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Manuela Terzi

Die Muse von Florenz

Historischer Roman


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Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Francesco_di_Giorgio_Martini_(attributed)_-_Architectural_Veduta_-_Google_Art_Project.jpg

und Master1305 / shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-6904-6

Widmung

Für meine Mutter

Du hast

immer

an mich geglaubt.

Grazie mille, mamma!

Zitat

»Selig sind,

die nicht sehen und

doch glauben!«

Johannes Kapitel 20, Vers 29

Kapitel 1

Es versprach, der heißeste Tag des Jahres zu werden. Das tat der Freude und Ausgelassenheit der Menschen auf der Piazza del Duomo keinen Abbruch, da war Juliana sich sicher. Zu Hunderten würden sich die Florentiner seit den frühen Morgenstunden auf dem riesigen Platz zwischen dem Dom und dem Battistero drängen, dessen glänzende Außenmauern seine Betrachter stets so herrlich blendeten.

Juliana sehnte sich danach, zu den unzähligen Menschen zu gehören, die dort der Hitze des Maitages trotzten. Längst wollte sie sich inmitten der neugierigen Scharen aufhalten, stattdessen saß sie angespannt auf dem Bett in ihrer Kammer. Bereit, dem erlösenden Aufruf ihres Vaters zu folgen. Seit Stunden wartete sie ungeduldig auf ihn, den notario Ferdinando Serrati, der ihr am Morgen versprochen hatte, sie zu begleiten. Nach vielen Wochen des Flehens hatte ihr Vater endlich eingelenkt.

Weit nach der Mittagszeit schallte seine erzürnte Stimme durch die Casa Serrati. Die ungewohnte Schärfe darin weckte Julianas Neugier. Es ging um die cupola. So viel hatte sie verstanden, obwohl mehrere Männer durcheinanderredeten.

Der überraschende Besuch mehrerer Ratsmitglieder, die sich im Audienzzimmer des Notars eingefunden hatten, versetzte das ganze Haus in Aufruhr. Ihr Vater saß gewiss in dem unbequemen Stuhl nahe der Tür. Seine Besucher standen seit ihrem Eintreffen an jener Stelle, die vom heißen Sonnenlicht erfasst wurde. Sicherlich stand ihnen der Schweiß auf der Stirn, während ihr Vater sich kühle Luft mit einem Fächer verschaffte. Die Hitze in dem Raum des sonst kühlen Hauses rechtfertigte ihr Vater damit, dass die kalte Luft den Verträgen in den Truhen schade. Sie liebte den Raum mit seiner reich verzierten Holzdecke, der sie demütig werden ließ. Im Kindesalter hatte sie sich immer in einer Ecke versteckt, von wo aus sie die Verhandlungen ihres Vaters beobachten konnte. Unbemerkt, denn der handbemalte Schrank, eine Hochzeitsgabe ihres nonno, voller privater Urkunden ihres Vaters, hatte ein kleines Mädchen bestens verborgen.

Sie lächelte. Heute gelänge es ihr nicht mehr, sich dort unbemerkt zu verstecken. Auch verstand sie, warum ihr Vater bei seinen Verhandlungspartnern gnadenlos war. Beim notario gingen viele Verträge und Vereinbarungen über den Tisch. Kostbare Gemälde, Bauwerke und Skulpturen, alles bedurfte eines Vertrags, auf dessen genaue Einhaltung ihr Vater achtete. Mancher Künstler vollendete ein Gemälde, ohne den vereinbarten Lohn zu erhalten. Andere vergaßen den Tag der Lieferung, weil sie sich von einer Frau ablenken ließen oder sie neue Ideen von der Arbeit abhielten.

Laute Stimmen drangen durch die geöffneten Fenster ins Innere ihrer Kammer. Die ungewöhnliche Hitze hielt außerhalb des Hauses niemanden davon ab, die Mittagspause abzuwarten. Immer mehr Menschen zogen unter den Fenstern der Casa Serrati in der Via Porta Rossa vorbei. Sie alle wollten das Wagnis sehen. Geheimnisvolles wähnte Juliana deshalb auf der Piazza del Duomo, in deren Mitte das prächtige Kirchenschiff der Santa Maria del Fiore stand. Der Bau der cupola war in aller Munde, in der Casa Serrati wurde er totgeschwiegen. Bis heute.

»Brunelleschi wird den Tag des Triumphes nicht erleben!«, donnerte Ferdinando in diesem Moment. Ihr Vater ahnte nicht, dass sie auf die offene Loggia oberhalb des Audienzsaales getreten war.

Wühlte nur der Zorn ihren Vater so auf oder drohte er dem capomaestro wahrhaftig? Dem Mann, der kaum Zeit zum Schlafen fand, weil er beinahe rund um die Uhr arbeitete, um diese Kuppel zu bauen.

»Mögt Ihr Eure Gulden für dieses törichte Bauwerk verschwenden«, setzte ihr Vater nach.

Giovanni Baldachi, sein alter Freund, widersprach ihm heftig. Sein dichter, ockerfarbener Bart wippte bei jedem Wort sicherlich mit, was Juliana in Kindertagen erheitert hatte. »Es wird nicht das Geld sein, worum du dich sorgst, Ferdinando. Mach deine Arbeit, bevor ich mir einen anderen notario suche.«

»Was hat er dir versprochen, der kleine Wicht? Einen Stein in der vermaledeiten cupola, der deinen Namen trägt, Giovanni?« Ferdinando machte eine eindringliche Pause, um sich der Aufmerksamkeit der Männer zu vergewissern.

Die Anwesenden murmelten zögerliche Worte des Widerspruchs. Niemand wagte, laut zu werden und sich den Unmut des einflussreichen notario zuzuziehen.

»Eines Tages werdet ihr euch an meine Worte erinnern, dann ist es zu spät. Unsere Stadt wird nicht mehr dieselbe sein. Krankheiten und Seuchen werden vor den Stadttoren nicht haltmachen, uns heimsuchen. Niemand, der klaren Verstandes ist, fordert Gottes Zorn heraus.«

»Serrati, bei allem Respekt. Brunelleschis Modell zeigt, dass es durchführbar ist! Der Bau ist beschlossene Sache. Ihr waltet federführend bei den Vertragsunterzeichnungen und versucht neuerdings, den capomaestro in Misskredit zu bringen?« Zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Florenz schwieg Antonio, Vaters Assistent, nicht. War der junge Genuese etwa vor dem Zorn des notario gefeit? Seit dem Frühjahr lebte er in ihrem Haus, hatte bisher nie die Stimme gegen seinen capo erhoben, der ein guter Freund seines eigenen Vaters war. Im Gegenteil. Juliana ärgerte die Unterwürfigkeit, mit der ihm der junge Mann begegnete. Noch mehr verabscheute sie Antonios seltsames Gehabe, wenn er zu Tisch kam. Er tänzelte und strich ständig über sein glänzendes, glattes Haar. So spiegelglatt wie der Arno im Sommer. Was trieb ihn zu diesem Widerspruch?

Juliana neigte ihren Kopf über die Balustrade und hoffte, einen Blick auf die Streithähne zu erhaschen. Ihr Blick erreichte lediglich das staubige Pflaster der Via Porta Rossa.

»Was? Gott bloßzustellen? Wäre es denkbar, verehrter Antonio, dass Ihr selbst den Verstand verloren habt?«

Armer Antonio! Niemand widersetzte sich ungestraft ihrem Vater. Sie wusste oft nicht, worüber sie mit Antonio beim Abendmahl sprechen sollte. Deshalb vermied sie es, ihm fern des Essens zu begegnen. Stets verhielt er sich beschämt, wenn er ihretwegen seine Arbeit unterbrach und von ihrem Vater deshalb einen Tadel erhielt. War sie gar der Grund für seine Scheu? Juliana sah ihn vor sich, wie er sich verlegen dafür einsetzte, dass man Brunelleschis Arbeit wertschätzte.

»Brunelleschi …«

»Schweigt, Antonio, bevor ich vergesse, aus welchem Grund Ihr unter meinem Dach lebt!« Vaters Stimme hallte bis auf die Straße hinaus. Plötzlich sprach er bedrohlich verhalten, verharrte am Fenster, genau unterhalb der Stelle, an der sie stand. »Niemand spricht den Namen länger in meiner Gegenwart aus.«

Juliana erschrak, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

»Was suchst du hier? Die Zusammenkunft ist nicht für deine Ohren bestimmt, mein Kind.«

Hatte ihre Mutter schon lange dagestanden? Ungeduldig zog sie an Mutters Hand, bis die Sonne Dina Serratis helle Haut in glänzendes Licht tauchte.

»Hört selbst, Mutter! Vater droht dem capomaestro! Was hat er gegen ihn? Assunita sagt, in der Stadt redet man bereits über Vaters Jähzorn.« Juliana wagte nicht, ihre Mutter anzusehen, während sie sprach. Mit ihren achtzehn Jahren war sie weder Kind noch Frau, pflegte Dina zu sagen. An der Tür zu lauschen, stand einem Mädchen ihres Standes nicht zu, auch wenn sie die Unvernunft des freien Geistes quälte.

»Es war ein aufregender Morgen, Juliana. Ruh dich aus und sag deiner Freundin, sie soll dir nicht solchen Unfug erzählen«, schalt ihre Mutter sanft und nahm sie liebevoll in ihre Arme. »Zeig mir lieber deinen neuen Surcot, den Vater extra in Mailand für dich hat anfertigen lassen.«

Juliana folgte ihrer Mutter in ihre Kammer, während sie gedankenverloren eine ihrer widerspenstigen goldblonden Locken drehte. Der Stoff in der Farbe des Meeres, den sich Juliana über den Kopf streifte, betonte ihre blauen Augen. Stolz auf das prachtvolle Gewand wirbelte sie durch die Kammer, bis die Deckenmalerei zu einem bunten Einerlei verschwamm.

»Ein herrliches Material, das deine Vorzüge betont, Liebes.« Mutters Blick traf sie strafend, weil Juliana ausgelassen auf dem Bett landete. »Dein Vater ist uneinsichtig in so mancher Hinsicht, doch er liebt dich über alles.« Ein Schatten überzog das anmutige, schöne Gesicht Dina Serratis, die am offenen Fenster verharrte. Zierliche, hohe Wangenknochen und volle, weiche Lippen, die Vater so gern küsste. Mutters Bewegungen wirkten stets bedacht und sanft. In ihnen lag eine Stärke, die ihre stolze Herkunft verriet. In der Gegenwart ihrer Mutter fühlte Juliana sich oftmals unscheinbar, unsicher in allem, was sie tat und sagte.

Julianas Blick wanderte unschlüssig zu dem schicksalhaften Ort, der in den letzten Monaten ihrer aller Leben verändert hatte. Sie dachte an die Männer, die dort ihre Arbeit verrichteten, und fragte sich, ob sie von derselben Ungewissheit des nächsten Tages belastet waren wie sie. Natürlich, sie besaß alles, was ein junges Mädchen aus gutem Hause begehren konnte. Dennoch verspürte sie manchmal eine schmerzliche Leere, die zu füllen sie von Tag zu Tag stärker verlangte.

Vater betonte gern, dass seine einzige Tochter ihrer Mutter mit ihrer blassen Haut und dem wachen Blick ähnlich sei. Er schätzte sich glücklich, eine ansehnliche Tochter mit guter Erziehung zu haben. In den letzten Wochen hatte er es immer öfter erwähnt. Bei den sonntäglichen Spaziergängen zog Juliana bereits große Aufmerksamkeit auf sich. Anders als die Mädchen in ihren Kreisen, die beim Sticken und Singen von nichts anderem sprachen, verabscheute Juliana jeglichen Gedanken an ihre Zukunft, an Ehe. Die Blicke fremder Männer ängstigten sie. Erst neulich hatte sie bemerkt, dass sich ihr Körper veränderte. Die sanften Hügel ihrer mädchenhaften Brust wuchsen im Gegensatz zu ihrem Interesse, dem anderen Geschlecht zu gefallen. Darum war sie froh, wenn Vater die Arbeit öfter von gemeinsamen Ausgängen abhielt. Oder gab es einen anderen Grund, weshalb er sich kaum mit ihr auf der Straße zeigte? Schämte er sich ihrer, weil sie unverheiratet in der Casa Serrati weilte? Lieber hing sie romantischen Hirngespinsten nach, statt ihrer Mutter beim Sticken Gesellschaft zu leisten. Selbst Assunita, ihre treue Freundin und Verbündete im Herzen, war seit Kurzem einem befreundeten Bäckermeister in Fiesole versprochen. Aus heiterem Himmel. Bald würde die vertraute Freundin nicht mehr da sein. Das ruhige Mädchen mit einem Herz aus Gold würde am Ende des Herbstes in ein neues Leben ziehen, Ehefrau eines Mannes sein, der dann die Macht über ihr Schicksal in den Händen hielt. Juliana schauderte. Sie war nicht undankbar oder ungehorsam, doch predigte Vater nicht ständig, Florenz sei die Stadt der Freigeister? Warum wurden dann Assunita oder sie zu etwas gedrängt, das sie nicht wollten? Viel lieber wäre sie frei und ungezwungen wie die Künstler in der Dombauhütte hinter der Santa Maria del Fiore. Ja, sie neidete ihnen, dass sie ihre gewagten Ideen ausleben konnten.

»Was hat Vater gegen den capomaestro? Je mehr Menschen in die Stadt kommen, desto mehr Arbeit fällt ihm zu.«

Ihre Mutter zog Juliana sanft zu sich. »Dein Vater hat genug zu tun, sei unbesorgt. Er meint nicht, was er sagt.«

Juliana blickte über die nahe gelegenen Dächer zur Kathedrale und lächelte ihre Mutter verschwörerisch an. »Darf ich heute endlich das Modell von der cupola sehen, von dem Antonio gesprochen hat? Vater hat es mir versprochen.«

Die Gemüter in Vaters Arbeitszimmer erhitzten sich offenbar in diesem Augenblick erneut. Die zorngefärbten Stimmen verunsicherten auch ihre Mutter, die auf die Tür zusteuerte. Ihre Augen verdunkelten sich. »Wir sprechen darüber, sobald sich dein Vater beruhigt hat«, sagte sie und verließ mit eiligen Schritten die Kammer.

Der besorgte Klang in der Stimme ihrer Mutter bereitete Juliana Sorgen. Nie hatte sie ihren Vater so wütend erlebt, dass er sogar seinen besten Freund des Hauses verwies, wie er es soeben tat.

Juliana verließ ihre Kammer im Piano nobile, ging in das darunterliegende Stockwerk, um besser sehen zu können, und blickte über die Balustrade der Galerie in den kühlen Innenhof, wo sie ihren Vater am Eingangsportal entdeckte. Die hastigen Schritte der Männer auf den Cotti, die den Boden des Innenhofes auskleideten, schallten. Schulter an Schulter gingen Vaters Freunde. Hatten sie Angst, der notario würde ihnen aus Zorn den rettenden Ausgang versperren? Ängstlich musterte Juliana die schweren Querbalken und vergitterten Fenster des Hofs.

»Sucht Euch einen anderen, der diesen Unfug beurkundet!« Der hagere Mann mit den wachsamen Augen ballte die Faust. »Einen, der für ein paar lumpige Gulden bereit ist, seinen Ruf zu verspielen. Wie dieser eingebildete capomaestro den seinen!«

»Deine Selbstherrlichkeit und deine Unvernunft bringen dich in den Bargello, werter Freund«, sagte Giovanni. »Die Schuldscheine versprechen ein einträgliches Geschäft, und dem Volk schenken sie die Möglichkeit, an diesem einzigartigen Bau teilzuhaben.«

Juliana schauderte. In den Bargello? In dieses trutzige, dunkle Gefängnis, aus dessen Toren die Männer nach Tagen und Wochen mit bleichen Gesichtern und unsicheren Schritten herauswankten?

Zornig sahen sich die beiden Männer an, bis Giovanni das Zeichen zum Aufbruch gab. Mit einer unheilvollen Geste verließ er das Haus. Sogar er, Vaters bester Freund, der so manche Nacht bei Wein und Geschäften in der Casa Serrati verbracht hatte, entzog Vater das Vertrauen. Die anderen Ratsmitglieder folgten ihm und zogen den verunsicherten Antonio mit sich. Später würde er wieder im Arbeitszimmer ihres Vaters stehen. Er konnte schließlich nicht anders, da er im Einvernehmen der Familienoberhäupter in die Casa Serrati geschickt worden war. Antonio war gezwungen, vor dem notario zu erscheinen, wann immer dieser danach verlangte, die anderen Männer zeigten sich erleichtert, das Treffen beendet zu wissen.

Ein Windstoß zog durch das Haus und schlug die Tür von Vaters Arbeitszimmer krachend gegen die Wand. Juliana fuhr herum. Eines der Talglichter auf dem Pult ihres Vaters flackerte auf. Ein Funke sprang auf das reich mit Intarsien verzierte Holz über, wo Vater vor dem überraschenden Besuch seine Arbeit unterbrochen hatte. Juliana eilte rasch näher. Große Bögen Papier lagen ausgebreitet auf dem rindenbraun gebeizten Tisch. An einer Seite fraß das junge Feuer bereits gierig eine Spur. Beherzt schlug sie mit einem schmalen Buch die Flammen aus. Dunkle Ringe blieben von dem kleinen Brand. Beim Zusammenschieben der Papiere hielt sie überrascht inne. Vor ihr lagen Pläne, übersät mit Zahlen und Berechnungen, die sie verwirrten. Und erstaunten.

Auf der Treppe tobte ihr Vater. »Soll Antonio fortbleiben, wenn es ihm beliebt. Undankbar wie sein Vater. Warum habe ich mich auf den unsinnigen Vorschlag eingelassen, den vorlauten Bengel unter meine Fittiche zu nehmen?«

Dina versuchte, ihren Mann zu beruhigen. »Antonio lebt nur aus einem Grund hier, das weißt du genau, mein Lieber. Julianas wegen. Hast du gemeint, du könntest mich täuschen? Er tut den ganzen Tag so, als verstünde er nicht, was du ihm erklärst, und verstummt, sobald er unsere schöne Tochter sieht. Glaubst du wahrhaftig, ich wüsste nicht, weshalb du Antonio nach Florenz geholt hast? Es war nicht wegen der vielen Verträge für die Künstler, deren Werdegang du mit genügend Gulden aus deinem eigenen Tresor so liebend gern unterstützt.«

»Du redest wirr«, sagte Ferdinando aufbrausend. »Ich gebe mein Kind doch nicht diesem einfältigen Jungen! Morgen soll er gehen.«

Julianas Lächeln erstarb. Warum war sie so blind gewesen, Vaters Absichten nicht zu durchschauen? Antonio als ihr Ehemann? Niemals! Sie wollte sich nichts und niemandem unterwerfen. Besonders nicht einem Genuesen, der nichts von ihr wusste, außer dass sie einen vermögenden Vater hatte. Sicherlich war Antonio mehr an Vaters florierenden Geschäften interessiert als an ihr.

»Ferdinando, nimm Vernunft an. Was willst du seinem Vater denn sagen, wenn du Antonio plötzlich heimschickst? Dass er dir nicht nach dem Mund reden wollte?«

Meist gelang es Mutter, ihren aufbrausenden Mann zu umgarnen, doch nicht heute. Allen guten Worten abgeneigt, polterte ihr Vater die Treppe hinauf.

Betroffen von dem, was sie gehört hatte, wich Juliana von der Tür zurück. Vaters grimmiges Gesicht warnte sie deutlich, nicht hier, an diesem verbotenen Ort, von ihm entdeckt zu werden. Hastig suchte sie nach einem Fluchtweg und schlüpfte in letzter Sekunde in den Schrank. Unbequem und stickig war ihre Zuflucht. Etwas Hartes drückte gegen ihren Rücken, mit Vaters Zorn verglichen schien es jedoch das kleinere Übel. Kaum hatte sie die Schranktür zugezogen, fiel die Tür hinter dem Paar ins Schloss. Juliana blinzelte atemlos durch einen kleinen Spalt.

Dina verharrte mit Tränen in den Augen vor ihrem Mann.

»Was ist mit dir, Liebster?«

Vaters Blick ging ins Leere. »Hast du nicht gehört, wie sie mich verspotten?«

»Niemand tut das, Ferdinando. Vielleicht solltest du ein wenig ausruhen und …«

Mit einer unwirschen Handbewegung unterbrach er sie. »Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, Florenz zu verlassen.«

*

Der Tag, auf den Juliana sehnsüchtig gewartet hatte, war endlich da. Wie lang war ihr diese Woche erschienen, in der sie auf Vaters Einlösung des Versprechens gewartet hatte. Es war alles anders gekommen. Seit Vaters Disput mit Baldachi und seinen Freunden verlangten immer mehr Ratsmitglieder und Patrizier Einlass zum notario Serrati. Seit Tagen wurden die Forderungen lauter. Fürchteten die Männer um den Fortbestand ihrer Verträge, weil sie entgegen Vaters Überzeugung an Brunelleschi glaubten? Die Rufe jener, die Vaters Äußerungen missbilligten, waren in den letzten Stunden durch das geschlossene Tor und an Julianas Ohr gedrungen. Doch ihr stand nach erfreulicheren Dingen der Sinn. Am späten Nachmittag brach sie mit ihrem Vater zur Piazza del Duomo auf. Das Kirchenschiff spendete nur kurz erholsamen Schatten, denn sie mussten sich weit hinten ans Ende der langen Schlange reihen, die sich bereits vor der Basilika gebildet hatte. Vermutlich war das der einzige Ort, an dem niemand den notario vermutete. Juliana war verwirrt und enttäuscht. Verdankte sie die Erfüllung seines Versprechens der Beharrlichkeit ihrer Mutter oder dem Umstand, dass ihr Vater dem unerwünschten Besucherstrom in der Casa Serrati entfliehen wollte? Lange hielt ihre Unsicherheit jedoch nicht an. Schließlich stand sie auf der Piazza del Duomo und beobachtete überglücklich die vielen Menschen, wie sie es sich seit Tagen wünschte.

Überwältigt blickte sie zu der mächtigen Kathedrale Santa Maria del Fiore im Herzen der Stadt und hörte kaum das Lachen und Jubeln der Menschen um sie herum. Den Kopf in den Nacken gelegt, betrachtete sie den mannesbreiten Tambour, einen Ring aus Stein, die Basis für das Unvorstellbare, das Unglaubliche. Er allein sollte den Cupolone tragen, die große Kuppel, ohne ein schützendes Gerüst darunter. Die Gewissheit, in wenigen Momenten einen Blick auf das Modell aus Holz und Stein von capomaestro Filippo Brunelleschi zu erhaschen, den Vater einen Träumer schimpfte, ließ Julianas Knie zittern.

Die engen Gassen spuckten unaufhörlich Schaulustige auf die überfüllte Piazza. Würde sie heute nur verschwitzte Häupter sehen? Längst glich die Piazza einer riesigen Baustelle, nicht dem Vorplatz eines heiligen Ortes. Um mehr Platz zu schaffen, waren sogar Bäume umgesägt worden. Den Arbeitern blieben nur wenige Orte, an denen sie ihre spärlichen Arbeitspausen im wohltuenden Schatten verbringen konnten. An besonders heißen Tagen glühte der Boden unter ihren Füßen. Sie hasteten so schnell sie konnten barfuß darüber. An den Längsseiten der Häuser, die die Piazza säumten, reihten sich Stapel langer Holzbretter und roter Backsteinziegel, so weit das Auge reichte. Abenteuerlich anmutende hölzerne Konstruktionen entstanden nach Brunelleschis Bauplänen. Damit würde die schwere Last in die Höhe gehievt, ohne dass die Arbeiter unter der Bürde zusammenbrachen, erklärte ihr Vater mit einem Kopfschütteln. Juliana lauschte verblüfft dem Knirschen der Zahnräder und Seile, die große Steinblöcke und Körbe mit Ziegeln in die Lüfte hoben. Bisher hätten die Männer schwer beladen schmale, gewundene Stufen bezwingen müssen, die hinauf zum Tambour führten, erklärte ihr Vater weiter.

»Hätte ich dich bloß nicht mitgenommen«, murmelte Ferdinando Serrati. Ungeduldig drängte er sie weiterzugehen, doch Juliana blieb versteinert stehen.

Irgendwo fiel der Name des Baumeisters. Filippo Brunelleschi. Ein Arbeiter hatte nach dem capomaestro gerufen. Allein die Erwähnung seines Namens ließ die umstehenden Menschen verstummen. Über die Mauern der Stadt hinaus kannte man den eigenbrötlerischen capomaestro und lobte seine Bauwerke. Nur in Florenz, wo er Tag für Tag eine Armee von Arbeitern befehligte, wusste man auch weniger Gutes über ihn zu berichten. Von übermäßigem Ehrgeiz war die Rede, dabei fand Filippo zahlreiche Befürworter. Besonders laut waren deren Stimmen geworden, nachdem er den Wettbewerb der Dombauhütte für sich entschieden hatte, die für den Bau der gigantischen Kuppel verantwortlich zeichnete. Juliana wusste nicht viel darüber, doch die Aufregung, die seit Anbeginn der Arbeiten auf der Piazza herrschte, war ihr nicht verborgen geblieben. Viele Steinmetze, Maurer und Hilfskräfte hatten sich in die Arbeitsregister eingetragen und wurden aus den unzähligen Bewerbern ausgewählt. Ihrem Vater oblag es, die Verträge mit den Dutzenden Handwerkern abzuschließen und dafür zu sorgen, dass alle Vereinbarungen mit der Dombauhütte, der Opera del Duomo, eingehalten wurden.

»Es ist unglaublich. Sie lassen den aufgeblasenen Träumer hochleben.« Ihr Vater beschirmte seine Augen mit einer Hand und wies gen Norden. Hinter den mächtigen Stadtmauern warteten Schlangen von Menschen bis über die Hügel nach Prato oder Fiesole. Alle wollten einen Blick auf die Bauarbeiten werfen, von denen man sich überall erzählte. Ein Bauwerk, das alles übertreffen und Florenz zur Königin der Künste machen sollte. »Das nennen sie arbeiten? Faules Pack, das sich dieser Verrückte angelobt hat.«

Juliana folgte dem Blick ihres Vaters und lächelte milde. Es war unerträglich heiß. Sie sehnte sich danach, ihr Tuch abzunehmen und die sanfte Brise auf ihrem Kopf, auf ihrem Gesicht zu spüren, doch das schickte sich nicht. Viele der Arbeiter waren erschöpft in den spärlichen Schatten geflüchtet. Hastig tranken sie kühles Wasser, um sich die Hitze erträglicher zu machen. Sie bissen in frisches Brot und aßen köstlich duftenden Schinken. »Nicht jeder kann sich in die Kühle seines Palazzo zurückziehen und ein Loblied auf den Tag singen«, antwortete Juliana und beobachtete die erschöpften Männer. Unmittelbar neben ihr trat ein breitschultriger Mann aus einem Bretterverschlag hervor. Sein schmutziges Hemd triefte vor Schweiß und roch übel. Verunsichert trat sie einige Schritte zurück.

»Nicht jeder ist so mutig, dem notario zu widersprechen«, flüsterte der Arbeiter mit einem spöttischen Lächeln und deutete eine Verbeugung an. »Schade, dass nicht Ihr an seiner Stelle seid und der Signoria die Augen öffnet, bevor der notario alle ins Verderben stürzt.«

Bevor Juliana etwas sagen konnte, empfahl sich der Mann und sah ihren Vater verärgert an. Obwohl das Verhalten des Fremden unentschuldbar war, konnte sie nicht umhin, über seine Worte nachzudenken. Nicht jeder konnte Vaters Freund oder Fürsprecher sein. Ferdinando Serrati suchte keine Freunde, sondern Bewunderer, die ihm Beifall klatschten und sein Urteil niemals infrage zu stellen wagten. Sie wusste, ihr Vater war in seinen Entscheidungen hart, beinahe grausam. Schließlich vertrat er die Rechte jener, die ihn berufen hatten und darauf beharrten, dass sich der notario nicht vom Glanz Hunderter Gulden blenden ließ. Immerhin verhalf er auch dem einfachen Künstler zu seinem gerechten Lohn, falls ihm dieser von einem launischen Patrizier vorenthalten wurde. Manchmal wurde die Wache gerufen, um ihren Vater zu beschützen. Dennoch schaffte der notario vieles zum Wohle der Stadt, auch wenn das mancher Florentiner anders empfand.

Juliana liefen Tränen über die Wangen. Umringt von Dutzenden Menschen fühlte sie sich allein. Verstohlen wischte sie sich mit dem Handrücken über das Gesicht und straffte den Rücken. Was immer geschah, sie würde heute das Modell sehen! Assunita würde gewiss vor Neid platzen, wenn Juliana ihr später jedes Detail genau schildern konnte. Meistens erzählte die Freundin, was sie brühwarm in der Bäckerei ihrer Eltern von Gerüchten und Ereignissen in der Stadt erfuhr. Heute war es Juliana, die etwas zu berichten hatte. Mit einem hoffnungsvollen Lächeln wandte sie sich ihrem Vater zu, dessen Aufmerksamkeit sich auf ein neues Ärgernis richtete.

»Gott steh uns bei!«

Hatte nicht ihr Vater, der notario, den Kuppelbau zu beaufsichtigen und hatte er nicht in den Sitzungen des Rats immer wieder das Wort für den capomaestro ergriffen und ihn verteidigt? Woher kam Vaters plötzliche Sorge um das Scheitern des Baumeisters?

»Brunelleschi suhlt sich in Gottes Gnade und wird einem Engel gleich triumphieren«, wiederholte sie jene Worte, die er ihr bis vor Kurzem Abend für Abend gepredigt hatte. Was immer ihren Vater zweifeln ließ, es war zu spät. Die Fortschritte an der cupola ließen sich nicht leugnen, glaubte man den Aussagen von Brunelleschis treuen Gefolgsleuten. Vaters seltsames Verhalten lastete Juliana der schwülen Hitze an. Er verhielt sich jedoch seit Wochen sonderbar, lange bevor es so heiß geworden war, überlegte sie.

»Du hast recht, Liebes. Heute ist nicht der Tag für die Hirngespinste eines alten Mannes. Lass uns endlich sehen, was dir den Schlaf raubt, meine schöne Tochter.« Die dicken Sorgenfalten schienen verschwunden. Er beugte sich über sie und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. »Es wird nicht lange dauern, bis alles einstürzt und du begreifst, dass du närrisch und blind warst«, fügte er hinzu.

Juliana seufzte, endlich stand die lang ersehnte Betrachtung des Modells unmittelbar bevor. Aufgeregt wandte sie sich dem Treiben rund um die Basilika zu. Vergessen war die Beklommenheit, die Vaters Worte in ihr ausgelöst hatten. Sie folgte ihm und zwang sich, kleinere Schritte zu gehen. Ihre Ungeduld kannte keine Grenzen mehr. Die unbändige Freude der Menschen, der Stolz, mit dem sie sich brüsteten, ein solches Bauwerk in ihrer Stadt zu haben, erfasste sie ebenso. Oft hatte sie versucht, sich die vollendete Kuppel vorzustellen, und war am bloßen Gedanken daran gescheitert.

Sie glaubte, dass nur ein Mann ein genaues Bild der cupola im Kopf hatte: Filippo Brunelleschi. Der energische Bauherr war voller Ideen, wenn auch mit einem gewissen Maß an Eigensinn, und er schien allen Widrigkeiten zu trotzen. Er plane die Wölbung aus Mauerwerk und Holz, hatte Juliana von Bernardo erfahren, einem Diener in der Casa Serrati. Der junge Mann mit dem bleichen Gesicht ließ sich von ihrem Lächeln stets zu leicht betören und hatte keine Widerrede gewagt, wenn sie ihn weiter ausgefragt hatte. Zudem hatte sie ihn einmal dabei ertappt, wie er sich in der Küche an den Knöpfen einer Magd zu schaffen gemacht hatte. Bernardos Angst, in Ungnade zu fallen und seine Arbeit zu verlieren, überstieg seine Sorge, ihr Vater könnte von ihren zweifelhaften Tauschgeschäften erfahren. Bernardo war mit einigen der Handwerker befreundet und hörte so manches, was er Juliana über ihre Kinderfrau Maria ausrichten ließ.

Brunelleschis Entwurf, nicht frei von Zweifel und Gefahr, hatte sich in der letzten Zusammenkunft der Signoria, dem Rat der Obersten der Stadt, durchgesetzt. Gegen Vaters Willen, der in dem Gremium als notario für Recht und Ordnung zu sorgen hatte, was beschwerlich und manchmal schwierig war. Der capomaestro verstand jegliche Widerworte gegen sein Meisterstück als Kritik an seiner Person. Das führte zu kleineren oder größeren Auseinandersetzungen zwischen den Anwesenden. Manchmal verlor Brunelleschi derart die Beherrschung, dass man ihn aus Sitzungen im Palazzo della Signoria tragen musste, weil er sich weigerte, den Saal zu verlassen. Ein prachtvoller Saal mit riesigen Gemälden in goldenen Rahmen, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte. Sie seufzte leise. Am Kuppelbau spalteten sich wahrhaftig die Gemüter der Florentiner.

Je näher Juliana und ihr Vater der Basilika kamen, desto schlimmer wurde das unsanfte Gedränge. Dicht an dicht standen die Menschen inzwischen vor dem Eingang. Sie reckten ihre Hälse und sahen jenen nach, die mit verklärtem Blick aus dem Portal traten. Das Modell in der Kühle des Domes diente nicht nur dazu, die Neugier vieler zu stillen. Es sollte selbst den ungläubigsten Zweiflern zeigen, warum Brunelleschi den ausgeschriebenen Wettbewerb zu Recht für sich entschieden hatte. Zu hartnäckig waren seine Bemühungen, zu ausgeklügelt seine Pläne, zu stark seine Überzeugung gewesen, den richtigen Weg gefunden zu haben, als dass er hätte abgewiesen werden können.

»Sei nicht enttäuscht, wenn du das Modell heute nicht siehst«, murmelte ihr Vater beschwichtigend. Er fasste sie bei den Schultern und schob sie als schützendes Schild vor sich her durch die Menschenmassen. »Es wäre besser gewesen, dich in der Obhut deiner Kinderfrau zu belassen. Warum nur habe ich zugestimmt?«

Viele hatten den einflussreichen notario inzwischen erkannt. Sie wichen zurück, sodass eine schmale Gasse entstand, die vor dem Seitenportal der Basilika endete. So erreichten sie den Eingang unverhofft rasch. Juliana missfiel die ungewollte Aufmerksamkeit, doch so kurz vor dem Ziel umkehren zu müssen, wäre schrecklicher, als die seltsamen Blicke der Menschen zu ertragen. An der Seite ihres Vaters stehend, focht sie innerlich einen Kampf mit sich aus. Lieber wollte sie der Menge entfliehen und unbeobachtet von Vaters Argusaugen das Modell betrachten. Nicht jeder schien ihnen freundlich gesinnt, doch es gab kein Zurück mehr. Allein, um dieser schweren Arbeit Anerkennung und dem capomaestro den verdienten Respekt zu zollen, konnte sie nicht anders. Sie musste heute in das Innere der Basilika. Der Tag, an dem sie das unbeobachtet würde tun können, lag in weiter Ferne, falls er überhaupt jemals kommen sollte.

Unter lautem Jubel wurden Weinbeutel herumgereicht. Vom einfachen Handwerker bis zum Patrizier wanderten sie, bis die Beutel ihren Vater erreichten, just bevor sie die Basilika betreten wollten.

»Trinkt, Serrati! Es ist auch Euer Verdienst, dass wir heute hier stehen und feiern!«, rief einer der Handwerker, von oben bis unten mit Schmutz und Mörtel überzogen. Die anderen Männer verloren ihre Scheu. Sie scharten sich sofort um Juliana und ihren Vater und johlten begeistert. Für einen Tag vergaßen sie, dass dieser Mann nicht ihresgleichen war, sondern aus der Zunft der Arte dei Guidici e Notari stammte. Ungeduldig warteten sie, dass er einen Schluck nahm und ihnen Lob aussprach. Einen kräftigen Zuspruch an die vielen geschundenen Hände ausrief, die unermüdlich Steine schleppten und sie kunstvoll auf dem Tambour versetzten, der bald die höchsten Geschlechtertürme der Stadt überragen würde.

»Trinkt lieber mit ihnen, Vater«, flüsterte Juliana lächelnd. Dass es diesem beredten und wortgewandten Mann die Sprache verschlug, musste sie beim Abendbrot unbedingt ihrer Mutter erzählen. Ihr Vater nickte zustimmend und führte den Weinbeutel unter dem Jubel der Arbeiter an seinen Mund. Juliana nutzte die Gelegenheit und floh durch die Porta della Mandorla ins kühle Innere der Basilika, getrieben von Ungeduld und Neugier.

Kapitel 2

Dunkelheit empfing Juliana im Inneren der prachtvollen Basilika, in deren Bauch sie sich unendlich klein fühlte. Hinter ihr drängten die Menschen ungestüm nach, so schritt sie blindlings weiter. Es dauerte einige Zeit, bis sich ihre Augen an die Düsternis im Gotteshaus gewöhnt hatten und sie das Modell im sanften Lichtschein erkannte, der durch die große Öffnung in der Decke fiel. »Der Cupolone!« Sie bekreuzigte sich ehrfürchtig und starrte durch das klaffende Loch über ihr, das in ferner Zukunft die vollendete cupola verschließen sollte. Der glänzende Marmorboden klebte vor Schmutz und Staub, doch das hielt Juliana nicht davon ab, weiter auf das Modell zuzugehen und überwältigt auf die Knie zu sinken.

Ein paar Männer abseits der staunenden Menschen stritten heftig miteinander und beachteten den Entwurf des gewaltigen Bauwerks und die Besuchermenge kaum. Ihre Stimmen überschlugen sich vor Zorn in dem Gewölbe, bis die Besucher ihre Köpfe zu ihnen drehten. Juliana war es egal. Einzig und allein dem Modell galt ihre ganze Aufmerksamkeit. Ihre Finger zitterten. Sie widerstand nicht länger der Versuchung und streckte die Hand aus, bis sie die dünnen Streben berührte. Die Augen auf das Modell gerichtet, beugte sie sich tiefer, bis sie von unten durchblickte. Wer konnte ein solches Wagnis eingehen, ohne Angst vor dem eigenen Versagen? Der immer heftiger werdende Disput störte ihre Beobachtung. Sie zischte verärgert, aber die Männer verstummten nur für einige Atemzüge. Während sie sich weiter mit Flüchen belegten, wähnte sich Juliana am höchsten Punkt der vollendeten Kuppel, meinte, den Wind in ihrem Haar zu spüren. Ihr Blick glitt über das breite Flussbett des Arno, das tosende Wasser und die sandbraunen Ufer. Die Farbe des Flusses wandelte sich in funkelnde dunkle Augen. Jemand packte sie an der Hand und riss sie hoch.

»Seid Ihr närrisch? Wollt Ihr das Modell zerstören? Das bringt Unglück!« Ein Handwerker, der offenbar das Modell bewachte, umklammerte ihre Hand. Wutschnaubend stand er vor ihr, entschlossen, sie zu bestrafen.

Entrüstet riss sie sich los und stieß dabei mit ihrer Hand gegen das Tischlein, auf dem das Modell stand. Durch den Stoß brach die Miniatur auseinander. Der größere Teil mit der gewölbten Kuppel neigte sich bedrohlich zur Seite und entblößte das Innenleben des Bauwerks. Jeden steinernen Bogen, jede hölzerne Rippe konnte sie trotz des schummrigen Lichts genau erkennen. Sie begriff, wie wagemutig das Unternehmen tatsächlich war. Dem Grätengeflecht eines Fischs gleich sollten rote Backsteine ineinander versetzt verlaufen. So wurde ein beinahe unzerstörbares Mauerwerk gebildet, das sich in der Mitte zunehmend wölbte. Und darunter? Ungläubig trat sie näher, sank wieder auf die Knie, suchte nach einem stützenden Fundament, Balken, doch da war nichts. Nichts? Vertraute Brunelleschi tatsächlich darauf, dass Gott ihm treu ergeben war? Dann verschlug es ihr den Atem. Die cupola! Schwebend. Anmutig in kühn angesetzten Bögen aus Holz und Stein geformt, von der wagemutigen Hand des capomaestro. Die Streben und Querbalken verschwammen vor ihren Augen, wurden ergänzt durch Berechnungen und unverständliche Formeln. Sie hatte diese Pläne in den Händen gehalten! Fassungslos starrte sie auf ihre Handflächen und dann auf das Modell. Warum verwahrte ihr Vater die Pläne der cupola auf seinem Pult?

Die laute Entrüstung und das Staunen der Besucher unterbrachen den Streit der Männer. Neugierig traten sie näher und klatschten Beifall, sobald sie erkannten, was geschehen war. Jäh schreckte Juliana aus ihren Gedanken hoch und blickte in die Augen des Handwerkers vor ihr. Jemand hatte ein Talglicht entzündet, um den Schaden an dem Modell näher zu betrachten. Nun erkannte sie den Handwerker. Es war jener Mann, der sie an der Baustelle für ihren Mut gelobt hatte, dem notario zu widersprechen. Erinnerte er sich an sie, an ihren einflussreichen Begleiter? Sie holte tief Luft und sah sich um. Wäre es nicht besser zu gehen, statt Gefahr zu laufen, sich mehr seines Zornes aufzuladen?

»Ist dir das Beispiel genug, Dario, dafür, dass sich dein capomaestro maßlos überschätzt?«, fragte ein Mann den Handwerker spöttisch. Juliana fiel seine außergewöhnlich tiefe Stimme auf. »Bereits die ungeschickte Hand eines Mädchens bringt die Kuppel zum Einsturz!«

Dario presste die Lippen zusammen und schwieg, während seine Gesichtsmuskeln mahlten. »Ihr werdet mit eigenen Augen sehen, was Euer Verstand nicht zu begreifen vermag. Ihr seid geblendet von Eurem Hochmut, Roberto Mazaretto.«

Juliana betrachtete die entblößten, ineinander versetzten Querstreben und Pfeiler, die sanft geschwungenen Bögen und Rippen, die über dem Tambour des Modells angebracht waren. Den Handwerker neben sich hatte sie beinahe vergessen, wenngleich sie den Schweiß schwerer Arbeit roch. Roberto Mazaretto setzte zu einer Erwiderung an, doch Juliana kam ihm zuvor. »Es bedarf einer Muse, um dieses Werk zu vollenden«, flüsterte sie und wagte nicht, sich zu bewegen. Darios Gesicht dicht an ihrem spürend, streifte sein heißer Atem ihre Wangen.

»Eine Muse, meint Ihr?« Erstaunt sah er sie an. Mit dem Abstand weniger Zoll zwischen sich und dem aufbrausenden Mann erkannte sie die Bartstoppeln in seinem schmalen Gesicht. Seine braunen Augen glühten vor Ärger. Eine Braue zog sich leicht nach oben. »Ich werde es ihm ausrichten, doch, bei Gott, ein Weib ist das Letzte, was Pippo braucht!« Er zischte verächtlich. »Raus mit euch! Alle! Geht! Kommt morgen wieder!«

Der Mann, der Dario ausgelacht hatte, nickte mit dem Kopf zum Portal, worauf seine Begleiter die Basilika verließen. Er selbst verharrte. Sein Blick glitt über Julianas Gestalt. »Von Darios Liebchen lasse ich mir nicht ins Wort fallen! Geh mir aus dem Weg, Mädchen, bevor mir eine gerechte Strafe für dich einfällt«, blaffte er.

»Darios …« Juliana verstummte. Er hielt sie wohl für eine von den Frauen, die sich für Geld auszogen. Bevor sie sich verteidigen konnte, stellte sich Dario schützend vor sie.

»Fürchtet Ihr ein unschuldiges Mädchen so, dass Ihr ihm den Mund verbieten wollt?«

Juliana holte entsetzt Luft. Was um Himmels willen veranlasste die beiden Männer, über ihren Kopf hinweg zu sprechen, ohne ihr ein Wort zuzubilligen? Warum klärte Dario den Irrtum nicht auf? Wer war dieser eingebildete Mann, der glaubte, ihr Befehle erteilen zu dürfen? Und Dario – nur allzu deutlich zeigte sich, dass er den Patrizier von schmächtigem Wuchs und dieser abscheulich tiefen Stimme hasste. Doch er ließ ihn im Glauben, sie sei eine Dirne. Im Halbdunkel erkannte sie deutlich Darios Missbilligung. Er blieb unbeirrt an ihrer Seite und wartete darauf, dass dieser ungehobelte Kerl verschwand.

»Wie man hört, habt Ihr einen neuen Förderer gewonnen. Schade, dass Ihr sein Geld ausgegeben habt …« Er nickte mit einem hämischen Lächeln in Julianas Richtung. »Und solchen leichtfertigen Männern vertraut die Opera dieses Bauwerk an.«

»Hochmut kommt vor dem Fall, Mazaretto, merkt Euch das. Solange Filippo nichts anderes sagt, habt Ihr hier nichts zu befehlen«, murmelte Dario. »Wenn Ihr jetzt die Basilika verlassen wollt.« Er deutete eine Verbeugung an und wies Roberto spöttisch den Weg. Doch Juliana entging nicht Darios verletzter Gesichtsausdruck. Dennoch verwunderte sie die Verbitterung in seiner Stimme, mit der er dem Patrizier widersprach.

Roberto verabschiedete sich mit einem Lächeln, als wäre nichts geschehen.

»Wer war der Mann?«

Dario hörte sie nicht. Er starrte geistesabwesend auf das Modell. »Sie glauben, ein paar Beutel mit Münzen schmälern ihr Unrecht, doch sie täuschen sich. Wir brauchen ihr schmutziges Geld nicht.« Mit wenigen Handgriffen setzte er die scheinbar zerbrochene Kuppel wieder zusammen.

Wie sanft der muskulöse Mann die Teile behandelte. Beinahe zärtlich und mit einer Anmut, die sie diesem grobschlächtigen Handwerker nicht zugetraut hätte. Dennoch!

»Ihr habt die Leute im Glauben gelassen, ich hätte das Modell zerstört, und schlimmer noch, dieser Mann denkt, ich wäre …!« Julianas Stimme brach.

»Mazaretto? Ein sonderbarer Mann. Niemand weiß, woher seine Familie stammt. Plötzlich war er da und drängte sich überall auf. Ihn musst du nicht fürchten, Kindchen.«

Kindchen? Aufgewühlt kehrte sie Dario den Rücken. Der über den marmornen Boden gleitende Surcot verschluckte Julianas hastige Schritte zum rettenden Ausgang. Sie bahnte sich einen Weg durch die enttäuschte Menge, die ihretwegen auf den nächsten Tag vertröstet worden war. Sie spürte Darios Blick und zwang sich, sich nicht umzudrehen. Niemals wollte sie diesem Mann die Genugtuung geben, gesiegt zu haben. Noch trennte sie ein Dutzend anderer Köpfe von der Begegnung mit ihrem Vater, der sicher wachsam ihre Schritte verfolgte. Neugierig würde er sie fragen, ob es ihr gefallen hatte. Zögernd blieb sie unmittelbar vor dem Ausgang stehen. So konnte sie ihrem Vater nicht gegenübertreten. Ihre Wangen brannten. Ob vor Scham oder Zorn, vermochte sie nicht zu sagen, so durcheinander war sie wegen dieses, dieses Arbeiters, der weiß Gott einen Eimer Wasser brauchte! Maria, ihre tatkräftige Kinderfrau, hätte ihn gepackt und in den Arno gezerrt, wäre sie dabei gewesen.

»Wartet.«

Sie spürte etwas in ihren Händen, doch das durch die offene Tür einfallende Sonnenlicht blendete sie. So konnte sie nicht ausmachen, was es war. Das Ding war schwer und hatte eine raue Oberfläche.

»Schließt Pippo in Eure Gebete ein. Vielleicht braucht er tatsächlich eine Muse, um seine Zweifler zu überzeugen«, murmelte Dario, dann verschwand er in der Menge.

Juliana trat ins Freie. Zu spät bemerkte sie den Patrizier, der im Schatten des Seitenportals stand und sie beobachtete. Robertos hasserfüllter Blick fiel auf den Stein, den sie unbeholfen und verwirrt umklammerte.

»Was für eine Verschwendung«, sagte er, dann wanderte sein Blick weiter zur unvollendeten Kuppel. »Jeder Gulden, der in diesen Bau wandert, ist mit Blut befleckt. Ihr macht Euch mitschuldig, wenn Ihr das nicht begreift, dummes Ding. Wärt Ihr mein Weib, ich wüsste, auf welche Weise ich Euch zur Vernunft bringe!«

*

Ein kalter Schauer lief Juliana über den Rücken. Verwirrt schaute sie auf den rötlich schimmernden Backstein in ihren Händen – ein Stein aus dem Cupolone! Neidvolle Blicke trafen sie. Hastig verbarg sie den Stein unter ihrem Arm und hielt nach ihrem Vater Ausschau. Der notario stand wenige Schritte von der Basilika entfernt und trank vor den Augen des Herrn, ohne sich zu mäßigen. Nur mühsam hielt er sich auf den Beinen und torkelte zur Freude der Handwerker, die ihm immer wieder den Beutel antrugen. Besorgt neigte sie sich über ihren Vater, der in diesem Moment auf die Knie gesunken war und nur mühsam seine Tränen zurückhielt.

»Es ist ein Fluch, glaubt mir!«

»Vater! Steht auf! Wenn jemand vom Rat Euch so sieht!« Hatten ihm gar die Arbeiter so übel mitgespielt in ihrer Trunkenheit?

»Zum Teufel mit diesem Verräter!«, schrie ihr Vater von Sinnen und schleuderte den halb leeren Beutel von sich.

Beschämt, weil der sonst so auf seinen Ruf bedachte Mann dem Wein so eifrig zugesprochen hatte und sich die gehässigen Rufe der Zuschauer mehrten, wandte sich Juliana ab. Ekel überkam sie vor dem eigenen Vater, dem der Trunk aus dem Mund quoll. Er war unfähig, auch nur ein klares Wort über die Lippen zu bringen. Warum hatte er sich in der kurzen Zeit, die sie in der Kirche gewesen war, dermaßen betrunken? Sie entriss dem Arbeiter, der ihr am nächsten stand, einen weiteren Weinbeutel. »Wie könnt ihr meinem Vater das antun?« Sie zitterte vor Zorn, hakte sich bei ihrem Vater unter und versuchte, ihn aus dem Blickfeld der hämischen Leute zu schaffen. Manche spuckten vor ihnen auf den Weg oder warfen ihnen Steine nach. Was war mit diesen Menschen los? Es sollte ein Tag der Freude, des Triumphes werden für alle Florentiner, auch für sie. Die eben empfundene Freude über Brunelleschis Modell rückte in weite Ferne. Nichts war geblieben von ihrer Aufregung, das Modell endlich gesehen zu haben. Nur die Erinnerung an eine schmerzvolle Begegnung mit zwei Männern, die sie verachteten – jeder auf seine Weise. Tränen brannten in Julianas Augen. Mehr als einmal segelte ein Stein nur knapp an ihr vorbei und sie wollte sich umdrehen, um den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Was hatte sie getan oder ihr Vater, dass sie Derartiges über sich ergehen lassen musste? Schwer atmend hing der notario an ihrem Arm und stieß unflätige Flüche aus. Sie musste ihm beistehen und fragte sich, was in den wenigen Minuten, in denen sie in der Santa Maria del Fiore das Modell bewundert hatte, geschehen war. Vom einst stolzen notario zu einem gebrochenen Mann wegen ein paar Schlucken Wein?

»Sie werden sich dafür verantworten, jeder Einzelne, nicht wahr, Vater? Niemand behandelt notario Serrati so.«

»Es ist zu spät, Kind. Ich habe in des Teufels Antlitz gesehen.«

Juliana verstand sein Gestammel kaum. Ihr Vater schwankte, gebärdete sich, als sei er ein weinerliches Kind, und wurde aufbrausend, weil sie versuchte, ihn auf den Heimweg zu bringen. Ein übler Gestank entströmte seinem Wams und seiner Hose. Endlich erreichten sie das Ende der Piazza. Juliana hob den Kopf, hoffte auf ein bekanntes Gesicht, jemanden, der ihnen half, das letzte Stück des Weges nach Hause leichter zu bewältigen. Inzwischen dämmerte ihr, dass der Gestank nicht vom Wein herrührte, sondern dass er sich beschmutzt hatte. Sie war plötzlich Mutter und musste sich um ihren sonst so starken, kämpferischen Vater kümmern, als wäre er ein Kind. Scham entflammte ihre Wangen. Was die Leute wohl über das sonderbare Vater-Tochter-Gespann dachten?

Plötzlich drückte ihr Vater sie an sich. »Ich würde alles für dich tun, alles, hörst du? Glaube ihm nichts. Nichts, was er dir erzählt, ist wahr!«, zischte er und stieß sie unsanft beiseite.

»Geh jetzt heim, lauf, Kind, bevor es zu spät ist!«

Verwirrt starrte Juliana ihren Vater an. Hatte er vollends den Verstand verloren? Er wirkte, als hätte er einen Geist gesehen. Ihr Vater bedrängte sie weiter, ihn allein zurückzulassen, und sah fieberhaft um sich. »Geh, nur zu!« Dann erstarrte er, wurde kreidebleich im Gesicht und umklammerte Julianas Hand. »Hast du das Modell gesehen, ja?«

»Geht ruhig, ich kümmere mich um Euren Mann. Gewiss bekommt ihm die Hitze nicht«, bot jemand an und griff ihrem Vater unter die Arme.

Juliana wollte sich für die diskrete Hilfe bedanken, dann erkannte sie den Mann. Zorn flammte in ihr auf. »Ihr?«

Roberto Mazarettos Lächeln glich einer Maske. Er tat, als erkenne er sie nicht, und packte ihren Vater am Oberarm, bevor dieser zu Boden stürzen konnte. »Wir sollten ihn an einen ruhigeren Ort bringen, meint Ihr nicht auch?«

Doch ihr Vater gebärdete sich wie wild, wollte sich losreißen.

»Lasst mein Weib, Ihr …«

Kapitel 3

Der Backstein war nicht besonders. Einer von unzähligen Steinen, die unweit der Stadt zu Hunderten und Aberhunderten gebrannt wurden. Dieser Stein hatte ein ungewöhnliches Zuhause gefunden. Am Boden einer Truhe in Julianas Kammer lag er. Stummer Zeuge einer Begegnung, von der ihr sonst allwissender Vater nichts ahnte. Kein Wort war beim Morgenmahl über den gestrigen Tag und den sonderbaren Mann gefallen, dem sie den Stein verdankte. In einigen Momenten, in denen sich ihr Vater unbeobachtet gewähnt hatte, war ein dunkler Schatten über ihn geglitten, den auch Mutters Fürsorge nicht vertreiben konnte. Wie hatte sie es nur geschafft, ihren Vater nach Hause zu bringen? Die überraschende Hilfe von Darios Widersacher, diesem Roberto, verunsicherte sie. Immer wieder brannte die Erinnerung an diese schrecklichen Stunden des vergangenen Tages schmerzhaft in ihr auf. Robertos schamlose Blicke hatten sie erzürnt. Fand er Gefallen an dieser peinlichen Situation, in der sie und ihr Vater gänzlich von seiner Unterstützung abhängig gewesen waren? Er hatte die stillen Seitengassen gemieden und sie damit gezwungen, sich den hämischen Blicken der Nachbarn auszusetzen. Auf der Piazza della Signoria hatte er sich besonders viel Zeit gelassen, während Juliana gebetet hatte, dass Vaters Freunde und die meisten der Ratsmitglieder sich in die kühlen Räume des Palazzo zurückgezogen hatten und von dem ungewöhnlichen Schauspiel nichts bemerkten.

»Sie haben mit Steinen nach uns geworfen, Assunita. Mit Steinen«, flüsterte sie und schmiegte sich an die Freundin. Erleichtert, sich endlich jemandem anvertrauen zu können.

Assunita strich über Julianas Kopf, küsste sie sanft auf die Stirn. »Es sind Dummköpfe. Sie geben deinem Vater, dem notario, die Schuld für die Not.« Assunita konnte niemandem böse sein. In allem und jedem sah sie Gutes. Wäre ihr Haar hell wie Flachs und nicht dunkel, hätte man glauben können, sie wäre ein Engel. Reinen Herzens und voller Verständnis.

»Von wem sprichst du?« Juliana sah verwirrt zu ihrer Freundin hoch.

»Die Arbeiter bekommen Schuldscheine, die sie später einlösen können, wenn die cupola vollendet ist. Nicht alle Patrizier unterstützen diese Idee.«

»Die Patrizier, Mitglieder des Rats meinst du?«

»Dummchen, du kennst es nicht anders. Nicht jeder kann es sich wie dein Vater leisten, eine Büste anzufertigen, die mehr kostet, wie ein eifriger Anwalt in einem einzigen Jahr verdient. Oder in einem solch prachtvollen Haus zu wohnen.«

Juliana seufzte. Warum hatte sie ihrer Freundin bloß von dieser dummen Büste erzählt, die ein Künstler aus der Dombauhütte von ihrer Mutter anfertigen sollte? Unschlüssig hob sie die Schultern und lächelte traurig. Was verstand sie von Geld oder dem, warum Vater diese Büste anfertigen ließ? Diese Büsten und Statuen wurden zu Ehren wichtiger Persönlichkeiten geschaffen, vergeblich suchte sie nach deren Sinn. Die Aufregung um Vaters Etablissement der Künste, einen großen Saal voller Skulpturen und Statuen, die außer ihm niemand sehen durfte, verstand Juliana auch nicht. Selbst die feinsten Patrizier ließ er nicht in dieses Reich. Stundenlang verweilte er darin und trug den Schlüssel dafür an einer Kette um seinen Hals.

Juliana blickte zu der dunkel gebeizten Truhe, in der sie seit Kurzem nicht nur ihre Surcots und Unterkleider aufbewahrte. »Es ist nicht Vaters Schuld, dass sie reich sind.«

Assunita schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre dunklen Locken umhersprangen. »Einen Teil dazu hat dein Vater gewiss beigetragen. Meinst du, ich würde nicht gern in einem Palazzo wie dem euren wohnen? Dummchen! Ihr habt fließendes Wasser und die Köchin fährt euer Essen durch dieses Loch …«

»Das nennt man Fahrstuhl.« Juliana schniefte verlegen. Die beiden Mädchen waren sich so nah in ihren Gedanken, dass Juliana oftmals vergaß, aus welch einfachen Verhältnissen ihre Freundin stammte. Die Tochter des hiesigen Bäckers musste zwar nicht Not leiden, doch die Casa Serrati mit ihren kunstvollen Wandmalereien und dem kostbaren Mobiliar aus aller Welt musste ihrer Freundin einem Märchen gleich erscheinen. Umso mehr freute sie sich über Julianas abgetragene Kleider, auch wenn sich kaum Gelegenheit bot, diese auszutragen. Juliana hielt inne. Durfte sich ihre Familie glücklich schätzen? Sie dachte an den schweren Tresor, den Vater streng bewachen ließ. Oft saß er nachts neben diesem Kasten und starrte auf die schweren Ketten und Schlösser. Sie seufzte leise. Niemand sah in all dem Reichtum und der prunkvollen Casa ihre Fesseln und den goldenen Käfig, der alles von ihr fernhielt, was sie so gern erleben würde.

»Juliana?«

Längst war sie mit ihren Gedanken bei der Piazza, der Basilika und den sehnigen Händen des ungehobelten Handwerkers. Darios Anblick verfolgte sie, wenn sie ihre Augen schloss, und so tat sie, als blende sie die Sonne, um nicht Assunitas Aufmerksamkeit zu wecken. Ob die Freundin verstehen würde, was ihr selbst unerklärlich war? Sie war ein Kind für den erfahrenen Mann. Gewiss hatte er ihre kurze Begegnung längst vergessen. Juliana hingegen konnte an nichts anderes denken.

»Zeig ihn mir. Nur ein einziges Mal, bitte!«

Das hatte Assunita mehrmals gesagt, Juliana hatte das Flehen ihrer neugierigen Freundin nicht gehört. Gedankenversunken blickte sie auf die dicken Stadtmauern, die Florenz umringten. Ihre Ungeduld wuchs, der Enge des Elternhauses für ein paar Stunden zu entfliehen. Sie brannte darauf, die Stadt zu erkunden. Vielleicht begegnete sie ihrem unverhofften Retter aus dem Duomo?

»Gehen wir zu den Stadtmauern oberhalb von San Niccolò?«, fragte sie Assunita unbedarft und tat, als interessiere sie der Backstein und dessen Überbringer nicht länger. Der Wachturm von San Niccolò lag am Ufer des Arno. Er war unzählige Ellen breit. Im Schatten der Stadtmauern konnten sie sich meist unbehelligt aufhalten. Im Dickicht der silbrig glänzenden Olivenbäume entkamen sie oft der brütenden Hitze in den engen Gassen und konnten die stickigen Kleider bis über die Knie raffen. Trotz eines Regenschauers, der zumindest in der Nacht für Abkühlung gesorgt hatte, versprach der klare Morgen einen weiteren heißen Tag. Von dem Wachturm bot sich ein unvergesslicher Ausblick über die Stadt und ihren dichten Kern, dessen Herz Santa Maria del Fiore bildete. Wie prächtig die Kuppel über der Stadt thronen würde, wenn sie fertig war. Auf dem Weg zum Wachturm würden sie unweigerlich die Piazza del Duomo überschreiten, und wer weiß, vielleicht trafen sie wahrhaftig Dario.

Juliana wandte sich fragend um. Assunita kniete bereits mit einem erwartungsvollen Lächeln vor der geöffneten Truhe. Kaum hatte Juliana zustimmend genickt, glitten die Hände ihrer Freundin unter den sorgsam gefalteten Stapel Kleider.

»Ich verstehe nicht, was es damit auf sich hat.« Assunita betrachtete den Backstein belustigt von allen Seiten, dann sah sie bestürzt auf ihre rot gefärbten Hände. »Vielleicht möchte er dich einladen, gemeinsam mit ihm die cupola zu bauen?« Kaum hatte sie das gesagt, bekreuzigte sie sich und senkte den Blick. »Verzeih. Was auch immer diesen Mann dazu bewogen haben mag.«

Juliana horchte auf. »Kennst du Dario?«

»Das ist nicht möglich. Er ist geizig und eigenbrötlerisch, aber verschwenderisch im Verteilen fremder Geldscheine.« Assunita sog überrascht die Luft ein. »Dario gab dir diesen Backstein? Niemals hätte er dir erlaubt, dich dem Modell zu nähern. Er ist gefühlskalt und rau, der Freund deines capomaestro.«

»Sein Freund, sagst du?« Juliana schüttelte ungläubig den Kopf. Auch mochte Dario vieles sein, gewiss nicht gefühlskalt. Sie lächelte verträumt. Die Leidenschaft, mit der er das Modell und sie vor Roberto beschützt hatte, verriet, dass Assunitas Behauptungen nicht zutrafen. Sie hätte nicht gewagt, sich nach dem Mann zu erkundigen, der offenbar ein Vertrauter des capomaestro war, und ausgerechnet Assunita wusste, was es mit ihm auf sich hatte? Angespannt wartete sie darauf, dass Assunita weitersprach.

Um den Mund ihrer Freundin zeichnete sich ein sanftes Lächeln ab. »Du hast keine Vorstellung! Viele Männer rühmen sich, an der Seite Brunelleschis helfen zu dürfen, die Kuppel zu bauen!« Sie genoss Julianas Ungeduld, dann lachte sie lauthals auf. »Ich habe eine Idee, allerdings musst du all deinen Mut zusammennehmen.«

»Niemals, Assunita! Ich kann Vater nicht fragen, ob er ihn kennt! Dann müsste ich ihm beichten, dass ich Dario so nah war.« Dario, nahe. Sie hielt inne. Es klang vertraut.

Sofort erntete sie furchtsame, gar bestürzte Blicke. »Juliana Serrati! Es ist hoffentlich nichts passiert, dessen du dich schämen musst, oder?«

»Was, wenn es so wäre?«, flüsterte Juliana erstickt. Ihr Herz schlug so heftig gegen die Rippen, dass es wehtat. »Assunita. Was weißt du noch über …?«

»Juliana!« Harsch erklang die Stimme ihres Vaters über die Galerie, die den Innenhof an drei Seiten umrahmte.

Beschämt blickte Juliana zur Tür, wo Maria, ihre Kinderfrau, sie rügend ansah. »Was hast du wieder angestellt?«

Hastig entriss Juliana ihrer Freundin den Backstein und legte ihn in die Truhe zurück. Ungestüm schlug sie den Deckel zu und hätte Assunita beinahe die Finger eingeklemmt. »Ich bin die Tochter meines Vaters, Maria«, gab sie leichthin zurück und warf Assunita einen besorgten Blick zu.

»Er kann dir keinen Vorwurf machen. Nicht nachdem …«, sagte Assunita.

Sich keiner und aller Schuld bewusst, wich Juliana Marias Umarmung aus und eilte über die knarrende Galerie.

»Verzeiht, Vater!«, rief sie in den Salon, wo ihr der Vater verärgert entgegensah.

»Ich dulde deine Eskapaden nicht länger, Juliana. Du bringst in meinem Arbeitszimmer die Akten durcheinander, und kaum drehe ich dir den Rücken zu, läufst du aus dem Haus.«

Verwirrt blickte Juliana ihre Mutter an. »Ich bin seit dem Morgen in meiner Kammer, Vater! Assunita ist hier.«

»Sei nicht so streng mit ihr, Ferdinando.« Dina schmiegte sich an ihren Mann und küsste ihn sanft.

Er erwiderte die Zärtlichkeiten nicht. »Es ist meine Pflicht, mich um Julianas Wohl zu sorgen.«

»Bewahrst du Juliana vor Unheil oder ist sie es, die dich beschützt? Gespottet haben sie, weil dein Kind dich heimbringen musste!«

Mit aufrechtem Rücken saß ihr Vater hinter dem mit kostbaren Schnitzereien verzierten Tisch und nickte ergeben. »Wer war dieser Mann? Ich glaube, ihn zu kennen.«

»Er heißt Roberto Ma…«

Dina unterbrach ihre Tochter. »Wie auch immer, du hast Juliana gerufen, mein Lieber. Was wolltest du denn?« Offenbar hatte auch sie bemerkt, dass seine Gedanken in eine weit entfernte Welt glitten.

Nachdem ihre Mutter ihn ermahnt hatte, sah er auf und fand in die Casa Serrati zurück. »Geh, bevor ich etwas sage, das mir leidtut. Geh mit Assunita raus. Das wolltest du fragen, nicht wahr?«

Juliana brachte ein klägliches Nicken zustande. Zu bitter schmeckte ihr Triumph, geboren auf ihres Vaters Niederlage.

»Danke, Vater, ich sage es gleich Assunita!«, presste sie hervor. Aus dem Schatten der Galerie sah sie zurück. Vaters Gesicht neigte sich verzerrt nach oben. Was quälte ihn nur, dass er die Sorge um ihr Wohlbefinden neuerdings so übertrieb?

*

Juliana seufzte. Ungeduldig blickte sie auf die Via Porta Rossa zurück, wo Assunita zögernd stehen geblieben war. »Wenn du Angst hast, das Gebet zu verpassen, dann bleib hier, Assunita.« Da Vater ihr erlaubt hatte, die Casa zu verlassen, konnte Juliana es kaum erwarten, durch die Straßen zu laufen und die Neuigkeiten, die man sich über Brunelleschi erzählte, selbst zu erfahren.

»Sie läuft dir nicht davon, diese Kuppel«, murmelte Assunita verärgert, aber ihre treue Begleiterin folgte Juliana, wie sie es immer tat.

Das vom nächtlichen Regen dunkel gefärbte Mauerwerk der Casa Serrati wirkte bedrohlicher als die Strafpredigt, die Juliana erwartete, wenn ihr Vater von ihrem wahren Ziel erfahren würde. Verträumt stellte sie sich vor, mit Dario am Arno entlang zu streifen, bis die Abendglocken mahnten, die Porta al Prato zu passieren, bevor das Tor über Nacht geschlossen wurde. Allein die Vorstellung trieb ihr den Schweiß auf die Stirn, dabei regierte kühlender Schatten zwischen den Zinnen der Geschlechtertürme. Bald schon würde die Hitze ihr blondes Haar kräuseln. Unwillig schüttelte sie den Kopf, weil Assunita erneut ihr Tempo verlangsamte und vor dem sechseckigen Turm der Badia stehen blieb.

»Ich kann nicht so schnell, Juliana«, jammerte sie.

»Komm weiter!« Die Erwartung spornte Juliana an. So sehr, dass sie kaum dazu kam, sich um die Freundin zu sorgen, die neuerdings öfter seltsam bleich im Gesicht und rasch außer Atem war.

»Man hat ihn wieder aus der Sitzung geworfen!«, rief Assunita wohl in der Hoffnung auf eine kurze Pause bei einem Brunnen.

»Brunelleschi?« Juliana vergaß, dass sie ihre Freundin antreiben wollte, worauf Assunita schmollte und weiterging.

»Die Kuppel. Immer nur diese Kuppel. Kaum erwähne ich sie oder den capomaestro, ist mir deine Aufmerksamkeit sicher. Hast du nicht von der neuen Fehde gehört?«

Just in diesem Moment passierten die beiden Mädchen den Bargello. Hier fanden die Sitzungen der Priori delle Arti statt, eines Teils der Signoria. In den tiefer gelegenen Kellerverliesen darbten die Gefangenen, die von goldglänzenden Gulden, Licht und Sonne nur träumen konnten. Juliana schluckte. Wenn der capomaestro seinen Zorn nicht mäßigte, landete er im Gefängnis, und was passierte dann mit dem Bau der Kuppel? Und Vater? Auch ihn warnten seine Freunde, dass sein Jähzorn ein böses Ende finden könnte.

Nein, heute wollte sie nichts von Fehden hören oder gar Trübsal blasen, wo ihr Bernardo am Morgen nach dem Frühstück von einer neuen Lieferung Marmor berichtet hatte. Erst gestern waren schwere Karren durch die Gassen gepoltert. Schwer beladen mit frisch gebrannten Ziegeln, Tausende und Abertausende, die Woche für Woche hergebracht wurden. Einen Teil davon brannten die Arbeiter in der Via Ghibellina. Sie kamen mit dem kleinen Brennofen kaum hinterher, die Backsteine waren schneller verputzt als geliefert. Sie dachte an den, der in der Truhe in ihrer Kammer lag und sie stetig an den Mann erinnerte, der ihr dieses ungewöhnliche Geschenk gemacht hatte. Ihr Herz schlug schneller.

»Kaum endet eine Fehde, beginnt eine neue«, meinte Juliana daher geistesabwesend und überging die Frage ihrer Freundin. Die Streitigkeiten der großen Familienclans, der Lippi und Baretti, Catalani und Medici, interessierten sie nur, wenn sie mit der Arbeit ihres Vaters zu tun hatten. Gelegentlich bedurften solche Lappalien und größere Zwiste eines notario. Viel spannender war für Juliana, was auf den Baustellen zwischen der Via dell’Oriuolo und der Via dei Servi vor sich ging. »Hörst du, Assunita? Sie arbeiten wieder.« Sie genoss den Klang des gleichmäßigen Aufeinandertreffens von Äxten und Holz.

Kaum eine Straße konnten sie nahe der Piazza del Duomo durchqueren, ohne auf Arbeiter oder unvollendete Baustellen zu treffen. Brunelleschis Absicht forderte wohl auch den Ehrgeiz anderer heraus. An den Hauswänden, mehrere Braccia hoch gestapelt, ließen Bretter und Backsteine die Gassen so beengt werden, dass die Fuhrwerke kaum hindurchpassten. An der Zahl der Wagen und Händler, die bereits die Stadttore passiert hatten und zum mercato fuhren, ahnte Juliana, dass sie viel Zeit vergeudet hatten. Warum musste Assunita über die Via del Colomero laufen, wo andere Abzweigungen viel leichter zu passieren wären?

»Schneller!«, rief sie Assunita ungeduldig zu.

»Nicht mal Brunelleschi treibt seine Ochsen so an! Du bist ihm nicht unähnlich. Verbohrt.«

»Ochsen? Die ließe man nicht in die Kirche.« Juliana lachte, verlangsamte ihre Schritte aber kaum.

»Der capomaestro hat Maschinen erfunden, an denen Ochsen stundenlang im Kreis laufen. Da staunst du, was?«, erklärte Assunita erhobenen Hauptes. Sie genoss es, Julianas Neugier geweckt zu haben. »Der Mann sitzt ganze Nächte über Plänen und baut Maschinen, die niemand zuvor gekannt hat.«

Juliana hatte davon bislang nur gehört, denn bei ihrem kurzen Ausflug mit Vater war ihr dieser Anblick verborgen geblieben. »Da siehst du es wieder, Assunita! Ochsen! Es kommen so viele Gelehrte in unsere Stadt, die sehen wollen, was Brunelleschi erschaffen will. Überall wird gebaut. Gelehrt. Und du sagst das, als wären solche Apparate das Gewöhnlichste auf der Welt.« Sie dachte an das Modell, das sie gesehen hatte. »Brunelleschi wird zeigen, dass seine Kuppel kein Hirngespinst ist.«

»Siehst du, verbohrt!« Assunita schnaufte heftig, denn Julianas Schritte wurden größer und gewannen an Tempo, je näher sie der Piazza del Duomo kamen. Vor einem kleinen Brunnen blieb Assunita erschöpft stehen. »Genug! Ich will nicht länger in der Hitze herumlaufen.«

Juliana blinzelte. Nicht mehr lange, dann waren sie endlich am Ziel. Assunita durfte ihre Pläne nicht zunichtemachen. Juliana konnte ihre Ungeduld kaum noch zügeln. »Wir könnten uns später Abkühlung gönnen«, sagte sie flehend.

»An unserem Platz hinter der letzten Brücke? Oder unter der Ponte Vecchio?« Assunita lächelte. »Zwischen den Abfällen?«

»Ein Stück weiter oben, wenn du die Stelle nicht wieder verrätst.«

»Was passiert, wenn uns jemand dabei ertappt?«

»Was passiert, wenn du so fett wie unsere Köchin wirst? Bei Gott.«

Assunitas Lächeln schwand. Erst als Juliana ihre Freundin mit kühlem Brunnenwasser bespritzte, ließ sie das Grübeln sein.

»Wir gehen später zum Fluss, wirklich.« Juliana lächelte. »Bitte, Assunita!«

Mit einem lauten Seufzer erhob sich die Freundin und folgte ihr ergeben. Kurze Zeit später kicherten die beiden Mädchen und liefen eingehakt weiter. Assunita berichtete ihr vom neuesten Tratsch und Klatsch aus der elterlichen Bäckerstube. Das Lachen ihrer vertrauten Freundin bekümmerte Juliana. Assunita mochte ein schweres Los ertragen, dafür konnte sie unbedarft aus dem Haus gehen beim Brotaustragen. Wenn Assunita die Stadt verließ, war sie allein. Mit ihren Ängsten, ihren Träumen. Juliana schauderte plötzlich trotz der heißen Sonnenstrahlen, die auf ihre weiße Haut brannten.

*

»Wie kann er es wagen, mich derart zu hintergehen? Giovanni wird sich dafür erklären müssen. Antonio, setz sofort einen Brief auf.«

Der scharfe Ton in der Stimme ihres Vaters weckte Juliana am nächsten Morgen. Hastig warf sie sich ein Kleid über und schlich barfuß aus ihrer Kammer. Auf der Galerie blieb sie erstarrt stehen. Der Innenhof wirkte abweisend und bedrohlich. Wo sonst Sonnenstrahlen fächerartig den Boden in Streifen teilten, spürte sie nur eine ungewohnte Kälte. Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann verstand sie. Die Fenster waren mit breiten Balken verriegelt. Der Morgensonne gelang es nicht, durchzubrechen. Die Diener wandelten mit flackernden Talglichtern umher und flüsterten, was Julianas Beklommenheit verstärkte. »Vater?«

»Lasst mich, Federico«, hörte sie die furchtsame Stimme ihrer Kinderfrau. »Großer Gott, wenn das nur gut ausgeht!«, stieß Maria entsetzt aus.

Im Zwielicht setzte Juliana vorsichtig einen Fuß vor den anderen auf der Treppe, bis sie den Innenhof erreicht hatte. »Was ist hier los? Aua!« Etwas Scharfes, Spitzes hatte sie am Handrücken getroffen.

»Juliana!« Maria schlug die Luke zum Portikus zu und versperrte Juliana mit ihrem massigen Körper den Weg.

»Federico, du alter Narr! Was hältst du auch diese vermaledeite Lanze in der Hand!«

Unmittelbar neben Juliana wurde ein Licht herangetragen. Einer Fratze gleich wirkte das Gesicht des älteren Dieners in dem unruhigen Flackern. Er beugte sich vor und besah bestürzt, was er angerichtet hatte. Julianas Haut war aufgeschürft. »Vergebt mir, Juliana.«

Mit einem dumpfen Knall prallte etwas gegen das Tor, sodass Federico und Bernardo, der inzwischen hinzugetreten war, ihre Lanzen sofort wieder hochrissen. Bestürzung verzerrte ihre Gesichtszüge. Juliana wollte die Luke öffnen und nachsehen, was draußen vor sich ging. Sie hatte die Hand schon auf dem Riegel, da hielt Federico sie im letzten Moment zurück.

»Was wollen diese Menschen?«

»Sie verlangen, Euren Vater zu sprechen«, erklärte er widerstrebend.

»Erbost sind sie, meint Ihr nicht? Warum lässt man sie dann nicht ein?«

Hinter dem Tor erhob sich ein Chor zorniger Stimmen.

»Serrati, lasst uns ein! Viva Firenze!«

Warum war Federico so nervös? Hilflos umklammerte er die Lanze und tauschte fragende Blicke mit Bernardo.

»Die Weigerung Eures Vaters, sie zu empfangen, ist der Grund für ihre Wut«, erklärte Bernardo an Federicos Stelle. Die Augen des jungen Dieners blieben an Julianas schmalen Fesseln hängen, die das zu kurze Kleid, das sie sich rasch übergezogen hatte, kaum verhüllte. Marias Räuspern brachte ihn zur Besinnung. Mit glühenden Wangen wandte Bernardo seinen Blick ab.

»Setzt den Herrn in Kenntnis, dass es an der Zeit ist«, wies Federico Maria an.

»Zeit wofür?« Julianas Blick glitt zur Luke. Bernardo durchschaute wohl ihre Absicht und senkte seine Lanze. Dicht vor ihm blieb sie stehen. »Ich bin ebenso Eure Herrin.«

»Antonio hat mich gewarnt vor Eurem Starrsinn«, murmelte der Diener, aber in seinem Gesicht zeigte sich diese Entschlossenheit nicht. Verunsichert schaute er zu Federico und zuckte ratlos mit den Schultern.

Maria seufzte tief und zog an der Hand ihres neugierigen Schützlings. »Genug jetzt, Juliana. Zieh dich an, bevor dich dein Vater so sieht.«

Juliana lächelte. Sie folgte Marias Bitte gern, denn Federico war ihr zugetan. Ihn konnte sie ausfragen, später.

Kaum kehrte sie den beiden Dienern den Rücken, hörte sie Bernardo leise fluchen. »Das kommt davon, wenn man Unrecht zu Recht erklärt.«

»Sei still«, wies Federico den jüngeren Diener barsch zurecht. »Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu richten, was unser Herr tut oder nicht.«

»Blind geworden bist du und taub. Genau wie die anderen, doch Brunelleschi …«

»Genug oder ich öffne das Tor! Dann werden sie über dich herfallen, glaub mir!«

Juliana hielt inne und ging nachdenklich in ihre Kammer zurück. Was war so schlimm, dass Vater den Menschen den Einlass verwehrte? So grauenvoll, dass er sogar eine geschwätzige Kinderfrau zum Schweigen verdammte. Maria behielt nie länger als ein paar Stunden etwas für sich. So wusste Juliana zum Beispiel auch von der geschwätzigen Kinderfrau, dass Bernardo um Angelina warb, einer Magd aus dem Haus gegenüber. Und hatte nicht auch Maria Vaters Befehl umgangen, indem sie an der Luke gestanden und hinausgesehen hatte? Warum sollte sie es ihr nicht gleichtun? Nur einen einzigen Blick hinaus wollte sie wagen.

Einem Donnerwetter gleich durchdrang in diesem Augenblick ein lautes Grollen das Haus. Die hohen Querbalken mit den spitzen Enden, die über der Eingangshalle schwebten, einst zum Trocknen der Tuche genutzt, wurden hinabgelassen, sodass die Casa Serrati im Nu einem Bollwerk glich. Niemand fand nun mehr Einlass. Einmal war das geschehen, erinnerte sich Juliana bestürzt und sah auf die Balken, die ihr den sehnlichen Ausgang versperrten. Es war damals um eine Frau aus Pisa gegangen, die ein anderer so begehrte, dass er ihrem Vater den Tod wünschte. Warum, wusste Juliana nicht. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass Vater jemals einer anderen Frau seine Liebe erklärt hätte als Dina. Beinahe wäre es dem Angreifer gelungen, ihren Vater zu töten. In letzter Sekunde hatte sich Federico vor seinen Herrn geworfen und ihm damit das Leben gerettet. Darum genoss Federico manches Privileg, dennoch blieb er ein Diener, dessen Ehre keine Vernachlässigung der Arbeit duldete.

Ein Schauer glitt über Julianas Rücken. Sie dachte an die Ereignisse zurück. Ein Toter war offenbar dennoch zu beklagen gewesen in jener Nacht, über die Maria trotz Julianas neugierigen Fragen bis heute eisern schwieg. Ein einziges Mal nur hatte Juliana es gewagt, ihre Mutter zu fragen, worauf diese in Tränen ausgebrochen war und von einem schrecklichen Ende gesprochen hatte. Niemand sprach seitdem darüber.

Was aber war heute geschehen, dass sich ihr geliebtes Heim binnen weniger Stunden in eine Festung verwandelt hatte? Die Beklommenheit, die so jäh über ihr bislang beschauliches Heim gezogen war, zwang sie, sich ein eigenes Bild zu verschaffen. Juliana war die Geheimnisse und Verbote leid. Flugs hastete sie in ihre Kammer und blickte aus dem Fenster. Einem Ameisenhaufen ähnelte die aufgewühlte Menge, die sich mittlerweile vor dem Haus versammelt hatte. Es waren nicht ein paar Menschen, die Vater zu sprechen verlangten – nein, es waren Dutzende. Die auf unbestimmte Zeit vertrösteten Männer waren aufgebracht und versuchten, gewaltsam einzudringen. So uneins sie in den Sitzungen der Signoria waren, an diesem Morgen verfolgten sie ein gemeinsames Ziel. Mit einem dicken Holzpfeiler rammten sie das Tor, über dem das Wappen der Familie Serrati hing. Immer wieder bündelten die Männer die Kräfte für einen neuen Angriff, bis das Portal an einigen Stellen zu bersten drohte. Die Erschütterungen verspürte Juliana bis in den dritten Stock hinauf.

»Antonio! Wo zum Teufel steckt er?« Die Stimme ihres Vaters überschlug sich vor Zorn und Ungeduld.

»Kommt heraus, Serrati, damit Ihr mit eigenen Augen seht, was Ihr mit Euren Verleumdungen anrichtet!«, rief einer der Männer, kaum dass Juliana einen Blick auf die Straße gewagt hatte.

»Da ist jemand!« Einer der Männer in einem roten Umhang mit goldglänzendem Wappen zeigte auf Juliana. »Macht auf! Wir wollen mit Eurem Herrn reden.«

Der Mann hielt sie offenbar für eine Magd! Empört wich Juliana zurück.

»Geh vom Fenster weg, sofort!« Maria stand keuchend neben ihr. Hilflos schwangen ihre Fäuste in der Luft umher.

»Was wollen sie von Vater? Hat es etwas mit diesem Mazaretto zu tun, diesem ungehobelten Mann vor der Basilika?« Was immer Vater mit diesem Mann zu schaffen hatte, es musste etwas Frevelhaftes sein, dass er ihn verfluchte und die Angelegenheit für solchen Aufruhr sorgte. Erneut erbebte das Haus unter den heftigen Stößen der Eindringlinge.

Maria erbleichte. »Was weißt du darüber?« Die alte Kinderfrau schien alles um sich herum vergessen zu haben. Sie umklammerte Julianas Hand und schnaufte vor Aufregung. »Es musste so kommen. Ich habe immer gesagt, dass dieser Frevel uns eines Tages einholt. Heilige Jungfrau, vergib mir.«

»Juliana, geht weg vom Fenster!« Antonio betrat ihre Kammer. Ohne um Einlass gebeten zu haben, stürzte er zum Fenster und schloss die Läden, sodass auch die kostbaren Wandmalereien mit ihrer Farbpracht dieser unerträglichen Dunkelheit zum Opfer fielen. »Ich bin es leid, Euch nachzulaufen!« Der junge Mann wirkte aufgelöst und war außer Atem.

»Vater verlangt nach Euch. Habt Ihr ihn nicht rufen gehört?«

»Antonio, warum war das Fenster offen?« Ihr Vater stand mit Zornesfalten über der Stirn im Türrahmen und fixierte seinen Gehilfen aufgebracht.

»Vater, was ist …«, begann Juliana zu fragen, doch Antonio fiel ihr ins Wort.

»Ich musste den Geheimgang nehmen, notario, sonst wäre ich eher hier gewesen. Juliana half mir, die Fenster in den oberen Etagen zu schließen.« Er warf ihr einen warnenden Blick zu, sofern sie ihn in der ungewohnten Düsternis richtig zu deuten verstand.

Die beiden Männer wollten allein sein. Rasch zogen sie sich in das Arbeitszimmer des notario zurück.

»Seid unbesorgt. Ich habe alles zu Eurer Zufriedenheit erledigt«, hörte sie noch, bevor Maria die Tür von Julianas Kammer schloss.

Antonio war erst jetzt gekommen. Das hatte Vater sicherlich gewusst. Nachdenklich blieb sie vor der Tür stehen und lauschte. Wovon sprachen sie? Sie sah Maria erwartungsvoll an, doch diese blieb unschlüssig vor der Tür stehen.

»Ihr könnt nicht alle so tun, als gäbe es diese Menschen da draußen nicht. So sprich endlich, oder soll ich Vater sagen, dass auch du durch die Luke gespäht hast?«

»Sei still. Tu einmal, was man dir sagt, ungezogenes Ding.« Mit diesen ungewohnt heftigen Worten verließ Maria die Kammer ihres Zöglings und versperrte hinter sich die Tür.

Niemals zuvor hatte Maria die Tür abgeschlossen. Wütend riss Juliana an dem Knauf. »Ich werde nicht aufhören zu fragen. Auch wenn du mich einsperrst, hörst du?«

Ein harter Schlag gegen das dunkel gebeizte Holz der Tür brachte Juliana zum Verstummen. Verzagt wich sie zurück und setzte sich mit dem Rücken zur Tür, in der Hoffnung, dass Maria bald zurückkäme. Nach einer Weile kauerte sie sich auf den kühlen Boden und entzündete ein Talglicht. Im fahlen Schein begann sie leise zu beten. Es gelang ihr nicht, sich Gott zu öffnen wie an anderen Tagen. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab.

Der Tag zog sich hin und ließ Juliana Zeit, über die cupola und ihre Begegnung mit Dario nachzudenken, diesem ungehobelten Handlanger Brunelleschis. Was würde sie ihm sagen, wenn sie ihm begegnete? Vielleicht freute er sich, sie zu sehen.

War die Meute vor dem Haus erschöpft? Die aufgebrachten Rufe waren inzwischen verstummt, denn sie hörte den Glockenschlag der nahen Basilika. Angestrengt lauschte sie an der Tür. Schwere Schritte hallten auf dem ersten Treppenabsatz, nicht die vertrauten Schritte ihres Vaters, sondern die eines Fremden. Galt ihm vielleicht der Zorn der Menschen? Gewährte Vater ihm heimlich Zuflucht?

»Du schließt Frau und Kind ein, Ferdinando?«

»Du hast die unerträglich heißen Sommer in Florenz vergessen, mein Freund!« Ihr Vater lachte. Unbeschwert, als wären die letzten Stunden in der Casa Serrati nur ein böser Traum gewesen. »Es wurde Zeit, dass du kommst. Du siehst selbst, was mich dein Rat gekostet hat. Schlaflose Nächte, Angst um meine Familie. Diese Männer vor meinem Haus werden nicht eher ruhen, bis sie die Wahrheit herausfinden.«

»Es war eure Entscheidung, die Verträge zugunsten der Opera zu ändern, Ferdinando. Nun findet einen Weg, das zu klären. Zwar fand Brunelleschi bisher nie Zeit, alles zu kontrollieren, aber …«

Suchte der Fremde eine Aussprache mit Brunelleschi? Seit seinem Erscheinen mussten gut zehn weitere Männer durch den Geheimgang gekommen sein. Nur so konnte sie sich die plötzliche Anwesenheit mehrerer Männer erklären, deren Stimmen jenen ähnelten, die sie vor einigen Tagen gehört hatte, bevor die überraschenden Besucher des Hauses verwiesen worden waren. Antonio empfing sie. Nur Giovanni Baldachi fehlte.

Eifersucht durchfuhr Juliana. Warum vertraute Vater Antonio neuerdings? Und schlimmer! Alle kannten den Geheimgang und konnten ungehindert in die Casa Serrati eindringen. Nun saßen sie in der Falle, umgeben von dicken Balken, die Licht und Zuversicht aussperrten, vor geschlossenen Fenstern und mit der bangen Frage, ob das Licht des nächsten Morgens die Casa wieder durchfluten würde.

Seufzend starrte Juliana ins Halbdunkel ihrer Kammer, bis plötzlich das Talglicht flackerte. Sie hob es an und hielt ihre Hand schützend davor. Da bemerkte sie einen matten Lichtschein, der die hintere Wand ihrer Kammer teilte. Behutsam strich sie mit der Hand über die Wand und wich überrascht zurück. Ein weiterer Geheimgang? Schon drückte sie gegen die mit weichem Brokat bezogene Wand. Sie meinte, die Stimmen lauter zu hören, drückte, bis die Wand einen Gang preisgab.

»Er wird dafür büßen, was er mir und meiner Familie angetan hat!« Nach einigen Schritten vernahm sie die Stimme ihres Vaters so laut, als stünde er unmittelbar neben ihr.

Kapitel 4

Dämonen jagten Juliana durch dunkle Gänge, in denen tiefes, unheilvolles Grollen und schmerzerstickte Schreie hallten. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Ein grelles Licht am Ende des Ganges versprach Rettung, doch es entschwand immer wieder ihrem Blick. Mit jedem Schritt entfernte sie sich mehr vom Weg der Tugend und verlor sich in lockender Süße verzehrender Leidenschaft. Juliana zerrte verzweifelt an ihrem Surcot, der an Nägeln in der Wand hängen geblieben war und sie daran hinderte, den rettenden Schein zu erreichen. Ein greller Lichtstrahl blendete sie.

»Herr im Himmel, ich werde nie wieder Unrecht tun!«, rief sie und fuhr hoch. Schweißgebadet saß sie am nächsten Morgen in ihrem Bett und begegnete dem besorgten Blick ihrer Mutter.

»Du hattest einen Albtraum, Liebes.« Dina fasste nach Julianas Hand und zog ihr den Surcot über die entblößten Schultern.

»Die Sonne ist so hell.« Juliana hielt inne. Die Fensterläden waren wieder offen!

»Die gute Maria wird nachlässig. Hast du im Surcot geschlafen?« Dina ließ prüfend ihren Blick über das ungewohnte Chaos in Julianas Kammer wandern. »Zieh dich ordentlich an und komm in mein Zimmer, dann sprechen wir über alles«, sagte sie.

»Hat Vater also endlich Vernunft angenommen«, flüsterte Juliana erleichtert. Hastig setzte sie sich auf und umarmte ihre Mutter. Sie dachte an die seltsame Unterredung der Männer, die sie belauscht hatte. Welche Verträge hatte Vater geändert und in wessen Auftrag? Er war bekannt dafür, dass alles auf den Gulden genau festgehalten wurde.

»Das Talglicht erlosch vor dem Schlafengehen mitten im Gebet.« Julianas Wangen glühten. Sie bemerkte die verräterischen roten Flecken auf dem Bettlaken. Und die Fußspuren zur Wand, wo sie die unverhoffte Tür zum Geheimgang entdeckt hatte. Gewiss gab es noch mehr in der Casa Serrati.

In ihrer Aufgewühltheit nach ihrem Ausflug hatte sie Darios Geschenk mit ins Bett genommen. Rasch rutschte sie über die schmutzige Stelle, um die Neugier ihrer Mutter nicht zu schüren, und ignorierte das unangenehme Drücken des Backsteins unter ihrem Gesäß. Kaum hatte ihre Mutter die Kammer verlassen, stürzte Juliana ans Fenster. Der vertraute Duft der Stadt waberte um ihre Nase. Frische Luft erfüllte die Kammer und schenkte ihr neue Hoffnung. Von Leichtigkeit erfüllt, drehte sie sich übermütig im Kreis, bis sie taumelnd auf das Bett zuwankte und hineinfiel. Sie konnte die Casa verlassen, war nicht länger Gefangene. Das Klopfen und Hämmern an der Piazza del Duomo, das in den letzten Minuten bis zu ihrem Fenster zu hören gewesen war, erfüllte sie mit Lebenslust.

*

Mit einem Lächeln betrat sie nach einer äußerst flüchtigen Morgentoilette Mutters Salon. Dort verzog sie enttäuscht den Mund. In der Mitte des Tisches stand eine geöffnete Holztruhe mit halb fertigen Stickereien.

Ihre Mutter ignorierte ihre Enttäuschung und wies auf den Stuhl zu ihrer Rechten. »Es wird Zeit, dich deinen Kunstfertigkeiten zu widmen. Dein Vater muss in einer dringenden Sache in die Signoria. Wir haben also den ganzen Tag Zeit zu reden und ich habe ein Auge auf die Fortschritte, die deiner Aussteuer zugutekommen.«

Juliana schluckte. Sollte sie ihre Mutter fragen, ob Antonio tatsächlich gewillt war, sie zu ehelichen? Was wollte er mit einer jungen Frau, die kein Interesse am Sticken zeigte und deren Herz längst vergeben war?

Von Weitem konnte man deutlich erkennen, welche Stickereien durch die geschickte Hand ihrer Mutter entstanden waren. Die kunstvoll verzierten Tücher und Deckchen machten die Casa Serrati wohnlich. Sie zeugten von der liebevollen Hand einer Frau, die es perfekt verstand, den Haushalt zu führen und ein gemütliches Heim zu gestalten. Im Gegensatz dazu die zerknüllten, halb vollendeten Tücher Julianas, die vielleicht Maria aus Sentimentalität aufbewahrte. Keinesfalls würden sie jemals einen Tisch zieren. An manchen Stellen eines vermaledeiten Tüchleins erinnerte sich Juliana sogar an die damit verbundenen Tränen. Bei Gott, sie verabscheute diese quälend langsam verrinnenden vertanen Stunden der Stickerei!

Der seltsame Traum der letzten Nacht ging ihr nicht aus dem Kopf. Schuld daran war ihr Vater. Sein Zorn trieb ihn immer tiefer ins Verderben. Er wird dafür büßen, was er mir und meiner Familie angetan hat. Dieser Satz ging ihr nicht mehr aus dem Ohr. Meinte er tatsächlich den capomaestro oder verwechselte er ihn im Zorn?

Ihre Rückkehr aus dem zufällig entdeckten Geheimgang war eine Flucht gewesen. Längst war das Talglicht in ihrer Hand erloschen, sodass sie Schritt für Schritt durch die Dunkelheit einen Weg zurück in ihre Kammer hatte finden müssen. Außer Atem und voller Angst hatte sie bis zum Morgengrauen in einer Ecke gekauert und war erst kurz vor Mutters Erscheinen mit Darios Backstein in der Hand unter die Decke geschlüpft.

Beschämt sah Juliana auf ihre Finger, während Mutter unbeirrt an ihrer Stickerei arbeitete. Nicht nur das Rot des Backsteins hatte seine Spuren hinterlassen. Staub und ein übler Geruch hingen in ihrer Nase. Der Backstein ließ sich nicht verleugnen, fürchtete sie. Er brandmarkte sie. Darum nahm sie verstohlen das größte Tuch in der Hoffnung, Mutter würde mehr auf ihre eigene Stickerei achten und nicht auf Julianas Finger. Gehorsam setzte sie sich auf den Stuhl und beobachtete die zarten Hände ihrer Mutter, die mühelos mit Nadel und Garn umgingen und Stich für Stich ein kunstvolles Muster zauberten.

»Meine Aussteuer hat keine Eile, Mutter«, sagte sie leichthin und stach mit bester Absicht die Nadel unbeholfen in den zarten Stoff. »Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben, fern dieser Stadt und überhaupt …«

Dina legte ihre Arbeit beiseite und sah ihre Tochter lächelnd an. »In meinem Herzen magst du immer mein kleiner Engel bleiben. Du bist eine junge Frau und musst deine eigenen Wege gehen.«

»Das will ich auch, doch Vater lässt mich nicht. Ich mag so gern hinaus und das Modell der cupola sehen, ohne dass Vater mich begleitet. Ich verspreche Euch, ich komme auf dem schnellsten Weg heim und sticke, bis es in ganz Florenz kein Garn mehr gibt«, beteuerte sie. »Ich schwöre bei all…« Sie brach ab, weil ihre Mutter plötzlich in Tränen ausbrach.

»Du bist wie dein Vater! Immer spielt ihr mit der Wahrheit und tut, als wäre alles in Ordnung. Die ganze Stadt hat euch verspottet?«

Juliana verstand nicht. Dann dämmerte ihr, wovon ihre Mutter sprach, und sie ließ die Stickerei jäh fallen. Was sollte sie tun? Was durfte sie sagen, ohne das seltsame Verhalten ihres Vaters zu entblößen? »Maria übertreibt. Du kennst sie ja«, erklärte sie mit gespielter Leichtigkeit. »Die Leute mussten lange warten und es hatte zu trinken gegeben.« Sie hoffte, dass ihre Mutter sich mit dieser Erklärung zufriedengab. Eilig wand sie die Stickerei in ihren Händen. »Zeigst du mir, wo ich die Fadenenden vernähen muss?« Ungewohnt wissbegierig und eifrig hielt sie ihrer Mutter das zweifelhafte Kunstwerk entgegen. In diesem Moment klopfte es an der Tür und Bernardo kündigte Besuch für die Herrin an.

Juliana, erleichtert, dem quälenden Miteinander entkommen zu sein, sprang auf. »Ich ziehe mich in meine Kammer zurück, Mutter.« Kaum hatte sie die Schwelle erreicht, blieb sie erstarrt stehen.

»Ferdinando! Ich muss mit dir reden!« Die herrische Stimme, die bis zur Galerie hinauf unüberhörbar war, gehörte ihrer zänkischen Tante Apollonia. Vaters ältere Schwester wohnte nahe dem Borgo Santi Apostoli und suchte die Familie immer dann heim, wenn diese es am wenigsten brauchen konnte.

Juliana wechselte mit ihrer Mutter einen unheilvollen Blick, dann ergaben sie sich mit vereinten Kräften ihrem Schicksal.

»Liebste Apollonia, was für eine schöne Überraschung«, begrüßte Dina ihren unerwarteten Gast mit einem so liebevollen Lächeln, dass Juliana nie eine Abneigung ihrer Mutter gegenüber der angeheirateten Schwägerin vermutet hätte.

Juliana straffte die Schultern und versuchte, es ihrer Mutter gleichzutun. »Tante Apollonia, ich freue mich über Euren Besuch.« Sie erntete nur einen abfälligen Blick.

»Ist dir die Seife ausgegangen, Dina? Wie das Kind herumläuft!« Schnaubend erreichte die füllige Witwe die Galerie und sah sich neugierig um. Das Schwarz ihrer Garderobe färbte seit Langem auf ihr Gemüt ab. Verdrossenheit und Neid beherrschten Tante Apollonias Wesen, deren Neugier sie auch heute nicht von boshaftem Spott abhielt. »Besitzt ihr keine Dienstboten mehr?« Sie zeigte vorwurfsvoll auf einen dunklen Fleck vor der Salontür.

Juliana erschrak. Sie hatte nach ihrer nächtlichen Flucht aus dem Gang vergessen, ihre Fußsohlen zu waschen.

»Gewiss, Apollonia. Sie werden dir gleich eine Erfrischung bringen nach dem weiten Weg, den du in dieser Hitze auf dich genommen hast. Warum hast du keinen Boten geschickt, um nach Ferdinando zu verlangen?«

»Vater kommt spät zurück, Tante Apollonia«, erklärte Juliana und warf ihrer Mutter einen Hilfe suchenden Blick zu.

Tante Apollonias Wangen glühten, doch Dina ließ sie zappeln.

»Wie geht es dir, liebste Apollonia? Das Wetter heute ist lähmend, findest du nicht auch?« Geschickt ließ sie ihren Fächer unter der Stickerei verschwinden, während Apollonia der Schweiß über die dicken Backen lief.

Juliana hatte verstanden. Sie öffnete kurzerhand alle Fenster im Salon, um der Hitze Einlass zu gewähren. Ihre Tante hasste die stickigen Tage des Sommers. Deshalb zog sie es vor, in Fiesole die Zeit bis Herbst zu verbringen. Lediglich der Wissensdurst über die Ereignisse der letzten Tage hatte sie von ihrer geplanten Abreise abkommen lassen.

Bevor Angelica, eine jüngere Dienerin, den kühlen Wein und feuchte Tücher servieren konnte, nahm Juliana den erfrischenden Stoff fort und stopfte ihn von ihrer Tante unbemerkt unter ihren Surcot. Angelicas Augen wurden noch größer, denn Dina bat darum, das Eingangsportal zu öffnen. So fände der Wind Einlass in die Casa. Ihre Mutter wusste, dass die träge Hitze des Tages nun durch alle Räume und den Vorhof fluten würde.

Tante Apollonia war einfältig. Und vor allem darauf bedacht, die Unvernunft ihres Bruders zu hinterfragen. »Was für ein Spektakel erzählt man sich auf den Straßen? Ferdinando soll betrunken gewesen sein? Ich schäme mich zu Tode, mich rechtfertigen zu müssen. Meine Freundinnen reden von nichts anderem mehr!«

Dina seufzte. »Ferdinando selbst ist nicht glücklich über den Verlauf dieses Tages. Es war ein heißer Tag. Sie hatten nicht darauf geachtet, genügend zu trinken.«

»Er ist notario, kein Trunkenbold. Dina, bei allem Respekt, ich befürchte, es fehlt dir an Entschlossenheit und Kraft, deine Familie zu führen.« Apollonia zeigte auf Juliana und packte sie an der Hand. »Nicht mal ein Waschweib vom Arno hat solch schmutzige Hände! Deinem Mann werfen sie Steine hinterher, und dann sperrt ihr euch ein … Seid ihr noch bei Verstand?«

Dina starrte auf Julianas Hände, dann wanderte ihr Blick hoch. »Steine? Juliana, ist das wahr?«

Julianas Augen füllten sich mit Tränen. Die schmerzliche Erinnerung zerriss ihr das Herz, der plötzlich verstehende Blick ihrer Mutter noch mehr. »Ich weiß nicht, was passiert ist! Ich kam aus der Kirche und Vater torkelte, weinte, schrie und …« Ihre Stimme erstarb. »Er stank wie ein Kind.«

»Warum erzählst du solchen Unsinn, Juliana?«

Erschrocken wirbelte sie herum. Hatte Vater schon lange hinter ihr gestanden? Zu lange, fürchtete sie.

Mit bleichem Gesicht betrat er den Salon und schüttelte fassungslos den Kopf. »Mein eigen Fleisch und Blut. Geh mir aus den Augen, sofort!«, schrie der notario außer sich und warf das Tablett nach Juliana, das Angelica aus Verwunderung hatte stehen lassen.

*

Benommen kehrte Juliana in ihre Kammer zurück und schloss mit zitternden Fingern die Fenster. Die Läden hielten nicht nur die Hitze fern. Das dämmrige Licht verhinderte, dass ihr sehnsüchtiger Blick etwas erspähte, das ihr fern wie nie schien. Noch immer hallte Vaters zornige Stimme in ihren Ohren nach. Sie hatte nicht gelogen! Warum nur war Tante Apollonia gekommen? Vaters Zorn verdankte sie allein dieser gehässigen alten Frau, deren verachtende Augen selbst bei der Predigt in der Kirche nicht milder wurden. Juliana schlug mit der Hand gegen die Wand. Hatte Vater diesen schrecklichen Tag gänzlich aus seinem Gedächtnis verbannt oder erinnerte er sich wahrhaftig nicht mehr daran, wie seltsam er sich gebärdet hatte? Sie bildete sich das nicht ein. Zu heftig brandete die Erinnerung an den schier unendlichen Heimweg hoch. Sogar kleine Kinder waren ermutigt worden, den Trunkenbold und seine Tochter auszulachen. Hatte Vater diese demütigenden Erlebnisse tatsächlich vergessen? Oder schämte er sich so sehr, dass er lieber tat, als wäre das nicht passiert? Dafür bezichtigte er seine eigene Tochter der Lüge? Während ihr Vater mit erhobener Stimme in Mutters Salon Gründe für das frevelhafte Benehmen seiner Tochter suchte, war ihre Seele rein.

Juliana entzündete ein Talglicht und kniete nieder. »Vergib mir, oh Herr. Ich habe gesündigt, doch ich habe nicht gelogen. Ich träume von Dario, was sich nicht gehört, deshalb lege ich all mein Vertrauen in dich. Befreie mich von diesen seltsamen Gedanken, die mein Herz gefangen nehmen. Beschütze meinen Vater vor seiner Blindheit und befreie meine Mutter von ihrer Angst, uns beide zu verlieren.«

Es dauerte bis in den Nachmittag hinein, bis sich ihr Vater endlich beruhigte. Julianas Magen knurrte inzwischen. Hatte man sie vergessen oder weitete Vater seine Strafe aus, indem er ihr das Abendbrot verweigerte? Unruhig wanderte sie durch das Halbdunkel ihrer Kammer und überlegte, ob Vaters Zorn wohl länger anhielt. Bislang hatte sie ihm kaum Anlass gegeben, über ihr Verhalten zu klagen oder sie gar zu strafen. Die kleinen Ausflüge, die sie ohne sein Wissen wagte, waren kaum der Rede wert. Seit Kurzem begehrte sie gelegentlich auf und wollte ihre eigene Meinung kundtun, wissen, was in den Straßen vor sich ging. Nicht wie ihre Cousinen den ganzen Tag Tante Apollonias Geschwätz ertragen und unsägliche Dinge tun wie Sticken, weil es der Anstand gebot.

Beim Läuten der Abendglocken hielt sie es nicht länger in der engen Kammer aus und spähte auf den Flur. Es war still im Haus. Zu still für diese Zeit. Wenn niemand mehr mit ihr über die cupola und das, was vorgefallen war, sprechen wollte, musste sie nach einem anderen Weg suchen.

Angetrieben von den zornigen Worten ihres Vaters, verspürte sie den Drang, dem capomaestro zu helfen, der von den Tiraden gegen ihn nichts ahnte. Sie wollte die cupola mit eigenen Augen sehen, irgendwann. Bis dahin musste das Modell genügen. Vielleicht gab es ein Geheimnis, das sich dahinter verbarg? Vater gelang es, Menschen für sich einzunehmen, und ebenso leicht brachte er sie gegen sich auf. Warum in Gottes Namen reagierte er so feindselig, wenn die Sprache auf Brunelleschi kam?

Ein paar Schritte später verharrte sie vor dem Arbeitszimmer ihres Vaters. Da sich niemand zeigte, der sie daran hindern konnte, trat Juliana über die Schwelle und schloss sanft die Tür. Sie wusste, dass sie unrecht tat. Es schnürte ihr den Hals zu, doch ließ man ihr eine Wahl? Sie öffnete die Schranktür und starrte auf die unzähligen dicken Bücher, die dicht an dicht aneinandergereiht waren. In Leder gebunden, unbarmherzig mit Schnüren festgezurrt, damit keines der Schicksale verloren ging. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Spielte Vater nicht ebenso wie der capomaestro Gott? Die leicht verkohlten Pläne lagen unberührt auf dem Tisch. Unschlüssig blickte sie zur Tür, dann zu den Plänen. Die Angst, ihr Vater könne sie in seinem Arbeitszimmer überraschen, verdrängte sie. Kaum saß sie auf dem geflochtenen Gestühl, betrachtete sie gebannt die Aufzeichnungen und lächelte verzückt. Mit dem Finger fuhr sie bedacht über die Zeichnung der sanft gewölbten Kuppel, die das Dach der Santa Maria del Fiore schließen sollte. Die Pläne des capomaestro in ihren Händen! Assunita würde es nicht glauben, wenn sie ihr davon erzählte. Juliana beugte sich voller Neugier tiefer. Ein schwungvolles Kürzel bestätigte die Einträge auf ihre Richtigkeit. Kein Geringerer als Filippo Brunelleschi hatte unterzeichnet. Sogar das Emblem der Opera war deutlich auf dem Papier zu erkennen. Verblüfft bestaunte Juliana die Pläne, die mit Zahlen und Berechnungen übersät waren. Die cupola. Schwebend. Anmutig in den angesetzten Bögen aus Holz und Stein. Juliana schloss ihre Augen und stellte sich vor, wie sie vor dem Dom stand. Mit dem Kopf im Nacken die cupola betrachtend – bis die Tür aufsprang und ihr Vater vor ihr stand.

»Ich werde morgen frühzeitig in den Palazzo della Signoria gehen und Giovanni beweisen, dass ich im Recht bin«, erklärte Ferdinando wütend. Er blieb zwischen Tür und Angel stehen, was Juliana genug Zeit verschaffte, die Pläne an ihren Platz zu schieben. Bevor ihr Vater sie ertappte, sprang sie auf und schloss rasch den Schrank mit den Büchern.

Überrascht, sie hier zu finden, hob ihr Vater die buschigen Augenbrauen. »Sind alle verrückt geworden? Hinaus mit dir, und wage nie wieder, mein Arbeitszimmer zu betreten!«

Mit weichen Knien blieb Juliana vor der geschlossenen Tür stehen, in der Hoffnung, ihr Vater käme zur Vernunft und riefe sie zurück, doch nichts geschah.

»Ich werde das Modell wiedersehen«, flüsterte sie. »Und wenn ich den capomaestro selbst darum bitten muss!«

Kapitel 5

In den nächsten Tagen versuchte Juliana, ihrem Vater aus dem Weg zu gehen. Das war ein Leichtes, denn der notario war von morgens bis abends außer Haus. In die Casa Serrati wurden schwere Truhen und Holzkisten geliefert, für deren sicheren Transport viel Schweiß floss. Antonio und Bernardo hatten den Auftrag erhalten, sich darum zu kümmern, dass alles unversehrt in den großen Salon im obersten Stock getragen wurde. Die Arbeit blieb an den beiden jüngeren Männern hängen, denn Federico war zu alt und die Küchenmägde zu unbeholfen. Interessiert sah Juliana ihnen zu und hoffte, einen Blick auf den Inhalt erhaschen zu können, um den Antonio so besorgt war, dass er Bernardo anflehte, die Treppen behutsamer zu erklimmen.

Mit schweißglänzenden Gesichtern rasteten die ungleichen Männer auf der Galerie.

»Brunelleschi hätte diese Kisten längst mit einem Kran nach oben geschafft«, stöhnte Bernardo und deutete auf die ausgetretenen Stufen, die noch vor ihnen lagen.

Antonio grinste mit einem verständnisvollen Nicken. »Bereits bei der Planung hätte er nichts dem Zufall überlassen. Ganz sicher würde er nicht uns solch kostbare Stücke anvertrauen.«

Bernardo wurde leichtsinnig, weil der gebildete Antonio so unbeschwert mit ihm sprach. Er trat gegen eine der leichteren Kisten und sah besorgt auf, da etwas darin zerbrach. »Der notario wird mich aus dem Haus jagen!« Ängstlich hob er die Kiste hoch und sah sich unschlüssig um. »Nehmt Ihr sie.« Er drückte sie dem überraschten Antonio in die Hände.

»Zum Teufel, nein!«

Bernardo floh in den Innenhof, während Antonio unbeeindruckt tat.

Juliana trat aus ihrer Kammer und ging auf Antonio zu. »Wollt Ihr die Kiste tatsächlich im Salon abstellen und darauf hoffen, dass mein Vater den Schaden nicht bemerkt? Was befindet sich darin, weshalb Ihr so viel Aufheben darum macht?«

Antonio bedeutete ihr, leise zu sein, und winkte sie näher. »Es ist eine Büste, die ein Künstler der Dombauhütte extra für Euren Vater angefertigt hat.«

Juliana lächelte. »Stellt die Kiste in meine Kammer. Vielleicht kann ich Euch helfen, Euer Missgeschick zu verbergen.« Unbemerkt von den Dienern und Mägden, die immer wieder die Stufen vom Schmutz befreiten, den Bernardo und Antonio darauf verteilten, verschwand die Kiste in Julianas Schrank.

»Kein Wort zu meinem Vater«, ließ Juliana Antonio versprechen, bevor sie ihn entließ. Ungeduldig wartete sie, bis er im Innenhof mit Bernardo weitere Kisten in Empfang nahm.

Sie versuchte gerade, die Kiste zu öffnen, da rief ihre Mutter zum Abendbrot. Etwas weiß Glänzendes glaubte Juliana durch den schmalen Spalt zu erspähen, eine nähere Betrachtung musste warten.

*

»Dein Vater bedauert den Vorfall sehr«, erklärte ihre Mutter beim Abendbrot.

Juliana ging nicht näher darauf ein. Tat es ihm leid, dass er mit einem Tablett nach ihr geworfen hatte? Oder wollte er eingestehen, dass er sie zu Unrecht als Lügnerin bezeichnet hatte? Der blutrote Sonnenuntergang tauchte den Salon in ein eigenartiges Licht, das Dinas Haar in eine feuerrote Glocke verwandelte. Sie sah aus wie eine Göttin. Atemlos starrte Juliana ihre Mutter an und fühlte sich unscheinbar dagegen. Mutters volle Lippen, dazu die makellose Haut und der gertenschlanke Körper erinnerten sie an die kostbaren Statuen, an denen die Florentiner Künstler arbeiteten. Wie oft werden diese Frauen bewundert und für ihre Schönheit verehrt? Fühlten sich Dario und ihr Vater von Frauen angezogen, die sich unterwarfen oder ihren eigenen Willen durchsetzen wollten?

»Juliana? Ist alles in Ordnung?« Dinas fragender Blick ruhte auf ihr. Sie hielt inne, dann lächelte sie und griff nach Julianas Hand. »Es wird wohl Zeit. Dein Vater wird erleichtert sein.« Sie beendeten ihr Abendmahl und Juliana folgte ihrer Mutter in deren Schlafgemach. Ein Ort, den sie von Zeit zu Zeit betreten durfte. Mutters Refugium. Sie blickte auf die Papageien, deren kunterbunte Federn die Wände schmückten. In einer Ecke lag der Kamin, der sie in den kalten Winternächten wärmte. Sie roch den Duft vertrockneter Rosen und sah beschämt auf das Bett ihrer Mutter. Kam jetzt die befürchtete Ansprache, vor der Assunita sie gewarnt hatte?

»Dein Vater mag seine Fehler haben, doch eines zweifle ich nie an: Er liebt uns. Auf seine Weise. Dennoch gibt es Dinge, die ihm Angst bereiten. Auch du.«

»Ich?« Juliana sah verblüfft hoch. Warum sollte sie einem gebildeten Mann, einem notario, Angst machen?

Dina lächelte milde. »Es ist uns nicht entgangen, dass du dich verändert hast. Du gleichst einer Rose, die erblüht, und dieses Wissen verunsichert deinen Vater zutiefst. Niemals darfst du eine Rose zu früh beschneiden oder sie des Wassers berauben, das sie benötigt.«

Juliana gluckste vergnügt. »Ich bin keine Rose und Wasser gibt es genug im Arno.«

Dina zog sie in ihre Arme und hielt sie fest umschlungen. »Liebes, du irrst!«

Ins Dickicht des wallenden Haares ihrer Mutter flüsterte Juliana: »Ach, Mutter, was soll ich tun, wenn er in mir keine blühende Rose sieht? Ich kann ihn nicht vergessen!« Sie schloss ihre Augen und gab sich verträumt dem Klang von Darios Stimme hin.

»Nur ein Blinder oder ein Narr würde das, geliebte Juliana.« Ihre Mutter löste sich aus der Umarmung und strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich denke, es ist an der Zeit, dich in die Geheimnisse einer guten Ehe einzuweihen.« Sanft drehte sie Juliana mit dem Rücken zu sich, löste ihr Haarband und die Riemen, die den Surcot um Julianas schmale Taille zusammenhielten.

Nackt, wie Gott sie geschaffen hatte, stand sie mit klopfendem Herzen vor ihrer Mutter. »Er ist weder blind noch ein Narr, glaubt mir, Mutter.«

»Das ist Antonio gewiss nicht«, sagte ihre Mutter lächelnd, während sie einige Tropfen ihres kostbaren Rosenöls auf Julianas Hals träufelte.

»Antonio … aber ich dachte an …«

Wenig später brannten Julianas Wangen vor Scham, denn was ihre Mutter ihr in den folgenden Minuten anvertraute, würde niemals wieder über Julianas unschuldige Lippen dringen.

*

»Bestaunt und begreift, meine Freunde, was ich zusammengetragen habe im Schweiße meines Angesichts!« Mit solch hochtrabenden Worten eröffnete Ferdinando Serrati seine Darbietung in der Casa Serrati. Die ausgelassene Stimmung der Anwesenden, die vor der unerträglichen Hitze dieses Tages flüchteten und dem Aufruf ihres geschätzten Freundes ins neue Etablissement der Künste im Obergeschoss der Casa Serrati gefolgt waren, schlug alsbald auf Juliana über. Endlich erfuhr sie, was ihr Vater seit Wochen im großen Salon vorbereitete für die Besucher. War er deshalb so sonderbar gewesen? Zu ihrer Enttäuschung hatte Maria sie kurz vor dem Eintreffen der ersten Besucher informiert, dass der notario Juliana in ihrer Kammer wissen wollte. Der Anblick dieser Kunstwerke sei nichts für Kinderaugen, aber sie fand nichts Verwerfliches dabei. Der Faszination der anderen Gäste folgend, bewunderte Juliana nun unbemerkt diese eindrucksvolle Bühne für aufstrebende Künstler, Bildhauer und Maler. Für kurze Zeit vergaß sie die bittere Erkenntnis, dass ihre Tage in der Casa Serrati gezählt waren. Antonio eilte von Gast zu Gast und schenkte großzügig nach. Mit glänzenden Augen lauschte er ihrem Vater, und läge nicht Bitterkeit in ihren Gedanken, hätte sie sein Eifer belustigt. Heute jedoch diente die Casa der Kunst. Vaters Leidenschaft zog ihn neuerdings so in den Bann, dass er der Ratssitzungen in der Signoria überdrüssig war.

Trotz ihrer Vorfreude nagte eine brennende Eifersucht an ihr. Statuen, Gemälde und Fresken beherrschten Vaters Denken mehr denn die Erfüllung seiner Pflichten. Wie eine Eidechse sonnte er sich inmitten seiner illustren Gäste, die seine Diener mit edlem Wein und anderen Köstlichkeiten empfingen. Juliana kauerte auf einer schmalen Treppe, die ihr einen guten Blick auf die Galerie und den sich füllenden Innenhof bot. Sie sah, was an allen Seiten geschah, blieb jedoch hinter den dicken Säulen verborgen.

Sie merkte genau, wer die Casa Serrati zum ersten Mal betrat. Es war nicht die Größe, auch nicht der Prunk, mit dem der von außen unscheinbare Palazzo seine Besucher beim Betreten beeindruckte. Sie verstummten einer nach dem anderen beim Anblick der dicken Querbalken und glänzenden Ketten an den Seitenmauern, über die jeder Balken bei Gefahr jederzeit herabgelassen werden konnte. Es hatte sich wie ein Lauffeuer in der Stadt herumgesprochen, dass die Balken vor wenigen Tagen zum Einsatz gekommen waren. Eine bedrohliche Geste, die bei einigen Patrizierfamilien für große Unruhe gesorgt hatte. Nicht alle Balken waren heute hochgezogen. Drei der dicksten schwebten weiterhin querliegend über dem Hof. Sie zeigten jedem neuen Besucher anschaulich, was sie erwartete, wenn sie sich gegen den angesehenen notario stellten. So gewarnt vor der Wehrhaftigkeit der Serratis wurden die Gäste weitergeführt. Auf dem ersten Treppenabsatz hatten sie jedoch die Bedrohung längst vergessen. Sie lachten, genossen den würzigen Duft der Myrte und cremeweißen Iris, mit denen die Diener und Mägde Brüstungen und Galerien geschmückt hatten. Wohlbeleibte Patrizier und Ratsherren, deren Namen weit über die Stadtmauern hinaus bekannt waren, zählten zu den engsten Freunden ihres Vaters. Auch Giovanni Baldachi war unter ihnen, was Juliana seltsam erleichterte. Ihm, dem die Casa Serrati vertraut war, jagten die bedrohlich schwebenden Balken keine Angst ein. Er leistete Julianas Mutter Gesellschaft, die angespannt das Eintreffen der Gäste beobachtete und Giovannis Scherzen nur vage zuhörte.

Das Lachen der Besucher erfüllte den mittlerweile gut besuchten Salon und drang durch die offenen Fenster über die rötlich schimmernden Dächer. An diesem Tag standen Fehden, Unstimmigkeiten und Rivalitäten zurück, denn eine solche Einladung schlug niemand aus. Alle hingen an Vaters Lippen, auch wenn nicht jeder guthieß, was er von sich gab. Der Tag auf der Piazza del Duomo, an dem sie ihren Vater hilflos und verzweifelt erlebt hatte, erschien Juliana angesichts seiner überschäumenden Freude und seines Stolzes wie ein böser Albtraum. Der Mann, um den sich heute unzählige Menschen scharten, war ein völlig anderer. Ihr Vater lachte und scherzte unbekümmert mit den Gästen. Am Rande der ausgelassenen Gesellschaft stand ihre Mutter nun allein. Immer wieder sah sie zur Tür und lächelte nur, wenn sie angesprochen wurde. Wartete sie auf einen weiteren Gast oder sehnte sie sich bereits nach dem Ende des anstrengenden Tages?

Juliana verließ ihren Platz auf der Treppe und fand hinter einer marmornen Säule auf der Fensterseite des Salons unbemerkt Zuflucht.

Ihr Vater nahm seinen Weinbecher und setzte gerade zu einem Trinkspruch an, da stürzte Antonio aufgeregt herein. »Sie kommen nicht! Dario hat eben auf der Piazza della Signoria verkündet, er wolle lieber verhungern, bevor er auch nur einen Gulden annimmt von einem, der von Kunst nichts verstünde und noch weniger von der wahren Schönheit einer Frau.«

Augenblicklich verstummten alle Gespräche. Juliana presste die Hand auf den Mund. Dario, den sie für einen einfachen Handwerker gehalten hatte, war ein aufstrebender Künstler, der Vaters Einladung ausschlug?

»Die anderen folgen ihm aus Protest, notario. Habt Geduld, sie werden sich besinnen und dann …«

»Zum Teufel mit ihm!«, schrie ihr Vater. »Ich hätte ihn und seine Freunde im Arno versenken sollen.« Auf sein Zeichen hin schlossen die Diener die Türen. Die ungewöhnliche Maßnahme sorgte für lautes Raunen, denn in dem überfüllten Raum war es mit einem Mal eng und stickig. Die Gesichter mancher Damen röteten sich alsbald. Hektische Fächerbewegungen verschafften keine Linderung. Eine Frau sank ohnmächtig in die Arme ihres Begleiters, was Vater nicht verständnisvoller stimmte.

»Tretet zurück! Antonio! Schließt die Fenster, bevor die Statuen Schaden nehmen!«, befahl er stattdessen launisch und überging empörte Widerworte seiner Gäste. Die Statuen. Nichts schien ihm wichtiger.

Juliana presste ihre Wange gegen die kühle Säule. Es war eine dumme Idee gewesen, sich hier zu verstecken. So sehr hatte sie sich auf die neuesten Roben der Damen gefreut, gehofft, sie bei ihren Gesprächen zu belauschen, um dann später brühwarm Assunita zu erzählen, was sie gehört hatte. Stattdessen saß sie in der Falle, einer schwülen Falle. Nun säße sie lieber mit ihrer Freundin am Fluss, in der Hoffnung auf eine sanfte Brise. Der Zauber, Vaters geheimes Etablissement zu sehen, war jäh verflogen. Er benahm sich immer seltsamer. Selbstvergessen ging er zwischen den ausgestellten Werken umher und merkte nicht, dass seine Gäste unter der zunehmenden Hitze litten. »Meine Schöne!«, rief er plötzlich.

Beim Vernehmen dieser Worte seufzte Juliana erleichtert auf, aber sie irrte. Er meinte nicht Dina, sondern reckte seinen Kopf einer Statue entgegen, während er über die sanften Rundungen des weiblichen Torsos strich. Die Statue! Mit ihr hatte Vater so zärtlich gesprochen! Er presste sogar seine Lippen auf diesen … Stein! Vor den Augen aller Anwesenden! Ihre Mutter neigte den Kopf und tat, als unterhielte sie sich unbedarft mit Giovanni, der wie alle Gäste die groteske Posse ihres Vaters mit zunehmender Verwunderung, gar Abscheu verfolgte.

Antonio flüsterte ihrem Vater etwas ins Ohr, worauf sich ihr Vater eher zögerlich auf seine Gäste besann. Mit einem süffisanten Lächeln winkte er alle näher. »Es bedarf einer Muse, um sein Werk zu vollenden, hat er gesagt?«, wiederholte er Antonios Worte voller Hohn.

Dario suchte nach einer Muse. Juliana schauderte bei dem Gedanken, dass ihr Vater erfuhr, wer ihn auf diese Idee gebracht hatte. Was hatte Dario bloß angerichtet? Vater würde aus Zorn alle Künstler verunglimpfen. Das betraf vor allem jene artisti, die keinerlei Aufmerksamkeit bei den reichen Patriziern fanden, sondern ihre Arbeit in einer bottega anboten, um zumindest Geld für Vorarbeiten der Fresken zu verdienen und das Brot für ihre Familien bezahlen zu können. Viel zu viele Künstler in Florenz litten Hunger, weil Gönner wie ihr Vater ihnen nahmen, was sie ihnen zuvor so freizügig geschenkt, ja geradezu aufgedrängt hatten. Anerkennung, Geld und Vertrauen in ihre unermüdliche Arbeit. Darin waren die Florentiner gnadenlos. Sie huldigten denjenigen, deren Ruhm die Stadtmauern überwand, und verspotteten die, deren Talent nicht ausreichte, um die ersehnte Akzeptanz zu erlangen. Die, die es nicht fertigbrachten, eine Statue zu vollenden, die ihnen mit viel Glück oder den richtigen Kontakten mehr einbrachte, als sie je besessen hatten.

»Eine Muse? Soll ihm ein Weib gar den Meißel führen? Ist er nicht Manns genug, das selbst zu tun?«, fragte ihr Vater just in diesem Moment in die Runde, als wüsste er um Julianas Gedanken. In blindem Zorn über Dario trieb er den Spott auf die Spitze. Er sprach mit Leidenschaft über den Entstehungsweg mancher Werke Darios und anderer Künstler, als wären sie durch seine eigene Hand entstanden. In dem verzerrten Antlitz erkannte sie in ihrem Vater nicht jenen herzensguten Mann, der zahlreiche arme Teufel förderte, indem er für ihre Werke hier oben Platz schaffte, sie bekannt machte. Sein Wahn konnte nicht durch Darios Worte allein entfacht worden sein!

»Geht ihm lieber zur Hand, Serrati!«, forderten die angetrunkenen Männer ihn auf, und tatsächlich wies ihr Vater Antonio an, ihm einen Meißel zu bringen. Nach kurzer Überlegung wies er auf eine unvollendete Büste, deren Kopf halb entstellt war, als wäre sie gegen etwas Hartes geschlagen worden. Aus dem halbrunden Sockel leuchtete ein rötlicher Backstein hervor, einer derjenigen, die beim Bau der cupola verwendet wurden. Juliana erstarrte vor Schreck. Nach Bernardos Missgeschick war ihr nur wenig Zeit geblieben, um die Statue zu reparieren, und deshalb hatte sie den entstandenen Hohlraum eilig mit dem Backstein verschlossen. Nun erkannte sie die unversehrten, vertrauten Züge der Büste und sah zu ihrer Mutter, die betroffen auf das Antlitz aus weißem Marmor starrte, das ihrem eigenen glich. Eine Statue zu Ehren ihrer Mutter, doch die steinernen Gesichtszüge zeigten sie sonderbar fremd. Von einer Traurigkeit beseelt, die auch Vaters Gäste zwang, ihren Blick abzuwenden. Juliana sah zu ihrer Mutter, die in diesem Moment ebenso verloren und traurig wirkte wie die Büste. War ihre Mutter unglücklich?

»Ferdinando!« Ohne auf die neugierigen Blicke und Proteste der Gäste zu achten, eilte Dina auf ihn zu. »Du weißt, dass Dario lange daran gearbeitet hat. Tu es nicht, ich flehe dich an!«

Ferdinandos Miene verdüsterte sich. »Daran hätte er früher denken müssen.«

Kreidebleich im Gesicht entriss ihre Mutter Antonio einen Weinbecher und leerte den Inhalt in einem Zug. Juliana schämte sich mehr und mehr. Was ging hier vor sich? Sollte sie lieber den Salon verlassen und riskieren, entdeckt zu werden? Da! Er tat es wahrhaftig! Teile der Statue splitterten bei jedem weiteren unbeholfenen Schlag ihres Vaters ab und stürzten auf den Boden. Einer der Splitter traf ihn sogar und hinterließ eine dunkelrote Schramme auf seiner Wange, dennoch hörte er nicht auf. Stumpf schlug der Meißel gegen den unschuldigen Stein. Mit jedem Hieb verlor der notario mehr an Verstand und Würde. In den Mienen der anderen Gäste las Juliana Unverständnis und Verwirrung. Niemand wagte, ihren Vater aufzuhalten. Wo zuvor das Gesicht einer anmutigen Frau zu erkennen gewesen war, erinnerte nun nichts mehr an die Schönheit des Modells.

»Schande über dich, mein Freund!«, tadelte Giovanni seinen Freund und versuchte, weiteren Schaden zu vermeiden. Sanft, aber bestimmt legte er seine Hand auf die Schulter des notario, bis dieser erschöpft innehielt. »Bleib bei dem, was du beherrschst. Antonio, nimm deinem Herrn den Meißel aus der Hand und schenk ihm lieber nach.«

Dina nickte Giovanni erleichtert zu. Sie wollte gerade auf ihren Mann zugehen, da schleuderte Ferdinando plötzlich wütend den Meißel weg.

»Hat der einfältige Mensch begriffen, dass es mehr bedarf als eines vagen Einfalls mitten in einer Sauforgie? Schlägt zu wie ein Kind. Erbärmlich!«, zischte einer der Patrizier verächtlich.

Ein erstickter Schrei ihrer Mutter schallte durch den Salon. Beinahe hätte der Meißel sie getroffen. Während Antonio und Giovanni sich vergewisserten, dass Dina nicht zu Schaden gekommen war, setzte ihr Vater unbeirrt seinen Rundgang fort. Zu jedem Gemälde, jeder Statue verkündete er ohne Scham, dass dieser oder jener begnadete Maler oder Bildhauer ihm auf ewig dankbar wäre. Ohne sein frommes Zutun hätte den Künstler längst der Hungertod ereilt. Als hätte Vaters Zerstörungswut nicht genug angerichtet, winkte er Antonio zu sich, der begonnen hatte, die Reste der Büste aufzusammeln. »Bring Dario die Büste zurück und fordere mein Geld zurück.«

Juliana hielt entsetzt inne. Wie konnte Vater den Künstler derart vor den Kopf stoßen? Und das Geld war Dario gewiss längst zwischen den Fingern zerronnen.

»Es ist genug, mein Lieber«, hielt Dina ihm entgegen. Sie kämpfte damit, ihre Fassung zu wahren.

Ferdinando musterte sie zornig. Sein Blick fiel auf das zerstörte Antlitz der Statue. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seinen Mund. Dann erhob er sein Glas und leerte es.

Dina schob sich dichter an ihren Mann und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Zuerst sah er verblüfft aus, dann lächelte er grimmig. »Eine schöne Frau versteht es, einen Löwen zu bändigen, darum bitte ich euch, mich kurz zu entschuldigen. Antonio, gib meinen Gästen, wonach ihnen beliebt.« Seine Rechte um Dinas Hüfte geschlungen verließ er den Salon.

»Serrati ist nicht nur der Wein zu Kopf gestiegen«, empörte sich einer der Männer, kaum dass die Türen hinter Julianas Eltern geschlossen worden waren. »Er mag ein Auge für die Kunst haben, doch für das Leid seiner Frauen ist er blind. Dina ist ein Schattenbild ihrer selbst.«

Ein anderer sagte: »Was maßt er sich an, sich über alles zu stellen, was seinen Verstand übersteigt? Brunelleschi ist kein Narr. Das Modell hat das bewiesen.«

Antonio, endlich aus seiner Starre erwacht, verteidigte seinen Mentor. »Es steht niemandem zu, über ihn zu richten. Ihr versteht nicht …« Seine Stimme erstarb.

»Dass er den Verstand verliert, Antonio?«, fragte Giovanni gedämpft. Er wirkte besorgt, während sein Blick über die glänzenden Statuen wanderte. »Wie lange kann ihn die Signoria noch beschützen?«

Juliana barg ihren Kopf auf den angezogenen Knien. Worüber sprachen Antonio und Giovanni?

»Wer möchte von diesem vorzüglichen Wein?«, fragte Giovanni laut in die angespannte Ruhe. Das Lied einer Harfe erklang und nach den ersten Tönen wandelte sich das Missfallen über den Wahn des notario in Heiterkeit. Juliana wollte sich unbemerkt zurückziehen, da fiel ein Schatten über sie.

Kapitel 6

Auf dem Balkon des obersten Stocks der Casa Serrati kauerte Juliana mit geschlossenen Augen auf einer Bank. Obwohl ihre Tränen inzwischen versiegt waren, brodelte es in ihr. Ein einziger mitfühlender Blick Antonios würde genügen, um ihre Fassung bedrohlich ins Schwanken zu bringen. Sie war ihm dankbar für sein Schweigen, während unter ihnen der Lärm der Gäste weiter anschwoll. Offenbar hatte sich auch ihr Vater wieder dazugesellt, deutlich hörte sie ihn. Ob Mutter ihn begleitete? Julianas Blick glitt unsicher zu Antonio, dessen Wams staubig und zerknittert war. Unbemerkt von den Gästen war es ihm gelungen, sie aus dem Salon zu schaffen. Sie hatte am ganzen Leib gezittert. Vater musste den Verstand verloren haben, Darios Büste zu zerstören. Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen ob der Erinnerung, ihre Kehle schnürte sich zu. Schreckliche Bilder gewannen an Schärfe. Gewaltsam bannte sie ihren Blick auf den von mannshohen Zinnen umkränzten Turm des Palazzo della Signoria, zu dessen Füßen sich zur Mittagszeit die Piazza in einem goldenen Meer aus Sonne erstreckte. Sie sehnte sich danach, dort auf den Stufen zu sitzen, sich ihren Tagträumen hinzugeben. Einfach zu vergessen, wovon sie gerade Zeugin geworden war.

Heute hatte sie unerwartet ein weiteres Bild ihres Vaters gewonnen, der sich in seinem eigenen Haus schamlos und verächtlich gezeigt hatte. Zwar war ihr Vater im Ratssaal nicht sanfter in seinem Gehabe, doch ein aufrechter Vertreter des Gesetzes und ein leidenschaftlicher Verteidiger dessen, was er in seinen langen Reden gerne heraufbeschwor: das Vertrauen auf den Fortschritt, auf Veränderungen zum Wohl aller, die in Florenz lebten. Besonders seiner Künstler, deren Schaffenslust viele Neugierige in die Stadt lockte. Diese Leidenschaft, begabte Talente zu unterstützen, hatte Vater bislang auch in der Dombauhütte begleitet. Warum trieb ihn seit einiger Zeit ein unerklärlicher Hass auf Künstler, deren Verträge durch seine Hände gingen, deren Auskommen von seinem Wohlwollen abhing? Jede Änderung wurde in den seitenlangen Verträgen penibel festgehalten, ohne Beeinflussung anderer zu Papier gebracht, und dennoch gab es offenbar Unstimmigkeiten, die Vaters Geistesklarheit bedrohten.

Vergebens versuchte Juliana, den Hass in den Augen ihres Vaters zu vergessen, mit dem er ihre Mutter bedacht hatte. Diese ungezügelte Wut, mit der er auf die Büste eingeschlagen hatte, als symbolisierte sie den Teufel selbst. Ihr linkischer Versuch, noch hastig den Schaden zu begrenzen, den Bernardo an dieser Büste angerichtet hatte, erschien ihr nun sinnlos. Sie hatte diese Büste retten wollen, ohne zu ahnen, dass just Darios Hände über den einst makellosen Stein geglitten waren.

»Was hattet Ihr dort zu suchen, Juliana?«

In der langen Zeit, die Antonio geschwiegen hatte, galten ihre Gedanken Dario. Antonios unterschwelliger Vorwurf stach ihr ins Herz. »Ich wollte sehen, wovon die Menschen sich erzählen, Vaters Etablissement der Künste mit eigenen Augen erleben.« Ohnmächtig, ihre Enttäuschung in Worte zu fassen, sank sie wieder auf die Bank. »Wusstet Ihr, was passieren würde? Vater benimmt sich … seltsam.« Sie scheute sich davor, Giovannis Verdacht zu wiederholen. Verbarg sie wie Mutter ihre Augen vor Vaters Veränderung und ignorierte, was tatsächlich vor sich ging? Aus Angst, die gewohnten Bahnen ihres behüteten Lebens zu zerstören?

»Es war nicht für Eure Augen bestimmt, glaubt mir. Ich mache mir die größten Vorwürfe, Euch zu spät entdeckt zu haben. Dabei hätte ich mir denken können, dass Ihr in der Nähe seid. Unfolgsam wie ein Kind.«

Juliana schnaubte und wollte ihm widersprechen, doch dann besann sie sich mühsam eines Besseren und hob ihren Fächer vors Gesicht. Antonio musste nicht sehen, wie sehr seine Worte sie verletzten. Unbeholfen nahm er neben ihr Platz und räusperte sich mehrmals, bis ihn der Mut verließ. Juliana lächelte traurig. Manchmal vergaß sie, dass er nur zwei Jahre älter war als sie. Seine Klugheit und Besonnenheit waren der Grund, warum Vater von dem jungen Mann eingenommen war. Es gab oft genug diesen unbeholfenen, gar schüchternen Antonio, den sie nicht mochte. Von diesen Gedanken ahnte der junge Mann mit dem verträumten Blick nichts. Nachdenklich kehrte er ihr den Rücken und verharrte schweigend an der Balustrade. Sein schwarzes Haar glänzte im Sonnenlicht. Wäre er ihrem Vater nicht so blind ergeben, wäre Antonio durchaus ein Freund, dem man sich anvertrauen könnte. Nun aber, mit dem Wissen, dass seine Anwesenheit ihrer beider Leben verändern sollte, spürte sie eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen. Langsam erhob sie sich und blieb neben Antonio stehen, der angestrengt in die Tiefe blickte. Fand er auf der staubigen Straße vor der Casa Serrati Antworten?

»Findet Ihr Statuen nackter Frauen schön? Ist es das, was Männer anzieht?« Ihre Wangen brannten, doch die Frage drängte sich ihr so stark auf. Sie konnte nicht anders. Nach dem Gespräch »unter Frauen«, so hatte Mutter diese peinliche Prozedur genannt, war sie vollends verwirrt gewesen. Dem Manne zu Willen sein! Warum musste sie schweigen, wenn ihr nach anderem der Sinn stünde? Wenn sie an Darios Lippen dachte … Sie schluckte, der Fächer schlug gegen ihre Nasenspitze.

Heftig schüttelte Antonio den Kopf. »Ihr seid töricht! Das ist Fleischeslust, nicht Liebe!« Seine Hände zitterten. »Ihr seid zu jung, um das zu verstehen.«

»Aber nicht zu jung, um Euch zu heiraten?«

Er verstummte. Juliana hielt Antonio am Oberarm fest und zwang ihn, sie anzusehen. »Ich weiß von Vaters Absichten, mich zu vermählen. Mit Euch!« Verzweifelt hing sie an Antonios Arm. »Ich mag unerfahren sein, nicht blind. Warum hat mein Vater Mutter vor seinen Gästen beleidigt? Die beiden lieben sich!« Sein Blick ruhte auf ihrer Hand. Juliana dämmerte, dass sie zu weit gegangen war. »Verzeiht«, murmelte sie erstickt und floh mit weichen Knien in den Schatten zurück. Hastig hielt sie ihren Fächer höher, damit er ihre glühenden Wangen verbarg. Was war nur in sie gefahren, dass sie Antonio so nahegekommen war?

Lag es an den seltsamen Geräuschen und dem Stöhnen, das aus dem Salon unter ihnen hochdrang? Es verstörte sie zutiefst. Urteilte sie gar zu voreilig über die tollwütigen Menschen unter ihnen, die offenbar übereinander herfielen und sich ungeniert liebten? Deshalb verbot man ihr, dabei zu sein. Hatte Mutter darum dieses seltsame Gespräch vorbereitet? Das, was an Julianas Ohren drang, zeugte jedoch weder von Liebe noch von Hingabe. Die Rufe der Frauen erklangen voller Schmerz, ohne Freude. Qualvolle erstickte Schreie, dazwischen ein Grunzen, das sie anwiderte. Nein, so hatte sie sich die Verbundenheit zwischen Mann und Frau nicht vorgestellt, von der Mutter ihr erzählte. Sie hielt sich die Ohren zu und wollte weglaufen.

Antonio hielt sie zurück. Sanft strich er über ihren Rücken, sprach ihr Mut zu. Es tat gut, sich beschützt zu wissen. »Bewahrt Eure Unschuld, Juliana, solange Ihr könnt«, flüsterte er. Als sie entsetzt aufsah, sprach er hastig weiter. »Ich meinte Eure Gabe, die Dinge ungeschönt zu betrachten und auszusprechen, was Euch auf dem Herzen liegt.«

Antonios sanfte und anerkennende Worte beschämten sie. Oft hatte sie sich mit Assunita über den unbeholfenen Gehilfen lustig gemacht oder ihn nachgeäfft, wenn er den Befehlen ihres Vaters zu eifrig folgte. Dabei erkannte sie erst jetzt, dass sie dem jungen Mann, der seit einigen Monaten unter demselben Dach lebte, Unrecht getan hatte. Juliana schoss erneut das Blut in den Kopf. Sie dachte an das Gespräch mit ihrer Mutter zurück. Voller Hoffnung hatte Mutter von Antonio gesprochen. Ihr Blick ruhte dabei auf Juliana, die sich immer unwohler gefühlt hatte. Mochte Antonio ein Bewunderer ihres Vaters sein, so hieß er nicht alles redlich, was dieser tat. Vielmehr verurteilte auch Antonio, was geschehen war.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, lächelte er. »Welcher Frevel. Ferdinando Serrati ist ein kluger Mann und umgibt sich mit den schönsten Skulpturen und Bildern. Dabei erkennt er nicht, welch kostbaren Schatz er vor sich hat und zerstört.« Plötzlich presste er seine Lippen auf ihren Mund. Juliana glitt vor Schreck der Fächer aus der Hand.

*

Längst hatte Juliana die schützenden Mauern der Casa Serrati hinter sich gelassen und verharrte atemlos im Schatten eines schmalen Gässchens nahe dem Fluss. Sollte sie umkehren und der Anweisung ihres Vaters folgen, der magischen Grenze des Arnos fernzubleiben? Vielleicht waren ihrem Vater die leuchtenden Augen, die roten Wangen nicht entgangen, mit denen sie neuerdings heimkam. Wahrscheinlich bemerkte er ihr Verschwinden nicht einmal. Seit dem denkwürdigen Empfang verschanzte er sich immer öfter in seinem Arbeitszimmer und verließ es nur, um sich zu Bett zu begeben. Dabei fand er weniger Schlaf als früher, wie Maria ihr anvertraut hatte.

Die Aussprache mit Antonio hatte sie verwirrt. Manchmal sehnte sie sich danach, ihn fern der Casa zu treffen, und fürchtete zugleich, ihm zum ersten Mal nach diesem Kuss in die Augen sehen zu müssen. Noch immer meinte sie, seine Lippen zu spüren, doch das Kribbeln, von dem Assunita ihr kichernd erzählt hatte, war ausgeblieben. Auch Antonio vermied es, ihr zu begegnen. Seit Tagen war er von frühmorgens bis abends unterwegs. Auch er würde ihr Fortbleiben kaum bemerken. Seit jenem verhängnisvollen Tag im Arbeitszimmer, in dem sie das sonderbare Gespräch ihrer Eltern belauscht hatte, war sie hellhöriger. Hatte Vater mit dem Gedanken geliebäugelt, ihre Stadt zu verlassen? Mit Mutter konnte sie nicht darüber sprechen, ohne ihr unerlaubtes Eindringen einzugestehen. Die ungetrübte Freude, ihre Eltern glücklich zu wissen, war verschwunden. Dina schien ihrem Mann verziehen zu haben. Dafür überhäufte Ferdinando sie mit kostbarem Schmuck und edler Seide. Seinen beiden Frauen, Dina und Juliana, galten seine steten Gedanken, betonte er emsiger denn je, und sein Getue um sie beide nahm zu. Keinem Künstler in der Toskana gelänge es, eine Statue von vergleichbarer Anmut und Schönheit zu schaffen. Danach war er wieder für Tage in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Auch Julianas Hoffnung, Vaters Zorn auf Dario verflöge, erlosch bald. Nicht nur Dario bot ihrem Vater die Stirn, auch sein Freund, der capomaestro Brunelleschi, konnte nicht umhin, seine Enttäuschung kundzutun. Nacht für Nacht streifte ihr Vater unruhig durchs Haus und fand kaum Schlaf. Tiefe Augenringe verrieten den unruhigen Geist, der in ihm wachte. In den wenigen Gesprächen, die sich ergaben, schreckte er ständig auf und wirkte verwirrt. Dina behielt ihre Sorge für sich, dennoch spürte Juliana, dass sich in der Casa Serrati etwas verändert hatte. Erfüllten einst Zuneigung und fröhlicher Gesang die Casa, flüsterten die Mägde selbst tagsüber in der Küche, aus Angst, den Zorn des notario auf sich zu ziehen.

Außerhalb der Hausmauern bescherte Brunelleschis Arbeit weiterhin ein stetes Hin und Her. Viele reiche Florentiner wollten Teil dieses Bauwerks sein und zahlten sogar dafür, dass manche Backsteine ihren Namen auf ewig trugen. Für Brunelleschis Förderer fand Vater immer schlimmere Verhöhnungen. Weitere Künstler zogen sich zurück und boten ihrem Vater die Stirn. Inzwischen nannte er sie Backsteinbäcker. Für mehr reiche ihr Talent ohnehin nicht. Schworen diese Menschen lieber Dario ihre Treue und verzichteten auf die Gulden, ohne die sie kein Material oder etwas zu essen kaufen konnten? Wie stark glaubten sie an eine Umkehr des notario, während Juliana immer unsicherer wurde, was ihren Vater betraf.

Heute war sie glücklich, Vaters wankelmütiger Aufmerksamkeit entflohen zu sein. Sie wartete inzwischen nicht mehr auf Assunita, auf deren Begleitung ihr Vater großen Wert legte, sondern nutzte jede Gelegenheit, ihrem Zuhause zu entkommen. Nur erwischen lassen durfte sie sich nicht.

An der Stelle, wo die geschwungenen Brückenbögen der Ponte Vecchio die beiden Seiten der Stadt miteinander verbanden, geschah etwas Sonderbares mit ihr. Wenn der Wind nicht drehte und der unerträgliche Gestank des Gerbersuds nicht in ihre Nasenlöcher drang, fühlte sie sich mehr wie eine Florentinerin als anderswo. Hier vergaß sie für kurze Zeit, wessen Tochter sie war. Welche Erwartungen auf ihr ruhten. Sie fühlte sich frei. In ihrem Denken, ihren Träumen, ihren Wünschen. Die Vorfreude, vom anderen Ufer aus die Stadt in ihrer vollen Schönheit betrachten zu können, fern der Casa Serrati, ließ sie hasten. Von Weitem roch sie das träge Wasser, das der Arno mit sich führte und in dem die Färber ihre Tuche reinigten. Aufgeregt wie ein Kind rutschte sie auf der anderen Uferseite das ausgedörrte Gras am Ufer hinab, lauschte mit verzücktem Lächeln dem kunterbunten Spektakel der Stimmen derjenigen, die über ihrem Kopf in den unzähligen Handwerkerläden einkauften, Waren feilboten oder nur müßig spazierten. Selbst im Schatten war es an diesem frühsommerlichen Tag heiß. Doch lieber ertrug Juliana die Schweißperlen über ihren Schläfen und die schmalen Rinnsale, die der Stoff ihres Surcots aufsog, als in die Finsternis und Stille der Casa Serrati zurückzugehen.

Erschöpft vor Durst und Hunger sank sie auf den staubigen Boden und lehnte sich gegen die kühle Mauer des Brückenpfeilers. Eine Ewigkeit betrachtete sie, wie sich die Fassaden der Häuser, die den Fluss auf beiden Seiten säumten, auf der Wasseroberfläche spiegelten. Nichts zeugte von dem harten Los, das manche auf der anderen Seite des Flusses, altro Arno, ertrugen, fern vom Prunk der Patrizier und der reich verzierten und mit teuren Möbeln ausgestatteten Palazzi. Ohne Wehklagen, ohne Hoffnung auf ein besseres Leben. Ob Dario ebenso an Hunger litt wie so viele, die ihr Leben der Kunst verschrieben hatten? Gewiss erleichterte er sich sein Dasein nicht, indem er sich der Einladung eines einflussreichen Mannes widersetzte.

Trotz der Hitze schauderte sie bei dem Gedanken, was in Dario vorging, wenn er erfuhr, was mit der Büste geschehen war. Ihr Blick wanderte zum gegenüberliegenden Ufer zurück. An manchen Stellen der Fassaden bröckelte die Farbe ab. Die Bewohner, deren Geld kaum für das Essen reichte, hatten wichtigere Sorgen als einen neuen Anstrich. Beschämt senkte Juliana den Kopf. Wieder einmal erkannte sie, welches gute Leben frei von Sorgen oder Geldnot sie genoss. Dennoch war es ihr nicht genug. Nicht mehr. Hier lebte sie, aber es sollte bald vorbei sein mit dem Leben im goldenen Käfig. Traurig strich sie über ihren Surcot. Die seidenen Hüllen waren ein Symbol väterlicher Fürsorge, das sie erdrückte. Die Schnüre glichen unerbittlichen Ketten, die an ihr zerrten. Juliana neidete den Waschmädchen am Arno ihr unbekümmertes Dasein. Sie mussten nicht Rechenschaft über jeden ihrer Schritte ablegen, Buße tun für Gedanken wie diese, die Juliana seit dem Frühjahr immer eindringlicher marterten. Schwatzend standen die jungen Frauen in ihren einfachen Kleidern knietief im Fluss. Sie schürzten die Röcke und scherten sich nicht um die abschätzigen oder anrüchigen Blicke anderer. Sie konnten tun, wonach ihnen der Sinn stand, frei sein.

Mit einem tiefen Seufzer zerrte Juliana an dem engen Oberteil, das ihr mehr denn je die Luft zum Atmen nahm. Tränenblind starrte sie auf den dunklen Schatten der Brücke. Es war entschieden. Kiesel kullerten zu ihren Füßen und rissen sie aus ihren trüben Gedanken. Eine vertraute Stimme erklang und Augenblicke später saß Assunita neben ihr.

»Hör auf, dich zu bemitleiden«, schimpfte ihre Freundin. »Ist es nicht zu früh am Tag, um Trübsal zu blasen?«

Trotz der harten Worte umspielte ein Lächeln Julianas Mund. Seit Tagen wich sie ihrer Freundin aus, hatte Angst, ihr anzuvertrauen, was sie belastete, sie sorgte. Dabei erkannte Assunita auf den ersten Blick wohl, dass Juliana etwas betrübte.

Sanft strich die Freundin über Julianas Hand. »Was hat er dir angetan, Liebchen? Du magst es nicht gern hören, aber dein Vater liebt dich. Vielleicht zeigt er es nur auf andere Weise.«

Juliana konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Wütend schleuderte sie eine Handvoll Sand ungestüm ins Wasser, als könne sie damit etwas verändern. »Das Gericht hat beschieden, mich im nächsten Frühjahr in andere Obhut zu übergeben.« Mit Wehmut dachte sie an das Gespräch mit ihrer Mutter zurück, das selbst Marias sonst so wachsamen Augen und Ohren entgangen war.

Assunitas Augen weiteten sich, dann verstand sie und lächelte verzagt. »Du wirst Antonio lieben lernen. Es braucht Zeit, und ich werde dir beistehen, so gut ich kann.«

Juliana war so aufgebracht, dass sie die tröstenden Worte ihrer Freundin kaum vernahm. »Er nimmt mir alles, was mir lieb geworden ist, und gibt vor, mein Bestes im Sinn zu haben.«

»Du bist durcheinander und meinst, er tut dir Böses, doch Antonio wird sich hüten, dich einzusperren.«

»Ich gehe sicher fort! Nach Genua. Antonio wird nicht hierbleiben. In dieser Stadt, die mich auf dumme Gedanken bringt. Genua! Was tue ich dort? Assunita, ich weiß nicht, was ich machen soll!« Julianas Stimme brach. Es war nur ein Kuss gewesen, und was immer Antonio dabei empfunden hatte, reichte aus, um das Einverständnis ihres Vaters einzuholen und um Julianas Hand anzuhalten. Sie wollte nicht fort, niemals. Allein die Vorstellung, ihre geliebte Heimat, die vertrauten Gassen, die cupola zu verlassen, raubte ihr den Atem. Von der Ponte Vecchio aus sichtbar bohrten sich die Kirchenspitzen der sechs Stadtviertel in den azurblauen Himmel und prägten das Stadtbild. Morgens, wenn die Stadt schlief, saß Juliana gern am Fenster und lauschte dem Klang der Glocken. Auf der anderen Seite des Flusses wuchsen Hügel, von dicken Stadtmauern begrenzt, gesäumt von Olivenbäumen mit silbrig glänzenden Blättern.

»Du musst mit Antonio sprechen. Er versteht gewiss, wenn du in der Nähe deiner Eltern bleiben willst.« Assunitas Versuch, Juliana aufzumuntern, misslang. Ihrer Freundin kamen selbst die Tränen. »Was soll ich ohne dich tun? Wem kann ich mich anvertrauen, wenn du nicht mehr da bist? Oh, Juliana, du darfst nicht gehen!« Ungestüm schlang Assunita ihre Arme um Juliana.

Juliana lächelte traurig. Obwohl ihr Assunitas Nähe wegen der Hitze unerträglich war, zögerte sie, sich aus der Umarmung zu lösen. Sie würde Assunita vermissen. Ihre Freundin verstand vieles, was Juliana nicht auszusprechen wagte. »Er hat mich geküsst. Antonio«, flüsterte sie deshalb in das dichte Haar der Freundin. »Ich habe getan, was du gesagt hast, Assunita. Ich habe die Augen geschlossen, stillgehalten, dennoch habe ich nichts gespürt. Warum nimmt er mich zur Frau, wenn ich ihn nicht liebe?« Längst flüsterte sie nicht mehr.

»Sei still, Juliana! Willst du, dass man uns entdeckt? Verheult und verschwitzt. Das gäbe ein schönes Gerede, glaub mir.« Assunita zog ein zerknittertes Taschentuch hervor. Sanft trocknete sie damit ihre und Julianas Tränen.

Beim nächsten Spiel der Glocken klopfte Juliana sich den Staub ab und stand auf. »Ich muss zurück, bevor die Balken herabstürzen.«

Assunita grinste verschmitzt über die Anspielung auf die behütete Festung. »Ob sie auch ungebetene Verehrer fernhalten? Verlier nicht den Mut, Juliana. Dir bleibt noch Zeit, dich deinem Schicksal zu ergeben«, sagte sie und blickte traurig auf den Boden.

Widerwillig entzog sich Juliana der lieb gewordenen Betrachtung der Stadt, in der sich so viel veränderte. Ihr Leben sollte bald nicht mehr so unbeschwert sein.

»Warte! Ich weiß, wohin Dario sich zurückgezogen hat. Man munkelt, er arbeitet an einem großen Auftrag. Niemand weiß, von wem er beauftragt wurde, und Dario selbst macht ein Geheimnis darum. Oder er meidet alle, um seine Wunden zu lecken.« Erst Julianas strenger Blick mahnte Assunita, weniger Hohn zu zeigen. »Sei vorsichtig, wenn du ihn in Orsanmichele aufsuchst, und sag ihm nicht, wer du bist!«

»Ich werde mich hüten, mich als des Teufels Kind vorzustellen.« Juliana nickte nachdenklich. Sie konnte sich gegen den Willen ihres Vaters nicht durchsetzen, doch herauszufinden, wie es um den aufrührerischen Künstler bestellt war, würde sie fertigbringen. Mit einem leisen Seufzer stieß sie sich von der Mauer ab und winkte Assunita zu. Diese hatte ihre Hände auf den Bauch gelegt und schaute verträumt auf das glitzernde Wasser des Flusses. Juliana konnte es nicht benennen, etwas hatte sich an Assunita verändert. War sie eifersüchtig auf Julianas Bestreben, ihrem Schicksal zu entfliehen?

Nach einem letzten Blick auf die Freundin kletterte Juliana flink die Böschung hinauf und tauchte in das Gewühl der Händler ein. Hastig eilte sie an botteghe und kleinen Läden vorbei. Sie schenkte zerlumpten, ausgehungerten Bettlern, die die kleinen Gässchen und Straßen zur Ponte Vecchio verstopften, ein mildes Lächeln und ein paar Gulden. Zumindest einige arme Seelen konnte sie beglücken.

Kapitel 7

Nur wenige Gassen weiter, unter Torbögen und engen Vorbauten hindurch, bog Juliana auf die große Piazza della Signoria ab. Erbarmungslos flutete grelles, heißes Licht den Platz und zwang sie innezuhalten, um zu Atem zu gelangen. Die plätschernden Brunnen in der Mitte des Platzes verhießen Abkühlung, doch Juliana fieberte der Begegnung mit Dario entgegen. Deshalb verschwendete sie keinen Blick an die anmutigen marmornen Figuren, zu deren Füßen sie oftmals rastete. Je näher sie dem anderen Ende der Piazza und damit auch Dario kam, desto unsicherer wurde sie. Sollte sie so tun, als hätte sie zufällig davon erfahren, wo er sich aufhielt? Vielleicht reagierte Dario ebenso unbeherrscht wie ihr Vater? Was erwartete sie bei dem empfindsamen Künstler zu finden? Verständnis für einen Mann, dessen Liebe über die Grenzen hinausgeschossen war? Sie durfte ihm auf keinen Fall erzählen, dass ihr Vater blindwütig auf die Büste eingeschlagen und Dario Unfähigkeit unterstellt hatte, seine Werke zu vollenden. Sie verlangsamte ihre Schritte. Hatte Vater nicht verlangt, dass Dario das Geld für die Büste zurückzahlen solle? Was ging es sie an? Immerhin hatte Vater genug Lakaien um sich geschart, die seinen Reden mit großem Eifer lauschten. Sollte einer von ihnen die Vorhut spielen, nicht sie. So stand sie vor den Toren des Palazzo della Signoria und focht einen Kampf mit sich aus.

Ein Tross von Ratsherren hetzte an ihr vorbei, in einen heftigen Disput vertieft. Ein großer Mann mit überraschend sanfter Stimme weckte Julianas Aufmerksamkeit. Nicht er, sondern vielmehr seine Kleidung. Er musste reichlich schwitzen unter diesem purpurfarbenen Mantel mit Hermelinpelz. Verzückt blickte sie auf die goldenen Kreuze, die den Mantel schmückten. Der Gonfaloniere, das höchste Mitglied der Signoria!

»Ihr könnt nicht bestimmen, wie hoch die Familien ihre Türme bauen!«, begehrte ein jüngerer Mann neben dem Gonfaloniere auf und schwenkte seinen Hut, um sich mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

»Dieses Edikt wurde aus gutem Grund ausgeschrieben, Cornelio. Vergesst nicht, warum Ihr in den Rat gewählt wurdet und wem Ihr diese Ehre zu verdanken habt«, zischte der ältere Mann, während er herumtollenden Kindern mit den Fäusten drohte. »Genug jetzt! Verschwindet, Bälger!« An den Jüngeren gewandt sagte er: »Spart Euch diesen Ehrgeiz für die Sitzung auf oder tut, was ich Euch rate: Schweigt.«

Letzteres war offensichtlich ein unwillkommener Rat. »Und ich sage Euch, der capomaestro lässt sich von niemandem in die Knie zwingen. Nennt mich töricht, mein guter Onkel – von dieser Kuppel wird man lange sprechen.«

Dem Alten verschlug es die Sprache. Auch Juliana schluckte heftig. Kaum jemand wagte, ihrem Vater zu widersprechen, aber dieser Mann tat es beim Gonfaloniere, dem einflussreichsten Mann in Florenz. Die Unverfrorenheit des jungen Mannes erschien Juliana gleichermaßen unklug und leichtsinnig. Ein Glockenschlag erklang. Sie besann sich darauf, nicht länger an Ort und Stelle zu grübeln. Von Glockenschlag zu Glockenschlag verdunkelten sich die Gassen abseits der Piazza, dass sie meinte, die Nacht wäre da. Diese vermaledeiten Türme! Waren sie wahrhaftig nicht hoch genug? Verärgert schüttelte sie den Kopf. Jede Piazza übertrumpfte die andere an Größe. Jede Brücke musste breiter, imposanter sein. Die Unersättlichkeit, die so mancher Florentiner für sich beanspruchte, egal, ob es um die schönen Dinge des Lebens oder das Ausmaß einer Machtdemonstration ging, ermüdete sie immer mehr. Oft genug hatte ihr Vater bei Tisch erzählt, worüber sich die Patrizier stritten. Mal ging es um höhere Steuern oder die Kleiderordnung, die Streitigkeiten um die Höhe der Türme erhitzten die Gemüter jedoch am meisten. Vater fand darin auch Gutes, zumal die betroffenen Parteien seinen Rat suchten und dafür mit vielen Gulden teuer bezahlten. Oft saß er jedoch zwischen den Stühlen, durfte weder des einen oder anderen Partei ergreifen. Die einen, denen beinahe über Nacht das Sonnenlicht abgesprochen wurde, stritten gegen die anderen, die ihre Rivalen durch diese Geste herausforderten. Jeder seiner endlosen Vorträge endete mit der steten Mahnung, dieses oder jenes Gesetz zu beachten. Wenn Dina ihn sanft rügte, dass er sich beim Abendessen befand und nicht auf einer Ratsversammlung, nickte er zerstreut mit dem Kopf und bat sie mit einem Handkuss um Vergebung. Diese Zärtlichkeiten zu beobachten, hatte Juliana bislang verwirrt. Ihre Wangen brannten ob der Erinnerung an jenen Tag auf der Loggia, an Antonios Kuss. Erst die scharfen Worte vom Gonfaloniere versetzten sie schlagartig in die Wirklichkeit zurück.

»Wenn man den notario wahrhaftig aus seinem Amt enthebt, liegt es da nicht an uns, einen geeigneten Nachfolger zu ernennen?«

»Schweigt Ihr endlich? Ich kenne Ferdinando, das würde er niemals tun.« Der ältere Patrizier schlug dem ungestümen Ratsherrn neben sich auf die Schulter.

Der junge Mann nickte zerknirscht.

»Mäßigt Euren Zorn, junger Freund, es gibt heute in der Tat Wichtigeres als den Ehrgeiz unserer Familie! Falls die Verträge tatsächlich im Treu und Glauben falsch ausgestellt sind, wird sich der notario dafür verantworten müssen.«

Es bestand kein Zweifel! Die Ratsherren hatten von ihrem Vater gesprochen. Trieb er sein seltsames Verhalten so weit, dass man ihn seines Amtes entheben wollte?

Mit einem letzten Blick auf den Palazzo della Signoria floh Juliana in die schattige Gasse hinein. Nach einem wachsamen Blick, ob ihr jemand gefolgt war, näherte sie sich der Rückseite eines Hauses. Unbemerkt schlüpfte sie durch eine schmale Pforte in den Palazzo dell’Arte della Lana, in dessen Gemäuer sich die Zunft der Tuchhändler traf. Sie kannte das prächtige Gebäude von ihren Spaziergängen mit ihrem Vater, der ihr manchmal erlaubt hatte, ihn zu begleiten. Es war aufregend, dem leidenschaftlichen Feilschen der Männer zu lauschen. Ihre Sprache war lebendiger als die ihres Vaters, der notario pflegte anderen Umgang. Mit Hand und Fuß begleiteten die Händler gestenreich ihre Verhandlungen, sogar Fäuste schwangen mit.

Hinter einem wuchtigen Schrank nahe der Treppe wartete Juliana ungeduldig, bis der letzte Mann den Palazzo verlassen hatte und sie ungestört war. Dann schlich sie über einen schmalen Brückensteg, der den Palazzo mit einem von außen unscheinbar wirkenden Gemäuer nebenan verband, und hielt an der Schwelle des Orsanmichele inne. Ob sie überhaupt den Mut fand, Dario anzusprechen? Ihr Herz schlug heftig und die Sorge um das Wohlergehen ihres Vaters mischte sich in die Sehnsucht, Darios Vertrauen zu gewinnen.

Verborgen hinter verführerisch duftendem Oleander, der an den Seiten des Portals in großen Kübeln stand, blickte Juliana atemlos in die Tiefe der riesigen Halle. Dort stand in der Mitte des Gewölbes ein Mann, allein, über weißen Marmor gebeugt. Dario. Alles, was sie ihm sagen wollte, war verflogen, so gebannt starrte sie in seine Richtung. Es war nicht richtig, die unverhohlene Leidenschaft dieses Mannes zu beobachten. Heimlich, um zu sehen, was unschuldigen Augen verboten war, doch sie konnte nicht anders. Schweiß glänzte auf seinem nackten Oberkörper, der das Muskelspiel seiner starken Arme betonte. Benommen schlug sie ein Kreuz nach dem anderen und lauschte seiner schmeichelnden Stimme. In den gewaltigen Bögen hallte das Timbre. Er wirkte so ganz anders, als Assunita ihr erzählt hatte. Einen Teufel nannten ihn die, die sein Talent nicht guthießen, es ihm womöglich neideten. Einen Draufgänger, einen Jüngling, der grün hinter den Ohren war. Geizig sei Dario, unnachgiebig und rachsüchtig im Umgang mit denen, die seine ketzerischen Ideen laut zu kritisieren wagten. Juliana glaubte all das nicht. Vielmehr spürte sie stille Demut vor dem, was er schuf. Sie wusste von Assunita, dass er eifrig jeden Zoll des kostbaren Marmors verteidigte, wenn ihm der Rat eines anderen nicht willkommen war. Den Gerüchten zufolge reiste er selbst in die gefährlichen Marmorbrüche von Carrara, um nach dem richtigen Block zu suchen. Oft fürchteten die Männer um sein Leben, wenn er sich, ein Seil um die Hüften geschlungen, in die schwindelnde Tiefe gleiten ließ, erzählte man sich. Er dirigiere seine Helfer, ein Stück höher oder tiefer, bis er endlich ein besonders wertvolles Stück des kostbaren Steins entdecke. Diese Prozedur könne Stunden andauern.

Sie lächelte wehmütig und dachte an die erste Begegnung mit Dario zurück. So oft sie auch versucht hatte, ihm erneut zu begegnen, war es ihr nicht gelungen. Sein Verlangen, ungestört zu bleiben, schien jedenfalls ungewöhnlich. Meist standen die Türen weit offen und neugierige Florentiner waren ihm stets willkommen. Seit Tagen waren die Türen verschlossen, deshalb auch der Umweg über die Tuchhändlergilde.

»Dario«, seufzte sie und presste ihre Hand auf den Mund. Nicht auszudenken, wenn er sie hörte oder gar mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen hier vorfände.

»Ich kann nicht länger warten, mia.« Voller Hingabe glitt Dario mit seiner Hand über den milchig weiß glänzenden Körper vor ihm, der sich ihm unverhüllt darbot. Juliana errötete. Ohne Scheu wanderten seine Finger über die sanften Hügel kleiner, fester Brüste, erkundeten Täler und Ebenen. Er zögerte nicht, kannte den Weg der Begierde blind und schien neugierig genug, den weiblichen Körper vor ihm ohne Hast zu entdecken. Vom Bauchnabel aus beschrieb er einen großen Bogen über ihre Hüften, sprang von einer Seite zur anderen, um den sehnigen Oberschenkel hinabzugleiten. Die Statue war makellos schön. Ihr Becken wohlgeformt, die Scham kühn betont durch das leicht angezogene linke Bein, als warte sie ungeduldig auf das, worüber Dina mit ihrer Tochter erst kürzlich gesprochen hatte. Das unvollendete Gesicht erinnerte Juliana an jemanden. Sie war zu aufgeregt, um darüber nachzudenken. Ihre Wangen brannten indes wie Feuer. Im Salon ihres Vaters empfand sie Angst, gar Verwirrung. Je länger sie in Darios Nähe verweilte und ihn bei seiner Arbeit beobachtete, desto mehr schwand das unschuldige Kind in ihr. Eine süße, quälende Sehnsucht durchzog ihr Herz, und sie wünschte sich, diese vollkommene Hingabe am eigenen Leib zu erfahren. Angespannt sank sie auf die Knie. Sie zog ihren Surcot so weit hoch, dass er ihre weißen Knöchel entblößte. Was wäre, wenn sie sich Dario so zeigte? Sie lächelte beschämt und ließ den dünnen Stoff fallen. Es verlangte mehr denn nur entblößte Knöchel, diesen Künstler zu fesseln. Wäre er ebenso voller Zuneigung und Verständnis oder gestand er dies nur seinen auserwählten Geliebten zu, steinern oder nicht? Vielleicht sah er in ihr nur ein launisches Kind, das nach ungeteilter Aufmerksamkeit verlangte. Verzaubert von der stummen Zwiesprache zwischen Dario und einem unscheinbaren Stück Marmor, aus dem so unbeschreibliche Kunstwerke entstanden, wünschte sich Juliana, ihm zu dienen. An solch einem Wunder teilzuhaben, dessen sie Tag für Tag ansichtig würde. Sie war weder Stein noch Meißel, doch in diesem Moment wünschte sie sich immer sehnlicher, sein Werkzeug zu sein. Als Muse wollte sie ihn leiten, wenn er zweifelte, und ihn lobpreisen, wenn er vor der Vollendung seiner Werke stünde.

»Bald werden sie kommen und dich mir wegnehmen, meine Liebste, und ich kann nichts dagegen tun.« Mit einem Seufzer wandte sich Dario ab und zog ein ledernes Bündel heran, mit einem Band umwickelt. Mit sicheren Händen entrollte er das Päckchen, bis seltsam anmutende Instrumente im einfallenden Sonnenlicht funkelten. Zögernd schwebte seine Hand darüber, dann entschied er sich für eine schmale Klinge, einem Messer ähnlich. »Ich bin ein Narr, meine Schöne. Ein verliebter Narr. Bald bin ich ein einsamer Narr, der sein Leid in Wein ertränkt und sich am Busen irgendeines Weibs, das nicht annähernd deine Schönheit besitzt, nach dir verzehrt.« Er sah voller Begehren auf die sanft geformten Arme, die Brust und Scham. Er neigte sich tiefer und drückte der Statue einen Kuss auf die schmalen Lippen.

»Nein!«

Dario hob den Kopf. Mit einem zynischen Lächeln wandte er sich um. »Begehrt Ihr gar diesen Kuss? Seid Ihr deshalb hier?«

Mit einem erstickten Schrei sprang Juliana auf. Mit zitternden Beinen stolperte sie über die Brücke hinüber ins Treppenhaus des Palazzo dell’Arte della Lana. Zu spät bemerkte sie den Schatten, der an der Pforte auf sie fiel.

»Dachtet Ihr, ich hätte Eure Anwesenheit nicht bemerkt? Ihr irrt. Niemand ist so dreist, mich zu stören. Ihr tut es!«

Plötzlich schmeckte sie Darios Lippen, den bitteren Geschmack von billigem Wein und eine nie gekannte Süße, die ihr den Atem raubte. »Wagt es nie wieder!«, presste sie atemlos hervor und drängte an ihm vorbei.

Kapitel 8

»Er hat dich nicht fortgejagt?« Assunita erbleichte. »Einem Jungen aus dem Viertel hat er beinahe den Kopf abgerissen, weil er ihn in seiner Kammer vorfand!«

Juliana schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Sie konnte ihrer Freundin nicht in die Augen sehen, ohne sich zu verraten. Es war keine Lüge. Dario hatte nicht verlangt, dass sie ging, und dennoch war das nicht die ganze Wahrheit. Beim Gedanken daran, was beinahe passiert wäre – oder was tatsächlich geschehen war! –, schlug ihr Herz schneller. Sobald sie ihre Augen schloss, sah sie Darios dunkle Augen und meinte, seine weichen Lippen zu spüren. Warum konnte sie sich Assunita nicht anvertrauen?

»Gott behüte, wäre es nicht so glimpflich ausgegangen! Juliana, du hörst mir ja gar nicht zu«, beschwerte sich Assunita und trat zu ihr ans Fenster. »Ist etwas Besonderes zu sehen?« Die Freundin drängte sie beiseite und lugte hinaus. »Dein Vater kommt! Nicht allein. Antonio scheint ihm ans Herz gewachsen zu sein. Wer weiß, vielleicht bleibt ihr hier?«

Juliana seufzte. Antonio half ihrem Vater in letzter Zeit immer mehr. Er erledigte Botengänge und führte pflichtbewusst Buch über die Verträge mit den Künstlern und wichtige Termine. Aber der eigentliche Grund seiner Anwesenheit war von Anfang an sie selbst gewesen. Was Vaters geschätzten Freund aus dem fernen Genua und den notario verband, war der innige Wunsch, zwei angesehene Familien miteinander zu vereinen. Wenn sie einander begegneten, blieb Antonio stumm wie ein Fisch. Ob er es bereute, sie geküsst zu haben? Und Dario? Sein Kuss veränderte ihr Leben wahrhaftig, und niemand ahnte, was in ihrem unschuldigen Herz vorging. »Ich kann mich Vaters Wunsch nicht beugen«, stieß sie aufgewühlt hervor und schloss das Fenster so heftig, dass Assunita sie verwundert ansah.

»Juliana Serrati, wann warst du das letzte Mal in der Kirche?«

»Ich habe nicht gestohlen oder betrogen! Steht nicht geschrieben, du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib? Oder Mann! Ach Assunita, ich bin verloren. Mein Herz hat die Liebe kennengelernt und seitdem …«

Assunitas Gesicht wurde puterrot. »Was weißt du behütetes Ding denn von Liebe? Dein Vater erfüllt dir jeden Wunsch und was ist dein Dank? Du nützt sein Vertrauen schamlos aus.«

Juliana schluckte heftig. Aus Assunitas Mund klang es tatsächlich verabscheuungswürdig, doch begehrte sie nicht etwas ganz anderes? Sie wagte nicht einmal, diesen Gedanken laut auszusprechen, so groß war ihre Sehnsucht, Dario wiederzusehen. Es hieße, sich bedingungslos darauf einzulassen, mit einem Mann wie ihm allein zu sein! Ihr Vorhaben, ihm den Schaden an der Büste zu bezahlen oder zumindest zu erklären, schien ihr abwegiger denn je. Mit jedem Wort aus ihrem aufgeregten Mund wuchs die Gefahr, dass sie ihre wahre Herkunft verriet, und dann würde sie Dario verlieren, für immer. Und wenn sie schwieg, musste sie fürchten, dass er eines Tages dahinterkam, wessen Tochter sie war. Es war ein schreckliches Dilemma, in das sie geraten war. Daran trug ihr Vater Mitschuld. War es denn ein Wunder, dass außergewöhnliche Männer wie Dario sie anzogen und sie begreifen lernen wollte, was Künstler dachten, fühlten? Die artisti führten ein Leben, in dem sie das tun durften, was sie liebten. Unbeschadet davon, ob sie dafür Hunger leiden mussten oder sich im Ruhm angesehener Patrizierfamilien zeigten. Es erfüllte ihr Dasein.

Juliana schluckte schwer. Ein einfaches Bäckermädchen wie Assunita konnte das nicht verstehen. Sie arbeitete den ganzen Tag, und wenn sie Zeit hatte, um Juliana zu besuchen, musste sie deren Backfischträume anhören. Schlimmer, sie verachtete Julianas Unzufriedenheit. Darum schwieg Juliana, quälte sich allein mit ihren Ängsten und dieser unstillbaren Sehnsucht. Warum verbot man ihr, Juliana, die in einem derartigen Umfeld aufwuchs, Schönheit zu bewundern? Die Leidenschaft ihres Vaters für die schönen Dinge des Lebens war ihr in die Wiege gelegt worden. Von klein auf durfte sie Künstlern nahe sein, und hatte Vater sie nicht sogar zur Dombauhütte mitgenommen, kaum dass sie über die Balustrade sehen konnte?

Welcher Künstler auch immer es in den letzten Jahren in die Casa Serrati geschafft hatte, war auf dem richtigen Weg, in die Herzen der kunstverliebten Florentiner aufgenommen zu werden. Nur Dario nicht. Dabei mangelte es ihm nicht an Fleiß oder Talent, davon war sie überzeugt. Lediglich die Einsicht, sich zu unterwerfen und seinem Gönner zu danken, fehlte ihm. Sie beschloss, in seinem Sinne zu handeln und ihrer Mutter von dem begabten Bildhauer zu erzählen und sich für ihn einzusetzen, sobald sich eine gute Gelegenheit ergab. Wenn sie erst Mutter von Darios Fähigkeiten überzeugt hatte, wäre es ein Leichtes, die Gunst und damit auch das Geld eines Ferdinando Serrati für Darios Aufstieg zurückzugewinnen. Wenn Vater sah, dass Dario liebevoll mit ihr, der Kunst und seinen Werken umging, vergab er ihm gewiss.

»Dario hat dich nicht berührt? Sich dir nicht genähert, was ihm gewiss nicht gestattet wäre oder zustünde? Ich bin nicht dumm, Juliana! Rede mit mir, bei der Jungfrau Maria!«

»Ich, hätte ich nur …«, stammelte Juliana. Sie konnte nicht länger schweigen, musste jemandem von dem Ziehen in ihrem Herzen erzählen, das immer schlimmer wurde. »Es tut so weh. Hier drin.« Sie zeigte auf ihr Herz und lächelte verzagt. Warum war es so schwierig, ihre Gefühle in Worte zu fassen?

»Gott sei Dank! Glaub ihren Schwüren nicht, dass sie dich auf ewig lieben, und hüte deinen größten Schatz gut.« Assunitas Wangen färbten sich tiefrot. »Es ist nicht so schlimm, wie uns weisgemacht wird, doch teile das Bett nur mit deinem Liebsten. Mit dem, für den du alles, wirklich alles, bereit wärst zu opfern, um sein Leben zu retten oder es mit ihm teilen zu dürfen.«

Die letzten Worte verstand Juliana kaum, weil Assunita weinend zu ihren Füßen kauerte. »Assunita, was bedrückt dich? Verzeih mir, ich wollte dich nicht verletzen.« Sie setzte sich neben sie und strich sanft über den Kopf der Freundin. Während sich Assunita langsam beruhigte, dachte Juliana über ihre Worte nach. Alles zu opfern, was ihr lieb und teuer war. Die Gewissheit, eine liebende Mutter um sich zu haben, einen Vater, der sich zwar neuerdings seltsam benahm, dessen Liebe sie aber niemals infrage stellen würde. Die Casa Serrati verlassen für eine ungewisse Zukunft mit …

Ihr stockte der Atem. Wie weit trieb die brennende Sehnsucht in ihrem Herzen dieses gefährliche Gedankenspiel? Was immer Antonio in ihr sehen mochte, erst Darios leidenschaftlicher Kuss hatte solche Gefühle in ihr geweckt. Zwar waren sie ihr fremd, doch nicht zu fremd, um sie erneut herbeizusehnen und von einem Leben zu träumen, das sie sich bislang nicht ausmalen konnte. Dabei kannte sie den eigenbrötlerischen Mann kaum, wusste nicht, woher Dario kam oder was ihn hier festhielt, warum er nicht weiterzog. Ob es ihm überhaupt wichtig war, einen Gönner zu haben. Dummes Ding, schalt sie sich. Du weißt nichts über ihn und erwägst, für Dario aufzugeben, was dein bisheriges Leben ausgemacht hat. Hatte ihr Vater sie nicht gelehrt, auf Gott zu vertrauen?

Mit neuer Hoffnung lächelte Juliana und sah Assunita ins Gesicht. »Verzeih mir, dass ich deine Treue derart auf die Probe stelle, doch ich muss morgen Mittag wieder fort.« Sie musste nochmals hinaus, musste wissen, ob das Ziehen in ihrem Herzen aufhörte, wenn Dario vor ihr stand.

»Ist es nicht verwerflich, dein Schicksal herauszufordern?«, fragte Assunita erstaunt.

»Auf mich wartet eine andere Bestimmung, als Antonio und meinen Vater glücklich zu machen.«

*

Julianas Entschluss, für Dario um Milde zu bitten, zerbröckelte, kaum dass sie allein in ihrer Kammer saß und darauf wartete, dass Maria sie zum Abendbrot rief. Assunita, die sie trotz aller Befürchtungen ermutigt hatte, Darios Ruf zu verbessern, war inzwischen gegangen. Seitdem saß Juliana gedankenversunken vor dem Fenster. Die Stunden bis zum Abendmahl waren gefüllt mit flehenden und wütenden Appellen, die allein die Wand ihrer Kammer vernahm. Zornige Worte eines jungen Mädchens, das sich über seine Gefühle nicht im Klaren war. Sie seufzte leise. Die Sonne schwand glühend rot über den Hügeln der Stadt und färbte die Spitzen der Kirchen. So groß war ihre Sehnsucht nach Darios Aufmerksamkeit offenbar nicht, wenn sie bereits jetzt an ihrem Entschluss zweifelte.

Kaum hatte Maria sie zum Essen in den Salon geführt, schrumpfte Julianas Mut erneut. Flackernde Talglichter spendeten spärlich Licht. Es genügte, um Vaters prüfenden Blick zu bemerken. Sie wagte nicht, irgendetwas zu sagen, geschweige denn von ihrem eigenmächtigen Besuch bei Dario zu erzählen. Noch weniger fand sie den Mut, ihren Vater zu bitten, den jungen Künstler nochmals einzuladen, um das Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Verzagt würgte sie das köstliche Fleisch hinunter und schämte sich zutiefst. Assunita hätte liebend gern mit ihr getauscht für das verschwenderische Mahl.

»Ist alles in Ordnung, Liebes?« Als Juliana ihrem Vater keine Antwort gab, schaute Ferdinando seine Frau verwundert an.

»Es ist heiß, mein Guter. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Stadt zu verlassen und uns an einem kühleren Ort einzurichten?« Dina legte ihre Hand über die ihres Mannes und lächelte verklärt. »Deine Schwester mag ihr Haus hinter Fiesole nicht mehr missen. Ein sanfter Wind gleitet über die Hügel und vertreibt ihre schwere Melancholie. Sie hat uns eingeladen.«

Mutter wollte mit diesem Drachen von Frau ein paar Tage unter einem Dach verbringen. In der Hoffnung, Vaters Gemüt zu besänftigen und seine Dämonen durch ihre ungestörte Zweisamkeit zu verjagen.

Ferdinandos Lächeln gefror. Unsanft zog er seine Hand zurück und starrte geistesabwesend über die reichlich gedeckte Tafel. »Und die Dienerschaft? Sie lassen jeden ein, der ihnen gut zu Gesicht steht. Wer weiß, was in unserer Abwesenheit geschieht?«

»Ich könnte hierbleiben! Schenkt mir diese letzten Sommertage in Florenz, Vater!« Juliana frohlockte innerlich und schenkte ihm ein unbekümmertes Lächeln. »Ihr sagt selbst, ich wäre alt genug, um Verantwortung zu übernehmen. Antonio und Maria sind da, die Wachen ebenso. Ihr beklagt immer, dass es im Sommer so heiß wird in der Stadt.«

Dina ergriff die Gelegenheit beim Schopf und nickte ihr dankbar zu. »Es sind nur ein paar Tage, um die ich dich bitte, mein geliebter Ferdinando. Seit Langem muss ich dich teilen und zürne der Signoria und deinen Künstlerfreunden, die dich unbarmherzig und gnadenlos in Beschlag nehmen.«

Juliana wusste die Gunst der Stunde zu nutzen und sprang freudig auf. Sie schlang die Arme um den Hals ihres Vaters und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Macht Mutter die Freude«, wisperte sie mit einem Lächeln, um die zunehmende Einsamkeit ihrer Mutter wissend. »Darf ich Jolanda und die anderen rufen, damit sie Euch mit dem Packen helfen?«

Ferdinandos düstere Miene erhellte sich. »Du willst mich ja rasch loswerden, scheint mir.« Er hob seine Hände und nickte ergeben. »Gegen eine solche Verschwörung bin sogar ich machtlos«, erwiderte er. Für den Augenblick schien aller Ärger von ihm abzufallen. Schwungvoll wirbelte er zu Juliana herum.

»Worauf wartest du? Schick alle hoch, die Zeit haben. Bei den vielen Truhen deiner Mutter kommen wir sonst vor dem Herbst nicht mehr weg.«

Juliana war glücklich wie lange nicht. Ihren Vater so entspannt zu erleben, erfüllte sie mit einer tiefen Dankbarkeit. Mochte es der Aufregung der letzten Wochen geschuldet sein, dass er sich manchmal so seltsam verhalten hatte. Nun würde alles gut werden, dessen war sie sich sicher. Sie hörte das befreite Lachen ihres Vaters und frohlockte. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages brachen sich an den funkelnden Weingläsern, sodass Juliana sich leise empfahl. An der Tür warf sie einen Blick zurück auf ihre Eltern und atmete durch. Im Halbdunkel saßen sie Hand in Hand und versprachen sich eine wundervolle Zeit in Fiesole. Juliana tanzte fröhlich aus dem Zimmer, die Dunkelheit störte sie nicht mehr. Morgen würden die Fenster bis zum späten Abend offen stehen, auch wenn die Hitze sich in den Balken niederließ und sie nachts zum Ächzen brachte.

Atemlos hielt sie an der Treppe an. Sie musste einen Weg finden, Dario näherzukommen. Vielleicht war es die Aufgabe einer Muse, den uneinsichtigen Künstler mit seinem Mäzen in Einklang zu bringen? Vater käme sicher entspannt aus der Sommerfrische zurück, während sie in der Zwischenzeit dafür Sorge tragen würde, dass Dario seinen Groll niederlegte.

*

Es schien Juliana endlos, bis die Reisevorbereitungen ihrer Eltern endlich abgeschlossen waren. Der plötzliche Aufbruch und die damit verbundenen Erledigungen in der Casa Serrati ließen am nächsten Morgen die unkenden und besorgten Münder nicht verstummen. Seit dem frühen Vormittag gaben sich Patrizier, Ratsherren und andere Mitglieder der Obrigkeit die Klinke in die Hand. Die unerwartete Absicht des notario, für einige Tage die Stadt zu verlassen, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Jeder wollte sich vergewissern, dass diese unerwartete Reise keinerlei Einfluss auf laufende Verfahren, Streitigkeiten oder Termine nähme.

»Sie glauben wohl, du hast in die Staatskasse gegriffen, mein Lieber?« Amüsiert begleitete Dina in den ersten Stunden den Fortschritt der Dienerschaft, die mit vereinten Kräften die letzten Truhen in die Eingangshalle geschafft hatte.

»Diese Verräter, wie sie wieder angekrochen kommen. Das Blatt hat sich gewendet, und nun sollen sie schauen, wie sie die nächsten Tage ohne ihren notario überstehen.«

Als am Nachmittag der geplanten Abreise nichts mehr im Weg stand außer einer langen Schlange an Männern, die just an diesem Tag eine Unterredung einforderten, kämpfte auch Dina um ihre Haltung. Mit steinerner Miene bedeutete sie Federico, der unverzagt seinen Dienst am Portal versah, den nächsten Besucher einzulassen. Auch ihr Vater ertrug den steten Strom an ungebetenen Gästen offenbar nur mühsam. Immer wieder ließ er sich verleugnen in der Hoffnung, dass vielen die Geduld ausging.

Juliana erschien der Tag endlos. Gedanklich malte sie sich aus, wie sie Dario auf unverfängliche Weise erneut begegnen wollte. Was auch immer sie sich vorstellte, scheiterte an dem unerquicklichen Ende ihrer letzten Begegnung. Was dachte er wohl über ihre Unverfrorenheit, in sein Reich einzudringen, das anderen Augen verschlossen war? Sie fühlte sich schuldig und konnte doch nicht umhin, ihm seinen Kuss zu verübeln. Natürlich zog er seine eigenen Schlüsse und die schmeichelten ihr wenig. So viele Frauen, Mägde und Herrinnen entblößten sich vor ihm, um für die Ewigkeit oder die lüsternen Augen eines anderen Mannes in Stein oder einem Gemälde verewigt zu werden. Was sollte ausgerechnet ein unschuldiges Mädchen ihm bieten können?

»Verschwindet aus meinem Haus, aus meinem Leben, aus dieser Stadt. Ihr seid der Teufel!« Vater schrie wie von Sinnen.

»Zum Teufel mit Euch, Serrati! Ich kam in guter Absicht zu Euch, um endlich Frieden zu schließen für uns alle. Eure Überheblichkeit werdet Ihr büßen, das schwöre ich Euch!«, brüllte der Besucher und polterte aufgebracht die Treppe hinunter. Auf den letzten Stufen verlor er das Gleichgewicht und stürzte.

Da erkannte sie das Gesicht des Mannes, der sich just in diesem Moment aufrappelte. Jener Mann, der sie Darios Liebchen genannt hatte. Rasch tauchte sie in den Schatten einer Säule und stieß dabei gegen etwas Hartes, Kaltes.

»Ich werde dafür sorgen, dass man mich bei der nächsten Sitzung anhört und Ihr Euch dafür ver…« Seine letzten Worte gingen in einem furchtbaren Getöse unter. Die Ketten der Balken, die man hinablassen konnte, um die Casa Serrati vor Eindringlingen zu schützen, rasselten und einer der Querbalken stürzte hinab. Just auf den armen Mann darunter. Röchelnd lag er auf dem Boden und starrte leise wimmernd auf den schweren Holzbalken, der sein Bein einklemmte. Blut sickerte aus einer klaffenden Wunde am Knie.

»Um Himmels willen! Bernardo! Schickt nach dem Medicus!« Dinas Gesicht war bleich. Sie beugte sich über den Mann und erstarrte, als sie sein Gesicht sah. Fassungslos rang sie um Worte der Vergebung und blickte hilflos nach oben, wo noch immer Ferdinando stand. »Wie … Seid Ihr es wirklich? Raffaele? Ich dachte, Ihr wärt … tot.« Ihr Gestammel glitt in Weinen über, während sie neben dem Verunglückten kauerte und dessen Hand umklammert hielt.

Juliana erschauderte. Wie zärtlich Mutters Stimme klang! Etwas drückte in ihren Rücken und hinderte sie, unbemerkt zu fliehen. Die Ketten! Sie presste ihre Hand auf den Mund. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie in ihrer Angst, entdeckt zu werden, gegen den Riegel gestoßen war, der die Ketten sicherte. Sie trug Schuld an Roberto Mazarettos Unfall, dennoch spürte sie Kälte in ihrem Herzen. Der Anblick des Mannes in den tröstenden Armen ihrer Mutter erschütterte sie zutiefst. Blind vor Tränen verharrte sie im Schutz der Säule und erwachte erst aus ihrer Starre, als Ferdinando Serrati mit dem Dienstbotenstab die Halle erreichte.

»Mio dio! Das ist nicht möglich«, flüsterte er entsetzt, weil er erkannte, wem Dinas Sorge galt. Er trat näher und blickte ihre Mutter an, schüttelte langsam den Kopf. »Das ist Roberto Mazaretto, meine Liebe. Ich hätte ihn dir gern unter angenehmeren Umständen vorgestellt.« Mit zusammengepressten Lippen sah er zu, während Antonio und Bernardo den Balken vorsichtig anhoben. Juliana wagte einen vorsichtigen Blick hinter der Säule hervor und sah das erbleichte Gesicht ihres Vaters. Unsanft, beinahe grob zog er Dina weiter und wies sie an, in das vor der Casa wartende Gespann zu steigen.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
442 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783839269046
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