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Maj Bylock
Die zerbrochene Flöte

Aus dem Schwedischen

von Birgitta Kicherer

Saga

1

Brennender Schmerz durchzuckte Dans Hand, und als er sie hochhielt, rann es warm an seinem Arm hinunter. Blut!

War das ein Messer, das da vorhin aufblitzte, oder ...? Er sah sich rasch um. Alles schwarz. Nicht einmal ein schmaler Streifen Mondlicht drang durch den Spalt der Tür, die soeben hinter ihm zugeschlagen worden war.

Alles ringsum war finster und still, die Schritte und Flüche draußen schon verhallt. Dan trat wütend gegen die Tür. An der Außenseite war der Haken sorgfältig eingehängt. In einem Gefängnis hätte er nicht sicherer eingesperrt sein können!

Enttäuscht sank er auf die Schwelle, streckte die Finger der verletzten Hand vorsichtig aus und spuckte auf die Wunde. Und trotzdem war ihm seine Hand im Augenblick nicht so wichtig wie das, was er an einem dünnen Lederriemen um den Hals trug.

Vorsichtig steckte er die gesunde Hand unter den Kittel und holte einen eigenartig geformten Stein hervor, den er behutsam an der Hose abwischte und eingehend betastete, um festzustellen, ob er bei dem Sturz vorhin etwa beschädigt worden war.

Der Stein war noch ganz! Dan verbarg ihn wieder unter seinem Kittel. Dort mußte er hängenbleiben, bis er Dan eines Tages den Weg zu dem einen Menschen gezeigt haben würde, den Dan sucht.

Ja, der Stein würde es ihm sagen, wenn er den Richtigen gefunden hätte. Daher war der Stein auch das Wichtigste, was Dan auf dieser Welt besaß.

Er untersuchte seinen Kerker noch einmal. Dort oben – war es dort nicht ein wenig heller? Vielleicht ein Loch in der Wand? Das mußte er feststellen. Er machte ein paar rasche Schritte, stolperte jedoch und fiel auf seine verletzte Hand.

Au, das tat weh ...

Er schaute zu dem hellen Schimmer empor. Die Öffnung befand sich zu hoch oben. Er reichte nicht hinauf. Aber wenn er auf etwas hinaufklettern könnte, dann vielleicht ...

Worüber war er überhaupt gestolpert? Mit seiner unverletzten Hand tastete er über den Boden. Holz! Gespaltene Holzscheite! Dann müßte es hier drin doch auch einen Hackklotz geben?

Dan tastete sich weiter durch die Dunkelheit. Da stand der Klotz, groß wie ein Baumstumpf und so schwer, als ob er noch mit der Erde verwurzelt wäre. Mit der verletzten Hand konnte ihn Dan nicht hochheben, er mußte den Hackklotz umkippen und rollen, das ging besser. Die Hand schmerzte, und Schweiß lief ihm über das Gesicht, als er endlich auf dem Hackklotz stand und sich der Helligkeit entgegenstreckte.

Es war ein Loch, genau wie er es angenommen hatte. Kühle Abendluft strömte über sein erhitztes Gesicht. Die gesunde Hand bewegte sich rasch über die Wand. Die groben Holzbalken waren rauh, boten aber keinen Halt, um daran hinaufklettern zu können.

Dan tastete das Loch noch einmal ab. Es war auch zu klein. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, irgendwie hinaufzukommen, könnte er sich nicht hindurchzwängen, obwohl er dünn und abgemagert war.

Entmutigt ließ er sich auf den Hackklotz sinken. Das hieße also, daß er hierbleiben mußte, bis ihn jemand herauslassen würde.

Jemand. Wer denn? Wenn es nur nicht derselbe wäre, der ihn vorhin hier eingesperrt hatte! Dan lehnte sich an die Wand und atmete den frischen Luftstrom tief ein, der aus der Öffnung oben drang. In seiner Hand pochte es hart und heftig, in seiner Brust ebenfalls.

Wenn Jakob hiergewesen wäre, hätte er die Tür aufgerissen und den Schankwirt auf den Misthaufen geworfen, dachte Dan. Wenn ... Aber Jakob war nicht hier. Nach einer Weile wurde Dan ruhiger. Auch das Pochen in Hand und Brust ließ nach. Statt dessen begann nun der Hunger in Dans Eingeweiden zu rumoren. In der Tasche steckte noch ein Stück Brot, das nahm er jetzt heraus.

„Dieb!“ hallte eine wütende Stimme in seinen Ohren.

Ja, das Stück Brot war gestohlen. Und dennoch schmeckte es ihm besser, als Honig und gebackene Tauben einem Fürsten schmecken könnten. Satt wurde Dan nicht davon, aber wenigstens war der Hunger nicht mehr ganz so reißend. Jetzt nahm er auch die Geräusche draußen wieder wahr.

Von weitem hörte er Schreie und Gelächter. Der Jahrmarkt war zu Ende. Torkelnde Bauern und ihre lachenden Frauen machten sich an Saumzeug und Deichseln zu schaffen. Die Pferde mußten angespannt werden. Es war an der Zeit, nach Hause aufzubrechen. Heute nacht würden viele Pferde den Heimweg allein finden müssen, während der Bauer im Wagenstroh seinen Rausch ausschlief.

Die Stimmen machten es Dan noch deutlicher, wie einsam er war. Und wie so oft, wenn Einsamkeit und Schmerz angeschlichen kamen, nahm er den Stein in die Hand. Der Stein ... Der Stein würde ihm helfen, Jakob zu finden. Dann würde seine Einsamkeit endlich ein Ende haben.

Wie jedesmal bisher verströmte der Stein Ruhe. Dan schloß die Augen und lehnte sich an die Wand. Die Laute von außen versanken, und er lauschte einer Melodie in seinem Inneren.

Er ließ den Stein los und holte eine kleine Flöte aus seiner Tasche. Als er zu spielen begann, spürte er den brennenden Schmerz in der Hand kaum noch. Dan spielte alle Sehnsucht und Trauer, alle Angst und alles Entsetzen von sich weg.

Dans Kopf lag auf Holzscheiten und Hobelspänen. Er träumte den immer wiederkehrenden Traum von seinem Geheimnis, dem Geheimnis des Steins.

Da spürte er, wie jemand an seinem Hals entlangtastete und den Stein packte! Mit einem verwirrten Schrei warf er sich auf die Seite und versuchte, die Hände des Angreifers zu erwischen. Statt dessen bekam er einen kalten, behaarten Schwanz in die Hand.

Eine Ratte – so groß wie eine Katze!

An Ratten war er gewöhnt. Daheim in der Stadt hatte er sie häufig groß und fett Rübenschalen und andere Küchenabfälle futtern sehen. Wenn es zu Hause nichts mehr zu essen gab und sein Magen wie üblich vor Hunger knurrte, hatte er sie manchmal sogar um diese Abfälle beneidet.

Aber eine Ratte, die einem über den Hals kroch ... Wenn er an die räudigen Pelze und nackten Schwänze dachte, wurde ihm übel. Nackte Schwänze? Der, den er gerade eben in der Hand gehalten hatte, war nicht nackt, sondern behaart. Wenn es keine Ratte war, was war es dann? Hellwach richtete er sich auf. Morgenlicht strömte durch das Loch oben unter der Decke und durch den Türspalt. Jetzt konnte er endlich etwas erkennen.

Dort hinten in der Ecke ... Zwei glänzende braune Augen musterten ihn gespannt, als er mit einem Holzscheit in der Hand vorsichtig aufstand. Das Tier war häßlich und sah überhaupt nicht wie eine Ratte aus. Es erinnerte eher an eine Katze, hatte aber Hände anstelle von Pfoten. Das Gesicht war flach und runzlig mit einer platten Schnauze und faltiger, graugrüner Haut.

Jetzt erkannte er es! Das war doch dieser Affe, den er gestern bei den Gauklern auf dem Jahrmarkt tanzen gesehen hatte! Der Affe war angebunden und tanzte im Kreis herum, während die Gaukler auf ihren Flöten spielten.

Er muß ausgerissen sein, dachte Dan. Die Schnur hing ihm ja noch um den Hals. Aber wie war er hier hereingekommen?

Er schaute rasch zur Tür. Die war noch immer fest verriegelt. Aber der Affe war klein genug, um durch das Loch unterm Dach schlüpfen zu können. Vielleicht hatte er Dan spielen hören und war deswegen hereingeklettert?

„Komm her, kleines Äffchen“, lockte Dan und legte das Holzscheit aus der Hand.

Der Affe scheute zurück und zwinkerte unruhig mit seinen braunen Augen. Dan streckte seine Hand aus. Doch der Affe drückte sich erschrocken in die Ecke. Da nahm Dan die Flöte und spielte ein paar Töne. Jetzt kam der Affe vorsichtig näher, und als Dan weiterspielte, begann das Tierchen zu tanzen. Genau wie auf dem Marktplatz tanzte es immer im Kreis herum. Bald kauerte es auf Dans Schulter und versuchte, die Flöte zu fangen. Die Scheu war fast verschwunden.

Dan vergaß alles bis auf den kleinen Affen. Jetzt fand er ihn gar nicht mehr so häßlich.

„Du bist eine richtige kleine Plattnas“, flüsterte er und überließ dem Affen seine Flöte.

Der Affe setzte sie an den Mund, als wollte er spielen. Aber das konnte er dann doch nicht, er konnte nur mit seinen scharfen Zähnen daran herumnagen.

Als die Flöte nicht klingen wollte, warf er sie ungeduldig weg und zerrte an dem Riemen, den Dan um den Hals hängen hatte, genau wie vorhin, als er Dan weckte.

„Den Stein darfst du mir nicht berühren“, flüsterte Dan und hielt die dünnen Ärmchen fest.

Plötzlich war er wieder in die Wirklichkeit zurückversetzt. Das Sonnenlicht draußen machte es möglich, daß er nun seine Umgebung erkennen konnte. Daß die Sonne schien, bedeutete jedoch auch, daß es Morgen war. Jeden Augenblick konnte jemand kommen. Wenn er fliehen wollte, mußte es schnell gehen!

Dan untersuchte die Tür. Der Haken lag noch genauso fest wie in der Nacht. Aber vielleicht konnte er das Loch unterm Dach etwas vergrößern?

Wenn er nur so klein wäre und an den Wänden hochklettern könnte wie Plattnas. Neiderfüllt sah er die schmalen, kräftigen kleinen Affenhände an, und plötzlich fiel ihm eine Möglichkeit ein, wie er entkommen könnte!

Rings um die Tür verlief ein Spalt. Dans eigene Hand war zu groß, aber die Hand des Affen nicht. Rasch zeigte er dem Affen, was er tun sollte. Gehorsam streckte das Tierchen die Hand durch den Spalt und packte den Haken. Daß es ihn gleichzeitig hochheben sollte, begriff es allerdings nicht.

In diesem Augenblick hörte Dan schwere Schritte in seine Richtung kommen! Sein Herz blieb beinahe stehen. Doch dann gingen die Schritte vorbei. Demnach sollte er jetzt noch nicht geholt werden.

Plattnas hatte die Schritte ebenfalls gehört. Genau wie vorhin erschrak er heftig, und als er zurückscheute, zog er seine Hand an. Dabei bewegte er sie nach oben. Der Haken kam mit!

Dann ging alles sehr schnell.

Die Türangeln quietschten und jammerten, als Dan die Tür weit genug aufschob, um in die Helligkeit hinausschlüpfen zu können. Jetzt hatte er nicht nur den Lederriemen mit dem Stein um den Hals. Zwei dünne, behaarte Arme klammerten sich um seinen Nacken, und ein plattes, kleines Gesicht preßte sich an seine Wange.

Obwohl es noch früh am Morgen war, schien die Sonne bereits blendend hell. Die Strahlen stachen Dan, der sich noch nicht ans Licht gewöhnt hatte, in die Augen. Daher entdeckte er die Gefahr auch nicht rechtzeitig. Gerade als er in die Freiheit davonstürzen wollte, brüllte jemand auf und packte ihn am Ohr.

Dan warf sich zur Seite, war aber nicht schnell genug. Kopfüber stolperte er in die Brennesseln, die an der Wand des Holzschuppens wuchsen, und sein Verfolger fiel über ihn. Die Stimme erkannte er. Das war der Schankwirt, dem er gestern das Stück Brot gestohlen hatte, als er zu verhungern glaubte.

Die Nesseln verbrannten ihm Gesicht und Hände, doch das spürte er nicht. Er hatte die harten Fäuste des Wirts schon einmal zu schmecken bekommen und wußte, wer diesen Kampf gewinnen würde.

Aber mit einem hatte er nicht gerechnet ...

Plötzlich schrie der Wirt auf und ließ Dan los. Seine Schürze flatterte, und seine Arme wirbelten wie wild durch die Luft, als er davonstürzte und schrie: „Der Gottseibeiuns ist hinter mir her! Ich habe den Leibhaftigen heute nacht in meinem Holzschuppen beherbergt! Ich trage den Teufelsbiß am Arm!“

Dan blieb in den Nesseln liegen. Zuerst begriff er gar nichts. Aber der Affe leckte sich zufrieden die platte Schnauze und klammerte sich erneut an Dans Nacken. Da stand Dan aus dem Nesselgestrüpp auf, und mit Plattnas auf der Schulter ging er ruhig davon. Wer einen solchen Freund hatte, brauchte sich nicht einmal vor dem wütenden Schankwirt zu fürchten!

„Wenn du nur mir gehören würdest“, seufzte Dan und strich Plattnas über den Rücken.

Aber irgendwo auf dem Marktplatz würden die Gaukler bestimmt ihren kleinen Affen suchen. Es war wohl am besten, wenn er hinging und das Äffchen zurückgab. Doch der Marktplatz lag leer und verlassen da. Abfälle, Pferdeäpfel und zertrampeltes Gras waren die einzigen Spuren, die geblieben waren. Heute war es still hier. Keine Kinder, die lachten und um Jahrmarktsleckereien bettelten. Keine Männer, die klapprigen Gäulen ins Maul schauten. Keine Frauen, die an den Marktbuden um geblümte Kopftücher feilschten. Die Gaukler waren ebenfalls verschwunden. Vielleicht schliefen sie irgendwo in einer Scheune?

Wie soll ich sie dann finden können? überlegte Dan. Vielleicht sind sie auch längst schon zum nächsten Jahrmarkt unterwegs?

Er sah Plattnas an. Der Affe saß zufrieden auf Dans Schulter und zwickte sich einen Floh aus dem Schwanz. Für die Gaukler schien er sich überhaupt nicht zu interessieren.

Dan ließ den Marktplatz hinter sich. Jetzt hatte er wieder Hunger, und zwar so großen Hunger, daß sein Magen schmerzte und sein Hals wie zugeschnürt war. An nichts anderes konnte er denken als an Essen.

Sein Hunger war inzwischen so groß, daß er sogar wieder daran dachte, zur Schenke zurückzuschleichen, um sich dort ein neues Stück Brot zu ergattern. Oder warum nicht gleich ein ordentliches Stück Fleisch aus der Küche, wo es so herrlich duftete?

Dan ging nicht zurück. So groß war sein Hunger aber doch nicht, als daß er den schwarzen Holzschuppen dafür in Kauf genommen hätte. Er schlenderte die Landstraße entlang, während der Affe auf seiner Schulter kauerte. Dan überlegte, ob Plattnas wohl genauso großen Hunger hatte wie er. Von Flöhen konnte man wohl kaum satt werden.

Plötzlich machte der Affe einen Satz hinunter ins Gras und flitzte davon.

„Plattnas!“ schrie Dan und rannte hinterher.

Aber der Affe war schon verschwunden. Dan blieb stehen. In welche Richtung war Plattnas eigentlich davongerannt? Wie ein graues Wollknäuel war er durchs Gras gewirbelt und im Nu verschwunden. Dan suchte ohne Erfolg in den Büschen, dann setzte er sich enttäuscht ins Gras und stützte das Kinn in die Hände.

Da hörte er etwas oben in einem Baumwipfel schnattern.

„Plattnas!“

Hoch oben auf einem Zweig saß der Affe und fraß etwas. Bald hatte Dan entdeckt, daß Plattnas in einen Wildapfelbaum geklettert war. Er kletterte selbst rasch hinterher. Die Äpfel waren sauer und machten die Zähne stumpf, aber Dan kaute, als hätte er einen saftigen Braten zwischen den Zähnen.

Als er schließlich weiterzog, hüpfte Plattnas neben ihm her. Anfangs hielt Dan noch das eine Ende der Schnur in der Hand, damit der Affe nicht mehr entwischen konnte. Doch schon bald merkte er, daß das Tierchen nach jeder Entdekkungsreise, die es in den Wald und auf die Felder machte, zu ihm zurückkehrte.

Im Laufe des Tages wurde es heiß. Dan fühlte sich immer schläfriger, und Plattnas war ebenfalls müde. Er hüpfte nicht mehr so weit weg, sondern kletterte immer öfter auf Dans Schulter. Schließlich legten sie sich in den Schatten eines Haselstrauches, um sich auszuruhen.

Nüsse schmecken gut, dachte Dan und blickte in das grüne Blattwerk hinauf. Aber es dauert noch etwas, bis sie reif sind. Jetzt sind sie erst grüngelb.

Er war mutlos und traurig. Von wilden Äpfeln konnten sie nicht allzu lange leben. Er mußte sich eine andere Möglichkeit ausdenken, um für Nahrung zu sorgen. Dan holte den Stein hervor und ließ das grünliche Licht hindurchscheinen. Er sah die Strahlen tanzen und schimmern, und das Grün wurde zu einem Meer, zu einem unendlichen, grünen Meer.

Er lag da und dachte an die Worte seiner Mutter: „Der Stein ist die eine Hälfte eines Sonnensteines. Früher zeigten die Sonnensteine den Seeleuten den Weg über die großen Meere. Wenn sie einen Sonnenstein hochhielten, sahen sie den Schein der Sonne, selbst wenn der Himmel mit Wolken bedeckt war.“

Jetzt wußte Dan, was er tun sollte. Es war, als hätte der Stein es ihm zugeflüstert. Das Meer! Er mußte aufs Meer hinaus, genau wie Vater und Jakob.

Das Rauschen des Windes im Haselgestrüpp wurde zum Brausen des Meeres, und als Dan eingeschlafen war, träumte er von grünen, schimmernden Wellen. Das Meer, das ihn stets gelockt, vor dem er sich aber auch so sehr gefürchtet hatte.

Im Traum sah er ein Schiff. Er wußte, daß der, der die andere Hälfte seines Sonnensteins trug, sich an Bord befand. Sachte veränderte sich die Form des Schiffes. Die Segel lösten sich auf, und der Rumpf wurde schmaler. Als es im Dunst verschwand, erinnerte es an eine sargähnliche Kiste.

Dan richtete sich verwirrt auf und wischte den Traum beiseite. Die Kiste hatte ihn zwar erschreckt, aber seine Mutlosigkeit war verschwunden. Jetzt wußte er, wohin er wollte. Er hatte ein Ziel und mußte weiter. Jetzt sofort! Aber da merkte er, daß Plattnas wieder fort war.

Dan suchte und suchte. Hatte das Äffchen einen neuen Wildapfelbaum gefunden? Nein, hier wuchsen nur Haselbüsche und Birken. Dan rief und rüttelte an den Baumstämmen. Jetzt war er zornig. Er hatte keine Lust, seine Zeit mit der Suche nach einem dummen, kleinen Affen zu vergeuden. Jetzt hatte er Wichtigeres vor. Und außerdem wurde es dunkel.

Bald kann ich Plattnas nicht mehr sehen, dachte er. So grau und zottig und winzig wie er ist. Es hat keinen Sinn, noch länger zu suchen. Dann muß er eben hier im Wald bleiben, wenn er nicht mitkommen will.

Er ging los, blieb aber gleich wieder stehen.

Und wenn der Fuchs kommt? dachte er. Ach was, dann kann er auf einen Baum klettern!

Er ging wieder los, allerdings ganz langsam. Sollte er Plattnas wirklich zurücklassen? Es würde kalt werden. Und ganz dunkel. Er selbst würde bestimmt kein Auge zumachen können, wenn er wüßte, daß das Äffchen alleine draußen durch die Nacht strich.

Da kam ihm plötzlich eine Idee. Er holte seine Flöte hervor und spielte und blies so eifrig, daß die Töne schrill und falsch wurden.

Dann verstummte er und lauschte. Antwortete jemand? Nein, kein Geschnatter, kein Plattnas, der auf seine Locktöne antwortete.

Doch hinter sich hörte er jemanden lachen. Ein heiseres, krächzendes Lachen. Er wirbelte herum. Vor ihm stand eine alte Bettelfrau, und vor ihren Füßen tanzte Plattnas!

„Du bist wohl der Leibhaftige selbst, der die Teufelchen am hellichten Nachmittag zum Tanzen bringt“, sagte sie zu Dan und stupste Plattnas leicht mit ihrem Bettelstab.

„Und du bist wohl eine richtige Hexe, wenn du weder vor mir noch vor den Teufelchen Angst hast“, fauchte Dan. „Laß meinen Affen in Ruhe!“

Jetzt stupste die Alte wieder mit ihrem Stock. Da packte Plattnas ihn mit seinen kräftigen, kleinen Händen und zog ihn schnell an sich. Als die Alte den Stock wieder an sich zu nehmen versuchte, ließ sie ihr Bettlerbündel fallen. Ein Brotfladen kullerte in den Straßenstaub.

Dan vergaß sowohl Plattnas als auch die Alte und schaute mit hungrigen Augen hinter dem wundervollen Brot her.

Da sagte die Alte: „Ich bin zwar arm und muß von dem leben, was die Bauern mir zuwerfen. Aber daher erkenne ich auch den Blick eines anderen Armen, der noch hungriger ist als ich.“

Sie humpelte zum Wegrand hinüber und hob das Brot auf. Vorsichtig blies sie den Staub ab und brach den Fladen mitten entzwei.

„Das Brot reicht für uns beide. Nimm du dieses Stück!“

Dan schämte sich. Sollte er etwa von einer Bettlerin Brot annehmen?

Das Brot schmeckte wie himmlisches Manna, und sein Magen schien nicht genug davon bekommen zu können. Schweigend saß er neben der Alten am Wegrain, während er das Brot verschlang.

Plattnas bekam auch etwas davon. Aber er machte sich nichts aus Brot. Da schmeckten Flöhe schon besser. Er hatte die Flohjagd in seinem Pelz wieder aufgenommen.

Als das Brot gegessen war, wollte Dan sich bedanken. Aber wie? Er spielte eine Melodie, die schönste, die er kannte. Plattnas tanzte dazu. Er tanzte und tanzte, bis er müde wurde und in Dans Schoß kroch.

Die Alte lachte ihr heiseres, glucksendes Lachen und stand auf.

„So, jetzt werde ich weiterziehen müssen“, sagte sie und zeigte auf ein Holztäfelchen, das sie um den Hals trug.

Dan wußte, daß es ein Bettlerpaß war, auf dem jeder Hof des Kirchensprengels mit einem Zeichen eingetragen war. Laut Gesetz mußte auf den Höfen der Reihe nach der Alten freie Kost und eine Schlafstelle zur Verfügung gestellt werden.

Doch wie das Essen zu sein hatte und wo die Alte schlafen sollte, das bestimmten die Hofbesitzer. In der einen Nacht mußte sie bei den Kühen im Stall schlafen, in der anderen hatte sie vielleicht das Glück, bei der Katze neben dem Herd schlafen zu dürfen.

„Wohin bist du denn mit dem Tier unterwegs?“ erkundigte sie sich neugierig. „Denn das, was du da um den Hals hast, ist doch wohl kein Bettlerpaß?“

Ihr gekrümmter Finger betastete den Riemen, an dem der Sonnenstein hing.

Dan trat rasch zurück und legte seine Hand schützend über den Stein unterm Kittel. Den Stein durfte sie nicht sehen.

„Ich will auf einem Schiff anheuern“, antwortete er.

Dann gingen sie in verschiedene Richtungen weiter. Plattnas schlief wie ein kleines Kind vertrauensvoll mit der Wange an Dans Ohr. Dan gewöhnte sich daran, ihn mit sich herumzutragen.

Die rote Sonnenkugel war schon längst hinter den Waldrand gerollt. Dan hatte wieder Hunger. Seine Beine wollten sich irgendwo ausstrecken, wo es weich war, und seine Gedanken wurden Träumen immer ähnlicher.

In weiter Ferne lag ein Dorf. Vielleicht können wir heute nacht dort schlafen? dachte er.

Doch sämtliche Höfe waren schon dunkel. Auf dem Land ging man zeitig schlafen. Dan fürchtete das Mißtrauen der Bauern, weil sie vom Gebell der Hofhunde geweckt würden, wenn er wie ein Landstreicher um die Höfe schlich. So suchte er nach einem Heuhaufen, und noch bevor es ganz dunkel geworden war, schliefen Dan und Plattnas in einer Höhle aus duftendem Heu. Aber Dan schlief unruhig. Er kämpfte um Leben und Tod mit einem Seeräuber, der ihm immer wieder mit einem glühenden Schwert durch die Hand stach. Jedesmal wimmerte Dan vor Schmerzen auf.

In der ersten Morgendämmerung waren Dan und Plattnas wieder unterwegs. Als Frühstück aßen sie unreife Preiselbeeren und vereinzelte Walderdbeeren, die noch am Wegrand standen.

Wasser gab es reichlich in den Bächen und braun glänzenden, kleinen Waldtümpeln. Dort konnte Dan auch seine wunde, schmerzende Hand hineintauchen. Wenn er sie ins kühle Wasser hielt, ließ der Schmerz etwas nach.

Viel Zeit gestattete er sich jedoch nicht, dazu hatte er es zu eilig. Plattnas durfte auch nicht frei herumlaufen wie gestern. Er mußte sich damit abfinden, daß Dan ihn trug.

Widerspenstig zappelte er in Dans Armen und wollte auf den Boden hinunter. Der ganze Wald war voller Vögel, Ameisen, Hasen und anderer verlockender Dinge. Verstand Dan denn nicht, daß er hinunter mußte?

Dan verstand das wohl. Doch schon hier im Wald spürte er, daß sie sich dem Meer näherten. Der Wind zwischen den Bäumen schmeckte bereits salzig und trug den scharfen Geruch von angetriebenem modrigen Tang.

Wenn Dan genau hinhörte, konnte er sogar das Geräusch der Brandung vernehmen, die auf den Strand schlug. Jetzt sollte ihn nichts mehr aufhalten, nicht einmal seine schmerzende Hand!

Als er endlich den Waldrand erreichte, vergaß er alles, auch die Schmerzen. Er sah nur noch das, was vor ihm lag. Die Freiheit, die unendliche Freiheit. Und dort draußen, irgendwo auf dem glitzernden Wasser, da war Jakob. Aber hier stellten sich auch die Erinnerungen ein. Wie kalte Nebelwolken glitten sie auf dem Wasser vorbei.

Dan blieb stehen und dachte an den Abend, als Mutter beerdigt worden war. Er dachte daran, wie er allein aus der Stadt hinauslief, ohne daß ein einziger Mensch danach fragte, was aus ihm werden würde. Damals lief Dan, um all den Menschen zu entkommen, die ihm und Mutter ihre Verachtung gezeigt hatten. Und um jenen zu entkommen, die seinen Vater einen Mörder genannt hatten.

Als Vater ihn und Mutter verlassen hatte, war Dan selbst so klein gewesen, daß er sich nicht mehr an ihn erinnern konnte. Aber Mutter hatte erzählt, daß das Schiff, auf dem Vater Kapitän war, in einem schweren Sturm untergegangen sei. Fast alle seien ertrunken, Vater ebenfalls.

Einige Zeit nach dem Schiffsbruch hatten die Leute in der Stadt begonnen, boshafte Gerüchte zu verbreiten. Es hieß, Vater habe selbst versucht, das Schiff auf Grund zu setzen, um die Ladung anschließend zu verstecken und zu verkaufen!

Der Kaufmann, dem das Schiff und die Ladung gehörten, war zu Mutter gekommen und hatte all ihre Habe verlangt. Haus und Möbel, sogar den Ring, den Mutter als Hochzeitsgabe von Vater erhalten hatte, nahm er ihnen weg.

Dan erinnerte sich nur an das kleine Zimmer, das sie danach hatten. Er erinnerte sich an einsame Tage, als Mutter fortging, um bei Fremden zu waschen. Nur dort, wo man Aushilfskräfte benötigte, erhielt sie Arbeit. Niemand wollte der Frau eines Mörders eine feste Anstellung geben.

Und ich, dachte Dan. Was hätte ich dort für ein Auskommen gehabt? Niemand hat mich als Lehrbub aufnehmen wollen. Ich war nur gut genug, um Botengänge zu erledigen, wenn sonst niemand zur Hand war.

Nein, jetzt, da Mutter nicht mehr da war, gab es nichts, was ihn noch in der Stadt hielt.

Dan stand still und ließ die Nebelschwaden der Erinnerungen an sich vorüberziehen. Sie waren dunkel und schmerzlich. Aber es gab auch ein anderes Bild in seiner Erinnerung. Eines Abends, kurz vor Mutters Tod, hatte er gespürt, wie ihre weichen Hände ihm einen Riemen um den Hals banden. An dem Riemen hing der Sonnenstein. Auf der einen Seite war er flach und eben, auf der anderen scharf und gezackt.

Dan konnte ihre Worte immer noch hören: „Die andere Hälfte habe ich deinem Bruder Jakob um den Hals gehängt, als er groß genug war, um zur See zu gehen!“

Am selben Abend, als Mutter ihm den Stein um den Hals gehängt hatte, schwor sich Dan, Jakob zu finden. Und wo sollte Jakob sein, wenn nicht auf dem Meer?

Wer zur See wollte, mußte auf ein Schiff, und Schiffe gab es im Hafen. Aber der Hafen lag in der Stadt, und dorthin wollte Dan nicht zurückkehren.

Dennoch folgte er dem Strand nach Norden, der Stadt zu. Den ganzen Tag wanderte er am Strand entlang, und schließlich sah er die Stadtmauer, die sich schwer und grau gegen den Abendhimmel abzeichnete. Wie ein Drache ringelte sich die Mauer um die Häuser der Stadt, während die hohen Wachtürme wie die Stacheln auf dem Rücken des Drachen hochragten.

Die Wächter hatten die Stadttore noch nicht geschlossen, und so konnte Dan noch durch die modrig kühle Dunkelheit des Südtores hineinhuschen.

In dem Moment, als er auf den dahinterliegenden Platz treten wollte, hörte er den Gleichschritt der Wache auf dem Straßenpflaster näherkommen. Rasch verbarg er sich hinter ein paar Steinblöcken, die aus der Mauer herausragten und sah, wie die Männer gemeinsam den schweren Balkenriegel auf der Innenseite der beiden Torhälften vorschoben.

Heute nacht konnte kein ungebetener Gast mehr in die Stadt eindringen. Jetzt konnten sich die Wächter einen oder zwei Becher Bier in der Schwarzen Tonne gönnen.

Dan blieb vorerst noch in seinem Versteck. Obwohl bisher niemand nach ihm gefragt hatte, mochte er sich nicht auf den Straßen sehen lassen. Wenn die Leute Plattnas erblickten, würden sie bestimmt neugierig. Dann würden sie Dan zwingen zu spielen, um den Affen tanzen zu sehen.

Andererseits, dachte er, würden wir dann vielleicht etwas zu essen bekommen!

Aber Dan verabscheute die Menschen in der Stadt und wollte ihnen nicht vorspielen. Außerdem schmerzte seine Hand jetzt viel zu sehr. Er könnte nicht mehr gut genug spielen.

Plattnas ... Plötzlich wurde ihm klar, daß er etwas finden mußte, in dem er das Tierchen verstecken konnte.

Dan wartete, bis es ganz dunkel geworden war. Dann schlich er durch die engen Gassen zu dem Haus hinüber, wo Mutter und er ihr Zimmerchen gemietet hatten. Vielleicht ist das Zimmer noch leer, dann könnten wir dort schlafen, dachte er.

Doch aus dem Fenster schien Licht. Enttäuscht schlüpfte er statt dessen durchs Gartentor des Nachbarn. Dort im Garten wuchsen sowohl Maulbeeren als auch Birnen. Das wußte er genau, er hatte sich dort schon häufig insgeheim sattgegessen.

Dan tastete an den vertrauten Zweigen entlang. Maulbeeren gab es keine mehr. Aber die Birnen! Plattnas hatte schon entdeckt, daß oben im allerhöchsten Wipfel noch mehrere Birnen hingen. Er hüpfte wild durch die Äste, so daß fast alle neben Dan ins Gras plumpsten.

In dieser Nacht schliefen Dan und Plattnas auf der Erde unter den Bäumen.

Schlafen ... Dan fand nicht viel Schlaf. Das Gras war taunaß, und seine Kleider wurden bald feucht. Außerdem wurde die Nachtluft um diese Jahreszeit allmählich kühl. Die sommerliche Wärme war dahin.

Dan wälzte sich hin und her, streckte sich, rollte sich zusammen und sehnte sich nach dem weichen Heuhaufen am Dorfrand.

Plattnas schlief fest. Er schnarchte sogar ab und zu und scharrte mit seinen kleinen Händen. Ob er wohl träumte? Vielleicht befand er sich gerade in einem fernen Land? In einem fremden Land, in dem Bäume, Blumen und Menschen ganz anders aussahen als hier. Was mochte das Äffchen alles erlebt haben, bevor es zu Dan kam? Er wußte so wenig von ihm.

In dieses fremde Land werden wir reisen, überlegte Dan. Vielleicht sind wir morgen schon dorthin unterwegs. Er rollte sich noch fester zusammen und dachte an das wunderbare Land. Zu essen gab es dort sicher reichlich, und nachts war es dort warm und angenehm.

Doch kaum war er eingeschlafen, kehrte der Seeräuber von gestern nacht zurück. Genau wie gestern durchbohrte er Dans Hand mit seinem glühenden Schwert. Dan begann zu schwitzen, obwohl die Nachtluft kühl war. Er schwitzte und fluchte über seine verflixte Hand, die so sehr schmerzte.

Dann endlich brach der Morgen an. Jetzt mußte Dan aus dem Garten verschwinden, bevor die Menschen ringsum aufwachten. Und Plattnas! Er hatte ja immer noch keine Ahnung, wo er das Äffchen verbergen sollte.

Dan sah sich im Morgenlicht um. Dort hinten hing Wäsche zum Trocknen. Eine dieser gestreiften Schürzen würde sich gut eignen, dachte er. Ich könnte sie zu einem Bündel zusammenschnüren, so ähnlich wie das der alten Bettlerin. Dann könnte ich Plattnas hineinstecken.

Aber Plattnas würde sofort seinen Schwanz hinausstrecken, und seine vier kräftigen Hände würden die Knoten aufscharren. Bevor sie halbwegs unten am Hafen wären, würde der neugierige kleine Kopf bestimmt auch schon herausschauen. Dan brauchte einen Sack. Einen richtigen, dichten Sack, den er ordentlich zubinden konnte, in dem Plattnas aber trotzdem noch Luft bekam.

Doch einen Sack warf man nicht so einfach weg, daher konnte er kaum hoffen, einen zu finden. Während er eine Birne frühstückte, überlegte er.

„Plattnas, komm herunter!“ flüsterte er plötzlich. „Ich habe eine Idee!“

Aber Plattnas wollte nicht. Er sprang hoch oben in den Baumwipfeln von Ast zu Ast und wollte, daß Dan mit ihm spielte. Erst als Dan einen vorsichtigen Ton auf der Flöte blies, kam der Affe herunter.

Inzwischen war es fast ganz hell. Da hörte Dan, wie die Haustür aufging, er riß Plattnas an sich und schlüpfte zum Gartentor hinaus.

„He, du da!“ rief eine morgenheisere Stimme aus dem Garten hinter ihm her.

Doch da war Dan schon unterwegs zum Hafen.

Die Gassen waren eng und krumm, aber Dan kannte hier jeden Winkel. Die Lybsche Gasse, dann hinaus auf die Strandstraße. Jetzt war er bald am Hafen. Bisher war er niemandem außer einem verschlafenen Schreinerlehrling begegnet, der aber nur Augen für das Straßenpflaster vor seinen Zehen hatte.

Da zuckte Plattnas plötzlich erschrocken zusammen, und bevor Dan überhaupt einen Gedanken fassen konnte, hatte der Affe schon einen Satz auf den Bretterzaun neben der Gasse gemacht. Dort oben hockte eine Katze, und Plattnas verabscheute Katzen!

Dan stürzte hinterher und erwischte Plattnas am Schwanz, kurz bevor die Rauferei losging. Plattnas schnatterte wütend auf die Katze ein, die fauchte, mit den Augen funkelte und ihren aufgeplusterten Schwanz in die Luft streckte.

Rasch rannte Dan davon. Das hätte vielleicht einen Aufruhr gegeben! Jetzt begriff er erst recht, wie dringend er den Sack benötigte. Nicht nur, um Plattnas darin zu verstecken, sondern auch, um die Stadt vor dem Äffchen zu verbergen. Wenn es alle spannenden Dinge zu sehen bekäme, hinter denen es herjagen könnte, hätte Dan nichts anderes zu tun, als das Tierchen zu hüten.

Er blieb stehen und band Plattnases Schnur an seinem Gürtel fest. Das, was er jetzt vorhatte, war gefährlich und durfte nicht durch irgendeinen dummen Affenstreich gefährdet werden.

2

Im Hafen war es noch still und kein Mensch zu sehen. Doch jederzeit konnten gähnende Seeleute aus ihren Kojen herausgetaumelt kommen. Und bald würden die quietschenden Türen der Läden und Magazine aufgeschlagen werden.

Ein dünner Schatten huschte am Kai entlang. Vor dem größten Gebäude des Hafens blieb er stehen und glitt dann vorsichtig an die Hausmauer heran, um dort hinter der hohen Treppe zu verschwinden.

Lange mußte er nicht warten, bis die Knechte des Kaufmannes aufschlossen und Teerfässer und Säcke voller Kalk heraustrugen.

Der Schatten wußte genau, wann es an der Zeit war, hinter ihrem Rücken in das dunkle Magazin zu verschwinden. Dort tastete er sich vorsichtig voran, bis er das gefunden hatte, weswegen er hergekommen war.

„Den nehme ich als Ersatz für Mutters Hochzeitsring“, murmelte der Schatten und verschwand mit einem großen, leeren Sack in die Morgensonne hinaus.

„Tut mir leid, Plattnas“, sagte Dan kurz darauf. „Ich hoffe, daß ich dir nicht weh tue. Aber ich muß dich nun einmal auf diese Art verstecken.“

Er band den Sack ordentlich zu, während Plattnas drin im Dunkeln schnatterte und zappelte. Besonders lang hielten seine Proteste jedoch nicht an. Als er Dans Stimme hörte und seinen Rücken durch die Sackleinwand hindurch spürte, beruhigte er sich und schlief ein.

Drinnen in seinem Kontor saß der Kaufmann und schnalzte mit der Zunge. „Nicht schlecht“, sagte er dann zufrieden. Er kostete soeben den Wein aus einem der Weinfässer, die er gekauft hatte. Gewürze und Stoffe hatte er ebenfalls erstanden. Das alles hatte sich an Bord des Schiffes befunden, das vor dem Lagerhaus am Kai lag. Jetzt schleppten seine Knechte die Waren an Bord, die er selbst verkaufen wollte.

„Hat genau die richtige Süße“, sagte er zu sich und nippte noch einmal zufrieden an dem Becher. „Diese Ladung kann ich für einen guten Preis an meine Kunden hier in Visby verkaufen.“

Der Kapitän des Schiffes war ebenfalls zufrieden. Er stand an Deck und sorgte dafür, daß alles ordentlich verladen wurde. Plötzlich spuckte er auf den Finger und hielt ihn in die Luft. „Der Wind ist günstig. Wir müssen möglichst bald ablegen, bevor er wieder abflaut. Am besten noch vor Mittag“, rief er dem Steuermann zu. „Sag den Männern, daß sie sich sputen sollen! Die ganzen Lederbündel liegen ja noch auf dem Kai!“

Seeleute und Kaufmannsknechte bekamen es nun so eilig, daß sie sich gegenseitig fast über den Haufen rannten. „Geh zur Seite!“ riefen sie einem Jungen mit einem Sack auf dem Rücken zu. „Du stehst im Weg!“

Der Junge ging weiter. Aber er entfernte sich nicht vom Schiff, sondern kletterte den Landungssteg hinauf und versuchte dabei, ein mutiges Gesicht zu machen, obwohl ihm das Herz bis in die Halsgrube schlug und seine Knie so sehr zitterten, daß er fast vorwärts stolperte.

Mitten auf dem Landungssteg kamen ihm zwei Seeleute entgegen. „Was tust du hier?“ fragten sie und drehten ihn um.

„Ich möchte mit dem Kapitän sprechen“, antwortete Dan so bestimmt wie möglich.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, der Kapitän hätte Zeit für Grünschnäbel wie dich?“

Bevor Dan wußte, wie ihm geschah, hatten sie ihn auf den Kai zurückgestoßen.

Aber der Kapitän hatte den Lärm gehört. Er trat an die Reling und erblickte Dan. Zuerst sah er einmal hin, dann noch einmal. Und schließlich rief er: „Ich gehe zum Frühstück in die Kajüte. Schickt mir den Jungen herunter!“

Die Seeleute musterten Dan mißtrauisch. Sie wußten, daß ein neuer Schiffsjunge an Bord gebraucht wurde. Der vorige war erst vor ein paar Nächten über Bord gespült worden. Aber dieser hier konnte doch kaum in Frage kommen? Der sah zu mickrig aus, wie er so dastand und einen alten Sack an sich preßte.

Dan drückte den Sack mit Plattnas so fest an sich, damit der Affe ruhig blieb und nicht ausgerechnet jetzt Unfug machte. Jetzt ...

Er hielt die Luft an, während er darauf wartete, daß jemand dem Befehl des Kapitäns Folge leistete. Einer der Seeleute näherte sich unwillig, ging dann mit Dan den Steg hinauf und zeigte auf die steile Treppe, die der Kapitän gerade erst hinabgestiegen war. Dan zögerte nicht hinterherzuklettern.

Seine Augen waren noch an das klare Sonnenlicht gewöhnt. Unten am Fuß der Treppe mußte er stehenbleiben und blinzeln, bevor er in der Düsternis hier wieder sehen konnte. Da erblickte er den Kapitän, der in seiner Kajüte am Tisch saß und Suppe löffelte. Ein Teil davon tropfte in seinen Bart, der eigentlich grau war, sich aber dort, wo die Suppe hinunterfloß, rotbraun verfärbte. Der Kapitän hatte eine Glatze und Augenbrauen so groß wie Vogelschwingen, unter denen zwei freundliche Augen Dan lange und forschend ansahen.

„Nun, was wolltest du von mir?“ fragte er freundlich.

Dan verschlug es die Sprache. Er war so sehr an unfreundliche Worte und harte Stimmen gewöhnt, daß es ihm schwerfiel zu antworten, wenn jemand ihn nicht anbrüllte.

„Ich ... ichichich ...“, stammelte er. „Ich will zur See gehen ...“

„Dacht ich mir’s doch“, antwortete der Kapitän. „Wenn Jungs mit einem Sack im Arm den Landungssteg heraufkommen, haben sie meistens genau das im Sinn.“

Jetzt hatte der Kapitän seine Schüssel leer gegessen. Doch anstatt sie beiseite zu schieben, füllte er sie erneut. Dann reichte er sie Dan.

Dan stellte rasch den Sack auf den Boden und streckte beide Hände vor, um die Schüssel in Empfang zu nehmen. Für den Löffel hatte er keine Zeit, er trank die Suppe direkt aus der Schüssel.

„Na, das war aber ein großer Hunger“, sagte der Kapitän. „Setz dich hier an den Tisch, dann gibt’s noch mehr.“

Ohne eine einzige Frage beantworten zu müssen, durfte Dan jetzt Brot und gekochtes Fleisch essen. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie etwas so Gutes gegessen. Er seufzte und spürte, daß sein Bauch ganz rund geworden war, nachdem er sich endlich satt gegessen hatte.

Die ganze Zeit hatte der Kapitän ihn mit seinem forschenden Blick angestarrt. „Wie heißt du, mein Junge?“

Aber es fiel Dan immer noch schwer zu antworten. Diesmal, weil er so unfaßbar satt war.

„Heißt du Jakobsson?“ fragte der Kapitän.

Dan blickte ihn verblüfft an. „Ja. Dan Jakobsson.“

Wie konnte der Kapitän das wissen? Soweit Dan wußte, hatte er doch noch nie etwas mit ihm zu tun gehabt.

„Ich habe deinen Vater gekannt“, sagte der Kapitän, als ob er Dans Gedanken gelesen hätte.

Er hat Vater gekannt und mir trotzdem zu essen gegeben? fuhr es Dan durch den Kopf. Aber ...

„Wir waren beide auf demselben Schiff Schiffsjungen“, sagte der Kapitän. „Er hat mir einmal das Leben gerettet, als wir von Seeräubern überfallen wurden.“

Dan schwieg. Er saß einem Menschen gegenüber, der Vater nicht als Mörder bezeichnete, sondern sagte, daß Vater sein Leben gerettet habe!

„Weißt du auch, daß du genauso aussiehst wie dein Vater damals? Dünn und knochig. Braune, widerspenstige Haare. Und dann die Augen. Grün wie Katzenaugen. Die vergißt man nicht so leicht. Fährt dein Vater immer noch zur See?“

„Vater ist tot“, antwortete Dan rasch. „Als ich klein war, ist er in einem Sturm untergegangen.“

Mehr sagte Dan nicht, und der Kapitän nickte.

„Ja, ja, das ist das Los des Seemannes.“

„Ich möchte als Schiffsjunge anheuern“, flüsterte Dan.

„Vielleicht ...“

Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Streck deine Hände vor“, sagte er freundlich. „Mit dieser häßlichen Wunde kannst du weder Taue einholen noch das Deck schrubben. Du mußt warten, bis die Hand wieder geheilt ist.“

Dan blickte auf die Wunde. Er sah hin, ohne sie zu sehen, da seine Augen jetzt voller Tränen standen. Diese verdammte Wunde! Verstohlen wischte er sich die Augen. Er durfte auf keinen Fall zeigen, daß er fast weinte.

„Geh wieder heim zu deiner Mutter“, sagte der Kapitän und stand auf. „Wenn ich im Frühjahr zurückkomme, bist du bestimmt wieder hergestellt. Dann darfst du auf meinem Schiff Schiffsjunge werden, das verspreche ich dir!“

Dan starrte auf den Boden und schwieg. Er sagte nicht, daß seine Mutter auch tot war und daß er nirgends hin konnte. Wenn seine Hand erst einmal geheilt war, konnte er vielleicht auf irgendeinem Bauernhof Arbeit finden. Irgendwie würde er sich doch bis zum Frühjahr durchschlagen können.

Der Kapitän beugte sich über den Tisch und sammelte alles ein, was noch an Fleisch und Brot übrig war, ja, sogar den Rest einer geräucherten Hammelkeule. Dann reichte er alles Dan.

„Hier! Steck das in deinen Sack. Vielleicht bleibst du dann bis morgen satt. Jetzt mußt du an Land, wir wollen nämlich gleich lossegeln.“

Dan bückte sich nach dem Sack. Wenigstens hatte Plattnas sich ruhig verhalten. Da sah er, daß der Affe verschwunden war! Der Sack war noch da, aber leer. Mit seinen scharfen, kleinen Zähnen hatte Plattnas ein Loch in die Sackleinwand genagt und war auf und davon!

Dan hob den Sack auf und schüttelte ihn, als könnte Plattnas sich plötzlich in eine Fliege verwandelt haben und sich noch darin verstecken.

„Na, was ist!“ sagte der Kapitän jetzt ungeduldig. „Pack das Essen jetzt ein!“

Er reichte Dan die Hammelkeule. Dan nahm sie samt Speck und Brot und steckte alles in den Sack. Seine Hände arbeiteten wie von selbst. Aber seine Gedanken galten nur Plattnas.

Da ertönte lautes Krachen. Ein Seemann kam die Treppe herab und mit bleichem Gesicht in die Kajüte gepoltert.

„Ich will an Land“, stöhnte er. „Mit diesem Schiff wage ich nie mehr zu segeln!“

„Was sagst du da, Kerl!“ brüllte der Kapitän und schüttelte ihn. „Beruhige dich und sag, was geschehen ist!“

Der Mann stöhnte erneut. „Ein Gespenst ist an Bord, ein Klabautermann“, jammerte er. „Ich habe es selbst gesehen. Das Schiff wird untergehen!“

„Ein Klabautermann?“

Der Kapitän zögerte. Er war schon lang genug auf See, um Geister und Erscheinungen ernst zu nehmen. Es gab genügend Berichte darüber, wie Klabautermänner und Geistererscheinungen den Untergang von Schiffen vorhergesagt hatten.

Er schloß seinen Schrank auf und holte ein Branntweinfäßchen heraus. Obwohl das Schiff bald ablegen sollte, schenkte er dem Seemann einen ordentlichen Schluck ein. Dann bekam er noch zwei weitere, worauf seine Wangen allmählich eine rosa Färbung annahmen.

„Nun, erzähl, was du gesehen hast“, sagte der Kapitän.

„Wie ein grauer Wind ist es mir um die Beine gefegt. Es war behaart und hatte funkelnde Augen. Der Schwanz ...“

Da kam Leben in Dan. Flinker als jedes Gespenst sauste er die Treppe hinauf aufs Deck. Der Kapitän und der Seemann konnten gut verstehen, daß der Junge vor dem Gespenst erschrocken war, und sie glaubten, daß er an Land gerannt sei.

Doch Dan war noch an Bord. Wie wild rannte er an Deck umher und suchte in allen Ecken und Winkeln.

„Verflixter Plattnas! Warte nur, bis ich dich erwische, du Klabautermann!“ fauchte er.

Als der Kapitän und der Seemann heraufkamen, mußte Dan alles erklären. Der Seemann geriet außer sich vor Empörung. Sein Gesicht wechselte erneut die Farbe, diesmal von rosa zu dunkelrot. Er packte Dan mit festem Griff am Hosenboden, hievte ihn zur Reling hinauf und schrie: „Jetzt werf ich dich ins Wasser, du ...!“

„Halt!“ brüllte der Kapitän. „Stell den Jungen hin und hilf suchen. Wir müßten längst auf See sein. Der Wind flaut langsam ab.“

Dan wollte weitersuchen, doch der Kapitän schrie: „Alles klar! Hißt die Segel! Lichtet den Anker!“

„Und du“, sagte er und zeigte auf Dan. „Sieh zu, daß du an Land kommst – mit oder ohne Klabautermann.“

Diesmal war Dan derjenige, der blaß wurde. Mit dem Sack in der Hand ging er langsam rückwärts auf den Landungssteg zu.

„Plattnas!“ schrie er. „Plattnas ...“

Verzweifelt ließ er den Blick ein letztes Mal übers Deck streifen, bevor er auf den Landungssteg hinaustrat.

Da fiel ihm plötzlich die Flöte ein. Er riß sie aus der Tasche und setzte sie an den Mund. Doch diesmal blies er so stark hinein, daß kein einziger Ton herauskam. Er versuchte, sich zu beherrschen und ruhiger zu blasen.

„Bist du immer noch nicht an Land?“ Jetzt war der Kapitän böse, und der Flötenton ertrank in seiner donnernden Stimme. Dan drehte sich um und rannte davon.

Kaum hatte er den Kai erreicht, wurde der Landungssteg eingeholt und die Ankerkette rasselnd hochgezogen.

Versteinert stand Dan da und sah, wie der Schiffsrumpf sich sachte vom Land entfernte, immer weiter und weiter weg vom Kai. Er hörte die weißen, geblähten Segel knattern, als sie gehißt wurden. Dans Blicke folgten ihnen nach oben. Und da sah er Plattnas ganz oben in der Spitze des höchsten Mastes! Klein und erschrocken klammerte er sich dort fest, genau wie früher an Dans Hals, als Dan ihn mit sich herumtrug.

Dan spürte, wie leer seine Arme waren. „Wartet!“ schrie er und winkte. „Wartet!“ Aber es war zu spät. Seine Stimme war zu schwach, und außerdem hatte niemand mehr Zeit, auf ihn zu hören. Einsam blieb er auf dem Kai stehen, bis Plattnas nicht mehr zu sehen war.

Bald war auch das Schiff außer Sichtweite, obwohl Dan am Strand entlanggelaufen war, um es so lange wie möglich sehen zu können.

Vielleicht hatte er gehofft, daß er es doch noch zum Umkehren bringen könnte, daß es doch noch zum Kai zurücksegeln würde. Daß der Kapitän einem der Seeleute befehlen würde, auf den Mast hinaufzuklettern und Plattnas herunterzuholen.

Als das Schiff endgültig hinterm Horizont verschwunden war, setzte Dan sich an den Strand. Er hatte das Gefühl, als hätte nichts mehr einen Sinn. Am liebsten würde ich sterben, dachte er.

Hinter den weißen, rundgeschliffenen Steinen des Strandes erhob sich eine Felswand. Dan sah, daß in dem Fels eine breite Öffnung war, wie eine Pforte. Als er näherkam, erkannte er, daß hier der Eingang einer tiefen Höhle war.

Da erinnerte er sich, daß Mutter ihm von dieser Höhle erzählt hatte, als er klein war. Hier pflegten die Seeräuber ihre zusammengeraubten Schätze zu verstecken, und manchmal wohnten sie auch in dieser Höhle, wenn sie nicht gerade auf ihren Schiffen draußen über das Meer fuhren.

Vorübergehend vergaß Dan, daß er sterben wollte. Er mußte wenigstens nachschauen, wie diese grausamen Seeräuber damals in der Höhle gelebt hatten. Große Felsblöcke dienten ihnen wohl als Bänke, und auf dem Boden der Höhle waren immer noch schwarze Flecken von ihren Feuerstellen zu sehen.

Vorsichtig setzte sich Dan versuchsweise auf einen der Felsblöcke und blickte aufs Meer hinaus. Wenn ihm nicht so traurig zumute gewesen wäre, hätte er sich jetzt einbilden können, ein reicher Seeräuber zu sein.

Da fiel sein Blick auf den Sack. Ganz verarmt war er doch noch nicht. Schließlich hatte er etwas zu essen, mehr als je zuvor in seinem ganzen Leben. Der Geruch der geräucherten Hammelkeule drang verlockend durch die Sackleinwand. Wenn er schon sterben mußte, konnte er ebensogut vorher noch die leckeren Sachen aufessen. Als Dan satt war, schlief er ein.

An diesem Tag starb Dan nicht und auch nicht am nächsten. Die Sonne ging auf und wieder unter. Und als der Sack leer war, beschloß er, trotz allem weiterzuwandern.

Eigentlich hätte er landeinwärts gehen müssen, um auf irgendeinem Hof Arbeit zu suchen, so wie er es sich vorgestellt hatte. Doch solange es seiner Hand so schlecht ging, daß er nicht einmal das Deck damit schrubben konnte, taugte sie auch nicht dazu, Ställe auszumisten.

Also folgte er dem Strand in südlicher Richtung. Er wanderte über verlassene Strandwiesen und weiße Sandstrände. Und ab und zu träumte er, daß das Schiff mit Plattnas an Bord doch noch angesegelt käme und vor ihm anlegte.

Das Meer bei Windstille!

Wie ein unendliches Nichts stieß es weit hinten an den Himmel, silberblank ruhend und wartend. Dann kam die Brise, und die Sonne brach durch die Wolken.

Das Meer erwachte. Plötzlich gingen kleine Lichter auf der Wasseroberfläche an, funkelten und blitzten.

Das Licht blendete Dan. Er schirmte die Augen mit dem Arm ab. Die Wunde in seiner Hand brannte, und er tauchte sie ungeduldig ins Wasser. Das kühlte zwar, doch dann ließ das salzige Wasser die Wunde nur noch heftiger als zuvor brennen. Verzweifelt sah er auf seine Hand. Am liebsten hätte er sie abgehackt und den Fischen vorgeworfen. Er seufzte und stand auf. Er war so müde.

Weiter hinten am Strand lag ein Fischerschuppen im Schutz zweier knorriger Kiefern. Doch die Tür des Schuppens war verschlossen, und Dan konnte sie nicht aufmachen. Da legte er sich im Schatten des Schuppens auf ein weiches Bett aus Strandgras. Halb im Schlaf holte er den Sonnenstein hervor, hielt ihn gegen das Licht und sah, wie er in weichen Farben schimmerte. Ähnliche Farben kannte er sonst nur von den bunten Glasfenstern der Kirchen, wenn die Sonne hindurchschien.

Und dann sah Dan etwas anderes. Ein Mann kam über die weißen Kiesel näher! Kräftig und aufrecht ging er dort am Wasser entlang. Dan fuhr hoch und rief: „Jakob! Hier bin ich! Komm und nimm mich mit!“

Doch da verblaßte der Mann und wurde vom Licht verschluckt.

Wie lange er geschlafen hatte, wußte Dan nicht. Das Geschrei unzähliger Möwen hatte ihn aufgeweckt. Ein Stück draußen im Wasser stand ein alter Mann und nahm Fische aus. Seine Beine ragten weiß und krumm aus den Hosenbeinen hervor.

Jedesmal, wenn der Alte Fischabfälle ins Wasser warf, tauchten die Möwen direkt vor ihm ins Wasser, um gleich wieder mit blutigen Därmen und glotzenden Fischköpfen in ihren gelben Schnäbeln nach oben zu fliegen.

Noch im Flug verschlangen sie ihre Beute und stürzten dann sofort wieder nach unten. Dan schauderte. Vor Möwen hatte er sich schon immer gefürchtet. Ihre Augen hatten einen so bösartigen, starren Blick – als ob das, was man sich von ihnen erzählte, tatsächlich stimmte.

Es hieß, die Möwen wären die Seelen toter Seeleute.

Doch das wollte Dan nicht glauben. Sein eigener Vater war tot, und der war Seemann gewesen. Wenn das stimmte, was über die Möwen behauptet wurde, dann mußte Vater ja auch eine von ihnen sein?

Da glaubte Dan doch lieber an Mutters Erzählungen von den Bewohnern des Himmels, den Engeln, die dort oben jenseits der Wolken lebten und wunderschön sangen, anstatt so abscheulich zu schreien und zu kreischen wie die Möwen.

Vielleicht weiß es der Alte dort draußen im Wasser, fragte sich Dan im Halbschlaf. Ich würde ihn gern danach fragen. Ja, der Alte dort draußen lebt hier am Rand des Meeres, überlegte Dan weiter. Bestimmt kennt er die Möwen besser als die meisten anderen. Und alt ist er außerdem, ist selbst dem Tode nahe.

Jetzt drehte der Alte sich um und ging ans Ufer zurück. Der trockene Meerestang am Ufer knisterte, als er mit seinen knochigen Füßen darauf trat. Er trocknete sie am Gras ab und schlüpfte in seine Holzschuhe.

Erst als er oben am Schuppen angelangt war, erblickte er den Jungen. Dan stand auf. Er wußte nicht, ob er davonrennen sollte, oder ob er es wagen konnte, zu bleiben. Doch der Alte nickte ihm nur einen Gruß zu.

Er stellte keine Fragen, obwohl er bestimmt gerne wissen wollte, wer Dan war. Daß der Junge nicht aus der Gegend war, das sah er. Und mit Fremden war er immer vorsichtig. So nah am Rande des Reiches der Meerfrau konnte man nie wissen ...

Umständlich öffnete er die Tür des Schuppens und verschwand darin. Als er wieder herauskam, sagte er zu Dan:

„Wenn du mir etwas Holz sammelst, bekommst du was zu essen!“

Dan sah sich um, brauchte aber nicht lange zu suchen. Silbergraue Holzstücke lagen auf dem Strand verstreut. An manchen konnte man noch die Spuren von Beilen und Schnitzmessern erkennen; das waren Überreste von Schiffen, die hier vor der Küste zerschellt waren.

Während Dan Holz sammelte, füllte der Alte den Topf mit Wasser.

Bald brodelte die Fischsuppe munter über dem Feuer im Schuppen.

Die Brise, die vorhin übers Meer gestrichen war, war zu einem kräftigen Wind angewachsen, der jetzt durch die Spalten und Ritzen der Schuppenwände hereinpfiff. Er ließ das Feuer auf dem Herd flackernd aufflammen. Die Feuerzungen leckten an dem verrußten Kessel, und das Gesicht des Alten nahm im Feuerschein ein geheimnisvolles, bedrohliches Aussehen an.

Dennoch faßte Dan Mut und fragte:

„Kann das wohl stimmen, was man so über die Möwen sagt ... daß sie die Seelen toter Seeleute sind?“

„Ja, ja, das kann schon sein.“ Der Alte nickte. „Aber nur die der Schlechten. Die Guten landen sicher woanders.“

Dan schwieg, dachte aber lange über die Worte nach: „Die Guten landen sicher woanders.“

War Vater schlecht oder gut gewesen? War es so, wie die anderen Menschen in der Stadt behaupteten, oder hatte Mutter recht, als sie von ihm erzählte?

Plötzlich mußte er auch an den Kapitän denken, der gesagt hatte, Vater habe sein Leben gerettet. Vater hätte doch bestimmt nie mit Absicht sein Schiff auf Grund laufen lassen. Er hätte doch nie das Leben seiner ganzen Besatzung aufs Spiel gesetzt, nur um reich zu werden!

Der einzige, der in der Lage wäre, Dans Fragen zu beantworten, der ihm die Wahrheit sagen würde, war Jakob.

Dans gesunde Hand suchte verstohlen unter dem Kittel nach dem Sonnenstein und drückte ihn fest. Es gab so viele Fragen, die Jakob ihm dereinst würde beantworten müssen!

Plötzlich beugte sich der Alte vor und sah Dan in die Augen. „Dein Blick ist grün wie das Meer“, sagte er. „Wer bist du eigentlich? In deinen Augen liegt das Geheimnis der Tiefe.“

Dan schwieg und blickte durch die Tür des Schuppens auf die Wellen hinaus.

„Wer du auch sein magst“, fuhr der Alte fort, „die Wunde in deiner Hand sieht auf jeden Fall bös aus.“

Er zog Dans Arm näher.

„Gegen solche Wunden gibt’s nur ein Heilmittel – Branntwein.“ Er streckte die Hand nach einem Tonkrug aus, der an der Wand lehnte, und drehte ihn um. „Leer wie ... Ach ja, ach ja, der Branntweinkrug des Alten ist zur Zeit fast immer leer ...“

Er blickte in die Wolken hinauf, als stünde in ihnen geschrieben, was außerdem noch Wunden heilen könne.

„Es gibt allerdings noch etwas anderes“, sagte er nach einer Weile. „Totenstaub. Heute abend ist Neumond, da ist es schwarz wie in der Hölle. Begib dich zum Friedhof und hol dir Totenstaub für deine Wunde. Aber sieh zu, daß du dir Erde aus einem frisch geöffneten Grab holst! Sonst hilft es nicht.“

Dan erbleichte. Totenstaub! Er dachte an all die unheimlichen Geschichten von Geistern und Gespenstern, die auf Friedhöfen hausen sollten. Nein, auf einen Friedhof wagte er sich nicht.

Aber seine Hand pochte und brannte. Er stand auf und fragte nach dem Weg.

„Du brauchst nur geradeaus landeinwärts zu gehen. Wenn du den Wald durchquert hast, siehst du die Kirche“, antwortete der Alte und zeigte Dan die Richtung.

Dan bedankte sich und machte sich auf den Weg.

Der Alte blieb lange stehen und sah hinter Dan her. Dann blickte er auf seine Hand, die vorhin noch Dans Arm umfaßt gehalten hatte. Er wischte sie sich sorgfältig am Hemd ab. War das nun ein Junge aus Fleisch und Blut, oder war das einer jener Knechte, die die Meerfrau auszusenden pflegte?

Diese Augen ... Solche Augen hatte er schon früher gesehen. Er wußte, daß die Meerfrau ab und zu ihre Knechte an den Strand schickte, wenn sie die Menschen zu sich locken oder ihnen Unglück vorhersagen wollte.

Eingehend musterte der Alte die Wolken, die über den Himmel jagten. Sie kündigten Sturm an.

„Heute abend werde ich besonders gut auf meine Sachen achtgeben müssen“, murmelte er und ging zu seinem Boot hinunter. Dort schlang er das Tau zusätzlich ein paarmal um einen großen Stein oben am Strand. Sicherheitshalber trat er dann noch einmal in den Schuppen und legte zwei Holzscheite auf dem Boden über Kreuz.

Kreuze hielten Trolle und Geister fern.

Noch einmal blickte er hinter dem Jungen her, der jetzt verschwunden war. Das Sausen in den Kiefern erklang kräftiger als vorhin. Ein Sturm braute sich zusammen, daran bestand kein Zweifel.

Als Dan den jenseitigen Waldrand erreicht hatte, konnte er den Kirchturm aus der Ebene aufragen sehen. Inzwischen war die Sonne schon fast untergegangen, doch bis Mitternacht war es noch lang.

Dans Beine trugen ihn kaum noch, er fühlte sich krank. Wenn er nicht selbst zum Friedhof ging, würden ihn vielleicht andere bald dorthin tragen müssen, das wurde ihm allmählich klar.

„Mit den Geistern muß ich irgendwie fertigwerden“, seufzte er.

Elend und verschwitzt ging er wieder in den Wald hinein. Er mußte einen Platz finden, wo er sich ausstrecken konnte, während er darauf wartete, daß es richtig dunkel wurde.

Es war nicht einfach, einen bequemen Platz zum Liegen zu finden. Die Kiefern hatten ihre Zapfen auf dem Boden verstreut, überall war es hart und uneben. Dennoch kam Dan alles unwirklich vor, wie in einem Traum.

Irgend etwas kitzelte ihn plötzlich im Nacken. Plattnas!

Dan wurde heiß vor Freude. Plattnas war wieder da! Wie hatte er ihn hier nur finden können? Doch als er im Gras um sich tastete, war niemand da. Nur eine Ameise, die sich in seinen Kittel verirrt hatte, kletterte an seinem Hals hoch.

Enttäuscht legte er sich wieder hin. Da hörte er Töne. Wie Engelsgesang! Vorsichtig öffnete er die Augen. Nein, Engel waren das nicht. Es war nur der Wind, der durch die Baumwipfel pfiff.

Dan nahm seine Flöte und schloß die Augen, er sah den Wald nicht mehr, nur noch eine graue kleine Gestalt hoch oben in einer Mastspitze.

Dan mußte spielen. Er setzte die Flöte an den Mund. Aber die Lippen, die in eine Flöte blasen, dürfen nicht zittern. Und die Finger, die über die Löcher der Flöte fliegen, dürfen keine zu großen Wunden haben. Er steckte die Flöte in die Tasche zurück. Heute abend mußte er sich damit begnügen, der Musik zu lauschen, die der Wald ihm vorspielte.

Zwischen den Bäumen wurde es immer dunkler. Aber der Abend zog sich in die Länge. Schließlich war Dan so müde, daß ihm selbst der harte Erdboden wie ein weiches Bett zu sein schien. Schlafen wollte er, nur schlafen.

Aber jetzt war die Mitternachtsstunde nah, die richtige Zeit, um auf den Friedhof zu gehen, wenn man solche Dinge vorhatte wie er, das wußte er. Jetzt mußte er wach bleiben.

Um nicht einzuschlafen, ging er auf den Weg hinaus, der zur Kirche führte. Dort erblickte er einen Baum, den größten Baum, den er je gesehen hatte. Es war eine Eiche mit einem Stamm so breit wie eine Kirchentür. Dan setzte sich unter die Eiche, den Rücken lehnte er an den harten Stamm. Immer wieder mußte er die Augen aufreißen. Die Augenlider wollten nur eines – sie wollten zufallen und die Träume hervorlassen.

Plötzlich sah Dan, wie eine Kutsche den Weg entlanggefahren kam. Direkt vor der Eiche bäumten sich die Pferde auf. Sie schlugen mit den Vorderhufen durch die Luft und rasten dann im wildesten Galopp davon. Die Kutsche schleuderte und kippte um!

Dan stürzte auf den Weg hinaus, um dem Kutscher zu helfen. Doch auf dem Weg war nichts zu sehen, weder Kutsche noch Pferde. Erst da ging es Dan auf, daß er kein einziges Geräusch gehört hatte, weder von Hufen noch von Rädern!

Die Geisterstunde war da! Jetzt mußte er sich zum Friedhof aufmachen. Sein Herz begann, wie wild zu hämmern.

Je näher er der Kirche kam, desto langsamer ging er. Er preßte den Sonnenstein in der Hand und wünschte, daß Jakob neben ihm ginge. Wenn nur Jakob ..., dachte er.

Noch nie hatte Dan sich so verlassen gefühlt wie in dieser Nacht.

Was hat der Alte am Strand außerdem noch gesagt? überlegte er. Daß Branntwein auch gut sei? Vielleicht sollte ich lieber zu einer Schenke gehen, als mich mit Geistern einzulassen?

Doch Schankwirte waren auch kein angenehmer Umgang. Dan zögerte nicht mehr lange, sondern kletterte auf die Friedhofsmauer. Dahinter standen die Steine dicht nebeneinander auf den alten Gräbern. Ein frischgeschaufeltes Grab mit einem Erdhaufen daneben konnte er nirgends sehen.

Er sprang hinunter und ging langsam zwischen den Gräberreihen hindurch. Doch, halt! Dort hinten sah er etwas, das ein Erdhaufen sein konnte. Dan schaute sich vorsichtig um. Keine weißen Gestalten, keine geisterhaften Schreie. Dennoch fürchtete er sich so sehr, daß ihm die Zähne klapperten.

Es dauerte eine wahre Ewigkeit, bis er den Erdhaufen erreicht hatte. Rasch bückte er sich, um seine wunde Hand mit Totenstaub zu füllen. Da hörte er hinter dem Haufen ein Rascheln. Auf der anderen Seite, wo das offene Grab lag!

Dan hielt den Atem an.

Eine dunkle Gestalt löste sich aus der Finsternis. Wie ein heulender Wind flog sie geradewegs auf Dan zu, der sich entsetzt hinter das nächste Grab warf. Jetzt war er des Todes!

Aber noch lebte er – er kämpfte mit dem Geist um sein Leben. Der Geist hackte mit messerscharfem Schnabel nach Dans Augen und schlug mit harten Flügeln um sich.

Dan erwischte den einen Flügel und schleuderte den Geist zum Grab hinüber. Dort gehörte er hin! Der Geist stieß einen heiseren Schrei aus, dann flatterte er davon.

Starr wie Eis blieb Dan auf dem Boden liegen. Da sah er, wie sich eine größere Gestalt aus dem Grab erhob. Eine Gestalt, die wie ein Mensch geformt war. Eine Zeitlang blieb sie am Rand des Grabes stehen. Dann wandte sich das Gespenst dem Stein zu, hinter dem Dan lag. Er wagte nicht einmal zu atmen.

Nach einiger Zeit bewegte es sich sachte vom Grab weg, auf die Mauer zu. Der Geist, der vorhin mit Dan gekämpft hatte, hüpfte neben ihm auf der Erde. Bisher hatte Dan immer geglaubt, Geister schwebten und sähen wie Nebel aus. Jetzt wußte er, daß sie Schnäbel hatten, mit denen sie hacken konnten, und daß sie klettern mußten, um Mauern zu überwinden.

Nachdem die Geister verschwunden waren, rannte Dan, so schnell er konnte, in die entgegengesetzte Richtung davon. Erst als er weit, weit weg war, fiel ihm der Totenstaub wieder ein.

Seine Hand war leer.

3

Jemand kam durchs Morgengrauen geritten. Es war Tomas, der Sohn vom Ringsarve-Hof. Er pfiff eine Melodie, die ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Den ganzen Abend und die halbe Nacht hatte er mit der übrigen Dorfjugend getanzt.

Noch nie habe ich einen so guten Spielmann gehört, dachte Tomas. Wenn Maria und ich im Winter heiraten, muß er und kein anderer spielen. Bestimmt hat er beim Nöck, beim Wassermann, spielen gelernt, überlegte er weiter. Sonst könnte er unmöglich so spielen!

Gleich hinter der Kirche streckte Tomas sich und gähnte herzhaft. Jetzt war er bald daheim. Es hatte großen Spaß gemacht, aber jetzt freute er sich darauf, ins Bett zu kommen.

In diesem Augenblick blieb sein Pferd Blanka stehen. Tomas trat ihr leicht in die Seiten und trieb sie an. Doch Blanka hob ihre Hufe nicht. Statt dessen senkte sie den Kopf zu Boden und beschnupperte vorsichtig etwas, das dort lag.

„Was ist das denn für ein Bündel?“ fragte sich Tomas und beugte sich vor. „Aber ...“

Er sprang vom Pferd, um besser zu sehen. Es war ein Mensch! Ein Junge.

„Ist er etwa tot?“ Erschrocken drehte Tomas ihn um, um sein Gesicht zu sehen. Es schien sehr blaß zu sein, doch der Junge atmete.

Hier kann er nicht liegenbleiben, dachte Tomas und hob ihn auf.

Mit dem Jungen in den Armen ritt er heimwärts. Blanka bewegte sich sachte und stellte die Hufe vorsichtig auf, als hätte sie verstanden, daß der Junge behutsam getragen werden mußte.

Tomas beugte sich vor und versuchte, noch einmal in das schmale Gesicht zu blicken. Er strich das strähnige, braune Haar beiseite. Diesen Jungen hatte er noch nie zuvor gesehen. Er stammte weder aus diesem Dorf noch aus dem Nachbardorf.

Wie heiß er war! Fieberheiß. Seine eine Hand war rot und geschwollen und hatte eine große Wunde. Tomas schnalzte Blanka ungeduldig zu. Jetzt mußten sie sehen, daß sie nach Hause kamen.

In dieser Nacht fand Tomas nicht viel Schlaf. Nachdem er und seine Mutter Karin den kranken Jungen in die Herdecke gebettet hatten, war es schon an der Zeit, in den Stall zu gehen und den Tieren das Morgenfutter zu bringen.

Dan merkte nicht viel von dem, was um ihn herum vorging. Er spürte nur, daß jemand etwas Kaltes in seinen Mund zu pressen versuchte, und begriff nicht, daß es eine Wasserkelle war. Doch als die ersten Tropfen über seine aufgesprungenen Lippen flossen, begann er, gierig zu trinken.

Manchmal sah er Licht, doch meistens war es dunkel. Und in der Dunkelheit tauchte immer wieder dieser Seeräuber auf, der immer häufiger mit seinem glühenden Schwert in Dans Hand bohrte.

Dan hatte keine Ahnung, was geschah, oder wie lange er in Ringsarve in der Herdecke lag. Er wußte nichts, und er sagte nichts. Daher wußte auch niemand, wer er war oder woher er kam.

Am nächsten Abend saßen Tomas’ kleine Geschwister in der tiefen Fensternische und schauten auf den Hof hinaus. Draußen war es zu kalt zum Spielen. Plötzlich sahen sie eine gebückte, graue Gestalt über den Stallvorplatz kommen.

„Lisen kommt!“ riefen sie. „Lisen kommt!“

Lisen war ein altes Bettelweib, das in den Höfen des Dorfes beherbergt wurde, jeweils der Reihe nach. Jetzt war es wieder soweit, daß sie Ringsarve besuchte. Die Kinder freuten sich, wenn Lisen kam. Hier war sie willkommen. Lisen konnte spannende Lieder von Rittern, Prinzessinnen und Trollen singen. Und Märchen konnte sie erzählen, von den Kleinen Leuten unter der Erde, den Wichteln, die unter jedem Hof lebten, sich den Menschen aber fast nie zeigten.

Die Kinder liefen sofort auf den Hof hinaus, Lisen entgegen. Jetzt mußte Dan in der Herdecke auf die Seite rücken. Auf Ringsarve brauchten die armen Leute nicht im Stall oder in der Scheune zu schlafen. Hier wurden sie wie Menschen behandelt und nicht wie Vieh.

Über Nacht war es Herbst geworden. Heftige Sturmwinde hatten das Laub von den Bäumen gerissen, und Lisen zitterte am ganzen Leib, als sie ins Haus trat. Das Umschlagtuch wärmte kaum, ihr magerer, alter Körper war ganz durchgefroren. Nach dem Eintreten stellte sie sich neben die Tür und wartete, bis jemand sie bat, weiter in die Küche hereinzukommen, wie es sich für die Armen geziemte, wenn sie ein Bauernhaus betraten.

„Komm herein, Lisen“, sagte Karin. „Hier hast du eine Schüssel Mehlsuppe zum Warmwerden.“

„O danke, das ist doch viel zu viel“, antwortete Lisen und begann, zufrieden zu schlürfen.

Nicht nur die Kinder hörten Lisen gern zu, auch Karin. Die Märchen und Lieder waren ihr nicht so wichtig, die kannte sie mittlerweile. Es waren andere Dinge, für die sie sich interessierte. Lisen wanderte ja von Hof zu Hof, und daher wußte sie über fast alles Bescheid, was in der Gegend passierte.

Heute schlürfte Lisen ihre Mehlsuppe mit großer Eile. Das hieß, daß sie wichtige Neuigkeiten hatte. Karin setzte sich ein Weilchen mit ihrem Strickzeug dazu.

Lang brauchte sie nicht zu warten.

„Ihr habt es doch wohl schon gehört“, fragte Lisen. „Was dem Strandreiter gestern nacht passiert ist?“

Karin schüttelte den Kopf und ließ das Strickzeug in den Schoß sinken. Der Strandreiter war ein mächtiger Mann, dem niemand in die Quere kommen wollte. Er hatte die Aufsicht über den Strand, damit niemand etwas von dem Strandgut stahl, das an Land trieb, wenn Schiffe gestrandet waren.

„Der Strandreiter ist vom Spielmann überfallen worden, der Spielmann ist nämlich toll geworden. Gesehen hat es niemand, aber der Strandreiter hat erzählt, daß der Spielmann ihm nach dem Leben getrachtet habe, und er hat seinen zerrissenen Mantel gezeigt. Er befahl den anderen Männern im Dorf, den Spielmann zu überwältigen und ihn in die Narrenkiste zu sperren.“

„In die Narrenkiste?“ flüsterte Karin erschrocken. „Da muß er sowohl toll als auch gefährlich sein!“

„Ja!“ Lisen nickte. „Und dort wird er wohl auch bleiben müssen; er brüllt und rüttelt dermaßen am Gitter, daß bestimmt niemand wagt, ihn wieder herauszulassen.“

„Ach Gott, der Spielmann ist toll geworden“, sagte Karin besorgt. „Wer wird dann im Winter auf Tomas’ Hochzeit spielen? Einen besseren gibt’s nicht. Das hat Tomas selbst gesagt.“

„Ich weiß jedenfalls keinen“, Lisen seufzte. „Gute Spielleute sind selten.“

„Spielleute ... Spielleute ... Spielleute ...“, hallte es in Dans Kopf wider. „Wo ist meine Flöte?“

Bevor er dazu kam, in der Tasche danach zu suchen, war er schon wieder eingeschlafen.

Abends, in der Dämmerung, wurde es ruhig auf dem Hof. Zum Arbeiten war es zu dunkel, aber um in die Federn zu kriechen, war es noch zu hell. Da rückten die Kinder im Herdwinkel nahe an Lisen heran.

„Bitte, liebe Lisen, erzähl uns etwas“, baten sie. „Dieses Märchen von den Wölfen und der Prinzessin!“

„Nein“, sagte Lisen. „Heute abend erzähle ich eine andere Geschichte, und die ist außerdem noch wahr. Es war einmal ein Betteljunge, der auf den Straßen umherzog. Er hatte lange, braune Haare und grüne Augen. Ich muß euch sagen, ich bin davon überzeugt, daß er ein verkleideter Prinz war! Seine Augen waren nämlich grün wie Edelsteine, und er hielt sich aufrecht und gerade wie ein Königssohn.

Als er so auf der Straße daherkam, war er nicht allein“, fuhr sie fort. „Er hatte ein Tier dabei, ein Tier, desgleichen ich mein Lebtag noch keins gesehen habe. Es war weder ein Hund noch eine Katze, weder ein Fuchs noch eine Eule.“

„Dann war es bestimmt eine Maus“, piepste die Jüngste.

„Sei still!“ sagten die anderen. „Das war doch keine Maus, oder?“ fragten sie dann und krochen noch näher an Lisen heran.

„O nein“, antwortete Lisen. „Das Tier sah nicht aus wie eine Maus. Stellt euch vor, es hatte vier Hände und keine Pfoten! Und der Schwanz, der war mindestens soo lang!“ Lisen streckte die Arme in die Luft, wobei ihr das Umschlagtuch zu Boden glitt. Niemand dachte daran, es aufzuheben, da alle noch mehr von dem eigenartigen Tier hören wollten.

„Was für eine Farbe hatte es denn?“

„Konnte es etwa sprechen?“

„Nein, sprechen konnte es wohl nicht“, meinte Lisen. „Aber tanzen konnte es. Als der Junge auf seiner Flöte spielte, tanzte das Tier rund im Kreis herum, daß der Straßenstaub nur so aufwirbelte.“

„Sooooo!“ schrie die Jüngste und wirbelte vor dem Herd herum. „Sooooo!!“

Da stolperte sie über Lisens Umschlagtuch und kullerte bis unter die Bank, auf der Dan schlief.

Als sie wieder hervorkrabbelte, hielt sie etwas in der Hand, ein Stück Holz, wie sie glaubte. Sie hob es hoch, um es ins Feuer zu werfen, genau wie Mutter es immer tat.

„Nein, halt!“ rief Lisen und packte sie beim Handgelenk. „Das ist doch eine ...“

Rasch nahm sie der Kleinen das Holzstück ab. Die heulte wütend auf und wollte es zurückhaben. Aber Lisen gab es nicht her. Sie drehte es in ihrer Hand hin und her und musterte es eingehend. Dann stand sie auf und ging zu dem schlafenden Jungen hinüber.

Ja, er war es!

„Wie ist er hierhergekommen?“ fragte sie, und Karin erzählte.

Als Lisen sich erkundigte, ob Dan allein war oder jemanden dabei hatte, begannen die anderen, sich zu wundern. Warum fragte sie das? Wußte sie etwas über den Jungen? Wer sollte ihn denn begleitet haben?

Jetzt mußte Lisen berichten. Sie sagte, daß Dan der Junge sei, der auf der Flöte gespielt hatte, und daß die Kleine ausgerechnet diese Flöte vorhin fast ins Feuer geworfen hätte.

„Ooooh ...! Aber wo hat er denn das seltsame Tier?“ flüsterten die Kinder.

Sie waren neugierig und ungeduldig, wagten aber nicht mehr, laut zu reden. Wenn es nun tatsächlich ein verzauberter Prinz sein sollte, der hier auf ihrer Bettlerbank in der Küche lag?

„Beruhigt euch“, sagte Lisen. „Wahrscheinlich ist er nur ein ganz gewöhnlicher Junge. Ein gewöhnlicher Junge, der ungewöhnlich krank ist.“

Sie legte ihre magere Hand auf Dans Stirn.

„Ein schlimmes Fieber.“ Sie seufzte. „Das kann übel ausgehen. Ich glaube, er ist von bösen Geistern heimgesucht worden.“

Böse Geister!

Das Wort drang in Dans schmerzenden Kopf. Böse Geister! O ja, das waren wohl böse Geister! Er versuchte, sich aufzurichten, und schlug mit der Hand durch die Luft, um sich gegen den schauerlichen Vogelgeist zu wehren, der ihm jetzt gerade in die Hand hackte.

Karin und Tomas hatten der Erzählung erstaunt zugehört. Tomas wendete die Flöte des Jungen in seinen Händen hin und her.

„Nein, ein Prinz wird er wohl nicht sein, aber vielleicht ist er ein geschickter Spielmann. Wenn er bis Weihnachten gesund wird, könnte er auf meiner Hochzeit spielen.“ Dann stand er auf. „Morgen früh fahre ich ihn zu Raben-Jon. Ich fülle den Wagen jetzt schon mit Heu, damit wir zeitig losfahren können.“

Die Geschwister wußten, daß Tomas morgen im Rübenbeet arbeiten sollte, dort steckten nämlich noch Rüben in der Erde, und bald würde der Schnee kommen. Daher begriffen sie, daß die Sache mit dem Jungen sehr wichtig sein mußte.

Am Abend lagen sie noch lange wach. Wenn der Junge doch schon gesund wäre! Dann könnte er ihnen vorspielen. Und vielleicht, vielleicht würde er ihnen auch das seltsame Tier zeigen!

Karin blieb auch länger wach als sonst. Sie füllte einen Korb mit Wurst, Brot und ein wenig Zucker. Raben-Jon nahm keine Bezahlung, wenn er Kranke heilte. Doch es war üblich, daß man verstohlen einen Korb mit Eßwaren in seinen Keller stellte.

Als Karin endlich zu Bett gegangen war, stand sie gleich wieder auf. Sicherheitshalber steckte sie noch ein Extrastückchen Wurst in den Korb. Dann legte sie sich wieder hin und schlief zufrieden ein.

„Nein! Bleib weg!“

Blaue Feuerzungen schossen aus dem glühenden Schwert des Seeräubers.

„Neeein!“

Dan warf sich auf der Bank herum. Da erlosch das Feuer, und der Seeräuber wurde von einem dunklen Schatten verdrängt.

Wasser ... Ihm war, als würde er an einem Waldbach knien und daraus trinken. Er trank und trank, bis die Kelle leer war und Lisen sie wieder an den Eimer hinten bei der Tür hängte.

Wie lang die Nacht war.

Dan schwebte über Strände, wo die Sonne soeben unterging und das ganze Meer brannte. Hinter ihm lauerte die bedrohliche Nacht.

„Jakob!“ rief er. „Endlich!“

Tomas blickte in das flammende Gesicht hinunter und fragte gespannt: „Wer ist Jakob?“

Doch Dan war in neue Fieberträume versunken und antwortete ihm nicht.

Der Weg zu Raben-Jon war nicht breit. Dennoch war er mehr ausgetrampelt als die meisten anderen Pfade, die zu so kleinen Häusern führten. Es war deutlich zu erkennen, daß viele Menschen ihre Schritte zu dem grauen Haus auf der Birkenwiese am Rand der Heide lenkten.

Tomas kam im Morgengrauen angefahren, um Heilung für den Kranken zu suchen. Viele schlichen sich lieber verstohlen im Schutz der nächtlichen Dunkelheit zu dem Häuschen. Ihr Anliegen blieb ein Geheimnis zwischen ihnen und Raben-Jon. Er war dafür bekannt, daß er mehr konnte, als Kranke heilen, und so mancher hätte ihn eher als Zauberer denn als Heilkundigen bezeichnet.

Tomas war nicht besonders wohl zumute, als er etwas später allein mit dem Karren nach Hause fahren mußte.

„Der arme Junge“, dachte er.

Er hatte es eilig fortzukommen und schnalzte Blanka voller Ungeduld zu. Da mußte einer schon sehr krank sein, bevor Tomas sich zu Raben-Jon begab! Der Alte ist wirklich unheimlich, dachte Tomas schaudernd. Und dieser Rabe, der ihm immer auf der Schulter sitzt, ist zu gespenstisch. Die Leute behaupten, der Rabe sei der Leibhaftige selbst. Wahrscheinlich hat Jon ihm seine Seele versprochen und dafür die Macht erlangt, Dinge zu tun, die wir gewöhnlichen Sterblichen nicht können.

Den ganzen Heimweg über mußte Tomas an den armen Jungen denken, den er in Jons Häuschen zurückgelassen hatte. Aber es war nicht zu vermeiden gewesen. Raben-Jon hatte gesagt, ein so hohes Fieber und eine so schlimme Wunde verlangten viele Medikamente und viele Sprüche. In neun Tagen könnte Tomas zurückkommen und den Jungen holen. Gesund oder ...

Die Tage vergingen. Eines Morgens lag Dan halbwach und schaute in ein flackerndes Feuer. Er erinnerte sich, daß er sich viel mit einem Seeräuber herumgeschlagen hatte, der ihm immer wieder sein glühendes Schwert in die Hand jagte. Doch als der Kampf mit dem Seeräuber am schlimmsten war, kam Jakob und rettete ihn. Er trug ihn auf seinen starken Armen hierher, wo es still und ruhig war.

Jakob! Endlich hatte er Jakob gefunden! Aber ... Dan versuchte, sich rasch aufzurichten. Da sah er einen Schatten, der sich vor dem Feuer bewegte.

Das da ist nicht Jakob, dachte er verwirrt. Und bevor er wieder in betäubten Halbschlaf versank, erinnerte er sich daran, daß er diesen Schatten schon irgendwann vor langer Zeit gesehen hatte.

Aber wo?

Als Dan das nächste Mal aufwachte, war das Feuer zu einem Gluthaufen zusammengefallen und die dunkle Gestalt verschwunden.

„Wo bin ich?“

Dan tastete mit seiner gesunden Hand um sich, bis er plötzlich etwas Warmes, Lebendiges erwischte, das zusammenzuckte. Dan kam gar nicht dazu, festzustellen, was es war, bevor schon wieder ein Geist über ihn herfiel! Derselbe Geist, mit dem er auf dem Friedhof gekämpft hatte!

Es war ein Vogelgeist, der mit dem Schnabel nach Dan hackte und wild mit den Flügeln schlug. Doch bevor Dan den Geist abwehren konnte, hatte jemand anderes ihn schon eingefangen.

Dans Herz drohte, vor Entsetzen zu zerspringen, alles drehte sich in seinem Kopf, und er verlor das Bewußtsein.

Ein klirrendes Geräusch weckte Dan, und ein scharfer Geruch stach ihm in die Nase. Er bewegte sich vorsichtig. Sein Körper war steif; er mußte sehr, sehr lange geschlafen haben.

Wo war er? Im Fischerschuppen am Meer? Nein, dieses Haus war größer. Drüben am Feuer stand ein fremder Mann und rührte in einer Tonschüssel. Auf seiner Schulter hockte ein großer, schwarzer Vogel, der aufmerksam alles beobachtete, was der Mann tat. Dan war wach, fühlte sich aber zu schwach, um etwas zu sagen. Er lag lange schweigend da und sah zu, wie der Mann mit seinen Töpfen und Schüsseln hantierte.

Da drehte der Vogel sich plötzlich um und flatterte wütend in Dans Richtung.

Durch Dans Kopf zuckten Erinnerungsbilder an Kämpfe mit Geistern, rasch hielt er sich den Arm schützend vors Gesicht. Da merkte er, daß seine Hand in einen Lappen gewickelt war, und er stellte voller Verwunderung fest, daß sie nicht mehr so heftig schmerzte.

Während er zusammengekauert dalag und darauf wartete, daß der Vogel ihn angriff, hörte er, daß der Mann sich umdrehte. Dan kniff die Augen zu und wagte nicht zu zeigen, daß er wach war. Als der Mann sich über ihn beugte und Dans kranke Hand an sich zog, sträubten sich Dan die Haare.

Der Mann wickelte vorsichtig den Lappen ab und strich etwas auf die Wunde, etwas, das sofort kühlte und linderte. Dann hörte Dan den Mann mit eintöniger Stimme murmeln:

„Salbe aus mancherlei Kräutern

streich ich auf deine Wunde.

Fliehe, Fieber.

Schwinde, Schmerz.

Schwinde, schwarzes Fleisch

und schlimmer Brand!

Flieh zurück bis an die Wurzel!“

Als der Mann den Spruch beendet hatte, spuckte er dreimal zur Tür.

Dan hielt die Augen immer noch zugekniffen, während der Mann den Lappen wieder um die Hand wickelte. Aber die Salbe roch so stark, daß Dan davon niesen mußte.

Ich bin bei einem Zauberer, dachte er erschrocken und rief sich alles ins Gedächtnis, was er über deren Salben und die Zutaten dazu gehört hatte – Leichenfett, Sargholz und Altmännerfinger.

Der Mann ließ sich nicht täuschen. Er wußte, daß Dan wach war.

„Setz dich hin“, sagte er barsch.

Dan gehorchte, so gut er konnte. Er zitterte am ganzen Leib, als er sich an der Wand hochzog. Dann öffnete er vorsichtig die Augen und blickte zum erstenmal einem Zauberer ins Gesicht.

Schön war der Mann nicht, aber er sah immerhin aus wie ein Mensch.

Da erblickte Dan wieder diesen unheimlichen Vogel, der mit seinen schwarzen Augen immer noch jede Bewegung beobachtete, die Dan machte.

Der Mann kümmerte sich nicht um den Vogel.

„Noch drei Tage, dann bist du gesund, Junge“, sagte er und ging wieder zum Herd hinüber.

Er rührte ein paarmal in den Kesseln, die dort standen. Schließlich schöpfte er etwas in eine Tonschüssel, steckte einen Löffel hinein und reichte Dan die Schüssel. Dan zögerte, bevor er sie nahm. Er mußte noch einmal daran denken, was Hexenmeister alles in ihren Kesseln zu kochen pflegten.

Doch das hier roch nicht nach Altmännerfingern, sondern nach Grütze. Und wie Grütze sah es auch aus. Zum ersten Mal seit langem spürte Dan wieder, daß er Hunger hatte. Als er den Löffel vorsichtig in den Mund steckte, schmeckte er, daß es tatsächlich Grütze war.

Eine Grütze, die unglaublich gut schmeckte.

Gierig verschlang er die ersten Löffel voll Grütze, doch schon bald war er satt. Er stellte die Schüssel beiseite und legte sich wieder auf die Bank zurück.

Wie müde er war! Im Halbschlaf hörte er den Alten drüben am Herd weitermischen, rühren und kochen. Ab und zu ging der Mann zum großen Eckschrank hinüber und holte Säckchen und Dosen heraus.

Stechende Düfte kitzelten Dans Nase, genau wie vorhin. Aber jetzt mußte er nicht mehr niesen, sondern schlief beruhigt und friedlich ein. Nicht einmal der Vogel auf der Schulter des Alten machte ihm noch Angst. Er sah nicht, daß der Rabe sich immer wieder umdrehte und ihn beobachtete.

Dan, Raben-Jon und der Vogel waren nicht immer allein im Häuschen. Außer Dan gab es noch viele Kranke in der Gemeinde. Manche kamen sogar aus der Nachbargemeinde oder von noch weiter her.

Aber Dan war der einzige, der bei Raben-Jon bleiben durfte. Solange er noch so krank war, daß er kaum etwas wahrnahm, durfte er in der Küche liegenbleiben, während Raben-Jon die Kranken heilte.

Manchmal wachte Dan dann von Rufen und Schreien auf. Da hatte Raben-Jon einen verstauchten Fuß gerade gezogen oder einen vom Hexenschuß geplagten Rücken. Es kam sogar vor, daß Jon sein großes Messer hervorholte. Manchmal war es rot von Blut, wenn er es wieder aus der Hand legte.

Meistens jedoch waren die Kranken, die zusammengesunken auf Jons dreibeinigem Schemel hockten, still und elend. Das einzige, was dann zu hören war, war Jons eintönige Stimme, die lange, unbegreifliche Sprüche über dem kranken Körperteil murmelten.

Wenn die Hilfesuchenden wieder nach Hause gingen, hatten sie fast immer eine Dose mit Salbe oder Pulver in ihrem Bündel.

So ungefähr spielte es sich tagsüber ab. Wenn jemand nachts kam, verlief es allerdings anders. Die nächtlichen Besucher mußten Raben-Jon in eine kleine Kammer hinter der Küche folgen. Was sich dort befand, wußte Dan nicht. Die Tür blieb immer sorgfältig geschlossen.

Eines Nachts hämmerte jemand fester als sonst an die Haustür. Jon stand auf, und Dan hörte ihn ungeduldig brummen: „Bist du schon wieder da, Strandreiter?“

„Du mußt mir helfen!“ rief der Fremde vor der Tür. „Du mußt den Spielmann noch verrückter zaubern! Das, was du letzthin gemacht hast, hat nicht genügt!“

„Psst!“ warnte Jon und nickte zu Dan hinüber. „Ich habe einen Jungen im Haus. Wahrscheinlich schläft er, doch das, was du sagst, darf keiner hören. Komm in die Kammer.“

Dan sah neugierig hinter ihnen her. Der Strandreiter war ein ungewöhnlich hochgewachsener Mann, so groß, daß Raben-Jon ihm nur bis an die Schulter reichte. Seine Stiefel hallten dumpf auf dem Lehmboden der Küche.

Jemanden verrückt zaubern? dachte Dan entsetzt. Kann Raben-Jon das auch?

Dan versuchte, aufzustehen und zur Kammertür hinüberzuschleichen, um zu lauschen. Doch seine Beine trugen ihn noch nicht. Er sank wieder auf die Bank zurück. Als die beiden Männer aus der Kammer kamen, war Dan schon längst wieder eingeschlafen. Und als er viel später wieder aufwachte, glaubte er, geträumt zu haben. In letzter Zeit hatte er viele schlimme Träume gehabt.

Endlich war Dans Fieber so weit gesunken, daß er tagsüber wieder aufstehen konnte. Jetzt verhielt sich Jon geheimnisvoller, selbst wenn es ums gewöhnliche Heilen ging.

„Geh hinaus und hol Holz“, sagte er dann zu Dan, wenn jemand kam.

Oder: „Das Schwein muß gefüttert werden.“

Oder: „Ich glaube, die Hühner brauchen Wasser.“

Es gab immer etwas, das Dan tun konnte, ohne mit seiner kranken Hand allzu fest zupacken zu müssen. Dan war es nur recht, daß Raben-Jon ihm kleine Arbeiten auftrug. Er wollte sich nützlich machen. Jon gab ihm ja Medizin, Essen und einen Schlafplatz.

Bestimmt darf ich nicht hierbleiben, wenn ich gesund bin, dachte Dan unruhig.

Die Nächte wurden allmählich kalt, und er fror, wenn er nur daran dachte, daß er vielleicht bald wieder die Straßen entlangziehen mußte – heimatlos und ohne Wegzehrung im Bündel. So spät im Herbst braucht kein Mensch einen Knecht, überlegte er. Wenn die Ernte eingebracht ist, brauchen sie keine Tagelöhner mehr auf den Höfen.

Dan hatte keinerlei Erinnerung daran, daß es einen Hof namens Ringsarve gab. Er hatte keine Ahnung davon, daß es Menschen gab, die sich seiner angenommen hatten.

Dan erinnerte sich nur noch daran, wie er vom Friedhof weggelaufen war, wo er Totenstaub hatte holen wollen. Totenstaub für die schlimme Wunde, die so heftig geschmerzt hatte. Totenstaub, den er gar nicht bekommen hatte, weil die Geister ihn so sehr erschreckt hatten!

Dan bekam fast wieder Schüttelfrost, als er daran dachte. Doch plötzlich wurde ihm etwas klar! Dieser Geist, mit dem er sich auf dem Friedhof herumgeschlagen hatte, den er am Flügel gepackt und ins Grab zurückgeworfen hatte ... Das mußte Jons Rabe gewesen sein! Einer seiner Flügel war ja verletzt.

Und die Gestalt, die sich von den Toten erhoben hatte und dann über die Friedhofsmauer geklettert war, das war Raben-Jon selbst! Kein Wunder, daß der Vogel einen Groll gegen Dan hegte. Bestimmt hatte er nicht vergessen, wer ihn damals so hart am Flügel gepackt hatte.

Jetzt wußte Dan auch, wo Raben-Jon die Zutaten zu seinen Salben und Elixieren holte. Wie abscheulich!

Doch dann sah Dan seine Hand an. Sie war bald wieder ganz gesund. Totenstaub schien also zu helfen. Vielleicht war es sogar besser, daß der Staub vorher noch mit anderen Zutaten im Kessel des Alten vermischt wurde.

Dan setzte sich hinter die Hausecke und entfernte vorsichtig den Lappen, der um seine Hand gewickelt war. Jetzt wollte er selbst sehen, wie die Wunde aussah. Langsam streckte er die Finger aus.

Eine häßliche Narbe mit roten Rändern war zu sehen. Aber er hätte nie zu hoffen gewagt, daß seine Hand wieder so schön heilen würde. Er hatte ja sogar geglaubt, daß ihn die Wunde das Leben kosten würde.

„Bald bin ich wieder ganz gesund!“

Glücklich spielte er mit den Fingern in der Luft – und da fiel ihm seine Flöte ein. Rasch steckte er die andere Hand in die Tasche, um sie herauszuholen. Doch die Tasche war leer. Die Flöte war verschwunden!

Bestimmt habe ich sie im Bett verloren, dachte Dan und lief ins Haus. Er suchte unter dem Fell und schüttelte die Strohmatratze aus. Doch nirgends konnte er die Flöte finden.

Als er wieder ins Freie schlich, hatte er einen großen Kloß im Hals.

Es war schwer, eine Flöte zu haben und nicht darauf spielen zu können, dachte er. Aber es ist fast genauso schwer, spielen zu können und keine Flöte zu haben! Ohne Flöte kann ich nicht sein. Wo soll ich nur eine neue hernehmen?

Da fiel ihm etwas ein, das wichtiger war als die Flöte. Der Sonnenstein! Rasch faßte er unter seinen Kittel. Der Stein war noch da, er hing unverändert an seinem Riemen um Dans Hals. Niemand hatte ihm den Stein weggenommen.

Eine neue Flöte kann ich vielleicht doch irgendwann wieder bekommen, überlegte er. Aber wenn der Sonnenstein verschwunden wäre, das wäre viel schlimmer!

Dan holte den Stein heraus und hielt ihn gegen das Licht. Wie lange war es her, seit er den Stein zuletzt in der Hand gehalten hatte? Was war seither eigentlich passiert?

Jon hatte nichts gesagt, und Dan hatte es nicht gewagt zu fragen.

Still! Was war das?

Dan hörte eine Stimme. Es war, als käme die Stimme aus dem Stein. Die einzelnen Worte konnte Dan nicht verstehen, aber genauso mußte Jakobs Stimme klingen. Dan wußte, daß er diese Stimme schon früher gehört hatte. Wie im Traum wußte er das.

Die Stimme wurde lauter, dann von einer anderen unterbrochen, von Raben-Jons Stimme.

„Der Junge sitzt dort hinten“, sagte Raben-Jon. „Jetzt ist er so weit hergestellt, daß er wieder wegkann.“

Die Stimmen kamen nicht aus dem Sonnenstein! Sie kamen von der anderen Seite des Hauses. Dan sprang auf.

„Jakob ist gekommen, um mich zu holen!“ jubelte er und tanzte im Kreis herum. Dabei vergaß er sogar seinen Kummer wegen der verschwundenen Flöte.

„Jakob! Jakob! Warte, ich komme!“

Er rannte seinem Bruder entgegen.

Als Dan den jungen Mann sah, der vor Raben-Jons Haus zu Pferd saß, blieb er verwirrt stehen. Irgend etwas an dem Fremden war ihm vertraut, aber er wußte nicht, was.

„Bist du Jakob?“ fragte er und ging vorsichtig näher.

Es war sein sehnlichster Wunsch, daß der junge Mann vom Pferd herabspringen und antworten würde: „Ja, natürlich bin ich Jakob! Komm!“

Doch der junge Mann blieb auf dem Pferd sitzen und sagte erstaunt: „Nein, ich bin doch Tomas von Ringsarve. Erinnerst du dich nicht an mich? Wer ist übrigens dieser Jakob, von dem du da sprichst? Das hast du schon einmal getan.“

Dan antwortete nicht. Die Enttäuschung stieg wie eine heiße Welle in ihm auf und brannte hinter den Augenlidern. Er schaffte es nicht, das auch noch zu erklären.

„Komm“, sagte Tomas freundlich und streckte Dan die Hand entgegen. „Jetzt wollen wir nach Hause reiten.“

Nach Hause?

Dan trat statt dessen näher zu Raben-Jon hin, bei dem Alten hatte er eher das Gefühl, zu Hause zu sein.

„Kann ich nicht hierbleiben?“ bat er. „Ich kann arbeiten. Jetzt ist meine Hand ja wieder gesund.“

Aber Raben-Jon antwortete, Dan müsse Tomas begleiten. „Du durftest nur hierbleiben, um gesund zu werden“, erklärte er.

Tomas hielt seine Hand immer noch ausgestreckt, und Dan kletterte auf den Rücken des Pferdes. Der Rabe auf Jons Schulter trippelte auf und ab, als wollte er zeigen, wie sehr er sich darüber freute, daß Dan endlich von hier verschwand.

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