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Und Frösche können fliegen
Maja Christ
Roman
Zu diesem Buch
»Über den Wolken bin ich frei, denn da scheint immer die Sonne.«
Als Fluglehrerin an der väterlichen Flugschule in der Fränkischen Schweiz kann Hanne fliegen, wann immer sie möchte. Doch nicht allen Sorgen am Boden kann man davonfliegen: Die Flugschule schreibt rote Zahlen und dann zerbricht auch noch Hannes Beziehung.
Hanne wäre nicht Hanne, wenn sie sich davon unterkriegen lassen würde. Erst einmal muss sie sich um die Flugschule kümmern. Ein Traumprinz wird sich dann schon finden. Hauptsache, er liebt die Fliegerei so wie sie. Oder lieber doch nicht?
Ein Roman über die Liebe zum Fliegen, das Glück und das Leben drumherum.
Hinweis
Die Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind zufällig und nicht beabsichtigt. Auch den Flugplatz Erlangen und die »Flugschule Fränkische Schweiz« von Hanne und Rudi Frantz gibt es nicht in Wirklichkeit. Doch es gibt innerhalb und außerhalb der fränkischen Schweiz viele andere Flugplätze mit netten Fluglehrern und Piloten, bei denen man mal einen Rundflug machen kann (oder einen Pilotenschein). Verwendete Fachbegriffe aus der Fliegersprache sind in einem Glossar am Ende des Buches erläutert – direkt nach den Rezepten aus dem Buch.
Für meine Familie …
Wenn du das Fliegen einmal erlebt hast, wirst du für immer auf Erden wandeln, mit deinen Augen himmelwärts gerichtet.
Denn dort bist du gewesen und dort wird es dich immer wieder hinziehen.
Leonardo da Vinci (1452–1519)
1
Der Wind pfiff unbarmherzig durch die Ritzen des Hangars und rüttelte an den Toren. Meine Finger waren bereits taub vor Kälte und konnten kaum noch die Schraube halten, die ich gerade festzuziehen versuchte.
»Mach schon, du dummes Ding«, flüsterte ich mit zitternder Stimme. Doch statt sich festziehen zu lassen, kullerte die Schraube irgendwo unter das Flugzeug, an dessen Fahrwerk ich hier gerade herumwerkelte. Der Schrotthaufen, wie mein Freund Sven es nannte. Das war nicht besonders freundlich, auch wenn der jetzige Zustand die Bezeichnung Flugzeug vielleicht tatsächlich infrage stellte. Aber der Doppeldecker aus den 1930er Jahren war einmal ein Flugzeug gewesen und sollte auch wieder eines werden. Mein Focke-Wulf FW 44 »Stieglitz« war ein echter Glücksgriff für mich gewesen, denn es gab nicht mehr viele seiner Art und flugfertig waren noch viel weniger. Er war in keinem guten Zustand gewesen, als ich ihn vor ein paar Jahren ergattert hatte und in fast jeder freien Minute restaurierte ich ihn nun liebevoll oder organisierte Ersatzteile in Deutschland oder England oder sonst irgendwo. Im letzten Jahr hatte ich mit der Unterstützung eines befreundeten Bauprüfers und mit Bekannten bereits den gesamten Stahlrohrrumpf überprüfen lassen und restauriert. Jetzt war das Fahrwerk dran, dann die Steuerung. Bis mein »Vogel« wieder fliegen würde, lag noch ein Haufen Arbeit vor mir. Immerhin hatte ich bereits einen funktionstüchtigen Motor: Das Herzstück meines Flugzeugs – ein 7-Zylinder-Sternmotor – stand, bedeckt mit einer Plane, auf einem Bock an der Seite.
Wenn Sven etwas regelmäßiger helfen würde, könnte es viel schneller gehen. Aber mein Freund hatte kein Interesse daran, nachdem er mitbekommen hatte, wie viel Arbeit das bedeutete. Und wie kalt es in diesem Hangar im Winter wurde. Was mein kleiner Petroleum-Ofen an Wärme spendete, war kaum der Rede wert. Vielleicht hätte ich mir eine Art Zelt bauen sollen, damit die Wärme sich nicht so schnell in der Halle verflüchtigte. Langsam fragte ich mich, was ich bei den Minusgraden überhaupt hier tat. Jeder vernünftige Mensch würde an einem Samstag im Februar auf dem Sofa sitzen, vielleicht Kakao trinken und ein gutes Buch lesen oder mit dem Partner kuscheln. Nur Verrückte lagen auf einem kleinen Stück Pappe auf kaltem Betonfußboden in der hintersten Ecke eines Hangars. Na ja, und Piloten vielleicht. Als Pilot war man ja auch immer ein wenig verrückt – zumindest verrückt nach Fliegen und Abenteuer …
Ich seufzte. Tatsächlich hatte ich mir für heute auch eine andere Freizeitbeschäftigung gewünscht. Doch Sven hatte es vorgezogen, den Vormittag im Fitness-Center zu verbringen. Da war ich kurzerhand zum Erlanger Flugplatz aufgebrochen. Bald würde ich kapitulieren. Aber das hier schaffte ich noch. Ich drehte mich, um die Schraube zu suchen. Dabei fiel mir auch noch der Schraubendreher aus der Hand. Kein Wunder, meine Finger waren wirklich schon steifgefroren. Ich angelte mir eine neue Schraube und hielt Ausschau nach dem Schraubendreher.
Ein Knall ließ mich zusammenzucken. Eiskalte Luft kroch über den Boden – als ob mir nicht schon kalt genug gewesen wäre. Jemand musste die Seitentür des Hangars geöffnet und nicht festgehalten haben. Wer kam denn außer mir bei diesem Wetter zum Flugplatz? Jemand fluchte, dann war die Tür wieder zu.
»Hanne?« Das war Svens Stimme. Ich versuchte, mich aufzurichten und ein dumpfer Schlag traf meine Stirn. Ich hatte mir den Kopf gestoßen. Aua, das tat weh. Stöhnend ließ ich mich zurück auf den Boden sinken.
»Hanne! Bist du hier?« Diesmal war der Ton schon leicht gereizt.
»Hallo, Schatz! Ich bin hier hinten!«, rief ich und tastete nach meiner Stirn. Das würde eine hübsche kleine Beule geben.
Sven bahnte sich leise fluchend seinen Weg durch den Hangar. Außer meinem Flugzeug standen in der Halle noch zwei weitere Flugzeuge, die auf Reparaturen warteten und von der Decke hing zwischen den Neonlampen der kaputte Rumpf eines alten Segelflugzeugs.
»Hey, mein Schatz! Schön, dass du da bist«, rief ich.
»Hallo, Hanne.« Sven beugte sich zu mir herunter und gab mir einen flüchtigen Kuss. Als er sich aufrichtete, musste ich lachen.
»Was?«, wollte Sven wissen.
»Du hast da einen Ölfleck auf der Nase!«, gluckste ich.
»Na, von wem habe ich den wohl?«, presste Sven mürrisch hervor. »Du bist ja schließlich voll Schmiere im Gesicht.«
»Hey, macht doch nichts. Hinten auf dem Werkzeugwagen sind saubere Tücher. Warum so mürrisch?«, fragte ich.
»Na, vielleicht, weil ich mir Schöneres vorstellen kann, als mein Wochenende hier in dieser Eiseskälte zu verbringen. Ich wollte dich abholen, damit du hier nicht wieder ewig versumpfst. Ich habe schon mehrmals versucht, dich anzurufen. Aber du gehst ja nicht an dein Handy«, schimpfte Sven.
»Oh, entschuldige, meine Tasche liegt im Büro«, antwortete ich. An mein Handy hatte ich gar nicht gedacht. »Ich muss hier nur noch etwas festdrehen, dann kann ich gerne Schluss machen. Wenn du ein bisschen hilfst, geht es sicher schneller. Magst du mir mal den Schraubendreher geben? Der muss da irgendwo zu deinen Füßen liegen.«
Sven ging zum Werkzeugwagen, wickelte ein paar Tücher ab, rubbelte sich die Schmiere aus dem Gesicht und sah sich um. »Da sind bloß Splinte, Kabelbinder und Schraubenschlüssel. Aber keine Schraubendreher.«
»Auf dem Boden, Sven. Da vorne, unter dem Werkzeugwagen.«
»Du und deine Ordnung«, brummte Sven.
»Der ist mir gerade weggerollt«, setzte ich zu meiner Verteidigung an.
»Ah, ja.« Sven bückte sich, hob das Werkzeug auf und reichte es mir.
»Danke!«
»Hanne, du hast Eisfinger! Du holst dir hier echt noch den Tod.«
Ich verkniff mir einen Kommentar. Sven war manchmal ziemlich mürrisch. Außerdem hatte er einen kleinen Ordnungsfimmel. Er war wie ich fast 30 und Sportpilot, aber im Gegensatz zu mir mochte er lieber modernere Maschinen. Nicht solche Oldtimer. Dabei war das Fliegen mit einem solchen Schätzchen viel echter als mit einem hochmodernen Flugzeug. Das war jedenfalls meine Meinung.
»Dein Vater hat vorhin angerufen«, unterbrach Sven meine Gedanken.
»Rudi?«
»Hast du noch einen anderen?«
Ich lachte. »Nicht, dass ich wüsste. Was wollte er denn?«
»Er hat irgendein Problem mit den Abrechnungen. Anscheinend ist ihm das System wieder abgestürzt«, entgegnete Sven schulterzuckend.
»Oh.« Ich hatte meinem Vater versprochen, ihm bei den Abrechnungen unserer Flugschule zu helfen, aber er hatte wohl nicht warten können.
»Ich habe ihm gesagt, dass du ihn später zurückrufst.«
»Okay«, sagte ich und widmete mich wieder meinen Schrauben.
»Puh, ich bin komplett durchgefroren«, bemerkte ich, als wir in unserer Wohnung in der Erlanger Innenstadt ankamen. Ich zitterte am ganzen Körper und meine Zehen fühlten sich taub an.
Sven brummelte etwas von »Ja, kein Wunder, aber wer nicht hören will …« und »Selbst schuld!«, doch ich ignorierte seine Anschuldigungen. Die war ich schon gewöhnt. Er würde sich gleich wieder beruhigen. »Ich nehme erst einmal eine heiße Dusche«, sagte ich, entledigte mich meiner Arbeitskleidung und sah ihm tief in die Augen. »Kommst du mit?«, fragte ich hoffnungsvoll.
Sven schüttelte den Kopf. »Ich habe schon im Fitness-Center geduscht. Und jetzt habe ich Hunger.« Hunger. Das könnte seine schlechte Laune auch erklären. »Ich schnipple schon mal das Gemüse fürs Essen«, sagte er und drehte sich Richtung Küche.
Die heiße Dusche war fantastisch. »Jetzt ist mir wieder wärmer!«, rief ich fröhlich. In mein Handtuch eingewickelt hüpfte ich pfeifend aus dem vernebelten Bad. Sven stand mit meiner Kleidung in der Hand auf dem Flur und funkelte mich böse an. Er mochte es gar nicht, wenn ich Kleidung oder irgendetwas anderes auf dem Flur verteilte. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen sah ich ihn an. Seine Muskeln zeichneten sich durch das enge Shirt ab. Er war in der letzten Zeit oft im Fitness-Studio und das sah man deutlich. Ein wohliger Schauer lief mir den Rücken hinunter. Ich wusste, wie ich ihn wieder besänftigen konnte …
»Ich weiß da was, da wird uns noch wärmer«, sagte ich verführerisch und wollte ihn küssen. Nach dem Vormittag in der Kälte war heißer Sex doch genau das richtige. Sven sträubte sich und drückte mich sanft von sich weg. »Hanne, nimm es mir nicht übel, aber ich bin total fertig vom Gewichte-Stemmen.«
Ich nickte enttäuscht. »Ja, das verstehe ich natürlich. Ich ziehe mir schnell etwas an und dann helfe ich dir mit dem Essen …«
»Was hast du eigentlich mit deinem Kopf gemacht?«, fragte Sven, als wir am Küchentisch saßen.
Unweigerlich strich ich mir mit den Fingern über die Stirn. Die Beule war nicht besonders groß, hob sich aber deutlich ab. »Ich habe mich an meinem Flugzeug gestoßen«, gab ich zu. »Vorhin.«
»Sieht hübsch aus. Tut es arg weh?«, fragte er.
»Nein, nicht mehr.«
Sven stand auf und servierte sich noch etwas von der Gemüsepfanne, die auf dem Herd stand. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, sagte er: »Ich gehe mit Joe gleich noch nach Nürnberg ins Kino. Du kannst ja nicht, richtig?«
Ich schüttelte den Kopf und nahm seine Hand. »Ja, leider. Ich muss noch ins Café.« Eigentlich jobbte ich dort selten am Wochenende, sondern vor allem unter der Woche. Doch Meli war krank und keiner der Studenten, die normalerweise am Wochenende aushalfen, hatte Zeit. Meli und ihr Ehemann Sami waren nicht nur die Besitzer des Cafés, sondern auch meine Freunde und da konnte ich sie doch nicht hängenlassen.
Sven zog seine Hand weg und nickte. »Es wäre schön gewesen, wenn du dann zumindest heute Vormittag hiergeblieben wärst, anstatt auf dem Flugplatz abzuhängen.«
Auf so einen Vorwurf hatte ich schon gewartet. Ich hätte kontern können, dass er schließlich zuerst was vorgehabt hatte und ich nur zum Flugplatz gefahren war, um nicht alleine in der Wohnung abzuhängen, aber ich hatte keine Lust auf Streit. Also sagte ich: »Es ist ja nur eine Ausnahme mit dem Café heute. Morgen haben wir den ganzen Tag Zeit für uns.«
Sven zuckte mit den Schultern, zog sein Handy aus der Tasche und rief seinen Kumpel an, um die Uhrzeit festzumachen.
Ich sah ihm hinterher, als er aus der Küche ging. Vielleicht ging es seiner Laune morgen wieder besser. Natürlich hätte ich heute Vormittag auf die Werkelei verzichten können, aber ihm war sein Body-Shaping schließlich auch wichtiger gewesen, als etwas mit mir zu unternehmen …
Nachdem Sven gegangen war, rief ich meinen Vater an. Es dauerte nicht lange, bis er den Hörer abnahm.
»Hey, Papa. Alles klar bei dir?«
»Hallo, meine Prinzessin. Schön, dass du dich noch meldest. Hast du an einem Samstagnachmittag nichts Besseres zu tun, als mit deinem alten Vater zu telefonieren?«
»Ach, Papa«, sagte ich. »Übertreib mal nicht. Das geht schon in Ordnung. Sven ist zu Joe gegangen. Sie wollen nachher noch nach Nürnberg ins Kino. Und ich muss gleich ins Café. Meli ist krank und hat gefragt, ob ich einspringen kann. Da kann ich doch nicht Nein sagen.«
»Du kannst nie Nein sagen, Hanne. Hoffentlich wird dir das alles nicht zu viel. Und dann habe ich auch noch ständig Fragen und Probleme und brauche deine Hilfe.«
Ich konnte meinen Vater zwar nicht sehen, aber ich konnte es mir bildlich vorstellen, wie er am anderen Ende der Leitung langsam nickte und sich mit der Hand durch den Bart strich. Das machte er immer, wenn er nachdenklich war. Er merkte das nicht einmal mehr.
»Ach, Papa, alles gut. Mach dir keine Gedanken. Wobei brauchst du denn meine Unterstützung?«
»Ich wollte die Abrechnungen für die Kunden schreiben und dann ist das Programm wieder abgestürzt. Jetzt ist alles durcheinander und ich weiß nicht, wie ich es wieder in die richtige Reihenfolge kriege, ohne alles neu eintippen zu müssen«, brummte er.
»Papa, ich kann das doch machen«, sagte ich.
»Du sollst aber doch nicht immer alles für mich machen, Kind.«
»Ach, Papa«, sagte ich. »Soll ich auf dem Weg zum Café einfach kurz bei dir vorbeischauen? Vielleicht kann ich noch etwas retten. Und dann mache ich dir die Rechnungen morgen fertig. In Ordnung?«
***
Es war dunkel und kalt und musste mitten in der Nacht sein, als ich wach wurde. Mit der Hand tastete ich das Bett ab, doch der Platz neben mir war leer. Durch den Türspalt schien Licht ins Schlafzimmer und aus der Küche waren Geräusche zu hören. Ich angelte mir den Wecker und versuchte, die Uhrzeit zu entziffern. Drei Uhr …
Am Nachmittag hatte ich meinem Vater mit dem Computer geholfen. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Dabei machte es mir wirklich nichts aus, ihm zu helfen. Die restlichen Rechnungen hatte er mir dann mitgegeben. Im Café war kaum etwas los gewesen. Bei dem kalten Regenwetter hatte wohl niemand aus dem Haus gehen wollen. Oder die Leute waren ebenfalls ins Kino gegangen. Sven hatte irgendwann eine Nachricht geschickt, dass es spät werden würde und ich nicht auf ihn warten sollte. Wahrscheinlich war er gerade erst angekommen. Ich stand auf und tapste Richtung Küche. Er stand am Spülbecken und trank ein Glas Wasser.
»Hey, mein Schatz.«
Sven zuckte zusammen und drehte sich erschrocken um. »Hilfe, schleich’ dich doch nicht so an! Wieso bist du überhaupt noch wach?«
»Jedenfalls nicht, um dich zu erschrecken«, verteidigte ich mich und murmelte: »Ich freue mich auch, dich zu sehen.«
»Entschuldige, aber du hast mich gerade zu Tode erschreckt! Natürlich freue ich mich, dich zu sehen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass du dich mitten in der Nacht in die Küche schleichst.«
Ich küsste Sven. Er roch nach Alkohol. Morgen würde er wahrscheinlich einen ordentlichen Kater haben. Ich setzte mich auf den Küchentisch.
»Magst du auch einen Schluck Wasser trinken?«, fragte Sven.
Ich nickte. Während Sven mir ein Glas Wasser aus dem Hahn ließ, beobachtete ich ihn. Ich liebte diesen Anblick. Er war zum Dahinschmelzen. Wenn ich nicht so müde gewesen wäre, hätte ich Sven gefragt, ob er jetzt Lust auf mich habe.
»Viele Grüße von Marcus und Caro«, sagte er und riss mich aus meinen Gedanken. »Sie waren im gleichen Film. Zufällig. Wir sind danach noch zusammen in eine Kneipe gegangen. War lustig.« Er reichte mir das Glas.
Marcus war Fluglehrer an unserer Flugschule. Ein sympathischer Mittvierziger mit einem ziemlich coolen Motorrad. Ich mochte ihn gerne. Doch mit seiner Freundin Caro war ich noch nicht so richtig warm geworden. Nett war sie schon, nur hatte ich bei unseren wenigen Treffen das Gefühl gehabt, sie mochte mich nicht. Und dass sie sich für etwas Besonderes hielt. Sie war groß und ernst und sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst. Während die Männer morgen nach der kurzen, alkoholreichen Nacht wahrscheinlich total zerknautscht aussehen würden und Bartstoppeln und eine Alkoholfahne hatten, würde Caro bestimmt trotz allem perfekt gestylt aus dem Bett steigen. Ohne Ringe unter den Augen und ohne einen einzigen Knoten in ihrem langen blonden Haar.
»Worüber amüsierst du dich denn?« Sven musterte mich.
Ich rutschte von der Tischplatte, küsste meinen Freund noch einmal und entgegnete: »Trink noch ein großes Glas Wasser, dann wird dein Kater nicht so schlimm. Und ich koche dir morgen einen starken Kaffee. Kommst du auch gleich? Ich bin hundemüde und muss dringend wieder ins Bett.«
»Ich komme gleich nach«, brummte Sven und füllte sich sein Glas mit frischem Wasser.
2
Sven schlief und schlief. Irgendwann stand ich auf, kochte Tee und kuschelte mich mit meiner Tasse aufs Sofa. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne schien fröhlich durch das Fenster. Ich überlegte. Sven würde noch eine Weile schlafen. Dann könnte ich genauso gut zum Flugplatz fahren und eine kleine Runde fliegen. Mein Mofa stand zwar noch neben dem Hangar, aber ich würde einfach Svens Auto nehmen. Weil es in der letzten Zeit so stürmisch gewesen war, war es eine Weile her, dass ich in der Luft gewesen war. Und eben hatten die Sonnenstrahlen, die meine Nase getroffen hatten, sofort wieder dieses Kribbeln ausgelöst. Es kam immer, wenn ich dringend in die Luft musste. Außerdem sollte es in wenigen Tagen schon wieder vorbei sein mit dem schönen Wetter.
Ich nahm mir meine Luftfahrtkarte, die griffbereit auf dem Sofatisch lag und entfaltete sie ein Stück. Vielleicht sollte ich sie nachher in ihre Schublade zu den anderen Karten räumen. Ein bisschen mehr Ordnung schadete wirklich nicht. Mit dem Zeigefinger fuhr ich langsam über die Karte, obwohl ich die Gegend über Franken in- und auswendig kannte. Wohin könnte ich fliegen? Mit einem Flugzeug war die »große, weite Welt« viel näher. In weniger als vier Stunden war man auf Rügen. Mit dem Auto brauchte man doppelt so lang – wenn es keinen Verkehr gab. Das Meer … Sobald das Wetter etwas stabiler war, musste ich mit Sven unbedingt mal wieder ans Meer fliegen. Ich geriet ins Träumen.
Die Leidenschaft für die Fliegerei hatten meine Eltern mir vererbt. In der Luft konnte ich schon immer alle Sorgen vergessen. Wenn ich flog, war ich glücklich und fühlte mich frei. Es war mir egal, ob ich mit einem Segelflugzeug unter den Wolken »herumturnte« und sie besang, mir neue Aufwinde zu bescheren oder ob ich in einem Motorflugzeug saß. Mit dem konnte ich auch über die Wolken steigen – dorthin, wo die Sonne immer scheint, egal, wie grau und verregnet es am Boden ist.
Glücklicherweise war es nicht grau und verregnet und auch nicht mehr so windig wie am Vortag. Der Windsack, der hinter der Landebahn am Waldrand angebracht war, hing fast etwas verschlafen nach unten. Doch auch wenn die Sonne heute vom Himmel schien, war die Luft kalt. Mein Atem dampfte, während ich die Hallentore aufschob und unser Ultraleichtflugzeug aus der kleinen Halle zog. Sie lag direkt neben dem Vorbereitungsraum und dem Büro unserer Flugschule und beherbergte neben unseren Flugzeugen noch zwei Privatflugzeuge. Der Erlanger Flugplatz war ein kleiner Sportflugplatz mit einem kleinen Tower, einem Restaurant und drei Hallen. Der alte Hangar, in dem ich meinen Doppeldecker restaurierte, lag etwas abseits auf der anderen Seite des Platzes.
Außer unserem Flugleiter Kristian und mir hatten sich an diesem Morgen nur ein paar Krähen auf den kleinen Flugplatz verirrt. Sie liefen neben der asphaltierten Landebahn über die Wiese und krakeelten.
Das kleine Ultraleichtflugzeug sträubte sich zunächst, als ich den Motor starten wollte. Ihm war wohl auch noch kalt. »Komm, du schaffst das«, sagte ich leise, rieb meine Hände aneinander, zog noch einmal am Choke und gab etwas mehr Gas. Endlich brummte der Motor auf. »Na, bitte«, freute ich mich.
Ich überprüfte die einzelnen Anzeigen und drückte dann auf den Funkknopf. »Guten Morgen, Kristian, die Delta-Mike-India-Mike-India und ich wollen ganz dringend in die Luft kommen«, sagte ich etwas flapsiger als sonst.
»Na, Hanne«, antwortete unser Flugleiter fröhlich. »Dann will ich euch daran nicht hindern. Die Piste Null-Neun ist offen.«
»Alles klar, Null-Neun«, wiederholte ich.
Nachdem ich auf die Piste gerollt war, gab ich Vollgas, zog etwas am Steuerknüppel und erhob mich im Nu in die Luft. Dieser Moment war immer etwas ganz Besonderes. Egal, wie viele hundert Stunden ich bereits geflogen war, wie oft ich in meinem Leben schon ein Flugzeug gestartet hatte – dieses besondere Gefühl begleitete mich. Alles andere, was am Boden passierte, war sofort egal. Auch Svens schlechte Laune. Es gab nur noch den Himmel und die Wolken um mich herum. Die Erde unter mir wurde immer kleiner und alle Probleme, die dort unten sein konnten, ebenso.
Zunächst flog ich an der nördlichen Waldkante des Tennenloher Forst entlang Richtung Eckental, weg von der Kontrollzone des Nürnberger Flughafens. Die Laubbäume waren noch kahl. Nicht mehr lange und es würde sich immer mehr frisches Grün zwischen das Braun des Winters mischen. Darauf freute ich mich bereits. Die Wolken waren an diesem Morgen nicht besonders hoch. Ich kurvte einmal um ein besonders hübsches Zuckerwatte-Exemplar herum. Bald stieg ich über die Wolken, die wie Wattebausche vereinzelt in der Luft hingen und es wurde empfindlich kalt im Cockpit. Ich stellte die Heizung an, die sofort warme Luft in dem kleinen Zwei-Mann-Cockpit verteilte. Einmal quer über die Fränkische Schweiz ging es weiter Richtung Oberpfalz, dann zurück über Ebermannstadt und den Flugplatz Burg Feuerstein. Hier war eine große Flugschule, an der ich schon einige Lehrgänge gemacht hatte, Streckenflug, Kunstflug und solche Dinge. Ab Ostern hatte ich mich für zwei Wochen als Schlepppilot einteilen lassen, um die Segelflugzeuge an den Himmel zu bringen. Ein anstrengender Job, wenn viel los war, aber ich freute mich riesig darauf. Über Funk grüßte ich den Feuersteiner Flugleiter, dann nahm ich Kurs auf das Walberla und flog zurück nach Erlangen.
Als ich zu Hause ankam, fühlte ich mich pudelwohl. In der Wohnung war es still und ich lugte ins Schlafzimmer. Sven schlief immer noch tief und fest. Meinen Zettel mit der Nachricht, dass ich zum Flugplatz gefahren war, hatte er gar nicht gesehen. Die unerwartete Freizeit nutzte ich, um ein wenig aufzuräumen.
Dann setzte ich mich an die Unterlagen, die mein Vater mir am Vortag gegeben hatte. Doch mit jeder neuen Rechnung, die ich in die Hand nahm, wurde ich nervöser. Seit letztem Jahr hatten wir in der Flugschule zwar drei Maschinen zur Verfügung, aber es waren nur wenige neue Flugschüler dazugekommen. Und jetzt im Winter war natürlich noch weniger los. Dann waren Fixkosten das Schlimmste. Die Versicherungen, die Instandhaltungskosten für die Flugzeuge, die Pacht für die Halle, all das konnte so eine kleine Flugschule auffressen.
Bei unserer Cessna war bald eine Motorgrundüberholung fällig und auch bei unserem Ultraleichtflugzeug, einer C42, standen Wartungsarbeiten an. Eine weitere C42 gehörte Werner, einem unserer Fluglehrer. Auch bei Werners Maschine mussten wir uns an den Kosten beteiligen. Dafür konnten wir die Maschine für die Flugschule benutzen – so war der Deal. Ich kam aus dem Stöhnen gar nicht mehr heraus und die Entspannung des vormittäglichen Fluges verflog im wahrsten Sinne des Wortes. Wie sollten wir das alles bezahlen? Und wieso hatte mein Vater mir nicht früher schon erzählt, wie schlimm es um die Finanzen stand? Ach, Papa, dachte ich. Leidenschaft für die Fliegerei reichte nicht, um eine Flugschule am Laufen zu halten.
Um nicht weiteren Grübeleien zu verfallen, beschloss ich, eine Pause zu machen und nach Sven zu schauen. Der schlief schon viel zu lange. Das würde, wenn er dann wach war, seine Laune nicht gerade heben. Und zu meinem Vater musste ich auch noch. Ich schob die Papiere beiseite, stand auf und ging ins Schlafzimmer.
»Hallo, Schatz. Was macht dein Kopf? Besser?«, fragte ich leise und strich Sven sanft über den Kopf.
»Hmgrpf …«, machte er.
Ich kuschelte mich an meinen Freund. Er roch noch immer nach Alkohol. »Du, Schatz, ich muss gleich zu meinem Vater. Kaffee ist in der Küche.«
Langsam wurde Sven wach. »Wie, zu deinem Vater?«, brummte er. »Ich dachte, du willst erst am Nachmittag zu ihm.«
Ich schlang die Arme um Sven. »Ja, genau. Guck mal auf deine Uhr. Es ist gleich drei.«
»Hanne!«, maulte Sven. »Warum hast du mich denn nicht früher geweckt?«
»Habe ich ja versucht. Mehrfach. Dann habe ich erst einmal aufgegeben … Du, die Finanzen der Flugschule sind viel schlimmer, als ich dachte. Willst du vielleicht mitkommen?«
»Nee, danke«, brummte Sven. »Das letzte, wofür ich jetzt einen Kopf habe, sind irgendwelche Finanzen deines Vaters. Oh Mann, hast du eine Kopfschmerztablette für mich?«
Sven war noch nicht ganz wach und hatte Kopfschmerzen. Na prima. Meinen bissigen Kommentar schluckte ich hinunter. Stattdessen küsste ich ihn auf die Stirn und flüsterte: »Neben der Wasserflasche auf deinem Nachttisch.« Dann krabbelte ich aus dem Bett. »Bis nachher, Sven. Ich komme nicht so spät.«
»Hmgrmf«, machte Sven erneut.
Wenn Sven Kopfschmerzen hatte, war nicht mit ihm zu spaßen. Das war noch schlimmer als Hunger. Ich ging leise aus dem Zimmer und zog mir Jacke und Stiefel an. Mit den Papieren der Flugschule, meinem alten Laptop und gemischten Gefühlen machte ich mich auf den Weg zum Bus, um zu meinem Vater zu fahren.
»Papa, warum hast du mir nicht gesagt, wie schlimm es um die Flugschule steht?«, fragte ich eine halbe Stunde später aufgebracht. Ich saß bei meinem Vater auf dem Sofa und ging die einzelnen Abrechnungen mit ihm durch.
»Hm«, machte Rudi und strich sich mit den Fingern durch den Bart. »Hmja. Du hast doch deine eigenen Sorgen.«
»Ach, Papa! So ein Blödsinn! Ich hätte schon viel früher was unternommen, wenn du mir etwas gesagt hättest.« Mein Vater sah mich traurig an. Als ich seinen Blick sah, nahm ich ihn in den Arm. »Entschuldige, Papa. Ich will doch nur nicht, dass wir die Flugschule aufgeben müssen.«
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er sagte: »Du hast ja recht. Aber du hast selbst so viel um die Ohren, Hanne. Da sollst du nicht so viel für deinen alten Vater machen!«
»Dann überschreibst du mir einfach die Hälfte der Flugschule. Dann mache ich es nicht mehr für dich, sondern für mich«, sagte ich scherzhaft und fügte hinzu: »Und außerdem helfe ich dir doch gerne.«
»Hanne, solange die Flugschule sich finanziell nicht trägt, überschreibe ich dir gar nichts. Das letzte, was du von mir erben sollst, sind Schulden«, brummte mein Vater. Ich wollte etwas entgegnen, aber er setzte sich aufrechter, sah mich direkt an und fragte neugierig: »Woran hast du denn gedacht?«
Ich brauchte einen Moment, ehe ich den Themenwechsel verstand. »Na ja«, sagte ich. »Wir brauchen dringend mehr Flugschüler und mehr Gäste.«
»Ja, natürlich. Aber schwierig, jetzt im Winter. Im Frühjahr wird es sicher wieder besser.«
»Papa, das dachtest du letztes Jahr auch. Doch wir hatten längst nicht genügend Flugschüler. Und erst recht nicht genügend Leute, die Gastflüge gebucht haben. Und jetzt kriegen wir noch weniger Geld durch Charter rein. Wenn das so weitergeht, müssen wir die Lima-Echo oder die Mike-India verkaufen.«
Mein Vater nickte traurig.
»Wir müssen was machen, um bekannter zu werden«, fuhr ich fort. »Zuerst müssen wir die Webseite der Flugschule auf Vordermann bringen.« Ehrlich gesagt hätten wir das schon längst machen müssen, nur hatte mir bisher die Zeit gefehlt. Und ich hatte die finanzielle Schieflage wirklich unterschätzt. »So jedenfalls findet uns niemand. Das ist ganz wichtig, dass wir eine gute Internetpräsenz haben, Papa. Vielleicht können wir auch was in den sozialen Medien machen. Auf Facebook oder Instagram.«
Mein Vater runzelte die Stirn. Soziale Medien waren nicht seine Welt. »Hanne, wenn du das sagst, dann machen wir das. Aber du weißt, dass ich mich da nicht auskenne.«
»Vielleicht kann Sven mal schauen. Oder Marcus. Die kennen sich bestimmt mit so etwas aus.«
Und so diskutierten wir noch eine ganze Weile, gingen die Rechnungen durch und überlegten, was wir machen könnten. Für den nächsten Sonntagnachmittag setzten wir eine Art »Brainstorming« mit Werner und Marcus an. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht gemeinsam hinbekämen. Schließlich hatten die anderen Fluglehrer auch ein Interesse daran, dass sie weiter schulen konnten – auch, wenn sie das in ihrer Freizeit machten.
Als ich auf den Gehweg trat, schwirrte mir der Kopf vor lauter Finanzen. Ich schnupperte in die Abendluft. Es roch nach Frühling. Von meinem Vater zum Flugplatz war es nicht weit und ich beschloss, mein Mofa zu holen.
3
Der Wind hatte weiter nachgelassen und die Sonne schien weiterhin zu versuchen, die Erde aus dem Winterschlaf zu locken. Ich reckte die Nase ins Licht, ließ mich von den Sonnenstrahlen kitzeln und musste unweigerlich niesen. Wie gut die Sonne tat. Und wie befreiend so ein Nieser sein konnte. Lächelnd lief ich zum Café. Es war Dienstagmorgen. Sven war bereits seit einiger Zeit bei der Arbeit, einem Sportgeschäft in der Erlanger Innenstadt, und ich hatte bis eben mit meinem Bauprüfer telefoniert, um die nächsten Schritte mit meinem Doppeldecker zu planen. Meliha war bereits da, als ich durch die Hintertür des Cafés trat.
»Meli, wie geht es dir? Du siehst aber immer noch etwas blass aus.«
»Hanne!« Meine Freundin drückte mir links und rechts einen Kuss auf die Wangen. »Es geht mir viel besser. Die Kinder sind auch wieder im Kindergarten. Die sind ja zum Glück schnell wieder fit.«
»Und Sami?«
»Den haut so schnell nichts um. Jedenfalls hat er nichts abbekommen von unserem Infekt. Zum Glück!« Meli senkte ihre Stimme etwas und ergänzte dann mit einem gequälten Grinsen: »Wenn er allerdings doch mal krank wird, sollte man ihm aus dem Weg gehen. Dann ist er nicht auszuhalten.« Sie zeigte nach oben. Das Paar lebte in der Wohnung direkt über dem Café. Über ihnen in der Dachwohnung wohnte dann noch Samis Mutter.
Ich nickte wissend. Das kannte ich von Sven. Wenn der krank war, musste seine gesamte Umgebung mitleiden. Ich wusch mir die Hände und band meine Locken, die der Wind ganz durcheinandergebracht hatte, zu einem Pferdeschwanz zusammen. Während Meli hinterm Tresen herumwerkelte, machte ich mich daran, die Stühle von den Tischen zu räumen.
»Hanne? Hier, für dich!«, rief Meli und stellte einen Espresso auf den Tresen.
»Danke, Meli! Kannst du Gedanken lesen?«
Bald kam auch Melihas Ehemann Sami die Treppen herunter. »Grüß dich, Hanne!«, rief er und drückte mir, wie vorhin schon Meli, zwei Küsse auf die Wangen. »Danke nochmal, dass du am Wochenende eingesprungen bist.«
»Mach ich doch gerne«, sagte ich. Außerdem konnte ich das zusätzliche Geld gut gebrauchen. Nicht nur die Flugschule war gerade knapp bei Kasse. Ich auch. Die Ersatzteile, die ich kürzlich in England für mein Flugzeug ergattert hatte, hatten ein tiefes Loch in meinen Geldbeutel gerissen. Zum Glück teilte ich mir die Miete mit Sven. Sonst wäre es diesen Monat wirklich eng geworden …
»Deckst du auch draußen die Tische ab, Hanne?«, bat Sami. »Heute könnte es tatsächlich so warm werden, dass Gäste draußen sitzen möchten.«
»Gerne.« Ich nahm mir einen Lappen und einen Eimer, den ich mit Wasser füllte, und ging vor das Café, um die Tische und Stühle von den Planen und vom Staub des Winters zu befreien.
Die Sonnenstrahlen leisteten ganze Arbeit. Die Passanten trugen ihre Köpfe nicht mehr nach unten gesenkt, sondern liefen aufrecht durch die Fußgängerzone. Obwohl Dienstag war, füllte sich das Café immer mehr. Meli und ich verteilten Decken auf den Stühlen. Die Gäste nutzten sie dankbar, denn die Luft war immer noch kalt. Ich genoss es. Und ich konnte förmlich spüren, wie die Sonnenstrahlen direkt in meinen Kopf und mein Herz vordrangen und dort ihre geballte Kraft entfalteten. Frühlingsglücksstrahlen sozusagen. Die Gäste schienen sie auch zu spüren, denn sie waren auf einmal viel freundlicher und fröhlicher als noch vor ein paar Tagen. Und als ich am Abend nach Hause fuhr, hatte ich nicht nur Sonnenstrahlen, sondern auch eine ordentliche Menge Trinkgeld in meiner Tasche.
»Hallo, Schatz!«, rief ich in die Wohnung, nachdem ich die Tür aufgeschlossen hatte. »Bist du da?«
Sven kam aus der Küche getrottet. »Hey, hast du auch endlich Feierabend?« Er hatte eine Schürze um und kochte unser Abendessen.
»Hm, das riecht lecker!«, freute ich mich. Ich küsste Sven. »War das nicht ein wunderschöner Tag heute? So schön, ich habe richtige Frühlingsgefühle gekriegt. Guck, ich habe dir was mitgebracht.« Und mit diesen Worten hielt ich ihm meine leeren Hände entgegen.
Sven runzelte die Stirn. »Hä? Was hast du mitgebracht?«
»Ich habe dir ein paar Sonnenstrahlen gepflückt. Ganz frisch. Pass auf, dass sie dir nicht wegfliegen, die sind volatil.«
»Hä?«, machte Sven nur.
»Volatil. Flüchtig. Einmal nicht aufgepasst und weg sind sie.« Ich grinste, drückte ihm die Luft in die Hände, küsste ihn erneut und hüpfte in die Küche, um unter die Topfdeckel zu spickeln.
»Hanne, ich weiß, was volatil heißt!«, brummte Sven kopfschüttelnd und kam hinter mir her. »Wasch dir lieber die Hände, bevor du hier das Essen anfasst!«, schimpfte er.
Ich wollte noch etwas entgegnen, aber Sven schien meine gute Laune nicht zu teilen. Kein Wunder, in das Sportgeschäft kam nicht so viel Sonne. Die hätte ihm bestimmt auch gutgetan. Also schlich ich an ihm vorbei ins Bad, um mir die Hände zu waschen und deckte dann den Esstisch im Wohnzimmer.
Svens Pilz-Omelette schmeckte vorzüglich. Ich schob mir das letzte Stück von meinem Teller in den Mund und beobachtete meinen Freund. Er war mit seinen Gedanken weit weg, so weit weg, dass er zwischenzeitlich sogar zu kauen vergaß. Ich musste grinsen, aber nicht einmal das bemerkte er.
»Mann, war das lecker«, sagte ich irgendwann und schob meinen leeren Teller in Richtung Tischmitte. Jetzt hatte ich ihn aus seinen Gedanken zurückgeholt. Er sah mich an. »Entschuldige, wenn ich dich genervt habe«, murmelte ich.
»Ach, Hanne, nimm es bitte nicht persönlich.«
Ich rückte etwas vom Tisch ab, um es mir im Schneidersitz auf dem Stuhl gemütlich machen zu können und sah Sven erwartungsvoll an. Er war wirklich nicht besonders guter Dinge. »Was ist denn los?«, wollte ich von ihm wissen.
Sven brummte: »Ach, es war einfach viel los heute. Lauter blöde Leute mit blöden Wünschen. Ich bin müde. Und ich habe abends nach der Arbeit einfach nicht immer Nerven für … für deine gute Laune.«
Was sollte das denn heißen? »Soll ich lieber so miesepetrig sein wie du? Ich freue mich einfach, dass es wieder sonnig geworden ist nach all den kalten, dunklen Tagen. Ich dachte, ich könnte dich ein wenig damit anstecken«, sagte ich und leckte mir genüsslich die Finger ab.
»Mann, Hanne, wann wirst du endlich erwachsen?«
Ich schaute Sven verwundert an. »Wie meinst du das?«
»Hanne, immer benimmst du dich total kindisch und bist so gutgelaunt und … dann bist du vollkommen überdreht.« Sven holte kurz Luft und bevor ich etwas entgegnen konnte, fuhr er fort: »An Tagen wie heute bringt mich das echt auf die Palme. Du machst dir um nichts Gedanken, verteilst überall deine Kleidung, deine Bücher, dein Werkzeug. Ein bisschen Ordnung schadet doch niemandem, oder?«
Was für eine Laus war dem denn heute schon wieder über die Leber gelaufen? »Stört dich das so sehr?«, hakte ich nach.
»Heute schon. Und sonst auch, ja.«
»Aber am Wochenende habe ich doch aufgeräumt …«, setzte ich zu meiner Verteidigung an.
»Ja, endlich mal. Aber bevor ich kochen konnte, musste ich erst einmal das ganze Zeug vom Frühstück wegräumen. Das stand noch alles in der Küche.«
»Okay, ich versuche, an mir zu arbeiten«, murmelte ich. Ich hasste es, wenn Sven schlechte Laune hatte. Geheimnisvoll lächelnd stand ich auf, kam um den Tisch herum auf ihn zu und sagte: »Hm, ich weiß vielleicht, womit ich deine Laune heben kann.« Ich setzte mich auf seinen Schoß und fing an, ihm durch die Haare zu kraulen.
Doch Sven hielt meine Hände fest. »Hanne, ich habe gerade keine Lust.«
In dem Moment vibrierte sein Handy. Er schob mich von seinem Schoß, stand auf und ging mit dem Telefon am Ohr aus dem Zimmer. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm nachdenklich hinterherzusehen und mich wieder auf meinen Stuhl zu setzen. Wie konnte man nur so schlechte Laune an einem so schönen Tag haben? Als Sven wieder ins Zimmer kam, schien seine Laune sich wieder etwas gebessert zu haben. Immerhin.
»Hanne, das war Joe.«
»Ja, okay, ist was passiert?«
»Nö, aber wir haben uns noch zum Zocken verabredet. Das ist doch in Ordnung für dich?«
»Ähm. Ja. Klar«, antwortete ich enttäuscht. »Jetzt gleich?«
Sven nickte. »Sonst wird es zu spät. Könntest du dann bitte den Tisch abräumen?« Sven drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, zog seine Jacke an und ging. Ich blieb erstaunt zurück, zog mein Bein hoch und stützte mein Kinn auf das Knie. Doch dann kam mir die Idee, dass ich ja mitzocken könnte. Das hatte ich schon länger nicht gemacht. Also sprang ich auf und rief: »Sven! Warte, ich komme mit!« Doch er war schon weg. Seufzend brachte ich das Geschirr in die Küche und räumte es in die Spülmaschine. Sven traf sich in der letzten Zeit ziemlich oft zum Zocken mit Johannes, wie Joe eigentlich hieß. Wenn er nicht ins Fitness-Studio ging, um an seinen Muckis zu arbeiten. In der Regel störte mich das nicht. Aber in der Regel wusste ich das auch etwas früher als fünf Minuten, bevor er ging. Und jetzt?
Ich beschloss, Meli anzurufen. Im Café war es so voll gewesen, dass wir nicht viel Zeit zum Reden hatten. Sie wusste immer etwas Aufmunterndes zu sagen. Ich wählte und ließ es mehrere Male klingeln. Gerade, als ich wieder auflegen wollte, nahm jemand ab.
»Hallo?« Das war Sami und er klang etwas abgekämpft.
»Oh, Sami, habe ich euch beim Kinder-ins-Bett-bringen gestört? Hier ist Hanne.«
»Hanne! Du störst doch nie!«, rief Sami überschwänglich. »Du willst sicher Meli sprechen.« Im Hintergrund hörte man lautes Kindergeschrei. »Nesrin, lass deinen Bruder in Ruhe und putz deine Zähne!«, hörte ich meine Freundin rufen.
»Ähm, wenn du sie entbehren kannst. Aber vielleicht ruft sie besser zurück, wenn die Kinder im Bett sind? Das hört sich bei euch so an, als ob ihr gerade gut beschäftigt seid.«
»Ja«, meinte Sami, »gib ihr 20 Minuten. Heute ist sie mit der Gute-Nacht-Geschichte dran.«
Es dauerte eine dreiviertel Stunde, bis Meli zurückrief. »Puh, heute wollten diese kleinen Monster gar nicht ins Bett. Ich bin vollkommen fertig.«
»Entschuldige, Meli. Sollen wir lieber ein andermal telefonieren?«
»Nein, nein. Jetzt sind sie im Bett und Sami schaut Fußball. Und wir hatten doch heute kaum Zeit zum Quatschen bei dem Trubel im Café. Alles in Ordnung bei dir? Ist was passiert? Sami meinte, du hättest eben schon so traurig geklungen.«
»Ach, hat man das gehört?« Ich schluckte. »Keine Ahnung. Sven ist gerade zu Joe gegangen. Ganz plötzlich. Und er ist in der letzten Zeit immer so schlecht gelaunt. Ich weiß nicht, was los ist.«
»Hanne, entschuldige, wenn ich das so sage, aber dein Sven ist fast immer schlecht gelaunt.« Meli sagte wie immer geradeheraus, was ihr durch den Kopf ging.
»Wenn du das so sagst, klingt es viel schlimmer, als es ist. Klar, er ist schon echt oft etwas miesepetrig, aber meistens nicht. Man muss halt wissen, wann man ihn besser in Ruhe lässt.«
»Du lässt dir viel zu viel von ihm gefallen, Hanne. Das habe ich dir schon immer gesagt. Du musst das nicht hinnehmen! Wie Sven manchmal mit dir redet, das würde Sami sich nie erlauben. Dem würde ich was erzählen!«, schimpfte Meli. Ich merkte, wie mir Tränen in die Augen traten und schluckte erneut.
»Hanne?«
»Hm?«
»Hanne, weinst du? Was ist denn überhaupt passiert?«
»Nein. Ach, Meli, wenn ich das wüsste! Ich bin nach Hause gekommen und Sven hat gekocht und ich habe mich über sein Essen gefreut. Nach dem Essen wollte ich ihn etwas aufmuntern, weil er von der Arbeit und seinen Kunden so genervt war. Und da meinte er, er hätte keinen Bock auf meine gute Laune! Und dass ich endlich erwachsen werden soll … Und dann ist er zu Joe …«
»Der hat sie ja nicht mehr alle!«
»Meli!«
»Was denn, ist doch wahr! Was hat er denn für ein Problem, dass er das an dir auslassen muss?«
Ich schwieg und auch Meli sagte eine Weile nichts.
»Soll ich vorbeikommen?«, unterbrach sie die Stille.
»Ach, quatsch. So schlimm ist das nicht. Ich wollte nur gerne mit dir sprechen. Ich muss einfach nochmal mit Sven reden, wenn er sich wieder etwas beruhigt hat. Auch wegen der Flugschule. Vielleicht kann er mir da helfen.«
»Läuft es immer noch nicht besser?«, fragte Meli.
»Schlimmer. Ich wollte Sven zumindest bitten, ob er mir helfen kann, die Homepage neu zu machen.«
»Ach, das schaffst du doch alleine! Wenn er so schlecht drauf ist … Wir haben die Seite für unser Café auch ganz einfach selbst gemacht. Da gibt es so Baukästen. Kannst du einfach googlen.«
»Okay, ich schaue es mir mal an.«
»Ich schicke dir in den nächsten Tagen eine Mail mit dem, was wir gemacht haben, okay? Was du auf jeden Fall brauchst, sind Fotos. Viele Fotos. Von den Flugzeugen und aus der Luft und vom Team und so.«
»Das haben wir massenweise.« Fotos hatte ich wirklich zur Genüge, auch von verschiedenen Ausflügen, bei denen wir uns gegenseitig in der Luft fotografiert hatten. »Danke schon mal, Meli.«
»Mach dir jetzt keine Gedanken mehr über Svens schlechte Laune. Morgen redest du mit ihm. Das wird schon.«
»Danke, Meli. Jetzt geht es mir wieder besser. Bis morgen, ja?«
»Warte mal!«, rief Meli in den Hörer. »Sollen wir am Freitag ausgehen? Mädels-Abend in Nürnberg?«
Ich lächelte. »Ja, das klingt perfekt. Also, bis morgen.«
»Prima. Schlaf gut, Süße! Das wird schon.«
***
»Hallo, Schatz, bist du schon zu Hause?« Keine Antwort. Ich kam gerade aus dem Café und vom Einkaufen. Sven hatte ich eine Nachricht geschickt, dass ich heute das Abendessen übernehmen würde. Ich schloss die Wohnungstür mit einem Hüftschwung, stellte meine Einkaufstaschen ab und warf meinen Schlüssel in das Körbchen auf der Flurkommode. Svens Schlüssel war nicht darin, mein Freund war also noch unterwegs. In der Nacht war er erst spät nach Hause gekommen und heute war er früh aufgebrochen, um vor der Arbeit noch ins Fitness-Studio zu gehen. Und er war extrem wortkarg gewesen.
Ich packte die Tüten aus und verteilte meinen Einkauf in der Küche. Ich wollte eine Pilzpfanne machen, weil wir noch Pilze vom Vortag übrighatten. Mit Semmelklößen. Das mochten wir beide gerne. Für die Klöße hatte ich allerdings auf eine Fertigpackung zurückgegriffen. Wenn ich versuchen würde, die Dinger selbst herzustellen, wäre ich wahrscheinlich noch morgen beschäftigt.
»Huch, wie sieht es denn hier aus?« Sven war, ohne dass ich ihn gehört hatte, in die Wohnung gekommen und stand nun in der Küchentür. Ich sah mich um. Auf dem Küchentisch lag der restliche Einkauf, den ich noch nicht weggeräumt hatte. Auf der Arbeitsplatte waren Zwiebelschalen verteilt. Daneben lag ein Haufen mit den nassklebrigen Beuteln der Klöße.
»Hallo, Schatz, ich bin gleich fertig«, rief ich ihm entgegen.
Sven grinste, kam in die Küche und küsste mich flüchtig auf die Stirn. »Danke, dass du das Essen machst. Aber die Küche hättest du nicht verwüsten müssten. Wie du das immer schaffst, ist und bleibt mir ein Rätsel.«
»Ich räume gleich wieder auf. Versprochen.«
Sven ging kopfschüttelnd aus der Küche. Während die Pilze fertig schmorten, räumte ich den restlichen Einkauf weg, beseitigte die Küchenabfälle und deckte den kleinen Küchentisch. Sven kam kurze Zeit später dazu und schnupperte. »Hm, riecht gut. Du kannst ja doch kochen. Und aufräumen.«
»Hey, klar kann ich das! Sei nicht so frech! Bloß, weil ich meine Prioritäten etwas anders setze als du.«
»Ja, das tust du wohl«, sagte Sven, aber diesmal klang es nicht vorwurfsvoll. Seine Laune schien wieder besser zu sein.
Ich verteilte das Essen auf den Tellern, während Sven sich setzte. Es roch richtig lecker und war, wie ich nach dem ersten Bissen feststellte, nur ein ganz klein wenig versalzen. Sven war hungrig genug, dass es ihn fast nicht zu stören schien. Fast. Er grinste erneut.
»Hanne, ich hoffe, dass wir noch Bier haben, ich habe einen fürchterlichen Durst. Warum nur?«
»Entschuldige, es ist ein bisschen salzig geworden. Im Kühlschrank sind noch zwei oder drei Flaschen.«
Sven stand auf und holte zwei Flaschen aus dem Kühlschrank hinter ihm. »Du auch?«
Ich nickte. »Puh, die Pilze sind wirklich salzig.«
»Halb so wild. Lecker war es trotzdem.« Sven öffnete die Flaschen, reichte mir eine und setzte sich wieder. Dann räusperte er sich. »Hanne, hör mal. Entschuldige, dass ich so schlecht gelaunt war in den letzten Tagen. Es war einfach viel los, ich hatte zu wenig Schlaf …«
Na ja, wohl auch zu viel Alkohol am Wochenende, dachte ich. Aber ich schwieg.
»Und seit du an diesem Flugzeug herumschraubst, hast du kaum noch Zeit!«
Daher wehte also der Wind. Sven war eifersüchtig auf einen alten Doppeldecker. »Ich möchte den halt gerne bald in die Luft kriegen«, sagte ich. »Es tut mir leid, wenn du dich vernachlässigt fühlst.«
Sven rückte seinen Stuhl vom Tisch ab, stand auf und sah mich einfühlsam an. Ich legte meinen Kopf an seine Hüfte, während er mir die Locken aus dem Gesicht streifte, die mir ständig vor die Augen fielen. Ich seufzte.
»Komm, heute wasche ich ab und du machst es dir schon mal im Wohnzimmer gemütlich. Ich komme gleich nach, okay?« Er räumte die Teller zusammen. Lächelnd ging ich aus der Küche. Ich hatte es gewusst: Svens schlechte Laune hielt meist nicht lange an. Auf dem Weg durch den Flur hörte ich das leise Brummen eines Handys und tastete nach meiner Hosentasche. Mein Telefon hatte nicht vibriert. »Sven, du hast eine Nachricht bekommen, soll ich dir dein Telefon bringen?«, rief ich.
»Was? Nee, lass mal«, ließ Sven aus der Küche vernehmen.
Ich hatte es mir zu früh mit meinem Bier auf dem Sofa bequem gemacht. Meine Blase drückte. Seufzend stellte ich die halbleere Flasche auf den Tisch und stand wieder auf. Es half nichts, ich musste aufs Klo.
Sven war noch in der Küche beschäftigt. »Ja, fand ich auch«, sagte er leise. Hatte er sich das Handy doch geholt. Kopfschüttelnd wollte ich weitergehen.
»Nein, aber vielleicht am Freitag? Ja. Ich auch.« Sven sprach immer noch leise. Seltsam, so sprach er garantiert nicht mit Joe. Aber mit wem dann? Seine Eltern riefen um diese Zeit nie an. Ich trat in die Küche. »Hey, Schatz, soll ich den Abwasch solange weitermachen, während du telefonierst?« Sven fuhr erschrocken herum.
»Hanne! Nein, nein, ich bin fast fertig.« Er nahm das Telefon wieder ans Ohr und sagte etwas lauter: »Also, Joe, bis dann. Ja. Ciao.«
Während Sven sein Handy in der Hosentasche verschwinden ließ, fuhr er mich an: »Musst du dich immer so anschleichen? Du hast mich schon wieder voll erschreckt!«
»’Tschuldigung«, entgegnete ich jetzt auch etwas gereizt, »Aber du musst ja nicht gleich so rummotzen. Ist ja wohl kaum meine Schuld, dass du gerade ständig schlecht gelaunt bist. Und wenn doch, dann rede mit mir darüber, aber nicht in diesem Ton. Das habe ich nämlich auch satt! Dass du wegen jeder Kleinigkeit an die Decke gehst!«
Sven funkelte mich böse an. »Na prima. Jetzt hast du …«
Den Rest hörte ich nicht mehr, weil ich ihn einfach stehen ließ und die Badezimmertür hinter mir zuknallte. Der hatte sie doch nicht mehr alle.
Als ich wieder aus dem Bad kam, war von Sven nichts zu sehen. Stattdessen lag ein Zettel auf dem Tisch. »Bin bei Joe.«
4
Freitagabend. Gerade hatte ich bei Meli und Sami geklingelt. Der Summer ging, ich drückte die Tür auf und stieg die Stufen nach oben in den ersten Stock.
»Schön, dass du da bist!«, rief Meli, umarmte mich und drückte mir zwei Küsse auf die Wangen. »Komm rein. Ich bin gleich soweit.«
»Hanne!«, rief Melihas fünfjährige Tochter Nesrin und rannte den Flur entlang direkt auf mich zu.
Lächelnd ging ich in die Hocke und sie warf sich, ohne abzubremsen, in meinen Schoß. »Hey, kleine Maus. Du bist ja schon wieder gewachsen. Du bist ja schon eine große Maus, Nesrin«, sagte ich und wuschelte ihr durch die dunklen Haare.
»Hanne!«, rief eine zweite Kinderstimme. Ein kleiner Junge tapste mir entgegen und warf sich ebenfalls in meinen Schoß. »Uiuiui, und du bist ja auch ganz groß geworden, Oktay.«
»Anne, wir wollen mitkommen«, rief Nesrin ihrer Mutter zu und ich fragte mich, wie Meli diesen großen Kulleraugen jemals einen Wunsch abschlagen konnte. »Anne, bitte!«
»Nichts da, ihr bleibt hier, sonst bin ich viel zu einsam heute Abend!« Das war Sami. Er streckte seinen Kopf aus der Küche in den Flur und winkte. »Servus, Hanne. Ich komme gleich, ich habe nur gerade Milch auf dem Herd.«
»Hallo, Sami! Kommt, Kinder, lasst mich mal in die Küche, damit ich eurem Papa Hallo sagen kann.«
Doch die Kinder hingen an mir wie Kletten. Also nahm ich sie rechts und links auf den Arm und versuchte, vollbepackt in die Küche zu gelangen, um Sami zu begrüßen.
»Baba, wir wollen mit Anne und Hanne gehen!«, rief Nesrin.
Ich grinste. Anne und Hanne, das klang fast wie Hanni und Nanni. Es hatte etwas gedauert, bis ich verstanden hatte, dass »Anne« das türkische Wort für »Mama« war. Bis dahin war es zu einigen komischen Situationen gekommen, weil ich mich im Supermarkt oder im Park immer wieder angesprochen gefühlt hatte, wenn ein Kind nach seiner Mutter gerufen hatte.
Sami fuchtelte mit dem Kochlöffel herum und sagte mit gespieltem Ernst: »Und wer soll dann auf mich aufpassen, Nesrin? Ihr müsst mich doch ins Bett bringen und mir eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen.«
»Dann bringe ich dich jetzt ins Bett, Baba!«, rief Nesrin und zerrte an der Hand ihres Vaters.
»Nesrin! Lass den armen Baba!«, rief Meliha dazwischen. Sie hatte sich fertig umgezogen und sah umwerfend aus. Mit Samis Hilfe befreite sie mich von den süßen Kletten. »Ade, ihr Lieben«, sagte sie und gab erst ihren Kindern und dann ihrem Ehemann einen Kuss. »Bis später!«
Wir liefen die Treppe hinab auf die Straße. Von oben aus dem Fenster winkten noch einmal die Kinder. »Anne! Hanne! Hallo! Und tschüss!«, rief Nesrin. »Ich bleibe wach, bis du kommst, Anne, okay?«
»Untersteh dich!«, rief Meli zurück. »Zum Glück schafft sie das nicht«, sagte sie zu mir, während sie auf ihren Wagen zusteuerte, der in einer Nebenstraße parkte. »Eine Milch mit Honig von Sami und in einer Stunde schlummert sie hoffentlich tief und fest.«
»Heute wollten sie dich ja gar nicht gehen lassen«, wunderte ich mich.
»Wahrscheinlich, weil sie letzte Woche krank waren. Und sie haben sich gefreut, dich zu sehen. Sie vergöttern dich.«
»Vielleicht sollte ich mal wieder zum Babysitten kommen?«, überlegte ich.
»Oh ja!« Meli startete den Motor. »Und jetzt?«
»Hm, hast du Lust auf Tapas?« Ich hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen und einen Bärenhunger. »Ich kenne da eine ganz hübsche Tapas-Bar in Nürnberg«, sagte ich.
»Sehr gerne«, erwiderte Meli. »So, jetzt erzähl, was passiert ist … Wenn dir danach ist«, ergänzte sie mit einem kurzen Blick in meine Richtung.
Ich starrte geradeaus auf die dunkle Straße. Die letzten Tage waren hart gewesen. Sven war mir aus dem Weg gegangen und wenn ich versucht hatte, zu fragen, was los war, hatte er sofort mit irgendwelchen fadenscheinigen Ausreden abgeblockt. Ich verstand die Welt nicht mehr. Im Café war es in den letzten Tagen sehr voll gewesen, sodass ich noch nicht mit Meli darüber hatte sprechen können. Aber jetzt waren wir unter uns. Also schüttete ich meiner Freundin mein Herz aus. Sie hörte einfach nur zu, obwohl ich ihr genau ansehen konnte, dass sie den einen oder anderen bissigen Kommentar hinunterschluckte. Nachdem ich Meli alles erzählt hatte, ging es mir ein wenig besser.
Nach einer halben Stunde Fahrt hatten wir unser Ziel erreicht. Meli suchte in einer Seitenstraße einen Parkplatz, schaltete den Motor ab und sah mich erwartungsvoll an. »Hey«, sagte sie und drückte meinen Arm. »Geht’s?« Ich nickte und versuchte es mit einem Lächeln. Meli lächelte zurück und sagte: »Sollen wir dann mal? Ich will ja nicht ungeduldig sein, aber ich habe echt Hunger.«
Wir stiegen aus dem Wagen und gingen Arm in Arm die Straße entlang, bis wir die kleine Tapas-Bar erreichten. Es war voll. Natürlich, es war Freitag und wir hatten nicht reserviert. Aber ab und zu war das Glück wohl auch mit denen, die es dringend brauchen, denn in der hintersten Ecke wurde gerade ein Tisch frei.
»Und, wie soll das jetzt weitergehen?«, fragte Meli, nachdem wir uns etwas bestellt hatten.
»Ach, wenn ich das wüsste, Meli.«
»Ich habe dir das ja schon gesagt. Entschuldige, wenn ich mich wiederhole. Aber du lässt dir von ihm wirklich viel zu viel gefallen. Sven mag irgendwo in seinem Herzen ein lieber Kerl sein, aber es ist nicht in Ordnung, wenn er seine schlechte Laune ständig an dir auslässt.«
»Aber ich liebe ihn«, sagte ich. »Doch gerade verstehe ich ihn wirklich nicht.«
»Wie lange seid ihr jetzt zusammen? Drei, vier Jahre, oder?«
»Hm. Ja.« Ich stocherte etwas lustlos in meinem Essen herum. Eben hatte ich noch so einen Hunger, doch nun war mir der Appetit schon wieder vergangen. Ich schaute auf und sagte leise, was ich bislang nicht auszusprechen gewagt hatte: »Ich glaube, er hat neulich gar nicht mit Joe gesprochen, als er mich so angefahren hat. Das klang viel zu liebevoll. So, als hätte er mit einer anderen Frau geredet.« Ich schluckte. »Aber so etwas würde er doch nie tun. Fremdgehen, meine ich.« Die Möglichkeit, dass Sven etwas mit einer anderen haben könnte, schnürte mir die Kehle zu. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen. Oder zumindest wollte ich es mir nicht vorstellen. Aber es würde einiges erklären. »Ach, Meli, was soll ich denn machen?«
Meli beugte sich über den Tisch, nahm meine Hand und sah mich mit ihren dunklen Augen an. »Gerade kannst du nicht viel machen. Außer, du willst ihn jetzt anrufen und direkt fragen.« Sie setzte sich wieder aufrechter. »Aber das halte ich für keine gute Idee.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, er ist mit Joe im Kino, hat er gesagt. Außerdem, wie bescheuert wäre das denn, so was per Telefon zu fragen. Ich muss einfach in Ruhe mit ihm sprechen. Wenn er dann nicht gleich wieder flüchtet …« Ich spießte ein Hackbällchen auf und sagte entschieden: »So, genug. Ich will mit Anschuldigungen und Verdächtigungen nicht unseren Abend kaputt machen! Wie geht es dir? Jetzt bist du dran.«
Meli schlürfte genüsslich an ihrer Johannisbeersaft-Schorle. »Mir geht es gut, Hanne«, sagte sie und lächelte.
Nachdem wir unsere Tapas gegessen, ein zweites Getränk bestellt und Meli ein wenig von ihrem Familienleben und den Kindern erzählt hatte, zahlten wir unsere Rechnung und verließen die Bar. Ich fröstelte, als wir nach draußen auf den Gehweg traten. Es war halt immer noch Februar und der Nordwind war wie angekündigt gekommen. Als wir zum Auto zurückliefen, fing es an zu nieseln. Ich zog meinen Schal fester um den Hals und schaute mich um. »Hier irgendwo wohnen Marcus und Caro, wenn ich mich nicht irre«, sagte ich.
»Das ist euer neuer Fluglehrer, oder?«
»Ja. Wir haben ihn und seine Freundin im Januar mal besucht.« In einer Seitenstraße entdeckte ich ein Pärchen und stupste Meli an. »Da hinten, das könnten sie sogar sein. Die große Blonde und der Mann in der dunklen Jacke.« Die hochgewachsene Frau war eindeutig Caro. Ich hatte sie sofort erkannt. Ihr Begleiter hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen, ihn konnte ich auf die Entfernung nicht erkennen. Die beiden gingen eng umschlungen in die entgegengesetzte Richtung und hielten vor einem Haus. Ich hörte Caro lachen.
»Sollen wir kurz Hallo sagen?«
»Muss das sein?«, maulte Meli. »Wir wollen doch tanzen und nicht die beiden Turteltäubchen stören.« Sie zog mich ungeduldig weiter.
»Ja, klar, du hast recht«, gab ich zu. Die Turteltäubchen wollte ich natürlich nicht stören.
Als Meli mich vor meiner Wohnung absetzte, war es zwei Uhr. Eigentlich noch keine Uhrzeit für einen Freitagabend, aber Melis Kinder würden am nächsten Morgen keine Rücksicht nehmen, wenn ihre Mutter müde war. Dafür waren sie zu klein. Oktay war bestimmt wieder um sechs Uhr wach. Er hatte ein Gespür dafür, wenn Wochenende war. Da wurde er nämlich früher wach als unter der Woche, wenn er in den Kindergarten musste. Meli beschwerte sich oft darüber, aber immer mit einem Augenzwinkern.
Ich schloss die Wohnungstür auf. In der Wohnung war es dunkel. Sven war nicht da. Erst als ich mir die Schuhe abstreifte, sah ich, dass er eine Nachricht geschickt hatte. Er würde über Nacht bei Joe bleiben, weil er zu viel getrunken hätte. War ja klar. Immerhin hatte er sich noch gemeldet. Bevor ich wieder mit Grübeleien anfangen konnte, ging ich ins Bett.
***
Ich wurde wach und tastete im Halbschlaf das Bett ab. Wie erwartet war es leer. Sven war in der Nacht tatsächlich nicht nach Hause gekommen. Ich fröstelte und hätte mich gerne an ihn gekuschelt. Halb acht zeigte mein Wecker an. Seufzend warf ich die Bettdecke zur Seite. Jetzt, wo ich sowieso wach war, konnte ich ebenso gut aufstehen.
Der Regen hatte aufgehört und die Morgensonne tauchte den Himmel in rotes Licht. Eigentlich perfekt für eine Jogging-Runde, dachte ich. Meine Füße waren zwar vom Tanzen noch etwas müde, aber ich beschloss, dass ich keine faulen Ausreden gelten lassen würde und Joggen genau das Richtige war, um den Kopf freizubekommen. Außerdem würde die Stimmung um diese Zeit an der Regnitz besonders schön sein. Also suchte ich meine Jogginghose, ein Shirt und meine Fleecejacke, zog mich an, setzte meine Mütze auf und trabte in meinen ausgelatschten Laufschuhen die Treppe hinunter.
Die Regnitz und die umliegenden Wiesen lagen noch im Nebel. Gemütlich lief ich am Flüsschen entlang, sog die kühle Luft ein und genoss den Anblick. Ich lief nie besonders schnell. Erstens kam ich sonst viel zu schnell aus der Puste und zweitens konnte ich so die Natur um mich herum länger genießen und alles andere ausblenden.
Ich war bereits auf dem Rückweg, als mein Telefon vibrierte. An einer Bank blieb ich stehen und holte mein Handy aus der Tasche. Mein Vater? Was wollte der denn so früh am Morgen? »Guten Morgen, ich habe mich erkältet, könntest du nachher einen Übungsflug für mich übernehmen?«, schrieb er.
Och, nö, dachte ich. Normalerweise hätte man mich nicht zweimal bitten müssen, ins Flugzeug zu steigen, aber heute hatte ich keine Lust. Inzwischen war es fast neun. Vielleicht war Marcus schon wach. Je nachdem, wie kurz seine Nacht gewesen war. Schmunzelnd dachte ich an das Pärchen vom Vorabend. Eine Nachricht konnte ich ihm ja schicken. Sollte er noch schlafen, hatte er sein Telefon hoffentlich nicht neben dem Kopfkissen liegen. Also tippte ich eine Nachricht für Marcus und eine für meinen Vater, um ihm zu sagen, dass ich mich um alles kümmern würde und er sich ausruhen sollte.
Auf der Regnitz schwamm ein Entenpärchen an mir vorbei. Die Entendame war deutlich größer als der Enterich. Ich beobachtete die beiden eine Weile. Blieben Enten nicht ein Leben lang zusammen? Ich hatte mal so etwas gehört. Der Enterich schnatterte herum, aber ob er gut- oder schlechtgelaunt klang, konnte ich nicht sagen. Hatten Enten überhaupt mal schlechte Laune? Stritt sich so ein Entenpärchen auch manchmal? Oder taten das nur wir Menschen?
Mein Handy riss mich aus meinen Gedanken. Marcus hatte eine Antwort geschickt: »Hallo, Hanne, schon wach? Ich kann leider nicht, bin noch in der Pfalz bei meinen Eltern und komme erst heute Abend oder morgen Früh zurück. Frag mal Werner, der kann bestimmt.«
Marcus war in der Pfalz? Dann waren die beiden am Vorabend doch nicht Caro und Marcus gewesen? Dabei hätte ich schwören können, Caros Stimme erkannt zu haben. Die ging doch wohl nicht fremd, während ihr Freund seinen Eltern einen Besuch abstattete? Nein, so etwas traute ich ihr nicht zu. Sicher hatte ich mich geirrt.
Werner war ebenfalls schon aktiv und antwortete auf meine Nachricht, ehe ich das Telefon wieder in der Tasche verstaut hatte. Er hatte Zeit, würde später sowieso am Flugplatz sein und könnte sich gerne ein wenig durch die Luft kutschieren lassen. Prima.
Langsam ließ ich die Regnitzwiesen hinter mir und lief zurück Richtung Innenstadt. Frischer Brötchenduft wehte mir um die Nase und ließ meinen Magen knurren. Ich hielt an, rieb mir über den Bauch und sagte leise: »Alles klar, ich habe dich schon verstanden, lieber Bauch.«
Die Türglocke klingelte leise, als ich in die warme Backstube trat. Hier drinnen war der Duft noch stärker. »Grüß Gott.«
»Grüß Gott, was hätten’s denn gern?«
Ich begutachtete die Auslage und konnte mich erst gar nicht entscheiden, so lecker sah das alles aus. Schließlich wählte ich zwei Brezen und zwei Hörnchen. Hinter mir klingelte erneut das Türglöckchen.
»Hallo, Hanne!«
Leicht erschrocken drehte ich mich um. Hinter mir stand Jessica, Joes Freundin.
»Oh, grüß dich, Jessi«, sagte ich, noch immer überrascht, eine Bekannte hier am frühen Samstagmorgen anzutreffen. Wir umarmten uns zur Begrüßung. »Habe ich mich erschrocken. Ich habe nicht erwartet, dass mich hier jemand anspricht«, sagte ich lachend.
»Was machst du denn hier in der Gegend?«
»Das gleiche wie du, nehme ich an. Frühstück organisieren. Ich war an der Regnitz laufen und jetzt habe ich Hunger. Wie geht es dir? Tut mir leid, dass ich letztens nicht mit ins Kino kommen konnte.«
»Mir geht es schon wieder viel besser. Ich war total erkältet, weißt du. Deshalb war ich letzte Woche auch nicht dabei. Am Montag hat es dann Joe umgehauen.«
»Ach, herrje.«
Die Bäckerin räusperte sich und fixierte uns ungeduldig. Ich nickte ihr entschuldigend zu und bezahlte meine Brötchen.
»Zwei Brezen und zwei von den Doppelsemmeln, bitte«, gab Jessica ihre Bestellung auf.
Ich wandte mich wieder Jessi zu. »Aber nicht, dass er Sven angesteckt hat!«
»Glaube ich nicht. Letztes Wochenende ging es ihm noch gut und danach haben sie sich ja nicht mehr gesehen.«
Ich zuckte zusammen. Was hatte Jessi da gerade gesagt? »Waren die beiden gestern nicht zusammen im Kino?«, fragte ich vorsichtig nach.
Jessica schüttelte den Kopf. »Nee, du, das wüsste ich«, sagte sie. »Joe ist gestern das erste Mal überhaupt aufgestanden. Der hustet sich die Lunge aus dem Leib. Du, ich muss los. Grüß Sven und sag ihm, Joe meldet sich nächste Woche sicher mal wieder bei ihm. Ciao, Hanne.« Jessica bezahlte, winkte mir noch einmal zu und verließ die Bäckerei. Ich war wie festgewurzelt und sah ihr immer noch verwirrt nach, obwohl sie längst weg war. Erst als die Bäckerin fragte, ob alles in Ordnung sei oder ob ich etwas vergessen hätte, klappte ich den Mund wieder zu, schüttelte den Kopf und stolperte hinaus auf die Straße.
Das heiße Wasser konnte die Kälte in mir nicht vertreiben. Ich weiß nicht, wie lange ich schon unter der Dusche stand, als ich langsam wieder zu mir kam und bemerkte, dass ich bereits zu Hause war. Das Hungergefühl war weg. Stattdessen hatte sich ein sehr unbehagliches Gefühl in meiner Magengegend breit gemacht. Sven war gar nicht bei Joe. Wo war er dann? Verzweifelt versuchte ich, mich zu konzentrieren, aber mein Kopf konnte keinen klaren Gedanken fassen. Scheiße, dachte ich, er geht tatsächlich fremd! Das durfte einfach nicht wahr sein. Aber eine andere Erklärung fand ich nicht. Zitternd zog ich mich an und kuschelte mich mit einer dicken Wolldecke auf das Sofa. »Beruhige dich, Hanne«, sagte ich zu mir selbst, während ich die letzten Wochen Revue passieren ließ.
»Hallo, Hanne.« Sven war gerade in die Wohnung gekommen und lugte ins Wohnzimmer. Ich saß schon eine ganze Weile in die Decke eingewickelt auf dem Sofa. Diese innere Kälte wollte einfach nicht weichen. Bevor ich irgendetwas sagen konnte, verschwand Sven schon wieder Richtung Küche. »Oh, du warst beim Bäcker. Hast du noch gar nicht gefrühstückt?«
Ich schluckte. »Keinen Hunger.« Sollte ich ihn direkt mit meinem Verdacht konfrontieren? Ich rief: »Du hast gar nicht erzählt, dass Joe total krank ist.«
Sven kam gerade mit einem Hörnchen in der Hand zurück ins Wohnzimmer und hielt abrupt inne. »Hä? Wieso? Hast du mit Joe gesprochen? Hast du mir nachspioniert oder was?«
»Wieso sollte ich dir nachspionieren? Dazu habe ich doch gar keinen Grund, oder? Ich habe Jessi zufällig in der Bäckerei in der Nürnberger Straße getroffen. Viele Grüße von ihr.« Ich atmete einmal tief durch, bevor ich fortfuhr: »Und Joe war gestern definitiv nicht im Kino. Habe ich da irgendetwas verpasst?«
Es dauerte einen Moment, bis Sven antwortete. »Ja, er fühlte sich nicht gut, da bin ich allein ins Kino. Komm schon, Hanne, was denkst du denn?«
Meine Stimme zitterte leicht, aber ich versuchte, ruhig zu bleiben. »Was glaubst du denn, was ich denke? Wenn du nachts noch extra schreibst, du bleibst bei Joe und warst da gar nicht. Was soll ich denn da denken?«
»Das ist doch Quatsch!«, rief Sven aus. »Denkst du etwa, ich habe ein Verhältnis oder was?«
»Hast du?«, fragte ich aufgebracht.
»Du spinnst!«, schimpfte Sven und lief aus dem Zimmer. »Ich hinterfrage ja auch nicht, was du gestern gemacht hast!«, rief er zurück. »Ob du wirklich mit Meli unterwegs warst.«
Wie bitte? Was sollte das denn jetzt? Ich stand auf und ging ihm nach. »Ach, ich spinne?«, rief ich lauter, als ich beabsichtigt hatte. Ich senkte die Stimme wieder und fügte hinzu: »Weißt du, ich war wirklich mit Meli unterwegs. Und weißt du, wo wir waren? In der Tapas-Bar, in der wir mal mit Marcus und Caro waren. Und rate mal, wo wir geparkt haben. Da, wo du und ich damals auch geparkt haben – in der Seitenstraße, in der Marcus und Caro wohnen. Und weißt du, wen ich da zufällig gesehen habe?« Es war ein Schuss ins Blaue. Aber ich hatte in den letzten Stunden viel gegrübelt. Und der Gedanke, den ich anfangs noch kopfschüttelnd weggewischt hatte, hatte sich immer wieder in den Vordergrund meiner Grübelei gedrängt. Bis er sich nicht mehr wegwischen ließ.
Sven senkte den Kopf. »Hanne«, sagte er ertappt. Er kam einen Schritt auf mich zu, doch ich wich zurück.
»Du und Caro?«
»Hanne, das ist einfach so passiert!«
»Einfach so passiert? Seit wann, Sven?«
»Ach, das ist alles gar nicht so, wie du denkst!« Sven drückte sich an mir vorbei. Er trat die Flucht an. Wenn es unbehaglich für ihn wurde, flüchtete er. Ich lief hinter ihm her und stellte mich ihm in den Weg.
»Seit wann, Sven?«, wiederholte ich meine Frage mit zitternder Stimme. »Hast du dich in der letzten Zeit mir gegenüber deshalb wie ein Arschloch verhalten? Damit mir die Trennung nicht so schwerfällt?«
»Hanne, das ist doch Quatsch!«
Fassungslos starrte ich ihn an. »Das ist Quatsch? Du vögelst mit einer gemeinsamen Bekannten und denkst, danach kannst du mich gemütlich anmotzen?«
»Hanne, jetzt halt mal die Luft an! Wenn ich dich in der letzten Zeit angemotzt habe, dann, weil du mich genervt hast!«
»Und das ist ein Grund, fremdzugehen?« Das wurde ja immer besser.
»Du verdrehst mal wieder alles!«, fauchte Sven.
»Ich verdrehe alles? Ich glaube, du verdrehst! Immer, wenn du schlechte Laune hast, versucht du, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben! Ich bin doch immer schuld!«, schimpfte ich.
»Lass mich durch, Hanne, ich muss raus!« Sven drückte sich an mir vorbei und zog sich seine Jacke über. Er war schon im Treppenhaus, als ich ihm hinterherrief: »Das war ja klar, dass du jetzt abhaust! Weiß Marcus eigentlich Bescheid?«
Sven hielt inne und drehte sich um. »Wehe, du sagst …!« Mehr hörte ich nicht. Mit einem Rumms schlug ich die Wohnungstür hinter Sven zu und sank in mich zusammen.
5
Immer noch zitternd schloss ich die Seitentür des Flugzeughangars auf. Wie hatte er mir das antun können? Was hatte ich gemacht, was ihm Anlass zum Fremdgehen gegeben hatte? Wir waren doch eigentlich ein tolles Paar. Wir hatten ein gemeinsames Hobby. Und guten Sex hatten wir auch. Zumindest früher. In der letzten Zeit war der tatsächlich nicht mehr so stürmisch gewesen. Aber das lag nicht an mir. Jedenfalls nicht nur. Oder doch? Den ganzen Weg zum Flugplatz hatte ich geweint. So ein Arschloch, fluchte ich immer wieder, während ich mir einen Weg zu meinem Flugzeug bahnte. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Dann begann ich, die restliche Bespannung von den Flügeln zu entfernen.
»Hanne? Hallo, wie geht es dir? Was machst du denn hier? Hast du keine gemütlichere Beschäftigung für einen Samstagnachmittag gefunden?« Das war Werner.
Ich lugte hinter meinem Flugzeug hervor. Von der Vorderseite des Hangars schien Licht herein, sodass man den Staub tanzen sah. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass jemand hereingekommen war. »Oh, Werner. Grüß dich. Geht deine Flugstunde schon los?« Ich verbarg mein Gesicht, so gut es ging. Werner musste ja nicht gerade mitbekommen, wie verheult ich war. Zum Glück blieb er mit einigem Abstand stehen.
»Ja, gleich. Ich wollte etwas früher kommen und schon mal tanken. Ich habe dein Mofa gesehen, da dachte ich mir, dass du hier bist. Alles klar bei dir?«
»Hmja, ich musste ein bisschen arbeiten.«
»Ein bisschen?« Werner grinste und ließ seinen Blick über den Fußboden schweifen. Er zeigte auf die Fetzen. »Was sagt denn dein Mann dazu, dass du ihn an so einem schönen Wochenende allein zu Hause sitzen lässt? Oder hat er dich etwa versetzt?«, fragte er lachend.
Autsch, das saß. Werner, du hast ein Taktgefühl wie eine Dampfwalze, dachte ich. Ich schluckte und spürte die aufkommenden Tränen. »So in der Art«, presste ich mühsam hervor.
»Werner? Hallo? Bist du schon da?«, rief jemand vom Vorfeld in den Hangar hinein. Der andere Pilot war gekommen. Werner drehte sich um, rief ihm einen Gruß zu, murmelte etwas zum Abschied und ging nach draußen.
Ich ließ mich zurück auf den Boden sinken. Etwas zu schnell. Aber als ich es bemerkte, war es schon zu spät. Mit einem heftigen Klong schlug mein Kopf auf den Beton. »Verfluchte Scheiße!«, schimpfte ich und rieb mir den Hinterkopf. Das tat weh. Aber es half mir, mich etwas zu beruhigen. Als Werner weg war, krabbelte ich unter dem Flieger hervor. Vorsichtig tastete ich meinen Hinterkopf ab. Die Beule spürte ich jetzt schon. Die zweite innerhalb einer Woche. Ich bückte mich, um die Bespannungsreste aufzusammeln und in einen Müllsack zu stopfen.
Erst, als es dunkel war und der Flugplatz schon geschlossen hatte, trat ich auf das Vorfeld hinaus. Ich schloss die Tür zum Hangar ab und ließ meinen Blick über die Landebahn schweifen. Vom Flugplatzcafé drang leises Gelächter herüber. Maria und Carlo, die das Restaurant betrieben, machten gerade Feierabend und ich sah, wie die beiden die Tür abschlossen und dann Arm in Arm Richtung Parkplatz gingen. Ansonsten war niemand mehr zu sehen. Ich sog die kühle Luft tief ein und machte mich auf den Weg zum Büro der Flugschule. Es lag nicht weit vom Hangar entfernt in einem Nebengebäude.
Das Neonlicht ließ mich blinzeln und es dauerte etwas, bis ich mich an das grelle Licht gewöhnt hatte. Ich legte meine Tasche auf einen der Tische und mein Blick fiel auf die Luftaufnahmen an den Wänden. Einige hatte ich mit Sven gemacht, letzten Sommer während einer Tour nach Dänemark. Mit vier Maschinen waren wir mit Flugschülern, Freunden und Charterkunden eine Woche lang unterwegs gewesen.
Langsam bemerkte ich, dass ich nicht nur komplett durchgefroren war, sondern außerdem den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Appetit hatte ich nicht, aber mir war inzwischen etwas flau in der Magengegend. Kein Wunder. Ich war heute Morgen sogar laufen. Und die Brezen lagen wahrscheinlich immer noch auf dem Küchentisch, wenn Sven nicht zurückgekommen war und sie aufgegessen hatte. In einer Ecke des Raumes war eine kleine Teeküche eingerichtet. Dort fand ich in einem der Schränke noch ein paar Tütchen mit Fertigsuppen. Lustlos füllte ich Wasser in den Wasserkocher und wartete, dass es kochte.
Mit Suppe und Tee hockte ich mich auf einen der Stühle und schob die Luftfahrtkarten beiseite, die auf dem Tisch lagen. Ich hatte schon eine ganze Weile in der Suppe herumgerührt, ohne einen Löffel davon gegessen zu haben, als mein Telefon vibrierte. Ich fischte es aus der Jackentasche und starrte auf das Display. Insgesamt 15 Nachrichten, davon 13 von Sven. Eine Nachricht war von Meli, die sich erkundigte, ob ich gut geschlafen hatte. Ich fragte zurück, ob sie die nächste Woche ohne mich zurechtkämen, ich würde mich nicht gut fühlen und es später erklären. Die letzte Nachricht war von Marcus. Er fragte, wann genau die Teambesprechung morgen bei Rudi stattfinden würde. Die Teambesprechung … Die hatte ich ganz vergessen. Ich würde sie absagen müssen. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war eine Besprechung mit Werner, Rudi und Marcus. Der Arme. Anscheinend wusste er noch nicht Bescheid. Ob Sven bei Caro war und mit ihr diskutierte, ob und wie sie das alles Marcus erklären wollten?
Ich drückte auf »Sven« und löschte seine Nachrichten, bevor ich sie gelesen hatte. Es war mir egal, was er geschrieben hatte. Ich wollte nichts von ihm hören, lesen oder wissen und schaltete das Handy aus.
Müde rollte ich mir nach dem Essen Schlafsack und Isomatte in unserem kleinen Büro neben dem Vorbereitungsraum aus. Bevor ich von zu Hause losgefahren war, hatte ich sie zusammen mit ein paar Klamotten, meiner Zahnbürste und meinem Laptop eingepackt. Natürlich hätte ich auch bei Meli oder meinem Vater pennen können, aber ich hatte weder Lust auf Familientrubel noch auf Erklärungen, die ich Rudi hätte geben müssen. Außerdem war er ja krank und hatte somit eigene Sorgen. Kaum hatte ich mich in meinen Schlafsack gelegt, fiel ich auch schon in einen unruhigen Schlaf.
***
»Hanne? Was machst du denn hier?«
Ich blinzelte. Es war bereits hell, aber wie spät war es? Und wo war ich? Ach ja, im Büro der Flugschule. »Marcus? Wie spät ist es? Ich dachte, du bist bei deinen Eltern?«
»Das war ich auch, bis …« Er schaute auf seine Armbanduhr. »… bis vor drei Stunden. Wieso schläfst du hier? Mannomann, siehst du fertig aus. Hast du mal wieder zu lange an deinem Flieger gebastelt und wolltest Sven nicht wecken?«
Er wusste es noch nicht. »Warst du noch nicht zu Hause?«, fragte ich vorsichtig.
»Nee. Ich wollte erst noch was holen wegen unserer Besprechung nachher.«
Ach, verdammt. Ich hatte doch noch vergessen, das Treffen abzusagen. »Oje, die wollte ich absagen und habe es vergessen. Bist du extra deshalb früher gekommen?«
»Nein, nicht nur deshalb. Caro und ich haben heute unser Fünfjähriges und ich wollte noch mit ihr essen gehen. Soll eine Überraschung werden.«
Ich schluckte. »Du, Rudi ist total erkältet. Und ich fühle mich auch nicht gut. Lass uns das Treffen verschieben, ja? Kannst du noch Werner Bescheid geben? Bitte?«
»Klar, wenn es dir nicht gut geht. Was ist denn los? Du siehst wirklich nicht gut aus. Und wieso schläfst du hier?«, wiederholte er seine Frage.
Ich starrte ihn einfach nur an, spürte, wie die Tränen sich schon wieder ihren Weg bahnten und konnte nicht anders. Ich heulte einfach los. Marcus sah mich bestürzt an, ging in die Hocke und nahm mich in den Arm. Irgendwann richtete ich mich auf. »Oh, entschuldige. Ich habe dein ganzes Hemd vollgesabbert.«
Marcus schaute an sich hinunter und lächelte. »Halb so wild. Hey, was ist denn passiert? Ähm, wenn du darüber reden möchtest.« Er stand ebenfalls wieder auf und schaute mich mitfühlend an. Was sollte ich jetzt machen? Halbe Wahrheit? Die ganze Wahrheit konnte ich ihm doch nicht antun.
»Sven …«, brachte ich nur hervor. Da war ein dicker Kloß in meinem Hals, der mich am Weiterreden hinderte.
»Du musst nicht mit mir darüber reden. Soll ich dich lieber erst einmal allein lassen? Dann schreibe ich den anderen, dass wir das Treffen verschieben und mache mir bis dahin einfach selbst noch ein paar Gedanken, wie wir die Bekanntheit der Flugschule steigern können. Okay? Ich mache mich dann mal auf den Weg zu Caro. Sie hat heute Vormittag wieder hier in Erlangen Dienst. In der neuen Filiale vom Fitness-Studio.«
Ich sagte nichts. Sah ihn einfach nur an. Marcus nickte, drückte meinen Arm und ging aus dem Büro. Ich stand da wie festgewachsen. Hatte er Fitness-Studio gesagt? Caro arbeitete in der neuen Filiale, in der Sven seit Neustem immerzu abhing? Ich riss mich aus meiner Lethargie und rannte aus dem Büro. »Marcus?« Aber er war schon weg.
»Hanne!«
Erschrocken drehte ich mich um. Meli stand vor dem Büro und klopfte gegen die Fensterscheibe. Sie winkte. Ich deutete ihr an, zur Tür zu kommen und stand auf. Inzwischen war es um die Mittagszeit.
»Hanne, hier steckst du!«, rief sie, als sie mir gegenüberstand.
»Woher weißt du, dass ich hier bin?«, fragte ich müde.
»Hanne, ich habe deine Nachricht bekommen, dass du Vertretung brauchst, aber ich konnte dich nicht mehr erreichen. Und bei dir zu Hause war auch niemand. Wo könntest du dann wohl sein?« Meli drängte sich an mir vorbei. »Hast du einen Tee für mich? Mir ist echt kalt.« Ich nickte und schlurfte zur Teeküche, um Wasser aufzusetzen. Meli folgte mir und sagte: »Komm mal her, du.« Als ich mich zu ihr umgedreht hatte, nahm sie mich in den Arm und drückte mich fest an sich. Ich spürte neue Tränen in mir aufsteigen, aber noch konnte ich sie unterdrücken. In den letzten Stunden hatte ich mehr als genug geweint. Als der Wasserkocher aussprang, löste ich mich aus der Umarmung, holte eine Packung mit Teebeuteln und zwei Tassen aus dem Schrank über der Spüle und goss das kochende Wasser auf.
Meli saß schon am Tisch, als ich mit dem dampfenden Tee aus der Teeküche kam und sah mich erwartungsvoll an. »Danke. Ich weiß ja gar nicht, was seit Freitag passiert ist. Hast du mit Sven gesprochen? Magst du reden?«
Ich nickte, setzte mich auf einen Stuhl neben meine Freundin und zog ein Bein hoch, um mein Kinn auf dem Knie abzustützen.
»Und? Muss ich dir jetzt jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen?« Meli stupste mich an. Also erzählte ich. Meli hörte einfach nur zu. Als ich an dem Punkt angekommen war, an dem ich meine Sachen gepackt und zum Flugplatz gefahren war, nahm sie mich in den Arm.
»Willst du eine Weile zu uns ziehen?«, fragte sie vorsichtig.
»Nein, das ist lieb von dir, aber ich hätte lieber etwas mehr Ruhe. Bitte entschuldige.«
»Hey, du musst dich nicht entschuldigen! Das verstehe ich doch. Und jetzt? Hat Sven sich schon gemeldet?«
»Ich habe seine Nachrichten gelöscht. Keine Ahnung, was er geschrieben hat. Du, ich fühle mich total elend.«
»Na, das ist ja auch kein Wunder!«, schimpfte Meli. »Was ist denn in den Kerl gefahren, dass er dich betrügt! Und dann auch noch mit der Freundin eures Fluglehrers!«
»Marcus war vorhin hier und er wusste das noch gar nicht. Und ich habe ihm nichts erzählt.« Ich machte mir inzwischen wirklich Vorwürfe, dass ich zu feige gewesen war, ihm etwas zu sagen.
»Hanne, das ist auch nicht deine Aufgabe. Das muss Caro tun.«
»Aber er tut mir so leid. Er hatte eine Überraschung für sie geplant«, rief ich und schluchzte doch wieder los.
»Das macht es natürlich nicht einfacher. Aber mach dich doch deshalb nicht fertig.« Meli stand auf. »Hast du überhaupt schon etwas gegessen?«
»Keinen Hunger.«
»Nix da, du isst jetzt etwas. Ich hole uns was vom Restaurant nebenan, in Ordnung?«
»Meli, danke, aber musst du nicht ins Café?«
»Mach dir keine Gedanken. Meine Schwiegermutter ist da. Ihre Schwester ist gestern aus München gekommen und passt auf die Kinder auf. Bin gleich wieder da.«
Ehe ich noch etwas erwidern konnte, war Meli schon weg. Keine halbe Stunde später kam sie mit zwei Tellern Pizza zurück und stellte einen vor mich auf den Tisch.
»Danke, Meli.« Ich nahm ein Stück von der Pizza und biss vorsichtig ab. Eigentlich hatte ich wirklich Hunger. Und die Pizza hier war gut. Unter normalen Umständen hätte sie mir sicher bestens geschmeckt. Heute aber schmeckte sie fad, trotz Artischocken und Champignons.
»So«, sagte Meli kauend. Ihr schmeckte ihre Quattro Formaggi anscheinend sehr gut. »Wie geht es jetzt weiter?«
»Wenn ich das wüsste«, sagte ich mit einem Seufzen.
Ich kaute lustlos an meinem letzten Pizzastück herum, als Sven den Kopf durch die Tür steckte. Was wollte der denn jetzt hier?
»Hey, Hanne, hier steckst du. Hallo, Meli.« Sven nickte ihr kurz zu, während Meli ihn böse anfunkelte. Dann wandte er sich wieder mir zu. »Hanne, kann ich bitte mit dir reden, du gehst nicht an dein Telefon.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich will aber nicht mit dir reden.«
»Wir müssen aber reden!«
»Ach, jetzt auf einmal müssen wir reden?«
Meli schaute zwischen uns hin und her. »Soll ich mal lieber gehen, Hanne?« Sie stand auf, aber ich hielt sie zurück.
»Nein, bleib.« Dann wandte ich mich an Sven. »Du solltest jetzt besser gehen!«, sagte ich.
»Hanne!«, rief Sven. »Das ist doch albern.«
»Albern? Du findest es albern, dass ich gekränkt bin, weil du was mit Caro hast?«
»Ich wollte nicht so mit dir Schluss machen, Hanne!«
»Wie denn dann? Erstmal gucken, ob das gut passt mit euch beiden? Weißt du, wie ich mich fühle?!«, schrie ich aufgebracht.
Sven senkte den Kopf. »Wir wollten es euch sagen. Bald.« Er schwieg kurz. Dann fuhr er fort: »Und du musst doch einsehen, dass es mit dir und mir nicht mehr lange gutgegangen wäre.«
Meli stand nun doch auf. »Hanne, ich lasse euch lieber mal in Ruhe reden, in Ordnung?«
Sie nahm ihren leeren Teller, um ihn zurück zum Flugplatzcafé zu bringen und griff nach meinem Teller. Gerade noch rechtzeitig, denn ich hatte plötzlich das Bedürfnis verspürt, Sven etwas an den Kopf zu werfen und den Teller erspäht. Alles, was meine Hand nun zu greifen bekam, war ein Kugelschreiber. Den schmiss ich mit voller Wucht nach Sven. Der wehrte ab und schimpfte: »Spinnst du? Du bist ja verrückt geworden!«
Meli ging mit den Tellern in der Hand zu Sven und schob ihn aus der Tür. Er wollte protestieren, ging dann aber mit ihr nach draußen. Ich hörte noch, wie die beiden vor dem Gebäude diskutierten. Dann wurde es ruhig. Draußen jedenfalls. Ich war alles andere als ruhig. Ich bebte und fühlte mich so gedemütigt. Wie lange lief das zwischen den beiden schon? Wie oft hatten sie sich getroffen? Ich wusste es nicht und ich wollte es auch nicht wissen. Oder doch? Damit ich mich noch schlechter fühlen konnte? Jetzt kamen sie schon wieder, die Tränen. Ich löschte das Licht, ging zu meiner Isomatte und verkroch mich in meinen Schlafsack.
6
Ich wurde wach, weil mir jemand über die Haare strich. Erschrocken richtete ich mich auf, doch dann sah ich, dass es mein Vater war. »Hallo, Prinzessin.« Seit ich denken konnte, nannte mein Vater mich schon so. Er nahm mich in den Arm. Ich fühlte mich gleich geborgen in seinen Armen. Wie früher.
»Woher weißt du …?«
»Meli hat mich angerufen. Wie geht es dir?«
»Ach, Papa. Nicht gut.«
»Hey, das wird wieder. Der kriegt sich wieder ein.«
»Der muss sich nicht wieder einkriegen.«
»Was denn, so schlimm?«
»Papa, Sven hat ein Verhältnis mit der Freundin von Marcus«, klagte ich.
»Oh, das hat Meli mir nicht erzählt. Mit der Caro? Sven? Das ist ja ein Ding! Und was sagt Marcus dazu?« Mein Vater schniefte und suchte ein Taschentuch.
Ich zuckte mit den Schultern und reichte ihm eins von meinen. »Hier, ich habe genug. Wie geht es denn deiner Erkältung?«
»Och, der geht es gut«, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. »Aber keine Sorge. Mir geht es auch schon wieder besser. Soll ich dir mal einen Tee machen? Oder einen Kaffee?«
»Danke, Papa. Kaffee wäre prima.«
»Dann schau ich mal, ob ich Elsa erwärmen kann, uns was Gutes zu tun.«
Elsa, das war die gute Seele unserer Flugschule: unsere Kaffeemaschine. Den Namen hatte ich ihr gegeben. Ich krabbelte aus dem Schlafsack und folgte meinem Vater in den Nachbarraum. Er werkelte noch an der Kaffeemaschine herum.
»Guck mal, da!«, rief er und zeigte auf einen kleinen Pappkarton, der auf dem Tisch stand. Am Vortag hatte er da noch nicht gestanden. Ich ging zum Tisch und schaute in den Karton, aber er war leer. Fragend sah ich meinen Vater an, der mit zwei Tassen duftendem Kaffee zum Tisch kam.
»Was meinst du?«, wollte ich wissen.
»Na, die Schachtel.«
»Die ist leer«, stellte ich fest.
»Ja«, brummte mein Vater. »Und deshalb ist da jetzt auch genügend Platz für deine Sorgen. Das ist eine Sorgenschachtel und du füllst die jetzt. Dann geht es dir besser.«
Nun musste ich doch schmunzeln.
»Ha, wusste ich doch, dass ich dich wieder zum Lächeln bringe. So, einmal schütteln und dann verschließen wir das Ding und stellen es hoch auf das Regal.«
Ich lachte, schüttelte mich und schloss schnell den Karton. »So?«
»Perfekt!«, grinste Rudi. »Besser?«
»Etwas …«
»Dann machst du das heute Abend nochmal und später einfach bei Bedarf.«
»Alles klar, Herr Doktor«, sagte ich und rieb mir den restlichen Schlaf aus den Augen. »Aber kommen die Sorgen dann nicht wieder raus?«
»Nein, nein, davon ernährt sich die alte Schachtel. In einer Stunde ist sie wieder leer.«
»Aha«, machte ich und stellte die Schachtel auf ein Regal. Mein Vater war wirklich etwas Besonderes. Kein Wunder, dass meine Mutter so viel mit ihm gelacht hatte, als sie noch lebte. »Papa, denkst du noch viel an Mama?«
Traurig nickte er. »Ja, oft. Und du ähnelst ihr immer mehr, Prinzessin.« Ich nahm ihn in den Arm und er drückte mich fest an sich.
»Willst du dich auch einmal schütteln?«, fragte ich. »Dann hole ich die Schachtel wieder runter.«
»Nein, nein, die hat gerade genug zu verdauen«, sagte er und lächelte schon wieder. »Apropos. Hast du schon einen Namen für sie?«
»Für die Schachtel?«
»Ja, natürlich. Du gibst doch hier immer allem irgendwelche sonderbaren Namen.«
Hm, ein Name für eine Sorgenschachtel? »Soscha«, sagte ich kurzerhand.
Mein Vater schmunzelte erneut. »Das passt«, nickte er. »Kommst du mit zu mir? Ich habe noch Kartoffelsuppe. Die hilft immer.«
Wollte ich mit meinem Vater kommen? Ich nickte. »Ja, Papa, ich komme mit. Wie könnte ich bei deiner Kartoffelsuppe Nein sagen? Danke.«
Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ging nach nebenan ins Büro, um meine Sachen zu holen.
»Jetzt besser?«, fragte mein Vater, als er die leeren Suppenteller abräumte.
»Danke, Papa.« Ich lehnte mich zurück und streckte mich. Dank einer langen warmen Dusche und der Kartoffelsuppe war mir wieder warm geworden. Allerdings hatte ich Kopfschmerzen und im Hals kratzte es verdächtig. »Ich glaube, jetzt werde ich auch krank.«
»Ach, herrje. Und ich bin schuld!«, rief mein Vater.
»Nee, Papa, bist du nicht. Ich habe das halbe Wochenende in der Kälte im Hangar gewerkelt. Da habe ich mich verkühlt. Wenn jemand die Schuld dafür hat, dann höchstens Sven. Aber nicht mal der kann was dafür, dass ich nicht auf die Kälte geachtet habe.«
»Ach, Hanne. Leg dich doch aufs Sofa.«
Ich nickte, ging ins Wohnzimmer und kuschelte mich in die alte Wolldecke, die auf dem Sofa lag.
»Ich habe dir auch schon das Gästebett bezogen«, rief mein Vater aus der Küche. Mehr hörte ich nicht, denn ich schlief sofort ein.
***
Es ging mir schlecht. Nicht nur wegen Sven. Ich hatte Fieber, höllische Kopfschmerzen und Husten. Wäre ich allein gewesen, hätte ich die letzten Tage wahrscheinlich weder gegessen noch ausreichend getrunken. Aber mein Vater umsorgte mich wie zu den Zeiten, als ich noch ein Kind war. Und manchmal fühlte ich mich tatsächlich wieder wie ein Kind. Ich träumte sogar mehrmals von meiner Mutter. Von den Urlauben, die wir zusammen unternommen hatten. Wir waren so glücklich gewesen. Bis zu dem blöden Unfall. Eigentlich hatte ich gedacht, dieses Glück mit Sven teilen und eine eigene Familie mit ihm gründen zu können. Doch auch das hatte nicht geklappt. Als ich an ihn dachte, versetzte es mir sofort einen Stich ins Herz. Meli mochte recht haben – in der letzten Zeit war er oft an die Decke gegangen und hatte seine schlechte Laune an mir ausgelassen. Doch ich liebte ihn immer noch und es verletzte mich zutiefst, was passiert war. So drehten sich meine Gedanken im Kreis, bis mir ganz schwindlig wurde.
Das Telefon klingelte. Mein Vater war nicht da, also angelte ich mir den Hörer. »Frantz«, krächzte ich.
»Hanne.«
»Sven? Was willst du?« Ich wollte das Gespräch wegdrücken, doch Sven rief: »Bitte, Hanne, nur ganz kurz!«
»Was?«
»Ich wollte dir nur sagen, ich werde am Wochenende meine Sachen aus der Wohnung räumen. Ich habe kurzfristig etwas anderes gefunden.«
»Ähm«, machte ich. Na prima. Und jetzt? So weit hatte ich in den letzten Tagen noch gar nicht gedacht. Was sollte ich jetzt machen? Die Miete war für mich allein doch viel zu hoch. Außerdem lief der Mietvertrag auf Sven. »Und ich?«
»Na, wir können den Vertrag auf dich ändern. Das sollte kein Problem sein.«
»Sven, ich kann mir die Miete aber allein nicht leisten!«
»Hanne, ich wollte nicht, dass es so endet, aber …« Ich legte auf. Was jetzt? Sven hatte das verbockt, sollte er sich um die Wohnung kümmern. Ich kochte innerlich. Vorsichtig stand ich auf. Ich war noch ziemlich wacklig auf den Beinen, aber es ging mir besser. Körperlich jedenfalls. Das Fieber war weg und die Kopf- und Gliederschmerzen auch. Ich rief Meli an.
»Meli, ich brauche eure Hilfe.«
»Hallo, Hanne. Wie geht es dir überhaupt?«
»Geht so.«
»Wie können wir dir helfen?«
»Ich muss meine Sachen aus unserer Wohnung holen.«
»Hat er dich rausgeschmissen?« Meli brauste schon wieder auf.
»Nein, er will ausziehen und die Wohnung mir überlassen. Das kann ich mir aber nicht leisten.« Außerdem wollte ich ganz sicher nicht in unserer gemeinsamen Wohnung leben, in der mich jede Ecke an Sven erinnern würde. »Kannst du mir helfen?«
»Ja, natürlich. Und wohin willst du deine Sachen tun? Hast du schon eine neue Bleibe?«
»Nein, aber ich dachte, ich frage Kristian, ob am Flugplatz noch eine Ecke im Westhangar frei ist. Da könnte ich vielleicht die Sachen lagern. Viele Möbel sind ja nicht von mir.«
»Okay … Wann willst du ausziehen? Geht es dir besser?«
»Ein bisschen schwach. Habt ihr heute Abend Zeit?« Ich musste Sven unbedingt zuvorkommen.
»Was, so schnell?«, rief Meli. Eine Weile sagte sie nichts. Bevor ich fragen konnte, ob sie noch da wäre, fügte sie hinzu: »Ich frage Sami und melde mich gleich wieder. In Ordnung?«
»Danke, Meli.«
Ich legte auf, straffte die Schultern und ging in die Küche, um mir erst einmal einen Kaffee zu holen. In den letzten Tagen hatte ich nur Kamillentee getrunken. Der Kaffee war zwar schon kalt, aber er half mir. Langsam spürte ich, wie meine Energie wiederkam. Als Nächstes rief ich Kristian an, einen der Flugleiter vom Flugplatz. Er bestätigte mir, dass es für eine kurze Zeit kein Problem sein sollte, ein paar Kartons am Flugplatz abzustellen, solange sich der benötigte Platz in Grenzen hielt. Und er hatte sogar Zeit, mir am Abend beim Ausräumen zu helfen.
Als ich meine Jeans anzog, stellte ich fest, dass ich in den letzten Tagen wirklich nicht viel gegessen hatte. Jedenfalls rutschte die Hose und ich musste mir einen Gürtel von meinem Vater suchen.
Sven war glücklicherweise nicht da, als ich die Wohnung betrat. Seltsam, sie kam mir total fremd vor. Sie roch auch fremd. Dabei war ich doch nur wenige Tage nicht hier gewesen. Ich stellte die Umzugskartons in den Flur, die ich aus dem Keller geholt hatte. Dann ging ich durch die Räume und es versetzte mir einen Stich. Wie konnte das alles nur so schnell passiert sein? Es war doch gar nicht lange her, dass ich hier mit meinem Freund glücklich war und Zukunftspläne geschmiedet hatte. Meinem Ex-Freund. Der Kloß in meinem Hals drückte noch mehr, als ich ins Schlafzimmer ging. Das Bett war nicht gemacht. Dabei war Sven doch so ein Ordnungsfanatiker. Vielleicht hatte er gar nicht hier geschlafen, sondern in Nürnberg? Und Marcus? Was war mit dem? Der musste sich doch bestimmt genauso beschissen fühlen wie ich. Armer Kerl, dachte ich wieder.
Ich nahm meinen Trecking-Rucksack, der auf dem Schlafzimmerschrank lag und warf ihn aufs Bett. Dann holte ich Kleidungsstück für Kleidungsstück aus dem Schrank und aus den Schubladen. Es war schon von Vorteil, wenn man nicht viel Krempel besaß. Nach der Kleidung kamen die Bücher und meine CDs. Was sollte ich mit den CDs machen, die wir uns gemeinsam gekauft hatten? Ich legte sie auf den Wohnzimmertisch. Der blieb eh hier, denn Sven hatte ihn damals mit in die Beziehung gebracht, so wie die gesamte Wohnzimmereinrichtung. Sollte er entscheiden. Ich legte meine Sachen in einen Karton, ebenso meine Luftfahrtkarten und Ordner. Bald waren alle Kartons voll, obwohl ich noch nicht einmal in der Küche oder im Bad gewesen war. Anscheinend besaß ich doch mehr, als ich gedacht hatte.
Es klingelte. Meli und Sami waren gekommen. Die beiden begrüßten mich mit einer herzlichen Umarmung und sahen mich fragend an. »Hanne, du siehst furchtbar aus. Geht es dir wirklich besser?«
»Geht schon, danke«, entgegnete ich und versuchte mich an einem Lächeln.
»Wir haben unseren Wagen unten. Sollen wir schon was mit runternehmen?«, wollte Sami wissen. Er stiefelte bereits durch die Wohnung und prüfte das Gewicht der Kartons, die ich zusammengepackt hatte. Nach dem letzten Karton nickte er zufrieden. »Alles rückenfreundlich verpackt«, sagte er. »Sehr gut.«
»Hanne, das sieht hier voll traurig aus. Wie schaffst du das?«, fragte Meli mit einem Blick auf die Wände, von denen ich meine Bilder bereits abgehängt hatte.
Ich schluckte. »Geht schon. Aber ja, in mir drin sieht es nicht besser aus als hier. Leere Wände, ausgeräumte Regale … Das trifft es ziemlich gut.« Ich ging in die Küche. »Ich fürchte, dass ich doch mehr besitze, als ich dachte. Die Kartons reichen wohl nicht. Habt ihr noch welche?«
Meli schüttelte den Kopf. »Die hat damals alle mein Bruder mitgenommen. Ich habe höchstens Wäschekörbe. Aber ich könnte kurz zum Baumarkt fahren und welche besorgen. Soll ich?«
Ich zuckte nur mit den Schultern und machte eine Schublade nach der andern auf. »Was mache ich mit den Sachen, die wir uns gemeinsam gekauft haben?«
Meli wusste auch keinen Rat. »Irgendwie aufteilen?«
»Aber wie?« Ich ließ mich verzweifelt auf einem der Küchenstühle nieder. »Diese Schale ist noch von meiner Mutter. Die kommt auf jeden Fall mit. Und die Flieger-Tassen sind auch meine. Das da kann Sven behalten.« Ich zeigte auf ein Kaffeeservice und schüttelte mich. »Das haben wir mal zu Weihnachten von seinen Eltern bekommen. Schrecklich, was?«
Ich nahm noch ein paar Dinge aus den Schränken und stellte sie zusammen. Aus den Vorratsschränken holte ich mir nur meine Teevorräte und mein Lieblingsmüsli. Das mochte Sven sowieso nicht. Im Badezimmer sammelte ich meine Duschsachen und ein paar weitere Habseligkeiten ein und packte alles zusammen in den Wäschekorb, der im Bad stand. Inzwischen war auch Kristian gekommen. Er hatte noch ein paar Umzugskartons in seinem Keller gefunden und vorausschauenderweise mitgebracht.
»Fertig«, sagte ich irgendwann.
»Wie, das ist alles? Mehr ist nicht von dir?«, fragte Meli erstaunt.
»Mehr will ich nicht. Soll er sehen, was er mit dem Rest macht. Ist mir egal. Lass uns gehen. Sven wird sich schon melden, wenn ich etwas vergessen haben sollte.«
Ich blickte noch einmal zurück. Hatte ich wirklich alles, was mir wichtig war? Ich schlug mir an die Stirn, rief: »Ach, der Balkon!«, und sprintete noch einmal durch die Wohnung. Zurück kam ich mit einem alten Rattansessel, dazu passendem Tischchen und einem Blumenregal. »Von meiner Oma!«, erklärte ich. Kristian und Sami nahmen die restlichen Möbel in Empfang und brachten sie zum Auto.
Mir blieb nur noch, den Wohnungsschlüssel von meinem Schlüsselbund abzupfriemeln und endgültig auf die Flurkommode zu legen. Dann nickte ich Meli zu, schob sie aus der Wohnung und zog die Tür hinter mir ins Schloss.
»Fertig. Lass uns aufbrechen. Ich habe keine Lust, Sven doch noch zu begegnen.«
7
Ich lebte nun schon eine Weile bei meinem Vater und litt. Rudi hatte alle Mühe, mich aufzumuntern. Und auch Melis Versuche, mich aus meiner Lethargie zu holen, schlugen meist fehl. Sven war kurz nach meinem Auszug nach Hause gekommen und hatte sich ziemlich aufgeregt. Er hatte sofort versucht, mich zu erreichen und mich schließlich bei meinem Vater angetroffen. Wie ich mir das vorgestellt hätte, wollte er wissen. Er hatte sich die Suppe eingebrockt, sollte er sie auch auslöffeln. Das war jedenfalls meine Meinung.
Inzwischen arbeitete ich wieder im Café. Meli sagte zwar, ich sähe gar nicht gut aus und hätte mich am liebsten wieder heimgeschickt. Aber sie tat es nicht, aus Sorge, dass ich mich dann noch mehr verkrochen hätte. Das hätte ich wahrscheinlich auch getan. Heute war es relativ ruhig. Ich räumte gerade einen Tisch ab, als die Tür aufging. Ein älterer Herr kam herein. Er war Stammgast im Café.
»Grüß Gott, Herr Albert«, rief ich ihm zu und versuchte ein Lächeln. »Wie geht es Ihnen? Ich bringe Ihnen gleich Ihren Kaffee. Möchten Sie ein Stückchen Käsesahnetorte dazu haben? Die ist vorzüglich, wie immer.«
Herr Albert lächelte, nickte und nahm Kurs auf einen Eckplatz am Fenster, an dem er fast immer saß.
»Danke, Frau Frantz. Gerne.«
Ich nahm ihm seinen Mantel und den Hut ab und brachte alles zur Garderobe. Als ich mit Kaffee und Kuchen zurückkam und das Gedeck auf dem Tisch abstellte, fixierte Herr Albert mich und hielt meinen Arm fest. Ich zuckte zusammen, zog meinen Arm jedoch nicht weg.
»Frau Frantz. Jetzt sehe ich mir das schon seit einigen Tagen an. Was ist denn nur los mit Ihnen? Sie sind so still. So betrübt. Ich habe Sie immer für Ihr Lächeln und ihre Lebensfreude bewundert. Wo ist die denn nur hin?«
Ich schluckte. Herr Albert war ein lieber alter Mann, aber mein Herz wollte ich ihm nicht ausschütten. »Ach, Herr Albert, machen Sie sich keine Gedanken um mich.«
»Das mache ich aber. Ich fühle mich schon selbst ganz bedrückt, wenn ich Sie so leiden sehe. Bitte entschuldigen Sie meine direkte Frage, aber haben Sie Liebeskummer?«
Vorsichtig nickte ich. Sah man mir das an der Nasenspitze an? »Ich habe mich von meinem Freund getrennt.«
»Ach, herrje. Kann ich irgendetwas für Sie tun?«
Jetzt lächelte ich ihn doch an. »Danke, Herr Albert. Aber nein. Ich komme schon zurecht. Ich werde mir eine neue Wohnung suchen und wenn es jetzt wieder etwas besseres Wetter gibt und die Sonne sich endlich mal wieder blicken lässt, dann wird das schon.« Würde es nicht werden, das wusste ich. Es würde lange dauern, bis der Schmerz, den Sven hinterlassen hatte, hoffentlich nachließ. Aber das musste ich ja Herrn Albert nicht auf die Nase binden, so nett er auch war.
»Eine Wohnung? Oh, das trifft sich gut! In meinem Haus ist letzten Monat die Dachwohnung frei geworden und ich hatte noch keine Muße, einen neuen Mieter zu suchen. Das kostet immer so viel Zeit und Kraft. Vielleicht ist das was für Sie?«
Jetzt horchte ich auf. »Ähm, na ja. Wie groß ist sie denn? Und wie teuer?« Ich setzte mich auf den gegenüberliegenden Stuhl.
»Also, sie hat ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer, eine etwas größere Küche und ein kleines Duschbad. Und es gibt einen Balkon. Besonders groß ist sie nicht, so 55 Quadratmeter. Wegen der Schrägen.«
»Das hört sich gut an. Aber wie viel Miete wollen Sie denn dafür haben?«
»Für Sie 400 Euro. Warm. Mir ist es wichtig, dass ich einen netten Mieter habe. Und dass Sie nett sind, das weiß ich ja.« Herr Albert zwinkerte.
Ich überlegte. 400 Euro waren ein sehr gutes Angebot für Erlangen. Gab es einen Haken? Nicht, dass Herr Albert sich da irgendwelche Vorzüge von seiner Mieterin versprach. Er schien meine Gedanken lesen zu können, denn er sagte: »Frau Frantz, keine Sorge. Ich habe nicht vor, irgendetwas, hmja, Unmoralisches von Ihnen zu verlangen. Ich möchte, wie gesagt, einfach nur einen netten, freundlichen Mieter. Sonst nichts.«
»Vielen Dank, Herr Albert. Ich schaue sie mir gerne mal an. Wann könnten Sie denn?«
»Ich habe Zeit. Wann haben Sie denn hier Feierabend?«
Ich stand auf. »Ich frage mal, wann ich heute Schluss machen kann, ja? Genießen Sie Ihren Kuchen. Ich komme gleich wieder.«
Natürlich gab Meli mir sofort frei, als sie hörte, dass ich mir eine Wohnung bei Herrn Albert ansehen konnte. Sie versicherte mir auch, dass sie den alten Herrn schon lange kannte und nie etwas Schlechtes über ihn gehört hatte. Als Herr Albert fertig gegessen hatte, nahm ich also meine Jacke und folgte ihm die Straße entlang. Wir liefen keine fünf Minuten, bis wir an einem liebevoll restaurierten Altbau ankamen. Ein großes Tor führte zu einem kleinen Innenhof. In dem Gang standen mehrere Fahrräder und ein Kinderbuggy. Ein paar Treppenstufen führten zur seitlichen Eingangstür. Herr Albert schloss die Tür auf und ließ mich eintreten. »Nach oben in den dritten Stock. Hier unten wohne ich, im ersten Stock eine junge Familie und darüber ein älteres Ehepaar. Gehen Sie schon mal hoch, ich hole nur kurz den Schlüssel.«
Ich stieg die Stufen nach oben. Das Treppenhaus war hell und freundlich, im ersten Stock hingen verschiedene Kinderzeichnungen, weiter oben kamen Fotos. Das Ehepaar schien gerne zu verreisen. Es gab Bilder von der Sahara, von irgendwelchen Ruinen im Regenwald und von einem buddhistischen Tempel. Als ich sie genauer betrachtete, kam Herr Albert bereits schnaufend die Treppe hoch.
»Ich bin nicht mehr so gut zu Fuß«, gestand er und schwenkte den Schlüssel.
Der Holzfußboden knarrte leise, als ich durch den kleinen Flur ging. Die erste Tür auf der rechten Seite führte zu einer Wohnküche mit Speisekammer. Die Küchenmöbel waren aus hellem Holz. In der Mitte der Küche stand ein älterer Massivholztisch. Er sah aus, als hätte er schon einige Besitzer gehabt und als würde er viele Geschichten kennen. Mit der Hand fuhr ich über die Oberfläche und hatte das Gefühl, ich könnte hören, wie er flüsternd erzählte, was er schon alles erlebt hatte.
»Den Tisch und die Stühle haben Vormieter mal hiergelassen«, erklärte Herr Albert, immer noch etwas aus der Puste vom Treppenaufstieg. »Der Rest der Wohnung ist unmöbliert. Bis auf eine fest eingebaute Regalwand im Wohnzimmer und die Waschmaschine im Bad.«
Das Schlafzimmer war recht klein, aber gemütlich. Das Wohnzimmer war dafür umso größer und hatte eine Balkontür. Das, was Herr Albert als Balkon bezeichnet hatte, war eine Dachterrasse. Der Hammer! Ich öffnete die Tür, um den Platz genauer anzusehen. Der Ausblick über die Altstadt war herrlich. Das Bad, ein einfaches Duschbad, hatte Fliesen, die nicht gerade etwas für Modebewusste waren, aber es hatte Charme. Die ganze Wohnung hatte Charme.
»Gefällt es Ihnen?«
Was für eine Frage! Ich hatte mich augenblicklich in diese Wohnung verliebt. »Herr Albert, sagen Sie doch Hanne zu mir. Alle sagen Hanne. Und ja, die Wohnung gefällt mir sehr gut. Wann könnte ich denn einziehen?«
»Wie Sie sehen, ist sie leer und auch schon renoviert worden. Also, von meiner Seite aus ist sie sofort bezugsfertig, Frau … Hanne.«
Ich lachte.
Dass ich so schnell und ohne Aufwand eine neue Bleibe finden würde, hatte ich nicht gedacht. Bereits am nächsten Tag unterschrieb ich den Mietvertrag. Es war ein Standardmietvertrag aus dem Schreibwarenladen, ohne Hintertürchen und doppelte Böden, wie Meli mir versicherte. Direkt im Anschluss holte ich die ersten Kisten vom Flugplatz zurück. Kristian half mir und fluchte, weil ich schon wieder eine Wohnung ganz oben unterm Dach bezog. Mein Vater war froh, dass ich aufzuleben schien. Natürlich hatte er sich gefreut, dass ich bei ihm gewohnt hatte. Und deshalb fiel es mir auch nicht ganz so leicht, nun wieder bei ihm auszuziehen. Aber es war besser so. Ich brauchte meine Ruhe und die hatte ich bei meinem Vater nur bedingt.
»Willst du nicht noch ein paar Tage länger bei mir bleiben? Du hast ja noch nicht mal ein Bett. Du kannst doch nicht auf dem Fußboden schlafen«, brummte er.
»Papa, mach dir keine Sorgen. Ich besorge mir am Wochenende eins. Und ich bin noch jung genug, dass mir ein paar Nächte auf meiner Isomatte nicht schaden werden.«
»Mach dich nur lustig, dass ich nicht mehr so gerne zelte. Komm du erst mal in mein Alter!« Er schmunzelte und ich nahm ihn in den Arm und drückte ihn fest an mich.
Nun saß ich an meinem neuen Küchentisch und wusste nicht so recht, was ich machen sollte. Die erste Freude war gewichen und ich fühlte mich so leer wie die Wohnung, in der ich hier saß. »Tja, Wohnung«, sagte ich und sah mich um. »Das wird noch ein wenig dauern, bis wir uns aneinander gewöhnt haben, was?« Ich stand auf und ging durch die Räume, in denen bislang nur meine Kisten standen. Ich öffnete eine Kiste mit Büchern, aber ich konnte mich nicht aufraffen, die Bücher ins Regal zu räumen. Also rollte ich meine Isomatte im Wohnzimmer aus, warf eine Decke darauf und legte mich hin. Durch das Fenster konnte ich den Himmel sehen. Es gab so viel, was ich besorgen musste. Vorhänge, ein Sofa, ein Bett, einen Schrank. Wie sollte ich mich nur dazu aufrappeln?
Mein Handy klingelte. Marcus? Oje, was wollte der denn von mir? »Ja, hallo? Marcus?«
»Hey, Hanne.« Seine Stimme klang belegt.
»Hey. Wie geht es dir?«
»Geht so. Und dir?«
»Hm. Ich habe eine neue Wohnung. Vielleicht hilft das irgendwann.«
»Magst du reden?«
Reden? Nein, ich wollte nicht reden. »Hm, und du?«
»Ja, irgendwie schon. Können wir uns treffen? Kann ich nach der Arbeit zu dir kommen?«
Hier in das Chaos? »Es ist aber voll chaotisch bei mir. Ich bin noch nicht zum Ausräumen der Kartons gekommen. Und ein Sofa habe ich auch noch nicht.«
»Ach, das macht nichts …«, erwiderte Marcus matt.
Mit gemischten Gefühlen gab ich ihm meine neue Anschrift durch.
Marcus sah nicht besser aus als ich. Seine Haare wirkten strähnig und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Wir umarmten uns etwas länger als sonst zur Begrüßung und ich fühlte, dass nicht nur mir diese Umarmung guttat.
»Marcus, du siehst echt fertig aus«, bemerkte ich.
Marcus verzog das Gesicht zu einem schwachen Grinsen. »Danke, das Kompliment gebe ich dir gerne zurück.«
Ich lächelte etwas schief zurück und machte Platz, damit er eintreten konnte. »Komm rein. Am besten in die Küche, da vorne rechts. Da sind die einzigen Sitzplätze.«
»Hübsch«, sagte Marcus.
»Ja, mit der Wohnung hatte ich echt Glück. Der Vermieter ist ein Stammkunde. Aber bis sie richtig gemütlich ist, dauert es wohl noch etwas.«
»Ein Stammkunde?«, fragte Marcus stirnrunzelnd.
»Ähm, von dem Café, in dem ich arbeite.«
»Ach so.« Er atmete hörbar aus.
»Äh, ja. Was dachtest du denn?« Fragend sah ich ihn an. Marcus’ Blick war zum Schießen. Ich prustete los und es dauerte nicht lange, bis auch er mitlachte. Nachdem ich mich beruhigt hatte, sagte ich: »Marcus! Ich arbeite in einem Café! Apropos: Magst du etwas trinken? Ich habe Wasser aus dem Hahn oder Bier. Oder Tee.«
»Dann gerne ein Bier. Danke.«
Ich holte zwei Bierflaschen von der Dachterrasse. Als ich zurück in die Küche kam, saß Marcus bereits am Tisch. Ich setzte mich ihm gegenüber und hielt ihm eine Flasche entgegen. Er nahm sie dankend an und angelte sich den Öffner, der auf dem Tisch lag. Ich musterte ihn, während er seine Flasche öffnete. Was ging in ihm vor? Er war schließlich auch ein paar Jahre mit seiner Freundin zusammen gewesen, wenn ich es richtig in Erinnerung hatte.
»Scheiße. So eine Scheiße, was?«, brummte er.
Ich nickte langsam. Das konnte man wohl sagen. »Es tut mir so leid, dass ich es dir nicht gleich gesagt habe, als du am Flugplatz warst. Da wusste ich es ja schon. Aber ich habe es nicht übers Herz gebracht …«
Marcus schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Machst du dir darüber etwa Gedanken? Das war nicht deine Aufgabe. Das wäre Caros Aufgabe gewesen, und zwar früher. Ich schnalle es immer noch nicht. Wieso habe ich das nicht bemerkt? Ich meine, die beiden treffen sich über einen Monat regelmäßig und ich kriege das nicht mit. Wir waren ja neulich sogar gemeinsam aus. Ich komme mir so bescheuert vor.«
Über einen Monat? Sven hatte etwas anderes erzählt. Ich schluckte. Der Feigling. Caro war da anscheinend ehrlicher gewesen. Wenn auch nur im Nachhinein. »Ich verstehe es auch nicht. Sven war zwar in letzter Zeit gereizt, aber …« Ich schwieg und öffnete stattdessen meine Bierflasche, damit ich nicht weiter nachdenken musste. Dann prostete ich Marcus zu: »Auf uns!«
»Auf uns!«, erwiderte Marcus und trank einen großen Schluck.
»Und du? Bist du auch ausgezogen?«, fragte ich nach einer Weile.
Marcus schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin noch in unserer Wohnung. Wir haben uns da auf drei Jahre verpflichtet und es fehlen noch ein paar Monate, bis wir kündigen können. Caro ist zu Sven gezogen.«
Ich verschluckte mich fast an meinem Bier. »Caro wohnt in meiner Wohnung?!«, entfuhr es mir. Schliefen die beiden jetzt etwa in meinem Bett? Na ja, es war nicht mehr mein Bett und auch nicht mehr meine Wohnung, aber trotzdem … »Ich dachte, Sven wollte ausziehen«, murmelte ich.
»Wollte er wohl, aber dann bist du ihm zuvorgekommen. Außerdem arbeitet Caro ja zurzeit hier in Erlangen, da war das wohl praktisch.« Marcus stand auf. »Kann ich mal dein Bad benutzen?«
»Klar, gleich gegenüber.« Ich zeigte zum Flur. Caro wohnte in meiner Wohnung, saß womöglich beim Essen auf meinem Stuhl, aß mit demselben Besteck …
Marcus kam zurück und holte mich aus meinen Gedanken. »Und wann willst du möblieren? Es sieht noch etwas kahl aus.«
Ich zuckte mit den Schultern und trank noch einen Schluck Bier. Marcus tat es mir gleich. Schon waren die ersten Flaschen leer.
»Ich hole mal neue. Oder willst du gleich wieder los?« Marcus schüttelte den Kopf und ich stiefelte los. Marcus kam langsam hinterher.
»Schöne Aussicht.« Er zeigte zur Dachterrasse.
Ich nickte. »Ja. Die ist toll. Irgendetwas Gutes muss das Ganze ja haben, oder? Wenn es wärmer ist, ist es da draußen sicher toll. Aber jetzt ist es ziemlich frisch und einfach ein prima Kühlschrank.« Ich schloss schnell die Tür. Fröstelnd drückte ich Marcus eine der Flaschen in die Hand und prostete ihm erneut zu. Weil ich noch keine Sitzgelegenheiten im Wohnzimmer hatte, setzten wir uns auf eine Decke, die auf dem Boden lag, lehnten uns an die Wand und schauten durch das Fenster nach draußen. Die Sterne funkelten schon. Kein Wunder, dass es wieder so kalt geworden war.
Marcus erzählte von seiner Beziehung mit Caro. Ich war mir nicht sicher, ob ich das alles überhaupt hören wollte, aber er hatte vielleicht niemanden, mit dem er bislang darüber hatte reden können oder wollen. Nicht jeder hat eine Meli. Also hörte ich zu. Irgendwann erzählte auch ich von meiner Beziehung mit Sven, während Marcus lauschte.
Ich wurde müder und meine Augen fielen immer öfter zu. Auch Marcus schwieg bereits. Es war bestimmt weit nach Mitternacht. Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter. »Bist du auch so müde?«, fragte ich leise. Marcus nickte. »Ich habe zwar noch kein Gästebett, aber einen Schlafsack könnte ich dir anbieten. Und eine Isomatte als Unterlage. Eine Ersatzzahnbürste habe ich bestimmt auch. Zurückfahren kannst du ja nicht mehr.«
Marcus nickte wieder. »Nee, zu spät. Zu betrunken. Danke.«
Ich stand auf und wankte ins Schlafzimmer. Hatte ich so viel getrunken? Eigentlich nicht. Aber ich hatte gar nichts zu Abend gegessen. Kein Wunder, dass mir etwas flau war. Wo war denn nur mein alter Schlafsack? Ich musste mehrere Kartons durchwühlen, ehe ich ihn endlich fand. Die Packung mit den Zahnbürsten fand ich zum Glück schneller. Doch als ich zurück ins Wohnzimmer kam, hatte Marcus sich schon in die Decke auf dem Boden gewickelt und schnarchte friedlich.
»Guten Morgen«, murmelte Marcus am nächsten Tag. Er stand etwas verschlafen und zerknautscht in der Küchentür und hob die Hand zum Gruß. Ich war auch gerade erst aufgestanden und hatte Kaffee gekocht, der nun seinen Duft durch die Wohnung verströmte. »Der Kaffee riecht gut«, sagte er. »Kann ich kurz duschen?«
Ich nickte. »Klar. Deine Zahnbürste liegt schon im Bad. Handtücher müssten noch im Schrank unter dem Waschbecken sein.«
Während Marcus duschte, suchte ich etwas zum Frühstück zusammen. Viel hatte ich nicht. Müsli, etwas Toast und einen kleinen Laib Brot, einen Rest Marmelade und etwas Käse. Das musste reichen.
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