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Marcel Karrasch, Niklas Karrasch
Das Gegenteil der Wirklichkeit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Prolog
Marcel & Niklas Karrasch
Das Gegenteil der Wirklichkeit
Marcel & Niklas Karrasch
Das Gegenteil der Wirklichkeit
Ein Kunst-Kriminalroman

Impressum
Texte: © 2021 Copyright by Marcel & Niklas Karrasch
Umschlag: © 2021 by Marcel Karrasch, Interpretation in Ölkreide von Neon Duplex von Dominic Joyce
Verantwortlich
für den Inhalt: Marcel Karrasch
Brunnenweg 44
61476 Kronberg
karrasch@mkm-consulting.de
Druck: neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Es gibt Tage, die sich wie Minuten anfühlen, und Sekunden wie eine unendliche lange Zeit, manchmal wie ein ganzes Leben. Liegt es am eigenen Blickwinkel oder ist es ein Rausch, der unser Gefühl für die Wirklichkeit verschwimmen lässt? Schmeckt der Wein, ist die Frau attraktiv, klingt die Musik angenehm, wird aus einer Idee eine Sensation? Die Imagination schafft Wahrheiten mit individuellem Charakter. Ein scharfes Messer verspricht ein zartes Steak, zumindest bis man es schmeckt. Kann man sich einfach treiben lassen oder hat jede Reise ein vorbestimmtes Ziel? Ist Liebe definierbar oder verliert sie dadurch ihre Echtheit? Wenn einander fremde Menschen das gleiche Ziel verfolgen, können die Wege dorthin oft nicht unterschiedlicher sein. Wann erkennt man sein Ziel, wenn man es sich nicht ausgesucht hat? Die Unverbindlichkeit des Lebens findet mitunter lediglich durch die eigene Vorstellungskraft einen verlässlichen Rahmen.
1
Frank Landweil verstand nicht mehr, was es mit seinem Leben im Großen und Ganzen auf sich hatte. Die Eintönigkeit seines Büros, seines Jobs, des Wetters und schlussendlich seines gesamten bisherigen Vorhandenseins auf der Welt. Als Lieblingsfarbe würde er gelb nennen und grau meinen. Grau wie alles, was um ihn herum geschah. Wie alles, was er bisher geleistet hatte. Das plötzliche Gefühl der Erkenntnis, dass er in den vergangenen Jahren vergessen hatte zu leben, traf ihn direkt nach dem Aufstehen, im seidenen Zustand zwischen Schlaf und Wachheit, auf dem Weg zwischen Bett und Badezimmer. Es schien, als ob ein umgekehrter Amor ihn mit einem Pfeil die Gewissheit in seinen Kopf geschossen hätte. Anschließend hatte ihm jede alltägliche Institution weitere Beweise ins Gesicht geschrien. Beim Frühstück war sein Müsli geschmacksneutral, sein Parfum olfaktorisch blass wie die Luft um ihn herum. Als er seine Wohnung verließ und vor der Haustür Frau Hempel traf, erschien ihm ihr Grüßen mitleidig, auf der Türschwelle stolperte er. Verwirrt von seiner neuen Erkenntnis stieg Frank Landweil in die falsche Tram und der Kontrolleur fragte ihn, ob er ein Tourist sei. Als er eine halbe Stunde später als üblich im Büro ankam, hatte niemand registriert, dass er gefehlt hatte. Die Empfangsdame hatte nicht einmal den Kopf gehoben, als er durch die Drehtür in das Hochhaus geeilt war. Vielleicht war er für seine Umwelt nie bedeutend gewesen. Vielleicht wurde er von ihr nicht einmal wahrgenommen.
Und nun saß er da, in seinem lederbezogenen Bürostuhl und starrte aus dem Fenster, den Computer noch nicht einmal eingeschaltet. Er arbeitete seit zehn Jahren im gleichen Unternehmen. Nach seinem Abitur begann er umgehend mit seinem Studium, nach dem Studium fing er sofort an zu arbeiten. Als andere noch durch die Welt reisten und ihr Studium abbrachen, kletterte er die Karriereleiter hoch. Getrieben von dem Willen, dass sein Familienname auch in Zukunft mit Geld in Verbindung gebracht wurde. Er war genau 33 Jahre und 5 Monate alt an diesem Tag. Das waren ungefähr 288720 Stunden. Was hatte er in diesen Stunden getan? Bevor er sich in weiteren Rechnungen über die Zeit verlieren konnte, klopfte es an der Tür.
Julian Zufer trat ein mit Briefen in der Hand. Er schien sie seiner Sekretärin abgenommen zu haben. Hatte sie überhaupt im Empfangszimmer gesessen? Julian Zufer war die Art Mitarbeiter, die jeder schätzt, aber keiner als unverzichtbar ansieht. Er erledigte seine Aufgaben und kam mit allen gut klar. Er war niemand, der auf den Tisch haute, er war einfach da.
„Frank, Du siehst ja furchtbar aus! Bist Du krank?“, und es war wieder einmal das Duzen, dass ihn am meisten an Zufer störte. Es musste auf einer Firmenfeier passiert sein, an die er sich aufgrund einer Kombination aus Alkohol und anderen Mitteln nicht mehr erinnern konnte.
„Verdacht auf Ebola. Ich war gestern beim Arzt, es ist noch nichts bestätigt“, entgegnete er, ohne eine Regung im Gesicht zu zeigen. Zufer gelang das nicht: Er wurde weiß, die Situation war ihm sichtlich unangenehm. Es war bekannt, dass er als Hypochonder jegliche Seuchen der Welt auf seinen Mikrokosmos bezog und anschließend die Symptome bei seinen Mitmenschen suchte.
„Das war kein Scherz. Gib mir die Scheißbriefe und mach dann die Scheißtür zu!“, blaffte er ihn an und Zufer wusste sich nicht anders zu helfen, als zu gehorchen. Sichtlich irritiert ließ er die Briefe auf seinen Schreibtisch fallen und verschwand beschleunigten Schrittes aus seinem Büro.
Das erste Mal an diesem merkwürdigen Tag bekam Frank Landweil gute Laune. Er war kein emotionaler Mensch, niemand der bei Kleinigkeiten aus der Haut fuhr und schon gar nicht jemand, der in einem Satz zwei Mal das Wort „Scheiße“ verwendete. Eine Welle der Euphorie stieg in ihm auf und er schaltete seinen Computer ein. Neben den üblichen Büroemails hatten zwei Kunden Änderungswünsche zu Designs, die er für Kampagnen für sie erstellt hatte. Er antwortete beide Male mit exakt der gleichen Nachricht: „Wir werden hier überhaupt nichts ändern! Nur, weil ihr kunstbehinderten Vollidioten gerne ein hässlicheres Motiv hättet, heißt das nicht, dass ich sowas mache! Wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was“!“. Als er auf SENDEN drückte, kam es wieder, dieses Gefühl alles richtig gemacht zu haben. Die Kunst war für einen zierlichen Moment in sein Leben zurückgekehrt. Und das auf ihre beste Weise, als verstörende Kunst
2
Showtime, noch fünf Minuten und es kann losgehen. Die nötige und gewohnte Nervosität war vorhanden, der Schweiß, der den Rücken herunter rann, hätte bei längerer Vorbereitungszeit, sprich schlicht einem Tag mehr Zeit, nicht die Ausmaße eines Baches bei Hochwasser gehabt. Randolf Metzger suchte nicht nach Ausreden. Mehr Zeit hat man natürlich nur, wenn man morgens auch in einer fremden Wohnung gleich alle seine Kleider findet, auf dem Weg ins Bad nicht Türen aufreißt, deren Bewohner einen nichts angehen, dadurch wiederum überflüssige Entschuldigungen stammelt und dann schließlich auch nicht erst nach drei Blocks ein Taxi findet und den gottverdammten ICE Sprinter in aller Frühe nicht verpasst. Trotzdem fühlte es sich wie immer gut an, es doch wieder geschafft zu haben – just in time. Vielleicht war er auch nur so begehrt, weil er durch seine meist zu kurze Vorbereitung, trotz unterstützendem Personal die kulinarischen Kreationen grober zubereitete, als man es von sehr gehobener Küche, zumindest nach den Bildern in Hochglanzmagazinen, kannte. Die exklusiv bekochten Gäste wiederum, die den teils hektischen Ablauf nicht mitbekamen, lobten das Ergebnis mit oft seltsamen und vollkommen abwegigen Attributen in den Himmel. Wahrscheinlich hielten sie ihn für einen Maestro, der mit stilsicherer Attitüde seine Exzentrik auslebte, weil dies das bestimmte Etwas bedeutet, oder so ähnlich. Ihm war es gleich. Ein Auftritt, zwei Tage Arbeit und es reichte wieder für einige Wochen inklusive der Rücklage, die ihn seinen Träumen näherbringen sollte. Es war schon verrückt: Er schnitt die Zwiebeln nicht anders als jeder andere Koch, er nutzte natürlich nur beste Zutaten wie all die anderen auch, was der einladende Gastgeber für die Kohle auch verlangen durfte. Es war aber anscheinend die Mischung aus großer Mann mit Bart, lässigem Auftreten, viel Gefühl in den Würzfingern und dem Mut, guten, klassischen Rezepten verrückte Namen zu verpassen und diese wiederum in lebendige Geschichten zu verpacken.
Sie hörten von draußen, dass die Tischreden sich dem Ende zuneigten und hoffentlich die ersten Gäste der Gastgeber nicht schon eingenickt waren. Meist taxierte er zwischendurch mit einem kurzen Blick den Gastraum, ob die Gäste diesmal auch nur annähernd den Beschreibungen der Gastgeber standhalten konnten. Oft waren die vermeintlich intelligenten Herren in den besten Jahren mit viel Sinn für gutes Essen und anregende Gespräche nichts als bedauernswerte Dompteure zickiger Damen, die sie sich im Anfall männlichen Größenwahns zugelegt hatten, um anderen Gleichgesinnten zu imponieren, und waren allein deshalb schon vor Erschöpfung vor dem ersten Gang angetrunken und nur wenig zugänglich für Metzgers Werbung in eigener Sache, die es immer als Nachtisch des Nachtisches gab.
Heute schienen es ziemlich genau die zu sein, die auch angekündigt waren. Die Gastgeberin kam in die Küche, nickte ihm kurz zu und es ging los. Der kleine Hinweis, dass der Gast am hinteren Ende des Tisches, der mit der Lebensmittelallergie ist und auf keinen Fall dieses oder jenes Gewürz verträgt, löste bei ihm nur eine kurze Irritation aus. Er wusste, dass heute schon fast jeder als Auszeichnung seiner besonderen Persönlichkeit eine Allergie sein Eigen nannte. Über was sollte man denn sonst auch reden. Klar war es schlecht, dass er daran nicht mehr gedacht hatte, aber so schlimm wird es sicher nicht werden und sollte doch etwas in die Hose gehen – über diesen Gedanken musste er wegen dessen Sinnbildlichkeit fast laut lachen – gab es ja sechs Bäder in dieser Villa.
Das charmante Servierteam leistete ab jetzt perfekte Arbeit, doch damit hatte er ab jetzt nicht mehr viel zu tun. Randolf Metzger fühlte sich wohl, jetzt gab es das Bier aus der Flasche für die gesamte Küche, jetzt waren alle Sieger und sie warteten auf den Applaus.
3
Mit einer ungekannten, wenig sorgfältigen und ignoranten Leichtigkeit erledigte Frank Landweil an diesem Tag seine Arbeit. Er war sich sicher, dass er in seinem gesamten Leben noch nie so lange am Stück so ehrlich gewesen war. Beim Mittagessen wies er Zufer noch daraufhin, dass sein Anzug schlecht saß und ohnehin billig wirke. Frau Mischek teilte er mit, dass ihm ihre vorherige Frisur besser gefallen hatte. Die neue Haarfarbe würde sie zudem blass aussehen lassen. Niemand konnte etwas mit dem neuen Frank Landweil anfangen, außer er selbst. Als er gegen sechs Uhr das Büro verließ, hatte er so gute Laune, dass er beschloss zu Fuß zu gehen. Es war das erste Mal seit fünf Jahren, dass er so früh von der Arbeit ging.
Er bog in die Bichlerstraße ein, eine Fußgängerzone, in der sich Bars und Cafés aneinanderreihten und sich je nach Tageszeit die Gäste übergaben. Er entdeckte einen neuen Laden, der mit futuristisch anmutenden Möbeln versuchte, sich von den anderen Bars abzuheben. An einem der Tische davor saß eine harmlose Gruppe von Jungs, sie mussten um die Anfang 20 sein, die allesamt sehr enge Jeans trugen. Frank Landweil hörte sich ihnen zurufen: „Ich unterstütze Eure Anliegen in allen Bereichen! Homoehe finde ich super!“. Die verdutzten Blicke, eine Mischung aus Irritation und Wut, steigerten seine Laune noch mehr. Er fühlte sich, als würde sich Kokain mit seinem Blut vermischen. Es schien, als wäre er das erste Mal wirklich da. Als er den Laden betrat, kam ein junges Mädchen auf ihn zu und fragte, ob er gesehen hatte, dass heute der „Blue Velvet Extreme“ der Cocktail des Tages sei. Er bejahte und bestellte einen. Extreme war genau das Richtige für so einen Tag.
Er nahm am Tresen Platz und keine fünf Minuten später bekam er einen hellblauen Drink mit Schirmchen und einer Ananasscheibe, die um den Glasrand gedrückt wurde, vor sich gestellt. Die Jungsgruppe von draußen zwinkerte ihm zu und riefen irgendwas, das er nicht verstand. Er umfasste das bauchige Glass, erhob es und statt ihnen zuzuprosten, schickte er einen Luftkuss mit einer ausladenden Geste in ihre Richtung. Wieder schaute er in irritierte Gesichter. Frank Landweil fühlte sich der Situation überlegen. Er kippte das süßliche Getränk runter und gab dem Mädchen ein großzügiges Trinkgeld. Mit den Worten „I can be your sugardaddy!“ tanzte er aus der Bar. Eine kleine, besondere Schrittfolge vor dem Tisch der Jungs inbegriffen. Er fühlte eine ungekannten Energie in seinem Körper, ganz ohne Hilfe.
Trotz aller Euphorie schlug er den Weg Richtung Wohnung an. Sich mit einem seiner besseren Maßanzüge in das Nachtleben zu stürzen, schien ihm selbst in seiner manischen Verfassung unangebracht. Von der Bichlerstraße aus waren es fünfzehn Minuten zu Fuß bis zu seiner für ihn allein viel zu großen Drei-Zimmer-Altbauwohnung in der Zeughausstraße. Im Treppenhaus traf er seine Nachbarin Marie Degen. Marie war Mitte 30, Dauersingle und leicht übergewichtig, aber hübsch. Plötzlich verspürte er tief in sich den Drang, ihr ein Kompliment zu machen. „Marie warst du im Urlaub? Du siehst so erholt und jung aus!“, säuselte er ihr halb im Vorbeigehen und schließlich auf der Treppe stehend zu – Treffer versenkt. Sie strahlte im ganzen Gesicht und gab zurück, dass er immer so höflich sei und wie jemand wie er eigentlich Single sein konnte. „Die Frauen müssten sich doch reihenweise auf ihn stürzen.“ Die ehrliche Antwort darauf wäre gewesen, dass jemand wie er Single ist, weil er zu viel Spaß daran hatte an Wochenenden den immer gleichen Typ Studentinnen aufzureißen und nicht in der Lage war, eine Beziehung zu führen, die länger als zwei Wochen hielt. Er entgegnete jedoch nur, dass die Richtige einfach noch nicht dabei gewesen sei und versenkte damit den zweiten Treffer. Die Hoffnung in Marie Degen weckend, dass sie diese Richtige doch sein könnte.
Als er seine Wohnung betrat, fühlte er sich plötzlich wie am Morgen, als er diese verlassen hatte. Die Schwere der Erkenntnis, dass sich nichts an der Tatsache geändert hatte, dass er Jahre seines Lebens für seine Karriere verschwendet hatte, streckte ihn kurz nach dem Überschreiten der Eingangstür nieder. Er legte sich auf sein Bett, um nach fünf Minuten aufzuspringen, ins Bad zu rennen und sich in die Toilette zu übergeben. Eine Zeit lang betrachtete er die blaue Suppe mit den Spaghettiüberresten vom Mittagessen darin. Als er es schaffte sich aufzurichten, klingelte es an der Tür. Ihm fiel der kleine Flirt mit Marie im Treppenhaus ein und er öffnete. Sie hatte eine Flasche Wein in der einen und eine DVD in der anderen Hand. Notting Hill, sie war ein wandelndes Klischee. Genauso gut hätte sie in Unterwäsche dastehen können mit einer Packung Kondome, so eindeutig waren ihre Absichten. Als sie in sein bleiches Gesicht blickte, schien sie irritiert, seine Augen verheult vom Brechen. Er wiegelte mit einer Lüge ab, dass er gerade von einem Todesfall eines entfernten Verwandten erfahren habe und nicht in der Stimmung sei für Wein. Er wollte zunächst Sex sagen, aber entschied sich für die Metapher. Sie reagierte verständnisvoll und drückte ihm ihr Beileid aus.
Dann legte er sich auf sein Bett, schlief schnell ein und begann wild durcheinander zu träumen. Er sah sich selbst aus der Vogelperspektive wie er auf einen fliegenden Wal blickte, der ihm mit menschenähnlichen Händen den Mittelfinger zeigte. In der nächsten Sequenz konnte er seine Augen nicht ganz öffnen und lief in Zeitlupe durch ein Labyrinth aus riesigen Gemälden von zu engen Jeans.
4
Ein langgezogenes Pfeifen, dann ein nervöses Schnattern und wieder ein Pfeifen ließen ihn zum wiederholten Male den Kopf in den Nacken legen und den Himmel nach den Greifvögeln absuchen. Dieser war stahlblau und keine Wolke oder gar Kondensstreifen eines Flugzeuges störten diesen reinen und erhabenen Anblick. Eine große innere Ruhe durchzog seinen Körper. Der Kies des Pfades knirschte in schöner Regelmäßigkeit unter seinen Sohlen, der Atem ging ruhig und nur diese majestätischen Vögel, die ihn nun schon seit einiger Zeit begleiteten, verursachten kleine Unterbrechungen auf seinem Weg. Wie lange er schon ging und die Gleichmäßigkeit der Schritte, des Atmens und der Gedanken genoss, konnte er nicht mehr sagen, es war einfach herrlich befreiend.
Ein kräftiger Stoß an seine Schulter ließ ihn herumfahren, die Faust geballt und schon in Richtung des vermeintlichen Angreifers beschleunigt, erreichte noch rechtzeitig ein akustischer Reiz sein Gehirn und verhinderte eine blutige Nase, Streit und all das unnötige Zeug. „Randy, bist Du verrückt, hast Du geträumt oder hast Du irgendwas genommen? Du stehst hier mit offenem Mund am Fenster und glotzt, als ob Dir jemand Deine erste Legoeisenbahn weggenommen hat! Man fragt nach dem Maestro. Du weißt schon.“ Aus einem seiner liebsten Tagträume gerissen, straffte er seinen Körper, setzte das Ich-habe-alles-im-Griff-Grinsen auf und ging in das Esszimmer der durchaus geschmackvollen Villa.
Randy meinten ihn Einige nennen zu müssen, weil er auch zeitweise in L. A. gekocht hatte – wenn man seinen Erzählungen glaubte - und wiederum Andere daraus schlossen, dass er dort in Promikreisen unterwegs gewesen war. Er konnte seinen Spitznamen ebenso wenig leiden wie seinen Richtigen, aber ihm war noch kein Wunschname eingefallen, um sich eine besserklingende Vornamensverpackung zuzulegen. Bei den Gerüchten seines Umgangs in L.A. hatte er selbst etwas nachgeholfen und daher wenig gegen die mäandernden Ausschmückungen. Es hob den Preis und eben darum ging es – unter anderem. Was jetzt erwartet wurde, war die Geschichte hinter den einzelnen Gängen, die soeben in den Mägen der Gäste verschwunden waren. Je nach Laune und den ersten Reaktionen verschaffte er den Gästen durch seine Erzählungen weitere imaginäre Geschmackserfahrungen und Wohlbefinden oder auch Unbehagen, sollte er die Entstehungsgeschichte oder die Herkunft der Zutaten in Gegenden verlegen, die diese Klientel ungern bei Tag betreten würde oder allein vor lauter Mitleid meiden würde. Die nackte Wahrheit taugte selten für die eine oder andere Variante, also musste er jeweils sehr, sehr schnell improvisieren. Und wer will bei dem Preis schon die Wahrheit wissen?
Er betrat den geschmackvoll eingerichteten Raum und die Gäste seines Auftraggebers wurden zu seinem Publikum. Der übliche, meist peinlich vorgetragene Dank der Gastgeber an die Küche, die gesamte Crew und schlussendlich an ihn selbst, ließ ihm Zeit sein Publikum zu taxieren. Die Papierform kannte er schon durch die Lobpreisungen seiner Auftraggeber, jetzt galt es diese mit der Realität - seiner Realität - abzugleichen. Wer war der übliche Zotenreißer, wo saß die schon angetrunkene Gattin, der man nicht zu offensiv zulächeln sollte, wer verstand wirklich etwas vom Kochen und hinter wem lauerte der nächste Auftrag. Also, wie immer langsam einsteigen, die Geschichte und die Zutaten mussten irgendwie synchronisiert werden und es durfte alles sein, nur nicht annähernd gewöhnlich. Das war die Herausforderung.
Er war gerade dabei, die Entstehung des Rezeptes in eine abenteuerliche, ausgeschmückte Räuberpistole zu verpacken, als er ein Gesicht wiedererkannte. Diese außerordentlich hübsche junge Frau, leicht verdeckt von einem ebenfalls gut aussehenden, aber knapp zehn Jahre älteren Mann mit Clark Kent-Brille, war die gleiche, die zumindest zur Hälfte für seine verspätete Anreise verantwortlich war. Hatte er ihr seinen richtigen Beruf oder nennen wir es Beschäftigung genannt oder hatte er die Regisseuren-Nummer oder eventuell gar nichts erzählt? Es war ein schöner, sehr lustiger Abend und deshalb hatte er ja auch dort verschlafen. Er musste pokern und vermied lediglich die lange Vorrede, wie schwierig es ist, in Gütersloh diese Wurzel oder jene Kraut oder den wahnsinnig frischen Sankt Petersfisch zu finden. Zutaten, die man innerhalb von vier Stunden in gerade einmal drei unterschiedlichen Läden besorgt, taugen nicht zur Legendenbildung. Er hoffte, dass sie den vorletzten Abend und die darauffolgende Nacht ebenfalls genossen hatte und ihm jetzt die Show nicht verdarb.
5
Die Stadt war in eine Tristesse gehüllt. Wie eine graue Schicht aus undurchdringbarem Nebel, der über allem lag, waren die Gebäude farblos, glichen sich wie ein Ei dem anderen. Die frühe Uhrzeit, das langsame Erwachen, der leichte Regen – es war eine Hollywoodkulisse für den finalen Suizid, den leisen Paukenschlag zum Schluss. Zwei verirrte Lichter wanderten die Zeughausstraße hoch. Klischeeerfüllend war es ein Citroen D2, dessen Lichter sie auf den nassen Asphalt warfen. In einer Straße von verzierten Altbauten war die Welt für eine kurze Zeit in die 50er Jahre zurückversetzt. Aus einem Fenster im dritten Stock der Nummer 38 wurde die Szenerie heimlich beobachtet.
Frank Landweil stand nun schon geraume Zeit mit einem Kaffee in der Hand vor dem Küchenfenster und blickte auf die Straße hinab. Er war um fünf Uhr wach geworden und fühlte sich unangebracht ausgeschlafen. Es brauchte nicht lange, bis er sich an den merkwürdigen vergangenen Tag erinnerte. Er musste fast neun Stunden geschlafen haben. Ihm fiel nicht ein, wann er das letzte Mal so lange im Bett gelegen hatte. Dabei wurde er von wilden Träumen geplagt, die sich nach dem Erwachen für wenige Augenblicke mit der Realität vermischten. So kam es auch, dass er den neuen Frank Landweil zunächst in diese Traumwelt verbannte. Als er sich auf sein Bett setzte und den unsanft abgelegten Anzug auf dem Sessel in der Ecke sah, wurde ihm bewusst, dass er ihn zurückholen musste. Er versuchte, sich an das Gefühl der plötzlichen Euphorie des vorherigen Tages zu erinnern, scheiterte jedoch.
Der Himmel erhellte sich ein wenig. Sein Kopf fühlte sich leer an. Es war jener paradoxe Moment, in dem ein Sturm an Gedanken und Eindrücken durch den Kopf fegten, man aber keinen fassen konnte. Als versuche man, Schnee zu fangen. Und doch hallte es dumpf in seiner inneren Ödnis, wenn er einen Schluck von seinem Kaffee trank. Es verging fast eine Stunde, die er in diesem transzendenten Zustand in seiner Küche verbrachte. Als sich sein mentales Unwetter zu legen begann, kramte er sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts hervor und rief im Büro an. Er verwendete die gleiche Ausrede wie gestern bei Marie. Er müsse ein paar Tage weg, helfen alles zu organisieren, für seine Familie da sein. Frank Landweil war jemand, dem man gerne freie Tage gewährte, nicht zuletzt seiner Position in der Firma geschuldet und dem jahrelang nicht eingereichten Urlaub. Er überlegte kurz, ob er seine verbalen Entgleisungen des Vortages gleich mitentschuldigen sollte, ließ es jedoch bleiben. Mischek und Zufer waren weder von ihrem Selbstbewusstsein noch von ihrer Stellung in der Hierarchie in der Lage, ihm ernsthaft Probleme bereiten zu können. Die beiden Kunden, die er höchstwahrscheinlich verärgert hatte, waren da schon eher ein Problem. Allerdings eines der Zukunft, nicht seiner Gegenwart.
Nach dem Rasieren und seiner üblichen Badroutine kleidete er sich mit Hemd, Kaschmirpullover und Anzughose. Einen Stil, den Landweil als casual bezeichnen würde, dabei war nicht mal Freitag. Er nahm seinen Übergangsmantel vom Bügel und verließ die Wohnung. Es war immer noch früh und er traf weder im Treppenhaus noch in seiner Straße jemanden, den er kannte. Er war dankbar, in seinem Zustand wusste er nicht wie er auf einfache Fragen antworten sollte. Die Straßenbahn war spärlich gefüllt, Frank Landweil stand trotzdem. Er empfand das Stehen in öffentlichen Verkehrsmittel als Privileg, nicht als Nachteil. Es zeigte, dass er körperlich fit war, dass er seinen Platz anderen anbot, dass er ein Gentleman war - sein wollte. Am Hauptbahnhof stieg er aus.
Auf dem ganzen Weg hierher hatte er seine Entscheidung über ein mögliches Ziel vertagt. Jetzt war er gezwungen zum Handeln. Er blickte auf die große Anzeigetafel und dachte nach. Eine andere Stadt, gar ein anderes Land? Nach langem Abwägen von Für und Wider hatte er einen Entschluss gefasst. Er lief zielstrebig Richtung Gleis 8, entschied sich für das Bahnhofscafé und suchte einen Platz in einer hinteren Ecke. Das Café war etwas zu schick für einen Bahnhof, es hatte etwas von einem Wiener Kaffeehaus. Shabby chic, das hätte Zufer jetzt dazu gesagt. Ein verschlafener junger Mann kam auf ihn zu und fragte, ob er das Business-Frühstück haben wollte. Er bejahte, wie er es immer tat, wenn ihm etwas in einem Restaurant nahegelegt wurde. Oder eben in einem Bahnhofscafé an einem Mittwochmorgen.
6
Er fühlte sich wie im Mathematikunterricht. Sein Vortrag hatte etwas von einer Gleichung mit zwei Unbekannten. Eigentlich waren es noch viel mehr, aber die offensichtlichen Unbekannten, die in seinem Fall treffender als Gefahrenstellen bezeichnet werden sollten, waren der Gast mit der vermeintlichen Lebensmittelallergie und seine Eroberung von vor drei Tagen. Größere Ausfälle oder nennen wir es hier lieber „direkt spürbare Unverträglichkeiten“ hatte es anscheinend nicht gegeben. Alle Stühle waren besetzt und der schnelle Blick in Küche hatte darauf hingedeutet, dass niemand größere Reste auf den Tellern übriggelassen hatte. Trotz der zusätzlichen Herausforderungen - Probleme kannten heutzutage ja nur Pessimisten oder Querulanten - genoss er diese Situationen. Es war einfach faszinierend, mit welch kleinen Details in Aufzug, Accessoires und Sprache man eine selbstbestimmte Distanz schaffen und dadurch leichter die Spielregeln bestimmen konnte. Er hatte sich heute für die dunkle Kochjacke, das Symbol der modernen Küche, entschieden. Das sah mehr nach Fusion-Küche, denn nach französischer „ich will Sternekoch sein“ aus. Das Bier in der Hand unterstrich seine Avantgarde, denn alle, außer den Autofahrern, tranken guten, ja sehr guten Wein.
Er startete mit der Erzählung an einer rauen Küste, den Menschen, die schon seit Jahrhunderten dem Fischfang nachgingen und die Seele des Meeres kannten. Er zog einen weiten Bogen zu den schreienden Möwen, das verlieh dem Fisch nachträglich in der Vorstellung der zufriedenen und satten Gäste Frische und das verbal unterstrichene unvergleichliche Geschmackserlebnis, das sich jeder bei dem stolzen Preis, den natürlich nur die Gastgeber kannten, erhoffte. Die Gefahr der Lebensmittelallergie im Hinterkopf wollte er das Thema Gewürze, denn daran konnte er sich noch erinnern, betont zurückhaltend behandeln. Hier musste er die Kurve kriegen und aus der Not eine Tugend machen. Was liegt da näher, als den Fisch in seinem quasi natürlichen Element garen zu lassen und die besonderen Gewürze vermeidend nur das grobe Meersalz zu erwähnen. Dass er in diesem erfundenen bretonischen Städtchen erst als Gast und dann gleich für mehrere Wochen der Köchin zur Hand ging, malte ein rundes und authentisches Bild. Er war mit sich bis dahin zufrieden und lief Gefahr, sich in eine Reise an der Atlantikküste entlang durch verschiedene gastronomische Betriebe und Privathaushalte im südlich gelegenen Bordeaux zu verlieren. Die plötzlich einsetzenden ruckartigen Bewegungen des gut aussehenden Mann mit Bart rissen ihn aus der Erzählung. Dieser atmete plötzlich stoßartig und er befürchtete, der eben noch so wortreich beschriebene Fisch könnte als Puzzle wieder auf dem Tisch zum Leben erweckt werden. Glücklicherweise konnte dieser die unappetitliche Reinkarnation unterdrücken und wurde leichenblass von seiner Begleiterin aus dem Zimmer geführt.
Das nennt man Glück oder war es mathematisches Geschick, eine Gleichung quasi in einem Zug zu lösen? Die Lebensmittelunverträglichkeit und seine ungewollte Detektivin waren in einem Zug zum Ergebnis gelangt, seine literarische Nachbetrachtung des Menüs nicht länger zu belasten. Er konnte sich nun auf das normale Drehbuch konzentrieren, die Geschichte mit Zufällen und Anekdoten würzen und die Köder in den See schmeißen und dabei beobachten: Wem hat es besonders geschmeckt, wer war sein Feind, der selbst sowieso alles besser konnte, und wer war der Schlüssel für seinen nächsten Auftritt? Den Gastgebern sah man eine gewisse selbstgefällige Zufriedenheit an, also war alles ihren Erwartungen entsprechend gelaufen. Auf der Vier, linke Seite, saß eine attraktive Mittvierzigerin, die bis jetzt sichtlich interessiert seinen Ausführungen gefolgt war und wahrscheinlich versuchte, die Dörfer und Restaurants zu verorten und mit diesen imaginären Orten vielleicht ähnlich schöne Erinnerungen verband. Hinten, am zweiten Platz an der Stirnseite, saß der Skeptiker, das klassische Magengesicht, der eigentlich nur aß, um satt zu werden, den aber die gesellschaftlichen Verpflichtungen zwangen mitzuspielen. Er beeilte sich, seine Geschichte zu Ende zu bringen, da er schon genug Angeln ausgeworfen hatte und fürchtete, dass die beiden Unbekannten aus der mathematischen Gleichung wieder auftauchen könnten. Und außerdem war sein Bier leer.
7
Zwei Brötchen, Erdbeerkonfitüre, Nuss-Nougat-Creme, eine Scheibe Kochschinken, eine Scheibe Salami, zwei kleine Päkchen Butter und ein Kaffee waren das Business-Frühstück, das Landweil um halb acht zu sich nahm. Er aß lustlos, mehr prophylaktisch, um besser denken zu können. Er musste weg. Wieder hatte ihn die Zukunft schneller eingeholt, als es ihm lieb war. Er bestellte noch einen Kaffee, nachfüllen lassen war kostenlos, doch er tat es nur, um Zeit zu gewinnen. Sekundenbruchteile nachdem er dem jungen Mann zugewinkt hatte und seine leere Tasse hob, um kurz darauf zu zeigen und anschließend den Zeigefinger zu heben, hatte er den Kampf gegen die Zeit gewonnen. Seine Gedankenbahnen ordneten sich, es wurde ein Netz mit klaren Strukturen und Wegen – er musste nur loslaufen und die Richtung wählen.
„Nach Siena möchten Sie? Der nächste Zug geht in 40 Minuten, sie müssen in Bern, Mailand und Florenz umsteigen, das dauert knappe elf Stunden. Wollen Sie das wirklich?“, die Dame am Bahnschalter schaute ihn fragend und sichtlich irritiert an. Den Mann, der etwas zu gut gekleidet war für eine Bahnfahrt, die einen halben Tag dauerte, der kein Gepäck bei sich hatte und zudem nicht aussah, als ob er sich ein Flugticket nicht hätte leisten können.
„Ja, bitte! Das ist perfekt. Ich mag Bahnfahrten sehr gerne“, antwortete Frank Landweil und lächelte dabei, als würde er gleich in die Karibik fliegen.
Das Gleis 15 lag im hinteren Abschnitt des Bahnhofs. Hier standen keine Pendler, keine Mittzwanziger mit Rollkoffer und blauem Anzug. Mit ihm warteten noch ein älteres Ehepaar und eine Familie mit zwei Kindern auf den Zug. Die Eltern der Kinder waren unwesentlich älter als er selbst. Er beobachtete die junge Familie und wusste nicht, ob er neidisch oder froh sein sollte. Dem kleinen Jungen, er musste um die fünf Jahre alt sein, fielen seine Blicke auf und er winkte. Er wirkte dabei so fröhlich und unschuldig, dass er am liebsten angefangen hätte zu weinen, winkte jedoch nur mit einem milden Lächeln zurück. Die Mutter sah es und zog den Jungen zu sich und machte eine entschuldigende Geste in seine Richtung.
Als der Zug einfuhr, fühlte er sich in seine Kindheit zurückversetzt. Er sah sich mit acht Jahren wie er mit großen Augen das erste Mal von seinem Vater auf eine längere Zugfahrt mitgenommen wurde. Sie fuhren damals von Frankfurt nach Hamburg. An den Aufenthalt in der Stadt konnte er sich nicht mehr erinnern, an die lange Fahrt dorthin sehr wohl – sie war herrlich gewesen. Der Vater hatte ihm an jedem Halt ein wenig über die Stadt erzählt und immer, wenn sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt hatte, flüsterte er: „Sie haben uns wieder nicht gekriegt, sehr gut!“, als wären sie auf der Flucht und lächelte ihm dabei verschwörerisch zu. Was waren sie für Freunde gewesen, es kam ihm vor wie ein anderes Leben.
„Junger Mann, könnten Sie mir vielleicht mit meinem Koffer helfen?“, sichtlich aus seinen Träumen gerissen war Landweil erschreckt, als plötzlich das ältere Ehepaar vor ihm stand.
„Verzeihen Sie, ich war in Gedanken, selbstverständlich!“ er nahm die zwei Koffer und trug sie die drei kleinen Stufen in den Zug.
„Soll ich Ihnen die Koffer gleich in die Hutablage heben?“, Landweil war bemüht seine mangelnde Aufmerksamkeit wiedergutzumachen.
„Danke, sehr freundlich von Ihnen!“, das Paar lächelte und setzte sich zufrieden.
Er lief den Gang zwischen den Sitzen entlang und hielt Ausschau nach seiner Nummer. Fensterplatz in Fahrtrichtung, das hatte die Dame am Schalter mehrfach betont. Er wurde schnell fündig und ließ sich nieder. Was wollte er in Siena? Was erhoffte er sich von dieser Flucht? Frank Landweil war ratlos. Seine klaren Gedankenbahnen waren verschwunden, es blitzten immer wieder Momentaufnahmen aus seiner Kindheit, Jugend, Studienzeit auf. Das Gewitter hatte seinen Geist in Kürze überrascht und er fand keinen Unterstand. Plötzlich schreckte er auf, als sich eine Person neben ihn setzte. Wie automatisiert sagte er „Ich heiße Frank Landweil, 33 Jahre alt und ich weiß nicht weiter.“.
8
Randolf Metzger saß noch etwas verschlafen in einem Café im Hauptbahnhof, auch wenn man sich die Frage stellen konnte, wie bei diesen geringen Ausmaßen des Haupt- ein Nebenbahnhof aussehen könnte. Der Kaffee entsprach, wie sollte es an diesem Ort auch anders sein, nicht seiner Beziehung zu „Cafe“. Was sollte er auch von einem Café erwarten, das überwiegend mit Bestellungen belästigt wurde, die als Ergebnis eine schwarze Brühe in Pappbechern mit Vanillegeschmack oder ähnlichen Abscheulichkeiten hervorbrachte. Er suchte in seinem Gedächtnis nach den wesentlichen Teilchen, die es wert waren, in seine gedankliche Zukunftsdatenbank in die Rubriken „Chance“ und „Just for fun“ abgelegt zu werden. Um den Zug nicht zu verpassen, stellte er auf seinem Smartphone die Weckfunktion mit einem Vorlauf von 15 Minuten vor Abfahrt ein.
Die gestrige Veranstaltung war erfolgreich verlaufen, was er an den vielen persönlichen Handreichungen und Vorstellungen der Gäste maß. Für diesen Abend hatte er es geschafft, der Bühnenstar zu sein. Die Geographieprobe durch die interessierte Mitvierzigerin konnte er durch geschickte Ablenkungsmanöver und Komplimente ihrer perfekten Ortskenntnisse und vor allem ihres exzellenten Geschmacks in allen Lebensbereichen umschiffen. Die heftige Windböe bei der Frage nach dem Namen der Patronin des besagten Restaurants an der Atlantikküste, manövrierte er durch ein lässiges aus dem Wind gehen mit „in der Küche nennt man sich nur beim Vornamen“ aus. Die Frage nach dem Vornamen blieb aus und hier war klar, dass er die Prüfung bestanden hatte beziehungsweise Frau Detektivin wohl auch etwas auf den Busch geklopft hatte. Danach schaffte er es noch rechtzeitig, mit der ihm bekannten jungen Dame in Kontakt zu treten, deren Begleiter er anscheinend doch durch eine kreative Unverträglichkeit aus dem Rennen geworfen hatte. Sie hatte eine besondere Klasse. Das homöopathische Zunicken in einer Dosis von, sagen wir in der Potenz C-200, signalisierte ihm die stille Übereinkunft zweier Verschwörer, die beide etwas zu verbergen hatten. Sie stellten sich einander wie bisher unbekannt vor. Und siehe da, auch sie nutzte anscheinend unterschiedliche Identitäten, soweit man die Beschreibung seiner beruflichen Tätigkeiten oder privaten Vorlieben, die man Fremden erzählt, als Identität bezeichnen konnte. Kurzum, jeder hatte nach dieser erneuten Kontaktanbahnung eine Telefonnummer mehr im Verzeichnis und er musste sich eingestehen, dass er insgeheim hoffte, dass sie darunter für ihn auch erreichbar war. Als sehr interessant erwies sich der Herr mit dem skandinavischen Akzent, dem er zu schnell anbot, ihn anstatt Herr Metzger Olof in Abwandlung von Randolf zu nennen. Dieser stellte sich mit Finn Magnusson vor und unterlies es, ihn aufzufordern, ihn zur Herstellung der Augenhöhe ebenfalls beim Vornamen zu nennen. Auch hier war die Distanz aktiv hergestellt. In diesem Fall von Finn, also Herrn Magnusson. Herr Magnusson war einer dieser superschlauen, eloquenten und dazu noch gutaussehenden Entrepreneure, die aus einer vermeintlich einfachen Idee mit Hilfe des Internets schon in jungen Jahren viel, viel Geld gemacht hatten. Und er war immer noch jung. Er war kein offensichtlicher Aufschneider und man musste ihm schon ein paar Details aus der Nase ziehen. Sein Interesse an der Kochkunst und deren Inszenierung war ausreichend motivierend, einige Anekdoten zum Besten zu geben und er konnte einen Visitenkartentausch recht unaufdringlich mit der üblichen Vereinbarung der gegenseitigen Wertschätzung über die Bühne bringen. Jenes Teil wurde in der Rubrik „Chance“ abgelegt. Die Gastgeber zahlten ihm, wie vereinbart, den zweiten Teil seines Honorars in Bar aus und er fasste sich bei diesem Erinnerungsteilchen automatisch an die Brusttasche.
Sein Smartphone machte sich bemerkbar. Er hatte für Erinnerungsmeldungen das Soundschnipsel mit dem Namen „Spielstunde“ gewählt, in der Hoffnung, dass kein anderer auf die Idee kommen könnte, so einen Blödsinn auszuwählen. Mit einem Lächeln erinnerte er sich, welch gymnastische Performance auf Bahnhöfen früher bei dem millionenfach genutzten Nokiaklingeln vonstattenging. Jetzt bewegte sich nur Randolf Metzger. Und zwar zügig zu Bahnsteig 2.
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Der alte Mann hatte keine Eile. Er zog seinen Mantel aus, streifte seinen Schal ab und hängte alles an den dafür vorgesehenen kleinen Haken, der auf einer Schiene am oberen Rand des Fensters verlief. Seinen Hut legte er in die Ablage. Erst dann setzte er sich und wandte sich dem jungen Mann Anfang dreißig zu, der auf dem Stuhl neben ihm bereits Platz genommen hatte und ein wenig verstört auf etwas zu warten schien.
„Wissen wir denn nicht alle manchmal nicht weiter?“, entgegnete er Frank Landweil, der ihn gebannt anstarrte, als er die Worte sprach.
Die Einfachheit der Antwort war für ihn schwierig zu fassen. Er versuchte nicht, ein Gegenargument zu suchen. Der alte Mann kam ihm altersmilde vor, belehrt, fast ein wenig weise. Er interpretierte die Aussage gedanklich und fand letztendlich eine deterministische Lebensauffassung darin. War es wirklich so, dass man die persönliche Situation immer als Sonderfall deklariert? Dass man glaubt, dass es für einen selbst keine Lösung gibt, sehr wohl aber für alle anderen?
Nach einer Zeit des Schweigens schaute Landweil zu dem alten Mann und sprach: „Ich fliehe vor etwas, das ich nicht verlassen kann. Ich renne vor etwas davon, was in mir ist. Ich nehme es mit jedem meiner Schritte mit.“ Er war selbst ein wenig verblüfft von dieser philosophisch anmutenden Äußerung, dazu noch gegenüber einem vollkommen Fremden. Der alte Mann schaute ihn nicht an, als er schließlich antwortete. Er blickte geradeaus, als ob er von einem Teleprompter ablesen würde, was er ihm erzählte. „Als ich noch ein kleiner Junge war, habe ich mal meine Mutter angelogen. Es war nichts Schlimmes, eine Kleinigkeit. Ich fühlte mich so furchtbar, dass ich nicht wusste, wie es weiter gehen soll. Ich saß tagelang in meinem Zimmerchen und wurde immer verzweifelter. Irgendwann gestand ich ihr die Lüge. In dem Moment waren alle Schranken und Mauern verschwunden, die mir den Weg versperrt hatten“, er ließ eine Zeit lang das Gesagte im Raum stehen, bevor er fortfuhr: „In meinem Leben hatte sich rein gar nichts geändert. Ich hatte immer noch meine Mutter angelogen. Aber ich war mir im Klaren, dass es immer weitergeht. Man kann nicht vor etwas weglaufen, was man an einer Leine hinter sich herzieht. Aber es ist einem selbst überlassen, wann man die Leine loslässt. Man kann die Dinge nicht ungeschehen machen, aber man kann ihnen etwas entgegensetzen.“
Frank Landweil starrte aus dem Fenster und versuchte, die Geschichte einzuordnen und eine Lösung für ihn daraus zu ziehen. Der Zug fuhr nun schon eine Weile und er war verwundert, dass es ihm bis eben nicht aufgefallen war. Die Zäune, Häuser und Bäume glitten gleichmäßig an seinem Auge vorbei, aber er realisierte erst jetzt, dass sie fuhren. Er stellte sich vor, wie er eine Leine in der Hand hielt, an der sein Leben hing. Er versuchte, sie immer wieder loszulassen, doch es gelang ihm nicht. Er hatte Angst, was er alles loslassen würde und was bliebe.
Er erwachte wieder, als ihm die Sonne ins Gesicht schien und eine Schaffnerin ihm auf die Schulter tippte. Er holte seine Fahrkarte hervor und zeigte sie. Der Platz neben ihm war leer. Frank Landweil war verwirrt, er fragte die Kontrolleurin, wo der Herr hin sei, der neben ihm gesessen hatte. Sie lächelte und entgegnete, dass der Platz die ganze Zeit leer gewesen sei und der halbe Zug nicht belegt war.
Die Verwirrtheit zeichnete ihre unstrukturierten Emotionen in sein Gesicht, das er der Welt hinter der Scheibe zuwandte. Was geschah gerade mit seinem Leben? Er stand auf und lief in das Zugabteil, in dem das Bordbistro war. Für einen unverschämt hohen Preis kaufte er einen Kaffee und ein Croissant. Er hatte auch hier nahezu freie Platzwahl und setzte sich wieder ans Fenster. Landweil versuchte, an der Umgebung zu erkennen, wo er war. Seit geraumer Zeit hatte es schon keine Durchsagen mehr gegeben, wann und wo der nächste Halt kommen würde oder wann sie Bern erreichten. Gerade als er die Zugbegleiterin fragen wollte, wo sie sich befanden, störten zwei sich laut unterhaltende Männer sein Vorhaben. Als sie ihn erblickten rief einer rüber: „Scheiße, Franky bist du das?!“
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Eine Welt voller abgeschirmter Menschen hatte den Zug gut zur Hälfte bevölkert. Abgeschirmt, weil so gut wie jeder Stöpsel, meist weiß, im Ohr hatte. Die Altersunterschiede der Reisenden waren durch die Größe der Kopfhörer ersichtlich. Je größer, desto jünger der oder die Beschallte. Randolf Metzger fand seinen Platz und konnte ganz ohne eigene Soundmaschine Musik hören. Wie eine Botschaft drang der alte Hit der Popgruppe Crowded House „You always take the weather, the weather with you!“ an sein Ohr. Als er sich eine bequeme Sitzposition suchte, überlegte er, ob dies eine Botschaft an ihn sei. Seine müden Gedanken kreisten um die letzten Jahre, Monate, dann Wochen, um schließlich bei dem gestrigen Abend zu landen. Mit dem Abstand einer fast ganzen Nacht war er richtig zufrieden, man hätte es fast Glück nennen können. Er brauchte für die tieferen Erkenntnisse immer etwas Zeit. Ereignisse, Gespräche, Menschen, die er traf oder seine eigenen Sätze, die er gesprochen hatte, wirkten meist nach - heute überwiegend positiv. An wichtigen und dann langen Abenden nicht betrunken zu sein, hatte absolute Vorteile. Der Sinn des Popsongs galt für ihn umso mehr, da er für sich feststellte, dass, egal wo er war, die Begleitumstände immer ähnlich waren. Die Situationen wiederholten sich wie das täglich grüßende Murmeltier. Sehnte er sich etwa nach dramaturgischer Abwechslung? Der junge Mann neben ihm war eingeschlafen und die Musik dröhnte weiter. Er wechselte den Platz. Außerdem liebte er Fensterplätze und jetzt konnte er ungestört nach draußen schauen. Es begeisterte ihn wie schon als kleiner Junge, die Landschaft vorbeirasen zu sehen und abwechselnd den Fokus von Nah auf Fern zu stellen. Die Naheinstellung war in Bewegung immer unscharf, die Distanz schaffte Klarheit. Ein schönes Spiel, das die Sinne schult. Er hatte noch einige Stunden Fahrt vor sich und beschloss den Augen ein wenig Ruhe zu gönnen und war direkt eingeschlafen.
Er hörte wieder das gleichmäßige Knirschen unter seinen Sohlen und der freie Atem mit dem immer gleichen Blick nach oben. Dieser Himmel und die Ruhe bei begleitender natürlicher Geräuschkulisse ließen ihn tief und fest schlafen.
Und als ob es Gesetz wäre, wurde er immer aus der schönsten Traumphase gerissen. „Fahrausweise bitte!“, stach es in sein Ohr. Er griff neben sich und erschrak, seine Tasche war nicht sofort zu spüren. Hatte man ihn beklaut während er schlief? Sein erster Gedanke galt nicht seiner Fahrkarte, sondern seinen beiden Lieblingsmessern, die er in einer festen Schatulle in seiner Sporttasche transportierte. Lange hatte er mit Messern herumexperimentiert und sich gegen den Hype gewährt, sündhaft teure japanische Modelle zu nutzen. Doch musste er sich irgendwann eingestehen, dass ein aus Damaststahl gefertigtes Messer den Genuss stark erhöhte, den er bei der Bereitung der Speisen empfand. Der schonende Schnitt verringert den Austritt ätherischer Öle und damit der Geschmacksstoffe und die Augen tränen nicht so sehr beim Zwiebelschneiden. Zudem hatte man meist noch ein Gesprächsthema mehr für ambitionierte Hobbyköche. Jetzt war der Zugschaffner bei ihm angekommen und blickte ihn fragend an. Er hob ratlos die Schultern und wollte gerade seiner Empörung Luft verschaffen, als er in der gegenüberliegenden Ablage seine Tasche entdeckte. Nach der Fahrscheinüberprüfung lohnte die Verlängerung seines Schönheitsschlafes nicht mehr, da er bald aussteigen musste.
Wie lange hatte er seine eigene Wohnung nicht mehr gesehen. Er besaß keine Zimmerpflanzen und brauchte sich deshalb keine Sorgen um deren Gesundheit machen und die Post holte eine Nachbarin für ihn aus dem Kasten. Auf ihn würde niemand am Bahnhof warten, aber er vermisste das nicht besonders, auch wenn er spontan daran dachte, Deborah anzurufen, oder zumindest zu testen, ob die Nummer, die sie ihm, und der Name, den sie sich gegeben hatte, irgendeiner Wahrheit nahekamen. Metzger war mit sich im Reinen als er auf dem Weg zur Zugspitze durch das Boardbistro ging. Mann war er froh, dass er nicht alte Bekannte traf, die ihn quer durch den halben Zug mit „Scheiße, Franky alter Junge!“ oder ähnlichem Peinlichkeiten aus der guten Stimmung rissen.
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Frank Landweil erschrak, als er seinen Namen hörte. „Franky“ nannten ihn nur Freunde aus seiner Schul- oder Studienzeit. Er hatte bis auf zwei, mit denen er in einem sporadischen E-Mail-Kontakt stand, keine Bekannten mehr aus diesen Lebensabschnitten. Zumindest keine, die aus seinem direkten Studienumfeld stammten. Mit gutem Grund. Die beiden Männer standen am Ende des Wagons und er erkannte nicht, wer ihn da rief. Er hätte am liebsten ein einfaches „Nein, Sie müssen mich verwechseln!“ entgegnet, aber dafür was es schon zu spät. Einer der beiden hatte sich in Bewegung gesetzt und kam auf ihn zu.
„Na klar! Franky Hanky Landweil, das bist doch Du!“, rief der Fremde, der ihm langsam bekannter vorkam.
„Julius Steltzer?“, fragte Landweil den großgeratenen mit einem jugendlichen, etwas peinlich aussehenden Kapuzenpullover bekleideten Mann.
„Ja sicher, ich bin Julez. Wir waren im gleichen Leistungskurs gewesen damals. Mensch, das ist ja ewig her. Was machst du so? Warum bist du so schick unterwegs?“
Landweil war vom gesamten Auftritt Julius Steltzers beschämt. Schlimmer noch, er war angewidert. Ein Mann Mitte 30, der sich selbst noch mit „Julez“ vorstellte und in einem Kapuzenpullover durch das Land fuhr, war für ihn das Sinnbild einer gescheiterten Persönlichkeit. Von dem Kommentar, dass er so schick sei, mal ganz abgesehen.
„Nach dem Abitur bin ich direkt an die Universität und habe BWL und Staatswissenschaften studiert, dann wurde ich abgeworben. Ich bin jetzt beim BND. Du verstehst, dass ich Dir nicht viel mehr dazu sagen kann. Was machst du?“, fragte er und war interessiert, ob „Julez“ eher arbeitslos oder hipper Lehrer war. Als Quereinsteiger natürlich.
„Ahh der Landweil, immer noch der alte Streber! Ich bin erstmal ein bisschen durch die Welt gereist – Thailand, Vietnam, Kambodscha, die ganze Ecke da. Wollte erstmal zu mir finden und dann schauen, was ich mache. Hab dann angefangen Komplementärmedizin zu studieren, aber wieder abgebrochen. Gerade bin ich an einem jungen Start-Up beteiligt. Wir wollen Becher aus recyclebaren Rohstoffen herstellen. Alles so auf dem ökologisch bewussten Weg, Du verstehst?“
Landweil verstand und nickte mit dem anerkennendsten Gesicht, das er schaffte aufzulegen. Julius Steltzer verabschiedete sich dankbarerweise gleich darauf mit den üblichen Sprüchen, dass man in Kontakt bleiben sollte und lief in den nächsten Wagon. Seinen Partner ließ er unvorgestellt.
Die Begegnung mit Julius Steltzer brachte Frank Landweil dazu, dass er sich innerlich begann zu echauffieren. Wie konnte man mit 19 Jahren sich erstmal selber finden müssen? Welche Hippie-Eltern erzählen ihren Kindern diesen Schwachsinn? Und dann Komplementärmedizin? Natürlich abgebrochen, aber das ist ja auch nicht so wichtig, wenn man sich selbst finden muss – gehört wahrscheinlich zum Prozess dazu. Ein Start-Up mit recyclebaren Bechern? Das war kein bisschen neu. In ihm baute sich eine Wut auf, dass er irgendwann laut schnaubte und mit dem Kopf schüttelte. Eine junge Dame in Bahnuniform kam zu seinem Tisch und fragte, ob sein Kaffee nicht schmeckte.
Als er wieder an seinem Sitzplatz angekommen war, fiel ihm seine Lüge ein, dass er beim BND arbeitete und er musste schmunzeln. Man konnte den Leuten alles erzählen und sie glaubten es, wenn man nur alt genug war und authentisch aussah. Wobei Authentizität auch nichts anderes war, als der Vorstellung zu entsprechen. Es interessiert den Menschen nicht mehr, was der andere macht, sondern viel mehr, was er selber tut und wie es bei anderen ankommt. Wahrscheinlich war das unangenehme Treffen deshalb so schnell vorbei gewesen, er hatte ja schließlich seine Anerkennung Kund getan. In ihm breitete sich wieder das wohlige Gefühl aus, das er neuerdings immer wieder bekam, wenn er besonders ehrlich war oder stark gelogen hatte.
Just in dem Moment als das wohlige Gefühl vollständig seinen Körper übernommen hatte, machte der Zug eine abrupte Vollbremsung und sie kamen wenig später zum Stehen.
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Genießen: Metzger wollte den ersten Tag in seiner eigenen Wohnung ruhig angehen und sich einfach selbst etwas gönnen. Hatte er sich die letzten Tage bemüht, anderen Menschen das Genusstheater gekonnt aufzuführen, sollte er heute selbst sein eigener Gast und Gastgeber zugleich sein. Allein der Gedanke, das „Genusstheater“ als solches einmal für sich durchgängig zu definieren, erfüllte ihn mit einer solch großen Vorfreude, dass er dies schon als Genuss empfand. Die Autosuggestion, sich schöne Dinge vorzustellen und dann ein wenig die damit verbundenen Gefühle zu imaginieren, war immer wieder eine schöne Erfahrung. Er erinnerte sich an eine interessante Abhandlung über die mentale Vorbereitung erfolgreicher Wettkampfsportler vor großen Herausforderungen, die sich zwar nicht den Sieg an sich vorstellen, aber die erfolgreiche Aneinanderreihung der wichtigen Abläufe. Die Konzentration im Startblock, der Start, die ersten Meter in noch geduckter Haltung, das Aufrichten und so weiter und so weiter bis hin zur Staffelübergabe. Wie er selbst wusste, bei Team-Wettbewerben wie im richtigen Leben die eigentliche Herausforderung. Was jedoch – so die Wissenschaft – mit der richtigen Einstellung wesentlich seltener zum Desaster führte.
Diese Theorie, dass allein die positive Vorstellung von Abläufen zum Erfolg führen konnte, zeichnete ihm ein breites Grinsen auf sein von den letzten Tagen etwas müdes Gesicht. Konnte er sich für den Abend ein nettes Erlebnis herbeikonstruieren?
Doch vor das mentale Genießen hatte die Realität die noch unaufgeräumt hinterlassene Wohnung gesetzt. Er war vor rund drei Wochen quasi zu einer Tournee aufgebrochen, hatte sechs Aufträge in unterschiedlichen Städten abgearbeitet und jetzt musste Auftrag Nummer sieben erledigt werden. Ohne Messer und Gewürze. Er wirbelte eine gute Stunde durch die Wohnung, begrüßte beim Wegräumen lauthals seine sieben Sachen und knüpfte wieder bei der Imagination für seinen persönlichen Abend an. Er malte sich ein für diese Jahreszeit optimales Abendessen aus. Zu sich selbst war er deutlich ehrlicher und reduzierte die Abfolge auf das Wesentliche, ohne das übliche Chichi, das die manchmal hohen Preise zu rechtfertigen versuchte. Für die warme Jahreszeit schien ein Tintenfisch-Carpaccio mit einem leicht fruchtigen Dressing ein idealer Start. Und wenn er schon auf der Fischlinie war, wäre ein Seeteufel ein gelungener Hauptgang, über dessen Zubereitung er noch ein wenig nachdachte. Erfolgreiche Autosuggestion setzte ein hohes Maß an Wissen um die gewünschten „Bilder“ und auch Erfahrung voraus. War der erste Gedanke eher kindlich nach dem Motto gestrickt, „Ich muss mir nur vorstellen, wie ich die Millionen ausgebe, dann muss ich nur noch Lotto spielen und schon klappt es!“, nahm er sein Vorhaben nun ernst. Kreativität hinsichtlich des Machbaren, der Zutaten und Zeitplanung. Den dritten Teil hatte er in den letzten Tagen oft übersprungen und zu stark auf die ersten beiden Teile gesetzt, um den dritten Teil durch noch mehr Mut und Improvisation zu ersetzen. Hätte er die letzten Aufträge mit besserer Vorbereitung etwa mehr genießen können? Er wollte es auf jeden Fall das nächste Mal versuchen. Er verfing sich in seinen philosophischen Gedanken und steckte plötzlich fest. Die letzten Tage hatten Metzger offensichtlich zugesetzt. Ihm gingen mathematische Gleichungen bezüglich perfekter Imagination durch den Kopf und er verlor darüber den Faden zu seinem eigentlichen Vorhaben. Die Aufträge der letzten Tage flogen rückwärts durch seine Gedanken. Erst servieren und dann die Zutaten beschaffen, danach Fische ausnehmen – alles drehte sich im Kreis. Als Metzger wieder in der Realität ankam, saß er auf seinem lehnenfreien Hocker in der Küche. Seine Augen blieben am Kühlschrank haften. Seine Hoffnung beruhte darauf, dass noch kaltes Bier darin lagerte. Metzger stand auf und öffnete vorsichtig die Kühlschranktür, als ob er mit zu schnellem Öffnen ein Bier verschrecken könnte. Es langweilte sich tatsächlich noch ein einsames Feldschlösschen im obersten Fach. Das war eindeutig zu wenig, um es sich gemütlich zu machen. Er musste doch nochmals das eigene Nest verlassen. Sollte er sich noch verabreden?
Als das Telefon klingelte, beschloss er, jedes halbwegs gute Angebot anzunehmen sich durch die Stadt treiben zu lassen.
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In Frank Landweil manifestierte sich in kürzester Zeit ein Horrorszenario. Es musste sich jemand vor den Zug geworfen haben. Alles andere schloss er kategorisch aus. In welcher Situation musste sich der Selbstmörder befunden haben? Was hinterließ er? Den anderen Fahrgästen in seinem Wagon schienen ähnliche Gedanken durch den Kopf zu schießen, wobei sie nicht so schockiert aussahen, wie er sich fühlte. Bei genauerem Betrachten entdeckte er gar eine ganz andere Emotion: Sie waren genervt. Er war fassungslos. Da hatte sich womöglich ein Mensch vor wenigen Sekunden das Leben genommen und diesen herzlosen Wesen war es vollkommen gleichgültig, ja sie waren sogar gestört davon. Bestimmt dachten sie sich Dinge wie: „Hätte der sich denn nicht vor einen anderen Zug werfen können?“, „Jetzt verpasse ich wegen dem auch noch meine Serie heute Abend!“ oder „Ich komme nicht pünktlich zum Meeting, nur weil sich hier jemand umbringen musste!“ oder wie Kaiser Wilhelm nach dem Selbstmord seines eigenen Sohnes „Dass er uns das auch noch antun musste“. Er wurde so wütend, dass er schließlich aufstand, sich in den Gang stellte und zur Irritation seiner Mitmenschen laut „Ich schäme mich für Sie alle!“ in die Stille und ihre Gesichter rief. Gerade als er seinen theatralischen Auftritt mit einem entschlossenen Gang in den nächsten Wagon fortsetzen wollte, erhaschte er einen kurzen Blick aus dem Fenster und sah ein blaues Schild mit weißer Schrift - BERN HBF. Der Zugführer hatte schlichtweg zu spät gebremst für die Bahnhofseinfahrt. Frank Landweil wurde heiß, Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, Demütigungen in der Öffentlichkeit waren die Hölle für ihn. Er verließ hastig den Zug.
Die Peinlichkeit des Moments hallte noch nach, als Frank Landweil in der großen Halle des Bahnhofs stand. Am Kopfende des schier riesigen Raumes störten ihn rote Neonröhren und es passte zum restlichen Gebäude. Ein Mann hatte wohl im Vorbeigehen seinen Blick aufgefangen und drehte sich zu ihm um, um im Laufen mit einem leichten Lächeln zu sagen „Der Wanner hat sich das bestimmt auch anders vorgestellt!“ Wer zur Hölle war der Wanner?
Er steuerte das nächste Café an, um sich einen erneuten Überblick über seine jetzige Situation zu verschaffen, an der sich objektiv nur der Ort geändert hatte. Es war ein typisches Bahnhofscafé mit ein paar Sitzgelegenheiten. Es trug den englischen Namen der Heidelbeere und Frank Landweil fragte sich, warum das besser klingen sollte. Er war also in Bern angekommen. Die Fahrt hierher kam ihm wie eine Ewigkeit vor, ein kurzer Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass das nicht stimmte. Er setzte sich in eine Ecke des Cafés, kramte das Ticket aus seiner Manteltasche und überprüfte seine Umsteigezeit. Er hatte noch eine knappe halbe Stunde, bis er den nächsten Zug nehmen musste. Er fühlte sich plötzlich in seinen Caféaufenthalt am Morgen zurückversetzt. In diesem Moment kam auch ein junger Mann auf ihn zu, allerdings hellwach und aufgedreht im Kontrast zu dem verschlafenen Jungen vom Morgen. Der Junge ratterte in unglaublicher Geschwindigkeit Angebote und Gerichte runter und informierte ihn über eine Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten der verschiedenen Menus. Auch hier entschied sich Frank Landweil für die Empfehlung des Jungen und er nahm seine zweite „Business-Mahlzeit“ des Tages zu sich, diesmal: das Business-Mittag.
Den Mantel über seinen rechten Arm gelegt, schlenderte er in Richtung eines Zeitungsladens. Er wollte sich noch eine Zeitschrift kaufen, bevor er weiterfuhr. Eine Angewohnheit aus seiner Studienzeit. Er spürte plötzlich wieder eine wohlige Leichtigkeit in ihm aufsteigen. Der Gedanke an sein Ziel Siena ließ ihn gar ein wenig euphorisch werden. Gedanklich flanierte er schon durch die kleinen Gassen hin zur Piazza del Campo. Mal hatte er eine junge Dame im Arm, mal einen jungen Labrador an der Leine. Beide Versionen gefielen ihm und er wäre fast in einen Postkartenständer gelaufen, hätte ein älteres Paar nicht noch „Vorsicht!“ gerufen. Er bedankte sich und erkannte sie wieder. Es war das Paar, dem er die Koffer in den Zug gehoben hatte. Er grüßte höflich und lief ohne Zeitschrift in Richtung seines Gleises.
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Als Randolf Metzger die Augen öffnete, musste er sich erst orientieren, wo er sich befand. Die Situation war nicht ungewöhnlich für ihn, da er ja oft unterwegs war und sich oft morgens erst einmal zurechtfinden musste. Der Blick zur Zimmerdecke verriet ihm schnell, dass er in seinen eigenen vier Wänden war, da ihn eine selbstgemalte Sonne, die mit einem Auge zwinkert, anlachte. Was ihm der starre Blick nach oben nicht verriet, war, dass er neben seinen noch weitere Atemgeräusche vernahm. Rechts neben ihm lag ein dunkler Haarschopf, aus dessen ihm abgewandter Seite ein stilles und gleichmäßiges Geräusch hörbar war.
Als es gestern klingelte, hatte er noch keinen rechten Plan für den Abend und seine hilfsbereite Nachbarin, die ihm auch den Postkasten leerte, stand vor der Tür, lächelte ihn an und erkundigte sich bei der Übergabe eines ansehnlichen Stapels Post nach seinen Befinden und ob er nun ein paar Tage länger als gewohnt in der Stadt sei. Von dem Empfinden beflügelt, sich für die vielen einseitigen Dienstleistungen, die er bisher empfangen hatte, zu revanchieren, fragte Metzger, ob er sie gelegentlich als Gegenleistung einmal einladen dürfe. Gewohnt an die floskelhafte Kommunikation, die er aus seinem beruflichen Umfeld kannte und solche Einladungen lediglich als Höflich- oder Nettigkeiten gewertet wurden, war er doch sehr überrascht, als Frau Bieler schlagfertig antwortete, dass sie die Einladung gern annehme, sie sich allerdings noch schnell umkleiden müsse und man dann ja „wieterschnörre chönt“. Ihm gefiel das lustige Schweizerdeutsch seiner schlagfertigen Nachbarin und überlegte, welche Form der Einladung die nette Frau sich nun vorstellte. Ein Abendessen in der Qualität, die er bevorzugte, konnte er sich mitten in Zürich nicht leisten. Aus seinen Notreserven an Lebensmitteln konnte er nichts Adäquates zaubern, was die andauernde Hilfsbereitschaft eventuell gefährdet hätte. Als er nochmals abwog, ob eine Dose Thunfisch, das halbe Kilo Standardpasta und die paar eingefrorenen Kräuter doch reichen würden, klingelte das Telefon und Frau Bieler fragte, ob neunzehn Uhr passen würde und sie ein gute Bar für den Start kenne, falls sie ihn mit ihrer Spontanität überrascht hätte. Er sagte: „Das ist ein guter Plan!“
OK, er hatte innerhalb von ein paar Minuten jegliche Selbstbestimmung aus der Hand gegeben. Frau Bieler war wahrscheinlich ein wenig älter als er, eventuell auch schon über vierzig. Was für ein Etablissement würde sie vorschlagen? Fing es ab vierzig schon an, dass es ein wenig plüschig wurde oder ging man eher in die Beitz um die Ecke? Er überlegte welchen Kontervorschlag er unterbreiten könnte, schließlich ist er ja der Einladende. Die Rimini Bar schien ihm angebracht, da sie eine gewisse raue Herzlichkeit besaß, aber gute Drinks zu, für Schweizer Verhältnisse, erträglichen Preisen bot. Dazu konnte man auch ein ordentliches Club Sandwich essen.
Sie schlug die Bar Corazon vor und es wurde ihm ein wenig unangenehm. Er kannte die Bar zwar nicht, aber der Name lies der Phantasie einen gewissen Raum, den er für heute und mit der Nachbarin nicht auszufüllen gedachte.
Die Bar war klasse. Als sie eintraten und er die lange rechtwinklige Theke sah, die Ecke schön rund geschwungen, ging sein Herz auf. Der Name der Bar hatte ihn damit schon einmal persönlich berührt. Judith, so wurde sie vom Barkeeper begrüßt, dirigierte ihn an die kurze Seite der Bartheke, was seiner persönlichen Vorliebe ebenfalls entsprach. Diese Wahl gestatte es, dem Barmixer schön auf die Finger zu schauen, um zu lernen, aber auch ein wenig auf die hygienischen Verhältnisse zu achten. Zum Start immer einen Klassiker, Daiquiri, einen trockenen Martini oder einen Whiskey Sour, da konnte im Normalfall nichts schiefgehen.
Eine Bewegung neben ihm im Bett riss ihn aus seinen Erinnerungsfetzen des gestrigen Abends. War doch etwas schiefgegangen?
15
Der Zug war bereits eingefahren, als Frank Landweil das Gleis erreichte. Männer in Anzügen und Frauen in modischen Kleidern stiegen aus. Er hatte Probleme einzuordnen, zu welchem Anlass sie gekleidet waren. Er beobachtete nur das Szenario und lächelte bemüht den vorbeiziehenden Tross an. Er fühlte sich schäbig gekleidet im Vergleich zu den vorbeilaufenden Menschen, was natürlich eine Farce war, dennoch warf er sich schnell seinen Mantel über, um eine wenig Restwürde zu wahren.
Nach einer überdrehten Minute der Regungslosigkeit stieg er in den Zug ein und suchte seinen Platz. Auch hier hatte er wieder einen am Fenster von der Bahnschalter-Dame bekommen und er fand ihn schnell. Das nächste Déjà-Vu ereilte ihn und er nahm schnell Platz, bevor ihn auch die nächste Verzweiflungswelle erfassen konnte. Er stellte sich bildlich vor, wie eine Welle zwischen den Plätzen vorbeirollte und er meinte, gerade das Rauschen der nächsten zu vernehmen, als eine junge Dame sein Ticket sehen wollte. Erneut registrierte er erst jetzt, dass die bereits losgefahren waren. Die Kontrolleurin war Mitte Zwanzig und sah ausgesprochen gut aus. Frank Landweil gefiel sie. Seine nun schon längere Zeit andauernde Phase des Enthusiasmus erlaubte es ihm nonchalant einen kleinen Flirt einzuleiten.
„Entschuldigen Sie, ist Kontrolleurin nun der neue Stewardess-Beruf?“, ein peinlicher Versuch, zudem wackelte seine Stimme am Ende der Frage wie die eines Pubertierenden.
„Wie darf ich das verstehen?“, entgegnete die Frau wenig beeindruckt.
„Sie sind hübsch und jung, das sind doch ideale Voraussetzungen für eine Stewardess“, antwortete er und suchte gedanklich nach dem Idioten, der diese Sätze sprach.
„Oh, sehr freundlich von Ihnen. Aber nein, ich mache das nur als Nebenjob, ich studiere Kunstgeschichte“, gab sie zu seiner Verwunderung strahlend zurück.
„Bleiben Sie bis Mailand im Zug?“, fragte nun wieder der richtige Frank Landweil.
„Ja, dort habe ich zwei Stunden Aufenthalt bevor es wieder zurückgeht“, er verstand den Hinweis.
„Darf man Sie auf einen Kaffee einladen?“
„Ich habe in einer Stunde Pause, in Wagon Nummer 7 ist unser Boardbistro“, gab sie zurück, während sie schon den nächsten Fahrgast kontrollierte.
Er wurde noch euphorischer. Er hatte plötzlich wieder das Gefühl der absoluten Überlegenheit gegenüber der Situation. Er war in seinem Terrain unterwegs. Unbeschwerte Schmeicheleien gingen ihm flüssig von den Lippen. Mitte Zwanzig war dazu noch seine Zielgruppe. Er schaute wieder aus dem Fenster und sah, wie die Landschaft vorüberflog, unterbrochen von schwarzen Tunnelsequenzen. Er begann erneut von Siena zu träumen und schlief ein.
Er stand in einer kleinen Gasse vor einem Eiscafé, von dem er meinte, es aus seiner Kindheit zu kennen. Vor ihm eine Familie mit einem kleinen Jungen. Der Kleine bekam eine Kugel Erdbeereis in der Waffel und strahlte sein Eis an, wie es nur Kinder können. Dann dreht er sich ruckartig um, kippte das Eis zur Seite, sodass die Kugel zu Boden fiel. Er schaute ihn an und begann, ihm mit der spitzen Seite seiner Waffel in den Bauch zu stechen. Frank Landweil war überfordert mit der Situation, als der kleine Junge plötzlich mit einer bekannt klingenden weiblichen Stimme „Hey Sie!“ sagte.
Frank Landweil schreckte aus dem Traum und blickte in das lächelnde Gesicht der Kontrolleurin. Er blickte erschrocken auf seine Uhr. Es war eine halbe Stunde vergangen, er hatte nicht verschlafen.
„Ich mache schon ein wenig früher Pause und dachte mir, dass ich Sie abhole“, durchbrach sie die Stille. „Ich heiße übrigens Monique“, schob sie nach.
„Maximilian, freut mich“, entgegnete Landweil.
Es war nicht unüblich, dass er sich mit einem anderen Namen bei Frauen vorstellte, den Namen seines Vaters zu verwenden, hatte er jedoch noch nie gewagt.
16
Warum ihn bei der Erkenntnis, nicht allein im Bett zu liegen, der Gedanke durchzuckte, dass etwas schiefgelaufen war, ging mit seinem seit Jahren verinnerlichten Fluchtinstinkt einher. Auch wenn ihm nicht klar war, vor was er flüchtete, trug er eine gewisse Angst vor Vereinnahmung in sich, gegen die er sich immer wieder durch ungesteuertes Verhalten zu wehren versuchte.
Judith hieß sie, das fiel ihm sofort und gern wieder ein. Frau Bieler, mit Vornamen Judith, seine Nachbarin, die Beziehung zu ihr definierte er bisher über die Anknüpfungspunkte Postkasten leeren und Zweitschlüssel für den Notfall deponieren.
Der Abend hatte sehr relaxt begonnen. Das Corazon war eine klassische Bar für den ersten oder auch den letzten Drink des Abends. Wenige Gäste, die die Bar als ihr Wohnzimmer betrachteten und sich demnach auch nicht so benahmen. Er hasste es, wenn Gäste ihre Fraternisierung mit dem Barkeeper zur Schau stellten, vorwiegend um den Anderen zu zeigen, dass sie hier die besseren, die beliebteren Gäste sein wollten. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass diese Zuneigung der Gäste am falschen Platz heikel war, in zweierlei Hinsicht: Zum einen entstand eine Erwartungshaltung, irgendwann in die Freigetränkeliga aufzusteigen, zum anderen dachten manche durch das Duzen bedingt, dass außerhalb der Mauern der Bar das gleiche Verhältnis bestehen bliebe, wo er doch für einen gewissen Teil der Gäste auf der Straße nicht einmal ein Augenbrauenzucken als Gruß übrig hätte. Und der andere Teil sah dies auf ihn bezogen wahrscheinlich ähnlich. Kurzum, der Start in den Abend war auch ohne eigene Planung und Vorbereitung gelungen. Das Clubsandwich war ebenfalls von guter Qualität, konnte aber wie immer seinen Hunger nicht vollständig stillen. Auf dem Weg ins Latin Palace musste er noch eine gegrillte Kalbsbratwurst einnehmen, was ihm ein wohlwollendes Kompliment seiner Nachbarin einbrachte. Er wüsste also, obwohl „Usläänder“, wie man sich in Züri ungekünstelt den Hunger stillen könnte. – Naja, die Wurst ist gut, dachte er, aber der Geldbeutel gibt auch oftmals den Takt vor, behielt es jedoch für sich. Man muss auch mit Komplimenten umgehen können, sollten sie noch so klein sein.
Tanzen lag auf seiner eigenen Talentskala nicht ganz oben, aber er bewegte sich manchmal ganz gern zu guter, tanzbarer Musik, auch wenn er es, dazu noch in fremder Begleitung, nicht wirklich genießen konnte. Er hoffte, dass Frau Bieler nicht zum Lager der Dauertänzerin gehörte, die einem das letzte Tröpfchen Schweiß abfordern würde oder man sich als zu ungelenk in eine ruhigere Ecke verabschiedete, um auf das späte Ende der Ausgelassenheit der Anderen zu warten.
Sie lag ungefähr in der Mitte, was bedeutete, dass Metzger sich nach etwa drei Liedern an die Bar verabschiedete, was er in seinen Augen geschickt mit den Fingern andeutete. Erst zwei laufende Finger und dann den ausgestreckten Daumen zum geöffneten Mund führen. Sie runzelte etwas die Stirn, aber da hatte er sich schon umgedreht.
An der Bar bestellte er sich ein Bier. Natürlich aus der Flasche, da die angezapfte Brühe, die unter dem Zapfhahn stand, nicht eben vertrauenswürdig aussah und er wusste, dass in profitorientierten Läden auch gern die Reste aus Gläsern zum Auffüllen benutzt wurden.
Kaum hatte er die Flasche an den Hals gesetzt, tippte ihm jemand auf die Schulter. Der Schluck und der Anblick des Typen hinter ihm bescherten ihm einen Hustenanfall. Mussten einem immer die Leute aus der Vergangenheit begegnen, denen man schon in der Schulzeit nichts zu sagen hatte. In diesem Fall war es ein flüchtiger Bekannter, den er als Gast bei einem Auftrag kennengelernt hatte und mit dem er im Anschluss der Veranstaltung bei einigen sinneserweiternden Getränken noch lange gesprochen hatte. Er war ein kluger Kopf, aber anstrengend, da er über das Kochen, den Verzehr von Fleisch und den Zusammenhang mit Randolfs Nachnamen eine unheilvolle Zukunft heraufbeschworen hatte. Nach dem Motto Nomen est omen entschuldigte er Metzgers aus seiner Sicht enorme Unwissenheit hinsichtlich gesunder Ernährung. Er gab dem Gemüse den Vorzug. Metzger erinnerte sich sofort an seinen Namen, allerdings nur an den Nachnamen. Gärtner, der braunhaarige Typ mit Bart und dunkler Brille hieß Gärtner. Und dieser beteuerte seiner Zeit, dass es kein Witz wäre und sie mussten lange darüber lachen.
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Er folgte Monique durch die Wagons und überlegte, welche Lebensgeschichte er ihr erzählen würde. Sein Standardrepertoire ließ ihn aus drei bis ins letzte Detail vorgezeichneten Werdegängen wählen. Sohn einer wohlhabenden Familie, der sich gegen die Zwänge dieser wehrte und lieber Philosophie studiert hatte; Lehrer aus Idealismus an einem Gymnasium für die Fächer Mathe, Sport und Geschichte oder die schnelle Karriere im Investmentbanking. Die letzte Möglichkeit wählte Frank Landweil besonders dann gerne, wenn er einen schnellen Rückzug noch in der Nacht vorhatte.
Monique lief zielsicher in das Boardbistro und deutete ihm an, an einem Platz in der Ecke sich hinzusetzen. Er war so irritiert, dass sie ihn „Max“ genannt hatte, dass er kommentarlos den Anordnungen folgte. Seine üblichen Namen, die er flüchtigen Bekanntschaften nannte, bewegten sich zwischen Martin, Felix und Finn (so hieß sein Neffe).
Es blieb ihm nicht viel Zeit, weiter über seine Namenswahl nachzudenken. Monique kam mit zwei Kaffeebechern an den Tisch zurück. Sie hatte brünettes Haar, das sie in einem streng geflochtenen Zopf trug, ihre Augen waren im Kontrast dazu tiefblau. Ein Blau, in dem er sich gleich verlor und die Situation drohte ihm zu entgleiten. Da fing er sich noch:
„Also Monique, Du studierst Kunstgeschichte und jobbst nebenbei als Kontrolleurin. Muss ich sonst noch was wissen, bevor wir heiraten?“, ein Klassiker der immer zog, zumindest abends in Bars bei der richtigen Frau. „Du sagst Leuten nicht Deinen richtigen Namen, reist ohne Gepäck nach Italien und läufst vor irgendetwas davon. Muss ich sonst noch etwas wissen, bevor ich die Polizei rufe?“, antwortete ihm Monique mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht, wenig beeindruckt von seinem Flirt. Touché, er hatte sie offensichtlich unterschätzt. „Höchstens, dass ich zwei Millionen erbeutet habe bei meinem Überfall und ich bereit bin, mit Dir zu teilen“, gab er mit zaghafter Stimme wenig überzeugend zurück. „Bleibt noch der falsche Name“, sprach Monique. „Die Menschen mögen ihn, sie verbinden keine schlechten Eigenschaften mit einem Maximilian“, log er ihr zurück und wollte am liebsten wieder zu seinem Sitzplatz verschwinden.
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als ein Kollege von Monique an den Tisch kam und sie zu einer Besprechung mitnahm. Er versicherte ihr, dass er hier warten würde und war gedanklich schon damit beschäftigt, einen galanten Rückzug vorzubereiten.
Er schaute aus dem Fenster und versuchte, der Fahrt etwas Sinnhaftes abzugewinnen, das leichte Vibrieren in seiner Hosentasche bemerkte er zunächst nicht. Nach einer kleinen Ewigkeit konnte er es endlich seinem Smartphone zuordnen und nahm das Gespräch an. Es war sein Bruder. Er befürchtete, dass es eines dieser bedeutungslosen Small-Talk-Gespräche würde, die sein Bruder tätigte, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Dementsprechend lustlos begann er das Telefonat. Als er nach fünf Minuten auflegte, hatte sich seine Situation geändert. Sein Bruder und er hatten für ihre Eltern und Großeltern und eine Reihe anderer Familienmitgliedern und Freunden ein Essen organisiert, ein Koch kam extra in die Villa Steinfeld, das Haus seines Bruders.
In seiner momentanen Gefühlsverfassung war sein erster Gedanke, einfach abzusagen oder sich Ausreden zu suchen, doch kamen seine Großeltern extra aus Frankreich, um den Abend mit ihnen zu verbringen. Er musste nach Frankfurt, das Treffen fand bereits am nächsten Tag statt. In dem Augenblick kehrte Monique zurück und als sie sich setzte, ließ Landweil ihr keine Zeit zum Verschnaufen.
„Was machst Du morgen Abend?“, fragte er, kaum saß sie. „Ich weiß nicht, vielleicht wandere ich nach Thailand aus, warum?“, gab sie zurück und war sichtlich noch in ihrem Spaßgespräch. „Du begleitest mich zu einem edlen Essen, wir kaufen Dir in Mailand ein Kleid für den Anlass“, entgegnete er mit einer Stimme, die er sonst nur in Meetings verwendete. „Aber Du bringst mich nachdem Essen nach Hause, Frank. Und Kleider kaufen lasse ich mir sonst auch nicht“, feuerte Monique und raubte ihm damit die Sprache.
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Von der Silhouette her konnte es aber glücklicherweise nicht Gärtner sein. „Man, was war das gestern für ein lustiger und unbeschwerter Abend“, erinnerte er sich. Sie standen lange an der Theke des Latin Palace und Judith brachte noch eine ausgesprochen nette weibliche Begleitung von der Tanzfläche mit. Gärtner war entgegen seiner Erinnerung ein amüsanter Gesprächspartner und übernahm recht schnell die Unterhaltung, indem er Anekdoten aus der ersten Zusammenkunft der beiden Männer erzählte, seiner Zeit als Veganer, als er jede Nähe zur konventionellen Ernährung in das Reich des Bösen verfrachtete und unter anderem Randolf Metzger hinsichtlich seines Nachnamens als Hohepriester der Fleischfraktion bezeichnete. Er hätte sich nun anderen, wichtigeren Themen zugewandt, berichtete er, um dann sehr angenehm die beiden Damen ihrerseits zu persönlichen Enthüllungen zu bewegen. Judiths Begleitung trug den exotischen Namen Elania, was ihre Erscheinung automatisch ins geheimnisvolle transportierte.
So wie sich die Indizien aneinanderreihten, musste diese noch schlafende Person Elania sein. Als sich nun so langsam die Müdigkeit aus seinem Gehirn verabschiedete, konnte er, bis auf seine Schlafenszeit, die letzten Stunden davor recht genau rekapitulieren. Sie waren auf dem Heimweg nochmals im Corazon gelandet, haben die gleichen Drinks wie zum Start, nur in umgekehrter Reihenfolge getrunken und waren dann zu viert aufgebrochen. Da Elania außerhalb wohnte, es schon sehr spät war und Frau Bieler ein Auge auf Gärtner geworfen hatte, war die unaufdringliche Notwendigkeit gegeben, Ihr sein Bett, mit dem Hinweis er nehme die Couch, anzubieten.
Sie meinte, dass sie beide doch erwachsen genug seien, um auch das Bett zu teilen, falls groß genug und verschwand direkt im Badezimmer. Der Anblick, als sie zurückkam und nur einen Slip und ein Unterhemdchen trug, erregte ihn und er beeilte sich mit seiner Körperhygiene. Er wollte sich auf jeden Fall von seiner sauberen Seite präsentieren. Allerdings schlief sie schon, als er nach zehn Minuten zurückkehrte und er tat es ihr gleich. Er war ehrlich zu sich und auch froh darum, weil er ebenfalls hundemüde war.
„Moin, moin, lieber unaufdringlicher Gastgeber“, schalte es von der eben noch Schlafenden herüber und der norddeutsche Gruß passte nun so gar nicht zu ihrem Namen und seinen dazugehörigen Phantasien. „Guten Morgen“, entgegnete er mit einem noch verschlafenen Lächeln. „Wenn Du zuerst ins Bad gehst, ist die Maschine heiß, wenn Du fertig bist und wir können wie zivilisierte Menschen mit einem guten Kaffee in den Tag starten“. Mit einem gespielt zackigem „zu Befehl“ folgten Sie seinem Vorschlag und er machte sich in der Küche zu schaffen.
Das tanzende Smartphone unterbrach sein Vorhaben. Auch wenn er sich im Vergleich zu den meisten „Always-Online-Junkies“ als autarken, selbstbestimmten Menschen bezeichnete, war es für ihn als Freiberufler doch wichtig, zu überprüfen, ob hinter dem Smartphone-Rhythmus etwas finanziell Wichtiges steckte. Da er über die Mund-zu-Mund-Propaganda eine gewisse Bekanntheit unter Eventorganisatoren genoss, kamen auch ohne sein Zutun immer wieder Anfragen. Diese E-Mail las er gewissenhaft, denn sie kam von einem befreundeten Unternehmen mit dem langen aber aussagekräftigen Namen „TausendDingeDieNochKeinAndererKenntAberGenialSind.de“.
Er rief direkt an, da er es hasste, auf diesen kleinen Dingern längere Texte zu schreiben. Der gute Hans Hamacher begrüßte ihn hörbar erfreut: „Man Randolf, Danke, dass Du so schnell zurückrufst! Du musst mich retten …“. Metzger machte sich Notizen: eigentlich französischer Koch gewünscht, aber wenn kurzfristig niemand frei auch deutscher Koch mit extravaganten Ansätzen, leider schon morgen, Honorar tausend plus Spesen, aber in Frankfurt und das war doch ein positiver Aspekt. Er notierte sich die Adresse mit dem Zusatz „Villa Steinfeld“. Es hörte sich machbar an, die Gästezahl war überschaubar und er kannte sich in Frankfurt aus. Sonst keine Vorgaben, aber es sollte kein Standard sein, was natürlich der vermittelnden Agentur geschuldet war.
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Frank Landweil musste noch einige Zeit auf dem Bahnsteig warten, bis Monique mit einer entschuldigenden Handgeste aus dem Zug stieg und auf ihn zukam. Ohne ihre strenge Kontrolleur-Uniform gefiel sie ihm noch besser, wobei er einen anderen Kleidungsstil erwartet hätte. Sie trug eine weit ausgeschnittene Stoffhose, auf der sich verspielte Paisleymuster ihren Weg bahnten. Ihr Oberteil würde er in die Kategorie eines langärmligen T-Shirts einordnen, vielleicht etwas besser geschnitten, aber doch sehr locker. Das Bild der beiden war selbst für die modebewussteren Mailänder schwierig einzuordnen. Da stand ein Mann in den Dreißigern in adrettem Stil neben einer Mittzwanzigerin, zumindest vermutete er das, die geradewegs von einem Independent-Musikfestival hätte kommen können. Die entgegenströmenden Personen musterten zunächst Landweil, bevor sie mit leicht aufgerissenen Augen Monique ansahen. Da verspürte er das Bedürfnis, sie an die Hand zu nehmen und den Leuten zu signalisieren, dass sie ihm gefällt, wie sie ist, unterließ es jedoch. Es war auch nicht von Nöten, im Gegenteil. Monique fühlte sich augenscheinlich sehr wohl in ihrer Kleidung und warf den irritierten Gesichtern ein selbstbewusstes Lächeln entgegen, was ihr wiederum einige verschmitzte Blicke einbrachte.
„Woher wusstest Du, dass ich nicht Maximilian heiße?“, fragte Landweil als sie geradewegs Richtung Taxistand liefen.
„Das war leicht. Man merkt es Menschen an, wenn sie einen anderen Namen angeben. Es ist, als ob sie den Namen rufen würden, sie verbinden ihn nicht mit sich selbst. Das war bei Dir eindeutig der Fall. Außerdem hast Du im Schlaf geredet, bevor ich Dich geweckt habe. Du sagtest ‚Frank Landweil, mitreißender Mittdreißiger, wenn Sie gestatten‘“, entgegnete Monique und konnte nicht widerstehen, sein Zitat ein wenig prustend von sich zu geben.
Landweil wurde rot. Auch wenn er im Schlaf keinen Einfluss darauf hatte, was er von sich gab, so war es ihm doch unangenehm. Den Satz hatte er schon länger im Kopf gehabt und wollte ihn bei einer Frau ausprobieren, hatte sich bisher aber nie getraut. Und jetzt war er ihm im Schlaf über die Lippen gegangen. Sein fragiles Gedankengebäude, das nunmehr schon mehrere Stunden hielt, drohte wieder ins Wanken zu geraten. Die Souveränität war verloren. Da kamen sie bei den Taxen an.
Mit seinen spärlichen Italienischkenntnissen erklärte Landweil dem Taxifahrer, dass sie nicht viel Zeit hätten und in die Via Montenapoleone möchten. Dankbarerweise verstand er ihn sofort und prügelte seinen alten Lancia durch die Gassen, als müssten sie nicht von einem Ort zum anderen, sondern dazwischen auch noch ein paar Verfolger abschütteln. Als sie ankamen, bat Landweil den Taxifahrer gegen Bezahlung zu warten. Dieser strahlte ihn mit einem mit wenigen Zähnen ausgestatteten Grinsen an und kramte Tabak und Zigarettenpapiere aus seiner Tasche und lehnte sich an seinen Wagen.
Die Zeit raste nur so dahin. Wie in einem Trancezustand erlebte Landweil den Kleiderkauf. Monique wusste sofort, was sie wollte. Sie wählte ein Kleid in einem helleren Blau, sie nannte es „Lichtblau“, das sommerlich, aber elegant aussah. Frank Landweil bezahlte, sie bedankte sich, ohne dabei unterwürfig zu sein und sie fuhren zurück zum Bahnhof. Diesmal mit weniger Druck auf dem Gaspedal und, wenn er sich nicht irrte, auch nicht auf dem schnellsten Weg.
Seine neue Bekanntschaft war keineswegs eine Frau, die man sich einfach kaufen konnte. Sie sprachen kaum miteinander, ab und an fiel eine Floskel über Mailand, dann war wieder Stille.
Sie hatten kaum zehn Minuten Zeit, als sie am Bahnhof eintrafen und Landweil kaufte sich ein Ticket geradewegs Richtung Frankfurt, Monique fuhr ohnehin umsonst, zumindest versuchte sie gar nicht erst, ein Ticket zu kaufen. Die Ereignisse des Tages hatten ihn müde werden lassen und er passte gerade noch den Moment ab, als ein Kontrolleur seinen Fahrschein sehen wollte. Es war natürlich nicht Monique, er hatte sie nicht mehr gesehen, seitdem sie am Bahnhof angekommen waren und er den Ticketschalter angesteuert hatte. Bevor er sich weitere Gedanken darüber machte, schlief er ein und seinen Geist eroberten wieder surrealistische Träume. Er lief durch eine tiefe Häuserschlucht und konnte seine Augen wieder nicht richtig öffnen. Hinter sich hörte er eine unruhige Menschenmenge, aber irgendetwas hinderte ihn daran, sich umzudrehen. An einer Kreuzung saß ein Mann auf einer roten Kuh und schüttelte den Kopf, als er ihn erblickte. Als er aus dem Schlaf hochschreckte, war es bereits dunkel draußen. Mailand, ein paar Stunden.
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Glücklicherweise gab es einen Bäcker an der nächsten Ecke und der Erwerb der Brötchen und Croissants nahm nicht allzu viel Zeit in Anspruch. Als er die Tür wieder aufschloss, saß sein Überraschungsübernachtungsgast schon am Tisch und hatte sich nützlich gemacht. Er bereitete zwei Café zu und stellte noch ganz unprätentiös eine Karaffe Leitungswasser dazu. Es hatte schon seinen Grund, dass Elania bei ihm übernachtete. Es lag weniger an ihm, als an Urs Gärtner, mit dem sich seine Nachbarin gestern bestens amüsiert hatte und der ihrer ziemlich besten Freundin die versprochene Betthälfte nicht mehr anbieten konnte oder besser wollte.
Elania war, wie sollte es auch anders sein, nicht Elania, sondern Rebecca von Siebenreif, ein adliger Name mit gesundem wirtschaftlichem und familiärem Hintergrund. Der Tarnname war unter den Freundinnen bekannt und so war es kein Wunder, dass seine Nachbarin Judith so locker mitspielte.
Da er seine schnelle Abreise vorbereiten musste, erzählte er ihr in Kurzform, womit er aktuell sein Geld verdiente und dass er sich nun um eine Zugverbindung kümmern müsste. Sie bot sich postwendend als Praktikantin ohne Verdienst an, um die Gelegenheit zu erhalten, einem guten Koch über die Schulter zu schauen und, das dachte sie sich still, Zugang zur Villa Steinfeld in Frankfurt zu erhalten. Für Randolf war das eine echte Win-win-Situation, da er Spesen und Hilfspersonal voll abrechnen konnte und zusätzlich eine attraktive Begleitung hatte, was sich eventuell zusätzlich positiv auf seine Reputation auswirken konnte. Sofern sie nicht zu sehr im Weg stand.
Als der ICE aus dem Bahnhof rollte, hatten sie zwei hektische, aber effiziente Stunden hinter sich: der immer fertige Kochutensilienkoffer plus zweimal kleine Garderobe, kurze Nachricht an die Nachbarin, aus deren Wohnung noch kein Ton zu vernehmen war, und dann per Tram zum Bahnhof. Das ging erfahrungsgemäß am schnellsten. Die nächsten gut vier Stunden boten Zeit, die schnellentschlossene Praktikantin für ihre Rolle als Assistentin zu instruieren. Im echten Leben arbeitete sie in einer Galerie und für Auktionshäuser, mit welchen sie den Traum teilte, eines Tages ein verschwundenes Meisterwerk zu entdecken.
Da Metzger es strikt ablehnte, fertig belegte Baguettes aus einem der immer zahlreicher werdenden Bahnhofsverkaufsständen zu kaufen, versorgten sie sich mit ausreichend gutem Roggenbrot, einem Pfund Sbrinz, Rebeccas Lieblingshartkäse, herrliche Mortadella mit Pistazien, Mayonnaise, den Umständen geschuldet aus der Tube und für den ordentlichen Rahmen eine weiß-rot karierte Tischdecke. Sie hatten noch zwei Plätze am Tisch im Großraum der zweiten Klasse ergattert und fingen schon kurz nach Freiburg an, den Hunger zu stillen.
Die Kontrolleurin, die kurz hinter Basel schon einmal die Karten kontrolliert hatte, blieb nun nochmals stehen und fragte, ob sie neu zugestiegen wären, mit einem anerkennenden Blick ob des für den Großraumwagen nahezu festlich gedeckten Tisch. Lediglich die Plastikwasserflaschen passten nicht ins Bild. Professionell schlug die junge Kontrolleurin mit dem nach anderen Berufsbildern klingenden Vornamen Monique die höffliche Einladung zu kosten aus.
Metzger fing an, begleitet von den interessierten Rückfragen seiner neuen Assistentin, das Menü zusammenzustellen.
In einem längeren Telefonat mit Hans, seinem direkten Auftraggeber, versuchte er anhand der Charakteristik der Gesellschafft, des Anlasses und der Gästezahl, ein geeignetes Szenario zu planen, das dem Essen genug Aufmerksamkeit verlieh, sich aber trotzdem nicht als Hauptanlass in den Vordergrund drängte.
18 bis 20 Personen waren gut zu zweit zu bewältigen und nach Aussage von Hans bot die Küche des Hauses einen sechsflammigen Herd mit übergroßem Backofen. Die Eventagentur musste nun noch das passende Geschirr, Besteck und Gläser anliefern. Die Getränke würde er morgen als Erstes anliefern lassen, damit sich der Wein beruhigen konnte und das Bier und der Champagner auch sicher gekühlt waren. Der heutige Abend würde noch reichen, den Menüplan semantisch aufzubereiten und die entsprechenden Informationen und Formulierungen an Hans zu mailen, damit dieser noch ein wenig zusätzliche Verpackung für das Gesamtpaket lieferte, das dann, wie meistens, zufriedene Gäste und damit den zufriedenen Auftraggeber zurückließ.
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Es war kurz vor Mitternacht und Frank Landweil fühlte sich unausgelastet. Der vergangene Tag war vielseitig und vor allem merkwürdig gewesen, doch strengte das Sitzen in einer Bahn mehr physisch als psychisch an. Er versuchte, die vergangenen Ereignisse für sich Revue passieren zu lassen und wusste nicht, ob er dem Geschehenen einen gewichtigen Wendepunkt in seinem Leben oder eine kindliche Flucht aus dem Alltag zuschreiben sollte. Er saß immer noch im Zug und das monotone Rattern der schweren Wagons, wie sie unaufhaltsam in Richtung Frankfurt donnerten, beunruhigte ihn. Mehr wegen des Ziels als der Fahrt an sich. Am frühen Morgen erreichten sie die Metropole am Main.
Einen überdrehten Moment suchte er beim Aufstehen nach seinem Gepäck. Es vergingen überlange Sekunden, bis ihm einfiel, dass er keines hatte. Er stieg aus dem Zug und stand verloren vor der Wagentür. Der entnervte Hinweis eines Mannes in Anzug mit Aktenkoffer in der Hand hinter ihm ließ ihn aus seiner Abwesenheit erwachen. Nicht genug, um seinen Beinen die nötigen Signale zu senden, sich vorwärts zu bewegen, sodass er unsanft nach vorne fiel, als ihn ein Aktenkoffer im Rücken wegdrückte. Er konnte sich gerade noch mit den Händen abstützen, um nicht völlig auf dem Boden zu landen. Geradewegs vor diesen erblickte er ein Paar Schuhe, das ihm merkwürdig bekannt vorkam. Er blickte an einer wildgemusterten Stoffhose hinauf. Monique schaute ihn irritiert an.
„Suchst Du was?“, fragte sie ihn, als er sich peinlich berührt aufrappelte und die Hose abklopfte. „Ich weiß nicht, vielleicht ja“, entgegnete ein sichtlich überforderter Frank Landweil. Sie nahm kommentarlos seine Hand und zog ihn in Richtung Ausgang. Sie klärten noch die Details, wann sie in der Villa Steinfeld sein sollte und er gab ihr die Adresse. Sie hatte es strikt abgelehnt mit ihm dort aufzutauchen, sie würde nachkommen versprach sie und pünktlich da sein. Kaum hatte er sich verabschiedet, ein einzelner Wangenkuss, verschwand sie in einem Taxi, dessen Lichter sich alsbald in denen der anderen Autos verloren.
Wenn Frank Landweil normalerweise in die Stadt seiner Kindheit zurückkam, machte er eine kleine Tour durch sein altes Stammcafé, seine Lieblingseinkaufsstraße und traf sich mit den wenigen Bekannten, die er in der Stadt noch hatte. Heute war er ratlos, was er mit dem Tag anfangen sollte. So früh morgens bei seinem Bruder aufzutauchen war sinnlos. Er würde zur Arbeit müssen wie jeder andere auch. Sein kleines geliebtes Stammcafé würde wie seit Jahren schon um neun Uhr öffnen. Aus der Not heraus hob er den Arm und winkte ein Taxi heran.
„Erste Mal in Frankfurt?“, ein junger arabisch aussehender Mann mit vollem Bart und freundlichen Augen schaute ihn fragend über den Rückspiegel an. Und da war sie wieder, die Manie, die er in den letzten Stunden nicht mehr gespürt hatte. Er begann ein Gespräch mit dem Taxifahrer, der Student der Informatik war, und nur nebenbei als Taxifahrer jobbte. Sie lachten viel und unterhielten sich über die Stadt und wie sie sich verändert hatte oder zu haben schien. Er ließ sich mit einem kleinen Schlenker am Main vorbei in die Goethestraße fahren. Für den Abend war extra ein Event-Koch engagiert worden und es würden neben seinen Großeltern und seinen Eltern auch Freunde der Familie, vor allem Freunde seines Vaters, anwesend sein. Ein Anzug oder etwas Ähnliches war folglich Pflicht.
Frank Landweil war jemand, der genau wusste, was er wollte, zumindest in Stilfragen. Er kaufte einen klassischen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd mit Manschettenknöpfen und ein enganliegendes weißes T-Shirt zum Unterziehen. Zu dem blauen Kleid von Monique wollte er keine Experimente eingehen und entschied sich gegen eine Musterung. Da er öfters bei diesem Schneider kaufte, wurde ihm versprochen, dass er den angepassten Anzug gegen Mittag abholen könnte. „Oder in das übliche Hotel liefern lassen?“, fragte der kleine Mann mit dem Nadelkissen am Arm. „Nein, nein, ich komme vorbei“, entgegnete er – sein übliches Hotel blieb bei diesem Aufenthalt leer. Nun lief er doch, nach einem Blick auf die Uhrzeit, über die Zeil hinweg zu seinem kleinen Lieblingscafé auf der Bergerstraße. Schon in seiner Schul-, später dann in seiner Studienzeit hatte er ganze Nachmittage dort verbracht. Er freute sich umso mehr, als er beim Eintreten ein bekanntes Gesicht erblickte. Ein älterer Herr in weißem Hemd war das Urgestein und Herz des Ladens. Sie plauderten kurz im Stehen, dann setzte er sich zu ihm an einen kleinen Tisch in der Ecke. Der Abend in der Villa Steinfeld rückte immer näher, wie eine böse Vorahnung, die man intuitiv spürt.
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Er hatte etwas recherchiert, um seinem Prinzip treu zu bleiben, möglichst gut vorbereitet zu sein. Bei der kurzen Vorbereitungszeit lag die Betonung auf möglichst. Der Name „Villa Steinfeld“ ging auf seine ehemaligen Eigentümer zurück. Jüdische Kaufleute, die bis zuletzt in Frankfurt mit ihrer großen lebendigen jüdischen Gemeinde ausharrten, um dann doch dem Naziterror in letzter Minute zu entfliehen. Wenn er richtig informiert war, war der Zufluchtshafen Nordamerika, was auf einen gewissen, zumindest gewesenen Vermögenshintergrund schließen ließ. Mehr war auf die Schnelle nicht aus dem Google-Gott herauszuholen. Es war also keineswegs notwendig ein vermintes Gelände hinsichtlich ethisch-politischer Einstellungen, oder aber genau das Gegenteil.
Glücklicherweise war im Moment keine Messe in Frankfurt und sie mussten für ein bezahlbares Quartier nicht in den Hintertaunus ausweichen. So kamen sie zu akzeptabler Taxe in einem Motel One im Messeviertel mit üblichem zweckmäßigem Ambiente unter, getrennte Zimmer inklusive. Ein weiterer Vorteil der zentralen Unterkunft war, dass man persönlich Ware vor dem Kauf begutachten und, wenn der Vorabend frei war, noch ein wenig in die Nacht abtauchen konnte.
Metzger war fast zeitgleich mit der Warenanlieferung vor Ort. Da er ohne eigenes Auto unterwegs war, nahm er das Angebot des Großhändlers, den Einkauf zur Villa zu transportieren, dankend an. Er selbst fuhr aber mit den Öffentlichen, um nicht wegen der Zwischenstationen warten und in dem muffig riechenden Lieferwagen mitfahren zu müssen. Das Haus war für eine Großstadt eindrucksvoll und in einer stillen Seitenstraße des Museumsviertel gelegen; Mauer, Eingang mit Überwachungskamera und der üblichen Wartezeremonie nach dem Klingeln inklusive. Sie wurden von der Dame des Hauses eingelassen. Frau Landweil war eine attraktive Mitdreißigerin mit blondierten Haaren, dem Antlitz von Geld und der Gewissheit, dass ihr äußerer Zustand exakt wie heute noch mindestens 10 Jahre erhalten bleiben wird, wenn auch unter Zuhilfenahme der modernen Fitness-, Ernährungs- und Schönheitsindustrie. Metzger stand darauf.
Während er sich die Räumlichkeiten zeigen lies, klingelte es ein weiteres Mal. „Das wird meine Assistentin sein“, warf Randolf Metzger ein und Frau Landweil zeigte sich überrascht, und mutmaßte wohl, dass ihr Gatte wohl gleich zwei Personen geplant hatte und mal wieder sein Budget erheblich überschreiten würde. Ihre etwas spitze Bemerkung: „so, darüber bin ich gar nicht informiert worden“, bestätigte seine Einschätzung. Klarer Fall von: das Geld kommt zwar nicht aus meiner Familie, aber mein lieber Mann schmeißt es mit vollen Händen raus. Damit die Stimmung nicht von vornherein zu kippen drohte, konterte Metzger fast ein wenig zu lässig: „Rebecca von Siebenreif geht auf meinen Deckel und wird den Rahmen des Budgets nicht belasten.“ Ob das die Stimmung nun rettete, war nicht zu klären. Mit Sicherheit jedoch hinterließ das „von“ im Namen der „Assistentin“ eine gute Stimmung. Die Eitelkeit der Menschen zu stimulieren, hat ja bisher selten geschadet, dachte Randolf, und war mit sich bis jetzt sichtlich zufrieden.
Nach einer kurzen Vorstellung setzten sie den kleinen Rundgang durch die Villa nun als Dreier und das recht flott fort. Eigentlich sollten Sie auf dem schnellsten Weg zur Küche und vorher noch durch das Esszimmer geleitet werden. Der schnellste Weg war offensichtlich durch die Bibliothek und dies verschaffte zumindest für zwei der drei Personen ein besonderes „Aha-Erlebnis“. Sowohl Rebeccas als auch Metzgers Blick blieb kurz an einem außerordentlichen Bild hängen: ein Impressionist voller Leuchtkraft, nur das Motiv verstörte sie ein wenig. Noch als sie in Küche und Esszimmer in alles Wesentliche eingeführt wurden, hing es ihnen nach, was ihre Konzentration ein wenig störte.
Kaum waren sie unter sich, platzte es zeitgleich aus ihnen heraus: „Hast Du das Bild gesehen?“ Metzger antwortete als Erster: „Ja, sicher, aber irgendetwas stimmt daran nicht. Das Bild von Max Liebermann, das im Frankfurter Städel hängt, zeigt ein Waisenhaus und zwar für Mädchen!“ Rebecca nickte zustimmend und fügte gleich noch ein paar Details hinzu, die das Gesamtwerk des Malers und dessen Wert betrafen.
Es klingelte erneut. Wahrscheinlich wurde das Geschirr angeliefert.
23
Die Zeit im Café hatte Frank Landweils guter Stimmung keinen Abbruch getan, au contraire. Am späten Vormittag verabschiedete er sich mit einem langen Handschlag und einem üppigen Trinkgeld. Er holte seinen neu erstandenen Anzug ab und entschied sich am Ende der Straße doch wieder für das Taxi und gegen die öffentlichen Verkehrsmittel. Als er im Café saß, war ihm eingefallen, dass er etwas Pflege und eine Dusche durchaus gebrauchen könnte.
Er ließ sich zur Villa Steinfeld kutschieren und harrte eine Zeit lang vor dem protzigen mit Säulen dekorierten Eingang aus, bevor er klingelte. Sophie öffnete nach wenigen Augenblicken die Tür und strahlte ihn an, bevor sie ihm in die Arme fiel. Er fragte sich jedes Mal aufs Neue, wie sein Bruder es geschafft hatte, eine Frau vom Format von Sophie für sich zu gewinnen. Sie war eine rundum hochattraktive Persönlichkeit, der man ihre fast vierzig nicht ansah. Doch nicht nur äußerlich thronte sie über seinem Bruder. Wie immer lag zwischen ihnen nach wenigen Minuten Small-Talk eine gewisse Spannung in der Luft, die eindeutig erotischer Natur war. Sie hatte ihm schon immer etwas zu gut gefallen, was auch seinem Bruder nicht unbemerkt geblieben war. Ihr letzter großer Streit ging offiziell auch um eine Nichtigkeit, ausschlaggebend war aber ein gemeinsamer Abend gewesen, an dem Sophie ihm im Spaß offensichtliche Offerten machte, die er nicht ganz klar abgelehnt hatte.
Auf Sophies Nachfrage, warum er so früh schon da war und erstmal duschen müsste, antwortete Frank Landweil halbherzig und argumentierte mit gelungen Projekten, die ihn früher nach Frankfurt fahren ließen beziehungsweise spät in Zürich los, je nach dem. Als er frisch geduscht und mit den teuersten Pflegeprodukten seines Bruders aufgefrischt in die Bibliothek der Villa lief, merkte er erst, dass der Koch bereits da war. Er hatte eine Frau bei sich, die für eine Assistenz eines Koches eindeutig zu wohlhabend und elegant schien. So etwas sah man den Menschen an, wenn man aus ähnlich elitären Kreisen stammte. Frank Landweil vermied jedoch ein gezwungenes Gespräch mit ihnen und lief weiter in Richtung Ausgang. Sophie sprach dort gerade mit Lieferanten, die anscheinend Geschirr brachten. Er sagte ihr, dass er sich nochmal die Beine vertreten wolle und sie bat ihn, den Hund mitzunehmen. Dass er Kleidung seines Bruders trug, erwähnte sie nicht. Ihm war sein neuer Anzug schlichtweg zu schade gewesen für einen Spaziergang und nach einem Pflegeprogramm wieder in seine getragene Kleidung steigen, mochte er nicht. Und so fand sich Frank Landweil wenig später samt des Rhodesian Ridgebacks „König Louis“ am Mainufer wieder. Der Name des Hundes war eine Idee seines Bruders gewesen, die er heute noch sehr amüsant findet. Er stand mit dieser Meinung allein da in der Familie. Sogar seine Mutter, ihres Zeichens bekennende Hundeliebhaberin, nannte ihn einfach Louis.
Landweil ließ seinen Blick eher ziellos über die Skyline schweifen, sodass er fast in eine Joggerin gelaufen wäre. „Franky?“, rief es von einer Gruppe herüber, die um eine kleine Musikbox herum saß. So viel Pech kann man nicht haben, dachte er in diesem Moment. Julius Steltzer saß mit ähnlich alternativ gekleideten Männern und Frauen auf einer Wiese und schien nichts zu tun zu haben an einem Werktag am frühen Nachmittag. Er überlegte sich eine kurze Zeit, wie er um das Gespräch herumkam und entschied sich dafür, ihm schlichtweg den Mittelfinger zu zeigen. Die Blicke der Gruppe waren unbezahlbar, ein entrüstetes „Chill mal Alter!“, drang noch zu seinen Ohren, doch er wurde schon von der Euphoriewelle gepackt und beflügelt den Main entlang getragen.
Sein Spaziergang dauerte fast zwei Stunden und als er zurückkam, war die große Tafel im Speisezimmer bereits festlich eingedeckt, und aus der Küche hörte er ein reges Treiben. Er ließ König Louis von der Leine und suchte Sophie. Ein Hausmädchen, das am Abend wohl bedienen sollte, richtete ihm jedoch aus, dass Frau Landweil noch einmal weg musste und er sich nehmen solle, was er brauche. Er brauchte einen Drink. In der Bibliothek goss sich einen 30 Jahre alten Scotch ein und ließ sich in einen Sessel fallen. Er hatte mittlerweile große Lust auf den Abend.
24
Mit Déjà-vu wird eine Erfahrung bezeichnet, die sich in dem Gefühl äußert, eine neue Situation schon einmal erlebt, gesehen, aber nicht geträumt zu haben. In Metzgers Fall war es die kurze und distanzierte Begegnung mit dem Bruder des Gastgebers, den er glaubte schon einmal oder sogar mehrmals gesehen zu haben. Ein kleiner Sturm raste durch seinen Kopf, der die Kategorien Angst, Bedrohung, Enttarnung, Schuld, Vergessen, gehörnte Ehemänner oder Geschäftspartner mit falschen Namensangaben durchforstete.
Er passte nicht direkt in eine der Kategorien. Er war sich sicher, ihn schon gesehen, aber nicht wirklich Kontakt gehabt zu haben. Eine oder mehrere flüchtige Begegnungen also, zufällig oder nicht. Aber wer glaubte bei seiner Vergangenheit schon an Zufälle.
Rebecca war schon fleißig dabei, das Esszimmer dem Motto der Speisenfolge entsprechend vorzubereiten. Früher nannte man es eindecken, heute erwartete man Tischkultur. Also mehr als nur Teller und Besteck. Da er kein Freund der Molekularküche war, wurde komplett auf Reagenzgläsern ähnelnde Behältnisse oder gar Plastikpipetten verzichtet. Randolf pflegte die Außergewöhnlichkeit seiner Tischkultur aus dem natürlichen Kontrast zu schöpfen: Kaktusstacheln, wenn es um eher einfache Dinge wie Tomaten-Mozzarella-Spieße ging, Plastik-Pommesgabeln in lila, wenn es galt den perfekten Scampi die Krone aufzusetzen. Kleine Provokationen, die meist Diskussionsstoff boten, und so bekam manchmal selbst die Vorvorspeise eine Rolle zugedacht, die lange in Erinnerung blieb.
Rebecca war wirklich gut. Sie hatten noch nie miteinander gearbeitet und doch verfolgten sie die gleiche Philosophie. Sie versuchte das Bestehende, in diesem Fall den wunderschönen Esstisch, aktiv in die Dekoration einzubinden. Nur ein Tuch darüber zu werfen wäre einfach gewesen. Stattdessen riss sie das Tuch in halbwegs gleichmäßige Teile und überspannte den Tisch, der aus einer übergroßen Tür gearbeitet war, mit einem Gitter aus Tuchstreifen, zwischen welchen die Maserung der alten Tür sehr schön sichtbar blieb. Das Ganze sah nun wie ein Seeräubertisch mit geraubtem Porzellan aus. Außergewöhnlich, aber schick.
Metzger war klar, dass sie genauso wie er darauf wartete ungestört zu sein, um sich nochmals über das Bild in der Bibliothek auszutauschen. Sie war ja, wie ihm bekannt war, im richtigen Leben angehende Kunsthistorikerin mit Nebentätigkeit in einem bekannten Auktionshaus. Ihre Kenntnis gerade solch bekannter Maler sollte also der seinen in nichts nachstehen, sie wohl eher noch übertreffen. Er sprach zuerst, merkte aber, dass sie exakt die gleiche Frage auf den Lippen, übrigens sehr schöne Lippen, hatte: „Hat Max Liebermann auch ein Jungen-Waisenhaus gemalt?“ Es war exakt das gleiche Bild, nur waren es keine Mädchen, sondern Jungs. Vielleicht ein schlechter Scherz eines guten Fälschers, der beweisen möchte, dass alte Motive neu interpretiert auch seinen Reiz haben. Sie waren sich einig, diesem Umstand noch weiter auf den Grund zu gehen. Er war sich allerdings sicher, dass er Rebecca nicht alle seine Motive inklusive seiner nicht gerade öffentlichen Vergangenheit verraten würde und sie war sich sicher, dass, falls es kein schlechter Scherz, sondern eine interessante Entdeckung sein sollte, sie die erste sein würde, die daraus persönliches Kapital schlagen würde.
Im Haus wurde es langsam unruhiger. Der Herr des Hauses samt zweier Kinder war plötzlich anwesend und das Abendessen stand wieder im Fokus ihres Tuns. Sie hatten erwartungsgemäß hinsichtlich der Zutaten aus dem Vollen schöpfen können. In Frankfurt gab es fast alles zu kaufen und das in recht gehobener Qualität. Sie hatten lange gereiften Jamon Iberico, ein sehr schöner großer Pulpo, Rochenflügel und gutes abgehangenes Fleisch erworben, Gemüse inklusive.
Der Gastgeber unterschied sich deutlich von seinem schon mittags aufgetauchten Bruder. Er war der klassische, sympathische Nerd, der anscheinend durch eine gute Idee früh zu Reichtum gelangt war und souverän nicht nur eine Firma, sondern auch seine Familie führte. Es war ein interessanter Mikrokosmos, der sich Metzger so langsam erschloss. Nur wie passte sein Déjà-vu in diese Geschichte?
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