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Magda Trott
PUCKI (Buch 1-12)
Die beliebtesten Kinderbücher

Books
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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-2117-2
Inhaltsverzeichnis
Försters Pucki
Puckis erstes Schuljahr
Pucki und ihre Freunde
Pucki kommt in die höhere Schule
Puckis neue Streiche
Puckis erster Schritt ins Leben
Pucki wird eine glückliche Braut
Puckis junge Ehe
Puckis Familienglück
Pucki und ihre drei Jungen
Pucki - Unser Mütterchen
Puckis Lebenssommer
Försters Pucki
Inhaltsverzeichnis
Klein-Hedis Freunde
Paul wird gestraft
Es geht schlimm aus
Es schießt
Ein schlimmer Tag für Pucki
Jahrmarktsfreuden
Hochzeitsfeier und Lehmgrube
Bitteres Leid
Pucki will Geld verdienen
Pucki und Harras verhüten ein Unglück
Klein-Hedis Freunde
Inhaltsverzeichnis
Durch den im Frühlingssonnenschein liegenden Garten des Försters Sandler schritt langsam und bedächtig die vierjährige Hedi. Der frische Wind blies die weißblonden Löckchen in das gerötete Antlitz, aus dem ein Paar strahlend blaue Augen schauten. Zärtlich wiegte sie auf den Armen ihr Puppenkind. Es war kein schönes Kind, es hatte eine abgeschlagene Nase und zerkratzte Wangen. Aber das machte nichts; Hedi liebte ihre Diana von ganzem Herzen. Ihr zur Seite trottete Harras, der braune Jagdhund. Er machte einen würdevollen Eindruck und schaute Hedi oftmals an, als wollte er sagen: Ich weiß genau, daß ich auf die Tochter meines Herrn aufpassen muß, weil unsere Pucki sehr übermütig sein kann. Habe ich sie nicht kürzlich aus dem Bach geholt, als sie die ersten Veilchen pflücken wollte?
»Oh – wie das alles wächst! – Sieh nur, Harras, wie das wächst!«
Die kleine Försterstochter betrachtete verzückt die kleinen grünen Blättchen an der Hecke, die den Garten umgab. Die blauen Augen richteten sich auf die hohen Kastanienbäume.
»Guck, Harras – so viele Lichtchen!«
Der Hund ließ einen knurrenden Laut hören. Da hob Hedi ihr Puppenkind empor und jubelte:
»Guck, Diana, alles wächst, alles wird groß, wir freuen uns!«
Mit tollen Sprüngen, immer den Hund zur Seite, jagte Pucki durch den großen Garten. Es war aber auch eine Lust, hier leben zu dürfen. Draußen der große, grüne Wald, in dem Harras tagaus, tagein umherlief, dann der prächtige Garten, das grünberankte Haus; man mußte sich in dieser Umgebung glücklich fühlen.
Und Hedi Sandler war glücklich. Wenn man sie fragte, so sagte sie jedem mit überlauter Stimme:
»Kein Vati, keine Mutti sind so schönes Spielzeug wie mein Harras – wir spielen immer sehr schön zusammen.«
Der Wald mit seinen hohen Bäumen war ihr ein lieber Freund. Jedes Tierchen, wenn es auch noch so unscheinbar war, wurde von ihr geliebt, an jedem Morgen gab es neue Freuden für das fröhliche, glückliche Försterkind.
Aber heute war es ganz besonders schön! Hedi hielt plötzlich im Laufen inne, hielt dem Hund die Puppe hin und sagte weich und zärtlich:
»Harras, du bist Vati, nimm dein Kind und schaukele es; die Mutti ist müde. – Oh, die Mutti hat das Kind den ganzen Tag tragen müssen. – Da, Harras, pack zu!«
Harras, der folgsame Hund, ließ sich das Puppenkind ins Maul legen und trug es seiner kleinen Gebieterin nach.
»Vati – morgen kommt der Osterhase und bringt dir Ostereier. – Vati, wir wollen unserem Kindchen auch ein Osterei schenken. Ein schönes Osterei! Und mir muß der Osterhase ein paar Holzpantoffeln bringen. – Harras, du darfst das Kindchen doch nicht so schütteln!«
Der Hund hielt sofort den Kopf still und schaute Hedi mit seinen klugen Augen an. Er kannte jeden Tonfall der Kinderstimme. Oft genug war er das Familienoberhaupt dieser merkwürdigen Familie.
Hedi klopfte Harras zärtlich auf den Kopf, dann griff sie nach seinen langen hängenden Ohren, streichelte sie zärtlich und sagte:
»Horch mal, Harras-Vati, ob vielleicht der Osterhase schon kommt? Du hast ja so große Ohren, du mußt ihn hören. – Weißt du, der Osterhase mit dem goldenen Schwänzchen! – Du kennst ihn doch? – Nun paß gut auf!«
Plötzlich brach der Hund in lautes Bellen aus, ließ das Puppenkind zur Erde fallen und lief davon. Mit einem Satz war er über die Hecke gesprungen und jagte hinein in den Wald.
Hedi ließ einen langen Seufzer hören, nahm die Puppe auf und drückte sie zärtlich an sich.
»Husch – ist der Vati weg! Aber die Mutti ist noch da. – Hat sich mein Kindchen sehr an die Nase geschlagen?«
Hedi wickelte die Puppe in die Schürze und begann mit wenig schöner, krähender Stimme zu singen: »Schlaf, Kindchen, schlaf, draußen steht ein Schaf.«
Der Gesang brach jäh ab. Das kleine Mädchen hob lauschend den blonden Kopf und sah auf der Straße den Vater daherkommen, der in seiner schmucken, grünen Uniform dem Forsthaus zuschritt. Wedelnd umsprang ihn Harras.
»Vati!«
Das Puppenkind flog im Bogen auf die Erde, mit ausgebreiteten Armen eilte die Vierjährige dem Vater entgegen.
»Hast du den Osterhasen mit dem goldenen Schwänzchen gesehen?«
»Natürlich – er hat mich auch gefragt, ob unsere Pucki auch ein artiges Mädchen ist.«
»O–o–o«, klang es gedehnt zurück. »Muß der Osterhase immer so was fragen? – Hat er mit dem goldenen Schwänzchen gewackelt, als du ihm sagtest, daß ich – ein artiges Mädchen bin?«
»Das habe ich ihm nicht sagen können, Pucki, denn artig bist du in den letzten Tagen gerade nicht gewesen.«
»Weil doch die Jungen immer so unartig sind, Vati, da muß doch Pucki auch unartig sein.«
»Wenn die Niepelschen Jungen ein bißchen wild sind, brauchst du als Mädchen doch nicht alles mitzumachen, Pucki! Aber nun komm ins Haus, Mutti wird schon mit dem Mittagessen warten. – Na, Harras, hast du auf Pucki auch gut aufgepaßt?«
Der Hund rieb den Kopf am Kleide des kleinen Mädchens, als wollte er sagen: Ich weiß schon, was ich zu tun habe.
»Vati, es ist furchtbar schwer, artig zu sein. Wenn ich erst groß bin, bin ich immer artig. Dann sitze ich den ganzen Tag auf dem Kohlenkasten bei der Minna und esse Schmalzschnitten mit Käse. Der Osterhase hat auch nicht gesehen, wenn Pucki unartig ist. – Sag, Vati, wird er morgen kommen?«
»Vielleicht!«
»Na, dann können wir ja froh sein.«
Förster Sandler war noch ein junger Beamter, der erst vor drei Jahren nach der Försterei Birkenhain gekommen war. Mit seiner schmucken, hübschen Frau lebte er sehr glücklich; die kleine Tochter machte dem jungen Ehepaar viel Freude. Hedi war aber auch ein sonniges, reizendes Mädchen, das in der ganzen Gegend beliebt war. In der Waldeinsamkeit aufgewachsen, kannte ihr Herzchen noch keinen Falsch. Schon jetzt zeigte sich ihre große Liebe zur Natur, zu den Tieren, und sie konnte sich mit Hühnern und Kaninchen genau so gut unterhalten und beschäftigen wie mit den drei Kindern des Gutsbesitzers Niepel, der seinen Besitz etwa eine halbe Stunde von der Försterei Birkenhain entfernt hatte. Wenn Niepel zur Stadt Rahnsburg fahren wollte, mußte er an der Försterei vorbei. Oftmals hielt er den Wagen dort an, um dem kleinen Blondköpfchen etwas Obst oder eine Süßigkeit zuzustecken. Erst vor wenigen Monaten war in seinem Hause ein kleines Mädchen angekommen. Seine drei Buben waren gleichaltrig und zwei Jahre älter als Hedi Sandler. Mit den Drillingen tobte das Försterkind oftmals umher. Es ließ sich geduldig necken, war aber auch für manchen lustigen Streich gern zu haben. Nun brachte der Frühling eine Änderung in das gewohnte Leben, da Paul, Walter und Fritz Niepel gleich nach Ostern zur Schule kamen.
Vor der Schule hatte Hedi Sandler geradezu Furcht. Alle drei Spielkameraden erklärten einstimmig, daß es dort fürchterlich zuginge. Sie warnten Hedi, nicht so rasch sechs Jahre alt zu werden, damit sie nicht auch dauernd in der Stube sitzen müsse, anstatt wie bisher draußen in Feld und Wald umhertollen zu können. Wenn auch die Eltern immer wieder erklärten, daß die Schule etwas sehr Schönes sei, so war Hedis Herz doch voller Mitleid mit den drei Knaben, für die die schöne Zeit des Spielens nun vorüber war.
»Aber Hedi«, tadelte die Mutter, als das Kind das Zimmer betrat, »willst du mit so unsauberen Händen zu Tisch kommen?«
Die Kleine zog den blonden Kopf zwischen die Schultern und huschte aus dem Zimmer. Das Händewaschen war eine schreckliche Einrichtung. Der gute Harras brauchte sich nicht so oft zu waschen; nur die Miezekatze putzte sich den ganzen Tag mit den Pfötchen das Gesicht.
In der Küche war Minna, das Hausmädchen, gerade dabei, die Kartoffeln auszuschütten. Hedi legte die Hände auf den Rücken und schaute aufmerksam zu. Es sah so hübsch aus, wenn der Dampf aus dem Topf gekrochen kam.
»Wo hast du denn deine Pantoffeln?«
»Ins Zimmer geht man nicht mit Pantoffeln.«
»Wo hast du sie denn?«
Die Magd wies mit dem Kopf nach dem Flur. Richtig, dort standen die derben Holzpantoffeln, die immer so wunderschön klapperten, wenn Minna eiligen Schrittes durch den Hausflur ging. Hedi kauerte sich nieder und betrachtete die Holzpantoffeln mit geradezu liebevollen Blicken. Solche klappernden Pantoffeln wünschte sie sich schon lange. Sie war zwar schon mehrmals damit hingefallen, trotzdem war es herrlich, damit herumzulaufen. Auch jetzt schoben sich die kleinen Kinderfüße wieder in die großen Öffnungen und – klapp – klapp – klapp – ging es durch den Flur.
»Minna, wenn mir doch der Osterhase auch ein Paar Pantoffeln brächte, aber auch so große wie die hier.«
»Sollst du dir nicht die Hände waschen und zum Essen gehen?«
Mit einem bedauernden Blick nahm das kleine Mädchen Abschied von den geliebten Pantoffeln und stellte sie in den Winkel zurück. Dann tauchte es hastig die kleinen Hände in das mit Wasser gefüllte Waschbecken, trocknete sie am Handtuch ab und verzog das Gesicht.
»O je, Minna, das Handtuch ist schmutzig!«
Das Handtuch wies deutlich die Spuren der kaum gewaschenen Kinderhände auf. Hedi lief rasch ins Eßzimmer und setzte sich artig auf den Stuhl. Als sie aber den Löffel zur Hand nahm, bemerkte Hedi den strafenden Blick der Mutter.
»Solltest du dir nicht die Hände waschen, Pucki?«
»Sieh dir nur das Handtuch an, ich hab' gewaschen.«
Frau Sandler wies schweigend zur Tür, und beschämt mußte das Kind nochmals hinaus in die Küche gehen, um die Hände zu reinigen.
»Immer sind die ollen Hände schmutzig«, schmollte die Kleine. »Wenn ich erst groß bin und immerzu meine Gänseschmalzschnitte esse, wasche ich mir die Hände nicht mehr. – Der Paul hat auch immerzu schmutzige Hände.«
Der Ärger des kleinen Mädchens war bald wieder verflogen, als der Vater beim Mittagessen erzählte, daß heute nachmittag Frau Niepel vorüberkäme, da sie in der Stadt noch Besorgungen zu machen hätte.
»Mit 'nem weißen Pferdchen?« fragte Hedi interessiert.
»Ja, mit dem weißen Pferdchen.«
Hedi schlug erfreut die kleinen Hände zusammen. »Dann muß Hedi ein Stück Zucker für das weiße Pferdchen haben! – Vati, bringt der Osterhase dem weißen Pferdchen auch ein Osterei?«
»Pferdchen brauchen keine Ostereier.«
Das weiße Pferdchen beschäftigte Hedi den ganzen Nachmittag. Das Kind stand am Gartenzaun und wartete sehnsüchtig auf den Wagen. Endlich war es so weit. Mit einem Freudengeheul stürmte das Kind dem Gefährt entgegen.
Neben Frau Niepel saßen zwei sechsjährige Knaben, die eilig aus dem Wagen sprangen, als er vor dem Forsthaus anhielt. Es waren Paul und Walter, die die Mutter begleitet hatten.
Hedi blickte sich suchend um. »Wo habt ihr denn den dritten Bruder?«
»Kein Platz, er sitzt daheim. – Du, wir bleiben bei dir, bis Mutter aus der Stadt zurückkommt.«
»Ich will erst dem Pferdchen guten Tag sagen.«
Das Tier schien Hedi gut zu kennen; es hatte den Kopf nach ihm umgewandt.
»Es wackelt mit den Ohren wie mein Nuck! – Ach, du süßes Pferdchen – guten Tag!«
Unerschrocken reichte sie dem Pferd das Stück Zucker, das sie von der Mutter erbeten hatte.
»Wenn du morgen wiederkommst, Pferdchen, kriegst du ein Osterei.«
Inzwischen war auch Frau Sandler aus dem Haus getreten, um Frau Niepel herzlich zu begrüßen. Beide tuschelten leise zusammen, galt es doch, in der Stadt noch einige Osterbesorgungen zu machen, die die Kinder nicht zu hören brauchten. Trotzdem drangen einige Worte zu den beiden Knaben hinüber. Der blonde Paul, der recht zahlreiche Sommersprossen im Gesicht hatte, ließ ein lautes Lachen hören.
»Ich will ein Osterei, so groß wie die goldene Kugel in unserem Garten. Ein anderes will ich nicht! Bring mal so eins mit, Mutter. Der Ziegler hat welche.«
»Und mir eins aus Schokolade, noch viel größer«, rief Walter, der zweite der Drillinge.
»Wenn du den Osterhasen siehst, Tante, dann sage ihm doch, daß ich ein bißchen artig war.«
»Quatsch – Osterhase«, meinte Paul, »ich habe schon viele Hasen gesehen.«
»Mit goldenem Schwänzchen?« fragte Hedi.
»Quatsch! – Der Hase hat kein goldenes Schwänzchen.«
»Aber der Osterhase hat eins, und goldene Ohren, die immerzu wackeln, wenn er ein Ei legt.«
Paul und Walter lachten laut. »Bist du aber dumm! – Es gibt überhaupt keinen Osterhasen. – Der Konditor macht die Ostereier aus Schokolade und Marzipan. Mutter fährt jetzt zur Stadt und kauft beim Konditor die Ostereier. Aber – du bist eben ein kleines Mädchen, und kleine Mädchen sind immer dümmer als Jungens.«
»Du bist dumm!«
»Hahaha – sie glaubt noch an den Osterhasen! – Frage doch deinen Vater. Nu komm endlich zu den Ziegen!«
Hedi lief davon und stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor den Ziegenstall.
»Ich zeige dir die Ziegen nicht, du hast die Ziege beim letztenmal so am Schwanz gezogen, daß sie geschrien hat. – Die Ziege kann dich nicht leiden. – Geh weg!«
»Ich will aber die kleinen Ziegen sehen.«
Energisch schüttelte Hedi den Kopf. »Ich zeige sie dir nicht! Die Mutter von den kleinen Ziegen hat Angst, wenn du kommst. Und die Mutter hat mir gesagt, ich soll gut aufpassen auf die kleinen Ziegenkinder.«
Da beugte sich Paul nieder und riß von einem Baum einige kleine Zweiglein ab, an denen sich gerade die ersten Blüten zeigten.
»Ich bringe ihr was zu fressen. – Nun zeige mir die Ziegen.«
Über Hedis Gesicht glitt ein Schatten, sie wurde tief traurig. Die helle Kinderstimme zitterte vor Bewegung, als sie sagte:
»Nun hast du dem armen Baum weh getan – alles das sind doch seine Kinderchen, und später werden es mal Kirschen. – Man soll einem Baum nicht die Kinderchen nehmen. – Sieh doch, lauter kleine weiße Knöpfchen! – O weh, der arme Baum!«
»Wenn's weiter nichts ist! Ich reiße immer Blätter von den Bäumen.«
»Das sollst du aber nicht«, rief Hedi, »du würdest auch mächtig schreien, wenn ich dir die Haare ausreißen wollte.«
Paul lachte und griff erneut in die tief herabhängenden Zweige des Kirschbaumes. Doch da stand das kleine Mädchen neben ihm. Die kleinen Hände packten die blonden Locken des Knaben, und grimmig rief es aus:
»Wenn du noch mehr vom Baum abreißt, reiße ich dir auch die Haare aus!«
»Laß los!« schrie Paul.
Der andere Knabe stand mit einem ängstlichen Gesicht abseits und betrachtete die beiden Kämpfenden. Erst als Paul die Zweige des Baumes wieder losließ, sanken auch Hedis Hände herab.
»Ein böser Junge bist du doch! Und nun komm, jetzt zeige ich dir die kleinen Ziegen, aber anfassen darfst du sie nicht.«
»Ich will die Ziegen jetzt nicht mehr sehen. Wir haben viel mehr Kühe, Pferde und Schweine als ihr. Und wenn ich nach Hause komme, kann ich die Kühe alle an den Schwänzen ziehen. Da sagt niemand was, und es tut ihnen auch nicht weh.«
Hedi hatte die abgerissenen Zweige des Kirschbaumes aufgehoben und mitleidig betrachtet. Sie ging an den Stamm des Baumes und ließ liebkosend die Hände darüber gleiten.
»Hat er dir so viele Kinderchen fortgenommen, der böse Junge! Aber weine mal nicht, du kriegst wieder viele neue Kinderchen. Und die Kinderchen werden alle groß und werden rote Kirschen. Dann kommen sie zu uns und sagen: Eßt uns auf, wir wollen alle zu dir!«
»Was redest du immerzu?« fragte Walter.
»Und dann kommen die Sperlinge zu den roten Kirschenkindern und sagen: Wir möchten auch gerne was haben, und der gute Kirschbaum läßt sie essen und sagt: Ich will euch eine Freude machen, aber ihr müßt dann auch schön singen. Am Abend sitzen die Vögelchen alle zusammen und singen dem Kirschbaum ein Lied. Dann freut er sich und schläft bis zum anderen Morgen. Und in der Nacht kommt die Traumfee und erzählt dem Kirschbaum von den kleinen Sperlingskindern, die alle sehr froh sind, daß der Sperlingsvati ihnen eine Kirsche gebracht hat. Dann freut sich der Kirschbaum, pustet sich auf und macht die Kirschen noch viel größer.«
Walter Niepel betrachtete neugierig den Baum. Wenn er bei Hedi war, wußte die Kleine immer etwas Sonderbares zu erzählen. Das hörte er gern. Er wies auf gelbe Blümchen, die schon neugierig die Köpfchen aus der Erde gestreckt hatten.
»Kommt die Traumfee auch zu den gelben Blumen dort drüben?«
Hedi lief zu einem Busch Himmelschlüssel, kauerte sich nieder und winkte mit den kleinen Fingerchen den Gefährten heran.
»In jeder Nacht kommt ein Englein zu diesen Blümchen, denn sie kommen aus dem Himmel, darum heißen sie auch Himmelschlüssel.«
»Ach!«
»Ja – da ist der Diener vom lieben Gott mal hinter dem lieben Gott hergegangen, und als sich der liebe Gott umgedreht hat und sagte: Du, schließe mir mal ganz schnell die Türe zum Himmel auf, hat der Diener so einen Schreck bekommen, daß ihm die goldenen Schlüssel, pardauz – durch die Wolken gefallen sind, ganz, ganz tief herunter! Und dann haben sie sie gesucht. Aber Mutter Erde hat gesagt, daß sie aus den Schlüsseln ein Blümchen machen will. – Guck mal, so sehen die Schlüssel aus, die der liebe Gott braucht, um den Himmel aufzuschließen.«
»Sind nun die Schlüssel gerade in euren Garten gefallen?«
Hedi überlegte ein Weilchen, dann sagte sie ernsthaft:
»Ja – so wird es wohl sein.«
»Ich habe aber beim Schmanzbauern auch Himmelschlüssel gesehen. Sind dort auch die Schlüssel vom lieben Gott hingefallen?«
»Er wird wohl viele Schlüssel gebraucht haben, um in den Himmel zu gehen. Als nun die Schlüssel durch die Wolken fielen, sind die Englein gekommen und haben die vielen Schlüssel auseinandergepustet. Da sind auch ein paar Schlüssel zum Schmanzbauer gefallen.«
»Warum sind denn zu uns keine Schlüssel gefallen?«
Hedi wollte eben eine Antwort darauf geben, als sie ein lautes, ärgerliches Bellen des Jagdhundes hörte. Die Kleine schaute sich um.
»Ich glaube, der böse Junge ärgert schon wieder den guten Harras.«
Mit fliegendem Röckchen eilte das Kind durch den Garten. – Richtig, dort stand Paul und hatte dem Harras einen Bindfaden um ein Ohr gebunden. Der gutmütige Hund bellte zwar den unnützen Knaben an, versuchte mit der Pfote den Bindfaden zu lösen, aber es gelang ihm nicht. Als er Hedi kommen sah, sprang er seiner kleinen Beschützerin entgegen und hielt ihr das zugebundene Ohr hin.
»Oh, wie bist du garstig«, schalt das Kind, »na warte nur, mein Vati sagt, für alles, was man Schlimmes tut, bekommt man seine Strafe. Wenn du erst in der Schule bist, bindet dir der Lehrer auch die Ohren zu und knurrt dich an. Und keine Traumfee kommt zu dir, nur schwarze Männer, die fahren dir mit einem Besen ins Gesicht. Dann mußt du dich immerzu waschen.«
Doch Paul lachte nur zu den mahnenden Worten und schlenderte weiter durch den Garten, gefolgt von seinem Bruder und Hedi. Schließlich kamen alle drei an den großen Sandhaufen. Dort war aller Hader sogleich vergessen, ein lustiges Spiel begann und die Freundschaft war erneut geschlossen.
Paul wird gestraft
Inhaltsverzeichnis
»Mutti, liebe Mutti, zieh mir nicht das alte Kleid an! Ich möchte heute keine Frau sein, sondern ein Junge.«
Frau Sandler schüttelte den Kopf. Das hübsche, neue Kleidchen schien keinen Eindruck auf Hedi gemacht zu haben.
»Du sollst niedlich aussehen, wenn du heute nachmittag zu Onkel und Tante Niepel fährst.«
»Mutti, bitte, bitte, ich möchte ein Junge sein. Ich hole mir meine Höschen.«
»Aber Hedi, du kannst nicht in den Spielhöschen zu Besuch gehen.«
»Ich kann schon, Mutti.«
»Warum willst du das neue Kleid nicht anziehen?«
»Weil der Paul dann sagt, daß ich ein dummes Mädchen bin. Bei Onkel Niepel dürfen wir auf die hohe Leiter kriechen. Und wenn ich dann ein Mädchen bin, lassen mich die Jungen nicht 'rauf. – Ich möchte heute ein Junge sein.«
»Du brauchst mit den drei Buben nicht immer mitzuklettern. Kleine Mädchen müssen artiger sein als Jungen.«
»Warum denn, Mutti?«
»Weil sie schon ein viel feineres Stimmchen haben und weil sie der liebe Gott nicht so kräftig geschaffen hat wie die Knaben.«
Die Vierjährige schlug ein lautes Lachen an, dann sagte sie mit tiefer Stimme:
»Ach, Mutti, so finster wie ich kann nicht mal der Paul sprechen. – Hör mal zu! – Und den Fritz habe ich neulich verprügelt. – Oh, ich hab' schon Kräfte. Der liebe Gott hat gemeint, ich bin ein Junge.«
»Du bist unser liebes, kleines Mädchen und sollst es bleiben. Ich möchte auch ein artiges kleines Mädchen haben, keinen Eigensinn, wie du manchmal einer bist. Du sollst doch später ein liebes Mädchen werden, das alle Menschen gern haben.«
»Ja, ich will auch eine liebe Mutti werden, so eine liebe Mutti, wie du eine bist. Mußtest du immer artig sein, Mutti, damit du eine so liebe Frau geworden bist?«
Frau Sandler streifte ihrer Tochter das hübsche Kleidchen über, um diesem Streit ein Ende zu machen. Hedi zog zwar ein Gesicht, doch darauf achtete die Mutter nicht. Dem kleinen Trotzkopf durfte sie nicht nachgeben, denn schon jetzt zeigte sich manches Mal, daß Hedi ihre Pläne und Absichten durchsetzen wollte. Frau Sandler war noch eine recht junge Frau, und sie bemühte sich, ihr Töchterchen zu einem braven Mädchen zu erziehen. Sie nahm es mit ihrer Aufgabe recht genau und achtete streng darauf, daß im Forsthause keine Unarten getrieben wurden.
Wenn Hedi wollte, konnte sie sehr lieb sein, das hatte sie am gestrigen Ostersonntag gezeigt, als sie beglückt die verschiedenen Ostereier suchte, die man ihr im Garten versteckt hatte. Nur am Abend stellte sie betrübt fest, daß ihr der Osterhase wieder keine Klotzpantinen gebracht hatte, wie Minna sie trug, wenn sie in den Ziegenstall oder zu der Kuh ging.
»Wenn ich morgen zu Tante Niepel gehe, bringt mir der Osterhase vielleicht dort die Klotzpantinen.«
Für Hedi war es immer eine große Freude, wenn sie mit dem kleinen Kastenwagen nach dem Niepelschen Gut geholt wurde. Dort hatte man das blondlockige Mädchen herzlich gern. Der Gutsbesitzer freute sich, wenn Hedi mit seinen drei Buben in Haus und Garten umhertollte. Freilich, wenn alle vier zusammen spielten, mußte man gut achtgeben, denn Paul war nicht immer verträglich, er ärgerte seine Spielgefährten recht gern.
Seit einigen Tagen war auf dem Gut ein neues Kinderfräulein angekommen. Das junge Mädchen war für heute beauftragt worden, die kleine Schar zu überwachen. Frau Niepel wollte sich inzwischen um die halbjährige Dora kümmern. Dieses Schwesterchen wurde von den Drillingen wenig geschätzt. Paul hatte verächtlich geäußert, daß er mit dieser Schreipuppe gar nichts anzufangen wisse. Ja, wenn es noch ein Bube gewesen wäre, der hätte sich wahrscheinlich von Anfang an ganz anders betragen. Aber ein Mädchen war eben ein Zimperling, der sogleich losbrüllte, wenn man ihm mit dem Finger auf die Nase tippte.
Ganz anders Hedi. Sie war zu Weihnachten bei Niepels gewesen und hatte erstaunt die große Puppe betrachtet, die im Wagen lag.
»Kannst du mir die Puppe nicht schenken«, fragte sie beim Abschiednehmen und legte beide Ärmchen um den Hals der geliebten Tante Niepel. »Meine Puppe ist schon kaputt, und die hier ist noch ganz neu.«
Seit dieser Stunde bettelte Hedi unaufhörlich, die Mutti möge ihr auch genau solch eine Puppe kaufen, mit Klapperaugen und einem Mund, der auf und zu machte. Sie wollte eine Puppe haben, die die Arme bewegen und schreien konnte. Auf diese Puppe freute sich Hedi auch heute. Freilich, das Umhertollen mit den drei Buben war auch nicht zu verachten. Besonders der kleine, zierliche Fritz war Hedi ans Herz gewachsen. Ihn nahm sie stets an die Hand, für ihn sorgte sie, wenn die Speise verteilt wurde, für ihn brauchte sie die Ellenbogen, wenn es galt, ihm einen Platz zu erkämpfen.
Sogleich nach dem Mittagessen kam der Kastenwagen mit dem weißen Pferdchen vor das Forsthaus gefahren. Der alte Kutscher betrat das Haus und meldete, daß alles zur Abfahrt fertig sei.
»Du darfst neben mir sitzen, Pucki, und nachher auch die Leine halten.«
Pucki streichelte erst das Pferd und hielt ihm ein kleines Schokoladenei hin.
»Weil doch halt Ostern ist, kleines Pferdchen.«
Doch das Tier verschmähte die Gabe. Es schnupperte nur ein wenig daran und wandte den Kopf ab.
»Willste nicht?« meinte Hedi, »na, dann ess' ich es allein.« Damit schob sie das Ei in den Mund.
Der Förster und seine Frau ermahnten Hedi, als sie neben dem Kutscher saß, recht artig zu sein.
»Das sind wir schon«, rief das Kind strahlend zurück. »Und nu: Hü-hott, jetzt fahren wir los!«
Es war eine herrliche Fahrt! Die Förstertochter kam sich sehr wichtig vor, als sie die Leine in den kleinen Händen hielt und mit hellem Stimmchen ihr »Hottehü, kleines Pferdchen« rief. Als aber der Kutscher einmal nach der Peitsche griff, fiel ihm Hedi in den Arm.
»Nicht schlagen, nicht das liebe Pferdchen schlagen! Ich werde ihm sagen, daß es nicht stehenbleiben darf. – Ach, es will auch mal ausruhen!«
Das Pferd, das den Weg schon gar oft gegangen war, schien heute keine Eile zu haben. Gerade das gefiel Hedi. Die Fahrt dauerte somit noch länger, und es gab nichts Schöneres, als hier oben zu thronen und das Pferdchen zu lenken.
Plötzlich brachen mit Indianergeheul hinter einem Busch die drei Niepelschen Buben hervor. Sie fielen dem Pferd in den Zügel, Fritz kletterte über die Deichsel auf den Rücken des Tieres, und die beiden anderen schwangen sich auf den Wagen. Man riß Hedi die Leine aus der Hand, und schon gab es den ersten Kampf, so daß der Kutscher besänftigend eingreifen mußte.
»Wenn du nicht ruhig bist«, sagte Paul zu seinem Besuch, »suche ich alle Ostereier weg, die der Vater im Garten versteckt hat.«
»Quatsch nicht«, meinte Walter, »du findest überhaupt keine Ostereier.«
»Doch – ich habe durch die Luke gesehen und weiß, wo sie versteckt sind.«
»Wo hat er sie denn versteckt?«
Paul lachte nur. »Das sage ich nicht!« –
Von Niepels wurde Hedi herzlich empfangen. Ihre erste Frage galt dem kleinen Schwesterchen.
»Kann's nu schon sprechen und mit uns spielen, Tante?«
»O nein, Hedi, Dora ist erst ein halbes Jahr alt. Sie kann noch nicht laufen und noch nicht sprechen.«
»O je, wie das lange dauert. – Muß sie immerzu auf dem Rücken liegen?«
»Wenn du zum nächsten Osterfest kommst, wird sie schon laufen können.«
»Na, dann tragen wir sie. Ich muß meine Puppen auch immer tragen, oder der Harras trägt sie. – Kann eure Diana das kleine Mädchen nicht auch herumtragen?«
Paul lachte schallend. »Machen wir! Die Diana muß den Schreihals tragen! – Nu komm mal mit, ich zeige dir jetzt – Pst – pst, nichts verraten – ich zeige dir, wo der Vater die Ostereier versteckt hat.«
Erst streichelte Hedi die kleine Dora, als sie jedoch zu schreien begann, schüttelte Hedi unwillig den Kopf.
»Tante, sie schreit zu viel. Meine Diana schreit nie, auch wenn ich sie mit dem Kopf mal tüchtig auf die Erde bumse.«
Dann trippelte sie auf den Zehenspitzen hinter Paul her. »Wir wollen ganz leise sein und allein die Ostereier finden.«
Im Garten wies Paul an die verschiedensten Stellen. »Dort liegt eins – dort liegt eins – und drüben im Gemüsegarten liegen noch hundert. Dort mußt du hingehen. Wenn wir nachher suchen, geh nur zuerst in den Gemüsegarten. Dort findest du hundert.«
»Hundert? Das ist sehr viel, nicht wahr?«
»Das ist ein großer Berg – soviel Eier kannst du gar nicht essen.«
»Ich werde mal jetzt schon ein bißchen suchen.«
»Nein, Hedi, bleib nur hier! – Sieh mal, dort kommt das neue Fräulein. – Ich mag es nicht, ich will kein Fräulein.«
Hedi legte beide Hände auf den Rücken und betrachtete mit kritischen Blicken das junge Mädchen, das ihr freundlich die Hand reichte.
»Du bist also das kleine Blondköpfchen vom Förster.«
»Ja – wer bist denn du?«
»Ich bin Fräulein Irma.«
»Soso – –«
»Nun willst du mit den Drillingen spielen?«
Hedi zog die Stirn kraus und schwieg.
»Du bist wohl allein daheim? Deine Mutti hat nur dich?«
»Nein, meine Mutti hat mich und den Harras.«
»So bist du die Älteste?«
»Nein, Mutti ist noch älter.«
Fräulein Irma lachte. »Nun, Drillinge hat sie wohl nicht, wie Tante Niepel.«
Einen Augenblick überlegte Hedi, dann sagte sie: »Nein, Mutti hat keinen Drilling.«
Sehr bald kam Onkel Niepel, der lachend erzählte, daß der Osterhase in den Garten für artige Kinder Ostereier gelegt hätte. Sie sollten nun suchen.
»Du, Onkel«, sagte Hedi mit frohem Lächeln, »der Paul hat mir gesagt, du hast die Eier hingelegt. – Nun ja, du hast wohl dem Osterhasen helfen müssen, weil er doch so viel zu tun hat. – Kommste auch noch mal zu uns und legst du in der Försterei auch noch mal Ostereier?«
»So so, der Paul hat dir das gesagt! Freilich, ich habe dem guten Osterhasen ein wenig geholfen. Doch nun lauf und suche recht aufmerksam am Tulpenbeet, dort liegt gewiß eins.«
Hedi lachte glücklich. »Das eine kann sich der Fritz holen, ich geh' in den Gemüsegarten, Onkel Niepel – dort liegen hundert.«
»Nein, mein kleines Mädchen, in den Gemüsegarten ist der Osterhase nicht gegangen, nur in den Blumengarten.«
»Das weißt du nicht«, flüsterte das Kind, »der Paul hat es gesehen, durch die Dachluke.«
»Da hat er was Falsches gesehen, Hedi. Geh nur in den Blumengarten, sonst findest du nichts.«
Doch das Mädchen schüttelte energisch den Kopf. »Ich geh' doch lieber in den Gemüsegarten und hole mir hundert Eier.«
Während die drei Buben in den Blumengarten stürmten, lief Hedi zu der Pforte, die den Blumengarten mit dem Gemüsegarten verband. Doch plötzlich machte sie halt und winkte Fritz, dem kleinsten der Drillinge, zu und flüsterte:
»Komm mit, im Gemüsegarten sind hundert Eier, und hier ist nur eins.«
Abermals suchte der Gutsbesitzer die beiden Kinder zurückzuhalten, doch Hedi lachte ihn strahlend an. Währenddessen stürmte Paul von einem Versteck zum anderen, so daß er vom Vater plötzlich festgehalten wurde.
»Sag mal, mein Junge, woher kennst du die Verstecke des Osterhasen so genau?«
Paul wollte sich aus den Armen des Vaters befreien, es gelang ihm aber nicht. So senkte er nur schuldbewußt den Kopf.
»Hast du vielleicht gelauscht?«
»Nein, Vater«, stammelte der Knabe, »ich habe es nur gesehen. Wenn ich doch grade in den Garten gucken mußte, kann ich doch nichts dafür.«
»Hast du der kleinen Hedi gesagt, daß sie im Gemüsegarten suchen soll? Wenn du alles gesehen hast, mußt du wissen, daß dort keine Eier versteckt wurden.«
»Vielleicht – vielleicht hat der richtige Osterhase dort Eier versteckt. – Es könnte doch sein, Vater.«
»Gib die Eier her. Einmal hast du mein Verbot nicht befolgt und bist hinauf auf den Boden geschlichen, zum anderen hast du deine kleine Freundin angeführt. Für solche Kinder hat der Osterhase keine Eier. Wenn das noch einmal passiert, mein Junge, nehme ich dich an den Ohren.«
Paul schaute auf die acht bunten Eier, die er in den Händen hielt.
»Ich hab' doch nur – – ich dachte – der Osterhase wird der Hedi ganz sicher Eier in den Gemüsegarten legen.«
»Nun gib die Eier her.«
Aus den Kinderaugen stürzten Tränen. »Vater, nur ein einziges Ei –«
»Kein Ei – marsch, gib die Eier her!«
Schluchzend wurden die gefundenen Eier abgeliefert.
»Und jetzt gehst du in den Gemüsegarten und rufst Hedi und den Bruder und sagst ihnen, daß du sie belogen hast. – Schäm dich, Paul, wie kann man so unaufrichtig sein! – Lauf und hole die beiden her.«
Mit schwerem Herzen schlich Paul hinüber. Gar zu gern hätte er sich diesen Weg erspart, doch er sah den Vater und wagte nicht, seinem Willen zu trotzen.
»Ihr sollt in den Blumengarten kommen«, fuhr Paul die beiden heftig an, »ihr sollt meine Eier bekommen – hier sind keine. Aber schnell sollt ihr kommen, sonst haut euch der Vater.«
Hedi und Fritz, die vergeblich gesucht hatten, schauten Paul an, der mit schmutzigen Händen die Tränen aus den Augen wischte.
»Hat er dich gehauen?« fragte Hedi.
»Nein – aber meine Eier hat er mir fortgenommen!« Heulend lief Paul davon.
Man sah ihn auch nicht mehr, als die Ostereier im Blumengarten gesucht und gefunden wurden.
Hedi jubelte über jedes Ei, das sie entdeckte; sie sorgte aber auch mit rührender Liebe dafür, daß Fritz nicht leer ausging. Mehrmals rief sie ihn an einen Strauch und tauschte vorher ein größeres Ei mit einem kleineren aus.
»Du freust dich doch auch, wenn du ein kleines findest? Ich möchte so gerne die großen behalten.«
Schließlich wurden die Süßigkeiten von Herrn Niepel gezählt und festgestellt, daß alle Eier gefunden waren.
»So, kleiner Blondkopf«, sagte der Gutsbesitzer, »nun bekommst du auch noch die acht Eier, die der Paul gefunden hat. Er geht heute leer aus, weil er unartig war.«
Hedis Herzchen wurde schwer. Wenn alle so große Freude hatten, mußte der Paul doch auch eine Freude haben. Vergeblich wanderten die Kinderaugen im Garten umher, aber Paul war nirgends zu sehen.
»Sind das alles meine Eier?«
»Jawohl, mein Kind.«
»Sie hat zu viele Eier«, klang es plötzlich schluchzend von Walters Lippen. »Sie hat so große Eier, ich will auch so große Eier!«
Hedi biß von einem Ei ein Stück ab und legte die andere Hälfte vor Walter nieder.
»Da hast du!«
»Ich will keine kaputten Eier, ich will große, richtige Eier!«
Auch jetzt mußte Onkel Niepel wieder den Streit schlichten. Die Tränen seines Sohnes versiegten bald, zumal im Kinderzimmer der Kaffeetisch gedeckt war und Fräulein Irma die Kleinen zum Essen rief.
Mit rotgeweinten Augen kam auch Paul herbei. Hedi ging auf ihn zu, legte beide Arme um seinen Hals und sagte:
»Brauchst nicht zu weinen, ich schenke dir Eier, ich habe genug. Komm, such dir aus.«
Als Paul aber nach dem größten griff, hielt sie rasch die Hände darüber.
»Das kannst du haben, und das – und das – – aber das hier nicht.«
Schließlich gab sich Paul zufrieden; er meinte jedoch, Hedi sei ein dummes Mädchen, das er nicht leiden könnte.
Nach dem Kaffeetrinken schlug Fräulein Irma vor, ein Kreisspiel zu spielen. Doch die Drillinge lehnten energisch ab. »Wir gehen lieber in die Ställe. Hedi kommt mit.«
»Ach ja!« jauchzte das Kind, »zu den vielen Kühen und den lieben Schweinchen!«
»Ihr werdet doch nicht in den Kuhstall gehen, die Kühe können euch schlagen.«
Paul lachte auf. »Du hast immerzu Angst, Fräulein Irma! Oh – sie hat immer Angst, sie streichelt nicht mal die Pferde.«
»Ihr sollt nicht in die Ställe gehen!«
Lachend stürmte die kleine Schar davon. Sie lachten noch lauter, als sie Fräulein Irma sahen, die scheltend auf der Verandatreppe stand.
Erst ging es zu den Schweinen. Die Hühner interessierten die kleine Hedi zu wenig, denn Hühner gab es auch im Forsthaus. Doch die vielen Schweine, die nebeneinander in dem Stall standen, waren für Hedi eine riesige Freude.
»Hm –« sagte sie, indem sie in vollen Zügen die Luft einzog, »das riecht hier noch schöner als der Wald.«
Paul hatte keine Ruhe, er wollte weiter zu den Kühen. So kletterte Hedi von der Schweinebucht herab und lief mit den Knaben zum Kuhstall. Der Schweizer, der dort beschäftigt war, hob warnend den Finger, als Hedi schnurstracks auf den großen Bullen zuging.
»Dort geh nicht hin!«
Das Kind blieb stehen, hielt dem Tier ein Bündel Stroh entgegen und sagte mit seiner hellen Stimme:
»Komm ruhig, ich tu' dir nichts, du brauchst dich nicht zu fürchten.«
Der Schweizer paßte gut auf, denn dem Bullen war nicht zu trauen. Gar zu leicht konnte ein Unglück passieren. Paul erklärte zwar, er fürchte sich nicht, nur der Schweizer sei ein Angstmeier!
Ganz plötzlich erhob der Bulle den Kopf. Die Kette klirrte, und er ließ ein lautes Brüllen hören. Da stürmte Paul zurück, riß in seinem Schreck Hedi um, die in das schmutzige Stroh fiel und laut zu schimpfen begann.
»Du böser Junge, du – – du bist ein Angstmeier!«
Doch zog sie es vor, aus der Nähe des Bullen zu gehen und lieber die Kühe zu besuchen, die sich streicheln ließen.
»Jetzt gehen wir zu den Pferden und zum Hinkeldei«, schlug Paul vor.
»Hinkeldei?« fragte Hedi, »ist das auch ein Pferdchen?«
»Du Dummsack! – Das ist der neue Knecht. – Paß mal auf, wie der läuft.« Paul stolzierte über den Hof, dabei knickte er mit dem linken Bein tief ein und rief: »Hopp-la, hopp-la, hopp-la – – So geht er, unser Hinkeldei.«
»Warum geht er so?«
»Er kann nicht anders gehen, er hat mal das Bein zerbrochen.«
»Hat er es wieder geflickt? – Unser Männe hatte sich auch mal das Bein gebrochen, aber er geht nicht hopp-la, hopp-la. – Vati hat dem Männe ein Tuch ums Bein gewickelt, und dann ist es wieder richtig gewesen. – Hat der Hinkeldei nicht auch ein Tuch ums Bein gewickelt?«
»Komm, ich zeige dir den Hinkeldei.«
»Der Vater hat doch gesagt, du sollst nicht so reden«, meinte Fritz.
Doch Paul hörte nicht auf die mahnenden Worte, er hinkte den anderen lustig voran, hinein in den Pferdestall.
Dort stand ein junger Bursche, den Hedi noch nie bei Niepels gesehen hatte. Er hatte ein Gesicht mit mehreren Narben, große abstehende Ohren und war nicht gerade schön zu nennen. Trotzdem machte Hedi einen artigen Knicks und sagte freundlich:
»Weidmannsheil, Herr Hinkeldei.« Sie erinnerte sich, daß der Vati immer diesen Gruß gebrauchte. Da er sie ermahnt hatte, artig zu sein, wollte sie es dem Vati nachtun. Aber der Knecht schien von dieser Begrüßung nicht erfreut zu sein. Er gab keine Antwort und wandte sich ab. Hedi wartete, daß er einige Schritte gehen möchte. Gar zu gern hätte sie gesehen, wie man mit einem zerbrochenen Bein gehen konnte. Doch erst nach längerer Zeit wurde ihr Wunsch erfüllt.
Wahrhaftig! – Der Mann ging immer schief auf der einen Seite. Hedi hätte ihn gar gern gefragt, doch machte er ein so unfreundliches Gesicht, daß sie sich nicht traute, etwas zu sagen. Erst viel später, als die Kinder wieder draußen im Hof waren und von Fräulein Irma angstvoll in Empfang genommen wurden, wagte sie zu fragen.
»Es ist häßlich vom Paul, den armen Menschen zu verspotten. Wenn der Knecht das Unglück hatte, vom Baum herabzufallen und das Bein zu brechen, darf man darüber nicht lachen.«
»Ich lache doch«, rief Paul vorlaut und schrie aus Leibeskräften, daß es über den Gutshof schallte: »Hinkeldei – – Hinkeldei!«
»Ärgert er sich darüber?« fragte Hedi.
»Gewiß, mein Kind, so etwas darf man nicht sagen.«
»Hinkeldei – Hinkeldei«, höhnte Paul weiter.
»Sei still«, meinte Hedi, »wenn es ihn doch ärgert, wollen wir es nicht mehr sagen. Wenn er schon das Bein gebrochen hat, wird er sehr traurig sein.«
»Das ist mir einerlei, mir macht es Spaß!«
»Ach, Paul, ich schenke dir auch noch ein Osterei, ein großes, goldenes. Mutti sagt immer, man darf kranke Leute nicht ärgern.«
»Seht mal alle her!« Paul hinkte erneut über den Hof und machte es so drollig, daß die beiden Brüder hell lachten. Sinnend stand das kleine Mädchen daneben. Das Verhalten des Spielgefährten mißfiel ihr. Sie erinnerte sich, daß einmal ein Mann mit einem Arm ins Forsthaus gekommen war. Sie hatte damals staunend gelacht, weil der eine Ärmel der Jacke leer herunterhing. Aber Vater und Mutter waren darüber sehr traurig gewesen. Sie hatten ihr erzählt, daß es ein großes Unglück sei, wenn ein Mensch seine Glieder nicht richtig gebrauchen könnte. Daran dachte das Kind in diesem Augenblick.
Wie ein Pfeil schoß Hedi vor, warf sich auf Paul und trommelte mit beiden Fäusten auf seinem Rücken herum.
»Du bist ein garstiger Junge! Wenn er ein kaputtes Bein hat, so trauert er darüber, dann ärgert er sich, und du sollst ihn nicht ärgern.«
»Laß mich in Ruhe!«
Fräulein Irma war genötigt, auch jetzt wieder die beiden Kampfhähne zu trennen. Mit drohend erhobener Faust ging Paul davon.
»Ich kann dich überhaupt nicht mehr leiden! Du brauchst gar nicht mehr herzukommen.«
Als man später im Garten saß, fehlte Paul. Er war auf einen Baum geklettert und warf mit trockenen kleinen Ästen nach den Spielenden. Von Zeit zu Zeit rief er Worte herunter, die Hedi aufs neue ärgerten.
Plötzlich ein Schrei – ein dürrer Ast, auf den sich der Knabe geschwungen hatte, brach herab, Paul stürzte mit ihm in die Tiefe. Das Kinderfräulein lief entsetzt herbei, gefolgt von den anderen. Sie wollte Paul aufrichten, da stieß er laute Schmerzensschreie aus.
»Mein Bein – mein Bein!«
Hedi fühlte inniges Mitleid; Paul verzerrte das Gesicht so sehr, er mußte wirklich heftige Schmerzen haben.
»Komm, halte dich an mich.«
Fräulein Irma versuchte den Knaben aufzurichten, doch schon wieder klangen seine lauten Schreie:
»Mein Bein, au, mein Bein!«
Herr Niepel und seine Frau hörten die Wehrufe und kamen gelaufen. Vorsichtig befühlte der Gutsbesitzer den Knöchel seines Sohnes.
»O weh«, meinte er besorgt, »ich glaube, es ist ein Bruch.«
Hedi wurde blaß vor Schreck. Vor wenigen Minuten hatte Paul über das gebrochene Bein des Knechtes gespottet, hatte laut über den Hof den Namen Hinkeldei gerufen. Der Knecht war auch einstmals vom Baum gefallen, nun ging er sein Leben lang hopp-la, hopp-la.
Sie starrte auf das Bein, hob schüchtern den Kopf und fragte leise:
»Muß er nun auch immer ein Hinkeldei sein?«
Vorsichtig wurde der verunglückte Knabe ins Gutshaus getragen. Es überlief das kleine Mädchen kalt und heiß, wenn es das klägliche Schreien Pauls vernahm. Und noch ängstlicher wurde es ihr ums Herz, als es hieß, man hätte nach dem Arzt telephoniert, er solle sofort aus Rahnsburg kommen, weil das Bein gebrochen sei.
Auch die Brüder waren traurig. Sie drückten sich in einem Winkel zusammen. Die Kinder malten sich die Zukunft Pauls in den schrecklichsten Farben aus.
»Nun ist er auch ein Hinkeldei«, meinte Walter.
»Aber ganz abgebrochen hat er sich das Bein doch nicht«, meinte Hedi, »es hing noch dran, ich hab' es gesehen.«
»Nun kann er nicht in die Schule gehen.«
»Hat der es gut!«
»Ach nein – der Paul hat es gar nicht gut. Das gebrochene Bein tut ihm mächtig weh. Und dann ist er immer ein Hinkeldei, und die anderen lachen über ihn.«
»Sie werden alle hinter ihm herrufen: Hinkeldei – Hinkeldei!«
»Das dürfen sie nicht«, rief Hedi kampfbereit, »dann haue ich sie!«
So saßen die Kinder wohl eine volle Stunde besorgt zusammen. Der Arzt kam und ging wieder, erst dann durften die drei hinein zu dem blassen, weinenden Spielgefährten.
»Ich will es nicht wieder sagen«, schluchzte Paul. »Nun bin ich schwer gestraft. – Es hat so weh getan!«
»Wirst du nu immer ein Hinkeldei sein?«
»Ich weiß nicht – ach, es tut so weh!«
Während die beiden Brüder das Zimmer wieder verließen, zog Hedi ein Stühlchen heran und setzte sich an das Bett des Kranken.
»Weine nicht, Paulchen, ich schenke dir auch ein Osterei. Und du wirst auch nicht immer ein Hinkeldei sein. Unser Männe hat sich auch mal das Bein gebrochen, und er ist auch kein Hinkeldei. Der Vater hat ihm das Bein geflickt, jetzt springt er wieder in der Stube und im Wald umher. – Mußt nicht weinen, Paulchen, ich bin ja hier.«
»Es tut doch so weh!«
»Soll ich dir eine Geschichte erzählen? Dann tut es nicht mehr so weh. Von der Traumfee oder der Waldfee?«
»Nun muß ich so lange im Bett liegen – –«
»Dann brauchst du nicht in die Schule«, flüsterte Hedi dem Knaben zu. »Die anderen müssen hin, und du kannst zu Hause bleiben. – Paulchen, ich komme immerfort zu dir und erzähle dir was Schönes. – Willst du?«
Mit einem verlegenen Blick schaute Paul auf das kleine Mädchen, das er vor kurzem gescholten hatte. Jetzt empfand er es wohltuend, daß Hedi neben ihm saß und lieb mit ihm sprach. Dabei hatte er sie doch wegen der Ostereier belogen.
»Bist du mir böse?«
»O nein – du hast doch ein zerbrochenes Bein, da werde ich dir doch nicht böse sein. – Nu schlaf recht schön, ich will dir was vorsingen.«
»Wenn nur das Bein nicht so weh täte.«
»Wenn ich singe, tut es nicht mehr weh.« Dann begann die Kleine von dem schwarzen und dem weißen Schaf zu singen. Doch Paul hatte kein Verlangen, die Augen zu schließen. – Schließlich kam die Mutter herein, die gerührt an der Tür stehen blieb, als sie Hedi sah, die dem Spielkameraden mit einem Handtuch die Augen auswischte, weil er wieder zu weinen begonnen hatte.
»Du sollst doch nicht weinen, sonst weine ich auch.«
Frau Niepel schloß die kleine Hedi gerührt in die Arme und küßte das Kind zärtlich.
»Du bist ein braves Krankenmütterchen; Paul ist dir sehr dankbar dafür. Wirst du ihn nun auch öfters besuchen? Er muß lange im Bett bleiben.«
»Ja, ich besuche ihn so lange, bis er kein Hinkeldei mehr ist.«
Als Hedi am heutigen Tage Abschied nahm, drückte ihr Paul herzlich die Hand wie nie zuvor.
»Ich habe dich gern, Pucki, ich werde auch nicht mehr häßlich zu dir sein. Komm bald wieder!«
Sie versprach es. Dann fuhr sie sorgenvoll auf dem kleinen Wagen nach dem Forsthause zurück.
»Du mußt recht langsam fahren, sonst bricht sich das weiße Pferdchen auch ein Bein. – Oh, es war sehr schlimm!«
»Ist ihm recht geschehen, dem Paul! Der liebe Gott hat ihn gestraft.«
Hedi warf einen sorgenvollen Blick zum blauen Himmel hinauf.
Es geht schlimm aus
Inhaltsverzeichnis
Als Hedi gegen Mitternacht erwachte, schien der Mond in vollem Glanz auf ihr Bett. Ein Weilchen blinzelte das Kind zum Himmel hinauf, dann entfuhr ihm ein tiefer Seufzer. Was mochte wohl der arme Paul machen, der mit so großen Schmerzen im Bett lag? Morgen, wenn wieder die Sonne schien, wollte Hedi zu ihm fahren, am Bett des kleinen Freundes sitzen und ihn trösten.
Das Kind warf sich unruhig hin und her. Schließlich kletterte es aus dem Bettchen und trippelte ans Lager der Mutter. Sie schlief, und Hedi betrachtete beim Mondenschein das liebe, freundliche Gesicht.
»Schläfst du sehr schön, Mutti? – Ist die Traumfee bei dir?«
Frau Sandler schlug die Augen auf und blickte erschrocken auf den kleinen Hemdenmatz, der in helle Freude ausbrach, als er die Mutter wach sah. Der Vater wurde gleichfalls munter.
»Aber Hedi, was willst du denn, du sollst schlafen.«
»Ach, Vati, der Mond ist auf mein Bett gefallen und hat mir zugelacht. – Ob der Paul auch den Mond sieht?«
»Unser kleiner unartiger Puck bist du wieder einmal. Marsch ins Bett!«
»Mutti – warum nennst du mich manchmal Hedi und dann wieder Puck? Der Paul heißt doch immer nur Paul?«
»Weil du wie ein kleiner Waldgeist nachts umherläufst. Gerade so, wie es der andere Puck getan hat.«
»Welcher andere Puck, Mutti?«
Hedi machte den Versuch, ins Bett der Mutter zu steigen, doch Frau Sandler wehrte ab.
»Geh zurück in dein Bettchen und schlafe, sonst erkältest du dich, und es könnte schlimm ausgehen.«
»Es geht nicht schlimm aus, Mutti, wenn ich in deinem Bett bin.«
»Morgen früh«, sagte der Vater streng, »darfst du kommen. Jetzt marsch zurück ins Bett!«
»Erzählst du mir morgen früh von dem anderen Puck?«
»Ja – doch nun schlafe.«
Hedi kletterte zurück in ihr Bettchen, blinzelte dann nochmals hinauf zum Mond und sagte:
»Guck mal, Mutti, der Mond macht heute ein liebes Gesicht.«
»Er wird gleich ein böses Gesicht machen, wenn du nicht still bist.«
Zehn Minuten später schlief das Kind wieder, wachte aber auf, als draußen die ersten Vöglein ihr Frühlingslied sangen. Auch jetzt spähte Hedi zu den Betten der Eltern hinüber; sie warf sich hin und her, um Vati und Mutti zu wecken. Gar zu gern hätte sie die Geschichte von dem anderen Puck gehört, jenem Waldgeist, der auch ihren Namen trug.
Kaum hatte die Mutter die Augen aufgeschlagen, da war das Kind da und kletterte in ihr Bett.
»Du bist wirklich ein kleiner Irrwisch«, tadelte die Mutter.
»Ich bin Hedi-Pucki. – Erzähle mir die Geschichte vom Pucki.«
»Nun paß mal gut auf«, sagte der Vater. »Als du noch viel kleiner warst als heute, bist du schon solch unruhiges Mädchen gewesen und hast deine Mutter nachts nicht ruhen lassen. Dann bist du uns am Abend öfters in den Wald gelaufen, und wir haben dich gar oft suchen müssen. Gerade so macht es der kleine Waldgeist Puck, der die Menschen Tag und Nacht nicht in Ruhe läßt und allerlei Streiche ausdenkt, die meistens schlimm ausgehen.«
»Oh – Vati, ich denke mir keine Streiche aus.«
»Na, na, Hedi – du hast schon allerlei Tollheiten angestellt. Und gut ging es auch nicht immer aus.«
»Hast recht, Vati, gestern hab' ich den Paul mächtig verprügelt; da war er so böse, daß er auf einen Baum kletterte, und dann ist er 'runtergefallen, und das Bein ist nun kaputt. – Das ist auch nicht gut ausgegangen.«
»Du mußt daher diese tollen Streiche in Zukunft unterlassen, Hedi.«
»Da bin ich dann aber kein Pucki mehr, und ich möchte gern euer Pucki bleiben.«
»Aber unser artiger Pucki, der seine Mutter nicht so ärgert, wie es der Waldpuck getan hat.«
»Was hat er denn gemacht?«
»Er sitzt auf den Bäumen, wirft mit Kienäpfeln und Eicheln, seine Mutter hat es ihm schon oft verboten, doch er hört nicht darauf. Darum hat sie ihn auch nicht wachsen lassen. So ist er immer ein ganz kleiner Junge geblieben.«
»Ich möchte aber ganz groß werden.«
»Groß werden nur artige Kinder.«
»Ach nein, Vati, Onkel Niepel hat gesagt, seine Jungens sind furchtbar unartig, und der Paul ist auch schon groß.«
»Na, der Paul, der paßt zum Pucki, er ist wie der Mucki.«
»Wer ist Mucki?«
»Die Waldfrau hatte außer dem Pucki noch ein zweites Kindchen, ein sehr eigensinniges Kindchen. Dem wuchs auf der Stirn ein Muckenhorn. – Du hast auch manchmal Mucken, das weißt du doch?«
»Wächst mir auch ein Horn auf der Stirn?«
»Bis jetzt noch nicht. – Aber dem Mucki von der Waldfrau ist das Horn gewachsen.«
»Kann man den Mucki auch mal sehen?«
»Solch kleine Waldgeister sind für uns Menschen meistens unsichtbar. Wenn aber ein Kind mal sehr unartig ist, kommt der Mucki, tippt es auf die Stirn, und dann wächst ihm auch solch ein Horn.«
»Wie den Ziegenböckchen.«
»Ich denke, unsere kleine Hedi wird ein liebes Mädchen sein, keine tollen Streiche machen wie Pucki und auch nicht so eigensinnig sein wie Mucki.«
»Ich möchte gar zu gern die Kinder von der Waldfrau mal sehen. Vati, nimmst du mich bald mal mit in den allerdunkelsten Wald?«
»In unserem Wald ist kein Pucki und auch kein Mucki.«
»Na«, sagte Hedi erleichtert, »dann kann er ja auch nicht kommen und mit dem Finger auf die Stirn tippen. – Dann ist's ja gut.«
»Na, na, sieh dich nur vor. Der Mucki kommt schnell mal durch die Luft geflogen, und wenn du unartig bist, kann es schlimm ausgehen.«
»Wird schon nicht schlimm ausgehen«, beharrte Hedi. Aber den ganzen Vormittag über dachte sie doch an die Kinder der Waldfrau. Heute nachmittag, wenn sie wieder zum Paul fuhr, wollte sie ihm von den beiden Waldgeistern erzählen.
Der Vater, der mit Harras in den Wald gegangen war, kam heute früher als sonst heim.
»Biste schon da, Vati?«
»Ja, mein Kind, Onkel Oberförster wird sogleich kommen, er will den Vati sprechen.«
»Mit dem Auto?«
»Wahrscheinlich.«
»Oh – dann darf ich wieder drücken, und es tutet!«
»Das sollst du nicht, Hedi.«
»Wenn er's doch so furchtbar gern hat, er lacht dann immer.«
Zehn Minuten später fuhr Oberförster Gregor bei dem Forsthaus vor. Er war ein freundlicher, älterer Herr, der das kleine Mädchen zur Begrüßung hoch emporhob und hin und her schwenkte.
»Darf ich mal drücken?«
»Du meinst an der Hupe? – Na ja – komm!«
Hedi strahlte, als sie die Hupe wohl zwanzigmal nacheinander ertönen lassen durfte. Schließlich kam der Vater hinzu, und der Spaß hatte ein Ende. Während die beiden Herren im Forsthause saßen, schlich das Kind erneut hinaus, kletterte über den verschlossenen Wagenschlag und begann abermals mit dem herrlichen Konzert. Die Mutter kam herbei und untersagte dem Töchterlein diese Spielerei.
»Das Auto gehört dem Onkel Oberförster. Du wirst die Hupe entzweimachen. Komm heraus, man darf nicht an die Sachen anderer Leute gehen.«
Sehr betrübt folgte Hedi der Mutter, die die Kleine nochmals eindringlich ermahnte, die Autos nicht zu berühren.
»Es würde dir auch nicht gefallen, Hedi, wenn ein anderer deine Spielsachen nähme.«
»Ein Auto ist aber kein Spielzeug, Mutti, sondern ein großer Wagen.«
Große Freude gab es am heutigen Vormittag für das kleine Mädchen. Oberförster Gregor erklärte sich bereit, die Kleine nach dem Niepelschen Gutshause zu fahren, dort abzusetzen und nach einer halben Stunde, in der er eine Besichtigung vorzunehmen hatte, wieder ins Forsthaus zurückzubringen.
»Du kannst dich gleich nach deinem kranken Spielkameraden umsehen«, sagte der Vater. »Wer weiß, ob heute eine Gelegenheit wäre, hinaus aufs Gut zu fahren.«
Hedi war überglücklich. Sie durfte direkt neben dem Oberförster ganz vorn sitzen, durfte an der Hupe drücken und sogar einmal das Steuerrad anfassen, an dem der Onkel drehte.
»Fürchtest du dich nicht, wenn wir durch den Wald fahren?«
»O nein, wir fürchten uns nicht, Onkel.«
»Wenn aber ein Hirsch oder ein Reh kommt?«
Hedi lachte. »Das sind gar liebe Tierchen, sie haben mich gerne.«
»Wenn aber der Schornsteinfeger kommt – fürchtest du dich dann?«
»Wir fürchten uns nicht, Onkel Oberförster. Alle die lieben grünen Bäume passen auf, daß Hedi nichts passiert.«
»Bist du aber ein tapferes kleines Mädchen. Das ist brav von dir. Du spielst wohl sehr gern mit den Niepelschen Jungen?«
»O ja, sehr gern!«
»Vielleicht bekommst du auch nächstens ein kleines Brüderchen oder ein Schwesterchen. Dann brauchst du nicht erst auf das Gut zu fahren, dann kannst du daheim mit dem Brüderchen tollen.«
»Aber dann möchte ich ein Brüderchen, so wie der Fritz ist, nicht so einen frechen Jungen wie der Paul.«
»Erst bekommst du ein ganz kleines Brüderchen, noch viel kleiner als die Dora.«
»Nein, Onkel, so klein möchte ich es nicht, dann schreit es immer gleich wie die Dora. Ich möchte ein Kindchen haben, mit dem ich gleich Verstecken spielen kann. Wir gehen dann zusammen in den Wald.«
»Deine Mutti will erst ein ganz kleines Kindchen haben.«
»Ach, die Mutti ist sehr gut, ich werde ihr sagen, wir möchten gleich ein großes Kindchen, dann wird sie es schon machen.«
»Du mußt auch mit einem kleinen Schwesterchen zufrieden sein, Hedi.«
»Dann möchte ich schon lieber ein Paar Klotzpantinen und kein Schwesterchen, das immerzu schreit. – Oder ein Schmalzbrot von der Gans mit ohne Wurst.«
»Du hast recht merkwürdige Wünsche, kleines Mädchen. – Nun schau, gleich sind wir da.«
Hedi griff nach der Hupe und ließ sie mehrmals laut ertönen. Lachend hob der Oberförster das Kind aus dem Wagen, begrüßte Frau Niepel herzlich und sagte, daß er die Kleine bei seiner Rückkehr in einer knappen Stunde wieder abholen würde, um sie zurück ins Forsthaus zu bringen.
Paul war sehr erfreut, als er die Spielgefährtin erblickte. Der Arzt hatte tatsächlich einen Knöchelbruch festgestellt und das Bein des Knaben in Gips gelegt. Selbstverständlich schmerzte der Bruch, und Paul begann erneut zu weinen, als er mit Hedi sprach.
»Na, weine mal nicht«, tröstete ihn das Kind, »vielleicht komme ich morgen mit meinem Bruder her; dann spielen wir zusammen.«
»Wo hast du denn einen Bruder?«
»Onkel Oberförster hat es gesagt, daß wir uns einen Bruder anschaffen, aber gleich einen großen, der mit uns spielt. Der wird sich freuen, wenn er in dem schönen grünen Wald ist.«
Hedi erzählte dem Kranken eingehend von der Waldfrau, von Mucki und Pucki. Außerdem dachte sie sich noch andere schöne Geschichten von den beiden Kobolden aus. Das machte sie immer so.
»Wenn du wieder gesund bist, suchen wir Pucki und Mucki, Paul. Oh« – sie horchte auf – »da ist schon der Onkel Oberförster, es tutet.«
Mit betrübtem Gesicht stürmte Hedi davon. Doch es war nicht der Wagen des Oberförsters. Es war ein kleineres Auto von grauer Farbe, aus dem zwei Herren stiegen. Hedi verbarg sich hinter der Haustür; die beiden Männer mit den langen Bärten flößten ihr doch ein wenig Unbehagen ein. Auch Fritz kam neugierig herbeigelaufen; Hedi hielt ihn fest.
»Das sind zwei schlimme Männer«, flüsterte sie.
Die Herren wurden von dem Gutsbesitzer begrüßt und in sein Arbeitszimmer geführt. Es handelte sich um zwei Händler aus der Stadt, die zu Niepel herauskamen, um einen geschäftlichen Abschluß zu machen.
»Du –«, sagte Fritz, »wir wollen mal tuten.«
»Wir dürfen nicht. Mutti hat gesagt, wir sollen kein Auto anfassen, es würde uns auch nicht gefallen, wenn jemand unsere Puppen anfaßt und damit spielt.«
»Aber wir können doch ein bißchen gucken?«
Hedi schielte nach den Fenstern des Wohnhauses hinüber. »Sie sehen uns und schimpfen.«
Die beiden Kinder standen in der Haustür und betrachteten das Auto, das so ganz anders war wie das des Oberförsters.
»Was er wohl da hinten in der Klappe haben mag? – Du, ich möchte die Klappe mal aufmachen«, meinte Hedi.
Es handelte sich hier um einen kleinen Wagen, der einen sogenannten Notsitz hinten hatte. Diese Klappe regte die Phantasie der Kinder auf das höchste an. Was mochten die beiden Männer dort hineingesteckt haben?
»Wo sind sie denn, die Männer?« fragte Hedi.
»Ich werde mal ein bißchen drücken. Wenn sie nicht kommen, sind sie weit weg. Manchmal geht der Vater mit den Männern über den Hof und in die Ställe. – Wollen wir mal drücken?«
»Guck doch mal, wo Onkel Niepel ist!«
In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür, und wieder huschten die beiden Kinder in ihr Versteck.
»Kommen Sie, wir gehen hinüber nach der Scheune«, sagte der Gutsbesitzer.
Hedi kniff den Spielgefährten vergnügt in den Arm. Um zur Scheune zu gelangen, mußte man über den großen Hof, das war sehr weit.
»Ob wir uns nu mal die Klappe ansehen?«
Fritz war mutiger als Hedi; er kletterte auf den Wagen. Vom Vordersitz aus war es möglich, den großen Deckel, wie Hedi sagte, aufzuheben.
»Guck«, rief Fritz voller Begeisterung, »hier geht es ganz tief 'runter. – Kriech mal 'rein, dann mache ich die Klappe zu.«
Zwei neugierige Kinder beugten sich interessiert über den Notsitz.
»Kriech doch mal 'rein«, meinte Fritz. »Wollen mal gucken, was da unten ist.«
Kopfüber kroch das kleine Mädchen über den Sitz in das Loch hinein.
»Au, fein«, rief Hedi, »hier unten ist es ganz schwarz. – Komm, wir spielen Verstecken.«
»Wenn die Räuber kommen und die Indianer, so finden sie uns nicht. Hörst du sie schon? Es sind Wölfe, die brüllen. Wir müssen ganz still sein.«
Auch Fritz verschwand unter der Klappe, die über den Kindern zufiel. Es war einfach herrlich, hier völlig ungesehen im Wagen zu sitzen.
»Jetzt sind die Räuber schon nahe«, flüsterte Fritz. »Du bist meine Frau, dich wollen sie holen. Ich aber beschütze dich.«
Nun begann ein erregtes Flüstern. Die beiden freuten sich, daß die Räuber sie nicht fanden. Schließlich meinte Hedi:
»Nun sind sie weg, nun wollen wir wieder 'rauskriechen.«
Gerade als sie die Klappe öffnen wollten, klirrte zu ihren Füßen etwas. Erschrocken hielt Hedi den Atem an.
»Haben wir was kaputt gemacht?«
Die Kinder beugten sich tiefer; sie faßten in Scherben und in eine Flüssigkeit.
»O weh«, meinte Hedi erschrocken, »was wird nun werden? Wenn die schwarzen Männer kommen – – es wird schlimm werden!«
Am liebsten hätte sie geweint. Die Ermahnungen der Eltern fielen ihr ein. Erst heute früh hatte die Mutti davon gesprochen, daß ein schlimmer Streich mitunter übel ausgehen könne, daß man ein Auto in Ruhe lassen soll.
»Wir wollen schnell wieder 'raussteigen«, meinte Fritz. Er wollte die Klappe öffnen, aber ... »Der Vater!«
Die Kinder hörten, daß der Gutsbesitzer mit den beiden Herren zurückgekommen war und im Vorgarten stand. Das Herz klopfte den beiden stürmisch. Wenn die Männer die Klappe aufmachten – – Es war nicht auszudenken!
Hedi klammerte sich an den Arm des Freundes; regungslos verharrten beide in dem dunklen Versteck.
»Meine Hand ist wie Honig«, sagte Hedi. – »Es klebt alles fest.«
»Sei still!«
Angstvolle Minuten vergingen. Die Männer standen mit dem Vater am Wagen. – Jetzt begann der Wagen zu wackeln, die beiden Männer stiegen ein – Hedi wollte schreien, doch kein Laut kam ihr über die Lippen.
Immer enger drückten sich die beiden Kinder aneinander. Was eben noch im Spiel gesagt worden war, erschien ihnen grausame Wirklichkeit. Vorn saßen zwei Räuber, alte, große Räuber mit langen, schwarzen Bärten. Sie entführten das Pärchen.
»Mach doch die Klappe auf«, sagte Fritz mit tränendurchzitterter Stimme.
»Nein, laß die Klappe zu«, flüsterte Hedi.
»Ich hab' Angst!«
»Ich auch!«
»Sie fahren uns fort – – wir werden sagen, sie sollen anhalten.«
Leise und behutsam wurde die Klappe ein wenig geöffnet. Vier verängstigte Kinderaugen schauten heraus. – Richtig, direkt vor ihnen saßen die beiden Männer. Sollte man sie antippen und bitten: Laßt uns frei, wir wollen auch niemals wieder das Auto anfassen!
»Die kleinen kann ich nicht leiden«, sagte der eine der Männer laut.
Leise schloß sich die Klappe. »Haste gehört«, flüsterte Fritz, »er mag kleine Kinder nicht. – Wie wird es uns ergehen.«
Hedi sank in sich zusammen. »Es wird schlimm ausgehen, hat die Mutti gesagt, wenn man einen tollen Streich macht. Nachher schmeißen sie das Auto um – wir fallen 'raus und sind tot. – Ätsch, an mir klebt alles!«
Schneller und immer schneller fuhr das Auto dahin. Wieder wurde behutsam die Klappe ein wenig aufgestoßen, und wieder lauschte Hedi angstvoll auf die Unterhaltung der beiden Männer.
»Das lassen Sie meine Sorge sein, die Schläge werde ich Ihnen schon geben.«
Bums – fiel die Klappe wieder zu.
Hedi hätte am liebsten geweint, doch fürchtete sie sich, daß es die beiden Männer hören könnten. Allerlei Verzweiflungspläne erstanden in den Kinderköpfen. Vielleicht hielt der Wagen irgendwo an, dann wollten sie herausspringen, in den Wald laufen, dort, wo er am dichtesten wäre. Dann konnte das Auto nicht nachkommen.
»Er will uns schlagen – er wird uns fürchterlich prügeln. – Nun haben wir da unten noch was zerbrochen. – Ach, ich bin ein armer Pucki! Es geht wieder schlimm aus!«
Während Hedi die klebrigen Hände vor das Gesicht legte, um nichts zu sehen und zu hören, öffnete Fritz zum drittenmal die Klappe. Man hatte den Wald verlassen, fuhr durch Felder und Wiesen. Nach Rahnsburg konnte es gewiß nicht mehr weit sein. Vielleicht hielt der Wagen dort an, dann konnten sie entfliehen.
»Sie müssen sie natürlich erst ein paar Tage einsperren.«
»Haste gehört«, flüsterte Fritz. »Er will uns erst ein paar Tage einsperren. – Ach, warum sind wir in den Wagen gekrochen!«
Nun wurde die Klappe nicht mehr geöffnet. In Angst und Schrecken harrten die beiden Kinder des Augenblickes, daß der Wagen hielt, um den furchtbaren Strafen zu entrinnen. Aber es ging weiter und immer weiter. Die Kinder wurden heftig durchgeschüttelt, es schien, als fahre man über holpriges Pflaster.
Die beiden sagten nichts mehr, sie hielten sich umschlungen und warteten auf etwas Schreckliches. Soviel war sicher, daß man sie einige Tage lang einsperren wollte, dann bekamen sie Schläge, und wer wußte, was weiter mit ihnen geschah.
Wie lange die Kinder in dem Auto gehockt hatten, wußten sie nicht. Plötzlich rückte der Wagen hin und her, hupte mehrmals – dann stand er still. Die beiden Männer schienen auszusteigen, doch standen sie jetzt direkt neben der Klappe, so daß die Kinder nicht wagten, sich aufzurichten. Minute auf Minute verrann, dann war es ihnen, als knarrte eine Tür. Ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht – dann war es still.
Wieder wurde die Klappe geöffnet. Die beiden Männer waren fort. Hedi faßte neuen Mut.
»Komm – jetzt laufen wir rasch weg. – Fritz, komm schnell. – Oh, wie siehst du denn aus!«
Daß die Kleine ebenfalls über und über mit dickflüssigem Himbeersaft beschmutzt war, sah sie nicht. Sie sah nur den klebrigen Fritz, der nicht nur im Gesicht, sondern auch am Anzug mit dem feuchten, dicken Saft beschmutzt war. Sie stiegen heraus; Fritz stellte fest, daß der Wagen in der Garage stand, die nur spärlich durch ein Fenster erhellt war. Mit klopfendem Herzen eilte er auf die große Tür zu, stemmte sich dagegen – und begann zu weinen. Die Tür war verschlossen.
»Wir können nicht 'raus.«
Auch Hedi warf sich gegen die Tür, doch alles Bemühen der Kinder war vergeblich. Die Getreidehändler hatten den Wagen gut verwahrt. – Nun waren sie gefangen.
Fritz begann laut zu weinen. Er schluchzte so jammervoll, daß Hedis Herz in Mitleid erbebte. Sie nahm den Kopf des Buben zwischen ihre schmutzigen Hände, streichelte sein blondes Haar und sagte in mütterlicher Besorgnis:
»Weine mal nicht so sehr, ich bin ja bei dir. Sie dürfen dir nichts tun. – Wollen wir sehen, daß wir durchs Fenster kriechen?«
Doch das kleine Fenster war viel zu hoch, und in der Garage war nichts, an dem die Kinder hätten emporklettern können. Nur mehrere Blechkannen standen im Winkel, die sich trotz ihres Mühens nicht übereinander stellen ließen.
»Nun müssen wir immer hier bleiben«, schluchzte Fritz. »Ich kann nicht mehr heim zu den Eltern. Die Leute halten uns gefangen.«
Auch Hedi dachte mit Entsetzen an die Eltern, die auf ihre Heimkehr warteten. Schon einmal hatte sie der gute Vater eine Stunde lang gesucht. Strenge Strafe war die Folge ihres Fernbleibens gewesen. – Jetzt sperrte man sie hier tagelang ein, nur weil sie ein bißchen ins Auto geklettert waren, um nachzusehen, was in dem schwarzen Kasten wäre.
Trotzdem tröstete sie den weinenden Fritz immer aufs neue.
»Ich werde immerzu an die Tür bumsen, dann kommt der Mann. Ich werde ihm sagen, daß ich zuerst in den Kasten gekrochen bin, daß er dich nicht hauen soll, weil du noch so'n kleiner Junge bist. Dann haut er nur mich, und du kannst gehen.«
»Haut er nur dich?«
»Ja –«, sagte Hedi kleinlaut. Ihr war bei diesem Gedanken gar nicht wohl, doch der Fritz tat ihr sehr leid. Er sah gar zu häßlich aus in dem beschmutzten Anzug.
Vereint hämmerten die Kinder mit den kleinen Fäusten gegen die Tür. Hätten sie gewußt, daß die Garage des Getreidehändlers abseits in einem großen Hofe stand, wäre ihr Mut noch mehr gesunken. Niemand ahnte, daß hier zwei verängstigte Kinder eingesperrt waren.
»Ich hab' Hunger«, jammerte Fritz.
»Warte mal noch ein Weilchen«, tröstete Hedi. »Es wird gleich einer kommen und uns was zu essen bringen.«
Aber es kam keiner. Von Zeit zu Zeit schlugen die Kleinen vereint gegen die Tür der Garage, um sich bemerkbar zu machen. Als aber Stunde auf Stunde verrann, erlahmten ihre Kräfte. Hinzu kam die immer größer werdende Angst.
Fritz kauerte in der Ecke der Garage. Sein Kopf war vornübergesunken; er war vom Weinen und von der Erregung müde geworden. – Hedi blickte sich suchend um, ob sie dem Erschöpften nicht ein besseres Lager bereiten könnte. – Dort stand das Auto mit den weichen Polstern. Doch hatten die Kinder Angst, einzusteigen. Schließlich überwog das Mitleid.
»Komm, Fritzchen, ich setze dich in den Wagen.«
»Ich will nicht in den Wagen!«
»Komm nur, er tut dir nichts, ich passe auf.«
Hedi umfaßte den Spielgefährten und führte ihn wie eine sorgsame Mutter zum Auto und drückte ihn auf den Polstersitz.
»Hier kannste schlafen, Fritzchen. Morgen früh bekommen wir dann Frühstück – Milch und Kuchen und Honig und eine Gänseschmalzschnitte. Das bringt uns die Waldfee. Ich will es ihr sagen. Und dann können wir auch wieder nach Hause gehen.«
»Ich habe so große Angst.«
Hedi kroch neben den Freund auf den Sitz, legte dessen Lockenköpfchen an ihre Schulter und flüsterte: »Es darf dir keiner was tun. Der liebe Gott ist in jedem Winkel, er ist auch in der Garage. Und wenn er vielleicht auch böse auf uns ist, er wird schon wieder gut werden. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben.«
Fritz war so erschöpft, daß ihm noch während der Worte des kleinen Mädchens die Augen zufielen.
Aber Hedi konnte noch lange nicht schlafen. Jetzt erst überkam sie erneut die Sorge. Sie wußte, daß sie von den Eltern gesucht würde, und sie wußte auch, daß sie heute sehr unfolgsam gewesen war, daß es heute sehr schlimm ausging.
»Lieber Gott – liebe Traumfee und liebe Waldmutter, sieh doch zu, daß wir hier bald heraus können. Ich habe ja solche große Angst!«
Dann schlief Hedi ein. Die Traumfee meinte es auch wirklich gut mit den Kindern. Sie führte die Kleinen im Traum in den schönen grünen Wald, zeigte ihnen Hirsche und Rehe, während sie eng aneinandergeschmiegt in dem Auto saßen und im Schlummer ihr großes Leid und ihren Kummer vergaßen.
Die beiden schliefen noch, als am anderen Morgen gegen neun Uhr der Getreidehändler Henschel die Garage betrat, um eine Fahrt über Land anzutreten. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er die beiden beschmutzten Kinder sah, die gar friedlich aneinandergelehnt im Schlummer lächelten. Wie kamen die Kleinen hierher? Die Garage war fest verschlossen. Beim näheren Betrachten erkannte er den kleinen Sohn des Gutsbesitzers Niepel. Womit hatten sich die Kinder so beschmutzt? Da fiel ihm ein, daß er gestern in der Stadt mehrere Flaschen Himbeer- und Zitronensaft gekauft hatte, die hinten im Auto standen. – Waren die Kleinen in den Notsitz gekrochen und unfreiwillig mitgefahren? Die Ärmsten hatten die Nacht in der Garage verbringen müssen.
Er mußte lachen, als er Hedi antippte. Liebevoll hatte die Kleine ihren Arm um den Knaben geschlungen. Nun wachte sie auf, die blauen Kinderaugen weiteten sich in jähem Schreck. Vor ihr stand der Räuber mit dem schwarzen Bart, der sie gefangen hielt und nun verprügeln wollte.
»Der – der kleine Junge – hat nichts getan – ich habe ihn mitgenommen – – ich – ich – –«
Weiter kam die Kleine nicht, die Angst verschlug ihr die Stimme. – Warum lachte der Mann so sehr?
»Wie kommt ihr denn hierher?«
Nun erwachte auch Fritz. Scheu versuchte er sich hinter Hedi zu verstecken.
»Wir sind da hinten im Kasten gewesen – – wir konnten nicht 'raus – – bitte – – laß uns frei – – wenn du willst, kannst du mich auch ein bißchen hauen, aber nicht den kleinen Jungen – der kleine Junge – –«
»Die ganze Nacht habt ihr hier gesessen? – Lieber Gott, was werden eure Eltern sagen.«
»Es wird sehr schlimm sein«, meinte Hedi. »Aber laß uns jetzt los.«
»Erst nehme ich euch mal mit, damit man euch wäscht, ihr Ferkel! Dann fahre ich euch sofort heim.«
Die Kinder wollten es nicht glauben, daß der böse Mann so gut sein konnte. Sie wagten kaum, aus dem Auto zu steigen.
Der Getreidehändler war allerdings ein wenig bestürzt, als er seinen schmutzigen Wagen sah. Doch zunächst mußten die Kinder gesäubert und heimgebracht werden. Er konnte mit Niepel sogar telephonieren und ihm mitteilen, daß sein Sohn Fritz wohlbehalten bei ihm wäre. Welche Angst mußten die Eltern der Kleinen ausgestanden haben.
In seiner Wohnung wurden die verängstigten Kinder gewaschen und dann von Henschel heimgefahren. Erst hielt er am Forsthause an, um Hedi abzuliefern. Minna, die Magd, empfing das Kind mit heftigen Scheltworten.
»Du bist an allem schuld! Wenn deine Mutti jetzt sehr krank wird, hast du es dir zuzuschreiben, du unartige Pucki! Warte nur, der Vater wird dir das Ausreißen anstreichen.«
»Wo ist denn die Mutti?«
»Sie liegt zu Bett, du darfst nicht zu ihr.«
»Mutti – ach Mutti«, schluchzte Hedi herzbrechend auf, »ich will zur Mutti!«
Während der Getreidehändler mit Minna sprach, kam der Vater aus dem Hause. Hedi eilte auf den Vater zu, doch der wehrte die Umarmung der Kleinen streng ab.
»Vati will dich nicht sehen, er ist so traurig über dich. Vati grämt sich, weil er solch unartiges Kind hat. Die Mutti ist krank.«
»Mutti – Mutti – –«
»Sei jetzt still, Pucki, Mutti darf nicht noch mehr aufgeregt werden.«
»Ich will die Mutti bitten – –«
»Du bleibst bei Minna, Vati hat jetzt keine Zeit für dich.«
In der Küche saß Hedi und weinte leise vor sich hin. Freilich, sie konnte sich denken, daß Vater und Mutter die Nacht über in großer Sorge gewesen waren.
»Ich konnte doch nicht 'raus aus dem Stall – er war fest verschlossen!«
Draußen stand Förster Sandler neben Henschel. Erst jetzt konnte er sich das Verschwinden des Kindes erklären. Man war in größter Aufregung gewesen. Nun schwebte der Förster in Sorge um seine Frau, bei der der Arzt weilte. –
Im Niepelschen Hause gab es für Fritz eine gehörige Tracht Prügel. Der Knabe nahm sie zerknirscht hin.
»Ich bin nur froh«, sagte er zu den Brüdern, »daß er uns nicht noch länger eingesperrt hat.«
Gutsbesitzer Niepel konnte sich das Lachen nicht verbeißen, als er erfuhr, daß die Worte des Getreidehändlers die beiden Kinder so sehr geängstigt hatten. Von den Taubenschlägen hatte Henschel gesprochen; er riet dem Freunde, die Tauben, die er züchten wollte, zunächst einige Tage lang einzusperren. Auch eigneten sich große Taubenrassen besser zur Zucht als kleine, die er persönlich nicht leiden könne. Diese Bemerkungen waren von den verängstigten Kindern falsch ausgelegt worden. Fritz versicherte, er werde niemals wieder in ein Auto steigen.
Das gleiche Versprechen gab auch Hedi. Sie war sehr kummervoll. Wenn nur erst die gute Mutti wieder gesund wäre und ihr verzeihen könnte. Noch schrecklicher als die Fahrt in der dunklen Kiste war der Unwille der Eltern.
Hedi schmiegte den Blondkopf an das braune Fell des treuen Hundes, und indem erneut die Tränen aus ihren Augen tropften, sagte sie unglücklich:
»Lieber Harras, mach doch, daß die Eltern bald wieder gut sind.«
Es schießt
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Mit unzufriedenen Blicken betrachtete Hedi Sandler das winzige Kindchen, das im Wagen lag. Die Eltern hatten ihr gesagt, es wäre das neue Schwesterchen, das ins Forsthaus gekommen sei. – Anfangs freute sich Hedi über diese Kunde und bestaunte das kleine schlafende Püppchen, als aber beim Erwachen lautes Schreien ertönte, schüttelte sie mißbilligend den Kopf.
Das ging nun schon mehrere Tage so. Die Mutti, die ein ganzes Weilchen im Bett gelegen hatte, lief wieder umher, und Hedi fand, daß sie sich viel mehr um den kleinen Schreihals kümmerte als um sie. Jedesmal, wenn das Schwesterchen zu brüllen begann, kam die Mutti herbei, nahm es aus dem Wagen und trug es davon. So beschloß Hedi, auch nicht immer still dazusitzen, sondern die Mutti durch Schreien herbeizulocken.
An einem Vormittag, als das Schwesterchen wieder einmal kräftig geschrien hatte und jetzt schlafend im Wagen lag, fing Hedi an, ganz plötzlich laut zu brüllen. Die in der Küche beschäftigte Mutter eilte herbei. Da lachte das kleine Mädchen aus vollem Halse und sagte schelmisch:
»Jetzt mache ich es immer genau so wie das kleine Schwesterchen. – Kommst du auch immer zu mir, wenn ich brülle?«
»Warum schreist du so sehr?«
»Ich wollte nur sehen, ob du auch kommst, weil du immer kommst, wenn das kleine Schwesterchen schreit. Hedi will auch, daß die Mutti oft zu ihr kommt.«
»Schäme dich, Hedi, die Mutti von der Arbeit fortzuholen. – Du bist viel zu groß, um solch Geschrei anzustimmen, wenn dir nichts fehlt.«
Seit dieser Bemerkung der Mutter wurde Hedi noch nachdenklicher. Man mußte also ein ganz kleines Ding sein, dann durfte man schreien. Die Dora von Tante Niepel schrie auch immer. – Nicht mal spielen durfte sie mit der kleinen Schwester. Das war kein Mädchen, das war auch keine Puppe, nicht mal ein Teddybär.
»Vati«, schmeichelte das Kind eines Nachmittags, als Förster Sandler von einem Rundgang durch den Wald heimkam, »nimm das Kind wieder mit in den Wald, wir möchten unter uns sein; wir können das Kind nicht brauchen.«
»Aber Hedi – du mußt dich doch über das Schwesterchen freuen.«
»Ach, nein, Hedi freut sich gar nicht. – Nimm es nur wieder mit! – Warum ist es denn grade zu uns gekommen?«
»Nun, unsere Hedi war fortgelaufen, ist eine ganze Nacht weggewesen, da haben wir uns eben ein anderes kleines Mädchen geholt.«
Die Kleine überlegte. Es stimmte, was der Vater sagte. Damals, als sie von dem schwarzen Manne mitgenommen wurde und schreckliche Angst im Auto ausgestanden hatte, hatten die Eltern sorgenvoll nach ihr gesucht. Sehr bald darauf war dann das kleine Ding dagewesen, das im Wagen lag und schrie.
»Hätt' ich gewußt, Vati, daß so ein unartiges Ding zu uns kommt, wäre ich nicht in die Kiste beim Auto gestiegen. – Ach, Vati, ich bin eben ein Pucki, und wenn ein Pucki was anfängt, geht es immer schlimm aus. Jetzt haben wir den kleinen Schreihals auf dem Halse. – Du, Vati, wollen wir nicht der Mutti ganz heimlich 'ne Freude machen und das kleine Schwesterchen 'rausschmeißen? Sie wird sich sehr freuen, wenn sie nicht immerzu laufen muß, wenn es schreit.«
»Du mußt dein kleines Schwesterchen sehr liebhaben, Hedi. Das hat uns der liebe Gott aus dem Himmel geschickt.«
»Vielleicht wollte er es nicht mehr haben, weil es so viel schreit. – Wir wollen ihm doch sagen, er soll es wieder in den Himmel holen.«
»Schäme dich, Hedi! Das Schwesterchen wird größer, dann läuft es und spielt mit dir im Garten und im Walde.«
»Aber morgen kann es noch nicht mit mir spielen?«
»Dummerchen, so schnell geht es nicht.«
Von nun an beobachtete Pucki die Kleine noch aufmerksamer. Wenn sie am Wagen stand, so sprach sie oftmals auf das schlafende Baby ein.
»Dummer Schreihals – nun wachs aber endlich! Ich will doch mit dir spielen!«
Sie konnte sich mit dem Baby nicht anfreunden und ging auch nach wie vor lieber nach dem Niepelschen Gut, um die Drillinge zu besuchen, als daß sie neben der Mutter herlief, die das Baby oftmals im Kinderwagen im Wald spazieren fuhr. Freilich, bei Niepels war auch manches anders geworden. An jedem Morgen fuhr der Kastenwagen mit den Milchkannen Walter und Fritz zur Schule nach Rahnsburg. Hedi stand oft vor der Tür des Forsthauses, wenn der Wagen vorüberkam und winkte den Knaben zu. Wenn das Gefährt dann gegen Mittag zurückkam, wurde meist angehalten; es begann ein lebhaftes Fragen und Antworten. Walter fand es schrecklich in der Schule, Fritz dagegen behauptete, es sei furchtbar ulkig und man könnte dort allerlei Späße machen. Paul lag nun nicht mehr zu Bett, er durfte jedoch noch nicht weit gehen, um das gebrochene Bein, das langsam zu heilen anfing, nicht anzustrengen. Er sehnte die Stunde herbei, in der er wieder frei herumspringen durfte, und hatte Hedi hoch und heilig versprochen, niemals wieder den Knecht zu ärgern, denn er wisse nun, was ein Hinkeldei sei.
An einem Vormittag, als Hedi wieder einmal mit der geliebten Puppe im Garten des Forsthauses saß, unweit des Kinderwagens, kam ein Auto. Neugierig blickte das kleine Mädchen dem Wagen entgegen, ließ aber im nächsten Augenblick erschreckt die Puppe fallen, denn es erkannte in dem Fahrer jenen schrecklichen Mann mit dem schwarzen Bart. Das war auch derselbe graue Wagen mit der Kiste hintendran, in der sie die entsetzliche Fahrt zurückgelegt hatte.
Der schwarzbärtige Mann war für Hedi noch immer ein Schrecken. Obwohl er freundliche Worte mit ihr gewechselt hatte, glaubte sie doch nicht recht an seine Ehrlichkeit. Zu deutlich standen die entsetzlichen Stunden, die sie im Wagen und später in der Garage verlebt hatte, noch in ihrer Erinnerung.
»He, holla, kleines Mädchen!«
Hedi blieb stehen und sah mißtrauisch auf den schwarzen Mann, der aus dem Auto stieg und durch den Garten geschritten kam.
»Kennst du mich noch?«
Hedi nickte.
»Du brauchst mich nicht gar so ängstlich anzusehen, kleines Mädchen, ich tue dir nichts; im Gegenteil, ich habe dir was Schönes mitgebracht.«
Noch immer stand das Kind regungslos in der Haustür, um jeden Augenblick zur Mutter zu laufen, falls der schwarze Mann Miene machen sollte, sie erneut in den Kasten zu stecken.
»Schau mal, da ist ja noch ein kleines Kindchen. Ist das dein Brüderchen oder dein Schwesterchen?«
»Ja.«
»Da freust du dich wohl sehr?«
Hedi schüttelte den Kopf, »Mutti hat es geholt, als ich nicht nach Hause kam. – Willst du es mitnehmen?«
»Nein, nein, ich will dir nur etwas bringen. Warte noch einen Augenblick. Für dich und deinen kleinen Freund habe ich ein paar Luftballons.«
Luftballons? Darunter konnte sich Pucki nichts vorstellen. Von Luftballons hatte die Kleine noch nichts gehört. Langsam und vorsichtig folgte sie dem Getreidehändler Henschel, der aus dem Wagen sechs bunte Gasballons hervorholte. Jeder Ballon war an einem langen Faden befestigt und schwankte lustig in der Luft hin und her.
Hedis Augen leuchteten auf. Die blauen, roten, grünen und gelben Ballons gefielen ihr sehr. Sie streckte beide Hände danach aus.
»Kann ich sie kriegen?«
»Ja, für deinen Freund habe ich noch andere im Wagen.«
Er reichte dem kleinen Mädchen fünf Ballons und behielt einen blauen zurück.
»Du mußt sie gut festhalten. Wenn sie fortfliegen, kommen sie nicht wieder. Dann gehen sie bis in die Wolken.«
Hedi hörte kaum auf die Worte. Sie riß an den Bindfaden hin und her und jauchzte vor Freude laut auf, als die Ballons immer wieder zur Höhe strebten. Sie lief im Garten mit den Luftballons immer auf und ab.
»Nun paß mal auf, kleines Mädchen, wie hoch solch ein Ballon fliegt, wenn ich ihn loslasse.«
Nach diesen Worten riß Henschel die Schnur entzwei, an der der Ballon schaukelte. Kerzengerade stieg er in die Luft.
Hedi ließ kein Auge davon ab. Von Zeit zu Zeit stieß sie einen Freudenschrei aus, weil der Ballon immer höher schwebte.
»Können wir ihn nicht endlich zurückrufen?«
»Nein, das geht nicht – der ist nun weg, der fährt in die Wolken.«
»Zu den Englein?«
»Ja – er sagt den Englein guten Tag.«
»Und den Sternen auch?«
»Jawohl.«
»Oh – ich möchte auch mal so hoch fliegen und die Sterne anfassen und den Englein guten Tag sagen.«
»Wie der kleine Pitt.«
»Wer ist der kleine Pitt?«
Der Getreidehändler lachte. Dieses niedliche blonde Mädchen machte ihm Spaß. Warum sollte er ihm nicht ein Märchen erzählen.
»Ist der kleine Pitt zu den Englein geflogen?«
»Ja, der kleine Pitt war ein ganz kleiner Junge, genau so klein wie du. Man hatte ihm viele solcher Luftballons geschenkt, da hat er sich einen an den Arm, einen ans Bein, einen um den Hals gebunden und dann hat er die anderen auf die Erde gelegt, hat sich daraufgesetzt und husch – ist er losgeflogen. Die Ballons haben ihn immer höher getragen, bis in die Wolken.«
»Ist er denn nicht 'runtergefallen?«
»O nein, der kleine Pitt saß ganz ruhig auf den Ballons. Dann ist er in die Wolken gekommen, hat den Sternen und dem Mond guten Tag gesagt – –«
»Hat der Mond ein gutes oder ein böses Gesicht gemacht?«
»Ein gutes Gesicht. Er sagte zum kleinen Pitt: Nun bleib mal ein bißchen bei mir, ich werde dir die Mondwiese zeigen. Auf der Wiese weiden viele Kühe und Schafe.«
»War auf der Wiese grünes Gras?«
»Jawohl, wunderschönes grünes und blaues Gras. Ganz so blau wie der Himmel.«
»Blaues Gras hat Onkel Niepel aber nicht.«
»Beim Mondmännchen ist das anders, das Mondmännchen hat ganz große Kühe, viel größer als die bei Onkel Niepel. Das sind die Mondkühe. Dann hat das Mondmännchen die Kühe gemolken, und der kleine Pitt hat viel gute Milch bekommen.«
»Er hat wohl mächtigen Hunger gehabt, weil er so lange in die Luft hineingefahren ist?«
»Dem kleinen Pitt hat es bei dem Mondmännchen sehr gut gefallen. An jedem Morgen ist er hinaus auf die Mondwiese gelaufen und hat die Kuh gemolken und frische Milch getrunken.«
»Da wird ihn seine Mutti aber sehr gesucht haben. Sie wird sich inzwischen wohl auch ein kleines Schwesterchen angeschafft haben.«
»Das hat sie gewiß getan. Darum kümmerte sich der kleine Pitt aber nicht. Er sprang lustig auf der Mondwiese zwischen den Kühen umher und hat schöne Blumen gepflückt. Und eines Tages hat das Mondmännchen zu ihm gesagt, er solle die Milch der Kühe in einen Eimer melken, damit die gute Milch nicht auf der Wiese umherläuft. Doch der Pitt hörte nicht, im Gegenteil, er hat aus Übermut die Kühe gemolken und die Milch auf die Wiese fließen lassen. Da ist die schöne blaue Wiese langsam weiß geworden. Darüber wurde das Mondmännchen sehr böse und hat den Pitt wieder auf die Erde geschickt.«
»Ist dann die Wiese wieder blau geworden?«
»Nein, die Wiese ist heute noch weiß. Das kannst du an jedem Abend, wenn die Sterne recht schön scheinen, deutlich sehen. Laß dir mal von deinem Vater die Milchstraße am Himmel zeigen.«
Hedi machte kreisrunde Augen. »Trippt denn die Milch nicht 'runter?«
»Nein, die bleibt hübsch oben auf der Mondwiese, damit alle Menschen sehen, wie unartig der kleine Pitt war. – So, mein kleines Mädchen, nun muß ich aber wieder weiterfahren. Paß gut auf die Ballons auf, laß sie nicht fortfliegen. – Schau mal, der blaue, der uns davonflog, ist nur noch ein ganz kleines Pünktchen.«
Der Getreidehändler war davongefahren. Hedi stürmte mit den fünf bunten Ballons durch den Garten. Das neue Spielzeug machte ihr größten Spaß. Es war doch gar zu lustig, die bunten Bälle anzuschauen. Vor dem Kinderwagen blieb Hedi nachdenklich stehen. Der Vater hatte gesagt, das Kind sei aus dem Himmel gekommen. Ob sie es nicht wieder in den Himmel zurückschickte? Ob sie ihm die bunten Bälle an Hände und Füße binden sollte, wie es der kleine Pitt getan hatte? Milch bekam es genügend von den Mondkühen. Aber die Ballons waren viel zu schön, um sie für das kleine Ding herzugeben. – Wäre es nicht richtiger, sie führe auch mal zu den Mondkühen hinauf und besuchte die Sterne?
Hedi hatte den Garten verlassen und lief auf der Straße fröhlich auf und ab. Sie hatte alle fünf Ballons in den Händen, keiner durfte ihr entwischen. Sie lief auch ein Stückchen in den Wald hinein, doch die Ballons streiften an die Bäume und blieben daran hängen. So kehrte sie wieder um. Sie hätte gar zu gern den Vati besucht, der hinten bei dem Holzschlag war, und ihm die bunten Blasen gezeigt.
Das Kind blinzelte zum Himmel empor. Der kleine Pitt hatte sich auf einige der Ballons gesetzt, hatte einen am Bein, einen anderen am Arm festgebunden und war dann in die Wolken geflogen. Ob sie nicht auch ein kleines Stückchen in die Luft fliegen konnte? Nur bis auf die hohe Tanne, auf der an jedem Morgen die Amsel saß und so schön sang.
Das Verlangen wurde immer größer. Mit den kleinen Fingerchen band Hedi einen der Ballons an den Arm, den zweiten ans Bein, dann knotete sie die drei anderen fest zusammen, schlang den Bindfaden um einiges Blaubeerkraut, das sich am Rande des Waldes vorfand, und setzte sich vorsichtig auf die drei Ballons nieder.
Mit lautem Knall platzten sie auseinander. Schreckensbleich sprang die Kleine auf und rannte tiefer in den Wald hinein, um beim Vater Schutz zu suchen.
»Es schießt – es schießt!«
Woher der Knall gekommen war, wußte sie nicht. Sie sah nur den Mann mit dem schwarzen Barte im Geiste vor sich und glaubte nichts anderes, als daß er ihr etwas antun wollte.
»Es schießt – es schießt!« schrie sie laut und verängstigt, während ihr die Tränen aus den Augen flossen.
Immer tiefer rannte das Kind in den Wald hinein und achtete nicht darauf, daß es noch einen Ballon am Bein und einen zweiten am Arm festgebunden hatte. Es mußte den Vater finden, nur er konnte ihm helfen. Der Vater würde seine liebe Tochter beschirmen.
»Vati – Vati – es schießt!«
Hedi, die den Weg zum Holzschlag genau kannte, war heute viel zu verängstigt. Sie bog vorzeitig in einen anderen Weg ein, rannte mit klopfendem Herzen weiter und immer weiter. Der Weg wurde enger, und als das Kind endlich stehen blieb, erkannte es, daß es falsch gegangen war und drückte sich verstört an den Stamm einer Tanne.
»Puff!« Der Ballon, der am Bein befestigt war, knallte auseinander.
»Vati – es schießt – es schießt – Der schwarze Mann schießt! Vati! – Vati!«
Unter lautem Schluchzen rief Hedi nach dem Vater, der jedoch viel zu weit entfernt war, um sein Töchterchen zu hören.
»Vati – Vati!« Sie hastete weiter, lief mitten durch die Bäume, von Zeit zu Zeit angstvoll stehenbleibend, nach rechts und links horchend, ob denn der Vati noch immer nicht antworte.
Da leuchtete ein breiter Weg durch die Baumstämme. Das mußte der Weg sein, der nach dem Holzschlag führte. Das Kind zwängte sich zwischen Gestrüpp hindurch, kollerte in einen gezogenen Graben, und schon platzte der letzte Ballon.
»Er schießt immer noch! – Vati – Vati – er schießt!«
Ein entsetzter Aufschrei antwortete. Doch dieser Ruf dünkte der Kleinen eine Erlösung. Sie fühlte sich nicht mehr allein, irgend jemand war in ihrer Nähe, der ihr helfen konnte. Hedi kletterte rasch aus dem Graben und stand bald auf dem breiten Waldwege. Sie sah eine ältliche Dame, die ängstlich nach rechts und links blickte.
»Es schießt – es schießt!« Mit diesen Worten stürmte Hedi auf die fremde Frau zu, wies mit dem Fingerchen zurück in das Dickicht, durch das sie gekommen war, und wiederholte bebend: »Hast du gehört – er schießt.«
Die Angeredete begann zu jammern. »Wer schießt nach dir, mein Kind?«
»Der böse, schwarze Mann.«
»Mein Himmel – was ist das für ein Mann? Will er dir etwas tun?«
»Ja – er schießt – –«
Die einsame Spaziergängerin bekam Angst. Fräulein Meise war ohnehin eine ängstliche Natur, die sich nur selten in den Wald wagte. Heute hatte sie das Bedürfnis gehabt, von Rahnsburg aus einen längeren Spaziergang zu machen. Sie war vor wenigen Minuten umgekehrt, um wieder heim zu gehen, weil ihr der stille Wald gar zu unheimlich dünkte. Ganz plötzlich war ein Schuß an ihr Ohr gedrungen, dann erschien das weinende Kind, das anscheinend von einem Manne verfolgt wurde.
»Ist es ein Wilddieb? Hast du ihn gesehen? Kind, komm rasch!«
»Ich will zum Vati.«
»Hilfe – Hilfe!« rief nun auch Fräulein Meise laut und ängstlich. »Räuber – Wilddiebe – zu Hilfe!«
Die Angst des alten Fräuleins steckte auch das kleine Mädchen an. Hedi fürchtete sich sonst nicht im Walde, doch das Schießen am heutigen Tage war ihr unheimlich. Dem schwarzen Manne traute sie überhaupt nicht. Er hatte ihr die bunten Blasen nur geschenkt, um sie totzuschießen.
»Komm schnell, mein Kind!« Fräulein Meise faßte Hedi an der Hand, dann ging es im Laufschritt den Waldweg zurück. Hedi vermochte kaum so rasch zu rennen wie Fräulein Meise. Jedesmal, wenn ein Vogel aufflog oder ein anderes Geräusch zu vernehmen war, schrie Fräulein Meise entsetzt auf.
»Ein Räuber – ein Wilddieb – –«
Der Weg führte direkt auf das Forsthaus zu. Man sah das schmucke Haus schon von weitem. Fräulein Meise schlug erleichtert die Hände zusammen.
»Gottlob, wir sind gerettet – dort ist das Forsthaus! Es muß sofort eine Streife angestellt werden, damit man den Wilddieb findet.«
Hedi riß sich von der Hand ihrer Beschützerin los, stürmte ins Haus und schrie:
»Mutti – Mutti – – es schießt!«
Frau Sandler erschrak über ihr erregtes Töchterchen. Das Gesicht war von Tränen beschmutzt, das Kleidchen unsauber und zerrissen.
»Pucki, wie siehst du aus!«
»Es hat geschossen, Mutti! – Der schwarze Mann ist hinterhergekommen und hat geschossen. – Es war schlimm!«
»Frau Förster – Frau Förster – Sie müssen uns beistehen. Im Walde geht Gesindel um. Man verfolgte uns – hat nach uns geschossen!«
Fräulein Meise stand in der Küchentür, noch bebte sie an allen Gliedern.
»Im Walde hat man Sie verfolgt?« Auch Frau Sandler wurde unruhig. In diesem Wald war noch niemals etwas geschehen, und heute sollte ein Wilddieb sein Unwesen treiben, sogar nach ihrem Kinde geschossen haben?
»Mein Mann muß den Schuß gehört haben – vielleicht ist es ein stürzender Baum gewesen. Holzfäller sind bei der Arbeit. So sprich doch, Hedi, du bist sonst kein Angsthase?«
»Ich muß mich setzen«, stöhnte Fräulein Meise, »ich kann mich kaum noch auf den Füßen halten.«
Frau Sandler führte die erregte Dame ins Wohnzimmer. Fräulein Meise ließ sich in der Sofaecke nieder und stöhnte leise.
»Komm hinaus in die Küche, mein Kind«, sagte die Mutter leise, »und nun erzähle mir, was es für ein Mann gewesen ist.«
Mit überstürzten Worten berichtete die Kleine von dem schwarzen Mann, der mit dem Auto angekommen wäre und ihr die schönen, bunten Bälle gebracht hätte. Erst nach längerem Fragen wurde es Frau Sandler klar, daß es sich hier um Gasballons handelte, die natürlich bei Stoß und Druck zerplatzen mußten. Doch das wußte die kleine Hedi noch nicht. Sie hielt das Platzen der Gasballons für Schüsse, die irgend jemand abgefeuert hatte. Frau Sandler konnte nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken, als sie die Bindfaden erblickte, die sich noch immer am Arm und am Bein ihres Töchterchens befanden.
Sie versuchte, dem Kinde die Sache zu erklären. Doch Hedi war noch viel zu verängstigt, um den Worten der Mutter zu glauben. Sie meinte nach wie vor, daß der Mann mit dem schwarzen Bart geschossen hätte.
»Mutti«, sagte sie plötzlich in neuem Entsetzen, »wird's nu beim Fritz auch schießen?«
»Du brauchst dich nicht zu ängstigen. Wenn ich wieder nach der Stadt komme, will ich dir solch einen Ballon mitbringen, damit du erkennst, daß dir Herr Henschel wirklich nur eine Freude bereiten wollte. Du bist eben unser kleines Dummerchen. Aber im Walde brauchtest du dich nicht zu ängstigen, du kennst doch den lieben Wald.«
Als Hedi drei Tage später einen schönen, blauen Gasballon bekam, lehnte sie diese Gabe ab und schenkte ihn an Minna weiter.
»Ich schenke dir den Ballon, und du läßt mich in den Klotzpantinen mal spazierengehen.«
Ein schlimmer Tag für Pucki
Inhaltsverzeichnis
Förster Sandler hatte auch am heutigen Tage, wie schon so oft, sein Töchterchen mit in den Wald genommen. Da nicht weit vom Forsthaus gearbeitet wurde, konnte die Kleine, ohne daß der Vater etwas zu befürchten brauchte, allein den Heimweg antreten. Aber heute wollte Hedi nicht so rasch von der Seite des Vaters fortgehen, denn es wurden hohe Bäume gefällt; das war für das kleine Mädchen ein gar wichtiges Ereignis.
Anfangs war die Kleine immer sehr traurig gewesen, daß solch schöner Baum sterben mußte. Als ihr der Vater aber erklärte, daß nur die Bäume geschlagen würden, die keine Lust mehr zum Leben hätten, beruhigte sich Hedi.
»Für die kleinen Bäume muß Platz gemacht werden, mein Kind, sie sollen doch auch groß und kerzengerade wachsen. Das könnten sie jedoch nicht, wenn all die alten Bäume stehenbleiben.«
»Aber es tut dem Baum gewiß weh, wenn man auf ihn loshackt.«
»Wir hacken nur solche Bäume um, denen es nicht mehr wehtut, mein Kind. Die Waldarbeiter wissen ganz genau, wie sie es anfangen müssen, damit der Baum keine Schmerzen leidet.«
Aufmerksam verfolgte das Kind die Säge, die in dem dicken Baumstamm hin und her ging. Wenn sie gar zu laut wurde, meinte Hedi traurig:
»Vati, ich glaube halt doch, daß es dem Baum weh tut.«
Der Vater führte seine weichherzige Tochter schließlich fort. Er ließ das Kind auf geschlagenen Baumstämmen laufen, ließ sie schöne Tannenzapfen suchen, und so wurde Hedi bald wieder fröhlich.
»Kannst du auch auf den Baumstämmen laufen, Vati?«
»Freilich kann ich das! Als Junge habe ich das immer gemacht.«
»Bist du als Junge auch viel im Walde gewesen?«
»Jawohl, den ganzen Wald habe ich durchwandert.«
»Ist doch schade, Vati, daß ich dich damals nicht gekannt habe, als du noch ein kleiner Junge warst; wir hätten so schön miteinander gespielt.«
»Bald wird dein kleines Schwesterchen auch so groß sein, daß du mit ihm spielen kannst.«
Hedi zog die Nase kraus. »Nein, Vati, das kleine Schwesterchen wächst nicht, mit dem kann ich nichts anfangen, mit dem kann ich auch nicht spielen.«
»Dein kleines Schwesterchen wird mit jedem Tage klüger. Es kennt dich schon und freut sich, wenn es dich sieht.«
»Wie heißt denn das kleine Schwesterchen, Vati?«
»Das ist eine kleine Waltraut.«
»Heißt sie so?«
»Ja!«
»Ach – Vati, das ist nicht schön, wir wollen sie Greif nennen, so wie der große Hund vom Onkel Oberförster heißt. – Nicht wahr, Vati, wir nennen sie Greif?«
»Aber Pucki – –«
»Ich weiß, Vati, wir nennen sie Mucki! Ein Muckenhorn wird ihr schon noch wachsen, wenn sie groß ist! – Ach ja, wir nennen sie Mucki!«
»Wir haben an unserer Pucki reichlich genug, eine Mucki wollen wir nicht haben.«
»Haste genug an mir, Vati? – Wozu brauchen wir dann noch so'n Kindchen.«
»Es ist doch schön, wenn du ein Schwesterchen hast.«
»Möchtest du auch einen Paul, einen Walter und einen Fritz haben wie Onkel Niepel?«
»Nein, nein«, lachte Förster Sandler, »ich habe vorläufig an euch beiden genug!«
»Ich auch, Vati – aber es wäre schon besser gewesen, wenn ihr an mir genug hättet. Und wenn ich nicht weg gewesen wäre, hätte sich die Mutti auch keinen Greif angeschafft. – Oh, es war sehr dumm von mir, daß ich weg war.«
»Da hast du recht! – Doch nun mußt du heimgehen, Pucki, sonst ängstigt sich die Mutti.«
»Und sonst holt sie sich noch ein Kindchen.«
»Immer hübsch den Weg geradeaus, nicht wieder verlaufen wie damals.«
»Nein, Vati – ich habe gar keine Angst.«
»Du brauchst auch keine Angst zu haben, Pucki, du weißt doch, jedes Kind hat seinen Schutzengel.«
»Läuft der Schutzengel immer neben mir her?«
»Ja, das tut er.«
»Geht der Schutzengel auch mit in den dunkelsten Wald?«
»Ja, mein Kleines, der Schutzengel bleibt immer an deiner Seite.«
»Hat der Greif auch einen Schutzengel?«
»Ein Hund braucht keinen Schutzengel.«
»Ich meine doch das Schwesterchen, das bei uns im Wagen schreit.«
»Also dein Schwesterchen Waltraut! Ja, Waltraut hat auch schon einen Schutzengel, sogar einen ganz großen. Der hält beide Arme über das kleine Mädchen, damit ihm gar nichts passieren kann.«
»Hat's einen größeren Schutzengel als ich?«
»Je kleiner ein Kind ist, um so größer ist der Schutzengel.«
»Vati, dann hast du nur noch 'nen ganz kleinen Schutzengel, so klein wie ein Mäuschen.«
»Das genügt; die Hauptsache ist, daß jeder Mensch vom lieben Gott beschützt wird. Ob es nun ein großer oder ein kleiner Engel ist, bleibt sich gleich.«
»Und der Engel ist so wie die Luft, daß man ihn gar nicht mal sehen kann? – Steht er denn immerzu neben dem Wagen von dem kleinen Mädchen?«
»Ja.«
»So, so – Mutti weiß das auch? Darum läßt sie manchmal den Wagen allein im Garten stehen.«
»Pucki, du mußt nun heimgehen, Mutti wartet auf dich. Sie wird sich ängstigen, wenn du nicht kommst.«
»Nur noch ein kleines bißchen. – Wenn ich nun auf einem anderen Wege nach Hause gehe, kommt dann der Schutzengel auch mit oder geht der immer nur geradeaus?«
»Du darfst auf keinem anderen Wege gehen als auf diesem. Wenn du nicht folgst, nehme ich dich nicht mehr mit in den Wald.«
»Ich wollte doch nur wissen, Vati, ob der Schutzengel das immer mitmacht, was ich mache. – Hat der Schutzengel vom Paul auch mit auf dem Baum gesessen? Ist er mit heruntergekullert?«
»Nein, der Schutzengel hat unten am Baum gestanden, er hat den Paul gewarnt, hinauf zu steigen – –«
»Und da hat der Paul nicht gehört?«
»Und dann hat ihn der Schutzengel aufgefangen, als er vom Baum fiel, sonst hätte sich der Paul den Kopf zerschlagen.«
»Da hätte ihn der Schutzengel aber besser auffangen müssen, Vati. Ein Bein ist doch zerbrochen.«
»Das war die Strafe dafür, daß er den lahmen Knecht verhöhnte. Wäre der Schutzengel nicht gewesen, so wäre das Bein vom Paul nicht so gut geheilt. Doch der Schutzengel hat gleich seine Hand darauf gelegt, damit der Paul kein Hinkeldei wurde.«
»Vati, ich möchte gerne wissen – –«
»Pucki, jetzt wird Vati ernstlich böse, wenn du nicht sogleich heimgehst. – So, hier hast du den geraden Weg vor dir, und in fünf Minuten bist du am Forsthaus. Ich warte hier noch ein Weilchen und kann dich sehen.«
»Wenn nun aber der Schutzengel so hinter mir hergeht, daß du mich nicht sehen kannst?«
»Du hast doch selbst gesagt, der Schutzengel ist wie die Luft. Durch den Schutzengel kann man sehen. Auch geht er nicht hinter dir, sondern neben dir.«
»Wo geht er denn, Vati – hier oder hier?« Das Kind wies nach rechts und nach links.
»Das kann ich nicht wissen. Wahrscheinlich geht er an der Seite, wo du dein Herzchen hast. – So, und nun lauf!«
»Vati – ich glaube, der Schutzengel meint, er wollte noch ein bißchen im Walde bleiben. Er möchte gern sehen, wie der große Baum umknallt.«
Förster Sandler streckte den Arm aus und wies gebieterisch auf den Weg.
»Nun aber los, Hedi!«
»Na dann komm, Schutzengel!«
Sehr langsam trottete die Kleine den breiten Weg entlang. Von Zeit zu Zeit sah sie sich um, und als sie noch immer den Vater bemerkte, winkte sie ihm zu.
Der Schutzengel, der neben ihr herschreiten sollte, beschäftigte das Kind außerordentlich.
Hedi wandte sich rasch noch einmal um. Vom Vater war nichts zu erblicken. So bog sie voller Übermut in einen kleinen Pfad ein, wandte rasch nochmals den Kopf zurück und – lag im nächsten Augenblick auf der Nase. Sie war über eine Wurzel gestolpert, die sie nicht bemerkt hatte.
Die Kleine verzog das Gesicht und rieb die Stirn.
»Hättest auch besser aufpassen können, Schutzengel – nu komm, wir wollen schon den breiten Weg gehen.«
Endlich war das Forsthaus erreicht. In jähem Schreck blieb Pucki an der Pforte stehen. – Was war denn das? Dort, an der Laube der Wagen, in dem das kleine Schwesterchen lag und direkt daneben ein viel kleinerer Kinderwagen, in dem auch ein blondlockiges Kindchen saß. Es hatte einen Teddybär in den Händen, den es krampfhaft festhielt.
In Hedi stieg der Zorn empor.
»Nun bin ich nur so'n bißchen länger fortgewesen, da hat sich die Mutti schon wieder ein Kindchen geholt!«
Eine tiefe Falte wurde auf der Stirn Hedis sichtbar, als sie an den kleinen Wagen herantrat.
»Was wollen alle die Kinder bei uns? – Ich will nicht noch ein Kindchen haben, und der Vati will auch nicht! Er hat gesagt, jetzt ist es genug! Ich verstehe die Mutti nicht, immerfort holt sie sich ein neues Kind! Zuerst war's so schön, als ich allein war.«
Dicht neben dem kleinen Wagen stand das schlafende Schwesterchen. Das war noch viel kleiner als das, was sich die Mutti heute geholt hatte.
»Was willst du denn hier? Wir sind genug, wir brauchen dich nicht!«
Puckis Hände faßten den Griff des kleinen Wagens, und plötzlich ging ein helles Leuchten über das Kindergesicht.
»Hab mal keine Angst, Kleine, wenn ich dich in den Wald fahre. Du hast auch einen großen Schutzengel, der steht immerzu neben dir. Keiner tut dir was. Wir wollen dich nicht, Kleine!«
Behutsam fuhr Hedi den Sportwagen aus dem Garten hinaus, bog in den breiten Weg ein, den sie soeben gekommen war und hielt bald im Fahren inne. Zu Vati durfte sie nicht, er würde vielleicht das Kindchen auch behalten, obwohl er vorhin gesagt hatte, daß er so viele Kinderchen nicht wolle.
»Du kriegst 'ne andere Mutti! Wir können dich nicht brauchen.«
Mit diesen Worten bog Hedi in den kleinen Waldweg ein, den Wagen vor sich herschiebend. Dem kleinen Buben, der mit dem Teddybär spielte, schien diese Spazierfahrt gut zu gefallen. Er schaute Hedi vergnügt an und ließ von Zeit zu Zeit ein leises Lachen hören.
»Ich fahre dich in den ganz dunklen Wald, der Schutzengel ist immer bei dir – ein ganz großer – so groß, wie dort der Baum!«
Da der Weg viele Wurzeln aufwies, holperte der kleine Wagen bedenklich. Hedi ließ sich dadurch nicht bange machen. Einmal streifte auch ein tief herabhängender Zweig das Gesicht des Kindes, und es begann zu schreien.
»Still bist du!« rief Hedi, »sonst schilt dein Schutzengel!«
Nachdem sie etwa zehn Minuten auf dem schmalen Weg gefahren war, fühlte Pucki sich ermüdet.
»Jetzt ist es genug«, meinte sie, »nun kann dich eine andere Mutti holen. Vati wird gewiß 'ne Freude haben, wenn er hört, daß das neue Kindchen weg ist.«
Der Wagen wurde neben einen Baum geschoben, Hedi nickte dem kleinen Kinde zu und sagte schon im Fortgehen: »Der Schutzengel ist bei dir – so, nun sind wir dich los!«
Mit erleichtertem Herzen eilte sie zurück. Noch war der breite Weg nicht erreicht, da hörte sie in der Ferne lautes Krachen.
»Der Baum ist gepurzelt, ich muß hin!«
Vergessen war die Mahnung des Vaters. Hedi setzte sich in Laufschritt, erreichte bald den breiten Weg, stürmte vorwärts, vernahm auch kurze Zeit darauf das Sprechen der Waldarbeiter und stand in der nächsten Minute vor den Leuten, die soeben den dicken Baum gefällt hatten.
»Bum, da liegt er«, rief sie erfreut!
Förster Sandler war nicht mehr bei den Waldarbeitern; er war bereits zu einem anderen Schlage gegangen und ahnte daher nicht, daß seine unfolgsame Tochter zurückgekommen war. Für Hedi gab es vieles zu erkunden. Sie stellte unzählige Fragen an die Leute, die lachend von ihnen beantwortet wurden. Man hatte das kleine blonde Mädchen des Försters gar gern. Die Arbeiter scherzten mit ihm und freuten sich über das liebe Kind. Hedi lauschte auf jedes Wort, das gesprochen wurde. Manches verstand sie freilich nicht; daß man aber einen Baum zersägte und ihn zu einer Klafter zusammenstellte, war ihr bekannt und nichts neues.
»Hackt ihr den Baum nu auch noch kaputt?«
»Nein, der bleibt stehen.«
»Weil er noch nicht krank ist, weil er noch jung ist?«
»Ja, Hedi, deswegen bleibt er stehen.«
Dann sprachen die Männer allerlei zusammen und plötzlich sagte einer laut und vernehmlich:
»Wenn es doch der Oberförster so haben will, können wir nichts ändern.«
»Oh, da tutet es! Das ist der Onkel Oberförster!«
»Mädel, Hedi, hierbleiben!«
Doch das Kind war nicht zu halten. Es kannte die Hupe des Oberförsters genau, der ja so oft am Försterhaus angehalten oder vorübergefahren war. Jetzt freilich schien er nicht nach dem Forsthause zu wollen, denn das Hupen kam gerade von der entgegengesetzten Seite. Aber der Vater sprach oft davon, daß der Onkel Oberförster immer dort sei, wo Bäume umgeschlagen wurden.
»Hedi – Pucki!«
Vergeblich war das Rufen der Waldarbeiter.
Hedi jubelte innerlich. Dort drüben stand das graue Auto des Oberförsters. Es hielt mitten auf der breiten Straße im Walde.
»Onkel Oberförster – Onkel Oberförster«, jubelte sie schon von weitem.
Neben dem grauhaarigen Herrn stand der Vater. Hedi streckte verlegen die Zunge heraus und wischte damit in den Mundwinkeln umher.
»Nanu?« Mehr sagte der Vater nicht, doch in seiner Stimme grollte es.
»Weidmannsheil, Onkel Oberförster!« sagte Hedi hastig und machte dem alten Herrn ein artiges Knickschen. Verlegen griff das Kind mit der Hand nach der rechten Seite, als wolle es den Schutzengel festhalten, der hier stehen mußte.
»Weidmannsdank, Kleine. Bist wohl mit dem Vater in den Wald gegangen?«
»Hedi – –«
»Ja, Vati, gleich geht Hedi wieder nach Hause, ich wollte nur Onkel Oberförster was fragen.«
»Was willst du mich fragen?« forschte der kinderliebe alte Herr.
»Onkel Oberförster, möchtest du ein kleines Kindchen haben? Im Walde is eins!«
»Ja, das sehe ich, daß im Walde ein Kindchen ist. Und nun wirst du dem Vater folgen. Du willst doch mal in den Himmel kommen?«
»Ja! Aber nicht jetzt. Jetzt darf ich nicht!«
»Was – du darfst nicht?«
»Ich muß gleich nach Hause gehen, sonst wird der Vati sehr böse. Oh, der Vati kann so böse werden wie der Harras!«
»Dann lauf mal schleunigst heim!«
»Kommste mit? – Soll ich dir mal das Kindchen zeigen?«
»Du sprichst kein Wort mehr, Hedi, du gehst sofort heim.«
»Ich wollte dem Onkel Oberförster doch nur das Kindchen zeigen, das wir nicht mehr haben wollen.«
Als Hedi aber die tiefe Falte auf der Stirn des Vaters sah, machte sie rasch einen Knicks und lief eilends den breiten Weg zurück, dem Forsthause zu. – –
Im Forsthause herrschte größte Aufregung. Frau Weimann war vor einer halben Stunde aus Rahnsburg gekommen, um im Forsthaus die Schuhe abzugeben, die ihr Mann für Förster Sandler und dessen Gattin fertiggemacht hatte. Da es ein herrlicher Maientag war und die Sonne warm schien, hatte die Schuhmachersfrau den kleinen Sportwagen mit dem einjährigen Söhnchen im Vorgarten stehen lassen. Das Wägelchen war dicht neben den anderen Wagen gefahren worden; hier draußen im Garten konnte den Kleinen ja nichts passieren. Außerdem war Rudi ein stilles und ruhiges Kind, das sich oft allein mit seinem Spielzeug beschäftigte.
Frau Sandler, die in der Küche beschäftigt war, wollte ihren Besuch ins Zimmer nötigen, doch Frau Weimann blieb in der Küche. Es gab mancherlei aus Rahnsburg zu erzählen, und so vergingen die Minuten gar rasch. Endlich verabschiedete sich die Schuhmachersfrau. Begleitet von Frau Sandler, betraten beide den Vorgarten. Vergeblich schauten sie sich nach dem Wagen mit Klein-Rudi um, er war nirgends zu erblicken.
Man rief Minna, die im Gemüsegarten arbeitete. Sie hatte nichts gehört, nichts gesehen, sie wußte auch nicht einmal, daß Besuch gekommen war. Kurzum: das Kind war verschwunden.
»Wie ist das möglich?« sagte Frau Sandler beunruhigt.
»Vielleicht ist ein Vagabund vorübergekommen, der mein Kind mitgenommen hat«, weinte die besorgte Mutter. Dann begannen die beiden Frauen zu rufen.
Niemand konnte sich das Verschwinden des Kindes erklären. Noch niemals war im Forsthause etwas abhanden gekommen. Nun sollte ein Kind verschwunden sein?
»Wo ist mein Kindchen? – Bubi – Bubi!«
Laut und ängstlich tönte die Stimme der unglücklichen Mutter in den Wald hinein. Niemand hörte die Rufe, denn Hedi war mit dem Wagen viel zu tief in den Wald gefahren, und Förster Sandler weilte bei dem Holzschlag.
»Es ist unmöglich, daß das Kind verschwunden ist«, sagte die Förstersfrau.
»Es ist gestohlen – wurde geraubt! Vielleicht haben es vorüberziehende Zigeuner mitgenommen. – Ach, wo finde ich mein Kind!«
Die beiden Frauen und Minna liefen nach allen Seiten, in der Hoffnung, den Wagen irgendwo zu finden. Doch alles Suchen blieb erfolglos. Sie lauschten angestrengt hinein in den Wald – nichts war zu hören.
»Wo ist Hedi?«
»Sie ist mit meinem Manne in den Wald gegangen, sollte jedoch bald wieder heimkommen. Das Kind gehorcht nicht immer. Ich möchte meinen Mann aufsuchen.«
»Nein, Frau Sandler, bleiben Sie hier«, weinte Frau Weimann.
Frau Sandler wußte keinen Rat. Die unglückliche Mutter tat ihr sehr leid, und doch war nicht anzunehmen, daß der Knabe geraubt worden war.
Nochmals liefen die Suchenden nach allen Seiten. Minna war die erste, die auf Hedi stieß, die den breiten Weg dahergegangen kam.
»Woher kommst du?«
»Vom Vati und von Onkel Oberförster.«
»Hast du den kleinen Rudi gesehen?«
»Ich habe keinen kleinen Rudi gesehen.«
Seelenruhig schritt das kleine Mädchen zum Forsthaus, hinein in den Garten. Vor dem Hause auf der Bank saß die weinende Schuhmachersfrau.
»Mein Rudi – mein Rudi – warum habe ich ihn allein gelassen!«
»Warum weint die Frau?« fragte Hedi und wandte sich fragend an Minna.
»Ihr kleiner Junge ist fort, sie findet ihn nirgends.«
»Ein kleiner Junge im kleinen Wagen?«
»Ja, Hedi, der Wagen hat im Garten gestanden.«
»Ist das das Kind von der Frau und nicht das Kind von meiner Mutti?«
»Dummes Mädel, das ist das Söhnchen von Frau Weimann. Sie brachte Vaters Schuhe, sie kommt aus der Stadt.«
»Ach je, das ist also nicht unser Schwesterchen? – Na, das ist gut! Ich habe gedacht, das ist unseres, da habe ich es weggefahren.«
»Was hast du getan?«
»In den Wald habe ich es gefahren.«
»Das Kind – in den Wald? Ja, was fällt dir denn ein! Frau Weimann, Hedi hat Ihren Jungen gesehen.«
Die Angeredete sprang auf. »Hedi, wo ist mein Rudi?«
»Willste dir dein Kind wieder mitnehmen? Bleibt es nicht bei uns?«
»Nein – wo ist mein Kind?«
Gleichgültig wies die Kleine mit dem Fingerchen nach dem Waldweg. »Es steht unter einem Baum. – Wir wollten es nicht haben, und der Onkel Oberförster will es auch nicht.«
»Wo finde ich Rudi?«
Frau Sandler hatte die letzten Worte vernommen. Eiligst kam sie hinzu, und erneut wurde Hedi ausgefragt.
Die Kleine lächelte verschmitzt. »Weißt du, Mutti, wir wollten nicht so viele sein, und weil schon wieder ein Kindchen hier war, habe ich es in den Wald gefahren.«
»Ganz allein – in den Wald?«
»Es ist nicht allein – der ganz große Schutzengel steht neben ihm und paßt auf.«
»Wo ist der Wagen?« fragte die Mutter streng.
Als Hedi abermals gleichgültig nach dem Wald wies, bekam sie von der Mutter einen Klaps auf die Hand.
»Du bist ein recht unnützes Mädchen, Hedi! Was fällt dir nur ein, den Wagen aus dem Garten zu schieben. Sofort kommst du mit und wirst uns führen.«
Hedi ging schmollend voran. Kaum hatte man den kleinen Weg erreicht, da vernahmen die Näherkommenden das Geschrei des Knaben. Beide Frauen eilten weiter, Hedi blieb mit erschrecktem Gesicht stehen.
»Nu krieg ich die Haue«, murmelte sie, »und wollte doch nur, daß der Vati eine Freude hat.«
Sehr bald kehrten die beiden Frauen mit dem Wagen zurück. Frau Weimann schob das kleine Fahrzeug und sprach zärtlich auf den noch immer weinenden Knaben ein.
Wenige Minuten später war die Schuhmachersfrau fortgefahren. Frau Sandler rief nach Hedi.
»Hast du gesehen, wie sich die arme Mutti ängstigte, wie sie weinte? Und auch deine Mutti hat einen schweren Kopf vor Angst und Aufregung. Schämst du dich nicht, so etwas zu tun?«
Hedi schluckte an den aufsteigenden Tränen. Und als Frau Sandler mehrfach aufstöhnend die Hände an die Stirn legte, weil sie von der Aufregung heftige Kopfschmerzen bekommen hatte, tat es dem kleinen Mädchen sehr leid. Sie konnte die gute Mutter nicht leiden sehen.
»Mutti, sei wieder gut! Ich werde auch alle Kinderchen hier lassen, die du holst. Ich werde kein Kindchen mehr in den Wald fahren. – Mutti, sei wieder gut!«
»Laß nur Vati heimkommen, der wird dir die unartigen Streiche austreiben.«
In der Küche saß Hedi mit sorgenvollem Gesicht bei Minna. »Die Mutti hat Kopfschmerzen. Ach, die arme Mutti! Nun ist sie krank, und Hedi wollte ihr doch eine Freude machen.«
»Du mußt recht brav sein, Pucki, und nicht immer soviel dummes Zeug treiben.«
»Wie der Pucki, bei dem alles schlimm ausgeht.«
»Ja, ja, wie beim Pucki. Wenn du nicht artiger wirst, hat dich die Mutti nicht mehr lieb. Dann hat sie nur die kleine Waltraut lieb, von der sie nicht geärgert wird.« –
Die Worte Minnas stimmten das kleine Mädchen recht nachdenklich. Hedi stand eine halbe Stunde später vor der Mutter, die sich mit dem kleinen Schwesterchen beschäftigte.
»Hast du die Waltraut lieber als mich?«
»Die Waltraut hat Mutti noch nicht geärgert.«
Aufmerksam betrachtete Hedi die Kleine, die aus den Windeln gewickelt wurde. Lachend und strampelnd lag das kleine Wesen, ganz nackt, vor der Mutter.
»Du liebes, kleines Englein«, sagte Frau Sandler zärtlich zu ihrem jüngsten Kindchen.
»Is das ein Engelchen, Mutti?«
»Ja, das ist ein Engelchen.«
»So, wie ein Schutzengelchen?«
»Ja.«
»Mutti – – wenn der Schutzengel neben mir herläuft, ist er dann auch ganz nackt?«
»Den Schutzengel sieht man doch nicht.«
»Mutti – weil er sich schämt, nicht wahr – weil er nackend ist! Wenn ich mal ein Engel bin, Mutti, zieh ich mir aber was an! Ich möchte nicht nackend umherlaufen.«
»Du bist ein unartiges Mädchen, Hedi, und kein Englein.«
»Engel sind doch immer im Himmel? Waltraut will aber gar nicht in den Himmel.«
»Mutti ist froh, daß sie solch kleines Engelchen hat.«
Gegen Abend kam der Vater heim. Das war für Hedi keine gute Stunde. Die Mutter erzählte von dem schlimmen Streich und von den Sorgen, die die Tochter den beiden Frauen bereitet hatte. – Da holte der Vater die Rute, und Hedi erhielt eine gehörige Tracht Prügel. Am Abend gab es auch keinen Gutenachtkuß, und lange noch lag Pucki im Bettchen und überdachte den schlimmen Tag, der so viel Leid gebracht hatte.
»Ich möchte auch Muttis Engelchen sein«, weinte die Kleine leise.
Plötzlich kletterte es aus dem Bett und trippelte hinüber ins Wohnzimmer. In der Tür blieb Hedi stehen.
»Vati – Mutti – ich möchte so gerne euer Engelchen sein wie das kleine Schwesterchen. – Mutti, ach Mutti –«
Hedi kletterte der Mutter auf den Schoß, schlang beide Ärmchen um ihren Hals und flüsterte zärtlich und kosend:
»Mutti, laß mich wieder ein Engelchen sein – ich will auch immer brav sein.«
Da konnte Frau Sandler nicht anders, als dem Kinde von ganzem Herzen vergeben.
»Du bist und bleibst unser Pucki«, sagte der Vater.
Jahrmarktsfreuden
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Pucki war seit Tagen in größter Aufregung. In Rahnsburg wurde am kommenden Dienstag der Jahrmarkt abgehalten, zu dem allerlei Buden errichtet wurden. Im vorigen Jahre waren die Eltern mit dem kleinen Mädchen nicht dort gewesen, weil Pucki in dieser Zeit an Masern krank zu Bett lag. Die drei Niepelschen Buben wußten von den Wundern dieses Tages so viel zu erzählen, daß es Pucki kaum noch aushalten konnte.
»Eine Bude mit Affen ist da, und würfeln kann man. Auch in einer Bude kann man schießen. Überall gibt es Pfefferkuchen und Bonbons, und auch noch ein Kasperletheater und tausend andere Buden.«
So schwärmten Walter und Fritz.
»Mutti, darf ich auch auf den Jahrmarkt?«
»Wenn du artig bist – ja.«
Pucki gab sich die größte Mühe, und es gelang auch. An jedem Morgen forschte die Kleine erneut, ob sie artig genug sei und wie lange es noch dauere, bis endlich Jahrmarkt wäre. Die Eltern hatten Mühe, die Ungeduld des Kindes zu zähmen.
Endlich war der ersehnte Dienstag herangekommen. Pucki war recht traurig, als sie hörte, daß sie erst am Nachmittag nach Rahnsburg zum Jahrmarkt dürfe. Onkel Niepel mit seinen drei Buben und Fräulein Irma wollten Pucki mitnehmen. Förster Sandler war dienstlich verhindert, und Frau Sandler wollte das Neugeborene nicht allein lassen. Der Gutsbesitzer versprach, auf die kleine Schar gut zu achten und Pucki am Abend wieder nach dem Forsthause zurückzubringen.
Als am Morgen die drei Buben auf dem Wagen an der Försterei vorüberfuhren, um die Schule zu besuchen, stand Pucki bereits am Zaun und wartete auf den Nachmittag. Als endlich die Knaben gegen zwölf Uhr wieder heimgefahren wurden, stand das kleine Mädchen wieder da.
»Geht's nun bald los? Habt ihr den Jahrmarkt gesehen?«
»Oh, der ist fein«, rief Walter, »die ganze Straße steht voll Buden! Überall sind Leute drin, die feine Sachen haben. Und ein Karussell ist da. Wir essen ganz schnell Mittag, dann kommen wir mit dem großen Wagen.«
»Nicht mit dem weißen Pferdchen?«
»Nein, mit Vaters Stute.«
»O fein«, jubelte Hedi und tanzte im Garten umher. »Mit Vaters Stute! Ich hab' die Stute auch gern. – Gibt's auch ganz große Pfefferkuchen auf dem Jahrmarkt?«
»Du – ein Kasperletheater ist auch da, aber das war noch zu. Der Paul wollte hinter den Vorhang gucken, da hat er was auf die Finger bekommen.«
»Was macht das Kasperle?« fragte Pucki. Ihre Wangen glühten vor Erregung.
»Lauter dummes Zeug! – Na, du wirst lachen!«
Der Kutscher drängte zum Einsteigen, die Kinder mußten heim zum Mittagessen. Doch es gab noch so viel zu erzählen, daß er mehrfach mahnen mußte.
»Wenn ihr nicht gleich in den Wagen steigt, können wir am Nachmittag nicht rechtzeitig zum Jahrmarkt fahren.«
Pucki schob die Jungen nacheinander an den Wagen und drängelte: »So steigt doch schnell ein, Jungs, damit wir bald auf den Jahrmarkt kommen.«
Beim Mittagessen war das Kind so erregt, daß es schon nach wenigen Bissen den Löffel niederlegte und meinte, es sei nun satt.
»Pucki, du wirst erst aufessen! Fisch ist so gesund, er schmeckt so gut – –«
»Nein, Mutti, der Fisch hat heute so viel Gräten. Ich mag aber die Gräten nicht essen, Mutti, mein Bäuchlein will sie nicht!«
»Dann darfst du auch nicht auf den Jahrmarkt.«
Seufzend aß Pucki weiter. Heute schmeckte das Essen nicht, die Kleine dachte beständig an den Jahrmarkt, und als gar ein Wagen vorüberfuhr, sprang sie stürmisch vom Tisch auf.
»Onkel Niepel mit der braunen Stute ist da!«
Es war aber nicht Onkel Niepel mit der braunen Stute, denn der Wagen rollte vorüber.
»Kommt er denn noch nicht?« seufzte Pucki und sah sorgenvoll durchs Fenster.
»Eines bitte ich mir aus«, mahnte der Vater ernsthaft, »du bist sehr artig und folgst Herrn Niepel und Fräulein Irma aufs Wort. Höre ich eine Klage, so tanzt die Rute auf unserem Pucki. Ich gebe dir zehn Pfennige, dafür darfst du dir etwas kaufen.«
»Was ich will, Vati?«
»Ja.«
»Dann kaufe ich mir Klotzpantinen!«
»Dummes Mädchen, Klotzpantinen brauchst du nicht. Außerdem kosten sie viel mehr.«
»Mutti, weil ich so furchtbar artig war in der letzten Zeit, schenkst du mir auch noch zehn Pfennige?«
»Nein, Pucki, du hast genug.«
Das kleine Mädchen half beim Abräumen des Tisches, was es sonst niemals tat. Minna lobte das Kind. Da sagte Hedi leise:
»Weil ich doch so gerne zum Jahrmarkt will, schenke mir zehn Pfennige.«
»Ich will erst den Vater fragen, ob ich das darf.«
Pucki stieß einen Seufzer aus. »Frage mal nicht erst, er erlaubt es doch nicht. Wenn ich eine Mutti wäre, würde ich meinen Kindern noch zehn Pfennige schenken, weil es doch so ein schöner Jahrmarkt ist. Pucki möchte sehr gerne noch zehn Pfennige haben.«
»Was willst du denn dafür kaufen?«
»Klotzpantinen!«
»Die wünsche dir lieber zum Geburtstag, Pucki. Aber ich glaube, jetzt höre ich den Wagen kommen.«
»Onkel Niepel mit der Stute!«
Pucki stürmte aus der Küche, hinaus in den Vorgarten. – Richtig, es war der Niepelsche Wagen mit den drei Knaben, dem Kinderfräulein, und Onkel Niepel kutschierte selbst.
Hedi wollte ohne Hut und Mantel einsteigen, doch Förster Sandler rief das Kind zurück.
»Nicht wegfahren, Onkel Niepel, ich bin gleich wieder da!«
Auf die erneuten Ermahnungen der Eltern achtete Pucki nicht mehr. Sie war erst wieder ruhig, als sie neben den Knaben im Wagen saß.
»Ich habe soviel Geld«, sagte sie wichtig und zeigte den Knaben ihre beiden Fünfpfennigstücke, die sie krampfhaft in der kleinen Hand hielt. »Ich kaufe mir Pfefferkuchen und 'ne Lutschstange und ein Ding zum Piepen und was zum Blasen.«
»Und ich kaufe mir eine Radautrommel!«
»Und ich so'n Brülldings!«
Die Aufregung der Kinder wuchs von Minute zu Minute. Als die Stadt in Sicht kam, sagte Pucki aufgeregt: »Fahr doch 'n bißchen Galopp, Onkel Niepel, die Stute freut sich auch, wenn sie schnell zum Jahrmarkt kommt.«
»Erst fahre ich mit meinen drei Jungens zum Friseur, damit euch die Haare abgeschnitten werden.«
»Wir möchten doch auf den Jahrmarkt«, meinte Paul.
»Dafür ist noch lange Zeit. Erst geht es zum Friseur. Fräulein Irma kann mit Pucki langsam vorangehen.«
»Die hat's gut«, heulte Walter, »ich will auch mit Fräulein Irma gehen, ich will mir die Haare nicht schneiden lassen.«
»Es tut nicht weh«, beruhigte Pucki, »ihr braucht euch nicht zu fürchten.«
In der Stadt machte sich der Jahrmarktstrubel stark bemerkbar. Überall standen Buden, und Fräulein Irma hatte Mühe, die erregten Kleinen zu bändigen.
»Ich muß ausspannen, dann gehen wir zum Friseur, und dann dürft ihr zwei Stunden lang auf dem Jahrmarkt umherlaufen.«
Alles Jammern der Knaben half nichts, die drei kamen zum Friseur, während Fräulein Irma mit Pucki nach dem Jahrmarkt ging. Man hatte einen Treffpunkt verabredet. Neidvoll blickten die Buben den Davongehenden nach.
Der Friseur hatte es nicht leicht. Paul war recht ungeduldig; er wollte selbst eine Schere haben und schneiden, damit es schneller ging. Der Gehilfe, der Walter vornahm, fragte freundlich:
»Soll ich dir die Haare so schneiden, wie ich sie habe?«
Walter schaute den gut frisierten rothaarigen Mann an, schüttelte dann den Kopf und sagte: »So glatt – ja – aber schneid eine andere Farbe.«
Fritz zappelte am meisten. Der Vater mußte sein Söhnchen erst tüchtig anfahren, ehe es ruhig saß. Endlich war es so weit. Man stürmte lärmend hinaus aus dem Geschäft, hin zu den Buden.
Fräulein Irma und Pucki waren schnell gefunden. Pucki zerrte das Kinderfräulein unruhig weiter. Es gab ja so viel zu sehen. Vor einer Würfelbude wurde halt gemacht. Fritz wollte würfeln, weil es hier große Pfefferkuchen gab. – Auch Pucki überlegte. Aber zehn Pfennige kostete der Wurf, und wenn man nichts gewann, war das viele schöne Geld weg.
Paul hingegen wagte es und gewann tatsächlich einen großen Pfefferkuchen. So beschloß auch Pucki ein Gleiches zu tun.
»Wo hast du dein Geld, Kleine?«
Entsetzt blickte das Kind in die beiden leeren Händchen. Dann begann es bitterlich zu weinen, so daß Herr Niepel rasch ein Zehnpfennigstück aus der Westentasche nahm, um das Leid der Kleinen zu stillen. Doch Pucki weinte weiter.
»Du brauchst doch nicht mehr zu weinen, Kind, du hast doch neues Geld bekommen.«
»Nun hätte ich zweimal Geld und könnte mir die schöne Puste kaufen und noch einen Pfefferkuchen.«
Erst als Onkel Niepel versprach, die Puste zu kaufen, beruhigte sich Pucki, weinte jedoch erneut, als sie an der Würfelbude nichts gewann.
Während man von Bude zu Bude ging, traf Gutsbesitzer Niepel seinen Viehhändler Dostal. Er begrüßte die Kinder herzlich und versprach, jedem etwas zu kaufen.
Pucki, die den Viehhändler noch niemals gesehen hatte, betrachtete ihn mit prüfenden Blicken.
»Na, Kleine, warum siehst du mich denn so an?«
»Weil ich dich nicht kenne«, sagte das Kind.
»Nun kommt, wir gehen zum Kasperletheater«, sagte Fräulein Irma.
Auf dem Rummelplatz erregte zunächst das Karussell die Aufmerksamkeit der Kinder. Dostal ließ die Kleinen einige Male fahren. Pucki fühlte sich auf dem Rücken des Pferdes sehr stolz.
»Ich bin auf der braunen Stute geritten – das war aber fein!«
Weiter ging es zu einer anderen Bude, in der ein Mann einen Leierkasten drehte. Auf dem Leierkasten saß ein Affe, der seine behaarte Hand ausstreckte, um Münzen oder Leckerbissen einzusammeln.
Vor der Kasperlebude war eine große Kinderschar versammelt. Noch war der Vorhang herabgelassen, doch ertönte soeben eine kleine Glocke, zum Zeichen, daß die Vorstellung nun bald begänne.
In atemloser Spannung wartete alles. Puckis Hand umschloß fest die ihres kleinen Freundes Paul.
»Tut er uns was, der Kasperle?«
»Quatsch! Der macht nur Unsinn!«
Endlich ging der Vorhang auf. Kasperle zeigte sich und begann mit krähender Stimme zu sprechen:
»Bimmele, bammele, hopsassa
Kasperle ist wieder da!«
Pucki hatte noch niemals eine Kasperlevorstellung gesehen. Ihr Herzchen klopfte rascher, als Kasperle so närrische Sprünge ausführte.
»Er tut dir nichts«, beruhigte Fritz, »er ist fest im Kasten. Nachher kommt noch der Teufel und ein großes Tier, das will den Kasperle fressen. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Ich passe gut auf dich auf.«
Kasperle erzählte den lauschenden Kindern von tollen Streichen, die er ausgeführt hatte. Die kleine Schar lachte herzlich, und auch Pucki stimmte in die Fröhlichkeit mit ein. – Dann kam Kasperles Großmutter. Sie jammerte über den ungeratenen Enkel. Sie rief ihn, und schon schoß Kasperle herbei.
»Na – Großmutter, was willst du von mir?«
»Ach, Kasperle«, zeterte die alte Frau mit der weißen Haube, »ich habe wieder viel Häßliches von dir gehört. Ich habe soeben einen Brief bekommen, in dem viel Schlimmes über dich geschrieben steht.«
»Ach, Großmutter, laß mich in Ruhe. – Wo hast du denn den Brief?«
Die alte Frau zog einen Bogen Papier hervor und entfaltete ihn. Kasperle sprang auf sie zu und wollte ihr die Brille von der Nase reißen, doch die Großmutter versetzte ihm einen kräftigen Klaps.
»Wenn du wieder unartig bist, Kasperle, sperre ich dich in den Hühnerstall!«
»Das kannst du machen, Großmutter, aber bilde dir nicht ein, daß ich Eier lege. Da bist du schief gewickelt!«
»Ach, Kasperle, du bist ein ungeratener Bursche. – Hier schreibt dein Onkel Itzebitz, du hast ihn gestern mit einer langen Wurst geschlagen.«
»Aber, Großmutter, was ist denn dabei? Es war doch eine Schlagwurst!«
»Dummer Junge, Onkel Itzebitz schreibt weiter, du hast ihn neulich die Treppe hinab geworfen.«
»Das ist nicht wahr, Großmutter, ich habe ihn nur eine Stufe hinuntergeworfen. Die anderen Stufen ist er von selber hinabgefallen.«
Die Kinder, die den Worten Kasperles aufmerksam lauschten, lachten immer lauter, Pucki wußte sich vor Freude kaum zu lassen.
»Freut euch das, Kinderle?« rief Kasperle krähend. »Wenn ihr mal eine Wurst habt, so 'ne Schlagwurst, dürft ihr euch auch damit schlagen. Dazu wird die Wurst gemacht!«
Die Großmutter jammerte weiter.
»Ach, Kasper, was hast du verbrochen,
das wird fürchterlich gerochen.
In diesem Brief, auf dem Papier,
steht manche Untat noch von dir!«
»Hört mal, Kinderchen«, sagte Kasperle ins Publikum, »es paßt mir nicht, daß die Großmutter meine Streiche vorliest. Ich will ihr das verderben.«
Weg war er. Die gute Großmutter las inzwischen weiter und jammerte über den ungeratenen Enkel. Plötzlich erschien Kasperle wieder, hielt in beiden Händen einen Napf mit Marmelade, stellte sich hinter die Großmutter, die mit vorgeneigtem Kopf den Brief las, und kleckerte dann mit einem Löffel die Marmelade auf das Briefblatt.
»Hu –«, schrie die Großmutter, »was ist das? Woher kommt das?«
Klack – schon wieder ließ Kasperle die Marmelade auf den Briefbogen fallen.
Die Kinder jubelten in hellstem Entzücken.
»Großmutter, der Kasperle hat noch mehr Marmelade! – Großmutter, dreh dich mal um!«
»Ich muß erst fertig lesen«, erwiderte die Großmutter und drückte das Gesicht so nahe an den Briefbogen, daß es über und über mit Marmelade beschmutzt wurde.
Kasperle lachte schallend und die Kinder ebenso.
»So werde ich das immer machen«, sagte Kasperle. »Wenn die Großmutter einen Brief an den Onkel schreibt, beschmiere ich ihn auch mit Marmelade. – Findet ihr das nicht fein, liebe Kinder?«
»Ja – ja«, erscholl es vielstimmig.
Nun wurde die Großmutter sehr böse. Sie verschwand einen Augenblick und kam mit einem dicken Stock zurück, um auf Kasperle einzuschlagen.
»Großmutter«, rief der listige Bursche, »ich weiß was!«
»Was weißt du, du ungeratener Bengel?«
»Dort hinten sitzt einer, Großmutter, der hat eine Büchse. Großmutter, der sieht immerfort hierher.«
»Eine Büchse hat er?« rief die Großmutter erregt. »Will er etwa nach mir schießen? Da laufe ich lieber davon!« – Weg war sie.
Kasperle schüttelte sich vor Lachen.
»Hi hi hi, liebe Kinderchen, der Mann dort hinten hat nur eine Konservenbüchse! Hi – hi – hi –, nun fürchtet sich die alte Frau und ist weg.«
Doch plötzlich kam ein Tier gekrochen. Das machte das Maul so weit auf, daß Pucki angstvoll zu Onkel Niepel lief und sich an ihn klammerte.
»Onkel Niepel – frißt es mich?«
»Nein, nein, es will nur das unartige Kasperle fressen.«
»Kasperle – Kasperle«, rief Pucki in Angst, »lauf schnell weg, das böse Tier will dich fressen!«
Das große Tier machte Pucki gar keinen Spaß. Sie hatte Angst. Erst als Kasperle wieder aus dem Rachen des Ungeheuers gekrochen kam, beruhigte sich Pucki. Sie wollte hier nicht länger bleiben.
»Onkel Niepel, wir wollen nu zu der Pfefferkuchenbude gehen. – Läßt du mich noch mal würfeln? Ich möchte auch so 'nen großen Pfefferkuchen haben wie der Junge.«
Die drei Knaben wollten jedoch beim Kasperletheater bleiben. So wurde Fräulein Irma beauftragt, auf die Knaben aufzupassen, während Niepel mit Pucki weiterging.
Über den Platz wurde soeben ein Esel geführt, auf dem die Kinder reiten durften.
»Nur zehn Pfennige das Reiten«, rief ein aufgeputzter junger Bursche, der den Esel führte.
»Soll ich dich einmal reiten lassen, Pucki?«
»Schenk mir lieber die zehn Pfennige, Onkel, und dann laß mich auf dir reiten. Das ist ebenso schön.«
Niepel lachte, hob die Kleine empor und setzte sie auf seine Schultern.
»Das ist fein, Onkel – nu reiten wir zur Würfelbude, und dann krieg' ich einen großen Pfefferkuchen.«
Abermals durfte Pucki würfeln. Auch dieses Mal gewann sie nicht.
»Komm, wir würfeln noch einmal«, sagte Onkel Niepel.
»Ich kriege doch keinen Pfefferkuchen«, sagte Hedi.
Pucki drängte weiter. Es gab noch so vieles zu sehen. Da war eine Bude mit den Radautrommeln. Manches Kind hatte eine solche erworben und lärmte damit umher. Sehnsuchtsvoll schaute Pucki auf die herrlichen Instrumente.
»Onkel – –«. Pucki wies entsetzt auf einen Händler, »guck, dort sind die Schießer!«
Die Kleine riß sich von der Hand Niepels los und lief davon. Sie hatte einen Mann gesehen, der kleine, bunte Gasballons zum Kaufe anbot. Diese Ballons, die sie einst von Getreidehändler Henschel bekommen hatte, bereiteten dem Kinde heute noch Entsetzen. Das waren die bunten Bälle, die mächtig geschossen hatten, als es sich darauf setzte und später durch den Wald rannte. Niepel hatte Mühe, die kleine Ausreißerin einzuholen.
»Sie schießen, Onkel – es knallt mächtig!«
»Komm zurück zur Bude. Ich kaufe dir eine Knarre.«
»Ist der Schießer da?«
»Er tut dir nichts, mein Kind.«
Trotzdem war die Kleine voller Unruhe. Und als der Mann mit den Ballons wieder sichtbar wurde, drückte sie sich ängstlich an den Gutsbesitzer.
Als er ihr eine Knarre kaufen wollte, erblickte Pucki einen Knaben, der eine Röhre im Munde hatte, an der ein kleines Schweinchen hing. Je länger der Knabe in die Röhre blies, um so größer wurde das Schwein.
Pucki starrte das Wunder an.
»Onkel Niepel«, rief sie erregt, »der kleine Junge macht aus 'nem kleinen Schwein ein ganz großes Schwein, so ein großes, wie Vati hat!«
Abwartend stand das Kind neben dem Knaben, der das Schweinchen so weit aufpustete, bis es nicht mehr ging.
»Mach das Schwein noch größer«, sagte Pucki bittend.
»Das geht nicht.«
»Ach, Onkel Niepel, ich möchte auch so'n Schwein.«
»Das sollst du haben.«
Sehr bald hatte Pucki auch ein Schwein. Aus Leibeskräften blies sie in die Röhre, doch das Schwein wurde nicht größer. Im Gegenteil, sobald das Kind die Lippen von der Röhre nahm, schrumpfte es wieder zusammen.
»Onkel, es will nicht wachsen!«
»Es ist dick genug, sonst platzt es.«
»Macht man Wurst aus ihm?«
»Nein, du Dummerchen, das Schwein ist innen leer.«
»Kann man das nicht sehen?«
Das Spielzeug bereitete dem Kinde viel Vergnügen. Fritz sollte es durchaus sehen. So schritten die beiden zurück zum Kasperletheater. Die Vorstellung war gerade beendet. Niepel fand seine drei Jungen, die sofort den Vater bestürmten, er solle ihnen auch so ein Schwein kaufen.
Das geschah. Und nun bliesen die vier Kinder mit aller Lungenkraft darauf los. Pucki versuchte mit dem Fingerchen, ob das Schweinchen auch dick sei. – Da plötzlich gab es einen Knall, das Schweinchen zerplatzte.
»Es schießt!«
Pucki warf die Reste in weitem Bogen von sich und wollte wieder fortlaufen, wurde jedoch von Niepel festgehalten. Von nun an war die Freude am Jahrmarktsrummel stark beeinträchtigt. Das Kind wollte nicht einmal eine Mundharmonika haben, da es sich einbildete, daß auch sie schießen würde, wenn man sie an den Mund setze.
Die Knaben dagegen hatten Dutzende von Wünschen. Jeder wollte etwas anderes haben. Der Vater aber lehnte ab.
»Soviel Geld habe ich nicht. Ihr habt euer Vergnügen gehabt, seid nun zufrieden.«
Da erscholl plötzlich lautes Geheul. Niepel blickte sich um. Das war doch sein Paul. Fräulein Irma eilte davon. Da stand der kleine Paul Niepel heulend neben seinem großen Pfefferkuchen, der auf der Straße lag. Über den Pfefferkuchen hinweg war ein Karrenwagen gegangen, er hatte ihn breit gefahren.
»Mein schöner Pfefferkuchen, nun ist er ganz dreckig! – Oh, mein schöner Pfefferkuchen!«
»Weine nicht, Junge, hier hast du zehn Pfennige, geh und kaufe dir einen anderen.«
»Den hab' ich doch gewonnen – ich will wieder so 'nen Pfefferkuchen. Oh, mein schöner Pfefferkuchen!«
Ein Herr drückte dem weinenden Knaben ein Zehnpfennigstück in die Hand und sagte lachend:
»Würfle noch einmal, vielleicht gewinnst du wieder.«
»Ich möchte auch Geld«, sagte Pucki.
Im Weitergehen zupfte sie Paul am Rock.
»Guck mal, ich habe den Pfefferkuchen aufgehoben.«
Der Pfefferkuchen schmeckte den beiden herrlich. Verstohlen wurde er gegessen.
Die zwanzig Pfennige, die Paul bekommen hatte, brachten keinen Segen. Zweimal würfelte er an der Bude – doch gewann er nicht.
»Ist alles Schwindel«, sagte Pucki, »die Frau behält sich den guten Pfefferkuchen. Sie will ihn allein essen.«
Als man endlich den Markt verlassen wollte, sah man eine alte Frau, die an der Straßenecke saß und einen Leierkasten drehte. Sie sah recht dürftig gekleidet aus. Fräulein Irma reichte Fritz und Pucki je ein Fünfpfennigstück und sagte:
»Die arme Frau soll auch eine Freude haben. Geht hin und gebt ihr jeder das Geldstück.«
»Ja«, meinte Pucki, »dann kann sie auch zur Würfelbude gehen. Aber sie gewinnt doch nichts.«
»Da kriegt sie ja zweimal Geld«, meinte Fritz, »das ist zu viel.«
»Das muß sie haben. Wir wollen ihr das Geld gönnen.«
Ein Weilchen standen die Kinder vor der Frau und lauschten der kleinen Drehorgel. – Dann gab Fritz sein Geldstück hin. Im selben Augenblick kam noch eine Frau, die der Alten ebenfalls ein Geldstück reichte. – Da schlossen sich Puckis Händchen fest um die Münze.
»Jetzt hat sie aber genug, jetzt braucht sie nichts mehr.«
Pucki behielt das Geldstück. Fräulein Irma fragte, ob sich die Frau gefreut hätte.
»Sie hat genug«, meinte Pucki. »Der Fritz hat ihr was gegeben und eine andere Frau. Ich habe das Geld behalten.«
»Aber Pucki, das ist eine ganz arme Frau.«
»Sie hat doch Geld bekommen.«
»Morgen ist kein Jahrmarkt, morgen geben ihr die Leute nichts. Nun hat sie morgen nichts zu essen. Du solltest ihr dein Geldstück auch noch hintragen.«
»Dann gebe ich ihr lieber ein Stück Pfefferkuchen.«
»Ich hatte gedacht, du bist ein artiges Mädchen. Dir würde es auch nicht gefallen, wenn du etwas nicht bekommst, was für dich bestimmt ist.«
»Nein, das würde mir nicht gefallen.«
»Nun komm, wir wollen uns die arme Frau nochmals ansehen.«
Gemeinsam ging man zurück.
»Sieh einmal«, mahnte Fräulein Irma, »die arme Frau ist so verrunzelt, das kommt davon, weil sie nicht immer genug zu essen hat. Sie kann auch nichts mehr verdienen, kann nur noch am Wege sitzen und orgeln. Ich würde ihr doch die fünf Pfennige geben.«
Pucki betrachtete die Alte, dann ging sie zu ihr und reichte ihr das Geld.
»Hier hast du, weil du schon so alt bist.«
Schließlich mahnte Onkel Niepel, es sei Zeit zum Heimfahren. Die Kinder wollten zwar nochmals zum Esel und zum Kasperle, doch mußten sie sich dem Wunsche des Vaters fügen.
»Ich finde«, sagte Pucki, als man vor dem Wagen stand, »daß wir heute sehr artige Kinder waren. Eigentlich müßtest du uns noch was kaufen, Onkel Niepel.«
»Ihr habt genug, seid zufrieden.«
Auf der Heimfahrt wurde viel Lärm gemacht. Pucki drehte ununterbrochen die Knarre, Paul blies die Mundharmonika, Walter und Fritz hatten kleine Trompeten. Fräulein Irma hielt sich mehrmals die Ohren zu, weil sie den Krach kaum ertragen konnte. Doch gerade das belustigte die Kinder. Alle vier fuchtelten vor ihrem Gesicht herum und lachten, wenn sie das Gesicht verzog.
Beim Aussteigen aus dem Wagen blieb Pucki dabei: »Wir waren heute furchtbar artige Kinder. Vati und Mutti können sich freuen über so'n artiges Kindchen!«
Hochzeitsfeier und Lehmgrube
Inhaltsverzeichnis
»Wenn du heute zu meiner Mutter kommst, mußt du dich aber sehr fein machen, weil meine Mutter Geburtstag hat und weil wir auch fein angezogen werden, Pucki. Es kommen viele Leute, dann gibt es Torte mit Schlagsahne.«
»Ich mache mich ganz fein.« Das Kind freute sich auf den Nachmittag, auf den Geburtstag der guten Tante Niepel, auf die Torte und das lustige Spielen in Hof und Garten.
Frau Förster Sandler erlaubte es gern, daß Pucki am heutigen Nachmittag nach dem Gut fuhr, um mit den drei Niepelschen Kindern einen fröhlichen Nachmittag zu verbringen. Wenn auch Frau Niepel Gäste hatte, so würde Fräulein Irma, das Kinderfräulein, bei den Kleinen sein und sie beaufsichtigen.
Pucki, die sonst wenig Wert auf ihre Kleidung legte, war heute damit einverstanden, daß man ihr das weiße Kleidchen mit der blauen Schärpe anzog.
»Mutti, müssen mir nicht auch die Haare abgeschnitten werden, wie neulich den drei Jungen, ehe sie zum Jahrmarkt gingen? Onkel Niepel hat doch gesagt, die Jungen wären nicht hübsch, wenn sie solche Zottelhaare hätten.«
»Laß nur, Pucki, deine Haare sind in Ordnung.«
»Ich soll mich hübsch machen, hat der Fritz gesagt, weil es Torte und Schlagsahne gibt.«
Frau Sandler eilte nach der Küche, denn es gab dort zu tun. Pucki trat vor den Spiegel und betrachtete sich aufmerksam. Bald würde der Wagen mit dem lieben weißen Pferdchen kommen. Ob sie wohl dem Fritz gefiel? Um das Gesicht hingen die blonden Löckchen, krochen über die Ohren und zottelten um das Gesicht. Dem lieben Onkel Niepel würde das nicht gefallen, er würde auch zu ihr sagen: Erst zum Friseur. Kinder müssen ordentlich um den Kopf aussehen.«
Pucki zog mit den Fingern die Löckchen bis zur Nase herab.
»O pfui«, sagte sie, »da steht er, der garstige Struwwelpeter! Ich will kein Struwwelpeter sein! –«
Das Kind wußte, drüben im Wohnzimmer am Fenster stand Mutters Nähtisch. In dem obersten Schub lag die blitzende Schere, mit der die Mutti immer das neue Zeug kaputt schnitt.
»Die Zotteln, die mir ins Gesicht hängen, schneide ich ab, dann ist Onkel Niepel zufrieden.«
Pucki nahm die Schere. Es war ihr zwar verboten worden, aber die Mutti hatte gerade keine Zeit, sie würde sich gewiß freuen, wenn die Zotteln weg waren.
Schnipp – schnapp – die Stirnlöckchen fielen zur Erde. Pucki lachte fröhlich auf. »Nu sind sie weg, die Zotteln – nu sehe ich vorne aus wie der Fritz.«
Noch einmal fuhr das Kind mit der Schere in den Haaren herum, schnippte zu und schnitt die vorderen Locken mit kräftigem Schnitt ab.
»Mutti – Mutti –«, jubelte die Kleine und lief, die Schere in der Hand, hinaus in die Küche. »Guck mal, nu bin ich vorne wie die Jungen! Gucke nur!« Pucki strahlte vor Freude.
Als das Kind mit lachenden Augen so vor der Mutter stand, konnte Frau Sandler über diesen neuen Streich nicht böse sein. Dann aber sah sie, daß Pucki sich die blonden Locken über der Stirn kurz weggeschnitten hatte.
»Pucki, was hast du getan!« rief sie.
»Ich habe mich frisiert!«
»Was fällt dir nur ein! Habe ich dir nicht streng verboten, die Schere zu nehmen?«
Die Kleine streckte beide Arme zärtlich nach der Mutter aus. »Weil Onkel Niepel immer so gut ist, wollte Pucki ihm eine Freude machen. – Mutti, gefalle ich dir nicht?«
Was war nun zu tun? Geradezu abscheulich sah das Kind aus. Es würde nichts anderes übrigbleiben, als auch die anderen Ringlein abzuschneiden.
»Eigentlich dürfte ich dich heute nicht zu Tante Niepel lassen. Dich gehen deine Haare gar nichts an, darum hast du dich nicht zu kümmern, du ungezogenes kleines Mädchen!«
»Aber Mutti, das sind doch meine Haare. Meine Hände muß ich auch immerzu waschen. – Na, dann wasch' ich mich in Zukunft nicht mehr.«
»Pucki, wenn du ungezogen bist, telephoniere ich sofort an Tante Niepel, daß sie den Wagen nicht erst schickt.«
»Mutti, Mutti«, jubelte die Kleine, »es rollt draußen! Ätsch, Mutti, das weiße Pferdchen ist schon da!«
Die Kleine stürmte davon. – Richtig, vor dem Forsthaus stand der Wagen mit dem weißen Pferd. Der alte Kutscher nickte dem Kinde freundlich zu.
»Heb mich schnell 'rein und fahr ganz fix ab.«
»Warum denn heute so schnell, kleines Ding?«
»Weil sie nicht will, daß ich hinkomme. – Bitte, heb' mich in den Wagen.«
»Da will ich zuerst mal hören, was los ist«, meinte der alte treue Kutscher lachend.
Schon trat Frau Sandler aus der Haustür. Pucki sah sorgenvoll auf die Mutter, hielt beide Händchen über den Kopf und sagte zärtlich:
»Mutti, wenn ich so mache, sieht man es nicht. – Nu können wir fahren!«
»Gut, Pucki, so wirst du mit dem abgeschnittenen Haar fahren. Mögen sie dich bei Niepels auslachen. Dort wird man dir sagen, wie unartig du warst.«
»Mutti, sie lachen nicht, sie freuen sich.«
»Wolltest du Tante Niepel nicht aus dem Garten ein paar Blumen mitnehmen? Du weißt, sie hat heute Geburtstag.«
»Darf ich die Blumen abpflücken?«
»Das darfst du, ich werde mitkommen und dir sagen, was du nehmen kannst.«
Es wurde ein schöner Strauß Tulpen für Frau Niepel abgeschnitten. Dann bestieg Pucki den Wagen, nachdem sie das Pferdchen geliebkost hatte. Jubelnd ging es dem Niepelschen Gutshause entgegen.
»Fahre ein bißchen fix, sonst essen mir die Jungen alle Torte und Schlagsahne weg, und ich freue mich doch so darauf.«
»Es gibt nicht eher etwas, als bis du da bist.«
Pucki hüpfte vergnügt auf dem Sitz hin und her. »Ich eß ganz doll, bis ich nicht mehr kann.«
Die drei Knaben empfingen Pucki mit lautem Geschrei. Paul, der noch nicht ganz sicher auf den Füßen war, doch immerhin schon wieder leidlich laufen konnte, blies mehrfach auf der Trompete, zum Zeichen, daß Pucki eingetroffen war.
»Die dummen großen Leute sind noch nicht da, doch wir bekommen schon vorher zu essen.«
Pucki sprang mit den Knaben davon.
»He – holla, Hedi«, rief der Kutscher.
»Was willste denn schon wieder?«
»Im Wagen liegen die Tulpen, was soll damit geschehen?«
»Ach so, die habe ich vergessen.«
»Was hast du denn mit den Haaren gemacht?« forschte Walter, »du stehst ja so ulkig aus?«
»Schön bist du nicht«, meinte Paul.
Pucki war recht enttäuscht. Und als Fritz sogar über die abgeschnittenen Haare laut lachte, verzog sie das Gesicht.
Nun ging es zuerst zu Tante Niepel, um ihr zu gratulieren und ihr die Tulpen zu überreichen. Auch Frau Niepel war über das Aussehen des Kindes entsetzt.
»Aber Pucki, so etwas darfst du doch nicht machen!«
»Ich wollte doch dem Onkel Niepel gefallen.«
Aber dem Onkel gefiel sie auch nicht. Er lachte schallend, als er den halb abgeschorenen Kopf sah.
»Na, setze dir nur den Hut auf, dann sieht man es nicht«, scherzte er.
Pucki war sehr niedergeschlagen, griff im Flur nach einer der Kindermützen und zog sie über die Ohren. Zwar wurde sie anfangs von den Knaben kräftig ausgelacht, als es dann aber zum Essen ging, als wirklich eine schöne Torte und Schlagsahne vorgesetzt wurde, waren Puckis Haare vergessen.
Es schmeckte den Kindern herrlich.
»Aber Hedi«, mahnte das Kinderfräulein, »du wirst ja krank, wenn du so viel ißt. Dein Bäuchlein muß doch schon ganz voll sein.«
»Ich hab' mir heute 'nen zweiten Bauch mitgebracht, in den kann ich noch viel stopfen.«
Endlich ging es wirklich nicht mehr.
»Jetzt sitzt es bis hier ganz oben«, meint das Kind und zeigte nach dem Hals. »Schade, es ist noch so viel da.«
»Ich denke, wir gehen nun hinaus in den Garten und spielen zusammen.«
»Aber dich brauchen wir nicht«, meinte Paul. »Ohne dich, Fräulein Irma, spielt es sich viel schöner.«
»Ich wollte so gerne mitmachen.«
»Na, dann laßt sie nur«, sagte Pucki, »wir spielen jetzt Jahrmarkt. Ich bin der Affe, du der Mann mit dem Leierkasten und du – Fräulein, du bist die Frau, die mir immerzu den Zucker reicht.«
»Ich will der Affe sein«, rief Walter.
»Zucker bekommst du doch nicht«, ereiferte sich Paul.
»Ich bin der Affe«, beharrte Pucki energisch, setzte sich auf einen Gartenstuhl und streckte die Hand aus.
»Ich weiß etwas besseres«, sagte das Kinderfräulein. »Wir wollen ein Kreisspiel machen oder Verstecken spielen.«
»Nein, wir wollen Hochzeit spielen«, meinte Hedi, »wie auf dem Bild zu Hause, das ich gesehen habe. Die Frau mit 'nem weißen Kleid und 'nem Schleier und der Mann mit einem Hut.«
»Ach ja, wir wollen Hochzeit spielen«, jubelten die drei.
»Ich muß aber einen Schleier haben«, meinte Hedi.
Erst überlegten die Kinder, dann rief Paul, indem er davoneilte: »Ich hole einen!«
Vor zwei Tagen war bei Niepels Wäsche gewesen, Paul hatte gesehen, daß die Gardinen geplättet wurden. Das war ein feiner Schleier. Oben in der Kammer lag ein großer Stoß solcher durchsichtigen Dinger. Davon konnte er einen holen.
In der Kammer zerrte er aus dem Stoß eine Gardine heraus. Sie war viel zu lang als Schleier. Er nahm eine zweite, eine dritte, warf sie achtlos auf den Fußboden und fand schließlich eine Scheibengardine, die sich vorzüglich eignete. Strahlend kehrte er damit zurück.
Das Kinderfräulein betrachtete die Gardine forschend.
»Wer hat dir das gegeben?«
»Es ist alles in Ordnung, du brauchst nicht immerzu dazwischen zu reden, Fräulein Irma.«
Die Gardine wurde Pucki über das Gesicht gehängt.
»Jetzt heirate ich«, sagte sie. »Komm, Fritz!«
»Zum Heiraten gehören zwei«, lachte das Kinderfräulein, »erst muß –«.
»Na, dann heirate ich dich auch noch, Walter, dann sind es zwei.«
»Ich will auch geheiratet werden«, schrie Paul.
»Nein, dich heirate ich nicht.«
»Ich will aber geheiratet werden«, grollte der Knabe und riß Pucki den Schleier vom Kopf.
»Gehste weg!« Walter versetzte dem Bruder einen kräftigen Puff.
»Du hast mich nicht zu puffen. Ich bin beinahe ein armer Hinkeldei, und der Vater hat euch gesagt, ihr sollt mich schonen.«
»Und die Mutter hat gesagt, ich bin der Schwächste von euch«, rief Fritz.
»Was bin ich denn?« heulte Walter los. »Ich bin gar nichts! Ich will dich aber heiraten!«
»Seid doch vernünftig, Kinder«, mahnte Fräulein Irma.
»Ich heirate den Fritz«, sagte Pucki, »weil er so schwach ist, und du, Walter, bist unser Kindchen und der Paul ist der Großvater.«
»Ich will kein Kindchen sein, ich will heiraten«, rief Walter und stampfte mit dem Fuß auf.
Paul, der noch immer den Schleier in der Hand hielt, hing ihn sich selber über und wollte damit davongehen; er wurde von Pucki eingeholt, die ihm den Brautstaat aus der Hand zerren wollte. Ehe es das Kinderfräulein verhindern konnte, war die Gardine mittendurch gerissen.
»Schämt ihr euch nicht, bei der Hochzeit so unartig zu sein?«
»Wir schämen uns gar nicht«, sagte Pucki mit blitzenden Augen, »wir heiraten. – Nu komm, Kleiner.«
Sie schob ihren Arm durch den Fritzens und stolzierte mit ihm den Kiesweg entlang.
»Nu machst du bim–bam–bim, und ich singe ein Lied.«
Während sich Paul und Walter prügelten, schritt das Brautpaar durch den Garten. Pucki sang:
»Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all!«
Fritz schwenkte die Hand wie eine Glocke und sagte unentwegt mit dumpfem Tonfall: »Bim–bam – bim–bam.«
Das Kinderfräulein mußte schließlich die beiden Kampfhähne trennen. Die Knaben hatten Tränen in den Augen, denn jeder hatte kräftig zugeschlagen.
»Geht lieber zum Brautpaar und bringt ihm Blumen, wie man das bei einer Hochzeit macht.«
»Ich bringe ihr nichts«, meinte Walter, »sie hat mich nicht geheiratet. Ich soll nur ihr Kindchen sein, und ich will nicht Kindchen sein.«
Pauls Gesicht hellte sich ganz plötzlich auf. »Au – fein, ich bin der Großpapa, der hat mich mal mit 'nem Stock geschlagen. – Jetzt kriegt sie Prügel!«
Abermals lief er ins Haus und kehrte mit des Vaters Spazierstock zurück.
»Ich bin der Großpapa – na warte!«
»Paul, was soll das?«
Der stürmte, so schnell er mit seinem Bein laufen konnte, dem Brautpaar nach. Fräulein Irma eilte neben ihm her und wollte ihm den Stock entwinden. Dabei kam es zu einer erregten Szene.
»Immer mußt du uns unser Vergnügen kaputt machen. – Wenn wir doch so schön spielen!«
Der Stock war Paul fortgenommen. Als Paul aber das Brautpaar erreicht hatte, versetzte er Braut und Bräutigam heftige Schläge.
»Was fällt dir ein!«
»Ich bin der Großpapa, der darf hauen!«
Wieder mußte Fräulein Irma die Erregten trennen. Paul griff rasch etwas Erde auf und bewarf Pucki damit, so daß das Kind über und über beschmutzt war.
»Komm mit«, sagte das Kinderfräulein, »ich werde dich in meinem Zimmer säubern. Doch dann werdet ihr vernünftig spielen, sonst sage ich es dem Vater, und dann gibt es nachher keine Obstspeise.«
Fritz folgte seiner Braut. Die beiden Kinder gingen in Fräulein Irmas Zimmer. Dort wurde Pucki gesäubert. Als Fräulein Irma gerade das Gesicht des Kindes abtrocknete, ertönte im Flur lautes Schreien. Rasch eilte sie hinaus, um die beiden Knaben, die sich erneut in die Haare gefahren waren, zu beruhigen. Wie unangenehm, denn im Wohnzimmer waren bereits die Geburtstagsgäste versammelt.
So blieben Pucki und Fritz im Zimmer des Kinderfräuleins allein zurück. Das kleine Mädchen betrachtete interessiert alle die Fläschchen, die umherstanden. In diesem Augenblick schlug die Kuckucksuhr fünfmal.
Hedi, die wohl den Kuckuck im Walde kannte, aber nichts von einer Kuckucksuhr wußte, starrte staunend zu der kleinen Uhr empor.
»Ein Kuckuck – ein Kuckuck ist in dem kleinen Loch drin!«
»Das ist doch 'ne Kuckucksuhr!«
»Da hat sie 'nen Kuckuck eingesperrt?«
»Der schreit nur, der ist aus Holz.«
»Holz kann nicht schreien.«
Auf der Treppe ging es recht lebhaft zu. Fritz war neugierig und lief aus dem Zimmer, um nachzusehen, was es gäbe. Hedi jedoch stand noch immer wie angewurzelt vor der Uhr, in die der Kuckuck zurückgekrochen war.
»Armer, kleiner Kuckuck muß in dem kleinen Loch sein.«
Einmal hatte der Vater ein Vöglein heimgebracht, ein Waldvöglein, das so durchnäßt war, daß es nicht mehr fliegen konnte. Pucki wollte das Tierchen in den Bauer setzen, um es zu behalten. Sie wußte genau, daß es der Vater nicht duldete, er meinte, die Vöglein, die draußen im Walde wohnten, könnten in der Gefangenschaft nicht leben, man dürfe sie nicht behalten.
»Hat sie dich hier eingesperrt, kleiner, lieber Kuckuck – komm, ich laß dich 'raus!«
Hedi stieg auf einen Stuhl. Trotzdem konnte sie die Uhr nicht erreichen. Da schob sie das kleine Tischchen, das am Fenster stand, heran. Nun ging es.
»Komm, kleiner Kuckuck, komm – komm!«
Aber der Kuckuck kam nicht. Hedi drückte mit den Fingerchen hier und dort und öffnete schließlich das kleine Türchen, um abermals zu locken.
»Komm – Kuckuck – komm – komm!«
Als er wieder nicht kam, schob sie behutsam ein Fingerchen ins Loch, begann zu ziehen und zu reißen und bums – lag die kleine Kuckucksuhr am Boden. Die geschnitzten Verzierungen waren abgebrochen, auch ein Brettchen war losgegangen – doch vom eingesperrten Kuckuck war nichts zu sehen.
»Wo bist du denn; kleiner Kuckuck?«
Schließlich entdeckte das Kind den kleinen hölzernen Kuckuck, den es durchaus herausziehen wollte.
»Das ist doch kein Kuckuck, wie der Kuckuck im Walde! Olles dummes Ding!«
Der aus der Uhr gerissene Kuckuck wurde ins Zimmer geworfen, dann verließ Hedi zufrieden das Zimmer. Sie war glücklich darüber, daß kein richtiger Kuckuck in dem kleinen Kasten eingesperrt worden war.
Unten im Flur standen Paul und Walter mit finsteren Gesichtern. Fritz blieb etwas abseits und lauschte den beruhigenden Worten Fräulein Irmas. Als Hedi hinzukam, mahnte das Kinderfräulein erneut zum gemütlichen Spiel. Nur unwillig folgten ihr die Kinder hinaus in den Garten.
»Wir wollen jetzt recht artig sein; wir verstecken uns, und Hedi mag uns suchen. Dort der Baum ist der Anschlag.«
Das Versteckspiel begann, doch nicht lange, so war die Lust dazu vorüber. Walter war der erste, der erklärte, es sei nun genug.
»Nein«, mahnte Fräulein Irma, »wir spielen weiter.«
»Dann sollst du uns suchen«, rief Paul mit listigem Augenzwinkern.
»Gut«, sagte Fräulein Irma, »ich stelle mich an den Baum, halte mir die Augen zu, und wenn ich kommen kann, ruft ihr.«
Paul machte den Brüdern und Pucki ein Zeichen. Gemeinsam liefen die Kinder davon. Hinter einem Fliederbusch flüsterte er:
»Wir rufen sie nicht, wir rücken aus, wir spielen allein!«
»Sie wird uns aber im Garten finden.«
»Dann laufen wir aus dem Garten. – Au, ich weiß was! Ein Stückchen von hier ist die große Lehmgrube! – Dort ist es fein, dort glitscht man von oben bis unten 'runter.«
»Fein, fein, wir gehen zur Lehmgrube!«
Die vier schlichen aus dem Garten, überquerten die Straße und wanderten gemeinsam nach der Lehmgrube, die etwa eine Viertelstunde entfernt lag. Da es in den letzten Tagen stark geregnet hatte, sank man beim Betreten beträchtlich ein, doch gerade das machte den Kindern die größte Freude.
»Uff –« lachte Pucki, »die Grube hat meinen Schuh festgehalten! Guck mal, wie er klemmt!«
Sie stand mit dem weißen Strumpf im Lehm, neben dem Schuh. »Sieh mal mein Bein, das rutscht ganz tief in den Kleister!« Pucki beugte sich nieder und zog den Schuh heraus. »Schön sieht er nicht aus.«
»Wir wollen dort hinauf auf den Berg! – Au, das geht aber schwer«, sagte Walter, »wenn es so glatt ist wie heute, rutscht man immer wieder 'runter.«
Schon nach wenigen Minuten waren die Kinder derartig beschmutzt, daß sie von selber sorgenvoll dreinblickten.
»Wollen wir nach Hause gehen?« fragte Fritz, »bei mir ist alles dreckig.«
»Es klebt«, rief Walter, »sieh mal meine Hände!«
»Wisch sie ab«, rief Paul.
Walter wischte sie an den schönen blauen Anzug.
»Kommt schnell fort«, sagte Pucki und nahm Fritz an der Hand, »wir haben genug.«
Auf dem Rückweg wurden die vier sehr still. Eines sah das andere kummervoll an; die Kleider waren verschmutzt, und an den Füßen hingen dicke Lehmklumpen.
»Ich gehe barfuß«, flüsterte Pucki, »sonst schimpft Fräulein Irma.«
Vor dem Niepelschen Garten wurden Schuhe und Strümpfe ausgezogen und zum Trocknen ins Gras gelegt Die Kleinen hörten das Rufen des Kinderfräuleins.
»Still, still«, rief Paul, »sie darf uns nicht sehen, sonst macht sie Krach.«
Aber Fräulein Irma sah sie doch und war starr vor Entsetzen. Die guten blauen Sonntagsanzüge verschmutzt, Puckis weißes Kleidchen an vielen Stellen mit einer Lehmkruste überzogen.
Nun gab es harte Worte zu hören.
Nur Fritz, der kleinste und zierlichste der Drillinge, wagte eine Entgegnung.
»Wir wollten doch so schön spielen!«
»Sofort kommt ihr ins Haus! Ich ziehe euch die Spielkittel an, und wenn ihr von der Mutter gerufen werdet, um den Gästen guten Tag zu sagen, müßt ihr in den schlechten Kleidern kommen.«
»Und was ziehste mir an?« fragte Pucki vertrauensvoll.
»Kommt mit«, sagte das junge Mädchen verärgert.
Pucki bekam ein buntes Tuch, das ihr kunstvoll umgesteckt wurde. Dann streifte man ihr Strümpfe von Fritz über. Über die viel zu großen Schuhe lachte die Kleine belustigt.
»Ihr wolltet heute besonders artig sein, nun macht ihr den Eltern solchen Kummer. Was werden nur deine Eltern denken, wenn du so heimkommst, Pucki?«
»Die wissen, daß ich ein Pucki bin! Immer wenn ich artig sein möchte, kommt etwas dazwischen, und dann geht es schlimm aus. Ich bin doch eben ein Pucki.«
Durch die strenge Miene des Fräuleins waren die Kinder doch eingeschüchtert, so daß sie in der nächsten halben Stunde artig am Tisch saßen und spielten. Plötzlich legte Pucki die Hände auf das Bäuchlein und sagte:
»Kommt man auch in den Himmel, wenn man hungrig ist?«
»Hast du schon wieder Hunger?«
»Na, wenn wir doch soviel herumgerannt sind! Ich könnte wieder Speise essen.«
»Damit mußt du noch warten.«
»Im Garten hängen lauter kleine Beeren an den Sträuchern. Wenn man da mal ein bißchen naschen könnte – –«
»Unreife Beeren dürft ihr nicht essen, dann werdet ihr krank.«
Pucki seufzte. »Kleine Kinder haben es schlimm – kleine Kinder dürfen gar nichts machen – und große dürfen alles machen. – Ich möchte bald groß sein.«
Schließlich rief Frau Niepel nach ihren Kindern. Sie sollten herüberkommen, um den Gästen guten Tag zu sagen.
Pucki war sogleich bereit, sie kam sich in dem bunten Tuch sehr schön vor. Doch die drei Knaben machten verlegene Gesichter.
»Ich geh' nicht 'rein«, meinte Paul, »ich habe hinten einen großen Flicken drauf.«
»Und ich kann durch die Tasche fassen«, sagte Walter. »Unten fällt alles 'raus, was ich oben 'reinstecke.«
»Geht nur«, mahnte Fräulein Irma, »die Mutter hat gerufen.«
Pucki war die erste, die ins Zimmer lief. Die drei Knaben blieben hinter der Tür stehen.
»Ihr seid wohl gerade beim Spielen«, lächelte Frau Niepel, als sie das aufgeputzte Mädchen sah.
»Ja, Tante Niepel, wir haben schön gespielt. Wir haben uns bei der Hochzeit mächtig gehauen, und dann waren wir bei der großen Lehmgrube.«
»Wo wart ihr?« fragte der Oberförster, der auch gekommen war, um Frau Niepel zu gratulieren.
Frau Niepel hatte ihre drei Buben hinter der Tür bemerkt und holte sie ins Zimmer.
»Warum habt ihr euch umgezogen?«
»Mutter – – wir haben heute wieder Dummheiten gemacht.«
»Was ist denn geschehen?« fragte Frau Niepel sorgenvoll.
»Es wird schon alles wieder gut werden«, flüsterte Fritz, »wir werden alle wieder trocken, und die Beine sind schon gewaschen.«
Unter einem Vorwand verschwand Frau Niepel und holte sich wegen der rätselhaften Worte der Kleinen Auskunft bei Fräulein Irma. Es war einfach unglaublich! Sie war schon manches von ihren dreien gewöhnt, so daß sie auch diesmal sich die Geburtstagsstimmung nicht verderben lassen wollte. Mochte der Vater am Abend seinen drei Söhnen klarmachen, daß man nach Regenwetter nicht in die Lehmgrube gehen durfte.
Fräulein Irma stand indessen in ihrem Zimmer und betrachtete die zerbrochene Kuckucksuhr. Sie war recht ärgerlich. Und noch viel ärgerlicher war sie, als sie in der Wäschekammer die durchwühlten Gardinen sah, die Paul achtlos auf den Boden geworfen hatte.
Pucki dagegen war wieder in bester Laune. Sie sprach der Speise tapfer zu, und als der Abend kam, als Frau Niepel mahnte, nun heimzufahren, sagte die Kleine bedauernd:
»Ich wäre gerne noch so'n bißchen hiergeblieben. Ich hab' in der Kammer schöne Brötchen mit dicker Wurst gesehen. Die hätte ich gerne essen mögen, weil – ich doch heute so artig war.«
»Artig nennst du das?« sagte Fräulein Irma streng und wies auf das unsaubere Kleid. Es war unmöglich, Pucki in diesem Auszug nach Hause zu schicken.
»Pucki war sehr artig!« – –
Die Eltern waren jedoch nicht derselben Meinung, als sie am Abend hörten, wie alles gekommen war.
»Schimpf mal nicht«, sagte Pucki und legte zärtlich beide Ärmchen um den Hals des Vaters.
Die Niepelschen Jungen dagegen bekamen noch am Abend eine gehörige Tracht Prügel und wurden ohne Abendessen zu Bett gebracht.
Bitteres Leid
Inhaltsverzeichnis
»Was machst du da, Pucki? Warum nimmst du die Wurst vom Brot? – Aber Pucki, man steckt doch die fettige Wurst nicht in die Tasche. – Was soll das?«
Förster Sandler drohte dem Töchterchen, mit dem er beim Abendessen saß, mit dem Finger.
»Für Männe!«
»Du willst Männe die Wurst geben?«
»Ja, Vati – weil Männe krank ist und weil Männe so gerne Wurst frißt. – Er wird sich freuen.«
»Unserem Männe tut Wurst im Augenblick nicht gut, Pucki.«
»Er hat sie gestern aber gleich gefressen, sie hat ihm sehr gut geschmeckt. Ach, Vati, ich will auch gar keine Wurst haben, nur der kleine Männe soll gesund werden.«
»Und die Mutti?«
»Ja, die Mutti soll auch gesund werden.«
Frau Sandler lag seit wenigen Tagen zu Bett. Sie hatte sich bei der Wäsche erkältet. Der Arzt war gekommen, da sich Fieber einstellte.
»Ich glaube, die Mutti ist nicht so krank wie der Männe. Die Mutti lacht noch, aber der liebe Männe liegt ganz still, er wackelt nicht mal mit dem Schwänzchen.«
Der kranke Dackel bereitete dem Kind große Sorgen. Das Tierchen war alt, und Förster Sandler trug sich schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, dem treuen Tier durch einen wohlgezielten Schuß ein rasches Ende zu bereiten. Noch wollte er freilich abwarten, ob sich das Befinden des Tieres bessern würde. Sandler wußte genau, daß das Ende des Hundes seiner Tochter einen großen Schmerz bereiten würde.
»Unser Männe ist so elend«, sagte der Förster, »und so krank, daß er wahrscheinlich sterben muß.«
»Wenn er stirbt, ist er ganz weg, Vati? Kommt er nie wieder?«
»Nein, mein Kind.«
»Dann soll er nicht sterben, er soll bei mir bleiben.«
An diesem Vormittag belauschte das kleine Mädchen ein Gespräch der Eltern, das ihm das Herz fast zum Stillstehen brachte.
»Es wird das beste sein, wenn ich Männe totschieße. Er ist gar zu elend.«
»Er soll sich nicht quälen«, sagte die kranke Förstersfrau. »Es ist eine Wohltat für das Tier, wenn du ihn von den Schmerzen schnell erlöst.«
Als Sandler das Krankenzimmer verließ, stürzte Pucki auf den Vater zu und umklammerte ihn angstvoll.
»Nicht totschießen«, rief sie unter hervorbrechenden Tränen. »Du sollst meinen guten Männe nicht totschießen, weil er so elend ist. Ich werde Männe pflegen, ich werde ihm immer meinen Zucker geben. Ich will ihn in mein Bettchen nehmen und immerzu streicheln. Dann lassen wir den Onkel Doktor kommen, der zur Mutti kommt, der muß ihm auch 'ne Medizin geben wie der Mutti. Ach, Vati, Vati – –«
Pucki konnte vor Weinen nicht weiterreden.
Der Förster war sehr bestürzt, daß sein Töchterchen die Unterhaltung mit angehört hatte. Gar gern würde er dem Kind den Kummer ersparen. Als er zu Männe trat, um den kranken Hund noch einmal genau anzusehen, kniete Pucki nieder und breitete schützend beide Arme über das Tierchen aus.
»Vati, schieß lieber einen anderen Hund tot, aber nicht den Männe und nicht den Harras. – Bist du wirklich elend, mein liebes Hündchen? Pucki pflegt dich wieder gesund!«
»Du brauchst nicht mehr zu weinen, Pucki, der Vati wird noch mal den Tierdoktor rufen lassen. Vielleicht kommt Männe wieder auf die Beine. Aber ganz gesund wird er doch nicht wieder.«
»Ich werde auch immer artig sein, Vati – ich werde nicht mehr in die Lehmgrube gehen und nicht mehr mit Tannenäpfeln nach den Leuten werfen, die vorübergehen. Wenn du mich wieder in den Wald mitnimmst, geh ich immer gleich nach Hause. – Und wenn die Mutti sich mal wieder ein Kindchen holt, will ich es liebhaben. Oh, Pucki will immer nur artig sein. Aber den lieben Männe darfst du nicht totschießen, weil er so elend ist.«
Dem Förster tat der Kummer seines Kindes leid; so beschloß er zuvor, nochmals mit dem Tierarzt zu reden. Viel Hoffnung hatte er nicht mehr. Dem alten Hunde wäre es am wohlsten, wenn er ein schnelles Ende fände.
»Ich muß nun in den Wald gehen, Pucki. Sei recht brav, denn Mutti ist krank. Du darfst ihr keine Sorgen machen, darfst auch nicht lärmen.«
»Nein, Vati, Pucki ist ganz artig, du kannst ruhig in den Wald gehen, ich passe auf. – Kann ich das Hündchen herumtragen?«
»Nein, mein Kleinchen, laß Männe ganz ruhig liegen. Es ist ihm am liebsten, wenn er auf seinem Lager bleibt.«
Das Kind kniete nochmals neben dem Dackel nieder, streichelte ihn zärtlich und sagte beruhigend: »Er schießt dich nicht tot, kleines, liebes Hündchen, weil du so elend bist. Du kriegst Zucker und Muttis Medizin, dann wirst du wieder gesund.«
Der kranke Hund leckte die Händchen des Kindes, dann streckte er sich wieder aus und schloß die Augen.
Auf leisen Sohlen schlich Pucki ins Zimmer der Mutter. Sie war nicht elend, es ging ihr ganz gut, denn sie lachte noch, wenn sie Pucki sah.
»Stehste nu bald wieder auf, Mutti?«
»Ich hoffe es, mein Kind.«
»Solange du im Bett liegst, bin ich ganz artig, Mutti.«
»Dann nicht mehr?«
»Ach, Mutti, es – ist so schrecklich schwer, immer artig zu sein. Aber jetzt mache ich dir keinen Kummer, weil du krank bist. Ich habe schon so viele Tannenzapfen gesammelt; wir wollten die Leute tüchtig schmeißen. Aber solange du krank bist, schmeiße ich nicht.«
»Mein liebes, kleines Mädchen, du darfst überhaupt die Vorübergehenden nicht werfen, das machen nur unartige Jungen, die keiner liebhat.«
»Oh, Mutti«, strahlte Pucki, »die Jungens von Onkel Niepel sind immer so hübsch unartig, das macht soviel Spaß! Richtig frech ist der Paul, ganz frech!«
»Das ist schlimm, Pucki. – Ein kleines Mädchen darf niemals frech sein, kein Mensch würde dich sonst liebhaben. Und deinen Eltern machst du dadurch großen Kummer.«
»Ich will dir aber keinen Kummer machen, Mutti.«
»Dann darfst du auch mit den Niepelschen Jungen keine tollen Streiche ausführen. Du weißt genau, was gut und böse ist und wodurch du die Eltern betrübst.«
»Ja, Mutti – als ich im Auto weg war, haste dich auch ins Bett gelegt und warst krank. – Warum liegste denn jetzt im Bett? – Weil ich mich in der Lehmgrube schmutzig gemacht hab'?«
»Vielleicht, Pucki. Mutti hat sehr lange an dem weißen Kleidchen waschen müssen, dabei hat sie sich erkältet. Nun hat sie Stiche in der Brust.«
»Nur weil ich in der Lehmgrube war?«
»Weil du der Mutti viel unnütze Arbeit machst, mein Kind.«
»Ach, Mutti, dann werde ich dir gar keine Arbeit mehr machen. Dann zieh' ich mir immer erst das Kleidchen aus, wenn ich in die Lehmgrube gehe.«
»Du sollst nicht in solche Gruben laufen, Hedi. Ich denke, du willst mein artiges kleines Mädchen sein und sinnst schon wieder auf tolle Streiche. Was die Buben wollen, schickt sich nicht für Mädchen. Mutti ist recht traurig, wenn sie hören muß, daß du unartig gewesen bist.«
Hedi schmiegte die Wange zärtlich an die der Mutter. »Sollst nie mehr traurig sein, Pucki ist jetzt immer furchtbar artig und geht nicht in die Lehmgrube. – Biste nu zufrieden?«
»Ich werde mal sehen, ob du dein Versprechen hältst, Pucki. Wenn du wirklich folgsam und artig bist, ist Mutti sehr glücklich und froh, weil sie ein braves Töchterchen hat.«
»Aber der kleine Schreihals im Wagen ist doch auch nicht brav?«
»Dein kleines Schwesterchen hat noch nicht soviel Verstand wie du.«
»Nee, Mutti, der Paul sagte, kleine Kinder haben überhaupt keinen Verstand. Aber ich hab' Verstand!«
»So zeige mir, daß du überlegen kannst und sei brav.«
In der Küche bei Minna erklärte Pucki mehrfach, sie sei nun ein braves Kind, wäre nie mehr unartig und wollte der Mutti eine Freude machen.
»Wenn die Mutti krank ist und nichts arbeiten kann, helfe ich dir.«
»Du wirst was Rechtes helfen!«
»O doch, ich habe einen großen Verstand. – Soll ich für die Mutti kochen?«
»Das laß nur sein. – Aber helfen kannst du mir doch etwas, Pucki. Wenn ich nachher in den Garten gehe, darfst du mir beim Pflücken der Stachelbeeren helfen.«
»Ach ja!«
Das war eine Arbeit, die Pucki so recht behagte. Minna hatte dem Kinde gesagt, daß es nur die reifen nehmen dürfe. Doch die grünen schienen die Kleine viel mehr zu locken als die reifen. Pucki pflückte gewissenhaft die reifen Früchte in das Körbchen, die unreifen schob es in den Mund.
»Minna – sie kitzeln mich im Magen!«
»Aber Pucki, du darfst doch keine unreifen Beeren auf nüchternen Magen essen!«
»Ich hab' keinen nüchternen Magen!«
»Natürlich, du hast seit dem Frühstück nichts gegessen. Vor Tisch ist es ungesund, das unreife Zeug herunterzuschlucken.«
»Hahaha«, lachte die Kleine, »ich hab' keinen nüchternen Magen! In dem nüchternen Magen sind schon so viele unreifen Johannisbeeren drin.«
»Wenn du noch weiter unreifes Obst ißt, sage ich es der Mutti. Dann wird sie noch kränker, denn sie ärgert sich über dich.«
Dieser Hinweis nützte sofort. Pucki pflückte artig das Körbchen voll Stachelbeeren und erhielt zum Schluß ein Lob von Minna.
In den nächsten Tagen bemühte sich die Kleine, sehr brav zu sein. Sie gab acht auf das Schwesterchen, scheuchte ihm die Fliegen fort, half Minna, so gut es in ihren schwachen Kräften stand, und betreute Männe, dem es tatsächlich wieder etwas besser zu gehen schien. An einem sonnigen Nachmittag erhob er sich sogar vom Lager und legte sich zu Hedis Füßen nieder, die im Garten neben dem Kinderwagen saß.
»Nu biste nicht mehr elend, lieber Männe«, sagte Pucki, indem sie das braune Fell des Tieres streichelte. »Nu wirst du gesund, dann laufen wir wieder durch den Wald.«
Männe wedelte mit dem Schwänzchen, schaute Pucki mit seinen treuen Augen liebevoll an, legte sich auf dem Kies nieder, schnappte einige Male und blieb dann ganz still.
»Er schläft«, sagte Pucki und schlich ganz leise um den Hund herum, um ihn ja nicht zu wecken. Als dann das Schwesterchen zu schreien begann, drohte ihm Pucki mit dem Fingerchen. »Bist du still, der Männe will schlafen.«
Doch die Kleine schrie weiter. Schon hatte Pucki die Hand erhoben, um dem Säugling einen Klaps zu geben, da dachte sie an ihr Versprechen.
»Du gräßlicher Schreihals, ich darf dich nicht hauen, ich muß artig sein, aber verdient hättest du Prügel. – Na, nu sei mal lieb, Mutti ist krank, und wir sollen die Mutti nicht ärgern.«
Endlich kam Minna, holte das Baby aus dem Wagen und trug es ins Haus.
»Nu komm, Männe, jetzt gehen wir auch hinein. – Männe – – Männe – – so wach doch auf, du Schlafmütze – oder – bist du wieder elend geworden, Männe? – Komm, du sollst nicht auf den kleinen Steinen liegen. – Na – hopp – so steh doch auf, Männe!«
Pucki stieß den Hund vorsichtig an, kraute ihn hinter den Ohren, strich über den Kopf – das Tier blieb regungslos liegen.
»Männe – Männe – –« Immer lauter wurde Puckis Rufen, der Hund rührte sich nicht. Hedi wurde es unheimlich. Sie lief in die Küche und rief Minna, die noch immer mit dem Säugling beschäftigt war. Da stürmte die Kleine ins Schlafzimmer der Mutti, die heute einen so roten Kopf hatte. »Mutti, der Männe sagt nichts mehr, er schläft immerzu!«
Mutti war heute zu komisch. Sie sprach nur wenige leise Worte, dann schloß sie wieder die Augen.
Die Kleine lief erneut hinaus in den Garten, doch noch immer lag der Hund unbeweglich da. Als Minna endlich kam und den Hund anrührte, sagte sie betrübt:
»Da ist ja unser guter Männe ganz plötzlich gestorben. – Der Männe ist tot.«
Erst konnte Hedi das Schreckliche nicht fassen. Immer wieder streichelte sie das Fell des Hundes, dann fragte sie leise:
»Wenn der Onkel Doktor wiederkommt, kann er den Männe nicht mehr lebendig machen?«
»Nein, Pucki, Männe hat wahrscheinlich einen Herzschlag bekommen und ist ganz schnell gestorben.«
»Ganz schnell ist er gestorben, mein lieber Männe. – Nu ist er tot und bleibt immer tot?«
»Ja.«
»Oh, du armer, lieber Männe, nun habe ich keinen kleinen Männe mehr!«
Pucki setzte sich neben den Hund und schluchzte bitterlich.
»Du lieber, kleiner Männe, nun bist du tot, und ich hab' dich nicht mehr zum Spielen. Ach, Minna, dabei hat er mich doch noch angelacht und ist zu mir gekommen. – Dann war er tot.«
»Er hat sich nicht quälen brauchen. Nun steht sein kleines Hundeherz still, und er braucht nicht mehr zu leiden. – Weine nicht, Pucki, das Hündchen war alt, es wollte nicht länger leben.«
Pucki vermochte sich jedoch nicht so rasch zu trösten. Es holte ein Stückchen Zucker und legte es vor Männe hin.
»Wenn er noch einmal zu allerletzt die Augen aufmacht, soll er noch was Schönes sehen.«
Auch einige Blumen brach die Kleine ab, um sie neben den Hund zu legen. Männe war doch immer ihr lieber Spielkamerad gewesen, nun würde er nie mehr mit Hedi umhertollen.
Da kam der Vater nach Hause.
»Männe hat einen schönen und schnellen Tod gehabt, ein Herzschlag, da war er gleich weg. Wir werden ihn im Garten begraben und ihm einen Gedenkstein setzen, damit du immer an deinen lieben Spielgefährten erinnert wirst.«
Viel mehr Sorgen machte dem Förster seine kranke Frau. Der Arzt hatte längst festgestellt, daß es sich hier um eine Lungenentzündung handelte. Man war daher im Forsthause in größter Sorge um die Kranke. Sandler erwartete jeden Tag seine Schwiegermutter, denn er brauchte Hilfe im Hause.
»Immer recht artig sein«, mahnte Minna, »Mutti ist sehr elend, und du willst doch nicht, daß sie noch kränker wird.«
Die Worte des treuen Mädchens lösten in dem Kinde eine fieberhafte Angst aus.
Just in diesem Augenblick kam Herr Sandler, die Flinte über den Rücken gehängt, ins Haus.
»Vati –« rief Pucki in größter Erregung, »die Mutti soll nicht sterben wie der Männe!«
»Klein-Hedi, wo denkst du hin, was sind das für törichte Worte! Wir wollen doch alle, daß die Mutti bald wieder gesund wird. Ich denke, morgen kommt die Großmama; sie wird die Mutti gesund pflegen.«
»Dann soll die Großmama lieber schon heute kommen.«
»Das geht nicht, mein Kind. Aber sei recht still und artig, damit die gute Mutti nicht noch kränker wird.«
Der Arzt kam. Auf Zehenspitzen schlich das Kind hinter ihm ins Krankenzimmer. Die Mutti hatte noch immer so einen roten Kopf, sie sprach mitunter so komische Worte, die Pucki nicht verstand.
»Das ist das Fieber«, sagte Minna erklärend.
»Geht das Fieber mal wieder weg, wenn die Großmama kommt?«
»Wir wollen es wünschen, Pucki.«
Man duldete nicht, daß das Kind im Krankenzimmer verblieb. Nur von Zeit zu Zeit steckte das kleine Mädchen in großer Besorgnis den Blondkopf durch die Türspalte und warf der kranken Mutti Kußhändchen zu. Der Höhepunkt der Krankheit war erreicht, das Leben der Förstersfrau war in Gefahr.
»Wir wollen den lieben Herrgott bitten«, sagte der Vater, und seine Stimme klang ganz anders als sonst, »daß er dir die Mutti läßt, daß sie nicht stirbt.«
Es war Pucki recht angst ums Herz. Sie lief aus dem Garten, hinein in den Wald, lehnte sich an den Stamm einer Tanne, faltete die Händchen und unter heißem Weinen bat sie den lieben Gott, er möge die liebe Mutti nicht sterben lassen wie den Männe.
»Lieber Gott, ich versprech' dir wirklich, ganz toll artig zu sein, ich werde die Mutti gar nicht mehr ärgern. Aber wenn du nun schon den Männe in deinem Himmel hast, dann laß die Mutti bei mir. Mit der Mutti spielt es sich auch so schön, wenn sie gesund ist. Lieber Gott, ich will ein gutes Kind sein, aber mach die Mutti gesund.«
Vom Niepelschen Gut schickte man das Fuhrwerk. Walter und Fritz kamen, um die kleine Freundin zu holen. Das Kind wollte nicht mitgehen. Alle seine Gedanken weilten bei der Kranken, und angstvoll fragte es bald den Vati, bald Minna, ob die Mutti noch immer elend sei. Sogar nachts schlief die Kleine schlecht. Mehrfach wachte sie auf und immer kam ein kurzes Gebet über die Kinderlippen: »Lieber Gott, mache die Mutti gesund, ich will auch artig sein.«
Frau Niepel fuhr am nächsten Tage bei dem Forsthause vor; auch ihr gelang es nicht, Pucki aufs Gut zu holen.
»Ich möchte hierbleiben«, bat die Kleine mit feuchten Augen, »ich mag nicht fort. – Aber sei nicht böse, ich will doch artig sein. Das weiße Pferdchen darf ich doch streicheln?«
»Ja, das darfst du.«
Draußen stand die Kleine bei dem Pferd und weinte leise. »Kleines Pferdchen«, sagte das Mädchen, »Pucki ist so traurig.«
Der Arzt kam nachts noch einmal ins Forsthaus. Am nächsten Tage erklärte er, nun ginge es wieder besser. Die Kleine vermochte das Glück kaum zu fassen. Am liebsten hätte sie vor Freude laut geschrien. Doch das durfte nicht sein, sie wollte doch ein artiges Kind werden.
»Mutti – Mutti – Mutti –«, jubelte sie, als sie endlich das Krankenzimmer wieder betreten durfte, »nun stirbst du nicht, nun bleibst du bei Pucki. Ich hab' auch so viel gebetet!«
»Weil du solch liebes Kind warst«, sagte der Vater zärtlich, »darfst du nachher mit mir nach Rahnsburg gehen. Um fünf Uhr kommt die Großmama, wir holen sie ab.«
Obwohl Pucki die Großmama sehr liebte, bereitete es ihr viel mehr Freude, zu wissen, daß die Mutti nun wieder gesund werden würde.
»Wenn sie aufsteht, Vati, kriegt sie doch keinen Herzschlag und ist tot wie der Männe, nicht?«
»Vorläufig steht die Mutti noch lange nicht auf, und wenn sie aufsteht, brauchst du nichts mehr zu fürchten.«
»Oh, ich bin so froh, Vati!«
Pucki will Geld verdienen
Inhaltsverzeichnis
Die Niepelschen Drillinge fanden es gar nicht nett, daß in der Försterei eine Großmutter angekommen war, die mit Pucki Spaziergänge unternahm und die Kleine beschäftigte. Vergeblich versuchte Paul, wenn er mittags aus der Schule kam, das kleine Mädchen zu veranlassen, mit ihm einen Streich zu machen. Er hatte sich allerlei ausgedacht und flüsterte Pucki seine Pläne zu. Dann legte die Kleine das Köpfchen auf die Seite, schaute nachdenklich zu den hohen Tannen empor und sagte:
»Mach's mal allein, ich glaube, das ärgert wieder meine Mutti, und meine Mutti ist noch immer so'n bißchen krank und kann keinen Ärger vertragen.«
»Kommst du nicht endlich mal wieder zu uns, die Lehmgrube ist wieder so schön glitschig.«
Hedi schüttelte heftig das Köpfchen. »In die Lehmgrube gehe ich nicht mehr, Mutti will es nicht, und die Großmutter wird es auch nicht wollen.«
»Bring die Großmutter doch mit. Wir stellen sie oben auf den Berg an der Lehmgrube, lassen sie 'runterrutschen, und dann lachen wir sie aus, wenn sie schmutzig ist.«
»Nein, dann muß man die Großmutter waschen, und die Mutti ist krank geworden, weil sie die Lehmgrube aus meinem Kleide waschen mußte.«
»Quatsch! – Kommst du heute nachmittag? Ich werde dem Vater sagen, daß er den Wagen schickt.«
»Ich werde die Großmutter mitbringen. Sie freut sich, wenn sie eure Schweinchen und eure Kühe sieht.«
»Die Großmutter wollen wir nicht. Deine Großmutter können wir überhaupt nicht leiden.«
»Warum denn nicht?« fragte Pucki erstaunt.
»Ach – die hat 'ne Brille auf der Nase. – Wie heißt sie eigentlich?«
»Na, Großmutter.«
»Ach, Quatsch! – Jede Großmutter hat einen Namen.«
»Ich nenne sie immer nur Großmutter; aber die Großmutter müßt ihr auch liebhaben, sie ist so gut zu mir.«
»Unsere Großmutter heißt Alwine Hasensprung.«
Pucki lachte, daß sie sich schüttelte. »Hasensprung! – Kann sie denn so hopsen wie ein Hase? – Ich habe deine Großmutter noch nicht gesehen! Sag doch deiner Großmutter, daß sie herkommen soll.«
»Sie kommt nicht, sie hat noch andere Kinder, bei denen sie immer ist.«
»Vielleicht kommt sie nicht, weil ihr drei unartige Jungen seid. – Mutti hat gemeint, wenn ich ein unartiger Junge bin, würde mich die Großmutter auch nicht leiden können. Aber ich will mal die Minna fragen wie die Großmutter heißt. Warte mal noch ein bißchen.«
Minna war in der Küche beschäftigt, als Pucki eintrat und nach dem Namen der Großmutter fragte.
»Das ist Frau Blake.«
»Und wie heißt sie noch? Dem Paul seine Großmutter heißt Alwine Hasensprung.«
»Barbara Blake.«
»Barbara Blake – – ist das ein komischer Name!«
Pucki lief zu ihrem Freund zurück. »Meine Großmutter hat auch 'nen komischen Namen, sie heißt – sie heißt – Blake und – und – Barber – Berber – –«
Jetzt lachte Paul. »Sie weiß nicht mal, wie die Großmutter heißt! Nu laß mal deine Großmutter zu uns kommen, die werden wir aber ärgern.«
»Nein, Paul, meine Großmutter wird nicht geärgert. Meine Großmutter ist sehr gut. Wenn du sie ärgern willst, komme ich nicht.«
Als aber auch Walter und Fritz Pucki herzlich baten, sie möchte bald wieder hinaus aufs Gut kommen, meinte die Kleine nachgiebig:
»Na, ich komm' bald, vielleicht schon heute.«
Beim Mittagessen setzte sich Pucki ganz plötzlich auf den Schoß der Großmutter.
»Wie heißt du eigentlich? – Der Paul hat schrecklich gelacht, weil ich es nicht wußte.«
»Pucki, was soll das?« tadelte der Vater. »Man springt nicht vom Tisch auf, sondern bleibt schön auf seinem Platz sitzen, bis man fertig gegessen hat, erst dann fragt man.«
Der schwierige Vorname der Großmutter machte dem Kinde noch lange Sorgen. Gar zu schwer sprach sich dieser komische Name aus.
»Du brauchst mich gar nicht Großmutter Barbara zu nennen, Hedi«, lachte die Großmama. »Für dich bin ich die Großmutter, das genügt.«
»Großmutter, gibt es auch Engel mit grauen Haaren im Himmel?«
»Nein, die Englein haben alle lange blonde Locken.«
Die Großmutter, die so gern auf Puckis Geplauder einging, wuchs der Kleinen von Tag zu Tag mehr ans Herz. Ihr zeigte das Kind das Grab von Männe, und als die Großmutter dann einige Blümchen im Garten pflückte und auf das Grab legte, wurde sie von der Kleinen stürmisch umhalst.
»Der liebe Gott freut sich schon auf dich, weil du so gut bist! Wenn du in den Himmel kommst, läßt er alle Englein laut singen.«
»Was sollen sie denn singen?«
Pucki überlegte ein Weilchen, dann sprang sie umher, nickte heftig mit dem Kopf und sang:
»Bimmele – bammele – hopsassa, Kasperle ist wieder da! – Guten Tag, Großmutter!«
»Ganz recht, das hat der Kasper gesagt.«
»Großmutter, das war ein unartiger Kasper! Mit der Wurst hat er einen Mann gehauen, weil es eine Schlagwurst war. – Hahaha, Großmutter, hab' ich gelacht! Und dann hat der Kasperle seinen Schuh genommen und mitten durchgerissen. – Sieh mal, Großmutter, so hat er den Schuh angepackt – –«
Pucki zerrte ihren Schuh vom Fuß und riß kräftig an der Schnalle. Es gab einen Ruck, die Spange löste sich ab.
»Ach«, lachte die Kleine, »nu hab' ich's wie der Kasperle gemacht! – Nu is er kaputt!«
»Aber, Hedi! Soeben hast du mir gesagt, Kasperle sei ein unartiger Wicht, und nun machst du es genau so! Nun müssen wir den Schuh zum Schuhmacher bringen, das kostet Geld. Diese Ausgabe wäre nicht nötig gewesen. Dein Vati muß ohnehin jetzt viel bezahlen und hat kaum so viel Geld wie er braucht.«
»Warum muß er denn viel bezahlen?«
»Die Krankheit der Mutti kostet viel, und für dein kleines Schwesterchen hat der Vati auch viel bezahlen müssen.«
»Bück dich mal, Großmutter, ich möchte dir ganz leise was ins Ohr sagen. – So – Ich hätt' für das kleine Schwesterchen kein Geld ausgegeben. Wir brauchen sie nicht.«
»O doch, Pucki, wir brauchen sie.«
»Wozu brauchen wir sie, Großmutter?«
»Deine Eltern freuen sich darüber, und für dich ist es später gut, wenn du ein Schwesterchen hast.«
»Wenn es doch dem Vati so viel Geld kostet.«
»Um so weniger Ausgaben muß du den Eltern machen.«
»Großmutter, ich habe eine Sparbüchse. Soll ich die dem Vati geben?«
»Nein, Hedi, die darfst du behalten, aber nicht mutwillig Sachen entzwei machen. – Sieh mal, du kannst dir die Schuhe nicht bezahlen, du verdienst noch kein Geld, alles muß der Vati hergeben.«
Die Kleine war nachdenklich geworden. Es leuchtete ihr durchaus ein, daß der Vati Geld hergeben mußte. Auch der Groschen, den sie für den Jahrmarkt bekommen hatte, war ihr vom Vater in die Hand gelegt worden. Wenn nun eines Tages der Vater gar kein Geld mehr hatte, was sollte werden?
Am Nachmittag nahm die Großmutter Pucki mit nach Rahnsburg. Sie machte Besorgungen; schließlich suchte sie den Gärtner auf.
»Morgen steht Mutti wieder auf, da wollen wir ihr eine schöne Blume auf den Tisch stellen. Ihr habt zwar Blumen genug im Garten, aber die Mutti freut sich sehr, wenn sie noch einen hübschen Blumentopf bekommt.«
Man wählte eine Hortensie von schöner blauer Farbe.
»Blumen gibt es wohl jetzt in Hülle und Fülle?« fragte Frau Blake die Gärtnersfrau.
»Gewiß, aber gerade in diesen Tagen habe ich fast alles abschneiden müssen. Wir hatten eine Doppelhochzeit und zwei Todesfälle. Blumen sind mitunter auch bei mir knapp.«
»Wir haben viele Blumen im Garten«, sagte Hedi.
»Das glaube ich dir gern, ich habe auch eine Menge, doch mitunter reichen sie nicht aus, und ich muß welche dazukaufen.«
»Das macht Ihnen hier gewiß keine Schwierigkeiten«, sagte die Großmutter.
»Mitunter doch. – Ich bekomme wohl von den Gütern allerlei, auch bringt mir der Niepelsche Wagen fast täglich Blumen mit. Doch mitunter langt es noch nicht.«
Aufmerksam lauschte Pucki auf das Gespräch. Einmal sagte die Mutti, daß man aus dem Garten Blumen nehmen dürfe, das war damals gewesen, als Frau Niepel Geburtstag gehabt hatte. Die Gärtnersfrau sprach heute davon, daß sie die Blumen mitunter teuer bezahlen müsse. Der arme Vati hatte kein Geld, und die Schuhe mußten zum Schuster.
»Ich weiß was«, jauchzte Pucki plötzlich.
»Was weißt du denn?«
»Sehr was Schönes, Großmutter! Das wird dem Vati Freude machen. – Ach, wie der springen wird!«
»Was ist denn los, Hedi?«
»Ich sag's nicht – ich sag's nicht – ich sag's nicht!« Hedi sprang von einem Füßchen aufs andere und klatschte in die Hände. Für das Kind stand der Plan fest, daß es der Gärtnersfrau die Blumen aus dem Garten bringen wollte. Das Geld bekam der Vati, weil er für die kranke Mutti und das Schwesterchen viele Ausgaben hatte und ganz arm war.
»Der wird sich freuen – na, der wird sich freuen!« wiederholte die Kleine mehrmals auf dem Heimweg.
Frau Blake lachte über das Kind, das wahrscheinlich einen kindlichen Plan erdacht hatte.
Am nächsten Morgen wartete die Kleine auf den Wagen, der die Niepelschen Kinder zur Schule brachte. Es entstand ein geheimnisvolles Flüstern. Aus drei Knabenkehlen ertönten begeisterte Zustimmungen.
»Das machen wir«, sagte Paul, »und wenn uns was übrigbleibt, wollen wir mal nachsehen, ob die Würfelbude noch dasteht. Dann holen wir uns einen großen Pfefferkuchen.«
Hedi lehnte ab. »Mein Geld bekommt der Vati, er ist ganz arm geworden, weil wir noch ein Kindchen haben.«
»Wir sind heute um drei Uhr mit dem Wagen wieder da. – Paß auf, wir fahren allein.«
»Wenn ich doch nicht mit darf?«
»Du brauchst ja nichts zu sagen!«
»Doch, ich muß immer sagen, wenn ich fortgehe.«
»Das mußt du gar nicht«, sagte Fritz fast zärtlich. »Sonst muß man es immer, aber zu Weihnachten braucht man es auch nicht zu sagen. Wir wollen doch deinem Vati Geld bringen. – Na, der wird sich aber freuen!«
Hedi überlegte ein Weilchen. Was der Fritz sagte, stimmte schon. Sie erinnerte sich an die Weihnachtsvorbereitungen. Immer wieder sagte der Vati, man müsse alles vor der Mutti geheimhalten, denn es gälte, ihr eine Freude zu machen. Wie oft hatte sie ihre kleine Flechtarbeit versteckt, wenn die Mutti das Zimmer betrat; sie war sogar heimlich mit dem Vati nach Rahnsburg gegangen.
»Nun ja«, entschied sie sich endlich, »ich komme ganz leise mit. Ich laufe bis zu der dicken Buche, und dort steige ich ganz schnell mit in den Wagen. Dann fahren wir zum Gärtner nach Rahnsburg.«
»Die Blumen mußt du aber mitbringen.«
»Hundert!«
»Das ist gut. – Wir bringen auch welche mit, dann haben wir viel Geld.«
Aber der Plan ging nicht so glatt. Als die drei Knaben das weiße Pferdchen aus dem Stall holen wollten, um es vor den Wagen zu spannen, kam der Knecht und fragte, was das zu bedeuten hätte.
»Wir fahren gleich los«, sagte Walter.
»Mit wem?«
»Allein!«
»Dann gebt mir das Pferd wieder her, euch drei kann man nicht allein fahren lassen. – Ihr wollt wohl verunglücken?«
»Wir verunglücken nicht«, sagte Walter.
Der Knecht wollte das Pferd zurück in den Stall führen, doch da begannen die Knaben laut zu schelten. Es gab einen solchen Tumult, daß Frau Niepel aufmerksam wurde und herbeikam. Auch sie untersagte energisch die Fahrt.
»Wir haben es Pucki versprochen. – Pucki wartet auf uns!«
»In einer halben Stunde fährt der Gemüsewagen zur Stadt; da könnt ihr mit.«
Die drei schmollten ein Weilchen, mußten sich jedoch fügen.
Dann jagten die Knaben in den Garten und rissen wahllos Blumen ab, stopften sie in einen Sack, um sie auf den Wagen zu legen.
»Daß es nur der Gottlieb nicht sieht.«
Doch der Kutscher fragte sofort, was in dem Sack wäre, den die Knaben auf den Wagen zu werfen suchten. Er tastete an dem Sack herum, doch Paul stieß ihn unsanft fort.
»Mir soll es recht sein«, sagte der Alte, »was Vernünftiges wird es ganz gewiß nicht sein.« –
Währenddessen stand Pucki im Garten und wählte sorgsam die schönsten Blumen aus, die erblüht waren. Behutsam pflückten die kleinen Hände die Blümchen ab und legten sie in das Körbchen, das ihr am Arm hing.
»Ihr kommt nu zum Gärtner und dann zur Hochzeit«, sagte das Kind, »da ist es sehr schön für euch.«
Der Gedanke, daß es durch den Verkauf der Blumen dem Vater Freude und Erleichterung schaffen könne, beglückte das kleine Mädchen derart, daß es am liebsten hell aufgejubelt hätte. Großmutter schlief am Nachmittag, sonst hätte ihr Pucki die große Überraschung doch erzählt. Mehrmals lief die Kleine zu Minna in die Küche und fragte, ob es bald drei Uhr sei. Und als es endlich so weit war, huschte Pucki, das Körbchen mit den Blumen vorsichtig tragend, hinaus zur Gartenpforte und stand wenige Augenblicke später wartend an der dicken Buche.
Es dauerte geraume Zeit, ehe der Niepelsche Gemüsewagen kam.
»Du hast ja so wenig«, tadelte Paul, »da wirst du nicht viel verdienen.«
»Ich verkaufe sie sehr teuer. Die Gärtnersfrau hat gesagt, sie muß die Blumen teuer kaufen.«
In Rahnsburg hatte der Kutscher mancherlei zu erledigen. Pucki führte die Knaben nach der Gärtnerei. Paul und Walter trugen den Sack mit den gequetschten Blumen. Sie gingen nicht gerade sanft damit um, so daß Hedi unmutig sagte:
»Ihr werdet die Blümchen zerbrechen. Blümchen wollen nicht in den finsteren Sack.«
In Rahnsburg war die Kleine nicht unbekannt. Ein Ehepaar, das des Weges kam, sprach Hedi an.
»Was machst du denn hier, Hedi? Wie geht es der Mutti? – Was hast du da für schöne Blümchen?«
»Die verkaufe ich.«
»So? – An wen denn?«
»An Sie«, rief Paul. »Wollen Sie welche haben!«
»Du verkaufst die Blumen?«
»Ja«, sagte Pucki ernsthaft, »der Vati hat doch kein Geld mehr, und meine Schuhe, die kaputt sind, müssen heilgemacht werden. Da will ich dafür Geld bekommen.«
Die beiden lachten belustigt. »Was willst du denn für die Vergißmeinnicht haben?«
Hedi zuckte die Schultern. »Ich muß soviel Geld haben, daß der Vati das kleine Schwesterchen bezahlen kann und daß er meine Schuhe machen läßt.«
Lachend nahm die Spaziergängerin zwei Zehnpfennigstücke aus der Börse und reichte sie dem Kinde.
»Du wirst dir sicherlich Bonbons dafür kaufen?«
Hedi strahlte. »Nein, das Geld bekommt der Vati, weil er doch keins hat.«
Inzwischen hatte Paul den Sack auf die Straße gelegt, griff mit beiden Händen hinein und hielt dem Ehepaar mehrere Blumen hin.
»Mir können Sie auch welche abkaufen.«
»Wie sehen denn die Blumen aus, mein Junge. – Sieh mal, diese hier haben ja kaum noch Blätter. Solche Blumen kaufe ich nicht.«
Grimmig warf Paul die Blumen zurück in den Sack und hob ihn auf die Schulter. »Na, dann nicht!«
Diese kleine Szene war von der Bäckersfrau beobachtet worden, deren Laden sich gerade an der Straßenecke befand.
»Kleine Hedi, willst du mir auch Blümchen verkaufen? Ich schenke dir ein Stück Kuchen.«
Sofort lief Pucki in den Laden und stellte das Körbchen auf den Tisch.
»Such dir welche aus!«
Die Bäckersfrau nahm Stiefmütterchen heraus und reichte der Kleinen ein Stück Kuchen.
Das Kind wartete ein Weilchen, dann sagte es mit leiser Bitte in der Stimme: »Du mußt mir aber noch ein bißchen Geld für den Vati geben.«
Zu den zwanzig Pfennigen, die Pucki bereits hatte, wurde ein drittes Zehnpfennigstück gelegt. – Strahlend eilte das Kind zurück zu den Freunden und zeigte ihnen den verdienten Betrag.
»Wird sich der Vati aber freuen – nu haben wir viel Geld!«
Schließlich ging es zur Gärtnerei. Paul errechnete für seine Blumen eine stattliche Summe, er wollte mindestens sieben Mark einnehmen, denn sieben Mark kostete die Eisenbahn, die beim Kaufmann Römer im Fenster stand.
»Und ich kaufe mir einen Roller«, sagte Walter.
»Und ich das Ding vom Fleischer, das sich immerzu dreht und soviel Wind macht.«
Die Kinder kamen in die Gärtnerei. Pucki stellte artig das Körbchen mit den restlichen Blumen vor die Gärtnersfrau.
»Jetzt bringen wir dir viele Blumen, weil du doch für die Hochzeit welche brauchst. Die mußt du uns abkaufen und uns viel Geld dafür geben, denn mein Vati hat kein Geld.«
»Hier hast du einen ganzen Sack voll Blumen – ich will sieben Mark haben!«
Mit diesen Worten schüttete Paul den Inhalt des Sackes vor die Gärtnersfrau hin. Wie sahen die armen Blümchen aus! Die meisten waren von den Stengeln abgebrochen, die anderen welk und zerzaust. Pucki blickte erschrocken darauf nieder.
»Oh, ihr armen, lieben Blümchen!«
»Was fällt euch denn ein, so mit den lieben Blumen umzugehen«, sagte die Gärtnersfrau erregt. »Wißt ihr nicht, daß alle Blumen der himmlische Vater zur Freude der Menschen wachsen läßt, daß man sie gut behandeln muß? Dieses zerdrückte Zeug kann ich nicht brauchen. – Haben eure Eltern gesehen, daß ihr die Blumen in den Sack stecktet?«
Paul schob die Unterlippe vor, während Walter und Fritz beschämt daneben standen. Sie hatten nicht geahnt, daß die Blumen durch eine derartige Behandlung verdorben würden.
»Da lobe ich mir dein Körbchen, Kleine. Deine Blumen will ich schon nehmen, obgleich ich sie auch nicht recht brauchen kann. Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen habe ich selbst ausreichend.«
»Du hast doch gesagt, daß du Blumen brauchst?«
»Das verstehst du noch nicht, Pucki, dazu bist du noch viel zu klein, um zu wissen, welche Blumen ich brauchen kann und welche nicht. – Haben dir die Eltern gesagt, daß du mir die Blumen bringen sollst?«
»Nein, ich wollte dem Vati Geld besorgen, weil er keins hat.«
»Das ist sehr schön von dir, Pucki, doch in Zukunft wird es besser sein, wenn du daheim erst fragst. Nun hast du im Garten all die Vergißmeinnicht abgepflückt, die die gute Mutti so lieb hat. Es wird ihr gewiß nicht recht sein, daß du sie mir bringst.«
»Aber der Großmutti wird es recht sein und dem Vati.«
»Komm, Pucki, wir wollen fort!« rief Paul. Er stopfte die Blumen zurück in den Sack, zum größten Leidwesen Hedis, die noch manches Blümchen hervorzog und in ihr Körbchen legte.
»Wenn wir sie in Wasser stellen, werden ihre Augen wieder ganz hell«, meinte sie.
»Was soll ich dir nun für die Blumen geben, Pucki?«
»Ganz toll viel Geld!«
»Willst du es vernaschen?«
»Nein, dem Vati bringen.«
Die Gärtnersfrau gab Hedi fünf Fünfpfennigstücke, die das Kind sorgsam in die Schürzentasche steckte. Es glaubte sich nun sehr reich und konnte kaum die Freude des Vaters erwarten, die er haben würde, wenn sie ihm das viele Geld brachte.
Vor der Gärtnerei stellte Paul den Sack mit den Blumen in die Ecke, um ihn dort stehen zu lassen. Er hatte gar keine Lust, die Last zurück zum Wagen zu tragen und daheim noch Schelte zu bekommen, weil er so viele Blumen nutzlos abgerissen hatte.
Schließlich ging es heim. Die drei Buben waren sehr mißmutig, weil sie von dem Verkauf gar nichts ernteten. Paul jammerte um seine Eisenbahn und wollte von Hedi einen Teil ihres Geldes haben. Doch die Kleine hielt ihre Geldstücke fest.
»Das ist doch für den Vati. Wenn er mal wieder viel Geld hat, sage ich ihm, daß er dir die Eisenbahn kaufen soll.«
Inzwischen hatte man im Forsthause das Verschwinden des Kindes bemerkt. Allzu unruhig war man darüber nicht, da die Sonne noch hoch am Himmel stand.
»Vielleicht ist sie im Wald beim Vater«, sagte die Mutter. »Hedi war in der letzten Zeit sehr brav, sie weiß, daß sie nicht fortlaufen darf.«
Eine halbe Stunde später kam das Kind. Die Augen strahlten, die Bäckchen glühten vor Freude.
»Wo warst du denn?«
»Ach, Mutti – wenn der Vati doch erst wieder hier wäre! Ich habe ihm so 'ne Freude gemacht wie noch nie. – Mutti, bist du traurig, daß ich die Vergißmeinnicht aus dem Garten verkauft habe?«
»Was hast du gemacht?«
»Lieber Gott, der Vati ist so ein armer Mann, weil ich meine Schuhe kaputt gemacht habe, und nun habe ich Geld verdient. – Großmutter, du hast doch gesagt, der Vati hat kein Geld. – Sieh mal her!«
Voller Stolz legte die Kleine die acht Geldstücke auf den Tisch. Ihr Stimmchen schnappte vor Jubel fast über, als sie rief:
»Das habe ich dem Vati eingesammelt – wie wird er sich freuen!«
Anfangs wollte die Mutter tadelnde Worte sagen, sie sah jedoch, wie glücklich ihr Kind in dem Gedanken war, dem Vater helfen zu können.
»Nicht wahr, Mutti, nu hat er wieder viel Geld, nu braucht er nicht traurig zu sein. Alle Leute haben mir Geld für die Blümchen gegeben. Weißt du, wenn der Vati wieder mal für ein Kindchen was bezahlen muß, gehe ich wieder nach Rahnsburg – dann gehe ich in jedes Haus und bringe Blumen.«
Frau Sandler nahm die Kleine und drückte sie zärtlich an sich. Was Hedi heute getan hatte, war aus gutem Herzen gekommen, und dafür durfte sie das Kind nicht schelten. Später mußte sie Hedi freilich sagen, daß sie auf diese Weise kein Geld verdienen durfte.
Abends kam der Vater heim. Ehe er die Seinen begrüßen konnte, hing Pucki an seinem Halse.
»Vati, ich bin kein Pucki mehr, es geht auch nicht schlimm aus! Ich habe dir Geld gebracht, viel Geld. – Vati, jetzt bist du nicht mehr arm.«
Auch der Förster brachte es nicht fertig, seiner Tochter einen Vorwurf zu machen. Nur tadelte er, daß Hedi vorher nichts davon gesagt hatte.
»Du sollst nicht nach der Stadt gehen, ohne daß wir es wissen. Doch dieses Mal will ich nicht schelten, da ich weiß, daß du mir eine Freude bereiten wolltest.«
»Von jetzt an mache ich dir jeden Tag 'ne Freude, Vati.«
Während Hedi sehr glücklich war in dem Gedanken, dem Vater geholfen zu haben, gab es bei Niepels wieder einmal strenge Strafe. Mit Tränen in den Augen sahen die drei Knaben, wie die schöne Johannisbeerspeise von anderen gegessen wurde. Ihre Teller blieben leer.
Pucki und Harras verhüten ein Unglück
Inhaltsverzeichnis
So glücklich und zufrieden wie heute war Hedi lange nicht mehr gewesen. Die Mutti durfte endlich das Bett verlassen und schien gesund zu sein. Die Kleine war jedoch ein wenig enttäuscht, als ihr der Vater sagte, daß die Mutti noch lange nicht mit in den Wald gehen könnte, weil sie noch viel zu schwach wäre.
So kam es, daß das kleine Mädchen mit forschenden Blicken die Mutter betrachtete, die allmählich wieder ihrer gewohnten Arbeit nachging.
»Koch mal lieber nicht«, meinte das Kind, »du bist zu schwach, wir können ja Johannisbeeren essen.«
»Mutti ist froh, wenn sie wieder arbeiten kann.«
Als Frau Sandler eines Tages einen Stuhl anhob, um ihn an einen anderen Platz zu stellen, eilte Pucki herbei und stellte sich der Mutter in den Weg.
»Vati sagt, du bist eine schwache Frau. Ich bin viel stärker als du. – Gib her, ich kann den Stuhl allein schleppen.«
Die Großmutter, die das beobachtete, rief Pucki zu sich und küßte sie zärtlich auf die Stirn.
»So war es brav, Pucki! Immer der Mutti helfen, denn die Mutti ist wirklich noch sehr schwach. Du mußt gut auf sie aufpassen, sie darf noch nicht viel Arbeit und Mühe haben, damit sie nicht wieder krank wird.«
»Aber viel Freude darf sie haben, Großmutter!«
»Freude kann sie immer brauchen.«
An einem Nachmittag ging die Großmutter mit Förster Sandler nach Rahnsburg, um Einkäufe zu machen. Beim Abschiednehmen hielt sie Puckis Händchen lange fest. »Wirst du auch nicht zu laut sein, mein Kleines, und die Mutti nicht ärgern? Ich will hoffen, daß du auch heute wieder ein liebes Mädchen bist.«
»Bin ich, Großmutter!«
»Gib auch gut auf die Mutti acht, damit sie sich nicht anstrengt. Laß dir von ihr eine Geschichte erzählen, sie soll im großen Lehnstuhl sitzenbleiben und nicht so viel umherlaufen. Es ist draußen unfreundliches Wetter, so daß ihr nicht in den Garten könnt.«
»Geh mal ruhig in die Stadt, Großmutter, ich passe schon auf die Mutti auf und auf das kleine Schwesterchen.«
»So ist es brav, Pucki.«
Der Förster war mit seiner Schwiegermutter davongegangen. Pucki stand in der Küche an der Seite der Mutter und trat voller Ungeduld von einem Fuß auf den anderen. Frau Sandler schloß die Reste des Mittagessens fort und gab Minna Anweisungen fürs Abendessen. Als Minna noch eine Frage stellte, zog Hedi die Stirn kraus und sagte, indem es den Tonfall des Vaters nachahmte:
»Laß das viele Fragen sein – Kinder brauchen nicht alles zu wissen. Wir sollen die Mutti schonen – die Mutti muß nun in dem großen Lehnstuhl sitzen.«
»Ich komme gleich, Pucki.«
»Na, komm lieber gleich mit«, sagte die Kleine und zerrte die Mutter am Rock. »Wenn du so viel stehst, dann fängt die Lunge wieder an zu husten, und du mußt wieder ins Bett.«
Lächelnd fügte sich die Försterin. Sie ließ sich in dem großen Lehnstuhl am Fenster nieder. Pucki eilte herbei und schob ihr einen Schemel unter die Füße.
»Sitzt du nu weich? – Brauchst du nicht zu husten?«
»Nein, mein Kleinchen, es ist alles sehr schön. – Und nun reiche mir noch den Stopfbeutel her.«
»Nein, Mutti!«
»Warum nicht? – Mutti möchte Strümpfe stopfen.«
»Nein, Mutti, Großmutter hat gesagt, es macht dir keine Freude, wenn ich die Strümpfe zerreiße, die du dann stopfen mußt. Heute soll ich dir aber nur Freude machen und gut auf dich aufpassen.«
»Aber Pucki, Mutti muß doch etwas tun; sie kann unmöglich im Stuhl sitzen und faulenzen.«
Die Augen des Kindes ruhten auf der Mutter. Pucki wußte, daß sich der Mutter Hände immer fleißig regten, denn niemals saß sie untätig da. – Womit konnte sie ihr wohl eine Freude bereiten?
»Nun, Pucki, willst du mir endlich den Stopfbeutel holen?«
»Mutti, erzähl mir lieber eine schöne Geschichte.«
Pucki setzte sich auf den Schoß der Mutter, legte die Arme um deren Hals und lauschte dem Märchen, das Frau Sandler erzählte. – Plötzlich ertönte aus dem Schlafzimmer das Weinen der kleinen Schwester. Frau Sandler machte Miene aufzustehen, doch Pucki schüttelte unwillig das Köpfchen.
»Immer muß es losschreien, wenn es so schön ist. Bleib doch hier, Mutti, ich werde es herumtragen. Es wird schon wieder still werden.«
»Nein, Pucki, das macht die Mutti.«
Das Kind ging mit der Mutter zum Wagen, in dem das Kindchen lag. Pucki drohte dem Schreihals mit dem Finger:
»Hat dir die Großmutter nicht auch gesagt, daß wir die Mutti liebhaben müssen und daß sie nicht viel arbeiten soll?«
Kaum war der Säugling beruhigt, als Pucki erneut darauf drang, daß sich die Mutter wieder in den Lehnstuhl setzte.
»Mutti, mach es doch«, drängte Hedi, »ich soll doch auf dich aufpassen. Wenn du es nicht machst, geht alles wieder schlimm aus und Pucki ist schuld daran.«
Die rührende Fürsorge des Kindes tat der Försterin wohl. Sie sah daraus, wie liebevoll und umsichtig ihr vierjähriges Töchterchen schon war. Seitdem Pucki nicht mehr täglich mit den drei wilden Knaben von Niepels spielte, war sie ruhiger und sanfter. Wenn erst das Schwesterchen größer war, würden die beiden Kinder sich gemeinsam beschäftigen können und würden nicht die tollen Streiche der Drillinge mehr mitmachen.
Bei Rückkehr der Großmutter konnte Frau Sandler mitteilen, daß Hedi die ihr übertragene Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit erfüllt hätte.
»Wenn du auch weiterhin so lieb und brav bist, kleine Hedi, darfst du dir von der Großmutter etwas wünschen.«
»Oh, ich weiß schon was!«
»Nun?«
»Klotzpantinen!«
»Was willst du nur mit den Klotzpantinen?«
»Großmutter, es klappert so wunderschön!«
»Mutti ist noch nicht ganz gesund, das Klappern würde sie stören.«
»Aber wenn sie wieder ganz gesund ist, Großmutter, kriege ich dann die Klotzpantinen?«
»Nur wenn du sehr artig bist«, lachte die Gefragte und nahm sich vor, dem Enkelkinde schon in den nächsten Tagen seinen Herzenswunsch zu erfüllen.
Die Besserung Frau Sandlers machte von nun an schnelle Fortschritte. Nicht mehr lange, da konnte die Förstersfrau in dem schönen grünen Wald spazierengehen. Man plante sogar für die nächsten Tage eine Fußwanderung nach Rahnsburg. Frau Sandler wollte mit der Mutter den Arzt besuchen.
Es war ein drückend heißer Junitag, als sich die beiden Frauen zum Fortgehen rüsteten. Der Förster war bereits in den Wald gegangen, und Minna machte sich auch fertig, um mit dem Säugling ein wenig spazieren zu fahren. Hedi sollte Minna begleiten.
»Kann ich nicht lieber hierbleiben, Mutti? Ich spiele auch sehr artig mit meiner Diana und dem Harras.«
»Nein, Hedi, du sollst nicht allein im Haus bleiben, begleite Minna.«
»Na, meinetwegen!«
Frau Sandler mit ihrer Mutter waren nach Rahnsburg gegangen; Hedi schritt artig neben dem Kinderwagen einher.
»Wollen wir nicht wieder nach Hause gehen, Minna. Ich möchte zum Harras, der ganz allein ist. – Ach, der arme liebe Hund!«
Schließlich ließ sich Minna erbitten. Als man am Forsthause angekommen war, kam gerade das Niepelsche Fuhrwerk, auf dem außer dem Kutscher Minnas Freundin Ella saß. Erst schwatzten die beiden zusammen, dann schritt Minna neben dem langsam weiterfahrenden Wagen ein Stück Weges dahin, nachdem sie Hedi eingeschärft hatte, brav bei dem Schwesterchen zu bleiben.
Die Kleine spielte vergnügt mit der Puppe und Harras, dem Jagdhund, bis plötzlich das Tier leise zu knurren und schließlich laut zu bellen begann. Immer wieder hob es den Kopf hoch, bellte lauter und immer lauter, setzte schließlich in großem Bogen über den Gartenzaun und lief in den Wald hinein. Diesmal hörte er nicht auf das laute Rufen des Kindes. Harras kam nicht zurück.
»Harras – Harras, wir sollen artig sein! Du darfst doch nicht allein in den Wald. Der Vati nimmt immer die Leine. – O je, ich darf dich doch nicht allein in den Wald gehen lassen!«
Im Hausflur hing die Hundeleine. Als Harras noch immer nicht zurückkehrte, als sein Bellen zum Heulen wurde, lief Pucki erregt davon, um den Hund zu holen.
Da kam er ihr auch schon entgegengesprungen. Er ließ sich ruhig an der Leine festmachen, zerrte jedoch das Kind weiter nach der Stelle, von der er gekommen war.
»Was hast du denn, Harras? Jaule doch nicht so sehr, oder tut dir was weh?«
Noch ein kleiner Seitenweg, dann sah Pucki, was den Hund ängstigte. Mitten zwischen den Tannen stieg Rauch empor, kleine Flämmchen hüpften am Boden entlang, krochen hin zu den dürren Zweigen und entzündeten sie.
»O je, es brennt im Wald!«
Hedi wurde vor Schreck blaß. Ein Waldbrand war dem Kinde ganz etwas Neues, aber oft schon hatte der Vater davon erzählt, was das für ein Unglück sei, und daß ein einziges Streichholz viele hundert Bäume kaputt machen könnte. So war in Hedis Gedanken das Feuer im Walde etwas Furchtbares.
Auch Harras schien zu wissen, wie furchtbar ein Waldbrand werden konnte. Dabei war das Forsthaus nicht weit ab. Einmal war ein ganzes Forsthaus durch solch einen Brand aufgefressen worden. Wenn die Flammen nun auch bis ans Forsthaus kamen? Das kleine Mädchen im Wagen verbrannte und die guten Kleider von der Mutti!
»Harras – Harras, was machen mir denn?«
Im ersten Augenblick wußte Pucki keinen Rat. Der Vati war weit fort, Mutti und Großmutter in der Stadt. Minna war auch fortgegangen.
»Kommt schnell ihr Leute, kommt schnell, im Walde ist Feuer!«
Obwohl sich Pucki anstrengte, laut zu rufen, so verhallte ihr Stimmchen doch ungehört. Die Holzschläger waren nicht mehr in jener Gegend beschäftigt. Das vierjährige Mädchen stand allein neben dem treuen Hund und sah mit angstgeweiteten Augen, wie die Flämmchen immer lustiger nach allen Seiten auseinander hüpften.
Pucki lief nach dem Forsthaus zurück. Sollte sie nach Rahnsburg laufen? – Doch der Weg war weit bis dorthin. In Vaters Zimmer stand das Telephon. Der Vati steckte den Finger in die Drehscheibe und drehte dann ein paarmal herum. Dann sprach gleich jemand.
Pucki wußte nicht, wie der Apparat zu handhaben war. Sie hatte nur immer zugeschaut, wenn die Eltern sprachen. Kurz entschlossen nahm sie den Hörer ab, steckte das Fingerchen in die Scheibe und rief, während sie immer wieder irgendwelche Zahlen drehte:
»Der Wald brennt – der Wald brennt!«
Die Nummer, die Pucki in ihrer Erregung ganz zufällig zusammengestellt hatte, gehörte dem Spediteur Runge, der die angstvolle Stimme des Kindes vernahm.
»Wer ist denn dort, was ist los?«
»Kommt schnell ihr Leute, im Walde ist das Feuer, und der Vati ist fort.«
»Wer bist du denn?«
»Ich bin Pucki, die Hedi aus dem Forsthause. Der Vati ist ein Förster und die Mutti ist krank gewesen. – Kommt doch schnell, die Flämmchen hüpfen immer weiter!«
»Brennt es in der Nähe des Forsthauses? Du bist doch die Hedi Sandler?«
»Ja, der Harras bellt immerzu, der sieht das Feuer. Oh, ich hab' solche Angst, wenn der Wald brennt.«
Spediteur Runge war ein energischer Mann, der sofort die nötigen Schritte einleitete. Rasch war die Rahnsburger Feuerwehr alarmiert, und kaum drei Minuten später fuhr die Motorspritze nach dem Forsthause ab. Pucki lief zwischen dem Forsthaus und der Brandstätte ängstlich hin und her. Endlich kam auch Minna zurück; kurz hinter ihr hörte man das Klingeln der näherkommenden Feuerwehr.
»Minna, es brennt im Walde, aber der Harras paßt gut auf!«
»Was du immer hast!«
Aber schon bemerkte Minna den Brandgeruch. Sie sah zwischen den Bäumen dicken Qualm hervorkommen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
»Lieber Gott, der Wald brennt, und der Förster ist nicht da!«
Da war die Feuerwehr auch schon zur Stelle. Man brauchte nicht erst nach der Brandstelle zu suchen. Das Feuer hatte sich in den letzten Minuten beträchtlich ausgedehnt, und ein rasches und energisches Eingreifen war notwendig, um die drohende Gefahr zu beseitigen. Man hatte Mühe, das erregte kleine Mädchen zurückzuhalten. Hedi wollte durchaus helfen, damit sich die schönen Bäume nicht vom Feuer fressen ließen.
»Geh aus dem Wege«, sagte einer der Feuerwehrmänner, als Hedi immer wieder auftauchte, »es kann dir was passieren.«
Und wirklich, schon im nächsten Augenblick ging ein Sprühregen von Funken nieder und fiel auf das blonde Köpfchen des Kindes. Glücklicherweise war sofort einer der Männer neben ihr, er riß Pucki an sich, drückte den Kopf des Kindes fest an seine Brust und löschte somit die Funken.
Pucki war sehr erschrocken; sie wußte nicht, was mit ihr geschehen war.
»Marsch heim!« rief der Mann, »oder ich bespritze dich mit Wasser.«
Das ließ sich die Kleine nicht zweimal sagen. Mit schnellen Schritten eilte sie zurück zum Forsthaus. Dort stand Minna.
»Um des Himmels willen, Pucki, wie siehst du denn aus? Kind, Kind, was ist geschehen?«
Pucki wußte nicht, daß ihre goldenen Locken von den Feuerfunken abgesengt waren. Wenn der Feuerwehrmann das Unglück nicht sogleich bemerkt hätte, wäre das Kind nicht ohne beträchtlichen Schaden davongekommen.
»Was hast du denn gemacht? Sieh dich doch mal im Spiegel an.«
Als das geschah, wurde Puckis Herzchen recht schwer. Sie wollte doch ein recht artiges Mädchen sein – Wie sah sie nun aus?
»Minna – ist es schlimm?« fragte die Kleine ängstlich, nachdem sie sich lange im Spiegel angeschaut hatte.
Gar zu gern wäre das Kind trotzdem wieder in den Wald zur Brandstelle gelaufen, um zu sehen, was die Feuerwehrleute machten. Aber es war auch vom Forsthaus aus viel zu sehen. Dicker Rauch stieg kerzengerade zum Himmel empor.
Ganz plötzlich hörte Pucki die Stimme des Vaters. Er war im Laufschritt angekommen, denn auch er hatte die dicken Rauchwolken schon von weitem bemerkt. Mutter und Großmutter kehrten gleichfalls sehr bald aus Rahnsburg zurück, und mit ihnen kamen noch viele andere Männer, Frauen und Kinder, die der Waldbrand herbeigelockt hatte.
»Gelöscht«, sagte der Brandmeister endlich. »Die Gefahr ist beseitigt. Es hätte schlimm ausgehen können, wenn der Brand nicht rechtzeitig bemerkt worden wäre. Ich glaube, Herr Sandler, Ihr Haus wäre auch nicht verschont geblieben.«
Frau Sandler hielt geängstigt Pucki in den Armen.
»Wer hat den Brand zuerst entdeckt?«
»Uns hat Spediteur Runge herausgeschickt. Es wurde ihm gemeldet.«
Spediteur Runge war auch zur Brandstelle gekommen. Förster Sandler wandte sich fragend an ihn.
»Warum gerade mir der Brand von Ihrem Töchterchen gemeldet wurde, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat sich die Kleine sehr beherzt gezeigt.«
»Du, Pucki? Du hast Onkel Runge angerufen?«
»Es hat ein bißchen gebrannt, Vati, der Harras hat so sehr geheult. Ihm war so angst – und mir auch. Es war keiner da, da habe ich eben an deinem Apparat so'n bißchen gedreht, bis eine Stimme kam.«
»Das hast du sehr gut gemacht, Pucki. Du hast dich heute als ein guter Engel des Waldes gezeigt. Du bist keine schlimme Pucki, sondern eine sehr brave Pucki gewesen.«
»Guck mal, Vati, nu hab' ich keine Haare mehr!«
Förster Sandler drückte sein Kind, das der Gefahr glücklich entronnen war, voller Inbrunst ans Herz.
»Wir haben allen Grund, dem lieben Gott zu danken, Pucki, denn er hat dich und unseren lieben Wald vor einer großen Gefahr bewahrt. Bleibe immer ein so tapferes Mädchen, so brav und klug, wie du dich heute gezeigt hast.«
»Vati – vielleicht hat der schlimme Pucki im Walde gesessen und hat das Feuer angemacht. – Vati, wenn er nun verbrannt ist?«
»Dann ist eben nur meine gute Pucki geblieben.«
»Ja, unsere brave Pucki aus dem Forsthause«, fiel Spediteur Runge ein. »Dem Onkel Oberförster werde ich erzählen, was du für ein tüchtiges Försterkind bist. Er wird sich sehr über dich freuen.«
Bereits am nächsten Tage kam Onkel Oberförster zu Pucki. Er brachte dem Kind eine schöne Puppe mit und sagte ihm, daß er sich sehr über ihr tapferes Verhalten gefreut hätte.
Es kamen noch viele, die Hedi herzliche Worte der Anerkennung sagten. Auch Onkel Niepel und die Drillinge stellten sich ein. Sie hörten das Lob des kleinen Mädchens überall, und Paul meinte:
»Wenn's weiter nichts ist – das hätte ich auch getan.«
Mehr Freude als alle anerkennenden Worte wurde ihr zuteil, als die Großmutter am anderen Tage ihrem Enkelkind ein Paket in den Arm drückte.
»Das ist der Lohn für dein beherztes Tun, meine liebe kleine Pucki.«
Hedi hielt gerade die schöne Puppe des Oberförsters im Arm, als die Großmutter ihr das Paket gab. Sie wickelte es auf – ein Jubelschrei tönte durchs Wohnzimmer.
»Klotzpantinen!«
Es waren ganz einfache Holzpantoffeln, doch war es die Erfüllung eines Herzenswunsches. Achtlos wurde die Puppe zur Seite gelegt; Hedi vergaß auch, von dem schönen Konfekt zu essen, das ihr Spediteur Runge gebracht hatte. Sie lief glücklich durchs Haus, durch Hof und Garten, sie hielt Harras die Klotzpantinen vor die Nase und lachte.
»Guck, weil ich das Feuer nicht hab' weitergehen lassen, habe ich Klotzpantinen bekommen. – Was hast du denn bekommen, Harras?«
Der Hund rieb seinen Kopf an Hedis Röckchen.
»Hast du nichts bekommen? – Du hast doch zuerst gebellt!«
Klappernd stürmte Pucki ins Wohnzimmer. »Großmutter, was bekommt der Harras? Der Harras hat gebellt und gejault! Großmutter, der Harras muß auch was haben, sonst gefallen mir die Klotzpantinen nicht so sehr.«
»Hast recht, Pucki, der Harras bekommt natürlich auch eine Belohnung, ich werde es dem Vati sagen.«
»Vati«, bat Pucki am Abend, als der Förster heimkam, »ich habe so schöne Klotzpantinen bekommen, der Harras muß auch was bekommen. Dem Harras sagen die Leute gar nichts, und er hat das Feuer zuerst gerochen.«
»Hast recht, Hedi, es ist sehr lieb von dir, an den treuen Harras zu denken. – Natürlich, der Harras soll auch eine Belohnung haben.«
Aus dem Rauchfang wurde eine kleine Wurst geholt.
»Hier, Hedi, gib sie dem Harras, er hat sie verdient. Aber er darf nur die Hälfte fressen, sonst wird er krank.«
Pucki rief den Hund, legte sich lang auf die Erde, die Wurst in der Hand, griff mit der Linken in das Fell des Tieres und sagte weich und zärtlich:
»Nu riech' mal, Harras, das riecht doch viel besser als der stinkige Wald. – So, nu beiß mal ab!«
Der Hund schnappte nach der Wurst.
»Das ist deine Belohnung, du liebes Tierchen! – Harras, wir beide sind tüchtige Leute. Wir hätten kein Haus mehr, wenn du nicht gebellt hättest.«
Dann ließ Pucki den Hund erneut ein Stück von der Wurst abbeißen, den Rest brachte sie zur Mutter.
Als sich im Laufe der nächsten Tage noch verschiedene Rahnsburger einstellten, die Pucki belobten, rief die Kleine jedesmal nach Harras, dem treuen Hunde, und sagte zärtlich:
»Der Harras hat zuerst gebellt, nun müßt ihr auch den Harras streicheln. Der ist so klug, viel klüger als Pucki.«
Und Harras duldete es gern, daß man ihm den Kopf kraulte. Er sah mit seinen treuen Augen zu seiner kleinen Herrin auf und dachte in seinem Hundesinn: Wir beiden, du und ich, wir haben es gut gemacht!
Puckis erstes Schuljahr
Inhaltsverzeichnis
Der erste Schultag
Pucki will keinen hungern lassen
Heinzelmännchen an der Arbeit
Pucki hilft überall
Ein Kuß und seine Folgen
Rose sieht viel Neues
Der Ausflug zur Waggerburg
Ach, Scheiden ist ein Wort so schwer
Ein schöner Spruch
Puckis goldenes Herz
Der erste Schultag
Inhaltsverzeichnis
Die sechsjährige Hedi, Förster Sandlers älteste Tochter, saß in der Veranda des schmucken Forsthauses und knabberte an einem Stück Schokolade. In ihren Armen ruhte das geliebte Puppenkind Diana, der Jagdhund Harras stand neben ihr und wartete gespannt darauf, daß ihm die Kinderhände wieder etwas reichen möchten. Hedi, die in der ganzen Gegend den Namen Pucki führte, brach auch gewissenhaft von der Schokolade ein Stück nach dem anderen ab, das dann bald darauf im Maule des Hundes verschwand.
»Jetzt ist es genug, Harras, morgen bekommst du viel mehr. Morgen muß ich in die Schule, dann gibt es eine große Tüte, die ist bis oben hin voll mit Schokolade. Wenn du gut lernst, Harras, bekommst du was aus der Tüte. – Sieh mal, Harras, so eine große Tüte!«
Puckis Hände hoben sich hoch in die Luft und beschrieben einen großen Bogen. Diese Tüte, die ihr von den Eltern für morgen versprochen worden war, schien ihr der einzige Trost, von morgen ab an jedem Tag in der Schulstube sitzen und immerfort lernen zu müssen.
Was mochte die Schule nur alles bringen? Jeder erzählte etwas anderes. Da waren auf dem Niepelschen Gute, das etwa zwanzig Minuten vom Forsthause Birkenhain entfernt lag, die Drillinge, der Paul, der Walter und der Fritz. Seit zwei Jahren mußten die Knaben fast täglich nach Rahnsburg zur Schule. Nun schlug diese Stunde auch für Pucki.
Pucki schüttelte sich, die blonden Löckchen flogen um das reizende Kindergesicht. Was hatte der Paul nicht schon alles von der Schule erzählt. Ganz anders Fritz, der Jüngste der Drillinge. Er behauptete, Fräulein Caspari wäre ein sehr liebes Fräulein. Schade nur, daß sie in die andere Klasse nicht mitgegangen sei. Bei Fräulein Caspari konnte man vergnügt lachen, schreiben und zeichnen. Nur der Paul wurde öfters einmal in die Ecke gestellt, da er unaufmerksam gewesen war.
»Ach, Harras«, seufzte der Kindermund, »vielleicht muß ich nun auch jeden Tag in der Ecke stehen und darf nicht mehr in den Wald, weil ich immerzu lernen muß!«
Pucki stand auf, holte aus dem Zimmer den nagelneuen Ranzen; von morgen ab würde sie ihn täglich nach der Schule tragen. Sie klappte den Deckel zurück.
»Ja, Harras, sieh dir das nur an! Eine Schiefertafel, und hier das Kästchen mit den Stäbchen. Aus dem bunten Papier schneide ich dir eine schöne Halskette, die bringe ich dir mit. – Wie gut hat es die Waldi, sie braucht noch lange nicht in die Schule!«
Waltraut oder Waldi, wie Pucki sie nannte, war das zweijährige Schwesterchen des Försterkindes. Als Waldi geboren worden war, fand Pucki gar keinen Gefallen an dem Schwesterchen. Seit kurzem konnte sie mit der Kleinen bereits vergnügt spielen. Pucki bedauerte es, daß Waldi gerade jetzt, da sie zur Schule mußte, Verstand bekommen hatte; viel schöner wäre es gewesen, wenn Waldi bereits früher mit ihr gespielt hätte.
Aber da waren noch die drei Niepelschen Buben, die oft nach dem Forsthause kamen. Heute wurden sie samt ihrer Mutter ebenfalls sehnsuchtsvoll von Pucki erwartet, denn die Gutsbesitzersfrau hatte dem kleinen Mädchen zum Schulbeginn einige Süßigkeiten versprochen.
»Sie kommen noch immer nicht«, seufzte die Kleine und betrachtete das letzte Stückchen Schokolade, das sie dem geliebten Harras ins Maul schob. Das Schwesterchen schlief, der Vater war im Walde, und die Mutter arbeitete mit dem Mädchen in der Waschküche.
Die Kleine sprang auf, denn deutlich war Räderrollen zu vernehmen. Pucki wußte, daß der Niepelsche Wagen nahte, der den kurzen Besuch brachte.
Sie eilte durch den Vorgarten und begrüßte stürmisch die Ankommenden.
»Wir bleiben ein bißchen bei dir, bis die Mutter wieder aus Rahnsburg zurückkommt«, rief Fritz schon vom Wagen herab. Dann kletterten die drei Knaben herunter, neckten Harras, der sie schweifwedelnd umsprang, und stürmten in den Garten des Forsthauses.
Pucki wurde von Frau Niepel zurückgehalten.
»Nun geht es also morgen zum ersten Male in die Schule, Pucki?«
»Ach ja – deswegen wolltest du mir was bringen.«
»Freilich, Pucki, das habe ich dir versprochen. Wenn ich in einer Stunde zurückkomme, erhältst du eine große Tüte. Eigentlich müßtest du sie erst morgen haben, doch da habe ich keine Zeit. Ich denke, du wirst immer recht artig sein und viel lernen, damit deine Eltern Freude an dir haben.«
»Wenn es nur nicht so graulich wäre.«
»Das hat dir der Paul wieder eingeredet. Frage nur den Fritz, er geht sehr gern in die Schule, und auch Walter grault sich gar nicht. Wenn man lernt, was man aufbekommt, ist es in der Schule sogar sehr hübsch. Ich weiß genau, daß es dir in der Schule gut gefallen wird. Doch nun laufe zu den Buben, in einer Stunde hole ich sie wieder ab.«
»Und bringst mir die Tüte?«
»Ja, Pucki, ich erwarte dann aber auch, daß du recht brav bist.«
»Muß ich dir die Tüte wiedergeben, wenn ich nicht brav bin?«
»Nein, Pucki, du würdest aber keine Freude daran haben, denn ich schenke sie einem fleißigen Kinde.«
Frau Niepel fuhr davon, und Pucki eilte zu den achtjährigen Drillingen, die mit Harras im Garten herumtollten.
»Kriegt ihr morgen auch jeder eine Tüte?«
»Nein, leider nicht, die bekommt man nur, wenn man zum ersten Male in die Schule geht.«
»Dann möchte ich immerfort zum ersten Male in die Schule gehen! – Mutti bringt mich morgen nach Rahnsburg und holt mich wieder ab. Und dann bekomme ich auch noch von ihr eine Tüte.«
»Hast du nicht Augst?« fragte Paul.
»Ich weiß nicht«, erwiderte Pucki unsicher, »der Vati sagt, es muß nun einmal sein, die Mutti sagt, es ist schön in der Schule und – –«
»Und ich sage dir«, schrie Paul, »es ist scheußlich! Da stellen sie mich in die Ecke.«
Walter und Fritz waren dem Bruder gefolgt. Letzterer legte zärtlich den Arm um Puckis Schulter.
»Der Paul schwindelt, Pucki, der Paul ist entsetzlich faul. Es macht wirklich viel Spaß, in der Schule zu sitzen. Paß auf, du wirst dich morgen furchtbar freuen, daß du jeden Tag dort hingehen darfst.«
»Wenn's aber so graulich ist?«
»Es ist gar nicht graulich«, tröstete nun auch Walter. »Wir haben so viel gelacht. Du wirst sehen, es macht Spaß!«
»Mir macht es gar keinen Spaß«, ereiferte sich Paul.
»Du sollst Pucki nicht Angst machen«, schrie Walter und versetzte dem Bruder einen kräftigen Puff. »Du bist ein fauler Bengel, hat der Lehrer gesagt. Du wirst auch sitzenbleiben, dann lachen dich alle Leute aus.«
Paul maulte und lief davon, während Pucki noch ein ganzes Weilchen den Erzählungen der beiden anderen Knaben lauschte. Vielleicht war es doch nicht allzu schlimm in der Schule.
Die Stunde des Beisammenseins verging viel zu schnell. Frau Niepel betrat den Garten. Sie hielt eine große, bunte Tüte in den Händen und gab sie Pucki mit herzlichen Worten. Die drei Knaben blickten erwartungsvoll auf die kleine Freundin, und Fritz rief mit seinem hellen Stimmchen:
»Damals, als wir zum ersten Male zur Schule gingen, war es sehr schön. Ich habe aus meiner Tüte einem kleinen Jungen ein Stück Schokolade geschenkt. – Wirst auch du aus deiner Tüte einem Jungen was schenken?«
»Ja!«
Fritz hielt sogleich die Hand auf, und nun erst begriff Pucki, was er meinte. Sie suchte ein Weilchen in der Tüte herum, reichte dann dem Spielgefährten ein großes Stück Konfekt. Walter, der sich gleichfalls herandrängte, bekam ein kleineres Stück und Paul nur ein Schokoladenplätzchen.
»Alte Geizliese!« sagte er.
»Na, hier hast du noch ein Stückchen. Aber das andere muß ich für mich behalten, weil ich doch morgen in die Schule muß.«
Nun kam auch Frau Sandler herbei, die die Gutsbesitzerin herzlich begrüßte und ihr Dankesworte wegen des Geschenkes sagte. Dann hieß es aufbrechen. Pucki winkte dem davonrollenden Wagen nach. Dann kehrte sie auf die Veranda zurück, um ihrem geliebten Harras zu erzählen, daß es vielleicht in der Schule doch nicht so schlimm sei, wie der Paul meinte.
Schließlich kam Waltraut herbei, das zweijährige Schwesterlein, und nun ging es an ein fröhliches Spielen. Der morgige Tag war für Stunden vergessen. –
Der zehnte April, Puckis erster Schultag, zeigte ein freundliches Gesicht. Pucki dagegen blickte recht sorgenvoll darein. Und als die Mutter mahnte, es sei nun Zeit, als sie dem Töchterchen den Ranzen auf den Rücken hob, kam ein langgezogener Seufzer über die Kinderlippen.
»Lauf schnell zum Vati hinein, verabschiede dich, denn dann müssen wir gehen.«
Auch der Vater gab seinem Töchterchen gute Ermahnungen mit auf den Weg, dann wanderte das Kind an der Hand der Mutter Rahnsburg zu. Es war ein netter Weg, anfangs am Waldrande entlang, dann kam eine Wiese und bald die ersten Häuser der Stadt. Am Markt stand die Schule.
Von allen Seiten strömten Mütter herbei, Abc-Schützen an der Hand, um sie zum ersten Male in die Schule zu geleiten. Pucki hielt die Hand der Mutter noch lange fest.
»Komm bald wieder!«
»Ja, mein Kind, in einer Stunde bin ich wieder hier und hole dich ab. Ich bleibe in der Stadt und bringe dich dann wieder heim – du wirst mir bestimmt fröhlich entgegenspringen, weil es dir in der Schule gut gefallen hat.«
»Bringst du mir auch 'ne große Tüte?«
»Wenn du artig warst – ja.«
Von einer Lehrerin wurden die Kinder in Empfang genommen und in das Schulzimmer geleitet. Zum ersten Male erblickte Pucki einen derartigen Raum, der mit Bänken vollgestellt war. Manches Kind war sehr laut, einige Knaben kletterten sogleich auf die Bänke und liefen auf ihnen entlang. Pucki staunte über die vielen Kinder, die alle hier zusammengekommen waren. Alle in ihrem Alter. – Ob es sich mit ihnen wohl gut spielen ließ?
Dann kam ein anderes Fräulein, das vor die Bänke hintrat, die Kinder anrief und ihnen sagte, daß sie die Lehrerin sei und daß sie die Kleinen liebhaben wolle. Nun aber sollten sie sich recht brav niedersetzen. Pucki tat alles, ohne ein Wort zu sagen.
»Ich bin Fräulein Caspari, eure Lehrerin. Nun will ich aber mal eure Namen hören. Aber immer hübsch der Reihe nach.«
»Fräulein Kasperle«, kicherte einer der Buben, der unweit von Pucki saß.
Da erinnerte Pucki sich an das lustige Kasperle auf dem Jahrmarkt und begann zu kichern. Dann wiederholte sie ein wenig verschämt: »Fräulein Kasperle!«
Dieser Name pflanzte sich rasch weiter fort; die ganze Klasse von vierundvierzig kleinen Kindern begann zu lachen, doch plötzlich klopfte Fräulein Caspari auf den Tisch und sagte noch einmal deutlich:
»Ihr nennt mich Fräulein Caspari, und jetzt sagt mir eure Namen.«
Erst schrien alle durcheinander, je lauter desto bester. Einige drängten sogar nach vorn.
»Ich bin der Fritz Lange –«
»Ich der Georg Rabe!«
»Fräulein, so hör'n Sie doch, ich bin der Kuno Meister!«
Es dauerte ein ganzes Weilchen, ehe die Lehrerin wieder Ruhe gestiftet hatte.
Pucki verhielt sich abwartend. Direkt neben ihr saß ein kleines Mädchen mit blassem Gesicht, dem es um die Lippen zuckte, als wollte es weinen. Pucki betrachtete das Kind ein Weilchen, dann fragte es besorgt:
»Hast du Angst?«
Da begann das Kind zu weinen. »Ich will zur Mutter!«
»Die kommt nachher und bringt dir eine große Tüte. Jetzt müssen wir still sitzen, sonst stellt die Lehrerin uns in die Ecke.«
»Ich will zur Mutter«, weinte die Kleine lauter.
Die Lehrerin kam. »Warum weinst du denn? – Nun sage mir mal deinen Namen, du kleiner Blondschopf. – Wie heißt du?«
»Thusnelda –«, kam es stockend heraus.
Da lachte Pucki laut auf. »Du – Fräulein, wie heißt sie?«
Die Kleine weinte noch mehr. Das tat Pucki wieder leid. »Sei mal ruhig«, sagte sie und nahm die Hand des Kindes, »ich tu dir nichts, und sie tut dir auch nichts.«
»Wie werde ich dir denn etwas tun, kleine Thusnelda. Gib mal acht, wir nehmen jetzt die Tafeln heraus, und dann malt ihr auf die Tafeln schöne, runde Ostereier, wie sie euch der Osterhase kürzlich brachte. Nun fix alle Tafeln heraus. Wir zeichnen Ostereier.«
»Ich kann keine Ostereier zeichnen«, klang es von einer der vordersten Bänke, »ich habe keine Ostereier bekommen.«
Die Lehrerin ging zu dem Knaben, der diese Worte gesprochen hatte. Währenddessen tätschelte Pucki die Hand ihrer Nachbarin.
»Weine mal nicht, Thusnelda, ich bin bei dir, ich male dir auch die Ostereier auf. Ich hab' bei Onkel Niepel eine ganze Schürze voll Ostereier gefunden, und mein Vati hat mir auch Ostereier versteckt, sogar im richtigen Walde. Da sind wir ganz tief in den Wald gegangen. Auf einem Baum hat ein Eichkätzchen gesessen, das hat Hihihi gemacht – –«
»Wer plappert denn immerfort?« fragte die Lehrerin.
»Und dann ist die Eichkatze – husch! – an dem Stamme hochgelaufen; ich werde dir mal eine Eichkatze aufzeichnen.«
»Hedi Sandler, willst du nicht deinen kleinen Mund halten?«
»Oh, Fräulein, ich hab' noch so viel zu erzählen.«
»Erst erzähle ich euch etwas.«
»Nee, die Hedi Sandler soll erzählen«, rief eines der Kinder.
Aber Pucki hatte bereits die Lippen geschlossen und schaute Fräulein Caspari vorwurfsvoll an.
Sehr still wurde es nicht in der Klasse, obwohl man eifrig beim Ostereierzeichnen war.
Dann schrieb man ein »i«. Die kleine Ida freute sich, daß sie nun schon beinahe ihren Namen schreiben konnte, und Pucki machte einige Striche auf die Tafel und hing zum Schluß den Buchstaben hinten an.
»Du – Fräulein Caspari, das heißt hier Pucki!«
»Du mußt nicht ›du‹, du mußt ›Sie‹ sagen, Hedi.«
»Na, dann mußt du auch Pucki sagen und nicht Hedi.«
»Sie heißt Pucki«, riefen mehrere Kinder, »Pucki Sandler!«
Schließlich holte man die Stäbchen hervor, um damit kleine Figuren zu legen, ein Kreuz, ein Dreieck, ein Dach. Das gefiel den Kindern besser.
Die Stunde näherte sich ihrem Ende. Da sagte Fräulein Caspari freundlich: »Nun dürft ihr auf die Tafel irgendein Tier zeichnen oder ein Haus, was ihr gerade wollt. – Seht mal, draußen fährt soeben ein Wagen und ein Pferd vorüber. – Wie wäre es, wenn ihr alle ein Pferdchen maltet?«
Dieser Vorschlag fand begeisterten Anklang. Die Schieferstifte wurden in Bewegung gesetzt, es wurde zum ersten Male mäuschenstill in der Klasse. Puckis Blicke gingen noch immer zum Fenster hinaus, hin zu dem Tierchen, das gar lustig mit dem Schweife wedelte.
»Nun, Pucki, willst du nicht zeichnen? Die anderen sind beinahe fertig, beeile dich.«
Ein paar energische Striche, dann erklärte Pucki als erste, sie sei fertig.
Erstaunt nahm die Lehrerin die Tafel, auf der ein Viereck gezeichnet war, in dem Viereck ein Kreuz.
»Das ist doch kein Pferd, Pucki?«
Das Kind wies auf das Viereck. »Dahinter ist das Pferd. Das ist der Stall. Pferdchen war müde, da habe ich es in den Stall gestellt.«
Die Lehrerin verbiß sich das Lachen, meinte jedoch, sie wolle das Pferdchen sehen.
»Morgen kannst du es sehen, wenn es sich ausgeruht hat. Wenn das Pferdchen müde ist, läßt es der Kutscher nicht mehr aus dem Stall heraus.«
Fräulein Caspari gab sich damit zufrieden. Die anderen Kinder hatten allerlei drollige Zeichnungen ausgeführt, und als es hieß, die Tafel sei wieder abzuwischen, entstand unwilliges Gemurmel.
»Wenn ich's wieder wegwischen soll«, rief Heinz Rabe, »hätte ich es gar nicht erst zu zeichnen brauchen. – Ich wisch es nicht weg!«
Er packte die Tafel energisch ein. Da ertönte draußen die Glocke, und nun gab es einen Tumult.
»Meine Mutter ist draußen – meine Mutter ist draußen!«
Auch Hedi stopfte mit überraschender Geschwindigkeit die Tafel in den Ranzen, um ihre Tüte recht bald in Empfang zu nehmen.
»Kriegst du auch eine Tüte?« fragte sie ihre Nachbarin.
»Nein – –«
»Warum denn nicht?«
»Weil meine Mutter kein Geld hat.«
»O je – ich geb' dir ein Stückchen ab.«
Auf die Abschiedsworte, die Fräulein Caspari sprach, achtete keines der Kinder. Alles drängte zur Tür. Einige stolperten, schrien und fielen hin. Der große Flur des Schulhauses war von dem Geschrei der Klasse angefüllt.
Vierundvierzig kleine Knaben und Mädchen warteten auf ihre Mütter.
Aufs neue begann ein Drängeln und Stoßen; schließlich hatte Pucki ihre Mutter gefunden. Mit einem Jubelruf stürzte sie auf sie zu.
»Ich habe nicht in der Ecke gestanden, Mutti, ich habe mich auch nicht gegrault. – Oh, die schöne, große Tüte!«
Hedi nahm die Tüte in den Arm und liebkoste sie. Dabei erinnerte sie sich an das kleine Mädchen, das neben ihr gesessen hatte.
»Denk mal, Mutti, ein Mädchen bekommt keine Tüte, weil ihre Mutter eine arme Frau ist. Darf ich ihr ein Stück Schokolade schenken?«
»Selbstverständlich, Pucki.« Frau Sandler hatte längst die traurigen Blicke einiger Kinder bemerkt, deren Eltern nicht in der Lage waren, ihren Kleinen am ersten Schultage eine derartige Freude zu machen. Sie freute sich über ihr Töchterchen, dessen weiches Herz sich soeben wieder zeigte.
Diesmal wählte Pucki ein großes Stück Schokolade, das sie Thusnelda Reichert reichte, die mit traurigem Gesicht abseits stand und an dem Jubel der Beschenkten nicht teilnehmen durfte.
»Hier hast du was!«
Frau Sandler schaute auf das dürftig gekleidete Mädchen, dem man seine Armut deutlich ansah. Wie blaß die Kleine aussah, gerade so, als ob sie nicht immer richtig zu essen bekäme.
»Pucki«, sagte sie leise zu ihrer Tochter, »ich glaube, deine kleine Nachbarin hat es nicht so gut wie du. Wie wäre es, wenn du das kleine Mädchen einmal zu dir in den Garten einladen wolltest. Sie könnte mit dir Kaffee trinken und spielen, damit sie rote Bäckchen bekommt.«
»Ja, sie sieht so weiß aus, Mutti. Aber wenn sie jetzt das Stück Schokolade gegessen hat, wird ihr gleich besser sein.«
Frau Sandler neigte sich zu der scheuen Kleinen nieder und fragte sie aus. Viel erfuhr sie nicht. Die Mutter des Kindes ging in die Häuser, Wäsche waschen; der Vater war längst tot. Es waren noch mehrere größere Geschwister da, die Not schien groß zu sein. Pucki stand daneben und lauschte aufmerksam.
»Haben deine großen Kinder auch keine Tüte bekommen, als sie zur Schule gingen?«
»Nein.«
»Bekommst du nie Schokolade oder Apfel und Birnen?«
»Nein.«
»Das ist aber schlimm.«
»Ich glaube, es gibt noch viele arme Kinder, Pucki, die es nicht so gut haben wie du. Die alle sehr froh wären, wenn sie den Milchreis bekämen, den du nicht essen magst. Manche Mutti kann ihren Kindern gar nichts kochen, dann haben sie Hunger.«
»Hast du Hunger?« fragte Pucki.
»Ich hab' oft Hunger!«
Einen Augenblick zögerte Pucki, dann drückte sie energisch dem blassen Mädchen die schöne große Tüte in den Arm.
»Weil du Hunger hast, und weil ich daheim noch eine Tüte hab'! Nu iß und hab keinen Hunger mehr. Du kannst sie behalten.«
Zunächst war Thusnelda Reichert wie versteinert. Dann aber stürmte sie davon, weil sie fürchtete, daß man ihr das kostbare Geschenk wieder fortnehmen könnte. Hedi hatte trotzdem das strahlende Leuchten bemerkt, das über das blasse Kindergesicht geglitten war.
»Mutti«, flüsterte sie, »sie freut sich.«
»Ja, mein Kind, sie freut sich. Man hat ihr wohl noch nie eine Tüte mit Süßigkeiten geschenkt. Nun hast du aber nichts.«
Pucki streckte die leeren Hände in die Luft.
»Nein, nun habe ich nichts – aber vielleicht, wenn ich sehr lieb bin, kriege ich noch was.«
»Nein, Pucki, Mutti hat nur eine Tüte gekauft. Du hast diese Tüte verschenkt, du hast aber dafür ein armes Mädchen sehr glücklich gemacht. Ist das nicht auch schön?«
»Sie hat sich fürchterlich gefreut, Mutti. Nu hat sie meine ganze, große Tüte. – Ein Stückchen hätte sie mir doch abgeben können.«
»Denke immer daran, mein gutes Kind, daß die Kleine sehr viel Freude an dieser Tüte hat. Daheim sind noch mehr Geschwister, die sich alle freuen werden, daß sie endlich einmal eine Leckerei bekommen. Du kannst es den Kindern gönnen, Pucki. Du bekommst oft etwas Gutes, aber arme Kinder nie. Oder tut es dir leid, daß du das Geschenk gemacht hast?«
»Wenn sie sich darüber freut, Mutti, dann mag sie es behalten. Ich habe daheim doch noch die Tüte von Tante Niepel. – Es muß sehr schlimm sein, wenn man Hunger hat und die Mutti nichts kaufen kann. Jedesmal, wenn du mir jetzt Schokolade schenkst, werde ich ihr ein Stückchen abgeben. Mutti, dann mußt du mir sehr oft Schokolade schenken, damit sie sich freuen kann.«
Nun ging es heimwärts. Unterwegs blieb Pucki plötzlich stehen.
»Wenn nun aber noch andere Kinder da sind, die auch keine Tüte bekommen haben, was machen wir dann?«
»Ich glaube, es waren sehr viele darunter, Pucki. Du wirst in Zukunft zu diesen armen Kindern besonders nett sein und versuchen, auch ihnen einmal eine kleine Freude zu machen.«
Pucki war recht nachdenklich geworden. Erst als die Mutter nach den Erlebnissen des ersten Schultages fragte, plapperte das kleine Mäulchen lustig drauf los.
»Aber morgen erzähle ich ihr mehr von dem Eichkätzchen, das auf den Baum hüpft, das wird sie nicht wissen, Mutti.«
»Wenn Fräulein Caspari danach fragt, kannst du es ihr erzählen. Aber sonst mußt du immer recht still sein.«
»Mutti, das Fräulein wird doch wohl keinen Hunger haben? Sie ist nicht arm, ich brauche sie also nicht zum Kuchen in den Garten einzuladen wie die kleine Thusnelda?«
»Nein, Pucki, das brauchst du nicht. Doch sieh, da steht der Vati, er wird sich freuen, von dir etwas über den heutigen Tag zu hören.«
Pucki flog dem Vater in die geöffneten Arme.
»Im Walde bei dir ist es viel, viel schöner, Vati, aber ich denke, daß ich mich auch mit Thusnelda vertragen werde.«
Pucki will keinen hungern lassen
Inhaltsverzeichnis
Die kleine Schulkameradin mit dem merkwürdigen Namen und dem festgeflochtenen Zopf, der wie ein Haken aus dem Hinterkopf herauskam, beschäftigte das Försterkind unaufhörlich. Daß das Kind immer Hunger hatte und nichts zum sattessen bekam, erschien Pucki unfaßlich. Sie hatte auch manchmal Hunger, aber dann bekam sie stets etwas zu essen. Auch Milch war stets vorhanden, viel Milch, von der sie trinken durfte. Ob Thusnelda jeden Tag solch einen Topf Milch bekam?
Alle diese Gedanken beschäftigten Pucki schon am nächsten Morgen, als sie sich erhob. Würde die Schulkameradin wenigstens heute satt sein? Ob sie die große Tüte schon leer gegessen hatte? –
»Mutti, wenn die Thusnelda nichts zu essen hat und auch keine Milch bekommt, möchte ich ihr etwas zu essen mitnehmen, wenn ich heute in die Schule gehe. Sie soll sich wieder freuen.«
»Frage das kleine Mädchen ruhig, und wenn es Hunger hat, will ich dir gern an jedem Tage ein Butterbrot mitgeben, das du ihr schenken darfst.«
»Wenn sie aber heute schon Hunger hat?«
»Das kleine Mädchen kann auch einmal nach dem Forsthause kommen, um Milch zu trinken. Das bestelle ihr. Sie soll sich von der größeren Schwester herführen lassen, denn Milch ist immer bei uns vorhanden.«
»Bekommt dann die große Schwester auch Milch? Die größere Schwester hat vielleicht noch viel größeren Hunger.«
»Selbstverständlich bekommt auch die größere Schwester etwas zu essen. Doch nun beeile dich, Pucki, wir müssen zur Schule. Heute dauert es zwei Stunden, bis du wieder heimkommst.«
»Das ist aber lange!« –
Auch am heutigen Tage brachte Frau Sandler ihr Töchterchen bis zum Schulhause. Wieder saß Pucki mit dreiundvierzig anderen Kindern in der Klasse, wieder stand Fräulein Caspari vor ihnen und ließ die Tafeln herausnehmen, damit die Kinder auch heute zeichneten und schrieben.
»Wir haben gestern einen Buchstaben auf die Tafel gemalt. Wer weiß noch, wie dieser Buchstabe hieß?«
»Ein Osterei!«
»Eine Null!«
»Nein, ich meine den Buchstaben mit dem Punkt. – Nun, Pucki, du wirst es sicherlich behalten haben.«
»Ja, – ich habe ihn behalten, ich kenne ihn ganz genau, aber ich habe seinen Namen vergessen.«
»Vielleicht weißt du ihn, Thusnelda?«
Aber Thusnelda senkte verlegen den Kopf und steckte die kleine Hand in den Mund.
»Nun, Thusnelda?«
»Ach, Fräulein«, rief Pucki, »fragen Sie mal das kleine Mädchen nicht; Thusnelda hat Hunger, und darum kann sie nicht antworten. – Hast du Hunger?«
Thusnelda nickte.
»Bei uns bekommst du ein Butterbrot, morgen bringe ich es dir mit, und Milch bekommst du auch. Du mußt nur zu uns kommen. Deine große Schwester bekommt dann auch Milch.«
»Pucki«, mahnte die Lehrerin, »im Schulzimmer mußt du ruhig sein und warten, bis du gefragt wirst.«
»Wenn ich nun aber was sagen will?«
»Dann hebst du den Finger in die Höhe und meldest dich.«
Sofort ging Puckis Fingerchen in die Höhe, und erneut wandte sie sich an Thusnelda.
»Meine Mutti hat gesagt, du sollst zu uns kommen, du brauchst nicht mehr zu hungern. Weißt du was, du kommst heute zu uns, mit deiner Schwester. Wir gehen dann zur Kuh, und die wird gemelkt, dann trinken wir immerfort.«
»Pucki, hast du nicht gehört, daß ich dir verboten habe, so viel zu plaudern?«
»Ich halt' ja den Finger hoch, dann darf ich es doch!«
»Nein, dann darfst du noch lange nicht plaudern.«
»Fragst du mich nicht?«
Aufs neue versuchte die Lehrerin, den Kindern klarzumachen, daß sie sie nicht duzen dürften. Das war eine ziemlich schwierige Arbeit. Pucki fand es gar seltsam, daß sie zur Lehrerin anders sagen sollte, wie zu allen anderen Menschen.
Man begann wieder mit dem Stäbchenlegen, dann erzählte die Lehrerin vom lieben Gott, der die Erde geschaffen, der das Licht und die Meere gemacht und Adam und Eva in das Paradies gesetzt hatte.
»Ich kann auch das Licht machen«, rief der vorlaute kleine Heinz. »Ich knips' einfach, dann ist das Licht da.«
»Ich knips' auch«, rief Pucki.
Wilder Tumult entstand. Fast jedes Kind erzählte von dem Licht, das es im Elternhause andrehen konnte. Nur wenige Kinder blieben still; darunter auch Thusnelda.
»Darfst du nicht knipsen?« fragte Pucki.
Sie schüttelte den Kopf. Sie kannte kein elektrisches Licht. Daheim saß man bei der Petroleumlampe.
Die Lehrerin bemühte sich erneut, durch ihre Erzählung vom lieben Gott die Aufmerksamkeit der Kinder zu erregen. Sie sprach von Gottes Güte, von seiner Weisheit und daß er jede Unart sähe und auf jedes Kind aufpasse.
»Wenn ihr in den finsteren Wald geht, braucht ihr euch nicht zu fürchten, weil immer jemand da ist, der auf euch aufpaßt. – Nun, wer weiß mir diese Frage zu beantworten: Wer ist auch im finstersten Walde?«
»Mein Vati!« jubelte Pucki, »der geht immer mit der Flinte durch den Wald.«
»Aber der liebe Gott ist auch da.«
»Und der Schutzengel, der läuft immer neben mir her, Fräulein Caspari!«
»Jawohl, Pucki, du hast recht.«
Wieder wollte sie anfangen, von dem Vater zu erzählen, von den Holzfällern, vom Eichkätzchen und den Bäumen, aber sie wurde auch jetzt wieder zur Ordnung gerufen und mußte still sein.
»Ich wiederhole noch einmal, Pucki, wenn du etwas fragen willst, hebst du den Finger, dann werde ich dir stets Antwort geben.«
Schon fuhr das Fingerchen wieder in die Höhe.
»Was möchtest du wissen?«
»Ob wir nicht bald nach Hause gehen können?«
»Gefällt es dir nicht in der Schule? Willst du ein dummes Mädchen bleiben und nichts lernen?«
»O nein, Fräulein Caspari, aber vielleicht steht die Mutti heute wieder mit 'ner Tüte draußen.«
»Das gibt es nur am ersten Schultage.«
»Es haben aber so viele Kinder keine Tüte bekommen. Ich habe meine Tüte der Thusnelda geschenkt, und nun soll die Thusnelda zu uns kommen und was Schönes zu essen haben.«
»Ich habe auch keine Tüte bekommen«, rief einer der Knaben.
»Dann komm nur auch zu uns, Mutti schenkt dir was.«
Es meldeten sich noch verschiedene Kinder, die ebenfalls wehmütig davon berichteten, daß sie am ersten Schultage leer ausgegangen waren.
»Hat eure Mutti auch kein Geld für eine Tüte?«
»Nein«, klang es im Chore zurück.
»O je, dann kommt nur heute nachmittag alle in die Försterei. Meine Mutti hat Kuchen und viel Milch, und in einem Napf, in der einen Stube, steht auch Schokolade. Mutti hat gesagt, kein Kindchen darf Hunger haben. Ihr könnt alle zu uns kommen, wir haben soooo viel zu essen!«
»Ich habe immer Hunger«, rief ein kleiner kecker Bursche. »Ich komm' und esse immerfort Schokolade bei dir!«
»Nun ja, dann komm nur«, sagte Pucki treuherzig, »und wenn du nicht allein gehen darfst, dann bring die große Schwester mit. Das hat die Mutti auch gesagt.«
Der Lärm und die Begeisterung in der achten Klasse wurden immer größer. Mehrfach klatschte die Lehrerin in die Hände. Da sagte Pucki strahlend:
»Gelt, nun freust du dich, Fräulein Caspari, daß alle Kinder keinen Hunger mehr zu haben brauchen?«
»Du darfst doch nicht alle Kinder zum Kuchenessen einladen. Was wird denn deine Mutter sagen, wenn heute nachmittag so viele Kinder ankommen?«
Das Försterskind fuchtelte begeistert mit beiden Ärmchen um sich. »Sie sollen alle kommen, das hat die Mutti gesagt.«
Schließlich gelang es der Lehrerin die Ruhe wieder herzustellen. Aufmerksamkeit herrschte jedoch nicht mehr, denn einer tuschelte es dem anderen zu, daß man heute nachmittag im Forsthause Birkenhain Schokolade bekäme und Kuchen essen dürfe.
»Soll ich meine Großmutter auch mitbringen?« fragte eines der kleinen Mädchen.
»Das weiß ich nicht. – Wenn sie kommen will, soll sie ruhig mitkommen.«
Schließlich waren die beiden Stunden des zweiten Schultages vorüber. Doch diesmal trennten die Kinder sich nicht so rasch wie gestern. Wohl waren verschiedene Mütter vor der Schule, aber keine von ihnen trug eine Tüte. Frau Sandler war nicht gekommen, nur Minna stand draußen, um Pucki abzuholen. Da gerade die anderen Klassen Pause hatten, liefen verschiedene der Abc-Schützen zu ihren Geschwistern, um ihnen die freudige Botschaft zu übermitteln, daß man heute nachmittag im Forsthause sein würde, um Schokolade und Kuchen zu essen.
Ein etwa neunjähriger Knabe stellte sich keck vor Pucki hin und sagte: »Ich habe auch keine Tüte bekommen, ich komme mit!«
»Komm nur«, meinte Pucki, »unsere Kuh gibt immer wieder neue Milch, man braucht sie nur zu melken.«
»Was redest du denn da, Pucki?« fragte Minna.
»Komm fix nach Hause, Minna, ich muß der Mutti erzählen, was ich ihr für eine große Freude mache. Die Thusnelda braucht nicht mehr zu hungern und die anderen auch nicht.«
Frau Sandler ahnte nicht, was ihr für heute nachmittag bevorstand. Überglücklich erzählte Pucki von all den Kindern, die heute nachmittag herauskommen würden, weil sie Hunger hätten.
»Mutti, wir geben ihnen gute Milch und ein bißchen Kuchen.«
»Wollen sie bestimmt herauskommen?«
»O ja, sie haben es gesagt. Die Thusnelda bringt auch die große Schwester mit.«
»Nun, auf ein Glas Milch soll es uns nicht ankommen, Pucki.«
Die Einladung der kleinen Försterstochter wurde von vielen Eltern mißverstanden. Es gab zahlreiche arme Familien in Rahnsburg, die das Forsthaus Birkenhain und Sandlers kannten. Manche Väter waren in dem Forst beschäftigt, man wußte auch, daß des öfteren Krüge mit Milch in den Wald gebracht worden waren, wenn es galt, den erhitzten und müden Männern eine Erfrischung zu reichen. Es erschien daher diesen Eltern gar nicht verwunderlich, daß Pucki einige ihrer Mitschüler für heute eingeladen hatte. Selbstverständlich konnten die Sechsjährigen nicht allein hinausgehen. So schlossen sich größere Geschwister an.
Die ersten Kinder, die kamen, blieben ein wenig scheu am Gartenzaun stehen, bis ein kecker Bube energisch rief:
»Wir sind da, wir wollen Kuchen und Schokolade!«
Förster Sandler und dessen Frau traten aus dem Hause und blickten voller Erstaunen die sieben Kinder an, die wartend draußen standen. Einige von ihnen kannte er, es waren Söhne und Töchter seiner Holzfäller, die nicht gerade in guten Verhältnissen lebten.
»Dann kommt mal herein in den Garten«, sagte er gutmütig.
Noch hatten diese Kinder nicht Platz gefunden, als eine neue Schar herangezogen kam, unter ihnen Thusnelda Reichert mit ihren vier Geschwistern.
»Was bedeutet denn das?« fragte bestürzt die Försterin. Schon stand Pucki vor der Mutter, hüpfte von einem Fuß auf den anderen und lachte herzlich.
»Mutti, heute hast du viel mehr Besuch als an deinem Geburtstage. Oh, wirst du dich freuen. Ich glaube ganz hinten kommen noch welche!«
»Hast du dir alle diese Kinder eingeladen?«
»Ja, Mutti, wie du es gewollt hast, damit keiner hungert. Ich habe gesagt, sie sollen alle kommen, du gibst ihnen schon was!«
»Aber Pucki, woher soll ich denn soviel Milch und Kuchen nehmen?«
»Hab keine Angst, Mutti, wir lassen die Minna noch einmal in den Kuhstall gehen, dann ist wieder ein großer Topf mit Milch da.«
Es stellten sich sogar einige Mütter ein, die ihren sechsjährigen Kindern nach dem Forsthause gefolgt waren, um gleich bei der Begrüßung Förster Sandler herzlichen Dank für die Einladung auszusprechen. Weder Sandler noch seine Frau wußten Rat. Die Schar war auf etwa zwanzig Köpfe angewachsen; kaum fanden alle im Garten Platz, um sich niedersetzen zu können. Die meisten warteten artig und bescheiden auf die Genüsse, die kommen sollten; es gab aber auch solche darunter, die nach Kuchen riefen und an einem Stück nicht genug hatten.
Minna stand in der Küche und zankte über Pucki, die in ihrer Gutmütigkeit und Unwissenheit so viele Gäste herbestellt hatte. Ununterbrochen buk sie Waffeln, doch es ging nicht so schnell, wie es eigentlich hätte gehen müssen. Wenn Frau Sandler wieder einen Teller hinaustrug, so streckten sich viele kleine Hände nach dem duftenden Gebäck aus.
Pucki stand an einem Baume und schaute mit leuchtenden Augen auf die schmausende Schar. Sie, die sonst so gern knusprige Waffeln aß, dachte heute nicht an sich. Sie glaubte, daß alle diese Kinder fürchterlichen Hunger hätten und noch niemals so gute Waffeln zu essen bekommen hätten. Das kleine Herz war übervoll von Glück, wenn sie sah, wie gut es allen schmeckte. Dort war ein kleiner, blasser Junge, der sich den Mund so voll stopfte, daß er kaum atmen konnte; dort drüben, das kleine Mädchen mit dem verbundenen Auge, leckte soeben den Zucker von den Fingerchen und sah sehr glücklich aus.
»Mutti – Mutti –« rief Pucki, »sieh nur, wie froh sie alle sind. – Sieh mal, dort der kleine Junge ißt noch schneller als unser Harras! – Ach, Mutti, ich könnte immerzu tanzen!«
»Willst du nicht auch eine Waffel essen, Pucki?«
Pucki schüttelte den Kopf. »Die Kinderchen sollen sie alle essen! – Ach, Mutti, ich möchte, sie kämen jeden Tag her und futterten sich satt!«
Frau Sandler ahnte das Glück, das in dem Kinderherzen erwachte bei dem Anblick so vieler erfreuter Kinder. – Pucki stürmte durch den Garten, unbeachtet von all den Schmausenden, klatschte in die Hände und jauchzte immer wieder:
»Wie sie alle futtern – sie werden keinen Hunger mehr haben!«
Für sie selbst schien in dem großen Forsthausgarten kein Platz zu sein. Sogar auf Holzklötzen, die man herbeigetragen hatte, saßen die Kleinen. Doch was schadete das, es schmeckte allen, und man labte sich an der guten Milch, die Frau Sandler herbeibrachte. Und über den Kindern, hoch oben in den Zweigen der Bäume, sangen die Vöglein ihre Frühlingslieder.
Pucki lief nach der Gartenpforte und verfolgte mit den Blicken eine Amsel. »Nachher sind da viele Krümchen für euch da, dann habt auch ihr es gut!« rief sie.
»Wer hat es gut?«
Hedi Sandler fuhr herum, und ihr Gesicht hellte sich auf.
»Onkel Oberförster – guck mal, alle die Kinder da habe ich eingeladen.«
»Ja, was ist denn heute bei euch los, Pucki?«
»Die Kinder habe ich mir eingeladen, Onkel Oberförster.«
»Na, das ist ja eine recht große Gesellschaft. – Kann ich nicht auch eine Waffel bekommen? Sieh mal, das sind meine beiden Jungen, die zu den Ferien heimgekommen sind und noch ein Weilchen hierbleiben müssen, weil in ihrer Schule eine böse Krankheit ausgebrochen ist.«
Mit leuchtenden Blauaugen blickte Pucki unerschrocken zu den beiden Jungen auf. Der eine war hochaufgeschossen, der andere bedeutend kleiner und ein wenig rundlich.
»Sind das deine Kinder, Onkel Oberförster?«
»Ja, das hier ist der Claus, der in der Prima sitzt, und das hier –«
Pucki lachte. »Ich weiß schon, Onkel Oberförster, das hier ist der große Claus, und das da ist der kleine Claus. Aber der große Claus gefällt mir besser als der kleine Claus.«
Claus Gregor, der Primaner, lachte belustigt auf bei den Worten des reizenden kleinen Mädchens.
»Warum gefalle ich dir denn nicht?« fragte Eberhard, der Vierzehnjährige.
»Mir gefällt der große Claus eben besser.«
»Bekomme ich dann auch eine Waffel?«
»Komm mal mit, ich werde die Minna fragen.« Pucki streckte die Hand aus und versuchte den Primaner in den Garten zu ziehen.
»Laß nur«, wehrte der ab, »wir wollen die Waffeln deinen kleinen Gästen nicht fortnehmen.«
»Komm nur ruhig mit in den Garten. Mutti hat gemeint, wir sollen nachher spielen, dann kannst du mitmachen.«
»Siehst du, Claus«, lachte der Oberförster, »nun hast du gleich eine Beschäftigung. Pucki wird dir schon zu tun geben.«
Der Primaner schien wenig Lust zu haben, mit all den kleinen Kindern zu spielen. Aber Pucki ließ seine Hand nicht mehr los.
»Nur ein bißchen, weil – ich dich doch so gern hab'!«
»Du kennst mich doch noch gar nicht.«
»Nein; aber jetzt kenne ich dich, und dich habe ich gern. – Ich habe aber auch den Harras gern. – Du mußt dir mal den Harras ansehen.«
Frau Sandler, die noch im Garten umherging, um die vielen kleinen Gäste nach Möglichkeit zu bewirten, bemerkte den Oberförster mit seinen beiden Söhnen. Sie kam rasch näher und erstattete mit verlegenem Lachen Bericht über den unerwarteten Besuch, der sich heute im Forsthause eingefunden hatte.
»Es sollten nur einige bedürftige Kinder herauskommen, Herr Oberförster, aber Pucki hat wahrscheinlich die Einladung so ungenau gemacht, daß noch viele andere Kinder sich mit auf den Weg gemacht haben. Ich konnte sie doch nicht wieder fortschicken.«
»Du – großer Claus«, flüsterte Pucki, »das sind alles kleine Kinder, die furchtbar hungern. Aber heute sind sie satt.«
»Macht dir das Freude, Pucki?«
»Sehr große!«
»Du bist ein braves, kleines Mädchen.«
»Kommst du jetzt mit uns spielen, großer Claus? Ich rufe schnell ein paar Kinder, dann gehen wir in den Wald und spielen.«
Es gelang Claus Gregor nicht, sich fortzuschleichen.
»Bleibe nur hier«, lachte der Oberförster, »die kleine Pucki rechnet auf deine Hilfe. Lange wird es ja nicht dauern.«
Pucki hatte sich verschiedene Kinder zu einem Kreisspiel herangeholt. »Wir spielen nun ›Fuchs, du hast die Gans gestohlen.‹«
Hell und lustig erklangen die Kinderstimmen. Claus Gregor mußte mitsingen. Und während man sich dauernd im Kreise drehte, tönte es durch den Wald:
»Fuchs du hast die Gans gestohlen,
Gib sie wieder her,
Sonst wird dich der Jäger holen
Mit dem Schießgewehr.«
Pucki sang das Lied bis zu Ende.
»Nimm, du brauchst nicht Gänsebraten,
Mit der Maus fürlieb!«
Da lachte der große Claus, hob Pucki auf seinen Arm und schwenkte sie einige Male hoch in die Luft.
Endlich kam Förster Sandler aus dem Walde heim und erklärte, es sei nun an der Zeit, daß die Kinder wieder heimgingen. Pucki bedauerte das auf das lebhafteste. Der heutige Tag war für sie eine einzige Freudenstunde gewesen, die sie gar gern noch länger ausgedehnt hätte.
»Wir kommen bald wieder«, klang es von vielen Kinderlippen.
»Ja, kommt mal recht bald!«
Frau Sandler warf ihrem Manne einen verzweifelten Blick zu, doch der winkte beruhigend mit der Hand. Es ging selbstverständlich nicht, daß öfters ein derartiger Massenbesuch das Forsthaus aufsuchte.
»Bist du nun glücklich?« fragte Pucki eine der Frauen, die mitgekommen war.
»Sehr glücklich, du kleines Mädchen. Du kannst dir nicht denken, wie schlimm es ist, wenn man Kinder hat, die manchmal hungern und frieren müssen.«
»Frieren mußt du auch?«
»Sehr oft; wir sind arme Leute und haben kein Holz und keine Kohlen.«
»Oh –« jubelte Pucki, »Holz kannste kriegen! Mein Vati hat so viel Holz! Weißt du was, wenn ihr wiederkommt, dann sage ich es dem Vati und dem Onkel Oberförster. Der hat noch viel mehr Holz! Dem gehört alles Holz, das im Walde steht. Der Onkel Oberförster ist sehr gut.«
Für die gutgemeinten Worte des Kindes hatte die Frau nur ein Lächeln. Sie wußte genau, daß auch der gutmütigste Oberförster das Holz, das im Walde aufgeschichtet war, nicht verschenken durfte. Trotzdem nahm Pucki sich vor, den guten Onkel Oberförster bei der nächsten Gelegenheit darum zu bitten.
Heinzelmännchen an der Arbeit
Inhaltsverzeichnis
»Au!«
Pucki steckte den Finger in den Mund, aus dem ein großer Blutstropfen hervorquoll. Seit Tagen bestickte sie einen Lampenteller. Es war eine ganz leichte Handarbeit, aber Pucki machte sie große Mühe, und oftmals wurde das Genähte wieder aufgetrennt, weil sie die Nadel nicht in die richtigen Löcher gesteckt hatte. – Nun ging das Geburtstagsgeschenk für den Vater seiner Vollendung entgegen. Es waren nur noch am Rande einige Stiche auszuführen, und am Donnerstag würde der fertige Lampenteller auf dem Geburtstagstisch des Vaters liegen.
Zu Puckis Füßen spielte die zweijährige Waltraut mit Bauklötzen. Auch sie schien schwere Arbeit zu haben, denn der Turm, der errichtet werden sollte, purzelte immer wieder zusammen. Schließlich fing Waldi an zu weinen und schleuderte einige der Bauklötzchen zornig gegen die Tür.
»Bist du artig!« herrschte Pucki die kleine Schwester an, »sonst steche ich dich mit der Nadel!«
»Waldi will einen Turm!«
»Waldi ist ein kleines, dummes Mädchen.«
»Waldi will einen Turm!«
»Dann baue ihn dir.«
»Kann nicht!« Die Kleine schlug zornig mit einem Klotz auf den Fußboden.
»So ein unartiges Kind«, sagte Pucki seufzend.
»Waldi will einen Turm!«
»Husch – ruhig bist du!« Pucki schlug mit dem gestickten Lampenteller nach der kleinen Schwester, die erschrocken zurückwich und zu schreien begann.
»Waldi will doch einen Turm!«
Da sprang Pucki auf, aber Waldi ahnte, daß ihr etwas Unangenehmes blühte; sie lief davon, stolperte über den Teppich und fiel der Länge nach auf den Fußboden.
»Siehst du«, sagte Pucki, »das kommt davon, wenn man unartig ist.«
Waltraut schrie nun so laut, daß die Mutter herbeigeeilt kam. Sie mußte ihre Jüngste trösten.
»O weh, das gibt eine ordentliche Beule am Kopfe«, sagte die Mutter bedauernd. »Unser Kleinchen wird ein Horn bekommen. – Weine nicht, Waltraut, Mutti reibt es gut ein, dann tut es nicht mehr weh.«
»Ein Horn kriegt sie?« rief Pucki neugierig. »Genau so ein Horn, wie unsere Kuh hat?«
»Nein, aber was habt ihr denn wieder gemacht?«
»Sie wollte einen Turm, und ich wollte nicht. Dann habe ich sie auszanken wollen, da ist sie hingepurzelt, weil sie so unartig ist.«
»Du mußt nett zu deinem kleinen Schwesterchen sein, Pucki, wie sich das für ein artiges Mädchen gehört. Aber auch Waltraut darf keine Mucken haben.«
»O Mutti, Mutti!« jubelte Pucki, »jetzt weiß ich es, der Waldi wächst ein Muckenhorn! Vati hat mir erzählt, daß Mucki auch ein Muckenhorn auf der Stirn hat. – Mutti, jetzt hast du nicht nur eine Pucki, nu hast du auch noch 'ne Mucki mit 'nem Horn!«
Frau Sandler mußte lachen. Sie erinnerte sich noch ganz genau daran, daß ihr Mann vor längerer Zeit einmal seiner Ältesten die Geschichte von der Waldfrau und deren Tochter Mucki mit dem Horn erzählt hatte. Das war der Kleinen anscheinend nicht wieder aus dem Gedächtnis gekommen.
Pucki freute sich unbändig. Sie erzählte es sofort Minna, daß Waldi nun nicht mehr Waldi, sondern Mucki hieße.
»Und ein Horn wächst ihr, soooo lang!« Das Kind breitete beide Arme weit aus.
»Geh lieber zurück an deine Arbeit, sonst kommt Vaters Geburtstag heran, und der Lampenteller ist noch nicht fertig.«
»Immerfort soll ich arbeiten – früh in der Schule und nachmittags an dem Teller. – Aber nun ist er bald fertig.«
Waltraut beruhigte sich rasch wieder. Trotzdem hielt die Mutter es für angebracht, sich zu den Kindern zu setzen, um sie ein wenig zu beaufsichtigen. Pucki hatte außerdem Fehler in ihrer Stickerei gemacht. Die letzten Stiche mußten aufgetrennt werden.
»Nun gib aber acht«, tadelte Frau Sandler. »Du hast noch viel zu tun, und die Heinzelmännchen werden nicht kommen, um den Lampenteller fertig zu machen.«
»Warum kommen die Heinzelmännchen nicht zu mir, Mutti?«
»Weil du nicht immer artig bist. Sie haben gesehen, wie du vorhin dein kleines Schwesterchen geärgert hast. Da bleiben sie fern.«
»Mutti, wären sie gekommen, wenn ich Mucki nicht geärgert hätte?«
»Vielleicht.«
»Ach, Mutti, dann will ich die Heinzelmännchen bitten, daß sie kommen. Ich werde auch die Mucki nicht mehr ärgern. Vatis Geburtstag ist ja bald. Bis dahin werde ich artig sein.«
»Wo Heinzelmännchen?« forschte Waldtraut.
Die Kleine versuchte auf den Schoß der Mutter zu klettern. Pucki beobachtete das Schwesterchen mit mißgünstigen Blicken. Und als Waltraut von der Mutter emporgehoben wurde, legte auch sie die Handarbeit zur Seite, zog den kleinen Stuhl dicht an die Mutter und bat:
»Mutti, ich möchte so furchtbar gern noch mal die Geschichte von dem Schneider und den Heinzelmännchen hören.«
»Und dabei wird gearbeitet, Pucki.«
»Ja – –«
Die Kleine holte den Lampenteller wieder herbei und begann zu sticheln, während Frau Sandler den lauschenden Kindern die Geschichte von dem fleißigen Schneider erzählte, der soviel Arbeit hatte, daß er immer bis Mitternacht in seiner Schneiderstube saß.
»Eines Nachts«, so fuhr die Mutter fort, »hörte er ein feines Stimmchen und sah an der Tür ein winziges Männchen stehen, das bittend sagte:
›Lieber Schneider, hilf uns! Die bösen Leute haben einen dicken Baumstamm gerade vor den Eingang meiner Wohnung gelegt, ich kann diesen Baumstamm aber allein nicht fortschieben. Komm mit mir hinaus in den Wald und hilf mir.‹
›Du kleines, liebes Kerlchen‹, sagte der Schneider, ›ich habe allerdings sehr viel Arbeit, die bis morgen früh fertig sein muß, aber ich will dir trotzdem gern helfen. – Führe mich.‹
Das Männchen führte den Schneider tief in den Wald hinein. Endlich machte es halt und wies auf einen am Boden liegenden Baumstamm.
›Nimm ihn fort‹, bat das Männlein, ›damit ich wieder in meine unterirdische Wohnung kann.‹
Der Schneider packte wacker zu, doch der Baum war so schwer, daß ihm die Schweißtropfen über das Gesicht liefen. Der Baum rührte sich nicht.«
»Oh, Mutti«, sagte Pucki, »so einen dicken Baum, wie er im Walde liegt, bekommt ein dünner Schneider überhaupt nicht weg. Das hätte er gar nicht erst zu versuchen brauchen. Das kann nicht mal der Vati.«
»Hast recht, Pucki, doch das Heinzelmännchen bat den Schneider mit Tränen in den Augen. So quälte er sich eine Stunde nach der anderen –«
»Er kriegt ihn doch nicht weg, Mutti. – Ich habe mal zugesehen, wie sich zwei Leute mit so was abquälten.«
»Der liebe Gott hat dem Schneider, weil er so tapfer helfen wollte, ganz plötzlich viel Kraft gegeben; und als der Morgen graute, gelang es ihm, den Baumstamm von der Stelle zu rücken.«
»Dann muß der liebe Gott wohl ein bißchen mitgerückt haben. Der Schneider allein hätte das wohl nicht fertig gebracht. Ich will mal den Vati fragen, der wird auch wohl sagen, daß ein Schneider allein sowas nicht schaffen kann.«
»Es ist dem Schneider aber doch gelungen. Das Männchen bedankte sich herzlich und sagte: ›Nun warte noch zehn Minuten und ruhe dich aus, denn du bist sehr müde.‹ Dann zog es eine winzig kleine Pfeife hervor. Da huschten aus dem Loch etwa fünfzig kleine Heinzelmännchen heraus, die tuschelten mit dem Kerlchen, das den Schneider in den Wald geführt hatte und liefen eiligst davon. Der Schneider wollte durchaus heimgehen, weil noch sehr viel bis morgen fertig werden sollte, doch das Männchen sagte wieder: ›Warte noch ein Weilchen.‹
Endlich war der Schneider ein wenig ausgeruht und ging eilig zurück in seine Schneiderstube. – Aber, o Wunder – alles war genäht, die Anzüge fix und fertig, denn die guten Heinzelmännchen, denen der brave Schneider geholfen hatte, waren nach der Werkstatt gelaufen und hatten die Arbeit beendet.«
»Können die Heinzelmännchen denn so nähen wie ein Schneider?«
»Die Heinzelmännchen können alles.«
Puckis Augen wurden groß. »Können sie auch einen Lampenteller sticken?«
»Ja, Pucki, aber dem Vati würde es keine Freude machen, wenn seine Tochter ihm nicht selbst das Geschenk gearbeitet hätte. Du brauchst die Heinzelmännchen nicht.«
»Kommen die Heinzelmännchen immer, wenn man sie ruft, Mutti?«
»O nein – nur wenn Menschen in großer Not sind, und wenn sie immer gut waren.«
»Na, dann will ich den Teller nur allein fertig sticken. – Ist es jetzt so richtig, Mutti?«
»Ja, Pucki. – Sieh, nun hast du nur noch vier Sternchen zu arbeiten, dann ist er fertig, und das wirst du bis zum Donnerstag schaffen.«
Die Heinzelmännchen gingen Pucki nicht aus dem Sinn. Gar zu gern hätte sie auch einmal solch ein kleines Kerlchen gesehen. So bat sie den Vater, er möge sie wieder einmal mit in den Wald nehmen, dorthin, wo die großen Baumstämme liegen. Der Vati hatte gleichfalls gemeint, wenn der liebe Gott dem Schneider nicht besondere Kräfte verliehen hätte, würde der es wohl kaum fertig gebracht haben, den Baumstamm fortzuschieben.
Nun schaute das Kind aufmerksam an den Stämmen entlang, ob nicht irgendwo ein Loch zu sehen wäre. Doch der Vater lachte es aus, und unverrichtetersache kehrte Pucki wieder heim.
Mittwoch nachmittag war der Lampenteller fertig. Pucki strahlte vor Freude. Die Pappe war allerdings ein wenig verbogen, aber Minna meinte, sie würde sie schon wieder gerade bekommen, sie wolle den Teller ein wenig pressen.
»Jetzt lege ich dem Vati auf den Teller noch einen Zettel, darauf schreibe ich meinen Namen.«
»Du kannst ja noch nicht schreiben, Pucki.«
»Doch – meinen Namen schreibe ich. – Paß mal auf.«
Pucki ging hinüber in des Vaters Arbeitszimmer. Die Eltern waren nicht daheim, Minna war mit den Kindern allein im Hause. Pucki nahm den Federhalter und ein Stück Papier und machte darauf die verschiedensten Striche, an die sie zum Schluß das gelernte »i« hing. Zum Schluß kam noch ein dicker Punkt über das i. Dazu tauchte sie die Feder tief in die Tinte. Da fiel ein dicker, schwarzer Tropfen auf den schön gestickten Lampenteller.
Das Kind erschrak. Im ersten Augenblick dachte die Kleine, die Schiefertafel vor sich zu haben. Sie legte drei Finger an die Zunge und fuhr mit ihnen hastig über den Tintenfleck hinweg.
»Oh – oh –!« Die Tinte verwischte sich über den Teller, über die mühevolle Stickerei und machte das Geschenk unbrauchbar. »Minna! – Minna!«
Pucki stürmte in die Küche, hielt der treuen Hausgenossin den Lampenteller hin, und während ihr Tränen aus den blauen Augen tropften, rief sie schluchzend:
»Mein schöner Teller. – Minna, was wird Vati sagen?«
»Du Schmierfink, was hast du denn da wieder gemacht? Das ganze Geschenk ist verdorben, so etwas kannst du unmöglich dem guten Vater schenken. – Aber Pucki!«
»Ich wasch' ihn schnell ab.«
Schon hatte das Kind die Bürste genommen und fuhr damit über den Lampenteller hinweg, ehe Minna es verhindern konnte.
»Aber Pucki!«
Das kleine Mädchen rieb aus Leibeskräften. Das Wasser begann die bestickte Pappe zu erweichen, und plötzlich zerfiel der Teller in zwei Stücke.
»Minna – Minna – –«. Fassungslos stand Pucki mit den beiden Hälften vor dem Mädchen und weinte so heftig, daß der kleine Körper zitterte. »Immerfort habe ich daran gestickt, der Finger ist dabei kaputt gegangen, und nun ist alles futsch!«
Der Jammer des Kindes griff Minna ans Herz, doch es gelang ihr nicht, das Kind zu trösten.
»Du mußt dem Vati morgen etwas anderes schenken. Dann freut er sich gewiß auch.«
»Ach, der schöne Teller! Minna, sticke mir einen neuen Teller.«
»Das geht nicht, Pucki, ich habe auch keinen Lampenteller. Weine doch nicht so, wir werden alles der Mutti erzählen, vielleicht weiß sie Rat.«
Kummervoll erwartete das Kind die Heimkehr der Mutter. Noch immer weinend, eilte sie ihr entgegen und hielt ihr den zerstörten Lampenteller hin.
»Da hast du wieder durch deine Unvorsichtigkeit etwas Schönes angerichtet, Pucki. Der Vater hätte sich sehr über deine erste Handarbeit gefreut. – Nun kannst du ihm morgen nichts schenken.«
»Ich möchte aber dem Vati was schenken! Ach, Mutti, hilf mir doch!«
»Es ist dir verboten worden, an das Tintenfaß zu gehen, Pucki, du bist also wieder einmal unfolgsam gewesen, und das ist nun die Strafe.«
Über alle Maßen betrübt, ging Pucki in das Kinderzimmer, sie hielt noch immer die beiden Hälften des Lampentellers in den Händen. Sie dachte daran, daß jeder dem Vati morgen etwas schenken durfte, nur sie würde mit leeren Händen dastehen. Da tropfte Träne auf Träne aus den blauen Augen.
»Wenn ich die ganze Nacht durch sitze und immerzu nähe, kann ich dem Vati vielleicht noch so einen Lampenteller machen.«
Wieder lief sie zur Mutter, um ihr diesen Vorschlag zu machen.
»Ach, Mutti, Pucki ist traurig, wenn sie dem Vati nichts schenken kann.«
»Das ist deine Schuld, mein Kind, ich kann es nicht ändern.«
Beim Abendessen vermochte das Kind nur mit Mühe zu essen, und als der Vater fragte, was ihm fehle, hätte Pucki am liebsten wieder geweint.
»Ich – wollte dir was schenken – nun ist es nicht mehr da.«
»Das ist freilich schlimm. Wo ist es denn hin?«
»Kaputt.«
»Hast du es kaputt gemacht, Pucki? Nun, vielleicht können die Heinzelmännchen es wieder ganz machen.«
»Oh – – die Heinzelmännchen!« Puckis Gesichtchen strahlte vor Freude. Die guten Heinzelmännchen hatten einstmals dem Schneider geholfen, die Heinzelmännchen konnten gewiß auch einen Lampenteller sticken oder den zerbrochenen zusammenleimen und die Tintenflecke fortwischen. – Die Heinzelmännchen waren die einzige Rettung.
Gleich nach dem Abendessen lief das Kind hinaus in den Garten. Fromm faltete es die Hände.
»Lieber Gott, ich bin so furchtbar traurig, weil ich morgen dem Vati nichts schenken kann. Laß alle deine Heinzelmännchen zu mir kommen, die im Walde wohnen. Sieh mal, lieber Gott, hier ist der Lampenteller, den ich dem Vati schenken wollte. Bitte, bitte, schicke mir die Heinzelmännchen, damit der Vati eine Freude hat.«
Pucki wartete ein Weilchen. Es rauschte gar seltsam in den Bäumen. – Ob das Englein waren, die zu den Heinzelmännchen hinflogen?
»Paß gut auf, lieber Gott, ich lege jetzt den kaputten Teller auf die Bank in die Laube. Wenn's Nacht ist, dann, bitte, bitte, schicke die Heinzelmännchen. Ich will auch zu meinem Schwesterchen lieb sein und bau' ihr immerfort einen Turm. Und morgen werde ich in der Schule gut aufpassen und nicht so viel plappern. – Lieber Gott, du hast doch kleine Mädchen furchtbar gern – schick mir die Heinzelmännchen.«
Sehr behutsam wurden die beiden Tellerhälften auf die Bank gelegt. So inbrünstig wie heute hatte Pucki noch niemals eine Bitte an den lieben Gott gerichtet.
»Du hast doch auch meinen Vati gern, der immer so lieb ist. Nun hat er keine Freude, wenn er den kaputten Teller bekommt. – Lieber Gott, die Mutti sagt, daß du gut bist, ach – sei doch heute recht lieb zu Pucki, sag es schnell den Heinzelmännchen und den lieben Englein und sage ihnen auch noch, daß sie nicht falsch nähen sollen, sonst muß die Mutti alles wieder auftrennen. – Lieber, lieber Gott, bitte, schick die Heinzelmännchen her.«
Ganz leise verließ die Kleine die Laube und stellte sich abwartend hinter einen Baum. Wohl rauschte es in dessen Krone, aber über den Kiesweg huschten keine kleinen Männchen. – Ganz plötzlich glaubte Pucki leise Schritte zu vernehmen.
»Ich glaub', lieber Gott, nu kommen sie! Oh, ich hab' so große Freude! Nicht wahr, du sagst ihnen, daß sie den Teller bis morgen früh fertig haben. Ich komm' aber ganz früh her und hole ihn.«
In der Veranda des Forsthauses stand Frau Sandler, die jedes Wort ihrer kleinen Tochter vernommen hatte. Sie hatte damals zwei ganz gleiche Lampenteller gekauft. Den einen hatte Pucki bestickt und durch ihre Unvorsichtigkeit wieder verdorben. Der andere sollte im Sommer für die Großmutter fertig gemacht werden.
»Pucki, wo bist du, du mußt nun schlafen gehen!«
Die Kleine hörte die Mutter rufen. Noch einmal schaute sie zum Himmel empor und bog winkend den Zeigefinger um.
»Komm rasch runter, lieber Gott, und sage es den Heinzelmännchen. Nicht wahr, du hilfst mir heute?«
Seltsam getröstet kehrte das Kind zur Mutter zurück und schaute sie mit schalkhaftem Lächeln an.
»Ob sich der Vater sehr freut, wenn ich ihm morgen doch den Lampenteller schenke?«
»Den hast du doch verdorben, Pucki.«
»Vielleicht wird alles noch gut, Mutti, warte mal ab.«
»So? – –«
»Mutti, ich habe ein schönes Geheimnis vor dir. – Aber morgen sage ich es dir. – Hab nur keine Angst, wenn es heute Nacht immerzu trippelt. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Der liebe Gott paßt auf uns alle auf und auch auf – – die kleinen Heinzelmännchen.«
»Was sollen denn die Heinzelmännchen?«
»Mutti – vielleicht kommen sie doch zu Pucki! – Ach, ich habe heute den lieben Gott so schön gebeten. – Mutti, ist der liebe Gott wirklich so gut, wie du immer sagst?«
»Ja, mein Kleines, er ist sehr gut.«
»Na, dann wird er's schon machen. Da will ich mal ruhig schlafengehen. – Morgen ist Vatis Geburtstag – nun bin ich wieder ganz froh. Mutti, nu wollen wir aber mal wirklich sehen, ob der liebe Gott so gut ist, wie du sagst.«
Als Pucki im Bettchen lag, faltete sie erneut die Hände und sagte leise: »Du vergißt es doch nicht, lieber Gott? Auf der Bank in der Fliederlaube – da liegt er.«
Pucki war gerade eingeschlafen, als Frau Sandler leise zur Fliederlaube schlich und den zerbrochenen Lampenteller fand. Und dann brannte im Wohnzimmer noch eine ganze Weile die Lampe. Muttis Hände zogen Faden auf Faden durch die Löcher des Tellers, fertigten genau solche Sterne an, wie Pucki sie gestickt hatte, damit der Lampenteller dem anderen zum Verwechseln ähnlich sei.
Förster Sandler saß daneben und blickte gerührt auf seine liebe Frau, die das Flehen des Kindes gehört hatte und ihm helfen wollte.
Sie erzählte ihrem Mann den Vorfall und wiederholte die gläubigen Worte der Kleinen.
»Unsere Pucki hat zwar viele Fehler und ist mitunter sehr eigenwillig, sie hat aber ein gutes und weiches Herz und ist auch ein frommes Kind, das wird ihr im Leben viel nützen und weiterhelfen.«
»Und du, meine liebe Frau, bist nun das erbetene Heinzelmännchen und mußt mein Geburtstagsgeschenk arbeiten.«
»Ich tue es ja so gern.«
»Das weiß ich.«
Förster Sandler zog seine Frau an sich und küßte sie herzlich.
Als gegen Mitternacht der Lampenteller fertiggestellt war, schlichen die Eltern an die Betten der schlafenden Kinder. Pucki lag mit geöffnetem Munde da, sie schien zu lächeln. Und es war auch so. Sie sah im Traume viele hundert Heinzelmännchen, die alle an dem Lampenteller nähten, die ihn neu preßten, zusammenflickten und dann mit schöner brauner Farbe anstrichen.
Trotz dieses herrlichen Traumes war Pucki am anderen Morgen sehr zeitig wach. Der erste Gedanke galt dem Geschenk für den Vater. Ganz leise stieg das Kind aus dem Bett, streifte hastig Schuhe und Strümpfe über, schlüpfte ins Kleidchen und lief hinaus in den Garten.
Ein Freudenschrei entfuhr seinem Munde. – Dort lag der Lampenteller schön gestickt und ganz heil auf der Bank.
»Ihr guten Heinzelmännchen! Ich streue euch heute auch viele Kuchenkrümel von Vatis Geburtstagskuchen hierher. – Ach, lieber Gott, das hast du aber gut gemacht!«
Den Teller in den Händen stürmte Pucki in das Forsthaus zurück. Noch lagen die Eltern in den Betten.
»Vati – Vati – ich gratuliere dir zum Geburtstag! Hier, siehst du – da hast du dein Geschenk!«
Und der Vati freute sich über die schöne Stickerei; er meinte, einen so schönen Geburtstagsmorgen hätte er lange nicht mehr gehabt.
»Soll ich dir mal was erzählen?«
»Freilich!«
Der Wahrheit gemäß berichtete die Kleine, was sich alles ereignet hatte.
»Vati, nu gehe ich wirklich nicht mehr an die Tinte, ich bin von heute an eine ganz artige Pucki, weil mir der liebe Gott so geholfen hat. Und nachher schenkst du mir auch ein Stück Kuchen für die Heinzelmännchen.«
Pucki erhielt das Stück Kuchen und trug es gewissenhaft hinaus in die Fliederlaube. Dort legte sie es nieder. Bei ihrer Rückkehr aus der Schule stellte Pucki fest, daß die Heinzelmännchen auch am Tage umgingen, denn das Kuchenstück war aus der Fliederlaube verschwunden. Daß es dem Harras vorzüglich geschmeckt hatte, ahnte Pucki nicht. Der Hund mit seinem feinen Geruch hatte den Kuchen gar bald gefunden und verzehrt. Nun stand er wieder vor der Laube und schnupperte herum.
»Riechst du die Heinzelmännchen?« fragte die Kleine.
Doch Harras wartete auf Kuchen, nicht auf die kleinen, helfenden Waldgeister.
Des Vaters Geburtstag verlief sehr lustig. Es kamen viele Leute, die ihm gratulierten. Es gab Kuchen, Pucki bekam sogar Limonade, und lustig plauderte sie mit allen. Plötzlich mahnte die Mutter daran, daß Pucki noch für die Schule zu arbeiten hätte.
Die Kleine zog die Nase kraus, ging in das Zimmer zu der kleinen Schwester, spielte ein wenig mit Mucki, und nahm dann die Tafel zur Hand. Doch draußen im Garten wurde so lustig gelacht, daß Pucki lieber zuhören wollte. Endlich war es Abend geworden, die Mutter rief zum Essen, und Pucki stellte erschrocken fest, daß die Aufgaben noch immer nicht gemacht waren.
Oh, tröstete sie sich, die Heinzelmännchen haben ein so großes Stück Kuchen bekommen, ich will ihnen sagen, daß sie die Tafel vollschreiben sollen.
Das Kind ergriff die Tafel, trug sie hinaus in die Fliederlaube und sagte:
»Heda, ihr Heinzelmännchen, heute nacht müßt ihr wiederkommen und eine Eins und eine Vier immerfort hier drauf schreiben – die ganze Tafel voll. – Habt ihr es gehört? Morgen früh hole ich die Tafel.«
Beim Abendessen fragte die Mutter, ob Hedi die Schularbeiten gemacht habe.
»Laß nur«, sagte sie, »das machen mir jetzt immer die Heinzelmännchen. Ich habe die Tafel in die Laube getragen.«
Weder der Förster noch seine Frau sagten dazu ein Wort. Beruhigt ging Hedi schlafen. Am nächsten Morgen eilte sie zur Laube, um die Tafel zu holen.
Aber wie erschrak sie! Da war weder eine Eins noch eine Vier. Auf der Tafel stand etwas ganz anderes, das sie jedoch nicht lesen konnte. Sie ging mit der Tafel zu Minna und sagte:
»Kannst du lesen, was hier steht?«
»O ja!«
»Was steht denn da?«
Minna las: »Schäme dich, Pucki! Ein faules Kind mag keiner leiden, ein faules Kind betrübt Vater und Mutter, und die Heinzelmännchen helfen in Zukunft auch nicht mehr.«
Puckis Gesicht färbte sich dunkelrot. – Das konnten nur die Heinzelmännchen geschrieben haben.
»Wisch das schnell weg, Minna!«
»Na, Pucki, was bedeutet denn das?«
Mit gesenktem Haupt schlich das Kind davon. – Jetzt war es zu spät, um die Schularbeiten zu machen. Doch Pucki nahm sich fest vor, von heute an fleißiger und aufmerksamer zu werden. Auch die Eltern hätten sonst keine Freude an ihr und würden traurig sein. Schuldbewußt blickte Pucki zum blauen Himmel empor.
Am Nachmittage gab es ein Gewitter, das erste in diesem Jahre. Da war Pucki recht niedergedrückt und vertraute der Mutter an, daß der liebe Gott heute gar so toll donnere, weil er mit Pucki böse wäre.
»Von heute an werde ich ganz bestimmt artig, Mutti! Ich habe in der Schule gut aufgepaßt und will immer schreiben und lesen, damit der liebe Gott wieder gut wird.«
Eine Stunde später schien die Sonne wieder hell und warm. Das nahm Pucki als Zeichen, daß nun alles wieder in Ordnung sei.
Pucki hilft überall
Inhaltsverzeichnis
Seit jener Mahnung, die die Heinzelmännchen auf die Schiefertafel geschrieben hatten, gab Hedi Sandler sich die größte Mühe, in der Schule aufmerksam zu sein. Sie war sehr stolz, als Fräulein Caspari eines Tages sagte, daß sie mit ihr zufrieden sei. Nur eines tadelte sie nach wie vor: Pucki konnte den kleinen Mund nicht immer rechtzeitig halten. Sie hatte aber auch zu viel zu erzählen. Alles, was sie im Walde erlebte, was sie auf ihrem Wege von und zur Schule sah, mußte den Mitschülerinnen und der Lehrerin mitgeteilt werden. Auch von dem Schwesterchen erzählte sie, von den Niepelschen Knaben, mit denen sie an jedem Mittwoch und Sonnabend aus der Schule heimfuhr. An diesen beiden Tagen wurde der Unterricht für die drei untersten Klassen um zwölf Uhr beendet, und dann stand auf dem Markt regelmäßig der Wagen mit dem weißen Pferdchen, der die Niepelschen Knaben und Pucki Sandler heimfahren sollte.
Diese gemeinsame Heimfahrt verlief stets recht anregend; es gab regelmäßig so viel zu erzählen, daß Pucki es stets bedauerte, wenn sie schon nach kurzer Zeit am Forsthause abgesetzt wurde.
Auch heute, um zwölf Uhr, würde der Wagen mit dem weißen Pferdchen wieder auf dem Marktplatze warten. Die Schulkameradinnen beneideten Pucki um dieses Vergnügen, und oftmals wollte eines der kleinen Mädchen mit einsteigen, wurde von dem Kutscher jedoch stets zurückgewiesen.
Seit einigen Tagen ließ man das Försterkind allein nach der Schule gehen. Der Weg war nicht gar zu weit, und die Mutter schärfte Pucki ein, daß sie stets, ohne zu zögern, die Straße entlang wandern sollte. Manchmal wurde Pucki noch ein Stück Weges vom Vater oder der Mutter begleitet, bis die ersten Häuser von Rahnsburg in Sicht kamen.
Hedi fühlte sich sehr stolz. Die anderen Kinder hatten es nicht so weit zur Schule wie sie. Sie wohnten in der Stadt; eines brauchte sogar nur um die Straßenecke zu gehen und war da. Mitunter verspätete Pucki sich auch. Da war ein Käferchen oder eine Schnecke, die über den Weg kroch, da sang ein Vöglein gar so wunderschön, daß die Kleine lauschen mußte, oder die Bäume rauschten mit den Wipfeln, und denen mußte sie freundlich zunicken. Die Lehrerin kannte Puckis Vorliebe für die Natur und ließ sich oftmals von dem kleinen Mädchen dessen kleine Walderlebnisse erzählen.
Heute war Pucki rechtzeitig in der Klasse erschienen. Fräulein Caspari war noch nicht anwesend. Pucki wurde stets von allen stürmisch begrüßt. Man erinnerte sich des schönen Nachmittags im Forsthause, der prächtigen Waffeln und der guten Milch und hoffte, daß sich diese Einladung bald wiederholen möchte. Pucki hätte es gern getan, aber die Mutti meinte, alle Kinder könnte sie nicht wieder einladen, Pucki dürfe jedoch hin und wieder zwei oder drei kleine Mädchen für den Nachmittag in das Forsthaus bitten.
Herzliche Zuneigung fühlte Pucki für ihre Nachbarin, die kleine, blasse Thusnelda Reichert. Manches Frühstücksbrot war mit ihr geteilt worden, und wenn Pucki einmal eine kleine Leckerei mitbekam, erhielt Thusnelda gewissenhaft die Hälfte davon.
»Du sollst wieder mal zu uns ins Forsthaus kommen«, sagte Pucki am heutigen Tage zu der Schulfreundin. »Du sollst dann wieder Milch und Waffeln haben.«
Die scheue Thusnelda schüttelte den Kopf.
»Doch, du sollst kommen!«
»Nein, ich kann nicht.«
»Warum kannst du denn nicht? Ich zeige dir den Weg.«
Wortlos streckte Thusnelda die Füße vor; Pucki blickte auf zwei recht zerrissene Schuhe.
»O je«, sagte Pucki, »die sind aber kaputt! Wenn's regnet, hast du nasse Füße und wirst krank. Du mußt andere Schuhe anziehen, die keine Löcher haben.«
»Ich habe keine anderen.«
»Ich hab' zu Hause noch ein Paar braune Schuhe und ein Paar weiße, und die hier habe ich auch.«
»Ich habe gar keine anderen.«
»Dann hol dir doch meine Schuhe.«
Wieder schüttelte Thusnelda den Kopf. Um ihre Lippen zuckte es, dann kamen Tränen.
Pucki strich ihr liebevoll über die Backen. »Weinst du, weil du keine Schuhe hast?«
»Ja – –«
»Dann weine mal nicht, hier hast du meine Schuhe, dann bekommst du keine nassen Füße. Ich habe zu Hause noch sooo viele. Mutti zieht mir andere an.«
Schon hatte das kleine Mädchen die Schuhe ausgezogen und stellte sie vor Thusnelda auf die Schulbank. Die anderen Kinder waren aufmerksam geworden und flüsterten miteinander. Als aber Thusnelda noch immer nicht nach den Schuhen griff, zerrte Pucki die Kleine aus der Bank heraus, löste ihr das zerrissene Schuhwerk von den Füßen und streifte ihr die braunen Sandalen über die Füße.
»Die kannst du jetzt immer behalten.«
»Aber dann hast du ja keine Schuhe? Wie willst du denn bis ins Forsthaus kommen?« rief Georg Rabe.
»Heute brauche ich keine Schuhe, ich fahre mit dem Wagen, und zu Hause habe ich andere Schuhe.«
In diesem Augenblick betrat Fräulein Caspari die Klasse. Sogleich nach der Begrüßung riefen ihr die Kinder zu, daß Pucki ihre Schuhe der Thusnelda geschenkt hätte. Da wurde das kleine Mädchen sehr erregt und sagte mit lauter, energischer Stimme:
»Olle Klatschliesen seid ihr! Mutti hat gesagt, wenn man was verschenkt, darf man nicht davon reden.«
»Darfst du deine Schuhe verschenken, Pucki?« fragte die Lehrerin.
»Ja – ich habe noch viele andere Schuhe!«
Thusnelda war während der Unterrichtsstunden sehr unaufmerksam. Sie betrachtete beglückt die hübschen Sandalen, die ihr nunmehr gehören sollten. Wie würde die Mutter sich freuen, wenn sie mit neuen Schuhen heimkam. Sie schrak zusammen, als sie die Stimme Fräulein Casparis hörte, die schon zum zweiten Male fragte:
»Nun, Thusnelda, weißt du mir nicht zu antworten?«
Thusnelda hatte die erste Frage überhaupt nicht gehört, sie wußte nicht, um was es sich handelte. Pucki flüsterte ihr zwar etwas ins Ohr, bekam deswegen aber einen Verweis.
»Wenn du flüstern kannst, Pucki, kannst du uns auch laut und deutlich erzählen, was du von den Tieren des Waldes weißt.«
»O ja – von denen weiß ich viel! Da ist zuerst das kleine weiße Pferdchen, mit dem ich heute wieder nach Hause fahre.«
»Das Pferd ist aber kein Tier des Waldes.«
»Ja, das Pferdchen ist immer im Walde, das Pferdchen hat ein weißes Fell, aber es gibt auch Pferde mit einem braunen und einem schwarzen Fell.«
Fräulein Caspari lächelte nachsichtig. »Nun gut, Pucki, so erzähle uns einmal eine Geschichte von dem weißen Pferdchen. Ihr anderen paßt gut auf, damit ihr mir morgen auch davon erzählen könnt.«
»Das weiße Pferdchen heißt Liese; es hat vier Beine und hinten einen Schwanz, mit dem es wackelt, wenn es sich freut oder wenn es von den Fliegen geärgert wird. Manchmal sind auch ganz große Fliegen da, die das Pferdchen stechen. Wenn Onkel Niepel der Liese ins Maul guckt, weiß er, wie alt sie ist. Das hat er mir gesagt. An den Hufen hat das Pferd Eisen. Ein weißes Pferd steht auch auf dem Karussell, auf dem ich geritten habe.«
»Fräulein, das ist aber nur von Holz!«
»Sei still, Hans, erst soll Pucki fertig erzählen.«
»Die Liese ist ein schönes Pferdchen, denn es bekommt viel Hafer. Die Liese ist viel älter als ich, denn sie war schon da, als ich noch ganz klein war. So, nun bin ich fertig.«
»Das hast du recht nett gemacht, Pucki. Morgen werdet ihr mir auch noch einiges über die Pferde erzählen.«
»Ich weiß noch viel mehr«, rief einer der Knaben. Nun erzählte er von einem Pferd, das vor einen schweren Lastwagen gespannt war, und wie der grobe Kutscher das arme Tier mit einer Peitsche geschlagen hätte.
Pucki hob den Finger in die Höhe, und als sie zum Sprechen aufgefordert wurde, sagte sie:
»Fräulein Caspari, man darf das Pferd nicht mit der Peitsche hauen. Ein Pferd weiß alleine, ob es schnell oder langsam gehen soll.«
Die Stunde verlief recht angeregt, denn über das Pferd wußte jedes Kind etwas zu sagen. So schnell wie heute war Pucki die Zeit des Unterrichts noch nie vergangen, und als es läutete, war sie erstaunt, daß sie schon wieder heimgehen durfte.
»Halt, Pucki«, rief die Lehrerin, »willst du nun ohne Schuhe bis zum Marktplatz laufen?«
»O ja, ich laufe manchmal sogar ohne Strümpfe.«
»Dann ziehe wenigstens die Strümpfe aus. Es ist heute warm, und du bist das Barfußgehen gewöhnt.«
Pucki tat es und eilte überglücklich zum Marktplatze. Die drei Knaben waren noch nicht da, doch der Kutscher wartete bereits mit dem Wagen. Die Kleine ging von Schaufenster zu Schaufenster und betrachtete die Auslagen.
»Du – was steht denn hier geschrieben?«
Der gutmütige Kutscher gab bereitwillig Auskunft. Da wurden in der Apotheke die verschiedensten Mittel angepriesen; beim Bäcker wurde Reklame für ein neues Schrotbrot gemacht. Weiter ging es zur Tischlerei. Da hing ein großer weißer Zettel.
»Was hat denn der Mann geschrieben?«
»Hier wird das Wachsen von Möbeln übernommen.«
»Was – – das Wachsen von Möbeln?«
»Ach, du Dummerlack! Der Tischler meint, die Möbel werden schön aufpoliert und mit Wachs bestrichen.«
Lautes Lärmen auf dem Markte verkündete, daß auch die beiden anderen Schulklassen geschlossen worden waren. Die Kinder tobten die Straßen entlang. Paul und Fritz waren am Wagen und stiegen bereits ein.
»Wo bleibt denn der Walter«, forschte Pucki.
»Der kommt auch gleich nach, der kann nicht so schnell laufen, er ist krank.«
»Krank?« rief Pucki erschrocken, »was hat er denn? Ich werde ihn holen.«
Doch da kam schon Walter. Er ging sehr langsam und hatte die eine Hand in die Seite gestützt.
»Was fehlt dir denn?« fragte der Kutscher.
»Mir tut es hier so weh«, sagte der Knabe und zeigte auf die linke Seite.
»Bist wohl wieder toll herumgelaufen und hast Seitenstechen. Das wird gleich wieder vergehen.«
Dann fuhr man ab. Pucki betrachtete Walter oftmals, der heute einen gar müden Eindruck machte.
Pucki streichelte die Wange des Freundes. »Hab mal keine Angst, Junge, deine Mutti kann dir schon helfen. Die kocht dir Kamillentee, und dann ist alles gut. Oh, warte noch ein bißchen. Du steigst am Forsthause ab, dann gibt dir meine Mutti eine Medizin. Die hilft, ich weiß schon, was dir gut tut.«
»Kannst du ihm helfen?« fragte Fritz.
Pucki nickte mit dem Kopf. »Ja, ich helfe ihm.«
»Er hat es gut«, seufzte Fritz, »ihm kannst du helfen, aber kannst du mir nicht auch helfen?«
»Was soll ich denn?«
»In der Schule war's heute sehr schlimm. Wir sollten etwas über ein Schiff erzählen, das hatte uns der Lehrer gezeigt. Und da war gerade ein Maikäfer, den hatte der Erich mitgebracht und auf der Bank herumkriechen lassen. Da haben wir nicht hingehört, was der Lehrer sagte. Und nun sollen wir was über das Schiff schreiben, und ich weiß doch nicht, was.«
»Über das Schiff, das beim Schmanzbauer in der Stube hängt?«
»Ich weiß nicht. Er hat uns auf einem Bilde ein Schiff gezeigt und davon erzählt.«
»Weißt du gar nichts mehr davon, Fritz?«
»Nein, gar nichts.«
»Na, dann schreibe über das Schiff vom Schmanzbauer.«
»Was soll ich denn schreiben?«
»Da mußt du mal hingehen. Dem Schmanzbauer sein Kind fährt immer auf einem Schiff. Der Schmanzbauer hat mir schon viel erzählt. – Du, ich weiß viel von dem Schiff.«
Paul horchte auf. Auch er hatte heute in der Stunde nicht aufgepaßt und wußte ebenso wenig über das Schiff zu sagen wie sein Bruder Fritz.
»Wenn du so viel weißt, Pucki«, meinte er, »dann erzähle uns was von dem Schiff.«
»O ja! – Das Schiff hängt beim Schmanzbauer an der Zimmerdecke. Auf einem Schiff können furchtbar viele Leute fahren. Es hat viele Plätze. Jedes Schiff hat einen Namen. Aber wie das Schiff vom Schmanzbauer heißt, weiß ich nicht, und sein Kind, das auf dem Schiff fährt, ist jetzt nicht da. – Wollen wir heute mal zum Schmanzbauer gehen?«
»Ich habe heute keine Zeit. Aber erzähle noch mehr von dem Schiff.«
»Die Leute, die kein Geld bezahlen und das Schiff bedienen, sind die Matrosen. Kleine Matrosen heißen Schiffsjungen. Die müssen viel klettern und das Schiff scheuern. Der Steuermann dreht an einem Rad das Schiff hin und her, damit es richtig fährt. Der Führer auf einem Schiff ist der Kapitän.«
»Was du alles weißt!« staunte Fritz. »Wer hat dir denn das erzählt?«
»Der Schmanzbauer. Ich gehe gern zum Schmanzbauer. Nächstens gehe ich wieder hin, dann frage ich nach dem Schiff.«
»Was du jetzt gesagt hast, schreibe ich auf«, rief Paul. »Aber der Fritz darf es nicht aufschreiben.«
»Nein, das schreibe ich auf!«
»Pucki«, sagte Fritz, »ich will auch was schreiben.«
Das Försterkind starrte einige Augenblicke nachdenklich zum Himmel empor, dann rief es freudig. »Oh, ich weiß noch mehr, das sage ich dir ins Ohr, dann hört es der Paul nicht.«
»Der hat schon genug.«
»Die Matrosen und der Kapitän müssen sehr gute Augen haben. Manchmal ist ganz dicker Nebel auf dem Wasser, daß sie nichts sehen können. Bei Nebel tuten die großen Schiffe mit einem Horn. Die Stricke oben am Schiff haben einen komischen Namen, den habe ich vergessen. Aber das frage ich den Schmanzbauer noch. Meistens haben die Matrosen eine Pfeife im Munde und rauchen daraus. Wenn das Schiff in den Hafen kommt, dann geht der Matrose nach Hause und freut sich. – Hast du nu genug?«
»Ach, Pucki, ich hab' dich schrecklich lieb, weil du immer einen guten Rat weißt. Du bist doch die Klügste von uns.«
»Wenn mir noch was einfällt vom Schiff, sage ich es dir morgen früh, wenn ihr mit dem Wagen vorbeifahrt.«
Walter hatte sich an der Unterhaltung wenig beteiligt. Er saß müde in der Wagenecke und fühlte sich gar nicht wohl.
»Na, na«, meinte der Kutscher, »ich glaube, du hast dich erkältet und mußt ins Bett, Walter.«
»Ja, fahr recht schnell«, rief Fritz.
Bald hielt der Wagen am Forsthause. Dort wurde Pucki abgesetzt. Diesmal winkte sie Walter besonders herzlich zu, denn sie hatte inniges Mitleid mit dem kranken Knaben. Dann eilte sie aufgeregt in die Küche, in der die Mutter beschäftigt war, und rief stürmisch:
»Mutti, da bin ich!«
Frau Sandler sah sofort Puckis bloße Füße.
»Was ist denn das wieder? Wo sind deine Schuhe und Strümpfe?«
»Die Schuhe hat die Thusnelda bekommen, die Strümpfe habe ich in die Mappe gesteckt.«
Eifrig erzählte Pucki von der armen Thusnelda, die in zerrissenen Schuhen umherlief.
»Ach, Mutti, sie hat sich sehr gefreut, nun kann sie heute nachmittag zu mir kommen, weil sie meine Schuhe hat.«
»Du hättest mich erst fragen müssen. – Du darfst die Sachen, die du trägst, nicht verschenken, ohne daß wir davon wissen. Wenn Thusnelda heute kommt, will ich ihr noch ein Kleidchen von dir heraussuchen.«
»Au fein, Mutti! Gestern hat uns Fräulein Caspari erzählt, daß es viele arme Kinder gibt, die gar nichts haben. In der großen Stadt mit den hohen Häusern sind noch viel mehr arme Kinder als in Rahnsburg. Und diese Kinder haben keinen grünen Wald, wie wir, – Mutti, das muß schlimm sein!«
»Gewiß, Pucki, es gibt viele Kinder, die noch niemals aus der Stadt herausgekommen sind, die niemals frische Waldluft geatmet haben. Sie sehen blaß und elend aus und sind oft krank.«
»Kann man sie nicht in den Wald schicken, damit sie nicht krank sind?«
»Es haben sich gutherzige Leute gefunden, die sich dieser Kinder annehmen. Dann wird Geld gegeben, damit die kränklichen Geschöpfe aufs Land oder in den Wald geschickt werden können. Alle Jahre fahren ganze Eisenbahnzüge mit Kindern aus den großen Städten hinaus.«
»Alle in den Wald?«
»Nein, auch aufs Land oder an die See.«
»Warum kommen denn in unseren Wald keine kranken Kinder?«
»Man hat gerade vor einigen Tagen an deine Mutti geschrieben, ob sie nicht auch ein Kind aufnehmen will. Auch bei den anderen Förstern und den Gutsbesitzern traf eine derartige Anfrage ein.«
»Au, Mutti, dann lassen wir viele Kinder herkommen, ich gehe mit ihnen in den Wald, und du bäckst Waffeln.«
»Vielleicht nimmt Mutti ein solches armes Kind in den großen Ferien auf. Doch das muß sie erst mit dem Vati besprechen.«
Schon am nächsten Tage erzählte Pucki in der Schule von den armen Kindern, die gerne in den Wald und in die Försterei kommen möchten.
»Meine Mutti will auch so ein Kind haben.«
»Das ist sehr nett von deinen Eltern, Pucki. Es wird dir viel Freude machen, einem kleinen Stadtmädchen den Wald zeigen zu können.«
Von nun an fragte Pucki tagtäglich die Eltern, ob nicht bald ein Kind aus der großen Stadt in den Wald käme.
»Ich möchte gern mit dem Kindchen spazierengehen.«
»Wenn du gern spazierengehen willst, Pucki, warum gehst du dann so selten mit Waltraut spazieren? Es wäre mir sehr lieb, wenn du dich mehr mit deinem Schwesterchen beschäftigen wolltest.«
»Ihr könnt mich beide heute nachmittag in den Wald begleiten«, sagte Förster Sandler. »Wir haben direkt an der Straße zu tun, und es ist ein schöner Tag. Da werdet ihr viel Freude haben.«
Pucki war es zufrieden. Die kleine Schwester konnte zwar nicht so schnell laufen, wie sie es liebte, sie stolperte auch oftmals, aber mit den Holzarbeitern konnte man sich so schön etwas erzählen. Auch war es gar lustig anzusehen, wenn lauter viereckige Haufen aus zersägten Baumstämmen zusammengetragen wurden.
Obwohl Förster Sandler seinen Kindern streng befohlen hatte, in seiner Nähe zu bleiben, wanderte Pucki doch mit dem Schwesterchen ein wenig weiter. Es gab so viel zu zeigen. Waldi fürchtete sich zwar vor den großen schwarzen Käfern, die über den Weg krochen, doch Pucki meinte, das seien die lieben Mistkäfer, die einem nichts Böses täten.
Ganz plötzlich horchte sie auf. Drüben, auf der anderen Seite des Weges mußten auch Holzarbeiter sein. Beständig knackte und raschelte es.
»Komm, Waldi, wir wollen mal sehen, ob dort der Onkel Oberförster oder der Mann mit dem langen Bart ist.«
Es war aber nur ein altes Mütterchen, das einen kleinen Handwagen voll Holz packte. Die alte Frau trug dürre Äste zusammen, von denen sie die kleinen Zweige abbrach.
Eine ganze Weile schaute Pucki diesem Tun zu. Es war dem Kinde nichts Neues, daß Holz zusammengetragen wurde, doch diese alte, kleine Frau schien große Mühe zu haben, den Wagen vollzuladen.
»Warum holst du dir denn keinen Mann, der das Holz aufpackt?«
»Ich habe keinen Mann. Ich bin ganz allein.«
»Dann mußt du den Wagen auch allein nach Hause ziehen?«
»Ja.«
»Kannst du das?«
»Es muß gehen, Kleine. Wenn nur mein Fuß besser würde. Er ist krank, mit ihm kann ich nicht gut auftreten. Da geht es eben sehr langsam.«
Ein Weilchen überlegte Pucki, dann sagte sie freundlich: »Ich hab' einen Roller. Wenn du den kranken Fuß auf meinen Roller setzt, geht es viel schneller. – Soll ich dir meinen Roller holen?«
»Nein, du gutes Kind, der Roller kann mir nichts nützen. Ich werde schon heimkommen.«
Wieder sah Pucki, wie die alte Frau bald hierhin, bald dorthin humpelte. Da packte sie mit zu und begann auch allerlei Zweiglein aufzulesen und auf den Wagen zu legen. Sogar Waltraut tat ein Gleiches. Es waren allerdings nur ganz kleine Ästchen, die sie herbeizutragen vermochte. Doch das alte Mütterchen schien sehr erfreut über diese Hilfe zu sein.
»Ihr seid zwei gute Kinder.«
»Ich werde dir immer helfen. Kommst du oft in den Wald? Dort drüben, beim Vati, liegt so viel Holz. Komm mit, das holen wir jetzt!«
»Nein, nein, das dürfen wir nicht.«
»Dann bringe ich dir was. Dort sind Männer, die tragen dir das Holz her.«
Wieder wehrte die alte Frau ab und meinte, es sei genug. Sie wolle nun heimfahren. Aber es war schwer, den Wagen mit der Holzlast anzuziehen.
»Ich helfe dir ein bißchen«, sagte Pucki gutmütig.
»Wenn du hinten ein wenig stoßen wolltest, mein Kind, dann geht es gewiß.«
Wahrhaftig – es glückte. Pucki strahlte geradezu. Es machte ihr Freude, recht kräftig an das Wäglein zu stoßen, damit die alte Frau nicht so schwer zu ziehen brauchte. Da sie ein krankes Bein hatte, konnte sie leider nicht gut laufen. An das Schwesterchen dachte Pucki in ihrem Eifer nicht mehr. Sie schob und stieß an dem Wäglein nach Leibeskräften, bis der breite Waldweg erreicht war.
»Nun geht es schon allein, mein liebes Kind, ich danke dir herzlich.«
»Nur noch ein ganz klein wenig, weil du doch ein böses Bein hast.«
Plötzlich erblickte Pucki einen Herrn in grüner Uniform, der auf dem breiten Wege daher geschritten kam.
»Oh, hast du Glück«, sagte sie erfreut, »da kommt der Onkel Oberförster, der kann auch ein bißchen schieben helfen.«
Es war wirklich der Oberförster. Doch er machte kein freundliches Gesicht, er streckte gebieterisch die Hand aus und hielt den Wagen an.
»Ist heute Holztag?«
Die alte Frau machte ein erschrockenes Gesicht; Pucki dagegen streckte dem Onkel Oberförster freundlich das Händchen hin und sagte mit ihrer süßen, hellen Stimme:
»Sieh mal, Onkel Oberförster, ich bin schon ganz heiß. Stoß du auch mal an dem schweren Wagen.«
»Wissen Sie nicht, daß am Donnerstag kein Holz gesammelt werden darf?«
»Entschuldigen Sie nur, Herr Oberförster, aber ich habe zu Hause nichts mehr. Ich konnte gestern nicht in den Wald.«
»Ordnung muß sein, in Zukunft werde ich es nicht wieder dulden, daß Sie an verbotenen Tagen aus dem Walde Holz holen. Was sollte werden, wenn jeder die Vorschriften übertreten wollte.«
Oberförster Gregor war ein gutherziger Mann, aber er hielt streng auf Ordnung. Seine Stimme klang barsch, trotzdem meinte er es nicht schlimm.
Hedi Sandler hatte den guten Onkel Oberförster noch niemals so sprechen hören. Mit weit offenen Augen schaute sie zu ihm auf.
»Wenn doch die Frau gar kein Holz hat – sie hat nicht so viel wie der Vati.«
Die Alte wollte sich mit ihrem Wäglein schnell aus dem Staube machen.
»Merken Sie sich, daß am Montag und Donnerstag kein Holz aus dem Walde geholt werden darf«, sagte der Oberförster. »Von rechts wegen müßte ich Ihnen das Holz eigentlich fortnehmen.«
»Herr Oberförster«, jammerte die Alte.
»Schon gut, fahren Sie los, aber kommen Sie nicht wieder am Montag oder am Donnerstag in den Wald!«
»Nein, nein, Herr Oberförster.«
Puckis Herz klopfte stürmisch. War das der gute Onkel Oberförster, der sonst immer so vergnügt lachte? Einer armen Frau wollte er das Holz wegnehmen? So ein bißchen Holz, das im Walde herumlag, sollte die alte Mutter nicht behalten dürfen?
»Na, –« sagte Oberförster Gregor und schaute Pucki an, »was machst du denn allein im Walde? Bist wohl von daheim fortgelaufen?«
»Ich hab' auch Holz gesucht, ich habe der Frau geholfen, weil sie einen kranken Fuß hat. Die arme Frau hat so einen großen Schreck gekriegt, – weil du ihr das Holz wegnehmen wolltest. Die Mutti sagt, man darf niemandem etwas wegnehmen! Dabei hat sie doch ein schlimmes Bein.«
»Kleine Pucki, das verstehst du nicht. Es ist eben verboten, am Montag oder Donnerstag im Walde Holz zu sammeln. An den anderen Tagen kann die Frau ruhig kommen.«
»Weil sie doch gestern keine Zeit hatte und kein Holz holen konnte, ist sie heute in den Wald gegangen, weil sie friert und weil sie sich in der Küche kein Feuer anmachen kann. Wenn man friert, ist das sehr schlimm, das hat auch Thusnelda gesagt, und Fräulein Caspari sagt, man soll keine Leute hungern und frieren lassen.« Unwillkürlich schluckte Pucki an den aufsteigenden Tränen. »Du läßt die arme Frau kein Holz holen. Nun ist sie vor Angst mit dem schlimmen Bein ganz schnell weggelaufen, und das Bein wird noch schlimmer. Aber ich hab' ihr geholfen, und wenn sie wiederkommt – – helf' ich ihr wieder.«
Oberförster Gregor betrachtete sprachlos die kleine Anklägerin. So etwas war ihm noch nicht vorgekommen. Hedi schien ernstlich entrüstet darüber zu sein, daß er an gewissen Tagen das Holzsammeln nicht erlaubte. Dieses kleine, aufgeweckte Mädchen machte ihm unendlichen Spaß. So legte er die Stirn in Falten und sagte:
»Du hast mit Holz gesammelt? – Darfst du das? Am heutigen Tage ist es verboten. Du als Försterkind müßtest das wissen.«
»Die alte Frau ist aber kein Försterkind, sie hat es nicht gewußt, und dann hat sie doch nur ein ganz klein wenig von der Erde aufgesammelt. Wenn die alte Frau zu mir gekommen wäre und zum Vati, der hätte ihr viel Holz gegeben.«
»Morgen kann sie wiederkommen, nicht heute.«
»Onkel Oberförster, in der großen Stadt mit den vielen Häusern sind so viele Kinder, die krank sind, weil sie keinen Wald haben und kein Holz holen können. Dann frieren sie. Und weil die alte Frau auch so gefroren hat, hat sie auch einen kranken Fuß bekommen. Ich habe einem kleinen Mädchen, das keine Schuhe hatte, meine Schuhe geschenkt, und Mutti hat ihr noch ein Kleidchen gegeben.«
Es war dem Oberförster kaum möglich, Pucki zu beruhigen. Pucki machte ein gar finsteres Gesicht und sprudelte die Worte nur so heraus.
»Du meinst also, ich sollte allen Leuten, die frieren, Holz geben?«
»Ja, Onkel Oberförster, das sollst du.«
»Dann würde der Wald bald keine Bäume mehr haben.«
»Doch, der liebe Gott läßt immer wieder Bäume wachsen. Und Bäume wollen die Leute auch nicht haben, nur was von dem Holz, das der Wind 'runtergeworfen hat oder was der Vati abhacken läßt.«
»Kleine Pucki, das alles verstehst du nicht. Aber ich will nicht, daß du den Onkel Oberförster für einen geizigen Mann hältst. In den nächsten Tagen kann dir dein Vati erzählen, daß der Onkel Oberförster den armen Leuten, die frieren, eine ordentliche Portion Holz schenken wird.«
Pucki sah den Oberförster ein wenig mißtrauisch an, denn seine strengen Worte klangen ihr nach wie vor in den Ohren.
»Gibst du auch der Frau mit dem kranken Bein was?«
»Ja!«
»Und der Mutter von der Thusnelda?«
»Auch der. Ich will nicht, daß du mit mir böse bist. – Na, Pucki, wollen wir uns nun wieder vertragen?«
»Wenn du der alten Frau und der Thusnelda Holz schenkst, hab' ich dich wieder sehr lieb. – Ach, bitte, Onkel Oberförster, sei nicht mehr böse auf die alte Frau, sie hat sich so erschreckt.«
»Pucki, höre mal, wer schreit denn da so sehr?«
»O je – das ist die Waldi, die habe ich vergessen!«
Pucki machte kehrt, lief querfeldein durch den Wald der laut schreienden Kinderstimme nach und fand das Schwesterchen, das mehrfach über Wurzeln gefallen war und auch jetzt wieder am Boden lag.
Pucki erschrak. Sie hatte der Mutti versprochen, recht gut auf Waldi zu achten. Mit zärtlichen Worten tröstete sie die Kleine.
»Weine mal nicht, Waldi, der Onkel Oberförster schenkt der alten Frau viel Holz, dann freut sie sich. – Nu wollen wir uns beide auch freuen.«
Waltraut verstand zwar nicht, warum sie sich freuen sollte, doch ihre Tränen versiegten gar schnell. Dann kehrten beide Kinder zum Vater und zu den Holzfällern zurück.
»Vati«, sagte Pucki strahlend, »der Onkel Oberförster schenkt allen Leuten Holz. Ich war ganz böse mit ihm, weil er eine alte Frau ausgeschimpft hat.«
Förster Sandler war nicht gerade freudig überrascht, als er diese Worte hörte. Wahrscheinlich hatte Pucki wieder etwas angerichtet. Seine Sorge schwand allerdings bald wieder, denn schon eine Stunde später sprach der Oberförster ihn an.
»Aus Ihrer kleinen Tochter wird mal ein hilfreicher Mensch werden. Erst hilft sie einer alten Frau den Wagen mit Holz schieben, den sie mit voll gesammelt hat, dann zankt sie mich gründlich aus, weil ich ein Geizhals sei. Das habe ich mir hinter die Ohren geschrieben. Jetzt wollen wir mal eine größere Menge Armenholz verteilen lassen.«
Förster Sandler wollte das Verhalten seiner kleinen Tochter ein wenig entschuldigen, doch der Oberförster wehrte ab.
»Lassen Sie nur, lieber Sandler, Ihre Kleine hat das Herz auf dem rechten Fleck, von der wird noch mancher Erwachsene lernen können. Schelten Sie sie nicht, sie hat es gut gemeint.«
Ein Kuß und seine Folgen
Inhaltsverzeichnis
Im Forsthausgarten saß Frau Niepel und unterhielt sich eifrig mit Frau Sandler.
»Haben Sie schon an die Volkswohlfahrt geschrieben wegen der Ferienkinder, die wir aufnehmen wollen?«
»Ich bin leider noch nicht dazu gekommen, Frau Niepel, will es aber heute noch tun. – Wollen Sie auch ein Mädchen während der großen Ferien aufnehmen?«
»Für uns wäre es wohl besser, wenn ein Knabe käme, aber mein Mann möchte durchaus ein Ferienmädel.«
»Ich nehme auch ein Mädchen.«
»Hat sich sonst in der Umgegend oder in Rahnsburg noch jemand gemeldet, der ein Großstadtkind aufnehmen möchte?«
Die Förstersfrau wurde ein wenig verlegen. »Ich hatte in letzter Zeit sehr viel zu tun und bin selten in die Stadt gekommen. Die Kollegenfrauen habe ich seit längerer Zeit nicht gesehen; vielleicht hätte man noch manches bedürftige Kind unterbringen können. Ich habe wohl etwas versäumt, doch heute will ich wegen der beiden Kinder schreiben, die wir aufnehmen wollen, denn der erste Juli steht vor der Tür, und die Volkswohlfahrt wird längst auf meine Antwort warten.«
»Ich will mich auch noch erkundigen; es wäre doch nett, wenn wir mehreren Kindern die Wohltat des Landaufenthaltes angedeihen lassen könnten.«
»Wie geht es Ihrem Walter?«
»Es war eine tüchtige Erkältung. Nun ist er wieder aus dem Bett; es verlohnt sich kaum, ihn noch zur Schule zu schicken, denn in acht Tagen beginnen die Sommerferien.«
»Ich hoffe, daß die Ferienkinder recht gekräftigt in die Großstadt zurückkehren werden. Die Kleine, die wir bekommen, wird hoffentlich kein allzu wildes und unartiges Kind sein. Unsere Pucki nimmt gar zu gern Unarten an.«
Die beiden Frauen trennten sich. Frau Sandler, die den Brief an die Volkswohlfahrt nicht länger aufschieben wollte, ging sogleich in ihr Zimmer, um zu schreiben. Gar mancher andere Brief wartete auch noch auf Beantwortung; vor allen Dingen hatte die Großmutter schon zweimal angefragt, wie es im Forsthause stände. Heute mußte sie unbedingt auch an Frau Blake schreiben, damit sie sich nicht ängstigte.
Aber auch jetzt kam wieder etwas dazwischen, und erst am Nachmittag saß die Förstersfrau in der weinumrankten Veranda ihres Hauses und füllte Seite um Seite. Erst kam der Brief an die Mutter, dann folgte eine Bestellung nach der Stadt, und schließlich die Mitteilung an die Volkswohlfahrt, daß sie zwei Mädchen schicken möge, Mädchen im Alter von sechs bis acht Jahren, die die Sommerferien auf dem Lande oder in einer Försterei verbringen sollten.
Noch war Frau Sandler beim Schreiben, als Pucki und Waldi in die Veranda kamen.
»Mutti, wir möchten bei dir bleiben und spielen.«
»Ihr müßt euch aber ruhig verhalten, denn Mutti hat Briefe zu schreiben.«
»Was schreibst du denn, Mutti?«
»An die gute Großmama. Du kannst ihr nachher auch ein Küßchen schicken.«
»Au ja, Mutti!«
Fast in jeden Brief, der an die Großmutter abging, zeichnete die Kleine ein Küßchen ein. Es war eine sorgsam gezirkelte Null oder ein Osterei, wie Fräulein Caspari sagte. Auf den Kreis wurden dann die Lippen gedrückt. So konnte die Großmutter sich das Küßchen wieder aus dem Briefe herausholen.
»Mutti, kann ich gleich ein Küßchen schreiben?«
»Nein, erst wenn die Mutti fertig ist.«
Die beiden Kinder spielten miteinander, es dauerte jedoch nicht lange, da ging es wieder recht lebhaft zu. Waltraut stampfte mit den Füßen und Pucki schalt.
»Nein, das kriegst du nicht!«
Frau Sandler schaute vorwurfsvoll zu den Kindern hinüber.
»Streitet ihr euch schon wieder? Ihr braucht euch doch nicht immer zu zanken.«
»Wir zanken uns doch gar nicht!«
»Warum schiltst du denn?«
»Weil die Waldi meine Puppe haben will, und meine Puppe kriegt sie nicht.«
»Wenn ihr nicht artig seid, müßt ihr fortgehen. Mutti braucht Ruhe, denn sie hat noch einen Brief zu schreiben.«
Die strengen Worte nützten. Die beiden Kinder verhielten sich längere Zeit sehr ruhig, bis Pucki endlich wieder an den Tisch trat und fragte:
»Kann ich nun der Großmutter ein Küßchen schicken?«
»Ja, Pucki, der Brief ist fertig, nur noch einen Augenblick.«
Da klingelte im Zimmer das Telephon. Frau Sandler erhob sich, um an den Apparat zu gehen. Pucki stand noch immer am Tisch und betrachtete die darauf liegenden Briefe. Sie konnte Geschriebenes selbstverständlich noch nicht lesen, sie freute sich nur an den schönen vielen Krakeln, die die Mutti für die Großmama gemacht hatte.
»Jetzt schicke ich der Großmutti ein Küßchen!«
Den Federhalter nahm Pucki nicht, denn vor der Tinte hatte sie seit dem Unglück mit dem Lampenteller großen Respekt. Aber dort lag ein schöner, gelber Bleistift, und mit diesem zeichnete Pucki eine schöne Null mitten in die Krakeln der Mutti hinein. Die Großmutter würde schon wissen, daß das ein Kuß von Pucki war. Dann drückte die Kleine die Lippen in den Kreis und sagte herzlich:
»So, liebe Großmutter, hier hast du einen süßen Kuß von deiner Pucki.«
Nun war auch diese Arbeit erledigt, draußen schien die Sonne herrlicher denn je. Pucki faßte Waldi bei der Hand, und dann liefen die Kinder aus der Veranda. Frau Sandler, die zurückkehrte, setzte noch rasch ihre Unterschrift unter den eben vollendeten Brief. Die Zeit drängte, der Postbote mußte jede Minute erscheinen, und der sollte die Briefe mitnehmen. Sie schob die Bogen in die fertigen Umschläge und warf sie in den im Hausflur befindlichen Briefkasten. Im Vorgarten liefen ihr die Kinder entgegen.
»Schickst du den Brief an die Großmutter?«
»Ja, Pucki. – Du sollst doch ein Küßchen mitsenden.«
»Das habe ich auch gemacht, Mutti.«
Frau Sandler ahnte nicht, was Pucki mit diesem Kuß für eine Verwirrung heraufbeschworen hatte. – –
Umgehend traf ein Brief des Wohlfahrtsamtes ein, das sich mit herzlichen Worten bedankte, daß Frau Förster Sandler Ferienkinder haben wollte. Man schrieb ihr, eine Aufseherin würde die Kinder begleiten und diese sogleich in das Forsthaus bringen, damit Frau Sandler von dort aus die Verteilung der Kinder vornehmen könnte. Sie würden am ersten Juli mit dem Mittagszuge in Rahnsburg eintreffen. Alles weitere überlasse man Frau Sandler.
Die Försterin benachrichtigte das Gutshaus, und Frau Niepel erklärte sich sogleich bereit, am ersten Juli zum Mittagszuge einen Wagen nach Rahnsburg zur Station zu schicken, um die Ferienkinder abzuholen.
»Ich setze bei Ihnen im Forsthaus eins der Mädchen ab; die Aufseherin wird gewiß sogleich wieder heimfahren. Auf diese Weise ist bereits am Nachmittag jedes Kind an Ort und Stelle.«
Pucki war voller Erwartung auf das Stadtkind. Vater und Mutter erzählten, daß das Mädchen wahrscheinlich noch niemals einen so schönen Wald gesehen hätte, wie der, in dem Pucki lebte.
»Unser Ferienkind kommt aus einer großen Stadt, ist zwischen hohen Häusern aufgewachsen und hat gewiß nur einen engen Hof zum Spielen. Du mußt sehr nett zu ihm sein und darfst dich nicht mit ihm streiten.«
»Wir werden sehr nett sein, Mutti, wir werden in den Wald gehen und der alten Frau Holz sammeln helfen, damit sie nicht zu frieren braucht. – Weißt du, Mutti, ich habe jeden Tag im Walde kleine Häufchen zusammengetragen, und wenn dann die Leute mit den Wagen kommen, finden sie es gleich und nehmen es mit.«
Pucki unterbrach sich selbst in ihrer Erzählung, denn sie sah ihren neuen Freund, den großen Claus, daherkommen, der direkt auf das Forsthaus zugeschritten kam.
»Mutti, der große Claus kommt!«
Der älteste Sohn des Oberförsters war noch immer im Elternhause. Auf dem Gymnasium, das er besuchte, war kurz nach Pfingsten Scharlach ausgebrochen; verschiedene Klassen hatten geschlossen werden müssen. So gab es unfreiwillige Ferien, während derer die beiden Söhne des Oberförsters in der Oberförsterei weilten. Claus, der Älteste, schien eine große Vorliebe für Pucki Sandler zu haben. Er kehrte öfters im Forsthause ein und ließ sich von der Kleinen mancherlei erzählen. Das letzte Mal hatte sich das Försterkind sehr erregt über den Oberförster ausgesprochen, der einer alten Frau ein bißchen Holz habe fortnehmen wollen. Nun war Claus von seinem Vater abgesandt worden, um Pucki mitzuteilen, daß gestern an viele arme Leute klafterweise Holz abgegeben worden sei.
»Der Vater läßt dir sagen, Pucki, daß er allen armen Leuten Holz gibt.«
»Auch der Frau mit dem kranken Bein?«
»Ja, auch der.«
»Auch der Mutter von der Thusnelda?«
»Wahrscheinlich auch. Die armen Leute aus Rahnsburg sollten sich melden, und jeder, der sich gemeldet hat, bekommt eine Klafter.«
»Das ist schön! Aber die Frau mit dem kranken Bein wird die Klafter doch nicht fortziehen können. – Du, großer Claus, wir gehen dann zusammen in den Wald, dann fahren wir der Frau das Holz nach Hause.«
»Wir? –«
»Ja – du bist das Pferdchen, und ich schiebe hinten.«
Der Primaner machte ein betretenes Gesicht. »Das ist nicht nötig, Pucki, der alten Frau helfen andere Leute, und für dich ist das viel zu schwer.«
»Warum willst du denn nicht?«
»Jeder Mensch hat seine besondere Arbeit. Ich habe fleißig zu lernen, damit ich vorwärts komme. Mein Vater möchte doch, daß ich zu Ostern mein Abiturium mache.«
Verständnislos schaute Pucki den großen Claus an, dann sagte sie lebhaft: »Und meine Mutti will, daß ich ihr zu Weihnachten ein Nadelbuch mache. Das wird gestickt, da muß ich mit der Nadel immer in die Löcher stechen.«
»Ich will zu Ostern das Abiturium machen.«
»Ach so – –«
»Dazu muß ich viel lernen. Das ist ein Examen, damit ist dann die Schulzeit zu Ende.«
»Ach, dann wird der Paul auch lernen, um sein Habi–turum zu machen, der möchte auch gerne 'raus aus der Schule.«
Wieder lachte der große Claus vergnügt. »Der Paul hat noch lange Zeit. Aber wenn er weiter so träge ist wie bisher, macht er das Abiturium überhaupt nicht!«
»Du bist nicht träge, großer Claus?«
»Früher war ich es auch, doch allmählich habe ich eingesehen, daß es gut ist, wenn man viel lernt.«
»Weißt du, großer Claus, wir bekommen ein kleines Mädchen ins Forsthaus – das kleine Mädchen ist noch nie in einem Walde gewesen. Du mußt recht oft kommen, dann kannst du auch mit dem kleinen Mädchen im Walde spazieren gehen. – Wann kommst du denn wieder?«
»Nun sind auch bald für dich Ferien, ich werde mich dann öfters im Forsthause sehen lasten, dann laufen wir zusammen durch den Wald.«
»Ach ja, das wird aber schön sein! Dann gehen wir auch zum Schmanzbauern und dem Schiff.«
»Und auch mal zur Oberförsterei.«
Pucki überlegte. »Ja«, sagte sie schließlich, »zur Oberförsterei gehen wir auch, weil der Onkel Oberförster der Frau mit dem bösen Fuß Holz schenkt.«
»Auch meine Mutter hat dich sehr gern, Pucki.«
»Ja, großer Claus, ich komme mal hin. Du mußt mich holen, dann gehen wir immerzu durch den Wald.«
»Wirst du nicht lieber mit den Niepelschen Knaben spazieren gehen?«
»Nein, mit dir gehe ich am liebsten. Du gefällst mir.« –
Endlich war es in der Schule so weit, daß Fräulein Caspari den Kindern sagen konnte: Heute ist der letzte Schultag.
Pucki freute sich aufrichtig darüber. Obwohl sie in der Schule ganz aufmerksam war und auch gern hinging, fand sie es doch noch viel schöner, den ganzen Tag über daheim bleiben zu können. Vor allem erfreute sie die Aussicht, mit dem großen Claus im Walde umhergehen zu dürfen. Er konnte so schön erzählen, sprach von kranken Bäumen und zeigte ihr hier und da eine Beule, die ein Baum hatte. Auch die Vöglein wußte er mit Namen zu nennen, und die Stimmen vieler Vögel konnte er gut nachahmen. Claus sprach aber auch von der Stadt, in der er lebte und lernte. Alles wurde von Pucki mit dem größten Interesse aufgenommen. –
Als Pucki am heutigen Tage mit den beiden Niepelschen Knaben heimfuhr, trieb Paul vor Freude allerlei Unfug. Der Kutscher mußte den übermütigen Knaben oftmals zurechtweisen, um ihn zur Ruhe zu bringen.
»Den Ranzen schmeiße ich in die Ecke, dort mag er während der Ferien liegen bleiben. Ich hab's satt! – Fünf Wochen brauche ich nichts zu lernen!«
»Wirst schon zu Ostern sitzenbleiben«, sagte der Kutscher.
»Wenn du den lieben Gott recht schön bittest, läßt er dich nicht sitzenbleiben.«
»Er wird schon sitzenbleiben«, sagte Fritz. »Der liebe Gott hört nicht immer auf das, was man gerne haben möchte.«
»Doch! Der liebe Gott hört immer darauf.«
Fritz schüttelte den Kopf.
»Morgen kommt das kleine Mädel aus der Stadt, na, die werde ich ärgern!«
»Nein, Paul, das darfst du nicht, das ist ein Mädchen, das noch keinen Wald gesehen hat und ganz arm ist und ohne Freude im Herzen. Du kannst die anderen ärgern, aber nicht das kleine Mädchen. Ich darf es auch nicht.«
»Ich mach's aber doch!«
Der Kutscher erhob die Peitsche und drohte dem Paul. »Dein Vater wird schon aufpassen. Morgen hole ich die Kinder ab.« – –
Der erste Juli kam heran. Pucki war voller Erwartung. Sie dachte es sich wunderschön, mit dem großen Claus und dem Stadtmädchen in den Wald zu laufen. Frau Sandler, die anfangs ihren Schützling hatte abholen wollen, war im letzten Augenblick verhindert. Es genügte aber auch, wenn Frau Niepel nach Rahnsburg fuhr und Pucki mitnahm. Vor dem Forsthause würde der Wagen halten, und Pucki und das Ferienkind absetzen.
Pünktlich traf der Wagen ein: Pucki stieg ein, dann ging es nach Rahnsburg zum Bahnhofe.
Sehr artig und brav spazierte das Försterkind neben Frau Niepel auf dem Bahnsteig auf und ab. Endlich fuhr der Zug fauchend und dampfend in die Halle.
»Werden wir das Mädchen auch finden, Tante Niepel?«
Es stiegen anfangs nur wenige Reisende aus, dann aber sah man aus einem Wagen ein junges Mädchen herausspringen. Es trug eine weiße Haube.
Ein Kind nach dem anderen stieg aus, und bald umstanden zwanzig kleine Mädchen die Führerin, die suchend umherblickte.
»Schau, Pucki«, sagte Frau Niepel, »eines von diesen zwanzig Kindern wird es sein. Ein kleines Mädchen für dich, ein anderes für mich. Wir wollen fragen.«
Das junge Mädchen mit dem weißen Häubchen gab die gewünschte Auskunft. Es bringe herzliche Grüße von der Volkswohlfahrt; sie sei Frau Sandler sehr dankbar, daß sie gleich zwanzig Kinder aufnehmen wolle.
»Zwanzig Kinder?«
»Jawohl, ich bringe den Transport nach Rahnsburg. Hier sind die Kleinen. Sie haben wohl die Güte, gemeinsam mit mir die weitere Unterbringung zu übernehmen.«
»Zwanzig Kinder?«
»Frau Sandler schrieb, daß sie zwanzig Mädchen haben möchte, die zum Teil auf das Gut, zum Teil ins Forsthaus kommen sollten.«
Frau Niepel stand ratlos da. Bisher hatte Frau Sandler immer nur von zwei Kindern gesprochen. Was sollte man mit den vielen Kindern beginnen? Oder hatte Frau Sandler sich im letzten Augenblick noch in Rahnsburg und den umliegenden Forsthäusern bemüht, die Kleinen unterzubringen, wie das von der Organisation anfänglich gewünscht worden war?
»Es ist wohl das beste, die Kleinen marschieren nach dem Forsthause Birkenhain. Es ist nicht weit, kaum eine Viertelstunde. Frau Sandler soll dann selbst die Anordnungen treffen, denn ich bin nicht im Bilde.«
»Tante Niepel, kriegen wir nu alle die Kinder?«
»Nein, Pucki.«
»Ich habe den Brief bei mir«, sagte die Führerin. »Wenn Sie sich überzeugen wollen, daß zwanzig Kinder gewünscht wurden –«
Die Gutsbesitzerin nahm den Brief, den Frau Sandler geschrieben hatte. – Richtig, hier stand, und zwar dick unterstrichen, daß zwei Mädchen gewünscht wurden. Doch hinter der deutlichen Zwei sah man eine mit Bleistift gemalte Null, so daß kein Zweifel bestand, daß zwanzig Kinder erwartet wurden.
»Es ist das beste, wir machen uns auf den Weg, liebes Fräulein. Die Kleinen sind gewiß nicht böse, wenn sie nach dem langen Sitzen im Abteil ein Stück durch unseren schönen Wald laufen dürfen. Im Forsthause wird sich alles klären.«
»Tante Niepel, ich glaube, die vielen Kinder kommen nu doch alle zu uns! Ach, wo sollen die denn schlafen? Ach, wird das ein Ulk werden!«
Pucki ahnte nicht, daß sie schuld war an diesem Irrtum. Sie hatte geglaubt, daß sie der Großmutter ein Küßchen schicke und hatte den Kuß auf den falschen Briefbogen gemalt, hatte die Null unmittelbar hinter die »2« geschrieben, ohne zu wissen, was daraus entstand.
Frau Niepel ließ den Wagen mit den kleinen Koffern der Kinder hinterherfahren. Sie ging neben der Begleiterin. Pucki dagegen beäugte die kleinen Mädchen. Keines gefiel ihr so recht, die Kinder sahen recht blaß aus und hatten trübe Augen. Endlich tippte sie ein schmächtig aussehendes Mädchen mit dem Fingerchen an und sagte:
»Trinkst du gern Milch? Du kannst auch immer meinen Milchreis haben; dir schenke ich ihn gern.«
Doch die Angeredete hatte nicht den Mut, auf diese Frage zu antworten. Die kleine Schar war überhaupt sehr schweigsam.
Frau Sandler stand wartend an der Gartenpforte und blickte mit Staunen den Näherkommenden entgegen. – Was wollten die vielen fremden Kinder hier? Diese blassen, dürftig ernährten Großstadtmädchen, die wohl zu den Ärmsten der Armen gehörten?
»Hier bringe ich Ihnen zwanzig Kinder, Frau Sandler«, rief Frau Niepel ihr entgegen.
Abermals wurde der Brief hervorgeholt. Da wurde es Frau Sandler klar, daß Puckis Kuß an die Großmama alles das verschuldet hatte.
»Lieber Gott, was machen wir nun?«
»Mutti, Mutti«, jubelte Hedi, »ein Kindchen sollte kommen, nun sind es so viele geworden! Mutti, na, da muß die Minna gleich Waffeln backen.«
Frau Sandler war ratlos. Die Führerin wollte mit dem Abendzuge wieder abreisen. Die Kinder konnten unmöglich in dem Forsthause und ebenso wenig in dem Gutshause untergebracht werden. Jetzt galt es zu handeln.
Der Reihe nach wurden die Forsthäuser telephonisch angerufen. Aber auch in Rahnsburg fragte man bei zahlreichen Familien an, ob sie nicht wenigstens für die nächsten Tage ein oder zwei erholungsbedürftige Stadtkinder aufnehmen wollten.
»Sehen Sie, liebe Frau Niepel«, sagte Frau Sandler schuldbewußt, »das ist die Strafe für meine Nachlässigkeit. Damals bat man mich, zu versuchen, einige arme Kinder unterzubringen. Ich habe es verabsäumt. Nun sind mir durch einen unglücklichen Zufall zwanzig Kinder zugeschickt worden.«
»Vier Kinder will ich abnehmen, und der Förster in Lindengrund hat auch zugesagt, dann sind da der Apotheker, der Arzt, der Gutsbesitzer Gehm und der Spediteur Runge. Ich denke, bis zum Abend hat sich alles geklärt.«
Sechzehn Kinder blieben zunächst im Forsthause. Dort gab es für alle Milch und Butterbrote. – Ganz plötzlich sprang Pucki, die zwischen ihnen saß, auf.
»Großer Claus – großer Claus, sieh mal, wieviel Kinder wir bekommen haben. Wir hatten noch mehr, die hat Tante Niepel mitgenommen.«
Als Frau Sandler den Primaner erblickte, beschloß sie, ihm ihre Not zu schildern. Die Oberförsterei war groß, und Oberförster Gregor und seine Frau waren gutherzige Leute.
Der große Claus lachte auf und rief die Eltern durch das Telephon an.
»Für den Augenblick wäre Abhilfe geschaffen«, sagte er. »Mutter ist bereit, ein Dutzend Kinder für einige Tage in der Oberförsterei aufzunehmen. Einige sind ja bereits untergebracht. Wir werden das schon zurecht bekommen. Wenn es Ihnen recht ist, laufe ich hinüber nach Rahnsburg, ich bin dort nicht unbekannt. Ich werde mir schon für einige Kinder eine Unterkunft erfechten. Ich komme bald wieder zurück, dann gehe ich mit dem Rest zur Oberförsterei.«
Während man dort Vorbereitungen traf, die unerwarteten kleinen Gäste unterzubringen, ging Claus Gregor zu bekannten Familien in Rahnsburg. Überall erzählte er lachend von dem Kuß, den Pucki der Großmutter hatte schicken wollen, und der an die falsche Adresse gekommen war. Überall, wo man das hörte, stimmte man in sein Lachen ein.
»Es ist eben Försters Pucki!«
»Auf dem Tun der Kleinen liegt sichtbar Gottes Segen«, sagte die Pastorin. »Durch den Kuß ist für zwanzig Großstadtkinder gesorgt worden, die sonst wahrscheinlich nicht hinaus aufs Land gekommen wären. Selbstverständlich nehme ich zwei Kinder auf.«
Claus Gregor kehrte in das Forsthaus mit dem Bescheid zurück, daß er acht weitere Kinder in Rahnsburg untergebracht hätte. Von drei Forsthäusern waren inzwischen ebenfalls Zusagen eingegangen. So konnte Claus nur noch mit fünf kleinen Mädchen abmarschieren.
»Die laß nur ruhig hier«, meinte Pucki und wies auf eines der Kinder, »die muß erst rote Backen bekommen. Die anderen kannst du mitnehmen. – Wie heißt du denn?«
»Rose«, klang es scheu zurück.
Pucki lachte. »Du bist doch keine Rose! Eine Rose ist schön rot oder weiß oder gelb. – Na warte mal, ich geh' mit dir in den Wald, du trinkst Milch, und dann wirst du dick und rund.«
Als die Leiterin des Transportes zur Bahn gehen mußte, waren die zwanzig Kinder ordnungsgemäß untergebracht.
Rose sieht viel Neues
Inhaltsverzeichnis
Pucki Sandler und Rose Scheele standen sich in den ersten Tagen ihres Zusammenseins vollkommen fremd gegenüber. Pucki, die stets die herrliche Natur um sich gehabt hatte, die im Walde herangewachsen war, begriff es nicht, daß ein Mädchen noch nie einen Wald durchstreift, noch nie Kühe und Schweine gesehen hatte. Hunderte von Fragen stellte sie an die anfangs recht scheue Rose, und alles das, was ihr erzählt wurde, erschien dem Stadtkind höchst sonderbar. Oft lief Pucki zur Mutter, um ihr zu erzählen:
»Mutti, denke doch, die Rose hat noch keinen Schweinestall gesehen, immer nur auf Bildern. – Mutti, die Rose hat niemals in solche Ställe geguckt!«
»Rose kommt aus einer großen Stadt, in der es keine Schweineställe gibt; Rose wird dich noch manches fragen, wird gar vieles anstaunen. Wenn du einmal in die große Stadt kommst, Pucki, wird dir auch gar vieles fremd erscheinen.«
»Sie will nicht mit mir in den Wald kommen, Mutti, sie fürchtet sich, wenn die Bäume rauschen. Sie sagt, es gibt im Walde schlimme Menschen, die einem was tun wollen. – In der Stadt gibt es viele schlimme Menschen. Mutti, ist das wahr?«
»Rose braucht sich in unserem Walde nicht zu fürchten, besonders dann nicht, wenn ihr in der Nähe des Forsthauses bleibt. Du sollst auch nicht zu tief in den Wald hineingehen.«
»Aber zur Oberförsterei und zum Schmanzbauer dürfen wir doch gehen.«
»Nur in Begleitung des Vaters, oder wenn ich mitkomme.«
»Oder mit dem großen Claus?«
»Auch dann dürft ihr gehen. – Hast du daran gedacht, Pucki, daß in zwei Tagen die alte Mutter des Schmanzbauern neunzig Jahre alt wird? Du wolltest der guten alten Frau doch etwas schenken.«
»Ach, Mutti, so 'ne alte Frau! Ja, in zwei Tagen gehe ich zu der alten Mutter. – Weißt du, ich flechte ihr aus den bunten Streifen eine kleine Decke, dann freut sie sich. Oder kann sie nicht mehr sehen, weil sie so trübe Augen hat?«
»Die kleine Decke wird sie sicherlich noch sehen können.«
»Was schenkt ihr denn Rose?«
»Rose kann nicht viel schenken, sie ist zudem fremd hier und war noch nie auf der Schmanz. Wenn Rose ein paar Blümchen pflückt und sie der Großmutter bringt, genügt das vollauf.«
»Dann werde ich ihr lieber die Blümchen pflücken, und die Rose kann die Decke flechten.«
»Du kleiner Faulpelz! Ich glaube schon, daß die alte Schmanzbäuerin sich sehr über dein Geschenk freuen würde. Geh nur hurtig an die Arbeit. Rose kann auch ein solches kleines Deckchen flechten, es wird ihr gewiß Spaß machen.«
Schon eine Stunde später saßen die beiden Kinder über die Flechtarbeit gebeugt. Rose Scheele zeigte sich viel anstelliger als Pucki; sie war daher viel eher fertig. Da schob Pucki ihr die eigene Arbeit zu und sagte:
»Du freust dich doch, wenn du flechten kannst, nun flechte mal weiter, und nachher gehen wir zur Kuh.«
»Ach nein, wir wollen nicht zur Kuh gehen.«
Pucki lachte belustigt. »Die Kuh tut uns gar nichts, die gibt uns nur gute Milch. Bekommst du zu Hause auch Milch von der Kuh?«
»Nein.«
»Bekommst du gar keine Milch?«
»Doch, vom Milchmann.«
»Aber der Milchmann holt sie doch von der Kuh! Ach, du bist zu ulkig! Nicht mal Waldi fürchtet sich vor der Kuh, und Waldi ist doch viel kleiner als du.«
Die Schwester, die im Nebenzimmer spielte, hörte ihren Namen und kam herbeigelaufen. Als sie die beiden bunten Flechtarbeiten sah, griff sie mit ungeschickten Händen danach.
»Läßt du das liegen.«
»Waldi will das haben.«
»Nein, nicht! – Hast du auch solche ungezogene Schwester zu Hause, Rose?«
»Noch viele.«
»O je, ich habe an der einen genug! – Du sollst das liegenlassen, Waldi, das ist für die ganz alte Schmanzbäuerin. – So, und nun gehen wir zur Kuh!«
»Waldi will das haben!«
»Du«, sagte Pucki und schaute die kleine Schwester böse an, »wenn du nicht artig bist, werfe ich dich auf die Wiese. Doch nun komm, Rose, jetzt gehen wir.«
Zögernd betrat Rose den Kuhstall. Als aber die Kuh ein freudiges Brüllen hören ließ, lief Rose rasch wieder aus dem Stall hinaus. Sie fürchtete sich vor dem großen Tier mit den Hörnern.
»Hahaha«, lachte Pucki. »Da mußt du erst mal zu Onkel Niepel kommen, der hat einen großen Stall mit vielen Kühen und mit Pferdchen. Aber ich habe auch vor den Pferdchen keine Angst.«
Dann liefen die beiden Kinder zurück in den Garten und hinaus in den Wald.
»Sieh mal«, sagte Pucki und wies auf die vielen Blaubeersträucher, die umherstanden, »das sind Blaubeeren, die dürfen wir später pflücken und essen.«
»Blaubeeren kenne ich«, sagte Rosel mit leuchtenden Augen, »die esse ich gern. Kann ich welche haben?«
»Nein. Grünes Obst dürfen wir nicht essen, sonst werden wir krank. Wenn die Blaubeeren grün sind, müssen wir noch warten.«
»Die sind aber rot.«
»Ja«, meinte Pucki, »wenn sie rot sind, dann sind sie eben noch grün. Erst wenn sie blau sind, sind sie nicht mehr grün.«
Rosel schien diese Weisheit nicht recht zu begreifen. Sie pflückte einige der unreifen Beeren ab und erhielt dafür von Pucki einen Klaps auf die Hand.
»Das darfst du nicht, der Wald gehört dem Onkel Oberförster, na, der kann böse werden, wenn man ihm was wegnimmt. Aber wenn die Beeren reif sind, dürfen wir nehmen, so viele wir wollen, dann sagt er nichts. Du mußt eben noch warten.«
Als Rose vor einem großen schwarzen Käfer laut aufschrie, begann Pucki herzlich zu lachen.
»Ach, solch niedliches Tierchen!«
Wie staunte Rose darüber, daß Pucki alle Bäume kannte, wenn sie ihr erklärte, das sei eine Eiche, das eine Fichte, eine Esche oder eine Lärche. Und zudem wußte sie alle Blumen zu benennen: Männertreu, Salomonsiegel, Waldanemone und so weiter.
»Darf man die pflücken, oder ist der Oberförster dann auch böse?«
»Man darf sie pflücken, aber nicht die Beinchen mit ausreißen. Sich mal, so macht man es.«
Sehr vorsichtig pflückte Pucki einige Blüten ab. »Daheim müssen wir sie in Wasser stellen, weil sie Durst haben. Und wenn sie jeden Tag frisches Wasser bekommen, lachen sie uns mit ihren Blumenaugen noch lange an und sagen: Dankeschön, daß ich zu dir in die Stube kommen durfte, denn hier ist es sehr hübsch.«
Alles das, was das kleine Försterkind sagte, war für Rose etwas vollkommen neues. Daß Blumen lachen und danken konnten, daß die Vögel durch ihr Gezwitscher den Menschen Botschaft zukommen ließen, hatte Rose noch niemals vernommen.
»Paß nur auf, was sie sagen. Wenn wir jetzt wieder nach Hause, kommen, werfe ich ihnen Krümchen hin, und gleich kommt ein großer Haufen an. Dann sagen die anderen: Piep, piep, gib mehr! Dann muß ich rasch gehen und noch viel mehr Krümchen holen, sonst sind sie mir böse.«
Das Füttern der Vögel bereitete Rose großes Vergnügen. Manches Tierchen hatte sie noch niemals gesehen, und aufgeregt fragte sie stets die Förstersfrau, was das für ein Vogel wäre, der einen leuchtend gelben Schnabel hätte und so komisch umherhüpfte.
»Eine Amsel, mein Kind.«
»Und der, vorne mit dem roten Latz?«
»Das ist ein Rotkehlchen. Du kannst es leicht an seinen zierlichen Bewegungen und an dem wippenden Schwanze erkennen. Wenn du abends einen gar süßen Gesang hörst, so weißt du, daß es fast immer das Rotkehlchen ist, denn es läßt seine Lieder bis zum späten Abend hören.«
So öffnete sich vor Roses Augen eine ganz neue Welt. Das Stadtkind aus dem Arbeiterviertel, das nichts vom Waldvogelgezwitscher wußte, konnte nicht genug staunen. Es war glücklich, wenn es im Garten sitzen, dem Gesang der Vögel lauschen oder ihnen Futter streuen konnte. Ach, wie herrlich alles hier war! Nur der eine Gedanke schmerzte, daß es mit allem, was sie hier sah, erlebte und genoß, bald wieder zu Ende sein würde.
»Mutti, sie ist gar zu ulkig, sie kann immerzu sitzen und gucken.«
»Laß sie ruhig sitzen, Pucki, Rose freut sich an der herrlichen Gotteswelt, die sie in ihrer ganzen Schönheit bisher nicht erblickt hat. Sei glücklich, daß du in einer so gesunden und schönen Gegend aufwachsen darfst.«
»Darum kriege ich auch kein Scharlach, wie die Freunde vom großen Claus.«
»Kleines Dummerchen! – Du wirst langsam erkennen, daß du es viel besser hast als alle die Kinder, die vor wenigen Tagen hierherkamen. Du hast immer dein gutes Essen, dein schönes Bettchen, den grünen Wald; das haben die anderen Kinder nicht. Jeden Tag siehst du, wie es Rose schmeckt, wie sie sich erfreut an den Tisch setzt.«
»Ja, Mutti, und wenn du ihr früh noch ein Butterbrot gibst, dann ißt sie es nicht auf.«
»So, – was macht sie damit?«
»Das verwahrt sie.«
»Wo verwahrt sie es denn?«
»Im Schrank, Mutti. Da hat sie schon eine ganze Menge.«
Mach dieser Mitteilung hielt Frau Sandler es für angezeigt, einen Blick in den Schrank des kleinen Mädchens zu werfen. – Tatsächlich fand sie darin eine Anzahl belegter Brote, sorgsam übereinandergelegt. Um alle war ein Stück Papier geschlagen.
Die Förstersfrau ging in den Garten hinaus, wo Rose spielte.
»Sage mal, mein liebes Kind, wozu legst du die Butterbrote, die ich dir gebe, in den Schrank? Wenn du satt bist und die Brote nicht essen kannst, brauchst du es nur zu sagen.«
Rose senkte errötend den Kopf.
»Es ist doch schade, wenn das Brot dort verdirbt«, meinte die Förstersfrau, »ich habe alles herausgenommen. In Zukunft darfst du keine Brote mehr in dem Schrank verwahren.«
Die Kinderaugen füllten sich mit Tränen. »Ich habe mich so gefreut.«
»Worüber, mein Kind?«
»Ich war doch schon satt, da wollte ich die Brote mit nach Hause nehmen. So schöne Brote haben sie dort nicht.«
»Aber Rose, du kannst doch die Brote nicht wochenlang verwahren, sie werden steinhart, und niemand kann sie mehr essen.«
»Wir essen immer hartes Brot.«
»Nein, Rose, die einzelnen Brotscheiben kann man nicht so lange aufbewahren. Und im Kleiderschrank darf man Eßwaren auch nicht aufheben. Ich gebe dir Wurst und Butter mit, wenn du heimfährst. Nun weine nicht, du hast es gewiß sehr gut gemeint, aber es wäre zwecklos, das Brot so lange Zeit zu verwahren.«
Wieder gab es für Pucki etwas zu staunen. Daß Rose Brot verwahrte, um es den Geschwistern mitzubringen, weil sie daheim nicht genügend zu essen hatten – das wollte nicht in ihr kleines Köpfchen hineingehen. Die Mutti hatte immer viel Brot, und auch bei Tante Niepel lagen stets große Brote in der Küche. Sie atmete schwer, als die Mutter ihr erzählte, daß es gar viele Menschen gäbe, denen das Brot fehle.
»Mutti, wollen wir dann nicht immer ein bißchen mehr kaufen und es den Leuten geben, die nichts haben?«
»Das überlasse den Erwachsenen, mein Kind. Jedenfalls wollte ich dir sagen, daß man mit dem Brot achtsam und sparsam umgehen muß, weil – –«
»Ich weiß schon, Mutti, weil es eine liebe Gottesgabe ist.« –
Der Schmanzbauer Gottlieb Teck besaß eine bescheidene Landwirtschaft, mitten im Walde. Die »Schmanz« war etwa eine halbe Stunde vom Forsthause Birkenhain entfernt. Ganz einsam lag das kleine Haus mit dem schmucken roten Ziegeldach. Schon der Großvater des Gottlieb Teck war in diesem Hause geboren, der Besitz erbte sich vom Vater auf den Sohn fort.
Der Schmanzbauer galt als ein seltsamer Mann, der keinen Umgang suchte und ganz für sich lebte. Seine beiden Söhne hatten sich ihre Berufe erwählt. Der Älteste fuhr zur See, der zweite hatte das Schlosserhandwerk erlernt. Michael, der Seefahrer, kam hin und wieder in das Elternhaus, und bei dieser Gelegenheit hatte Pucki den wettergebräunten Mann kennengelernt. Nun war Michael lange wieder fort.
Beim Schmanzbauer und dessen Frau lebte noch seine alte Mutter, die neunzigjährige Frau Teck. Bis in ihr hohes Alter war sie tätig gewesen, ein Bild unermüdlichen Fleißes und rastlosen Eifers. Nun ging es mit ihr bergab. Weder die Füße noch die Augen wollten mehr mitmachen, und Großmutter Teck war gezwungen, in der Stube zu sitzen. Nur stricken konnte sie noch, daher regten sich die alten Hände auch jetzt unermüdlich. Der Schmanzbauer und seine beiden Söhne brauchten sich über fehlendes Wollzeug nicht zu beklagen.
Die einzigen Besucher, die gelegentlich zur Schmanz kamen, waren die Försterleute Sandler. Hin und wieder statteten auch Niepels dem brummigen Alten, der ständig eine kurze Pfeife im Munde hatte, einen Besuch ab, doch der Schmanzbauer taute stets nur ein wenig auf, wenn Sandlers kamen. Sonst war er meistens stumm. Für Pucki hatte er jedoch stets ein freundliches Wort. Die Kleine mit ihrem hellen Kopf war ihm ans Herz gewachsen. Auch Pucki liebte den Schmanzbauer, der zwar recht brummig aussah, ihr jedoch noch nie ein böses Wort gesagt hatte.
Pucki freute sich daher auf den Besuch am heutigen Tage.
»Dort ist nicht nur Wald, Rose, dort wächst auch Getreide, und eine grüne Wiese ist ebenfalls da. Vielleicht sehen wir auch ein Reh, wenn wir durch den Wald gehen.«
Man machte sich auf den Weg. Sogar Förster Sandler begleitete heute die Seinen. Waltraut, die Zweijährige, blieb bei Minna daheim, während Pucki und Rose vergnügt neben den Försterleuten einherschritten.
»Wird die Schmanzgroßmutter sich über die Decke freuen!« sagte Pucki und packte die kleine Flechtarbeit immer wieder aus, um sie genügend bewundern zu können. »Die alte Frau hat ganz verschrumpelte Haut, Rose, sie sieht nicht mehr schön aus.«
»Aber sie ist eine gar fleißige Frau«, sagte Förster Sandler mahnend. »Ich wäre stolz, wenn meine Pucki in ihrem Leben halb so viel arbeiten würde wie die gute Großmutter Teck.«
»Werd' ich schon machen, Vati! Pucki hat doch so 'ne schöne Decke gearbeitet.«
Rose sah auf ihre leeren Hände. Die von ihr gefertigte Decke war das Eigentum der Frau Sandler geworden, denn Rose hatte das Bedürfnis gehabt, der guten Tante, die ihr so viel Freude bereitete, etwas zu schenken.
»Soll ich der alten Großmutter Blümchen pflücken?«
»Tu das, mein Kind«, erwiderte Frau Sandler, »sie wird sich darüber freuen.«
»Aber ich schenke ihr doch was Schöneres, Mutti? Eine Handarbeit, hast du mal gesagt, macht dir immer die meiste Freude.«
»Die alte Frau wird sich auch über die Blümchen freuen, Pucki.«
»Na, dann wollen wir mal sehen, worüber sie sich mehr freut. Ich glaube doch, sie freut sich über die Decke am meisten.«
Nach einer halbstündigen Wanderung kam das schmucke Häuschen in Sicht. Erst hatte man noch an einigen Feldern entlang zu gehen, auf denen das Korn hin und her wogte. Blaue und rote Blumen waren zwischen den Halmen sichtbar.
Mit einem Freudenruf eilte Rose darauf zu. Oh, wie leicht würde es sein, aus allem was es hier gab, einen schönen Strauß zusammenzufügen.
Eine Ähre ragte hoch über die andern hinweg. Unwillkürlich blieb Roses Blick an ihr haften. Die sollte das Allererste sein, was sie für ihren Strauß haben wollte. Schon streckte sie die Hand danach aus.
»Halt, halt! Nicht so stürmisch, Kind.« Frau Sandler hielt sie zurück, »du darfst keine von den Ähren abreißen.«
»Ach ...« Rose wurde dunkelrot, ohne eigentlich zu wissen warum.
Die Försterin strich ihr lächelnd über das Haar. »Ein Kornfeld, mein Kind, ist etwas Heiliges, an dem niemand sich vergreifen darf.«
Mit großen Augen blickte Rose auf die sich im Winde wiegenden Ähren hin.
»Daß ein Kornfeld einmal so aussehen könnte, habe ich nicht gewußt. Wir machten im Frühling einmal eine Wanderung mit unserem Lehrer, und dabei kamen wir an ein Feld, das wir für eine Wiese hielten, denn es sah aus, als wüchse Gras darauf. Er aber sagte, das sei ein Kornfeld, und nun ... und nun ...«
»Ganz recht. Wenn die Saat aufgegangen ist, sehen die Hälmchen zuerst nicht viel anders aus als Gras. Dann aber werden sie höher und immer höher, bekommen Ähren und blühen ...«
»Und dann sind sie das liebe Brot«, fiel Pucki altklug ein.
Die Mutter lächelte. »Nun, das nicht. Aber die Ähren enthalten schließlich Körner, und wenn das Getreide gereift, geerntet und ausgedroschen ist, kommen die Körner zur Mühle. Aus ihnen entsteht das Mehl, und aus diesem wird dann das Brot gemacht. Alle Halme, die du hier siehst, Rose, gehören dem Schmanzbauern. Wollte jeder Vorübergehende sich an den Ähren vergreifen, sie abpflücken oder die Halme gar niedertreten, würde er um den Lohn seiner Arbeit gebracht und müßte schließlich womöglich verhungern.«
»Darf ich auch die schönen Blumen nicht pflücken?« fragte das Kind schüchtern.
»Oh, doch, Kornblumen und den roten Mohn darfst du pflücken. Doch nur das, was du vom Wege aus erreichen kannst. Aber sehr vorsichtig mußt du sein, damit du keinen Halm knickst.«
»Und wie heißen diese hohen Halme?« fragte Rose schüchtern.
»Ach, ihr armen Stadtkinder«, lachte der Förster, »wie vieles euch doch fremd bleibt von dem, was es in der schönen freien Gotteswelt gibt. Das ist Roggen, kleines Mädchen. Schau, dort drüben steht auch Getreide. Aber das ist Weizen, und von dem kommt das feine weiße Mehl für Brötchen und Kuchen, und dort hinten ...«
»Oh – oh – oh!«
»Was ist denn los!«
»Der Osterhase!« rief Rose und schlug vor Verwunderung die Hände zusammen.
Nun lachte Pucki laut auf. »Hast du gehört, Vati? Das soll der Osterhase sein, jetzt, wo wir im Sommer sind. – Der Osterhase! Das ist doch bloß ein ganz gewöhnlicher Hase! Ein Meister Lampe! Hahaha!«
Pucki konnte sich kaum wieder beruhigen.
»Du brauchst gar nicht so zu lachen. Wenn du einmal in die Stadt kommst, nennst du am Ende auch einmal dies oder das mit falschem Namen. Und dann kann Rose dich auslachen. Sie hat eben noch keinen lebenden Hasen gesehen.«
Endlich war das Haus des Schmanzbauern erreicht.
Erfreut begrüßte die Bäuerin die Ankommenden.
»Wie wird sich die Mutter freuen, so lieben Besuch zu bekommen.«
»Ich bringe ihr auch was mit, Tante Teck.«
»Wer ist denn das da?«
»Ein kleines Mädchen, das wir uns aus der großen Stadt geholt haben.«
»Sie ist aber viel größer als du, Pucki. Sei uns herzlich willkommen, Kind. Nun rasch ins Haus, ich habe es mir schon gedacht, daß ihr heute kommen würdet. Großmutter hat dafür gesorgt, daß ihr einen schönen Rosinenkuchen bekommt.«
Im Zimmer am Fenster saß der Schmanzbauer.
Wortkarg, wie immer, begrüßte er die Gäste und auch Rose, die ein wenig verlegen ihren Feldblumenstrauß in den Händen hin und her drehte. Er hielt es aber nicht für nötig, während der Begrüßung die Pfeife aus dem Munde zu nehmen.
Die Mutti näherte sich indessen der Großmutter und wünschte ihr das Allerbeste zu ihrem neunzigsten Geburtstage.
Aber schon kam auch Pucki herbeigelaufen.
»Großmutter, du alte Großmutter, ich habe was Schönes für dich gemacht. Sieh mal her, eine ganz bunte Decke. Die wird dir wohl gefallen. Und ich wünsche dir, daß du immer so schön alt bleibst und recht warm hinter dem Ofen sitzt. Und wenn ich wiederkomme, dann bäckst du wieder 'nen großen Kuchen mit Rosinen. – Freut dich die Decke, alte Großmutter?«
»Freilich, freilich, du gutes Kind«, erwiderte die alte Frau mit zitternder Stimme.
»Kannst du mit deinen Augen noch ein bißchen sehen, wie sie ist?«
»O ja – was für eine schöne Decke, die du mir gestickt hast.«
»Aber Großmutter, die ist doch geflochten.«
»Richtig, richtig, sie ist geflochten. So eine schöne Decke.«
»Nun gib auch die Blümchen, Rose«, mahnte Frau Sandler, »und sage der guten Großmutter deinen Glückwunsch.«
Schüchtern reichte Rose die Blumen hin. »Ich wünsche dir alles Gute, alte Frau.«
»Alte Großmutter, was freut dich denn mehr, meine Decke oder die Blumen?«
»Beides freut mich herzlich.«
Pucki war's zufrieden. Sie empfand süße Genugtuung darüber, daß ihre Handarbeit den Beifall der alten Frau fand, und darum schmeckte ihr der Rosinenkuchen ausgezeichnet. Rose war recht schüchtern, denn der Schmanzbauer mit seinem finsteren Gesicht flößte ihr Furcht ein. Sie war daher zufrieden, daß sie, nachdem man Kaffee getrunken hatte, wieder zur alten Großmutter ans Fenster gehen konnte, um ihr die Wolle zu entwirren.
Pucki dagegen ließ sich von dem Schmanzbauern in die Ställe mitnehmen. Sie interessierte sich für die Pferde, die so hübsch gescheckt waren.
Heute war es ganz besonders schön im Pferdestall. Da stand neben dem großen Pferd ein kleines, niedliches Pferdchen. Das war für Pucki etwas ganz Neues.
»Schenkste mir das Pferdchen?«
»Ach was, Pucki, das ist erst heute nacht angekommen und kann noch nicht recht auf den Beinen stehen.«
»Fällt es um, wenn ich es antippe?«
»Ja – –«
»Na, dann ist es wie bei der Mucki, als sie noch ganz klein war. Da habe ich sie auch immer so'n bißchen angetippt, und dann lag sie auf der Nase. – Ob es dem Pferdchen weh tut, wenn ich es antippe? Ich möchte mal sehen, wenn es umfällt.«
»Du, das tut ihm sehr weh, wenn du es antippst!«
Pucki streichelte ohne jede Scheu dem großen Pferde den Kopf. »Aber wenn das kleine Pferdchen erst größer ist und auf den Beinen ganz fest steht, dann darf ich doch darauf reiten.«
»Das darfst du.«
»Und nun müssen wir die Rose holen, damit auch sie das niedliche kleine Pferdchen sieht.«
»Laß mal«, sagte der Bauer mürrisch, »es braucht nicht jeder in den Stall zu laufen, ich mag das nicht.«
»Wenigstens mal reingucken darf sie doch.« Und schon war Pucki fortgeeilt, um Rose zu holen.
Rose saß bei der Großmutter, hatte ein dickes Buch auf den Knien und las der alten Frau vor. Es ging zwar noch nicht gut, aber immerhin vermochte die Achtjährige doch schon zusammenhängend zu lesen. Hin und wieder mischte sich freilich ein Fehler ein.
Pucki blieb an der Tür stehen und schaute die Großmutter an. Der Strumpf, an dem sie gestrickt hatte, lag ihr im Schoße, die runzeligen Hände waren gefaltet. Wie das Gesicht der Großmutter glänzte, so, als habe sie eine große Freude!
Unentwegt las Rose weiter. Endlich hatte sie geendet. Die Lippen der alten Frau bewegten sich, dann sagte sie mit zitternder Stimme:
»Das war schön – ach, was habe ich für einen schönen Geburtstag gehabt, du liebes, kleines Mädchen. Daß du mir Blumen gebracht hast, war gewiß sehr lieb, aber daß du mir die frommen Sprüche vorgelesen hast, das ist ein noch viel schöneres Geschenk als alle Blumen. Eine so große Freude hat die alte Großmutter lange nicht mehr gehabt.«
»Freut es dich wirklich?« fragte Rose glücklich.
»Die Tochter hat keine Zeit, mir die liebe Heilige Schrift vorzulesen, und ich höre es doch so gern, ach, so gern. – Ja, das ist heute ein schöner Geburtstag! Der liebe Gott möge es dir lohnen, denn du hast mir das Beste geschenkt, was man überhaupt geschenkt bekommen kann.«
Noch immer stand Pucki regungslos an der Tür. Sie konnte sich nicht sattsehen an der Großmutter. Als ob ihr Gesicht voller Sonne wäre, so sah es aus. Und daneben Rose, und auch deren Augen leuchteten wundersam.
»Soll ich weiterlesen, Großmutter? Ich tu' es gern.«
»Ja, du liebes Kind, lies noch ein wenig. Dich hat der liebe Gott zu mir geschickt. Gerade heute hatte ich sehr großes Verlangen nach einem frommen Spruch. – Nun lies.«
Auf den Zehenspitzen kam Pucki näher. Dann setzte sie sich zu Füßen der alten Großmutter nieder und sah sie immerfort an.
»Ein so schönes Geburtstagsgeschenk«, murmelte die Alte von Zeit zu Zeit immer wieder. »Wie gnädig ist doch der liebe Gott.«
Pucki warf einen verstohlenen Blick auf ihre geflochtene Decke, die drüben auf dem Tischchen lag. Die Großmutter hatte sich darüber gefreut, doch ihr Gesicht hatte nicht so geleuchtet wie jetzt. Pucki erkannte daran, daß Rose der alten Frau etwas viel Schöneres geschenkt hatte als sie.
Als Rose mit dem Lesen zu Ende war, tasteten Puckis Fingerchen sich zu den verarbeiteten Händen der Alten hin.
»Großmutter – freust du dich immer so, wenn man dir was vorliest?«
»Ja, mein gutes Kind, es war gar zu schön.«
»Großmutter – –«, flüsterte Pucki ihr ins Ohr, so leise, daß es kein anderer hören konnte, »ich habe in der Schule nicht gern lesen lernen wollen, es ist so schwer, wenn's dich aber so freut, dann lerne ich es doch. Wenn die Rosel dann wieder fort ist, komme ich immer zu dir und lese dir das dicke Buch von vorne bis hinten vor, damit du dich tüchtig freuen kannst.«
»Du gutes, liebes Mädchen! Doch die Großmutter wird es wohl nicht mehr erleben, die Großmutter ist schon alt, sie wird bald sterben.«
»Nein, Großmutter, noch nicht, erst will ich dir das Buch vorlesen. Paß auf, ich lerne jetzt sehr fleißig.«
Auf dem Heimwege hing Pucki sich in der Mutter Arm. »Mutti, jetzt will ich tüchtig lesen lernen, die Großmutter sah so glücklich aus. Ich habe sie immerfort angesehen. Sie hat sich mächtig gefreut. – Denke mal, Mutti, sie hat sich sogar über das Vorlesen noch viel mehr gefreut als über meine Decke. – Wenn sie wieder Geburtstag hat, lese ich ihr das dicke Buch vor. Sie soll sich auch über mich freuen.«
Der Ausflug zur Waggerburg
Inhaltsverzeichnis
Beim heutigen Mittagessen verkündete Förster Sandler den Kindern, daß Onkel Niepel am nächsten Sonntage mit allen kleinen Mädchen, die in der Oberförsterei und im Gutshause wohnten, einen Ausflug nach der Ruine Waggerburg machen wolle. Mit einem Leiterwagen, den man auf dem Gute prächtig ausschmücken würde, sollte die Fahrt nach der etwa zwei Stunden entfernt liegenden alten Burg unternommen werden. Erst bei Dunkelheit würde dann der Heimweg angetreten werden. Jedes Kind sollte außerdem einen Lampion erhalten.
Die Worte Sandlers riefen stürmische Freude hervor. Ein Ausflug, obendrein auf einem geschmückten Leiterwagen, und abends gar noch Lampions – alles das erschien Pucki wie etwas ganz Wunderbares.
»Vati, fahren wir sehr weit?«
»Ja, bis zur Waggerburg! Das ist eine Ruine, die auf einem kleinen Berge steht.«
»Was ist denn eine Ruine?«
»Eine alte Burg aus dem Mittelalter, die im Laufe der Zeit zerfallen ist.«
»Wohnt dort jemand?«
»Nein, Pucki, auf der Waggerburg wohnt schon lange niemand mehr.«
»Hat mal einer dort gewohnt?«
»Freilich, vor vielen, vielen Jahren lebten auf solchen Burgen Ritter und Grafen; manche von ihnen waren schlimme Gesellen, sie nahmen den Leuten, die die Straße daherkamen, alles fort. Auch von dem Ritter, der auf der Waggerburg lebte, erzählt man, daß er ein gefürchteter Raubritter gewesen sei.«
»Ein Raubritter? – Vati, was ist denn das?«
»Du weißt doch, was ein Raubtier ist, Pucki?«
»Ja, Vati, ein Tier, das in der Nacht und manchmal auch am Tage auf Raub ausgeht.«
»Sehr richtig, Pucki. Und ein Raubritter ist ein Mann, der auch auf Raub ausgeht.«
»Dann kann ich ihn nicht leiden, Vati.«
»In früheren Zeiten gab es solche Raubritter, jetzt aber nicht mehr. Man erzählt sich nur noch allerlei Geschichten von ihnen und von ihren Burgen. Fast jede alte Burg hat eine Sage.«
»Dürfen wir in die Burg hineingehen?«
»Freilich, aber es gibt da nicht viel mehr zu sehen als alte Mauerreste.«
Nun hockten die beiden Mädchen beständig zusammen und erzählten einander von der weiten Reise im Leiterwagen. Rose war voller Erwartung. Sie konnte sich einen derartigen Ausflug überhaupt nicht vorstellen.
»Mein Bruder steigt auf die elektrische Bahn, wenn er wegfährt, und ich bin mit der Eisenbahn gefahren. Aber mit einem Leiterwagen bin ich noch nie gefahren. – Es wird gewiß sehr schön sein.«
Gegen Ende der Woche kam Fritz Niepel ins Forsthaus, der ebenfalls sehr aufgeregt von dem Sonntagsausflug erzählte.
»Mit vielem Grün putzen wir den Leiterwagen aus, und die Mutter backt einen Napfkuchen, so groß wie ein Wagenrad. Draußen im Walde deckt sie dann den Kaffeetisch, und Tassen nehmen wir mit und viel Schlagsahne. – Und ich nehme auch was mit, das sage ich aber keinem, ganz was Feines!«
»Was nimmst du denn mit, Fritz?«
»Ihr müßt auch was mitbringen. Ich habe gehört, daß meine Mutter zu Tante Oberförster gesagt hat: Jeder bringt etwas mit.«
»Was soll ich denn mitbringen?«
»Ich werde dir was sagen, aber du darfst es nicht verraten. Gestern war ich in Rahnsburg, ich habe eine ganze Tasse voll Sirup gekauft, die nehme ich mit. Aber keiner darf es wissen. – Ach, werden sich alle freuen, wenn sie lecken dürfen.«
»Ach, was bringe ich nur mit? – Rose, was nehmen wir mit nach der Burg?«
Fritz war längst wieder daheim, aber noch immer berieten die beiden Kinder, womit sie die Ausflügler überraschen könnten. – Schließlich wurde Minna ins Vertrauen gezogen. Sie sollte ihnen etwas aus der Speisekammer geben, wodurch man allen, die am Sonntag mit in den Wald kämen, eine Freude machen könnte.
»Ich will es mir überlegen«, sagte Minna, und dann teilte sie Frau Sandler den Wunsch der beiden Mädchen mit. Die Försterin stiftete eine Flasche Himbeersaft.
»Unterhalb der Ruine ist eine Quelle, vielleicht ist es gut, wenn die Kinder Himbeersaft zum Trinken haben.«
»Werden die Kinder die Flasche unterwegs auch nicht zerschlagen?«
»O nein, Pucki wird schon achtgeben.«
Die Kinder umarmten Minna abwechselnd, als sie ihnen die Flasche mit Himbeersaft aushändigte.
»Du mußt sie noch aufmachen, Minna.«
»Nein, nein, die laßt nur hübsch zu. Einen Korkenzieher bringt die Mutti mit.«
»O nein«, sagte Pucki geheimnisvoll. »Mutti darf nichts davon wissen. Dann nehmen wir den Korkenzieher mit.«
»Meinetwegen, ihr bekommt die Flasche ja doch nicht auf.«
Die Flasche mit Himbeersaft wurde von Pucki am Sonnabend abends mit ins Bett genommen, damit sie ja nicht verloren ginge.
»Ätsch«, sagte sie abends zu der kleinen Schwester, »warum bist du noch so klein. Nun darfst du noch nicht mit zu der Ritterburg. Als ich so klein war wie du, durfte ich auch nicht mit. – Siehst du, warum bist du so klein!« –
Der Sonntag war voller Sonnenschein. Seit dem frühen Morgen fragten die Kinder, ob man denn nicht bald abführe.
»Haltet Ruhe, ihr Kinder«, schalt der Förster, der schon nervös geworden war, da die beiden Mädchen unablässig die gleiche Frage stellten. »Der Wagen fährt um zwölf Uhr dreißig Minuten von dem Niepelschen Gute ab. Ihr werdet kurz nach eins abgeholt, eher nicht.«
Pucki stand vor der Uhr und sagte seufzend: »Kannst du dich nicht ein bißchen schneller drehen, alte Uhr?«
Das Mittagessen wurde heute schon um halb zwölf Uhr eingenommen. Die Kinder vermochten vor lauter Aufregung kaum etwas zu genießen. Roses Augen glänzten wie im Fieber. Sie konnte sich einen solchen Ausflug nicht verstellen. Was würde sie heute Seltsames und Wunderbares erleben!
Die Flasche mit dem Himbeersaft wurde von Pucki wie ein Schatz gehütet. Sie wußte, daß die Mutti an jedem Morgen beim Aufräumen der Zimmer half. Wenn sie die Flasche sah, war die Überraschung vorbei. Darum trug Pucki die kostbare Flasche sogleich nach dem Aufstehen in den Hühnerstall und schob sie ins Stroh.
Von Zeit zu Zeit lief sie in den Stall, um nachzusehen, ob keiner die Flasche entfernt hätte.
»Jetzt wollen wir die Sachen, die wir mitnehmen, einpacken«, sagte die Mutter.
»Nimmst du auch was mit, Mutti?«
»Selbstverständlich, wir sind doch beinahe zwanzig Personen.«
»Oh, ich habe auch – – nein, nein, Mutti, ich verrate nichts.«
Frau Sandler lächelte still vor sich hin. Sie wußte ja genau, was ihr Töchterchen für den heutigen Ausflug mitnahm, doch sie wollte ihr die Freude an dem Geheimnis nicht verderben.
Die Kinder umstanden die Mutter, die in einen großen Henkelkorb allerlei einpackte. Ein Tischtuch wurde auch hineingetan.
»Wir decken auf dem Waldboden unseren Tisch und setzen uns daran.«
»Wir setzen uns auf Baumstümpfe, Mutti.«
»Mitten im Walde?« forschte Rose. »Ach, das wird herrlich!«
Endlich war es so weit. Draußen stand der Kastenwagen mit dem weißen Pferdchen. Pucki und Rose kletterten, ehe die Mutter kam, hinauf und riefen abwechselnd nach der noch beschäftigten Försterin.
»Mutti, komm doch schnell, sonst fährt der Leiterwagen weg! – Mutti, Mutti, so komm doch!«
»Wo hast du denn die Flasche?« fragte Rose.
»Oh – –!«
Pucki sprang vom Wagen und lag im nächsten Augenblick der Länge nach auf der Nase. Aber tapfer verbiß sie den Schmerz. Sie hatte sich die Nase ein wenig aufgeschlagen. Einige Blutstropfen wurden sichtbar.
Im Haus begegnete ihr die Mutter.
»Was ist denn geschehen? Das ist ja ein netter Anfang, Pucki. Komm schnell, ich will dir das Gesicht abwaschen!«
»Nein, nein, sonst fährt der Leiterwagen weg!«
»Er wartet, bis wir da sind. Also komm, zuerst das Gesicht abwaschen!«
Und so geschah es.
»So, Pucki, nun geh hinaus und steige in den Wagen, ich bin fertig.«
Aber Pucki lief davon, hin zum Hühnerstall, übersah in ihrer Eile die Schwelle und lag erneut auf der Erde. Das Kleidchen wies einige bedenkliche Flecke auf, denn wo Hühner sind, ist es nicht überall sauber.
Voller Schreck sah Pucki auf das beschmutzte Röckchen.
»Nun fährt der Leiterwagen bestimmt weg!«
Die Flasche wurde hervorgezogen, dann ging es in schnellem Lauf zurück durch das Haus und hin zum Wagen. Glücklicherweise war die Mutti noch nicht da.
»Ich hab' inzwischen deinen Schulranzen geholt«, sagte Rose, die auch vom Wagen gestiegen war. »Wir stecken die Flasche hinein, dann sieht sie keiner.«
Rose hielt Pucki die geöffnete Büchermappe hin, in der noch die Tafel und das Lesebuch steckten. Sorgsam legten die Kinder die Flasche hinein.
»Du bist ja voller Schmutz, Pucki.«
»Ich zieh' die Decke 'rauf.«
In dem kleinen Wagen lag stets eine Decke, die Pucki bis an den Hals hinaufzog. Die hilfsbereite Rose hockte sich neben sie und hielt die Decke mit fest. Frau Sandler wunderte sich über die Kinder, die so steif dasaßen; ließ sie jedoch gewähren.
Nun ging es los. Bald war das Niepelsche Gut erreicht. Vor dem Hause stand der große Leiterwagen, über und über mit frischem Grün geschmückt. Sogar die beiden Pferde, die vor den Wagen gespannt waren, hatten am Geschirr grüne Büschel.
»Fahren wir mit dem Wagen?« fragte Rose, und ihre Stimme zitterte vor Aufregung.
Die Ankommenden wurden von den bereits anwesenden Kindern mit lautem Hallo empfangen. Sie schwenkten die Lampions, die sie an langen Stöcken trugen. Gutsbesitzer Niepel hatte die Lampions gestiftet, und auch für Pucki und Rose waren solche bereit.
»Kind, wie siehst du denn aus?« rief Frau Sandler entsetzt, als sie ihr Töchterchen sah. »So schmutzig willst du nach der Ruine fahren?«
»Lassen Sie sie nur«, sagte Herr Niepel lachend. »Wenn die Kinder wieder heimkommen, werden sie alle so aussehen. Ich kenne das. Auf einem Ausfluge erlebt man mancherlei.«
Pucki wurde, so gut es ging, gesäubert, dann hieß es einsteigen, zumal auch aus der Oberförsterei der Wagen mit der Oberförsterin und den fünf Mädchen eingetroffen war.
»Kommt der große Claus nicht mit?« fragte Pucki ein wenig enttäuscht.
»Der Onkel kommt mit den beiden Jungen später nach.«
»Na, dann ist's gut.«
»Jetzt einsteigen«, rief Niepel. »Hallo, nicht alle auf einmal, immer hübsch einer nach dem anderen. – Paul, willst du die Bretter wohl in Ruhe lassen! Setz dich hin – nicht ins Stroh! – Dora, was machst du denn wieder für Dummheiten! – Grete, geh von den Pferden weg.«
Gutsbesitzer Niepel schien zehn Augen im Kopfe zu haben; die sechzehn Kinder quirlten durcheinander, schrien und lärmten und sprangen vor Freude wieder vom Wagen herunter, bis lautes Weinen vernehmbar wurde.
»Er hat meinen Lampion entzwei gemacht!«
»Ich habe noch andere mit«, beruhigte Frau Niepel. »Weine nicht, steige lieber ein.«
Auf dem Wagen gab es noch eine kleine Balgerei, weil die Paula durchaus neben der Erna und Grete neben Marie sitzen wollte. Fritz zerrte einfach ein kleines Mädchen, das neben Pucki saß, von dem Sitz herunter. Es fiel ins Stroh und begann zu weinen. Die drei mitfühlenden Mütter hatten Mühe, Ordnung auf dem Leiterwagen zu schaffen. Fräulein Irma, das Kinderfräulein, machte ein verzweifeltes Gesicht, denn Lenchen rief nach ihrem Lampion, der schon wieder auf der Erde lag. Olga hatte ihren Mantel im Flur liegen lassen, und was Paul anbetraf, so stellte es sich heraus, daß er kein Taschentuch bei sich hatte. Als Fräulein Irma wohl zwölfmal vom Wagen gestiegen war, um immer wieder etwas zu holen, schlug der Gutsbesitzer energisch in die Hände.
»Jetzt aber Ruhe! – Wer noch schreit oder lärmt, darf nicht mitfahren. Die Pferde ziehen nicht eher an, als bis Ruhe herrscht.«
»Das glaube ich nicht«, flüsterte Pucki Fritz ins Ohr, »die Pferde laufen auch, wenn wir Lärm machen.«
Endlich war es still geworden. Unter dem Gesang eines lustigen Liedes setzte der Leiterwagen sich in Bewegung.
»Siehst du, Onkel«, rief Pucki mit lauter Stimme, »die Pferdchen laufen doch!« Abschied nehmend winkte sie dem lieben Onkel Niepel zu, der sich die Schweißtropfen von der Stirn wischte und froh war, daß die Geschichte endlich in Gang gekommen war.
Man fuhr durch den herrlichen grünen Wald. Ohrenbetäubender Lärm herrschte auf dem Leiterwagen, denn sechzehn Kinder redeten gleichzeitig. Sie hatten viel zu bewundern und zu fragen. Mitunter war es geradezu rührend, die Freude der Kleinen, denen ein solcher Ausflug etwas vollkommen Ungewohntes war, anzusehen. Am schönsten aber erschien es allen, wenn der Wagen recht schüttelte. Dann rutschten die Kinder wie auf Kommando von ihren Sitzen herab und lagen im dicken Stroh, das Gutsbesitzer Niepel vorsorglich hatte in den Wagen legen lassen.
»Wenn wir doch nie an die Ruine kämen. Es ist zu schön im Wagen!« meinte Rose.
»An der Ruine ist es gewiß noch viel schöner«, sagte Pucki.
»Warst du schon mal da?« fragte eines der Mädchen.
»Nein, aber ich weiß, daß dort ein ganz kaputtes Haus steht. Und darin hat mal ein Raubritter gewohnt, der hat den Leuten alles weggenommen.«
»Vielleicht kommt er«, schrie Paul, »und trinkt uns den Kaffee aus. Ein Ritter hat immer Durst.«
»Der Raubritter ist doch schon lange tot«, belehrte Pucki ihn. »Das war vor vielen Jahren, und seine Ruine ist ganz kaputt. Da ist nur noch eine Mauer, in der kann man nicht wohnen.«
»Wer sagt das?« fragte Fritz.
»Vati hat es gesagt. Der Raubritter kann uns nichts tun.«
»Na, der soll nur kommen«, prahlte Paul. »Ich habe ein Messer in der Tasche. An dem Messer ist auch noch 'ne kleine Schere und ein Korkenzieher.«
»Au – fein«, rief Pucki, »ich habe den Korkenzieher vergessen.« Sie zwinkerte dem Freunde listig zu.
Da – wieder ein kräftiges Rütteln des Wagens, lautes Lachen, und wieder lagen einige Kinder im Stroh. – Sie setzten sich erneut zurecht. Doch bald ertönte eine weinerliche Stimme.
»Ich klebe!« Es war die kleine Olga, die neben Fritz Niepel saß.
»Wo klebst du denn?« fragte Frau Niepel.
»Ich klebe auch!« rief Fritz.
»Da trippt was Schwarzes!«
Frau Niepel erhob sich. Aus einer blauen Zuckertüte tropfte langsam dunkler dicker Saft ins Stroh.
»Ach, mein schöner Sirup!« schrie Fritz und griff mit beiden Händen nach der blauen Tüte, die die umgestürzte Tasse mit dem köstlichen Saft barg.
»Jix – – auf meine Schuhe hat es eben getrippt!«
»Mein ganzes Kleid klebt«, begann Olga zu weinen.
Mit schnellem Griff erfaßte Frau Niepel die Tüte und warf sie aus dem Wagen. Da begann Fritz zu jammern.
»Mein schöner Sirup – meine ganze Überraschung ist aus dem Wagen geflogen.«
»Pfui, ich klebe so sehr!« klang es wieder.
Fritz, der die Tasse in der Tüte hinter sich auf den Sitz gestellt hatte, war gleichfalls gehörig mit Sirup beschmutzt. Olgas Kleid wies viele dunkle Flecke auf, die Hände, die sie in die Luft streckte, waren braun.
»Hier trippt es noch«, rief Walter und wischte mit dem Finger die Tropfen auf.
Mit einem Handtuch bemühte sich Frau Niepel, den Schaden ein wenig zu beheben.
»Ihr bleibt ganz ruhig sitzen. An der Burg werden wir die Sachen reinigen. Wir sind bald da.«
Trotzdem drang Olgas Gejammer immer wieder durch: »Ich klebe so sehr.«
»Seht einmal dort hinüber, dort steht die alte Burg.«
Den Blicken der Kinder zeigte sich eine Ruine auf einer kleinen Anhöhe. Da wurde haltgemacht. Der Wald wies eine Lichtung auf, und dieser Platz war ausersehen worden, um dort den Nachmittagskaffee einzunehmen.
»Vorsicht – drängelt nicht so sehr, ihr fallt ja vom Wagen.«
»Paul, du sollst nicht über die Leitern springen!«
Und wieder hatten die Erwachsenen Augen und Ohren offen zu halten, um einen Unfall zu verhüten. Zunächst ging das Kinderfräulein mit Fritz und Olga zu einem kleinen Bach, der sich silberhell durch das Gelände schlängelte. Neue Hosen hatte man freilich für Fritz nicht mitgenommen.
»Du legst dich in die Sonne, neben Olga, dann trocknet ihr am schnellsten, und die Größten helfen den Tisch decken.«
Daran dachte freilich keines der Kinder. Alle liefen hin zu der kleinen Quelle, denn es machte viel Spaß, das Wasser über die Hände laufen zu lassen.
»Bleiben Sie bei den Kindern, Fräulein Irma, damit keines ins Wasser geht«, sagte Frau Niepel.
»Mutter«, ertönte es von jenseits, »ich rutsche mit dem nassen Hosenboden hin und her, er ist beinahe trocken.«
Fräulein Irma sah den Knaben, der auf dem Waldboden vergnügt umherrutschte. Die Nadeln klebten an den Höschen. Gott sei Dank, man hatte den Kindern keine guten Sachen angezogen.
»Er hat mich ins Wasser gestoßen«, heulte es von drüben. Und wieder mußten einem Mädchen Schuhe und Strümpfe ausgezogen werden, die zum Trocknen in die Sonne gelegt wurden.
»Wie das Wasser schön schmeckt«, meinte eine andere.
»Warte mal ein bißchen«, flüsterte Pucki, »ich habe was Feines!«
In größter Heimlichkeit holte sie die Flasche mit Himbeersaft aus dem Schulranzen, zerrte Paul am Anzuge und sagte leise zu ihm:
»Kannst du sie nicht aufmachen?«
»Kleinigkeit, ich habe ein Messer mit einem Korkenzieher.«
»Komm hinter den Baum, damit es keiner steht. – Au, wie werden sie sich freuen, wenn wir ihnen gutes Himbeerwasser bringen.«
Mit dem Korkenzieher ging es nicht so glatt, wie man es sich gedacht hatte. Stückchenweise wurde der Pfropfen herausgeholt, der Rest in die Flasche gestoßen. Dann kamen die Kinder strahlend wieder an den Bach.
»Hört mal alle«, rief Pucki, »ich habe feinen Himbeersaft ... Nu gibt es was zu trinken!«
Einen Becher hatten die Kinder nicht. Aber es ging auch so. Sie formten die Hände zu einer Schale, dann goß Pucki einige Tropfen Saft hinein, und damit liefen sie zur Quelle, um Wasser darüber laufen zu lassen.
»Es geht nicht«, zürnte eines der Mädchen.
»Dann hole ich 'ne Tasse.«
Pucki stellte die Flasche mit dem Saft auf den Waldboden und sprang davon. Immer mehr Kinder kamen zur Quelle.
»Ich bin der Wirt«, rief Paul, »wer kauft Himbeerwasser? Paßt mal auf, ich gieße ein bißchen ins Wasser, und ihr trinkt da unten die Limonade aus. Das wird schon gehen.«
Einige Kinder legten sich lang ausgestreckt an den Bach und versuchten, mit den Lippen das Wasser zu erreichen. Paul goß am Ausfluß der Quelle langsam den Saft ins Wasser, das sich rötlich färbte. Zehn Kinder versuchten die süße Flüssigkeit zu trinken. – Da, ein Klirren! Paul, der auf einen vom Wasser überspülten Stein getreten war, glitt aus und suchte nach einem Halt, dabei glitt ihm die Flasche mit dem Saft aus der Hand und fiel auf einen Stein.
Mit einem Satz eilte er fort, denn er sah Pucki kommen, die achtsam einen Becher trug.
»Alles ist kaputt«, rief man ihr entgegen, »der Paul hat die Flasche zerschlagen!«
»Meine schöne Flasche! – Der dumme Junge!«
Sie entdeckte den Freund, der hinter dem Stamme eines Baumes hervorschaute. Schon stürmte Pucki herbei, um ihm eine Tracht Prügel zukommen zu lassen. Wildes Jagen setzte ein. Schließlich stolperte Paul, lag auf der Erde, Pucki stolperte über ihn, und beide Kinder wälzten sich in wildem Ringen auf dem Boden. Es setzte gegenseitig Püffe und Stöße, bis Pucki atemlos sagte:
»So, nu haste genug. – Warte, dafür esse ich die Schlagsahne. Unten steht eine große Schüssel voll. – Ich geh' jetzt hin. Wenn ich zuerst da bin, bekomme ich am meisten.«
In diesem Augenblick wurde zum Kaffeetrinken gerufen. Man hatte den Platz sehr nett hergerichtet. Mehrere Tischtücher waren auf dem Waldboden ausgebreitet. Darauf standen die Becher, die mit dampfendem Kaffee gefüllt waren. Neben jedem Becher lagen einige Stücke Kuchen. Frau Niepel hatte eine Schüssel Schlagsahne in der Hand und war dabei, jedem Kinde einen tüchtigen Löffel voll in den Becher zu geben.
Es mundete allen vortrefflich. Zwar wurde bald hier, bald da ein Becher vergossen, doch damit hatten die drei Erwachsenen gerechnet. Wider Erwarten ging das Kaffeetrinken gut ab. Die Kinder kauten mit vollen Backen, und die lebhafte Unterhaltung geriet ins Stocken.
Man war noch beim Essen, als das Auto des Oberförsters angefahren kam, das ihn und seine beiden Söhne, Claus und Eberhard, zu der Ruine brachte.
»Da komme ich ja gerade zurecht«, lachte der kinderliebe alte Herr. »Hat es geschmeckt?«
Pucki sprang sogleich dem großen Claus entgegen und erzählte ihm, daß er auch Himbeersaft hätte bekommen sollen, doch nun sei die Flasche kaputt.
»Wenn ihr mit Essen fertig seid«, rief der Oberförster mit weithin schallender Stimme, »gehen wir hinauf zur Waggerburg, zu der alten Ruine aus dem sechzehnten Jahrhundert. – Soll ich euch einmal die Geschichte von der Burg erzählen?«
»Ach ja – ach ja!« ertönte es vielstimmig.
»Wenn ihr schon einmal solch eine Ruine seht, müßt ihr auch deren Geschichte kennen, denn jede Burg hat ihre Geschichte. Das werdet ihr später in der Schule lernen. – Nun paßt mal gut auf. In der Waggerburg wohnte vor fünfhundert Jahren ein schlimmer Ritter mit seiner Schwester. Sie ließen keinen Wanderer in Ruhe. Wenn Leute auf der Straße vorüberzogen, kam der Ritter Kunibert herbei mit seinem Troß und den Landsknechten. Die nahmen die Leute gefangen und sperrten sie in die Waggerburg.«
»Sind die Leute nicht fortgelaufen?« fragte Pucki.
»Das konnten sie nicht, denn der Ritter und seine Schwester bewachten die Gefangenen.«
»War die Schwester auch so garstig wie der Ritter?«
»Ja, es war eine gar böse Frau. Sie half dem Ritter Kunibert, die Leute auszuplündern. Sie näherte sich ihnen mit freundlichen Worten, und da sie sehr schön war, mißtraute ihr niemand. Sie trug stets ein weißes Kleid mit langer Schleppe. Manchmal verschleierte sie sogar ihr Gesicht und sagte den Gefangenen, sie wolle ihnen zur Flucht verhelfen, wenn man sie wissen ließe, wo deren Angehörige wohnten. Zu denen wolle sie Boten senden, damit man ihnen zu Hilfe käme. Doch alles das war Lüge. Die böse Schwester wollte nur wissen, wo die Leute lebten. Dann schickte der Bruder Boten hin, um ein Lösegeld zu erlangen. Kamen die Verwandten der Gefangenen, wurden auch sie in den Turm gesperrt.«
»Pfui, ist das eine häßliche Gesellschaft.«
»Wenn ich gekommen wäre«, rief Paul, »ich hätte ein Messer genommen und die Frau mit dem weißen Kleide erstochen.«
»Hättest du dich nicht gefürchtet? Wenn der Ritter am Abend durch den Wald ging, liefen alle, die in der Umgegend wohnten, schnell fort, denn er war ein gar gefährlicher Mann.«
»Ha, ich wäre nicht weggelaufen, und seine Schwester hätte ich mächtig verkeilt. – Ich fürchte mich vor keinem, der durch den Wald geht.«
»Schließlich ist dem lieben Gott das schlimme Treiben des Ritters Kunibert zu arg geworden. Er ließ ein schweres Gewitter kommen, und der Blitz zerstörte die Waggerburg. Den Ritter Kunibert hat man tot unter den Trümmern hervorgezogen.«
»Die Schwester auch?« riefen viele Stimmen.
»Die Schwester war verschwunden. Es heißt, man habe sie später manchmal in der Ruine gesehen, in einem weißen Kleide und jammernd und wehklagend, weil es ihr sehr leid getan hätte, daß sie so schlimm gewesen war.«
Die Augen fast aller Kinder richteten sich ängstlich aus das alte Gemäuer.
»Ist sie jetzt auch wieder da?« fragte Pucki.
»Quatsch«, rief Paul. »Onkel Oberförster, ich weiß, daß du flunkerst, das ist ja Unsinn.«
»Na na, mein Junge, du würdest schon laufen, wenn die Weiße Frau käme.«
»Ich wollte, sie käme heute! – Paßt mal auf, wie ich mit der reden würde. – Die liefe im Galopp davon!«
»Ich kenne ein schönes Sprichwort«, sagte Claus, der älteste Sohn des Oberförsters, »es heißt: ›Löwenmaul hat Hasenherz.‹ Ich möchte der Weißen Frau im Walde nicht begegnen.«
»Feigling«, sagte Paul verächtlich.
»Der große Claus ist kein Feigling!« rief Pucki, »aber du bist ein Aufschneider. Du hast ja Angst, wenn dir der Knecht mit dem Besen droht. Das habe ich gesehen.«
»Aber vor 'ner Weißen Frau habe ich keine Angst. – Wollen wir jetzt nicht gehen? Ich möchte gern sehen, wo der Ritter die Leute eingesperrt hat.«
»Also los. – Wer mit mir zur Ruine gehen will, der komme zu mir.«
»Und wer nicht mitmachen will«, sagte Frau Gregor, »der bleibt hier, wir spielen jetzt zusammen.«
Die drei Niepelschen Jungen waren die ersten, die bei Oberförster Gregor standen. Dann folgten Pucki, Rose und drei andere Mädchen. Die anderen wollten nicht mit. Der schlimme Rittersmann hatte ihnen Angst eingeflößt.
»Ich möchte schon mit«, flüsterte das kleine Mariechen, »aber ich fürchte mich.«
»Komm nur, ich beschütze dich«, sagte Pucki. »Der böse Mann ist vom Blitz totgeschlagen. Aber das ist schon lange her. Er hat auch jetzt kein Gewehr mehr und kann nicht schießen. Er kann nicht mehr aus dem Hause kommen, und seine Leute sind auch schon lange tot.«
»Aber nun wollen wir gehen«, sagte der Oberförster.
»Kommst du mit, großer Claus?«
»Freilich, ich sehe Ruinen gern.«
So stieg die kleine Schar, geleitet von Oberförster Gregor, den Hügel hinan. – Die Waggerburg war nur noch schlecht erhalten, trotzdem konnte der Oberförster den Kindern die Reste des alten Turmes zeigen, in dem einstmals die Gefangenen geschmachtet hatten. Pucki stellte unzählige Fragen, denn sie wollte alles genau wissen. Paul meinte beständig:
»Das ist ja alles Schwindel. In so 'nem alten Hause hat überhaupt keiner gewohnt.«
Dann stellte er sich in die Ruine und rief mit lauter Stimme:
»Komm mal hervor, Ritter Kunibert, ich möchte mit dir kämpfen. – He – holla, wo ist denn deine Schwester?«
Während der Oberförster mit den Kindern weiterging, bemühte sich Paul, aus einer Mauer mehrere Steine zu lösen, um sie von hier hinunter in das Wässerchen zu werfen, das am Fuße der Ruine dahinfloß. Er zog das Taschenmesser aus der Tasche und begann an der Mauer herumzubohren.
»Paul, wo bleibst du denn?« rief der Oberförster. »Wir wollen den kleinen Weg, der fast verwachsen ist, hinabsteigen. Das war früher der Schleichweg, den der böse Ritter benutzte, um ungesehen hinab auf die Straße zu kommen.«
»Ich komm' schon!«
»Hu – – hu – – hu – –« klang es plötzlich hinter dichtem Gebüsch. Ein weißer Arm zeigte sich. »Hu – hu – – hu – Ritter Kunibert, wo bist du, mein Bruder!«
Das Messer entfiel Pauls Händen, dann begann er zu laufen, sprang in langen Sätzen hinter den anderen her und schrie gellend:
»Die Weiße Frau, die Weiße Frau!«
Der Oberförster blieb sofort stehen und sah in die angstgeweiteten Augen des großsprecherischen Jungen.
»Bei dir ist es wohl nicht ganz richtig?«
»Ich hab' sie eben gesehen – ich hab' sie gehört. – Sie war da.«
»Das ist doch Unsinn!«
»Ich – hab' – sie – gesehen.«
Die Kinder drängten sich an den Oberförster. Eines der Mädchen begann zu weinen.
»Na, na, immer hübsch vernünftig sein«, sagte der alte Herr beruhigend. »Es gibt keine Weiße Frau, und hier kann euch schon gar nichts passieren. Will gleich mal sehen, was den Paul erschreckt hat. Wahrscheinlich hängt im Gebüsch ein Stück Papier, und ein Waldvogel hat gerufen. – Komm mit, mein Junge.«
»Nein, nein – –«
»Ich denke, du fürchtest dich nicht?« sagte Pucki. »Du hast doch gesagt, du wolltest die Weiße Frau totstechen.« Langsam schob sie ihr Händchen in die rechte Hand des großen Claus, als habe sie bei ihm den besten Schutz.
»Wo ist Eberhard?« Oberförster Gregor sah sich suchend um; laut rief er nach seinem zweiten Sohne.
Wenige Augenblicke später stand der Gerufene neben dem Vater. Er zog sich gerade die Jacke an.
Der Vater betrachtete seinen Sohn mit forschendem Blick. »Was hast du eben gemacht?«
»Ich habe das Großmaul Paul in Angst und Schrecken versetzt. – Soll ich euch noch mal die Weiße Frau vorspielen?«
»Nein, nein«, klang es vielstimmig.
Doch schon hatte Eberhard die Jacke wieder ausgezogen, schob den Arm durch zwei Tannen und begann zu heulen: »Hu – hu – – hu – – Ritter Kunibert, wo bist du, mein Bruder!«
Da begannen die Kinder zu lachen. Alle Angst war verschwunden, nur Paul stand beschämt in einiger Entfernung da. Er hatte sich arg blamiert.
»Du Hasenfuß«, sagte der Oberförster.
»Hasenfuß – Hasenfuß«, rief die kleine Schar und umsprang Paul, der mit gesenktem Kopf an einem Baume stand.
»Das hast du davon, mein Junge. Wer gar zu sehr prahlt, zieht immer den Kürzeren. Hast du denn nicht gesehen, daß es ein Hemdsärmel war? – So, und nun wollen wir wieder hinabsteigen und zu den anderen Kindern gehen.«
Paul schlich ein großes Stück hinter den übrigen her. Pucki wandte sich mehrmals nach ihm um.
»Großer Claus, er schämt sich. Ich will ihm sagen, daß er sich nun genug geschämt hat. Ich will mal zu ihm gehen.«
Pucki wartete auf den Freund, dann redete sie ihn an.
»Es ist ja nicht so schlimm, Paulchen, mußt dich nicht ärgern. Ich hätte mich auch mächtig gefürchtet. Aber totstechen hättest du die Weiße Frau doch nicht dürfen. Es ist schon besser, du hast sie am Leben gelassen. – Und nun komm.«
Pucki legte den Arm um den Hals des Knaben und schritt mit ihm abwärts dem Platze zu, auf dem die Zurückgebliebenen lustig sich mit Kreisspielen vergnügten.
Köstliche Stunden waren es, die man hier verlebte. Alle Kinder waren mit Leib und Seele dabei, sogar Paul, der sonst gern zu Extrastreichen aufgelegt war. Die vorhin empfangene Lehre schien seinen Übermut gedämpft zu haben. Niemand brauchte ihn heute zur Ordnung zu rufen.
Endlich mahnte Frau Niepel zum Heimfahren. »Es beginnt zu dunkeln, und unterwegs können wir die Lampions entzünden.«
»Brennt mir aber nicht den Wald an«, mahnte der Oberförster, der am Auto stand, denn auch er wollte mit den Seinen heimfahren.
»Ich paß' gut auf, Onkel Oberförster«, sagte Pucki. »Der Harras und ich haben schon mal aufgepaßt.«
Es war eine herrliche Heimfahrt. Zwar brannten unterwegs mehrere Lampions auf, doch selbst das beeinträchtigte die frohe Stimmung der Kinder nicht. Man bedauerte es allgemein, als der Wagen vor dem Niepel-Gutshause hielt und der schöne Ausflug ein Ende fand. Aus aller Augen strahlte das Glück, und für die Stadtkinder würde der heutige Tag eine bleibende Erinnerung sein.
So schön war es noch nie, meinten alle. Man konnte sich gar nicht trennen. Drüben stand der Wagen aus der Oberförsterei und dort der Kastenwagen, der Frau Sandler mit ihren beiden Mädchen ins Forsthaus zurückbringen sollte. Man hatte sich noch sehr viel zu erzählen.
Schließlich mußte Frau Niepel ein Machtwort sprechen. Das weiße Pferdchen zog zwei glückliche Kinder der Försterei entgegen. Pucki und Rose hüteten ihre bunten Lampions sorglich.
Der Förster empfing die Seinen vor dem Hause.
»War's schön?«
»Vati, so schön war's, daß ich gar nicht sagen kann, wie. Alle die vielen Worte, die ich sagen möchte, sitzen fest im Halse und können nicht 'raus.«
»Hat es dir auch gut gefallen, Rose?«
Wortlos barg das glückliche Stadtkind sein Gesicht an des Försters Brust. Der herrliche Ausflug am heutigen Tage war für das Kind das Schönste gewesen, was es bisher erlebt hatte.
Ach, Scheiden ist ein Wort so schwer
Inhaltsverzeichnis
Nur zu schnell vergingen die schönen Ferientage. Der Schulanfang kam in immer bedrohlichere Nähe, und oft konnte Pucki ihre neue Freundin Rose beobachten, wie sie im Garten stand und mit schwermütigen und sehnsüchtigen Blicken Wald und Flur betrachtete. Alles das würde wie ein schöner Traum verschwinden. Jetzt ging es wieder zurück in den engen Hof, in die kleinen Stuben, in denen Mutter und Geschwister lebten. Sie würde bald nicht mehr das Rauschen der hohen Tannen, nicht mehr das Zwitschern der Vögel hören.
Rose öffnete den Mund weit, sie sog mit Behagen die würzige Waldluft ein. Das tat wohl! Ihr war es, als bekäme sie dadurch Stärke und Kraft, sie wurde ordentlich ein anderer Mensch. Rose beneidete Pucki, beneidete alle Kinder, die den Wald so nahe hatten. Was wußten die von den engen Höfen der Großstadt, in die kaum ein Sonnenstrahl fiel. Hier draußen war überall Sonne. Man brauchte nur vor die Haustür zu gehen, ach nein, man brauchte nur das Fenster zu öffnen – es war wundervoll! Wie gut hatte sie es gehabt, was konnte sie alles den Geschwistern daheim erzählen. Wie ein Märchen würde es ihnen erscheinen, und sie, Rose, war die verwunschene Prinzessin, die all das Schöne hatte genießen dürfen.
Frau Sandler strich dem kleinen Stadtkinde liebevoll über das Haar. Sie ahnte, was in dem Herzen des kleinen Mädchens vorging.
»Wenn es uns allen gut geht, wenn wir gesund bleiben, kommst du im nächsten Jahr wieder zu uns in den Wald.«
»Liebe Tante Sandler, du liebe, gute Tante, ich, ich –«. Rose begann zu weinen. Das Herz wollte ihr schier zerspringen. Sie dachte an die bevorstehende Trennung, an den Abschied von diesen guten Menschen, von Wald und Vögeln.
»Ein Jahr vergeht schnell, meine liebe Rose, wir haben dich alle herzlich liebgewonnen und werden dir öfters Briefe senden, damit du weißt, wie es hier aussieht. Pucki kann dir freilich noch nicht schreiben, aber ich will dir über deine kleine Freundin berichten.«
»Ich möchte gern noch einmal zur Schmanzbäuerin gehen.«
»Gewiß, Rose, das wollen wir tun. Dort hat man dich auch lieb gewonnen, dort sollst du Lebewohl sagen.«
»Tante, wie froh bin ich, daß ich der alten Schmanzbäuerin ein bißchen Freude bringen konnte. Ich habe es hier so gut gehabt, ich konnte dir gar nichts schenken, und wollte dir doch auch etwas Liebes antun.«
»Du hast mir oftmals Blümchen aus dem Walde gebracht, mein gutes Kind, warst immer artig und brav, gar oft habe ich mich über dich gefreut.«
»Das ist alles nicht genug, Tante, das ist nicht genug«, schluchzte Rose, »ich möchte dir zeigen, wie gut ich dir bin.«
»Du hast dich recht nützlich gemacht, mein liebes Mädchen, hast unsere kleine Waldi liebevoll betreut und geduldig mit ihr gespielt. Waltraut wird dich sehr vermissen. Doch nun trockne deine Tränen, wir alle müssen uns sagen, daß es im Leben nicht nur schöne Tage geben kann. Nach der Freude kommt wieder die Pflicht.«
Rose trocknete sich die Augen; sie wollte tapfer sein, wollte ihr großes Trennungsweh verbergen, aber jedesmal überkam sie aufs neue der Schmerz, wenn sie an das Scheiden dachte. Pucki tröstete sie, so gut es ging, und wiederholte unzählige Male:
»Rose, du kommst doch bald wieder. Wenn der Wald wieder grün ist, bist du wieder da.«
Zu der Schmanzbäuerin war Rose in der Ferienzeit öfters hingegangen. Die alte Frau hatte inständig darum gebeten, ihr kleiner, guter Engel möge sich recht oft bei ihr sehen lassen; jedesmal las Rose der alten Frau etwas vor; jedesmal bemerkte Rose, daß sie der fast Blinden dadurch eine große Freude bereitete.
Am heutigen Nachmittage sollte Rose sich von der Schmanzbäuerin verabschieden. Die Försterin gab den Kindern das Geleit.
Zum letzten Male sollte Rose den Wald in seiner ganzen Schönheit sehen, denn gerade um die Schmanz herum standen so herrliche Buchen und Birken wie nirgends sonst.
Und wieder hockte Rose neben der alten Frau. Zum letzten Male für lange Zeit las sie ihr die Geschichte von der Himmelfahrt Christi vor.
»Ich glaube«, murmelte die alte Frau, »daß auch ich nicht mehr lange auf der Erde bin.«
»Großmutter, ich darf im nächsten Jahr wiederkommen, dann lese ich dir noch viel mehr vor. In drei Tagen fahre ich ab.«
»Und kommst nicht mehr zu mir?«
»Ich muß heim, muß wieder in die Schule.«
»Dann wird es wieder dunkel um die alte Großmutter werden, denn dann ist niemand mehr da, der ihr ein wenig Licht in das Herz scheinen läßt.«
»Großmutter«, fragte Pucki, »hat die Rose das getan?«
»Ja, mein Kind, es ist die einzige Freude für mich alte Frau. Die anderen haben keine Zeit, sie müssen um das tägliche Brot arbeiten. Aber die liebe Kleine hier, die hat die alte Großmutter reich und glücklich gemacht.«
»Großmutter, ich kann noch nicht lesen, aber bald kann ich es auch. – Mach' ich dich dann auch reich und glücklich, wenn ich zu dir komme und dir was aus dem dicken Buch vorlese?«
»Das wäre sehr schön, Pucki. Die alte Großmutter hat nichts weiter als das liebe, heilige Buch.«
»Dann lerne ich ganz gewiß sehr schnell lesen, ich möchte dich auch reich und glücklich machen. – Hast du keinen, der dir sonst was vorliest?«
»Nein, mein Kind.«
»Sei mal nicht traurig«, sagte Pucki und strich zärtlich über die welken Hände der Alten, »dann will ich fleißig lernen. Dann komme ich her und lese dir immerfort was vor. – Freust du dich dann auch?«
»Du gutes, gutes Kind! Ja, darauf freut sich die alte Großmutter von ganzem Herzen.«
Wohl eine Stunde lang las Rose vor, dann mahnte Frau Sandler zum Heimgehen.
»Leb wohl, Großmutter«, sagte Rose bewegt, »bleibe gesund und – und Pucki wird kommen und dir vorlesen. Wenn ich im nächsten Jahr wieder hier bin, komme ich auch, dann kann ich viel besser lesen.«
»Gott segne dich, mein Kind! Sollte die alte Großmutter, wenn du im nächsten Jahre wiederkommst, nicht mehr am Leben sein, darfst du dir immer sagen, daß du sie an ihrem Lebensabend sehr glücklich gemacht hast. Das wird dir der liebe Gott in deinem künftigen Dasein reich vergelten.«
Dann kam der Abschied vom Schmanzbauer und dessen Frau. Der sonst mürrische Mann hatte das zarte Stadtkind, das seiner Mutter so viele schöne Stunden bereitete, langsam liebgewonnen. Er klopfte der Kleinen derb auf die Schulter und sagte:
»Bist uns immer willkommen, Mädel, kehre gesund im nächsten Jahre zurück und vergiß uns nicht.«
»Niemals!«
»Das nimmst du mit, und nun leb wohl.«
Der Schmanzbauer ging davon, nachdem er Rose ein großes Paket in den Arm gelegt hatte. Es waren zwei mächtige Dauerwürste, Würste von der besten Sorte, die im Schornstein hingen. Wenn der Schmanzbauer von diesen etwas hergab, stand es fest, daß er den Beschenkten gar gern hatte, sonst opferte er nichts von seiner Lieblingswurst.
Frau Sandler sorgte dafür, daß der Abschied von der alten Bäuerin nicht zu lange und zu schmerzlich wurde. Sie stimmte ein Wanderlied an, und im Marschschritt gingen die drei dem Forsthause wieder zu.
Dort wartete bereits Besuch.
»Ach, großer Claus!«
Mit ausgebreiteten Armen flog Pucki dem Primaner entgegen.
»Ich komme, um mich zu verabschieden. Die Ferien gehen zu Ende, die Schule beginnt.«
»Du willst fort?« Es war Pucki auf einmal, als stecke ihr ein Kloß im Halse.
»Ja, Pucki, wir alle müssen wieder an die Arbeit, wir alle. Bedenke doch, daß ich viel zu lernen habe, da ich Ostern das Abiturium mache.«
»Darum mußt du weg?«
»Ja, Pucki, wir alle müssen wieder lernen. Drücke den Daumen, daß ich es schaffe und daß ich das Examen gut bestehe.«
»Nutzt es dann? Willst du das Examen bestehen?«
»Selbstverständlich, ich würde sehr traurig sein, wenn es mißglückte.«
»Na, dann will ich immerfort meinen Daumen drücken. Großer Claus, welchen soll ich denn drücken?«
»Das ist einerlei, wenn du nur drückst!«
»Ist es so richtig?« Pucki preßte den kleinen Daumen mit den Fingern der anderen Hand.
»Freilich, jedesmal, wenn du an mich denkst, mußt du drücken«, lachte er.
»Ich denk' immerzu an dich, großer Claus! – Ich weiß, wenn ich schlafen gehe, lege ich mich immer auf den Daumen, dann wird er gedrückt, und der Mucki sage ich, sie kann ruhig den Daumen in den Mund stecken. Das soll sie sonst nicht, aber das macht sie. Wenn sie tüchtig auf dem Daumen herumbeißt, wirst du das Examen in der Stadt schon machen können.«
»Nein, Daumenlutschen nützt nichts, nur Daumendrücken. Und nun, kleine, liebe Pucki, habe ich dir zum Abschied auch etwas mitgebracht. Hier, das hänge dir um den Hals, dabei denkst du an den großen Claus.«
Er reichte ihr ein Kettchen, an der ein goldenes Herzchen hing.
»Ist das schön! Mach mir das doch gleich um. Hast du das gekauft?«
»Ja, Pucki, beim Kaufen habe ich daran gedacht, daß meine kleine liebe Pucki genau ein solches goldenes Herzchen hat wie das hier.«
Sie tippte auf das Herz. »Dann hängt mir also mein Herz jetzt um den Hals.«
»Ja, dabei sollst du denken, daß es sehr schön ist, wenn ein Mensch ein goldenes Herz hat. Tut er etwas Schlechtes, so wird das goldene Herz schwarz.«
»Dann putzt es die Minna.«
»Nein, ein Herzchen geht nicht blank zu putzen. Man muß sich Mühe geben, daß es immer so golden bleibt.«
Pucki war sehr stolz auf das kleine Schmuckstück, das sie heute zum Abschied vom großen Claus erhalten hatte. Es war nur traurig, daß es ein Abschiedsgeschenk war, und daß sie den großen Claus nun viele Wochen nicht mehr sehen würde. Ein schwacher Trost war der, daß er zu den Herbstferien wiederkommen und dann mit Pucki durch das raschelnde Laub wandern wollte.
Rose bekam von Claus eine niedliche Perlenkette. Pucki betrachtete sie lange, zog dann den Freund zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr:
»Hast du die Rose lieber als mich?«
»Ich habe euch beide recht lieb.«
»Ach – ich möchte aber, daß du mich ein ganz kleines bißchen mehr lieb hast.«
Und Claus Gregor beugte sich nieder und tuschelte der Kleinen ins Ohr: »Pucki, dich habe ich am allerliebsten von allen den Mädchen, die in den Wald gekommen sind.«
Die Augen des Kindes strahlten.
»Das brauchst du aber keinem zu sagen, das ist unser Geheimnis.«
»Au fein! Nun haben wir wieder mal ein Geheimnis. – Großer Claus, ich habe Geheimnisse furchtbar gern.«
Es war ein schmerzlicher Augenblick, als Claus dem kleinen Mädchen zum Abschied die Hand reichte.
»Leb wohl, Pucki, und wenn ich wiederkomme, frage ich dich, ob du in der Schule fleißig gelernt hast. Wir wollen nun um die Wette lernen. Willst du?«
»Wenn du willst, daß ich lernen soll, dann lerne ich. – Ich muß jetzt schnell lesen lernen, damit die alte Großmutter reich und glücklich wird.«
»Das ist recht, Pucki, dann freut sich der große Claus über dich. Und nun leb wohl.«
Sie wollte noch ein Stück Weges mit ihm gehen, doch Claus wehrte ab. »Du bleibst im Garten bei Rose und winkst mir nur nach.«
»Ach, großer Claus – –.« Pucki hatte Tränen in den Augen.
»Leb wohl, Pucki.«
Rasch schritt er aus. Beim Umwenden bemerkte er, daß Pucki mit beiden Ärmchen winkte. Da bog er schnell in den ersten Seitenpfad ein, um dem Kinde den Abschiedsschmerz zu verkürzen. Pucki stand jedoch noch lange am Gartenzaun. Endlich ging sie traurig ins Haus, lief in die Küche und sagte zu Minna: »Ach, ich bin so furchtbar traurig. Der große Claus ist weg – die Rose geht weg – oh, es ist schlimm!«
»Ja«, sagte Minna, »Scheiden ist ein schweres Wort. Aber ich habe ein Mittel gegen deine Schmerzen.«
»Was haste denn?« fragte Pucki sehr interessiert.
»Wir haben soeben Krapfen gebacken. Willst du einen?«
»Zwei, Minna, denn der Claus geht weg, und die Rose geht weg.«
Sie bekam die zwei Krapfen, und das schwere Kinderherz wurde dadurch wesentlich erleichtert. – –
In den letzten beiden Tagen, während welcher Rose noch im Forsthause weilte, bemühte Pucki sich nach Kräften, der kleinen Freundin recht viel Liebes zu erweisen.
»Mutti, darf ich ihr etwas schenken? Der große Claus hat mir doch auch das Herzchen geschenkt.«
»Gewiß, mein Kind, ein Andenken soll Rose mitnehmen. Wir geben ihr für ihre Mutter Lebensmittel mit, und du magst Rose eine Freude machen. Frage sie mal, was sie gern haben möchte.«
Sofort lief Pucki zu Rose. »Ich will dir was schenken, was du gerne haben möchtest. Du sollst dich auch in deinem Hofe noch darüber freuen, wenn du keinen Wald mehr hast. – Was möchtest du denn haben?«
»Ein bißchen Wald, ich möchte ein paar schöne, grüne Zweige mitnehmen dürfen.«
»Ach, das kannst du!«
»Und auch ein paar Blümchen.«
»Ich möchte dir aber ganz was Schönes schenken. – Willst du eine Puppe von mir? Ich gebe sie dir gern, denn ich hab' dich lieb.«
»Den Harras möchte ich auch mitnehmen.«
»O – – nein, den Harras können wir dir nicht geben, der muß doch aufpassen, daß der Wald nicht brennt, er muß auch mit Vati in den Wald gehen, damit der Vati den Weg findet. Der Harras riecht das.«
»Nein, Pucki, den Harras lasse ich dir hier, er würde krank werden, hätte er den großen Wald nicht mehr.«
»Soll ich dir mein Kleidchen schenken?«
»Das paßt mir doch nicht, Pucki.«
»Ich möchte dir doch so gern was schenken«, sagte Pucki weinerlich, »was ganz Schönes.«
Rose umarmte mit beinahe leidenschaftlicher Heftigkeit das kleine Försterkind. »Du sollst mich lieb behalten und deiner Mutti sagen, daß ich mal wieder zu euch in den Wald kommen darf. Das ist das Allerschönste, und dann möchte ich – – ja, das möchte ich gern – daß du zur alten Schmanzgroßmutter gehst und ihr bald was vorlesen kannst.«
»Ja, Rose, ich gehe zur Schmanzgroßmutter, ich lerne an jedem Tag lesen.«
»Mehr brauche ich nicht. Ich bin so froh hier gewesen, wie noch nie, das vergesse ich im ganzen Leben nicht mehr.«
»Der Thusnelda habe ich meine Schuhe geschenkt, und dir darf ich nichts schenken. Der große Claus hat dir doch auch was geschenkt.«
»Deine Mutti soll mich wiederkommen lassen, das ist das allerschönste Geschenk.«
»Na gut«, meinte Pucki energisch. »Du kommst bald wieder, ich hole dich dann vom Bahnhofe ab. – Weißt du, du könntest auch im Winter kommen. Dann bauen wir einen großen Schneemann.«
»Nein, Pucki, lieber im Sommer, wenn der Wald grün ist und die Vögel so schön singen, ich höre sie so gern.«
»Oh, jetzt weiß ich, was ich dir schenke.« Pucki stürmte davon, und wenige Augenblicke später kehrte sie mit einer kleinen Trillerpfeife wieder. »Hier hast du sie, das ist genau so, als wenn ein Vogel singt. Der Vati wird sie mir schon geben. Damit ruft er nämlich den Harras. Aber ich schenke sie dir. Wenn du im finstern Hof darauf bläst, denken alle, die Vöglein singen. – So, die nimmst du mit.«
Förster Sandler tauschte die Trillerpfeife tags darauf gegen eine kleine Vogelpfeife um, die er aus der Stadt mit heimbrachte. Das klang freilich, als zwitschere ein Vöglein sein lustiges Lied. Beglückt nahm Rose das Geschenk entgegen.
»Ich werde immer an die lieben Vöglein hier im Walde denken.«
An einem Sonnabend schlug die Trennungsstunde. An Sandlers, Niepels und überall, wo Ferienkinder untergebracht waren, war ein Schreiben gekommen, daß die Kinder am Sonnabend, vormittags elf Uhr, auf dem Bahnhofe zu Rahnsburg sein sollten, wo sie von der Transportleiterin in Empfang genommen werden würden. Niepels wollten mit dem Wagen beim Forsthause vorfahren, um Rose abzuholen und zur Stadt zu bringen. Frau Sandler und Pucki begleiteten selbstverständlich die kleine Freundin. In Roses kleinem Koffer steckten allerlei Geschenke und verschiedene Lebensmittel, denn man hatte erfahren, daß bei der Scheeleschen Familie große Not herrschte. Rose hatte sich über die Gaben nicht recht freuen können, denn zu groß war der Abschiedsschmerz. Und als nun der Wagen mit den Knaben und den vier Ferienkindern vorgefahren kam, als es hieß: einsteigen, waren Roses Augen so voller Tränen, daß sie nichts mehr erkennen konnte. Sie schluchzte am Halse des guten Onkels, sie umarmte Minna, ja sogar den treuen Harras, der zu wissen schien, daß die kleine Freundin nicht so bald wiederkäme. Traurig sah er sie an und bellte leise.
Nun saß sie im Wagen. Roses Tränen tropften auf den großen Strauß Blumen, den sie in den Händen hielt. Am liebsten wäre sie wieder vom Wagen gesprungen.
Von allen Seiten kamen die Ferienkinder herbei. Wer hätte in diesen rotwangigen Mädchen die blassen Kinder wiedererkannt, die vor fünf Wochen auf demselben Bahnsteige gestanden hatten und bangen Herzens in ihre Quartiere gegangen waren. Diese Ferienzeit war allen zu einem herrlichen Erlebnis geworden, war eine schöne Erinnerung, die sich nicht mehr auslöschen ließ.
Das junge Mädchen, das die Kinder in Empfang nahm, staunte über deren gesundes Aussehen. Herzliche Dankesworte wurden gewechselt. Alle Pflegemütter hatten sich auf dem Bahnhofe eingestellt, noch einmal wurden Umarmungen und Abschiedsküsse getauscht, dann stiegen die Kinder in den Zug und drängten sich an die Fenster.
Rose lag noch in den Armen Frau Sandlers; sie war vielleicht die einzige, die in den letzten Minuten nichts sagen konnte. Pucki plauderte munter daraus los, sprach vom Wiederkommen, vom Schneemann, den man gemeinsam bauen wollte, und vielleicht käme auch sie mal und besuchte Rose. Aber das Stadtkind hörte kaum, was die kleine Freundin sagte.
»Du mußt nun einsteigen, mein Kind.«
Frau Sandler brachte Rose selbst in den Wagen. Es schien, als wollte sich das Kind an ihr festklammern. Dann saß es auf der Bank, ganz still für sich.
Mit schwerem Herzen stieg die Försterin aus dem Zuge. Am Fenster sah sie Rose nicht mehr. Aus dem fahrenden Zuge aber winkten gar viele Kinderhände ein letztes Lebewohl, und auch Pucki schwenkte ihr Taschentuch aus Leibeskräften.
»Mutti, kommt die bald wieder?«
»Hoffentlich im nächsten Jahre.«
»So, Mutti, nu müssen wir heim, jetzt muß ich lesen lernen, damit die alte Schmanzgroßmutter reich und glücklich wird.«
Obwohl Rose im Forsthause niemals Lärm gemacht hatte, erschien es allen darin in den nächsten Tagen still und einsam. Auch Pucki vermißte die Freundin überall, aber sie tröstete sich mit dem Schwesterchen, dem sie sich von nun an mehr widmete als bisher.
»Und jetzt, Mutti, muß ich in der Schule ganz genau aufpassen. Weißt du, die Schmanzgroßmutter will nur, daß ich lesen lerne, da werde ich in Zukunft nicht mehr so viel schreiben. Das brauche ich nicht, das kann die Schmanzgroßmutter doch nicht sehen.«
»Aber Rose wartet doch auf einen Brief von dir. Rose wird uns bald Nachricht von sich geben. Ich dachte, es würde dich freuen, wenn du deiner kleinen Freundin antworten könntest.«
Einige Augenblicke überlegte Pucki, dann nickte sie ernsthaft mit dem Köpfchen.
»Ja, dann wird wohl nichts anderes übrig bleiben, dann muß ich auch schreiben lernen.«
Ein schöner Spruch
Inhaltsverzeichnis
Mit Pucki war seit den großen Ferien in der Schule eine staunenswerte Veränderung vor sich gegangen. Die Lehrerin, Fräulein Caspari, konnte sich nicht genug über den Eifer des Mädchens wundern, das, besonders im Lesen, überraschend schnell alle Mitschüler und Schülerinnen überflügelte. Wenn sie Pucki fragte, weshalb sie diesen Eifer zeige, so sagte sie stolz:
»Die Schmanzgroßmutter möchte gern reich und glücklich sein. Sie wartet auf mich.«
Der Leseeifer der kleinen Försterstochter trug ihr mitunter allerlei kleine Verletzungen ein. Auf dem Schulwege hatte Pucki stets das Buch vor der Nase, und nicht selten geschah es, daß sie plötzlich gegen einen Baum lief oder über eine Wurzel stolperte und hinfiel. Auch daheim griff sie nach allem Gedruckten, einerlei, ob es die Zeitung, der Mutter Kochbuch oder sonst ein Buch war, das irgendwo herumlag.
Bei diesem Eifer verging die Zeit recht schnell. Sie staunte, als die Herbstferien herankamen, freute sich, als der große Claus ihre Lesekünste bewunderte, und lief zur Schmanzgroßmutter, der sie allerdings mit ihren geringen Lesekünsten noch nicht viel bieten konnte.
»Warte noch, Schmanzgroßmutter, bis zu Weihnachten, dann kann ich noch besser lesen.«
Der Herbst verging, der erste Schnee lag auf den Zweigen der Tannen.
»Mutti, kann die Rose nicht zu Weihnachten herkommen?«
»Nein, Pucki, das geht nicht, doch im Sommer kommt sie wieder.«
Rose Scheele schrieb regelmäßig alle vierzehn Tage einen ausführlichen Brief. Aus jeder Zeile sprach die Sehnsucht nach dem Walde, nach den guten Förstersleuten, nach Pucki und Waltraut. Staunend lauschte die kleine Försterstochter den Berichten, die Rose gab. Alle die Pflichten, die Rose an ihren kleineren Geschwistern erfüllte, waren für Pucki neu und ungewohnt. Rose konnte schon eine Stube auskehren, sogar aufwischen, sie pflegte die Mutter, als sie krank war, hatte nebenbei Schule, machte ihre Schularbeiten und versuchte, kleine Näharbeiten zu machen.
»Mutti, was sie alles kann, das kann ich nicht.«
»Du bist auch zwei Jahre jünger, mein Kind, außerdem hast du es auch leichter im Leben als Rose, die keinen Vater hat, der für sie sorgt.«
»Ach, wie traurig!«
»Zu Weihnachten wollen wir Rose und ihre Geschwister beschenken, damit auch im Scheeleschen Hause eine richtige Weihnachtsstimmung herrscht.«
Weihnachten! Das war ein Wort, das Pucki in Begeisterung versetzte. Das Weihnachtsfest blieb doch das schönste aller Feste, und ungeduldig zählte sie nun die Tage bis zum vierundzwanzigsten Dezember. Aber vorher gab es viel zu bedenken. Vater und Mutter sollten ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Die Kinderhände strickten unter schweren Seufzern der Mutter einen Topflappen für die Küche. Minna mußte oft helfen, wenn eine Masche von der Nadel fiel oder wenn in der Baumwolle ein Knoten war. Pucki stöhnte oft laut bei ihrer Arbeit, doch der Gedanke, daß sich die Mutti über ihr Geschenk freuen würde, ließ sie nicht ungeduldig werden.
Vati bekam etwas ganz Feines! Einen Aschenbecher aus dünnen Stäbchen. Innen war eine schöne gelbe Schale. Pucki hatte schon manches Stäbchen zerbrochen, und es erschien ihr sehr schwierig, all die kleinen, dünnen Hölzchen in die rechte Lage zu bringen. Doch nun war auch diese Arbeit beinahe beendet.
Draußen fiel der Schnee in großen Flocken und bedeckte den Waldboden. Sehr oft wurde Pucki im Niepelschen Schlitten nach der Schule gefahren. Das war eine Freude, wenn das weiße Pferdchen herangeklingelt kam.
»Es hat den Schnee gern, Mutti, weil der Schnee auch weiß ist. Kommt der Weihnachtsmann mit dem Weihnachtsbaum auch mit einem weißen Pferdchen?«
»Nein, der Weihnachtsmann bringt den Baum auf dem Rücken.«
»Wirft er ihn dann wieder auf das Dach vom Holzstall wie damals, als es Weihnachten war?«
»Das wird er wohl tun.«
»Au, Mutti, wenn aber der Onkel Oberförster den Weihnachtsmann trifft? Na, dann schimpft er aber, wenn der Weihnachtsmann gerade den Weihnachtsbaum umhackt. Den Vater von Grete hat er auch ausgeschimpft, als er sich einen Baum holte.«
»Der Weihnachtsmann darf so viele Bäume holen, wie er braucht. Doch der Vater deiner Schulfreundin Grete hätte erst um Erlaubnis fragen müssen.«
An jedem Abend, ehe die Kleine zu Bett ging, stand sie ein Weilchen am Fenster und wartete, ob sie vielleicht den Weihnachtsmann zu sehen bekäme.
»Ein komischer Mann, Mutti, er braucht doch nicht in der Nacht herumzulaufen, er kann doch kommen, wenn es hell ist.«
An einem Morgen lag der Weihnachtsbaum wirklich wieder auf dem Dach des Holzstalles. Pucki schrie vor Freude laut auf.
»Oh, nu wird es endlich Weihnachten! Ich kann's auch gar nicht mehr aushalten.«
Eine große Freude hatte Pucki stets, wenn die Mutter nach Rahnsburg ging, um einzukaufen. Oftmals durfte Pucki sie begleiten. Man kaufte vielerlei ein: Für Rose und deren Geschwister, für Minna, für den Vati, für die Waschfrau. Pucki sah sich interessiert die Auslagen an. Während die Mutter mit dem Geschäftsinhaber sprach, stand Pucki vor einem Wandbrett, auf dem der schöne Spruch eingebrannt war:
»Beglücke du, so wirst du glücklich sein.«
Pucki buchstabierte mühsam daran herum, denn die Buchstaben waren mitunter mit kleinen Schwänzchen versehen. So dauerte es eine ganze Zeit, ehe sie den Spruch ernsthaft vor sich hinsagte:
»Be – glücke du, so wirst du glücklich sein.«
Als sie mit der Mutter den Laden verließ, zeigte sie auf den Spruch und fragte: »Mutti, was ist das für ein schöner Spruch?«
»Der Spruch mahnt jeden daran, er möge andere Menschen froh und glücklich machen, denn nur dann kann man selber froh und glücklich sein.«
»Wie heißt er?«
Die Försterin wiederholte den Spruch, und Pucki sprach ihn mehrmals nachdenklich vor sich hin.
»Mutti, wird man glücklich, wenn man den anderen beglückt?«
»Ja, mein Kind; du freust dich ja auch, daß wir Rose ein schönes Weihnachtspaket schicken. Schenken zu dürfen macht Freude. Wir beglücken durch dieses Paket deine Freundin und sind selbst glücklich darüber, daß wir dazu imstande sind. Hast du nun begriffen, was der Spruch bedeutet?«
»Ja, Mutti.«
Bei den Besorgungen in der Stadt trafen sie Frau Niepel, die ebenfalls Einkäufe machte.
»Sie werden am Weihnachtsabend wieder viel Trubel im Hause haben, liebe Frau Niepel, Ihre drei Buben werden dafür sorgen.«
»Mein Ältester macht mir viel Kummer; er lernt auch nicht gut, ich bin darüber recht unglücklich.«
Man ging weiter zum Kaufmann.
Puckis Augen wunderten durch den großen Raum. Die vielen Kästen und Gläser erregten stets ihr Interesse. Dort drüben stand ein hohes Glas mit Schokolade. Schon manches Mal hatte ihr der freundliche Kaufmann ein Stückchen Schokolade daraus geschenkt. So ging sie zu dem Glase und sah es verlangend an.
»Du möchtest wohl ein Stück«, sagte der Kaufmann, »hier hast du eines.«
»Danke.«
Mit großem Appetit verzehrte Pucki das Stückchen Schokolade. Sie fand, daß der Spruch auf dem Holzbrett etwas sehr Schönes sei.
»Mutti«, sagte sie auf dem Heimwege, »wie glücklich wird der Weihnachtsmann sein, wenn er mich zu Weihnachten beglücken kann. Ich meine, der Weihnachtsmann sollte mir recht viel schenken.«
Der eingelernte Spruch ließ Pucki keine Ruhe mehr.
Das Packen der Pakete an Bekannte und Verwandte kurz vor Weihnachten war für sie ein Fest. Alles das, was die Mutter zusammentrug, erschien ihr nicht genug.
»Könnten wir nicht noch ein bißchen mehr einpacken?«
Sie brachte bald dieses, bald jenes heran, mitunter mußte Frau Sandler entsetzt abwehren. Die Tochter hätte am liebsten die ganze Speisekammer ausgeräumt. Jedesmal, wenn wieder ein Paket fertiggestellt war, umhalste sie die Mutter stürmisch und jauchzte:
»Gelt, nun sind wir beide glücklich!«
An Rose Scheele gingen sogar zwei Pakete ab. Pucki hatte mancherlei von ihrem Spielzeug geopfert, und auch von dem Schmanzbauer war eine Wurst und ein großes Stück Butter gespendet worden.
»Wäre der große Claus schon hier, er schickte ihr ganz gewiß auch was Schönes. Wie wird sie sich freuen!«
Für Frau Scheele wurde auch noch ein Geldgeschenk beigelegt mit der Bitte, ihren Kindern einen Weihnachtsbaum zu kaufen, damit auch dort rechte Weihnachtsstimmung herrsche.
»Du sitzest immer neben mir, Pucki, und scheinst ganz zu vergessen, daß der Aschenbecher für Vati noch nicht fertig ist. Willst du ihm etwas Unfertiges auf den Weihnachtstisch legen?«
»Mutti, wo denkst du hin! Ich hab' nur noch ein paar kleine Stäbchen durchzuziehen.«
»So geh und mache alles fertig.«
Pucki saß im Zimmer und quälte sich mit der Handarbeit. Sie überhörte es, daß der Vater heimkam, sie sah auch nicht auf, als er die Tür öffnete, da sie glaubte es wäre die Mutti.
»So fleißig, Pucki?«
Das Kind stieß einen entsetzten Ruf aus, nahm den Aschenbecher, hielt ihn auf den Rücken, sah vor sich die Stäbchen und griff nach ihnen, nachdem sie den Aschenbecher auf den Stuhl gelegt hatte.
»So, Vati, du hast doch nichts gesehen?«
Mit vergnügtem Lachen ließ Pucki sich wieder auf dem Stuhl nieder, auf dem ihre Arbeit lag. Aber sofort sprang sie auf, denn sie hatte ein leises Knacken gehört.
»Vati – nu ist alles kaputt! – Oh – –« Puckis Stimme zitterte bedenklich. »Da wollte ich dich beglücken – – sieh mal, wie er jetzt aussieht, und er war doch so schön!«
Der Aschenbecher war vollkommen zerdrückt, der größte Teil der Stäbchen zerbrochen.
»Nun ist bald Weihnachten, und alles ist kaputt – ach, Vati, ich bin so traurig!«
»Das ist freilich schlimm, Pucki. Warum bist du immer so stürmisch.«
»Du solltest es doch nicht sehen und solltest nichts wissen. Ach, Vati, es ist sehr schlimm!«
»Wollen mal sehen, ob wir den Aschenbecher nicht wieder heil bekommen.«
»Hilfst du mir?«
»Ein bißchen.«
»Ach, Vati, du bist aber gut!«
»Na, dann gib mal her. Wir wollen gleich mal sehen, was wir machen können.«
Einige Minuten später, als Vater und Tochter emsig bei der Arbeit waren, kam Frau Sandler ins Zimmer.
»Nanu, was wird denn hier gemacht?«
Pucki sprang auf und hing der Mutter am Halse.
»Ich helfe ihr ein wenig«, sagte der Vater.
»Mutti, der Vati weiß nicht, was wir machen. Er denkt, das ist was anderes. Wir sagen ihm nicht, was das wird. – Nicht wahr, Vati, du weißt nicht, was das ist.«
»Gewiß etwas für deine Puppenstube.«
»Ach, Mutti!« jubelte die Kleine, »der Vati weiß es wirklich nicht.«
Später erfuhr Frau Sandler von dem Unglück, daß Pucki den Aschenbecher völlig zerbrochen hatte, in ihrem Eifer, das Geschenk zu verbergen. Sie ließ es daher ruhig geschehen, daß der Vati seinem Töchterchen bei der Arbeit half.
Es war für Sandler gar nicht einfach, die zierlichen Stäbchen in die vorgebohrten Löcher zu stecken, und Pucki lachte hell auf, wenn dem Vati ein Stäbchen wieder heraussprang.
»Meinste nicht, Vati, daß das sehr schwer ist und daß wir uns große Mühe geben müssen?«
»Ja, ich würde mir so viel Arbeit für meine Puppenkinder nicht machen!«
»Vati, es ist doch gar nicht für die Puppenstube.«
»So, wer bekommt es denn dann? Wohl ein Weihnachtsgeschenk?«
»Ich sag' dir nichts! Ich sag' dir nichts!«
»Ich denke, nun kannst du den Rest allein fertigmachen.«
»Ach, Vati, noch ein ganz kleines bißchen kannst du mir helfen.«
Schließlich wurde der Aschenbecher gemeinsam fertiggestellt.
»Nimm ihn aber gut in acht«, mahnte der Vater, »setze dich nicht wieder darauf, es ist kein Stuhl, sondern ein Aschenbecher.«
»Oh, woher weißt du das?«
»Ach so – na, vielleicht ist es auch etwas anderes.«
»Findest du ihn sehr schön?«
»Herrlich, Pucki.«
»Na, dann ist es gut, dann wirst du dich ja freuen!« – –
So kam das Weihnachtsfest immer näher heran. Endlich schrieb man den vierundzwanzigsten Dezember. Pucki steckte mit ihrer Unruhe die kleine Schwester an. Die beiden Kinder konnten sich vor Ungeduld kaum noch lassen. Da war es ein Glück, daß an diesem Tage ganz plötzlich Claus Gregor im Forsthause erschien. Pucki begrüßte ihn mit hellem Jubel.
»Weißt du auch, daß heute Weihnachten ist? – Großer Claus, ich habe immerfort den Daumen gedrückt und an dich gedacht. – Ich schenke dir auch was, komm mal mit, großer Claus!«
Im Garten stand ein Schneemann; er war etwas unförmlich und auch nicht gerade schön zu nennen, aber Pucki hatte ihn ganz allein gebaut.
»Den habe ich für dich zu Weihnachten gebaut und dabei an dich gedacht, damit du zu Ostern dein Ding machen kannst und froh bist.«
»Wie lieb von dir, Pucki! Ich habe dir auch etwas zum Weihnachtsfest mitgebracht. Das liegt heute abend unter dem Weihnachtsbaum.«
»Ach, bis dahin ist es noch so furchtbar lange! Ich weiß gar nicht, was ich anfangen soll; ich halt's nicht mehr aus.« –
»Aber mein Geschenk bekommst du doch erst heute abend. Ich komme aber mit einem anderen Vorschlage. Wollen wir zusammen zur Schmanzbäuerin gehen? Wir wollen sogleich die Eltern fragen.«
»Kommen wir aber wieder zurück, wenn es klingelt und der Weihnachtsbaum brennt und die vielen Geschenke da sind?«
»Selbstverständlich, wir sind bis Mittag wieder zurück.«
»Ach ja, dann gehen wir schnell zur Schmanzgroßmutter. Ich kann ihr auch die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Die Minna hat sie mir oft vorgelesen, nun kann ich sie auch lesen. Komm schnell, wir wollen die alte Großmutter besuchen.«
Frau Sandler war von Herzen froh, daß sie für die beiden nächsten Stunden ihre unruhige Tochter los war. Pucki stand überall im Wege, und es gab heute noch viel zu tun.
So wanderten die beiden zur Schmanz und brachten die Weihnachtswünsche aus Oberförsterei und Forsthaus. Pucki setzte sich zu Füßen der Großmutter auf ein Bänkchen und sagte strahlend:
»Heute schenke ich dir, daß ich gut lesen kann.«
Sie holte die Heilige Schrift, klappte sie irgendwo auf und begann dann die Weihnachtsgeschichte auswendig aufzusagen.
»Kann ich nicht fein lesen, Großmutter? Freut es dich?«
Wieder lauschte die Alte andächtig den Worten des kleinen Mädchens, bis Pucki plötzlich aufsprang und sagte:
»Nu müssen wir aber ganz schnell nach Hause laufen. Wenn Weihnachten vorüber ist, lese ich dir wieder was vor, Großmutter, aber jetzt habe ich keine Zeit mehr.«
»Warte mal, Kind«, rief der Schmanzbauer, als Pucki sich anschickte heimzugehen, »wir haben noch was für dich, zu Weihnachten.«
Schon brachte die Bäuerin ein großes Pfefferkuchenherz.
»Kannst du lesen, was darauf steht?«
»Oh – oh –« jubelte das Kind, »da steht Pucki drauf, und das bin ich!«
Sie drückte das Herz begeistert an sich, doch dann drängte sie den großen Claus zum Gehen. »Sonst komme ich nicht nach Hause, wenn es klingelt.«
»Es klingelt erst heute abend, Pucki, wenn der Weihnachtsbaum brennt!«
»Ach, komm nur, vielleicht klingelt es doch ein bißchen früher.«
Es waren für Pucki noch schlimme Stunden, ehe es wirklich zur Bescherung kam. Dann aber stand sie mit verklärtem Gesicht vor dem Lichterbaum, vor dem reichen Gabentisch und bestaunte die Geschenke. Da fand man mancherlei Schönes: Eine neue Puppe, Äpfel, Nüsse, Pfefferkuchen, und einer der Kästen barg ein Buchstabenspiel vom großen Claus. Aus bunten Buchstaben ließen sich Wörter zusammensetzen. Das erste was Pucki zusammenstellte, war der Name des großen Freundes: Claus.
Das Freuen wollte kein Ende finden. Pucki tanzte im Zimmer umher, umarmte den Vater, die Mutter und rief immer wieder:
»Ach, es müßte immer Weihnachten sein.«
Schließlich wurde sie aufgefordert, den Eltern ihre Geschenke zu bringen. Mit strahlendem Gesicht überreichte sie dem Vater den Aschenbecher.
»Na, da bist du wohl erstaunt, Vati? Das hast du dir nicht gedacht. Oh, das ist ulkig! Du hast gedacht, es ist für meine Puppenstube – hahaha, und nun ist es doch für dich!«
»Das ist freilich eine große Überraschung.«
»Hier, Mutti, das habe ich für dich gestrickt, es war sehr schwer. Aber du sollst dich auch freuen.«
Die Eltern freuten sich über das Glück ihrer Kinder. Als Pucki sich ein wenig beruhigt hatte, bestaunte sie auch die Geschenke von Vati und Mutti.
»Sieh her, Pucki, diesen Streichholzbehälter hat Rose für uns geklebt. Sie denkt mit viel Liebe und Anhänglichkeit an uns alle, und für dich ist hier ein Brief mit bunten Bildchen. Ich nehme an, daß Rose heute eben so froh ist wie du, da sie unsere Pakete erhalten hat.«
»Ach Mutti, ach Vati, Weihnachten ist das allerschönste Fest. Könnte man nicht immerzu Weihnachten feiern?«
Auch Waltraut war dieser Meinung. Sie wünschte, daß morgen noch einmal Weihnachten sei, weil sie noch am Tage der Bescherung der neuen Puppe den Kopf zerbrochen hatte. Trotzdem wurde die Weihnachtsfreude dadurch nicht beeinträchtigt. Und als die Eltern endlich die Kinder in die Betten bringen wollten, baten beide, man möge sie heute doch ein wenig länger aufbleiben lassen.
Trotzdem wurden die Kinder bald müde. Pucki wollte alle Spielsachen mit ins Bett nehmen, und Waltraut wählte den Teddybären aus, weil er haltbarer sei als die Puppe.
»So, Mutti«, meinte Pucki, als sie im Bett lag, »nun habe ich noch sehr viel zu tun. Ich muß dem lieben Gott danken, daß er mich so beglückt hat und muß ihn bitten, daß ihr mir noch recht viele Jahre viel schenken könnt, dann muß ich den Daumen tüchtig drücken für den großen Claus und von vielen schönen Sachen träumen. Wenn's doch erst wieder morgen wäre, damit ich weiter spielen kann.«
Während Waltraut längst schlief, lag Pucki noch mit glänzenden, weitgeöffneten Augen in ihrem Bettchen. Sie überdachte den herrlichen Tag, der ihr so viele neue Spielsachen gebracht hatte.
Puckis goldenes Herz
Inhaltsverzeichnis
Der Winter mit seinen vielen Freuden war vergangen. Wieder zog der Frühling ins Land und schmückte Bäume, Wiesen und Felder mit frischem Grün. Puckis Fleiß war nicht erlahmt. Sie freute sich an den Fortschritten, die sie im Lesen machte, und jedesmal, wenn sie zur Schmanzgroßmutter wanderte, stellte Pucki selbst fest, daß sie Fortschritte gemacht hatte. Die Schmanzgroßmutter war über den heutigen Besuch des Kindes überglücklich und nannte Pucki ihren kleinen Engel, der im Alter zu ihr geflogen wäre, um sie zu erfreuen.
Aber auch verschiedene der Waldarbeiter gaben dem Försterkinde den Namen: unser gutes Waldgeistchen. Als Pucki zum ersten Male diesen Namen hörte, schaute sie erstaunt die Männer an und sagte:
»Ich heiße doch Pucki, und ein Pucki macht oft was Schlimmes.«
»Du bist aber kein schlimmer Puck, ganz im Gegenteil! Wo du hinkommst, verbreitest du Freude. Wir alle haben dich lieb, du bist eben der gute Waldpuck.«
Glücklich lief das Kind zu den Eltern und erzählte ihnen von dem Lobe, das ihr geworden war.
»Wenn ich der gute Waldpuck bin, Mutti, dann sollen mich alle Menschen nur immer Pucki nennen. Dann denke ich daran, daß der eine Mann im Walde gesagt hat, ich brächte den Leuten Freude und man hätte mich lieb. Oh, Mutti, ich möchte nur Pucki heißen, auch wenn ich so alt werde wie die Schmanzgroßmutter.«
»Du bist ja unsere liebe Pucki.«
»Aber alle Menschen sollen mich Pucki nennen, und ich will immer sehen, daß ich ein guter Waldpuck bin. Die Schmanzgroßmutter meint auch, ich mache ihr Freude.«
Von jetzt an lebte in Pucki mehr denn je das Verlangen, alle Menschen zu erfreuen. Wenn sie mit dem Vater in den Wald ging, so brachte sie den Holzfällern stets ein paar Blümchen. Mitunter steckte sie diesem oder jenem einen Bonbon zu, den sie sich daheim abgespart hatte. Traf sie Leute, die Holz suchten, so war sie sogleich bereit, zu helfen, und lud oftmals Äste auf die kleinen Wagen.
Die Tiere des Waldes waren ihre besonderen Lieblinge. Jedes Vöglein, jedes Käferchen wurde entzückt betrachtet. Hatte ein Käfer Mühe, über einen im Wege liegenden Ast zu kommen, so beugte sie sich nieder, um den Ast behutsam aus dem Wege zu räumen.
»Du sollst auch deine Freude haben, du liebes Käferlein, sollst dich nicht quälen.«
Vor den Ameisenhaufen konnte sie lange stehen und die fleißigen Tierchen beobachten. Nicht selten brachte sie Krümchen mit und hatte Freude daran, wenn die emsigen kleinen Tiere den wertvollen Schatz in ihren Bau trugen. Niemals hätte sie einen Ameisenhaufen zerstört. Als Paul einmal den Versuch machte, fuhr die Kleine ihm zornig in die Haare und riß ihn zurück.
»Ein großer Junge wird solch kleinen Tierchen, die immerfort arbeiten, ein Leid zufügen! Oh, pfui, ich mag dich gar nicht mehr leiden!«
An einem Nachmittage erschien der große Claus im Forsthause und schloß Pucki lachend in seine Arme.
»Ich bin nun fertig mit der Schule, Pucki, ich habe das Abiturium bestanden und bin darüber sehr froh.«
»Ich habe auch tüchtig den Daumen gedrückt. – Brauchst du nun gar nicht mehr in die Schule gehen?«
»Ach, nun geht das Lernen erst richtig los. Jetzt wird es noch ernsthafter als früher.«
»Fängst du nochmal von vorne an, großer Claus?«
»Jetzt geht es auf die Universität, dort wird studiert, bis aus dem großen Claus ein Onkel Doktor geworden ist, der die kranken Menschen gesund macht.«
»Ach, und wenn ich krank werde, kommst du dann auch zu mir und machst mich gesund?«
»Freilich, ich hoffe aber, daß du gar nicht erst krank wirst, Pucki. Für dich gibt es nun auch bald Ferien, dann wollen wir wieder zusammen durch den Wald wandern.«
»Wieviel Tage sind es noch, bis ich Ferien habe?«
»So viele, wie du Finger an einer Hand hast.«
»Und was ist dann?«
»Gründonnerstag – Karfreitag – dann kommt das Osterfest.«
»Ja, mit dem Osterhasen und den Ostereiern.«
»Mit der Versetzung, Pucki! Du wirst doch ein gutes Zeugnis erhalten und in die siebente Klasse hinüber kommen?«
»Ich glaube schon – Fräulein Caspari hat ein bißchen davon erzählt.«
»Das ist schön – ich hätte sonst meine kleine Pucki auch gar nicht mehr so lieb haben können wie bisher, wenn sie faul wäre.«
»Hast du den Paul Niepel nicht lieb? Er ist faul und wird nicht versetzt. Aber der Fritz wird versetzt, er ist lieb und fleißig.« – –
So vergingen auch die letzten Schultage, und beglückt brachte Pucki ein sehr gutes Zeugnis heim. Dafür wurde sie von den Eltern gelobt.
»Weißt du noch, Pucki«, sagte der Vater, »daß du dich vor der Schule sehr gefürchtet hast? Du wolltest gar nicht hingehen. Anfangs warst du auch nicht gerade fleißig, doch jetzt, da du sieben Jahre zählst, bist du schon klüger geworden. Du siehst bereits ein, wie schön es ist, wenn man etwas versteht, und wieviele Freude man damit anderen machen kann.«
»Wenn ich zur Schmanzgroßmutter gehe, zeige ich ihr das Zeugnis und lese ihr was vor.«
»Zur Schmanzgroßmutter wirst du in den nächsten Tagen nicht gehen können. Die alte Frau ist nicht wohl.«
»Vati, tut ihr was weh?«
»Ja, sie muß zu Bett liegen.«
»Oh, dann gehe ich mit dem großen Claus hin. Er wird bald alle Leute gesund machen können. Er kann auch die Schmanzgroßmutter wieder gesund machen. – Ach, Vati, laß mich doch zur Schmanzgroßmutter gehen.«
»Erst wollen wir abwarten, wie es ihr morgen geht. Dann kannst du vielleicht am Ostersonnabend hingehen.«
Am Gründonnerstag saßen die beiden Kinder im Garten zusammen. Pucki erzählte Waltraut von dem Osterhasen mit dem goldenen Schwänzchen, der in wenigen Tagen wieder in das Forsthaus kommen würde, um schöne bunte Eier zu legen.
»Wir müssen aber noch warten und noch ein paarmal schlafen gehen, Waldi, ehe er kommt. Heute ist erst der grüne Donnerstag, an dem alles schön grün wird. Und morgen ist immer noch nicht Ostern, aber dann bald.«
Der nächste Morgen brachte Pucki eine große Freude. Aus der Oberförsterei wurde angerufen, daß Oberförster Gregor am heutigen Tage beruflich nach Rotenburg müsse. Er wolle in seinem Auto Pucki und die drei Niepelschen Knaben mitnehmen. Pucki möge sich für ein Uhr bereithalten, dann würde das Auto kommen.
Die Kleine jubelte laut auf. Eine Fahrt im Auto des Onkel Oberförster hatte für sie keine Schrecken. Wohl dachte sie mit Entsetzen an eine Fahrt in dem dunklen Kasten des Viehhändlers Henschel, die sie einmal gemacht hatte, aber in dem großen Wagen von Onkel Oberförster saß es sich herrlich.
»Mutti, ich freue mich furchtbar! Mach nur, daß ich bald fertig werde, damit der Onkel nicht zu warten braucht. – Mutti, ist der große Claus auch dabei?«
»Das weiß ich nicht. Außerdem kennt Claus Rotenburg genau, denn er geht dort mit seinem Bruder aufs Gymnasium.«
»Ja, dort hat er gewohnt, bei seiner Tante.«
»Wahrscheinlich wird der gute Onkel Oberförster euch zu der lieben Tante bringen. Sei also nicht unartig, mein Kind. Wenn du mit den Niepelschen Knaben zusammen bist, bist du genau so wild wie sie.«
»Ach, fein wird es sein! Mutti, ich freue mich furchtbar!«
Oberförster Gregor, der große Kinderfreund, wollte besonders der fleißigen kleinen Pucki und dem braven Fritz Niepel eine Freude machen. Die beiden Kinder hatten so gute Zeugnisse mit heimgebracht, daß sie eine Belohnung verdienten. Seine beruflichen Pflichten würden ihn wohl eine gute Stunde, in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit sollte Claus, der die Fahrt mitmachte, mit den vier Kindern zu Tante Grete gehen.
Frau Perler war die verwitwete Schwester des Oberförsters, die in Rotenburg wohnte und Pensionäre bei sich aufnahm. Zu ihr hatte Oberförster Gregor seine beiden Söhne gegeben, denn er wußte sie bei seiner Schwester in den allerbesten Händen. Rotenburg war eine ansehnliche Stadt, die außer einem Gymnasium auch eine landwirtschaftliche Schule, ein Technikum und mehrere Fabriken aufzuweisen hatte.
Pünktlich um ein Uhr fuhr der Oberförster am Forsthause vor. Er saß selbst am Steuer, und Claus holte Pucki aus dem Forsthause. Sie kam sich sehr wichtig vor, als sie auf dem weichgepolsterten Sitz neben dem großen Claus saß. Sie wippte auf dem Polster auf und nieder und sagte glücklich:
»Wie eine große Frau bin ich jetzt. Ob Schneewittchen auch einen so schönen Wagen gehabt hat, als es zur Hochzeit fuhr?«
Schnell ging es weiter hin zum Niepelschen Gutshause. Walter und Fritz waren dem Wagen ein gutes Stück entgegengelaufen und hielten ihn mit lautem Lärmen an.
»Nun, wo ist denn der Dritte?«
»Der darf nicht mit!«
»Warum denn nicht?«
»Weil er viele Tadel hat und nicht versetzt ist. Der Vater sagte, ein fauler Junge brauche auch nicht Auto zu fahren«, antwortete Walter.
»Oh, das wäre aber schrecklich«, rief Pucki erregt, »er hat sich gewiß mächtig darauf gefreut. Wir wollen ihm schnell sagen, daß er doch mitkommen kann.«
Schon stieg Pucki aus dem Wagen. Im Vorgarten trafen die Kinder Herrn Niepel und dessen Frau.
»Onkel Niepel, gelt, du läßt den Paul nach Rotenburg mitfahren. Das ist eine so schöne Stadt mit einer Kirche. Die hat einen runden Turm. – Sieh mal, sooo – –. Der Paul hat sich so furchtbar darauf gefreut! Laß ihn doch einsteigen.«
»Nein, Pucki, der Paul bleibt hier. Die Fahrt ist eine Belohnung für fleißige Kinder.«
»Was macht er denn dann, wenn wir weg sind?«
»Er weint«, rief Walter laut.
Puckis Gesichtchen wurde sehr traurig. »Ach, laß ihn doch mitfahren, Onkel Niepel. Wenn der Paul weint, ist es sehr schlimm.«
Sie erblickte Paul. Er kam mit verweinten Augen soeben aus dem Hause und drückte sich scheu hinter einen Baum, als er der anderen ansichtig wurde. Pucki eilte sogleich zu ihm.
»Weine doch nicht, lieber Paul, du mußt deinem Vati versprechen, daß du von morgen an viel lernen willst.«
Pauls Tränen flossen erneut. Da lief Pucki wieder zu Onkel Niepel, legte bittend die Händchen ineinander und bat nochmals:
»Sieh mal, lieber Onkel, wie er weint.«
Doch Onkel Niepel blieb unerbittlich. Eindringlich schilderte er dem kleinen Mädchen, daß Faulheit Strafe verdiene, und daß Paul sich das Vergnügen selbst verdorben hätte, weil er gar zu träge gewesen sei.
»Es wird ihm eine Lehre sein, Pucki.«
Der Oberförster drängte zum Weiterfahren. Nochmals streichelte das Kind den weinenden Knaben, dann kehrte es betrübt zu dem Wagen zurück.
»Es wäre noch viel schöner, wenn der Paul dabei wäre. – Ach, der arme Paul.«
Bald war die Traurigkeit Puckis wieder verflogen, als man Rotenburg erreichte, und Claus die drei ein wenig durch die Stadt führte, um schließlich Tante Grete aufzusuchen.
Das war eine sehr liebe ältere Dame, die die Kinder mit Kaffee und Kuchen bewirtete und ihnen viel Schönes erzählte. Nur zu rasch vergingen die Stunden. Der Oberförster kam, blieb noch ein Weilchen bei seiner Schwester, dann wurde die Heimfahrt angetreten.
»War es schön?« fragte er Pucki, als er sie aus dem Auto hob.
»Ach ja, sehr schön, Onkel Oberförster. Aber – es wäre noch viel schöner gewesen, wenn der Paul nicht hätte weinen brauchen, wenn er mitgekommen wäre.«
»Gutes, weichherziges Mädchen«, lobte der Oberförster.
»Es ist eben meine kleine Pucki mit dem goldenen Herzen«, sagte der große Claus und strich dem Kinde zärtlich über die Wange.
Pucki wies stolz auf das goldene Herzchen am Halse.
»Hier hängt es, großer Claus, und immer denke ich an dich.«
»Unser guter, kleiner Waldpuck! Mögest du immer so bleiben, kleines Mädchen!« – – –
Am Ostersonnabend drängte Pucki, es wollte nun endlich zur alten Schmanzbäuerin gehen, um ihr von Ostern vorzulesen.
»In meinem Buch steht eine sehr schöne Geschichte vom Herrn Jesus, die muß die Schmanzgroßmutter hören, gerade weil Ostern ist. Ich kann sie schon ganz fix lesen.«
»Pucki, die Großmutter liegt noch zu Bett.«
»Dann hat sie gar keine Freude mehr, nur noch wenn ich ihr was vorlese. – Ach, Mutti, laß mich doch hingehen. Der große Claus hat gesagt, wir sind dazu da, die Menschen zu erfreuen, und auch zu Ostern muß man Freude machen. – Mutti, bitte, laß mich zur Schmanzgroßmutter gehen.«
»Meinetwegen, so begleite den Vater, der heute nachmittag über die Schmanz gehen muß. Aber sei nicht laut, mein Kind, denke immer daran, daß die Schmanzgroßmutter krank ist.«
»Ich will ihr dann ganz leise vorlesen. Aber sie freut sich doch immer so sehr.«
So wurde am Ostersonnabend von Förster Sandler und seiner Tochter die Schmanz besucht. Die Bäuerin empfing die beiden und sagte betrübt:
»Es will mit der Mutter gar nicht mehr gehen. Ich glaube, sie macht es nicht mehr lange.«
»So will ich Pucki nicht mehr zu ihr hineingehen lassen.«
»O doch, Herr Förster, die Mutter freut sich immer sehr über das Kind. Ich will gleich mal zu ihr gehen und sehen, was sie macht.«
Pucki, die unterwegs für die Schmanzgroßmutter einen Strauß Waldanemonen und Leberblümchen gepflückt hatte, sagte bittend, indem sie der Bäuerin das Buch hinhielt:
»Laß mich doch zu ihr, ich habe eine sehr schöne Geschichte. Sie freut sich, wenn ich ihr vorlese, und die Blümchen will ich ihr auch geben.«
Die Bäuerin kam sehr bald wieder zurück und sagte, daß die Mutter zwar sehr schwach sei, aber trotzdem Pucki sehen möchte.
Auf den Zehenspitzen ging die Kleine ins Zimmer. Da lag die Schmanzgroßmutter im Bett, hatte eine weiße Haube auf und sehr kleine, müde Augen. Auch schien es Pucki, als sei das faltenreiche Gesicht heute viel kleiner geworden.
»Schmanzgroßmutter«, sagte sie leise, »ich bin da und habe dir Blümchen mitgebracht. Dann lese ich dir wieder was vor, um dich glücklich zu machen. Ein Osterei kann ich dir nicht bringen, ich habe noch keines. Aber von Ostern kann ich dir vorlesen.«
»Du liebes, gutes Kind, du meine ganze Freude in meinen letzten Tagen.«
»Hier hast du Blümchen.«
Die zitternde Rechte der Alten tastete sich zu Puckis Fingerchen hin, dann nahm sie den Strauß in die Hände, die sie gefaltet auf die Bettdecke legte.
»Wenn du mir nun noch etwas vorlesen wolltest – ach, das wäre schön. Dabei läßt es sich gut einschlafen.«
»Bist du müde, Schmanzgroßmutter?«
»Ja, mein gutes Kind, müde von der langen Wanderung, die hinter mir liegt, müde von aller Arbeit, die ich verrichtet habe. Die alte Großmutter möchte nun endlich ausruhen und bittet den lieben Gott, daß er ihr die Augen schließen möge.«
»Willst du in den Himmel zu ihm, Schmanzgroßmutter?«
»Wenn mir der liebe Gott die Himmelstür gnädig aufschließt, wird die Großmutter die ewige Herrlichkeit bald sehen und sehr glücklich sein. – Aber nun, du gute Pucki, mach mir noch die letzte Freude und lies mir die Leidensgeschichte vom Herrn Jesus vor, der sterben mußte, um wieder aufzuerstehen. Dann wird der Großmutter sehr wohl sein.«
»Soll ich dir nicht die Geschichte lesen, wo der liebe Gott in den Himmel fliegt?«
Die Lippen der alten Frau bewegten sich, und Pucki hörte die geflüsterten Worte:
»Ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.«
Pucki kannte diese Worte, sie standen auch in dem Buche, das ihr gehörte. Wenn die Schmanzgroßmutter diese Geschichte hören wollte, würde sie sie lesen. Freilich, das ging nicht so glatt wie die andere, die sie sich daheim sehr oft vorgelesen hatte.
Die Schmanzgroßmutter lag still, in den gefalteten Händen die blauen und weißen Blümchen. Sie hatte die Augen geschlossen und sah aus, als ob sie schliefe.
Leise, wie es die Mutter wünschte, begann Pucki zu lesen:
»Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis in die neunte Stunde. Und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. Jesus rief laut und sprach: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.«
Die Kleine wollte weiterlesen, aber zunächst blieb ihr Blick wie gebannt an dem Gesicht der Schmanzgroßmutter hängen. Es schien heute noch heller zu leuchten als damals, als Rose der Alten zum ersten Male eine Geschichte vorgelesen hatte.
»Großmutter«, sagte sie leise flüsternd, »ist's sehr schön, was ich dir vorlese? – Großmutter, bist du eingeschlafen? – Großmutter – Schmanzgroßmutter – –«
Eine Tür wurde geöffnet. Die Bäuerin schaute in das Zimmer, trat leise an das Bett heran, betrachtete die Schlafende und begann zu weinen.
»Nun ist sie gestorben, die gute Mutter.«
Leises Erschauern überlief den Körper des Kindes. Aber vor der guten Schmanzgroßmutter konnte sie keine Angst empfinden. Sie lag mit so freundlichem Gesicht in den Kissen, als ob sie einen wunderschönen Traum hätte.
Die Bäuerin weinte noch immer leise.
»Wir wollen ganz still sein«, sagte Pucki, »wenn sie schläft, darf man sie nicht stören.«
»Dein Leben ist Mühe und Arbeit gewesen, Mutter, du hast dir die ewige Ruhe verdient. Der liebe Gott wird dich mit Freuden in seinen Himmel aufnehmen.«
Da horchte Pucki auf. – Was hatte die Großmutter vorhin gesagt, ehe sie eingeschlafen war? Der liebe Gott solle der Schmanzgroßmutter die Himmelstür gnädig aufschließen. – Ob er es wohl tat? – Freilich, der liebe Gott war ja so gut.
Vorhin, als sie mit dem Vater aus dem Walde gekommen und über die Wiesen geschritten war, hatte das Kind viele Himmelschlüssel gesehen, die gerade jetzt zum Osterfest erblüht waren.
»Ich weiß«, flüsterte der Kindermund, »jetzt bringe ich der guten Großmutter einen Himmelschlüssel. Dann schließt sie sich die Tür zum lieben Gott selbst auf, damit sie dort oben froh und glücklich sein kann.«
Lautlos huschte Pucki aus dem Zimmer, wählte draußen auf der Wiese das schönste Himmelschlüsselchen aus, das sie finden konnte, und trug es bewegten Herzens hinein zur Schmanzgroßmutter. Vorsichtig steckte sie es zu den anderen Blumen in die gefalteten Hände der Toten.
»Jetzt wirst du schon in den Himmel hineinkommen, Schmanzgroßmutter. – Soll ich dir nun noch was vorlesen? Wie der liebe Gott in den Himmel fuhr?«
Die Schmanzbäuerin weinte noch immer, sie kümmerte sich nicht um das kleine Mädchen. Da nahm Pucki erneut das Buch vor und flüsterte leise:
»Und der Herr, nachdem er mit den Jüngern geredet hatte, ward aufgehoben in den Himmel und sitzet zur rechten Hand Gottes.«
Erst als der Vater zurück zur Schmanz kam, trippelte Pucki ihm entgegen und sagte leise, daß die Schmanzgroßmutter nun für immer schliefe.
»Denke dir, Vati, sie ist eingeschlafen, als ich ihr eine Geschichte vorgelesen habe. Sie macht auch beim Schlafen ein frohes Gesicht. – Nun ist sie glücklich, denn sie kann gleich in den Himmel hinein.«
Förster Sandler nahm seine Tochter in die Arme und küßte sie innig. Er freute sich darüber, daß seine Pucki der alten Schmanzgroßmutter noch kurz vor dem Sterben eine große Freude hatte bereiten dürfen.
Pucki und ihre Freunde
Inhaltsverzeichnis
Tausend Freunde
Das Rückenkissen
Freude für alle
Ich glaube es nicht
Das Himmelskästchen
Geheimnisvolle Vorbereitungen
Das Sportfest
Schlimme Taten
Mutterliebe
Die allerbeste Freundin
Tausend Freunde
Inhaltsverzeichnis
Hedi, die achtjährige Tochter des Försters Sandler, die man weit und breit nur als Pucki Sandler kannte, stand auf einem Stuhl und betrachtete mit nachdenklicher Miene den dicken Abreißkalender, der im Wohnzimmer an der Wand hing. Ihr um vier Jahre jüngeres Schwesterchen Waltraut blickte ebenfalls voller Erwartung zu den Blättchen auf, die Pucki durch die Finger gleiten ließ.
»Es dauert noch lange, bis wir den Kuchen bekommen.«
»Wie lange noch?« fragte Waltraut.
Pucki suchte im Abreißkalender und behielt ein ganzes Päckchen Blätter zwischen den Fingern.
»Diese Blättchen müssen alle erst abgerissen sein, dann hat der Vati Geburtstag, dann kommt der große Freund, und dann gibt es endlich den Kuchen mit den vielen Rosinen. – Ach, der schmeckt so gut!«
»Och«, sagte Waltraut betrübt, »noch so viele Blättchen! – Wollen wir nicht machen, daß wir schneller den Kuchen bekommen?«
Pucki tippte mit dem Fingerchen auf den 24. Mai. »Hier gibt es Kuchen, bis dahin müssen wir noch furchtbar lange leben. Jedes Blatt ist ein Tag. – Ach, sieh mal, Waldi, so oft müssen wir noch schlafen gehen!«
Waldi bemühte sich ebenfalls, auf den Stuhl zu steigen, doch gelang es der Vierjährigen nicht.
»Waldi will auch sehen, wann es Kuchen gibt!«
Pucki nahm den Kalender von der Wand, legte ihn auf den Stuhl, und dann beugten sich die beiden Kinder interessiert über die Blätter.
»Wo gibt's Kuchen?« fragte Waldi noch einmal.
Abermals suchte Pucki im Kalender, bis sie den 24. Mai gefunden hatte.
Da lachte Waltraut lustig auf. Ihre kleinen Hände ergriffen mehrere Blättchen und rissen sie ab. Pucki legte beide Hände auf den Rücken und schaute wortlos dem Treiben der kleinen Schwester zu. Als der Fußboden mit zahlreichen Zetteln besät war, sagte Pucki nachdenklich:
»Es wird uns nichts nützen, wir werden was auf die Finger bekommen, aber keinen Kuchen.«
Waltraut hingegen jubelte hell auf und meinte, man brauche nun nicht mehr so oft schlafen zu gehen, und der Kuchen mit den vielen Rosinen müsse bald gebacken werden. Sie war gerade im Begriff, nach der Küche zu eilen, um die Mutti an diese wichtige Arbeit zu erinnern, als die Försterin ins Zimmer trat.
»Was ist denn hier geschehen?«
Pucki stand noch immer unbeweglich da, während Waltraut strahlend auf den Kalender wies: »Waldi hat gemacht, daß der Vati jetzt Geburtstag hat! Bäckst du nun den Kuchen?«
»Wer hat euch erlaubt, den Kalender von der Wand zu nehmen und die Blätter abzureißen?«
»Es hat so furchtbar lange gedauert, Mutti, bis der Vati Geburtstag hat«, erklärte Pucki. »Wir haben uns den Kalender immerfort angesehen.«
Die Folge war, daß die beiden Kinder einige Klapse auf die Finger bekamen und die Blätter zusammensuchen mußten.
»Für dich wäre es besonders schlimm, Pucki, wenn der Vater heute Geburtstag hätte, denn dein Geschenk ist noch lange nicht fertig. Oder hast du heute schon an dem Lesezeichen gestickt?«
»Nein«, sagte Pucki kleinlaut, »ich hatte so viel anderes zu tun, Mutti!«
»Dann geh sofort an die Arbeit. – Wie steht es mit den Schularbeiten? Bist du damit fertig?«
»Ich hatte doch so viel anderes zu tun, Mutti, und nachher kommt der Fritz Niepel, der hilft mir. Dann geht es viel schneller, dann brauche ich nicht erst zu rechnen.«
»Schämst du dich nicht, Pucki, so was zu sagen? Fritz darf dir bei den Schularbeiten nicht helfen. Willst du denn ein dummes Mädchen bleiben? Was wird Vatis Freund sagen, der zu Pfingsten zu uns kommen will? Er ist ein netter Lehrer, der dich gewiß fragen wird.«
Pucki machte große Augen. »Noch ein Lehrer? – Ach, Mutti, wir haben in der Schule genug Lehrer! – Wenn er ein Lehrer ist, soll er lieber nicht herkommen.«
»Das war wieder recht unartig, mein Kind. Onkel Strenke ist Vaters guter Freund, den kennt er schon seit seiner Kindheit. Der Vater freut sich darauf, seinen früheren Schulkameraden wiederzusehen. Und da willst du sagen, er soll nicht kommen?«
»Wenn es doch lieber ein Forstmann wäre, Mutti, dann könnte er kommen und lange, lange hierbleiben. An Vatis Geburtstag haben wir doch gerade Ferien, was soll denn dann ein Lehrer bei uns?«
»Du hörtest, daß Onkel Strenke Vaters Freund ist, Vatis einziger Freund.«
»O je, warum hat er nicht viele Freunde?«
»Weil er nicht mit jedem Menschen Freundschaft schließt.«
»Aber ich habe doch so viele Freunde, Mutti.«
»Dummerchen, du weißt gar nicht, was Freundschaft ist, dazu bist du noch viel zu klein.«
»Oh, Mutti, ich weiß, was Freundschaft ist! Wenn man jemanden sehr lieb hat und ihm immerfort eine Freude machen möchte. Wenn man immerfort mit ihm spielen möchte. – Der Harras ist mein Freund!«
»Der Harras ist doch ein Hund, Pucki.«
»Man kann doch auch einen Hund zum Freund haben! Der Onkel Oberförster hat neulich gesagt, der Greif sei sein bester Freund. Der Greif ist doch auch ein Hund.«
»Gewiß, mein Kind, man kann auch mit Tieren Freundschaft schließen.«
»Und Peter, unser lieber Kater, ist auch mein Freund, und die süßen Zicklein und das rosa Schweinchen und dann alle die Piepvöglein im Walde auch. Du, Mutti, die kennen mich, sie wissen ganz genau, daß sie meine Freunde sind.«
»Gewiß, Pucki, so lange du noch ein kleines Mädchen bist, ist es lieb von dir, alle Tiere zu guten Freunden zu haben. Doch wenn du groß geworden bist, sind die Tiere alle längst gestorben, oder du denkst nicht mehr an sie. Eine Freundschaft soll aber das ganze Leben hindurch dauern. Freunde sollen bis ins hohe Alter zusammenhalten, sollen Freud und Leid miteinander teilen, sollen sich beistehen – –«
»So mache ich das auch mit Harras.«
»Gewiß, mein Kind, doch wenn man von Freundschaft spricht, denkt man zuerst an die Menschen.«
»Ach, da habe ich noch viel mehr Freunde! Der Paul, der Walter und der Fritz Niepel. – Den Paul kann ich freilich nicht recht leiden, er ist zu frech!«
»Dann ist er auch nicht dein Freund. Freunde hat man sehr gern.«
»Na, dann ist der Paul eben nicht mein Freund, aber die Rose Scheele und der Oberförster Gregor und sein Junge, der große Claus! Ach, Mutti, der ist mein allerbester Freund, mit dem will ich auch Not teilen, wie du eben gesagt hast. – Ach ja«, sagte sie nachdenklich, »der große Claus ist mein allerbester Freund. – Sag mal, Mutti, hast du auch einen Freund?«
»Einen Freund habe ich nicht, Pucki, aber eine sehr liebe Freundin, mit der deine Mutti regelmäßig Briefe wechselt. Alles, was sie erlebt, erfahre ich, und sie weiß wieder, was im Forsthause vorgeht. Wir haben uns schon in der Schule sehr lieb gehabt.«
»Und jetzt ist sie alt?«
»Genau so alt wie deine Mutti.«
Pucki legte die Arme um den Hals der Försterin. »Mutti, hast du die Freundin lieber als mich?«
»Kleines Schäfchen, du bist doch mein Töchterchen, eine Mutti hat zu allererst ihre Kinder lieb.«
»Hast du mich auch lieb?« fragte Waltraut, kam angelaufen und stieß Pucki ziemlich unsanft zur Seite.
»Gehste weg!« schrie Pucki. »Du kannst ja noch nicht mal lesen und schreiben. Ich bin auch schon viel länger bei der Mutti als du! – Nicht wahr, Mutti, deswegen hast du mich auch lieber?«
»Nein, Pucki, ich habe euch alle drei ganz gleich lieb.«
Pucki zog die Nase kraus. »Auch den kleinen Knubbel, der im Wagen liegt und immer schreit?«
»Ja, Pucki! Ihr seid meine drei lieben Mädchen. Alle drei sind mir ganz gleich lieb, das merke dir.«
»Ich bin aber schon am längsten bei dir, Mutti. Und wenn du uns jeden Tag lieb hast, habe ich die meisten Tage deine Liebe bekommen! Ätsch, Waltraut, mich hat die Mutti doch lieber!«
Der Streit, der wieder auszubrechen drohte, wurde von Frau Sandler rasch geschlichtet. Sie wußte, ihre beiden Kinder waren recht lebhafte Mädchen, die sich jedoch herzlich liebten. Vor drei Monaten war noch ein drittes Mädchen ins Sandlersche Haus gekommen, das den Namen Agnes erhalten hatte.
»Ist gut so«, sagte Pucki, »bei Niepels sind ja auch drei Jungen, da hat jetzt jeder eine Freundin.«
Die Drillinge von dem Gut, das kaum zwanzig Minuten von dem Forsthause entfernt war, weilten oft auf Besuch bei Sandlers, und ebenso oft waren Hedi und Waltraut dort eingeladen. Die Drillinge waren zwar zwei Jahre älter als die Sandlersche Älteste, doch die beiden kleinen Mädchen fanden, daß es sehr fröhlich war, mit ihnen zu spielen, in den Ställen herumzulaufen oder auf dem Gutshofe allerlei lustige Spiele zu treiben. –
Lange dauerte die friedliche Stimmung zwischen den beiden Schwestern aber nicht.
»Ich habe viel mehr Freunde als du«, sagte Pucki zu Waldi. »Ich habe noch den Fritz Lange, den Georg Rabe und den Kuno Meister. Ach nein, den mag ich nicht leiden, aber die Thusnelda, die Marie, die Grete und alle anderen aus der Schule, alle sind meine Freunde. – Ätsch, so viele hast du nicht!«
»Die Waldi hat auch viele Freunde!« meinte die kleine Schwester dagegen.
»Aber ich habe tausend!«
»Und ich habe sieben!«
»Hahaha«, lachte Pucki und spreizte die Fingerchen. »Sieh mal, das sind sieben! Aber tausend! Tausend ist so groß wie die ganze Welt!« Sie umschrieb mit beiden Armen einen Kreis. »Das sind tausend Freunde. Aber du – o je, nur sieben! Das ist ja nur bis zu meinem Zeigefinger von der anderen Hand.«
»Sieben ist viel mehr als tausend«, stritt Waldi.
Pucki schrie fast vor Lachen. »Komm du nur erst in die Schule, dann wird man dir schon sagen, was tausend ist! – Na, ich habe eben tausend Freunde!«
»Du sollst nicht so übertreiben«, mahnte die Mutter. »Tausend Löcher hat dir die Mutti schon gestopft, die du in die Strümpfe gerissen hast. – Tausend Freunde hat kein Mensch, Pucki.«
»Du auch nicht, Mutti?«
»Nein, mein Kind, ich sagte dir schon, daß ich nur noch eine einzige Freundin habe. Sie ist mir daher sehr ans Herz gewachsen. Alle anderen Freundschaften aus der Schulzeit sind entschwunden. Und doch haben wir uns damals in allen Klassen ewige Freundschaft zugeschworen. Deine Mutti hat sogar noch ein Poesiealbum mit vielen Versen von Liebe und Freundschaft.«
»Was ist das für ein Album, Mutti?«
»Wenn du erst größer geworden bist, mein Kind, bekommst du auch solch ein Album. Es ist später eine sehr liebe Erinnerung an die Schulkameradinnen.«
»Ach, Mutti, ich möchte gern mal das Album sehen!«
»Pucki, denke an deine Schularbeiten und an das Lesezeichen für den Vater.«
Hedi sprang auf den Schoß der Mutter, legte schmeichelnd ihren Kopf an deren Schultern und sah sie mit ihren blauen Augen so bittend an, daß Frau Sandler lächeln mußte.
»Mutti, nachher sticke ich auch so schnell wie die Minna, ach, noch viel schneller! Ich werde mir auch vom Fritz beim Rechnen nicht helfen lassen, aber – zeige mir das Album.«
»Dann komm, Pucki.«
Frau Sandler ging zum Schreibtisch, schloß einen der Schübe auf und entnahm ihm ein kleines braunes Buch, das auf dem Deckel in großen goldenen Buchstaben das Wort »Poesiealbum« trug. Pucki buchstabierte angestrengt an diesem Wort herum.
»Ein schönes Buch – aber ein schweres Wort. – Mutti, was steht nun drin?«
Frau Sandler schlug die Seiten auf. Überall waren Verse niedergeschrieben, auf den gegenüberliegenden Seiten klebten bunte Bilder.
»Ist das eine schöne Poesie!«
»Das sind Verse von Mädchen, die einst mit mir in die Schule gingen«, erklärte Frau Sandler. »Sie wünschten mir Gutes fürs spätere Leben. Sieh her, Pucki, dieser Vers stammt von meiner Freundin Erika, an die ich heute noch Briefe schreibe.«
»Lies mal, Mutti!«
»Nein, Pucki, sei nicht so bequem, lies doch selbst.«
»Sehr hübsch, sehr hübsch«, sagte Pucki und schlug das Blatt um. »Ach, guck, Mutti, das hübsche Bild!«
»Ich denke, du wolltest die Verse lesen?«
Pucki lief zu einem Sessel, setzte sich hinein, verschränkte die Arme über der Brust und sagte schmeichelnd: »Nun lies mal, Muttilein!«
Frau Sandler klappte das Album wieder zu und wollte es im Schreibtisch verschließen. Da war Pucki mit wenigen Sprüngen an ihrer Seite. »Na, dann mal los. – Wo ist der Vers von der Erika?«
Die Försterin schlug wieder das Album auf, Pucki tippte mit dem Fingerchen auf den kurzen Vers und begann zu lesen:
»Kennst du das Blümchen am – am – –
Mutti, das haben wir noch nicht gehabt, das ist so schwer.«
Frau Sandler half lächelnd nach. »Am moosigen Quell.«
»Moosigen Quell«, wiederholte Pucki.
»Es leuchtet in deinem Leben so hell,
Blau ist die Farbe, strahlend sein Licht,
Die Freundschaft nennt es: Vergißmeinnicht.
Dies schrieb in herzlicher Freundschaft Deine Freundin
Erika Ranft.«
»Diese Freundschaft ist geblieben, Pucki. – Ich habe Erika nie vergessen. – Und hier, lies einmal diesen Vers, der von einer anderen Schulkameradin stammt. Wir beide sind sehr bald auseinandergekommen.«
»Mutti, jetzt bist du dran zu lesen.«
»Rosen, Tulpen, Nelken,
Diese Blumen welken,
Eisen, Stein und Marmor bricht,
Aber unsere Freundschaft nicht.«
»Oh, der ist schön«, jubelte Pucki. »Jetzt frage ich den großen Claus, ob er auch so ein Buch hat. Dann schreibe ich ihm das in sein Buch. – Mutti, ich muß auch so ein Buch haben, dann laß ich meine tausend Freunde einschreiben. Alle müssen mir aber auch so ein hübsches Bild einkleben, denn das ist noch viel schöner als der Vers.«
»Solch ein Album ist eine liebe Erinnerung. Wenn du erst älter geworden bist, darfst du dir eines wünschen.«
»Kann ich es mir nicht gleich wünschen, Mutti, weil es so schön ist?«
»Man muß nicht alles sofort haben wollen, mein liebes Kind.«
Frau Sandler wollte das Poesiealbum wieder einschließen, da fand Pucki ein zweites Buch, das dem Album ganz ähnlich sah. Schon hielt sie es in den Händen und blickte fragend zur Mutter.
»Ist das auch so ein Buch, wo die große Freundschaft eingeschrieben wird?«
»Nein, Pucki, das ist Muttis Tagebuch.«
»Tagebuch?« wiederholte das Kind gedehnt. »Was steht denn in dem Tagebuch?«
»Alles das, was deine Mutti an jedem Tag erlebte, was sie freute oder was ihr weh tat.«
Pucki überlegte ein Weilchen. »Mach doch mal auf, Mutti!«
Frau Sandler schlug das Buch auf.
»Oh – –« stammelte Pucki, »hat dir so oft was wehgetan, daß so viele Seiten vollgeschrieben sind?«
»Nein, Pucki, so ist das nicht gemeint. Alle wichtigen Ereignisse meines Lebens sind hier niedergeschrieben. An jedem Tage, an dem etwas geschah, was nicht alltäglich ist, schrieb die Mutti es in das Buch.«
»Was haste denn da alles geschrieben?«
»Als du in unser Haus kamst, wurde es vermerkt, auch als Waldi kam.«
»Und als Agnes kam?«
»Das steht auch hier, mein Kind.«
»Nein, Mutti, soviel Arbeit würde ich mir nicht machen! Ich muß schon so viel für die Schule schreiben.«
»Ein Tagebuch ist auch nur für Erwachsene.«
»Ob der Claus auch so ein Tagebuch hat?«
»Das weiß ich nicht. Auf jeden Fall ist solch ein Tagebuch etwas sehr Schönes.«
»Warum schließt du es denn wieder ein?«
»Weil niemand zu wissen braucht, was ich in dieses Buch geschrieben habe.«
»Na, dann brauchst du es doch gar nicht erst aufzuschreiben. – Hast du niemals in solch ein Buch von anderen hineingesehen?«
»Ja, Pucki, einmal habe ich es getan.«
»Mutti«, flüsterte Pucki am Ohr der Förstersfrau, »da bist du aber neugierig gewesen, hast das Buch aufgeschlagen und ein bißchen reingeguckt?«
»Nein, mein Kind, neugierig bin ich damals nicht gewesen, es kam ganz durch Zufall. Doch das ist eine lange, traurige aber wunderschöne Geschichte.«
»Au, dann erzähle mal!«
»Eine Geschichte der Freundschaft.«
»Die muß ich hören, liebe, liebe Mutti, weil ich doch so viele Freunde habe. Mit der Rose Scheele, die schon zweimal im Sommer bei uns war, habe ich auch Freundschaft geschlossen und mit dem Fritz Niepel auch.«
»Dabei zankst du dich beständig mit dem Fritz. – Nein, Pucki, das ist noch keine Freundschaft. Freundschaft muß Opfer bringen können.«
»Nun erzähle rasch mal von dem Opfer und der Freundschaft!«
»Vielleicht wirst du es noch nicht ganz verstehen, mein Kind, trotzdem werde ich es dir erzählen. Ich möchte wünschen, daß diese Geschichte für dich unvergessen bleibt. Du kannst daraus ersehen, was Freundschaft vermag.«
»Nu erzähle doch, Mutti!«
»Die Freundin, von der ich sprechen werde, ist dieselbe, die mir in mein Album jenen Vers schrieb, den du vorhin gelesen hast.«
»Die Erika?«
»Ja, die Erika. – Sie war ein Jahr älter als ich, ein sehr fleißiges und tüchtiges Mädchen. Sie verließ ein Jahr früher als ich die Schule und nahm sehr bald eine Stellung als Kinderfräulein an. Deine Mutti wollte gern Säuglingsschwester werden. Das sind junge Mädchen, die die ganz kleinen Kinder bewachen und betreuen müssen.«
»So wie du es jetzt mit der Agnes machst?«
»So ähnlich, Pucki. Deine Mutti hatte leider kein Geld, um diesen Beruf zu erlernen.«
»Hat dir Vati denn nichts gegeben?«
»Den kannte ich damals noch nicht.«
»Was – den Vati hast du nicht gekannt?«
»Sei doch endlich still! Du sollst mich nicht immer unterbrechen.«
»Jetzt bin ich ganz still, Mutti. Bitte, bitte, erzähle weiter, wie du das kleine Kindchen behüten wolltest.«
»Deine Mutti wußte nun gar nicht, was sie beginnen sollte. Sie wollte etwas lernen und hatte kein Geld dazu. Da schrieb mir eines Tages meine Freundin Erika, ich möchte mich ruhig als Säuglingsschwester anmelden, denn die Ausbildung koste nicht so viel, wie ich anfangs glaubte. Deine Mutti bekam auch bald den Bescheid, daß man sie für wenig Geld annehmen wolle. So wurde es mir möglich, meine Ausbildung als Schwester zu beginnen. Ich war sehr erfreut darüber, daß man von mir viel weniger Geld verlangte als von meinen Mitschülerinnen, doch konnte ich mir das nicht erklären. Ich machte das Examen, nahm eine Stellung an und habe dann bald geheiratet.«
Pucki blickte die Mutter verständnislos an.
»Als ich verlobt war, suchte ich meine Freundin Erika auf. Sie hatte eine Stellung als Stütze bei einer Hausfrau angenommen, eine schwere Stellung. Sie mußte von früh bis spät arbeiten und hatte kaum eine freie Stunde. Erika sah sehr abgearbeitet und elend aus. Ich stand in ihrem Stübchen und erwartete sie, weil sie von der Hausfrau gerufen worden war. Da sah ich ein Buch auf dem Tisch liegen, das ich aufschlug. Es war Erikas Tagebuch.«
»Da haste rasch ein bißchen gelesen?«
»Ich hätte es nicht tun dürfen, Pucki. Meine Augen fielen gerade auf meinen Namen. Da las ich, daß Erika fast meine gesamte Ausbildung bezahlt hatte. Sie selbst gönnte sich während meiner Ausbildungszeit kein Vergnügen. Jeden Pfennig sparte sie für mich, weil sie wußte, daß ich nichts besaß und das Examen machen wollte. In dem Buch stand, daß sie sich gern einmal ein Vergnügen gegönnt hätte. Doch es ging ja nicht, weil sie für mich alles hingab.«
»Mutti, hat sie sich nicht mal ein Stückchen Schokolade gekauft?«
»Nein, mein Kind, nicht die kleinste Leckerei konnte sie kaufen. Sie hatte ihre leichte Stelle aufgegeben und eine viel schwerere angenommen, weil sie dort besser bezahlt wurde. Sie brauchte mehr Geld, weil meine Ausbildung immer teurer wurde. Ich habe nichts davon geahnt und freute mich nur, daß ich so vieles lernen konnte. Niemals habe ich daran gedacht, daß Erika meinetwegen entbehren mußte. – Siehst du, das geschah aus Liebe, aus treuer Freundschaft zu mir. Sie hat es gern getan. – Und nun wirst du begreifen, meine kleine Pucki, was Freundschaft ist.«
»Nicht mal ein Stückchen Schokolade! – Ist sie auch nicht ins Kasperletheater gegangen oder Karussell gefahren?«
»Alles Geld, das sie verdiente, hob sie für mich auf.«
»Mutti«, sagte Pucki kleinlaut, »muß man das immer so machen, wenn man Freunde hat?«
»Man muß stets daran denken, dem anderen etwas Liebes zu erweisen. Doch vorläufig bist du noch viel zu klein, um den wahren Sinn der Freundschaft zu erfassen. Später wirst du es lernen.«
»Ich möchte es aber bald lernen, Mutti, denn ich will recht viele Freunde haben. – Mutti, es muß schön sein, viele Freunde zu haben.«
»Ja, Pucki, Freundschaft macht sehr glücklich.«
»Steht nun in deinem Tagebuch auch so was Schönes drin?«
»Gewiß, Pucki, liebe und traurige Erinnerungen.«
»Weißt du, Mutti, ich möchte auch ein Tagebuch haben! Ich habe doch auch traurige Erinnerungen. – Weißt du noch, wie der Paul vom Baum gefallen ist? Und wie sich der liebe Harras den Schwanz einklemmte, und wie die alte Schmanzgroßmutter gestorben ist?«
»Das brauchst du vorläufig noch nicht niederzuschreiben, mein Kind.«
»Na, ich wünsche mir zu meinem Geburtstag auch so ein Tagebuch, dort schreibe ich alles rein. Und wenn es mir mal irgendwo weh tut, schreibe ich es auch auf.«
In diesem Augenblick ertönte aus dem Garten lautes Schreien. Waltraut lag auf der Nase und hatte sich beide Knie blutig geschlagen. Harras, der Jagdhund, stand neben ihr und rieb seinen braunen Kopf an Waldis Rücken, als wolle er die Weinende trösten.
»Lauf rasch, Pucki, hole Waltraut herein, damit wir ihr die Knie abwaschen.«
»Ach ja«, seufzte Pucki und lief schnell aus dem Zimmer.
Draußen schrie sie Waltraut an: »Fall doch nicht immerzu hin! Wenn du noch nicht richtig laufen kannst, bleibe hübsch sitzen!«
Waltraut lief schluchzend ins Haus. Pucki nahm Harras um den Hals und sagte zärtlich: »Nicht wahr, lieber Harras, wir beide sind zusammen gute Freunde. Wenn ich erst mal Geld verdiene, spare ich für dich und kaufe dir eine große Wurst. – Hast du mich auch lieb, Harras? Bist du auch mein großer Freund?«
Da setzte sich Harras auf die Hinterbeine und reichte Pucki beide Vorderpfoten, als wolle er dadurch seine große Freundschaft bekräftigen.
Das Rückenkissen
Inhaltsverzeichnis
Pucki hatte von der Mutter den Auftrag bekommen, dem Vater die Kaffeetasse auf den Tisch zu stellen und dafür zu sorgen, daß er einen warmen Nachmittagstrunk hätte, wenn er aus dem Walde käme. Pucki war über solche Aufträge stets hocherfreut und machte Minna, dem treuen Hausmädchen, damit das Leben schwer. Mehrfach mußte Minna dem Kind verweisen, den Finger nicht in den Kaffeetopf zu stecken, um zu fühlen, ob der Kaffee für Vati auch warm genug sei. Pucki trug selbst den Zucker, die Milch und das Brot auf den Tisch und lief, wenn alles fertig war, immer wieder ungeduldig zur Gartenpforte, um nachzusehen, ob der Vati nicht bald käme.
So war Pucki auch heute wieder voller Ungeduld. Nachdem sie sich überzeugt hatte, daß der Kaffee in der Küche dampfte, nahm sie an der Gartenpforte Aufstellung und wartete. Harras kündigte durch lautes Bellen das Kommen des Försters an und eilte dem kleinen Mädchen schweifwedelnd entgegen.
»Weidmannsheil, Vati, heute mache ich dir den Kaffee, er ist ganz heiß. Ich habe mir beinahe den Finger verbrannt.«
»Weidmannsdank, Pucki, der Vati freut sich auf den Kaffee und auf die Ruhestunde, der Vati ist heute ganz besonders müde.«
»Das ist schön, Vati, dann legst du dich nachher auf das Sofa, und ich decke dich zu.«
Wenige Minuten später kam der Förster an den Kaffeetisch. Pucki rückte ihm den großen Stuhl zurecht und schrie aufgeregt nach Minna, die die Kanne mit dem Kaffee hereinbringen sollte.
»Ist er auch schön heiß?« fragte Pucki.
Minna lachte nur und ging wieder hinaus. Sie mußte sich um die kleine Agnes kümmern, da die Försterin heute mit Waltraut nach Rahnsburg gegangen war.
Förster Sandler setzte sich in den bequemen Stuhl.
»Pucki, lauf und hole mir noch ein Kissen, der Vati hat heute einen krummen Rücken.«
Pucki brachte ein Kissen herbei und stopfte es dem Vati so energisch in den Rücken, daß er einen leisen Schmerzensschrei hören ließ. Dann zog er das Kissen ein wenig höher.
»Hast du noch ein Kissen, Pucki? Der Vater möchte heute recht mollig sitzen.«
Das kleine Mädchen drehte sich auf dem Absatz einige Male um sich selbst und ließ die Augen im Zimmer herumgehen. »Auf einem sitzt du schon, Vati, eins hast du im Buckel, und das andere habe ich rasch dem Harras hingetragen, weil er vielleicht auch sehr müde ist.«
»Dann hole mir aus dem Nebenzimmer das hübsche gelbe Kissen.«
»Darf ich nicht, Vati – das Kissen mit der schönen Bommel darf ich nicht nehmen. Weißt du, Mutti hat mal gescholten.«
»Nun, dann lassen wir es sein, Kind, es geht auch ohne das Kissen.«
»Wenn du doch aber so müde und krumm im Rücken bist, Vati? – Soll ich dir meinen Mantel holen? Ich roll' ihn ganz fest zusammen; das macht der Paul Niepel immer so, wenn er sich im Wald niedersetzt.«
»Laß nur, Pucki. – Nun erzähle mir mal, was du heute gemacht hast.«
Hedi Sandler berichtete von ihren Erlebnissen in der Schule, unterbrach sich aber ganz plötzlich und sagte: »Vati, ist ein Stuhlkissen nicht viel was Schöneres als ein Lesezeichen?«
»Wieso?«
Pucki machte ein pfiffiges Gesicht. »Mir ist eben ganz was Schönes eingefallen, aber ich sage es dir nicht! – Vati, ich muß rasch mal zur Minna hinauslaufen und sie was fragen.«
Schon eilte sie aus dem Zimmer und betrat das Kinderzimmer, in dem Minna den Säugling auf dem Arm wiegte.
»Ich weiß was, Minna! Wenn der Vater am 24. Mai Geburtstag hat, schenke ich ihm ein Kissen, damit er weich im Rücken sitzt. Und das Lesezeichen kannst du fertig sticken und ihm schenken. Aber du darfst nichts sagen, das ist mein schönes Geheimnis.«
»Mach nur das Lesezeichen fertig, darüber freut sich der Vater ganz bestimmt.«
»Ich möchte aber lieber ein Kissen machen.«
»Dazu brauchst du Stoff, dann muß es genäht werden. – Nein, Pucki, Mutti hat bestimmt, daß du ein Lesezeichen arbeitest, und dabei bleibt es.«
»Ich brauch' keinen Stoff!«
»So, woraus willst du denn das Kissen machen?«
Hedi ging in ihre Spielecke, riß aus dem Puppenwagen ein Stück Stoff heraus und hielt es mit glänzenden Augen der Minna hin. »Ätsch – das hat mir zu Weihnachten die Großmutti geschickt. Mutti hat gesagt, es sei zu schade für die Puppe, sie könnte daraus ein Kissen machen! – Ätsch, jetzt mache ich das Stuhlkissen für den Vati!«
»Da wird deine Puppe aber recht traurig sein, wenn sie die schöne Wagendecke hergeben muß.«
»Sie darf nicht traurig sein! Ach, Minna, ich freue mich, daß ich dem Vati ein Rückenkissen machen kann. Wenn er dann mal wieder einen krummen Buckel hat, lege ich ihm mein Kissen auf den Stuhl, dann freut er sich.«
Minna achtete nicht mehr auf das Geplauder von Hedi, die noch einmal den schönen Brokatstoff betrachtete. Das gab ein herrliches Kissen ab. Man brauchte den Stoff nur ringsherum zusammenzunähen und irgend etwas hineinzustopfen, damit das Kissen dick wurde. Was würden Vati und Mutti für Augen machen, wenn sie am Geburtstag mit dem Kissen erschien! In aller Heimlichkeit mußte es geschehen.
Als Pucki wieder neben dem Vater im Eßzimmer saß, hatte ihr Gesicht einen listigen Ausdruck.
»Na, na«, meinte der Vater, »was denkst du dir denn wieder aus, Pucki?«
Das Kind drückte beide Hände fest auf den Mund und schüttelte den Blondkopf.
»Ist es wieder ein Geheimnis, Pucki?«
»Wenn einer bald Geburtstag hat, Vati, darf man nichts sagen.«
»Nun gut, so will ich nicht weiter fragen.«
»Aber freuen wirst du dich! Es glitzert und hat bunte Blumen. – Mehr sage ich dir aber nicht!«
Seit dieser Stunde dachte Pucki beständig an das Geburtstagsgeschenk für den Vati. Sie wußte zwar nicht recht, wie sie das Rückenkissen fertigstellen sollte. Am anderen Morgen packte sie den Stoff in die Schulmappe, denn vielleicht konnte ihr Thusnelda, ihre Mitschülerin, einen guten Rat geben. Thusnelda wurde von Pucki in allen Dingen um Rat gefragt. Obwohl Thusnelda immer recht ärmlich gekleidet war und keinen Vater hatte, der für sie sorgen konnte, hatte Pucki gerade diese Klassenkameradin in ihr Herz geschlossen. Am ersten Schultage wanderte Puckis Schultüte in Thusneldas Hände, und sie trug auch Puckis Schuhe. Manches Kleidchen, das Pucki zu eng geworden war, hatte Thusnelda beglückt in Empfang genommen.
Vor Beginn des Unterrichtes bereitete Pucki den Brokatstoff, der natürlich von allen bestaunt wurde, auf der Bank aus.
»Ich mache meinem Vati zum Geburtstag ein Rückenkissen, damit er weich sitzt. – Habt ihr zu Hause auch solche Kissen, Thusnelda?«
»Nein.«
»Ich nähe das Kissen zusammen, dann stopfe ich Federn hinein, damit es hübsch weich wird.«
»Hast du denn Federn?«
»Nein – –«
»Meine Mutter stopft in die Betten Stroh«, sagte Thusnelda. »Wir haben auch keine Federn.«
Da Pucki bereits Sorgen hatte, woher sie Federn für das Stuhlkissen nehmen sollte, schien ihr Stroh ein rettender Ausweg zu sein. Warum sollte sie nicht auch Stroh in das Kissen stopfen können? Davon lag genug im Ziegenstall. Wenn sie etwas fortnahm, merkten die Eltern nichts, und die Überraschung gelang.
Pucki erkundigte sich eingehend bei Thusnelda, ob man auf einem Strohkissen auch gut liegen könne. Als Thusnelda das bestätigte, beschloß sie, gleich heute das Kissen zusammenzunähen und Stroh aus dem Ziegenstall hineinzustopfen.
Die Arbeit wurde zu Hause auch wirklich in Angriff genommen. Mit einer langen Stopfnadel nähte Pucki das Kissen zusammen. Endlich war diese schwere Arbeit getan. Dann schlich sie in den Ziegenstall.
»Paßt mal gut auf, Schwänzli und Leckerli, ich brauche euer Stroh. Ihr müßt dem Vati was abgeben, wie sich das für gute Freunde gehört.«
Schon zog Pucki das Stroh unter den Füßen der Ziegen weg.
»Puh –« sagte sie, »das geht nicht! Ich muß sauberes Stroh haben!« Sie suchte die sauberen Strohhalme heraus. Als sie ein gut Teil davon in den Händen hielt, wollte sie mit dem Stopfen beginnen. Dabei zeigte es sich, daß sie das Kissen an allen vier Seiten zugenäht hatte.
Für den heutigen Tag mußte die Arbeit unterbleiben, weil noch Schulaufgaben zu machen waren und die Mutter darauf drang, daß Pucki am Lesezeichen stickte. Sie tat es schweigend. Das Kissen mußte eine Überraschung werden, sie durfte also keine Silbe davon verraten.
Am nächsten Tag begann die Arbeit von neuem. Die eine Seite des Kissens wurde wieder aufgetrennt und das Stroh hineingestopft. Pucki preßte es mit aller Kraft in die Umhüllung und stellte enttäuscht fest, daß an allen Seiten die Halme durch die Nähte hindurchstachen.
»Die schneide ich einfach ab«, sagte sie zu sich.
Sehr große Schwierigkeiten machte das Zusammennähen der vierten Seite. Das Kissen sah aus wie eine Pauke. Nach zwei weiteren Tagen war die Arbeit jedoch vollendet. Freudestrahlend trug Pucki das Kissen ins Kinderzimmer, legte es auf einen Stuhl und setzte sich darauf, um es auszuprobieren. Ein leises Knacken und Krachen – da waren zwei Seiten aufgeplatzt. Das Stroh quoll heraus.
Wieder vergingen zwei Tage mit Überlegungen. Das mit Stroh gestopfte Kissen gefiel dem Kinde nicht. Es mußte etwas anderes zum Füllen gefunden werden. Und nun waren es die Niepelschen Drillinge, die ihr einen guten Rat gaben.
Pucki und Waltraut waren am Sonntag, wie schon oft, auf das Niepelsche Gut geholt worden, um mit den Knaben und dem kleinen Schwesterchen Dora zu spielen. Gutsbesitzer Niepel hatte seine drei Knaben aus der Rahnsburger Grundschule herausgenommen und ihnen einen Hauslehrer gegeben. Mit Herrn Hupfer schien er einen guten Griff getan zu haben. Er hielt die drei wilden Knaben ziemlich streng und sorgte für Ordnung. Freilich, mit Paul hatte er manchmal einen schweren Stand, denn Paul ersann manchen tollen Streich und verführte seine beiden Brüder Walter und Fritz zu den unglaublichsten Dummheiten. Aber gerade das übte auf Pucki große Anziehungskraft aus. Es war gar zu schön, mit den drei Knaben herumzutollen. Jedesmal, wenn sie und Waltraut bei Niepels waren, verschwand Pucki mit den Drillingen und ließ das Schwesterchen bei der vierjährigen Dora.
So auch heute. – Kaum hatte man den Kaffee getrunken, als Paul der Pucki verstohlen ein Zeichen machte. Die vier verschwanden aus dem Zimmer.
»Kommt«, flüsterte er draußen den anderen zu, »ich habe gesehen, daß die Tür zum Heuboden offen steht. Dort können wir uns verstecken. – Kommt schnell!«
Alle vier stiegen die steile Stiege zum Heuboden hinauf. Pucki warf sich begeistert in das duftende Heu.
»Du darfst dir davon was mitnehmen«, sagte Walter, »denn mit Heu stopft man die schönsten Kissen.«
Pucki griff in das weiche Heu. »Es riecht so schön! Au, ich nehme mir ein paar Arme voll mit, dann wird das Kissen besonders fein. Das sticht auch nicht so sehr wie das olle Stroh.«
»Und nun wollen wir erst mal Verstecken spielen«, meinte Paul.
Die Kinder vergruben sich tief ins Heu, wühlten Gänge von einem zum anderen und belustigten sich herrlich. Plötzlich ertönte ein lauter Schrei.
»Eine Maus!« brüllte Fritz, der kleinste der drei Knaben.
»Wo ist sie? Die schlagen wir tot!«
Pucki wühlte sich, so rasch es ging, aus dem Heu heraus und stellte sich vor Paul hin. »Du«, sagte sie mit warnend erhobenem Finger, »laß das kleine Mäuschen hübsch leben, es hat dir nichts getan.«
»Der Vater fängt auch Mäuse.«
»Mein Vater fängt sie auch, aber er fängt sie gleich so, daß sie nicht erst in Angst und Schrecken sind. Die Maus hier im Heu mußt du leben lassen. Wenn du der kleinen Maus ein Leid antust, hilft sie dir nicht, wenn du in den Zauberwald gehst.«
»Hahaha«, lachte Paul und tippte mit dem Finger auf die Stirn, »wo ist denn der Zauberwald?«
»Bei meinem Vati! In dem Zauberwald sind auch Mucki und Pucki, die beiden Kinder der Waldfrau, die mit Kienäpfeln nach den Leuten werfen, um sie zu necken.«
»Deswegen heißt du auch Pucki.«
»Nein, die Pucki im Walde ärgert die Leute immerfort, und ich ärgere sie nur ein bißchen.«
»Wenn der Wald von deinem Vater ein Zauberwald ist, mußt du dich doch fürchten, darin spazieren zu gehen«, sagte Fritz ein wenig ängstlich.
Pucki lachte. »Ich brauche mich nicht zu fürchten, denn alle Tiere im Walde haben mich lieb und alle Bäume auch. Sie sind alle meine Freunde. Ich tue aber den Tieren auch kein Leid an, und wenn wirklich mal der böse Zauberer käme und mich verhexte, würden alle Tiere kommen und mir helfen.«
»Dann werden die Tiere auch nicht helfen können«, meinte Paul.
»O doch – dem Fridolin haben sie auch geholfen. Und wenn mir die Tiere nicht helfen können, kommen die Heinzelmännchen. Die sind gut, die haben dem armen Schneider geholfen, sie haben mir auch schon mal geholfen. Dann kommen auch die kleinen Mäuschen, die du eben totschlagen wolltest, und helfen mir, denn dem Fridolin haben sie auch geholfen.«
Die drei Knaben kamen näher an Pucki heran, und Walter fragte: »Wer ist denn der Fridolin?«
»Das war ein kleiner Junge, der ging in den Wald, um Beeren zu suchen. Allen Tieren hat er geholfen und ihnen Krümchen von seinem Brot gegeben. Deshalb waren ihm alle Tiere sehr gut. Und wenn er sich zu den Ameisen setzte, nickten ihm die kleinen Ameisen freundlich zu.«
»Das ist ja dummes Zeug«, rief Paul. »Ich habe mich auch mal zu den Ameisen gesetzt, da sind sie mir in die Hosen und in die Jacke gekrochen und haben mich schrecklich gebissen. Noch drei Tage später sind sie an mir 'rumgekrochen. – Du, Pucki, der Fridolin hat sich ganz bestimmt nicht in einen Ameisenhaufen gesetzt.«
»Laß doch Pucki weitererzählen«, zürnte Fritz.
»Im Walde waren auch viele schwarze Käfer und niedliche graue Mäuschen, denen hat der Fridolin auch was geschenkt. Eines Tages aber kam der Zauberer und sagte: ›Hokus pokus, abra kadabra, jetzt wirst du verhext, denn hier ist der Zauberwald!‹ Dann hat er einen Zauberstab genommen und den Fridolin an einen Baum gebunden und mit tausend Stricken festgemacht, daß er sich gar nicht mehr bewegen konnte. ›Du Menschenjunge‹, hat er gesagt, ›jetzt wirst du langsam ein Baum. Du wirst immer mehr zusammenschrumpfen, nur wenn du dich losmachen kannst, bleibst du ein Mensch‹.«
»Ist der Fridolin zusammengeschrumpft?« fragte Fritz voller Spannung.
»Sssssssst – ist der Zauberer durch die Luft entwischt. Der Fridolin hat noch gehört, wie es ›Rrrrrrrrr‹ ging, dann war er allein und sehr traurig. – Aber auf einmal hörte er rings um sich her: ›Quik – quik – quik‹, und tausend kleine Mäuse kamen, immer mehr und noch mehr, die krabbelten an den Stricken hoch –«
»Hu, muß der sich gefürchtet haben! Wenn eine Maus an mir herumkrabbelt, schreie ich fürchterlich«, rief Fritz.
»Nein, Fritzchen, der Fridolin hat gar nicht geschrien. Er wußte, daß ihm die Mäuschen zu Hilfe kamen. Dann ging es: ›Knabber, knabber, krix, krax‹, und bald waren alle Stricke kaputt, und der Fridolin war frei. Da ist er froh und glücklich nach Hause gegangen.«
»Ist der Zauberer nicht mehr gekommen?«
»Nein. – Darum darf man keiner Maus was tun. Wenn ich mal von dem Zauberer an einen Baum gebunden werde, kommen auch tausend Mäuschen und knabbern.«
»Was du immer für verrückte Geschichten weißt, Pucki.«
»Das sind keine verrückten Geschichten, du dummer Paul, das ist so.«
Vom Hof herüber scholl lautes Rufen. Man suchte die Kinder, die sich zunächst noch still verhielten. Erst als Herr Niepel selber erschien und energisch nach den Kindern rief, steckte Pucki den Kopf aus der Tür des Heubodens heraus. Sie war über und über mit Heuhalmen behangen. Niepel brach in Lachen aus, als er das kleine Mädchen sah.
»Nun aber rasch herunter, sonst gibt es keinen Schokoladepudding.«
Das half! Schon eine Minute später waren alle vier zur Stelle. –
Als man abends die beiden Kinder nach dem Forsthaus Birkenhain fuhr, hütete Pucki einen kleinen Sack. Er enthielt die kostbare Füllung für das Rückenkissen.
Frau Sandler stand in der Tür, als der Wagen vor dem Forsthause anhielt. Pucki machte ein ängstliches Gesicht. Sie wollte unter keinen Umständen ihr Geheimnis preisgeben. So tuschelte sie schließlich mit dem Kutscher.
»Hast du den weißen Stein gesehen, an dem wir eben vorbeigefahren sind?«
»Natürlich habe ich den gesehen.«
»Nimm den kleinen Sack wieder mit und stelle ihn an den weißen Stein. Nachher hole ich ihn mir, denn die Mutti darf ihn nicht sehen. – Willst du das machen?«
»Ich werde den Sack lieber in den Garten legen.«
»Nein, nein, dort sieht man ihn. Bitte, lege ihn an den weißen Stein, er ist gleich dort hinten.«
Der gutmütige Kutscher erfüllte dem Kinde den Wunsch, hielt an dem bezeichneten Stein an und stellte das Säckchen mit dem Heu daneben. Dann fuhr er zurück nach dem Gut.
Puckis Absicht, den Sack noch am Abend ganz heimlich zu holen, mißlang. Es hatte sich inzwischen etwas ganz Neues und furchtbar Wichtiges im Forsthause ereignet. Der Vater fand auf seinem Rundgang ein Rehkitz, ein ganz junges Tierchen, das vergeblich nach der Mutter verlangte. Ob das Muttertier durch einen Wilderer abgeschossen oder verunglückt war, konnte nicht festgestellt werden. Es war unmöglich, das Kitz im Walde zu lassen. So hatte es Sandler heimgebracht, um es im Forsthaus mit der Flasche aufzuziehen.
Als nun Pucki und Waltraut vom Niepelschen Gute zurückkehrten, schauten sie entzückt auf das kleine, unbeholfene Tierchen. Während sich Waltraut darüber freute, daß das Rehlein von nun an im Hause bleiben würde, empfand Pucki innigstes Mitleid mit dem Tier.
»Nun rufst du immerfort nach der Mutti, und sie kommt nicht! – Ach, es ist schrecklich, wenn keine Mutti da ist, die dich streichelt und dir was zum Essen gibt.«
Pucki war nicht zu bewegen, von dem Rehkitz fortzugehen. Vergessen war der Sack mit dem Heu, der am weißen Meilenstein stand, vergessen das Abendbrot. Pucki saß bei dem kleinen Tier und strich ihm behutsam über das braune Fell.
»Was hast du für ein liebes, weiches Schnäuzchen und ein so schönes Fell.«
Förster Sandler kam, um nach dem Tier zu sehen.
»Vati, es sieht aus wie der Teppich in der Stube. So ein weiches Fell hat es, und genau so braune Augen wie die Blumen auf dem Teppich. Weißt du, ich meine den schönen Plüschteppich. Jetzt nennen wir das Rehkitz ›Plüschli‹, weil es sich wie der Plüschteppich anfaßt. – Nicht wahr, Plüschli, der Name gefällt dir gut?«
Voller Interesse schaute das Kind zu, wie der Vater dem Tier eine Flasche mit einem Sauger ins Maul steckte. Gierig sog das Tier die Milch ein.
Pucki klatschte hocherfreut in die Hände. »Oh, wie wird die Agnes schreien, daß du ihr die Flasche weggenommen hast! Morgen gebe ich dem Plüschli die Flasche. Darf ich das, Vati?«
»Es ist wohl besser, Pucki, wenn das der Vater zunächst selber besorgt.«
»Bitte, bitte, laß mich morgen dem Plüschli die Flasche geben.«
»Meinetwegen.« Sandler nahm sich aber vor, dabei zu sein, damit Pucki alles ordentlich besorgte.
Am anderen Morgen, in aller Frühe, war Pucki wieder bei dem Rehkitz. Dann stürmte sie zurück in die Küche.
»Minna, gib mir mal schnell die Flasche!«
Minna war eben dabei, die Milchflasche für die kleine Agnes zurechtzumachen, die durch lautes Schreien ankündete, daß sie erwacht war. Sie glaubte daher, Frau Sandler habe Pucki geschickt, um die Flasche mit der erwärmten Milch zu holen. So händigte sie dem Kinde die für Agnes bestimmte Milch aus.
Pucki lief sogleich zum Rehkitz. »So, Plüschli, jetzt bringt dir die Pucki die Milch. Nachher kann die Agnes was bekommen. Erst trink dich mal recht satt!«
Das kleine Tier machte einen langen Hals. Jauchzend schob ihm Pucki den Sauger ins Mäulchen.
»Ach, wie gut es ihm schmeckt! – Vati, Vati!«
Der Förster kam hinzu. »Pucki, was hast du denn da?«
»Plüschli wollte seine Milch haben!«
Herr Sandler nahm dem Rehkitz die Flasche fort, betrachtete sie einige Augenblicke und fragte streng: »Woher hast du diese Flasche, Pucki?«
»Die hat mir Minna gegeben. Du hast doch gesagt, ich kann Plüschli heute füttern. Es hat sich so gefreut.«
Schon kam auch Minna herbei, die durch Frau Sandler bereits von der Verwechslung erfahren hatte. Der Förster hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken, aber Pucki erhielt doch einen Verweis.
»Das ist doch die Milchflasche von deinem Schwesterchen«, zürnte Minna.
Pucki betrachtete die Flasche, die noch halb voll war. »Ach«, sagte sie, »die Agnes hat noch genug.«
Das Mißverständnis hatte keine üblen Folgen, nur mußte für Agnes nun ein neuer Sauger besorgt werden. Pucki begriff nicht recht, warum das nötig war. Sie hätte sich keinen Augenblick besonnen, mit Plüschli aus einer Flasche zu trinken.
Noch immer hockte sie neben dem kleinen Tier, als plötzlich die Mutter neben ihr stand.
»Pucki, vergißt du heute die Schule? Es ist höchste Zeit.«
Nun galt es, alles zusammenzupacken. Dabei fiel Pucki gar schwer auf die Seele, daß am weißen Meilenstein seit gestern abend der Sack mit dem Heu stand. Und der vierundzwanzigste Mai kam in bedrohliche Nähe. Gleich nach Schluß der Schule wollte Pucki den Sack mit dem Heu holen, um das Kissen zu stopfen.
In den ersten Schulstunden war Pucki sehr unaufmerksam, so daß ihr die Lehrerin, Fräulein Caspari, mehrfach mit dem Finger drohte. Und als ganz plötzlich ein starker Platzregen einsetzte, der kräftig gegen die Fensterscheiben trommelte, sprang Hedi Sandler mit beiden Füßen auf die Bank und schrie aus Leibeskräften:
»Der Sack wird naß!«
Fräulein Caspari, die gerade an der Tafel stand, fuhr erschrocken herum.
»Der Sack – – der Sack!« Pucki fuchtelte mit beiden Armen durch die Luft. »Jetzt ist er ganz naß. Ich habe vergessen, ihn zu holen, weil wir Plüschli im Hause hatten. – Ach, was mache ich nun? – Fräulein Caspari, trocknet der Sack schnell wieder?«
»Was ist denn mit dir los, Hedi?«
»Der Sack mit dem Heu – –«
»Erzähle einmal ganz ruhig, was mit dem Sack geschehen ist.«
Pucki war ans Fenster geeilt und blickte mit ängstlichen Augen zum grauen Himmel empor, der immer größere Regentropfen herunterschüttete.
»Kann ich nicht schnell mal nach Hause laufen?«
»Aber Hedi – du hast bis zum Forsthaus einen weiten Weg. Bei solch einem Regen geht kein Mensch auf die Straße hinaus.«
»Die Waldfrau ist schuld daran, die Waldfrau und Mucki und Pucki. Ich hab's schon lange gedacht, daß sie mich ärgern werden.«
Schließlich erfuhr die ganze Klasse von Puckis Sorgen.
»Stecke doch Sägespäne ins Kissen.«
»Oder Holzwolle«, sagte ein anderes Mädchen.
»Ich bringe dir morgen Hobelspäne mit«, erbot sich der Sohn eines Tischlermeisters.
»Dein Heu wird wieder trocken«, tröstete die Lehrerin. »Du brauchst gar nicht viel für ein Kissen. Breite es gut in der Sonne aus und gib schön acht, daß es nicht wieder naß wird.«
Aber Pucki war doch dafür, den Rat eines Schulfreundes zu befolgen. Der meinte nämlich, Hedi solle ruhig das nasse Heu ins Kissen stopfen und dann das Kissen auf dem Küchenherd trocknen.
»Wenn der Herd schön warm ist, trocknet das Heu schnell.«
Beim Schulschluß hatte der Regen nachgelassen. Pucki eilte am Forsthaus vorüber, hin zum Meilenstein und atmete erleichtert auf, als der Sack noch dort stand. Er war freilich völlig durchnäßt, und als Pucki ihn mit beiden Armen aufhob, tropfte das Wasser unten aus dem Sack heraus. Es war wohl besser, sie brachte nachmittags das Kissen her, stopfte es mit Heu voll, nähte es dann heimlich zu und legte es abends auf den warmen Küchenherd. Dann würde das Kissen über Nacht trocknen, und sie konnte endlich das fertiggestellte Geburtstagsgeschenk im Schrank verwahren.
Am späten Nachmittag schlich Pucki aus der Försterei hin zum Meilenstein. Dort wurde möglichst viel Heu in den Brokatbezug gestopft, der sich nun bald feucht anfühlte. Pucki nahm das Kissen mit heim, setzte sich damit in den Ziegenstall, weil sie hier ungestört war, und nähte mit der großen Stopfnadel und dem dicken, schwarzen Zwirn die vierte Seite wieder zu. – Nun endlich war die Arbeit getan! Das Kissen glich zwar mehr einer dicken Rolle, doch Pucki meinte, je voller es gestopft sei, um so mehr würde es dem Vati gefallen.
Voller Stolz betrachtete sie ihr Werk. Daß das Kissen naß war, störte sie gar nicht. Es würde ja auf dem Herd bis morgen trocknen.
Minna wunderte sich, warum Pucki sie fragte, ob abends nochmals Feuer im Herd gemacht würde.
»Natürlich, ich muß die Milch für das Schwesterchen doch warm machen.«
»Und für Plüschli auch?«
»Freilich.«
»Minna, gehst du nachher 'raus aus der Küche?«
»Jawohl, ich muß noch nach Rahnsburg gehen und einkaufen.«
»Au, das ist fein!«
»Willst du mitkommen, Pucki?«
Die Kleine lachte verschmitzt. »Nein, heute will ich nicht mitkommen, ich mache was anderes.«
Nun paßte Pucki genau auf. Kaum hatte Minna das Forsthaus verlassen, da eilte Pucki aus dem Kinderzimmer und legte das feuchte Kissen auf den warmen Herd. Damit aber weder Vater noch Mutter in die Küche kamen, schloß das Kind die Tür, die vom Hausflur hineinführte, einfach ab und versteckte den Schlüssel im Ziegenstall.
Der Küchenherd war zwar nicht mehr sehr heiß, trotzdem aber bräunte sich der golddurchwirkte, hellblaue Brokatstoff mehr und mehr. Das feuchte Heu begann zu riechen, und dadurch wurde Frau Sandler aufmerksam. Sie wollte in die Küche gehen – die war verschlossen. Ihr erster Gedanke galt Minna, die beim Fortgehen den Schlüssel gewiß mitgenommen hatte. Warum nur? Das tat sie doch sonst nicht.
Der brenzlige Geruch wurde immer stärker. Frau Sandler wollte vom Garten aus das Küchenfenster eindrücken, da sie vom Herd einen dünnen, weißen Rauch aufsteigen sah. – Was lag nur auf dem Herd für eine bunte Trommel? In diesem Augenblick kam Pucki aus dem Garten und eilte ahnungslos auf die Mutti zu.
»Schau, Pucki, in der Küche scheint etwas zu brennen, und Minna hat die Tür abgeschlossen.«
Entgeistert blickte das Kind durchs Fenster, stieß dann einen Schrei aus, stürmte davon, holte aus dem Ziegenstall den Küchenschlüssel, betrat die Küche und griff nach dem schwelenden Kissen. Aus der Unterseite hing das nasse Heu heraus, und der schöne Brokatstoff war verkohlt. Das alles ging so schnell, daß Pucki schon längst mit dem verbrannten Kissen verschwunden war, als Frau Sandler aus der Stube zurückkam, wo sie einen zweiten Küchenschlüssel suchen wollte.
Pucki hatte das Kissen unter den Arm genommen, und während ihr die dicken Tränen über die Wangen rannen, ging sie hinaus in den Garten, wo sie mit Harras umhergetollt war. Der Hund, der das Schluchzen seiner kleinen Freundin vernahm, kam sogleich herbeigelaufen und legte seine Pfoten auf die Schultern des Kindes.
»So lange habe ich genäht«, stieß Pucki unter heftigem Weinen hervor, »erst habe ich das olle Stroh 'reingeschoben, dann habe ich mich mit dem Heu gequält, und nun ist alles kaputt. – Nun kriegt der arme Vati für seinen krummen Rücken wieder kein Kissen, und ich hätte mich doch so gefreut, weil er sich freut. – Ach, Harras, was machen wir nun?«
Der Hund schien den Schmerz des Kindes zu verstehen. Er hob mehrmals eine Vorderpfote, legte sie auf Puckis Arm und ließ ein leises Jaulen hören.
»Nun weinst du auch«, sagte Pucki und fühlte sich durch das Jaulen des guten Harras ein wenig getröstet. Doch einen Rat, wie das Kissen wieder in Ordnung zu bringen war, wußte natürlich auch Harras nicht. – Wem sollte sie sich anvertrauen? Vielleicht der Thusnelda? Ja, die würde Rat wissen. Die gute Mutti sollte nichts davon wissen, der Vati erst recht nicht, und zu Minna hatte Pucki nicht das rechte Vertrauen. So blieben nur noch die Schulfreundinnen. Und nun zeigte es sich wieder, daß jede von ihnen dem kleinen Försterkinde freudig helfen wollte, denn alle hatten die kleine Hedi sehr lieb.
»Meine Puppe hat eine blaue Wagendecke, die bringe ich mit. Dann nähst du sie auf das Loch.«
»Das geht nicht, was drauf nähen«, beharrte Pucki.
»So nimm Stecknadeln«, sagte die kleine Marie Rensing.
Das leuchtete Pucki schon eher ein.
Am anderen Tage wurden allerhand größere Flecken von den Klassenkameradinnen mitgebracht. Pucki wählte ein Stück hellblauen Strickstoff aus, der ihr am besten zu passen schien.
»Stecknadeln kannst du nicht nehmen«, meinte Thusnelda, »sie pieken deinen Vater.«
Am anderen Tage erhielt Pucki zahlreiche Sicherheitsnadeln, mit denen sie in aller Heimlichkeit den blauen Flicken auf das Kissen steckte. So schön wie früher sah es freilich nicht mehr aus, doch war es prall und rund, und Vati würde sich darüber freuen. Daß das Heu noch immer ein wenig feucht war, störte Pucki nicht.
Einen Tag vor dem 24. Mai, dem Geburtstag des Vaters, war Hedi in der Apotheke von Rahnsburg und wurde von dem Apotheker mit ins Wohnzimmer genommen. Dort sah sie auch ein Kissen, das mit zwei Bändern am Stuhl befestigt war, damit es nicht herunter fiel. Zu Hause steckte Pucki zwei ihrer roten Haarschleifen mit Nadeln an je einer Ecke des Kissens fest. Nun war das Kissen wirklich schön und fertig!
An diesem Tage kam auch Lehrer Strenke, der Freund des Försters Sandler, zu Besuch. Er hatte sich zwei Tage freigemacht, um seinen alten Schulgefährten wiederzusehen. Pucki, die sonst nicht scheu war, ging dem großen, breitschultrigen Manne aus dem Wege. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Das Lesen ging wohl recht gut, aber im Rechnen haperte es. Sie fürchtete, daß Lehrer Strenke sie auf die Probe stellen würde.
Nun war endlich Vatis Geburtstag. Auf dem Tisch stand ein Kuchen mit Lichtern, und viele schöne Dinge lagen rings herum. Puckis Herz schlug vor Freude. Auf dem Gabentisch lag auch ihr Lesezeichen, das der Vati voller Freude betrachtete. Doch hatte sie ihm das Rückenkissen noch nicht gebracht. Jetzt aber, da es zum Frühstücken ging, wollte sie es bringen, damit der Vati es sogleich benutzen konnte.
Frau Sandler rief zum Kaffee. Da stürmte Hedi davon, kam mit hochroten Wangen wieder und trug in beiden Armen das riesige, vollgestopfte Kissen.
»Vati«, sagte sie strahlend, »jetzt wirste weich im Rücken sitzen. Das habe ich alles ganz allein gemacht! – Guck, hier mußt du es anbinden, und dann mußt du dich dransetzen. – Ist es nicht herrlich?«
»Wirklich ganz herrlich«, sagte der Förster. »Was soll das vorstellen, Pucki?«
»Nun, ein Rückenkissen für dich!«
»Wirklich fein!« Der Förster wollte es auf den Stuhl legen, doch wagte er nicht, sich darauf zu setzen. Das Kissen mußte ja zerplatzen.
»Aber Vati, das ist doch nicht zum Draufsitzen, es ist für den Rücken. – Sieh mal – so! Und nun setz dich mal hin.«
Herr Sandler setzte sich wieder, doch das Kissen, das Pucki an die Rückenlehne hielt und anzubinden versuchte, stand wegen seiner Fülle so weit vor, daß der Förster, als er sich auf dem Stuhl niederließ, den Oberkörper weit nach vornüber biegen mußte. Wie ein Häufchen Unglück saß er da.
Pucki verschränkte die Arme und betrachtete den Vati.
»Ist's fein?« fragte sie zaghaft.
»Ganz herrlich!« klang es zurück.
Obwohl Sandler sehr unbequem saß, ließ er das Kissen ruhig an seinem Platz. Er konnte es nicht übers Herz bringen, seiner Pucki die Enttäuschung zu bereiten, daß ihr Rückenkissen in dieser Form einfach unbrauchbar sei.
Freude für alle
Inhaltsverzeichnis
Jubelnd wurde der Sohn des Oberförsters Gregor, der Student Claus Gregor, von Pucki in der Försterei begrüßt. Stolz wies sie auf das goldene Herzchen, das sie am Halse trug.
»Es ist noch nicht ganz schwarz geworden, großer Claus, ich habe es immer am Halse baumeln, und immer denke ich an dich. Du bist mein allerbester Freund!«
»Ich freue mich, meine kleine Pucki wiederzusehen«, entgegnete der Student. Jedesmal, wenn er zu den Ferien heimkam, ging er ins Forsthaus, um das kleine Mädchen aufzusuchen, das er schon lange kannte.
»Weißt du auch, großer Claus, daß Freundschaft etwas sehr Schönes ist? Eine Freundschaft muß dauern, bis man alt ist, und du bleibst mein Freund, bis ich hundert Jahre geworden bin.«
»Aber freilich, Pucki.«
»Und weil du mein bester Freund bist, Claus, mußt du mir auch in mein Poesiealbum einen schönen Vers schreiben. In mein Tagebuch schreibe ich dann, daß du mein Freund bist und bleibst. – Willst du mir einen Vers schreiben?«
»Gerne, Pucki, du kannst mir dein Album bringen, ich nehme es mit heim, und wenn du in den nächsten Tagen zu uns kommst, wird der Vers im Buche stehen. Soll mein Bruder Eberhard auch etwas einschreiben?«
»Meinetwegen«, sagte Pucki gleichgültig, »er ist zwar nicht mein Freund, aber in Muttis Album stehen auch so viele Kinder, die nicht mehr ihre Freunde sind.«
»So lauf und hole das Album«, sagte er lachend.
»Ich habe doch noch keins! Erst wenn ich Geburtstag habe, großer Claus, wünsche ich mir eins von dir. Und weil ich noch lange nicht Geburtstag habe, wünsche ich es mir schon jetzt, weil es mir doch so viel Freude macht, und weil du einen Vers hineinschreiben sollst.«
Claus Gregor lachte belustigt. »Ich soll dir ein Poesiealbum schenken?«
Pucki nickte. »Ach ja! Die Freundin von Mutti hat ihr mächtig viel Geld geschenkt, damit sie was lernen kann. Und wenn jemand einen Freund hat, oder wenn du eine Freundin hast, mußt du auch was geben.«
»Eigentlich wollte ich dir zum Wiedersehen etwas anderes schenken, Pucki, da du aber durchaus ein Poesiealbum haben möchtest, sollst du es übermorgen, wenn du zu uns kommst, von mir bekommen.«
»Wenn du mir noch was schenken willst, großer Claus, nehme ich auch das mit, wenn ich übermorgen zu dir komme.«
»Ach nein, Pucki, immer hübsch eins nach dem anderen! Was ich dir zugedacht hatte, bekommst du nun erst im Sommer.«
Pucki fragte mehrmals, was er ihr denn hätte schenken wollen, aber Claus schwieg beharrlich.
»Ach, ich weiß«, sagte sie schließlich, »du schenkst mir ein Schaukelpferd oder ein Tagebuch oder eine Puppe, die sprechen kann, wenn man sie auf den Bauch drückt oder – – einen kleinen Wagen, auf den ich Holz laden kann – – oder eine große Trompete, wie sie der Paul Niepel hat. Ach, großer Claus, schenke mir doch noch eine Trommel dazu, die macht so schön Radau, und dann noch ein Kätzchen mit einem weißen Fell. Wenn du willst, kannst du mir auch noch einen kleinen Möbelwagen schenken, wie er beim Kaufmann Puche in Rahnsburg steht.«
»Bescheiden bist du gerade nicht, Pucki. Ein kleines Mädchen darf sich nicht so viel auf einmal wünschen.«
Das Kind hielt sich mit beiden Händen den Mund zu. »Jetzt rutscht auch kein Wunsch mehr 'raus, großer Claus, und wenn mir später noch was einfällt, sage ich es dir ganz leise.« –
Voller Ungeduld erwartete das Försterkind den Mittwoch, an dem es mit der Mutter und Waltraut nach der Oberförsterei gehen sollte. Pucki wollte das kleine Reh, Harras und den geliebten Kater Peter mitnehmen, aber der Vater erlaubte es nicht.
»Du hast in der Oberförsterei den Greif, mit dem du spielen kannst.«
»Und den großen Claus. Der ist mir noch viel lieber als das Kätzchen, Mutti. Der Claus schenkt mir ein Poesiealbum, dann schreibt er gleich einen Vers von der Freundschaft hinein.«
»Pucki, du darfst nicht so aufdringlich sein. Du bist ein achtjähriges Mädchen, und der Claus ist schon ein junger Herr, der anderes im Kopf hat, als mit so kleinen Mädchen zu spielen. Du darfst auch nicht immer Wünsche äußern. Eines Tages wird Claus ärgerlich sein, dann kommt er nicht mehr ins Forsthaus.«
Pucki kniff die Augen zusammen und lachte hellauf. »Hast du 'ne Ahnung, Mutti! Der Claus ist doch mein bester Freund, er freut sich fürchterlich, wenn er nach der Försterei kommt. Wirklich, Mutti, ich weiß das!« –
Kaum hatten die Gäste die Oberförsterei betreten, als Pucki auf Claus Gregor zustürmte und lebhaft rief:
»Du kommst doch gerne zu mir, nicht? Mutti meint, du wirst böse, wenn so ein kleines Mädchen wie ich mit dir spielen will?«
Claus Gregor hob das Kind empor, schwenkte es durch die Luft und sagte lachend: »Nein, kleine, liebe Pucki, der große Claus wird nie böse, er hat dich herzlich lieb.«
Hedi drehte sich zur Mutter um: »Hast du es nun gehört?«
Sehr bald fragte sie nach dem Poesiealbum. Mit hellem Entzücken betrachtete sie das kleine blaue Buch, das ihr Claus reichte. Auf dem Deckel stand, genau wie bei dem Buch der Mutti, das Wort »Poesie-Album«.
Pucki drückte das Buch ans Herz und sprang damit wie unsinnig vor Freude im Zimmer umher. Dabei rief sie laut: »Nun habe ich auch ein Buch von der Freundschaft!«
»Waltraut will auch so ein Buch haben«, klang es.
»Pah«, sagte Pucki ein wenig verächtlich, »du Dummsack bist noch viel zu klein, um zu wissen, was Freundschaft ist.«
Dann schlug sie das Buch auf und las:
»Willst du glücklich sein im Leben,
Trage bei zu anderer Glück,
Denn die Freude, die wir geben,
Kehrt ins eigene Herz zurück.
Seiner kleinen Freundin in herzlicher Liebe
der große Claus.«
Pucki las den Vers andächtig zweimal durch. »Das ist gewiß sehr was Schönes, großer Claus, was du mir da 'reingeschrieben hast. Das ist so was Ähnliches, wie ich mal auf einem Wandbrett gelesen habe: Beglücke du, dann wirst du glücklich sein!«
»Ja, Pucki, das ist ganz dasselbe. Da ich weiß, wie gerne du immer bereit bist, anderen etwas Liebes zu erweisen, habe ich für dich diesen Vers ausgesucht. Den sollst du während deines späteren Lebens beherzigen und immer daran denken, daß man nur dann recht glücklich sein kann, wenn man andere Menschen glücklich macht. Wenn wir sehen, daß wir andere froh machen, ist unser Herz – –«
»Ich weiß, ich weiß«, schrie Pucki begeistert, »als die vielen Kinder bei uns Waffeln gegessen haben, war ich auch froh. Und als die Rose Scheele bei uns war und – und – als ich der Schmanzgroßmutter endlich eine Geschichte vorlesen konnte – –« Pucki neigte sich wieder über das Poesiealbum und las noch einmal:
»Denn die Freude, die wir geben,
Kehrt ins eigene Herz zurück.
Ja, großer Claus, jetzt weiß ich, wie das ist. Und ich werde auch überall Freude geben, weil du es hier hineingeschrieben hast.«
»Nicht deswegen, Pucki, das muß man ganz aus sich selbst heraus tun.«
Pucki nickte: »Ja, großer Claus.« Dann fragte sie: »Hat der Eberhard auch etwas eingeschrieben?«
Sie schlug die Seite um und las:
»Unsere Freundschaft, die soll brennen
Wie ein dickes Dreierlicht,
Freunde wollen wir uns nennen,
Bis der Greif französisch spricht!
Dies schrieb Dir zur Erinnerung Dein Dich herzlich
liebender Eberhard Gregor.«
Pucki lachte hellauf. »Hahaha, der Greif soll französisch sprechen? Er ist zwar ein hübscher Hund, aber – – so ein Quatsch! Greif, komm mal rasch her!«
Schweifwedelnd umsprang der Jagdhund das kleine Mädchen. Pucki nahm ihn bei den Ohren: »Kannst du Französisch?«
»Wau, wau, wau«, bellte der Hund.
»Wau, wau, wau, hat er gesagt, das ist doch kein Französisch. Aber nun kommt, ich möchte gern zu eurem schönen Auto gehen.«
Der Rundgang durch den großen Hof und die vielen Ställe begann. Jedem Tier erwies Pucki eine Liebkosung. Ganz plötzlich blieb sie stehen. In einer Ecke des Hofes saß ein alter Mann auf einem Klotz und spaltete Holz. Er schien weder Claus noch das kleine Mädchen zu beachten.
Hedi schaute ihm längere Zeit aufmerksam zu, denn es sah gar zu lustig aus, wenn das Holz in kleinen Stücken nach rechts und links flog. Daheim kamen auch mitunter zwei Männer, die die großen Holzstücke zersägten und zerschlugen, doch bei dem alten Manne ging es viel schneller.
»Weidmannsheil, lieber Mann!« rief Pucki.
Der Alte hackte wortlos weiter. Pucki trat noch einige Schritte näher heran.
»Weidmannsheil!« klang es noch einmal erheblich lauter.
Der Alte hob nicht einmal den Kopf, er ließ sich in der Arbeit gar nicht stören. Da stellte sich Pucki dicht vor ihn hin und sagte mit ganz lauter Stimme:
»Weidmannsheil, alter Mann!«
Nun erst hielt der Mann im Arbeiten inne. Er nickte dem kleinen Mädchen freundlich zu, antwortete aber immer noch nicht.
»Weidmannsheil!« rief da Pucki zum vierten Male.
Der Mann begann schon wieder mit dem Holzhacken. Da lief Pucki zu Claus zurück, der etwas abseits stehen geblieben war, und sagte unwillig: »Den alten Mann kann ich gar nicht leiden, der sagt ja nichts!«
»Das ist ein sehr lieber alter Mann, Pucki, er kommt schon seit vielen Jahren in die Oberförsterei und zerkleinert das Holz. Es ist der gute Vater Haegler. Leider kann er nicht hören.«
»Warum hört er denn nicht?«
»Weil er taub ist, kleines Mädchen. Das ist sehr traurig, und darum hat er deinen Gruß auch nicht beantwortet.«
Die blauen Kinderaugen richteten sich voller Entsetzen auf den Arbeitenden. »Taub ist er? – Großer Claus, kann er gar nichts hören? Auch nicht, wenn das Holz kracht?«
»Das hört er vielleicht noch ein klein wenig. Man muß aber sehr laut sprechen, wenn er etwas verstehen soll.«
»Wenn er taub ist, kann er doch auch die Vöglein nicht singen hören?«
»Nein, Pucki, das kann er leider nicht.«
»Und wenn die Leute zusammen reden – hört er das auch nicht?«
»Nein, auch nicht.«
»Aber wenn mal Musikanten kommen und Musik machen?«
»Das wird er auch nicht hören können.«
»Schrecklich«, klang es nach einiger Zeit, »dann hat er doch gar keine Freude. Ich freue mich immer, wenn die Vöglein singen und wenn eine Musik kommt.«
»Darum muß man immer sehr gut zu dem tauben Manne sein, liebe Pucki.«
Pucki suchte in der Tasche ihres Kleidchens. Schließlich zog sie ein Stückchen Zucker hervor. »Es ist zu dreckig, das schmeckt ihm nicht mehr. – Aber nachher, wenn wir bei euch guten Kuchen bekommen, schenke ich ihm ein Stück. Du mußt mir oft Kuchen hinhalten, Claus, und dann immer sagen: Nimm doch! Dann bekommt der taube Mann etwas von mir, und dann freut er sich.«
Als die beiden weitergingen, wandte sich Pucki noch mehrmals nach dem tauben Manne um. Es schien ihr furchtbar, daß der taube Holzhacker nichts von dem schönen Gezwitscher der Vöglein hören konnte. Sie überlegte, ob denn gar keine Möglichkeit bestünde, ihm auch einmal eine Freude zu machen. – Ja, wenn sie die schöne Trillerpfeife hätte, mit der der Vati den Harras herbeirief, die würde er hören können, und dann würde sich der alte Mann gewiß sehr freuen.
Ganz plötzlich jauchzte sie auf. Ein glücklicher Gedanke schoß durch ihren kleinen Kopf.
»Hackt der Mann morgen wieder?« fragte sie.
»Ja, Pucki, morgen und noch viele Tage.«
»Au, das ist fein! Na, der wird sich aber freuen!«
»Worüber denn, Pucki?«
»Ach, das sage ich dir später. Du wirst dich dann auch freuen. – Weißt du, großer Claus, wir sollen doch anderen Leuten Freude machen – ach, wird der aber lachen!«
»Was hast du denn vor?«
Aber das Kind verriet nichts, nur das Gesicht strahlte wie Sonnenschein.
Schon auf dem Heimwege bettelte Hedi um die Erlaubnis, morgen nachmittag zu Niepels gehen zu dürfen.
»Mutti, du mußt es erlauben! Wir wollen jemandem eine Freude machen.«
»Wird's auch keine Dummheit?«
»Aber Mutti«, sagte das kleine Mädchen entrüstet.
»Willst du mir nicht sagen, was du vorhast?«
»Ach, Muttilein«, schmeichelte das Kind, »es macht noch viel mehr Spaß, wenn wir es dir erst hinterher sagen.«
Als Pucki am anderen Tage aus der Schule heimkehrte, eilte sie zu Minna in die Küche und schaute mit prüfenden Blicken auf den Küchenrahmen, an dem die verschiedensten Küchengeräte hingen.
»Minna, gib mir doch mal den Trichter und die große Holzkeule 'runter.«
»Was willst du damit machen, Pucki?«
»Freude machen«, klang es wichtig.
Nur zögernd reichte Minna dem Kinde die gewünschten Gegenstände, und als nach einer Stunde der Niepelsche Wagen ankam, um Pucki nach dem Gute zu holen, schleppte sie Holzkeule und Trichter mit sich.
»Fein wird's, Mutti!«
Mit den Drillingen, denen Puckis Kommen mitgeteilt worden war, fand eine heimliche Beratung statt.
»Weil er doch gar nichts hört, weil er nur hört, wenn man ganz laut was sagt, müssen wir ganz laute Musik machen. Du kommst mit deiner Trommel, Fritz, du nimmst deine Trompete, Paul, und der Walter die schöne Knarre. Ich habe die Tute, und dann holen wir noch 'ne Blechkanne von Onkel aus der Küche, auf die hau' ich mit der Keule. Das ist dann die Pauke, wie wir sie damals auf dem Rummelplatz gesehen haben.«
»Ich hab' noch 'ne Pfeife«, schrie Paul.
»Und ich hab' noch eine andere Trommel!«
»Und ich nehme zwei Blechdeckel, die knall' ich zusammen!«
»Au fein, so wird es gehen! Dann schleichen wir ganz leise an den tauben Mann heran, und – bums, da geht es los! – Na, der wird sich freuen, mal 'ne Musik zu hören!«
Die Niepelschen Knaben waren von diesem Plan begeistert. Als gar zu viel aus der Küche getragen wurde, erschien Frau Niepel und fragte, was die Vorbereitungen zu bedeuten hätten.
»Wir sind eine Kapelle, Tante«, rief Pucki begeistert, »eine große Musikkapelle mit viel Radau. Jetzt fahren wir mit dem weißen Pferdchen zur Oberförsterei, und dann geht's mächtig los!«
Nachdem Frau Niepel erfahren hatte, daß es sich um einen harmlosen Spaß handelte, beschloß sie, den Kindern die Freude zu lassen, vorher aber Frau Gregor zu verständigen, daß die kleine Horde in einer Viertelstunde ankommen würde, um dem alten Holzhacker auf ihre Weise eine Freude zu bereiten.
Frau Gregor war ebenfalls einverstanden und meinte, sie wolle ein wachsames Auge auf die Kinder haben.
Vom Fenster aus sah sie, wie die Kinder ankamen und ihre Instrumente vom Wagen nahmen. Paul hatte im letzten Augenblick noch eine große Milchkanne ergriffen und auf den Wagen gesetzt, damit der Taube die Pauke recht gut hören sollte. Walter zog verschmitzt lachend unter dem Sitz eine große Klingel hervor.
»Die habe ich in dem Hausflur abgerissen. – Na, die macht Krach!«
Dann lugten die Kinder vorsichtig in den Hof. Richtig, dort saß wieder der alte Vater Haegler und hackte Holz. Ein großer Haufen war neben ihm aufgetürmt. Im Bogen schlichen sich die Kinder heran. Kanne, Töpfe, Trommel, die Klingel, der Trichter, und was sie sonst noch mitgebracht hatten, alles wurde verteilt. Es waren weit mehr Instrumente vorhanden, als versorgt werden konnten. So erfolgte erst eine längere Beratung, wie sie es machen wollten, um möglichst viel Krach zu schlagen.
»Ich bin der Kapellmeister«, schrie Paul, »ich gebe mit der Klingel das Zeichen, wenn es losgeht!«
»Die Klingel hab' ich mitgebracht, ich klingle«, brüllte Walter.
»Macht doch keinen Krach«, rief Pucki, »macht lieber Musik, damit sich der alte Mann freut!« Dann griff sie nach Pauls Trompete, in die andere Hand nahm sie die Knarre und rannte damit nach vorn, so daß sie unmittelbar hinter dem alten Haegler stand, und blies los. Walter klingelte wie rasend, Fritz hieb auf die Trommel, Paul bearbeitete die Milchkanne mit einem Fleischklopfer, kurzum, es entstand ein Höllenlärm. Dazu sang Pucki mit ihrer schrecklich krähenden Stimme: »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.«
Der alte Mann ließ die Axt sinken und blickte sich verdutzt um.
»Er hört es!« schrie Pucki, vom angestrengten Blasen krebsrot im Gesicht. »Macht es dir Freude, alter Vater?«
Das erste, was in Stücke ging, war die Trommel. Fritz glaubte, mit den Schlegeln nicht genügend Lärm zu machen, und hatte ein Stück Holz ergriffen und damit die Trommel nach Leibeskräften bearbeitet. Der Boden der Milchkanne wies bereits zahlreiche Beulen auf, doch unentwegt hämmerte Paul darauf los.
Der alte Holzhacker lachte über das ganze Gesicht. Da ließ Pucki die Trompete sinken und schaute ihn aufmerksam an.
»Er freut sich«, sagte sie glücklich, »und ich freue mich auch. Nun denkt er, er hört die Vöglein im Walde singen.« Dann trat sie dicht an den alten Mann heran und schrie ihm ins Ohr: »Hörst du die Vöglein singen? War es schön?«
»Ei, ei, wie schön! Du liebes, kleines Ding.«
»Er hört mich«, jauchzte Pucki, »nun bin ich wieder so froh, wie damals, als die vielen Kinder bei uns die Waffeln gegessen haben!«
In der Oberförsterei stand Gregor mit seiner Frau und den beiden Söhnen am offenen Fenster. Sie lachten herzlich.
»Wenn die Milchkanne heil heimkommt, laß ich mich fressen«, sagte der Oberförster. »Der Bengel drischt ja darauf herum, als wenn er Steine klopfen wollte.«
Bis ins Wohnzimmer hörte man Puckis kreischende Frage: »Willst du, daß wir noch einmal Musik machen?«
Und wieder brach der Höllenlärm los. »Immer doller«, schrie Pucki, »damit er recht gut hört!«
Plötzlich flog die Kugel des Fleischklopfers vom Stiel. Da griff auch Paul zu einem Stück Holz, um damit die Milchkanne weiter zu bearbeiten.
»Ich kann nicht mehr«, sagte Pucki schließlich und atmete tief. Die Trompete flog auf die Erde, und nun schlug auch sie mit den Fäusten auf die Milchkanne ein.
»Jetzt machen wir, wie wenn's regnet, und es geht immer: Tropf, tropf! Das soll er auch noch mal hören.«
Bum – bum – bum fielen die Schläge auf die Milchkanne, und wieder schrie Paul dem alten Haegler die Frage ins Ohr:
»Hörst du, wie's regnet?«
Der alte Haegler hatte die Arbeit unterbrochen und schaute auf die sich wie wild gebärdenden Kinder. Und weil es gar so drollig aussah, wie sich alle aus Leibeskräften anstrengten, lachte auch er.
»Jetzt hab' ich genug Glück«, sagte Pucki endlich und hielt im Schlagen inne. »Ach, das war fein!«
Walter kam mit der großen Klingel und schüttelte sie dicht am Ohr des tauben Mannes. Der fuhr entsetzt zurück.
»Er hört es«, jubelte Pucki erneut, hüpfte von einem Bein auf das andere, hielt dann aber erschrocken inne und schaute zu Boden. Die schöne Trompete, auf der sie eben geblasen hatte, war zerbrochen. »Aus ist's«, klang es traurig. »Kaputt! – Ach, daß die schönen Sachen immer gleich kaputt gehen müssen!«
Greif, der Jagdhund, hatte das Konzert mit wütendem Gebell unterstützt, und als jetzt Oberförster Gregor in den Hof trat, eilte Pucki auf den Hund zu, umarmte ihn stürmisch und schrie in heller Begeisterung: »Hast du auch unsere Musik gehört? – Nächstens kommen wir wieder!«
»Nun kommt mal ins Haus, ihr kleinen Musikanten, trinkt einen Schluck Limonade und eßt ein Stück Kuchen. Ihr habt eure Sache sehr schön gemacht, nur dürft ihr die Milchkanne nicht zerschlagen. Solch eine Kanne kostet viel Geld.«
»Ach was, mein Vater hat tausend«, meinte Paul.
»Tausend hat er nicht, du Aufschneider, außerdem darf man fremde Sachen nicht mutwillig zerschlagen.«
Als die Kinder dann den Kuchen erhielten, stieß Pucki den großen Claus an. »Halte mir mal noch ein Stück hin.«
Der große Claus legte dem Kinde drei große Kuchenstücke auf den Teller. Hedi sprang sogleich auf und lief hinaus. Im Hof legte sie dem alten Haegler zwei große Stücke auf den Holzklotz.
»Soll ich sie haben, du liebes Kind?« fragte er freundlich.
»Ja«, schrie Pucki aus Leibeskräften. Dann lief sie zurück ins Haus.
Der Niepelsche Kutscher mahnte schließlich zur Heimfahrt. Die Kinder sagten auf Wiedersehen und kletterten auf den Wagen.
»Na«, meinte der alte, langjährige Kutscher, »wollt ihr denn nicht eure Instrumente mitnehmen? Sollen die hierbleiben?«
»Ach«, meinte Walter, »die Trompete ist kaputt, die Trommel auch, das kann hierbleiben.«
»Ihr liederliches Volk«, schalt Oberförster Gregor, »hier bleibt nichts liegen. Alles, was ihr hergebracht habt, nehmt ihr hübsch wieder mit!«
Nun ging es ans Suchen. Der Stiel der Holzkeule war nicht zu finden; wahrscheinlich war er unter das zerkleinerte Holz geraten. Ebenso fehlte der Trichter. Die Knarre fand man zertreten vor. Von der Trommel waren nur noch Stücke vorhanden.
Schließlich mußten Claus und Eberhard nach dem Trichter und dem Stiel suchen.
»Ladet alles ordentlich auf«, sagte der Oberförster. Er duldete es nicht, daß seine Söhne bei dieser Arbeit halfen.
Die drei Knaben mußten die zerbeulte Milchkanne allein auf den Wagen heben.
»Ich glaube«, sagte Fritz ein wenig kleinlaut, »der Vater wird bei uns auch den Trommler machen. Wir werden wohl was abkriegen.«
»Und Minna wird auch schelten«, meinte Pucki sorgenvoll. »Zu schlimm, daß immer auf eine große Freude großer Kummer folgt.«
Der Kummer folgte auch wirklich. Die Niepelschen Knaben erhielten eine Stunde Stubenarrest, und Pucki wurde von Minna gehörig ausgescholten. Aus der Sparbüchse wurden ihr fünfzig Pfennige genommen, und davon kaufte Minna einen neuen Stiel für den Fleischklopfer.
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