSCHLAGFOTO: Joshua Rawson Harris / unsplash

LEKTORAT: Rabea Wolf

SATZ: Herbert von Halem Verlag

DRUCK: docupoint, Magdeburg

Copyright Lexicon © 1992 by The Enschedé Font Foundery.

Lexicon is a Registered Trademark of The Enschedé Font Foundery.

Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses

Marco Bertolaso

Rettet die Nachrichten!

Was wir tun müssen, um besser informiert zu sein


Die Reihe Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses

Warum ist der Lager übergreifende öffentlich-demokratische Diskurs gefährdet, ja geradezu ›kaputt‹? Weshalb ist der öffentliche Wettbewerb auf dem Marktplatz der Ideen ins Stocken geraten? Und welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und Algorithmen, aber auch Bildung und Erziehung sowie eskalierende Shitstorms und – auf der Gegenseite – Schweigespiralen bis hin zu Sprech- und Denkverboten?

Die Reihe Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses stellt diese Fragen, denn wir brauchen Beiträge und Theorien des gelingenden oder misslingenden Diskurses, die auch in Form von ›Pro & Contra‹ als konkurrierende Theoriealternativen präsentiert werden können. Zugleich gilt es, an der Kommunikationspraxis zu feilen – und an konkreten empirischen Beispielen zu belegen, dass und weshalb durch gezielte Desinformation ein ›Realitätsvakuum‹ und statt eines zielführenden Diskurses eine von Fake News und Emotionen getragene ›Diskurssimulation‹ entstehen kann. Ferner gilt es, Erklärungen dafür zu finden, warum es heute auch unter Bedingungen von Presse- und Meinungsfreiheit möglich ist, dass täglich regierungsoffiziell desinformiert wird und sich letztlich in der politischen Arena kaum noch ein faktenbasierter und ›rationaler‹ Interessensausgleich herbeiführen lässt. Auf solche Fragen Antworten zu suchen, ist Ziel unserer Buchreihe.

Diese Reihe wird herausgegeben von Stephan Russ-Mohl, emeritierter Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano/Schweiz und Gründer des European Journalism Observatory.

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

TEIL EINS: DIE KRISE DER NACHRICHTEN

KAPITEL 1 FREIE NACHRICHTEN: EINE HISTORISCHE AUSNAHME

KAPITEL 2 MEHR PROBLEME ALS GENUG: NACHRICHTEN UNTER DRUCK

Nicht klar definiert? – Was mit Nachrichten gemeint ist

Nicht mehr geliebt? – Die Sache mit dem Vertrauen

Nicht mehr repräsentativ? – Wenn Menschen sich nicht wiedererkennen

Nicht mehr gebraucht? – Die gefährlichen Umgehungsstrategien

Nicht mehr genutzt? – Netz und soziale Medien als neue Informationsquellen

Nichts mehr wert? – Die (scheinbar) kostenlose Ware Nachricht

EXKURS: DER ALLTAG DER NACHRICHTEN

Eine Redaktion im Lauf der Jahrzehnte

Das alltägliche Ziel: Konstruktion von Wirklichkeit

TEIL ZWEI: REALISTISCHE NACHRICHTEN – NEUSTART FÜR DEN INFORMATIONSJOURNALISMUS

KAPITEL 3 WER WIR SEIN WOLLEN – DAS SELBSTVERSTÄNDNIS DER NACHRICHTEN

Verzicht auf die Allwissenheit

Nachrichten und Wahrheit(en)

Abschied von der Objektivität

Probleme der Postobjektivität

Nachrichten und Emotionen

Die große Negativverzerrung

Nachrichten und Macht

KAPITEL 4 WAS SICH ÄNDERN MUSS: MEHR NACHRICHTEN WAGEN

Ein neues Verständnis von Aktualität und Relevanz

Ausweitung der Beobachtungszone

Gesellschaftliche Perspektiven

Internationale Sichtweisen

Komplexität und Vertiefung

Das A und O: Die Quellen der Nachrichten

Organisation, Ressourcen und Verbreitung der Nachrichten

TEIL DREI: DIE NACHRICHTEN RETTEN: EINE GEMEINSCHAFTSAUFGABE

KAPITEL 5 REALISTISCHE NACHRICHTEN: EINE ZUSAMMENFASSUNG IN ZEHN PUNKTEN

KAPITEL 6 WAS DIE GESELLSCHAFT TUN SOLLTE: EINE WUNSCHLISTE MIT ACHT PUNKTEN

SCHLUSSBEMERKUNG UND DANK

LITERATUR UND ANDERE ZITIERTE QUELLEN

EINLEITUNG

Wir müssen uns um die Nachrichten kümmern. Sie, ich, wir alle. Demokratische Verhältnisse, der Rechtsstaat und unsere individuellen Freiheiten, all das ist historisch betrachtet selten, aber auch in unserer heutigen Welt rar und kostbar. All das setzt allgemein zugängliche und verlässliche Informationen voraus. Nur so kann sich jede und jeder eine Meinung bilden. Nur so bleibt eine Öffentlichkeit lebendig, die gemeinsam akzeptierte Tatsachen kennt, eine Öffentlichkeit, die auf dieser Grundlage diskutiert, streitet, entscheidet und Kontrolle ausübt.

Lange war unbestritten, dass den Nachrichten dabei eine zentrale Rolle zukommt. Sie waren Kommunikationsraum und Immunsystem der Demokratie. Ob Zeitungen, Radio, Fernsehen oder Internet – der Informationsjournalismus hat die vergangenen einhundert Jahre geprägt. Jetzt steckt er in der Krise. Gesellschaftliche Fragmentierung, Infragestellung klassischer Medienangebote, die digitale Revolution mit ihren radikal neuen Informationsmöglichkeiten und mit ihren neuen, radikalen Monopolisten, das brutale Ende tradierter Geschäftsmodelle, das sind einige der bekannten Stichworte.

Aus meiner Sicht stehen die Gefahren für den Informationsjournalismus in Wechselwirkung mit einer anderen Krise, mit der Krise der repräsentativen Demokratie. Massenmedien und Parteien verlieren an Kraft, die sozialen Medien und Bewegungen gewinnen an Gewicht. Auch darum geht es in diesem Buch, doch mein Schwerpunkt liegt auf der Absicherung und Weiterentwicklung des Nachrichtenjournalismus. In diesem Berufsfeld bewege ich mich seit drei Jahrzehnten aus Überzeugung und mit Freude. Vor Ihnen liegt daher auch kein kommunikationswissenschaftlicher Text, sondern der eines gesellschaftlich engagierten Nachrichtenredakteurs.

Unser Handwerk muss Regeln nachjustieren. Wir sollten uns von Gewohnheiten und Glaubenssätzen verabschieden, von denen manche auch mir lange heilig waren. Einige Beispiele: Beobachten und kontrollieren wir noch die richtigen Entscheidungsträger, etwa mit journalistischen Hundertschaften rund um den Bundestag, den Schauplatz von teils nur noch vermuteter Macht? Wie lassen sich transnationale, internationale oder gar globale Themen in den überwiegend nationalen Medienlandschaften angemessen darstellen? Viele Menschen erkennen sich und ihre Lebenswelt in den Nachrichten nicht mehr wieder. Wie können Redaktionen darauf reagieren, um Vertrauen zu bewahren oder zurückzugewinnen? Stimmt die nachrichtliche Aktualitätsfixierung eigentlich? Sind unsere Quellen zeitgemäß? Warum klammern wir uns weiter an den mythischen Begriff der Objektivität? Und weshalb behaupten wir immer noch so oft, über ›alles Wichtige‹ zu berichten, als ob dieses Versprechen jemals auch nur für einen Tag einzulösen gewesen wäre?

Hin und wieder übe ich die eine oder andere Form von Kritik und spreche mich für Veränderungen aus. Das richtet sich weder gegen den Nachrichtenjournalismus noch gegen die vielen Kolleginnen und Kollegen, die ihn täglich gestalten und an seiner Weiterentwicklung arbeiten. Die Kritik ist vielmehr ein konstruktiver Teil dieser gemeinsamen Arbeit, an der ich schon lange mitwirken darf. Das ist der Zusammenhang, aus dem einzelne meiner Argumente weder gerückt noch gerissen werden sollten. Die Beobachtungen und Anmerkungen in diesem Buch sind zudem immer die meinen und nicht Standpunkte des Senders, für den ich sehr gerne arbeite.

Mit Betrachtungen über den Journalismus und sein Personal allein ist es nicht getan. Denn bei den Medien wird vieles abgeladen, was in die Zuständigkeit anderer gesellschaftlicher Bereiche gehört. Für wesentliche Defizite der demokratischen Öffentlichkeit sind Politik und Wirtschaft verantwortlich, Verbände, Nichtregierungsorganisationen und andere mehr. Mich besorgt unter anderem das ebenso weitverbreitete wie missbräuchliche Unterlaufen eines funktionierenden Informationsjournalismus durch PR und Marketing.

In der Verantwortung stehen aber letztlich wir alle, die wir Medien nutzen, die wir Bürgerinnen und Bürger sind. Wir alle gehören zur Nachrichtenkultur und entscheiden gemeinsam über die Zukunft der Information. Lassen Sie uns die Nachrichten retten. Es lohnt sich – und es wird uns nur gemeinsam gelingen.

Was erwartet Sie nun? Das Buch ist eine Art Reise durch die Welt der Nachrichten. Im ersten Teil besichtigen wir den freien, westlichen Nachrichtenjournalismus und dann die Probleme, mit denen er von innen und von außen konfrontiert wird. Nach einem Abzweig in den redaktionellen Alltag schauen wir uns im zweiten Teil das Selbstverständnis der Nachrichten und einige handwerkliche Punkte genauer an. Dabei werbe ich für eine Neuorientierung unter dem Sammelbegriff ›Realistische Nachrichten‹. Zum Schluss geht es um den Beitrag von Politik und Gesellschaft für einen demokratie- und gemeinwohlorientierten Informationsjournalismus.

TEIL EINS: DIE KRISE DER NACHRICHTEN

KAPITEL 1
FREIE NACHRICHTEN:
EINE HISTORISCHE AUSNAHME

Den Anfang macht ein genauerer Blick auf das, für dessen Rettung ich werbe. Ich meine eine Nachrichtenkultur, die den Einzelnen und der Öffentlichkeit den informationellen Rohstoff für demokratische Abwägungen und Entscheidungen verlässlich liefert, die sich den fundamentalen Prinzipien des Grundgesetzes und anderen Normen wie den Menschenrechten verpflichtet fühlt und deren grundsätzlich große Offenheit und Neutralität genau dort ihre wehrhafte Grenze finden, wo diese Werte in Gefahr sind.

Ich meine einen Nachrichtenjournalismus, der seinerseits frei arbeiten kann, in Deutschland zum Beispiel abgesichert durch Artikel fünf des Grundgesetzes und eine funktionierende Justiz. Ich meine Nachrichten, die derart geschützt die Arbeit der demokratischen Institutionen und aller anderen gesellschaftlichen Akteure kontrollieren und kritisieren können. Und ich meine Nachrichten, die sich ihrer Verantwortung zur Herstellung einer demokratischen Öffentlichkeit bewusst sind, die eine funktionierende Fehlerkultur haben und ihre Arbeit ebenso regelmäßig wie transparent überprüfen.

Manche denken, dass eine solche Nachrichtenkultur alltäglich und ungefährdet ist. Wir werden uns das noch genauer ansehen. Historisch betrachtet ist sie jedenfalls die absolute Ausnahme. Frei verfügbare und zuverlässige Information, auf deren Grundlage die Menschen über die Geschicke ihrer Gesellschaft entscheiden können, das war in der Geschichte so wahrscheinlich wie sechs Richtige im Lotto. Meist waren die Nachrichten nämlich Instrument oder Teil der Macht. Wo wüsste man das besser als in Deutschland? Noch vor achtzig Jahren standen die Medien hier unter Kontrolle des Staates. Noch mehr, sie halfen bei der Absicherung einer Diktatur. Durch die Verbreitung von Lügen und Hass wurden Massenmedien zu Massenvernichtungswaffen.

Eine weitere Lehre nicht nur aus der NS-Zeit ist die besondere Rolle der Nachrichten im Journalismus. In einer Diktatur oder in einem autoritären Regime hat es niemand leicht, der von der Meinungsfreiheit Gebrauch machen will. Die Nachrichten aber sind das erste Opfer. So hielten es auch die Nationalsozialisten: Sie unterwanderten und radikalisierten schon 1931 den Reichsverband Deutscher Rundfunkteilnehmer, der sich danach für mehr ›rechte‹ und nationale Inhalte im angeblich links dominierten ›Systemrundfunk‹ stark machte. Eine zentrale Parole lautete »Brecht den roten Rundfunkterror.« In NS-Zeitungen wurde das verbunden mit antisemitischer Hetze, mit Kritik an den Kosten des Rundfunks und Forderungen wie »Fort mit marxistischer Zersetzungspropaganda und verlogenem Literaten-Geseire« (HEIDELBERGER BEOBACHTER 1931).

Bereits 1932 und damit noch deutlich vor der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler sicherten sich die Nationalsozialisten den Einfluss auf die Drahtlose Dienst AG, die erste deutsche Hörfunknachrichtenredaktion. Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels nannte das Radio das »allermodernste und allerwichtigste Massenbeeinflussungsinstrument« (GOEBBELS 1933). Sein Mann für den Rundfunk, Hans Fritzsche, sprach später vom »modernsten und schnellsten Nachrichtenmittel« und von einer »Waffe« (FRITZSCHE 1937).

Die Nationalsozialisten verschafften sich auch sonst die Kontrolle über den Informationsjournalismus, sobald sie es konnten. Der Grund ist leicht erklärt und gilt auch für andere Diktaturen: Wenn den Menschen vertrauenswürdige Nachrichten fehlen, wenn sie der Propaganda ausgesetzt sind, wenn sie nicht mehr wissen, was wahr oder falsch ist, dann ist das autoritäre Ziel erreicht. Dann kann der Staat in anderen Bereichen kalkulierte Freiheiten zulassen, etwa ein gewisses Maß an Kunst und Kommentierung erlauben, als Ventil im Inland oder als Feigenblatt für die Welt.

Kaum Note ›gut‹ für die Pressefreiheit

Solche Überlegungen klingen heute für manche wie eine anstrengende und überholte Moralpredigt aus längst vergangenen, dunklen Tagen. Diesen Eindruck gewinne ich seit Jahren im Dialog mit einigen unserer Hörer und Nutzerinnen. Ich sehe das anders. Wir alle sind in unserer Zeit und in unserer Lebenserfahrung befangen. Das schränkt die Vorstellungskraft ein und manchmal auch die Abwehrkraft. Die meisten von uns hatten schon einmal von der ›Spanischen Grippe‹ gehört. Doch mein Gott, das war vor einhundert Jahren. Dann kam Corona und traf viele Gesellschaften einigermaßen unvorbereitet.

Um die Bedrohung freier Nachrichten zu verstehen, muss niemand einhundert Jahre zurückschauen. Es reicht ein offener Blick in die Welt um uns herum. Ein nützlicher Indikator ist der Index, den die Organisation Reporter ohne Grenzen jährlich veröffentlicht. Es ist eine Art TÜV für die Pressefreiheit, der Zensur, Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten und andere einschränkende Faktoren berücksichtigt. Dass es in Nordkorea oder im Iran auch für Medien düster aussieht, darauf kämen wir alle auch ohne diesen Index. Aber wer weiß schon, wie selten freie Nachrichtenkulturen heutzutage generell sind, weit über die üblichen Verdächtigen unter den Staaten hinaus?

Gerade mal für zwölf der 180 bewerteten Länder schätzen die Reporter ohne Grenzen die Lage im Frühjahr 2021 als gut ein (REPORTER OHNE GRENZEN 2021). Ob uns allen klar ist, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen? Ob wir es schaffen, aufmerksam und vorsichtig zu bleiben? Garantiert ist das nicht. Denn auch bei der Virengefahr hätten wir nicht nur aus der Geschichte gewarnt sein können. Ärzte in Bergamo sprachen es Ende März 2020 klar aus: »Il coronavirus è l’Ebola dei ricchi«. Corona ist das Ebola der Reichen, so zitiert sie die Nachrichtenagentur ANSA (2020). Andere Teile der Welt haben deutlich mehr Erfahrung mit Pandemien – und mit der Unterdrückung der Medien. Wir wären gut beraten, in beiderlei Hinsicht Anteil am Schicksal der anderen zu nehmen und uns auch bei der Pressefreiheit nicht zu sicher zu fühlen.

Mythos Watergate

In meiner Generation verbindet sich die Idee des Journalismus mit Bildern von Bob Woodward und Carl Bernstein. Viele haben die beiden vor Augen, wie sie aufklärerisch, mutig und stets das Gute im Sinn den Watergate-Skandal aufdecken, wie sie 1974 letztlich US-Präsident Richard Nixon zum Rücktritt zwingen. Ehrlicherweise sind es vielleicht noch mehr die Bilder von Robert Redford und Dustin Hoffman, den Darstellern der Reporter im Klassiker All the President’s Men. Die Verfilmung aus dem Jahr 1976 hat den Beruf des damals noch meist männlichen Journalisten popularisiert und für viele Jahre als Klischee geprägt. Watergate und der Film haben vor bald 50 Jahren auch zu einem Run auf die Ausbildungswege hin zu den Medien beigetragen.

Mit dem Regelfall des Journalismus hat Watergate allerdings wenig zu tun. Über die Jahrhunderte stand in den Medien nicht die Kontrolle der Macht im Vordergrund, sondern die Unterhaltung. Es ging dabei oft um gute Stimmung und politische Ruhe in der Bevölkerung. Die ungebrochene Wucht des Unterhaltungsaspekts können wir an den mit ihm verbundenen Auflagen und Reichweiten in der Medienlandschaft unserer Tage ablesen. Der Hauptjob der Nachrichten, sofern es sie gab, war Information und Desinformation im Interesse der Machthabenden. Das reichte bis zur Mittäterschaft in Diktaturen.

Doch auch jenseits solcher Extreme lebten Informationsmedien meist in einem prekären Geflecht von Abhängigkeiten von und Rücksichtnahmen auf politische, wirtschaftliche und andere Interessen. Stellen wir uns einen Augenblick vor, es gäbe eine Liste mit den Namen aller Frauen und Männer, die jemals in der Geschichte ihr Geld mit der Suche, der Zusammenstellung und Verbreitung von Nachrichten verdient haben. Es wäre eine enorm lange Liste von den Anfängen der professionellen Information bis zu meinen Kolleginnen und Kollegen, die gerade jetzt die DEUTSCHLANDFUNK-Nachrichten verantworten, während Sie diese Zeilen lesen. Die Gesamtübersicht würde deutlich machen, wie sehr ein Journalismus im Sinne von Woodward und Bernstein, im Sinne von Guardian, Tagesschau oder Süddeutscher Zeitung die Ausnahme war.

Die Ausnahme ist, muss man sagen. Denn die Pressefreiheit mag auf dem Papier fast überall garantiert sein, so wie die Welt auch voller Regierungssysteme ist, die sich ›demokratisch‹ nennen. Und doch haben staatlich kontrollierte und weitere, engen Interessen verpflichtete Medien nach wie vor weltweit viel mehr Personal und Ressourcen als die anderen Redaktionen. Als die ›eigentlichen Redaktionen‹, wie ich sie nennen möchte.

Systemstabilisatoren und Systemkritik

Journalistinnen und Reporter, die nach unserem Verständnis nicht frei arbeiten, sehen sich selbst nicht unbedingt als Agitatoren und Propagandistinnen, die den Beruf falsch ausüben. Es wird viele Fälle überzeugter Systemstabilisatoren geben. In manchen Gesellschaften ist das die offizielle Aufgabe des Journalismus. Erklärt und begründet wird dies als patriotische Pflicht, Teil eines revolutionären Weges oder eines ideologischen Konzeptes und fast immer als Dienst am Volk.

Mit dieser Ausrichtung wird das Handwerk heute in Diktaturen unterrichtet, so wie in den 1930er-Jahren schon in Benito Mussolinis Scuola fascista di giornalismo, die Joseph Goebbels zur Gründung der Reichspresseschule inspirierte. Viele in den Medien autoritär regierter Staaten Beschäftigte werden die gewohnten Arbeitsumstände wohl auch einfach für normal halten oder sich den Zwängen beugen.

Weltweit praktizieren in solchen Ländern immer wieder Journalistinnen und Journalisten kleinere Formen des kalkulierten Widerstandes. Andere gehen noch einen Schritt weiter: Sie kämpfen für eine wahrhaftige Berichterstattung. Sie legen sich mit der politischen und wirtschaftlichen Macht, mit dem Militär oder mit mafiösen Strukturen an – und manchmal sogar mit allen diesen Kräften gleichzeitig. Diese Menschen leben gefährlich und können oft nur auf externe Unterstützung von Reporter ohne Grenzen, Amnesty International und andere Organisationen zählen – wenn überhaupt. Wenn unser Beruf Helden kennt, dann sind es diese Frauen und Männer.

Vielfältige Nachrichtenkulturen

Die Nachrichtenkulturen sind vielschichtig wie die politischen Systeme. Die Medienwissenschaft arbeitet mit verschiedenen Modellen, in denen die dem Informationsjournalismus zugeschriebenen Aufgaben variieren – von der Unterstützung der Regierung, etwa in China, bis zur Kontrolle der Macht, so wie wir es im Westen grundsätzlich verstehen. Roger Blum beschreibt dies in seinem Mediensystemvergleich schon im Titel als den Unterschied zwischen den Lautsprechern und den Widersprechern der Herrschenden (BLUM 2014). Blum macht auch einiges an Schattierungen zwischen diesen Polen aus. In Russland oder in der Türkei etwa sieht er »kontrolliert halboffene Systeme« (BLUM 2014: 118ff.).

Man muss aber nicht erst nach China gehen, nach Nordkorea oder in den Irak, um sich in einer spürbar anderen journalistischen Welt wiederzufinden. In Großbritannien erleben wir ein atemberaubendes Nebeneinander: Da ist die BBC, vermutlich der an Tradition und Innovation reichste öffentlich-rechtliche Rundfunksender. Da ist aber auch eine hochgradig polarisierte und konfliktorientierte Presselandschaft, in der die Zeitungen des Unternehmers Rupert Murdoch maßgeblich den Ausgang mehrerer Wahlen in den vergangenen Jahrzehnten entschieden haben – und zwar mal für die Konservativen, mal für Labour. Sie haben auch das Brexit-Referendum mitentschieden. In Frankreich übt die Regierung seit jeher Einfluss auf die elektronischen Medien aus, in die Presse haben sich Industrielle verschiedener Branchen eingekauft.

Italien ist die Heimat von Silvio Berlusconi, dem Meister der Verflechtung wirtschaftlicher, medialer und politischer Interessen. Schon vor ihm teilten sich die großen Parteien die Pfründe beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk RAI, ganz im Sinne der ›Partitocrazia‹. Das gesamte italienische Mediensystem kategorisiert Blum als »freiheitlich-klientelistisch« (BLUM 2014: 164ff.). Er meint damit unter anderem den Vorrang von Gruppeninteressen gegenüber dem Allgemeinen, die große Bedeutung von Netzwerken und Schutzbeziehungen, innerhalb derer auch Journalisten agieren.

Kein Anlass zu westlichem Hochmut

In Deutschland hat es bei Meinungsvielfalt und Wettbewerb zuletzt Einbußen durch Abbau und Zusammenlegung von Redaktionen gegeben. Im Frühjahr 2021 stufte Reporter ohne Grenzen dann auch die Bewertung der Lage der Pressefreiheit in Deutschland von ›gut‹ auf nur noch ›zufriedenstellend‹ zurück und sprach von einem ›Alarmsignal‹. Begründet wurde dies mit den vielen Übergriffen auf Medienvertreter bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen (REPORTER OHNE GRENZEN 2021). Schon 2020 hatte die Organisation in der Nahaufnahme Deutschland beklagt, »Gewalt, verbale Angriffe und Einschüchterungsversuche gegen Journalistinnen und Journalisten bleiben erschreckend häufig.« Weiter hieß es damals:

»Immer wieder gibt es Gesetzesinitiativen, die den Informanten- und Quellenschutz bedrohen. Journalistinnen und Journalisten sollen vermehrt durch Unterlassungserklärungen eingeschüchtert und von Veröffentlichungen abgehalten werden« (REPORTER OHNE GRENZEN 2020).

Auch in Deutschland prägen Unternehmen wie Bertelsmann oder Axel Springer einen wesentlichen Teil des Medienmarkts. Die Geschichte des öffentlich-rechtlichen Teils wiederum ist auch hier nicht frei von Einflussversuchen. Es gibt eine lebendige gesellschaftliche Diskussion darüber, ob die Aufsichtsgremien die gesellschaftlichen Gruppen widerspiegeln oder doch eher den Einfluss politischer Parteien sichern. Das Bundesverfassungsgericht hat 2014 verlangt, die Macht »staatlicher und staatsnaher Mitglieder« in den Gremien müsse stärker begrenzt werden (BVERFG 2014). Den Anstoß zu dem Verfahren hatte die Nichtverlängerung des Vertrages von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender im Jahr 2009 gegeben.

Festhalten möchte ich, dass auch im Westen in Sachen Pressefreiheit nicht alles gut ist, was woanders schlecht ist. Es gibt keinen Grund, aus der Warte unseres noch einigermaßen intakten medialen Ökosystems hochmütig zu sein. Es gibt aber jeden Grund, unsere freie Nachrichtenkultur zu verteidigen und zu verbessern. Es gibt jeden Anlass, sich gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit einzusetzen, genauso wie gegen die Verfolgung von Journalistinnen und Journalisten – wo auch immer dies geschieht.

Digitale Diktaturen

Es wird Zeit, das Internet anzusprechen, sofern man darüber überhaupt noch im Singular sprechen kann. Kieron O’Hara und Wendy Hall von der Universität Southampton jedenfalls beschreiben aus geopolitischer Sicht vier verschiedene Ausprägungen: Da ist das ursprüngliche Internet des Silicon Valley, verbunden mit emanzipatorischen Erwartungen, verknüpft mit Hoffnungen auf freien, vielfältigen Informationsaustausch und Demokratisierung. Daneben gibt es ein bürgerliches, europäisches Modell, in dem Lügen und Hate Speech unterbunden werden sollen, in dem Datenschutz im Zweifel wichtiger ist als Innovation. Nummer drei und vier sind für O’Hara und Hall das an Eigentum und Gewinn ausgerichtete Internetkonzept des US-Establishments sowie Chinas autoritär-paternalistisch genutztes Netz. Dazu tritt aus Sicht der beiden noch »Moscow’s Spoiler Model«, in dem die russische Regierung digitale Kanäle für Desinformation nutzt (O’HARA/HALL 2021). Zu dieser groben Orientierung hinzufügen möchte ich den Hinweis auf das Deep Web, insbesondere auf das Darknet, in dem fernab des allgemeinen Radars so ziemlich alles geschieht.

Hoffnungen wie zu den Anfängen des Internets galten Jahre später auch den aufkommenden sozialen Medien und den Smartphones, den allgegenwärtigen Kommunikationszentralen. Die Proteste und Aufstände des Arabischen Frühlings ab dem Dezember 2010 wurden oft ›Revolutionen 2.0‹ genannt. Doch auch dieser Optimismus ist abgeebbt. Wir haben mittlerweile einen besseren Blick dafür, wie die Nutzung und Kontrolle der sozialen Medien staatlichen Unterdrückungsapparaten in die Hände spielen kann. In einem Artikel für Foreign Affairs aus dem Frühjahr 2020 mit dem Titel The Digital Dictators wird das so zusammengefasst:

»It’s now clear […] that technology does not necessarily favor those seeking to make their voices heard or stand up to repressive regimes. Faced with growing pressure and mounting fear of their own people, authoritarian regimes are evolving. They are embracing technology to refashion authoritarianism for the modern age. Led by China, today’s digital autocracies are using technology – the Internet, social media, AI – to supercharge long-standing authoritarian survival tactics. They are harnessing a new arsenal of digital tools to counteract what has become the most significant threat to the typical authoritarian regime today: the physical, human force of mass antigovernment protests. As a result, digital autocracies have grown far more durable than their pre-tech predecessors and their less technologically savvy peers. In contrast to what technology optimists envisioned at the dawn of the millennium, autocracies are benefiting from the Internet and other new technologies, not falling victim to them« (KENDALL-TAYLOR/FRANTZ/WRIGHT 2020).

Die Hoffnung war groß, dass die Welt durch das Internet zu einem frei und gut informierten globalen Dorf werden könnte. Inzwischen geht die Entwicklung zumindest in Teilen in Richtung eines bewachten und kontrollierten Potemkinschen Dorfs.

Gefahr droht nicht nur vom Staat

Gefahr für die Freiheit der Information droht nicht nur von staatlicher Seite, so verständlich die Sensibilität in dieser Hinsicht als Reflex auf die Diktaturerfahrungen des 20. Jahrhunderts auch ist. Wirtschaftliche Interessen wirken ebenfalls massiv auf die Medien ein. Das ist in der kleinsten Gemeinde so und reicht bis zu den multinationalen Konzernen, die über Grenzen hinweg auf die Information Einfluss nehmen. Die politische Kontrolle dieser Interessen ist durch Deregulierung und Globalisierung noch schwieriger geworden. Die journalistische Kontrolle ist oft sogar unmöglich.

Vor eine neue und gewaltige Herausforderung stellen uns im 21. Jahrhundert die großen Technologiekonzerne, die Machthaber der digitalen Welt. Auch sie sind Profiteure von Deregulierung und Globalisierung. Sie neigen zur Monopolbildung, verfügen über wichtige Daten der meisten von uns und steuern über Algorithmen unser Informationsverhalten. Noch mehr: Die Plattformen der Digitalkonzerne sind die neuen Marktplätze und Fußgängerzonen als Orte der Öffentlichkeit und des Austauschs. Die Konzerne bestimmen dort die Regeln. Sie entscheiden, wer dabei sein darf und wer nicht. Sie bestimmen, was sagbar ist und was nicht.

Überwachungskapitalismus und ›Wild Wild West‹

Bei weitem nicht die einzige Warnung, doch sicher eine der kraftvollsten, kommt von der Harvard-Professorin Shoshana Zuboff. Ihr Buch The Age of Surveillance Capitalism (ZUBOFF 2019) liest sich wie ein Weckruf. Ihre Sorge ist, dass der digitale Kapitalismus die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zum Schaden der Einzelnen und der Demokratie verändern wird, aus reiner Gewinnsucht. Aus Zuboffs Sicht werden die heutigen Menschen von Google und Co. im Überwachungskapitalismus genauso überrollt wie die Ureinwohner Amerikas von den spanischen Eroberern im 16. Jahrhundert (ZUBOFF 2019: 175ff.). Insofern findet sie den Begriff »Digital Natives« »tragisch-ironisch« (NAUGHTON 2019).

Tim Cole bemüht ein anderes Bild aus Amerika: Für ihn ist das WWW derzeit das Wild Wild Web und ähnelt dem Wilden Westen des 19. Jahrhunderts. Damals konnten Räuber und Gesetzlose erst einmal mehr oder weniger ungehindert tun und lassen, was sie wollten. Heute sind es für Cole die digitalen Monopolisten, die von ihrem Recht der Stärkeren Gebrauch machen. Sein Plädoyer lautet, auch im Internet Regeln durchzusetzen, wie seinerzeit im amerikanischen Westen, um insbesondere der Ausbeutung der Daten ein Ende zu setzen (COLE 2018).

Huxley, Orwell, Postman

Es gibt in der Moderne unterschiedliche Sichtweisen auf Freiheitsbedrohungen. Viele wissen das schon aus dem Englisch-Unterricht, zumindest wenn sie Bekanntschaft gemacht haben mit Aldous Huxley und George Orwell. Die beiden haben mit Brave New World (HUXLEY 1932) und 1984 (ORWELL 1949) zwei für das vergangene Jahrhundert prägende Dystopien geschrieben. 1984 ist zu einem Kurzbegriff für den totalitären Staat geworden, der die Menschen mit Zwang und Überwachung kontrolliert, auch in der Kommunikation. Brave New World zeichnet, wieder vereinfacht gesagt, zwar ebenfalls das Bild einer Diktatur, die die Menschen aber eher durch Bedürfnisbefriedigung gefügig hält: Anstatt von Panzern werden Konsum und Drogen eingesetzt.

In einem Brief an George Orwell bestand Aldous Huxley im Oktober 1949 darauf, dass seine Prophezeiung die wahrscheinlichere sei. Die Herrschenden würden eines Tages erkennen, dass sie keine Schlagstöcke oder Gefängnisse mehr brauchten. Vielmehr würden sie Wege finden, den Menschen eine freiwillige Sklaverei angenehm erscheinen zu lassen, schrieb Huxley an Orwell (HUXLEY 1949). Diesen Gedanken hat der US-Medienwissenschaftler Neil Postman in Amusing Ourselves to Death (1985) schon im Vorwort aufgegriffen. Kaum war das ominöse Orwell-Jahr 1984 vorbei, notierte er:

»Orwell warns that we will be overcome by an externally imposed oppression. But in Huxley’s vision, no Big Brother is required to deprive people of their autonomy, maturity and history. As he saw it, people will come to love their oppression, to adore the technologies that undo their capacities to think. What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one. Orwell feared those who would deprive us of information. Huxley feared those who would give us so much that we would be reduced to passivity and egoism. Orwell feared that the truth would be concealed from us. Huxley feared the truth would be drowned in a sea of irrelevance. […] As Huxley remarked in Brave New World Revisited, the civil libertarians and rationalists who are ever on the alert to oppose tyranny ›failed to take into account man’s almost infinite appetite for distractions‹« (POSTMAN 1985).

Postmans Sorge galt der medialen Unterhaltung und dabei insbesondere dem Fernsehen. Einige Jahre später wurde er für unser Thema, die Nachrichten, noch einschlägiger. Postman hielt einen Vortrag, den er sich selbst zitierend Informing Ourselves to Death nannte. Darin warnte er unter anderem davor, die Menschen könnten im Überfluss an Information ertrinken (POSTMAN 1990).

Wandel der Öffentlichkeit

Es gibt an den Massenmedien viel zu kritisieren, genauso wie an der repräsentativen Demokratie und den Volksparteien. Die Ära der einen geht zu Ende, die Zukunft der anderen ist ungewiss. Politische Interessen organisieren sich weniger statisch. Sie finden bewegungsartig zusammen, ob nun bei ›Podemos‹, Emmanuel Macrons ›En Marche!‹ oder ›Fridays for Future‹ (vgl. FRANCESCHINI 2019). Und manchmal versuchen auch Volkstribune das Erbe der Volksparteien anzutreten. Dafür stehen so unterschiedliche Namen wie Matteo Salvini, Donald Trump oder Sebastian Kurz.

Wenige Medien mit großer Reichweite und wenige Parteien mit großer Wählerschaft, das hat eine Zeit lang zusammengepasst. Dieses Zusammenspiel erbrachte Diskussion und Durchsetzung von Entscheidungen, Kommunikation und Kontrolle von Macht. Die Bilanz kann sich zumindest im historischen Vergleich sehen lassen. Eva Menasse würdigte die alte, über Massenmedien hergestellte Öffentlichkeit in einer Art Nachruf:

»Als sie entstand, war sie verdächtig, weil sie einem Niveauverlust Vorschub zu leisten schien. Da hatten wir noch Sorgen, müsste man inzwischen sagen. Denn möglicherweise war diese sogenannte abstrakte, massenmediale Öffentlichkeit das Beste, was in einer zusammenwachsenden Welt zu bekommen war, einen historischen Moment lang, in jenem Wimpernschlag, bevor die Digitalisierung alles durchdrang. Das Beste im Sinne von: größte Verbreitung bei niederschwelligem Zugang. […] Die alte Öffentlichkeit gibt es nicht mehr. Sie wird nicht irgendwann erledigt sein, sie ist es schon. Die Digitalisierung, die wunderbare Effekte auf viele Lebensbereiche hat, hat auf ihrem Urgrund, der menschlichen Kommunikation, eine alles zerstörende Explosion verursacht. Für die ehemalige Öffentlichkeit, die, mit all ihren Fehlern und Schwächen, einmal die informelle Macht der Demokratie war, hat es den Effekt, den es auf die Wirtschaft hätte, wenn jeder sich zu Hause sein eigenes Geld drucken könnte« (MENASSE 2019).

Die neue, digitale Öffentlichkeit ist noch eine große, bunte, interessante und gefährliche Baustelle. Anknüpfend an die zunächst mit dem Internet verbundenen Hoffnungen schrieb Michael Seemann 2017 in seinem Blog ctrl+Verlust:

»Die Demokratisierung der Öffentlichkeit durch das Internet ist und bleibt die radikalste Revolution unserer Zeit. Doch wie bei jeder Revolution ist es naiv zu glauben, dass sie nur positive Effekte kennt. Meinungsfreiheit von einem abstrakten Recht zu einer tatsächlichen Praxis zu machen, war ein enormes Sozialexperiment mit unvorhersehbaren Folgen. Und wir schwenken gerade erst in die Periode ein, in der uns die ersten Untersuchungsergebnisse vor den Latz geknallt werden. Beim Auswerten der Daten dann der Schock: Enzensbergers Medientheorie entpuppte sich mehr als Milton Friedmann, denn Marx. Jedenfalls gleicht die Demokratisierung der Medienöffentlichkeit in ihrer Praxis mehr einer Deregulierung des Wahrheitsmarktes. Die Ergebnisse zeigen im Einzelnen genau dieselben Auswirkungen, die wir von jeder Marktderegulierung kennen: Kostendruck bei den Marktführern, das Auftauchen von neuen Wettbewerbern und schließlich die Ausnutzung von Lücken im System durch ›bad actors‹« (SEEMANN 2017).

Wir wissen (noch) nicht, wie Demokratien mit der digitalen Öffentlichkeit als neuem Betriebssystem funktionieren können. Was wir dagegen wissen ist, dass es ungebrochen viele Bedrohungen gibt für unsere Freiheit und für die der Information. Die freiheitliche Demokratie war nie eine häufige Regierungsform und im 21. Jahrhundert scheint sie weltweit betrachtet auf dem Rückzug. International wie national werden Desinformationsund Propagandakampagnen unternommen.

Wir erleben einen Informationsdschungel, in dem ein Teil der Gesellschaft die Übersicht verloren hat. Der Soziologe Ulrich Beck hat einmal bemerkt, die politische Macht habe, wer über die Zulassung von Themen zur Öffentlichkeit entscheide (BECK 2014). Heute ist die Veröffentlichung an sich kein begrenzender Faktor mehr. Man müsste wohl präzisieren, dass die Macht in den Händen derer liegt, die über die Zulassung zur Aufmerksamkeit entscheiden.

Krise der Nachrichten kommt zur Unzeit

Nach den Jahren der gesellschaftspolitischen Euphorie über die Chancen der Digitalisierung zeigt sich in den 2020er-Jahren vielleicht eine skeptisch-ängstliche Übertreibung in die andere Richtung. Ob das so ist, werden wir eines Tages im Rückblick beurteilen können. Wichtig ist, dass diese Phase des ›Techlashs‹ genutzt wird, damit am Ende weder Huxleys noch Orwells Prophezeiungen wahr werden, damit es nicht zu einer ›Infokalypse‹ kommt. Diesen Begriff hat der Technologieforscher Aviv Ovadya geprägt. Er meint damit, »a catastrophic failure of the marketplace of ideas«, eine Situation, in der entweder niemand mehr irgendetwas glaubt oder in der alle auf Lügen hereinfallen (OVADYA 2018).

Insbesondere im Westen haben wir es noch in der Hand, die neue digitale Phase menschlich und freiheitlich zu gestalten. Anders ausgedrückt: US-Unternehmen wie die fünf aus der GAFAM-Gruppe (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft) können Gegenstand demokratisch legitimierter Regulierung bis hin zur Zerschlagung werden. Man sollte daher trotz allem froh sein, dass sie nicht aus Peking oder Petersburg gesteuert werden.

Egal wie es mit Big Tech weiter geht, eines ist klar: Die FAZ oder die New York Times werden nicht allein deshalb in die Zukunft kommen, weil sie lange erfolgreich Papier bedruckt haben. Fernsehsender und Radiostationen werden sich nicht auf ihre lineare Ausstrahlung verlassen können, selbst wenn diese schon digitalisiert ist und Streaming genannt wird. Die Informationsanbieter müssen sich das Vertrauen neu verdienen. Die Lorbeeren von früher und der gute Name können dabei etwas helfen, mehr nicht.

In jedem Fall kommt die Krise der Nachrichten zur Unzeit, denn wir brauchen sie heute eigentlich lebendiger, vielfältiger und stärker denn je. Wir brauchen auch in den wichtigen Fragen einen Bestand an gemeinsam geteilter Information, selbst wenn die Bewertung sich deutlich unterscheiden mag. Es besteht kein Grund, unseren westlichen Informationsjournalismus zu idealisieren. Doch mit ihm verhält es sich ähnlich wie mit der Demokratie: Sie wird gerne als die schlechteste Staatsform bezeichnet – mit Ausnahme aller anderen.

Es lohnt also, die Probleme und Schwächen unserer Nachrichten genauer anzuschauen. Das Ziel ist, diesen wichtigen journalistischen Bereich zu stärken. Im Übrigen gilt für die Krise der Nachrichten, was der österreichische Wissenschaftler Gernot Wagner mit Blick auf die Klimakrise gesagt hat: »Für Pessimismus ist es zu spät« (GAULHOFER 2017).

KAPITEL 2
MEHR PROBLEME ALS GENUG: NACHRICHTEN UNTER DRUCK

Lange schien die Nachrichtenwelt in Ordnung. So war es zum Beispiel am Donnerstag, dem 8. Januar 1976. Damals versammelte sich in meiner kleinen westdeutschen Heimatstadt am Nachmittag eine Menschenmenge vor einem Schaufenster. Es gehörte zu einer der beiden Lokalzeitungen, die es auch in unserem Ort noch im Plural gab. Als ich endlich durchgekommen war, sah ich den Grund der Aufregung: Die Redaktion hatte eine Eilmeldung ins Fenster gehängt. Zhu Enlai war gestorben, der langjährige Premierminister der Volksrepublik China, Maos Vertrauter und Rivale.

Ein abgerissenes Stück Fernschreibpapier mit Tesafilm in einem Fenster befestigt, so wurden ›Breaking News‹ 1976 verbreitet. Es sollte noch Jahre dauern, bis mit France Info das erste Nachrichtenradio in Europa oder der TV-News-Kanal CNN in den USA auf Sendung gingen. Smartphones, Nachrichten-Apps oder Twitter waren jenseits aller Vorstellungskraft. Dennoch elektrisierte die dürre Meldung aus dem fernen China die Passanten und brachte sie auf dem Bürgersteig unserer Kleinstadt ins Gespräch.

Die meisten würden die Nachricht anderen weitererzählen. Später würden sie im Radio und abends in den Fernsehnachrichten mehr erfahren. Am nächsten Morgen wartete dann die Zeitung mit weiteren Hintergründen auf und vermutlich mit einem Kommentar zum Stand der Dinge in Peking aus weltpolitischer Perspektive. Die Aufgabenverteilung der Informationsmedien war klar und komplementär, die Geschäftsmodelle waren gut abgesichert.

Kaum jemand wäre damals auf die Idee gekommen, die Nachrichtenanbieter grundsätzlich infrage zu stellen. Dabei war die gesellschaftliche Stimmung 1976 in der alten Bundesrepublik angespannter als heute. Der RAF-Terror hielt das Land in Atem. Der Kalte Krieg lastete schwer auf allem und auf allen. Erst nach einem langen und harten Wahlkampf sollte sich Bundeskanzler Helmut Schmidt knapp gegen seinen Herausforderer Helmut Kohl behaupten, der mit der polarisierenden Parole »Freiheit statt Sozialismus« angetreten war. Die gerade eingeführte Gurtpflicht für Autofahrer erregte die Gemüter ähnlich stark wie heute der Begriff ›Impfpflicht‹. Natürlich wurde über den Journalismus gestritten. Öffentlich-rechtliche Sender wurden als ›Rotfunk‹ oder ›Schwarzfunk‹ attackiert, Zeitungen wurden Lagern zugeordnet und entsprechend angegriffen. Doch niemand wäre auf die Idee gekommen, ›Lügenpresse‹ zu rufen.

Diese Zeiten sind erst einmal vorbei. Heute bekomme ich E-Mails wie diese vom 30.8.2020, in der ein Hörer mir mitteilt:

»Ihren Sender wie auch die andere Lügenpresse, ARD, ZDF und andere staatskonforme Medien werde ich nicht mehr konsumieren. Ihr solltet euch [sic!] schämen, aber wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Lügen sie [sic!] weiter so, und im Internet findet man die richtigen Informationen. Wir brauchen euch nicht!!!«

Die Lage des Nachrichtenjournalismus ist schwierig geworden. Lassen Sie uns einen Blick auf einige Aspekte der Krise werfen. Beginnen wir aber mit der Frage, worum es bei den Nachrichten überhaupt geht.

Nicht klar definiert? – Was mit Nachrichten gemeint ist

Die wunderbare Welt der Nachrichten ist reich und vielgestaltig, sie ist bunt und widersprüchlich. Nachrichtenkulturen haben sich über Jahrhunderte entwickelt. Sie unterscheiden sich trotz global wirksamer Trends nach wie vor von Land zu Land erheblich, selbst unter ähnlich verfassten Staaten. Innerhalb der einzelnen Gesellschaften wiederum zeigt sich ebenfalls eine beachtliche Vielfalt im Informationsbereich. Diese Unterschiede machen allgemeine Urteile über ›die Nachrichten‹ fast unmöglich, wie auch die pauschale Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Rolle des Informationsjournalismus. Und dennoch will ich der Frage nicht ausweichen: Was genau meinen wir, wenn wir von ›den Nachrichten‹ sprechen?

Fest steht, dass wir es nicht mit einem geschützten Begriff zu tun haben. Es gibt keine DIN-Norm, niemand hat ein Patent auf die Nachrichten, auf das man sich berufen könnte. Das deutschsprachige Standardwerk von Dietz Schwiesau und Josef Ohler schlägt folgende Definition vor:

»Die Nachricht ist eine direkte, auf das Wesentliche konzentrierte und möglichst objektive Mitteilung über ein neues Ereignis, das für die Öffentlichkeit wichtig und/oder interessant ist« (SCHWIESAU/OHLER 2016: 1).

Dieser sorgsam komponierte Satz verbindet Nachrichtenfaktoren wie Aktualität und Bedeutsamkeit mit dem Hinweis auf die kurze Form und den Anspruch auf Objektivität. Aus der angelsächsischen Welt kann man als Kontrast eine kürzere und entschiedenere Definition dagegenhalten, deren Quelle so unklar ist wie das Zitat bekannt: »News is something which somebody wants suppressed. All the rest is advertising« (QUOTEINVESTI-GATOR 2015). Diese Beschreibung nimmt eine völlig andere Perspektive ein, sie setzt radikal und ausschließlich auf das Moment des Investigativen und Enthüllenden. Die Liste der begrifflichen Annäherungen an die Nachrichten aus Wissenschaft und Praxis ließe sich beliebig verlängern, ohne die eine, abschließende Antwort zu bringen.

Brüder Grimm und Duden

Vielleicht helfen die Wörterbücher weiter. Sie stehen im Ruf, in knapper Form für Klarheit zu sorgen. Der deutschsprachige Nachrichtenjournalismus ist besonders stolz auf die Erwähnung im ehrwürdigen Grimmschen Wörterbuch. Es lässt uns wissen, dass das Wort ›Nachricht‹ erst seit dem 17. Jahrhundert belegt sei und zunächst eine »mittheilung zum darnachrichten« bezeichnet habe. Zweitens sei die Nachricht »überhaupt (die) mittheilung einer begebenheit.«

Die berühmte Definition, eine Nachricht sei dafür da, dass man sich danach richte, ist ambivalent. Denn wenn auch ein Element der Zuverlässigkeit und Orientierung mitschwingt, so scheint es mir doch eher um eine Durchsage von oben zu gehen, also um etwas, nach dem sich die Menschen richten sollen. Nebenbei erwähnt: Selten zitiert und nicht ganz so ruhmbringend für unser journalistisches Metier ist, was die Grimms als dritte Möglichkeit für »die Nachricht« erwähnen, nämlich den »gegensatz zu vorricht: nach der eigentlichen mahlzeit noch angerichtete und aufgetragene speise, der nachtisch« (GRIMM 1854-1961).

Mehr als 150 Jahre nach den Brüdern Grimm listet der Duden heute zwei Bedeutungen für ›Nachricht‹ auf:

»1. Mitteilung, die jemandem in Bezug auf jemanden oder etwas [für ihn persönlich] Wichtiges die Kenntnis des neuesten Sachverhalts vermittelt. 2. Nachrichtensendung« (DUDEN).

Hier wird spürbar, wie fließend der Übergang ist zwischen individueller, zwischenmenschlicher und alltäglicher Kommunikation auf der einen Seite sowie der journalistischen Information auf der anderen. Nachrichten sind nichts, um das herum ein Berufsstand wie die Glasbläser oder eine Wissenschaft wie die Astrophysik einen Zaun errichten könnte. Jede und jeder einzelne wirkt an der Herstellung und Verbreitung von Nachrichten mit, hat eigene Expertise und will mehr oder weniger stark mitreden. Von daher ist der vielbeschworene Effekt der sozialen Medien, uns alle zu potenziellen Nachrichtenanbietern zu machen, gar nicht neu. Eher wird heute ein Grundzug wieder stärker erkennbar, der in der Hegemoniephase der elektronischen Massenmedien vorübergehend in den Hintergrund getreten war.

Noch einmal zurück zum Duden. Die Definition des Begriffs ›Nachricht‹ wird dort durch Beispiele für den Sprachgebrauch veranschaulicht. Sie lassen deutlich werden, dass der Plural ›die Nachrichten‹ im Gegensatz zum Singular ›Nachricht‹ eng mit dem Journalismus verbunden ist. Damit gemeint ist eine Nachrichtensendung oder allgemein die Nachrichtenlage eines Tages, übermittelt durch Medien verschiedener Art. Für diese Unterscheidung spricht auch, dass wir die Bestandteile von Nachrichtensendungen zumeist Meldungen nennen. Kaum jemand würde da von einzelnen Nachrichten sprechen. Man könnte also sagen, der Singular von ›Nachrichten‹ heißt Meldung, so wie eben auch die kürzeste und aktuellste Information Eilmeldung genannt wird und nicht etwa ›Eilnachricht‹.

Im werblichen und dröhnenden Journalismus, aber auch in Angeboten für jüngere Menschen, hat sich im deutschsprachigen Bereich der Begriff ›News‹ breit gemacht. Auch in diesem Fall soll der Anglizismus vermutlich Weltläufigkeit, Professionalität, Modernität und Frische suggerieren. Außerdem ist der Begriff anschlussfähig an die aus dem späten 20. Jahrhundert bei vielen kulturell noch nachwirkende große Zeit der US-Nachrichtenkanäle mit den dramatischen ›Breaking News‹.

Warum es Nachrichten gibt

Nähern wir uns der Frage von einer anderen Seite, werfen wir einen Blick auf die Ursprünge. Der Journalistenberuf ist nach allgemeiner Einschätzung in der Neuzeit entstanden. Für den Historiker Jörg Requate war es erst im 19. Jahrhundert mit dem Aufstieg der Presse so weit (REQUATE 1995). Die Geschichte der Nachrichten und ihrer Übermittlung dagegen ist so alt wie die von uns Menschen, die wir uns immer schon untereinander auf dem Laufenden gehalten haben. Mitchell Stephens hat die erste Auflage seiner History of News daher mit dem Untertitel From drum to satellite versehen (STEPHENS 1988).

Die Nachrichten sind ewige Begleiter der Menschheit und die Gründe dafür liegen auf der Hand. Ganz vorne ist die Neugier als nie zu unterschätzende Grundkonstante. Den größten Teil unserer Informationen bekommen wir im Alltag, von Verwandten, Freunden, Nachbarinnen, Kolleginnen oder Mitschülern. Daran hat sich wenig geändert, auch wenn diese Informationen uns jetzt über soziale Medien, E-Mails oder im Beruf auch via Intranet erreichen und seltener als früher in der Bäckerei oder am Brunnen.

Neben dem Privaten und Nahen war das Wissen um das Geschehen jenseits des engeren Lebensraums schon immer wichtig, oft sogar lebenswichtig. Denken Sie an ein Dorf, irgendwo im Europa des 14. Jahrhunderts. Es war nicht nur dort und damals entscheidend, von sich nähernden feindlichen Truppen rechtzeitig zu erfahren oder vom Ausbruch der Pest, einen Tagesritt entfernt. Diese existenzielle Bedeutung von Nachrichten konnten die meisten in den Industrienationen spätestens nach dem Ende des Kalten Kriegs eine Weile lang vergessen. Die globale Corona-Krise hat uns mit Macht daran erinnert.

Für Informationen, die unser unmittelbares Erleben räumlich und zeitlich überschreiten, für Einordnungen und Erklärungen, die der eigene Wissensstand nicht erlaubt, dafür greifen Menschen seit langem auf professionelle Angebote zurück. Das ist nichts Überraschendes in Gesellschaften, die überall Spezialisierung und Arbeitsteilung entwickelt haben. Heute würde sich niemand in einem Industrieland die Zähne selbst ziehen oder diese Aufgabe dem Friseur anvertrauen, auch wenn das früher sehr üblich war.

In diesem Sinne haben sich auch die Medien als eigener Bereich etabliert – und sie haben sich ausdifferenziert: ›Den Journalismus‹ gibt es schon lange nicht mehr. Von ›dem Journalismus‹ zu sprechen, das ist ähnlich unsinnig und ärgerlich wie die journalistische Unart, über ›die Lage in Afrika‹ oder ›die Stimmung in Lateinamerika‹ zu reden. Auch der Medienbereich kennt Fachgebiete und Spezialistentum, ein wichtiges Beispiel sind die Nachrichten.

Genauso alt: die Falschmeldung

Genauso alt wie die Nachrichten sind ihre oft zum Verwechseln ähnlichen Geschwister: das Gerücht, die Halbwahrheit und die Falschmeldung. Die Gründe für deren Verbreitung lauten oft Unwissenheit oder gezielte Täuschung – und manchmal liegen sie irgendwo dazwischen. Die digitalen Möglichkeiten zwischen ›Cheap Fakes‹ und ›Deep Fakes‹ sind atemberaubend und beängstigend. Und doch sind die zuletzt vielbeachteten Phänomene ›Fake News‹ und ›Framing‹ weder im Kern neu, noch sind es die dahinterliegenden Motive. Es ändern sich die Medien und Techniken, die genutzt werden, nicht Desinformation und Manipulation an sich. So wird es vermutlich bis zum Ende aller Tage bleiben.

Heute sprechen wir beispielsweise über Internetpropaganda aus Russland. Dass die Sorge darüber berechtigt ist, das hat uns unter anderem Nina Jankowicz in How to Lose the Information War deutlich gemacht (JANKOWICZ 2020). Die Petersburger Troll-Fabriken trugen einmal den interessanten Namen ›Agentur für Internetforschung‹. Ein Teil ihres Personals ist inzwischen vom FBI zur Fahndung ausgeschrieben. Auch wenn diese neueste Generation die in Russland traditionelle Propaganda ebenso aktiv wie geschickt betreibt, die Troll-Fabriken müssen sich noch anstrengen, um eine Wirkung zu erzielen wie ein angeblicher römischer Kaisererlass aus dem 4. Jahrhundert.

Gemeint ist die ›Konstantinische Schenkung‹, mit der die Päpste für eine halbe Ewigkeit ihren Anspruch auf weltliche Herrschaft und den Zugang zu umfangreichen Ressourcen begründet haben. Wie wir heute wissen, wurde diese sehr erfolgreiche Falschmeldung um das Jahr 800 erfunden. Von anderer Art, aber ebenfalls mit gewaltiger Wirkung war die Propagandalüge, die man ›Dolchstoßlegende‹ nennt. Die Idee, Deutschland habe den Ersten Weltkrieg ›im Felde unbesiegt‹ nur durch das Handeln feiger Politiker verloren, traf auf offene Ohren und trug zum Niedergang der Weimarer Republik bei.

Immer wieder wurden und werden mit ›Fake News‹ Kriege oder Bürgerkriege angeheizt. Die Lügen hinter dem Völkermord in Ruanda und Maos Kulturrevolution, hinter dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien und der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha, das sind nur vier furchtbare Beispiele aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Manche dieser Lügen sind schwer aus der Welt zu schaffen, wie eine der übelsten Fälschungen der Geschichte überhaupt: Im Russland des frühen 20. Jahrhunderts wurden, möglicherweise von der zaristischen Geheimpolizei, die sogenannten ›Protokolle der Weisen von Zion‹ erfunden, die bis heute unbelehrbaren Menschen als Beleg für eine angebliche jüdische Weltverschwörung dienen.

Die meisten medial verbreiteten Lügen und Halblügen lösen glücklicherweise keine Kriege aus. Doch der Anteil der Informationen ist groß, die auf einer halben Wahrheit, einer Zuspitzung, auf Spin oder tatsächlich auf einer kompletten Unwahrheit beruhen. Dieses schleichende Gift trägt mit dazu bei, dass das Vertrauen der Menschen in die Nachrichten abnimmt. Es ist eines der Probleme, die der Informationsjournalismus nicht allein lösen kann.

Politische und wirtschaftliche Interessen

Eine mächtige historische Konstante ist der Wunsch, Informationen zu kontrollieren, die Infrastruktur und die Inhalte. Ein wesentliches Motiv war und ist die Absicherung oder Vermehrung politischer Macht. Die Geschichte ist reich an Beispielen. Manchmal geht es zumindest vordergründig um ideologische oder religiöse Fragen. Dann lassen Parteien oder Bewegungen Zensur und Gewalt ausüben, in Theokratien der Vergangenheit und Gegenwart waren und sind es der Papst oder ein Ayatollah. Immer wieder im Mittelpunkt stehen wirtschaftliche Interessen, noch heute. Wer sich anschaut, wem große Medienunternehmen weltweit gehören, der weiß, wovon die Rede ist.

Immer wieder waren militärische Bedürfnisse Katalysatoren technischer Entwicklungen in der Kommunikation, so zum Beispiel bei den Anfängen des Rundfunks nach dem Ersten Weltkrieg. Daneben waren wirtschaftliche Interessen zu allen Zeiten der zweite wichtige Entwicklungstreiber des Nachrichtengeschäfts. Julius Reuter begann 1849 in Aachen mit einem Brieftaubendienst für Börsennachrichten zwischen Deutschland und Brüssel. Damit legte er den Grundstein für eine der wichtigsten Nachrichtenagenturen der heutigen Welt. Auch andere Innovationen im Bereich der Information gehen auf kommerzielle Ziele zurück. Das galt für Infrastruktur und Netzwerke wie die im 19. Jahrhundert revolutionären Unterseekabel, das gilt für Facebook und Co. in unserer Zeit. Die Verbreitung und die Diskussion von Nachrichten waren und sind meist nur ein Kollateralnutzen oder der Punkt, an dem mit Werbung und Datensammlung gewinnbringend angesetzt werden kann.

Die Welt der Spezialnachrichten

Werfen wir einen Blick auf die verschiedenen Nachrichtenangebote und -redaktionen. Zunächst fällt auf, dass es enorm viele Spezialisierungen gibt: Eine wichtige Sonderrolle spielen Nachrichten aus der Wirtschafts- und Finanzwelt, sowohl in den klassischen Medien im Stil des ARD-Angebots Börse vor acht als auch in Form von Dienstleistungen, die zahlungskräftigen Abonnenten Insiderwissen versprechen. Ebenfalls auf den Wirtschaftsbereich haben sich bestimmte Nachrichtenagenturen als Zulieferer verlegt. Auch der Sportbereich kennt in der deutschsprachigen Welt mit dem Sport-Informations-Dienst eine weitgehend monothematische Nachrichtenagentur. Deutschlandfunk Nova und Deutschlandfunk Kultur bieten täglich mehrere Ausgaben von Wissens- bzw. Kulturnachrichten. Viele Medien nehmen eine wichtige Spezialisierung anderer Art vor: Sie konzentrieren sich in der aktuellen Information auf eine Region oder eine Stadt.

Daneben bestehen weitere Formen der gruppenbezogenen Orientierung wie die Kindernachrichten, Nachrichtenangebote in Medien für jüngere Menschen oder auch Informationen in einfacher oder leichter Sprache. In den 1960er-Jahren begannen die ARD-Sender mit Radiosendungen in verschiedenen Sprachen für die – wie man damals noch sagte – Gastarbeiter. Schon lange sind daraus Integrationsangebote geworden, bei denen ein Teil der Informationen weiter auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten ist. Ein Beispiel ist das WDR-Programm Cosmo, dessen italienische Sendung Radio Colonia ich sehr gerne höre.

2017 stellte RADIO BREMEN die Nachrichten in lateinischer Sprache ein. Da sich auch der finnische Rundfunk zwei Jahre später von den Nuntii Latini verabschiedet hat, bleibt ein kleines, aber feines Publikum in seinem Spezialinteresse nun weitgehend unversorgt. Vielleicht entdeckt eine Leserin oder ein Leser dieses Buchs hier eine Marktlücke für sich.

Es gibt über das Genannte hinaus noch eine schier unendliche Vielfalt sektoraler Informationsangebote. Über jeden denkbaren Kanal werden Partikularinteressen angesprochen, von Medien, aber auch von Verbänden, NGOs und kommerziellen Akteuren. Dabei kann es um Golfsport gehen oder um Konsumentenberatung, um Menschenrechtsthemen oder um Brauchtumspflege. Verschiedene Branchen haben eigene Fachzeitungen oder andere für sie wichtige Informationsmedien, denen normale Netzsurfer oder Kioskkunden nie begegnen werden. Die Lebensmittel-Zeitung oder die Nachrichtenfür Außenhandel sind dafür zwei Beispiele von vielen.

Doppelte Facharztausbildung

Bei meinen Überlegungen geht es vor allem um einen enger gefassten Bereich, nämlich die klassischen, überregionalen Nachrichtenredaktionen. Sie legen ihren Schwerpunkt oft auf politische Themen. Haben sie den Anspruch, dabei auch das internationale Geschehen abzubilden, fällt hin und wieder der schöne Begriff der ›Weltnachrichten‹. Betrachtet man die Themenauswahl genauer, so kommen allerdings in den Nachrichten neben der Politik auch so gut wie alle anderen Themengebiete vor: Wirtschaft, Sport, Wissenschaft, Kultur, Weltanschauungen und einiges mehr.

Diese genannten Felder kennen Expertise und Vertiefung in Fachredaktionen. Nachrichtenredaktionen und verwandte Bereiche wie der aktuelle Zeitfunk im Radio müssen hingegen überall hinreichend sattelfest sein. Jedes Thema kann ohne Vorwarnung aktuell werden und muss dann kompetent bearbeitet werden. Die enorme Themenbreite und der hohe Aktualitätsdruck erfordern von Menschen in Nachrichtenredaktionen metaphorisch gesprochen gleich eine doppelte Facharztausbildung: die für journalistische Allgemein- und Notfallmedizin.

Noch eine weitere Besonderheit sei erwähnt. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich gezeigt, dass die Nachrichtenredaktionen sich schneller und stärker als andere klassische Redaktionen für den digitalen Journalismus geöffnet haben. Der Informationsbereich ist besonders hart umkämpft, ohne Präsenz im Netz und auf den Smartphones ist er nicht mehr vorstellbar. Es kommt hinzu, dass weite Teile der nachrichtlichen Recherche inzwischen im Internet stattfinden.

Nachrichten sind Ansichtssache

Nun ist trotz aller Annäherung noch nicht geklärt, was denn nun das journalistische Produkt genau ist, das wir ›Nachrichten‹ nennen. Die Frage ist auch deshalb kompliziert, weil es recht unterschiedliche Perspektiven gibt. Aus der beruflichen Binnensicht scheint manchen der Fall klar: Nachrichten sind das, was aus der Nachrichtenredaktion kommt. Leser und Zuschauerinnen, Hörerschaft und Nutzergemeinde haben aber wenig Sinn für logische Kurzschlüsse. Sie geben nicht viel auf redaktionelle Organigramme und nicht viel mehr auf kommunikationswissenschaftliche Definitionen.

Nach dreißig Jahren Austausch mit Hörern und Nutzerinnen führt für mich nichts an der Feststellung vorbei: Fast jede und jeder versteht unter Nachrichten etwas anderes. Sie sind, wie man es im Englischen sagen kann, ›many things to many people‹. Viele Menschen halten Interviews, Kommentare, Reportagen und Features für Nachrichten. Auch die im Fernsehen allgegenwärtigen Talkshows gehören für manche dazu. Alle diese Formate und vieles mehr aus der nicht-journalistischen Sphäre können der Anlass sein, wenn Menschen sich über ›die Nachrichten‹ äußern.

Darüber zu klagen, führt nicht weit. Den Menschen vorzuschreiben, wie sie etwas wahrzunehmen haben, ist aussichtslos und anmaßend. Eine Schärfung der Aufmerksamkeit für Sinn und Zweck der journalistischen Nachrichten im engeren Sinne dagegen halte ich für möglich und sinnvoll. Das kann aber nur über geduldige und dialogische Prozesse gelingen, die Interesse wecken und Medienkompetenz fördern.

Infotainment und Soft News

Die Vermischung journalistischer Formen und die Verwirrung in Sachen Nachrichten sind aber nicht nur ein Problem auf der Empfängerseite. Schwer wiegt auch, was sich bei den Absendern getan hat: Zahlreiche Medien tragen zwar die Trennung von Nachricht und Kommentar zumindest in der Theorie wie eine Monstranz vor sich her. Mit der Trennung von Nachricht und Unterhaltung nehmen sie es hingegen nicht (mehr) so ernst. Dieses Infotainment wurde schon Mitte der 1980er-Jahre von Neil Postman und anderen beschrieben und beklagt.

Beweggründe dürften Auflage und Reichweite sein, die wiederum Grundlage sind für wirtschaftlichen Erfolg in Wettbewerbsmärkten. Diese Mechanik ist ein Teil dessen, was James Hamilton in seinem Buch beschreibt, das er All the News That’s Fit to Sell genannt hat (HAMILTON 2006), eine ironische Abwandlung des langjährigen Leitspruchs der New York Times. Auch die Ausprägung eines dualen Rundfunksystems mit teilkommerzieller Orientierung hat in vielen Ländern das Infotainment verstärkt. In Deutschland legen die großen TV-Privatsender relativ großen Wert auf eine seriöse Informationsfarbe. Das haben sie im Jahr 2021 durch Programmentscheidungen und durch das Anwerben von Menschen aus öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen unterstrichen. Sendungen wie RTL aktuell und ihre Moderatorinnen und Moderatoren genießen ohne Zweifel das Vertrauen vieler Menschen.

Die für Informationsinhalte zur Verfügung stehenden Sendeminuten oder Spalten wurden jedoch auf den gesamten Markt gesehen mit der Zeit eher gekürzt. Schon weit zurück im vergangenen Jahrhundert war mit Blick auf den deutschen Rundfunk von einer ›Entwortung‹ zumindest der reichweitenstarken Hauptprogramme die Rede. Daneben stehen einige ausdrückliche Informationsprogramme, überwiegend von öffentlich-rechtlichen, aber auch von privaten Medien. Hervorzuheben ist zudem die seit Jahren vorangetriebene Stärkung der regionalen Information, auch bei den Sendern des ARD-Verbunds.

Eine zum Infotainment passende Konzeption ist die der ›Soft News‹, der weichen Nachrichten, in Abgrenzung zu den harten Nachrichten (vgl. REINEMANN/SCHERR 2012). Im Digital News Report des Reuters Insitute for the Study of Journalism fand sich die knappe Definition:

»Hard news is typically used to refer to topics that are usually timely, important and consequential, such as politics, international affairs and business news. Conversely, soft news topics include entertainment, celebrity, and lifestyle news« (REUTERS INSTITUTE 2016).

Neben dem Leben von Prominenten und anderen Unterhaltungsinhalten, neben dem Human Touch bewegender Einzelschicksale, spielen für die ›Soft News‹ auch ›Rotlicht und Blaulicht‹ eine große Rolle, ungefähr die Übersetzung von ›Sex and Crime‹ ins Deutsche. Ich treffe hin und wieder auf das Argument, es handle sich bei allem um Nachrichten, weil es ja stets einen Neuigkeitswert gebe. Die ›Soft News‹ seien dann in dieser Hinsicht Nachrichten, aber eben kein Journalismus. Für meine Argumentation läuft das auf dasselbe hinaus, nur bin ich weniger großzügig mit dem Begriff der Nachrichten.

Banalisierung und Personalisierung

Die Vermischung bedeutet, dass die unterschiedliche Relevanz von Bundestag und Boulevard vom Absender nicht mehr klar gekennzeichnet wird. Die verbliebenen harten Nachrichtenthemen wiederum erleben Banalisierungen: Sachliche Auseinandersetzungen werden personalisiert, sie werden im Wettbewerbsmodus geschildert oder nach dem Sieg-Niederlage-Schema einfach gehaltener Sportberichterstattung. Oft erinnert die simpel gestrickte Dramaturgie an Seifenopern. Solche nachrichtliche Berichterstattung kennt ›die Guten‹ und ›die Bösen‹. Jeder Held braucht einen Gegenspieler. Große Corona-Helden wie Christian Drosten bekommen neben einem Alexander Kekulé sogar noch einen Hendrik Streeck entgegengestellt.

Schon vor etwa fünfzehn Jahren kamen die Kommunikationswissenschaftler Georg Ruhrmann und Roland Göbbel zu dem Schluss, die Fernsehnachrichten seien in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer unpolitischer geworden. Nachrichten würden nun stärker als Dienstleistung verstanden, sie seien bildlastiger geworden und der Trend gehe zur Boulevardisierung (RUHRMANN/GÖBBEL 2007).

Als ehrenwertes Motiv und als theoretischer Überbau für Infotainment wird manchmal die These bemüht, dass die bittere Medizin von Bundestag und Nahost mit einem Löffel bunter Geschichten besser runtergeht. In meinen Augen schwingt da etwas Manipulatives und Erzieherisches mit. Aber, über die gute Absicht kann man diskutieren, selbst wenn ich empirische Belege für die positive Informationswirkung noch nicht gesehen habe. Allerdings, warum muss das eine Einbahnstraße sein? Man könnte schließlich das Argument drehen und von Unterhaltungsangeboten fordern, stärker als bislang politische und gesellschaftlich relevante Informationen zu vermitteln.

Nach meiner Einschätzung ist es für die Nachrichten sinnvoller, weiter auf die ›harten‹ relevanten Themen zu setzen, sie dann aber für das jeweilige Publikum gezielt aufzubereiten, ihre Bedeutung zu vermitteln und dafür eine anschauliche Sprache zu finden. Das gelingt immer wieder, setzt aber Kreativität, Talent und Aufwand voraus. Gute Beispiele sind die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote für jüngere Menschen wie 1 Live vom WDR oder Deutschlandfunk Nova.

Junk News und Gesprächswert

Ein anderes Licht auf dasselbe Problem wirft das Konzept der ›Junk News‹ oder ›Junk Food News‹. Der Begriff stammt aus den 1980er-Jahren und geht zurück auf Carl Jensen, der in den USA das Project Censored gegründet hat. Die gemeinnützige Organisation sucht eigentlich nach den vergessenen, den unterdrückten Nachrichten, so wie es in Deutschland die Initiative Nachrichtenaufklärung macht. Project Censored weist aber inzwischen auch auf solche Themen hin, die alles andere als vergessen sind und trotz geringer Relevanz ein großes Nachrichtenecho erhalten. Buntes, Prominentenberichte, Sex and Crime, also die schon genannten Elemente des Infotainments, werden hier angeprangert.

Carl Jensen kritisiert in dieser Hinsicht auch die rituellen Wasserstandsmeldungen, etwa von der Börse, die er ›Jo-Jo-Nachrichten‹ nennt, oder den nicht immer reflektierten Journalismus der Jahrestage. Solche ›Junk News‹ vermüllen die Informationslandschaft und verstopfen die üblichen Nachrichtenkanäle. Sie nehmen Raum ein und binden Aufmerksamkeit – Ressourcen, die für Relevanteres nicht mehr zur Verfügung stehen. Nennen möchte ich hier auch die ›Aufregerthemen‹, die ihren Weg Tag für Tag aus den sozialen Medien in die Nachrichten finden. Den Begriff ›Junk News‹ hat der amerikanische Fernsehjournalist Tom Fenton als Titel seines Buchs übernommen, in dem er nicht weniger als »The Failure of the Media in the 21st Century« beschreiben will (FENTON 2009). Er beklagt vor allem einen Niedergang der Auslandsberichterstattung mit gravierenden Folgen für die internationale Politik insbesondere der USA.

Gestützt wird die Praxis von Infotainment und ›Junk News‹ regelmäßig durch den Hinweis auf den Gesprächswert als Nachrichtenkriterium. Gemeint ist, vereinfacht gesagt, dass all das, worüber die Menschen sprechen, auch in die Nachrichten gehört. Das Ziel soll sein, dass das Publikum in der Bahn oder in der Arbeitspause mitreden kann. Das will ich nicht einfach abtun. Wenn es eine Sturmflut gibt oder eine Hitzewelle, dann wird jede Nachrichtenredaktion das breit aufgreifen. Aber warum sollte ein Familienstreit in der britischen Königsfamilie auf einer Ebene mit der Debatte über eine Steuererhöhung behandelt werden?

Wenig Verständnis habe ich offen gestanden für das wachsende Ausmaß an konstruiertem Gesprächswert. Ich meine von Medien erzeugte Themen, die dann mit der Begründung in die Nachrichten sollen, dass Menschen über diese Medienprodukte sprechen. Mir erschließt sich der Vermarktungskreislauf. Mir leuchtet aber nicht ein, warum B-Prominente, Menschen, die für das Bekanntsein bekannt sind, die ihren Status nur durch das Fernsehen erhalten haben, genau deshalb auch noch nachrichtlich begleitet werden sollen. Auch wenn es polemisch wirken mag, so möchte ich hier gerne auf eine beinahe naturgesetzliche Regel hinweisen, die der Philosoph Thomas Grundmann aufgestellt hat:

»Sobald die Kategorien des Interessanten, Unterhaltsamen und Akzeptablen bei der Bewertung von Meinungen und Positionen die Oberhand über die Wahrheit gewinnen, vermehrt sich Bullshit nahezu ungebremst« (GRUNDMANN 2018: 9).

Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat einmal im Gespräch mit Kollegen gesagt, dass ein vor der Haustür sterbendes Eichhörnchen in diesem Augenblick für die eigenen Interessen relevanter sein kann als Menschen, die in Afrika sterben (PARISER 2011). Die legitime Bedeutung von nahen und nahegehenden Informationen ist unbestritten. Für Facebook ist das ein großartiges Geschäftsmodell, so wie es das für Boulevardmedien immer schon war. Und doch frage ich mich besorgt: Was mag aus den für mich eigentlichen Nachrichten werden, wenn sie auf Plattformen mit der von Zuckerberg beschriebenen Relevanzstruktur angewiesen sind?

Eine mögliche Antwort auf diese Frage stammt schon aus dem Jahr 2005: News vs. Entertainment: How Increasing Media Choice Widens Gaps in Political Knowledge and Turnout. So der Titel eines Aufsatzes, den Markus Prior damals veröffentlicht hat. Der Titel deutet die These schon gut an. Grundlage war eine repräsentative Meinungsumfrage in den USA. Sie ergab, dass die wachsenden Möglichkeiten an die persönlich bevorzugten Medieninhalte zu gelangen, tendenziell Politikinteressierte noch kundiger macht, aber politkferne Menschen eben auch die Chance gibt, diese Themen völlig zu umgehen (PRIOR 2005).

Über ein Missverständnis

Aus vielen Diskussionen weiß ich, dass meine Sicht auf den Informationsjournalismus als überheblich verstanden werden kann – missverstanden, wie ich finde. Mir ist klar, dass die meisten Medien sich nicht wie die öffentlich-rechtlichen Anbieter durch einen Beitrag finanzieren. Sie sind auf ein Publikum angewiesen, das direkt oder indirekt über die Werbung zahlt. Und selbstverständlich halte ich den klassischen Nachrichtenjournalismus nicht für perfekt, sonst hätte ich kein Buch geschrieben mit Anregungen zu seiner Veränderung.

Ich habe auch nichts gegen Reichweitenorientierung. Ich bin sehr dafür, wertvolle Information so zu gestalten, dass sie möglichst viele Menschen erreicht. Stephen Cushion hat es in seinem Buch über Nachrichten und Demokratie völlig richtig formuliert:

»[…] if news only appeals to a select few, its democratic value is limited to an elite sphere as opposed to a far wider constituency of citizens. Or, put more bluntly, journalism should be able to remain popular without being populist« (CUSHION 2012).

Wir alle brauchen Unterhaltung. Manches Fernsehangebot rechtfertigt sich schon allein dadurch, dass es Menschen in unserer Moderne der Vereinzelung in ihrer Not der Einsamkeit hilft. Mir ist bewusst, dass das Bunte ewiger Bestandteil der Medien ist. Damit und mit Konzerten hat der Rundfunk im frühen 20. Jahrhundert begonnen, nicht mit Politik. Noch viel älter ist diese Tradition im Bereich der Zeitungen: In Gustav Freytags 1852 uraufgeführten Lustspiel Die Journalisten streiten sich Redakteure einer Provinzzeitung, warum denn neben »Wäsche vom Boden gestohlen, Drillinge geboren, Konzert, Vereinssitzung, Theater« auch noch »die große Seeschlange« ins Blatt muss, eine immer wiederkehrende »abgedroschene Lüge«. Die Begründung des zuständigen Redakteurs lautet: »Sie passte gerade, es fehlte an sechs Zeilen« (FREYTAG 1977: 19).

Die Vermischung von Unterhaltung und Information, und das ist mein Punkt, geht aber oft einher mit der Reduzierung des wertvollen und begrenzten Raums für Nachrichten. Sie trübt den Blick auf die wichtigen Themen und unterspült so die Fundamente der gesellschaftlichen Debatte. Über die Jahre habe ich meinen Frieden gemacht mit Servicethemen oder den sogenannten ›News to use‹, wenn sie denn wirklich nützliche Alltagsinformationen transportieren. Es spricht nichts gegen eine letzte Meldung, über die Menschen schmunzeln können und die eine emotionale Entlastung bringt.

Dennoch will mir nicht einleuchten, warum der dominante Bereich der Unterhaltung auch noch in die Sphäre der Nachrichten eindringen soll, warum wichtige, manchmal lebenswichtige Themen mit Unterhaltung vermischt werden. Ich habe auch nicht verstanden, warum es anmaßend sein soll, einem breiten Publikum möglichst viel nachrichtliche Informationen zukommen zu lassen. Ist es nicht eher arrogant, Menschen im Wesentlichen nur Unterhaltung zuzutrauen und sie mit ›Brot und Spielen‹ abzuspeisen?

Nachrichten-Mimikry und ›News Washing‹

Zurück zur Unschärfe des Nachrichtenbegriffs. Dazu tragen sicher auch die verschiedenen Kopien bei, die uns im Alltag begegnen. Die als seriös wirkende News-Ästhetik wird gerne nachgeahmt, zum Beispiel für Boulevardmagazine. Dort werden dann Beiträge über Hollywood und Familiendramen so präsentiert, als wäre es die Tagesschau. Nicht selten wirkt das dann wie eine Tagesschau unter Ecstasy-Einfluss. Auch solche Magazine werden gleichwohl in der Jahresbilanz mancher Sender unter ›Information‹ aufgeführt.

In der Werbung sind die Nachahmung von Nachrichtenformaten oder das Spiel mit Elementen aus der Nachrichtenwelt ebenfalls beliebt. Das kann man in vielen Werbespots erleben. Man kann es im Supermarkt im Einkaufsradio hören oder an Reklame in Zeitung und Internet ablesen, die von redaktionellen Inhalten kaum unterscheidbar ist. Die verschiedenen Ausprägungen dieser Mimikry tragen dazu bei, Medienkonsumenten zu täuschen und das Gefühl für echte Nachrichten zu unterlaufen.

Die Motive für die vielfältige Imitation der Nachrichtenformate versteht man vermutlich am besten, wenn man sich den enormen Erfolg des Informationsjournalismus im 20. Jahrhundert vor Augen führt. Insbesondere an den dominierenden Massenmedien, erst dem Radio, dann dem Fernsehen, kamen die Mächtigen nicht vorbei. Niemand konnte sie ignorieren, der ein Produkt bewerben wollte, ob es sich dabei nun um eine Politikerin oder ein Gesetz, um eine Lebensversicherung oder um Schokolade handelte. Für die Gesellschaft ist dieses ›News Washing‹ schädlich. Besonders gravierend ist dabei das systematische Simulieren von unabhängigem Informationsjournalismus durch die PR aller möglichen Akteure.

Die News-Channels

Ambivalent fällt die Bilanz für die ›News-Channels‹ aus, die für einige Jahrzehnte prägend waren. Auch wenn ihre Bedeutung schon länger schwindet, während die der digitalen Informationsplattformen stetig wächst: In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts markierten die Sender doch im Radio und vor allem im Fernsehen einen Triumph der Nachrichten, die eigene, ausschließliche Kanäle bekommen hatten.

Das Phänomen ist global, kultur- und systemüberschreitend. Die ästhetische DNA von CNN hat sich weltweit durchgesetzt, einschließlich der Fanfaren, der Anchormänner und -frauen, der geteilten Bildschirme bei Zuschaltungen und manchem mehr. Unverzichtbar scheint das Dauertickern von Informationen sehr unterschiedlicher Art und Relevanz über ein Laufband im unteren Bildschirmbereich zu sein. Ob in China oder Russland, ob in Chile oder Nigeria, überall bedient man sich dieser Stilmittel, sogar beim nordkoreanischen Staatsfernsehen.

Aus nachrichtlicher Sicht waren und sind die ›News Channels‹ jedoch auch problematisch. Sie geben ein Versprechen kontinuierlicher Aktualität und Relevanz, das niemand einhalten kann. Die Kanäle hatten und haben 24/7 einen immensen Bedarf an Inhalten, sodass die Qualität der Ware beim besten Willen wechselhaft sein muss. Experten werden aufgefahren, reich an Zahl und Fachgebieten. Ihre Aufgabe ist die Einordnung und Erklärung. Manchmal scheint ihr Auftrag aber eher, Neuigkeitspausen durch Spekulation auszugleichen, damit es keinen Druckabfall gibt und keinen Abriss des Spannungsbogens.

Oft habe ich mich geärgert über diese Versuche, aus jedem Nachrichtentag einen 11. September zu machen, auch weil damit eine Sozialisierung des Publikums einherging: Viele Menschen verloren vor lauter Hektik die Geduld für das Entwickeln einer Nachrichtengeschichte. Dem Publikum verschwammen vor lauter Banalem die Grenzen der Relevanz bis zum Dschungelcamp und zur internationalen B-Prominenz. Aus Sicht der Branche mag das egal sein. If they are watching, who cares if there’s no new news? So heißt jedenfalls ein Kapitel aus Newsflash (2004: 112ff.), einem Buch über das TV-Nachrichten-Geschäft von Bonnie Anderson, die lange für NBC News und für CNN gearbeitet hat.

Nachrichten-Satire und Newsgames

Angelehnt an die Gestaltungselemente der ›News Channels‹ sind verschiedene Satire- und Comedysendungen entstanden. Die heute-show des ZDF hat ein großes Publikum, genauso wie das US-Original The Daily Show und ähnliche Formate in aller Welt (vgl. HARSIN 2018). Ähnliches gibt es im Radio, wie zum Beispiel der Wochenrückblick Satire deluxe des WDR. Sehr erfolgreich sind Internetangebote, die sich im Stil nachrichtlicher Berichte an der Grenze von Satire und Comedy bewegen. Im deutschsprachigen Raum ist als erstes Der Postillon zu nennen. Eine gewisse Zahl von Menschen findet über diesen Weg den Zugang zur Aktualität, manchmal vor allem über diesen Weg.

Zur gesellschaftlichen Bedeutung gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Die einen fürchten, dass nicht jede und jeder erkennt, dass es sich um ›Fake News‹ in unterhaltender Absicht handelt. Außerdem wird eine manchmal sogar systematische Verächtlichmachung der politischen Klasse beklagt. Die anderen freuen sich, dass mit Nachrichteninhalten kreativ gearbeitet wird und dass neben der Unterhaltung auch ein Informationswert übrigbleibt, gerade für nachrichtenferne Gruppen. Das Magazin von Jan Böhmermann, das im ZDF seit einiger Zeit nach der heute-show läuft, zeigt, dass das Genre lebendig ist und sich weiterentwickelt.

Verschiedene Medien experimentieren seit einiger Zeit mit dem Format der Newsgames. Die Idee ist, mit solchen Hybriden die Anziehungskraft der erfolgreichen Computer-Spiele für die Vermittlung von Nachrichteninhalten zu erschließen. Zwei Beispiele unter vielen: Das New-Yorfe-Times-Projekt The Voter Suppression Trail macht die Probleme und Ungerechtigkeiten des amerikanischen Wahlsystems erfahrbar. Mit Syrian Journey aus der Welt der BBC kann eine Flucht aus Syrien (ein wenig) nachempfunden werden.

Cornelia Wolf und Alexander Godulla haben das Potenzial der Newsgames untersucht (WOLF/GODULLA 2018). Ihr Zwischenfazit lautet, dass es diese Informationsangebote bislang nicht schaffen, weite Kreise zu erreichen. Ein Grund dafür ist, dass die meist jüngeren Nutzerinnen und Nutzer an die technisch deutlich aufwendigeren Produktionen mit höherem Erlebniswert der Gaming-Industrie gewöhnt sind. Offen ist, ob der wachsende Bereich der ›Augmented Reality‹ auch für die Information neue Möglichkeiten schafft, etwa im Sinn des Immersiven Journalismus.

Nachrichten: Ein Kosmos mit vielen Galaxien

Was sind eigentlich Nachrichten? Mit dieser Frage sind wir in das Kapitel gestartet. Das Konzept ist begrifflich unscharf, gleichermaßen verbunden mit der alltäglichen Kommunikation wie mit dem Journalismus. Nachrichten gehören zum ältesten Bestand menschlicher Kultur und Traditionen. Inzwischen sind sie auch mit einem Handwerk verbunden, einem journalistischen Beruf, der aber weder ein Patent besitzt noch Monopolansprüche.

Journalistische Nachrichten bilden einen Kosmos mit vielen Galaxien. Je nach Medium, Zielgruppe und Qualitätsanspruch, je nach den zur Verfügung stehenden Ressourcen können die Angebote Lichtjahre voneinander entfernt sein. Nachrichten sind werbefrei, durch Werbung finanziert, oder sie bestehen schlicht aus Werbung. Sie werden nach bestem Wissen und Gewissen frei recherchiert und zusammengestellt, sie entstehen aber sehr oft auch interessengeleitet oder unter dem Druck von Mächtigen und Ideologien jeder Art. Manchmal werden sie mit der Pistole im Rücken geschrieben, im übertragenen Sinne oder buchstäblich.

Vieles ähnelt den Nachrichten nach dem ›Look and Feel‹ zum Verwechseln, ist aber doch etwas anderes. Manchmal ist es Propaganda, manchmal Unterhaltung. Vielleicht ist es Werbung oder PR. Hin und wieder ist es auch Satire oder Comedy. Ich spreche da gerne von Nachrichtoiden, bei denen nur die Form etwas mit Informationsjournalismus zu tun hat. Mit der Verantwortung der Redaktionen für diese Nachrichtoiden werden wir uns noch beschäftigen, genauso wie mit dem besonderen Selbstverständnis der westlichen Nachrichtenkultur, unserer Nachrichtenkultur.

Dieser Nachrichtentradition fühle ich mich verbunden, allerdings in einem Verhältnis des ›Ja, aber‹. Worin meine Bedenken bestehen, was aus meiner Sicht zu tun ist, davon erfahren Sie mehr im zweiten Teil des Buchs. Ich selbst verwende ›Nachrichten‹ und ›Informationsjournalismus‹ weitgehend synonym. Mir ist klar, dass jede Art der Kommunikation Informationen vermittelt. Ich benutze den Begriff nicht streng wissenschaftlich, sondern in Abgrenzung zu journalistischen Formen, bei denen Unterhaltung oder anderes im Vordergrund steht. Dies entspricht meiner Vorstellung von Nachrichten, die über die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau hinausgeht, sich aber deutlich von Unterhaltungs- und Meinungsjournalismus, von Magazinen und Talkshows abgrenzt.

Es bleibt dabei: Auch nach 30 Jahren im Beruf traue ich mir keine Definition in drei Sätzen zu. Insofern nehmen Sie bitte dieses Buch im Ganzen als meinen Versuch der Annäherung an einen angemessenen Nachrichtenbegriff.

Nicht mehr geliebt? – Die Sache mit dem Vertrauen

›Gescheiterte Existenzen‹. So nannte der deutsche TV-Kleinbürger Alfred Tetzlaff in Ein Herz und eine Seele die Journalisten. In der Silvesterausgabe 1973 der in der alten Bundesrepublik beliebten WDR-Soap schimpfte er weiter: Journalist werde eben, wer zu faul oder zu dumm sei für einen richtigen Beruf. Das traf damals den Nerv eines Teils der Gesellschaft und so ist es auch heute wieder. In den Jahrzehnten dazwischen erlebte das Ansehen des Journalismus ein ungewöhnliches Zwischenhoch. Dazu haben so unterschiedliche Faktoren beigetragen wie der Mythos ›Watergate‹, die Akademisierung des Berufs und die deutlich verbesserten Verdienstmöglichkeiten.

Es müssen nicht alle die Menschen mögen, die ihr Geld mit Nachrichten und Berichten verdienen, so wie auch nicht jeder die Zahnärztin oder den Airbuspiloten sympathisch finden muss. Eine für alle drei Berufe wichtigere Währung ist das Vertrauen. Mit dem Vertrauen in die Medien beschäftigen sich zahlreiche Untersuchungen. Der Digital News Report des Oxforder Reuters Institute ist ein weltweit anerkanntes Barometer für die Entwicklung des Informationsmarkts. In der Ausgabe 2020 erfahren wir, dass im Schnitt der untersuchten Länder nur noch 38 Prozent der Befragten »den meisten Nachrichten meistens vertrauen«, vier Prozentpunkte weniger als 2019 (NEWMAN 2020). Das Institut unterhält auch ein spezielles Forschungsprojekt zum Vertrauen in die Nachrichten, dessen erster Zwischenbericht mit der Feststellung beginnt: »Trust in news has eroded worldwide« (TOFF et al. 2020).

Die Ergebnisse für Deutschland fallen zumeist etwas günstiger aus als in anderen Staaten. Hierzulande fühlt die Universität Mainz den Puls alle zwölf Monate innerhalb einer Langzeitstudie. Für 2020 wurde ein gestiegenes Vertrauen in die Medien festgestellt (JAKOBS 2021). Die Vermutung der Forschungsgruppe bei der Veröffentlichung im Frühjahr 2021: Den Medien scheint es gelungen zu sein, in der Corona-Krise mit Orientierung zu punkten. Allerdings wird dies verbunden mit einer Warnung:

»Es stellt sich […] die Frage, wie sich Medienvertrauen und Medienzynismus, Mediennutzung und der Glaube an Verschwörungserzählungen mit dem Abklingen der Corona-Pandemie und in der Zeit nach der Krise weiterentwickeln werden. Medien und Journalisten sollten nicht davon ausgehen, dass die Vertrauenszuwächse dauerhaft sein werden […]« (JAKOBS et al. 2021: 161).

Daher werfe ich einen Blick zurück auf die Anfang 2020 veröffentlichten Ergebnisse der Studie für 2019, also noch ohne Corona-Einfluss (SCHULTZ 2020), Damals war das Ergebnis, dass 43 Prozent der Befragten den etablierten Medien in wichtigen Fragen vertrauen. Die Zustimmung blieb damit einigermaßen konstant. Gestiegen war allerdings die Zahl derjenigen, die ihr Misstrauen zu Protokoll gaben, und zwar auf 28 Prozent. Die Gruppe derjenigen, die sich zwischen diesen beiden Lagern einordnen, war mit 29 Prozent so klein wie noch nie in den bisherigen Umfragewellen. Das Fazit der Mainzer Forschungsgruppe: Das Vertrauen ist stabil, doch die Polarisierung wächst (SCHULTZ et al. 2020: 323).

Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Mich jedenfalls beruhigt der Gedanke nicht, dass nur etwa jede und jeder zweite Befragte den klassischen Medien vertraut, selbst wenn die traditionell stark überdurchschnittlichen Zustimmungswerte für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland erfreulich sind. Beruhigend finde ich auch nicht, was ein Blick auf internationale Untersuchungen zeigt, zum Beispiel das jährliche »Vertrauens-Barometer« der US-Kommunikationsagentur Edelman.

Hier war das im Frühjahr 2021 veröffentlichte Ergebnis der weltweit durchgeführten Umfrage wie folgt: 59 Prozent waren der Ansicht, dass Journalisten die Bevölkerung absichtlich mit Falschinformationen und Übertreibungen hinters Licht führen. Ebenfalls 59 Prozent glaubten, dass die meisten Informationsmedien sich stärker darum kümmern, eine Ideologie oder eine politische Position zu unterstützen, als die Öffentlichkeit zu informieren (EDELMAN 2021: 25).

Ufo-Beweis nur durch die Tagesschau

Medienkritik ist in Deutschland ein Breitensport. Das ist aus Sicht des Journalismus manchmal anstrengend, aber es ist sehr gut so. Wie sonst soll die Qualität unserer Arbeit kontrolliert und verbessert werden? Die Nachrichten hatten da lange eine Ausnahmestellung, insbesondere die eingeführten Medien, im Marketingdeutsch ›die starken Nachrichtenmarken‹. Diesen besonderen Vertrauensvorschuss hat Ingo Schulze in seinem Wenderoman Simple Storys literarisch festgehalten. Einen der Protagonisten beschreibt er so:

»An Ufos glaubte er nicht, obwohl die Amerikaner auf Pro 7 nicht den Eindruck von Lügnern gemacht hatten. Keinesfalls wollte er die Existenz von Ufos ausschließen, sich aber erst dann ernsthaft mit ihnen beschäftigen, sollte er in der Tagesschau davon erfahren« (SCHULZE 1999: 81).

Das Vertrauen in die Nachrichten hat mit Handwerk und Ethos dieses journalistischen Zweigs zu tun, mit dem Bestreben wahrhaftig und umfassend zu berichten. Wenn wir ehrlich sind, spielt aber auch die Ästhetik der Darbietung eine Rolle mit den meist strengen und offiziösen Formaten, die in den elektronischen Medien etwas Zeremonielles oder gar Liturgisches haben.

Von all dem lebt der Nachrichtenjournalismus. Sollte das Vertrauen eines Tages bei einer Mehrheit verloren gehen, dann hätte dies katastrophale gesellschaftliche Folgen weit über den Medienbereich hinaus. Diese Sorge sollte alle umtreiben, die es gut mit einer demokratisch und rechtsstaatlich organisierten Gesellschaft meinen. Für Akteure mit der Absicht, autokratische oder diktatoriale Strukturen zu errichten, ist das genaue Gegenteil der Fall: Für sie wäre die Aushöhlung einer gemeinschaftlich anerkannten Informationsstruktur sehr nützlich, wie auch das diffuse Gefühl in der Bevölkerung, dass ›am Ende doch alle mehr oder weniger gleich lügen‹.

Traditionelle Links-Rechts-Kritik

›User generated discontent‹, so das schöne Wortspiel, ist nichts Neues. Schon lange vor den sozialen Medien haben die Redaktionen viel an kritischen Reaktionen bekommen. Für die alte Bundesrepublik galt allerdings: Egal wie stark der politische und gesellschaftliche Streit auch tobte, die meisten Menschen ärgerten sich beim Hören, Schauen und Lesen der Nachrichten vor allem über die beschriebenen oder zitierten Akteure, über deren Handlungen und Aussagen. Wenn die Redaktionen einmal selbst angegangen wurden, dann weil man ihnen Parteilichkeit unterstellte.

Das Schema der Vorwürfe (wohl nicht nur) an die DEUTSCHLANDFUNK-Nachrichten war, wir seien ›zu links‹ oder ›zu rechts‹, wir seien ›für die Palästinenser‹ oder ›für die Israelis‹ etc. Seit mehr als 25 Jahren reagiere ich auf solche Kritik, dem Medienwandel folgend zunächst per Post (mit Durchschlag für die Akten), per Fax, dann in E-Mails, bei Facebook und Twitter und immer wieder auch telefonisch. Lange konnte ich dabei bequem auf eine eherne Tatsache verweisen: Unsere Arbeit war meist für die Hälfte der Kritiker zu links oder zu palästinenserfreundlich und für die andere Hälfte zu rechts oder zu israelnah. Das war für mich ein willkommenes Indiz dafür, dass wir wohl alles in allem nicht so schlecht lagen.

In meinen Antworten habe ich immer wieder berichtet, dass es die vermutete parteipolitische Einflussnahme auf öffentlich-rechtliche Nachrichten nicht gibt. Nicht mehr gibt, um genau zu sein. Als junger Redakteur habe ich in den 1990er-Jahren noch die späten Ausläufer eines Systems beobachtet, in dem Journalisten der CDU, der CSU, der SPD oder der FDP nahestanden – nach allgemeiner Beobachtung nicht zu ihrem Nachteil.

Ich kann nicht beurteilen, wie oft und wie stark es heute noch zu politischem oder ökonomischem Druck auf lokale und regionale Medien kommt. Ohne Weiteres versichern kann ich jedoch zumindest aus meiner Erfahrung, dass das Bundeskanzleramt nicht morgens bei uns seine Wünsche für den Tag übermitteln lässt, auch wenn manche Menschen von diesem hartnäckigen Glauben nicht ablassen können.

Lediglich Willy Brandt rief an

Immerhin hat in den 1980er-Jahren mit Willy Brandt ein ehemaliger Bundeskanzler und SPD-Chef in unserer Redaktion angerufen. Er wollte am Morgen nach einer für ihn wenig erfreulichen Wahl von dem Redakteur der Presseschau erfahren, ob es denn wirklich keine für die Sozialdemokraten positiven Kommentare gegeben habe. »Nein, Herr Bundeskanzler, nicht einmal die Frankfurter Rundschau«, so die Antwort, die mein Kollege bis zu seiner Rente immer wieder gerne erzählte. Parteipolitische Interventionen ›von oben‹ sind mir zumindest für die vergangenen Jahrzehnte nicht bekannt. Ebenso pauschal wie mutig wage ich die Behauptung, dass dies im übrigen Spektrum der bundesweiten Medien einigermaßen ähnlich sein dürfte, also auch bei Privatsendern und Zeitungen. Auch hier sind die Redaktionen kaum noch parteipolitisch einzuordnen. So weit, so gut, könnte man meinen. Doch inzwischen haben wir es mit anderen Problemen zu tun.

›Lügenpresse‹ und ›Systemmedien‹

Seit mehr als zehn Jahren hat sich der Ton verändert und verschärft. Eine wachsende Zahl von Menschen übt an den Nachrichten nicht mehr nur Kritik nach einem Links-rechts-Schema innerhalb des politischen Systems. Sie greifen den Informationsjournalismus im Ganzen an, gemeinsam mit einem System, als dessen verfilzten Bestandteil sie ihn sehen. In Radikalität und Begründung erinnert diese Komplettablehnung an so unterschiedliche Perspektiven wie die von RAF-Zirkeln auf die ›kapitalistischen Medien‹ oder von Menschen in Diktaturen auf die staatlich kontrollierte Presse. Wir werden konfrontiert mit einem Vorstellungsgebäude, in dem angeblich alle etablierten Parteien gleich ticken, ob sie nun regieren oder in der Opposition sind.

Die Vermutung dieser Kritiker ist, dass Abgeordnete und Funktionärinnen als Kartell das Überleben der eigenen Kaste verfolgen, Hand in Hand mit Industrie und Finanzkonzernen, zum Schaden ›des Volks‹. Wer diese Sichtweise teilt und an die Medien denkt, der sieht eine ›Systempresse‹ vor sich. Er unterstellt einen ›politisch-journalistischen Komplex‹ voller gegenseitiger Abhängigkeiten, voller Komplizenschaft und Kumpanei.

In dieser Lesart ist es das Ziel öffentlich-rechtlicher Medien, der wichtigen Verlage und privaten Fernsehsender, die bestehende Machtordnung zu erhalten und damit die eigenen Posten, Privilegien und Pfründe. Wer so denkt, für den sind die Informationsmedien nicht mehr eine vierte Gewalt, die Regierung, Gesetzgeber und Gerichte kontrolliert. Sie sind die ersten Schurken. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang der Begriff ›Mainstream-Medien‹ gebraucht. Ich nutze ihn nicht, um Verwirrung zu vermeiden. Im deutschsprachigen Raum handelt es sich um einen Kampfbegriff, in der englischsprachigen Welt werden damit vielfach schlicht die etablierten Massenmedien bezeichnet.

Auf Grundlage der beschriebenen Systemkritik begann Ende des 20. Jahrhunderts in vielen westlichen Ländern der neuerliche Aufstieg populistischer Parteien. Auf dieser Basis eskalierte auch in Deutschland die Kritik an den Informationsmedien bis hin zu den ›Lügenpresse‹-Rufen und zu massiven Drohungen, denen auch einige meiner Kolleginnen und Kollegen ausgesetzt waren und sind. Wegmarken, die in den Reaktionen unserer Hörerinnen und Hörer seismologische Ausschläge hinterlassen haben, waren die Euro-Krise, der Russland-Ukraine-Konflikt, die Aufnahme der Flüchtlinge 2015, die Kölner Silvesternacht und zuletzt der staatliche Umgang mit der Corona-Krise.

Medienkritische Bestseller

Aus Sicht der Systemkritiker bedarf es keiner politischen Einflussnahme mehr auf die Nachrichten, weil sie die Redaktionen ja für den Bestandteil eines Kartells halten. Im Journalismus werden nicht nur Mitläufer und Opportunisten vermutet, sondern Gesinnungstäter, und zwar linke. Sie gehören in dieser Vorstellung wie die politisch-ökonomische Elite zu einem »links-rot-grün-verseuchten 68er-Deutschland«. Davon sprach der AfD-Co-Vorsitzende Jörg Meuthen auf dem Stuttgarter Parteitag 2016 um dann auch noch das berühmte »leicht versifft« anzufügen (VON ALTENBOCKUM 2016).

Diese Kritik am Journalismus findet sich auch theoretisch verdichtet und zwischen zwei Buchdeckeln. Das ist ein weltweites Phänomen, für das ich aus den USA James O’Keefe erwähnen möchte: Seine Kritik an den etablierten Medien trägt den Titel American Pravda (O’KEEFE 2018). Ein regelrechtes Literaturgenre dieser Art hat sich auf dem deutschsprachigen Markt entwickelt. Auf Anhieb fallen mir da Udo Ulfkotte und Gerhard Wisnewski ein. Ulfkottes Gekaufte Journalisten – Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken (ULFKOTTE 2014) beschreibt den Systempressevorwurf. Wisnewski hat einen Almanach entwickelt, man könnte auch sagen ein Geschäftsmodell. Er bringt jeweils für das Vorjahr Verheimlicht, vertuscht, vergessen heraus, ein »anderes Jahrbuch« mit all dem, was angeblich in den vergangenen zwölf Monaten nicht in den Zeitungen stehen durfte.

Wir reden hier von Bestsellern, die in bestimmten Gruppen Aufmerksamkeit bis hin zur Verehrung genießen. Ihr Echo schallt mir auch in unserer Hörerpost entgegen. Ich habe diese und ähnliche Bücher gelesen, weil mich jede Kritik an den Nachrichten interessiert. Allerdings fand ich die Argumentation meist enttäuschend. Nach meiner Überzeugung brauchen die Nachrichten bessere, letztlich auch härtere Kritik, um voranzukommen.

Bei Ulfkotte liest man etwa, dass die Idee des Euro auf einer Bilderberger-Konferenz beschlossenen wurde mit dem Ziel einer »Amputation der deutschen Identität« (ULFKOTTE 2014: 258). Bei Wisnewski werden wir im Jahrbuch 2020 auf den Gedanken vorbereitet, dass der Brand von Notre-Dame kein Unglück gewesen sein könnte. Waren Islamisten oder Satanisten am Werk? Oder doch eher der französische Staat, der ›heiß abgerissen‹ hat, um sich die Sanierung eines maroden Weltkulturerbes von Spendern finanzieren zu lassen? (WISNEWSKI 2020: 82-93). Wo wir schon bei Flammen sind: Vielleicht waren auch die verheerenden Brände im Amazonas eine Inszenierung von Ökologen (WISNEWSKI 2020: 189)? Das sind nur zwei von vielen haarsträubenden Beispielen.

Ich musste bei der Lektüre immer wieder an Angela Merkel ist Hitlers Tochter (ALT/SCHIFFER 2018), denken, eines der Bücher über Verschwörungstheorien, in dem auch Ulfkotte und Wisnewski genannt werden. Wisnewski wiederum gibt seinen Lesern diese Botschaft mit:

»Erstens: alles, was als ›Verschwörungstheorie‹ gebrandmarkt wird, enthält etwas Wahres. Zweitens Jeder, der als ›rechts‹ abgestempelt wird, hat etwas Wahres gesagt. Drittens, alles und jedes, das/der auf dem Globus stigmatisiert und als ›rechts‹ gebrandmarkt wird, nützt seinem Volk und damit allen Völkern« (WISNEWSKI 2020: 271).

Abgesehen von meinem klaren inhaltlichen Widerspruch würde ich gerne darauf hinweisen, dass solch eine Aussage in meinem Verständnis den Abschied von logischem, kritischen Denken bedeutet und den Rückzug in hermetische Rechthaberei.

Enttäuschte Freunde

Albrecht Müller ist ebenfalls ein Bestseller-Autor. In seinen Büchern wie Meinungsmache (2010) und auf dem von ihm mitgegründeten Webportal, den Nachdenkseiten, findet sich immer wieder Kritik an den etablierten Medien. Müller hat eine lange politische Karriere hinter sich als enger Mitarbeiter der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt, als Mitglied des Bundestages für die SPD. Aus seinen Texten lese ich manchmal ein ›früher war es besser‹ heraus, manchmal die Ablehnung der herrschenden Verhältnisse durch den Aussteiger. In Meinungsmache verrät er ironischerweise, dass er in seiner Zeit im Kanzleramt selbst viel damit zu tun hatte, »Strategien der Meinungsbeeinflussung (zu) entwickeln« (MÜLLER 2009: 9).

Maren Müller, Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer haben insbesondere die Nachrichten im Visier. Die Gründerin des Vereins Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien und die beiden NDR-Ruheständler haben der ARD-Tagesschau das Buch Zwischen Feindbild und Wetterbericht (2019) gewidmet. Ihr aktivistisches Wirken manifestiert sich nicht nur in Buchform, sondern umfasst kaum noch zu zählende Programmbeschwerden. Nach meinem Eindruck liegt bei diesen drei Kritikern Enttäuschung vor über einen Sender und seine Hauptnachrichtensendung, die ihnen eigentlich viel bedeuten.

Während es bei Albrecht Müller in Meinungsmache stark um eine aus seiner Sicht neoliberale Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik geht, greifen Maren Müller, Bräutigam und Klinkhammer immer wieder eine angeblich NATO- und USA-hörige, gegen Russland gerichtete Berichterstattung über internationale Fragen an. Diese Kritikpunkte verbinden viele der nachrichtenkritischen Stimmen aus unterschiedlichen Lagern. Die Argumentation zum Umgang der Medien mit Russland hat Ulrich Teusch zusammengefasst. Immer wieder Russland, so heißt ein Kapitel seines Buchs Lückenpresse (TEUSCH 2018: 93ff.). Die Frage wäre eine eigene Arbeit wert, warum es in Teilen der deutschen Gesellschaft so viel Empathie mit Russland gibt, was grundsätzlich gut ist, aber so wenig Einfühlungsvermögen in die Lage Polens oder der baltischen Länder, um nur diese Beispiele zu nennen.

Zu den ›enttäuschten Freunden‹ unter den Buchautoren zähle ich in jedem Fall den Medienwissenschaftler Uwe Krüger und den Journalistenkollegen Tom Schimmeck. Krügers einschlägiges Werk trägt den Titel Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen (2016). Bei Schimmeck habe ich Am besten nichts Neues (2010) im Sinn. Beide kritisieren heftig, wollen den bestehenden Informationsjournalismus aber verändern und verbessern, nicht abschaffen.

Meine Vermutung ist, dass die Leitmedien das Vertrauen des Publikums von Udo Ulfkotte und Gerhard Wisnewski kaum wieder gewinnen können, was auch immer sie unternehmen werden. Den Austausch mit den Leserinnen und Lesern der anderen Genannten halte ich dagegen für erfolgversprechend und geradezu empfehlenswert. Das gilt selbstverständlich auch für den Dialog mit den Autoren selbst.

Anhaltende Zweifel an der Unabhängigkeit

Nun stellt sich die Frage, warum so unterschiedliche Formen der Kritik am Informationsjournalismus jeweils eine so beachtliche Resonanz erhalten. Vordergründig könnte die Antwort lauten: Die Medien sind tatsächlich mächtig und ihre Nachrichtenangebote sind es erst recht. Selbstverständlich kommen täglich Fehler vor und es gibt an der Arbeit von Journalistinnen und Journalisten immer etwas auszusetzen. Wer sich mit den Medien anlegt, kann daher grundsätzlich mit Zuspruch rechnen. Ziel von Ratschlägen, Kritik und Angriffen werden schließlich auch Schulen und Kirchen, Unternehmen und Gewerkschaften. Also, alles halb so wild?

In diese Richtung geht auch ein anderer Gedanke: In Deutschland steht bei einer Reihe wichtiger Themen eine überschaubare Minderheit einem breiten Konsens gegenüber. Umfragen aus den letzten Jahren zeigen, dass es beständige gesellschaftliche Mehrheiten gibt für die EU und die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare, gegen Kernkraft, für den Kohleausstieg und so weiter. Es kann also nicht überraschen, dass die Mehrheit der Menschen im Journalismus ähnlich tickt. Der Mainstream-Vorwurf richtet sich aus dieser Perspektive betrachtet nicht in erster Linie an die Medien. Er ist vielmehr ein Vorwurf von Minderheiten an die Mehrheitsgesellschaft, der am Journalismus abgearbeitet wird. Also, alles nicht so schlimm?

Auf solchen beruhigenden Gedanken sollte sich der Informationsjournalismus besser nicht ausruhen. 2021 veröffentlichte die Stiftung Neue Verantwortung eine auch mit öffentlichen Mitteln finanzierte Studie zur digitalen Nachrichtenkompetenz in Deutschland. Sie belegt anhaltende Zweifel in der Bevölkerung an der Unabhängigkeit des Journalismus (MESSMER/SÄNGERLAUB/SCHULZ 2021). Nur die Hälfte der mehr als 4.000 repräsentativ Befragten wusste danach, dass Nachrichten über einen Bundesminister ohne dessen Genehmigung veröffentlicht werden dürfen.

Wiederum nur die Hälfte konnte sagen, dass Bundestagsabgeordnete nicht entscheiden, worüber der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtet. 24 Prozent vertraten die Einschätzung, dass die Bevölkerung in Deutschland von den Medien systematisch belogen werde. Ebenfalls ein Viertel der Antwortenden hielt den »Lügenpresse«-Vorwurf für gerechtfertigt. Und 35 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Staatsministerin für Kultur und Medien der Bundesregierung unterstellt sei, weitere 40 Prozent antworteten hier mit »weiß nicht«.

Die Ergebnisse sind aus meiner Sicht dramatisch. Sie ergänzen die schon genannten und ebenfalls beunruhigenden Erhebungen zum Medienvertrauen. Lassen Sie uns dem nachgehen. Werfen wir einen näheren Blick auf einige Erscheinungsformen der Entfremdung zwischen einem Teil der Gesellschaft und den Nachrichten.

Nicht mehr repräsentativ? –
Wenn Menschen sich nicht wiedererkennen

Seit Jahren gehen einige Menschen in Sachsen regelmäßig zur Pegida-Kundgebung. Sie beschimpfen Migranten, begrüßen die Machtausübung von Wladimir Putin. Sie verunglimpfen die parlamentarische Demokratie, deren Repräsentanten – und die Medien.

Im Ruhrgebiet haben Menschen die Arbeit verloren. Die Produktion ihres Betriebs wurde nach Asien verlagert. Manche von ihnen können die Miete kaum noch zahlen, seitdem ein Immobilienkonzern die ehemalige Bergarbeiter-Siedlung gekauft hat. Sie gehen nicht mehr wählen oder machen ihr Kreuz bei Populisten. Die Lokalzeitung bestellen sie ab, dem WDR vertrauen sie nicht mehr.

Bei einer Reihe von Rechtsanwälten oder Ärztinnen im Taunus oder in München stören wirtschaftliche Probleme den Alltag nie. Im Gegenteil, hier stehen SUVs mit Schweizer Autobahnvignette vor der Haustür für die Fahrten zum Genfer See, nach Zürich oder Lugano. Manche dieser Menschen vermuten, dass es in der Europäischen Union immer auf Kosten der deutschen Steuerzahler zugeht. Von Union, SPD und Grünen haben sie sich auch deshalb abgewandt, weil Deutschland ab September 2015 viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Ihre Abos von FAZ und Süddeutscher Zeitung sind gekündigt.

Hinter diesen Milieuskizzen stehen zumeist keine konkreten Menschen, die ich persönlich kenne. Doch auf Grundlage der Rückmeldungen aus der Gesellschaft, die mich bei der Arbeit erreichen, halte ich sie für einigermaßen realistisch.

Ähnliches lässt sich in anderen westlichen Demokratien mit freien Medien beobachten, sehr deutlich in Frankreich. Dort treibt der ›Front National‹, inzwischen in ›Rassemblement National‹ umbenannt, schon lange etablierte Parteien und Medien vor sich her. 2018 begannen dann die Proteste der sogenannten ›Gelbwesten‹, der Gilets Jaunes, mit der Ablehnung höherer Steuern auf Diesel und Benzin. Immer lauter und manchmal auch sehr gewalttätig wurden weit weg von Paris Frauen und Männer, von denen viele wirtschaftlich kaum noch klarkommen. Sie brauchen – Umweltschutz hin oder her – das Auto, weil es in der Provinz keine Alternativen mehr gibt. Denn über die vergangenen dreißig Jahre sind ihnen nicht nur Arbeitsplätze, die Post, die Bankfilialen und die Arztpraxen abhandengekommen. Man hat ihnen auch die Regionalbahnstrecken stillgelegt. Viele der Gilets Jaunes misstrauen dem staatlichen Fernsehen, aber auch privaten Medien. Sie fühlen sich öffentlich falsch dargestellt.

Populismus und Medienkritik

Mit diesem holzschnittartigen Ausflug in die Soziologie ziele ich auf den Zusammenhang ab zwischen gesellschaftlichem Unbehagen, Leistungsdefiziten politischer Systeme und der Kritik am Nachrichtenjournalismus. Weitere drei Beispiele nur noch in Kurzfassung:

Das marode Parteiensystem Italiens war in den 1990er-Jahren Geburtsort des ›Berlusconismo‹, der frühen Variante des stark über Medien agierenden modernen Populismus. Inzwischen bestimmen dort mit der Lega, den ›Fünf Sternen‹ und nun auch noch mit den derzeit aufstrebenden ›Fratelli d’Italia‹ gleich drei unterschiedliche populistische Bewegungen die Szene. In Großbritannien und den USA gilt ein Mehrheitswahlsystem. Deshalb hatten Populisten es dort sehr schwer, als alternative neue Kraft in die Parlamente zu kommen. Also blieb ihnen nur, eine der beiden großen Parteien zu unterwandern. Das ging in den USA schneller und hat nach der ›Tea Party‹-Bewegung im Jahr 2016 erst den republikanischen Kandidaten, dann den Präsidenten Donald Trump hervorgebracht.

Im Vereinigten Königreich war der Prozess lang und quälend. Er hat nach Jahrzehnten einer EU-feindlichen Bewegung innerhalb der Konservativen Partei und dem Druck der 1993 gegründeten UK Independence Party um Nigel Farrage zum Brexit-Referendum geführt und zu der Regierung von Boris Johnson.

Auch in diesen drei Ländern wurde der Aufstieg der Populisten begleitet und ermöglicht durch Kritik an den klassischen Nachrichtenmedien, insbesondere den liberalen. In Großbritannien gab es von Anfang an mächtige Zeitungen, unter anderem aus dem Murdoch-Konzern, die diesen Kurs unterstützten. In den USA bildete sich ein Milieu heraus, in dem zunächst neurechte ›Talk Radios‹ mit Protagonisten wie Rush Limbaugh oder Sean Hannity den Boden für die populistische Wende bereitet haben, dann ab 1996 auch der den Murdochs gehörende TV-Sender Fox News.

Globalisierung und Identität

Die geschilderten Verwerfungen in Europa und den USA haben viel zu tun mit neuen Unsicherheiten, die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts Einzug in das Leben vieler Menschen gehalten haben. Die Globalisierung und die Deregulierung von Märkten und Finanzmärkten sind da zwei wichtige Faktoren.

In vergangenen Jahrhunderten waren die Nationalstaaten als größere Einheiten entstanden, nicht zuletzt, um ausgedehnte Wirtschaftsräume mit gleichen Regeln zu schaffen und Zölle abzubauen, um Verkehrswege wie die Eisenbahn sinnvoll errichten zu können. Es entstanden auch Medien, also damals Zeitungen, mit landesweiter Perspektive. Nun scheint die neoliberale ökonomische Logik einen weiteren Schritt zu gebieten, nämlich eine Überwindung des Nationalen. Diese Logik fördert auch die Migration. In den westlichen Industriestaaten kommen einige Bevölkerungsgruppen mit all dem gut klar, andere aber ganz entschieden nicht.

Hilfreich ist für mich die von David Goodhart angeregte analytische Betrachtung von den ›Anywheres‹ und den ›Somewheres‹ (GOODHART 2017). Die ›Anywheres‹ können überall leben und arbeiten. Sie freuen sich über das Studium in London, das Praktikum in Madrid, Jobs in Hongkong oder Melbourne. Sie haben kein Problem damit, Menschen anderer Herkunft zu begegnen, weder im Ausland noch daheim. Sie identifizieren sich europäisch oder international.

Die ›Somewheres‹ hingegen wollen gar nicht in Hongkong oder Melbourne leben. Bei ihnen lösen Europäisierung und Globalisierung Ängste aus. Sie suchen Halt in oft national definierter Identität, sie brauchen ein ›Wir‹ zur Absicherung, aus dem sich leicht ein Gegensatz zu ›den anderen‹ ergibt. Einige arbeiten sich besonders an gesellschaftlicher Liberalisierung wie den verschiedenen Formen der Gleichberechtigung und Gleichstellung ab. Die ökonomische Liberalisierung und Globalisierung sind für sie weniger durchschaubar, die dahinterliegenden Kräfte wirken übermächtig und gefährlich.

Manche dieser Menschen landen bei Pegida, stimmen für den Brexit, für die Lega Matteo Salvinis oder tragen die MAGA-Kappen mit der Abkürzung von ›Make America Great Again‹. Viele fühlen sich als Strangers in Their Own Land. So hat Arlie Russell Hochschild ihr Buch (2016) genannt, das sich mit den Anhängern der ›Tea Party‹-Bewegung in den USA beschäftigt.

Einige meiner Betrachtungen teilt die Beratungsgesellschaft McKinsey, nicht bekannt für Sozialschwärmerei. Sie hat einen Bericht mit dem Titel The Social Contract for the 21st Century veröffentlicht. McKinsey schreibt darin zu den Folgen der globalen Umwälzungen:

»While many have benefited from this evolution, for a significant number of individuals the changes are spurring uncertainty, pessimism, and a general loss of trust in institutions« (MCKINSEY 2020).

Es ist wichtig, sich das genauer anzuschauen. Die Politikwissenschaftler Armin Schäfer und Michael Zürn haben Statistiken zur Wohlstandsentwicklung durchgearbeitet und kommen zu folgendem Ergebnis:

»Die neue Mittelschicht in den Schwellenländern vor allem Ostasiens und die Allerreichsten dieser Welt profitierten massiv von der Globalisierung; die Allerärmsten in Afrika und der alte Mittelstand in den wohlhabenderen Ländern hatten dagegen ein geringes Wachstum und einen relativen Wohlstandsverlust zu beklagen. Dies führt zur ›neuen Geografie‹ der Einkommensungleichheit, bei der zwar die Unterschiede zwischen Ländern geringer werden, die innerhalb (westlicher) Länder aber zunehmen« (SCHÄFER/ZÜRN 2021: 7f.).

Es ist also gerade die für die Stabilität demokratischer Verhältnisse wichtige Mittelschicht, die im Westen einen Abstieg erlebt oder sich davon bedroht fühlt.

Entscheidungen jenseits nationaler Grenzen

Viele politische, ökonomische und soziale Entscheidungen entziehen sich längst dem Einfluss national strukturierter und legitimierter Akteure. Sie entziehen sich zugleich der Beobachtung und Kontrolle der national oder regional ausgerichteten Medien. Die europäischen Strukturen haben noch keine Akzeptanz in den Gesellschaften, die den nationalen vergleichbar wäre. Dabei sind auch sie teils direkt, teils indirekt gewählt. Auf der globalen Ebene schließlich verlieren sich die politischen Einflussmöglichkeiten der Bürgerschaften, die Kontrollmöglichkeiten und die Rechenschaftspflicht oft im Nichts. Die dort maßgeblichen Entscheidungswege sind selbst für Experten vielfach nicht mehr nachvollziehbar.

Für den Informationsjournalismus ist dies ein drängendes Problem. Mit den tradierten redaktionellen Abläufen, Strukturen und Ressourcen ist es unmöglich, die Politik der Europäischen Union Tag für Tag darzustellen oder gar zu kontrollieren, geschweige denn die Globalisierung und ihre vielen Unterströmungen.

Es ist schwierig, das Vertrauen derjenigen zu erhalten, die sich identitär verbunkert haben und eine Freund-Feind-Weltsicht einnehmen. Eine Herausforderung stellen aber auch mildere Formen identitärer Verhärtungen mit zurückgehender Diskursoffenheit dar. Zu beobachten sind sie in allen Gruppen der Gesellschaft. Auch im liberalen, weltläufigen, meist urbanen Spektrum fällt es nicht allen leicht, andere Perspektiven einzunehmen.

Ein einfacher Abzweig für Informationsmedien wäre, selbst parteiisch zu werden und bestimmte Gruppen zu bedienen. Damit würden die Nachrichten aber Teil des Problems. Der Weg wäre nicht mehr weit bis zu dem Zustand, in dem sich die USA derzeit befinden: Hier teilt sich die Medienlandschaft mittlerweile in weiten Teilen streng nach politischen Lagern auf. Lager, die dem jeweils anderen häufig unterstellen, Unwahrheiten zu verbreiten. Diese Option verbietet sich Redaktionen, die alle Menschen informieren wollen. Der öffentlich-rechtliche Auftrag, eine größtmögliche Öffentlichkeit bei der gemeinschaftlichen Abwägung und Entscheidung zu unterstützen, kann so jedenfalls nicht erfüllt werden.

Soziale Fragen

Von der Globalisierungskritik war die Rede, auch vom Bestehen auf nationaler Identität, und sei es die von Flandern oder Katalonien. Daneben spielen soziale Fragen eine wichtige Rolle beim Aufstieg system- und medienkritischer Kräfte in den westlichen Demokratien. Darauf weist die Studie Rückkehr zu den politisch Verlassenen aus dem Jahr 2018 hin, die Johannes Hillje gemeinsam mit Partnern in Frankreich für das ›Progressive Zentrum‹ erarbeitet hat. Der Titel spielt auf das Buch Retour à Reims des französischen Soziologen Didier Eribond an (2018). Eribond erlebt bei seiner Rückkehr nach Reims unter anderem, wie sich dort trotz eines eher traditionell linken Selbstverständnisses ein rechtes Wahlverhalten ausgebreitet hat.

Für die Untersuchung des ›Progressiven Zentrums‹ wurden Menschen auf beiden Seiten des Rheins befragt, und zwar in strukturschwachen Gebieten, in denen die AfD beziehungsweise die Partei Marine Le Pens hohe Stimmenanteile bei Wahlen erzielen konnte. Ein Ergebnis war, dass Kernforderungen der Populisten die Menschen in ihren Hochburgen weit weniger bewegen als oft vermutet. Nationalismus, Ablehnung von Muslimen und der EU, Medienkritik – all das ist nicht unbedingt dominant. Die europäische Idee an sich wird sogar häufig positiv bewertet.

Allerdings haben manche Menschen den Eindruck, die Politik lasse sie im Stich. Nicht die Hilfen für Flüchtlinge sind ihr Problem, sondern der Umstand, dass man nicht auch ihnen hilft. Die parlamentarische Demokratie wird nicht an sich in Zweifel gezogen. Doch es herrscht vielfach das Gefühl vor, dass die Politik Lebensrealitäten mit geringen Löhnen und schlechter Infrastruktur nicht wahrnimmt oder nicht wahrnehmen will. Folgt man dieser Studie und anderen Untersuchungen mit ähnlichen Ergebnissen, so scheinen für eine sachorientierte Politik durchaus Chancen zu bestehen, Vertrauen bei Menschen in populistischen Hochburgen neu zu verdienen – mit mehr Aufmerksamkeit, Präsenz und mit der Lösung von Alltagsproblemen.

Für die Informationsmedien liegt die Aufgabe entsprechend darin, die Probleme in strukturschwachen, abgehängten Gebieten stärker zu beachten, sie in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen und die politische Bearbeitung journalistisch zu begleiten. Auf jeden Fall reicht es nicht aus, Lügenpresse-Rufer zurückzuweisen. Neben dem Hass dieser Wenigen gibt es ein Unbehagen von recht vielen.

Menschen erkennen sich nicht wieder

Wir kommen an der schmerzhaften Feststellung nicht vorbei: Ein Teil der Gesellschaft erkennt die eigene Lebenslage und die eigene Weltsicht in den klassischen Nachrichtenangeboten nicht mehr wieder. Das gilt nicht nur für die bisher genannten Themen, sondern genauso für tabuisierte oder beschwiegene Armut einschließlich der oft prekären Alterssicherung. Es gilt für das Gesundheitssystem und die Zustände in der Pflege, auch wenn diese Bereiche eine Weile vom Aufmerksamkeitsverstärker Corona profitiert haben.

Die Behandlung struktureller Probleme in den Nachrichten wird von vielen Menschen hinterfragt: Wie steht es mit der Erderwärmung, den Menschenrechten oder sozialen Ungleichheiten auf anderen Kontinenten? Warum haben Themen dieser Art eigenartige Konjunkturen der medialen Beachtung? Und warum wird lange Zeit stündlich über Syrien berichtet oder über Afghanistan – und dann kommt auf einmal nichts mehr, so als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte.

Aus der mich erreichenden Hörerpost wird klar, dass auch die ›SOS-Themen‹ Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit viele Menschen stark bewegen. Informationsmedien können das nicht übergehen. Sie dürfen aber auch nicht durch eine überproportionale Berichterstattung eine verzerrte Wahrnehmung von Kriminalität und Bedrohung weiter fördern. Das ist eine besonders schwierige Aufgabe, um deren Lösung Redaktionen immer wieder ringen.

Menschen fühlen sich nicht gesehen

Die Repräsentativität der Informationsangebote wird auch in anderer Hinsicht angezweifelt. Infrage stehen nicht nur die Themen, die es in die Nachrichten schaffen. Es geht auch um die Menschen, die in den Nachrichten vorkommen. Bei einigen in Ostdeutschland zum Beispiel herrscht die Überzeugung vor, dass die dort Lebenden und ihre Anliegen überregional zu wenig beachtet würden. ARD und ZDF seien Westfernsehen geblieben – so urteilte Ministerpräsident Reiner Haseloff im Dezember 2020, nachdem der von allen anderen Landesparlamenten ratifizierte Staatsvertrag über den Rundfunkbeitrag in Sachsen-Anhalt gescheitert war. Die Berichte über Ostdeutschland erinnerten ihn an Auslandsreportagen, meinte er.

Mit Partizipationsdefiziten, Repräsentationslücken und Ohnmachtsgefühlen im Osten befasst sich aber nicht nur ein CDU Ministerpräsident, sondern auch die IG-Metall-nahe Otto Brenner Stiftung. Ihr im Januar 2021 erschienenes Arbeitspapier von Lutz Mükke stellt schon im Untertitel die Frage: Schreiben die Medien die Teilung Deutschlands fest? (MÜKKE 2021).

Jenseits von Ost und West finden sich starke Argumente für die These, dass urbane Themen und Perspektiven in den nationalen Medien dominieren, wogegen das Leben auf dem Land und in Kleinstädten weniger Beachtung findet. Eine weiterhin entscheidende Frage bleibt die nach dem Verhältnis von Männern und Frauen. Die Zahl der Redakteurinnen und Moderatorinnen ist gewachsen und ja, inzwischen gibt es auch Chefredakteurinnen und Intendantinnen. Doch eine Ausgewogenheit der Geschlechter ist im Medienbetrieb noch nicht erreicht, genausowenig wie eine angemessene Repräsentation von Menschen, die selbst oder deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden. Beides gilt erst recht für das Personal aus Politik, Wirtschaft, Verbänden, Forschung und Kultur, über das wir berichten.

Ein Zwischenergebnis der schon genannten Mainzer Langzeitstudie zum Medienvertrauen war 2019, dass Teile der Bevölkerung sich in ihrem Lebensgefühl, ihren Themenprioritäten und ihren politischen Ansichten in der Medienberichterstattung nicht oder nicht ausreichend vertreten fühlen. Das Forschungsteam betont in einem Fachartikel allerdings auch, dies könne »Resultat subjektiver Wahrnehmungsverzerrungen« sein (JACKOB et al. 2019: 218). Diese Aussage bezieht sich auf eine weitere Studie, in der es für Deutschland heißt:

»In einer Onlinebefragung von knapp 1.500 wahlberechtigten Erwachsenen wurde das mediale Repräsentationsgefühl in der Bevölkerung untersucht. Aus den vorliegenden Befunden lässt sich grundsätzlich keine bevölkerungsweite mediale Repräsentationslücke ausmachen. Das mediale Repräsentationsgefühl unterscheidet sich allerdings deutlich bei politiknahen und politikfernen Milieus. Mit einem zunehmenden Entfremdungsgefühl von der Politik oder einem abnehmenden Vertrauen in die eigene politische Kompetenz sinkt auch die Wahrnehmung medialer Repräsentation« (JANDURA/KÖSTERS/WILMS 2018).

In Mithaftung für die Politik

Das Gefühl, von den Medien wahrgenommen zu werden, wird also offenbar unter anderem durch die Einstellung zu den politischen Verhältnissen bedingt. Andere Untersuchungen machen ein allgemeines Problem des Informationsjournalismus noch deutlicher: Das Vertrauen in die Nachrichten hängt mit dem Vertrauen in die Politik zusammen. Im schon erwähnten Digital News Report, für den 40 Länder auf allen Kontinenten untersucht wurden, wird klar, dass dieses Moment der Mithaftung in stark polarisierten Gesellschaften besonders ins Gewicht fällt:

»Divided societies seem to trust the media less, not necessarily because the journalism is worse but because people are generally dissatisfied with institutions in their countries and perhaps because news outlets carry more views that people disagree with« (NEWMAN 2020).

Überdurchschnittlich betroffen von diesem Effekt, so die Auswertung weiter, sind öffentlich-rechtliche Medien:

»Political polarisation linked to rising uncertainty seems to have undermined trust in public broadcasters in particular, which are losing support from political partisans from both the right and the left« (ebd.).

Redaktionen können auch andere Schwachpunkte, die ihnen zugerechnet werden, nicht in ihrem eigenen Gestaltungsraum beheben: Wenn die Akteure der Nachrichtenthemen eher männlich und westdeutsch sind, wenn die Politik sich mit bestimmten Themen nicht beschäftigt, so werden auch die Nachrichten daran nichts ändern können, zumindest nicht mit der herkömmlichen Berichterstattung.

In Anlehnung an das Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde zum freiheitlichen Staat müssen wir festhalten: Der freie Informationsjournalismus lebt in vielerlei Hinsicht von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Umso schlimmer, wenn Akteure aus anderen Bereichen ihn aktiv unterlaufen und beschädigen.

Nicht mehr gebraucht? – Die gefährlichen Umgehungsstrategien

Für alle denkbaren Interessengruppen muss die Versuchung groß sein, Nachrichten zu beeinflussen oder direkt selbst Nachrichten zu verbreiten. Historisch gesehen gab es für die Mächtigen da kaum ein Halten. Sie übten schlicht die Kontrolle über die Medien ihrer Zeit aus. So ist es auch heute noch in Diktaturen und autoritären Staaten. In den wenigen liberalen Demokratien ist direkte Zensur dagegen untersagt. Einfluss wird subtiler ausgeübt.

Hier muss der Blick also auf die Besitzverhältnisse privater Medien fallen oder auf die politische Einwirkung auf öffentlich-rechtliche und andere Anbieter, um Aussagen über deren Unabhängigkeit treffen zu können. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht 2014 das Gebot der Staatsferne im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seinem schon angesprochenen Urteil zur Causa Brender bekräftigt (BVERFG 2014).

Medien mit Interessenhintergrund

Andere Punkte werden in Deutschland weniger heftig diskutiert, sind aber doch auch von Zeit zu Zeit Thema: Da ist die Beteiligungsgesellschaft ddvg. Über sie übt die SPD zumindest wirtschaftlichen Einfluss auf eine Reihe von Medien aus, ohne dass dies den meisten Nutzerinnen und Lesern bewusst sein dürfte. Der Bundestag gibt die Wochenzeitung Das Parlament heraus, die früher in der Verantwortung der Bundeszentrale für politische Bildung erschien. Die beiden großen christlichen Kirchen unterstützen neben diversen Medienangeboten auch die Katholische Nachrichtenagentur und den Evangelischen Pressedienst. Das ist potenziell heikel, doch arbeiten diese beiden Agenturen aus Sicht der meisten im Nachrichtengeschäft nach hohen journalistischen Standards. Es gibt im deutschen Medienbereich einige Konstruktionen, die der reinen Lehre widersprechen. Dessen muss man sich bewusst sein und da sollten wir aufmerksam bleiben.

Hin und wieder werden auch Gastbeiträge von Politikerinnen und Politikern in Tageszeitungen problematisiert. Zuletzt hat sich Marvin Oppong in einer Veröffentlichung für die Otto Brenner Stiftung kritisch dazu positioniert (OPPONG 2021). Dem schließe ich mich grundsätzlich an, gebe aber auch zu bedenken, dass Gastbeiträge der Vielfalt der Stimmen dienen können, wenn sie denn vielfältig angelegt sind. Ein größeres Problem habe ich mit den hin und wieder an Akteure aus der Politik oder aus anderen Interessensbereichen vergebenen Kolumnen. Hier verschwimmt die Abgrenzung zur redaktionellen Arbeit zu stark.

Ein anderes Einfallstor für externe Interessen ist die Bestechung von Journalistinnen und Journalisten. Auch in Deutschland sind Korruption und Erpressungsversuche leider ein Teil der Wirklichkeit. Zu diesem Ergebnis kommt unter anderem eine Studie von Transparency International (2016). Dabei hält Artikel 15 aus dem Pressekodex in wenigen Worten alles Notwendige fest:

»Recherche und Berichterstattung dürfen durch die Annahme von Geschenken, Einladungen oder Rabatten nicht beeinflusst, behindert oder gar verhindert werden.« (DEUTSCHER PRESSERAT 2019).

Wer diese Regel verletzt, für Geld oder Gefälligkeiten, fügt der Glaubwürdigkeit des Journalismus immensen Schaden zu.

Operation Airwaves

Auch wenn wir in Deutschland von einer Staats-, Partei- oder Kirchenpresse derzeit weit entfernt sind – Macht und Interessen versuchen auch in freien Gesellschaften auf vielen Wegen, den Medien ihre Sicht der Dinge nahezulegen oder gar aufzudrängen. Hannah Arendt kritisierte schon Anfang der 1970er-Jahre »Public Relations-Manager in der Regierung, die bei Reklame-Experten in die Lehre gegangen sind« (ARENDT 2021: 11). Dieser gefährliche Trend hat inzwischen neue Dimensionen angenommen. Die Politik stellt sich immer besser auf die Informationsmedien ein und unterläuft sie.

Die erste Erfahrung damit habe ich vor fast vier Jahrzehnten in den USA gemacht. 1984 war ich für einige Wochen Praktikant im US-Senat. Meine Hauptaufgabe bestand darin, die ›Operation Airwaves‹ zu unterstützen. So hieß das Programm, mit dem überall in den Vereinigten Staaten Statements von Senatoren angeboten wurden. Der Kassettenrekorder mit den Aufzeichnungen war mit der Telefonanlage auf meinem Washingtoner Schreibtisch verbunden. Daneben stand ein Kasten mit Lochkarten, mit denen ich mühelos einen Radiosender nach dem anderen angewählt habe. Ich musste dann nur noch fragen, ob Interesse an der Politiker-Aussage bestand. Falls ja, konnte ich die frohe Botschaft aus dem Senat per Tastendruck überspielen.

Es lässt sich in unseren Tagen von Smartphones, 5G und der politischen Werbung via Mikrotargeting kaum noch nachvollziehen, doch für mich waren diese technischen Möglichkeiten 1984 unerhört. Das galt erst recht für den regelmäßig erfolgreichen Versuch der Politik, eigene Beiträge in den elektronischen Medien unterzubringen, obwohl sie ohne Journalisten entstanden waren.

Friedrich Merz sagt, was viele denken

Zwischen einem Kassettenrekorder und den sozialen Medien liegen Jahrzehnte und Welten. Was heute möglich ist, das hat in Deutschland selten ein Politiker so offen ausgesprochen wie Friedrich Merz. Der Christdemokrat sagte auf einer Veranstaltung Ende Januar 2020 in Aachen, deren Mitschnitt bei YouTube zu sehen ist:

»Im Augenblick gibt’s ja eine richtige Machtverschiebung zwischen denen, die Nachrichten verbreiten, und denen, die Nachrichten erzeugen. Und zwar zugunsten derer, die die Nachrichten erzeugen. Wir brauchen die nicht mehr. Und das ist das Schöne. Sie können heute über Ihre eigenen Social-Media-Kanäle, über Youtube, Sie können ein Publikum erreichen, das teilweise die Öffentlich-Rechtlichen, auch die privaten institutionalisierten Medien nicht mehr erreichen. Wenn man das richtig nutzt, wenn man das gut macht, dann haben Sie über diese Kanäle eine Möglichkeit, Ihre eigenen Interessen wahrzunehmen, Ihre eigene Deutungshoheit auch zu behalten über das, was Sie gesagt haben. In ganz anderer Form, als wir das früher gehabt haben. So, und das ist die gute Nachricht der Digitalisierung« (MERZ 2020).

Merz schob später nach, mit »Wir brauchen die nicht mehr« habe er nicht Journalistinnen und Journalisten gemeint, er bekenne sich zur Pressefreiheit. Dennoch bleiben seine Worte für mich verstörend. Zunächst unterscheidet er diejenigen, die Nachrichten verbreiten, von denen, die sie erzeugen. In meinem Verständnis sind es immer Redaktionen, die Nachrichten erst erzeugen und sie dann verbreiten. Nachrichten sind das Ergebnis journalistischer Arbeit, möglicherweise mal mehr, mal weniger gelungen. Eine Politikeraussage hingegen ist noch keine Nachricht, auch wenn aus ihr eine Meldung werden kann, der Aufmacher einer Sendung oder gar eine Eilmeldung.

Das Ringen um die Deutungshoheit

Die Einschätzung von Friedrich Merz ist noch in einem zweiten Punkt problematisch. Er freut sich darüber, dass gesellschaftliche Akteure die Deutungshoheit über ihr Sprechen und Handeln behalten und ihre Interessen wahrnehmen können. Es sei dahingestellt, ob er da nicht die Dynamik der sozialen Medien unterschätzt. Es mag auch sein, dass er sich zu früh freut. Denn möglicherweise sehen Parteien und Politiker, die an den Medien vorbeirauschen, bei genauerer Betrachtung links von sich Bewegungen wie die von Emmanuel Macron oder die ›Cinque Stelle‹ mit noch viel größerer Geschwindigkeit auf der Überholspur. Agnese Franceschini zitiert in ihrem Feature Sind digitale Bewegungen die Zukunft der Politik? (2019) Beppe Grillo mit den Worten:

»Con la rete possiamo bypassare tutti i politici del mondo, non abbiamo più bisogno di loro.«

Mit dem Netz, so meint er, könnten seine ›Cinque Stelle‹ alle Politiker der Welt umgehen, man brauche sie nicht mehr.

Wie dem auch sei, es ist nicht an Merz, Macron oder Grillo, eine nachrichtliche Deutungshoheit zu gewinnen oder zu erhalten. Das kommt auch nicht Bill Gates zu, dem Papst, der Bundeskanzlerin oder anderen Persönlichkeiten, Unternehmen und Organisationen.

Selbstverständlich ist es genauso wenig die Rolle von Nachrichtenredaktionen, eine Hegemonie über Sichtweisen auszuüben. Vielmehr müssen die Bürgerinnen und Bürger Gelegenheit haben, zu einer jeweils individuellen und oft sehr unterschiedlichen Deutung zu kommen. Dabei hilft ein politischer Spin als Tweet oder als Botschaft bei Facebook und YouTube nicht unbedingt. Viel eher hilft eine möglichst gute nachrichtliche Berichterstattung, die die Menschen je nach Zeit und Neigung vertiefen und überprüfen. Von dem Vertrauen in eine solche Berichterstattung profitieren langfristig alle gesellschaftlichen Akteure. Das Erringen einer Deutungshoheit im Merzschen Sinne hingegen könnte zum Pyrrhussieg werden, dann nämlich, wenn politische Debatten nur noch aus im Netz verbreiteten Behauptungen bestehen.

Grundsätzlich befremdlich finde ich, dass der CDU-Politiker seine Rolle in unserer Mediengesellschaft beschreibt, als wäre er ein Oppositioneller in Hongkong oder Russland, als wären die sozialen Medien für ihn das einzige Mittel, um an Zensur und Staatsmedien vorbei zu kommunizieren. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Trotz mehrerer Niederlagen beim Versuch, CDU-Chef zu werden, stehen gerade ihm jederzeit alle Mikrofone offen. Merz ist wirklich kein Alexei Navalny.

Friedrich Merz hat allerdings recht mit der Feststellung, dass er und andere über Facebook, Twitter, Instagram etc. ein Publikum ansprechen können, das klassische Medien nicht immer erreichen. Nicht ausschließen kann ich zudem, dass er schlechte Erfahrungen gemacht hat mit Medien, die manche seiner Aussagen unzulässig zugespitzt oder verfremdet haben. Das aber wäre dann schlechter Journalismus, der durch einen besseren ersetzt werden muss. Die Antwort sollte nicht sein, gleich den gesamten Journalismus zu ersetzen.

Ich halte Merz zugute, dass sein Zitat von vielen anderen gesellschaftlichen Akteuren stammen könnte, die nur weniger ehrlich sind. Mehr noch: Viele handeln schon lange so, wie Merz spricht, nicht erst seitdem es soziale Medien gibt und bei Weitem nicht nur in der Politik.

Medientraining als Grundausbildung

Wer heute irgendwo in der ersten, zweiten oder selbst in der dritten Reihe steht, der ist geschult im Umgang mit Journalisten, der weiß in aller Regel, wie er sich am Mikrofon und vor der Kamera zu präsentieren hat. Der Markt für solche Ausbildungen wächst ungebremst. Verantwortliche in Politik und Unternehmen, Bischöfe und Sportfunktionärinnen, Gewerkschafter und NGO-Chefinnen – die meisten von ihnen werden gecoacht. Sie bekommen vermittelt, was sie zu sagen haben und vor allem wie, selbst wenn Kommunikation immer ein wenig Talentsache bleibt.

Mit der Zeit macht sich das flächendeckend bemerkbar: Die nachrichtlich relevanten Akteure haben eine Sozialisierung erlebt. Insbesondere die Menschen in der Politik richten ihre Evolutionsschritte seit einigen Legislatur-Generationen immer stärker auf das Auslösen von Schlagzeilen und von Erregung aus. Manche Medien haben über die Jahre ihre Formate verändert und verkürzt. Auch darauf haben sich die Gesprächspartner eingestellt. Die meisten können den entscheidenden Satz, den ›Soundbite‹ anbringen, der es in die Nachrichten schafft oder in die sozialen Medien. In zahl- und endlosen Talkshows liefern viele gecoachte Akteure immer wieder Pseudomaterial für die Pseudoinformation.

Wissenschaftswerbung und ›Gutes KiTa-Gesetz‹

Erst recht haben alle gelernt, wie Pressemitteilungen zu texten sind. Beispiel Wissenschaft: Es ist sehr zu begrüßen, dass inzwischen über die sogenannte ›Dritte Mission‹ diskutiert wird. Sie soll neben Forschung und Lehre treten und unter anderem den stärkeren Austausch mit der Gesellschaft und öffentliche Interventionen umfassen. Universitäten und Forschungseinrichtungen haben allerdings in den vergangenen Jahrzehnten ihren Teil der gesellschaftlichen Ökonomisierung erlebt und stehen hart im Wettbewerb.

Das hat Konsequenzen für die Kommunikation. Von Öffentlichkeit und Drittmitteln abhängige Institute und Lehrstühle üben sich in der Kunst von Zuspitzung und überdehnen dabei manchmal die eigentlichen Forschungsergebnisse. Besonders bedenklich sind überzogene Informationen über medizinische oder pharmazeutische Fortschritte an der Nahtstelle von Wissenschaft und Industrie. All das trägt nicht zum Vertrauen in die Wissenschaft bei. Es ist aber auch eines der vielen Probleme des Nachrichtenjournalismus. Es fällt inzwischen stärker ins Gewicht, weil das Themenfeld Wissen seit Jahren an Bedeutung gewinnt.

Eine Professionalisierung der öffentlichen Kommunikation ist an sich zu begrüßen. Wir alle profitieren davon, dass relevante Gruppen und deren Vertretungen ihre Positionen klar und verständlich übermitteln können. Es ist sehr gut, dass sich nun auch Kultur und Wissenschaft vernehmbarer und verständlicher äußern. Allerdings überwiegt das Marketing inzwischen oft die Inhalte. Dann erinnert die gesellschaftliche Diskussion an den Markt für Schokokekse oder Zahnpasta.

Viele Akteure scheint der Glaube verlassen zu haben, dass sich die beste Idee und das beste Angebot letztlich durchsetzen. Sie betonen die werbliche Seite der Kommunikation und üben sich in dem, was man heute ›Framing‹ nennt. Sie halten es wie die Bundesregierung, die uns ganz offiziell und ohne schlechtes Gewissen mit manipulativen Begriffen im Stil des ›Gute-KiTa-Gesetzes‹ konfrontiert.

Die BRD als PR-D

Framing aus der Politik, nur scheinbare Sensationen aus der Forschung und manches mehr an PR, all das schafft es immer wieder in die Nachrichten. Das hat viel mit einer weiteren Verschiebung zu tun: Weltweit und auch in Deutschland steht eine sinkende Zahl hauptberuflicher Journalistinnen und Journalisten einer anderen, wachsenden Gruppe gegenüber. Es sind die Menschen, die ihr Geld mit Public Relations verdienen und die Redaktionen mundgerecht bedienen. Es ist keine Übertreibung, die BRD ist zu PR-Deutschland geworden. Beteiligt sind viele Journalistinnen und Journalisten in PR-Jobs. Einige von ihnen werden dafür bezahlt, kritischen Journalismus möglichst zu verhindern.

Von mir kommt keine persönliche Kritik an den Kolleginnen und Kollegen, die auf der anderen Seite arbeiten, die interessengeleitete Kommunikation und Werbung betreiben. Das wäre schon allein deshalb unangemessen, weil ich einen der seltener werdenden, sicheren Jobs im traditionellen Journalismus habe. Außerdem gibt es Pressestellen und Kommunikationsabteilungen, die Journalismus und Öffentlichkeit mit sachlicher Arbeit unterstützen.

Davon abgesehen wird die zunehmende Unwucht beider Bereiche gleichwohl immer problematischer. Manchmal unbedacht oder aus Bequemlichkeit, aber meist aufgrund von Zeit- und Personalnot werden regelmäßig geschmeidige Pressetexte kaum redigiert in das Blatt, in die Sendung oder auf die Webseite gehievt. Daher stammt das böse Wortspiel, Redaktionen würden zu Abschreibungsgesellschaften.

Besonders erfolgreich läuft diese Form der PR, wenn die Botschaft von Parteien, Verbänden und Unternehmen, von Greenpeace oder Amnesty ganz oder in Teilen über eine Nachrichtenagentur verbreitet wird. Für Redaktionen sinkt dann die Hemmschwelle, kommt der Inhalt doch formal aus einer journalistischen Quelle. Das gilt selbst dann, wenn es sich um einen sogenannten ›Original-Text Service‹ handelt, wie ihn etwa news aktuell verbreitet. Das ist eine Tochter der Deutschen Presse-Agentur, die auf ihrer Homepage mit einem »effektiven Zugang zu Medien und Verbrauchern« wirbt und den Kunden damit nicht zu viel verspricht.

Solche PR gibt es nicht nur im nationalen Kontext von Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft. Auch darüber hinaus ist das sehr üblich geworden. Große Konzerne investieren genauso wie internationale Organisationen in grenzüberschreitende, manchmal sogar globale Kampagnen. Ein an Bedeutung gewinnendes Geschäft ist das ›Nation Branding‹, nicht zu verwechseln mit dem lange bekannten Tourismus-Marketing: Staaten wie Saudi-Arabien, Israel oder Katar – um nur drei Länder aus einer Großregion zu nennen – geben viel Geld für eine Neupositionierung ›ihrer Marken‹ aus. Sie wollen, unter anderem für ihre geostrategischen Ziele, dass Redaktionen sie in einem besseren Licht erscheinen lassen.

Diskrete Indiskretionen

Beliebt und bewährt ist die Praxis, die man mit einem eingedeutschten Anglizismus ›Leaken‹ nennt oder fast bedeutungsgleich mit dem etwas martialisch klingenden ›Durchstechen‹ bezeichnet. Es geht in beiden Fällen darum, mehr oder weniger Geheimes und mehr oder weniger Wahres interessengeleitet an die Medien weiterzugeben. Die Botschaft kann aus einem Namen bestehen, etwa dem eines Menschen, der etwas Wichtiges getan oder unterlassen hat. Die Botschaft kann aber auch aus einem riesigen Datensatz bestehen, wie den 2,5 Terabyte, die 2016 die internationale Veröffentlichungswelle der ›Panama Papers‹ zu Geldwäsche und Steuervermeidung ausgelöst haben.

Die Daten zu Panama kamen wohl von einem Whistleblower, der auf einen Missstand hinweisen wollte. Das ist zwar kein Einzelfall, doch meist wird aus weniger noblen Gründen ›geleakt‹ und ›durchgestochen‹: Es geht um eigene Vorteile beziehungsweise den Schaden anderer, den Schaden politischer Gegner zum Beispiel. Natürlich wird selten die ganze, komplexe Wahrheit zu einem Sachverhalt preisgegeben, sondern nur das, was die Presse erfahren und dann berichten soll. Viele Exklusivgeschichten von Informationsmedien beruhen auf solchen Geschenken mit Hintergedanken, bei denen es nie ganz ohne Instrumentalisierung abläuft.

Absolut üblich ist auch eine schwächere Form des Durchstechens, mit der man direkt eine Reihe von Journalistinnen und Journalisten erreichen kann. Gemeint sind die Hintergrundgespräche. Bundeskanzler Konrad Adenauer war auf diesem Feld weit vorne, als er 1950 damals noch überwiegend Zeitungskorrespondenten regelmäßig zum Tee einlud. Heute veranstalten Landräte genauso Hintergrundgespräche wie Ministerinnen. Vorstandschefs von Banken und Fußballclubs halten es so, Präsidentinnen von Stiftungen und Handelskammern, Intendanten von Theatern und Rundfunksendern auch. Das Ganze ist nicht an sich verwerflich und beruht stets auf einem Geben und Nehmen. Gegeben wird neben der für manche wichtigen Anerkennung und der zumindest scheinbaren Nähe zur Macht die Chance eines Informationsvorsprungs, selbst wenn der erst einmal nur dem Verständnis dient oder der Einordnung.

Die Akteure ihrerseits bekommen von den Journalisten manchmal neue Informationen. Vor allem haben sie die Hoffnung, ihren Spin in der einen oder anderen Angelegenheit zu platzieren. Dann kommt oft der Hinweis, diese Information sei »unter drei«, also vertraulich. Der Journalistenjargon kennt, wie es etwa in der Satzung der Bundespressekonferenz heißt, drei Mitteilungsarten: Unter 1. zu beliebiger Verwendung oder unter 2. zur Verwertung ohne Quelle und ohne Nennung des Auskunftsgebenden oder unter 3. eben vertraulich (BUNDESPRESSEKONFERENZ 2020).

Adenauers Teegespräche wurden stenografisch protokolliert und viele Jahre später in vier von Historikern betreuten Bänden veröffentlicht. Über die Versuche der Beeinflussung bei den meisten anderen Hintergrundgesprächen, über die diskreten Indiskretionen bei von Medien begleiteten Staatsbesuchen und sonstigen Auslandsreisen wird die Öffentlichkeit dagegen nie etwas erfahren. In all diesen Fällen wird auch nie Klarheit entstehen, ob der Informationsjournalismus in der symbiotischen Zone mehr gewonnen oder mehr verloren hat.

Immer häufiger werden, den digitalen Möglichkeiten folgend, Indiskretionen aus vertraulichen Runden heraus, verschickt per Kurznachricht oder per SMS. Einen kaum noch zu übertreffenden Höhepunkt in dieser Hinsicht konnte die Öffentlichkeit am Abend des 19.4.2021 bis nach Mitternacht erleben: Im CDU-Bundesvorstand wurde um die Kanzlerkandidatur gerungen. Das Laschet- und das Söder-Lager übertrafen sich beim gezielten, ausgewählten Livetickern nicht nur via Twitter. Corona und das virtuelle Format der Sitzung hatten das Spektakel möglich gemacht.

Gekaperte Nachrichtenfaktoren

Die Welt der Nachrichtenbeeinflussung ist noch um einiges reichhaltiger. Zu den effektivsten Mitteln gehört das Bedienen der handwerklichen Reflexe. Wer Nachrichtenfaktoren vortäuscht, hat gute Chancen auf Erfolg. Ein Beispiel für Anfänger ist eine Mitteilung mit Sperrfrist. Das wirkt schon an sich wichtig. Wer die Sperrfrist auch noch in eine nachrichtenarme Zeit legt, der hat gute Chancen, dass eine Redaktion bei der Aktualität einen Haken macht und bei der Relevanz ein Auge zu drückt.

Um 1990 war der FDP-Politiker und nachmalige Vize-Kanzler Jürgen Möllemann ein Meister dieses simplen Tricks. Er kam auch in meinen Nachtdiensten oft mit einer Botschaft auf den Markt, die ab 5:30 Uhr zitiert werden durfte. Das zielte auf die reichweitenstarke Zeit des Radios am Morgen ab und war manchmal für Tageszeitungen schon vorher freigegeben. Häufig nutzte Möllemann ein Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung, die dieses Metier in der Bonner Republik mit am besten beherrschte.

Der Spiegel machte ebenfalls am Wochenende mit der Verlässlichkeit eines Uhrwerks Werbung für sein neues Heft und diente damit nicht nur sich selbst, sondern stand auch Heerscharen von Politikern als Bühne zur Verfügung. Andere platzierten eine Aussage oder eine Information knapp vor den, aber noch rechtzeitig für die Abendnachrichten des Fernsehens. Nach dem Aufkommen des digitalen Journalismus ohne Redaktionsschluss haben die bizarren Uhrzeiten der Sperrfristen an Bedeutung verloren. Es lohnt sich aber nach wie vor, die Wochenendnachrichten unter dem Gesichtspunkt von ›Product Placement‹ aufmerksam zu beobachten.

Generell ist bei jeglicher Art von als ›Vorab‹- und ›Exklusivmeldung‹ gelabelten Informationen Vorsicht geboten, insbesondere wenn sie auf Randzeiten mit allenthalben geringer redaktioneller Besetzung gemünzt sind. In solchen Situationen geschehen auch gerne die auffälligen Fehler. Neujahr 2006 etwa, als sich der angebliche Strafrichter am Bundesgerichtshof Dr. Claus Grötz als Chef eines vorgeblichen »Bundes Deutscher Juristen« per Presseerklärung für Folter aussprach und dafür, dass so erzwungene Aussagen vor Gericht verwandt werden dürften. In einer Nacht im Juli 2005 etwa, als der SPD-Bundestagsabgeordnete Jakob Maria Mierscheid, eigentlich als Fiktion branchenbekannt, seinen Parteiwechsel zur Linkspartei/PDS ankündigte. Beides schaffte es über die Nachrichtenagenturen in andere Medien und sorgte für anschließende redaktionelle Zerknirschung.

Eine sichere Bank für das Medienecho sind Rücktrittsforderungen oder sonstige Aufrufe zu personellen Konsequenzen, wiederum häufig in der Nacht in den Nachrichtenkreislauf eingespeist. Das wird fast immer Adrenalin in den Redaktionen und beim Publikum auslösen. Aufgehoben habe ich mir den Ausdruck einer Agenturmeldung aus einem Nachtdienst am 24.1.2001, bei der das nicht so geschickt gelaufen ist. Zu einem heute längst vergessenen Skandal erfuhr man, der damalige FDP-Chef Wolfgang Gerhardt, »schließe nicht aus, eine mögliche Rücktrittsforderung an Verteidigungsminister Rudolf Scharping in Betracht zu ziehen«. Und als ob das noch nicht gereicht hätte, kam noch der Satz: »Zugleich räumte der FDP-Politiker jedoch ein, dass er sehr sparsam mit Rücktrittsforderungen sei.«

Pressekonferenzen, Studien und größere Investitionen

Auf seriöse Weise kann auch das Einberufen einer Pressekonferenz die Tür zu den Nachrichten öffnen. Dieses Mittel wird Tag für Tag in großer Zahl eingesetzt. Über ein solches Ereignis zu berichten, ist gelerntes, wenn auch nicht immer reflektiertes journalistisches Verhalten. Schafft es ein Termin auf die Tagesvorschau der Nachrichtenagenturen, ist der mediale Erfolg so gut wie sicher. Wer etwas mehr Aufwand treiben will, kann eine Studie in Auftrag geben, die auch scheinwissenschaftlich sein kann. Das wissen wir nicht nur aus der Geschichte der Tabaklobby. Die ›Correctiv‹-Recherche von Katarina Huth und Jean Peters hat das 2020 für das Thema Klimawandel gezeigt (HUTH/PETERS 2020).

Vielleicht soll es aber auch eine Meinungsumfrage sein, eine Statistik, eine Spendengala oder Fachtagung, für gehobene Ansprüche ›Symposion‹ genannt. Die Chancen, das Nachrichtenschiff so zu entern, stehen nicht schlecht. Wer auf jährlichen Ertrag aus ist, der entscheidet sich eventuell dafür, einen auf seine Zwecke abgestimmten Preis auszuloben, je höher dotiert, desto besser. Möglicherweise entschließt man sich aber inzwischen dazu, einige Influencer zu mieten, die die gewollte Botschaft digital transportieren.

Aufwendig, aber langfristig recht wirksam sind große Investitionen wie die Finanzierung eines Think Tanks oder einer Stiftung. Die im Jahr 2000 vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründete ›Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‹ und die beinahe 30 Jahre ältere ›Otto Brenner Stiftung‹ der IG Metall verbindet weltanschaulich herzlich wenig. Beiden gelingt es aber, unterschiedliche Teile der Gesellschaft zu erreichen und auch immer wieder Nachrichteninhalte unterzubringen.

Eine besondere Blüte des Lobbyismus wird ›Astroturfing‹ genannt. In den USA bedeutet das eigentlich, einen Kunstrasen anzulegen. Wenn man dann noch bedenkt, dass mit ›Grass Roots-Movements‹ Basisgruppen der Zivilgesellschaft und Bürgerbewegungen bezeichnet werden, dann weiß man, was hier mit Astroturfing gemeint ist: Künstlich geschaffene Bürgerbewegungen werden für bestimmte PR- und Lobbyzwecke eingesetzt. Sie sollen unabhängige Meinungsäußerungen zu allen denkbaren Themen vorgaukeln und in die Nachrichten bringen. Auf der Internetseite ›Lobbypedia‹ lassen sich Beispiele dafür aus Sicht von Lobbycontrol finden.

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9783869625201
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