Читать книгу: «Anne LebensLiebe»

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Malte Kerber

Anne

LebensLiebe

Eine Collage

Engelsdorfer Verlag

Leipzig 2021

Foto Umschlagseite

Anne Kerber

70. Geburtstag

Copyright by malte kerber

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar: >>http://dnb.de<<

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

>>www.engelsdorfer-verlag.de<<

Alle Rechte beim Autor.

Hinweise Gestaltung, Werkangaben, Vertrieb

Seite 12 ff., Seite 237 ff., Seite 332

Anne

… bis der Tod uns nicht scheidet.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Das Bild für ein Lebensthema

Zum Grundmotiv

Zum Collage-Begriff

Zur grafisch-typografischen Gestaltung

Prolog

Das verborgene Wort

Postkartengrüße

Briefe – Liebesleid und Liebesfreud´

Liebesnotizen

Schmerzensbuch. Tagebuch Anne

Letzte Wanderung. Tagebuch Malte

Die Urkunde

Die Nachricht

So kommt zum Traurigbaum!

Wie wir den Traurigbaum fanden

Abschied mit einem Lächeln

Zum Programm

Lebensdaten Anne Kerber

Worte zum Abschied

Lied und Gedicht zur Erinnerung

Noch einmal ein Weg gemeinsam

Dank für die Begleitung

Tröstliche Sätze

Hans Ostrinski

Wanda Mönnig

Wolfgang Pomrehn

Gisela Weckert

Franz Sykora

Klaus Rähm

Gisela Thorneycroft

Dr. W. Meier

Claudia Irrgang

Karin Lefke

Gisela Kiekeben

Rita Berger

Hannel.Penndorf

W. u. H-P. Wokittel

Katrin Mocker

Luise Krause

Matthias Mehner

Jutta u. Uli Benedix

Eva u. Fritz Alm

Ros´ Pelzner

Christel Busse

Duygu Hidoroglu

Uschi u. Rolf Vortanz

B. Fahrendorf

S. u. H. Gemmer

Helga u. Peter Kühne

Dorothea Pilz

A.,H.,P. Plaumann

Jessica Voigt

Ilona Hofmann

Gerda Otto

Dr. S. Marten

Algisa Peschel

Karola Elßner

Nach(t)gedanken

Schlafloses Schlafen

Sätze mit Widerhaken

Alles richtig gemacht?

Wut

Das Ende herbeiwünschen?

Lebensentscheidung

Der letzte Abschied?

Gehst mir nicht aus den Augen

Wie eine Geburt

Zieh mit mir hinaus

Rucksackgedichte

Vorweg-Gedanken

Die Gedichte

Verlust

Dein Lächeln

Demenz

allein

Die alten Lieder

Zerspringt das Herz

Alles hat seine Zeit

Letzte Fragen

noch immer

zweisamkeit

friedhofsstille

Der Schritte Klang

Zustand

depression

Albträume

einsam

Einsames Erinnern

Der Tränenbrunnen

Immer für die Liebste

Bitte um Verzeihung

Was bleibt

Schmerzverirrungen

himmeltief

Lied und Gedicht an verschiedenem Ort

Minnelied

Fünf-Minuten-Abschiedsgedicht

Gedicht für Oma

Die Urkunde

Am Ziel

An der Saale hellem Strande

Helle Wasser, dunkle Wälder

Es dunkelt schon in der Heiden

Liebesbrief eines Alten

Alles was schön war

Gipfelglück

O Danny Boy

Das Torffeuer

Der Traum auf der Insel

Always by the ocean

Eine irische Nacht

Vom verborgenen Wort zum Buch

Epilog

Hintergründe

Die Großen Wanderungen

Erklärungshilfen/Endnoten

Veröffentlichungen Malte Kerber

Werkhinweise: Gestaltung, Vertrieb, Nutzung

Angaben zum Autor

Das Bild für ein Lebensthema
Zum Grundmotiv

Bis der Tod uns nicht scheidet … unsere Liebe wird über den Tod hinaus währen! Wohl niemand kann das am Anfang einer Liebe sicher behaupten. Dauert aber eine Liebe über die Zeiten bis zum letzten gemeinsam gelebten Augenblick, dann kann diese Aussage für die Liebenden zur unumstößlichen Wahrheit geworden sein.

Anne ist die LebensLiebe des Autors. Mit dem Grundmotiv griff er auf die Verwendung dieses sprachlichen Bilds in der Kirche bzw. im religiösen Bereich zurück. Dort heißt es: Bis der Tod euch scheidet. Das fordert nach alter Auffassung: Durch die Eheschließung sei die Frau gesetzlich und von Gott gefordert bis zum Tode des Mannes an diesen gebunden.

In der modernen Gesellschaft hat diese Aussage nicht mehr die ehemals fundamentale Bedeutung. Sie wird aber im Sprachgebrauch bzw. im Zusammenhang mit der Eheschließung häufig als ein erstrebenswerter Anspruch an die Liebe zweier Menschen genannt. Der Autor verabsolutiert das Liebesversprechen, indem er formuliert: Bis der Tod uns nicht scheidet. Er meint: Die LebenLiebe wird über den Tod hinaus andauern und ewig währen. Wie auch immer diese Ewigkeit gedeutet wird.

Es sei erwähnt, dass der Autor durch ein für ihn lange zurückliegendes künstlerisches Erlebnis zur Weiterführung des Gedankens über die anzustrebende Dauer einer Liebe angeregt worden ist. Dann nachfolgend durch eine erlebte

LebensLiebe, worüber noch zu berichten sein wird. Er sah im Sommer 1980 einen der wirkungsvollsten DDR-Spiel-filme. Der Titel: „Bis dass der Tod euch scheidet“. Der Film wurde 1979 im DEFA-Studio für Spielfilme in Babelsberg1* produziert. Günther Rücker2 schrieb gemeinsam mit dem Regisseur Heiner Carow3 das Drehbuch über eine junge Ehe im sozialistischen Deutschland. Ein authentischer Fall lieferte die Vorlage. Die anrührende Geschichte und die Starbesetzung führten zu einem außergewöhnlich großem Publikumserfolg. In der Öffentlichkeit, in der Presse und von offiziellen Stellen aber wurde der Film sehr kontrovers eingeschätzt und diskutiert.

Zum Collage-Begriff

Die Collage wird in der bildenden Kunst als eine besondere Gestaltungstechnik genutzt. Sie brachte unter anderem im Surrealismus, Kubismus, Dadaismus, in der Pop Art bedeutende Werke hervor. Auch in der Musik und in der Literatur ist die Collage eine äußerst produktive Möglichkeit des künstlerischen Schaffens.

Der Autor setzt sich in seinem Buch mit einem Stoff von großer Emotionalität auseinander. Er suchte folglich nach einer Darstellungsform, die dem Spannungsfeld „tiefste persönliche Berührung – große Sachlichkeit“ entspricht. Er versucht, den daraus resultierenden Ansprüchen mit der Technik der literarischen Montage/Collage gerecht zu werden: Zusammenfügen unterschiedlicher Textformen, wechselnde Erzählpositionen, verschiedener Prosa- und Lyrikformen, Einführung von Dokumenten/originalen Zeugnissen u. a. m.

Zur grafisch-typografischen Gestaltung

Eine LebensLiebe zwischen Leben und Tod, welcher literarische Stoff könnte anspruchsvoller sein! Erzählt wird im vorliegenden Bericht in Collage-Form. Der Autor wagte sich nicht nur als Erzählender und Betroffener an die Sinn-Frage heran, was denn eine Lebensliebe sei, ob und wann diese endet. Zugleich wollte er auch dem aufgeschriebenen und schließlich gedruckten Text ein ihm eigenes Bild geben. Fühlte er sich doch auf das engste mit der zu erzählenden Geschichte verbunden. Dem versuchte er bei der Bearbeitung und Formatierung des Textes gerecht zu werden. Vor allem war es seine Absicht, sich von der äußeren Form her dem Erzählten weitgehend anzunähern und dem Gefühlten zu entsprechen. Dabei sollte der gestalterische Aufwand „im Rahmen“ bleiben. Auch deshalb verzichtete er auf den Einsatz weiterer Farben im Innenteil des Buches. Ausgenutzt werden sollten vor allen die Möglichkeiten, die das „normale“ Textverarbeitungsprogramm von Hause aus bietet.

Die genannten Prämissen betrafen unter anderem: die Auswahl der Brotschrift4, die Gliederung des Textes, die Gestaltung des Satzspiegels5, des Kolumnentitels6 und der Seitenziffern. In diesem Zusammenhang soll auch aufmerksam gemacht werden auf die grafisch-typografische Gestaltung der Rucksackgedichte. Siehe: Rucksackgedichte. Vorweg-Gedanken. Seite: 238.

Prolog
Ich habe meine LebensLiebe gefunden!

Wer das aus tiefstem Herzen feststellen kann, der darf sich glücklich schätzen. Wer am Anfang einer Liebesgeschichte so überzeugt empfindet und zu wissen glaubt, der kann sich aber noch nicht sicher sein, ob die Erwartungen, Wünsche, Hoffnungen sich erfüllen werden, die mit dem Liebesbeginn verbunden sind. Da muss sich die Liebe als gelebte Lebens-Liebe erst noch beweisen. Die Zeiten und der Lauf des Lebens warten mit ihren Prüfungen.

Ich hatte meine LebensLiebe gefunden!

Wer das sagen darf, wenn die Liebe über die Jahre hinweg bestanden hat, der darf sich unendlich glücklich schätzen. Unendlich! Sein Urteil hat die Beweiskraft einer gelebten Liebe. Besitzt er doch außerdem zum Zeitpunkt der SPÄTEN LIEBe einen reicheren Urteilsschatz als zum Zeitpunkt seiner JUNGEN LIEBE. Er kann den Anfang und das Ende der gemeinsam erlebten und gelebten Liebe vergleichen. Kann auch sehen und abwägen, wie andere Paare ihre Liebe erleben oder eben nicht.

Aber irgendwann findet auch die LebensLiebe ein Ende. Oft weil das Leben an einem bestimmten Punkt eben nicht mehr gemeinsam gelebt und geliebt werden kann. Sie findet ihr Ende, was sich meist für die nunmehr Verwaisten als ein Unglück darstellt. Seltener als eine Erleichterung oder Befreiung.

Eine Liebe kann aber auch ihr Ende finden, wenn denn einer der Liebenden von der Welt gehen muss. Krankheit, Unfall, Unglück, Katastrophe oder auch das Alter können dem Leben und der Liebe ein körperliches Ende setzen. Der geliebte Mensch ist nicht mehr da. Nicht mehr fassbar. Unfassbar!

Was bleibt uns, die wir die LebensLiebe verloren? Was geschieht, wenn im „Buch der Liebe“, welches man gemeinsam schrieb, wenn darin das letzte Lebenskapitel endet? Wenn im ewigen Lauf der Dinge das Herz des geliebten Menschen aufhört zu schlagen? Wenn es an der Zeit war zu gehen, wie allgemeinläufig gesagt wird. Tröstend gemeint, aber schmerzhaft für den, der zurückbleibt.

Ach, „Ännchen von Tharau“7, der Dichter, der dir diese schöne Zeile schrieb, er meinte sich und sprach doch für alle Liebenden, die sich lieben wollten für immer, bis dass der Tod uns scheidet. Für alle Liebenden, die sich lieben wollten ewig! Was bleibt? Wenn das Leben und der Tod anders entschieden? Nur noch die Erinnerung? Was ist sie denn wert, die Erinnerung?

Ich verlor meine LebensLiebe. Verlor ich sie? Dieses Buch ist ein Versuch, auf diese Frage eine Antwort zu finden.

Ich fürchte: Das wird mir allgemeingültig nicht gelingen!

Malte Kerber

Berlin, 09.04.2020

Das verborgene Wort

DAS – VERBORGENE – WORT. In diesen drei Worten schwingt Poesie. Was ist das für ein Wort, das da verborgen bleiben soll und doch leise fordernd ans Licht geholt werden möchte? Worte sind Ausgangspunkte von Geschichten, die erzählt und die aufgeschrieben werden wollen. Sie klopfen darum immer wieder fordernd an die Tür des dichtenden Aufschreibers.

„Das verborgene Wort“ ist der Titel des zweiten Romans der Lyrikerin und Schriftstellerin Ulla Hahn 8. Anne und ich, wir lasen ihn und unterhielten uns über das Schicksal der Hauptfigur Hilla Palm. Meine LebensLiebste hatte Ähnlichkeiten zwischen deren und ihrem Leben entdeckt. Sie ergänzte die genannten Worte mit zwei weiteren, es entstand ein Satz:

Das verborgene Wort heißt Liebe.

Was für ein schöner Gedanke! Er drückte sehr intim etwas Allgemeines über die Liebe und etwas Wesentliches über die Persönlichkeit meiner Frau aus. Liebesworte sind tatsäch-lich häufig verborgene Wort. Diese sollten aber aus-gesprochen werden. Nicht zu früh, vor allem nicht zu spät! Und Liebeworte warten auch darauf, aufgeschrieben zu werden. Das ist noch wichtiger, als sie nur auszusprechen! Was auf dem Papier steht, das hat etwas Gültiges. Es steht dort schwarz auf weiß. Oder auch Farbe auf Farbe, je nach Phantasie. Es steht dort, kann wiederholt gelesen werden. Die Liebe zwischen Anne und mir begann etwa 1983. Drei Jahre später heirateten wir. Von Anfang an schrieben wir uns. Holten auch die verborgenen Worte aus unserem Gedanken und machten sie dem anderen lesbar. Das war oft nicht einfach. Kleine Notizen füreinander, Postkarten und die langen Briefe gehörten zu unserem Alltag und zu unseren Festtagen. Beide mussten wir uns aus schwierigsten persönlichen Verhältnissen heraus- und zueinander finden. Dabei half uns das Aufschreiben für den anderen. Dieses Aufeinander-zu-Schreiben hatte auch einen ganz praktischen Grund. Wir lebten in getrennten Wohnungen und hatten über die Woche meist keine Zeit füreinander. Verstärkt wurden unsere Schwierigkeiten auch durch die komplizierter werdenden gesellschaftlichen Verhältnisse Mitte der 80er Jahre in der DDR. Sie berührten fast alle Bürger und Familien ganz direkt.

Im Zentrum des kleineren deutschen Landes, in Berlin, erlebten wir, Anne und ich, in dieser Zeit die Krise und das Zusammenfallen einer Gesellschaft, die ihren hohen Ansprüchen nicht gerecht wurde und wohl nicht werden konnte. Das hatte auch für uns persönliche, familiäre, berufliche, kulturelle, soziale und manch andere Konsequenzen. Es ging auch bei uns um sehr existentielle Fragen.

Da unterschieden wir uns nicht von den meisten Menschen in der DDR. Unser Staat hatte sich ausgelebt oder verlebt. Wir wurden ebenfalls hineingeworfen in für uns völlig neue Lebensverhältnisse. Einschneidendes musste sich auch in unserem Denken und Fühlen verändern. Wir halfen uns, wo wir nur konnten, hätten manches allein wohl nicht bewältigt. Da spielte eben auch das Aufschreiben der „verborgenen Worte“ des einen für den anderen eine große Rolle. Anne sammelte, unbemerkt vor mir, solche schriftlichen Zeugnisse unseres Gedankenaustauschs. Sie schenkte mir Jahre später einen von ihr schön gestalteten dicken Hefter, darin Postkarten, Briefe und Liebesnotizen aus den Jahren 1984 – 2001. Die Titelseite schmückte sie mit einer kleinen Klebearbeit zum erwähnten Motto.

Diese sechzehn Wende-Jahre waren für Anne und mich und für unser gemeinsames Leben ganz entscheidende Jahre. Nach 1989 bis zum Anfang des neuen Jahrhunderts hatte sich für uns alles, alles verändert. Und auch wir veränderten uns, ohne uns zu verbiegen. Vieles Wertvolle aus unserer Vergangenheit nahmen wir in die vor uns liegenden Jahre mit. Unsere Liebe aber war uns trotz aller Veränderungen zu einer gelebten LebensLiebe gewachsen. Sie trug uns gemeinsam in eine andere für uns neue Zeit, im weiteren und ganz persönlichem Sinne.

Postkartengrüße

In ihrem „Liebes-Sammelsurium“, wie Anne den Hefter nannte, hatte sie auch Postkarten aufbewahrt, die ich ihr aus verschiedenem Anlass geschrieben und geschickt hatte. Darunter einen kompletten zusammenhängenden Satz, welcher aus dem Frühjahr 1985 stammt. Wir hatten in diesem Jahr damit zu kämpfen, für uns beide einen neuen Lebensweg zu finden. Genauer: Überhaupt erst einmal einen neuen Startpunkt zu bestimmen.

Wir wussten zum Beispiel noch nicht, wie und wo wir zusammenleben konnten. Es ging schlicht und einfach und doch so schwerwiegend für uns erst einmal um eine Wohnung, in der wir gemeinsam leben konnten. Dann die große Frage: Wie geht es weiter mit der DDR? Die Entwicklung im Lande bröselte vor sich hin. Ich hatte mich in meiner beruflichen und politischen Tätigkeit mit immer komplizierter werdenden Bedingungen auseinanderzusetzen. Im Frühjahr erhielt ich dann auch noch einen besonderen journalistischen Arbeitsauftrag. Für mich eine sehr reizvolle Aufgabe. Aber er machte alles für uns beide nicht leichter! Ich musste für mehrere Wochen eine Reportagereise antreten.

Der Anlass: Am 8. Mai 1985 jährte sich der 40. Jahrestag der Kapitulation der faschistischen Wehrmacht, der deutsche Faschismus war im Frühjahr 1945 zerschlagen worden, die Kämpfe in Europa zu Ende. In der DDR und den anderen sozialistischen Staaten feierte man den 8. Mai als „Tag der Befreiung“. 1985 – das war ein runder Jahrestag! Aus diesem Anlass fand eine Internationale Autorallye statt. Auf den „Spuren des Sieges“, so ihr Motto, führte sie von Moskau durch alle sozialistischen europäischen Länder. Ich sollte die Tour als Journalist begleiten und darüber berichten.

Anfang April starteten wir in Berlin, um nach Moskau zum scharfen Start zu fahren. Ich saß mit meinem Freund und Journalisten-Kollegen Hartmut Nehring von der „Jungen Welt“9 in einem der vier Autos der DDR-Delegation. Das war für uns ein besonderer und interessanter Auftrag. Er führte uns über Tausende von Kilometern durch ganz Ost-europa. Hochinteressant und erlebnisreich die Fahrt! Aber: Ich war auch vier Wochen von meiner Liebsten getrennt. Während einer für unser gemeinsames Leben komplizierten persönlichen Situation. Vieles war für uns noch ungeklärt.

Die Reportagereise gestaltete sich ausgesprochen anstrengend und zeitintensiv. An das Schreiben von Briefen war gar nicht zu denken. Deshalb schickte ich Anne von jedem Etappenort eine Postkarte. Meine Liebste sammelte diese und bewahrte sie in ihrer Sammelsurium-Mappe auf.


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Warschau, Polen 13.04.85

Den ersten Fahrtag geschafft. Wetter trüb! Alles noch normal!

Bin sehr müde. Morgen geht es bei Brest über die Grenze in die Sowjetunion … Werden uns mit dem Fahren abwechseln.

2 x Zeitverschiebung. Komme mit dem Schlafen durcheinander.

Denke an dich! Gruß und Kuss!

Dein Julius

Minsk, Weißrussland 15.04.85

Anne-Maus, Mitternacht ist vorbei. Wir bereiten uns zum Schlafen vor. Heute eine wilde Fahrt von Warschau über Brest nach Minsk … Brest – traurige Erinnerungen an den 20./21. Juni 1941. Ließen das Herz weinen.

„Lasst das Leben leben!“

sagte uns die Dolmetscherin zum Abschied …

Während der folgenden Fahrt konnten wir schon Russlands Weiten erahnen. Belorussland zeigte uns seine Wälder und Sümpfe. Felix Scheffler.10, Konteradmiral a.D., 70er Jahrgang, Mitglied unserer Truppe, ein sehr bescheidener alter Genosse.

Hat hier als Aufklärer bei den russischen Partisanen gekämpft.

Schwer vorstellbar, man kann nur Achtung empfinden.

Habe meine Fernbrille verbummelt! Hmmm…

Bin sehr müde. Gute Nacht!

Malte

Moskau, Sowjetunion 17.04.85

Hallo, Anne-Maus, ich sitze schon im Auto. Gleich ist scharfer Start. Die Tour beginnt offiziell. Bin noch gesund! Nach wie vor sehr unausgeschlafen.

Gestern Abend: „Auf die Freundschaft!“ Wodki! Wodki!

Journalistisch hat die Sache noch nicht viel gebracht.

Denke an dich!

Dein Julius

Kiew, Ukraine 18.04.85

Zwei sehr erlebnisreiche Tage. Die Menschen, die Kinder, die Frauen! Das Herz geht einem auf! Alle sprechen nur vom Frieden! Ich denke viel an dich! Viele schöne Erlebnisse möchte ich mit dir noch haben!

Malte

Moldawien, Sowjetrepublik 20.04.85

Waren weit im Moldawischem Land.

Auf der Rückfahrt von einem Friedensmeeting. Herzbewegend! … Wir müssen noch viele schöne Erlebnisse haben! Die Zeit drängt!

Malte

Torno, Bulgarien 22.04.85

Bei der Fahrt durch das Land so viel schöne Erinnerungen an Wandertouren! O, da könnten wir gemeinsam noch manche Bergpfade gehen! Budet, budet11 – es wird!

Übrigens: Ich bin eigentlich ganz verträglich – meistens! …

Du auch – meistens! Finde ich! …

Gruß und Kuss - dein Julius

Debrecen, Ungarn 27.04.85

Anne, Liebste, „Guten Morgen!“ vom Morgenmuffel-Malte!

Heute ausgeschlafen. Denke an dich! (Wird gar nicht langweilig!)

Es schneit! Baumblüte, Puszta, Schnee?

Freue mich auf Berlin! Plane mal schon die Wochenenden!

Es wird Frühling sein! Gleich geht´s weiter!

Gruß und Kuss von Julius

Budapest, Ungarn 29.04.85

Gruß aus der Donaumetropole. Gestern hatte ich ein kleines Tief!

Ständig so viele Menschen um mich herum, die laute Musik, das unmäßige Protokoll-Essen, das ständige Sitzen im Auto.

In der Truppe heute Vormittag Aufregung. Schnelles Einkaufen ist angesagt. Budapest mit seinem erstaunlichen Angebot! Alle sind gierig. Du bist mit einem Andenken dran! Weiß aber noch nicht, was es sein wird. Du freust dich aber auch so, wenn ich wieder bei dir bin. Weiß ich doch …

Bis bald!

Malte

Prag, CSSR 30.04.85

Soeben angekommen. Sehr schlechtes Wetter. Werden wieder nicht viel von der Stadt sehen – zu viel Offizielles! Leider auch keine Möglichkeit zum Einkaufen, da Feiertag. Schade!

Ansonsten bin ich froh, dass es dem Ende zugeht.

Denke noch immer an dich! …

Gestern in Budapest schlechte Organisation. Schade!

Anne: Ich habe zugenommen! Ist mir das peinlich! …

Bist du gesund? Denke an dich, nicht nur an mich!

Malte

Prag, CSSR 01.05.85

Guten Morgen, Anne! Obwohl ich glaube, dass du die Karte erst bekommst, wenn ich wieder in Berlin bin – ein Morgengruß aus der Goldenen Stadt an der Moldau!

So ist es mir wohler vor der Weiterfahrt!

Heute in Prag Teilnahme an der Demonstration zum 1. Mai.

In einer guten Woche sind wir wieder in Berlin. Dann noch zwei anstrengende Tage mit dem offiziellen Programm. Dann endlich wieder ein Wochenende in Ruhe und mit dir. Vor dem Besuch meines Vaters im Krankenhaus habe ich Angst …

Liebe Anne: Auch wenn ich mich wiederhole: Ich freue mich auf dich! Wie ist es mir dir? …

Ich möchte wieder mal ins Theater gehen! An die frische Luft zieht es mich auch! Und anderes möchte ich auch!

Gleich starten wir … Heute Abend sind wir dann schon in der Niederen Tatra – dort wo wir beide schon mal gewandert sind … über das Gebirge! Deine erste Bergtour. Hast dich damals sehr gut gehalten! War das romantisch! Leider alles zu kurz!

Ich drücke dich!

Malte

Brno, CSSR 02.05.85

Im Auto. Kurz vor Brno. Kalt! Verdreckt! Müde! In einer Woche in Berlin. Denke an dich! Heute früh Niedere Tatra. Schnee!

Wo ist der Frühling? Meiner liegt hinter mir. Der Frühherbst ist auch eine schöne Jahreszeit! Vielleicht sogar schöner als der Frühling. Ich komme wieder – in einer Woche. Alles andere dann direkt.

Im Moment 180 km/h nach langer Bummelei. O je, das schottert!

Bis jetzt hatten wir mit unserem Wagen noch keine Panne bzw.

noch keinen Bumms! Nur eine Seitenscheibe ging mal zu Bruch!

Malte

Warschau, Polen 05.08.85

Liebe Anne, nun endgültig die letzte Karte von unserer Tour.

Wenn du sie bekommst, werde ich sicher schon zu Hause und bei dir sein! Wir werden miteinander gesprochen haben – und anderes.

Ich schreibe noch unordentlicher als sonst, da ich im Bett liege – wieder mit vollem Bauch und leicht betrunken.

Durch Polen, das waren vielleicht die schönsten Kilometer.

Vieles ging mir sehr zum Herzen. Einige Male kamen mir die Tränen… auch von daher war vieles sehr anstrengend.

Also dann, gute Nacht – bis du wieder bei mir einschläfst.

Ich liebe dich!

Malte

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Am 08. Mai des Traditionsjahres 1985 waren wir wieder beisammen, Anne und ich. Nachfolgend hatte ich noch viel zu tun, die erlebnisreiche Reportagereise war auszuwerten. Das Fotomaterial musste aufbereitet werden. Ich hatte sehr viel fotografiert. Dann musste ich noch meine Reportagen für „S + T“12 und „konkret“13 schreiben.

Zugleich ging es mit Kopfsprung wieder hinein in die journalistisch-redaktionelle Herausgebertätigkeit. Vieles war für das Arbeiten und Leben in der DDR noch komplizierter geworden. Durch meine vierwöchige „Reise-Pause“ und Abwesenheit spürte ich das noch deutlicher. Die Stimmung im Lande hatte sich weiter verändert, alles und alle waren unruhiger geworden. Alles, wirklich alles war in Frage gestellt. Die Unzufriedenheit der Menschen hatte deutlich zugenommen, sicht- und hörbar. Anne und ich, auch wir hatten uns damit auseinanderzusetzen. In unseren Familien und vor allem in der täglichen Berufsarbeit. Sie in einem Parteiverlag für Anschauungsmittel als Chefsekretärin und ich als Leiter der Verlagsgruppe der Gesellschaft für Sport und Technik14. Dort war ich verantwortlich für die Herausgabe von sechs Zeitschriften und anderen Publikationen. Stand auch in Verantwortung für Journalisten, für redaktionelle Mitarbeiter, Sekretärinnen. Diese „Truppe“, dieses Kollektiv, dieses Team, wie man es auch immer nennen will, war journalistisch außerordentlich leistungsfähig.

Doch auch hier wurden die Fragen zunehmend drängender. Auch in unserer Arbeit wurden die Widersprüche der gesamtgesellschaftlichen Schieflage immer spürbarer. Auch hier blieben grundlegende Antworten aus. In den Redaktionen wuchs die Unzufriedenheit. Das Spannungsfeld, in dem ich handeln musste, wurde unübersichtlicher, diffuser, immer einschränkender. Da half mir auch nicht die Black-Box-Theorie, mit der ich mich während der Arbeit an meiner Dissertation so intensiv beschäftigt hatte. Mein großes Thema von Anfang des 70er Jahre war auf einmal lebendig geworden. Mit der Effizienz politischer Systeme in der sozialistischen Gesellschaft aus kybernetischer Sicht hatte ich mich beschäftigt.

Für Anne und mich wuchsen die Widersprüche und Sorgen in unseren Familien. Diese standen durchaus auch im Zusammenhang mit der Zukunft des Landes und damit ebenfalls mit unserer Zukunft. Der Älteste von Anne hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Mein Ältester aus erster Ehe wurde immer unsicherer. Er war Student und nachfolgend in der Aspirantur an der Theaterhochschule in Leipzig. Für unser künftiges Zusammenleben war noch Grundlegendes zu klären und zu entscheiden. Was wird mit dem Land? Was wird mit uns? So spitzte sich auch für Anne und mich Mitte der achtziger Jahre und nachfolgend die Situation zu.

Trotz aller Probleme wollten wir 1986 wieder wandern! Gemeinsam! Das war uns sehr wichtig! Eine Langstrecken-wanderung stand auf dem Programm. Wir wollten uns erstmals mit den Fahrrädern auf die längere Strecke machen. Also starteten wir im Frühsommer mit Zelt und Schlafsäcken im Wandergepäck. Eine romantische Grenzfahrt sollte es werden und wurde es nicht ganz so, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Die Strecke:

Berlin – Hartau/Zittauer Gebirge/Neiße – Neiße-

Radwanderweg – Oder-Radwanderweg – Ostseeküste:

Ahlbeck, Stralsund, Wismar – Berlin.

Ein respektabler Kanten, ohne großartige Höhenmeterzahl, aber mit viel Gegen- und Seitenwind! Anne sammelte ihre ersten Erfahrungen für diese Art des Wanderns. Sie hielt sich gut und guter Laune. Trotz einer ziemlich heftigen Schnittverletzung. Glasscherbe am Strand!

Aber wir schleppten während der Radwanderung zu viel zusätzliches Gedankengepäck mit. Die Lage im Lande außerhalb der Hauptstadt und vor Ort … Wanderfreude wollte uns nicht so richtig aufkommen. Überall war auch unterwegs zu spüren, dass in der DDR etwas ins Rutschen gekommen war.

Wir radelten die letzten Etappen von Wismar aus doch ziemlich bedrückt zurück nach Berlin. Nicht frohgestimmt wie im Finale anderer Wandertouren.

Wieder zu Hause: Sturz in den Alltag und in die Sorgen. In die großen Landessorgen, in die großen Arbeitssorgen und in die großen Sorgen mit unseren Familien. Diese betrafen die Probleme mit Annes vier Kindern an der Grenze zum Erwachsenenalter, mit meinem Sohn Jan aus erster Ehe und mit meinem Vater. Dieser ein schwerer Pflegefall – ich allein „vor Ort“ und verantwortlich!

Die Zeiten und die meisten Umstände waren uns, Anne und mir, nicht freundlich. Damit waren wir in unserer kleinen deutschen Republik wahrlich nicht allein!

Briefe – Liebesleid und Liebesfreud´

Anfang 1987 war ich dann fast am Ende meiner psychischen Kräfte. Auch körperlich ging es mir nicht mehr gut, obwohl ich nach wie vor hart trainierte. Rannte und rannte, rannte Kilometer um Kilometer. Rannte neben oder weg von allen Sorgen? Zuviel? Die „Körner“ waren offensichtlich und deutlich „aufgebraucht“. Mein mich betreuender Arzt, der mir freundschaftlich verbunden war, zog einen energischen Schlussstrich! Er ließ sich auf meine Ausflüchte in Bezug auf Behandlungen und Erholungsmaßnahmen nicht mehr ein. Ließ irgendwelche Beziehungen spielen …

So landete ich Ende Mai in Warmbad/Wolkenstein15 im Erzgebirge. In einem Bergarbeitersanatorium für Wismut-Kumpel16! Ein reiner Zufall? Weiß ich bis heute nicht. Kann ich mir aber heute erklären. Damals war mir das nicht wichtig. Ich kam also nach einem recht traurigen Abschied von Anne ziemlich bedrückt in dem kleinen Kurort an. Die kräftigen urwüchsigen Kumpel, also meine Mit-Kur-Patienten, „begutachteten“ zwei/drei Tage den für ihre Maßstäbe etwas schmalen und schmächtigen Journalisten. Doktor der Philosophie obendrein! Doch fanden schnell unkompliziert zusammen. Dazu trug wesentlich bei, dass ich gut in eine Kumpel-Volleyballmannschaft hineinpasste. Flink im „Ausputzen“ der hinteren Spielfeldhälfte und Genauigkeit im „Stellen“ der Bälle für die Angriffsspieler. Das waren meine Stärken. Ich hatte ja auch über Jahre recht aktiv Volleyball gespielt. War aber für den schlagkräftigen Angriff und die gute Abwehr am Netz zu klein. Folglich spielte ich in der Regel in der zweiten Reihe auf der Position 3 – eben als „Ausputzer“.

Während langer Gespräche zwischen meinen Kurfreunden und mir kam ich zu manch neuer Einsicht über die große Lage in der DDR und über die Lage der kleinen Leute im Lande. Die Gespräche übrigens nicht nur während der Bier-runden. Diese immer mit Lachen und Spaß verknüpft und mit anerkennendem Klopfen auf die Tischplatte, wenn ein guter Witz erzählt oder ein kluger Gedanke in die Diskussion geworfen worden war.

Neben der Kurerei mit vollem Programm schrieb ich und schrieb ich Tag für Tag. Saß in meinem Einzelzimmer Nr. 6 im Pawlow-Haus17. Schrieb mir die Seele aus der Brust und den Kopf frei. Dachte nach und schrieb auf, was mir auf meinen bisherigen Lebensweg gelungen und nicht gelungen war, wie meine Bilanz mit fünfzig Lebensjahren aussah, was mit mir und meinem Land DDR vor sich ging, welche Rolle ich da spielte, wie ich mit meiner neuen Liebe und Lebens-gefährtin unser künftiges Leben gestalten könnte … Ich hielt auch fest, was ich im kleinen „Kurleben“ so beobachtete und erlebte. Nicht zuletzt schrieb ich meine Wanderberichte, streifte ich doch bei jeder Gelegenheit durch die ernst-heitere erzgebirgische Landschaft um die Zschopau. Es entstand ein fast druckreifes Manuskript. Sogar ein Titel für ein Buch hatte ich mir schon einfallen lassen.


Ob ich in der Noch-DDR dafür einen Verlag gefunden hätte? Ich hatte es nicht probiert. Andere Sorgen und Notwendigkeiten drängten auf den Herbst 89 hin.

Einen später entstandenen Plan verwirklichte ich dann ebenfalls nicht mehr. Ich hatte 2001/2002 mit folgendem Gedanken gespielt: Zwanzig Jahre nach deinen Warmbader Kurtagen, also 2007, fährst du wieder dorthin. Parallel genau zu den Daten deines 87er Aufenthaltes. Dann vollziehst du Datum für Datum und Seite für Seite das nach, was du damals dachtest, erlebtest und aufgeschrieben hattest. Zu-gleich schreibst du auf, was du während deiner zweiten Warmbader Kur denkst und erlebst. Dann stellst du beide Darstellungen nebeneinander und vergleichst die Ergebnisse deines zwiefachen Nachdenkens zu den unterschiedlichen Zeitpunkten deines Lebens. Dadurch zu einem Resümee kommend, was dir dieser Lebensnerv-Einschnitt 1989 gebracht hatte oder eben nicht. Keine schlechte Idee!

Habe ich leider, leider auch nicht geschafft, mich an solch ein Vorhaben heranzuwagen. Anderes stand auf der Tagesordnung. Schade, denke ich 33 Jahre nach meinen Kurtagen mit den Wismut Kumpel. Einen Verlag hätte ich für dieses Buchprojekt ganz sicher gefunden. Das vorliegende Buch über meine LebensLiebe und andere haben ja auch einen wirklich guten verlegerischen Betreuer erhalten!

Zu Warmbad 1987 schrieb ich nicht nur an meinem Tagebuch. Auch für meine LebensLiebste Anne war ich sehr schreibfleißig. So flogen Liebesbriefe zwischen Berlin und dem kleinen erzgebirgischen Ort an der Zschopau hin und her. Sie fanden die gewünschten Lese-Augen.

Liebesbrief altmodisch? Für mich sind sie nicht alt- und auch nicht neumodisch. Sympathie und gar Liebe wird heute fast ausschließlich mit den flinken spitzen Fingern auf das Smartphone getippt. Nur aus wenigen Worten bestehend und als Höhenpunkt der Gefühlsäußerung diese mit einem oder mehreren Smileys ergänzt. Wenn Liebesbriefe nicht zu jeder Zeit und nicht in jedem Jahrhundert geschrieben worden wären, was wäre da für ein Verlust entstanden! In der Epik, in der Lyrik und in der Dramatik! Am größten wäre aber der Verlust für die gelebte Liebe geworden. Ich formuliere bewusst etwas kategorisch: Liebe muss um der Liebenden willen ausgesprochen und auch aufgeschrieben werden!

Als ich nach ihrem endgültigen Abschied über meine LebensLiebe Anne nachdachte und schrieb, las ich nach langer Zeit wieder unsere Warmbader Briefe. Las über unsere Liebesfreud´ und über unser Liebesleid und über unser Zueinander-Finden. Dies in sehr, sehr schwierigen gesellschaftlichen Zeiten, aus denen wir uns ja nicht abkoppeln konnten und wollten. An vielen Stellen musste ich lächeln, und manchmal stiegen mir die Tränen in die Augen. Fragte ich mich auch, ob ich die Leser an meiner Freude und an meinem Schmerz, den ich einst und auch noch heute empfinde, teilnehmen lassen sollte, indem ich sie mitlesen lasse. Wenigstens auszugsweise. Entschied ich mich dafür. Stellte ich aber nicht die schönsten Stellen aus allen Briefen zusammen. Griff ich in den Stapel unserer Liebesbriefe aus dieser Zeit, zog nach dem Zufallsprinzip zwei Briefe heraus, einen von meiner Liebsten und einen von mir.

Anne Berlin, 16. Juni 1987, abends

Du! Malte, du bist es immer noch!

Habe deine Tagebuchnotizen und deinen Brief vom 11. Juni gelesen. Ich beneide dich um die Gespräche mit deinem Arzt. Da kann man ausholen, so richtig aus der Tiefe, und hat danach das Gefühl, dass einem geholfen wurde. So ginge es jedenfalls mir.

Warum fühle ich mich aber bei den von dir zitierten Sätzen so persönlich angesprochen, fast angegriffen und schuldig? Ich will das nicht! Und doch kommt es so! Es ist wie ein Schuldkomplex! Das macht mich noch ängstlicher und unsicherer! Wie kann ich ein Selbstwertgefühl bekommen, wenn ich finde, dass ich selbst wertlos bin? Meine Pflicht und Schuldigkeit gegenüber meinen Kindern habe ich getan! Das ist es nicht, was mir fehlt … ach, ich weiß es nicht!

Sei nicht böse, ich bin wieder mal blöd!

Du sollst aber wissen, dass mir dein Brief doch

Hoffnung macht, dass du mir und uns Zeit gibst.

Ja, ich verstehe das, was du geschrieben hast, und ich akzeptiere das auch, weil es auch meine Wünsche und Gedanken sind. Nur kann ich sie nicht so gut aufschreiben und so gut aussprechen wie du. Mein Minderwertigkeitskomplex – deine Klugheit. Dabei mag ich klugen Männer sehr. Aber wenn es ernst wird, dann merke ich, dass mir so vieles fehlt und dass ich nicht weiterkann. Das ist es! Mir fehlen dann die Worte, ich krieg sie nicht auf die Zunge, kann sie aber selbst in mir hören. Das ist doch dumm, ich meine Dummheit/doof sein!

Nun fälltt mir doch noch ein, was ich dir erzählen sollte. Etwas Schönes und zugleich Trauriges.

Heute nachmitttag fuhr ich zu deinem Papa ins Krankenhaus. Auf dem Wege zu ihm sind mir die Tränen gerollt. Ich glaube vor Glück! Ich hatte damit begonnen, deinen Brief zu lesen. All meine Gefühle für dich waren plötzlich so groß. Und es drängte mich fast zu deinem Vater.

Ich wollte dann mit ihm spazieren gehen, holte also im Krankenhaus diesen ollen Rollstuhl aus der Abstellkammer. Und stell dir vor: Während ich unterwegs war, hat er seine Blase über das

Handwaschbecken entleert.

Ich war platt über diese Raffinesse und habe ein bisschen geschimpft. Und er? Er hat gegrient!

Die Spazierfahrt im Park war recht anstrengend.

Regen und Wind, und ich bekam auch noch meinen hässlichen Heuschnupfen. Als wir ins Zimmer zurückkamen, hat doch Papas Zimmerkollege geweint. Ich habe ihn umarmt, getröstet und Mut gemacht. Dann war ihm besser. Aber dann fing Papa an zu weinen. Er war eifersüchtig geworden. Also umärmelte und tröstete ich auch ihn. Diese Männer! Nun mache ich Schluss mit diesem Brief!

Mir fehlt deine Zärtlichkeit! Anne

Malte Warmbad, 21. Juni 1987, 21:45

Liebe Anne,

irgendwie liege ich hier ein bisschen krumm im Bett, liege krumm im Bett herum. Im Radio spielen sie gerade passend die „Kleine Nachtmusik“. Bevor ich zum Schlafen komme, will ich dir noch einen Brief schreiben. Ob meiner schrägen Lage wird meine Schrift noch schlechter zu lesen sein als sonst. Aber damit hast du ja als meine langjährige Sekretärin Erfahrung. Manche meiner Notizen konntest du im Nachhinein besser als ich lesen.

Anne, ich habe heute Nachmittag deinen Brief vom 16. Juni bekommen. Heute Vormittag schrieb ich dir noch in meinem Antwortbrief, dass ich mit dir nicht gern „zeitverschoben“ sprechen möchte. Aber jetzt möchte ich trotzdem auf deinen Brief antworten – nur wenige Gedanken.

Pfingsten wäre für dich nicht schön gewesen, schreibt du mir. Ist mir völlig klar! Trotzdem bin ich traurig, mitleidig, auch böse, dass du dich so sehr hängen lässt, wie ich es aus deinen Zeilen herausgelesen habe. Siehst du denn die Schuld für unsere Probleme nur bei dir? Ziehst du dich jetzt wieder auf deine Kinder zurück? „Ich habe jetzt wieder meine Kinder, meine Wohnung“, schreibst du. …

Das stimmt alles, und stimmt auch wieder nicht! Deine Kinder haben doch ihr eigenes Leben, ihr eigenes selbständiges Leben schon begonnen. Lass sie doch jetzt laufen! Kümmere dich um deinen Jüngsten! Das muss noch sein! Aber die anderen sind weg! Ordne sie dort in dein Leben ein, wo sie jetzt hingehören! Du hast ihnen gegeben, was du konntest. Sie gehen so oder so ihren Weg.

Was jetzt für dich kommt, das ist dein Leben! Diese Tatsache musst du in deine Regeln bringen.

Zu diesem neuen Leben gehöre jetzt ich. Will ich dazugehören. So haben wir das ja beide für uns entschieden. Und so wie du bisher deine Kinder, deine Arbeit, deine Art zu leben in dein Leben eingeordnet hast … so fällt es dir schwer, jetzt mich dort einzuordnen. Ich bin nicht eines deiner Kinder, und ich bin nicht eines deiner bisherigen Lebensprobleme! Da ist mit mir etwas völlig Neues für dich hinzugekommen …

Anne, Liebes, was ich nach wie vor nicht verstehe, das ist dein Minderwertigkeitsgefühl. Das begreife ich nicht! Nach wie vor nicht! Soll ich wieder aufzählen, was du in deinem bisherigen Leben geleistet hast, was du erreicht hast? Worauf du alles verzichten musstest? Worauf du auch stolz sein kannst?

Was redest du dir auch mit deinem Aussehen ein?

Du hättest oder hast zum Beispiel Gedankenprobleme wegen deines angeblich zu kleinen Busen.

Anne, was bist du da dumm! Was macht denn eine Frau aus? Das brauche ich dir doch nicht erklären! Was lässt du dich von meiner Bildung – Annchen, Halbbildung! – so beeindrucken? Verstehe ich nicht! Verstehe ich nicht! Warum wirst du plötzlich eifersüchtig, wenn ich mit anderen spreche, „kluge Reden“ führen kann? Lächele doch über die

„Gockelei“, die da manchmal bei mir durchbricht!

Da kannst mit Selbstbewusstsein und aus guten

Gründen souveräner sein!

Anne, ich merke doch auch im Kurbetrieb, wie wichtig es ist, mit anderen Menschen sprechen zu können. Ich sehe doch aber auch, wie verklemmt oder gar stur manche Leute sind. Sie kommen nicht aus sich heraus.

Auch in diesem Zusammenhang noch ein wenig zu mir, Annchen! Eine meiner Schwierigkeiten ist mir hier in Warmbad deutlicher geworden: Ich bin durch die langjährige Überbelastung psychisch völlig verspannt. Ich bin durch die familiären

Probleme in den zurückliegenden Jahren fast völlig ausgebrannt! Das liegt aber fast alles vor unserer Zeit. Ich kann fast überhaupt nicht mehr „locker“ sein. Ich lachte ja fast überhaupt nicht mehr!

Und hier habe ich wieder ein wenig den Spaß gefunden. Kann auch wieder mehr Spaß machen! So wie früher – bis in meine vierziger Jahre hinein.

Diese kleine Veränderung verdanke ich auch den Wismut-Männern. Das sind Kerle!

Die Kurleute hier schätzen mich als einen freundlichen Menschen. Und ich mache, ihnen zur kleinen Freude, zunehmend meinen Ulk. Dann ziehe ich mich wieder völlig zurück in das Wandern, in die Sauna, in das Schreiben …

Dieser Wechsel bekommt mir!

Jetzt gegen Mitternacht im Radio gleich die Nachrichten. Will ich noch hören!

Dann: schlafen, schlafen!

Komm, lass dich streicheln!

Und lächele wieder – mit mir! Vergiss es nicht: Als erstes habe ich mich in dein Lächeln verliebt!

Gute Nacht!

Malte

PS Ich bin dir sehr, sehr dankbar dafür,

dass du dich trotz aller Belastungen so

liebevoll um meinen Vater kümmerst!

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Liebesnotizen

Da leben zwei, die sich gernhaben, gemeinsam in einer Wohnung. Mit Kind und Kegel oder eben zu zweit. Da will das Zusammenleben organisiert sein. Man geht ja meist auf verschiedenen Wegen durch den Alltag. Also muss organisiert werden, wer sich denn worum kümmert, wer denn dieses oder jenes erledigt, einkauft, besorgt usw. Das tippt man sich heutzutage meist schnell über das Smartphone zu. Aber der gute alte Notizzettel hat nach wie vor nicht ausgedient! Er erledigt wie eh und je seine familienwichtigen Informationsaufgaben. Hält fest, was der andere wissen oder tun muss, damit der Alltag möglichst störungsfrei verläuft.

Außerdem bietet der Notizzettel immer Platz für eine kleine Liebesbotschaft an. Diese Botschaften sind oft die schönsten, weil sie uns im grauen Alltag zum Lächeln bringen. Sie vermelden auch, dass es da im raschen Tageslauf noch etwas anderes gibt als nur Pflichten, dass jemand für dich da ist, auf dich wartet.

Meine Liebste bewahrte viele von diesen Notizen auf, die ich ihr „so zwischendurch“ schrieb. Die nachfolgenden wurden von mir in den „wilden 90er Jahren“ aufs Papier gebracht. Sie verraten einiges über uns, obwohl es nur kleine Botschaften waren. Und sie lassen auch beim heutigen Nach-Lesen erahnen, dass es wie im großen Leben in den deutschen Landen auch für unser kleines Alltagsleben schwierige Jahre waren. Ich war ´raus aus dem Berufsleben, und meine Anne kämpfte sich tapfer durch das für sie neue Berufsleben.

Nachfolgend eine kleine Auswahl aus unseren kleinen Liebes-Botschaften im Alltag.

Pinntafel
Liebesnotizen

Nicht vergessen!

Von jetzt an teilen wir nicht nur das Bett,

sondern auch die Zahnbürste!!!

Malte

19:00 Uhr

Muss zur Sitzung in den Club!

Küsschen!

Und?

Lächeln!

Bis dann – wann?

Malte

Gegen 17:00 Uhr

Geliebter Spatz – Hosenmatz!

Ich bin zu Steffi und Gregor – Kundgebung!

Geh bitte nicht mehr einkaufen!

Das Notwendige ist vorhanden!

Wenn nicht:

kannst du von meiner Liebe leben.

Der Vorrat reicht noch lange!

Bis sogleich?????

Malti

16:30 Uhr

Liebchen, ich bin etwas besorgen.

Großes Geheimnis!

Dauert vielleicht länger!

Bis Ostern?

Ist ja erst Februar! – ha, ha!

M .

Attention!

1.Ich glaube, der Reis ist nicht durch!

Also: Vorsicht!

2.Nicht in mein Arbeitszimmer gucken!

Ich bin mit dem Aufräumen nicht fertig geworden.

Will sagen:

Habe noch nicht angefangen.

Bin zur Versammlung …19.00 Uhr

FINE! THE END!

/BIS/? /DANN/

DATEINAME: MALTE

Anne,

bleib hübsch artig,

bleib hübsch fromm,

bis nach Haus´

ich wiederkomm´!

Zum Hochzeitstag

Ich liebe dich anders

als am ersten Tag!

Wenn ich an Gott glaubte,

würde ich dafür beten,

dass wir noch viele gesunde

und erfüllte Tage erlebten.

So aber bleibt nur mein Hoffen

und mein mangelhaftes Zutun.

Malte

PS 1.Blumen heute Abend!

2.Essen beim Griechen am Sonnabend. Plätze reserviert.

Ich habe noch schnell etwas zum Mittagessen geholt!

In dem Laden hier kümmert sich ja sonst niemand drum!

So! Das musste ja mal gesagt werden!

Bums! Malte

Achtung:

Die beiden Schlüssel im Briefkasten gehören uns!

Mehr Info, da wir uns länger nicht gesehen:

Liebes Spätzchen,

heute Abend bist du nach der Arbeit wieder einmal allein zu Hause. Bin wie verabredete zu dieser Ausländerveranstaltung. Bitte nicht zur Kaufhalle rennen, um für mich Bier zu besorgen! Habe für das Wochenende genug Vorrat angelegt!

Ein kurzer Tagesbericht:

1.Traf auf dem Alexanderplatz S.R. aus dem Verlag. Schöne Grüße!

2.Bediente auf dem Alex einen Kaffeeautomaten so geschickt, dass etwa acht Tassen herauskamen und versickerten. Die Bedienung merkte nichts, und ich bezahlte nur eine Tasse!

3.Achtung: Habe die aktuelle Zeitung, was mir eben einfiel, in den Müll geworfen!

Braucht´se nich mehr ßu suchen!

4.Morgen kommt der Fernseh-Fritze wegen der verlorengegangenen Farbe in unserem Farbfernseher.

Annchen, im Kühlschrank liegt eine fette Bockwurst Du kannst aber auch einen Teller Graupen essen.

Die reichen dann trotzdem noch für morgen, übermorgen und über-über-übermorgen. Hatte ich gut geplant! Genauer: Die sind beim Kochen immer mehr und noch mehr geworden. … Komisch! Wie auch immer: Guten Appetit!

Gruß und KussSchnutzi-Putzi

Annchen, nicht vergessen:

Wir sind durch Deutschland gefahren …

Zwei leicht abgeänderte Strophen

zum alten Lied von mir

… und du, die Anne, mir zur Seite,

so fuhren wir durchs Land.

Wir fuhren die Läng´ und die Breite

durch Regen und Sonnenbrand.

So sind wir durch Täler gefahren,

durch fremde Wälder, an fremden Seen.

Wir werden noch weiterfahren,

um viel neue Lande zu sehen …

Mindestens die nächsten zehn Jahre noch! Versprochen!

Ehrlich, Malte!

„Anordnungen“ für meine Abwesenheit!

1.Regelmäßig essen!

2.Viel trinken!

3.Abends nicht so lange lesen!

4.Nicht verschlafen!

5.Keine Arbeit mit nach Hause bringen!

5.An Malte denken!

Rückkehr in vier Tagen! Berichterstattung!

Malte

Annchen,

das Gedicht zu deinem morgigen Geburtstag!

Anderes Glückwünschen folgt!

Malte-Schatz-Platz

MINNELIED

Mein Herz voll Weh´n

dein Herz ein Fleh´n

die Liebe möcht´ uns nimmermehr geh´n

bombóm

Mein Herz furcht-klein

dein Herz Lieb-Rain

das meine ging ins deinige ein

bombóm

Dein Herz zerfloss

mein Herz: Traumschloss

das deine ich ins meinige schloss

bombóm

Mein Herz für dich

dein Herz für mich

ein Herze sind wir für ewigelich

bombóm

Siehst du, Anne, das hast du nun davon,

dass du einen alten Nachwuchslyriker als Liebsten hast!

Donnerstag, 18:30 Uhr

Hallo, Anne,

bin wie angekündigt zur Sitzung!

Lass mein Arbeitszimmer so unordentlich,

wie es aussieht! Muss morgen sowieso noch

Kleinigkeiten machen.

Achtung:

Heute Abend im ARD-Fernsehen

sehr guter Film: „Das Piano“.

Nicht vergessen: Freitag Theaterbesuch!

Achtung:

Im Kühlschrank liegt ein Räucherhering.

Hat aber nichts mit dem Theaterbesuch

übermorgen zu tun, wenn du ihn heute isst.

(Mein Karl Marx, bin ich wieder schlau!)

Maltchen

Hier eine Grußkarte für dich mit einem bunten

Blumenbild. Anstelle von echten Blumen,

aber mit viel männerlicher Liebe beschrieben.

Wenn´s denn wirklich echte Blumen sein müssen:

Der große echte Blumenstrauß steht auf dem Balkon!

Staunst´e wa, wie ick dia lieben tue!

Der alte Malte

Eilig, muß los!

Deshalb heute kein Gedicht!

Trotzdem – in Liebe!

Dein Liebster

Liebste Anne,

ich dackele jetzt, 15: oo Uhr, los.

Müllabfuhrtermin habe ich besorgt. Einkaufen war ich.

Die Wäsche ist geplättet. Die Stoffleiste im Blonden Zimmer ist

angebracht. Das Büro von Herrn F. habe ich angerufen und eine

Nachricht hinterlassen. Falls er sich meldet:

Du weißt von nix nix!

Ich bin kommende Woche ab Montag wieder im Land.

Im Kühlschrank liegt einiges zum Essen!

Mach´s gut! Bis dann!

Schade, dass es diesmal nicht

zu einem Liebesgedicht gereicht hat.

Malte

Annchen,

wenn du kommst, dann bin ich wieder mal nicht da: Sitzung in der Kiez-Galerie.

Hatte ich vergessen.

Ich bin der Sitzungen und Versammlungen müde

geworden. Diese Zeitvergeudung!

Meistens jedenfalls!

Wann haben wir denn eigentlich unsere nächste

Zweier-Sitzung?

Hast du schon die Nachtordnung gelesen?

Na, warte mal ab!Maltchen!

Anne, bin gegen 21:30 Uhr vom Volkshochschulkurs zu Hause. Falls ich nicht noch mit der Dozentin einen Drink trinken gehe! Ernster: Morgen müssen wir um 06:00 h Uhr losfahren. Die Trauerfeier in Dresden findet schon um 09:00 Uhr statt.

Bis dann!

Ach, Annchen

Anne-Mausichen!

Ich bin ins Krankenhaus zu Vater!

Habe die Haarschneidemaschine nicht

gefunden, wollte ihm doch die Haare

schneiden.

Kram bitte nicht so sehr in meiner Wäsche!

Ackere nicht so viel herum!

Ruh´ dich aus – kleine Maus.

Malte-Kater

Annchen,

ich bin zum Literaturzirkel.

Hab zwar keine Lust, aber zu manchen Dingen

muss man sich zwingen!

(Kennst du ja!)

Wir sehen uns wieder um: …….?

Diesmal wird´s nicht so spät

bei mir und mit mir!

Sollten sich die genialen Poeten wieder so

verplappern wie beim zurückliegenden Mal –

gehe ich. Punktum!

Einverstanden?

Maltileinichen

Fünf-Minuten-Abschiedsgedicht

für die Liebste

Mein Herz so klein,

mein Herz nun rein,

es floss ganz in das Deinige ein.

Mein Herz jetzt groß,

mein Herz ganz bloß,

es ganz das deinige umschloss.

Dein Herz für mich,

mein Herz für dich,

ein Herz sind wir für ewiglich!

Malte

Schmerzensbuch
Tagebuch Anne

Anne führte während ihrer Krankheit einige Jahre ein Tagebuch. Die Therapeutin hatte das wie üblich empfohlen. Den ersten Eintrag datierte Anne mit dem 21. November 2014. Den letzten Satz trug sie am 1. Februar 2018 ein. Dreieinhalb Jahre schrieb sie also vieles von dem auf, was sie erlebte und was sie bewegte, in schwierigen Zeiten für sie.

Es handelt sich bei ihrem Tagebuch nicht um ein typisches Tagebuch-Buch. Eines mit festem Umschlag, hochweißen Seiten, wertvoller Einbindung, einem zierlichen Verschluss und einem farbigen Band als Orientierungshilfe. Nein, ihre Notizen trug sie in vier Oktavheftchen und zwei kleinen Notizbüchern ein.

„Schreiben Sie doch ein Tagebuch! Das wird Ihnen helfen!“ lautete also der Rat der Psychotherapeutin. Anne war mit einer Verordnung in deren Betreuung aufgenommen worden. Sie hatte zu dieser Zeit zunehmend Schwierigkeiten mit ihrem Gedächtnis bekommen, auch andere psychische Probleme bedrückten sie. Bedrückten sie im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr. Also, wie es in solchen Therapien oft üblich: Her mit dem Tagebuch!

Folgsam begann Anne damit, in den kleinen Büchern einiges von dem festzuhalten, was sie erlebte und fühlte. Mehr oder weniger regelmäßig. Ich bestärkte sie darin, drängte sie aber niemals kontrollierend dazu. Ich bat sie auch nicht, mir daraus vorzulesen. Wahrscheinlich hielt mich eine Tatsache aus unserer Vorgeschichte davor zurück. Anne und ich, wir hatten uns in dem Arbeitsverhältnis „Chef – Chefsekretärin“ kennengelernt. Jahrelang arbeiteten wir äußerst konstruktiv zusammen. Sie beherrschte ihr „Handwerk“. Die gemeinsame „Schreibarbeit“ nahm in unserer Zusammenarbeit naturgemäß einen großen Raum ein. Da ging es oft darum: Wer hat was, wie und warum so formuliert, und wie sollte oder könnte das Formulierte verstanden werden?

Anne wurde für mich zur perfekten, fast unersetzlichen Chefsekretärin. Im Zusammenhang mit ihrer beginnenden Krankheit und ihren so persönlichen Tagebuchbuchnotizen behagte es mir instinktiv nicht, mit ihr wieder in eine Art Chef-Sekretärinnen-Atmosphäre hineinzukommen. Also spielte das Tagebuch in unserem täglichen Zusammenleben nur eine untergeordnete Rolle. Irgendeine Scheu hielt mich auch davor zurück, jemals in ihren kleinen Tagebüchern zu blättern und zu lesen. Auch nicht, nachdem wir uns endgültig voneinander verabschieden mussten.

Wie sich doch manches Detail im Gedächtnis festhakt: Ein halbes Jahr nachdem die Lebensliebste für immer gegangen war, in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 2020, lag ich wieder einmal wach, konnte nicht mehr einschlafen. Wieder einmal schwirrten mir im Denken an sie Nachtgedanken durch den Kopf. Mir fielen ihre Tagebücher ein. Die kleinen Hefte lagen wie eh und je über meiner „Koje“ auf dem schmalen Bord an der Wand. Unberührt nach wie vor, so wie sie Anne aus der Hand gelegt hatte. Mir kam in den Sinn: Nun, da du am Buch über unsere Liebe schreibst, da müsstest du doch eigentlich, da müsstet du doch endlich, da könntest du eigentlich, auch wenn es …

Am folgenden frühen Sonntagmorgen, noch vor dem Frühstück, saß ich in meinem Opa-Korbsessel mit dem strahlend roten Aufleger und blätterte vorsichtig in den kleinen Tagebüchern von Anne, begann diese und jene Notiz zu lesen. Las, wie sie unserem unerwünschten Lebensbegleiter begegnete und wie sie ihn erlebte.

Anne

Tagebuch 2014 – 2018

Zufällig ausgewählte Auszüge*

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21.11.2014

Frau Dr. M. (Gespräch) = Ich habe keine Demenz!

Besser geworden als vor 2 Jahren!

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24.11.2014

Vier große grüne Blechdosen geputzt – Mittag: Senfsoße, je 2 gekochte Eier + Kartoffeln! – Ich lese das

Buch „Der Sommer des Jahrhunderts. 1913.“ von

Florian Klier = sehr spannend + gut geschrieben!

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19.12.2014

Gestern zum Singen; kleine Chorgruppe, etwas ach Frauen und zwei Männer. Diesmal Weihnachtslieder.

Ich hatte meine Noten und Texte vergessen = war blöd!

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22.12.2015

Einkauf! Weihnachten!

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24.12.2015

Weihnachten. Sehr ruhig …

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25.12.2015

Rouladen!

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26.12.2015

Essen beim Griechen! War gut!

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27.12. 2015

Zu Hause

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1.1.2015

Kino „Babylon“. Film war gut, sehr gut!

Film war von Änne …

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08.01.2015

Und wieder mach´ ich meine Hausarbeit (täglich) wie der Blitz; alles muss schnell sein! Mein Herz schlägt wie ein Hammer! Ich merke es aber wieder mal selbst, dass ich wie eine Verrückte die Hausarbeit mache. Warum? So war es eben während der vielen Jahre, als die Kinder noch zu Hause waren. Alles musste schnell gehen, bis ich merkte, dass ich mich so nach und nach übernehme. Heute besonders! Warum nur? Keiner jagt mich! Ich habe es mir immer noch nicht abgewöhnen können. Plötzlich, heute gegen 10:30 Uhr, wummert mein Herz! Ich stehe in der Küche und fühle meinen Puls, der raaast! Also – Pause; aufschreiben und ´runterkommen! Nach diesem Schreiben alles wieder normal. Ich sollte mehr auf mich achten …

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11.01.2015

Wir sind zum Urban-Krankenhaus gelaufen + zurück, damit ich den Weg wieder ins Gedächtnis bekomme.

Am 14.1. muss Malte antreten im Urban zur OP – doppelter Leistenbruch! Ich werd´ ihn dort besuchen; bin nach wie vor besorgt. Gegen 14:30 Uhr fühlte ich mich beim Lesen sehr schlapp. Etwas später merkte ich, dass ich bis dahin vor lauter Arbeit meine Gesundheitsstrümpfe nicht angezogen hatte.

Nun aber flott – und gleich war alles wieder gut!

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24.01.2015

Malte hat Geburtstag! Am Nachmittag kamen Gäste: Dennis, Theresa (hochschwanger) und meine Ieke.

Ieke und ich haben nach dem Kaffeetrinken im Flur auf dem Fußboden gesessen = sie dahinten, ich hier vorne, Beine gegrätscht und uns den festen Gummiball, groß bzw. klein wie ein Tennisball, uns gegenseitig zwischen die gegrätschten Beine gekullert. Wir hatten beide viel Spaß. Am frühen Abend verabschiedete sich die junge Familie, Theresa hochschwanger. Ich bin ja sehr gespannt. Diesmal will Theresa normal (nicht mit Kaiserschnitt) entbinden.

Man bekommt bei einer Normalgeburt Anweisungen, wann und wie geatmet werden muss. Es ist nicht einfach! Im Gegenteil! Aber die Hebamme „wird es schon richten“!

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31.01.2015

Drei Tage nichts eingetragen! Kopp wie Sieb!

ESCITALOPRAM: 5 Tropfen täglich morgens!

Malte achtet sehr darauf. Und für ihn ist es nicht zu

übersehen: Es soll meine Vergesslichkeit „liquidieren“!?

Ich bin wieder mal zur „Strickliesel“ mutiert.

Es lagert noch viel Wolle zum Verstricken.

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07.02.2015

Malte und ich haben heute unseren 29. Hochzeitstag!

Wie ist die Zeit vergangen! Malte und ich, wir machten noch einen kleinen Rundgang. Danach hat er mich zum Essen eingeladen – beim GRIECHEN in Treptow.

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12.02.2015

Blumenstrauß für Frau M. zum Geburtstag!

Einen Tag zu früh gratuliert. Na ja, kein Problem.

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07.03.2015

Nachmittags wieder ins Urban-Krankenhaus gelaufen zu Malte – Leisten-OP! Er stand auf, zog sich an, und wir gingen in die Cafeteria. Morgen wird Malte entlassen – wie schön! Ich werde darauf achten, dass er sich zu Hause nicht körperlich übernimmt. Und hoffentlich hört er mal auf mich! Sonst rumst es im Karton!

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11.04.2015

Friedhof (Maltes Söhne) = Blumen – Zu Mutti auf den Friedhof in den nächsten Tagen!!! – Rund um den Weißensee gelaufen. War schönes Wetter. – Heute Mittag gab es Taubenbeine, schmecken wie Hühnerbeine = gut!

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05.05.2015

Langsam komme ich mit meinem Kalender nicht mehr klar: bei dem, was ich alles notieren muss = Arzttermine: jetzt verschieben wegen Wanderung! Malte bastelt an seinen Wanderschuhen. Hat mal wieder laut geschimpft, weil er was nicht im Kopf hatte = laut geschimpft!

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14.05. 2015

Auf dem Weg zum Bus habe ich mich doch wieder etwas verirrt und musste Leute fragen: „Wie komme ich zum Bus?“ Dann konnte ich mich wieder erinnern.

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01.06. – 10.07.2015

Keine Einträge = Wanderung, „Frankenweg“

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11.07.2015

Wir sind den „Frankenweg“ komplett gelaufen! Ohne negative Zwischenfälle. War sehr schön + prima mit Malte. Viel könnte ich darüber schreiben, muss ich aber nicht. Bestimmt wird Malte wieder ein Büchlein schreiben …

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17.07.2015

Heute wieder ganz durcheinander im Kopf! „Bude“ saubergemacht! Malte sitzt am Schreibtisch und arbeitet. Was mein Gedächtnis anbetrifft, hat sich – glaube ich – nichts verbessert! Ich will nicht mehr zu Frau Dr. M. gehen = Psychologin! Die Gespräche belasten mich tagelang! Außerdem verstehe ich nicht, was mir während der Gespräche helfen soll. Sie stellt Fragen wie alle anderen auch.

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08.08.2015

Heute bin ich sehr durcheinander. Warum? Malte sitzt auf dem Trainingsrad (auf dem Balkon) und trimmt sich. Ich habe die „Bude“ saubergemacht! Jetzt suche ich das Buch „Die geschützten Männer“ von Merle! Weg ist es?

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30.08.2015

Ins Kino. KULTURBRAUEREI. Guter Film. Musische Kinder.

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31.08.2015

Zu Marie nach Wandlitz gefahren. Malte hat dort in der Seniorenresidenz eine Lesung gehabt. Ist gut verlaufen. Marie kenne ich nun schon so lange!

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07.09. – 16.09.2015

Kleine Fußwanderung im Hohen Fläming18. Burgenwanderung. Wunderschönes Wetter. Guter Weg. Hat mir Freude gemacht!

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03.10.2015

15:00 Uhr zu Algisa eingeladen = Busch-Chor-Sängerin. Mir hat´s gefallen. Kaffeetrinken und gemeinsames Singen. Lieder aus der Chorzeit. Einige sind mir namentlich entfallen.

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09.10.2015

Kein guter Tag in meinem Kopf! Bin sehr vertieft in die traurige Nachricht über die Krankheit meines Jugendfreundes F. M. Vergesslichkeit! Das kenne ich doch, hab´ ich auch. Aber nicht so schlimm wie er.

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31.10.2015

Fahrt zu Sepp, meinem Jüngsten. Nach Twistringen bei Bremen. Allein. Malte hat mich zum Zug gebracht = Lichtenberg. Ich hab´ einen Fensterplatz. Die Sonne scheint! Trotzdem hab´ ich Angst allein im Zug …

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02.12.2015

Ich wünsche mir zu Weihnachten Buntstifte und einen Tuschfarbkasten mit Pinsel.

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10.12.2015

Mit unserem Freund Pan in die Neue Nationalgalerie. Er im schweren Rollstuhl. Hin und zurück mit dem Bus. Alles lief gut. War sehr schön. Jetzt gegen 18:00 Uhr wieder zu Hause. Ich lese. Malte ist müde vom anstrengenden Tag, er liegt für ein Stündchen im Bett, das macht er richtig! Ich häkele inzwischen an meiner Handarbeit weiter.

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19.01.2016

Ergo-Therapie. War wieder gut + lustig.

Nächste Mal mit Körbchenbasteln.

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24.01.2016

Malte hat Geburtstag – 80 Jahre. Vormittags kam Charly mit Frau und haben gratuliert; noch einige Anrufe. Sepp hat angerufen! Der Tag war sehr ruhig. Schöne Blumen sind angekommen. Mein „Alterchen“! Wie schnell sind die Jahre vergangen!

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07.02.2016

Hab Sepp zum Geburtstag gratuliert! Er hat sich gefreut und uns zum 30. Hochzeitstag gratuliert. Sonst niemand weiter von den Kindern.

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15.02.2016

Tag normal verlaufen. Malte hat gekocht zu Mittag: Kartoffeln, Fleisch, Gemüse. Hat gut geschmeckt. Danach hat er etwas geschlafen. Nun, nachmittags, trifft er sich mit seinem Dichterfreund Nepomuk19 in der Szenekneipe von Barbara und Alina. Ich lese ein wenig im Englisch-Buch „English for you!“ Ich muss doch außer ERGO20 ein wenig für mich tun, was mir Freude macht.

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25.02.2016

Ich habe vergessen, wann Frau M. Geburtstag hat. Ich glaube auch am 23? Nee, alles schon gewesen.! (Knallt’s in meinem Kopf!) Sie hatte am 13. und wurde 92 Jahre! Donnerwetter! Sie ist im Kopf sehr fit!

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05.03.2016

Gleich stricke ich weiter. Muss ja auch mal fertigwerden! Aber es beruhigt mich sehr. Ich sortiere wieder meine Gedanken im Kopf! Ich hoffe immer noch, endlich von der ERGO befreit zu werden. Die Arbeit mit der Laubsäge ist zwar etwas Neues, aber ich habe trotzdem keine Lust mehr. Und so schlimm ist mein Kopf doch gar nicht krank!

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08.03.2016

Ich war nachmittags zu Frau Dr. H. Es war dort voll, und ich musste lange warten. Erst gegen 19:00 Uhr kam ich zu Hause an. Malte hat sich sehr gesorgt und dachte, mir ist etwas passiert. Es tat mir sehr leid, hab´ nicht daran gedacht, Malte anzurufen!! Er war sehr in Sorge um mich!!

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30.03.2016

Mit der Singegruppe im Altersheim Hoffmannstraße.

Auftritt (weiße Bluse etc.). Das ist gut angekommen.

Einige von den dort betreuten Bewohnern haben leise mitgesungen.

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22.04.2016

Großsaubermachen mit Malte; dabei immer ein bisschen Meckerei von ihm. Jetzt um 11:20 Uhr denke ich endlich an meine Tabletten und nehme sie ein! Ach so, gestern war ich mit Malte bei Frau Dr. M. Sie hat mich getestet, ich war dabei ganz gut. Nun hatte ich gehofft, mal von dem Ganzen in Ruhe gelassen zu werden – aber „Hustekuchen“!

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01.05.2016

Malte und ich sind am späten Nachmittag an die frische Luft gegangen. Im Park war es voll, die Jugend stand am Ufer vom Kanal, es wurde gemeinsam gesungen und laute Musik gespielt! War ein schöner Tag.

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09.05.2016

Sachen zusammensuchen für unsere Wanderung = Am 23.05. geht es wieder los. Zu Fuß über das Rothaargebirge21 und durch den Westerwald22!

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05.06.2016

(Während der Wanderung)

Sonntag = Ruhetag. Wir sind im Lahnhof. Frühstück war gut.

Malte hat unsere Wanderstiefel auf dem Balkon gereinigt; das hat sich gelohnt! Jetzt trudelt er noch eine Leine auf und befestigt sie auf dem Balkon; ein paar Kleinigkeiten müssen gewaschen werden! Die Sonne scheint!

Malte trocknet meine Strümpfe mit dem Föhn.

Das Abendbrot war gut und reichlich = Stullen.

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20.06.2016

07:10 Uhr krächzte der Rabe. Malte steht unter der Dusche.

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau! Ich suche meine Sachen zusammen. Dann dusch ich mich! Dann geht es zum Frühstück. Anschließend wandern wir weiter.

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30.06.2016

Wieder zurück von unserer Wanderung durch das

Rothaargebirge und durch den Westerwald. Sind gegen 15:00 Uhr angekommen. Malte ist schon unterwegs, für Abendbrot zu sorgen. Mona hat sich sehr gut um unsere Pflanzen gekümmert. Bald zieht sie nach Adlershof zu ihren Kindern! Ich werde sie sehr vermissen!

Übrigens: Wir sind über das Rothaargebirge und den Westerwald gelaufen; war teilweise etwas problematisch, aber schön!

Das wird nun unsere letzte Wanderung gewesen sein.

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22.07.2016

Heute hab ich in der Karl-Kunger-Straße einen Unfall miterlebt = eine junge Frau fuhr auf dem Fahrrad auf der rechten Seite. Links stand ein großer LKW, der Fahrer öffnete seine linke Seite und stieß dabei die Radfahrerin um. Zum Glück hat sie sich nichts getan!

Und da sie mitbekommen hat, dass ich den Unfall gesehen habe, bat sie um meinen Namen und sagte mir, dass ich als Zeugin auftreten muss. Ich muss also vor dem Gericht meine Meinung äußern! Na, mal abwarten, wann die Sitzung tagen wird! …

Heute Mittag gab es Nudeleintopf; Malte hat gekocht; hat gut geschmeckt!

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26.07.2016

Heute ERGO, mein Gottchen, werde ich das denn nie los!

Es war doch ganz gut; ich habe meine Sache gut gemacht = mein Körbchen, das ich geflochten habe, ist sehr hübsch geworden! Es steht auf dem großen runden Tisch im Wohnzimmer, das damit schön geschmückt wird.

Frau S. hat mit aufgepasst, dass keine Fehler entstehen.

Trotzdem: Ich muss die ERGO bis zu meinem Lebensende weitermachen! Dabei bekam ich die fünf Wochen Wanderung ohne ERGO bestens aus.

Überhaupt verstehe ich nicht bzw. nie, warum ich bis zu meinem Lebensende zum ERGO gehen muss!?

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07.09.2016

Lange kein Eintrag, ich weiß auch nicht, warum ich das tagelang vergessen hab!? Wetter ist sehr schön! Zu Mittag gab es Königsberger Klopse. Morgen: ERGO!

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15.09.2016

Auftritt Singkreis im „Gerard Philipe“23. Alle hatten eine weiße Bluse und eine schwarze Hose an! Der Saal war voll! Die Gäste wurden angeregt, mitzusingen.

Ganz in meiner Nähe saß ein dicker weißhaariger Mann, der alle Lieder mitsang. Das fand ich Klasse!

Es wurde viel geklatscht und noch Zugaben gesungen.

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05.10.2016

Ich habe meinen Ring mit dem helllila Stein verloren!?

Wahrscheinlich habe ich ihn Theresa geschenkt.

Nee, stimmt nicht, ich hab‘ ihn wieder.

Er passt Theresa nicht. Jetzt trage ich ihn wieder!

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18.10.2016

16:45 Uhr Termin bei Frau M. (Nervenärztin). Ich sagte ihr, dass ich genug von ERGO habe und ich kann nicht mehr wirklich sagen, ob es mir besser geht oder nicht. Danach sagte ich ihr, dass ich deswegen mit ERGO aufhören möchte, und sie sagte: „Na, denn hören Sie auf!“

Damit hatte ich nicht gerechnet! Ich war sehr froh und umarmte sie mit einem Dankeschön!

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05.11.2016

Was muss ich tun, wenn Malte vor mir stirbt?

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09.12.2016

Lange Pause – nichts eingetragen; kann auch nicht zurückdenken. Ich habe viel gemalt! Im Buch „Achtsamkeit erleben“ (ist ein Ausmalbuch). Hab´ aber bis jetzt nur eine Seite sehr gut ausgemalt, morgen und jeden Tag geht es weiter. Ich versuche, sauber auszumalen; denn in meinem Alter zittern manchmal die Hände. Mein Liebster denkt und schreibt am Computer – er ist sehr fleißig.

Jetzt ist es 18:15 Uhr. Um 19:15 Uhr decke ich den Tisch.

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31.12.2016

Heute Nachmittag fahren wir zu einem Konzert.

Das wird uns gefallen!

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03.01.2017

Malte und ich sind in die Stadt gefahren, um mir Wolle zu kaufen. Nun kann ich weiterstricken. Malte sitzt schon am Schreibtisch.

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14.01.2017

Mir tut es sehr weh, gleich unterhalb der Brust, ob ich atme oder nicht atme! Keiner kann mir helfen!

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24.01.2017

Malte hat Geburtstag! Wir fuhren nach Buckow24.

Dort sind wir gewandert durch den Wald. Die Unterkunft ist gut! Übermorgen fahren wir wieder nach Hause.

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30.01.2017

Tagesablauf wie immer! Ich habe alle Koch- und Backbücher in Gedanken in den Müll geworfen. Malte hat mit mir geschimpft.

Jetzt ist 14:00 Uhr, wir essen sehr spät. Pellkartoffeln, Quark, Tomaten + Gurkensalat, Schokoladenspeise! Übrigens hat sich jemand die Koch- und Backbücher aus dem Müllkasten rausgesucht. Ich weiß nicht, was mich geritten hatte?!

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23.02.2017

Mein Geburtstag. Einige Geburtstagspost ist gekommen! Kein Kind war hier, aber alle haben mir am Telefon gratuliert – das hat mir genügt. Malte ist mit mir abends ins griechische Restaurant gelaufen. Dort wurden wir sehr freundlich willkommen geheißen. Da es am Abend war, haben wir ein sehr gutes warmes Essen … und der Kellner hat mir gratuliert.

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03.03.2017

Wir waren bei Gerhard und Renate. Gerhard war freundlich zu seiner Frau = sein Glück, sonst hätte es was gegeben!

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18.03.2017

Heute ist „Rabatz und bunte Bühne“! Malte und ich machten gerade „Rabatz und bunte Bühne“! Es wurde auch Zeit, dass wir uns von einigen Sachen (Kleidung) getrennt haben!!

In den Schränken ist es nun wieder übersichtlicher!!

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18.04.2017

Um 09:00 Uhr Aufnahmegespräch im St. Joseph-Krankenhaus mit leitendem Arzt.

Hoffentlich muss ich nicht zur ERGO!!

(Beginn einer ambulanten einjährigen Behandlungs- und Betreuungstherapie im Krankenhaus. M.K.)

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19.05.2017

Lange kein Eintrag! Die Sonne scheint! Mittag ist gegessen!

Ich mache die Küche sauber, dann stricke ich weiter.

Ich war endlich mal wieder bei Frau. M.

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14.06.2017

10 – 12 Uhr Krankenhaus. Gruppen-ERGO.

Um 15:15 Uhr Gespräch bei Dr. K.

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11.10.2017

Ach, herrje! Ich habe ja lange nichts eingetragen – hab´s vergessen! So was kommt vor! Mein Gehirn – na ja!

Ich werde mir Mühe geben, es nicht wieder zu vergessen.

Übrigens singe ich wieder jeden Dienstag. Es sind zwar nicht viel Sänger, aber trotzdem singen wir dabei, aber trotzdem singen wir alle – leider ohne Klavierspieler! Schade!

Jetzt sitze ich wieder am Strickzeug, es ist meine Lieblingstätigkeit. Wolle ist genug da.

Malte ist dabei sehr großzügig!!

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14.10.2017

Fahren wir ins Maxim-Gorki-Theater! Ich freue mich! …

Spät nach Hause – dunkel! Uns hat die Aufführung sehr gut gefallen! Es passiert ja selten im Jahr!

Gleich als wir zu Hause ankamen,

holte ich mein Strickzeug hervor.

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26.10.2017

Der Dienst in der Tagespflege fällt aus!

Ich finde das prima!!

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30.10.2017

Heute hab‘ ich ERGO! Malte fährt mich wieder hin.

Obwohl ich nicht gerne dorthin fahre! Wenn ich dann aber am Tisch sitze mit den Männern, die uns alle immer zum Lachen bringen, ist es lustig!

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01.11.2017

Heute ist ALLERHEILIGER. Kirchgang ist von mir nicht mehr!

Aber es ist ein Tag ohne Arbeit! Mich betrifft das nicht und auch nicht meinen liebsten Malte. Er sitzt am Computer und arbeitet. Ich lass ihn in Ruhe. Dann kann er besser denken.

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11.11.2017

Ich brauche wieder Wolle! = gelb, weiß, schwarz, rot!

Nachmittags kam Holger, und wir sitzen bis zum Abend und reden – und lachen viel über die lustigen Reden, über dies und das.

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30.11.2017

Im Bad ist Malte der volle Wassereimer umgekippt.

Jetzt wischt er auf dem Boden das Wasser auf!

Er tut mir sehr leid!!

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21.12.2017

Wir haben bei einem Weihnachtslied ein fehlendes Wort gefunden. = „Guten Abend, schön Abend“! Jetzt stricke ich weiter!

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01.02.2018

Aufstehen! – Frühstücken! Ich habe gestrickt.

10:30 Uhr kam N. Wir unterhielten uns mit ihm.

Dann hat er saubergemacht. Ich bin dann mit ihm spazieren gegangen an den Kanal. Danach Mittagessen: Kartoffeln, Weißkäse. Danach kleiner Mittagsschlaf.

Danach Spazierrunde, da die Sonne schien. Dann haben wir Matthias in seiner Buchhandlung besucht. Kleiner Einkauf bei EDEKA. Dann nach Hause gegangen. Tee getrunken.

Malte Zeitung lesen, ich hab gestrickt. Dann Abendbrot.

Malte hat noch eine Stunde gearbeitet. Heute Abend sehen wir uns im Fernsehen den „Bergdoktor“25 an. Ich stricke ein breites Stück für den Flur, dann ist die Wandseite komplett!

Am 23.02. habe ich Geburtstag.

Am 23.02. habe ich Geburtstag.

Das ist der letzte Satz, den meine Liebste in ihr Tagebuch geschrieben hatte. Nie wieder griff sie zum Stift oder Kugelschreiber, um etwas aufzuschreiben. In der uns verbleibenden Zeit hat sie kein Wort mehr geschrieben. Wie viele ihrer Worte mögen da verborgen geblieben sein? Nicht einen einzigen Satz hat sie mehr geschrieben! Wie lebens-gern und noch mehr Tagebuchnotizen hätte ich von lesen wollen! Aufgeschrieben von ihr in einer Schrift, die mir so vertraut geworden war! In einer Schrift, die für mich bis in ihr Alter hinein immer etwas Mädchenhaftes aussandte.

Trotzdem war und ist das Nachlesen ihrer Tagebuchnotizen sehr schmerzhaft für mich. Jede Situation, die sie beschreibt, wird mir gegenwärtig! Wie hat sie doch unter den immer stärker zunehmenden Einschränkungen gelitten!

Fünf Wochen vor ihrem Ableben saßen wir mit ihr zusammen und gratulierten ihr das letzte Mal zum Geburtstag. Ich wusste, dass es so war!

Es war der 23. Februar 2020.

Und es war ihr 80. Geburtstag.

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Nun endlich hatte ich die Tagebuchnotizen meiner Liebsten über ihre wohl schwerste Lebenszeit gelesen. Nur wenige ihrer Aufzeichnungen habe ich ausgewählt und hier in diesen Bericht über unsere letzte gemeinsame Wanderung eingefügt. Was sie über ihr Erlebtes und ihre Gefühle während der Krankheit aufschrieb, wollte ich nicht aus meiner Sicht kommentieren. Ich konnte es wohl auch nicht! Zumal uns beiden nach ihrem letzten Tagebucheintrag noch einige Monate bevorstanden, die überboten, was wir bis dahin erlebt hatten. Uns standen noch Prüfungen, Schmer-zen, Ängste und Belastungen bevor, die die Grenzen des Ertragbaren erreichten … überschritten?

In einem der kleinen Tagebücher von Anne fand ich einen Eintrag von ihr: ohne Datum, auf einer letzten Seite, für sich alleinstehend, ohne einen weiteren Kommentar. Sie hatte dort notiert: „Unser Friedhof ist in Alt-Stralau!“

Unser Friedhof ist in Alt-Stralau …

Letzte Wanderung
Tagebuch Malte
Mittwoch, 1. Januar 2020

Ein neues Jahr – auch für Anne und für mich.

Neues Jahr – neues Glück? Für uns wohl kaum!

Zum Weihnachtsfest hin, während der Feiertage und dann auf den Jahreswechsel zu verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Anne. Psychisch und körperlich. Alles wurde erkennbar kritischer. Meine kleine so lebenstapfere Frau ermüdete immer schneller und wurde zunehmend hilfsbedürftiger. Immer neue Beschwerden quälten sie.

Zugleich wurde sie aggressiver.

Unsere Not wurde größer, war immer schwerer zu tragen.

Ertragen mussten wir sie beide …

Was uns das neue Jahr bringen würde?

Ich ahnte es.

Und ich befürchtete es.

Dienstag, 07. – Sonnabend, 18. Januar 2020

Dienstagabend musste ich Anne ins Vivantes-Krankenhaus Friedrichshain26 bringen. Wieder mit einem der Rettungswagen, die nervenaufreibend ihre Sirene erklingen lassen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Blaulicht zeigt Gefahr und Not für Leib und Seele an!

Wieder einmal in die Notaufnahme! Dies nun schon zum dritten Mal während unseres bisherigen Betreuten Wohnens in den Matthiasgärten27. Erneut stundenlanges und quälen-des Warten. Anne befand sich in den Diagnoseräumen, ich musste im Wartebereich ausharren. Wusste nicht, was vor sich ging. Nach heftigem Drängen erfuhr ich schließlich um 22:30 Uhr, dass man sie „auf Station“ gebracht hätte. Wohin und auf welche Station konnte ich nicht mehr erfragen, da der Aufnahmeschalter der Notaufnahme geschlossen wor-den war. Voller Sorgen machte ich mich auf den Heimweg.

Am folgenden frühen Vormittag suchte ich Anne in dem großen verwinkelten Krankenhauskomplex mit den langen Gängen und den vielen Fahrstühlen. Schließlich fand ich die Station, fand sie in einem Zwei-Bett-Kranken-Zimmer. Sehr einsam, sehr hilflos lag sie in einem der beiden Betten. Schaute sie mich vorwurfsvoll an? Nach mehreren Ver-suchen gelang es mir, die Diagnose zu erfahren: stark ausgeprägte beidseitige Lungenembolie.

Zwölf Tage Krankenhausaufenthalt sollten folgen.

Mein Versuch, mit dem Pflegepersonal zusammenzuarbeiten, begann sofort. Ich traf auf durchweg überarbeitete Pflegerinnen und Pfleger, die bis auf eine Ausnahme alle einen irgendwie gereizten Eindruck machten, wenn man sie ansprach. Ich geriet schon beim ersten Besuch in Kollusion mit einer sehr borstigen Schwester. Wie ich beobachtete, war man auch nicht bereit oder nicht in der Lage, den Besonderheiten demenzkranker Patienten Rechnung zu tragen. Das betraf nicht nur Anne.

Die Belastung für mich erhöhte sich auch dadurch, dass die Stationsärztin eine sehr eigenartige und wenig einfühlsame Art zeigte, mit den Angehörigen der Kranken umzugehen. Zu einem ersten Gespräch mit ihr kam ich erst nach einigen Versuchen. Etwa zehn Minuten standen wir, die Ärztin und ich, auf dem Gang herum und bewegten uns mühsam in einem Frage-Antwort-Spiel hin-und-her. Immer wieder gestört durch den regen Arbeitsbetrieb, der herrschte. Meine Bitte, einen ruhigen Ort mit Sitzmöglichkeiten aufzusuchen, wurde tatsächlich abgelehnt. Es sei dafür zurzeit kein Raum vorhanden. Ich war so ziemlich am Ende meiner nervlichen und körperlichen Kräfte. Bemühte mich aber sehr, nicht „auszurasten“.

Nachfolgend besuchte ich Anne Tag um Tag. Von der Mittagszeit bis zum Abendbrot war ich bei ihr im Krankenzimmer und an ihrem Bett. Meist mit der kleinen Gitarre, um ihr etwas vorzusingen und vorzuspielen. Unsere alten uns so vertrauten Lieder. Anne nahm sie noch auf …

Manchmal nickte ich in den langen Stunden auf dem unbequemen Krankenhaussitzmöbel ein. Die Schwestern gewöhnten sich an meine Anwesenheit. Mehrmals baten mich Patientinnen aus den beiden Nebenzimmern, unsere Zimmertür geöffnet zu lassen. Sie wollten doch auch etwas von unseren Liedern hören. Wo ich konnte, half ich Anne und auch ihrer Zimmernachbarin.

Der schlechte Akutzustand Annes beruhigt sich. Sie kam mit den Tagen wieder in einen besseren Takt, vor allem was die Lungenfunktion anbetraf. Schließlich informierte mich die Stationsärztin, dass Anne entlassen werden könne. Zu einem aufklärenden und gar motivierenden Abschlussgespräch fand sie dann keine Zeit und Gelegenheit mehr.

Anne wurde entlassen. Nach meinem Gefühl in einem sehr desolaten Gesamtzustand. Am Körper sah sie teilweise „geschunden“ aus, blaue große Hämatome an mehreren Stellen. Sie war auch psychisch noch instabiler, was ja kein Wunder war. Mein Anne tat mir vom Herzen leid. Ich bekam ihre Krankenunterlagen zur Übergabe für die Haus-ärztin. Als ich den ARZTBRIEF las und versuchte, ihn zu verstehen, kamen mir die Tränen. Große Hilflosigkeit!

Vivantes

Klinikum im Friedrichshain

xx.xx.2020

Arztbrief

(Auszug)

Frau Anneliese Kerber,

die sich von xx.xx.2020 bis xx.xx.2020

in unserer stationären Behandlung befand.

Diagnose/n:

Akute Lungenembolie bds.

- Segmentebene

-Beginn einer OAK

Ambulant erworbene Pneumonie

-DD infarktbedingt

-TI II mit schwergradiger pulmonaler Hypertonie

Akutes funktionelles, a.e. kardiorenales Nierenversagen

AKIN I

Arterielle Hypertonie

Demenz

Depression

………..

Anamnese eingeschränkt bei Demenz …

………….

(Unterschrift)

Sonntag, 19. Januar

Nach zehn Krankenhaustagen hatte ich Anne wieder bei mir, hatten wir uns wieder beieinander. In unserem kleinen „Appartement“, das mehr einer Studentenbude gleicht als einem Alterssitz.

Anne würde sich nicht mehr grundsätzlich von diesem „Ereignis“ erholen. Das war mir klargeworden. Die Traurigkeit wurde größer. Immer wieder hatte ich den weiten Blick in unsere ungewisse Zukunft vermieden. Doch unsere Zukunft drängte sich immer mehr in unsere Gegenwart.

Notiz

für behandelnde Hausärztin

Frau Dipl.-Med. K. M.

Entlassung aus dem Krankenhaus nicht wie angekündigt am Montag, dem 20.01.20, sondern am Sonnabend, dem 18.01.20.

Einschätzung

Entlassung aus Krankenhaus und Transport gut bewältigt.

Zu Hause neues Krankenbett = günstigere Lagerung, Versorgung, Pflege.

Aktueller Zustand: Nur noch ganz selten trockener

Reizhusten. Die Symptome, die vor dem Krankenhausaufenthalt auftraten, sind nicht mehr zu beobachten: Schweiß, Kurzatmigkeit usw.

Seit der Entlassung fast durchgehend Schlaf, auch am Tag. Ruhiger Nachtschlaf.

Große Mattigkeit. Keinerlei Bewegungsantrieb. Kraft zum Stehen und Bewegen gegen Null. Gehen auch mit Hilfe nicht möglich. Ausschließlich liegende Stellung. Stuhlgang und Urinieren in Toilettenstellung nicht möglich.

Essen in sitzender Stellung am Tisch nicht mehr möglich.

Wenig Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme.

Gesamtverhalten ruhig. Nach wie vor Abwehr von anfordernden Handlungen beim Waschen und bei der Körperhygiene u.a.

Gebe meine Frau nicht mehr in die Tagespflege oder in die Demenz-WG! Trotz anderer Auffassung der Leitung des Hauses.

Mit freundlichem Gruß

M. Kerber

Ehemann

Montag, 20. Januar – Mittwoch, 29. Januar

Gemeinsam mit einem uns freundschaftlich verbundenen Pfleger versuchte ich, Anne zu motivieren, sie wieder etwas „aufzubauen“, sie zu aktivieren. Das gestaltete sich immer schwieriger. Sie zog sich zurück, wurde gleichzeitig verbal und auch körperlich aggressiver. Schimpfworte mir gegenüber hatte ich in den langen Jahren unseres Zusammenseins noch nie von ihr gehört. Jetzt war ich für sie manchmal ein „A………“. Ich konnte ihr nicht böse sein! Das war die von ihr empfundene Hilflosigkeit in ihrer Situation.

Wie schwer können doch normale Dinge des alltäglichen Lebens werden: das Zähneputzen, der Toilettengang, das An-und Auskleiden, das Einnehmen des Essens, Treppen-steigen … All das erforderte von uns beiden zunehmend Kräfte und Geduld. Kraft auch im wortwörtlichen Sinne. Manches bis dahin Normale war nicht mehr möglich.

So geriet ich bei einer abendlichen Körperpflege in sehr große Schwierigkeiten. Ich war mit Anne im Bad. Sie verweigerte konsequent das Zähneputzen. Ich redete ihr mehrmals gut zu. Da ließ sie sich einfach zu Boden fallen. Mit Mühe verhinderte ich einen schweren Sturz. Mir gelang es aber nicht mehr, sie aufzurichten und ins Bett zu bringen. Ich musste Hilfe holen. Zum Glück fand ich sie schnell. Dazu musste ich aber kurzzeitig das Bad und die Wohnung verlassen. Eine risikovolle Situation!

Zwei, drei Pflegerinnen und Pfleger versuchten, uns nach besten Kräften und über das Maß ihrer Aufgaben hinaus zu helfen. Sie gerieten aber durch ihre straffen Arbeitsablaufpläne schnell in Zeitnot. Je intensiver die Pflegeanforderungen werden, desto weniger gehören die damit wachsenden Aufgaben zu den Pflichten des Pflegepersonals im Betreuten Wohnen. So erlebte ich das in meinem und Annes konkreten Fall. Da kann man als Hilfebedürftiger sehr allein sein!

„Betreutes Wohnen ist kein pflegendes Wohnen! Wir sind kein Pflegeheim!“ So wurde mir das einige Male mehr oder weniger direkt bedeutet. Und: „Da müssen Sie eben die Feuerwehr rufen!“ Ob dies notwendig und zweckmäßig sei, das kann der Betroffene oder der ihn pflegende Angehörige meist nicht einschätzen.

Zum Glück für Anne und mich trafen wir bei einigen Pflegekräften auf ein Denken und Handeln, das im Notfall auf ein sofortiges und zweckmäßiges Helfen ausgerichtet war. Da wurde nicht gefragt, ob eine Hilfeleistung im Pflegeplan vorgesehen war und abgerechnet werden könne. Aber die Pflegerinnen und Pfleger stehen unter einem strengem Zeitregime im Minutentakt. Im herzlosem Minutentakt!

Ich versuchte, allem gerecht zu werden! Ausgangspunkt: Hilfe und Erleichterung für meine LebensLiebste. Fing auch an zu managen. Führte zum Beispiel ein Verlaufsprotokoll. Musste doch bei den sich dramatisch verändernden Situationen auskunftsfähig sein! „Nicht den Kopf verlieren!“ schärfte ich mir immer wieder ein. „Überblick behalten! Sachlich und ruhig bleiben!“ Letzteres war bei zugespitzten Umständen wichtig. Aber auch besonders schwierig.

Verlaufsprotokoll

geführt von Malte Kerber (Ehemann)

Auszug: 20. – 29. Januar

20.01.

Abstimmung mit Hausärztin Frau Dipl.-Med. K. M.

über weiteres Vorgehen.

Abstimmung mit Pflegeteamleiter S. dito.

21.01.

Versuch Tagespflege. Unter den gegebenen schlechten Ausgangsbedingungen nimmt sie die dortige Betreuung und Beschäftigung schlecht an. Nach der Tagespflege ist sie sehr erschöpft und müde. Deshalb nachmittags bis abends Schlaf. Ich breche die Tagespflege bis auf weiteres ab.

22.01.

Versuch der Aktivierung und des eigenständigen Handelns: beim Essen, bei der Körperpflege u.a. Teilweise starker Widerstand, manchmal handgreiflich, häufig verbal.

Schimpfworte.

24.01.

Heute mein 84. Geburtstag. Nicht wichtig. Keine Beachtung! Von Annes Kinder kommen keine Gratulationen oder Nachfragen. Ausfahrt im Rollstuhl. Großer Aufwand.

Krafteinsatz für mich grenzwertig.

25.01.

Anne hat Schwierigkeiten beim Essen. Ausspucken fester Nahrung: Brotrinde, Apfelstücke, Wurst usw.

Schluckbeschwerden. Tabletteneinnahme nur noch nach Zerkleinerung der Tabletten und deren „Verflüssigung“.

27.01.

Notwendigkeit der Urinuntersuchung nach Blasenkatheterisierung im Krankenhaus. Abstimmung mit der behandelnden Urologin über weiteres Vorgehen. Frau Dr. H. sehr, sehr freundlich und hilfsbereit.

28.01.

Anne zeigt ausgeprägte Widerständigkeit bei allen Beanspruchungen: Essen, Körperpflege, Bewegung,

An- und Ausziehen. Verstärkung der verbalen Attacken.

Nachmittags: Beginn Physiotherapie. Versuch der körperlichen Aktivierung. Der Physiotherapeut kommt in unsere Wohnung. Erste Übungseinheit. Anne leistet starken Widerstand. Der Therapeut gibt schnell auf. Versuch nicht gelungen.

29.01.

Mit Anne zur Visite bei Hausärztin Frau Dipl.-Med. K. M. Abstimmung über das weitere Vorgehen. Die Hausärztin sehr konzentriert, strahlt Ruhe aus. Anne merkt das.

Donnerstag, 30. Januar – Sonnabend, 22. Februar

Ein Tag wie der andere. Eine Woche wie die andere. Nein! Jeder Tag anders! Jede Woche anderes! Zugleich nahm die Gleichförmigkeit zu. Eine gewisse Routine stellte sich ein. Doch die Schwierigkeiten wurden sprunghaft größer.

Immer wieder neue Überraschungen! Meine Müdigkeit nahm zu! Erschöpfung! Bei uns beiden, bei Anne und auch bei mir. Hilfe von „draußen“ kam kaum. Annes Kinder? Sie kümmerten sich nach wie vor nicht. Nur seltene Kurzbesuche. Sporadisch und nicht abgestimmt. So dass sie keine Hilfe waren. Eher zu zusätzlichen Belastungen führten.

Ich versuchte immer wieder, mit Anne an die frische Luft zu kommen. Die Rollstuhlspaziergänge im februargrauen Park Friedrichshain brachten keine Positivschübe. Bei uns beiden nicht. Die Rückkehr in die Matthiasgärten über die lärmerfüllte und autodurchtoste Landsberger Allee für uns beide deprimierend.

In der Wohnung ruhte Anne nur noch im Krankenbett. In ihrem bequemen Sessel wollte sie nicht mehr Platz nehmen. Die einzige Abwechslung für sie: Ich spielte immer wieder CD-gespeicherte Volksmusik ab. Wir verfügen über eine stattliche Anzahl dieser Folkmusik-Scheiben und auch gute Wiedergabegeräte. Ich hatte noch einen zusätzlichen Player gekauft und im Schlafzimmer angeschlossen.

Was mich anbetraf: Ich kam nicht mehr zum Fernsehen, noch nicht einmal mit den abendlichen Nachrichten-sendungen klappte es. Auch das Lesen (Zeitungen, Bücher) musste ich einstellen. Nicht nur aus Zeitgründen. Meine Sehkraft nahm zusehends ab. Der Aufwand für die Körperpflege von Anne, für die Wäsche, für die Hygieneabsicherung, die Tablettierung und die Tabletteneinnahme sowie anderes Unumgängliches wurde immer größer.

Der Tag begann für mich um 05:00 Uhr. Um 21:00 Uhr nahm ich in meinem Bett zu Füßen Annes die ersehnte Schlaflage ein. Hoffte immer auf einen ruhigen ungestörten Schlaf. Vergebens! Im Verlaufe der Nacht lauerten fünf oder sechs Unterbrechungen. Anne musste zum Beispiel regelmäßig umgelagert werden, damit es durch das lange Liegen nicht zu Hautschädigungen kommen würde.

Sonntag, 23. Februar

Anne hatte Geburtstag. 80 Jahre wurde sie alt. Fast nicht zu begreifen für mich! Mein kleines Annchen! Mein kleines Annchen! Vor vier Jahren waren wir noch über das Rothaargebirge und den Westerwald gewandert!

Es konnte aus diesem schönen Anlass keine große Geburtstagsfeier stattfinden. Anne und ich, wir wären damit überfordert gewesen. Enkelin Theresa, ihre Familie sowie ich, wir bemühten uns um ein kleines liebevolles Feiern.

THERESA also: Am Anfang des dritten Lebensjahrzehnts. Eine lebensgeprüfte junge Frau. Zwei Kinder. Mädchen:

Ieke-Hedda: zehn Jahre alt,
Irma: letztes Kindergartenjahr.

Eine zukunftsträchtige Ehegemeinschaft mit dem Partner Dennis war über Jahre gewachsen. Beruf: Tischlergesellin. Tätigkeiten: vorwiegend im sozialen Bereich, noch auf der Suche nach einer langfristigen Lösung.

Theresa hatte im Leben von Anne und mir immer eine besondere Rolle gespielt. Wir spielten in ihrem Leben ebenfalls immer eine besondere Rolle. Wir drei spielten in unseren Lebens-Stücken unsere Rollen auf Höhen und in Tiefen. Aber die Liebe zueinander und die auch die Hilfe füreinander ist uns nie verlorengegangen. So wären wir, Anne und ich, in den zurückliegenden Jahren ohne Theresas Hilfe kaum oder noch schwerer durch die Prüfungen gekommen, die uns diese (verdammte!) Krankheit in den Lebensweg stellte. Es war oft berührend, wie selbstverständlich und liebevoll auch ihr Dennis und die beiden Mädchen sich auf die Oma einstellten. So auch bei dieser Geburtstagsprüfung.

Die junge Familie bereitete sich sehr liebevoll auf die Gratulation für ihre kleine Oma vor. Theresa buk mit den Mädchen einen richtigen schönen und vor allen Dingen einen großen Butterstreusel-Kuchen auf dem viereckigen Kuchenblech. Ein Geburtstagslied wurde einstudiert. Nicht das ein wenig langweilige „Happy birthday to you“, sondern ein besonders schönes Lied mit mehreren Strophen. Auch der nicht sehr stimmfreudige große Papa Dennis musste sich mit der Melodie und dem Text auseinandersetzen. Und Ieke-Hedda, die Zehnjährige, dichtete ein Gedicht speziell für die Oma und zu ihrem 80. Geburtstag.

Drei der Kinder von Anne erschienen am späten Vormittag zum Geburtstagsbesuch. „Auf eine Tasse Kaffee und einige Selfies“, wie sie sich angekündigt hatten. Sie saßen bei ihrer Mutter und versuchten sich an einer Unterhaltung mit ihr. Dann betraten die Heinzelmänner mit ihrem großen Kuchen und mit Blumen die Szene, stimmten das Geburtstagslied an. Ieke sagte fein und artig ihr Gedicht auf.

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass Ieke ein Talent ist. Sie hat ein poetisches Gespür! Da schlummert etwas und lässt sich schon manchmal blicken. In ihrem kleinen Oma-Gedicht kann man es erkennen. Und sie hat auch Freude daran, etwas vorzuführen. Hoffentlich kann ich es noch lange miterleben!

Auf diese liebe Art hatten sich die Heinzelmänner auf den Geburtstag vorbereitet. Ich versuchte am Morgen und frühen Vormittag, Anne auf ihren Ehrentag einzustimmen. Sie war wohl auch ein wenig frohgestimmt und gespannt.

Gedicht für Oma

Oma ist ´ne Oma, die man nicht,

nicht lieben kann!

Sie will einem durchkuscheln

und am liebsten die Haare noch verwuscheln,

denn sie ist nicht wie andere Omas.

Oma, das versichere ich dir,

ist anders als die anderen.

Sie ist nett, verkuschelt und liebt es zu singen,

wenn du das hörst,

dann werden dir die Ohren klingen.

Heute hat sie ihren

80. Geburtstag

und ich wünsche ihr alles Gute!

Ieke-Hedda

Die Heinzelmänner umarmten und drückten ihre liebe Oma.

Die Großen von Anne beobachteten das kleine Treiben – angenehm oder nicht angenehm berührt? Sie verabschiedeten sich bald, überstürzt wie mir schien. Für die beiden kleinen Mädchen gab es kein freundliches Wort. Für deren Eltern nur ein Kopfnicken.

Zur Freude von Anne hatte es ihr Jüngster Steffen geschafft, sich von seinem Dorf bei Bremen mit dem Auto nach Berlin durchzuschlagen.

Nachmittags waren Anne und ich wieder allein. Sie schlief bis in den Abend hinein …

24. Februar – 29. Februar

Während der folgenden Tage verschlechterte sich der Zustand meiner Liebsten weiter. Der Aufenthalt in der Tagespflege brachte keine positiven Ergebnisse mehr. Eine junge Pflegerin dort bemühte sich besonders liebevoll um Anne. Auch die „Jungs“ von der Tagespflege. Einer von ihnen spielte Anne regelmäßig einen Tanzbären vor, so dass sie lachen musste. Wenn ich es beobachtete, war mir immer zum Weinen zumute.

Sonntag, 01.März

Vorbereitung auf den komplizierten morgigen Tag. Für mich war schon lange eine ambulante Augenoperation geplant worden: Linsenauswechslung. Grüne Stare hatten sich auf meine beiden Augen gesetzt. Das kann mit der Zeit zu ernsthaften Einschränkungen des Sehvermögens führen, wie mir von meiner Augenärztin bedeutet worden war. Sogar Blindheit drohe, las ich im Schlaumeier Wikipedia. Und weiter: Durch den medizinischen Fortschritt könne man heute sehr erfolgreich gegen diese Gefahr vorgehen, sie sogar bannen. Linsenauswechslung das Zauberwort. Weiter war zu lesen: Dauer der Operation etwas zwanzig Minuten, Heilungsdauer drei bis sieben Tage. Komplikationsrisiken insgesamt sehr gering.

Bekannte und Freunde, die über diesbezügliche praktische Erfahrungen verfügten, versicherten mir darüber hinaus, dass alles nur ein Spaziergang sei. Positive Ergebnisse garantiert! Folglich hatte ich der OP zugestimmt und mich durch Aufklärungsgespräche und Voruntersuchungen darauf vorbereitet.

Die Operation des linken Auges sei nun angesagt, teilte mir meine Augenhelferin Frau Dipl.-Med. S. mit. Der Termin stände fest, und die Augenklinik sei bereit für den Eingriff. Die Sache musste also angegangen werden, obwohl mir das alles und das Drumherum im Zusammenhang mit meinen Betreuungsaufgaben für Anne gar nicht passte.

Mit Hilfe der guten Freundin Gisela W., einer Mitbewohnerin im Betreuten Wohnhaus Matthiasgärten, konnte für die Stunden meiner Abwesenheit die Betreuung und Versorgung von Anne abgesichert werden. Enkelin Theresa würde mich mit ihrem Auto in die Klinik und wieder zurück in die Landsberger Allee fahren.

Montag, 02. März

„Herr Kerber, Herr Kerber, wachen Sie auf! Die OP ist schon vorbei!“ Eine Schwester rüttelte sanft, aber eindeutig auffordernd an meiner Schulter. Sie half mir beim Aufstehen von der Liege und brachte mich zum Augenärztin, die mich operiert hatte. Diese teilte mir zu meiner Überraschung mit: „Herr Kerber, Sie sind jetzt ein Risikopatient!“ Ich erfuhr weiter, dass die OP misslungen sei. Dieses Wort verwendete die Operateurin allerdings nicht. Sie beschrieb das negative Ergebnis ihres Tuns, ich verstand nicht viel von ihren Worten. Wegen fehlender Sachkenntnis und weil ich von der Narkose noch etwas vernebelt war.

Trotzdem erfasste ich den Ernst der Situation, da ich auf dem linken operierten Auge nichts mehr sah. Absolute Funk- bzw. Sehstille herrschte dort! Einen bedauernden oder mitfühlenden Ton hörte ich bei den Ausführungen der Kollegin von der Augenreparatur nicht heraus.

Weiter erfuhr ich, dass man mit einiger Mühe für mich in einer renommierten Augenklinik einen Sofortplatz besorgt hätte. Allerdings könne ich erst am folgenden Tag dort einziehen, da die Aufnahmekapazitäten für heute erschöpft seien. Ich solle also in Begleitung nach Hause fahren und mich am folgenden Tag sofort und ohne Umwege in die genannte Klinik begeben. Eine weitere Operation mit anschließendem Krankenhausaufenthalt sei einzuplanen.

Ich versuchte, keine Panik aufkommen zu lassen. Theresa brachte mich zurück in die Matthiasgärten. Den Rest des Tages konnte ich nicht, wie mir angeraten worden war, in Ruhe verbringen. Wir mussten die Betreuung von Anne für meiner Abwesenheit organisieren. Theresa, der leitende Pfleger S. und die Freundin Gisela W. halfen, einen Notfallplan aufzustellen.

Gut war, dass sich Steffen, der jüngste Sohn Annes aus erster Ehe, bereit und in der Lage sah, sofort aus dem Hohen Norden Deutschlands herbeizueilen, um bei seiner Mutter zu sein. Diese freute sich sehr, ihren Jüngsten bei sich zu haben.

Dienstag, 02. März – Sontag, 08. März

Urplötzlich war ich Notfallpatient geworden und musste die nächsten acht Tage in einer Augenklinik verbringen. Dort am Anfang eine zweite Große Operation. Das Ergebnis: Nach einer Woche setzte der Heilungsprozess ein. Allerdings sehr zögerlich. Unmittelbar nach der Großen OP sah ich mit dem linken Auge nur schwarz, dann dunkelrot. Nach einigen Tagen erkannte ich wenigstens, dass mir der Oberarzt mit seiner Hand vor dem Gesicht herumwedelte. Aber mein linkes operiertes Auge tat mir fast keine Seh-Dienste mehr. Da das rechte Auge ebenfalls zunehmend altersschwach geworden war …

Die Folgen: starke Einschränkungen des Sehens, Handlungsunsicherheiten, Orientierungsprobleme. Dem Lesen war ich also durch die Operationen nicht nähergekommen. Genauer: Ich konnte nicht mehr lesen! Ich konnte nicht mehr lesen!

Die Betreuung von Anne während meines Krankenhausaufenthaltes hatten Enkelin Theresa und vor allem Sohn Steffen übernommen. Dieser hatte sich in unserem süßen Apartment einquartiert. War also Tag und Nacht direkt bei seiner Mutter. Er umsorgte sie mit Liebe und Sachkenntnis. Es zahlte sich aus, dass er über umfangreiche berufliche Erfahrungen im pflegerischen und versorgenden Bereich verfügt. Seine Mutter genoss es sichtbar, ihren Jüngsten bei sich zu haben. Auch die älteren Damen des Hauses waren von dem jungen etwa fünfzigjährigen Mann begeistert, wie sie mir im Nachhinein erzählten. Ich war Steffen sehr dankbar, was ich mehrfach eindringlich zum Ausdruck brachte. Nun also konnte ich nach zehn Tagen aus der Augenklinik entlassen werden. An einem Sonntag! Ach ja, einen Arztbrief bekam ich auch mit.

St. Georgen-Krankenhaus

Augenheilkunde

xx.xx.2020

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626,73 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
Объем:
225 стр. 9 иллюстраций
ISBN:
9783969405369
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