Читать книгу: «Angst ist nur ein Gefühl»

Шрифт:

Manuel Rieger

Angst ist nur ein Gefühl

ein kleiner Mutmacher

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Einleitung

Der Pickup

Werte und der Zusammenhang mit Emotionen

Training

Vorbereitung und Training

Tägliches Training

Informationsaufnahme und Verarbeitung

Lernen durch Wiederholung

Training in der Vorstellung

Glaubenssätze und Affirmationen

Training mit Ressourcen und Humor

Lernen am Modell - auch ein Training

Sie sind nicht allein – ganz sicher nicht

Normalisieren – jeder hat Ängste

Körpersprache

Tonalität

Emotionen

Nutzen Sie die Lücke

Welche Faktoren spielen bei der Größe der Lücke eine Rolle

Faktor 1: Die Emotion

Faktor 2: Die Situation

Faktor 3: Der momentane Gefühlszustand

Faktor 4: Mein Welt- & Menschenbild

Faktor 5: Meine Resilienz

Die Sache mit der Resilienz

Was nach Seligman glücklich macht

Positive Emotionen

Engagement

Positive Beziehungen

Sinn

Zielerreichung und schöpferische Werte.

Logotherapie und Existenzanalyse

Die großen 3 + 5

Dankbarkeit

Blick auf das Positive

(Ur-)Vertrauen

Ziele/Sinn

S.M.A.R.T.-Formel

Spezifisch

Messbar

Archivierbar/Akzeptiert

Realistisch

Terminiert

Ein Beispiel für ein SMART gesetztes Ziel wäre:

Sinn und Werte – die andere Art der Zielsetzung

Und was hat das Alles mit Angst zu tun?

Persönlichkeit

Tun

Die Geistige Ebene

Glaube

Sinn hinter den Dingen

Glaubenssätze und Affirmationen

Meditation

Der erste gemeinsame Abend

Schlusspunkt

Zusammenfassung der Tipps und Tricks

Impressum neobooks

Vorwort

Angst ist nur ein Gefühl

Ein kleiner Mutmacher

Manuel Rieger, MBA, BA

Österreich

Winter 2021

Alle Rechte vorbehalten

Wir Menschen erleben vielerlei Ängste in unserem Leben.

Angst und Wut sind zwei der stärksten Emotionen, die wir Menschen haben können. Gleichzeitig sind sie aber auch zwei der Hinderlichsten, wenn es darum geht, ein glückliches, zufriedenes, erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich selbst hatte Jahrzehnte meines Lebens mit Ängsten und Wut zu kämpfen. Und ich lernte viele Menschen im meinem Umfeld kennen, denen Ängste und Wut das Leben regelrecht ruiniert hat. Oder, vielleicht noch schlimmer, die sich aufgrund ihrer Ängste niemals das Leben zu leben getraut haben, von dem sie träumten.

Auch viele meiner Klientinnen und Klienten, Schulungsteilnehmerinnen und Schulungsteilnehmern, haben mit diesen Emotionen zu kämpfen. Gerade die Angst setzt uns Menschen oft schwer zu. Angst scheint so real zu sein, so unüberwindbar, wenn wir sie empfinden und sie uns überkommt. Doch Angst ist häufig nichts anderes, als ein Gefühl! Etwas Fiktives. Etwas, das meist nicht annähernd so unüberwindbar ist, wie es scheint.

Nun kann man sagen: „Aber Gefühle gehören doch zu mir, sie sind ein Teil von mir!“.

Das stimmt so aber nicht ganz. Denn Gefühle trainieren wir uns zum größten Teil im Laufe unseres Lebens an. Teilweise sind sie uns angeboren, teilweise übernehmen wir sie aber schon aus unserer Zeit im Mutterleib. Es gibt Studien darüber, dass Kinder von ängstlichen Müttern selbst auch ängstlicher werden und diese Angst sogar schon im Bauch der Mutter spüren. Viele dieser Ängste, Emotionen und Gefühle, trainieren wir uns aber auch selbst in der Kindheit und Jugend an.

Die gute Nachricht ist: was wir uns antrainiert haben, können wir uns auch wieder abtrainieren!

Zugegeben, das ist nicht immer leicht, aber es ist möglich. In diesem Buch erhalten Sie einige Beispiele aus meinem Leben. Sie werden einige spannende Geschichten lesen. Über meinen Weg vom ängstlichen und wütenden Kind und Jugendlichen, bis hin zum Personenschützer in einem Krisengebiet. Sie erhalten wissenschaftliche Grundlagen, wenn es darum geht, wie Ängste und Emotionen entstehen und was sich dabei in unserem Körper abspielt. Und Sie erhalten eine ganze Reihe von Methoden, Tipps und Tricks, durch diese Sie lernen können, mit Ängsten, aber auch mit anderen Emotionen umzugehen.

Dieses Buch ist ein Mutmacher für viele Menschen. Es soll Ihnen neue Chancen und Möglichkeiten eröffnen und aufzeigen. Dieses Buch ist aber auch spannend und inspirierend. Meine eigenen Geschichten und die eine oder andere Geschichte meiner Klienten und Klientinnen wird ihnen Hoffnung schenken. Wenn es um das Anwenden und Umsetzen der Tipps und Tricks in diesem Buch geht, sind Sie aber wieder selbst gefragt. Mein Tipp an Sie: probieren Sie möglichst viele der Tools aus dem Buch aus. Und finden Sie jene, die zu Ihnen passen.

Ein kleiner Punkt noch am Ende dieses Vorwortes:

wenn ich im Buch von Ängsten und dem Umgang damit spreche, dann meine ich grundsätzlich Ängste von Menschen, welche noch im gesunden Bereich liegen. Natürlich kann dieses Buch auch Menschen helfen, die an Angst- und Panikstörungen leiden. Aber hierbei ist weitere Unterstützung notwendig. In diesem Fall ist dieses Buch ein Helfer, aber man soll, darf, muss sich weitere Hilfe suchen.

Ich freue mich nun auf den gemeinsamen Weg mit Ihnen.

Manuel Rieger, Winter 2021

Zwei kleine Anmerkungen noch. Ich habe in diesem Buch versucht, beide Geschlechter so ausgeglichen wie möglich anzuführen.

Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass die Namen von Personen in meinen Erzählungen und Beschreibungen geändert wurden.

Einleitung

Das Thema Angst belgeitet mich schon mein ganzes Leben lang. Schon als Kind hatte ich große Ängste. Ich war und bin ein Gefühlsmensch und versuche vieles mit kognitiven Ansätzen auf der Verstandsebene zu lösen. Das hat nicht immer dazu beigetragen, einen konstruktiven Umgang mit Ängsten und Emotionen zu finden. Was ist Angst? Wie kann man mit Angst und anderen belastenden Emotionen umgehen? Sind wir unseren Ängsten und Emotionen ausgeliefert? Wenn nein, was können wir daran ändern und wie?

Solche Fragen stellte ich mir oft. Darum habe ich dieses Buch geschrieben. In diesem Buch werden Sie viele Antworten zum Umgang mit Ihren Ängsten erhalten. Sie werden einige Geschichten lesen, welche aus meinem täglichen Leben stammen und mit dem Umgang mit Angst zu tun haben. Sie erhalten praktische Einblicke in das Thema Angst sowie Tipps und Tricks, wie man mit Ängsten und anderen Emotionen umgehen kann. Ich bin mir sicher, auch Sie hatten Erlebnisse, die Ihnen bis heute in Erinnerung sind. Erlebnisse, die Ihnen Angst machten, die Sie mit Scham, Schuld und vielen Fragen zurückgelassen haben. Oft versuchen wir unsere eigenen Ängste zu überspielen oder Ihnen aus dem Weg zu gehen. Das klappt leider meist nur sehr kurzfristig. Irgendwann holen Sie uns ein. Sie beeinflussen unser Leben, unsere Beziehungen, unsere Karriere und damit unser Glück.

Oft war es mir im Leben gelungen, mich großen Ängsten zu stellen, mutig trotz einer „gestrichen vollen Hose“ voran zu gehen und mein Ding zu machen. Häufig habe ich auch gehört: „Du bist immer so ruhig, hast du nie Angst?“, während ich innerlich zitterte und am liebsten davongelaufen wäre. Es ist eines meiner Talente, dass man mir wenig bis gar nicht anmerkt, wenn ich gewaltige Angst habe. Aber mindestens genauso oft ist es mir nicht gelungen, mich meinen Ängsten zu stellen. Es war mir nicht möglich, mein Ding durchzuziehen oder ich bin vor Personen, Situationen, Gesprächen, Konflikten geflohen. Ich nehme an, auch Ihnen ging und geht es sehr ähnlich. Sie kennen solche Situationen sicher auch. Die Frage ist nun, warum es uns manchmal gelingt, mutig zu sein und trotz Angst alle Widrigkeiten zu überwinden. Und warum ziehen wir manchmal unverrichteter Dinge, mit schlotternden Knien, von Tannen? Wie können wir es öfter schaffen, trotz Angst mutig nach vorne zu gehen?

Genau auf solche Fragen und Herausforderungen werden Sie Antworten in diesem Buch finden.

Und manchmal, ja manchmal, da passieren scheinbar auch Wunder. Dinge, die wir uns nicht erklären können. Und ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie schon solche Erlebnisse hatten. Um auf diese Situation einzugehen, muss ich ein wenig ausholen und darf Sie auf eine kleine Reise mitnehmen.

Gerade die Ereignisse, die in der folgenden Geschichte ihren Ursprung gefunden haben, werden uns in diesem Buch öfter begegnen. Daher macht es für mich Sinn, Sie auf diese spannende Reise zu entführen. Die Reise zu einem wundervollen Ereignis, in dem die Angst schlagartig verflogen war. Ein Beispiel, das Urvertrauen, wie es die berühmte Logotherapeutin Elisabeth Lukas es häufig nennt, in uns allen steckt.

Ich werde niemals den 21. Dezember 2013 vergessen. Ein ganz besonderer Tag für mich und meine Karriere. Seinen Anfang nahm das Ganze Ende Oktober mit einem Anruf. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass ich beim Zahnarzt war, um meine halbjährliche Mundhygiene zu genießen (vor dem Zahnarzt habe ich seit ein paar Jahren gar keine Angst mehr, nachdem ich über zwei Jahrzehnte allein schon beim Gedanken daran panisch wurde). Ich war also beim Zahnarzt und fühlte mich toll, als die Behandlung fertig war. Mit leichtem Schritt und gut gelaunt bewegte ich mich in die Richtung der Ordinationsassistentin, um zu bezahlen. Da warf ich einen kurzen Blick auf mein Handy.

Eine mir nicht bekannte, ausländische Nummer war darauf zu sehen. Auch die Vorwahl des Landes war mir vollkommen unbekannt. Ich hatte ein sehr eigenartiges Gefühl. Wer konnte das sein? Waren es schlechte Nachrichten? Meist denkt man ja nicht gerade an die positiven Dinge, die in so einer Situation passieren können. Aber diesmal spürte ich ein ganz aufgeregtes kribbeln, als ich die Nummer sah. Während ich bezahlte, gab ich die Nummer in eine Internetsuchmaschine ein. Das Ergebnis war, dass es sich um eine jemenitische Handynummer handelte. Wem der Anschluss gehörte, konnte ich allerdings nicht herausfinden. Meine Aufregung stieg weiter. Alte Kollegen und Freunde von mir, mit denen ich in Österreich und dem benachbarten Ausland im Personenschutz gearbeitet hatte, waren seit einem guten Jahr im Jemen.

Mein erster Gedanke galt der Unversehrtheit meiner Kollegen. „Hoffentlich war ihnen nichts passiert!“ Warum aber sollte man mich anrufen, wenn den Jungs etwas passiert wäre? Die Gedanken kreisten in meinem Kopf. Leichte Angst, Aufregung und Neugierde wechselten sich ab. Und dann kam dieses Gefühl, ein wundervolles, aufregendes Gefühl. Ich wagte es zuerst gar nicht, so weit zu denken. Es kam mir fast lächerlich vor. Trotzdem stellte ich mir dann, aufgeregt wie ein Kind vor Weihnachten, die Frage, ob sie möchten, dass ich auch in den Jemen komme.

Ich war vor knapp sechs Jahren aus der Sicherheitsbranche ausgestiegen. Ich hatte meine Matura der Handelsakademie nachgemacht und ein Bachelorstudium in Betriebswirtschaft absolviert. Aber der alte Traum, einmal Personenschutz in einem Krisengebiet zu machen, alles was man jemals gelernt und gehört hatte abzurufen und anzuwenden, war noch immer in meinem Kopf. Mein Herz schlug wie wild, als ich die Taste drückte, um die Nummer zurück zu rufen. Und tatsächlich, es war ein alter Kollege und Freund, der am anderen Ende der Leitung war. Er kam sehr schnell zur Sache. Der Jemen war im Umbruch, es wurde von Tag zu Tag gefährlicher und sie würden das Personenschutzteam um einen Teamleiter aufstocken. Mein Herz schlug wie verrückt. Tatsächlich kam die Frage: „Hättest du Lust, diesen Job zu machen?“.

Ich fühlte mich wie in einem Traum. Es war unvorstellbar. Dieser Anruf und diese Frage hätten mich beinahe laut jubelnd in die Höhe springen lassen. Beschwingt sagte ich zu und ging zu meinem Auto. Aber da kamen natürlich Zweifel auf und mir wurde bewusst, dass viel Vorbereitung auf mich warten würde, sollte ich den Job bekommen. Denn natürlich gab es mehrere Bewerber. Ich schickte meine Bewerbung an die entsprechende Stelle und musste noch einige nervenaufreibende Wochen überstehen. Meiner damaligen Freundin sagte ich von all dem nichts. Ich wollte sie nicht unnötig aufregen. Genau in der Woche, als ich in Regensburg meine letzte Studienwoche absolvierte, wollten mir meine Ex-Kollegen und lieben Freunde Bescheid geben. Es gab noch viele Dinge zu klären. Die anderen Bewerber, das genaue Setup für die Aufstockung, die Freigabe der Europäischen Union und die Zustimmung ihrer Exzellenz, der Botschafterin der Europäischen Union für den Jemen. Ich erzählte so gut wie niemandem von diesem Anruf. Eigentlich erzählte ich gar niemandem davon. Wir fuhren bester Laune am 2. Dezember 2013 nach Regensburg. Unsere ganze Studiengruppe freute sich auf diese wundervolle Woche voller Wissen, Spaß und auch Party. Regensburg im Advent, ein Traum! Die Weihnachtsmärkte, die Stadt, die Menschen, unsere Studiengruppe. Wir hatten riesigen Spaß und feierten auch nicht zu knapp. Eigentlich saßen wir die gesamte Woche recht schwer angeschlagen von unseren Partys im Unterricht.

Meine Studienkolleginnen und Studienkollegen waren die einzigen, die ich in meinen Anruf und die Jobchance einweihte. Bei so manchem Bier wurde darüber geredet, gelacht, aber auch die Sorgen über diesen Auftrag besprochen. Die Woche verging schließlich, ohne den heiß ersehnten Anruf. Die tolle Zeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen lenkte mich meist von den Gedanken an den Anruf ab. Dennoch war ich enttäuscht, ja fast ein wenig traurig. Ich dachte mir nur: „Naja, es war eine Chance!“ Wahrscheinlich hatte man sich für jemand anderen entschieden oder der Auftrag ist eben auf diese Art nicht erweitert worden. Trotz des Gefühlschaos genoss ich die Woche sehr. Die tolle Zeit mit meinen Mitstreitern verging wie im Fluge.

Am vorletzten Tag, am Freitag, den 6. Dezember, gingen wir wie üblich, immer noch ein wenig verkatert vom Vortag, zum Mittagessen in die Mensa der Fachhochschule. Über dem Eingang zur großen Mensa hing ein ebenso großer Fernseher. Auf diesem liefen die Nachrichten. Als wir spaßend diesen Weg gingen, stieß mich plötzlich der Studienkollege neben mir an, zeigte mit dem Finger auf den großen Bildschirm über dem Eingang und meinte: „Schau dir das einmal an!“. Ich blickte hin, sah Chaos, Menschen in Uniformen, Staub, Interviews und dann den Text darunter: zwei deutsche Ärzte bei Terroranschlag im Jemen getötet.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Die Studentinnen und Studenten strömten links und rechts an mir vorbei, doch ich hatte nur noch den Bildschirm im Blick. Auch meine Kolleginnen und Kollegen gingen zum Essen. Ich sah mir den Bericht an. Es herrschte das absolute Chaos. Es wurde berichtet, dass es eines der furchtbarsten und brutalsten Attentate überhaupt war, welches je im Jemen stattgefunden hatte. Die Bilder zogen mich in ihren Bann. Langsam und nachdenklich schlenderte ich, in meinen Gedanken verloren, weiter in die Mensa. Insgeheim wusste ich, dass das auch etwas bezüglich meines Jobangebotes verändert hatte. Wir genossen die restlichen zwei Tage und fuhren am Samstag in der Nacht bestens gelaunt nachhause. Ich war ein wenig nachdenklich, denn es hatte keinen Anruf mehr gegeben.

Am Montag darauf ging ich zur Arbeit. Ich dachte gar nicht mehr an das Jobangebot. Es war der 9. Dezember 2013. Wir hatten viel Spaß bei der Arbeit, in dem kleinen Handyshop, in dem ich nebenbei jobbte. Ich absolvierte parallel zur Betriebswirtschaft auch ein Pädagogikstudium und war im Sozialbereich tätig. Als mein Telefon am Nachmittag läutete, waren mein Kollege und ich gerade am Herumalbern mit ein paar Kunden. Ich dachte nicht mehr an das Jobangebot im Jemen. Ich vermutete, der Anruf sei von meiner damaligen Lebensgefährtin. Lachend schaute ich auf das Handy, um den Anruf anzunehmen, doch plötzlich verzog sich mein Gesicht. Es war nicht meine Lebensgefährtin, es war die Nummer aus dem Jemen. Mein Herz pochte wie wild. Ich hatte nicht mehr mit diesem Anruf gerechnet. Zögernd hob ich ab und entfernte mich ein paar Schritte von meinem Kollegen und den Kunden.

„Tut mir leid, dass ich mich erst heute melde. Bei uns überschlägt sich alles. Du hast vielleicht vom Anschlag gehört. Hast du zuhause schon alles geklärt? Ronny fliegt morgen heim. Er könnte sich am Mittwoch mit dir treffen. Bis Donnerstag um 12 Uhr brauchen wir deine Zusage. Ich buche dir dann deine Flugtickets um 14 Uhr am Donnerstag. Den genauen Tag deiner Anreise sagen wir dir noch. Es wird noch vor Weihnachten sein“, teilte mir mein Freund mit. Das war am 9. Dezember 2013. „Ja, ok, dann treffe ich mich mit Ronny am Mittwoch“, brachte ich noch irgendwie heraus. „Gut, besprecht das Ganze. Wir wollen dich hier haben. Wir brauchen dich hier. Aber das Ganze ist keine leichte Mission. Das hier ist ernst. Also überleg es dir gut.“.

Ich legte auf. Alles drehte sich. Die Ereignisse überschlugen sich. Ich ging geistig abwesend zurück zu meinem Kollegen. „Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt. „Ja“, gab ich kurz zurück. „Ich glaube, wir müssen reden. Auch mit dem Chef.“ Was in den nächsten zwei Tagen folgte waren Gespräche mit meinen Chefs, im Handy-Shop und im Sozialbereich. Niemand legte mir Steine in den Weg. Doch erst dann kamen die schwierigeren Gespräche. Ich hatte für den Studienabschluss noch zwei Wochenenden mit Anwesenheit zu absolvieren. Eines davon könnte ich absolvieren, wenn ich im Februar auf Urlaub zuhause wäre. Das Wochenende im Jänner allerdings nicht. Also begannen schwierige Telefonate mit dem Professor, den Organisatoren und der Fachhochschule. Letztendlich kam man zum Entschluss, dass meine Noten ausgezeichnet waren, meine Bachelorarbeit schon benotet wurde und man mir die Chance auf diese Erfahrung nicht nehmen wollte.

Das Gespräch mit meiner Lebensgefährtin war jedoch das Schlimmste. Seit Oktober wusste ich von der Möglichkeit. Nie hatte ich etwas gesagt. Einfach, weil die Wahrscheinlichkeit, dass es wirklich passieren würde, so gering war. Ich wollte sie nicht unnötig aufregen, wenn das Ganze am Ende dann nicht zustande gekommen wäre. Also schrieb ich ihr eine Nachricht, dass wir am Abend reden müssten. Sie rief mich nur wenige Minuten, nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte an und fragte, was los sei. Ich versuchte sie weiter auf den Abend zu vertrösten. Aber natürlich war sie zu erschrocken. Sie wollte unbedingt wissen, was es denn so Wichtiges zu besprechen gab und warum wir das jetzt nicht besprechen konnten. Nachdem sie nicht locker lies, erzählte ich ihr kurz vom Jobangebot aus dem Jemen. Sie wirkte fast erleichtert, scheinbar hatte sie sich etwas noch viel Schlimmeres vorgestellt. Natürlich war sie nicht begeistert, aber wir sprachen am Abend in Ruhe über die Situation. Über das Für und Wider, die Chancen und Risiken. Sie merkte in diesem Gespräch, dass es mein größter Traum war, diesen Job anzunehmen. Genau das, was ich mein ganzes Leben machen wollte. Und dass ich festentschlossen war, in den Jemen zu fliegen. So willigte auch sie ein.

Als ich mich am Mittwoch mit meinem alten Kumpel Ronny traf, war er angespannt. Er versuchte ruhig und lässig zu wirken, wie immer, aber er war jetzt vier Monate durchgehend weg gewesen und wirkte müde. Er erzählte mir von der Mission. Von unseren Aufgaben und der Botschafterin. Er teilte mir mit, dass vier neue Teammitglieder kommen würden, davon drei neue Personenschutzteamleiter, weil sich der ganze Auftrag erweitert hätte und die Gefahr massiv gestiegen wäre. Ich sollte einer der drei Personenschutzteamleiter sein. Ich wäre der Älteste der drei neuen Personenschützer. Und ich wäre jener mit der ruhigsten Art, wenn es stressig wird. Genau so jemand, den sie jetzt dringend brauchen würden.

Meine große Stärke war es schon immer, in hitzigen Situationen einen ruhigen Kopf zu behalten und eine große Ruhe auszustrahlen. Im Dienst war ich, egal wie hart, gefährlich oder stressig es zuging, immer ruhig, gelassen und sachlich. Natürlich hatte ich auch Angst, aber dienstlich gab es einfach eine Aufgabe, die zu erfüllen war. Ob ich Angst hatte oder nicht, spielte dabei keine Rolle. Und man merkte mir diese Angst kaum an. Ich war immer scheinbar ruhig und hatte die Kontrolle. Meine zweite große Stärke war es, sehr sympathisch auf die meisten Menschen zu wirken. Ich hatte und habe einfach die Gabe, mich mit Akademikern, Professoren, hohen Personen aus Wirtschaft und Politik genauso unterhalten und auf eine Ebene finden zu können wie mit einem Obdachlosen oder Hooligan. Und genau das brauchte das Team jetzt. Jemanden, der auch in Stresssituationen ruhig bleibt, Ruhe ausstrahlt, gute Entscheidungen trifft. Und außerdem mit der Chefin, also der Botschafterin höchstpersönlich, gut auskommen würde.

Ronny schilderte mir aber nicht nur die Schattenseiten. Er sagte mir auch, dass die Menschen im Jemen sehr offen wären, freundlich. Und dass es ein tolles Land wäre. Er zeigte mir Fotos und Videos vom Team, von Einsätzen, vom Training, von Blaulichtfahrten. Dann sah er mich an. „Ich weiß es ist kurzfristig. Du hast 24 Stunden Zeit. Dann musst du zu- oder absagen. Überleg es dir gut. Aber es ist eine riesige Chance.“

Ich ging nachhause. Es war alles so aufregend. Natürlich hatte ich all die Videos vom Anschlag gesehen. Auch andere Berichte und Videos hatten mir die Jungs geschickt. Beispielsweise von einem Polizisten der GSG9, einem Freund und Kollegen, den man wenige Monate zuvor im Jemen erschossen hatte. Ja, teilweise war das Gefühl mulmig, aber ich hatte nie wirklich Angst.

Keine 24 Stunden später kam der Anruf. Ich sagte zu und fragte, was nun zu tun sei. „Du packst deine Sachen, meldest dich ab, rufst das Außenministerium an, dass du in den Jemen gehst, genießt noch die verbleibende Zeit mit deinen Hunden und deiner Freundin und schwingst deinen Arsch am 21. Dezember in den Flieger!“, lautete die Antwort.

In den nächsten Tagen bereitete ich alles vor. Mir war klar, dass ich vielleicht nicht mehr nach Hause kommen würde. Es war leider nicht ganz ausgeschlossen, dass ich mein zuhause nicht mehr wiedersehen würde. Aber diese Chance war so groß, dass ich sie nutzen musste. Ich regelte alle Formalitäten, ging noch ein paar Mal zum Schießen, frischte meine Kenntnisse im Personenschutz auf. Ich las mich in die politische Situation des Jemen und des Nahen Osten ein und studierte die Agenda der Europäischen Union im Jemen. Ich war damals 34 Jahre alt und noch nie zuvor in meinem Leben geflogen. Sogar für die Tätigkeiten im Kosovo, knapp zehn Jahre zuvor, waren wir immer mit Autos oder Bussen gefahren. Damit sollte vermieden werden, dass man anhand der Flugbuchungen schon erkannte, wann wir im Land sind.

Also war allein die Anreise schon ein riesiges Abenteuer für mich!

Die Zeit verging wie im Flug, den ich ja noch nie erleben durfte. Trotzdem hatte ich nie wirklich Angst davor. Es war alles aufregend und einfach viel zu erledigen. Vielleicht waren es die ganzen Erledigungen, die es mir gar nicht möglich machten, zu viel über das Ganze nachzudenken. Die Vorfreude war außerdem so groß, dass ich teilweise glaubte, es wäre alles nur ein Traum.

Meinen Eltern und meiner Schwester sagte ich gar nicht, wohin es ging. Ich sagte Ihnen lediglich, ich würde nach Kairo fliegen, was ja nicht gelogen war, denn von dort ging mein Anschlussflug. In Kairo würde ich mich mit der EU-Botschafterin treffen und sie begleiten.

Aufgrund der recht großen Medienpräsenz des Jemens zu dieser Zeit, wollte ich sie nicht beunruhigen. Und ich wusste genau was passieren würde, wenn sie das Ziel kannten. Sie würden sofort eine Suchmaschine im Internet anwerfen und viele unschöne Berichte finden. Nach dem Tod meines Bruders vor einigen Jahren wäre die Angst, noch einen Sohn zu verlieren, sicher sehr groß gewesen. Ich wollte ihnen diese Ängste ersparen. Sie sollten sich mit mir freuen und nicht schlaflos vor Angst zurückbleiben. Sie waren auch so schon beunruhigt genug.

Und so stand ich plötzlich am 21. Dezember 2013 am Flughafen Wien. Eine Umarmung zum Abschluss, ein Foto, wie ich zur Sicherheitskontrolle ging und ich war auf mich alleine gestellt. Normal, so sagten mir die Jungs, würde man immer zu zweit fliegen. Aber ich müsse schon vor den anderen im Jemen sein. Sie wollten, dass ich einige Tage Vorsprung hatte, um mich einzuleben und gleich meine Aufgaben zu übernehmen, damit ich dann die neuen Kollegen unterweisen konnte.

Ich trank noch einen gemütlichen Kaffee und stieg dann in das Flugzeug. Es war aufregend. Mein Herz schlug schneller, aber ich hatte noch immer keine Angst. Aufregung, ein wenig Anspannung, viel Neugier, aber keine Angst. Mein erster Flug und dann gleich in so ein Abenteuer! Das Flugzeug setzte sich in Bewegung. Ich war so nervös. Was hatten meine Freunde gesagt? Am besten einen Kaugummi nehmen beim Start. Kauen und den Mund offen lassen, wegen dem Druckausgleich. Ich nahm den Kaugummi. Das Flugzeug hielt an. Wir waren in der Warteposition für den Start. Und da passierte es.

Wie aus dem Nichts, überkam mich die totale Panik. Ich begann zu schwitzen und bekam in dieser Röhre von Flugzeug unglaubliche Platzangst. Mein Puls schoss in undenkbare Höhen.

Was mache ich hier? Bin ich verrückt? Ich werde schon im Flugzeug sterben! Das ist doch nicht normal! Wie soll dieses Stück Metall fliegen, wenn die Flügel schon beim Fahren so wackeln? ICH MUSS HIER RAUS! Aber wie? Gibt es hier eine Notbremse, wie im Zug? Ich riss an meinem Sicherheitsgurt und wollte nur noch raus. Die Platzangst wurde unerträglich. Mir war so heiß und ich schwitzte ohne Ende.

Und erst diese dämliche Idee mit dem Personenschutz im Jemen! Ja, ich war natürlich auch die letzten Jahre oft schießen, ich machte bei taktischen Trainings einfach zum Spaß mit und ja, ab und zu machte ich ein paar Aufträge nebenbei. Aber ich bin doch raus aus dem Ganzen! Ich werde dort keine drei Tage überleben! Wie peinlich wird das werden! Alle werden über mich lachen oder mich bemitleiden. „Ja, das war echt dumm von ihm. Da war er lange nicht in dem Bereich tätig und dann macht er sowas. Jetzt hätte er sein Studium fertig endlich, die Welt würde ihm offenstehen und dann macht er sowas.“

Ich konnte all diese Stimmen in mir hören. Das Flugzeug rollte. Ich überlegte fieberhaft, wie ich hier noch rauskam. Konnte man einen Flieger einfach anhalten, damit ich aussteigen kann? Wie würde es sich anfühlen, wenn die Kugeln meinen Körper durchschlagen, sollte ich den Flug überleben und erst im Jemen getötet werden?

Ich verfiel in eine unglaublich tiefe Panik. Eine Panik, wie ich sie trotz all meiner Ängste, die ich schon oft hatte im Leben, so noch nie erlebt hatte. Der Pilot drückt derweilen aufs Gas und mir wurde bewusst, dass es jetzt kein Entkommen mehr gab. Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

In diesem Moment geschah etwas, das ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde:

plötzlich, in all meiner vollkommenen Verzweiflung hatte ich das Gefühl, dass mich etwas an meiner linken Schulter berührte, die Schulter, die dem Gang des Flugzeuges zugewandt war. Ich sah mich sogar zur Seite und nach hinten um, ob da jemand war, aber es war niemand zu sehen. Dann hatte ich plötzlich ein vollkommenes Gefühl der Ruhe. Die Panik war weg, von einer Sekunde auf die andere. Ich hatte nur noch das Gefühl, dass alles gut gehen würde. Einfach alles an meinem Abenteuer würde gut gehen. Das Flugzeug hob in dem Moment vom Boden ab und ich konnte meinen ersten Flug unglaublich genießen. In diesem Moment verliebte ich mich ins Fliegen. Sekunden zuvor hatte ich noch die Panik meines Lebens, jetzt war ich ruhig und entspannt. Fliegen sollte die nächsten Jahre meines Lebens sehr häufig vorkommen. Und ich genieße bis zum heutigen Tag jeden meiner dutzenden Flüge.

Viele Jahre habe ich darüber nachgedacht, was an diesem 21. Dezember 2013 in dem Flugzeug passiert war. Es war ein unglaubliches, unbeschreibliches Ereignis. Selten zuvor hatte ich etwas derartig Tiefes und emotional Berührendes erlebt. Einige Jahre dachte ich mir: „War es ein Wunder? War es mein verstorbener Bruder, der plötzlich an meiner Seite war und mir das Gefühl gab, dass etwas oder jemand auf mich achtet?“

Mein Leben war oft geprägt von Angst. Als Kind, im Ring als Boxer, bei Schlägereien, Zukunftsängste, Existenzängste, Angst vor Krankheiten, Angst vor Trennung, Angst vor Schmerz. So viele Ängste hatten mein bisheriges Leben geprägt. Doch Angst hatte mich auch immer ein Stückweit fasziniert. Was war es also an diesem Tag, dass mir so ein tiefes Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens schenkte?

Im Zuge meinen Ausbildungen in den Bereichen Kommunikation, Konfliktmanagement, psychologische Beratung und dem psychotherapeutischen Propädeutikum, die ich in den Jahren danach absolvierte, stellte ich mir diese Frage immer wieder. Und im Zuge meiner logotherapeutischen Ausbildung kam ich dann zu einer Antwort. Eigentlich erhielt ich durch die Logotherapie viele Antworten. Auch auf viele Fragen zu den Themen Angst, Emotionen, Mut, Liebe und Vertrauen. Aber von diesen Antworten werden Sie später noch mehr erfahren und auch praktische Tipps erhalten, wie Sie diese in Ihrem Leben anwenden können.

Und liebe Leserin, lieber Leser, wie auch immer Sie diese Situation interpretieren, was auch immer Ihr Zugang ist, ob es nun ein Schutzengel, eine verstorbene Person, etwas Göttliches oder einfach eine neuronale Entladung irgendwo im Gehirn war, ich möchte Ihnen Ihre Meinung nicht nehmen.

Aber ich glaube all, dass man all das auch zusammenfassen kann. Wir Menschen verstehen mit Sicherheit nicht alles, was auf unserer Welt oder in unserem Universum geschieht. Ich kann also nicht ausschließen, ob es nicht tatsächlich mein Bruder war (ein Gedanke, der mir natürlich sehr gefällt). Vielleicht war es auch tatsächlich etwas Göttliches. Auch das kann ich nicht ausschließen. Aber für jemanden wie mich, der sich auch immer versucht an der Wissenschaft zu orientiert, gab es noch eine ganz andere und plausible Erklärung. Es war etwas, dass wir Menschen seit der Geburt in uns tragen. Etwas, dass der Großteil von uns Menschen aber verliert. Und genau das gilt es aber zurück zu gewinnen.

Unser Urvertrauen!

Der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Viktor Frankl, sprach schon davon. Besonders häufig erwähnte es seine berühmteste Schülerin, Elisabeth Lukas. Sie hat dem Thema ganze Bücher gewidmet.

Und ein stückweit ist Urvertrauen auch Ziel dieses Buches. Weil Urvertrauen uns alle Ängste nehmen kann. Naja, vielleicht nicht ganz nehmen. Aber Urvertrauen kann die Ängste erträglich machen. Und Urvertrauen macht uns mutig, und lässt uns liebevoll werden.

Leider gibt es keinen direkten Weg zum Urvertrauen. Man kann also nicht hergehen und sagen: „Ab heute habe ich Urvertrauen in meinem Leben“. Wir müssen es wiederentdecken. Zurückgewinnen, wo es verschüttet wurde.

Und in diesem Buch erhalten Sie hierzu praktische Tipps, wie Sie dies schaffen können. Sie erfahren von einigen Methoden, die auch wissenschaftlich belegt sind. Genutzt wird dafür beispielsweise die Logotherapie, die systemischen Lehre, die positiven Psychologie, aber auch tiefenpsychologische Schulen. Keine Sorge, es wird keine theoretische Abhandlung dieser Themen. Anhand von Geschichten, Beispielen, Tipps und Tricks, die Sie aktiv umsetzen können, möchte ich Sie dazu anregen, Ihren Mut wiederzufinden. Und damit auch die Beschränkungen der Ängste hinter sich zu lassen.

Ein kleiner Vorgeschmack

Die oben geschilderte Situation war eine wundervolle Erfahrung für mich. Von dieser Erfahrung zehre ich noch heute und rufe sie mir immer wieder ins Gedächtnis und in meine Gefühlswelt. Gerade dann, wenn es im Leben schwierig wird. Dann brauchen wir unser Vertrauen ganz besonders. Es gibt auch eine Reihe von Zitaten von Viktor Frankl, von denen ich Ihnen im Laufe des Buches einige vorstellen möchte.

Eines davon lautet „Zufall ist der Ort, an dem das Wunder nistet!“

Dieses Zitat ist für mich sehr ausschlaggebend, wenn es darum geht, sich seinen Ängsten und Emotionen zu stellen. Wir sollten in jeder Situation versuchen, unser Bestes zu geben. Auch, wenn uns Ängste und Unsicherheiten plagen. Denn am Ende versteckt sich das Wunder häufig dort, wo man es nicht vermutet.

Sehen wir uns jetzt einmal an, woher unser Urvertrauen kommt. Wie sieht das die Logotherapie?

Die Lehre der Logotherapie ist eine Besondere. Viktor Frankl schaffte es, die Liebe zum Menschen mit einer gewissen Härte zu verbinden. Gerade, wenn es um unsere Ängste und Emotionen geht, ist diese Lehre eine große Stütze und war auch Grundlage für andere Lehren. Wie bereits erwähnt, hatten wir Menschen am Beginn unseres Lebens alle unser Urvertrauen in uns. Noch heute gibt es in der Wissenschaft Diskussionen darüber, ob wir als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommen oder ob wir schon genetisch vorprogrammiert den Mutterleib verlassen. Es gibt Diskussionen darüber, wie stark der Einfluss im Säuglings- und Kindesalter ist, was uns in die Wiege gelegt und was anerzogen wurde. Dieser Diskurs besteht aber schon seit Jahrtausenden. Schon die alten Griechen diskutierten darüber, ob wir Menschen unserem Schicksal ausgeliefert sind oder unser Leben aktiv gestalten können.

Von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an wurde immer mehr und immer (technisch) professionellere Forschung in diese Richtung betrieben. Vor allem die Zwillingsforschung trug zu vielen neuen Erkenntnissen bei. Hatte man häufig die genetischen Anlagen sehr in den Mittelpunkt gestellt, so musste man feststellen, dass wir Menschen doch weit weniger von unseren Erbanlagen beeinflusst werden als von unserem Umfeld. Man ging davon aus, dass sich die Vererbung und das soziale Umfeld in etwa die Waage halten.

Bald musste man aber feststellen, dass die Vererbung scheinbar noch weniger Einfluss hat. Man geht davon aus, dass der soziale Einfluss, also wie wir aufwachsen, wie unser familiäres und freundschaftliches Umfeld ist uns in etwa zwei Drittel dabei beeinflussen, wie wir uns entwickeln und zu welchem Menschen wir werden.

Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms erhoffte man sich, viele Antworten darauf zu finden, wie unser menschliches Schicksal abläuft. Vor der Jahrtausendwende schien nun das Rätsel gelöst, das menschliche Genom entschlüsselt. Das Ergebnis war aber eher ernüchternd. Man musste feststellen, dass sich das menschliche Genom relativ wenig von dem einer Hausfliege unterscheidet.

Heute geht man davon aus, dass wir Menschen den Grundstein für unseren Charakter in der frühen Kindheit legen. Aber schon vorweg, die Logotherapie zeigt uns Wege auf, wie wir uns auch später noch verändern können. Dennoch wird das Alter von null bis sechs Jahren als grundlegend angesehen, wenn es darum geht, wie wir uns später als erwachsener Mensch verhalten, wie wir sein werden. Auch wie wir mit Ängsten umgehen, mit Emotionen allgemein, welche charakterlichen Eigenschaften wir haben werden. Hier spielt schon sehr früh die Nähe und Liebe der Eltern eine Rolle. Wird der Säugling immer gefüttert? Bekommt er genug Aufmerksamkeit? Ist immer jemand für ihn da? Besteht eine solide Verbindung zwischen Mutter und Kind? Und auch zum Vater oder anderen Bezugspersonen?

Das sind wichtige Dinge, die sich auch auf das Urvertrauen auswirken. Eine sehr schicksalshafte Sichtweise. Denn man kann Glück haben und Liebe, Zuwendung, Ermutigungen, ein Umfeld der Förderung und Unterstützung erfahren, oder eben nicht. Und es legt auch großen Druck auf die Eltern. Man muss davon ausgehen, dass die Eltern die Verantwortung darüber haben und sie für das Schicksal der Nachkommen selbst den Rucksack umschnallen müssen. Es gilt derzeit als gesichertes Wissen, dass unsere Kindheit einen sehr prägenden Einfluss auf unser gesamtes Leben hat.

Wenn Sie aber zu einem Buch wie diesem greifen, dann wollen Sie etwas verändern. Sie möchten Ihrem Leben neue Impulse geben, Sie möchten Ihre Persönlichkeit entwickeln und destruktive Verhaltensmuster durch konstruktive ersetzen. Sie wollen mehr Erfolg, Glück und Zufriedenheit in Ihrem Leben. Sie fragen sich vielleicht: wie kann ich mich verändern? Was kann ich gegen meine Ängste tun? Wie kann ich meinem Leben eine neue Richtung geben? Häufig hört man, dass Veränderung nicht möglich ist. Wir Menschen hören in unserem Umfeld häufig Sätze wie: „Das kann ich halt nicht!“, „So bin ich eben“ oder „Schon mein/e Vater/Mutter war so“, „So wurde ich halt erzogen…“ und viele mehr, die darauf hinweisen, dass wir unseren Umständen ausgeliefert sind.

Aber sind wir das wirklich? Haben wir wirklich keine Möglichkeiten, unser Leben, Denken, Fühlen und Verhalten zu verändern? Sind wir tatsächlich so geprägt von unserer Kindheit, der Genetik, unserem Charakter, dass Veränderung nicht möglich ist?

Wenn das so wäre, wie ist es dann zu erklären, dass Menschen aus den ärmsten Verhältnissen zu Milliardären werden? Wie ist es zu erklären, dass Menschen, die in einem kriminellen Umfeld aufwachsen, Richter werden? Wie ist es zu erklären, dass Menschen, die in der Kindheit und Jugend panische Angst vor gewissen Dingen haben, es später in genau diesen Dingen bis zur Weltklasse bringen? Wenn Veränderung für uns Menschen unmöglich wäre, wieso besuchen wir dann Kurse, machen Weiterbildungen, versuchen neue Dinge zu erlernen? Wieso versprechen wir unserem Partner oder unserer Partnerin, unserem Chef oder unserer Chefin, dass wir uns verändern werden? Warum ist es so, dass wir unter Tränen bezeugen, dass wir dies oder jenes nie wieder tun werden, dass wir uns bessern werden? Wären wir Menschen wie wir sind, ohne die Chance auf Veränderung, dann müssten wir alle in eine Schublade gesteckt werden. Und dies jedes Mal, nachdem wir einen Fehler begangen haben.

Ja, wir Menschen haben Schicksale. Aber wir haben auch die Möglichkeit zur Veränderung.

Der Mensch ist ein geistiges Wesen. Ein Wesen, dass sich immer verändern kann. Die geistige Ebene gibt uns die Möglichkeit, sich mit Schicksalsschlägen auseinander zu setzen. Und zwar auf eine sehr persönliche Art und Weise. In den humanistischen Wissenschaften gesteht man sich drei Schicksale ein, mit denen wir Menschen uns auseinandersetzen müssen:

 dem körperlichen Schicksal

 dem psychischen Schicksal

 dem sozialen Schicksal


Diesen drei Schicksalen können wir nicht entkommen. Jeder von uns hat diese drei Schicksale. Auch in der Grafik wird das gut dargestellt. Aber der kleine, freie Raum in der Mitte, das ist unsere Freiheit. Die menschliche Freiheit, die uns zu dem macht, was wir sind. Die unsere Persönlichkeit formt. Und letztendlich kommt es nur auf diesen freien Raum an und wie wir damit umgehen und wie wir zu unseren Schicksalen Stellung beziehen.

Diese Freiheit ist das, was uns als Mensch und Persönlichkeit ausmacht. Und wie wir mit dieser Freiheit umgehen, wirkt sich auf unser gesamtes Leben aus. Es ist ein wenig wie ein Schmetterlingsschlag, der einen Wirbelsturm auslöst. Aber einen positiven Wirbelsturm. Auch zu unseren Ängsten können wir durch diese Art und Weise Stellung beziehen. Wir können uns von Ihnen leiten, einschüchtern und zerstören lassen. Wir können vor Ihnen in die Knie gehen und kapitulieren. All das ist natürlich möglich und geschieht sehr oft.

Allerdings immer auf Kosten der Lebensqualität. Wenn ich Angst habe, mit fremden Menschen zu sprechen, mit Ihnen eine Beziehung aufzubauen, so werde ich in meinem ganzen Leben Probleme mit der Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen haben.

Wenn ich Angst habe, dass ich in einer Beziehung hintergangen und verlassen werde, so werde ich niemals eine liebevolle, glückliche und gelungene Beziehung führen können. Wenn ich Angst davor habe, mich selbstständig zu machen, weil ich das Gefühl habe, ich gehe dann sofort Bankrott, dann werde ich niemals die Chance haben, ein erfolgreicher Unternehmer zu werden. Wenn ich Angst habe, dass mir auf einer Reise etwas passiert, dann werde ich niemals die Länder sehen, von denen ich träume und in die es mich zieht. Wenn ich ständig Angst habe, dass meinem Kind etwas passiert, dann kann ich meinem Kind nie die Möglichkeit geben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem es auch Fehler machen darf. Wenn ich Angst davor habe, bei einer Präsentation ausgelacht oder nicht ernstgenommen zu werden, dann habe ich nie die Möglichkeit zu zeigen, wie gut ich in gewissen Bereichen bin. Diese Liste könnte ich noch unendlich lange fortführen.

Wir Menschen haben alle Ängste, jeder von uns. Auch Menschen die furchtlos scheinen, haben Ängste. Lediglich Psychopathen haben kaum Ängste, weil sie diese einfach nicht fühlen. Dabei handelt es sich aber um ein Krankheitsbild. Und es ist auch gefährlich, gar keine Ängste zu haben, denn es gibt tatsächlich Situationen, die eine objektive Gefährdung für uns Menschen darstellen. In solchen Situationen macht Angst natürlich durchaus Sinn.

Mut zu haben heißt also niemals, dass man keine Angst hat. Eigentlich ist Angst notwendig, um Mut zu zeigen. Denn wenn ich keine Angst habe, brauche ich auch keinen Mut.

Jetzt können Sie loslegen! Schauen wir uns an, woher Ihre Ängste kommen!

Angst – und wie sie uns beim Überleben half

Angst ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Die Angst hat unser Überleben gesichert. Seit vielen tausenden Jahren, sogar seit hunderttausenden von Jahren. Dabei aktivieren Angst und Stress eine Vielzahl von körperlichen Vorgängen. Unter Angst und Stress werden Hormone in unserem Körper freigesetzt. Aus gutem Grund durchströmt dabei ein heftiger Mix von Hormonen unseren Körper. Verschiedene körperliche Vorgänge werden dadurch eingeleitet: beispielsweise weiten sich die Pupillen, eine höhere Körper- und Muskelspannung wird aufgebaut, wir beginnen zu schwitzen. Unser Herzschlag erhöht sich, Ausscheidungstätigkeiten und Verdauung werden eingestellt, Energiereserven werden angezapft. All das mit einem Ziel: um uns perfekt auf Flucht, Angriff oder Erstarren vorzubereiten!

Alles gute Vorgänge, wenn wir davon ausgehen, dass wir vor vielen tausenden von Jahren, unzählige konkrete, lebensgefährliche Situationen bestehen mussten, um den Fortbestand der menschlichen Spezies zu gewährleisten. Heute haben wir nicht mehr so häufig akute lebensbedrohliche Situationen zu überstehen. Auch bei mir, in der schönen Steiermark im Süden von Österreich, laufen nicht mehr so viele Säbelzahntiger durch die Gegend. Auch wenn wir nicht mehr so häufig um unser Überleben kämpfen müssen, reagiert unser Körper auf Stress und Angst noch immer auf dieselbe Weise. Und das auch in Situationen mit Alltagsstress! Konflikte, Ärger, Streit, Zorn, Hass oder Verzweiflung lösen dieselben körperlichen Vorgänge aus, wie ein physischer Angriff auf unser Leben. Diese Vorgänge sind auf den ersten Blick nicht so schlimm. Aber es gibt zwei Gründe, warum diese Vorgänge schwerwiegende Auswirkungen auf unser Leben haben:

die bisher beschriebenen Vorgänge belasten unseren Körper. Sie können zu vielen Erkrankungen führen, die typisch für die moderne Welt sind. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Beschwerden, Diabetes und ähnliche. Stress, Angst, Sorgen und ungelöste Konflikte lösten viele psychosomatische Erkrankungen aus. Das geschieht deshalb, weil unser Körper diesen Hormoncocktail ausschüttet und eine zu häufige Ausschüttung von Stresshormonen die genannten Erkrankungen auslösen kann. Man sieht also, dass Angst sehr große Auswirkungen auf unser gesamtes Leben hat. Allerdings liegt der Fokus dieses Buches am Umgang mit Angst allgemein. Das Thema Erkrankungen durch Stress und Angst genauer zu betrachten, wäre an dieser Stelle zu umfangreich.

Ein weiteres Problem habe ich Ihnen noch vorenthalten: ein Problem, mit dem wir uns intensiv in diesem Buch auseinandersetzen werden. Die Auswirkungen von Angst auf unser Gehirn. Und damit auch auf unsere Handlungsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und unseren Umgang mit angstbesetzten Situationen.

Der Hormoncocktail, der, wie eingangs beschrieben, durch unseren Körper schießt, löst nicht nur körperliche Reaktionen aus. Auch für unser Gehirn hat dieser Hormoncocktail große Auswirkungen. Aufgrund der Hormone, die unter Angst und Stress durch unseren Körper gepumpt werden, überhitzen bestimmte Gehirnareale. Leider genau die Gehirnareal, die wir für kreatives Denken und Empathie benötigen. Also genau jene Fähigkeiten, die uns Menschen von Primaten unterscheiden. Praktisch erklärt, passiert diese Überhitzung des Gehirns in drei Stufen, wenn wir unter Angst und Stress stehen:

 Auf der ersten Stufe greifen wir auf gewohnte Bewältigungsstrategien zurück. Wir tun all das, was wir immer tun, wenn wir in einer bestimmten Situation unter Angst und Stress leiden. Unsere Gewohnheiten in bestimmten Situationen übernehmen also das Kommando. Beispielsweise in einem Streit mit unserem Ehepartner oder mit der Kollegin.

 Auf der zweiten Stufe, wenn unsere gewohnten Bewältigungsstrategien nicht zum Erfolg führen, greifen wir auf Kindheitsstrategien zurück. Unser geistiges System wird weiter von Hormonen überflutet und wir verhalten uns so, wie wir als Kind mit Angst und Stress umgegangen sind. Das kann in einer abgeschwächten Form stattfinden, hat aber noch immer sehr ähnliche Züge. Wenn wir beispielsweise in einem Streit den Raum verlassen und die Tür hinter uns zuknallen. Oder schreiend vor Zorn etwas auf den Boden werfen.

 In Stufe drei greifen wir nur noch auf unser Stammhirn zurück. Das Stammhirn kennt nur drei Dinge: Angriff, Flucht oder Erstarren. Das Stammhirn wird aus diesem Grund auch als „Reptilienhirn“ bezeichnet.

Ich möchte den netten Reptilien nicht zu nahetreten, aber hat schon jemals jemand zu Ihnen gesagt: „Sie sind schlau wie ein Reptil“? Ich vermute eher nicht, denn diese sind nicht sonderlich schlau. Zumindest im Vergleich dazu, was das menschliche Gehirn leisten kann.

Wenn ein Krokodil im seichten Wasser versteckt auf Beute wartet, denkt es sich nicht: „Oh, dieses nette kleine Zebra ist so süß, Mutti- und Vati-Zebra werden es vermissen, ich warte lieber bis andere Beute kommt“. Nein, das Krokodil hat nur die geringe Kapazität seines Stammhirnes zur Verfügung und bewertet daher unter sehr simplen Aspekten:

 Ist die Beute ein Opfer, das ich erlegen kann? Dann nichts wie los, Angriff!

 Könnte ich zum Opfer werden, weil die Beute stärker ist als ich? Dann nichts wie weg, Flucht!

Bei einem Gnu wird das Krokodil zuschlagen. Bei einem Nilpferd wird es eher die Flucht vorziehen. Und genauso bewerten wir Menschen auch heute noch Situationen, in denen wir Angst und Stress ausgesetzt sind. Wir haben einen Streit mit einem Kollegen, einer Kollegin, dann bewerten wir aufgrund unserer Erfahrungen und unseres Gefühls, ob wir stärker oder schwächer sind und greifen an oder flüchten. In unserer Zeit zum Glück meist nur verbal, aber die Vorgänge im Körper bleiben dieselben.

Wir fürchten uns vor einer Aufgabe oder haben Angst eine Entscheidung zu treffen, die große Auswirkungen auf unser Leben hat? Dann müssen wir vorsichtig sein, denn wir landen schnell in unserem Stammhirndenken. Oder zumindest in den beiden vorher beschriebenen Ebenen, also unserer gewöhnlichen Lösungsfindung oder den Kindheitsstrategien. Wir stehen vor einer Aufgabe, vor der wir großen Respekt haben, einem Problem, das uns fast verzweifeln lässt, einem unangenehmen Gespräch, das wichtig ist, bei dem wir schon beim bloßen Gedanken daran mit den Knien schlottern, wenn wir daran denken? Genau dasselbe! Wir sind schneller im Stammhirndenken, als wir glauben und verlieren unsere Kreativität und unsere Empathie. Dabei würden wir gerade diese beiden Dinge in den beschriebenen Situationen so dringend brauchen, um auch unter Angst und Stress unser Leben konstruktiv gestalten zu können.

Soweit ein kleiner Überblick zu unserer Kindheit, zur Vererbung, unseren hormonellen Vorgängen im Körper und den Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen und Handeln.

Die grundlegende Beschreibung der hormonellen Vorgänge in unserem Körper haben Ihnen weitere Einblicke in das Thema Angst gegeben. Was unser Stammhirn kann, und vor allem was es nicht kann, wurde Ihnen auch dargestellt. Und Sie haben gelesen, dass wir Menschen teilweise in unseren Denk- und Gefühlsmustern eingefahren sind. Sie haben aber auch schon gelesen, dass es sehr wohl immer eine kleine, persönliche Freiheit gibt. Immer die Möglichkeit, sich gegen unsere Schicksale zu stellen. Und genau das wollen wir nun herausarbeiten. Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz können uns dabei helfen. Bevor ich Ihnen diese Begriffe erkläre und wie Sie diese Methoden der Logotherapie zum Umgang mit Angst einsetzen können, möchte ich Ihnen wieder eine kleine Geschichte erzählen.

Der Pickup

Ich hatte panische Angst. Ich spürte, wie die Panik in mir hochstieg. Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Das Auto war durch die Klimaanlage gut gekühlt, aber das half auch nichts mehr. Am liebsten hätte ich die Tür aufgerissen und wäre davongerannt. Bei diesem Gedanken huschte mir ein bitteres Lächeln über das Gesicht. „Dann wärst du 20 Sekunden später tot. Erschossen als Feigling. Ein tolles Ende!“, dachte ich mir.

Ich sollte ja gar nicht hier sein. Was tat ich hier? Eine tolle Erfüllung meiner Träume war das. Immer wollte ich Personenschützer sein. Ein Team führen. Diplomatenkennzeichen, Blaulicht, Folgetonhorn. So toll hatte ich mir das alles vorgestellt. Jetzt saß ich hier. In unserem einzigen nicht gepanzerten Fahrzeug. In einem Stau. Keine Möglichkeit auch nur irgendwohin zu fahren. Nicht, dass mein Fahrer das unbedingt wollte. Er war wie versteinert. Genauso wie der Kollege hinter mir am Rücksitz.

Direkt vor mir drei, mit Kalaschnikows bewaffnete, Aufständische auf der Ladefläche eines Pickups. „Das Anschlagssetting schlechthin in diesem Land“, überlegte ich mir, was meine Panik gleich noch ein wenig mehr entfachte. Nervös tauschten sie sich auf der Ladefläche vor uns aus. Einer der drei ging nach vorne, klopfte auf der Beifahrerseite aufs Dach, schrie durch das offene Fenster. Toll. Also mindestens fünf dieser Jungs. Die anderen zwei starrten auf uns, hauptsächlich auf mich. Das Bleichgesicht. Vorne am Beifahrersitz. Die Waffen noch auf unsere Motorhaube gerichtet. Nicht auf uns. Noch nicht! Sie diskutierten, waren nervös. Sie schienen eine tolle Möglichkeit erkannt zu haben. „Sie überlegen gerade, ob sie diese Chance für einen spontanen Anschlag nutzen sollten“, ging mir durch den Kopf. Das war es, was gerade geschah. Fünf Menschen, die überlegten, ob sie heil aus der Sache rauskommen würden, wenn sie jetzt zuschlagen. Fünf Menschen, die abwogen, wie groß ihre Ehre und ihre Belohnung sein würde, und wie groß das Risiko ist.

Meine Angst wurde immer größer. Ich überlegte mir, wie es sich wohl anfühlte, wenn mich die Kugeln treffen werden. Was ich wohl denken werde, wenn die Patronen meinen Körper durchschlagen. Wird es sehr weh tun? Werde ich leiden? Wird es schnell gehen? Und was kommt danach? Gedanke um Gedanken. Ich fühlte, wie ich total panisch wurde. Meinem jemenitischen Fahrer schien es auch nicht besser zu gehen. Sein Gesicht war kreidebleich. Obwohl er selbst für einen arabischstämmigen Mann eher dunkel war, wirkte sein Gesicht gerade genauso hell wie meines. Seinem Landsmann auf dem Rücksitz schien es auch nicht besser zu gehen. Es herrschte Totenstille im Auto. Überhaupt schien die ganze Welt stehengeblieben zu sein. Für mich zumindest. Ich konnte weder das Hupen der Autos noch die Diskussionen der anderen Fahrer hören, die sich über den Stau beklagten. Das restliche Team war mit der Schutzperson nur wenige Meter von uns entfernt. In gepanzerten Fahrzeugen. Aber sie würden keine Hilfe sein. Ihre Aufgabe war es, die Schutzperson zu schützen. So wie dies auch unsere Aufgabe war. Sie würden nicht aussteigen und uns in einem Feuergefecht unterstützen. Sie würden flüchten, wie es die Aufgabe vorsah.

Richtig wahrgenommen hatten uns die bösen Jungs erst, weil sich der Fahrer des Fahrzeuges mit der Schutzperson wie immer wichtigmachen musste. Kein Blaulicht, kein Horn, absolute Ruhe und Unauffälligkeit waren ausgemacht. So hatte ich es ihnen befohlen. Aber nein, er musste sich wieder zur Schau stellen. Er musste wieder hupen. Er musste wieder zeigen: „Schaut her, hier komme ich. Ich bin der tolle Fahrer eines wichtigen Diplomaten!“. Und uns, im nicht gepanzerten Auto, würde das nun wahrscheinlich das Leben kosten. War es all das Wert? Wie wird man über mich reden? Was wird auf dieser Welt von mir bleiben? Und was verdammt erwartet mich nach dem Tod?

Ein zaghafter Funkspruch riss mich aus meiner Angst und meiner Gedankenwelt. Mein österreichischer Kollege fragte nach, wie die Lage bei uns sei. Was wir zu tun gedenken. Er war jung, empathisch, ein guter Typ. Ein verlässlicher, loyaler Freund und Kollege. Aber man hörte in seiner Stimme, dass er ratlos und ängstlich war. Da wir das Vorausfahrzeug waren und ich als Supervisor an diesem Tag nicht direkt in das Personenschutzteam eingebunden war, hatten wir keine Headsets. Wir benutzten zwei Funkgeräte. Eines hatte der Kollege hinter mir. Das zweite war in unserer Mittelkonsole zwischen dem Fahrer und mir. Die beschriebenen Vorgänge hatten für mich gefühlt Stunden, sogar Tage gedauert. So hat es sich angefühlt. In Wirklichkeit waren aber nur wenige Sekunden vergangen. Dieser Funkspruch, dieses zögerliche Fragen, es riss mich total aus meiner Gedankenwelt. Bis heute weiß mein Kollege mit Sicherheit nicht, dass dieser kleine zaghafte Funkspruch uns wahrscheinlich gerettet hat. An den Inhalt kann ich mich nicht mehr genau erinnern.

Ich habe den Inhalt auch nicht sinngemäß wahrgenommen. Aber ich kann mich daran erinnern, dass dieser Funkspruch mich wachgerüttelt hat. Innerhalb eines Augenblicks war ich aus meiner düsteren Gedankenwelt erwacht auf zwei Dinge fokussiert:

 Was ist jetzt, hier, in diesem Moment und an diesem Ort, in meiner Funktion meine Aufgabe und mein Sinn im Leben?

 Was ist zu tun, wenn ich dies für mich klar machen konnte?

Von der Logotherapie hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch kaum Ahnung. Aber ich lebte in diesem Moment die Lehre der Logotherapie Viktor Frankls. Der Sinn für mich, als Manuel, an diesem Ort, zu dieser Zeit - diesen galt es zu erfüllen. Und meine Werte galt es zu leben. Auch, wenn es vielleicht das letzte Mal war. Oder gerade deshalb, weil es das letzte Mal sein könnte. Sicherheit zu geben, Menschen zu führen und Verantwortung zu übernehmen, unterstützend für mein Umfeld zu sein, waren und sind wichtige Werte für mich. Und es galt diese zu leben. Außerdem waren das auch meine beruflichen Aufgaben. Meine beruflichen Aufgaben und Werte deckten sich. Ideal aus Sicht der Logotherapie.

Natürlich war mir all dies in dem Moment nicht bewusst. Von einer Sekunde auf die andere war ich wieder vollkommen fokussiert, zurück im Hier und Jetzt. Bereit, das Notwendige zu tun, weil ich mir die beiden oben genannten Fragen stellte. Ich wusste was meine Aufgabe war. Ich wusste, was ich zu tun hatte.

Ich richtete mich in meinem Sitz auf, legte einen Arm locker über die Mittelkonsole, lächelte dabei die Männer auf dem Pickup an und nickte ihnen zu. Während ich das tat, entsicherte ich die AK47, die ich mir schon vor Minuten mit eingeklapptem Schafft im Fußraum bereit gemacht hatte. Ich umfasste den Griff der Waffe mit Kraft und Mut. Ich lächelte die Männer am Pickup selbstbewusst, wahrscheinlich sogar ein wenig verrückt an und begann dabei ruhig mit meinen beiden Jungs im Auto zu sprechen.

Meinem Kollegen hinter mir sagte ich, er solle nicht zum Funkgerät greifen. Wir werden die Männer nicht nervös machen. Wir werden nicht mehr funken. Er solle stattessen auch seine AK47 bereit machen und mir, egal was passiert, nicht in den Rücken schießen. Dabei lächelte ich weiter die Männer am Pickup an. Für keine Sekunde löste ich den Blick von ihnen. Ich zeigte ihnen, dass bereit ich war. Egal was da auch kommen mochte. Und eigenartigerweise fühlte ich es auch. Ich war tatsächlich bereit.

Dann sprach ich mit meinem Fahrer, ohne dabei den Blick von den Männern vor uns zu lassen. Ich wies ihn an, seine Pistole unauffällig aus dem Holster zu ziehen und auf seinem Oberschenkel schussbereit zu halten. Die Männer folgten meinen Anweisungen. Wir hatten schon einige schwierige Situationen durchgestanden, sie vertrauten mir. Die beiden Männer am Pickup starrten noch immer nervös auf uns, die Waffen bedrohlich in ihren Händen. Der Dritte lief am Pickup auf und ab. Er telefonierte jetzt, der Mann auf der Beifahrerseite hatte seine Tür geöffnet, war nervös, schrie Dinge und blickte zu uns. Sekunden vergingen wie Stunden. Mein Blick aber war fest und entschlossen. Ich strahlte die Sicherheit aus, die ich in dieser Situation ausstrahlen musste. Und ich fühlte die Kraft und Entschlossenheit tatsächlich in mir. Dann sprach ich mit meinen beiden Weggefährten im Auto. Und ich kann mich an meine Worte noch sehr gut erinnern. Fast wortwörtlich:

„Jungs, ich weiß ihr habt Angst. Und ja, wahrscheinlich werden wir jetzt sterben. Aber wir werden ganz sicher nicht kampflos sterben. Wir werden uns wehren und kämpfen wie Helden. In dem Moment, in dem einer der Typen seine Waffe bewegt und seinen Lauf in unsere Richtung hebt, werden wir auf die Säcke schießen und kämpfen. Erwidert das Feuer, springt aus dem Auto und kämpft! Und Hamit, schieß mir verdammt noch mal nicht in den Rücken!“

„Yes Boss, yes!“, erklang es fast synchron. Ich spürte, wie sich die gesamte Energie im Auto veränderte. Mein Fahrer wirkte entschlossen. Angst war der Aufgabe gewichen. Er setzte sich aufrecht hin. Seine Körperspannung war ganz anders. Er wirkte selbstbewusst und die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. Leider konnte ich keinen Blick auf den Kollegen hinter mir werfen. Aber ich konnte fast spüren, wie auch er Mut fasste. Wir waren bereit. Wir erfüllten unsere Aufgabe in diesem Moment, an diesem Ort. Und ich glaube, man sah es uns an. Ich glaube, die Männer vor uns konnten sehen und fühlen, dass wir keine leichten Opfer waren. Auch wenn der Vorteil klar auf ihrer Seite lag. Ich bin bis heute davon überzeugt, dass uns die Art und Weise, wie wir uns präsentierten, was wir ausstrahlten, gerettet hat. Und am allermeisten bin ich davon überzeugt, dass mich der Fokus auf meine Aufgabe, orientiert an meinen Werten, gerettet hat.

Dass meine Werte und meine Aufgabe so gut übereinstimmten, so wie es sein soll und so wie es auch später in Büchern und Ausbildungen über die Logotherapie lesen sollte. Auch, wenn mir all dies natürlich in dem Moment so nicht bewusst war.

Sinn und Werte - die Moral von der Geschichte

Die Situation endete gut für uns. Wir überlebten. Und das Team bedankte sich danach unzählige Male bei mir. Meine beiden Teammitglieder sagten mir, dass sie mir ihr Leben verdankten und mir dies nie vergessen würden. Wie ich reagierte, die Sicherheit, die ich ihnen gab, meine Furchtlosigkeit, hätten ihnen Mut und Sicherheit gegeben. Die Geschichte wurde noch einige Male mit den anderen Kollegen beim gemeinsamen Essen geteilt.

Bei einigen Worten und Beschreibungen hätte ich fast schallend loslachen müssen. Furchtlosigkeit, es klang so lächerlich. In Wahrheit hatte ich mir fast in die Hosen gemacht!

Leider hatte sich einige Wochen später, als ich gerade auf Heimaturlaub war, gezeigt, dass die Sache tatsächlich immer sehr ernst war. Es kam zu einem dramatischen Zwischenfall für unser Team. Mein lieber Vorgesetzter und Freund, wurde bei einem Angriff getötet, ein weiterer schwer verletzt. Ein tragischer Zwischenfall, der natürlich auch mich erschütterte. Noch heute denke ich oft an diesen Menschen. Einen Mann, der unzählige Jahre Erfahrung in Krisengebieten hatte. Einen Mann, der ein ruhiger und stärkender Vorgesetzter war. Einen Mann, dem ich vertraute und den ich bewunderte. Ich bin bis heute dankbar, diesen besonderen Menschen kennengelernt haben zu dürfen.

Zurück zu meiner Geschichte:

Was war in der erzählten Geschichte passiert? Warum konnte ich mit der Angst umgehen und meine Aufgabe erfüllen? Wieso lag mein Fokus auf der Aufgabe und konnte ich kreativ (also die Fähigkeit behalten, konzentriert und aktiv unterschiedliche Lösungen für Herausforderungen zu finden) bleiben?

Es war gelebte Logotherapie! Es war genau das, was Frankl immer wieder in seiner Lehre erwähnte: Den Sinn in unserem Leben zu erfüllen bedeutet immer, „für jemanden oder etwas da zu sein“. Das wurde mir erst später bewusst, als ich mich mit diesen Themen mehr beschäftigte. Unseren eigenen Sinn erfüllen können wir jedoch erst dann, wenn wir das nicht zum Selbstzweck tun, sondern uns unserem Umfeld, einer anderen Person oder einer bestimmten Aufgabe widmen. Frankl nannte das die Selbsttranszendenz. Man stellt sein Ego hinten an, öffnet sich gegenüber neuen Erfahrungen und konzentriert sich auf den Sinn in diesem Moment. Auf den Sinn, der jetzt gerade auszufüllen ist. Und in meinem Fall war der Sinn, ganz und gar für mein Team da zu sein. Das war meine Aufgabe. Diese Aufgabe hat mich in ein fremdes Land geführt, ich habe diese Aufgabe mit meinem freien Willen angenommen und nun hatte ich sie auszufüllen.

Wenn wir ganz in einer Aufgabe aufgehen, wenn wir ganz für andere Menschen da sind, dann kommen wir in einen Flow. Unser Gehirn wird nicht überflutet. Wir bleiben handlungsfähig, fokussiert, konzentriert und können die Aufgabe leicht lösen. In der Selbstdistanzierung (also dem oben beschriebenen weggehen vom eigenen Ego, den eigenen Gefühlszuständen) und der Selbsttranszendenz sah Frankl auch die Lösung der meisten menschlichen Probleme. Warum? Weil wir aufhören, unser eigenes, kleines Süppchen zu kochen und an andere, das große Ganze denken. Wenn Sie beispielsweise Angst haben und ständig nur über diese Angst nachdenken, dann wird Ihr gesamter Fokus auf diese Angst gerichtet. „Wo der Fokus, dort die Aufmerksamkeit“, ein Ausspruch, den man häufig hört. Dieser Satz ist nicht ganz greifbar oder gleich in jeder Situation verständlich. Ganz konkret können wir ihn aber mit der Angst darstellen.

Wenn Sie vor etwas Angst haben (eine bevorstehende Aufgabe, einen Termin, eine Situation) und unentwegt daran denken, dann wird diese Angst immer größer. Nehmen wir an, Sie hätten ein wichtiges, aber unangenehmes Telefonat zu führen. Sie schieben es aber vor sich her, dann liegt der Fokus sehr häufig darauf. Immer wieder kommt es Ihnen in den Sinn. Der Fokus ist vollkommen darauf gerichtet und auch Ihre Gedanken werden immer ausschweifender. Ihr „Kopfkino“ läuft immer wilder. Die Gedanken, was alles passieren könnte, werden immer bedrohlicher. Kennen Sie solche Situationen? Können Sie sich an eine solche Situation erinnern, in der Ihre Angst immer größer wurde, je mehr Sie an eine bevorstehende bedrohliche Aufgabe denken? Und was machen wir dann häufig?

Wir denken noch mehr daran! Wir Menschen glauben, wir können mit unserem Gehirn alles lösen. Wenn wir nur lange genug darüber nachdenken, dann wird das schon irgendwie werden und wir finden eine Lösung. Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Wir lenken unseren ganzen Fokus auf die Angst, rücken sie und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen vollkommen in den Mittelpunkt. Und je mehr wir uns darauf konzentrieren, umso ängstlicher und panischer werden wir. Kreatives Denken, und damit verbunden die Arbeit an einer Lösung, ist nicht mehr möglich, genauso wenig wie Empathie. Wir werden unausstehlich, niemand kann es uns mehr recht machen. Wir laufen voller Angst durch die Welt, durch unsere eigene Welt.

Kennen Sie Situationen wie diese? Das betrifft aber nicht nur die Angst, sondern auch andere Emotionen. Eifersucht beispielsweise. Sie sind eifersüchtig, stellen sich bestimmte Situationen vor und schon beginnt das Kopfkino. Ihr innerer Spielfilm läuft ab und endet in einem Drama. Sie verfallen in Ihre gewöhnlichen Verhaltensmuster und gehen dabei immer mehr in die Emotion.

Menschen, die unter Eifersucht leiden, lassen den Film in ihrem Kopf immer „spektakulärer“ ablaufen. Zuerst beginnt es mit einfachen Fragen, die sich viele Menschen stellen. Zum Beispiel, wenn die Partnerin oder der Partner nicht erreichbar ist, was diese/r wohl gerade macht. Die Frage nimmt dann die gesamte Aufmerksamkeit ein, man kann an nichts anderes mehr denken. Plötzlich sieht man die Partnerin oder den Partner schon mit einer anderen Person flirten. Und dieses Gedankenspirale dreht sich immer weiter, immer tiefer. Auch, weil die gesamte Aufmerksamkeit nur noch darauf gelenkt ist. Dieses gewohnte Verhaltensmuster, sich in die Situation hinein denken zu müssen, sich alles vorstellen zu müssen, um die Situation aufzulösen, führt immer tiefer in die Eifersucht. Genau das ist das Problem mit unseren Wahrnehmungen in vielen Bereichen.

Können Sie sich an Situationen erinnern, in denen Sie jemand richtig auf die Palme gebracht hat? Nichts und niemand konnte Sie beruhigen und das Gefühl wurde immer stärker. Sie haben sich gedacht: „Was bildet er/sie sich ein, so mit mir zu sprechen?“ und wurden dabei noch emotionaler? Kurz darauf kommen Ihnen auch andere Dinge über diese Person in den Sinn. Andere negative Dinge und Äußerungen, an die Sie sich erinnern. Auch wenn diese schon lange her sind und in keinem Zusammenhang mit der jetzigen Situation stehen.

„Damals, vor einem Jahr, da hat er/sie ja auch schon …… gemacht“, „Jetzt fällt mir ein, vor drei Monaten hat er/sie ja auch schon …. gesagt“. Immer mehr negative Dinge fallen Ihnen ein, Sie gehen immer tiefer in die Emotion. Immer mehr wird diese Person zum Feindbild. Sie finden an dieser Person immer weitere negative Eigenschaften, Äußerungen, Verhaltensweisen, ja alles an dieser Person scheint plötzlich schlecht zu sein. Und das alles vielleicht nur aufgrund einer Äußerung. Einer Äußerung, die Sie vielleicht auch noch falsch interpretiert haben.

Kenne sie solche Beispiele? Beispiele, in denen Sie sich in die Angst hineingesteigert haben? Immer mehr, vielleicht sogar über Tage oder Wochen? Kenne Sie Beispiele, in denen Sie sich unfassbar über eine Person geärgert haben und Sie in Ihrem Kopf immer mehr zu einem Feindbild wurde? Kennen Sie Beispiele, wo Sie eifersüchtig, traurig, hoffnungslos, niedergeschlagen waren?

Versuchen Sie sich an ein paar Situationen zu erinnern. Wie sind diese Dinge im Endeffekt ausgegangen? Waren die Ergebnisse so schlimm, wie Sie sie sich im Geiste vorgestellt haben? Oder war der Ausgang doch nicht so furchtbar, vielleicht sogar positiv? Hat er neue Chancen gebracht, überraschende Wendungen? Meist geschieht nämlich genau das!

Mark Twain sagte einmal: „Ich bin ein alter Mann und habe viel Schreckliches erlebt, aber zum Glück ist das meiste davon nie eingetroffen.“

Dieses Zitat zeigt bestens, wie das Leben von uns Menschen läuft: wir haben große Angst vor Dingen, die noch gar nicht passiert sind. Wir fürchten uns, haben die schlimmsten Fantasien und Vorstellungen, aber am Ende ist alles nur halb so schlimm - wenn überhaupt. Ich weiß selbst, „Es ist nur halb so schlimm“ sind recht hohle Phrasen. Das hilft uns in dem Moment der Angst und Panik nicht weiter. Aber wenn Sie in einer ruhigen Minute darüber nachdenken, werden Sie erkennen, dass es fast immer zutrifft. Kaum etwas ist tatsächlich so schlimm gekommen, wie wir es uns vorstellen. Es gibt Möglichkeiten, wie wir mit Ängsten und Emotionen umgehen können, sie im Griff haben können, uns entwickeln und unser Leben gestalten können. Den ersten Schritt hin zu einem konstruktiven Umgang mit Angst sind Sie bereits gegangen – halten wir uns nicht länger auf und gehen den nächsten. Hierzu stelle ich Ihnen an dieser Stelle die Möglichkeiten der Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz vor.

Selbstdistanzierung

Die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ist die grundlegendste Kompetenz, die wir uns aneignen sollten, um unserer Angst Herr zu werden. Dabei gehen wir von unseren eigenen Gedanken, unserer eigenen Gedankenwelt, weg. Wir distanzieren uns von unseren eigenen Vorstellungen, Wahrnehmungen und auch Empfindungen. Wir nehmen sozusagen eine Beobachterposition zur eigenen Person und den eigenen Gefühlen ein. Das bringt den Vorteil, dass wir unsere eigenen Gedanken und Emotionen in Frage stellen können. Wir Menschen sind der Meinung, die Gedanken, die uns jeden Tag begleiten sind allgemein gültig und die einzige Wahrheit. Dadurch haben unsere Gedanken, Emotionen und Wahrnehmungen auch ihre volle Berechtigung. Aber manchmal ist das nicht ganz richtig. Manchmal machen wir Menschen damit einen Fehler und engen unseren Spielraum und unsere Handlungsmöglichkeiten ein. Die Gedanken, die wir Menschen zum größten Teil haben, sind reine Gewohnheit. Oft haben wir uns diese Art des Denkens über viele Jahre angewöhnt. Oft nehmen wir viele negative Denkansätze über Jahrzehnte mit und glauben: „Ja, so ticke ich eben!“. Das ist aber schlichtweg falsch!

Sie selbst bestimmen Ihre Gedanken! Und wenn Sie ängstliche auch wütende Gedanken haben, sich über etwas aufregen und das Kopfkino und die Gedankenspirale wieder loslegen, dann liegt es auch an Ihnen, diese zu unterbrechen. Die gute Nachricht ist: jeder Mensch kann das schaffen! Auch Sie können eine neue Art des Denkens entwickeln, die Ihre alten Muster und Glaubenssätze Schritt für Schritt ablösen wird. Natürlich erfordert dies Übung und ist nicht immer ganz einfach. Es dauert oft lange und man muss sich sehr bewusst anstrengen, nicht mehr in diese negativen Gedankenspiralen zu verfallen - aber es funktioniert! Sie entwickeln dadurch eine neue Art des Denkens, die die alte Art Schritt für Schritt ersetzen wird.

Wie funktioniert nun die Selbstdistanzierung praktisch?

Wenn Sie in Ihrer Gedankenwelt gefangen sind, ist es wichtig, daraus auszubrechen und Ihre Aufmerksamkeit nach außen zu richten. Sie können sich im ersten Schritt das Wort „Stopp“ selbst laut vorsagen. Oder laut in die Hände klatschen. Sie können sich auch ein wenig zwicken oder einfach einmal kurz aufschreien. Natürlich sind das Dinge, die Sie am besten machen, wenn Sie alleine sind. So ein lautes „Stopp“, ein Schrei oder ein lautes Klatschen könnten bei Arbeitskolleginnen und Kollegen oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel ein wenig komisch wirken. Im Kopf, für Sie selbst, geht ein gedankliches „Stopp“ oder ein gedanklicher Schrei genauso. Hier können Sie sich den neurobiologischen Kniff, dass Ihr Gehirn Ihre Gedanken für die Realität hält, zu Nutze machen!

Eine weitere Möglichkeit wäre, sich einen positiven Anker zu setzen. Beispielsweise wenn Sie Daumen und Mittelfinger fest zusammendrücken, sodass Sie sich nur auf diesen Druck konzentrieren. Dafür müssen Sie es zuvor mit etwas Positivem in Verbindung gebracht haben. Beispielsweise drücken Sie drei, vier, fünf Mal Daumen und Mittelfinger zusammen, wenn Sie sich an einem Tag sehr wohl und sicher fühlen. Wenn dann eine Situation eintritt, in der ihr Gedankenkarussell wieder losgeht, dann bringt der Druck von Daumen und Mittelfinger Sie wieder in diese positive Stimmung. Dafür müssen Sie aber regelmäßig diesen Anker „aufladen“, also immer wieder, wenn Sie positiv gestimmt sind, Daumen und Mittelfinger aneinanderpressen.

Es liegt an Ihnen, welche Technik Sie nutzen möchten. Es hängt auch immer von Ihren persönlichen Präferenzen ab. Ob es der innere Schrei, das imaginäre Stoppschild oder ein Anker ist, oder vielleicht sogar alles drei. Es liegt an Ihnen! Wichtig ist jedoch, sich bewusst auf die Technik zu konzentrieren. Holen Sie sich in das Hier und Jetzt und fokussieren Sie sich bei der Ausführung auf die von Ihnen gewählte Technik.

Ein weiteres ausgezeichnetes Hilfsmittel ist die Veränderung der Köperhaltung. Vera Birkenbiehl beschreibt immer wieder Techniken, um sich sofort wieder in eine gute Stimmung zu bringen. Beispielsweise 30 Sekunden erzwungenes Lächeln. Da das Lächeln auf bestimmte Muskeln drückt, die wir sonst nur benutzen, wenn wir gut gelaunt sind, glaubt unser Gehirn nach ca. 30 Sekunden, dass wir tatsächlich gute Laune haben. Sie können auch mit zwei Fingern auf Ihre Knochen drücken, die über Ihren Wangen liegen. Das ist die unauffälligere Variante und stimuliert denselben Effekt. Gerade bei Ängsten ist es einer meiner Favoriten, die Körperhaltung dahingehend zu verändern, dass man die Schultern nach oben zieht und den Brustkorb hinausstreckt. Heben Sie dabei auch noch den Kopf und strecken Sie das Kinn leicht nach vorne. Diese Haltung führt zu einer ähnlichen Wirkung wie das erzwungene Lächeln zur guten Laune: es stärkt unseren Mut und das Selbstbewusstsein allein durch die gestärkte Körperhaltung. Wenn angstbesetzte Gedanken aufkommen, dann machen Sie sich einfach groß, egal ob Sie sitzen oder stehen. Heben Sie Ihr Kinn, ziehen Sie Ihre Schultern nach oben und machen Sie Ihren Brustkorb breit. Atmen Sie dabei tief und ruhig. Fühlen Sie Ihre Kraft. Auch hier gilt: Sie müssen diese Körperhaltung mindestens 30 bis 60 Sekunden aufrechterhalten. Forschungen haben gezeigt, dass die Veränderung der Körperhaltung mindestens 30 Sekunden anhalten muss, um eine Auswirkung auf die Psyche zu haben. Je nach Studienteilnehmer kann es bis zu 60 Sekunden dauern.

Bei all diesen Übungen richten Sie Ihre geistige Aufmerksamkeit nach außen. Das ist essenziell. Spüren Sie den Druck der Finger, das Lächeln in ihrem Gesicht, die veränderte Körperhaltung. Aber richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach außen. Bewusst weg von Ihren Gefühlen und Gedanken. Betrachten Sie Ihre Umgebung. Sehen Sie sich Dinge in Ihrer Umgebung an, die Ihnen gefallen. Einen Baum, eine Wiese, ein Buch, Ihr Haustier, ein Bild auf Ihrem Schreibtisch, eine Nachricht Ihrer oder Ihres Liebsten. Ziehen Sie die ganze Aufmerksamkeit von der Gedankenspirale ab.

Nach ein oder zwei Minuten, in der Sie die Aufmerksamkeit nach außen gelenkt und die Körperhaltung verändert haben, versuchen Sie andere, konstruktive Gedanken zu fassen.

Es wird Ihnen gerade am Anfang nicht immer leichtfallen. Auch bei schwierigen Themen oder herausfordernden Emotionen wie Angst kann es Ihnen passieren, dass Sie schnell in die alte Gedankenspirale zurückfallen. Wir tun eben gerne das, was wir gewohnt sind. Lassen Sie sich davon nicht entmutigen! Versuchen Sie es einfach erneut! Und wiederholen Sie die oben beschriebenen Methoden wieder für eine Minute. Übung macht schließlich den Meister. Sie werden sehen, dass Ihnen die Neuorientierung Ihrer Gedanken mit jedem Versuch leichter fällt und Sie sich Ihre neue Gewohnheit antrainieren, bis sie irgendwann von selbst funktioniert.

Selbsttranszendenz und Sinn

Den nächsten Schritt bildet die Selbsttranszendenz. Die Reihenfolge ist jedoch nicht als hierarchische Ordnung zu betrachten, sondern ist im Sinne der Verständlichkeit aufgebaut. Beginnen Sie für sich selbst die Fähigkeit zu etablieren, die Ihnen am wichtigsten und hilfreichsten erscheint. Frankl sieht in der Selbsttranszendenz eines der wichtigsten Dinge für uns Menschen, um uns zu entwickeln, Herausforderungen, Ängste und Emotionen zu überwinden und um sinnvoll zu leben. Die Logotherapie ist auch die Lehre des Sinnes im Leben. Mit Logo ist in der Logotherapie auch der altgriechische Ausdruck Logos, für Sinn, gemeint.

Frankl ging von drei Grundgedanken aus. Der Mensch hätte:

 die Freiheit des Willens

 den Willen zum Sinn

 den Sinn im Leben

Jeder Mensch hätte also einen freien Willen zu entscheiden, wie er sich verhalten möchte. Nachdem uns unsere Reise jedoch bereits zum Ursprung unserer Emotionen geführt und uns gezeigt hat, dass wir ihnen in manchen Situationen ausgeliefert sind, müssen wir den freien Willen etwas in Relativität dazu setzen. Wir können uns unserem freien Willen bedienen, indem wir selbst entscheiden, wie wir mit unseren Emotionen umgehen. Ob wir uns ihnen ausliefern oder versuchen, lösungsorientiert damit umzugehen. Aber wie ich mit meinen Schicksalen umgehe, wie ich täglich mit Herausforderungen, meinen Mitmenschen, meinen Emotionen, meinen Ängsten umgehe, das ist mein freier Wille.

Der Mensch hat auch einen Willen zum Sinn. Wir Menschen, jeder von uns, sucht im Grunde den Sinn in seinem Leben. Und diesen Sinn gibt es auch, für jeden von uns! Das ist der dritte von Frankl’s Grundgedanken. Und im Grunde geht es mit der Selbsttranszendenz genau um diese drei Grundgedanken. Selbsttranszendenz beinhaltet Selbstvergessenheit, dabei geht es darum, für etwas oder für jemand da zu sein. Vollkommen von den eigenen Befindlichkeiten, Gedanken, Ängsten, Sorgen, usw. weg zu gehen und sich vollkommen in den Dienst eines anderen Menschen oder einer Sache zu stellen. Genau dann erfüllen wir auch unseren Sinn im Leben.

Sinn im Leben klingt oft sehr abgehoben. Es klingt häufig nach etwas sehr Spirituellem, kaum erreichbaren, weit entfernten. Doch genau so ist der Sinn in der Logotherapie nicht gemeint. Natürlich können wir dem großen Sinn, der großen Frage „Warum bin ich auf dieser Welt und was ist meine ureigene Aufgabe?“ nachgehen. Wir dürfen und sollten uns auch selbst reflektieren, diese Frage stellen und langsam darauf hinarbeiten. Aber das Leben stellt uns tagtäglich Fragen. Das Leben fragt uns jeden Tag viele Male, wer wir sind, was unser Sinn ist und was wir nun gedenken zu tun. In vielen vermeintlich kleinen Situationen erarbeiten wir unseren Lebenssinn und unsere Persönlichkeit. Auf sehr praktische Art und Weise. Jeden Tag, jeder für sich.

Ein Kollege fällt Ihnen ins Wort und Sie werden wütend? Wie Sie reagieren, ist Ihre Wahl und Ihre Art der Sinnerfüllung. Herrschen Sie ihn an? Werden Sie selbst auch wütend? Tragen Sie den ganzen Tag den Groll mit sich herum? Zahlen Sie es ihm zu einem anderen Zeitpunkt heim? Schwärzen Sie ihn beim Chef an?

Oder versetzen Sie sich in ihn hinein und überlegen sich, warum er das getan hat? Erkennen Sie auch in schwierigen Situationen seine guten Seiten, seine guten Eigenschaften? Stellen Sie klar, dass Sie das gerade verletzt hat, aber Sie auch verstehen, dass es ein emotionales Thema für ihn ist? Sie entscheiden, wie Sie mit der Situation umgehen und Ihren Sinn konkret umsetzen.

Oder Sie sind müde von der Arbeit, kommen nachhause und Ihr Kind, Ihre Partnerin oder Ihr Partner oder Ihr geliebtes Haustier wollen Ihre Liebe und Aufmerksamkeit. Weisen Sie sie zurück? Grummeln Sie Ihre Liebsten an, um Ihre Ruhe zu haben? Setzen Sie sich einfach vor den Fernseher und ignorieren Sie sie? Oder nehmen Sie sich Zeit, auch wenn Sie müde und es auch nur ein paar Minuten sind, um ihnen Ihre Liebe zu zeigen?

Бесплатный фрагмент закончился.

811,28 ₽

Жанры и теги

Возрастное ограничение:
0+
Объем:
222 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783754177570
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги