Читать книгу: «Feuerglimmen»
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kapitel 1 – Marlena
Kapitel 2 – Marlena
Kapitel 3 – Valentin
Kapitel 4 – Marlena
Kapitel 5 – Valentin
Kapitel 6 – Marlena
Kapitel 7 – Valentin
Kapitel 8 – Marlena
Kapitel 9 – Marlena
Kapitel 10 – Marlena
Kapitel 11 – Valentin
Kapitel 12 – Marlena
Kapitel 13 – Marlena
Kapitel 14 – Valentin
Kapitel 15 – Marlena
Kapitel 16 – Marlena
Kapitel 17 – Valentin
Kapitel 18 – Marlena
Kapitel 19 – Marlena
Kapitel 20 – Valentin
Kapitel 21– Marlena
Kapitel 22 – Marlena – Ein Traum
Kapitel 23 – Marlena
Kapitel 24 – Valentin
Kapitel 25 – Marlena
Kapitel 26 – Silva
Kapitel 27 – Marlena
Kapitel 28 – Marlena
Kapitel 29 – Valentin
Kapitel 30 – Marlena
Kapitel 31 – Marlena
Kapitel 32 – Valentin
Kapitel 33 – Marlena
Kapitel 34 – Marlena
Kapitel 35 – Marlena
Kapitel 36 – Marlena
Kapitel 37 – Marlena
Kapitel 38 – Silva
Kapitel 39 – Silva
Kapitel 40 – Marlena
Kapitel 41 – Marlena
Kapitel 42 – Marlena
Kapitel 43 – Marlena
Kapitel 44 – Silva
Kapitel 45 – Marlena
Kapitel 46 – Valentin
Kapitel 47 – Valentin und Gent
Kapitel 48 – Marlena
Kapitel 49 – Valentin
Kapitel 50 – Marlena
Kapitel 51 – Valentin
Kapitel 52 – Marlena
Kapitel 53 – Marlena
Kapitel 54 – Valentin
Kapitel 55 – Marlena
Epilog
Nachwort/Danksagung
Vollständige e-Book Ausgabe
© 2021 ISEGRIM Verlag
in der Spielberg Verlag GmbH, Neumarkt
Covergestaltung: © Ria Raven www.riaraven.de
Bildmaterial: © shutterstock.com
Innenillustrationen: Elena Flor
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
ISBN: 978-3-95452-836-3
www.isegrim-buecher.de
Magdalena Pauzenberger wurde 1998 im schönen Oberösterreich geboren und wohnt auch heute noch dort. Studiert hat sie allerdings in Salzburg, wo auch ihr Debütroman spielt. Bücher und fantastische Geschichten sind aus ihrem Alltag als Bücherbloggerin, Biologin und dauerverspätete Tagträumerin nicht mehr wegzudenken, obwohl sie erst im Teenager-Alter begonnen hat, so viel zu lesen. Fantasie hat sie hingegen schon immer besessen. Im Alter von 18 Jahren hat sie dann begonnen, die Geschichten aus ihrem Kopf niederzuschreiben – vor allem als Ausgleich zu ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung.
Für meine Mama,
weil sie immer an mich glaubt und mein größter Fan ist.
Ich hab dich lieb, Mama.
Vorwort
Triggerwarnung!
Diese Geschichte und die darin vorkommenden Charaktere sind fiktiv.
Trotzdem spielen unter anderem schwerwiegende Themen eine Rolle, die leider auch im echten Leben ernst zu nehmen sind und für manche Personen möglicherweise belastend sein oder sogar negative Reaktionen hervorrufen können. Hierbei sind vor allem Gewaltszenen, psychischer und physischer Art, sowie Beschreibungen von Wunden zu nennen.
Darauf möchte ich dich hinweisen.
Solltest du sensibel auf solche Themen reagieren, sei bitte achtsam und überlege dir, ob du diese Geschichte lesen willst oder lieber nicht. Bitte triff diese Entscheidung für niemand anders als für dich selbst.

Kapitel 1 – Marlena
Kalter Wind lechzt über meine unbedeckte Wange und reißt mich zitternd aus dem Schlaf. Es dauert einen Moment, bis ich die dunkelgrüne Plane über mir zuordnen kann. Ich bin im Zelt. Mitten am Arsch der Welt. Schnell verstecke ich mein Gesicht in meiner Armbeuge, verkrieche mich vor der kalten Außenwelt, doch ich kann es nicht gänzlich unterdrücken und so bahnt sich eine Träne den Weg über meine kühle, blasse Haut und hinterlässt eine feine Spur. Wenn ich daran denke, wie schnell sich alles in meinem Leben geändert hat, wie ich von einem Moment auf den anderen alles verloren habe, wie ich alle, die ich liebe, unwissend zurücklassen musste, werde ich von einem Schwindelanfall überrollt. Glücklicherweise liege ich ja bereits. Auf meiner ehemaligen Fitnessmatte, die zu meinem Schlafplatz umfunktioniert wurde. Immerhin kommt sie so doch noch mal zum Einsatz.
»Du bist wach.« Keine Frage. Eher eine überraschte Feststellung. Seit wir Salzburg verlassen haben, ist Valentins besorgter und reumütiger Blick mein ständiger Begleiter. Er hat einen Mann getötet. Vor meinen Augen. Egal was ich geglaubt habe, für ihn zu empfinden: es wird nie mehr das Gleiche sein. Ich habe ihm vertraut. Er hat mich belogen. Und er hat getötet. Er ist ein Mörder verdammt noch mal!
Und damit er das nie vergisst, habe ich nicht nur mein Leben, sondern auch meine Stimme in der Mozartstadt zurückgelassen.
»Hast du Hunger?«, fragt er, als ich ihm auch heute nicht antworte. Drei Tage lang strafe ich ihn nun schon mit Schweigen und Ignoranz. Nur leider funktioniert das mit der Ignoranz nicht so wie geplant. Denn wenn wir hier draußen, oder nein, wenn wir ÜBERHAUPT überleben wollen, müssen wir wohl oder übel zusammenarbeiten. Ein nicht zu überhörendes Knurren meines Magens antwortet ihm an meiner Stelle. »Wusste ich es doch.« Er grinst aufmunternd, als wäre ich ein kleines Baby, das man erst dazu überreden muss, den Mund aufzumachen, damit man es füttern kann. Der Schatten in seinen einst so hellen blauen Augen bleibt trotz seiner gespielten Freude. Das alles beobachte ich nur aus dem Augenwinkel. Ich schaffe es einfach nicht mehr, ihm ins Gesicht zu sehen, obwohl er es sein sollte, der meinem Blick ausweicht. Doch die Angst, dass ich in seinen Augen Zuneigung und sogar Liebe erkennen könnte, ist zu groß. Du kannst ihm nicht vertrauen! Und doch muss ich es. Er zieht einen abgenutzten Stoffbeutel von seiner Schulter und sucht darin nach einem Frühstück für mich. Er hat die Aufgabe übernommen, mich daran zu erinnern, nicht an Nährstoffmangel zu krepieren, während ich mich immer mehr einkapsle. Während ich versuche in meinem Kopf einen Weg zu finden, nach Hause zu kommen und gleichzeitig meine Familie zu schützen. Einen Weg, wie ich Weihnachten mit ihnen verbringen kann, anstatt die Festtage mit Valentin in dieser gefrorenen Hölle zu verbringen, die sich nach außen hin als Winterwunderland präsentiert. Es war meine Idee, in den Wald zu flüchten, so fern von der Stadt und doch nicht fremd. Zumindest für mich. Aber inzwischen würde ich überall lieber sein als hier in diesem Wald, der mich an eine unbeschwerte Kindheit erinnert. An den Tag, an dem ich auf Erkundungstour unter warmen Sonnenstrahlen gegangen bin, während meine Eltern einen platten Reifen gewechselt haben. Wir waren auf dem Weg zu einer abgelegenen Jausenstation mitten auf einem Berg. Die Straße dorthin ist schmal und ich hatte ständig Angst, von der Straße abzukommen und in den Tod zu stürzen. Doch der Ausblick als wir oben angekommen waren, hat mich all die Höhenangst sofort vergessen lassen. Es war atemberaubend. Genauso wie die alte halb-verwitterte Holzhütte, die ich bei meinem kleinen Spaziergang durch das Geäst entdeckte. Doch dort stockte mir der Atem, weil meine Fantasie mich, das kleine Mädchen, das ich damals war, überwältigte und ich mir sicher war, das Haus einer Hexe gefunden zu haben. Aufgewachsen mit den Grimm‘schen Märchen war ich vollkommen davon überzeugt, dass mich die Hexe entdecken und fressen würde. Ich glaube, ich bin noch nie so begeistert und so panisch zugleich gewesen. Ich hatte mich schon viel zu weit von der Straße entfernt, das wurde mir in diesem Schreckensmoment bewusst. Meine Eltern haben mir zwar noch nachgerufen, ich solle mich nicht zu weit von ihnen entfernen, doch die Neugier hat mich weiter ins Dickicht getrieben. Unter Tränen habe ich also versucht, den Ausweg aus diesem Gruselmärchen zu finden. Minutenlang bin ich zwischen den Baumstämmen umhergeirrt, ohne Ahnung, in welche Richtung ich laufen sollte. Die Angst trieb immer mehr Tränen in meine Augen. Ich war verzweifelt. Bis ich schließlich nach langem Suchen völlig aufgelöst aus dem Wald geprescht kam und beinahe meine Mutter umgerissen hätte. Diese Hütte hat mich das Fürchten gelehrt und doch fand ich sie so faszinierend, dass ich mir geschworen habe, zurückzukehren, wenn ich größer wäre. Kaum war meine Angst gebannt, war nur noch Platz für ungehemmte Faszination und Neugier. Ich habe mein Versprechen an mich selbst gehalten. Jetzt bin ich hier, auch wenn die Hütte nur noch ein Gerippe ist und eine ganz andere Furcht von mir Besitz ergriffen hat.
Ich wünsche mir meine kindlichen Sorgen zurück. Und vor allem die warmen, liebevollen Arme meiner Mutter. Wenn ich daran denke, was der Überfall auf mich mit ihr gemacht hat … wie fertig sie war … Die Tränen laufen mir in Strömen übers Gesicht, benetzen meinen Hals und meine dicke Winterjacke, die mich einigermaßen warmhält. Ein Schluchzer dringt aus meiner Kehle, der sich anhört, wie der Klagelaut eines verletzten Tieres. Valentin will schockiert einen Schritt auf mich zu machen … als würde er mich reflexartig in seine Arme schließen wollen, um mich zu trösten, wie er es zuvor schon so oft getan hat. Doch bei dem Gedanken an seine Berührung läuft mir ein ängstlicher Schauer über den Rücken.
»Geh weg!« Nach tagelanger Stille ist meine Stimme scheinbar eingerostet, denn mehr als ein kratziges Flüstern bringe ich nicht zustande. Vielleicht liegt es aber auch an den Tränen.
»Marlena«, er spricht meinen Namen mit solch einer Wehmut aus, dass es mich schmerzen würde, wäre mein Herz nicht bereits gebrochen.
»Hau ab!«, schreie ich ihn an. Okay, meine Stimme läuft wieder. Er sieht aus, als hätte ich ihn geschlagen, obwohl ich weiß, dass ihn das weniger geschmerzt hätte. Nach kurzem Zögern tritt er aus dem Zelt und lässt mich mit meinen finsteren Gedanken allein.
Meine Mutter würde zerbrechen, wenn sie wüsste, was ich hier durchmache. Was wir hier durchmachen … Das wird mir nun in vollem Umfang klar und ein riesiges Loch tut sich in meinem Inneren auf. Es verschlingt mich. Ich fühle mich als würde ich jeden Moment zusammenbrechen, die stille Dunkelheit einer Ohnmacht käme mir mehr als gelegen.
Mein Vater. Er würde all seine Kraft daransetzen, meine Mutter zu stützen, für sie da zu sein, stark zu sein, doch er würde es nicht schaffen. Das weiß ich. Und ich liebe ihn dafür. Denn das bedeutet, dass auch er mich nie vergessen könnte. Doch das alles wird nie passieren. Sie werden nie von all dem hier erfahren. Maxi wird mich decken. Maxi wird das alles handeln. Meine beste Freundin wird sie beruhigen können. Zwar habe ich starke Zweifel daran, dass das länger als ein oder zwei Wochen gut gehen wird. Doch daran darf ich jetzt nicht denken. Maxi schafft das schon. Was ich mit alldem meine? Sagen wir einfach mal so: Valentin ist nicht der Einzige, der Geheimnisse hüten und Menschen hintergehen kann.
Es war an dem verhängnisvollen Abend, an dem mein Leben über den Haufen geworfen wurde. Valentin hat mich am Oberarm gepackt und mich erst wieder losgelassen, als wir zu Fuß bis zu meiner Wohnung gelaufen waren. Er hat die Leiche des Mannes einfach liegen gelassen. Auf dem kalten Asphalt in der Dunkelheit der Nacht. Der eiskalte Wind hat sich das letzte bisschen Leben des Mannes gekrallt und es weggeweht. Es würde nie mehr zurückkommen. Wir haben ihn liegen gelassen. Kaum hatte ich einen Schritt über die Schwelle meiner Wohnung gemacht, hatte ich das Gefühl, zusammenbrechen zu müssen und nie wieder aufstehen zu können. Doch das habe ich mir verboten. Und so habe ich den Kopf aufrecht gehalten, zwei Rucksäcke gesucht und alles Essbare hineingeworfen, das ich finden konnte. Außerdem so viel Unterwäsche, Wechselkleidung und Toiletten-Artikel wie darin noch Platz fanden. Valentin kann von Glück sagen, dass ich gerne in Boxershorts schlafe und haufenweise Männer-Sportkleidung besitze. Sonst müsste er jetzt nackt durch den Schnee stapfen. Denn er konnte ja schlecht in die Höhle des Löwen zurückgehen, um sein Hab und Gut zusammenzusuchen. Außerdem halte ich mich selbst immer noch für einen Überlebensgenie, weil ich daran gedacht habe, einen kleinen Kochtopf, ein Feuerzeug, das ich mal von der Studienvertretung geschenkt bekommen habe, und mein altes Taschenmesser mitzunehmen. Ohne würden wir jetzt in der Kälte sitzen und die Instant-Nudeln und Suppenbasis, die ich haufenweise gehortet habe, mit Schnee vermischen und irgendwie kalt runter würgen. So vermischen wir sie zwar immer noch mit Schnee aber immerhin kochen wir das Gemisch dann noch auf und so hat sich die Angst vor Fuchsbandwürmern inzwischen minimiert. Ich laufe zwar schon seit Tagen in einem depressiven, Trance-ähnlichen Schockzustand durch die Gegend, das heißt, die meiste Zeit sitze oder liege ich und heule – das tut jetzt aber nichts zur Sache – aber ein paar kleine Gedanken habe ich doch darauf verwendet, Parasitenbefall zu vermeiden. Mein Leben ist auch so schon scheiße genug. Da brauche ich nicht auch noch Würmer. Das Zelt haben wir in der Ruine der alten Hütte gefunden. Pures Glück. Das habe ich hin und wieder anscheinend auch.
Aber worauf ich eigentlich hinauswollte: Ich habe Maxi eine Nachricht hinterlassen. »Muss weg. Kann das nicht erklären. Sucht mich nicht. Keine Polizei. Ich muss euch schützen. Erzähl meinen Eltern nichts. Bitte, deck‘ mich. <3 Marlena«
An meiner Grammatik muss ich vielleicht noch etwas feilen, aber Maxi wird das schon verstehen. Und ich weiß, dass sie mir blind vertrauen und den Ernst der Lage gleichzeitig nicht einfach so unterschätzen wird. Eigentlich habe ich eine so tolle Freundin gar nicht verdient.
Ich weiß nicht, wie, aber die Gedanken an Maxi haben meine Tränen getrocknet. Und sie haben mir vor Augen geführt, dass ich das hier packen will. Ich will meine beste Freundin wiedersehen. Und ich will meine Familie wiedersehen. Und ich will, dass wir alle zumindest körperlich unversehrt sind. Ich will Weihnachten verdammt noch mal mit ihnen zu Hause verbringen. Deshalb gibt es für mich nur eines: Kämpfen. Denn ohne Kampf kein Sieg. Und wenn es sein muss, kämpfe ich auch mit schmutzigen Mitteln.
Mit erhobenem Haupt stehe ich auf, strecke mich durch. Langsam schiebe ich eine Hälfte der Zeltplane beiseite. Ich will diesen Moment nicht vergessen. Den Moment, in dem ich mich dazu entschieden habe, niemals aufzugeben und bis zum Schluss zu kämpfen. Ich lasse mich nicht brechen. Von niemandem. Und deshalb blinzle ich auch nicht, als mir die Sonne, die vom Schnee reflektiert wird, direkt in die Augen blendet. Mein gesamter Körper spannt sich an, geht in Angriffshaltung, als ich den ersten Schritt aus diesem verdammten Zelt wage und die weißen Kristalle unter meinem Stiefel knirschen. Lasset den Kampf beginnen.

Kapitel 2 – Marlena
Ich kann es Valentin nicht verübeln, dass er überrumpelt wirkt, als er mich außerhalb des Zeltes antrifft. Das passiert sonst nur, wenn ich bestimmte Dinge verrichten muss, die ich niemandem in freier Wildbahn bei einer Temperatur um den Gefrierpunkt empfehlen kann. Aber lieber Frostbeulen am Hintern als einen Blasenriss.
Auch kann ich nicht leugnen, dass sich die warmen Sonnenstrahlen unglaublich gut auf meiner Haut anfühlen, und dass sie meine Entscheidung, niemals aufzugeben, nur noch weiter verstärken. Ich tue hier das Richtige. Ich beschütze meine Familie. Ich kämpfe um mein Leben. Und ich werde herausfinden, welcher Teil von Valentin sein Wahres Ich ist. Gleich nachdem ich möglichst viel über diese Sekte, oder was auch immer es ist, dem Valentin angehört, herausgefunden habe. Jede noch so kleine Information kann hilfreich sein. Und jede noch so kleine Hilfe und Hoffnung kann ich bestens in meinem Überlebenskampf gebrauchen.
»Haben Sie sich verirrt?«, er stellt diese Frage mit einem interessierten Ernst in der Stimme, sodass ich kurz stutze. Mir wird bewusst, dass er zum ersten Mal seit Langem davon ausgeht, dass ich ihm auch wirklich antworten werde. In meinem Inneren entzündet sich ein Funke. Klein und schwach, aber doch bemerkbar. Ohne es kontrollieren zu können, schleicht sich ein leichtes, amüsiertes Lächeln auf meine Lippen, während sich eine verräterische Nässe in meinen Augenwinkeln breit macht. Nein! Aus! Genug geheult! Auch wenn das hier Tränen der Rührung wären, verdrücke ich sie mir. Der Mann, der nun direkt vor mir steht und dessen Blick auf meinem Gesicht ruht, ist Valentin. Mein Valentin. Jener Mann, der mich so oft beschützt hat. Der mir schon zur Genüge die Nerven geraubt und mir gleichzeitig unbewusst dabei geholfen hat, nicht von den Schattenmonstern der Vergangenheit bezwungen zu werden. Vor mir steht einfach nur Valentin, in dessen Augen das Eis Risse bekommt. Einzelne Splitter verschwinden und geben einen Blick auf etwas frei, das ich nur mit dem warmen Wasser einer karibischen Lagune vergleichen könnte, und doch ist es so anders, so besonders. Für einen kurzen Moment, vielleicht einen Wimpernschlag, fühle ich nur seine Nähe und kann diese ganze verzwickte und gefährliche Situation, in der wir uns befinden, ausblenden. Viel zu schnell ist dieser Moment der Geborgenheit aber wieder verflogen. Zurück bleibt ein neuer Gedanke: Ich werde nie in meinem Leben vergessen können, was er getan hat. Doch vielleicht – vielleicht – kann ich ihm irgendwann verzeihen, dass er mich hintergangen und vielen Menschen unendliches Leid angetan hat. Und vielleicht wird das genau in dem Moment geschehen, wenn auch er sich selbst vergibt. Vielleicht wird dieser Moment aber auch nie kommen. Fest steht auf jeden Fall, dass wir aus dieser Eishölle niemals lebend rauskommen, wenn ich weiterhin zwischen dem Verschrecktes-Reh- und dem Aggro-Bitch-Modus schwanke.
»Waffenstillstand?« Habe ich gerade noch auf meine Hände gestarrt, die nur wenige Zentimeter von den seinen entfernt sind, so hebe ich nun den Blick und verankere ihn in seinem. Erstaunen und Hoffnung spiegeln sich in seiner Miene wider.
»Waffenbrüder!«, lautet seine etwas zu euphorisch ausgestoßene Antwort auf meine zögerliche Frage.
»Schon mal was von Gleichberechtigung gehört?«, frage ich ihn, weil mir dieser Begriff sauer aufstößt. Was jedoch weniger daran liegt, dass ich mich am Geschlecht störe, sondern eher daran, dass ich niemals von ihm hören möchte, dass er mich wie einen Bruder mag. Mörder oder nicht – Liebe gänzlich abzustellen, ist nicht einfach. Falls man bei mir von Liebe zu ihm sprechen kann. Aber ehrlich gesagt … ich glaube schon.
Ich stoße ruckartig Luft aus, so als hätte sie mir jemand aus den Lungen geboxt.
Valentin mustert mich besorgt, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass er während meines gedanklichen Monologs auf meine rhetorische Frage geantwortet hat.
»Äh … ja«, räuspere ich mich. »Entschuldige, aber was hast du gerade gesagt?«
Mit einem amüsierten Grinsen schüttelt er kurz den Kopf.
»Ich sagte, wenn es dir lieber ist, können wir uns auch ›Waffengeschwister‹ nennen? Auch wenn sich das echt beschissen anhört.«
»Lass mal, hört sich echt beschissen an«, gebe ich zu und bin dieses Wortspiel plötzlich leid, denn mein Körper reagiert gerade viel zu stark auf den seinen, als er sich mir noch weiter nähert und mein Gesicht etwas zu akribisch mustert. Er hebt eine Hand … und ich ducke mich darunter hinweg.
»Nicht!«, ich weiche zurück. Adrenalin pulsiert in meinen Adern. Scheiß Fluchtinstinkt. »Bitte. Ich kann das nicht … Zumindest noch nicht.« Letzteres füge ich hinzu, als wieder dieser Schmerz sein hübsches Gesicht zeichnet. Diese Aussage ist zwar irgendwie dumm, weil wir uns schon öfter nähergekommen sind, doch scheint er zu verstehen. Und ein klein wenig Hoffnung scheint auch in ihm aufzukeimen, was wiederum auf unsinnige Weise ein Kribbeln in meinem Bauch auslöst.
»Marlena«, haucht er voller Sehnsucht. Doch dann blinzelt er mehrmals, als hätte er eine Wimper ins Auge bekommen und sieht plötzlich aus, als würde er nach einem Trancezustand endlich wieder einen klaren Gedanken fassen. »Könntest du vielleicht etwas trockenes Holz suchen? Damit wir ein kleines Feuer machen können? Wir gehen dadurch zwar ein höheres Risiko ein, aber langsam geht uns das Essen aus und das Knäckebrot kann ich sowieso nicht mehr sehen.«
»Und deshalb ernähren wir uns jetzt von …? Feuer alleine wird uns wohl kaum weiterhelfen«, frage ich, bevor ich mich auf die Suche nach Feuerholz und Zunder mache.
»Ich werde versuchen, uns Wild zu jagen, du Klugscheißer.«
Bei dem Gedanken daran, ein Reh zu essen, möchte ich heulen. Ich habe früher viel zu oft Bambi geguckt. Außerdem könnten wir zu zweit niemals das ganze Fleisch verbrauchen, bevor Ratten und Füchse darauf aufmerksam würden.
»Ich hoffe mal, du denkst da gerade an Hasen oder so? Die tun mir zwar auch leid, aber die vermehren sich eh zu schnell. Und lass ja die Eichhörnchen in Ruhe! Das sind meine Lieblingstiere!«
Dafür kassiere ich ein belustigtes Schmunzeln.
»Hasen, keine Eichhörnchen, ist notiert.«
»Womit willst du die überhaupt erlegen?«
Als er seine Violine hinter seinem Rücken hervorzieht, mache ich panisch ein paar Schritte von ihm weg. Ähnlich reagiere ich übrigens auch auf Schusswaffen. Und Schafskäse. Damit kann man mich auch verängstigen. Aber das nur nebenbei. Er scheint, ganz in Überlegungen versunken, meine, zugegeben etwas übertriebene, Reaktion nicht bemerkt zu haben. Das Streichinstrument wird sich schon nicht plötzlich selbstständig machen und dich abmurksen, Marlena. Und Valentin hätte dich schon vor Tagen um die Ecke gebracht, wenn er das wollen würde. Wie wahr und erschreckend zugleich das doch ist.
»Bei Tieren ist das zwar etwas anders als bei Menschen, aber das dürfte ich auch hinkriegen,« versucht er zu erklären, was er vorhat.
»Wenn du noch einmal darauf anspielst, dass du es einfacher findest, einen Menschen als ein Tier zu töten, dann …« Dann was? Kollabiere ich? Kotze ich ihm vor die Füße? Mache ich mir vor Angst in die Hose? Eventuell eine Mischung aus allem.
»Es tut mir leid, so war das nicht gemeint, aber … es funktioniert schlichtweg anders.«
Verwirrt glotze ich ihn an. Ich verstehe nur Bahnhof. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich immer noch nicht ganz glauben kann, dass die wunderschöne, aus Ebenholz gefertigte Violine in seinen Händen nicht nur ein Musik-, sondern auch ein Mordinstrument ist. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich darüber gelacht, als wäre es ein schlechter Witz. Auch so spiele ich immer wieder mit dem Gedanken, dass ich schlichtweg verrückt bin. Doch ich bin grundsätzlich bei relativ klarem Verstand und Valentin kann Lebewesen mit einer Geige quälen und töten. Ja, ja, die Welt ist creepy. Hin und wieder macht sie mir eine Heidenangst.
»Wie wäre es, wenn wir das mit dem Essen und Holz besorgen auf später verschieben und wir stattdessen ein wenig Aufklärungsunterricht machen? Setz dich.« Er deutet mit der Hand auf einen umgefallenen Baumstamm vor ihm, den man gut als Bank nutzen kann. Ich lasse mich etwas perplex darauf nieder.
»Alsooo …so unerfahren bin ich nun auch wieder nicht«, stelle ich fest, was zur Folge hat, dass er in schallendes Gelächter ausbricht. Wie ich es hasse, ausgelacht zu werden, weil ich etwas falsch verstanden habe.
»Das ist zwar gut zu wissen, aber ich habe Aufklärung auf dem Gebiet des Übernatürlichen gemeint.«
»Könntest du vielleicht ein wenig konkreter werden?« Meine Stimme klingt gereizt. Langsam werde ich ungeduldig. Entweder er rückt endlich mit der Sprache raus oder ich geh selbst Hasen suchen.
»Herrgott, Marlena. Ich rede davon, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil Menschen normalerweise nicht sterben, wenn jemand in ihrer Nähe Geige spielt oder ist dir das neu? Du bist doch sonst nicht auf den Kopf gefallen.«
Ich atme ein paar Mal ruhig durch, bevor ich etwas erwidere, weil ich ihn nicht anschreien will, auch wenn er das nach diesem Kommentar verdient hätte.
»Dann erzähl mir endlich, was mit dir los ist, du Sonderling.« Ich schenke ihm ein schelmisches Lächeln, um die Situation einerseits ein wenig zu entschärfen und andererseits zu zeigen, dass ich die Beleidigung nicht ernst gemeint habe. Das Ganze ist aber nun mal ein ernstes, wenn auch ungewöhnliches, ja nahezu irres Thema.
Kurz scheint er zu überlegen, wie er beginnen soll. Er hadert mit sich, doch dann beginnt er doch zu sprechen. Mit fachlicher Stimme trägt er seine Erklärung vor, als wäre er einer meiner Professoren, der gerade eine Vorlesung abhält.
»Also, fangen wir doch ganz von vorne an. Seit ich denken kann, lebe ich bei den praediti iuveni …«
»Bei den was?«, unterbreche ich ihn. »Warte …«, überlege ich, »iuveni … erster Fall Plural … heißt das nicht irgendwas mit jung?«
Das entlockt ihm ein Grinsen. »Da hat wohl jemand aufgepasst im Lateinunterricht. Es stimmt. Iuveni heißt so viel wie Jugendliche, denn im Singular steht es für einen jungen Mann oder ein junges Mädchen. Und praeditii bedeutet so viel wie begabt oder ausgestattet mit. Die praeditii iuveni sind der Zusammenschluss, der uns nun jagt. Er nimmt immer wieder Jugendliche oder eher Kinder auf, die sonderbar sind. Die Eigenschaften haben, die aus der Masse herausstechen. Die stärker oder schneller sind als andere. Das hört sich nun nach einer Art kindlicher Avengers an. Doch diese Vorstellung ist falsch. Wir leben vom Kindesalter an unter der Stadt. In den alten Geheimgängen, unbenutzten Kanälen und teils auch in den Katakomben vergessener Kirchen. Isoliert von der Außenwelt werden wir ausgebildet. Unser Allgemeinwissen wird zwar auch gefördert, doch das körperliche und mentale Training steht im Vordergrund. Tag ein Tag aus lernen wir unseren Körper zu stärken, unseren Geist zu kontrollieren und wir lernen allem voran, Befehle auszuführen und kein Mitgefühl zu zeigen. Das ist eines der Dinge, die die meisten am schnellsten begreifen: keine Fragen zu stellen, sondern einfach zu tun, was einem gesagt wird. Ich hatte da anfangs so meine Schwierigkeiten.« Verstohlen streift seine linke Hand über seine rechte Schulter, während sein Blick sich kurz in der Weite hinter mir verliert. Als er bemerkt, dass ich ihn anblicke, tut er so, als müsste er sich lediglich kratzen. Doch mir ist klar, dass er unter seiner Kleidung etwas vor mir versteckt. Etwas, das ihn in seiner Vergangenheit geprägt hat. Kurz räuspert er sich verlegen, doch dann setzt er seine Erzählung mehr oder weniger unbeirrt fort.
»Jedenfalls haben sie mir dort ein neues Zuhause gegeben. Ich kann mich an nichts erinnern, das vorher in meinem Leben passiert ist. Es war damals als würde ich unter Schock stehen. Ich nahm kaum etwas so richtig wahr. Erst, als sie mir halfen, mich lehrten meinen Geist und meinen Körper zu stärken, fand ich wieder ins Leben zurück. Später erfuhr ich, dass meine Eltern tot sind. Mein Vater ist bei einem Unfall gestorben. Meine Mutter konnte mit dem Verlust nicht leben. Kurz bevor sie sich das Leben nahm, drückte sie mir – ihrem damals fünfjährigen Sohn – ein wenig Geld in die Hand und erlaubte mir, zwei Kugeln Eis zu kaufen. Als ich zurück zur Bank an der Salzach kam, wo sie auf mich warten wollte, war ich alleine. Auf dem Wasser trieb ihre braune Lederjacke. Sie hatte sich ertränkt. Und mich für immer verlassen. Zumindest wurde mir mitgeteilt, dass ich das so einem vorbeikommenden Passanten erzählt habe, der daraufhin die Polizei verständigt hat. Ich selbst habe wie gesagt keine Erinnerungen mehr daran. An gar nichts aus meiner Kindheit. Selbst die Gesichter meiner Eltern gingen mir verloren.«
Nur mit Müh‘ und Not kann ich die aufsteigenden Tränen zurückhalten. Ich bin mir sicher, dass Valentin kein Freund von Mitleid ist. Und doch kann ich nicht anders, als »das ist einfach nur furchtbar« zu hauchen.
Leicht irritiert zuckt er mit den Schultern. »Ich bin ganz froh, dass ich die Erinnerungen an meine Vergangenheit verloren habe. So fehlen sie mir nicht. Mein Vater und meine Mutter meine ich. Ich wurde eben von einer Gemeinschaft und nicht von meinen leiblichen Eltern großgezogen.«
»Von einer Gemeinschaft aus Mördern«, zische ich, aufgebracht darüber, dass er scheinbar nie die Liebe erfahren hat, mit der jedes Kind aufwachsen sollte. War er je in die Arme genommen worden? War er getröstet worden, wenn er sich verletzt hatte? War er gelobt worden, wenn er eine gute Leistung erbracht hatte? War ihm denn nie gesagt worden, dass er wertvoll ist, so wie er nun mal ist?
Mein Einwand scheint ihn zu kränken. »Sie sind die einzige Familie, die ich habe … oder wohl eher hatte«, kontert er.
Dann lass mich deine Familie sein. Mit einem Kopfschütteln verjage ich diesen durch und durch verrückten Gedanken, der sich an die Oberfläche meines Geistes drängt.
»Ich war von da an also eine Vollwaise«, fährt Valentin ruhig und sachlich fort, ohne auch nur den Funken einer Emotion zu zeigen. »Die ersten paar Wochen habe ich laut Akte in einem Heim verbracht. Diese Zeit existiert aber nicht mehr in meinen Erinnerungen. Es scheint dort nicht besonders schön gewesen zu sein. Offensichtlich war ich damals schon anders als die anderen Kindern. Angeblich wollte ich nie mit ihnen spielen. Nur das dortige Klavier brachte mich zum Lächeln. So wurde das zumindest in der Akte vermerkt. Irgendwann entschied sich ein Ehepaar, mich zu adoptieren. Denen hätte damals eigentlich klar sein müssen, dass das nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn sich ein Paar ausgerechnet für den zu groß gewachsenen Sonderling entschied, der kaum sprach. Doch ich glaube, die Heimleiter waren einfach nur froh, mich los zu sein. Kurz darauf stellte sich heraus, dass es sich bei dem Mann und der Frau nicht um ein kinderliebes Ehepaar handelte, sondern um einen der hochrangigen Kämpfer der praediti iuveni und eine Bekannte von ihm. Sie brachten mich zum Obersten, der von da an meine Erziehung übernahm.«
»Ich weiß gar nicht, ob ich wissen will, was diese Menschen unter Erziehung verstehen«, schnaube ich, völlig aufgewühlt von diesen vielen neuen Informationen.
Das scheint ihn zu treffen. »Ja, klar wurde ich nicht mit Samthandschuhen behandelt. Ich bin nicht auf Jahrmärkte gegangen und habe Zuckerwatte gegessen. Ich bin nie auf eine normale Schule gegangen und ich wurde nie von Freunden eingeladen, denn selbst innerhalb der Gemeinschaft wurde ich gemieden. Ich bin nun mal so abstoßend, wie ich eben bin. Ich wurde von den Gleichaltrigen verachtet, von den etwas Älteren mit niederträchtigen Blicken durchbohrt und für die Ranghöheren war ich anfangs ausschließlich Ungeziefer. Doch ich habe mich nicht unterkriegen lassen. Ja, ich habe viele Beleidigungen, Schläge und andere Strafen aushalten müssen. Und doch fühlte ich mich nach und nach immer besser. Immer stärker. Immer mehr wert. Und irgendwann war ich des Obersten beste Waffe. Ich weiß, dass ich genug Fehler habe, und dass die Gemeinschaft nicht gerade eine Happy Family ist. Aber ich habe schließlich nie etwas Besseres kennengelernt, also hör auf, mich mit diesem vorwurfsvollen Blick anzusehen!« Fast brüllt er mich an. Mit jedem Wort hat sich eine dicke Ader auf seiner Stirn stärker hervorgetan. Ohne mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen, greift er nach seiner Violine, kehrt mir den Rücken zu und lässt mich alleine im Schnee zurück.
***
Kurz weiß ich nicht, was ich jetzt machen soll. Kaum ist Valentin aus meinem Blickfeld verschwunden, fühle ich mich wieder verloren. Doch dann fällt mir ein, dass wir Zunder und Holz brauchen, also begebe auch ich mich nach kurzem Zögern in das Dickicht hinein. Es fühlt sich komisch an, all unsere Sachen einfach unbeaufsichtigt liegen zu lassen. Aber sollte uns jemand finden, waren wir so oder so aufgeschmissen, da wäre es dann auch schon egal, wenn jemand einen meiner tollen Kochtöpfe mitgehen lässt.
Meine Gedanken kreisen um Valentin und um das, was er mir erzählt hat. Es ist zum Haare raufen, personifiziert er für mich auf seltsame Weise sowohl meine Ängste als auch das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Manchmal habe ich das Gefühl als gäbe es zwei von seiner Sorte. Den guten und den bösen Zwilling sozusagen. Mal sehe ich so viel Schmerz und Reue in seinen Augen und fühle mich so geliebt und geborgen in seiner Nähe, mal fügt er Menschen Leid zu, folgt blind gewaltsamen und unmenschlichen Befehlen und dann … er hat diese Ansammlung von Verrückten, Kriminellen, die Kinder zu Mördern erziehen, verteidigt. Weil er einer von ihnen ist. Verzweifelt schüttle ich den Kopf und versuche damit auch diese dunklen Gedanken zu verscheuchen und gleichzeitig die Augen vor der bitteren Wahrheit zu verschließen: Er ist einer von ihnen. Doch er hat mich nicht ausgeliefert. Er hat mich nicht verletzt. Ganz im Gegenteil: Alles was er tut, was er augenscheinlich schon immer getan hat, seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind, ist, mich zu beschützen. Und dafür setzt er sein Leben auf‘s Spiel. Und sagt, dass er dich liebt. Okay, um mich mit diesem Gedanken zu beschäftigen, bin ich noch nicht stark genug. Außerdem beschleicht mich das Gefühl, dass er das alles nicht wegen seiner Gefühle zu mir tut, sondern aus dem einfachen Grund, dass er Reue empfindet. Auch wenn er das augenscheinlich nicht zugeben will. Oder dieses Gefühl ist so neu für ihn, dass er es nicht zu deuten weiß.
Gedankenverloren bücke ich mich nach trocken aussehenden Ästen, reiße Moos von Baumrinden und laufe in fremde Menschen hinein. Warte was?!

Kapitel 3 – Valentin
Ich habe gedacht, ich würde durchdrehen, als sie mich nur noch ignoriert und mit ihrem Schweigen bestraft hat. Dann hat sie endlich meinen Wunsch erhört, hat wieder mit mir geredet, mich wieder angesehen. Und doch wünsche ich mir gerade einfach nur, ihren Blicken ausweichen zu können. Da war es mir ja noch lieber, als sie mich einfach nicht leiden konnte. Böse Blicke lassen mich kalt. Doch als sie mich so voller Abscheu angesehen hat, hat das etwas in mir hervorgerufen. Eines dieser komischen Gefühle, die ich immer noch nicht so richtig zuordnen kann, obwohl sie doch schon seit einer Weile immer wieder an die Oberfläche kommen. Doch der Moment, in dem mir aus ihren Augen nichts als Angst – Angst vor mir! – entgegenschlug, hat die Eisdecke meines Herzens zersplittern lassen. Nur ein klein wenig, doch es genügte, dass mich der Schwall aus Gefühlen fast überwältigt hätte. Der Drang, sie zu beschützen, war beinahe übermächtig geworden, ich wollte sie einfach nur im Arm halten, sie beruhigen, doch dann wurde mir klar, dass es genau das war, womit ich ihr in diesem Moment am meisten weh getan hätte. Und da spürte ich, wie sich ein Eiszapfen durch mein Innerstes bohrte und mich erschaudern ließ. Mir wurde bewusst, dass ich sie nicht einfach zurücklassen konnte. Dass ich meine Familie verraten musste. Dass ich das Leben, das ich nun schon seit zwanzig Jahren führe, aufgeben musste. Dass ich alles zurücklassen musste. Für eine junge Frau, die sich in diesem Moment wahrscheinlich so weit wie möglich von mir weggewünscht hat. Und ich habe es getan. Ich habe ihr meine Hand gereicht, ihr diese Chance auf Flucht – eine Flucht isoliert von der Außenwelt, eine Flucht mit mir alleine – angeboten, und sie ist mit mir gekommen. Ohne dass ich es wollte und ohne dass ich es kontrollieren konnte, hat mein Herz zu rasen begonnen und ich habe vergessen, in was für einer brenzligen Situation wir uns befanden, hatte lediglich Augen für sie und freute mich darüber, sie ganz für mich alleine zu haben. Und am meisten freute ich mich über ihr Vertrauen zu mir. Wahrscheinlich wusste ich es schon damals und wollte es einfach nicht wahrhaben, doch wenig später wurde es mir völlig klar: Ich war lediglich das kleinere Übel. Die Chance, nicht sofort auf irgendeiner verlassenen Straße abgemurkst zu werden. Genauso schnell, wie die Gefühle gekommen waren, habe ich sie auch schon wieder unter einer dicken Decke Schnee und Eis begraben. Wenn wir eines zum Überleben brauchen, dann einen klaren Verstand und den puren, unumstößlichen Willen zu überleben. Natürlich hat es weh getan, von ihr weggestoßen zu werden, die Angst und die Abneigung zu spüren, doch die Ignoranz hat mich am meisten getroffen. Gehasst zu werden, ist immer noch schöner als jemandem egal zu sein. Nun weiß ich, dass ich ihr nicht egal bin, dass sie immer noch Interesse an mir zeigt. Doch mir ist auch klar, dass sie in mir noch immer nach dem Valentin sucht, den sie in ihr Herz geschlossenen hat, doch der ist genauso ein Teil von mir, wie meine blutige Vergangenheit und meine grausame Rolle bei den praediti iuveni: Ich habe nicht aufgegeben, bis ich ihr bester Kämpfer war. Und auch, wenn mich seit Neuestem immer wieder dieses bedrückende Gefühl beschleicht, wenn ich an meine Taten denke, werde ich wohl immer auch ein wenig Stolz bei dem Gedanken verspüren, dass ich mich dadurch in meinem Leben zum ersten Mal wertvoll gefühlt habe. Vielleicht wird Marlena in mir wieder den Valentin finden, den sie mit so liebevollen Augen betrachtet hat. Den sie geküsst hat. Dessen Nähe sie gesucht hat. Doch ihr muss auch klar werden, dass es diesen Valentin nicht in Reinform gibt. Mit einem gewissen Grad an Verunreinigung muss sie wohl oder übel klarkommen.
Ein Geräusch reißt mich ruckartig aus meinen Gedanken. Das Knirschen von Bewegungen auf dem leicht gefrorenen Schnee. Alle Muskeln meines Körpers spannen sich an, während ich mich vollkommen auf meine Sinne konzentriere. Kein Geräusch soll mir entgehen. Keine Bewegung soll ungesehen bleiben. Und dann erblicke ich die Ursache des Geräusches und auch wenn ich vollkommen konzentriert bleibe, erlaube ich meinen Muskeln, sich wieder etwas zu entspannen. Nur wenige Meter von mir entfernt hoppelt ein gut genährter Feldhase hinter einem Baum hervor, bleibt stehen und putzt sich. Würde mein Magen sich nicht so schmerzhaft leer anfühlen, würde ich vielleicht sogar denken, dieses Tier wäre zu niedlich, um es zu töten. Doch wir brauchen etwas Nahrhaftes zwischen den Zähnen und so klemme ich meine Violine zwischen mein Kinn und meine Schulter. Sofort durchschwemmt eine Welle von Energie meinen Körper, als das kalte Holz die nackte Haut an meinem unbedeckten Hals berührt. Kein Gefühl auf der Welt ist mir so vertraut wie dieses. Immer und immer wieder habe ich versucht, diese Fähigkeiten auch mithilfe anderer Instrumente einzusetzen. Doch bei keinem davon, nicht einmal bei einem anderen Streichinstrument, gelang es mir. Ich weiß nicht wieso, aber meine einzige funktionierende Waffe ist die Violine. Vielleicht erfahre ich irgendwann den Grund dafür. Ich schließe meine Augen, rufe mir das Bild meiner Umgebung in meine Gedanken und keine Sekunde später höre ich das schnelle Schlagen des kleinen Tierherzens. Der Hase scheint völlig unbeschwert zu sein und doch hat er einen viel höheren Ruhepuls als wir Menschen. Ich atme tief durch, versuche mich dadurch nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Und so schaffe ich es, mich vollkommen auf diesen einen deutlichen Herzschlag zu konzentrieren, ihn förmlich in mich aufzunehmen, die Pulswellen auf meiner Haut zu spüren und zu fühlen, wie sie die Saiten der Violine zum Vibrieren bringen. Das ist mein Stichwort. Möglichst langsam, um das Tier keinesfalls zu alarmieren, setze ich den Bogen an und beginne zu spielen. Kein Ton ist zu hören. Dafür ist das menschliche Gehör schlichtweg nicht geschaffen. Doch ich fühle jede einzelne Schallwelle über das Instrument und dessen Steg hinweg durch die Luft auf den Feldhasen zurasen. Tiere haben eine so viel bewusstere Wahrnehmung als wir Menschen, deren Sinne immer mehr verkommen. Der Hase scheint verschwinden zu wollen und doch führt er nur eine kleine Zuckung aus, bewegt sich jedoch kaum vom Fleck. Das kleine Herz beginnt immer schneller zu rasen, doch ich lasse mich nicht irritieren, beschleunige mein Spiel im selben Tempo, bis ich schließlich die Frequenz und Amplitude des pochenden Tierherzens erreicht habe und es ins Stolpern gerät. Der Rhythmus kommt immer mehr aus dem Takt. Mein Spiel folgt seinem Beispiel. Und dann passiert es. Noch zwei, drei Mal rumpelt der Puls des Hasen unkontrolliert vor sich hin, dann ist plötzlich alles still. Das Herz des Hasen hat für immer aufgehört zu schlagen. Still und heimlich hatte es seine eigene kleine Resonanzkatastrophe, gegen die es sich nicht wehren konnte. Das Abendessen ist gesichert. Ein klein wenig stolz darauf, dass ich das Tier so schnell und ohne Komplikationen töten konnte, hebe ich den Kadaver auf, um das Tier zum Lager zu bringen, als ein schriller Schrei die Vögel aus den Bäumen hochschrecken lässt. Und mich in sofortige Alarmbereitschaft versetzt.
»Marlena!« Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, sprinte ich schon zwischen den viel zu dicht stehenden Bäumen hindurch in die Richtung, aus der ich den Schrei vermute. »Marlena!«, rufe ich wieder, ungeachtet dessen, dass man uns entdecken könnte, falls es doch jemand anders sein sollte, der diesen markerschütternden Ruf von sich gegeben hat. Oder sich noch jemand in diesen Wald verirrt hat.
»Ich bin hier«, wimmert eine vertraute Stimme ganz in der Nähe. Blindlings stürme ich auf sie zu, ignoriere den Ast, der mir geradewegs ins Gesicht peitscht. Wenige Augenblicke später bremse ich abrupt ab, um Marlena nicht über den Haufen zu rennen, die auf dem Boden kniet. Über etwas gebeugt. Oder wohl eher über … jemanden. Ruckartig schnappe ich ihren Oberarm und ziehe sie zu mir hoch, weg von dem reglosen Mann, der vor unseren Füßen, mit dem Gesicht nach unten, im Schnee liegt.
Ich mache einen Schritt nach hinten, ziehe Marlena mit mir, die sich jedoch augenblicklich von mir losreißt.
»Was ist hier passiert?«, frage ich sie, während ich weiterhin den grauen, etwas schütteren Haarschopf anstarre.
»Das fragst du noch?«, blafft sie mich an. »Das müsstest du doch wohl am besten wissen! Gerade wollte ich etwas Feuerholz und Zunder suchen, wie du mich gebeten hast, als ich plötzlich in diesen Mann hineingerannt bin. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich dachte, sie hätten uns. Und dann hast du angefangen zu spielen und Sekundenbruchteile später, als der Mann den Mund öffnete, um etwas zu sagen, hat er die Augen viel zu weit aufgerissen, während seine Mundwinkel und Finger unkontrolliert zu zucken begonnen haben. Die leise Melodie der Violine wurde immer schneller und bevor ich endlich kapiert habe, was hier gerade eigentlich passiert, ist der Mann auch schon vor meinen Füßen umgekippt. Das hat mich so erschreckt, dass ich reflexartig geschrien habe. Den Rest der Geschichte kennst du ja.« In ihrem Blick liegt eine so große Abscheu, dass ich vorsichtshalber einen Schritt von ihr wegmache. Ich will sie nicht noch mehr verängstigen.
Fassungslos schüttelt sie den Kopf. »Warum hast du das getan? Klar stellt er eine zusätzliche Gefahr für uns dar, aber das ist doch auch keine Lösung!«
Also daher weht der Wind. »Das war ich nicht. Zumindest wollte ich das nicht«, beteure ich. Doch Marlena scheint mir gar nicht zuzuhören.
»Du kannst doch nicht einfach jeden Menschen umbringen, der uns möglicherweise gefährlich werden könnte.«
»Jetzt hör mir doch mal zu: Ich wollte ihm nichts tun.«
»Wie kannst du nur …« Inzwischen ist ihre Stimme zu einem geschockten Flüstern geworden.
Das wird mir jetzt echt zu blöd. Ich packe sie an den Schultern und bringe sie so endlich einmal dazu, mir ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. »Und ich sage es noch einmal: Verdammt, Marlena, ich wusste nichts von dem Mann! Ich wollte ihm nichts tun, ich habe lediglich einen Hasen erlegt!« Damit sie mir endlich glaubt, hebe ich das braune Häschen auf, das ich zwar mitgenommen, vor lauter Irritation aber habe fallen lassen, und halte es ihr vor die Nase.
Langsam nickt sie. Scheint mir zu glauben, scheint zu verstehen. Als hätte sie einen Geistesblitz, weiten sich plötzlich ihre Augen. »Das heißt, er ist vielleicht gar nicht tot?«
Wie auf Kommando werfen wir uns beide vor dem Mann auf die Knie und suchen nach seinem Puls, bis Marlena ihn schließlich findet, als sie das Handgelenk des Mannes umklammert. »Er lebt«, haucht sie, »aber er ist total kalt.«
»Schnapp‘ dir den Hasen und komm.« Mit Schwung schultere ich den alten Mann und eile zurück zum Lager, nicht ohne mich noch einmal mit einem Blick über die Schulter zu vergewissern, dass mir Marlena auch wirklich mit unserer Beute folgt. Und nicht nur das. Meine Violine hält sie in der anderen Hand, wenn auch möglichst weit von ihrem Körper entfernt. Durch die Sorge um Marlena und diesen Fremden habe ich das Instrument, das ich genauso achtlos zu Boden geworfen habe wie den Hasen, vollkommen vergessen. Ich habe das einzig Beständige in meinem Leben einfach im Schnee liegen lassen. Und das alles nur wegen dieser verrückten Gefühle. Wie kann mir nur so etwas passieren? Ich selbst weiß keine Antwort darauf.

Kapitel 4 – Marlena
Zwar glaube ich Valentin und doch verstehe ich einfach nicht, was dann mit diesem Mann vor mir passiert ist. Das alles hat zeitlich so gut zusammengepasst. Irgendetwas daran bereitet mir ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.
»Glaubst du, er wacht wieder auf?« Unsicherheit, die ich nicht unterdrücken kann, liegt in meiner Stimme. Valentin zögert erst, doch dann erhalte ich meine Antwort.
»Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Eigentlich sollte er schon längst wieder bei Sinnen sein, so warm wie er es hier hat.« Valentin hat den Fremden über die Schulter geworfen und in unseren Unterschlupf gebracht, wo wir ihn sofort mit allen möglichen Decken und Mänteln zugedeckt haben, sodass sein Körper möglichst schnell wieder eine humane Körpertemperatur erreicht. Das ist jetzt schon eine halbe Stunde her, seither sitzen wir auf dem Boden des Zeltes und haben uns in Schweigen geübt. Noch hat es kein Lebenszeichen seitens des Mannes gegeben. Bis jetzt.
»Valentin! So ungeduldig wie eh und je!« Die raue und unerwartete Stimme des Mannes lässt mich hochschrecken, während ich wie gebannt die Luft anhalte. Er kennt seinen Namen. Auch den Angesprochenen lässt diese neue Situation nicht kalt. Valentin hat sich innerhalb eines Herzschlags auf den Fremden gestürzt und hält ihm zu meiner Überraschung die blank polierte Klinge eines Dolchs an die runzlige Kehle. Ich habe keine Ahnung, wo er diese Waffe hergezaubert hat, ich habe sie bisher nicht bemerkt. Da wird mir klar, dass ich ihn noch nie mit einer richtigen oder wohl eher einer typischen Waffe in der Hand gesehen habe. Dieses Bild bereitet mit einerseits zittrige Angst, doch andererseits strahlt es unbändige Kraft aus.
»Woher kennen Sie meinen Namen?« Die Frage dringt als Zischen zwischen Valentins vor Wut zusammengebissenen Zähnen hervor.
»Wenn du die Klinge wegnimmst, erwäge ich vielleicht, es dir zu erzählen, Jungchen.« Obwohl Valentin mit nur einer raschen Bewegung sein Leben beenden könnte, wirkt der Mann völlig entspannt. Und vollkommen zurechnungsfähig. Etwas verwunderlich, wenn man seinen Zustand von vor wenigen Minuten bedenkt.
Widerwillig steckt Valentin die Waffe in seinen Stiefel zurück – wie kann der mit einem Messer darin herumlaufen?!
– während ein knurrendes Geräusch aus seiner Kehle dringt. Wahrscheinlich sollte es beängstigend wirken. Ich finde es aber auf eine komische Art und Weise anziehend, auch wenn ich mir das nur ungern eingestehe. Eine leichte Gänsehaut überzieht meine Haut, obwohl ich die Kälte des Winters kaum mehr spüre. Vergessen ist alles um mich herum. Zumindest für kurze Zeit.
»Hast du vielleicht etwas Anstand und könntest mir etwas Wasser geben, Kindchen? Meine Kehle ist wie ausgetrocknet. So erzähle ich euch sicher keine Geschichte.« Sein erwartungsvoller Blick lässt mich verstehen, dass ich wohl das Kindchen bin. Wie reizend. Doch mein Mitgefühl und vor allem auch meine Neugier siegen und so beeile ich mich, ihm eine Wasserflasche zu reichen und warte gespannt darauf, was er uns zu erzählen hat. Kurz huscht mein Blick zu meinem Begleiter. Valentin scheint sich nur mit Mühe davon abhalten zu können, dem alten Mann erneut an die Kehle zu springen. Misstrauen spiegelt sich deutlich in seinen hellen Augen.
Nachdem der Mann ein paar Schlucke Wasser zu sich genommen hat, hält Valentin es scheinbar nicht mehr aus.
»So, und jetzt rücken Sie endlich raus mit der Sprache. Und Ihre Geschichten können Sie sich sparen. Wir wollen die Wahrheit hören und sonst nichts.«
»Jede Geschichte hat ihren wahren Kern! Doch keine Angst, ich werde euch keine Märchen erzählen. Wie auch ihr, war ich einst auf der Flucht. Auf der Flucht vor demselben Feind. Damals waren es noch andere Personen, bis auf einen natürlich: Brendanus.« Angewidert verzieht der Alte seine spröden Lippen. Neben mir saugt Valentin angespannt Luft zwischen den Zähnen ein. Wer auch immer dieser Brendanus sein mag. Ich glaube, wir mögen ihn nicht. Keiner von uns.
»Woher kennen Sie den Namen des Obersten?«
»Oboedi et ancillare!«
»Gehorche und diene …«, murmle ich irritiert vor mich hin. Was … was meint er damit?
»Sie … Sie sind …« Valentin gerät ins Stocken. In Sekundenschnelle blitzt der Dolch erneut auf. Langsam dämmert es auch mir.
»Ein beschenkter Jugendlicher? Nun … nicht mehr. Ich bin keinesfalls mehr jung und ein Teil der praeditii iuveni bin ich auch nicht mehr. Ihr habt also nichts zu befürchten.«
»Aber … wie«, setzt Valentin erneut an. Wie konnten Sie aussteigen?, vervollständige ich in Gedanken seine Frage.
Unser Gegenüber scheint auch so zu verstehen.
»Naja, das war nicht gerade einfach. Nicht umsonst bin ich in die Geschichte eingegangen, als der Einzige, der jemals den Klauen des Obersten entwischt ist«, kurz zögert er.
»Oder vielleicht weiß niemand davon, wenn ich eure Mienen so sehe? Jedenfalls bin ich ein Abtrünniger. Und ich habe überlebt. Ich denke, ich habe gerade an Wert für euch gewonnen.«
»Sie sind also wirklich ein ehemaliges Mitglied?«, frage ich vorsichtshalber nochmal nach. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das alles hier gerade real ist, oder ob ich lediglich höre, was ich so gerne hören würde. Mit einem Verbündeten an unserer Seite wäre alles so viel einfacher.
»Ja.«
»Und Sie konnten entkommen?«
»Wieder korrekt. Du bist ja eine richtige Blitzmerkerin, Kindchen.« Unkontrolliert macht sich Schamesröte auf meinen Wangen breit. Zumindest gehe ich davon aus, denn meine Haut beginnt verdächtig zu glühen.
»Wie um Himmelswillen konnten Sie lebendig entkommen? Und was machen Sie dann jetzt hier statt sich irgendwo weit, weit weg niederzulassen?« Valentin versucht gar nicht erst, ruhig zu klingen. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so aufgebracht erlebt. In seinen Augen tobt ein kalter Sturm, während sein ganzer Körper vor unterdrückter Anspannung bebt.
»Warum lauft ihr überhaupt weg, Jungchen? Mit ihr an deiner Seite, sollten die dir doch eigentlich alle aus der Hand fressen. Und Brendanus wird seinen Liebling doch ohnehin bereits schrecklich vermissen.« Wieder dieser Name, der Valentin zusammenzucken lässt. Wie wild schüttelt er den Kopf, scheint sich auf das Wesentliche konzentrieren zu wollen.
»Was reden Sie da überhaupt?«
Der Alte scheint ihm gar nicht richtig zuzuhören und wendet sich nun stattdessen gänzlich mir zu. Schwerfällig erhebt er sich, schleppt sich immer näher zu mir. Unschlüssig verharre ich auf meinen Knien. Eine vom Alter gezeichnete Hand streckt sich meinem Gesicht entgegen, doch die Berührung bleibt aus. Krumme Finger verharren Millimeter von meiner Stirn entfernt. Die Augen des Fremden huschen rasend schnell über mein Gesicht hinweg. Ein wirrer Ausdruck hat in ihnen Einzug gehalten.
»So stark … noch nie zuvor …« Der Mann brabbelt wie im Fieberwahn vor sich hin. Ein Schauer überläuft mich, als er mich an das Fantasy-Wesen Gollum erinnert, demnach wäre ich so etwas wie … der Ring sie zu knechten?
Valentin ergreift das Handgelenk des Mannes und zerrt ihn brutal von mir weg.
»Das reicht! Lassen Sie gefälligst Ihre Finger von ihr!« Ruckartig reißt der Mann sich frei. Seine milchig grauen Augen stieren in klare blaue.
»Du weißt es nicht, oder Jungchen? Habe ich Recht? Du hast keinen blassen Schimmer von ihrer Macht. Na, habe ich Recht? Ihre Gabe …« Ein siegessicheres Grinsen will sich in der Miene des Alten manifestieren. Ein gekonnter Kinnhaken Valentins wischt es ihm sofort wieder aus dem Gesicht.
»Ich weiß nicht, wie lange Sie schon alleine hier draußen hausen. Doch das hat eindeutig seine Spuren hinterlassen. Sie halten von nun an den Mund. Ich will heute kein Wort mehr von Ihnen hören, außer sie werden gerne geknebelt.« Mit dieser Drohung bringt er den fremden Mann zum Schweigen. Mit seinem Gürtel umschlingt er die faltigen Handgelenke, zerrt den Mann hoch, hinter sich her und fesselt ihn schlussendlich an einen Balken im Inneren der schütteren Holzhütte. Das alles verfolge ich nur halbherzig. Eine eisige Klaue hat sich um mein Herz gelegt, lässt alles in einem düsteren Nebel ertrinken. Du hast keinen blassen Schimmer von ihrer Macht … Ihre Gabe … Seine Worte brennen sich in meine Gedanken, lassen meinen Geist erschaudern. Was hat das alles zu bedeuten? Das ist doch Blödsinn! Ich und begabt? Dass ich nicht lache. Ich bin höchstens begabt darin, gegen Türbalken zu laufen. Oder über Mülleimer zu stolpern. Aber da kann man doch kaum von Macht sprechen. Was, wenn er Recht hat? Wenn er mehr weiß als ich selbst? Der Nebel um mich wird dichter. Macht mich blind. Dringt in meine Nase, meinen Mund, meine Ohren. Er lässt mich röcheln. Ich befürchte, an meinen Zweifeln zu ersticken, als sich eine Hand vor mir abzeichnet, wie ein rettender Anker in einer tosenden Brandung. Es ist Valentins Hand. Begierig will ich danach greifen. Sehne mich nach seiner Kraft, seinem Schutz. Doch ich werde von der kratzigen Stimme des Alten unterbrochen.
»Ich weiß, dass ich Recht habe! Verschließe nicht deine Augen vor der Macht des Träumens, Kindchen!«
Und dann ist es zu spät. Ich falle. Falle in bodenlose Tiefe. Ertrinke in gewisperten Worten, bis ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, bis ich weder tot bin noch mich lebendig fühle.

Kapitel 5 – Valentin
Gerade noch schnell genug bekomme ich Marlenas Schultern zu fassen, bevor sie mit ihrem Kopf auf dem harten Boden aufschlägt. Was ist bloß mit ihr los? Warum brechen heute alle Leute in meinem Umkreis zusammen? Beinahe verzweifelt versuche ich immer wieder, sie ins Bewusstsein zurückzubringen. Zuerst streiche ich ihr noch vorsichtig die Haare aus der Stirn, dann schüttle ich sie an ihren Schultern, immer und immer wieder. Keine Reaktion. Ich träufle ihr ein wenig Wasser ins Gesicht. Ohne Erfolg. Nur am Rande nehme ich das gurgelnde Lachen des – wie es mir scheint – verrückten Alten wahr, doch meine Aufmerksamkeit ruht vollkommen auf der leblos wirkenden, jungen Frau in meinen Armen.
* Währenddessen in einem Traum *
Als ich den kalten Marmor unter meinen Füßen spüre, kann ich nicht anders, als genervt aufzuschreien und meine Hand gegen die hellgraue Steinwand zu meiner Rechten zu schlagen. Eine dumme Idee. Auf meinen Schrei folgen ein saftiger Fluch und dann ein wehleidiges Wimmern. Ich reibe mir über die vor Schmerz pochende Stelle auf meiner Handfläche. Blut haftet an meinen Fingern. Ein Blick auf die Wand erklärt mir die Verletzung: dort steht ein Nagel aus der Wand, ohne ein Bild zu halten. Zwar nur die Seite mit dem Nagelkopf, aber meine Wut hat den Rest erledigt. Achtlos wische ich das Blut am Rocksaum meines Kleides ab. Es ist in den unterschiedlichsten Blautönen gehalten. Wie der Ozean. Oder wie Valentins Augen, denke ich. Wäre ich nicht gerade bei vollem Bewusstsein darüber, was gerade noch passiert ist, bevor ich scheinbar ohnmächtig geworden bin, würde ich den seidenen Stoff bestaunen. Doch so lassen mir meine kreisenden und beängstigenden Gedanken keinen Platz für andere Empfindungen als Panik und Frustration. Zitternd setze ich mich auf den spiegelglatten Stein und lehne den Kopf an eine der vielen dunklen Holztüren. Ich kenne diesen Gang und dieses Gebäude aus meinen Träumen. Doch noch nie bin ich am Tag hierher gelangt. Und noch nie ist einer dieser Träume wirklich schön ausgegangen. Der Gedanke an mein mordlüsternes Ich vom letzten Mal lässt mich erschaudern. Es war nur ein Traum. Das bin nicht ich. Ich schaffe es kaum, mich zu beruhigen, als mein Puls auch schon wieder in die Höhe schnellt. Hat er mich … nein das kann nicht sein … aber wenn doch? Was, wenn mich der alte Mann hierher geschickt hat? Das ist doch Blödsinn … warum sollte er das tun? Und noch wichtiger: Wie?
Über mich selbst lachend schüttle ich den Kopf. Mein Kreislauf war bestimmt einfach nur im Keller. Das ist doch kaum verwunderlich, nach dem ganzen Stress und der Furcht der letzten Tage. Da kann man schon mal umkippen. Und wirr in der Gegend herum fantasieren. Das ist bestimmt schon den Besten passiert. Alles ganz normal. Und logisch erklärbar. Wie sollte es auch sonst sein? Der fremde Alte hat magische Kräfte und hat mich mit nur einem Satz in eine Traumwelt ins Exil geschickt? Ha, ja genau. Und wahrscheinlich muss ich einen Drachen töten und die Träne einer Meerjungfrau besorgen, damit ich in die Realität zurückkehren kann. Alles klar. Ich entscheide mich für Version 1: die Kreislaufprobleme. Der Fremde mag vielleicht ein ehemaliges Mitglied der praeditii iuveni und somit auf irgendeine Weise begabt sein. Aber zaubern? Also so richtig mit allem Drum und Dran? Das ist doch lächerlich. Dann wachsen mir vermutlich demnächst Flügel und ein grüner Schnauzbart. Dein Ex-Lover tötet Menschen mit einem Streichinstrument, Marlena. Touché. Ich bleibe trotzdem bei der ersten, logischeren Variante.
Und wenn ich schon mal hier bin, kann ich mich gleich mal wieder nach einem möglichen Ausgang umschauen. Auch wenn ich mich etwas davor grusle, möglicherweise den Albtraum-Valentin und seinen Best-Buddy Nick zu treffen, raffe ich mich hoch und gehe langsam den Gang entlang. Auch dieses Mal hallen meine Schritte von den Wänden wider, trage ich doch wunderschöne dunkelblaue Pumps auf denen einzelne Glitzersteine funkeln wie die Sterne am Firmament in einer klaren Nacht. Eines muss ich dieser Traumwelt lassen: hier habe ich echt Stil. Zumindest was meine Kleidungsgewohnheiten betrifft. Ich greife nach dem Rock und hebe ihn ein Stück hoch, sodass ich nicht ständig Angst haben muss, über den Stoff zu stolpern. Ich komme nicht weit. Schon nach wenigen Schritten zieht eine kleine, fast schon unscheinbare Tür meinen Blick auf sich. Das Holz ist schwarz wie die Nacht. Ohne auch nur einen Wimpernschlag darüber nachzudenken, greife ich nach dem angelaufenen Türknauf und trete ein. Kaum habe ich einen Schritt über die Schwelle gemacht, fällt die Tür hinter mir ins Schloss und sperrt mich in vollkommene Finsternis. Die Dunkelheit ist so durchdringend und so unfassbar still, dass ich einzig an dem Geräusch meines pochenden Herzens noch sicher erkennen kann, dass ich lebe, und nur das Rascheln meines Kleides versichert mir, dass ich – mehr oder weniger – bei Bewusstsein bin. Plötzliche Worte lassen mich zusammenzucken. Zuerst noch etwas undeutlich, dann jedoch immer klarer und lauter hallen sie rings um mich herum von den Wänden wider. Was ist bloß mit ihr? Warum rührt sie sich nicht? Soll ich ihr eine Ohrfeige geben? Nein, ich könnte sie doch niemals schlagen. Nie könnte ich sie verletzen. Verlass mich nicht. Ich flehe dich an. Komm‘ zu mir zurück, Marlena!
Ich strauchle, stolpere, schlage mit meiner Stirn gegen einen Widerstand, vermutlich eine Wand. Ich verstehe nicht, was hier vor sich geht, begreife einfach nicht, was das alles zu bedeuten hat. Es ist als wäre ich …
»Ganz richtig, Kindchen«, schallt eine viel ältere und rauere Stimme als jene zuvor durch den kaum greifbaren Raum.
»Du bist zwar nicht direkt in seinem Kopf«, fährt der Alte fort, »Wohl eher in seinem Geist. Aber das, was du hörst, sind tatsächlich Valentins Gedanken.«
Völlig überfordert schnappe ich immer wieder nach Luft und doch dringt nichts davon bis in meine Lungen vor.
»Und jetzt komm‘ zurück.« Kaum dringt dieser Satz an meine Ohren, gibt der Boden unter mir nach. Und ich blicke in eisblaue Augen.
*
Erleichterung schwappt durch meine Venen.
»Marlena …«, nuschle ich in ihre Haare. Erst da merke ich, wie diese Szene aussehen muss, lockere meinen Griff und entferne mich ein Stück von ihr. Kälte überzieht meine Haut, dort wo gerade noch ihr Kopf geruht hat. Unwirsch schüttle ich diese sinnlosen Gefühle ab. »Was ist nur mit dir passiert?« Doch sie scheint meine Frage gar nicht gehört zu haben. Ihr Blick schweift unruhig umher, sie richtet sich langsam auf, bis sie gefunden hat, was sie sucht: den Fremden. Als wäre sie nicht gerade noch ohnmächtig gewesen, springt sie auf, reißt sich gänzlich von mir los. Sie stürmt auf ihn zu, bleibt jedoch knapp vor ihm stehen. Ein Ruck geht durch ihren Körper, als hätte er nicht mit dieser Abbremsung gerechnet.
»Sie!«, zischt sie ihm aufgebracht entgegen. »Was haben Sie getan? Wie konnten Sie das mit mir machen? Das ist … Das ist …«
Egal wie aufgebracht Marlena gerade ist, der Mann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ein siegreiches Lächeln dominiert seine Züge.
»Ich habe dir nur die Augen für das geöffnet, wovor du sie zuvor so penetrant verschlossen hast.«
Wütend stampft sie auf, scheint ihrer Wut Platz machen zu müssen. Ich sitze währenddessen wie vor den Kopf gestoßen da und verstehe nur Bahnhof.
»Ist das … wird mir das jetzt jedes Mal passieren, wenn ich schlafe? Ich will das nicht. Und warum haben Sie solche Macht darüber?«
Grinsend schüttelt er seinen Kopf. »Keine Angst, Kindchen. Du wirst schon genug ruhigen Schlaf bekommen. Zumindest solange das Jungchen seine Finger bei sich behalten kann. Hält ja keiner aus, wie er dich ansieht. Und sei beruhigt: Ich habe keine« – er zeichnet mit seinen Händen Gänsefüßchen in die Luft »Macht über dich. Ich habe lediglich eine Gabe, so wie er. So wie du. Meine ist nur etwas anders als seine. Aber keinesfalls so besonders wie deine.«
Ich weiß nicht, ob ich gerade beschämt oder wütend sein soll. Diese ganzen Gefühle überfordern mich noch immer. Wie soll ein Mensch denn mit diesen Unmengen an Nervenreizungen und Hormonen umgehen können? Außerdem, wie sehe ich sie denn an?
»Was meinen Sie damit, dass wir alle eine Gabe haben? Marlena doch nicht.« Ein kurzes Zucken in Marlenas Mimik lässt mich vermuten, dass mein Einwand sie ein wenig gekränkt hat, aber einer von uns muss schließlich versuchen, realistisch zu bleiben.
»Ach Kinder«, seufzt der Alte. »Jetzt packt erst mal eure sieben Sachen zusammen und dann kommt ihr mit zu mir. In diesem zugigen Drecksloch kann doch keiner leben. Schnee und Wind alleine reichen wohl kaum aus, um Brendanus‘ Zorn von euch abzuwenden. Und dass er nicht gerade bester Laune sein wird, ist wohl allen klar.«
»Aber warum sollten wir bei Ihnen sicher sein?« Ich bin mir nicht sicher, ob Marlena wollte, dass diese Frage so beleidigend wirkt und auch, wenn ich ihre Zweifel verstehen kann, sollten wir diese Chance nutzen.
»Immerhin lebt er noch.« Erkläre ich mit einem Schulterzucken und scheine sie allein dadurch zu überzeugen, dass wir mit dem Alten gehen sollten. Natürlich vertraue auch ich diesem Mann nicht, gar keine Frage. Nicht nur, dass er viel zu viel zu wissen scheint. Ich verstehe immer noch nicht, was da mit Marlena passiert ist, aber er scheint seine Finger im Spiel zu haben und das gefällt mir gar nicht. Wer er sein könnte, weiß ich auch nicht. Außerdem schuldet er uns rein gar nichts. Es ist zwar verständlich, dass er uns nicht selbst ausliefert, immerhin ist er angeblich auch auf der Flucht vor den preditii iuveni, aber er könnte uns trotzdem einfach so hier auf unser Schicksal warten lassen. Warum also hilft er uns? Um das herauszufinden, müssen wir ihm wohl oder übel folgen. Jedoch nicht, ohne ihn zu beobachten.
»Komm, packen wir unsere Sachen.« Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass der Mann noch immer gefesselt ist, nehme ich Marlena an der Hand und ziehe sie mit mir. Es ist nur wenige Tage her, seit wir hastig diese Sachen in die Rucksäcke gestopft haben und uns unter falschem Namen per Anhalter aus der Stadt hierher aufgemacht haben. Nun raffen wir schon wieder alles zusammen und machen uns erneut auf in die Ungewissheit. Doch keine Sekunde sehe ich Angst oder Zögern in Marlenas Blick. Mit bestimmten Bewegungen wickelt sie einen kleinen Kochtopf in einen schmutzigen Fetzen, den ich als ihre Hose wiedererkenne, die sie auf dem Weg anhatte, und knüpft das Bündel außen an ihren schwarzen Rucksack. Es dauert keine zehn Minuten bis wir bereit zum Aufbruch sind. Wir beide werden langsam ein eingespieltes Team, was zusammenpacken und abhauen betrifft. Mit wenigen geschickten Bewegungen befreie ich den Mann aus seinen provisorischen Fesseln und bedeute ihm, voranzugehen. Nach einem letzten Blick auf die halb verwitterte Holzhütte zwischen den Bäumen, lächle ich Marlena aufmunternd zu und stapfe neben ihr dem Alten hinterher. Mit ihr an meiner Seite ist das Leben eine einzige Aneinanderreihung von Überraschungen, Ungewissheiten und Kraftakten. Und doch kann ich mir kaum mehr vorstellen, wie ein Leben wäre, in dem ich sie nie kennen gelernt hätte. Und möchte das auch gar nicht. Habe ich das gerade wirklich gedacht?

Kapitel 6 – Marlena
Wir stapfen nun seit circa einer halben Stunde durch den sonnenbeschienenen Schnee, der unter jedem unserer Schritte vor Kälte knirscht. Ich fühle mich völlig ausgelaugt, jedoch nicht körperlich, sondern geistig. In etwa so, wie ich mich manchmal gefühlt habe, wenn ich den ganzen Tag lang nichts anderes getan habe, als zu lernen. Doch diese mentale Erschöpfung ist gerade um ein Vielfaches schlimmer. Immer wieder entgleitet mir mein Blick, wird unscharf und meine Augen drohen, zuzufallen. Und so versuche ich standhaft, mich auf den alten Mann vor mir zu konzentrieren, während ich viel zu oft blinzle, doch meine Augen brennen trotzdem wie verrückt.
»Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst erschöpft aus.« Vorsichtig streift Valentins Arm den meinen. Unsere Schultern berühren sich durch die dicken Jacken hindurch und ein beruhigendes Wärmegefühl lullt meine Gedanken ein. Ich bin sogar zu müde, um ihn auf Abstand zu halten.
Ich nicke. »Alles okay. Aber ja du hast recht. Ich bin, warum auch immer, ganz schön geschafft. Ich hoffe, wir haben keinen Tagesmarsch vor uns.«
Der Mann hat nicht gesagt, wie weit es zu seinem Unterschlupf sein würde. Nachdem Valentin ihn losgebunden hatte, hat er uns lediglich zu erkennen gegeben, dass wir ihm folgen sollen, und dann ist er auch schon schweigend losgestapft.
Ich weiß nicht, woran es liegt, doch weder Valentin noch ich, haben genauer nachgefragt. Valentin wirkt generell gerade sehr in sich gekehrt. Ich mustere ihn von der Seite. Keinesfalls unauffällig. Doch er scheint meinen analysierenden Blick nicht zu bemerken. Auf seinen Zügen liegt eine hilflose Gleichgültigkeit, die mir überhaupt nicht gefällt. Nicht nur, weil ich mich bislang immer auf sein Durchhaltevermögen und seinen Kampfgeist verlassen konnte, sondern auch, weil man Gefühle nun mal nicht einfach so abschalten kann. Es waren nur wenige Tage, in denen wir uns nähergekommen sind. Und doch haben mir diese Tage so viel bedeutet. Er hat mir viel bedeutet. Und auch jetzt ist er mir alles andere als egal. Ich konnte früher nie verstehen, wie Menschen immer noch zu ihren Lieben halten können, wenn diese schreckliche Dinge getan haben. Doch jetzt befinde ich mich in einer ähnlichen Situation und auch ich schaffe es nicht, Valentin als kaltes Monster zu sehen. Ich meine, ja, ich kann mich nicht selbst belügen: Er hat Menschen getötet. Doch ich sehe so viel mehr in ihm: ich sehe seine Fürsorge, mit der er sich um mich gekümmert hat, als ich ihn immer und immer wieder von mir gestoßen habe. Ich sehe die Angst um mich in seinen Augen, als ich mich selbst beinahe aufgegeben habe. Ich sehe den Blick, den er mir zugeworfen hat, bevor wir uns das erste Mal geküsst haben, so voller Glück und Zuneigung. Ich sehe in ihm einen Beschützer, doch ich sehe auch ein egozentrisches Arschloch. Und ich sehe, wie er Menschen das Leben raubt. Und doch kann ich immer noch nicht sagen, was davon er ist, und zwar sein wahres Selbst, und was davon die Marionette der praeditii iuveni ist, zu der sie ihn über die Jahre geformt haben. Hin und wieder stelle ich mir vor, wie ich ihre Fäden durchschneide und ihn von ihrem Einfluss befreie. Und doch weiß ich nicht, ob das noch möglich ist, oder ob er dieses grausame und gewaltreiche Leben nicht bereits viel zu sehr verinnerlicht hat, als dass man es gänzlich von ihm entfernen könnte. Ich muss an einen Parasiten in seinem Körper denken, der sich schon viel zu stark ausgebreitet hat. Ein Schütteln jagt durch meine Glieder beim Versuch dieses eklige Bild aus meinen Gedanken zu verdrängen.
»Kommst du, Marlena?« Valentins Stimme reißt mich aus meinen Grübeleien. Ich habe wohl immer mehr getrödelt und so schließe ich nun hastig zu den beiden Männern auf.
»Wo führen Sie uns überhaupt hin?«, fragt der jüngere den Alten.
»Das habe ich euch doch bereits gesagt, Jungchen: zu mir. Du solltest wirklich besser aufpassen, wenn jemand mit dir spricht«, tadelt der Ältere ihn.
Valentin seufzt genervt auf, verkneift sich aber einen beleidigenden Kommentar, auch wenn ich mir sicher bin, dass er ihm bereits auf den Lippen lag.
»Ich wollte doch nur wissen, wo es langgeht und wie weit es dorthin ist.«
»Kinder, folgt mir einfach, ich weiß schon, wo wir hinmüssen. Und quengelt bloß nicht herum, wir sind da, wenn wir eben da sind.«
Ich hasse dumme Antworten auf ernst gemeinte Fragen. Kurz berühre ich Valentins Arm, um still seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich verdeutliche ihm so gut es geht mit einem Schulterzucken und gleichzeitigem Kopfschütteln, dass er es bleiben lassen soll. An diesem alten Mann beißt er sich sonst noch die Zähne aus. Alles verschwendete Energie. Energie, die wir sicherlich brauchen werden.
Auch ich frage mich, wie lange wir noch weiterwandern sollen. Inzwischen ist die Nässe des Schnees durch das Kunstleder meiner Stiefel gedrungen und meine Socken und Zehen sind starr vor feuchter Kälte. Mit Verbissenheit versuche ich, meine Zähne am Klappern zu hindern. Unvermittelt komme ich ins Straucheln, fange mich aber wieder. Es ist als würde mein Gehirn einfach nur noch schlafen wollen und meinen Körper gegen meinen Willen dazu drängen, schlapp zu machen, obwohl wir kaum mehr als eine Stunde unterwegs sein können.
Der Horizont verliert immer mehr seine Farbe, während die Sonne hinter den Bäumen unterzugehen droht. Es muss beinahe siebzehn Uhr sein. Durch all die Zusammenbrüche und Überraschungen des heutigen Tages haben wir viel Zeit verloren. Mit einem Knurren erinnert mich mein Magen daran, dass wir auch von unserem Mittagessen abgehalten worden waren und somit heute kaum etwas zu uns genommen haben. Immerhin haben wir den Hasen mitgenommen und so ist er nicht völlig umsonst Valentin zum Opfer gefallen. Doch das Essen muss warten, bis wir endlich den Unterschlupf des Alten erreicht haben. Es graut mir vor der Nähe dieses Mannes, zu groß ist die Angst, dass er mich wieder in meine Traumwelt verbannen könnte und ich das nächste Mal nicht mehr zurückfinde. Und doch kann ich es nicht erwarten, ein Dach oder Ähnliches über dem Kopf zu haben und die Wärme eines prasselnden Feuers zu spüren.
»Wir sind da!«, verkündet der Alte in diesem Moment lautstark und lässt mich dadurch aus meinen Gedanken hochschrecken. Unsicher blicke ich zu Valentin, doch auch er mustert die Umgebung argwöhnisch, während kaum mehr Sonnenstrahlen übrig sind, die uns Licht spenden könnten. Es ist zwar fast dunkel, aber ich bin mir trotzdem sicher, dass ich mich nicht irre: da ist weit und breit nichts weiter, als eine Lichtung, auf der rein gar nichts zu sehen ist. Zumindest nichts, das einem Unterschlupf auch nur im Geringsten nahekäme.
Schon hat Valentin wieder das kleine Messer gezogen und zeigt damit drohend auf die Brust unseres selbsternannten Reiseführers. »Verarschen können wir uns selbst. Ich würde Ihnen raten, uns ganz schnell zu sagen, was hier los ist, sonst ist der Schnee hier gleich rot statt weiß.«
»Du bist genauso blind wie sie. Siehst nur mit deinen Augen anstatt mit deinem Herzen und deinem Geist.« Verrückterweise legt der Alte seine Hand an Valentins Brust, dort wo sein Herz in rhythmischen Schlägen gegen seine Rippen hämmert. Ungläubig und etwas beschämt zieht der Mann seine behandschuhten Finger zurück. »Vergiss das mit dem Herzen …«, murmelt er vor sich hin. »Aber worauf ich hinauswollte«, fährt er fort, »ist, dass nicht alles immer so sein muss, wie es den Anschein macht. Nennt es Zauberei, Illusion oder was ich hier am passendsten finde: Magie. Aber tut es nicht immer gleich als Unsinn ab, nur weil ihr es nicht in zwei einfachen Sätzen erklären könnt. Merkt euch das gefälligst.«
Als wolle er die Luft um uns beschwören, hebt er beide Hände und formt mit seinen Lippen stumme Worte, dann fasst er Valentins und meine Hand und zieht uns ein paar Schritte mit sich. Schon beim nächsten Herzschlag frage ich mich ungläubig, ob er mich schon wieder in einen Traum katapultiert hat. Doch hier sind kein Boden aus Marmor und keine hohen und hallenden Wände. Dafür erscheint vor unseren Augen wie aus dem Nichts eine kleine Blockhütte, aus hellen Holzstämmen gefertigt. Zuerst kann ich nur die Umrisse erkennen, dann wird das Bild schärfer und mir fallen immer mehr Details auf. Warmes, flackerndes Licht scheint durch ein quadratisches Fenster. Zarte Rauchschwaden wandern aus dem steinernen Schornstein in den dunklen Himmel hinauf. Der Mann lässt uns los und geht auf die Hütte zu. Staunend folgen ihm Valentin und ich, Seite an Seite. Kaum treten wir neben ihn, hebt der Alte die Arme erneut, nur um sie dann schwungvoll gen Boden zu senken und kurz den Schnee unter unseren Füßen mit seinen Handflächen zu berühren. Ein kurzer, kraftvoller Windstoß lässt meine dunklen Haare um meinen Kopf aufwirbeln.
»Was … wie?«, versuche ich zu erfragen, um diese Situation begreifen zu können. Der Mann ist bereits an der Haustüre angelangt und zieht einen kleinen, gusseisernen Schlüssel hervor, der perfekt ins Schloss passt. Kurz wendet er sich zu uns um.
»Eine Art Schutzzauber, der ungebetene Gäste in die Irre führen soll. Ein ehemaliger Bekannter hat mir ein auf mich geprägtes Artefakt überlassen, auf dem der Zauber ruht. Ohne wäre ich wahrscheinlich schon lange gefunden worden.« Er tut es mit einem gleichgültigen Schulterzucken ab, als hätten wir gerade über das Wetter gesprochen. »Und jetzt kommt endlich, Kinder. Mir ist kalt. Immer hinein in die gute Stube.«
Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, auch wenn mir dieser Mann mehr als nur ein wenig suspekt und unheimlich ist: Die Kälte und die Ausweglosigkeit treiben uns förmlich in seine Arme.

Kapitel 7 – Valentin
Ich frage mich, ob ich genauso schockiert und gleichzeitig fasziniert ausgesehen habe wie Marlena, als wir die Blockhütte betreten haben. Ein Holzhaus, das aus dem Nichts erscheint, für Feinde unsichtbar bleibt und so verdammt gemütlich ist. Ich war zwar noch nie ein Mensch mit hohen Ansprüchen was Wohn-Luxus angeht, aber diese Hütte übersteigt echt alles, wovon ich in den letzten Tagen zu träumen gewagt habe. An einen kleinen Vorraum, den man durch die Haustür als erstes betritt, grenzt eine Treppe, die in ein weiteres Stockwerk führt, eine Tür am Ende des Gangs, eine rechts davon, sowie eine warme Stube auf der linken Seite. Dahin hat der Mann uns sofort nach unserer Ankunft gedrängt und zu meiner Verwunderung hat er mir kommentarlos den Hasen aus der Hand genommen, dessen Hinterläufe ich den ganzen Weg über umklammert hielt. Der Alte hat dem Hasen fachmännisch, wortwörtlich das Fell über die Ohren gezogen, das Fleisch zerteilt und zusammen mit Kartoffeln über einem offenen Feuer in der hintersten Ecke des heimeligen Raumes gebraten, während ich Marlena dabei beobachtet habe, wie sie mit glasigen Augen in die Flammen gestarrt hat. Jetzt ist es endlich soweit und das leidvolle Knurren meines Magens wird erhört: Essen ist fertig. Ich kann diesen Mann zwar immer noch nicht leiden, begrabe das Kriegsbeil aber vorerst, wenn das Essen auch nur halb so gut schmeckt, wie es riecht.
»Vielen Dank. Das ist sehr freundlich von Ihnen«, meldet sich Marlena nach langer Stille zu Wort.
»Schon gut«, schmatzt der Alte als er auf einer saftigen Hasenkeule herumkaut.
»Nein wirklich«, beharrt Marlena. Ich bin mir sicher, dass auch sie Hunger hat, doch sie hat noch nicht einmal das etwas angelaufene Besteck berührt. »Das ist nicht selbstverständlich. Immerhin begeben Sie sich durch uns in zusätzliche Gefahr.«
Musstest du das unbedingt so direkt ansprechen, Marlena? Bitte mach ihm nicht zu deutlich klar, was für ein Ballast wir sind. Vielleicht unterschätzt er die Situation ja einfach. Ich starre sie eindringlich an, doch sie ignoriert mich einfach. Andererseits müsste er doch bestens wissen, was es bedeutet, wenn man sich den Obersten zum Feind macht. Brendanus. Ich glaube, ich habe in meinem Leben erst insgesamt zweimal mitbekommen, wie ihn jemand beim Namen genannt hat. Einmal, als sein ältester Sohn noch am Leben war. Das muss ganz am Anfang meiner Ausbildung gewesen sein.
Das zweite Mal hat das Ganze ziemlich blutig geendet. Doch der Alte spricht den Namen vollkommen furchtlos, ja sogar respektlos aus. Ich weiß zwar, dass der Oberste nicht Voldemort ist und es wahrscheinlich nie jemand erfahren würde, wenn ich ihn hier beim Namen nenne, aber dieses Wort will mir einfach nicht über die Lippen kommen. Nicht noch einmal. Zu viele Schmerzen sind damit verbunden. Ach, ich sollte nicht so viele Gedanken an unnütze Grübeleien verschwenden!
Der Alte hat in der Zwischenzeit Marlenas Aussage mit einem Schulterzucken abgetan.
»Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Oder so etwas Ähnliches. Jedenfalls gefällt es mir, wenn ich den praeditii iuveni so indirekt eins auswischen kann.«
Das Gespräch scheint für ihn damit beendet zu sein, denn er widmet sich nun gänzlich seinem Teller. Erleichtert erkenne ich, dass nun auch Marlena zögerlich zu essen beginnt. Die Situation scheint ihr noch immer mehr zuzusetzen, als sie zugeben will. Außerdem weiß ich bis jetzt noch nicht genau, was vorfiel, als sie zusammengeklappt ist. Das muss ich unbedingt ändern, wenn sich ein passender Moment ergibt, um sie zu fragen.
»Wie heißen Sie eigentlich?«, richte ich nun mein Wort an unseren Gastgeber, der darüber alles andere als erfreut zu sein scheint.
»Ich helfe euch zwar, aber ich bin es nicht mehr gewohnt, mal nicht allein zu sein. Ich mag die Ruhe. Also lasst sie mir bitte, sonst überlege ich es mir noch anders und setze euch vor die Tür.« Was sich eigentlich wie ein Witz anhört, scheint eine ernstgemeinte Drohung zu sein, wenn ich seinen Gesichtsausdruck richtig interpretiere.
»Verstanden.« Unzufrieden will auch ich mich endlich dem saftigen Fleisch zuwenden, doch eine Mischung aus Klatschen und lautem Klopfen lässt mich hochschrecken – Marlena ist volle Kanne mit dem Gesicht auf der Tischplatte aufgeschlagen und reibt sich nun, nur Augenblicke später, bereits wieder verschlafen und scheinbar etwas durch den Wind über die blutende Nase. Ich werfe einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die duftende Mahlzeit, als ich Marlena auch schon vom Stuhl hochhebe. Sie ist so erschöpft, dass sie sich keine Sekunde dagegen wehrt und fast sofort in meinen Armen einschläft.
»Wo können wir schlafen?«
»Die Treppe hoch«, der Mann nickt Richtung Tür, »oben findest du Stroh, Leintücher und Decken. Das muss genügen.«
Ich nicke. »Danke. Für alles.« Und ich meine es genau so, wie ich es sage.
Der Mann tut auch jetzt alles lediglich mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Ich schlafe im Erdgeschoss. Gleich im Zimmer nebenan. Wenn etwas sein sollte: Du kommst schon klar, Jungchen. Wehe ihr weckt mich.«
Mit einem erneuten Nicken wende ich mich von ihm ab und der Tür zu, schiebe sie mit einem Fuß auf, trage Marlena so leise wie möglich die knarrenden Stufen hinauf und setze sie vorsichtig am Boden ab. Obwohl ich glaube, dass sie nicht einmal aufwachen würde, wenn neben ihr eine Feuerwehrsirene losginge. Ich habe sie noch nie so erschöpft erlebt.
»So, und jetzt ruh‘ dich gut aus«, flüstere ich vor mich hin, davon überzeugt, dass sie kein Wort davon mitbekommt. Doch meine leisen Worte gelten nicht nur ihr, sondern sollen auch mir selbst dazu dienen, etwas runterzukommen. Ich sorge mich schon seit Tagen um sie, während ich versuche, mir keine Schwäche anmerken zu lassen. Und doch sind meine Kräfte auch nicht unerschöpflich. Vorsichtig streiche ich ihr die dichten braunen Haare aus der Stirn. Knoten haben sich darin gebildet. Ihre Haut ist trocken und rissig. Und doch hat sie immer noch eine beeindruckende Ausstrahlung.
»Ich pass‘ auf dich auf, auch wenn du auch ohne mich stark bist.«
Ich sehe mich um. Mein Blick sucht die Bettmaterialien, die ich auch fast sofort finde. Hier oben ist es zwar nicht beengt, es ist ausreichend Platz für eine Schlafstätte für zwei Personen, aber für recht viel mehr dann auch wieder nicht. Ich schnappe mir die Decken und Leintücher, wobei – ich mich korrigieren muss – die zwei Decken und das eine große Leintuch. Kurzerhand beschließe ich, lange genug auf dem Boden geschlafen zu haben. Vielleicht wird es Marlena nicht freuen, aber wir werden uns wohl oder übel ein »Bett« teilen müssen. Unter vollem Körpereinsatz forme ich einen rund halben Meter hohen und annähernd rechteckigen Haufen Stroh, spanne das Leintuch so gut es geht darüber und merke, dass diese provisorische Matratze unerträglich piekst. Da hilft das dünne Leintuch nur wenig. Ich kann mir ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen, schüttle aber gleich wieder über mich selbst den Kopf. Doch ich bin schon gespannt auf Marlenas perplexen Gesichtsausdruck, wenn sie kapiert, dass wir uns nicht nur ein Bett, sondern auch eine Decke werden teilen müssen. Den alten Sturkopf frage ich nämlich sicher nicht nach einer weiteren Decke und ich hoffe einfach, dass sie mir so weit vertraut, dass sie mir glaubt, wenn ich ihr verspreche, sie nicht zu berühren, wenn sie das nicht will. Ich würde ihr nie etwas antun. Und sie nie gegen ihren Willen zu etwas zwingen. Niemals. Also nehme ich das Leintuch wieder weg, lege eine Decke darunter und drapiere das Tuch erneut auf dem Strohhaufen. Nachdem ich einigermaßen zufrieden mit dem Bett-Provisorium bin, schleiche ich zu Marlena hinüber, hebe sie vorsichtig hoch und lege sie dann auf unserem Lager ab. Sie hat sich keinen Moment gerührt, doch als ich sie loslasse und mich abwenden möchte, greift sie nach meinem Unterarm. Die zu Beginn von der Kälte kalkweißen Finger sind von der angenehmen Wärme hier drin knallrot geworden. Auf ihren Knöcheln befindet sich getrocknetes Blut. Die Haut auf ihrem Handrücken ist genauso aufgesprungen wie ihre vollen Lippen. Die Blutung ihrer Nase hat zum Glück schnell wieder gestoppt.
Kurz flackern ihre Augenlider.
»Valentin.« Ein verschlafenes Flüstern. »Bitte bleib hier.«
Immer, denke ich, ich werde dir nicht von der Seite weichen.
Doch stattdessen nehme ich die Decke, die ich eigentlich über sie alleine ausbreiten wollte, lasse mich neben ihr auf das Stroh nieder und decke uns beide zu.
Ihre kühle Hand lässt meinen Unterarm los und legt sich stattdessen sanft auf meine Brust. Von meiner bloßen Haut durch die dicke Wollschicht meines Pullovers getrennt. Und doch verkrampfe ich mich unter dieser Berührung, denn schon diese kleine Geste erzeugt in meinem Körper und meinem Geist eine viel zu starke Reaktion.
»Danke«, murmelt sie in die Decke. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie schon ins Land der Träume abdriftet und morgen nichts mehr von der kleinen Kuscheleinlage weiß. Und doch liege ich hier einfach still und genieße ihre Nähe. Ich bekomme noch mit, dass ihre Atemzüge immer tiefer und regelmäßiger werden, als der Schlaf auch mich umgarnt.

Kapitel 8 – Marlena
Ich erwache ruckartig, als hätte ich schlecht geträumt, doch ich kann mich an keinen Albtraum oder Ähnliches erinnern.
»Wo bin ich hier?«, murmle ich vor mich hin und verziehe sofort vor Schmerz mein Gesicht, was wiederum mit einem Schmerzimpuls gestraft wird. Ich taste zu meiner Nase, die geschwollen wirkt und scheiß weh tut. Doch schnell merke ich auch, dass eine Art Pflaster darauf klebt. Sieht aus, als wäre ich verarztet worden. Dann fällt mir auch wieder ein, dass wir uns im Zuhause des alten Mannes befinden.
»Lass das bloß drauf! War gar nicht so leicht, irgendetwas zu finden, damit du nicht alles vollblutest«, tadelt mich Valentins Stimme. Es ist stockdunkel um mich, doch ich erkenne einen Kerzenschein von der Treppe her. Und Valentins Silhouette, die normalerweise nur so vor Kraft und Dominanz strotzt, doch heute wirkt seine Haltung gebeugt, sein Körper erschöpft. In seiner Hand hält er eine Kerze auf einem Halter wie ich es schon in so manchem Geschichtsdrama gesehen habe. So etwas gibt es noch? Wundert mich das gerade wirklich, obwohl ich sozusagen in einer unsichtbaren Hütte sitze?
»Was genau ist passiert?«
»Dein Gesicht wollte neben der Hasenkeule schlafen. Stattdessen musst du dich wohl mit meiner Wenigkeit zufriedengeben.« Er kratzt sich am Hinterkopf, während er näher auf mich zukommt und ich ihn nun immer besser im Kerzenlicht erkennen kann. Seine schwarzen Haare sind etwas gewachsen, doch es steht ihm. Genauso wie der Bartschatten, der sein kantiges Gesicht nur noch mehr betont. Ich bin seit Tagen mit ihm unterwegs und mir fällt gerade jetzt wieder ein, wie gut er eigentlich aussieht? Als ich merke, dass ich ihn gerade anstarre, während ich unkontrolliert auf meiner Unterlippe herumkaue, will ich sofort etwas erwidern, habe aber vergessen, was er mir eben mitgeteilt hat.
»Entschuldige was?«, schieße ich etwas zu forsch heraus.
»Es tut mir leid, aber es geht nicht anders, wir haben nicht genug Decken und Leintücher. Ich schlafe auch am äußersten Rand des Bettes. Wenn du willst, können wir auch mit dem Kopf an der jeweils anderen Bettseite liegen. Ganz wie du willst …«, versucht er sich zu erklären und mir fällt wieder ein, was er vorher über die Hasenkeule und sich selbst gesagt hat. Warte – war das gerade Unsicherheit in seiner Stimme? Und in seinem Blick? Und seit wann kratzt er sich denn verlegen am Hinterkopf?
Ich schüttle den Kopf darüber und lächle ihn kurz einfach nur an. Doch dann versuche ich ihn wieder zu beruhigen.
»Alles gut, ich habe keine Angst, dass du mich begrapschst, oder so. Ich glaube irgendwelche Mackersprüche sind da eher dein Ding. Du hast genauso ein Recht darauf, endlich einigermaßen gemütlich zu liegen und zu schlafen, wie ich. Wenn du es nicht sogar etwas mehr verdienst, immerhin hast du lange genug auf dem Boden schlafen müssen.«
Jetzt stiehlt sich auch auf seine Züge ein Lächeln.
»Ich habe uns was zu essen geholt. Es ist zwar jetzt kalt, aber mir ist schon langsam übel vor Hunger.«
»Mir auch«, gestehe ich, was von einem Gegrummel meines Magens nur noch bekräftigt wird. Er reicht mir ein Holzbrett mit kaltem Fleisch und ein paar wenigen Kartoffelstücken.
»Wie spät ist es eigentlich?«, frage ich mit vollem Mund, weil ich sowohl meine Neugier als auch meinen Hunger gleichzeitig stillen möchte.
»Sehr damenhaft«, scherzt er, »ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Aber ich denke, es war circa 18 Uhr, als du eingeschlafen bist. Ich bin dann auch kurz eingenickt, doch der Hunger hat mich nicht lange schlafen lassen. Ich hab mich etwas umgesehen, deine Nase verarztet, nachdem du meinen Pulli vollgeblutet hast und unsere Sachen heraufgebracht. Ich schätze es ist spätestens 21 Uhr. Der Alte schläft aber schon. Es könnte also auch schon später sein.«
»Tut mir leid. Das mit dem Vollbluten. Aber immerhin hast du ein besseres Zeitgefühl als ich. Wenn du mir gesagt hättest, es sei drei Uhr früh, hätte ich das auch geglaubt.«
»Geht es dir jetzt besser?«, wechselt er das Thema und betrachtet mich besorgt von der Seite. Er hat sich neben mich aufs Bett gesetzt und so verspeisen wir Seite an Seite die bereits kalt gewordene und doch immer noch köstliche Mahlzeit.
»Ja, danke. Mein Kopf fühlt sich zwar nach wie vor ziemlich schwer an und schmerzt ein wenig. Die Nase pocht im Gleichklang mit meinem Herzen. Aber ich kann mich nicht beklagen«, antworte ich und mache eine ausschweifende Bewegung mit beiden Armen, um ihm zu verdeutlichen, dass das alles hier so viel besser ist als das Zelt in der morschen, zugigen Hütte.
Er seufzt kurz und zwickt sich in seine Nasenwurzel. Direkt zwischen seine hellen Augen, die im Kerzenschein förmlich leuchten. Ich sehe ihm bereits an, dass er wieder ernst wird, bevor er den Mund aufmacht.
»Was ist da mit dir passiert, Marlena? Was hat er mit dir gemacht?« Eine Sorgenfalte zeichnet eine tiefe Kerbe zwischen seine Augenbrauen. Schatten flackern über sein Gesicht. Und so erzähle ich ihm alles, was passiert ist. Alles, was ich gesehen habe. Auch, was ich in den letzten Wochen geträumt habe.
»Jeder Traum war anders«, versuche ich zu erklären, »doch jeder war auf seine Art furchterregend.«
»Du hast mir bereits ein wenig von den Träumen erzählt, weißt du noch? Doch ich war so dumm und habe dir nicht richtig zugehört.«
»Ja. Das stimmt.« Ich will ihm nicht gleich von seiner Rolle in dem Ganzen erzählen und so starte ich damit, dass ich ihm vom Gebäude erzähle, von den Kleidern, von der Decke, die mich beim Konzert fast um den Verstand gebracht hat.
»Also siehst du in den Träumen auch Dinge aus der Realität«, schlussfolgert er.
Ich nicke. »Und nicht nur Dinge. Auch Menschen.«
Jetzt nickt auch er. »Du hast erwähnt, dass auch ich schon mal in einem der Träume vorgekommen bin?«
»Du bist in jedem einzelnen Traum vorgekommen«, erwidere ich leise. Irgendwie ist es mir peinlich, auch wenn ich nicht genau weiß, warum.
Der Adamsapfel an seinem Hals hüpft einmal auf und ab, als er kräftig schluckt. »Und was habe ich in diesen Träumen getan? Oder wir?« Dieses Mal zeigt sich keine Anzüglichkeit auf seinem Gesicht, lediglich eine ernste Miene.
»Das erste Mal, als du mir im Traum erschienen bist, standest du einfach nur da, in einem wunderschönen Ballsaal. Dann haben wir gesprochen und …«, kurz räuspere ich mich, bevor ich fortfahre, »als wir uns gegenseitig angenähert haben, hast du mich plötzlich so seltsam angeblickt. Es war, als wäre dein Blick gebrochen. Mit kalten Augen hast du einfach durch mich hindurch gestarrt. Bis du auf einmal den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet hast und warmes, dickes Blut herausschwappte. Da bin ich aufgewacht. Das zweite Mal …«
»Was?«, unterbricht mich Valentin. Er ist kalkweiß geworden – soweit ich das im fahlen Kerzenschein erkennen kann.
»Wann war das?«, fragt er gehetzt.
Ich überlege. »Ich glaube, das war am Wochenende nach dem Vorfall beim Club.«
Mit zittrigen Fingern wischt er sich mehrmals übers Gesicht, bevor er in seine Hand nuschelnd antwortet.
»Ich erinnere mich gut an diese Nacht. Als ich mich zum ersten Mal seit Jahren weigern wollte, einen Auftrag auszuführen.«
Mir stockt der Atem. Auf seinem Gesicht spiegelt sich Grauen, das auch von mir Besitz ergreift. »Was haben sie mit dir gemacht?«, hauche ich die Frage, vor deren Antwort ich mich fürchte.
»Sie haben mir so lange Gehorsam eingeprügelt, bis ich nur noch röchelnd Blut erbrochen habe«, flüstert er, ohne mich dabei ansehen zu können. Er schämt sich dafür. Er schämt sich für die grausamen Taten anderer. Das Opfer sollte nie Scham empfinden.
Aufgebracht springe ich vom Bett hoch. Greife jedoch sofort Halt suchend nach seiner Schulter, als mir kurz schwarz vor Augen wird.
»Diese Menschen sind Tiere! Und du schämst dich auch noch dafür, was die dir angetan haben?«, fahre ich ihn empört an.
»Du vergisst, dass ich genauso zu ihnen gehöre.« Verzweiflung und Wut vermischen sich in seiner Mimik. »Oder gehört habe.«
»Aber du bist nicht einfach kopflos losgerannt und hast ihnen gehorcht wie ein trainierter Hund«, entgegne ich.
»Doch, jahrelang habe ich das getan. Mehr noch: Ich war stolz auf meine Stärke. Ich war stolz darauf, Bedeutung für sie zu haben. Und in diesem Moment hätte ich auch gehorchen sollen. Dann wäre mir einiges erspart geblieben.«
»Aber das hast du nicht getan. Du hast dich ihnen widersetzt. Weil du im Gegensatz zu ihnen ein Gewissen besitzt!« Mit jedem seiner selbstanklagenden Worte werde ich wütender.
»Nein. Das habe ich nicht. Du weißt doch gar nicht, wie viele Bestrafungen anderer ich selbst durchgeführt habe! Wie viele Geister und Körper ich gezüchtigt habe. Und all die Leben … ich habe so viele getötet.« Seine anfänglich laute, gereizte Stimme hat mit jedem Wort an Nachdruck verloren.
»Und doch glaube ich keinen Moment, dass du das alles getan hast, weil du es tun wolltest. Vielleicht wolltest du dich gebraucht fühlen. Nützlich, bedeutend, respektiert. Doch du hast es keine einzige Sekunde genossen, jemandem Schmerzen zuzufügen. Da bin ich mir sicher.«
Ich greife nach seiner Hand. Er sieht auf. Blickt mir geradewegs in meine Augen. Und in diesem Moment liegt so viel Schmerz und Reue in seinem Blick, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass er genauso wie ich weiß, dass ich Recht habe mit meiner Feststellung. Er hat jeden einzelnen Moment, in dem er Leid zugefügt hat, gehasst. Doch er wollte es sich keinesfalls eingestehen. Denn er wollte keine Schwäche zulassen. Und Gefühle bedeuten immer auch Verletzlichkeit.
Ich kapiere erst, was ich da gerade mache, als meine Lippen sich verzweifelt auf die seinen drücken. Er erwidert den Kuss zuerst genauso aufgewühlt, doch schon verkrampft er sich. Will mich von sich stoßen.
»Vergiss die Vergangenheit bitte nur für wenige Momente. Lass es doch einfach zu, gemocht zu werden«, hauche ich an seine Lippen.
Als sie die meinen verschließen, weiß ich, dass ich ihn für den Augenblick überredet habe, zu vergessen. Oder zumindest kurz zu ignorieren, was er getan hat, und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Und jetzt hält er mich nun mal gerade in seinen Händen, die warm über meinen Rücken zu meinem Nacken wandern und im Kragen meines Shirts so sanft über meine Haut streifen, dass sich dort die kleinen Härchen aufstellen. Vorsichtig tastet sich seine Zunge in meinen Mund vor und wird begierig von mir eingelassen und von meiner Zunge liebkost. Ich kralle mich in seine dunklen Haare, spüre gleichzeitig körperlich, wie sehr er mit seinen Gefühlen kämpft. Wie die Verzweiflung, die Zuneigung und auch Erregung ihn überwallen. Ich dränge mich dichter gegen ihn. Will ihn mit positiven Gefühlen vollpumpen und die negativen verscheuchen. Doch von einer Sekunde auf die andere beginnt sein ganzer Körper zu beben. Zuerst denke ich, er weint. Doch als ich mich von ihm löse sind seine Wangen trocken. Seine Lippen jedoch – sie sind blau. Und sie zittern. Wie der Rest von ihm. Ich streiche ihm besorgt über die Wange. Seine Bartstoppeln kratzen über meine Haut, doch das bekomme ich kaum mit. Denn er ist eiskalt. Wie schockgefroren.
»Was ist mit dir los? Valentin? Valentin! Sie mich an!« Sein Blick verliert immer wieder den Fokus, als er mich anschaut. Seine Hände klammern sich an mir fest.
»Ich hole jetzt den Alten! Vielleicht kann er helfen«, beschließe ich. Doch Valentin lässt mich nicht los.
»Nein. Bleib … hier. Ich … ich … Wärme«, presst er zwischen klappernden Zähnen hervor.
Den Vorschlag, ich könnte ihm einen heißen Tee zubereiten, würde er sowieso ignorieren. Also ziehe ich ihm kurzerhand den Pulli und das darunter zum Vorschein kommende T-Shirt über den Kopf. Er lässt alles widerstandslos über sich ergehen. Sein Gesicht ist bleich wie der Tod höchstpersönlich.
»Muss von uns beiden eigentlich immer irgendwer ein Wrack sein und halb abkratzen?«, fluche ich in Zimmerlautstärke vor mich hin. Ich drücke seinen nackten Oberkörper auf die Heu-Matratze und wickle ihn in die Wolldecke, während ich versuche, nicht daran zu denken, wie sich seine nackten Muskeln gerade noch unter meinen Handflächen angefühlt haben. Also mir wird gerade schön warm. Fokus, Marlena! So schnell wie möglich ziehe auch ich mich bis auf die Unterwäsche aus und dränge mich unter die Decke so nah an seinen frierenden Körper, dass kein Blatt Papier mehr zwischen uns passt. Was Jacob kann, kann ich schon lange. Wenn es in Twilight hilft, um Bella warm zu halten, hilft es in der Realität hoffentlich auch. Zusätzlich schnappe ich mir Valentins Hände, reibe mit meinen darüber und hauche immer wieder warmen Atem dagegen. Wir wollen ja nicht, dass er eines seiner musikalischen Fingerchen verliert.
Ich weiß nicht, wie lange wir so engumschlungen daliegen und ich mich darauf konzentriere, so heiß wie möglich zu sein – in rein physikalischer Art und Weise, versteht sich. Wahrscheinlich sind es nur ein paar Minuten. Doch meine Muskeln sind so verkrampft, dass auch bereits eine Stunde vergangen sein könnte. Und doch fühlt es sich unleugbar gut an, in Valentins Nähe zu sein. Er und ich. Haut an Haut.
»Danke«, flüstert er mir ins Ohr.
Ich bemerke erst jetzt, dass sein Gebiss endlich zu klappern aufgehört hat.
Ich warte noch ein paar Minuten, bis ich mir ganz sicher bin, dass es ihm auch wirklich wieder gut geht. Als er sich ein Stück von mir entfernt, sehe ich diesen Moment gekommen.
»Möchtest du mir vielleicht erklären, was mit dir los war?« Es mischt sich mehr Vorwurf in diese Frage, als es von mir beabsichtigt war. Doch die Sorge um ihn drängt mich dazu.
Ich liege mit dem Rücken zu ihm, kann sein Gesicht nicht sehen. Doch es genügt schon, zu spüren, wie er kurz zusammenzuckt, um zu wissen, dass ihm dieses Gesprächsthema Unwohlsein bereitet.
»Hast du bemerkt, wie der Alte reagiert hat, als er seine Hand über mein Herz gelegt hat?«
Ich nicke. »Er war total komisch und meinte, du solltest einfach vergessen, was er gesagt hat.«
»Ich weiß nicht, welche Gabe er genau trägt«, erklärt er mir. Ich drehe mich ihm zu, da ich es ungut finde, wie er mir ins Genick flüstert, auch wenn sich sein Sixpack verboten gut in meinem Rücken anfühlt. »Aber,« fährt Valentin mit seiner Erklärung fort, »er hat es sofort gespürt.«
»Was hat er gespürt?«
»Dass mein Herz nicht … normal ist.«
Ich strecke meine Hand nach ihm aus. Als er nicht wegrückt, lege ich meine Handfläche auf seine linke Brust. Ich warte kurz. »Für mich fühlt sich das ganz normal an.«
Dum-dum …. Dum-dum. Doch plötzlich, als würde mein Geist aus meinem Körper gerissen werden, blicke ich auf eine fremde Umgebung. Vor mir schlägt ein Herz. Träge und doch mit so viel Kraft wie es nur aufbringen kann, pocht es vor sich hin, umgeben von einer dicken Schicht aus Eis. Darunter glänzt seine Oberfläche ungesund in den verschiedensten Violett-Tönen. Ich sehe mir das Organ genauer an und entdecke den ein oder anderen Riss im klar schimmernden Eis. Ich konzentriere mich darauf, wie es aussehen würde, wenn die Risse größer würden. Breiter. Flächiger. Wie es wäre, wenn ein Teil des Eises herausbrechen und vom Herz abfallen würde.
»Mach schon!«, fordere ich in meinen Gedanken. Doch meine Stimme schallt laut von allen Seiten wider, ohne, dass ich auch nur kurz meinen Mund geöffnet hätte. Mir bleibt jedoch keine Zeit für weitere Überlegungen, denn ich ducke mich gerade noch rechtzeitig, als ein kleiner Eisbrocken weggesprengt wird und mich beinahe trifft. Ich blicke erneut forschend zum Herzen und finde schnell die Stelle, die nun frei liegt. Das Herz darunter färbt sich vom sauerstoffreichen Blut rot. Doch bevor ich mich über diesen kleinen Erfolg freuen und weitermachen kann, reißt mich ein Rütteln unvermittelt in die Realität zurück.
»Marlena!«, brüllt mir Valentin aufgebracht ins Gesicht.
»Wo warst du denn jetzt schon wieder mit deinen Gedanken?«
Auch wenn es ihn scheinbar nur noch mehr irritiert, grinse ich ihn triumphierend an.
»Na, wie fühlst du dich? Ein wenig erleichtert vielleicht?«
»Ich fühle mich gerade vor allem überrumpelt und irgendwie auch etwas verarscht oder hintergangen. Ich weiß nicht so recht, wie ich es am besten ausdrücken sollte.«
»Mach die Augen zu und konzentrier dich gefälligst auf deinen Herzschlag, Klugscheißer!«, herrsche ich ihn lautstark an. Zu meiner Verwunderung tut er sofort, was ich von ihm verlange. Keine zwei Atemzüge später reißt er überrascht die Augen auf und blickt mich vor Glück strahlend an. »Warst du das?«, fragt er mich.
»Ich glaube schon.«
Er zieht mich schwungvoll in seine Arme und drückt mir einen Schmatzer auf die Wange.
»Danke«, haucht er zum zweiten Mal an diesem Abend. Er lässt sich wieder zurück auf das Leintuch sinken und zieht mich mit sich. »Vielleicht hat der Alte doch Recht und du trägst eine Gabe in dir. Aber wir sollten jetzt wirklich schlafen. Wer weiß, was uns morgen erwartet. Aber bitte erzähl mir morgen Früh alles, was es noch über deine Träume zu wissen gibt. Und dann finden wir heraus, was es mit dem Ganzen auf sich hat.«
»In Ordnung.« Mit einem Atemstoß lösche ich die Kerze, die inzwischen ziemlich heruntergebrannt ist, und lege mich hin. Jedoch rücke ich ein Stück von Valentin ab. Seine Nähe macht mich ganz unruhig. Und ich bin mir sicher, dass mir zur Abwechslung mal etwas mehr oder minder sorglose Ruhe nicht schaden würde.
»Wir sind auf der Flucht und du trägst zum BH passende Unterhosen?« Kurz erschrecke ich, da ich davon ausgegangen bin, dass er schon schläft. Ich habe gerade keinen Nerv für so ein Gespräch.
»Halt einfach die Klappe und schlaf«, weise ich ihn in die Decke nuschelnd zurecht und schließe meine erschöpften Augen. Das Stroh unter mir vibriert, als Valentin zu lachen beginnt.

Kapitel 9 – Marlena
»Aufstehen, Kamerad!«
Grummelnd kuschle ich mich tiefer in die kratzige aber wohlig warme Decke.
Im nächsten Moment quieke ich wie ein Meerschweinchen, als mir eine Hand in die Seite piekst und setze mich ruckartig auf, lasse mich jedoch gleich wieder schlapp zurück aufs Bett fallen.
»Guten Morgen«, begrüßt mich Valentin mit einem Schmunzeln. Das wird er noch bereuen. Ich bin von Haus aus eher ein Morgenmuffel. Aber nach so einer Attacke am frühen Morgen kann ich erst recht für nichts garantieren.
»Lass mich«, murre ich. Doch da wird mir auch schon die Decke mit einem kräftigen Ruck weggezogen. »Gib die wieder her! Ich bin halb nackt!«, empöre ich mich.
Valentin jedoch zeigt sich davon herzlich unbeeindruckt.
»Ja, so wenig Stoff wie gestern Abend. Nichts Neues also.« Er zuckt mit den Schultern. »Komm, zieh dir was über und setz dich zu uns in die Stube. Es gibt Frühstück«, fügt er etwas versöhnlicher hinzu.
Widerwillig leiste ich seinen Worten Folge. Schnell wasche ich mir das Gesicht mit lauwarmem Wasser, das in einer kleinen Waschschale neben dem Bett für mich bereitsteht. Beim zweiten Mal hinsehen entdecke ich sogar meine Zahnbürste, die mir Valentin wohl bereits zurechtgelegt hat. Nach wenigen Minuten bin ich fertig mit der Katzenwäsche und steige die morsche Treppe nach unten.
Valentin ist bereits vorgegangen und so erwarten mich zwei Männer in der Küche, die sich und dann auch mich anschweigen. Ich habe keine Ahnung, wo der Alte all das Essen herhat, aber frische Milch, Butter, Brot und diverse Getreidekerne warten einladend auf dem Holztisch in der Mitte des kleines Raumes darauf, verspeist zu werden. Als ich mir Butter auf das köstlich duftende Brot schmiere, wird die Stille jäh unterbrochen. »Wie sieht‘s aus, Kindchen? Kann das Training heute starten?«
»Welches Training?«, fragen Valentin und ich wie aus einem Mund.
»Ihr seid gut. Willste mit einer Gabe durch die Gegend laufen, ohne sie endlich beherrschen zu können, ganz so, als wäre es das Normalste der Welt? Oder wie stellst du dir das vor?«
Ich weiß wirklich nicht, was ich darauf antworten soll. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich darüber noch gar nicht nachgedacht habe. Und dass ich noch keine halbe Stunde munter bin.
»Ähm … Keine Ahnung?«, erwidere ich zögerlich.
Der resignierte Gesichtsausdruck des Alten zeigt bestens, dass er gerade am liebsten seinen Kopf aus Verzweiflung darüber, wie dumm und unwissend wir »Kinder« doch sind, auf die Tischplatte schlagen würde. Das tut er aber glücklicherweise nicht. Stattdessen atmet er einmal tief durch, um sich einigermaßen beherrschen zu können.
»Kindchen, traurigerweise hatte ich schon vermutet, dass du dir keinerlei Gedanken darüber gemacht hast.«
»Ist ja nicht so, als hätte ich neben der Bewusstlosigkeit und meiner Erschöpfung noch so wahnsinnig viel Zeit gehabt, über meine Zukunft nachzudenken. Mal abgesehen davon, dass ich vollkommen unruhig geschlafen habe, weil mir meine eigene ›Gabe‹, wie Sie es nennen, mehr als einfach nur unheimlich ist. Also unterlassen Sie bitte ab jetzt diesen vorwurfsvollen Klang in Ihrer Stimme oder ich werde hier und jetzt zum seelischen Wrack!«, kreische ich durch das halbe Haus.
Als würde ich ihm hier nicht gegenübersitzen, wendet sich der alte Mann von mir ab und schenkt seine volle Aufmerksamkeit Valentin.
»Welche Laus ist der denn über die Leber gelaufen? Oder sollte ich lieber fragen, was du angestellt hast?«
Valentin stopft sich währenddessen genüsslich ein Stückchen Brot in den Mund und zuckt unschuldig mit den Schultern. »Morgenmuffel würde ich sagen.«
Verständnisvoll nickt der Alte und diese stille Übereinkunft unter den beiden macht meine Laune nicht gerade besser.
Wortlos verstreiche ich Butter auf der Brotscheibe auf meinem Holzbrett. Mein Magen brummt und doch lasse ich mir viel zu lange Zeit, um auch ja alles so gleichmäßig wie möglich zu verteilen. Die beiden Männer würdige ich währenddessen keines Blickes. Zu viel schwirrt mir gerade durch den Kopf. Und das auch noch so früh am Morgen. Was hat es wirklich mit meiner Gabe auf sich? Kann man das überhaupt eine Gabe nennen? Und warum habe ich so etwas? Außerdem: Hätte mir das nicht früher schon mal auffallen müssen? Fragen über Fragen stapeln sich in meinem Hirn, sodass sich meine Aufmerksamkeit auf das Gespräch, das gerade zwischen Valentin und unserem Gastgeber abläuft, auf das Minimum reduziert. Wie in Trance verspeise ich mein Frühstück. Doch ein Satz reißt mich dann doch aus meinen Überlegungen.
»Irgendwas ist heute anders an dir Jungchen«, stellt der Alte mit grübelnder Miene fest. »Doch ich komm‘ einfach nicht darauf, was es ist.«
Unauffällig hebt Valentin den Blick von seiner Müslischüssel und sucht den meinen.
»Aha. Also daher weht der Wind«, faselt der Mann nun wieder.
Kann er etwa fühlen, was ich mit der Eisschicht um Valentins Herz gemacht habe? Möglich wäre es. Schließlich wissen wir nicht, welche Gabe er besitzt. Wir wissen ja nicht einmal seinen Namen!
»Jungchen, du hast aber echt lange gebraucht, um endlich einzusehen, dass ihr zwei ineinander verliebt seid.«
Ich weiß nicht, wer als erstes fast am Essen erstickt. Valentin oder ich. Beide versuchen wir hustend und prustend zu Wort zu kommen, um dem Alten zu erklären … ja was eigentlich? Dass wir mal etwas miteinander hatten, ich aber von der Tatsache abgeschreckt wurde, dass er vor meinen Augen einen Mann ermordet hat? Oder dass die Flucht jede Energie von uns abverlangt hat und wir nie so richtig über das alles … über uns … gesprochen haben? Dass ich manchmal Angst vor ihm habe und mich doch unumstößlich zu ihm hingezogen fühle und er mir dann doch auch wieder Geborgenheit schenkt?
Wieder sieht Valentin zu mir auf. Ein fragender Ausdruck ziert sein Gesicht. Doch was will er von mir hören? Will er wissen, ob ich in ihn verliebt bin? Oder wie wir diese Situation dem Alten erklären sollen? Oder aber möchte er einfach, dass ich ihm die Butter zu meiner Linken reiche?
Gabe hin oder her. Seine Gedanken lesen kann ich trotzdem nicht.
Können wir ihm trauen? Kann ich ihm von meinem Herzen erzählen? Von dir, Marlena? Mit einem Klirren fällt das Messer aus meiner Hand zu Boden. Ich würdige es keines Blickes. Valentins Stimme huscht durch meine Gedanken, in dem Moment, in dem ich ihm direkt in seine kristallklaren Augen blicke. Eine Gänsehaut überzieht meine Arme, kriecht hinauf in meinen Nacken und jagt einen Kälteschauer über meinen Rücken. Mit aller Kraft versuche ich ruhig zu bleiben und dem Drang zu widerstehen, mich am ganzen Körper zu schütteln. Verdammt, ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass sich Valentins Lippen gerade nicht einmal für eine Millisekunde bewegt haben. Da war nichts. Nada. Niente. Ich werde verrückt! Dieses Haus hat vermutlich magische Kräfte und ich mutiere gerade zu einer Hexe! Panik macht sich in mir breit und die unsinnigsten Gedanken machen mir auf einmal furchtbare Angst. Meine Atmung wird immer hektischer und doch fühle ich mich, als würde meine Lunge nicht mal das kleinste Bisschen Sauerstoff aufnehmen, während ich gerade viel zu viel davon in meinen Körper pumpe. Eine kühle Hand legt sich auf meinen inzwischen mit Schweiß benetzten Unterarm und holt mich durch die Berührung schlagartig in die Realität zurück.
»Ruhig, Kindchen. Ganz ruhig«, flüstert der Alte einfühlsam, während er weiterhin meinen Arm tätschelt. »Wir bekommen das alles hin. Kein Grund eine Panikattacke zu bekommen und hier herumzuhyperventilieren. Ich kann euch helfen. Und ich werde das auch tun. Jedoch nur, wenn ihr auch kooperiert. Sonst bin auch ich mit meinem Latein am Ende. Deshalb beruhigst du dich jetzt, konzentrierst dich auf eine ruhige Atmung und anschließend erzählt ihr zwei mir Schritt für Schritt, was ihr mir verheimlicht.« Ich warte einen Moment. Als sich meine Atmung wieder normalisiert hat, stelle ich eine Forderung.
»Zuerst möchte ich wissen, was es mit meinen seltsamen Träumen auf sich hat? Haben Sie mich das letzte Mal gewollt in diese Traumwelt geschickt? Wie haben Sie das gemacht? Ist das Ihre Gabe? Erst wenn Sie mir diese Fragen beantwortet haben, erklären wir Ihnen alles«, stelle ich klar.
Der Alte nickt. »Das sind aber viele Fragen…«, grummelt er, überlegt dann aber kurz und beginnt seine Erklärung.
»Welche Gabe ich genau besitze, tut zum jetzigen Zeitpunkt nichts zur Sache. Was ich euch aber sagen kann, ist, dass ich Veränderungen in Körpern, wie beispielsweise Krankheiten, Verletzungen, aber manchmal eben auch Gaben, fühlen und bis zu einem gewissen Grad beeinflussen kann. Immer, wenn dein Geist geruht hat, du ruhig geschlafen hast, vielleicht sogar besonders erschöpft warst, hat deine Gabe versucht, an die Oberfläche zu kommen. Die Träume waren ihr Ventil. Nur so kann ich mir das erklären. Eigentlich wollte ich mit deinem jüngsten Ausflug in diese Träume bezwecken, dass sich die Gabe endlich befreien kann, aber ein Teil davon schien bereits erweckt gewesen zu sein. Hast du einmal etwas noch Seltsameres als sonst geträumt? Etwas bei dem du Dinge getan oder Entscheidungen gefällt hast, wie du es bei vollem Bewusstsein niemals getan hättest? «
Ich muss nicht lange überlegen. »In einem meiner letzten Träume habe ich jemanden getötet und wollte auch Valentin beseitigen. Dabei habe ich eine unbändige Wut und Aggression gefühlt. Aber am schlimmsten war die Zufriedenheit, die ich verspürt habe, wenn ich jemandem in diesem Traum Leid zugefügt habe. Ich hatte Angst und erkannte mich selbst nicht wieder, als ich schweißgebadet aufgewacht bin. «
»Das dürfte dann wohl der Moment gewesen sein, als deine Gabe es fast ganz an die Oberfläche geschafft hat. Doch warum das erst so spät passiert, kann ich mir nicht erklären. Bei den meisten Begabten passiert das bereits im Zuge der frühen Pubertät oder manchmal sogar schon als Kind. «
»Wenn meine Gabe also jetzt gänzlich erwacht sein sollte … dann müssten die Träume also aufhören? «
»Wenn meine Theorie stimmt – ja. «
»Gut«, murmle ich, will mir aber noch nicht zu viele Hoffnungen machen.
»Jetzt seid aber ihr dran. Was hast du das letzte Mal in der Traumwelt gesehen? Was hat sich zwischen euch verändert und vor allem: äußert sich deine Gabe bereits in für dich wahrnehmbarer Weise? Raus mit der Sprache. «
Also tue ich, was er sagt. Ich erzähle ihm von dem, was ich gesehen und gehört habe, als ich wieder in meine Traumwelt geschickt wurde, dass es Valentin gestern Nacht auf einmal so schlecht ging und wie ich bei der Berührung seines Herzens auf einmal wirklich sein Herz vor Augen hatte. Ich schildere ihm, wie es ausgesehen hat, wie es sich angefühlt hat. Nur die kleine halbnackte Kuscheleinlage lasse ich weg. Die ganze Erklärung über hängen beide Männer an meinen Lippen. Als ich ende, sieht Valentin leicht verstört aus, während der Alte mit einer tiefen Falte zwischen seinen Augenbrauen immer und immer wieder nachdenklich nickt, als wäre er einer dieser komischen Wackeldackel, die einem durch die Heckscheiben so mancher Autos zunicken.
»Ich habe so etwas noch nie gesehen. Noch nie miterlebt. Es hat hin und wieder Gerüchte gegeben … aber ich hab‘ sie nie geglaubt.« Gedankenverloren murmelt der Alte vor sich hin, während sein Blick unaufhaltsam über die Tischplatte huscht. Von einem Eck zum anderen und wieder zurück.
»Hast du eine Erklärung für dein … Problem, Valentin?« Kein Jungchen. Keine blöde Meldung. Der Alte hat ihn tatsächlich bei seinem richtigen Namen genannt. Dann muss es wohl doch was Ernstes sein.
Valentins Brust hebt sich einmal unter einem kräftigen Atemzug. Dann beginnt er zu sprechen. Seine Aufmerksamkeit ist währenddessen jedoch nicht auf den Alten, der ihm eigentlich die Frage gestellt hat, gerichtet. Sondern auf mich. Ganz allein auf mich.
»Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber ich habe das Gefühl, als würde jeder Mensch, der – metaphorisch betrachtet – durch meine Hand stirbt, einen Teil meiner Körperwärme mit sich auf die andere Seite nehmen. Und das jedes Mal. Es ist meist nur ein kleines Bisschen, macht sich kaum bemerkbar. Doch mit der Zeit hat sich das angehäuft. Aber nicht nur wenn ich töte … es scheint jedes Mal zu passieren, wenn ich jemandem Schaden zufüge oder negative Gefühle die Oberhand gewinnen. Und so ist meine Körpertemperatur inzwischen schon einige Grad kühler als die von anderen, gesunden Menschen. Wie das genau funktioniert und ob das überhaupt daran liegt, weiß ich nicht so genau. Das alles ist nur eine Vermutung.«
Kälte überzieht jedes kleine Fleckchen meiner Haut bei dem Gedanken daran, wie viele Menschen er bereits auf dem Gewissen haben muss. Wie viele Aufträge er erledigt hat.
Der Alte nickt zustimmend. »Ich kann dir leider auch nicht mit Sicherheit sagen, ob das so richtig ist oder woran es sonst liegt. Aber ich muss zugeben, es klingt logisch.«
Entgeistert blicke ich zwischen den beiden hin und her. Valentin hat sich mittlerweile wieder seinem Gesprächspartner zugewandt, nachdem er meine Reaktion auf seine Worte genauestens studiert hat. Ich hoffe, dass es mir ganz gut gelungen ist, meine Miene so neutral wie möglich zu halten. Auf keinen Fall möchte ich ihm weh tun, in dem ich aussehe, als würde ich ihn als Person verabscheuen. Auch, wenn ich verurteile, was er getan hat, will ich nie vergessen, dass er nicht anders konnte. Dass er es irgendwann einfach nur noch aus Selbstschutz getan hat. Egal was er sagt oder wie sehr er bekräftigt, ein schlechter Mensch zu sein. Für mich steht fest, dass er nicht von Natur aus ein dunkles Herz hat. Er wurde gebrochen, zu einem Mörder gemacht. Und doch hat er mir nie auch nur ein Haar gekrümmt. Er ist mein Begleiter. Mein Beschützer. Und hin und wieder, so scheint es mir, muss ich auch ihn beschützen. Vor sich selbst.
Keine zwei Stunden nach dem Frühstück sitzen der Alte, Valentin und ich erneut am Esstisch. Immer wieder wischt Valentin sich Schweißperlen von der Stirn, die die körperliche Arbeit ihm aus den Poren getrieben hat. Die letzte Stunde hat er damit verbracht, Holz zu hacken, während ich zuerst abgewaschen und dann grübelnd die Decke angestarrt habe. Eigentlich wollte ich ja nur das Bett machen. Doch weder das bevorstehende Training noch Valentins allgegenwärtiger Duft, der sich im Strohlager festgesetzt hat, haben mir sonderlich dabei geholfen, zu entspannen. Ganz im Gegenteil. Vor lauter Grübeleien pochen meine Schläfen nun im Takt meines Herzens. Jedenfalls hat mich der Alte irgendwann gerufen und so sitzen Valentin und ich nun hier und warten darauf, dass der Hausherr erklärt, wie dieses ›Training‹ aussehen soll.
»So, Kinder, dann lasst uns beginnen.« Mit diesen auffordernden Worten läutet nun der Alte die erste Trainingsstunde ein.
»Warten Sie«, unterbreche ich ihn, bevor er zu weiteren Erklärungen ansetzen kann. Ganz zu seinem Leidwesen, wie mir sein sofort grimmiger Gesichtsausdruck verrät. »Ja?«, fragt er etwas gereizt.
»Noch eine Sache, bevor wir beginnen …«
»Und die wäre?« Eine seiner buschigen, grauen Augenbrauen huscht nach oben.
»Verraten Sie uns doch endlich Ihren Namen. Ich denke, wir sollten uns alle gegenseitig vertrauen können. Und ich finde, das ist etwas viel verlangt, wenn wir nicht einmal wissen, wie wir Sie nennen sollen.« Ich weiß nicht wieso, aber ich bin ganz hibbelig und will endlich seinen Namen erfahren.
»Meinen Geburts-Namen oder den aus der Gemeinschaft?« Okay, jetzt bin ich verwirrt. Mir war nicht bekannt, dass die Mitglieder dieser Gemeinschaft ihre Namen ändern. Wobei das nicht so abwegig ist, wenn ich genauer darüber nachdenke. Immerhin nehmen sie doch auch ein neues Leben an. In Klöstern bekommt man doch auch einen neuen Namen, oder nicht?
»Beim Eintritt in die Gemeinschaft legt man seinen Namen ab. Vorerst ist man einfach Novis – der Neue. Mit der Zeit erhält man dann jedoch einen neuen Namen. Einen Namen, der zu einer bestimmten Charaktereigenschaft, einer Verhaltensweise oder der jeweiligen Gabe passt«, erklärt mir Valentin mit ruhiger Stimme, als er meine Verwirrtheit erkennt.
»Das heißt … du …?«, stammle ich irritiert vor mich hin. Nie ist mir der Gedanken gekommen, dass Valentin gar nicht Valentin ist. Mein Blick wandert über sein Gesicht. Ist er vielleicht ein David? Ein Christoph? Oder doch eher ein Manuel? Nein. Valentin passt wie die Faust aufs Auge.
»Ja«, nickt er, »Valentin ist nicht mein richtiger Name. Sie entschieden, dass ich Valentinus heißen soll – der Starke. Ich habe meinen Namen erst nach einigen Monaten erhalten.« Er schluckt krampfhaft. Es fällt ihm sichtlich schwer, darüber zu reden. »Ich war lange der namenlose Neue.«
»Und dein richtiger Name …?«, frage ich nach.
»Ist mir nicht bekannt.« Er schüttelt den Kopf. Die Sache scheint für ihn zur Genüge besprochen zu sein. Ich jedoch setze mir in diesem Moment in den Kopf, dass ich herausfinden werde, wie er heißt. Egal wie. Ich werde es erfahren. Sofern ich diese Flucht hier heil überstehe und irgendwann in die Zivilisation zurückkehre, versteht sich.
»Aber zurück zu Ihnen«, wende ich mich an den Alten, »es ist mir gleich, welchen Namen Sie uns verraten. Nennen Sie uns einfach jenen, mit dem Sie angesprochen werden wollen.«
»Man nannte mich Silva.« Ein wehmütiger und doch vor Wut getrübter Ausdruck legt sich auf seine Augen.
»Der Wald«, hauche ich. Eines der ersten Worte, die ich im Lateinunterricht gelernt habe. Ich fühle, dass sich ein Grinsen in meine Mundwinkel stehlen will, als ich genauer über die Bedeutung dieses Namens im Zusammenhang mit unserer jetzigen Situation nachdenke. Als mein Blick auf Valentin fällt, ist mir jedoch nicht mehr nach Lächeln zumute. Jede einzelne Faser seines Körpers ist zum Zerreißen angespannt.
»Brendanus‘ Sohn … Sie lügen! Silva ist tot! Sie sind ein verdammter Lügner!« Der Stuhl fällt krachend zu Boden, als Valentin aufspringt. Als wüsste mein Körper noch vor mir, was gleich passiert, schnelle auch ich hoch und stelle mich beschützend vor den Alten … vor Silva.
»Geh aus dem Weg, Marlena!« Valentins Stimme ist eine geknurrte Drohung.
»Ich denke gar nicht daran! Was willst du denn machen? Ihm den Hals umdrehen? Er ist unsere einzige Hilfe. Und wenn er der Teufel persönlich ist, du lässt ihn auf der Stelle in Ruhe!« Mein Tonfall ist noch schärfer als beabsichtigt und doch scheint Valentin kaum beeindruckt davon. »Lass ihn!«, setze ich noch einmal nach, bis schließlich ein Teil seiner Anspannung von ihm abfällt.
»Er ist zwar nicht der Teufel, aber er ist beinahe schlimmer. Sein Vater, sein Bruder und er. Alle drei.«
Den Blick starr auf Silva gerichtet, geht Valentin zu seinem Platz zurück, wendet sich nur kurz ab, um den Stuhl wieder aufzustellen.
Silva scheint den anklagenden Blick kaum zu ertragen, sinkt immer weiter in sich zusammen. So habe ich den Alten noch nie gesehen und hätte mir dieses Bild auch nie vorstellen können.
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft ich tatsächlich mit dem Gedanken gespielt habe, mir einen Dolch ins Herz zu rammen, um still zu verbluten.«
»Du hättest es tun sollen«, zischt Valentin durch zusammengebissene Zähne. Entsetzt keuche ich auf. Das kann nicht sein Ernst sein.
»Wie kannst du nur …« Doch beide meiner Tischnachbarn ignorieren mich.
»Nein«, erwidert Silva. »das wäre zu einfach gewesen. Schlichtweg feige. Ich sollte für meine Taten büßen. Und das tue ich am besten, wenn ich mich jeden einzelnen Tag an alle Gräuel und meine Schuld erinnere, die mich von innen heraus zerfressen, und ich mich dazu zwinge, damit zu leben.«
»Und doch sitzt du hier, in deiner gemütlichen Hütte, schlürfst Tee und lässt deinen Vater weiterhin das Leben von Kindern stehlen. Deinen Vater! Ich glaube dir immer noch nicht. Warum solltest du denn bitte ein Greis sein? Silva war nur wenige Jahre älter als ich. Er müsste jetzt vielleicht etwas über dreißig sein. Aber nicht älter.« Die Kälte in Valentins Stimme lässt auch seine Iriden gefrieren. Bevor ich weiß, was ich da eigentlich tue, strecke ich meine Hand nach ihm aus und versuche ihn davon abzuhalten, von seinem Hass verschlungen zu werden.
»Der Tod nimmt von jedem eine Bezahlung mit sich. Das wurde mir zumindest immer gesagt. Bei dir ist es das Eis, bei mir ist es Lebenszeit. Doch anstatt sie mir zu stehlen, war es wie bei einer Droge: Ich merkte erst, wie sehr sie mich kaputt macht, als ich sie nicht mehr zu mir nahm. Ich hatte mich entschlossen, nicht mehr zu töten, zu fliehen. Und die Entzugserscheinungen begannen. Nach einigen Tagen war das Schlimmste überstanden, dachte ich zumindest. Doch eine Nebenwirkung blieb bis jetzt: Meine Lebenszeit rinnt mir wie Sand durch die Finger. Nicht nur mein Körper altert zu schnell. Auch mein Geist. Und doch verbindet uns wahrscheinlich mehr, als dir lieb ist. Was mein früheres Leben betrifft: Ich weiß, dass das alles mit nichts zu entschuldigen ist. Doch ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wie ich etwas ändern sollte. Bis ich einfach blindlings davon gelaufen bin wie ein Feigling. Doch jetzt habe ich vielleicht die Möglichkeit dazu, ein klein wenig Rechenschaft abzulegen.« Ohne, dass jemand fragen muss, deutet er auf mich und setzt sofort eine Erklärung nach. »Du bist etwas Besonderes, Kindchen. Und ich werde dir helfen, dass du das erkennst. Außerdem sollst du dein volles Potential ausschöpfen, was nicht ganz ungefährlich werden könnte. Doch ich denke, dass ich genau der Richtige bin, um dich auszubilden.«
»Du wirst ihr kein Haar krümmen, sie keiner Gefahr aussetzen. Und vor allem wirst du sie niemals berühren. Niemals wieder schüttelst du ihre Hand, berührst ihren Arm und wenn sie sich verletzt, dann verarzte ich sie, hast du mich verstanden?!«
Der Alte ist gar nicht alt, sondern ein fast weißhaariger Dreißigjähriger und Valentin hat nichts Besseres zu tun, als sein nicht vorhandenes Revier zu markieren. Wann ist mein Leben bloß so kompliziert geworden?
»Können wir bitte einfach mit dem Training beginnen? Es ist noch nicht einmal Mittag und mir ist schon wieder sehr danach zumute, mich unter einer Decke zu verkriechen und den restlichen Tag zu heulen. Wir sollten also mein letztes bisschen Willenskraft nicht noch weiter strapazieren.«
Silva nickt lediglich konzentriert, während Valentin ihn gedanklich wahrscheinlich gerade ausweidet. Ich weiß nicht genau, was früher zwischen den beiden vorgefallen ist, oder was Silva so viel schlimmer als die anderen preaditii iuveni macht, aber ich will gerade gar nicht weiter darüber nachdenken.
»Also, zuerst werden wir uns darum kümmern, dass du geistig auf Durchzug schalten kannst. Nicht dein Geist, sondern dein Herz soll dich leiten. Vielleicht hast du bislang gedacht, dass du eine geistige Gabe trägst, aber es ist ziemlich sicher eine emotionale.« Ich bin mir nicht ganz sicher, was das alles bedeuten soll. Das steht mir scheinbar auch ins Gesicht geschrieben, denn wieder ist es Valentin, der geduldig zu erklären beginnt. »Es gibt vier Typen von Gaben. Physische, geistige, sinnliche und emotionale. Und bevor du gleich rot wirst: Mit sinnlich ist schlichtweg gemeint, dass sie einen oder mehrere der Sinne betreffen. Physische Gaben sind, denke ich, selbsterklärend – man kann schnell laufen, ist außergewöhnlich stark oder geschickt. Geistige Gaben sind um einiges seltener als physische oder sinnliche, sie ermöglichen es, Gedanken zu formen, zu verändern oder für kurze Zeit sogar einzuflößen. Doch nein: Gedanken zu lesen ist noch nie jemandem gelungen. Und dann gibt es noch emotionale Gaben. Grundsätzlich. Nur kenne ich keine einzige Person, die so eine Gabe besitzt oder jemanden kennt, der jemanden kennt, der diese Gabe besitzt. Zumindest kenne ich bis auf dich niemanden – falls das alles so stimmt. Es gibt Geschichten darüber, Legenden, über starke Brüder, die Gefühle sogar verändern konnten. Doch keiner weiß, wie viel Wahres dran ist, oder wie es funktioniert. Aber unser Freund hier scheint sich trotzdem wie ein Profi auf diesem Gebiet zu fühlen.« Abschätzig schnaubt er, was mich augenblicklich an einen wütenden Stier erinnert.
»Okay …«, versuche ich das Gesagte in mein Hirn einzubrennen. »Wenn ich also eine emotionale Gabe besitze … und sie nicht mit dem Kopf steuere, sondern mit dem Herzen … wie soll ich dann überhaupt irgendwie aktiv steuern, was passiert? Ich kann ja nicht mal meinen Herzschlag beruhigen, wenn ich unnötig nervös werde, wie soll ich dann eine verdammte Gabe kontrollieren können?«
Verzweiflung macht sich in mir breit. Ich fühle mich vollkommen überfordert und wünsche mir gerade so sehr die tröstenden Worte meiner Mutter, die mir sagt, dass ich alles schaffen kann. Wie oft hat sie mich aufgebaut, wenn ich mich unfähig und von meinen ungewissen Zukunftswünschen erschlagen fühlte. Schmerzlich wird mir bewusst, wie sehr mir meine Familie fehlt. Mamas tröstende Nähe, Papas schützende Arme … Und schnell kommen auch Schuldgefühle in mir auf, weil ich mich dabei ertappt habe, dass es in letzter Zeit tatsächlich Momente gegeben hat, in denen ich so viel über mein verzwicktes Verhältnis zu Valentin und die Bürde dieser neuen Gabe nachgedacht habe, dass ich schlichtweg keine Zeit für andere Sorgen gefunden habe. Dafür schlingt sich das Heimweh nun wieder unerbittlich um mein Herz.
Ich versuche noch, es zu verhindern, doch schon bildet sich ein Kloß in meinem Hals, der mir das Herunterschlucken der aufsteigenden Tränen erschwert. Doch jetzt ist keine Zeit für Gefühle. Ich muss trainieren, wenn ich auf Dauer überleben will.
»Alles okay, Marlena?« Valentin mustert akribisch mein Gesicht, als versuche er, alles darin zu lesen. Auch Silva blickt mich besorgt an, jedoch bei weitem weniger auffällig. Ich nicke mit einem gezwungenen Lächeln.
»Ja, alles gut. Ich musste mich nur kurz daran erinnern, dass mein Kopf frei sein soll und es niemandem hilft, wenn ich mir ständig Sorgen mache.«
Valentins raue Handfläche streicht über meinen Unterarm und verursacht eine kribbelnde Wärme, dort, wo er mich berührt hat. »Wir bekommen das schon hin. Keine Angst.«
Für einen Moment meine ich, Liebe in seinem Blick zu lesen, doch im nächsten Moment sehe ich darin nur reine Zuversicht und schüttle über mich selbst den Kopf. Ich sehe auch nur das, was ich sehen will. Doch will ich das überhaupt? Seine Liebe? Ich bin mir nicht sicher.
»Sollen wir die Trainingsstunde lieber auf den Nachmittag verschieben oder denkst du, du bist jetzt bereit dazu, Kindchen?«
Am liebsten würde ich dieses Training für immer vor mir herschieben, doch ich muss mich dieser Gabe, die seltsame Dinge mit mir geschehen lässt, endlich stellen.
»Lasst es uns zumindest versuchen«, fordere ich deshalb.
»Na gut. Also, wie bereits erklärt, denke ich, dass du eine emotionale Gabe in dir trägst. Gaben sind allgemein vor allem dann sehr aktiv, wenn der Begabte sich in einer Situation befindet, die in ihm starke Gefühle hervorruft. Meist sind Wut und Hass die stärksten Emotionen und lassen so auch die Gabe kraftvoll wirken. Am Anfang kommt sie meist unkontrolliert, vor allem in Ausnahmesituationen, zum Vorschein. Liebe und besonders Angst können ebenfalls dazu führen, dass die Gabe für einen Moment die Oberhand gewinnt.«
Aufmerksam höre ich Silvas Erklärungen zu und finde mich selbst darin wieder.
»Deshalb habe ich wahrscheinlich auch diesen Traum gehabt, nach dem Vorspielabend. Die Wut, die immer noch in mir geköchelt hat, hat mich kaum schlafen lassen. Und gestern Abend … da … also ich denke …«
»… dass es Lieb-«, setzt Silva fragend an, doch ich unterbreche ihn mit einem drohenden Funkeln, das ihn zum Schweigen bringt.
»Ich denke, dass es aus Angst passiert ist.«
»Angst wovor? Etwa vor mir?«, fragt mich nun Valentin. Unverständnis und Sorge spiegeln sich in seiner Miene wider.
»Nicht Angst vor dir, sondern um dich«, hauche ich, da ich mich nicht dazu in der Lage fühle, es laut auszusprechen. Doch dann nehme ich allen Mut zusammen. »Ich hatte Angst, dass dir gerade etwas Schlimmes passiert. Dass du Schmerzen hast. Und dass ich nur untätig daneben sitzen und zusehen kann. Ich wollte dir helfen und habe mich gleichzeitig doch so unnütz gefühlt.«
Begeistert klatscht Silva in die Hände, was mich hochfahren lässt, weg von den klaren blauen Augen. »Gut, sehr gut. Du kannst schon Mal Rückschlüsse auf deine Gefühlslagen ziehen, in denen du die Gabe wahrgenommen hast. Das ist gut. Damit können wir arbeiten. Sollen wir den ersten Versuch wagen?«
Unsicherheit macht sich in mir breit, doch ich kämpfe sie krampfhaft nieder.
»In Ordnung.« Ich atme immer wieder bewusst tief ein und aus, versuche meine Atmung und meinen Herzschlag möglichst ruhig zu halten, was mir nur begrenzt gelingt.
»Also gut. Dadurch, dass ich die Gesamtsituation beobachten und analysieren möchte, müsstest du bitte versuchen, nochmals in Valentins Gefühlswelt einzutauchen. Natürlich nur, wenn das für dich in Ordnung ist, Jungchen?«
»Ich tue alles, solange es zu Marlenas Unterstützung dient.« Wärme breitet sich in meinem Inneren aus, als ich Valentins Zustimmung höre, doch schnell versuche ich mich wieder auf meine Aufgabe zu besinnen.
»Dann versuchen wir‘s. Setzt euch am besten direkt gegenüber hin, vielleicht auf den Boden, dann steht nichts zwischen euch.« Warum habe ich das ungute Gefühl, dass er gedanklich noch »und damit niemand vom Stuhl plumpst« hinzufügt? Doch wortlos leisten wir Silvas Worten Folge und setzen uns beide im Schneidersitz auf die Holzdielen. »Und jetzt blickt euch gegenseitig tief in die Augen.«
Schon vor Silvas Aufforderung haben Valentins Augen mich in ihren Bann gezogen. Ich wage es nicht, auch nur eine Sekunde lange wegzublicken. Ehrlich gesagt, weiß ich auch gar nicht, ob ich das aus eigener Kraft schaffen würde.
»Stell dir vor, du blickst durch seine Augen direkt auf Valentins Seele. Du fühlst, wie sie dich ruft, dich zu ihr zieht, bis du in seinen Augen versinkst.« Ich konzentriere mich auf das Gesprochene und nehme es doch immer weniger stark wahr, zu sehr zieht mich Valentin in seinen Bann.
»Stell dir vor, wie sich Valentins Seele vor dir materialisiert. Sie hat eine Farbe, eine Form. Du streckst deine Hand aus, fühlst sie über deine Haut streifen.«
»Das ist doch alles Unsinn!«, aufgebracht springt Valentin auf und reißt mich auf diese Weise aus einer Art Trance, in die mich Silvas Worte und meine Konzentration befördert haben. Mein Sichtfeld wird augenblicklich düsterer, nimmt das gedämpfte Licht in der Stube wahr, das warme Ziehen auf meiner Haut verschwindet innerhalb eines Wimpernschlags. Erschrocken und etwas perplex sehe ich zu Valentin auf, der zornig zwischen dem Alten und mir hin und her schaut, bis sein Blick schließlich an dem Mann haften bleibt und ihn förmlich durchbohrt.
»Willst du dich über mich lustig machen? Mich vor Marlena bloßstellen?« Ich habe keine Ahnung, warum er plötzlich so aufgebracht ist oder was er damit meint.
Auch Silva scheint ratlos. »Was meinst …«
»Jetzt tu nicht so!«, unterbricht ihn Valentin aufgebracht, »Zuerst mein verkrüppeltes Eisherz und jetzt meine verdorbene Seele? Willst du sie vollkommen verjagen? Ihr immer deutlicher zeigen, was für ein Monster ich bin?«
Verzweiflung und Schuld verzerren sein sonst so ebenmäßiges Gesicht. Schmerzhaft verkrampft sich mein Inneres bei seinem leidvollen Anblick. Jetzt stehe auch ich auf, will zu Valentin gehen und ihn … ja was eigentlich? Umarmen? Trösten? Küssen? Wie er gerade aussieht, würde er mich lediglich von sich stoßen. Außerdem habe ich kein Recht dazu, ihm einfach so nahe zu kommen. Also lasse ich meinen Arm, den ich nach ihm ausstrecken wollte, unverrichteter Dinge wieder sinken.
»Aber, Valentin …«, setze ich an, doch ich komme nicht weit.
»Lass einfach! Verteidige ihn nicht auch noch!«
Ungläubig blicke ich ihn an. Das wollte ich doch gar nicht tun. Ich wollte dir nur von deiner unglaublichen Seele erzählen …
Mir bleibt keine Sekunde, um mich zu erklären, denn schon stürmt er in den Flur hinaus. Durch die nun sperrangelweit offene Tür erhasche ich gerade noch einen Blick auf ihn, als er sich seine Jacke schnappt, und durch die Haustüre schreitet. Er kann doch nicht … Ich stürme ihm kopflos nach, Kälte hin oder her. Meine besockten Füße versinken sofort im beinahe kniehohen Schnee, ich renne so schnell ich kann, doch es ist mehr ein unbeholfenes Herumstapfen – ich hole ihn nicht ein.
»Valentin!«, schreie ich durch die sonst so ruhige Winterlandschaft. Verzweiflung lässt meine Stimme höher klingen.
»VALENTIN!« Ich bleibe frustriert stehen. Er läuft weiter, ohne sich umzudrehen. »BLEIB HIER!« Lass mich nicht alleine. Doch es ist zu spät, er scheint die Schutzbarriere zu durchqueren, denn plötzlich ist er weg. Sein trainierter Rücken ist das Letzte, was ich sehe, bevor er einfach verschluckt wird und außerhalb meines Sichtfelds von hier verschwindet.
»Aber ich brauche dich doch …«, murmle ich. Eine leise Träne kullert über meine Wange und zieht eine eiskalte Spur über meine Haut, als ich auf die Knie in den Schnee sinke. Ich kann einfach nicht glauben, dass er weg ist. Was soll ich bloß ohne ihn tun? Doch was viel wichtiger ist: Was, wenn ihm etwas zustößt?

Kapitel 10 – Marlena
»Du musst ihn zurückholen!« Aufgebracht husche ich in der alten Stube auf und ab, während mir Silva – die Ruhe selbst – vom Tisch aus dabei zusieht.
»Müssen tu ich gar nichts, Kindchen. Nur damit das mal klar ist. Ich denke, es sollte genügen, dass ich euch ein Obdach biete, euch durchfüttere und dir sogar beim Training helfe. Der Junge hat sich selbst dazu entschieden, zu gehen. Jetzt muss er eben mit den Konsequenzen leben.« Mit einem Schulterzucken untermalt er seine Gleichgültigkeit.
»Natürlich weiß ich, wie viel du für uns tust und bin dir dafür unglaublich dankbar. Aber ich brauche diesen Dickschädel doch«, seufze ich.
Ein schiefes Grinsen ziert auf einmal die Züge des Alten.
»Was ist das eigentlich zwischen euch? Du magst ihn. Er begehrt dich mindestens genauso sehr – und doch« – er fuchtelt wirr in der Gegend herum – »Das hier. Weder Fisch noch Fleisch. Da kennt sich doch keiner aus.«
Natürlich hat Silva Recht, Gefühle verschwinden nicht, meine sind vielleicht sogar noch stärker geworden, aber – Verdammt! Ein ganz anderer Gedanke schiebt sich in den Vordergrund und platziert sich allumfassend in meinem Hirn.
»Silva!«, rufe ich verzweifelt, obwohl der Angesprochene maximal einen Meter entfernt von mir sitzt und trotz seiner Erscheinung keinesfalls schwerhörig ist. »Die Schutzbarriere! Das Haus ist doch nicht sichtbar von außen. Wie soll Valentin da wieder zurückfinden?!«
»Gar nicht«, lautet die knappe Antwort, die mir augenblicklich das Blut in den Adern gefrieren lässt. Schon schiebt sich ein Bild vor mein geistiges Auge. Valentins blassblauer Körper, er liegt erfroren im Schnee. Eiskristalle in seinen Haaren, seinen Augenbrauen, ein paar kleine an seinen Bartstoppeln … Mich fröstelt es.
»Was?!«, kreische ich.
»Ach Kindchen«, seufzt der Alte, »man kann diese Hütte nur finden, wenn man mit mir unterwegs ist. Der Schutz ist auf mich geprägt und ich habe keine Ahnung, wie ich das ändern könnte. Und ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht. Das soll dem Jungen eine Lehre sein, dass Sturheit nicht immer der Weg zum Ziel ist.«
Ungläubig schnaube ich. »Ja, diese Lehre wird ihm auch so wahnsinnig viel bringen, wenn er tot ist!«, zische ich zynisch durch meine zusammengebissenen Zähne. »Ich dachte, du wolltest nicht mehr töten?«
Der Vorwurf sitzt und trifft genau das, worauf ich gezielt habe: sein Herz. Ein Schatten legt sich über Silvas Augen.
»Na gut«, gibt er sich geschlagen. »Ich wollte ihn sowieso irgendwann wieder reinlassen, aber dann startet die Sturkopf-Suchaktion eben schon früher.« Mit scheinbar vor Schmerzen verzogenem Gesicht erhebt er sich vom Holzstuhl und hinkt Richtung Tür.
»Alles in Ordnung?«, frage ich verwundert. Bei unserem Marsch hierher hat er viel mobiler gewirkt.
»Man wird eben nicht jünger«, meint er bloß, als würde das erklären, dass er in nur wenigen Tagen dem Anschein nach um Monate gealtert ist. Ladies and Gentlemen: ich präsentiere Ihnen »Das psychisch labile Mädchen und die zwei suspekten Ordensbrüder«. Immerhin weiß ich jetzt einen Titel für meine Autobiografie. Doch mein Humor vertschüsst sich sofort wieder als ich an Valentin denke und mein Magen sich vor Sorgen schmerzhaft zusammenkrampft. Natürlich weiß auch ich irgendwo dort, wo sich mein klarer Verstand hin verabschiedet hat, dass Valentin sicher nicht innerhalb von nicht mal einer Stunde abgekratzt ist. Wir zwei haben Tage alleine in der Schneelandschaft verbracht. Ohne mich würde er es wahrscheinlich noch leichter haben. Keine Marlena, die heulend und zitternd in einem Zelt gammelt. Und doch sind meine Sorgen allumfassend.
»Können wir dann?« Silva hebt fragend eine grau-weiße Augenbraue. Während meines gedanklichen Sorgen-Monologs hat er sich in eine dicke Wolljacke gehüllt und ist in warme Lederstiefel geschlüpft.
»Ah ja! Sofort!« Ungeachtet dessen, dass meine Socken von meiner vorangegangenen Verfolgungsjagd noch vollkommen durchnässt und meine Füße dadurch eiskalt sind, ziehe auch ich mir einfach meine Winterstiefel darüber und schnappe mir rasch einen Mantel. Schon husche ich vor Silva durch die bereits geöffnete Tür hinaus. Es ist sowieso nur eine Frage von Minuten bis die Feuchtigkeit einen Weg durch meine abgetragenen Kunstlederstiefel gefunden hat, da kann ich auch jetzt schon frieren. Ein kalter Windstoß peitscht uns in die Gesichter, als Silva neben mich tritt und ich in die Richtung zeige, in die Valentin abgehauen ist.
»Na weit kann er ja noch nicht gekommen sein, hoffe ich zumindest«, murrt Silva unmotiviert vor sich hin.
»Ich weiß.« Die Sorgen lassen trotzdem mein Herz schwer werden. Unerwartet zieht mich der Alte zu sich. Überrascht presst es mir die Luft aus den Lungen, als er mich wie ein großer Bär in seine Pranken nimmt. Ich denke, das soll eine Umarmung sein, doch er wirkt dabei ziemlich unbeholfen.
»Ach komm, Kindchen, alles wird gut. Wenn du weiterhin so finster dreinschaust, bekommst du noch Falten und das wollen wir doch nicht, oder?«
»Nein, natürlich nicht«, schniefe ich. Er drückt mich noch mal aufmunternd, dann lässt er mich los und die Kälte umfasst nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Herz erneut.
Wir stampfen vor uns hin, durch den beträchtlich hohen Schnee und kommen der Begrenzung immer näher.
»Ich verstehe ja, dass man durch den Schutzschild nicht herein sehen kann. Aber warum sieht man nicht raus? Ist das nicht irgendwie etwas kontraproduktiv? Immerhin könnte es dann passieren, seinen Feinden direkt in die Arme zu laufen, falls diese sich knapp hinter der Begrenzung aufhalten«, überlege ich laut.
»Das stimmt schon und ist tatsächlich ein Problem, aber wie heißt es so schön? Alles hat seinen Preis und nichts ist perfekt. Es handelt sich hier zwar um eine Art Magie oder Realitätsverzerrung, aber es ist trotzdem nun mal nicht alles möglich.«
»Okay. Menschen mit Musikinstrumenten töten und Gefühle beeinflussen: ja. Einen vernünftigen Schutzschild erschaffen: nein. Check.«
»Gut zu wissen, dass du schon wieder zu sarkastischen Kommentaren imstande bist, Kindchen.«
Silvas Augenbrauen ziehen sich tadelnd zusammen, doch ich bemerke trotzdem, dass sein rechter Mundwinkel für einen kurzen Augenblick etwas gezuckt hat.
»Dann schauen wir mal, wo das Jungchen steckt.« Wenn Silva nichts gesagt hätte, hätte ich gar nicht bemerkt, dass wir uns bereits kurz vor der Grenze befinden. Was ich jedoch nur an dem kurzen Holzstumpen erkenne, den ich sonst nur von Grundstücksbegrenzungen kenne. Ansonsten gibt es nichts, was auf eine Barriere hindeuten könnte. Keine Verzerrungen, kein Flimmern – und ich hätte gedacht, dass mir vielleicht wenigstens hier meine Liebe zu ›Die Tribute von Panem‹ weiterhelfen würde, aber: Fehlanzeige.
Zögerlich mache ich einen Schritt nach vorne. Als nichts passiert, mache ich noch einen. Auf einmal fühle ich ein energetisches Kribbeln, das mir für den Bruchteil einer Sekunde durch Mark und Bein geht, bis es ruckartig aufhört und ich draußen bin. Ungeschützt zu sein, wieder Angst haben zu müssen, fühlt sich furchtbar an. Doch ich reiße mich zusammen und konzentriere mich darauf, was zu tun ist. Ich bin wohl etwas zu fokussiert, denn als Silva eine seiner Hände auf meine linke Schulter legt, springe ich vor Schreck fast an die nicht vorhandene Decke. Diese Tatsache ignorierend, flüstert mir Silva ins Ohr. »Ich lass euch das am besten alleine klären. Aber keine Sorge, ich warte direkt hinter der Begrenzung.« Erst als er mit dem Finger zu einem Baum etwas rechts von mir zeigt, verstehe ich, was er meint. Ich nicke bloß stumm, nicht dazu fähig, meinen Blick von Valentins zusammengesunkenen Schultern abzuwenden, während er weiterhin mit dem Rücken zu uns am Stamm einer alten Eiche lehnt. Er hat unsere Anwesenheit noch nicht registriert. Untypisch für ihn. Vor allem so alleine hier draußen sollte er aufmerksamer sein. Ich drehe mich nicht um, merke trotzdem, dass Silva wieder hinter der sicheren Barriere verschwunden ist. Es hat sich angefühlt, als würde ich spüren, wie sein Geist oder wohl eher seine Seele sich von mir entfernt. Ich schiebe diese neuen, aufwühlenden Gedanken beiseite und schreite langsam auf Valentin zu. Ich will ihn nicht erschrecken, will aber auch nicht lautstark durch den Wald trampeln.
»Valentin?«, frage ich vorsichtig. Jetzt ist er es, der wie von der Tarantel gestochen hochzuckt, sich jedoch gleich wieder mit dem Rücken gegen die Baumrinde zu Boden gleiten lässt.
Und sich Tränen aus den Augen wischt? Hat er gerade geschnieft? Dieser Anblick, Valentin weinen zu sehen, erschüttert mich zutiefst. Immer war er der Fels in meiner Brandung. Nie hat er Schwäche gezeigt. Mir ist zwar klar gewesen, dass dieser Moment irgendwann kommen wird, dass auch er nicht unverwüstlich ist und irgendwann eine Grenze erreicht sein wird, an der er schlichtweg nicht mehr kann. Und doch hätte mich nichts auf der Welt auf diese ziehenden Schmerzen vorbereiten können, die wild an meinem Herz reißen.
»Marlena!« Wieder versucht er sich die Spuren seiner Unsicherheit aus dem Gesicht zu reiben. Er sieht mich beschämt an. Ertappt, wie ein kleines Kind, das etwas kaputt gemacht hat. Niemals sollte er mich so ansehen. Nicht jetzt und nie mehr. Als hätte es klick gemacht, ergreift mich eine plötzliche, unfassbar starke Gewissheit. Die Gewissheit, was er für mich bedeutet, wie ich zu ihm stehe, was meine Gefühle mir schon so lange sagen wollten, mein Kopf aber immer wieder zu verneinen versucht hat. Überwältigt lasse ich mich vor ihm auf die Knie fallen. Lande im eisigen Weiß, Schneekristalle schmelzen auf meiner Hose. Inzwischen hat er den Blick gesenkt. Schaut beschämt zu Boden. Ich sammle jedes kleine Fünkchen Mut und lege meine durchgefrorenen Hände auf seine Wangen, die aufgeheizt von den Tränen auf meiner unterkühlten Haut brennen. Oder vielleicht liegt diese Hitze auch einfach an ihm? An dieser Berührung? Ich weiß es nicht, und es tut auch gar nichts zur Sache. Endlich blickt er auf. Eis blitzt in seinen Augen auf, als sie auf die meinen treffen. Schwer schlucke ich den Kloß in meinem Hals hinunter, konzentriere mich auf seine Anwesenheit. Seine dunklen Haare, die einen so starken Kontrast zu unserer Umgebung darstellen. Seine breiten Schultern, an die ich mich gerade am liebsten lehnen würde, um Halt zu finden. Das klitzekleine Muttermal an seinem markanten Kieferknochen, das ich am liebsten küssen möchte. Seine zu Fäusten geballten Hände, die ich lösen und in meine nehmen möchte. Seine Augen, in denen bei meinem Anblick das Eis schmilzt und droht, erneut über die Augenwinkel zu fließen.
Und dann tue ich es. »Ich liebe dich.« Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. »Ich liebe dich von ganzem Herzen und mit jeder Faser meines Körpers, Valentin.« Ich möchte ihn küssen, bin seinen Lippen bereits ganz nah. Seine Iriden wirken plötzlich so farblos wie noch nie, während sich ein dunkler Schatten über sein Gesicht legt. Irritiert blicke ich ihn an. Tränen sammeln sich in meinen Augen. Ich versuche sie hinunterzuschlucken, was mir aber nicht gelingt.
»Was?« Die Frage kommt mir heiser über die zitternden Lippen.
»Nicht«, ist seine außerordentlich wortgewandte Antwort. Es ist ein einziges Wort, mit dem Valentin mein Herz metaphorisch durch den Fleischwolf dreht. Ich zucke zurück, brauche Abstand von ihm. Doch ich kann jetzt nicht gehen. Kann ihn nicht alleine lassen. Vor allem aber werde ich solange hier bleiben bis ich endlich Klarheit erhalte.
»Was meinst du damit? Dass ich dich nicht berühren soll? Oder dass du mich nicht liebst?«, ich schluchze und erst da merke ich, dass ich zu weinen begonnen habe, während auch in Valentins Augen ein verräterischer, wässriger Schimmer glänzt.
»Du sollst mich nicht lieben.«
»Bitte was?« Ich bin mir ziemlich sicher, mich verhört zu haben.
»Du bist so gut. Und ich … ich bin ein Mörder. Ein Henker. Ein Verbrecher mit einer toten Seele.«
Vielleicht habe ich so lange den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Doch nun begreife ich endlich, wie schlimm es wirklich um ihn steht. Mir war klar, dass er ein reines Herz hat, und dass jenes solche Gräueltaten nicht einfach so verkraftet. Unbewusst habe ich auf den Moment gewartet, in dem er zusammenbricht, seinen Emotionen endlich freien Lauf lässt und Schulgefühlen Raum gibt. Mir war jedoch nicht bewusst, wie tief sein Selbsthass wirklich wurzelt. Ich sehe in sein Gesicht und erschaudere vor dem Ekel den er vor sich selbst hat. Sein Blick spricht Bände: alles, was er je einer Menschenseele angetan hat, würde er sich am liebsten in zehnfacher Ausführung selbst antun. Das Schlimme ist, dass ich genau weiß, dass er mein Mitleid nicht will. Deshalb muss ich wohl eine andere Schiene fahren, um ihn aus der Reserve zu locken und ihn zu zwingen, mir zuzuhören.
»Also du Verbrecher, jetzt sage ich dir mal was. Du hattest eine scheiß Kindheit. Du wurdest zu Taten gedrillt, die du nicht begehen wolltest, solange bis du viele schreckliche Dinge getan hast. Und doch sehe ich in deine Augen, tauche in dich ein und sehe die schönste und atemberaubendste Seele, die ich je gesehen habe.«
Endlich sieht er mich wieder mit einem klaren Blick an, der seine Fassungslosigkeit widerspiegelt. Er scheint meine Worte abzuwägen und nicht so recht zu wissen, was er von dem Ganzen halten soll, doch immerhin ist der feuchte Glanz aus seinen Augen gewichen.
»Weil du ja schon so viele andere Seelen vor der meinen gesehen hast«, grummelt er anklagend vor sich hin.
»Seit wann bist du denn ein 13-jähriger, pessimistischer Teenager mit Komplexen? Ich sage das nicht, um dein Ego zu streicheln, sondern weil es die verdammte Wahrheit ist: In dem Moment, als ich deine Seele erblickt habe, hatte ich das Gefühl zu Hause – endlich angekommen – zu sein. Ich habe mich in meinem tiefsten Inneren geborgen gefühlt. Deine Seele ist zum Hinknien schön. Es ist als würde man flüssiges Gold mit dem warmen Schein eines Feuers verknüpfen und das Strahlen durch hunderte von Spiegeln verstärken.«
Ungläubig starrt er mich an. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er schon seit Minuten nicht mehr geschluckt hat und wenn er den Mund nicht sofort schließt, läuft ihm entweder Sabber raus oder er holt sich einen Gefrierbrand auf der Zunge. Erstaunlicherweise findet er dann doch relativ schnell seine Stimme wieder.
»Aber … ich dachte immer, ich hätte gar keine richtige Seele mehr. Eher so etwas wie giftigen, schwarzen Rauch, der mich von innen heraus auffrisst.«
Also so viel Dramatik wie am heutigen Tag hätte ich ihm gar nicht zugetraut.
»Das wäre zwar männlicher, aber die Kitsch-Version ist nun mal die Realität«, ziehe ich ihn auf. Ich schaffe es sogar wieder, ein klein wenig zu schmunzeln und wische mir mit dem Ärmel meines Mantels die letzten Tränen aus den Augenwinkeln. Ich versuche zwar, taff zu wirken und seine starke Seite wieder auf den Plan zu rufen, indem ich ihn weiter aufstachele, mein Herz blutet jedoch noch immer. Zwar hat er sich erklärt und nicht gesagt, dass er mich nicht liebt. Dass er aber einfach nichts mehr zu meinem Geständnis gesagt hat, ist für mich aber mindestens genauso schmerzhaft. Ich schüttle über mich selbst den Kopf, schlucke den traurigen Kloß in meinem Hals gewaltsam runter und werde mir dessen bewusst, dass es eiskalt ist und wir hier außerhalb der Barriere auf dem Präsentierteller sitzen.
»So und jetzt hoch mit deinem bestimmt arschkalten Hintern und auf zur Hütte, bevor ich noch einen Zeh verliere.«
Missmutig versuche ich nacheinander meine zehn Zehen zu bewegen, die in den nassen Socken so klamm geworden sind, dass jede Bewegung schmerzt wie Nadelstiche.
»Wenn du weißt, wie wir da wieder reinkommen, Marlena?« Valentin hat sich inzwischen tatsächlich aufgerafft und deutet mit einer ausschweifenden Handbewegung die Schutzbarriere an.
Von mir selbst enttäuscht, schlage ich mir die flache Hand auf die Stirn und lasse meine derbsten Flüche durch den Wald schallen.
»Bitte sag mir, dass du weißt, wie wir da wieder reinkommen, Marlena«, versucht es Valentin erneut.
Verzweifelt schüttle ich den Kopf, greife mir eine Hand voll Schnee, knete ihn zu einem unförmigen Haufen und werfe ihn frustriert in die Richtung, in der ich die Begrenzung erwarte, um zumindest etwas Dampf abzulassen. Wie konnte ich nur so dumm sein und alleine hier raus gehen? Und warum hat Silva uns einfach alleine gelassen?
Zum zweiten Mal an diesem Tag schrecke ich hoch, als plötzlich Silva neben mir steht. Schnee klebt in seinen Haaren.
»Ich gebe ja zu, dass es nicht gerade meine beste Idee war, euch alleine hier zu lassen und zurück in den Schutz der Barriere zu gehen. Zu meiner Verteidigung: ich bin es schlichtweg nicht gewohnt, Gäste zu haben. Aber das ist noch lange kein Grund, mich mit einem Schneeball zu bewerfen!«, schnauzt er mich an. Ich kann jedoch nicht anders, als zu lachen. Die abfallende Sorge gepaart mit Silvas Erscheinungsbild lassen mein Herz gerade amüsiert hüpfen. Silva hingegen findet das alles nicht besonders lustig und zieht eine genervte Miene.
»Jetzt kommt endlich«, meint er nur, nimmt mich bei der Hand und als Valentin meine andere ergreift, treten wir drei gleichzeitig über die Begrenzung und auf die wie aus dem Nichts auftauchende Hütte zu.
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