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Madlen Schaffhauser
Tödliches Verlangen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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19.
20.
Epilog
Danksagung
Über die Autorin
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Impressum neobooks
Zu diesem Buch
Es ist beängstigend an einem Ort zu erwachen, an den man sich nicht erinnern kann und sich mir der Grund dafür ständig entzieht. Doch schlimmer als die dunkle Lücke sind die qualvollen Erinnerungsfetzen, die sich langsam zu einem schrecklichen Bild zusammenfügen.
Ich sollte beruhigt sein, dass meine Wunden so rasch heilen, was jedoch nur meine äusseren Verletzungen betrifft. Denn meine Seele kämpft noch lange nach innerem Frieden. Erst an dem Tag an dem ich den attraktiven, geheimnisvollen Milliardär Alexander kennenlerne, beginnt endlich meine Heilung. Vom ersten Augenblick an knistert eine sexuelle Spannung zwischen uns und auch wenn seine Berührungen für mich eine Gefahr bedeuten, verzehre ich mich nach ihnen, nach seinem Herz und nach etwas Glück...
Widmung
Ich widme diesen Roman meinem Mann Dani, der mein persönlicher Held ist. Danke für deine unermüdliche Unterstützung.
1.
Warum schmerzt mein Rücken und warum fühlt sich mein Kopf so an, als wäre ich gegen einen Baum gerannt? Etwas sticht in meine Seite, so dass es mir beinahe die Luft abdrückt. Ich weiss ich liege im Bett. Nur wo? Bestimmt nicht in meinem eigenen. Denn die Luft schmeckt nicht nach meinem zu Hause und das Laken fühlt sich nicht wie meine Bettwäsche an. Ich versuche meinen rechten Arm zu heben, aber ich zucke bei der kleinsten Bewegung gleich zusammen. Von weit her höre ich jemanden ständig meinen Namen sagen. Ich glaube es ist meine Mutter, bin mir aber nicht ganz sicher. Sie klingt irgendwie fremd. Langsam öffne ich meine Augen. Aus dem Einen sehe ich klar und deutlich meine Mutter, mit ihren schulterlangen, braunen Haaren und neben ihr einen älteren Mann, in einem weissen Kittel, den ich noch nie gesehen habe, vor mir stehen. Das andere Auge bringe ich nur einen Schlitz breit auf. Es tut höllisch weh, während ich einen Versuch starte, es offen zu halten.
Als ich den Kopf vorsichtig nach links drehe, entdecke ich auf dem Fensterbrett, verschiedene Blumensträusse in Vasen stehen. Von wem waren die alle? Warum liege ich in diesem mir unbekannten Zimmer?
Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mit Pam verabredet war und dass es an der Tür klingelte, während ich gerade eines meiner Lieblingssommerkleider überstreifte. Und jetzt liege ich hier in diesem Bett. Was war nur geschehen? Meine Stimme ist nur ein leises Flüstern, als ich mich bemerkbar machen will. Trotzdem dreht sich meine Mutter sofort zu mir um, die mir bis anhin den Rücken zugewandt hatte und stellt sich neben meinem Bett auf. Sie nimmt meine linke Hand in die ihre und drückt sie ganz sanft. Ihren Anblick schockt mich zutiefst. Ihre Augen wirken rot und geschwollen. Hat sie etwa wegen mir geweint? Was nur ist passiert? Ich muss unbedingt wissen, was geschehen ist. Diese Ungewissheit frisst mich beinahe auf.
„Hallo meine Kleine. Endlich bist du wach. Ich warte schon lange auf diesen Moment.“ begrüsst mich meine Mutter und gibt mir einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Hallo Mam.“ krächze ich heraus und erwidere ihren Händedruck. „Wo bin ich?“
„Im Kantonsspital.“
„Im Kantonsspital? Warum?“
„Du kannst dich tatsächlich nicht daran erinnern?“
„An was?“ Mein Hals schmerzt, während ich spreche.
„Dr. Stevens hat mir schon erzählt, dass du wahrscheinlich an einem Gedächtnisverlust leidest, aber dass du dich wirklich nicht daran erinnern kannst, kann ich kaum glauben.“
„Gedächtnisverlust? Aber...“ Ich spüre, wie ich nervös und unsicher werde. Was geht hier vor sich? Meine Mutter erhöht ihren Druck um meine Hand und bemerke sogleich, dass meine Rechte in einen weissen Verband eingewickelt ist.
„Beruhige dich meine Kleine. Es wird alles wieder gut.“ sie muss mir meine Verwirrung angesehen haben.
„Mir schmerzt der ganze Körper und ich habe keine Ahnung, was geschehen ist.“ rufe ich mit meiner angeschlagenen Stimme heraus. „Bitte sag mir endlich, warum ich hier bin.“ Ein mulmiges Gefühlt droht mich zu übermannen.
„Wenn ich das könnte.“
„Wie bin ich hierhergekommen?“
„Pam hat dich gefunden.“
„Wo?“
„Bei dir zu Hause.“
Der Mann im weissen Kittel tritt auf mich zu und streckt mir seine Hand entgegen. „Guten Tag Frau Berner. Ich bin ihr zuständiger Arzt Dr. Stevens.“
„Wie lange bin ich schon hier?“
„Seit gut sechzig Stunden.“
„Wie bitte?“ Diese Information bringt mich sofort zum husten, was mir unheimlich weh tut. Die Bewegungen, die in meinem Innern vollführt werden, sind kaum auszuhalten.
„Die Krankenschwestern haben mir mitgeteilt, dass sie immer wieder kurz aufgewacht sind, aber sie waren nie ganz bei Bewusstsein.“
„Warum kann ich mich an nichts erinnern? Ich weiss nur noch, dass ich auf meine Freundin gewartet habe.“
„Sie leiden unter einem Gedächtnisverlust? Einer sogenannten retrograde Amnesie, das durch Ihren Unfall verursacht wurde.“
„Was für einen Unfall?“
„Anscheinend sind Sie die Treppe hinuntergestürzt.“
„Ich... ich...“ Mein Gehirn versucht sich angestrengt an einen Unfall zu erinnern. Aber da ist einfach nichts ausser Dunkelheit und Leere. Pam und ich wollten seit langem wieder einmal um die Häuser ziehen und jetzt liege ich, ohne den Grund zu wissen in einem Krankenhausbett.
„Zoe.“ Mams Stimme erklingt leise neben mir. „Ich kann dir nur erzählen, was Pam gesagt hat.“
„Und das wäre?“
„Als Pam letzten Freitagabend mehrmals bei dir geklingelt hat, versuchte sie die Tür zu öffnen, die zum Glück nicht verschlossen war. Sie sah dich am Ende der Fusstreppe am Boden liegen.“
Ich versuche tief ein und auszuatmen, um zur Ruhe zu kommen, was mir aber gleich wieder einen Stich in den Brustkorb verursacht.
„Ich kann nicht glauben, dass die letzten zweieinhalb Tage aus meinem Gedächtnis verschwunden sein sollen.“ wende ich mich an den Arzt, der immer noch an meinem Bett steht.
„Machen Sie sich nicht verrückt. Kommen Sie zuerst einmal wieder zu Kräften. Danach können wir mit den Gedächtnisübungen beginnen, die ihre Erinnerungen allenfalls wieder zurückbringen werden.“
„Ist das denn möglich?“ frage ich verwundert.
„Bei einer retrograden Amnesie kann es vorkommen, muss aber nicht sein. Ich empfehle Ihnen jetzt erst einmal Ruhe. Wenn Sie etwas benötigen oder Fragen haben, wenden Sie sich bitte an die Krankenschwestern.“
Eigentlich schwirren mir etliche Fragen im Kopf herum, die ich meinem Arzt stellen möchte, aber ich bin viel zu müde dazu.
Der Arzt zeigt auf einen Bändel, der oberhalb von meinem Kopf von einer Stange herunterbaumelt. „Wenn Sie auf diesen roten Knopf drücken, wird sogleich jemand bei Ihnen sein. Ich werde gegen Abend nochmals bei Ihnen vorbeischauen. Gute Besserung Frau Berner.“ mit diesen Worten verabschiedet sich Dr. Stevens und verlässt das Zimmer mit grossen, leisen Schritten.
Ich wende mich wieder meiner Mutter zu. „Wo ist Dad?“
„Er ist vor einer guten Stunde zur Arbeit. Er lässt dich grüssen. Sowie deine Geschwister und Pam. Ich werde deinem Vater nachher gleich Bescheid geben, dass du erwacht bist.“
„Von wem sind all die Blumen?“
„So wie es scheint, sind die meisten von Noah.“
„Noah? War er auch hier? Hast du ihn gesehen?“
„Er ist mir einmal begegnet, als ich gerade zu dir wollte und er schon wieder auf dem Weg in sein Büro war. Aber warum sollte er nicht hier gewesen sein?“ meine Mam sieht mich fragend an.
Ich versuche ihrem Blick auszuweichen und eine gute Miene zu machen, jedoch entgeht ihr nichts.
„Sag schon, was ist los?“
„Wir haben uns gestritten.“
„Wieso habt ihr euch gestritten?“
„Das weiss ich auch nicht mehr so genau. Wahrscheinlich wieder wegen irgendeiner unnötiger Sache.“ leugne ich ihr vor.
„Wann?“
„Am Abend bevor ich den Unfall hatte.“
„Jetzt verstehe ich auch, warum er so viele Rosensträusse gebracht hat.“
„Wahrscheinlich hat er ein schlechtes Gewissen. Aber das ist mir momentan egal. Soll er doch.“ Ich fühle mich plötzlich total erschlagen und kann mein gesundes Auge kaum noch offen halten. „Mam ich brauche etwas Schlaf. Bist du mir böse?“
„Meine Kleine, natürlich nicht.“ Sie fährt mir mit ihrer zarten Hand über meinen Kopf und streicht mir ein paar meiner langen, braunen Haare aus dem Gesicht. „Erhole dich schnell wieder. Hörst du? Schliesslich ist bald dein dreissigster Geburtstag und den möchten wir gebührend mit dir feiern.“
„Ach ja mein Geburtstag.“
„Freust du dich nicht?“
„Ehrlich gesagt, nein. Im Augenblick sicher nicht. Aber es geht ja noch fast drei Wochen. Zum Glück.“ Meine Lippen bewegen sich bei den letzten Wörtern kaum noch und ich spüre wie mir meine Mutter einen Kuss auf die Stirn drückt, bevor ich in einen unruhigen Schlaf falle.
Langsam öffne ich wieder meine Augen so gut es geht. Ich habe keine Ahnung, wie lange es her ist, seit meine Mutter bei mir war und wie lange ich geschlafen habe. Ich weiss jedoch, dass mich irgendwas aus dem Schlaf geholt haben muss. Nur was? Eine kleine Bewegung neben meinem Bett erweckt meine Aufmerksamkeit.
„Hallo mein Schatz.“ begrüsst mich Noah und küsst mich auf meinen Mund.
Ich erstarre sogleich, als seine Lippen die meinen berühren. Kein Wort schlüpft aus mir heraus. Ich bin einfach nicht fähig irgendwas zu erwähnen. Vor noch nicht allzu langer Zeit genoss ich noch seine Liebkosungen. Doch dies gehört nun der Vergangenheit an. Ich wollte meiner Mam noch nicht erzählen, dass ich mich von Noah getrennt habe. Sie hätte mich mit Fragen durchlöchert. Um diese zu beantworten bin ich noch nicht bereit und habe auch keine Kraft, mich mit der ganzen Situation auseinander zu setzten.
Ich spüre wie Noah meine verbundene Hand in seine Hände nimmt und sanft mit seinen Fingern auf und ab streicht.
„Hast du starke Schmerzen?“ er schaut mir tief in die Augen.
Ich versuche meine Hand wegzuziehen, aber er lässt mich nicht los. „Was willst du hier?“
„Was für eine Begrüssung ist das denn? Habe ich das verdient?“
„Ich will dich nicht mehr sehen. Das weisst du ganz genau. Wir haben Schluss gemacht.“
„Du hast Schluss gemacht.“
„Wo ist da der Unterschied?“
„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht bereit bin, dich gehen zu lassen.“
„Was soll das heissen?“
„Genau das was ich sage. Ich werde dir beweisen, dass ich dich für immer lieben werde und du wirst merken, dass ich der Richtige für dich bin.“
„Lass mich endlich in Ruhe.“ Mir wird fast übel bei dem Gedanken, dass er mich nicht gehen lassen will. Noch bis vor einem Jahr war ich die glücklichste Frau auf der Welt. Noah war am Anfang unserer Beziehung so aufmerksam, humor- und rücksichtsvoll, dass ich nicht anders konnte, als ihn zu lieben. Nur leider entpuppte er sich all mehr zu einem kontrollsüchtigen Freak.
Mir wir es ganz anders, als ich zum zweiten Mal versuche meine Hand von seinen zu lösen. Er lässt mich einfach nicht los und ich bin ihm hilflos ausgeliefert. Ich schaue ihn an. „Bitte lass mich in Ruhe und geh. Bitte.“
„Ich will hier bei dir sein und für dich sorgen.“
„Ich brauche dich aber nicht!“ Ich merke, wie sich meine Stimme zu einem schrillen Ton entwickelt. Mich erfasst eine gewisse Panik und lässt mich innerlich erzittern. Wo bleiben nur die Krankenschwestern und Ärzte, wenn man sie braucht? Schiesst es mir durch den Kopf. Ich bin seiner Nähe und seinem durchdringendem Blick, den ich schon seit längerer Zeit verabscheue, ausgeliefert. Fieberhaft überlege ich, wie ich ihn loswerden kann, aber es fällt mir nichts Brauchbares ein.
Ich spüre, wie sich Noah nach vorne beugt und mich küssen will. So schnell es in meinem Zustand möglich ist, drehe ich meinen Kopf zur Seite, so dass er gerade noch mein rechtes Ohr berührt.
„Lass das!“ schreie ich empört auf. Ich merke gar nicht, dass die Zimmertür halb offen steht. Erst als ich Pams Stimme höre und sich Noah versteift, bemerke ich was für eine Angst mich in Noahs Nähe ergriff. Ich atme so gut es geht tief durch und lächle meine Freundin erleichtert an.
„Verschwinde!“ höre ich Pam verärgert rufen.
„Du hast mir gar nichts zu sagen.“ Noah bleibt seelenruhig auf seinem Stuhl sitzen.
„Muss ich es wiederholen oder soll ich gleich jemanden holen, der dich rausbringt? Zoe hat mit dir Schluss gemacht und sie möchte dich nicht mehr sehen, geschweige denn etwas mit dir zu tun haben. Hast du das immer noch nicht begriffen?“
„Woher...?“ weiter kommt Noah nicht, als ihm dämmert, dass ich meiner besten Freundin von unserer Trennung erzählt haben muss. Er sieht mich mit seinem finsteren Blick, den ich in letzter Zeit öfters zu sehen bekam und mir ziemlich Angst einjagt, an. Seine Augen auf meinen geheftet steht er langsam auf. „Ich werde nicht so leicht klein beigeben. Das kannst du mir glauben und ich werde dich zurückbekommen. Das schwöre ich dir.“
Ich sehe ihm nach, wie er mit wütenden Schritten an Pam vorbeigeht und sie für eine Sekunde gereizt anstarrt. Kaum ist er draussen, schliesst Pam die Tür hinter ihm zu und kommt auf mich zu, um neben meinem Bett Platz zu nehmen.
„Ich habe von deiner Mam erfahren, dass du endlich aufgewacht bist. Wie fühlst du dich?“
„Wie sehe ich denn aus?“
„Wie ein verbeulter Apfel.“
„Was?“ frage ich verdattert.
Pam kann kaum an sich halten und fängt schlussendlich an loszulachen. Ich kann nicht anders und muss in ihr Gelächter einstimmen. Obwohl ich überall Schmerzen habe, ist unser Lachen ein wohltuender Klang in meinen Ohren. Pam versteht sich gut darin, mich auf andere Gedanken zu bringen. Sie ist ein wahrer Segen.
Als wir uns etwas erholt haben, wird die Miene meiner Freundin gleich wieder ernst, als sie meine sichtbaren Verletzungen betrachtet.
„Du hast mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Weisst du das?“
„Ich kann mich leider an nichts mehr erinnern. An rein gar nichts.“
„Das ist vielleicht auch besser so. Du hast wirklich übel ausgesehen und ich dachte schon, dass ...“ Pams Stimme bricht und als ich ihr in die Augen sehe, bemerke ich Tränen, die sich einen Weg über ihr Gesicht bahnen.
Mir wird ganz flau im Magen, wenn ich daran denke, was sie soeben aussprechen wollte. Ich bin froh, dass ihr die Stimme für einen Moment versagt hat und kämpfe gegen die Tränen an, die sich in mir aufstauen.
Pam wischt sich mit einer energischen Bewegung die Tränen fort und streicht über meine bandagierte Hand.
„Ich möchte so etwas nie mehr erleben. Hörst du?“
Wir sitzen einige Minuten stumm da, was ich geniesse. Ich fühle mich immer noch müde und niedergeschlagen. Sowas kenne ich gar nicht von mir. Ich schliesse meine Augen und dämmere vor mich hin, bis Pams Stimme mich aus meinen wirren Gedanken reisst.
„Was wollte Noah hier? Du hast doch Schluss gemacht oder ist das schon nicht mehr der Fall?“
„Er will es nicht wahrhaben, dass wir keine gemeinsame Zukunft haben werden. Sieh dir die vielen Rosensträusse an.“ Ich bewege langsam den Kopf Richtung Fenster. „Anscheinend sind die meisten von ihm.“
„Es gefällt mir nicht, dass er dich besuchen kommt. Er hat irgendwas an sich, dass mir nicht geheuer ist.“
„Du darfst nicht so streng zu ihm sein. Er ist manchmal ein etwas aufgebrachter Typ und stur, aber ansonsten total lieb.“
„Gibst du ihm eine zweite Chance?“
„Eine zweite Chance? Er hatte schon einiges mehr als zwei Chancen und nichts hat sich seit unserer Trennung geändert. Ich habe ihn wirklich von ganzem Herzen geliebt, aber seine ständige Eifersucht und seine Kontrollen, haben alles kaputt gemacht. Mein Leben bestand nur noch aus uns beiden. Wenn ich mit dir ausgehen wollte, hatten wir jedes Mal einen fürchterlichen Streit. Ich kann von Glück reden, dass ich nicht mit ihm zusammenzog, als er mich darum bat.“
„Davon hast du mir ja gar nichts erzählt.“
„Das war auch erst vor ein paar Tagen."
„Wie hat er darauf reagiert?“
„Nicht so angenehm. Er hat mich angeschrien, geriet völlig ausser sich und hat meine Sachen um sich geschleudert.“
„Der gehört doch in die Klapse.“
„Jetzt bist du etwas unfair.“
„Warum? Weil er dir Angst eingejagt hat oder...?“
„Du weisst, dass er ein ganz liebevoller Mann sein kann." schneide ich ihr das Wort ab. „Er ist zärtlich und kann gut zuhören. Er hat mir sehr über die Zeit hinweggeholfen, als das mit meiner Schwester war.“
„Aber das ist nun schon über zwei Jahre her und sie hat sich ausgezeichnet erholt. Was ich jedoch sehe, ist dass du in letzter Zeit nicht so glücklich gewesen bist, wie du es eigentlich sein solltest.“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich zu ihm zurück gehe. Ich wollte nur, dass du verstehst, dass er auch gute Seiten an sich hat. Sonst wäre ich doch wohl nicht so lange mit ihm zusammen geblieben.“
„Ich möchte dich glücklich sehen. Das ist alles.“
„So wie du mit Ayden?“
Ich sehe, wie sich die Röte in Pams Wangen ausbreitet. Nur schon den Namen ihres Angebeteten verleiht ihr ein kleines Schamgefühl.
„Ja genau.“
„Ich freue mich, dass ihr endlich zueinander gefunden habt. Hat ja eine halbe Ewigkeit gedauert.“
„Ich liebe ihn.“
„Ich weiss.“
Wir lächeln uns an, während sie sich von ihrem Stuhl erhebt.
„Ich lasse dich jetzt alleine, damit du dich ausruhen kannst.“
„Pam.“
Sie dreht sich zu mir um und sieht mich mit einem fragenden Blick an. „Ja?“
„Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt.“
Pams Stirne erhält ein paar Falten. „Für was?“
„Das du mich gefunden und den Krankenwagen gerufen hast.“
„Dafür brauchst du dich gar nicht zu bedanken. Ich bin heilfroh, dass ich zur rechten Zeit gekommen bin und du mehr oder weniger wohlauf bist.“
Sie beugt sich zu mir herunter und gibt mir einen Kuss auf die Wange. „Ich komme morgen wieder.“
„Grüss Ayden von mir.“
Ich bemerke gerade noch, wie sich ein Lächeln auf Pams Gesicht stiehlt, bevor sich die Tür hinter ihr schliesst.
Erschöpft bleibe ich im Bett liegen. Die Auseinandersetzung mit Noah hat mir mehr zugesetzt, als ich mir wirklich eingestehen will. Wie konnte es nur soweit kommen? Ich schliesse meine Augen und versuche auf andere Gedanken zu kommen. Vom vielen Nachdenken erhalte ich noch mehr Kopfschmerzen, als dass ich schon habe. Plötzlich spüre ich einen Drang zur Toilette zu gehen. Zum einen, weil ich dringend meine Blase entleeren muss und zum anderen will ich wissen, wie mein Gesicht aussieht. Ich habe den mitleidigen Blick von Mam und Pam nicht übersehen, als sie mich ansahen.
Langsam versuche ich aus meiner Lagerstätte zu steigen. Was mir wahrlich nicht leicht fällt, denn mein Körper zuckt mehrmals vor Schmerz zusammen. Doch irgendwie gelange ich, indem ich mich auf den Infusionsständer stütze, von dem verschiedene Schläuche zu meinem Arm führen und mit einer Nadel darin verschwinden, auf die Toilette, die sich rechts von meinem Bett befindet. Einen kurzen Blick in den Spiegel genügt, um mein zerschundenes Gesicht zu betrachten. Mein linkes Auge ist total zugeschwollen und blau. Etliche Schürfungen durchkreuzen meine Stirn und meine Wangen. Ich getraue mich kaum, mich zu berühren, aber streiche trotzdem vorsichtig über die Verletzungen, die ich mir beim Sturz zugezogen habe. Als ich mich weiter zum Klosett begebe, wird mir wieder klar, dass die Wunden in meinem Gesicht die kleineren Übel sind. Ich schiebe meine Unterhose nach unten und bemerke erst jetzt, dass sich eine grosse Nachtbinde, die voller Blut ist, daran befindet. Verwirrt starre ich darauf und lasse mich auf die WC-Schüssel fallen. Ich starre auf einen Kalender, der vor mir an der Tür hängt, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Mein Gedächtnis versucht sich daran zu erinnern, wann ich meine letzte Menstruation hatte. Ich glaube fast, dass es schon länger her war. Nur möchte es mir nicht einfallen. Aber ich habe sie ja sowieso nie regelmässig. Muss das tatsächlich so sein, dass ich gerade jetzt diese bekloppte Monatsblutung erhalten musste? Aber warum habe ich dieses Mal solche Unterleibsschmerzen? Das hatte ich bis anhin noch nie. Irgendwas stimmt hier nicht.
In einem gewissen Trancezustand wechsle ich die Binde aus und erhebe mich von der Schüssel. Konzentriert mache ich mich auf den Weg zurück zum Bett, der mich sehr viel Kraft kostet. Zum Glück bin ich zur Zeit die einzige Patientin in diesem Zimmer, da ich mich sonst für meine ungelenken Bewegungen schämen müsste. Gekrümmt und wankend mache ich einen Schritt nach dem anderen. Endlich wieder unter der Bettdecke schliesse ich sofort meine Augen und schlafe im selben Moment ein.
„Frau Berner. Sind sie wach?“
„Hmm.“ Mehr als ein Gemurmel bringe ich nicht zustande.
„Ich habe hier ihr Abendessen.“
Irgendwie habe ich Schwierigkeiten meine Traumwelt mit der Realität auseinander zu halten. Schlafe ich noch oder sollte ich meine Augen öffnen? Als ein köstlicher Duft in meine Nase steigt, fängt mein Magen sofort an zu rebellieren. Ich zwinge meine Augen sich zu öffnen und erkenne sogleich eine Frau in einem weissen Kittel, die mir ein Tablett mit Essen auf die schwenkbare Tischplatte stellt.
„Benötigen Sie noch etwas? Vielleicht eine Tasse Kaffee?“
Ich betrachte mein Abendessen und stelle fest, dass alles, was auf dem Tablett steht, meinem Geschmack entspricht. Wie zum Beispiel das Erdbeerjoghurt und ein Glas Orangensaft, das ich meistens am Abend zu mir nehme.
„Ist es Zufall, dass ich alles mag, was Sie mir hier gebracht haben oder hat jemand für mich das Essen ausgewählt?“
„Ihr Freund hat das für Sie angegeben.“
„Mein Freund?“
„Ja, Herr Wellinger.“
Na klar! Mein ach so fürsorglicher Ex-Freund war das, schreit es in meinem Innern. Mein Ex muss sich immer noch einmischen, wo er nur kann. Obwohl mich diese Geste irgendwie freut, nervt es mich trotzdem, dass er sich immer noch um mich kümmern möchte.
Die Krankenschwester steht ungeduldig an meinem Bett und blickt verstohlen auf ihre Armbanduhr. Ich möchte sie nicht länger aufhalten und Lächle sie schwach an.
„Danke.“
„Wenn irgendwas ist, wissen Sie ja, wo sie drücken müssen.“
„Ja. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.“
„Gute Besserung, Frau Berner.“
Ich nicke ihr schwach zu und mache mich über das Abendessen her. „Autsch, verdammt!“ rufe ich laut aus. Denn die Tomatensuppe, die ich soeben vertilgen möchte, ist noch sündhaft heiss. Also mache ich mich über das Erdbeerjoghurt her, das mich mit seiner Frische überwältigt. Ich dachte, ich hätte einen Bärenhunger, aber dem ist anscheinend nicht so. Den letzten Löffel mag ich gerade noch so herunterschlucken, danach fühle ich mich pappsatt. Ich lege das Besteck zur Seite und knipse den Fernseher an. Ohne mich gross auf den Bildschirm zu konzentrieren, zappe ich wahllos durchs Programm. Nur blödes Zeug. Jetzt wäre ich froh, um ein spannendes Buch oder um die Aufträge, die auf meinem Schreibtisch im Büro liegen und noch zu optimieren sind. Ich entschliesse mich Pam eine SMS zu schicken, damit sie mir morgen mein Buch, in dem ich gerade lese, und meinen Laptop bringen soll. Meine Toilettenartikel und frische Kleider habe ich schon, wie ich bei meinem kurzen WC Gang von vorhin, feststellen konnte. Mühsam setzte ich mich auf und öffne die oberste Schublade in dem kleinen Beistelltisch neben meinem Bett. Gerade als ich mein Smartphone in meine Hand nehme, geht die Zimmertür ein weiteres Mal auf. Es ist der Arzt von heute Morgen. Wie hiess er noch mal? Dr. Ste... Ach herrgott. Nicht mal mehr das fällt mir ein.
„Guten Abend Frau Berner.“
Jetzt wo er näher kommt, kann ich auf seinem Schild den Namen lesen. Ach ja, Dr. Stevens.
„Wie ich sehen kann, hatten Sie nicht so einen grossen Appetit.“
„Ich dachte ich hätte grossen Hunger, aber ich kriege nichts mehr hinunter.“
„Das ist ganz normal nach fast drei Tagen Schlaf. Wenigstens haben sie etwas Kleines zu sich genommen. Wie fühlen Sie sich?“
„Ich kann mich kaum bewegen und habe Mühe aufzustehen.“
„Kein Wunder bei Ihren Verletzungen.“
„Die Verletzungen in meinem Gesicht und an meiner rechten Hand habe ich schon gesehen. Aber warum habe ich Schmerzen, wenn ich zu tief Luft hole und mich zu schnell zur Seite drehe?“
„Sie haben sich beim Sturz zwei Rippen gebrochen. Die Heilung braucht ihre Zeit und Sie dürfen in den nächsten Wochen keinen Sport treiben. Etwas Bewegung ist gut, aber ja nicht überanstrengen. Ausserdem weist ihr Oberkörper mehrere blaue Flecken auf, sowie auch ihre Beine.“
Das habe ich noch gar nicht bemerkt und schiebe sogleich mein Krankenhauspyjama hinauf, um mein Körper zu betrachten. „Oh.“
„Die sehen schlimmer aus, als sie sind.“
Ich bedecke mich wieder und lege mich zurück ins Bett. Das Sitzen hat mich ziemlich ermüdet.
„Dass Sie sich keinen Knöchel verstaucht haben, grenzt gerade noch an ein Wunder. Ihr Fuss ist lediglich angeschwollen. Keine Verstauchung und keinen Bruch.
Aber Ihre rechte Hand ist verstaucht. Die Bandage stellt das Handgelenk ruhig und durch den leichten Druck, das sie verübt, sollte die Schwellung rascher abklingen. In zwei Tagen sollten Sie die Bandage abnehmen können.“
„Okay. Das klingt gut. Aber warum habe ich die Erinnerungen an den Sturz verloren?“
„Wir nehmen an, dass Sie einen schweren Schock erlitten haben. Dadurch werden Ihre Erinnerungen an den Unfall verdrängt. Vielleicht können Sie mit gezielten Gedächtnisübungen die offene Lücke füllen. Vorausgesetzt Sie wollen es auch.“
„Es ist ein eigenartiges Gefühl, nicht zu wissen, was passiert ist.“
„Ich kann Frau Dr. Christensen bitten, dass sie sich morgen bei Ihnen meldet. Sie ist wirklich eine ausgezeichnete Ärztin auf diesem Gebiet und hat schon vielen geholfen, die an einer Amnesie litten.“
Ich kann es kaum erwarten, diese Frau Christensen kennenzulernen. Denn ich möchte ein Stück von meinem Leben zurückerhalten, auch wenn es nur ein paar Stunden sind, fehlt mir irgendwas. Hoffentlich ist sie wirklich so gut, wie Dr. Stevens sagt.
„Wie lange muss ich noch hier bleiben?“
„Sie sind erst gerade heute Morgen aus ihrem Bewusstsein erwacht. Wir behalten Sie noch etwas zur Kontrolle hier. Ausserdem können Sie sich kaum auf Ihren eigenen Beinen halten. Sie werden also noch eine paar Tage bei uns bleiben müssen. Schlafen Sie jetzt erst mal und morgen können Sie vielleicht schon wieder eine kleine Runde im Flur umhergehen."
Die nächste Frage ist mir zwar ein wenig peinlich und wäre zum ersten Mal froh, wenn jetzt eine Ärztin statt ein Arzt hier wäre, aber ich möchte wissen, was mit meinem Körper los ist. „Warum habe ich solche Schmerzen in meinem Unterleib und warum blute ich?“
Seine Miene verändert sich und Mitgefühl widerspiegelt sich in seinem Blick. „Eigentlich wollte ich, dass jemand bei Ihnen ist, wenn ich Ihnen diese schlechte Nachricht überbringe.“ er räuspert sich mehrmals und setzt sich auf einen Stuhl, der sich neben meinem Bett befindet.
„Was für eine Nachricht?“ meine Stimme hört sich sogar in meinen eigenen Ohren ganz schrill und fremd an, als ich ihn bitte, mich endlich einzuweihen.
„Frau Berner.“ wieder räuspert er sich „Sie haben ihr Kind verloren. Es tut mir schrecklich leid. Wir konnten es nicht mehr retten. Wir konnten nichts mehr für das Ungeborene tun.“
„Mein Kind?“ geht es noch verwirrter?
Nach meinem Gesichtsausdruck konnte er die Situation richtig beurteilen. „Wussten Sie etwa nicht, dass Sie schwanger waren? Sie waren in der achten Woche.“
„Ich und schwanger? Nein, auf keinen Fall.“ Ich bin froh, dass ich bereits liege, sonst hätten meine Knie bestimmt nachgegeben. Warum sollte ich schwanger sein? Wir haben doch immer auf die Verhütung geachtet. Ich war in der achten Woche und ich habe nichts bemerkt? Oder etwa doch? Meine Gedanken drehen sich ständig im Kreis.
Der Mann im weissen Kittel, der immer noch auf dem Stuhl neben mir sitzt, redet wirres Zeug. Ich kann ihm wahrhaftig nicht folgen, was er von sich gibt. Irgendwas dringt doch noch zu meinem Gehirn durch.
„Was haben Sie gesagt?“
„Mit grosser Wahrscheinlichkeit können Sie keine Kinder mehr bekommen.“
Abermals starre ich ihn verständnislos an. „Was soll das heissen, ich kann keine Kinder mehr bekommen?“
„Sie haben sich durch den Sturz schwere Verletzungen zugezogen und die Gebärmutter wurde ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Auch wenn Sie mich jetzt dafür hassen werden, möchte ich Ihnen keine allzu grosse Hoffnung machen, dass Sie nochmals schwanger werden können. Wenn Sie genauere Informationen Wünschen, wenden Sie sich bitte an Ihren Gynäkologen.“
Ich weiss nicht, wie ich mit diesen Informationen umgehen soll. In den vergangenen Monaten hatte ich überhaupt nicht den Wunsch danach, schwanger zu werden. Aber jetzt wo ich weiss, dass ich ein kleines Geschöpf in mir trug, wird mir ganz eng ums Herz.
„Ich werde Sie jetzt alleine lassen. Morgen werde ich wieder nach Ihnen sehen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Frau Berner.“
Als der Arzt schon fast bei der Tür ist, dreht er sich nochmals zu mir um. „Einen kleinen Rat hätte ich da noch für Sie. Vielleicht sollten Sie das nächste Mal nicht mehr so hohe Absätze tragen, wenn sie eine Treppe hinuntersteigen wollen. Versuchen Sie etwas zu schlafen. Das wird Ihnen sicherlich gut tun.“
Hohe Absätze? Was soll denn das wieder bedeuten? Ich kann mich nicht an hohe Schuhe erinnern. Stirnrunzelnd nehme ich mein Smartphone in die Hand und tippe eine kurze SMS an Pam. Danach lege ich es auf den Beistelltisch, drehe mich auf die gesunde Seite und schliesse meine Augen. Zwar fühle ich mich total erschöpft und ich versuche einzuschlafen, aber das was Dr. Stevens mir mitgeteilt hat, treibt mir, ohne dass ich etwas dagegen tun könnte, Tränen in die Augen. Mutter zu werden war in ferner Zukunft nicht mein Ziel und fühle mich auch jetzt noch nicht bereit dazu, aber da ich nun weiss, dass ich wegen meinen hochhackigen Pumps ein Menschenleben vernichtet habe, überfällt mich die Selbstverachtung doppelt so schwer. Ich lasse meine Augen fest geschlossen und hoffe, dass ich endlich in den Schlaf flüchten kann.
2.
Die Sonne blendet mich, als ich mit pochenden Kopfschmerzen erwache. Wo bin ich? Verwirrt schaue ich mich um. Als ich die vielen Blumen sehe, wird mir wieder alles bewusst. Der Sturz, meine Verletzungen und das verlorene Baby. Aus reinem Impuls heraus lege ich die Hände auf meinen Bauch.
Ich merke gar nicht, dass sich langsam die Tür öffnet und meine Schwester mit ihrer süssen Tochter hereinkommt, so sehr bin ich in Gedanken versunken. Als mein Patenkind sich bereits auf mich stürzen möchte, nehme ich meinen Besuch erst wahr.
„Hey Süsse.“ ich strecke meine Hand nach dem Mädchen aus, woraufhin mein Patenkind zu mir aufs Bett klettert und ihren Kopf an meine Schulter schmiegt.
„Hallo Zoe.“ höre ich nun meine Schwester neben mir, die mich mit einem besorgten Blick mustert.
„Hallo Valerie. Schön euch zu sehen.“
„Wie fühlst du dich?“
„Ich bin auf dem Weg der Besserung.“ leugne ich. Doch meine Schwester lässt sich davon nicht beirren.
„Warum sind dann deine Augen so verquollen und rot unterlaufen?“
Die Frage was wäre, wenn ich immer noch das Kind in mir tragen würde, stiehlt sich abermals einen Weg in mein Gehirn, während ich Caroline sanft über ihr Haar streichle, die immer noch eng an mich gedrückt neben mir liegt.
„Das muss von den Schmerzen sein.“
„Aber ja klar.“ Sie drückt mir einen leichten Kuss auf die Stirn, bevor sie einen Stuhl neben das Bett zieht.
Wie soll ich ihr meine Ängste und Sorgen ausdrücken, da ich selbst den Durchblick nicht habe, wie es mir momentan ergeht? Angespannt schaue ich auf die achtjährige Caroline und bewege meinen Kopf langsam hin und her. Ich hoffe Valerie versteht, was ich ihr damit sagen möchte. Das kleine Mädchen braucht nicht meine Geschichte zu hören.
„Sascha sollte nächstens hier sein. Er hat uns beim Eingang aussteigen lassen und sich dann auf die Suche nach einem Parkplatz gemacht. Heute scheinen wohl alle einen Krankenbesuch machen zu wollen.
Danach haben wir sicher etwas Zeit um zu reden.“ Sie zwinkert mir mit einem angedeuteten Lächeln zu.
„Zoe? Warum bist du hier in diesem Bett und nicht bei dir zu Hause?“ ertönt die kindliche Stimme meines Patenkindes.
„Anscheinend habe ich mich nicht auf die Treppe konzentriert, als ich mit hohen Absätzen hinuntergehen wollte.“
„Bist du gefallen?“
„Ja. Ich bin ganz dumm die Treppe hinuntergestürzt. Ich bin das beste Beispiel, dass man die Treppen nicht unterschätzen darf.“
„Warum sagst du anscheinend?“ wollte meine Schwester wissen.
„Ich kann mich nicht an den Sturz erinnern. Der Arzt meinte, dass ich an irgendeiner Amnesie leide. Den genauen Ausdruck habe ich vergessen.“
„Das ist nicht wahr. Wie kann das passieren?“
„Wahrscheinlich habe ich einen Schock erlitten und verdränge so den Sturz. Ich kann noch so krankhaft versuchen, den Abend in meine Erinnerungen zu rufen, aber das Bild verschwindet und es wird alles schwarz vor meinen Augen, sobald es an der Tür klingelte. An das Nächste, was ich mich wieder erinnern kann ist, dass ich hier in diesem Bett liege und Mam mit einem Arzt in diesem Zimmer ist.“
„Und das bleibt so?“
„Dr. Stevens meinte, dass man irgendwelche Übungen machen kann. Dadurch erhält man eine kleine Chance, um Erinnerungen zurückzugewinnen.“
„Was sind das für Übungen?“
„Das weiss ich noch nicht. Wahrscheinlich kommt heute eine Ärztin vorbei, die spezialisiert darauf ist.“
Meine Schwester und ich sehen gleichzeitig auf, als sich die Tür öffnet. Mein Schwager guckt schüchtern durch den kleinen Spalt und als er uns erkennt, tritt er mit leisen Schritten herein.
„Wie geht es meiner Lieblingsschwägerin?“ Sascha beugt sich zu mir und gibt mir sanft einen Kuss auf die Wange. Mit seiner lieben Art, zaubert er doch tatsächlich für eine Sekunde ein Lächeln auf mein Gesicht.
„Du Charmeur. Als hättest du die grosse Auswahl an Schwägerinnen.“
„Na ja. Aber ich möchte dich doch um nichts auf der Welt gegen eine andere Schwägerin austauschen wollen. Du hast uns allen einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Ich bin froh, dass du endlich wieder bei Bewusstsein bist.“
„Tut mir leid.“ flüstere ich.
„Oh nein. So war es ganz und gar nicht gemeint. Ich wollte dir keine Schuldgefühle machen. Ich möchte dir nur sagen, wie wichtig du für uns bist.“ Sascha drückt mich kurz und lässt mich gleich wieder los, als er merkt, dass ich mich vor Schmerzen anspanne. „Komm meine Süsse. Wir lassen deine Mami und Zoe einen kurzen Moment alleine.“ wendet er sich an seine Tochter.
Caroline erhebt sich müde aus dem Bett und sieht mich mit tränenreichen Augen an, als sie sich zu mir umdreht.
„Es wird alles wieder gut, meine Liebe.“ Ich drücke die Hand meines Patenkindes, während ihr Blick auf mich geheftet ist. „Kommst du mich bald wieder besuchen?“
„Ja.“ Sie beugt sich vor und gibt mir einen Kuss auf die Wange, bevor sie mit ihrem Vater verschwindet.
Die Tür war kaum geschlossen, als meine Schwester einmal tief Luft holt und die unausweichliche Frage stellt. „Was ist passiert, was ich noch nicht weiss?“ Ganz die Art meiner Schwester. Wie immer kommt sie direkt auf den Punkt.
„Ich bin gestürzt und habe mich ziemlich übel verletzt. Reicht das nicht?“
„Mir wäre es lieber, wenn du gar nicht hier liegen würdest, aber ich sehe dir an, dass dich noch etwas beschäftigt. Nur weiss ich nicht, was es ist. Hat es mit Noah zu tun?“
„Warum mit Noah?“
„Hast du endlich mit ihm gesprochen?“
„Ja, ich habe mich endlich von ihm getrennt. Wir haben uns nichts mehr zu sagen.“
„Wenn ich die Rosen hier ansehe, bin ich mir da aber nicht so sicher.“ Valerie dreht ihren Kopf zu den vielen Blumensträussen und macht eine Handbewegung darüber. „War er hier?“
„Ja. Gestern. Aber ich habe ihm für allemal gesagt, dass er mich in Ruhe lassen soll. Es ist alles geklärt zwischen uns.“
„Also was ist es dann. Rück endlich mit der Sprache heraus. Warum machst du so einen niedergeschlagenen Eindruck?“
Ich weiss, dass ich meine Schwester nicht länger hinhalten kann. Vielleicht tut es mir sogar gut, wenn ich mit jemandem darüber sprechen kann.
„Ähm.“ versuche ich verzweifelt den Anfang zu machen und starre auf meine linke Hand, die auf meiner rechten bandagierten Hand liegt . Ich ringe nach den richtigen Worten, doch die scheinen nicht erscheinen zu wollen „Ich war in der achten Woche schwanger.“ so, jetzt ist es endlich heraus.
Meiner Schwester hat es doch tatsächlich die Stimme verschlagen. Sie sitzt mit offenem Mund da und starrt mich fassungslos an. Als sie sich wieder gefangen hat, schaut sie mir tief in die Augen.
„Das ist wahrhaftig ein Schock. Und wie geht es dir dabei?“
Ich zucke vorsichtig mit meinen Schultern. „Wenn ich das wüsste.“ In ihren Augen schimmern Tränen, was mich dazu veranlasst, meine Eigenen nicht länger zurückhalten zu können. Valerie setzt sich zu mir aufs Bett und hält mich fest an sich gedrückt. Meine zurück gestauten Tränen suchen ihren Weg nach draussen und es dauert lange, bis sie wieder verebben. Ich fühle mich gleich ein klein wenig besser, nachdem ich meinen Gefühlen endlich freien Lauf gelassen habe. Nur leider hält dieses Gefühl der Befreiung nicht lange an.
Sie löst sich von mir und streicht mir die Haare aus dem Gesicht. „Kannst... kannst“ ich spüre, wie die nächste Frage in ihrer Kehle stecken bleibt und ich denke, ich weiss, über was sie sich den Kopf zerbricht. Zögernd spricht sie weiter. „du noch Kinder bekommen?“
Da ist es. Natürlich musste sie mir diese Frage stellen. Wieder starre ich ins Leere und versuche meine Gedanken zu sammeln. Es fällt mir schwer darüber zu sprechen, aber früher oder später kann ich dieser Situation nicht mehr ausweichen.
„Mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht. Das Baby wurde durch den Sturz getötet und ich habe anscheinend dadurch ziemliche schlimme Verletzungen zugezogen.“ Ich schlucke ein paar Mal leer, bevor ich weiter reden kann. „Aber es ist schlimmer als es klingt. Ich war ja sowieso nicht bereit für ein Kind. Das ist wohl jetzt die Bestrafung dafür, dass ich nicht mal gespürt habe, dass ein kleines Wesen in mir herangewachsen ist.“
„Hörst du dir eigentlich selber zu? Wem willst du etwas vorgaukeln? Dir oder mir?“ Meine Schwester fährt wie vom Blitz getroffen auf und ist sichtbar aufgebracht. „Hast du dir selbst zugehört? Du vergötterst Kinder und liebst meine Caroline, als wäre sie dein Eigen. Warum nur...“ Abrupt hört sie auf, mich zu verurteilen und setzt sich wieder langsam auf den Stuhl neben meinem Bett. „Es tut mir leid, Zoe. Ich wollte nicht an dir herumnörgeln oder dich kritisieren.“
„Ist schon gut. Ich denke, wenn ich mir nur genug oft einrede, dass ich sowieso keine Kinder wünsche, ist es vielleicht irgendwann nicht so schlimm. Es war immer so selbstverständlich, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt Kinder haben werde.“ Meine Stimme versagt kläglich und wieder brennen Tränen in meinen Augen, die ich kaum zurückhalten kann.
„Weiss sonst schon jemand Bescheid darüber?“
„Nein und ich möchte es auch nicht an die grosse Glocke hängen.“
„Wirst du es Noah erzählen.“
„Ich denke nicht. Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Und diese Geschichte würde ihm nur einen Grund geben, um sich um mich sorgen zu wollen.“
„Ach meine Süsse. Irgendwie wird schon alles wieder gut werden. Es wird sich schon eine Lösung finden, wenn du bereit dazu bist. Ich bin immer für dich da. Das weisst du hoffentlich, oder?“
„Danke Valerie. Ich bin froh, dass ich mit dir darüber reden konnte.“
Meine grosse Schwester drückt mir sanft die gesunde Hand und gibt mir einen Kuss auf die Wange, nachdem sie sich erhoben hat.
„Ich werde jetzt mal nachsehen gehen, wo Caroline und Sascha sind. Er muss nachher noch zur Arbeit. Wenn du irgendwas brauchst, ruf mich an. Ich werde sofort kommen.“ Sie dreht sich nochmals um, bevor sie aus dem Zimmer verschwindet. „Ach übrigens. Ich habe deinen Chef angerufen und ihm mitgeteilt, dass du hier bist und dass er in den nächsten Tagen wohl nicht mit dir rechnen muss.“
„Danke. Du bist ein wahrer Schatz. Grüss Caroline von mir und sag ihr, dass wieder alles in Ordnung kommt. Ich möchte nicht, dass sie sich irgendwelche Horrorgeschichten zusammenreimt.“
Nach einem etwas weniger beschwerlichen Gang ins Bad, als beim letzten Mal, tat mir anfangs die Stille in meinem Krankenzimmer gut, nachdem meine Schwester gegangen ist und ich in aller Ruhe meinen Gedanken nachgehen konnte. Aber nun fühle ich mich leer in diesem Zimmer und wünschte es wäre jemand hier.
Mein Wunsch bleibt nicht lange in der Luft liegen. Zwar kommt niemand von meinem Bekanntenkreis ins Zimmer, aber ich bin dennoch froh, dass nun eine Ärztin mit weissem Kittel und einem Stethoskop vor mir steht.
„Guten Tag Frau Berner. Ich bin Frau Dr. Christensen.“ Die schöne, rothaarige Mittdreissigerin lächelt mich mit einem warmen Blick an und reicht mir die Hand.
„Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.“
„Das ist doch selbstverständlich. Nun erzählen Sie mir zuerst einmal, was vorgefallen ist. Ich habe zwar durch Dr. Stevens von Ihrem Unfall erfahren, aber ich möchte von Ihnen wissen, an was Sie sich noch erinnern können.“
„Nun...“ ich drehe meinen Kopf zur Seite und sehe aus dem Fenster, als ich an den besagten Abend denke und der Ärztin neben mir, alles zu schildern versuche. „Ich war endlich wieder einmal mit meiner Freundin Pam verabredet. In letzter Zeit haben wir uns ziemlich selten gesehen und ich freute mich über den gemeinsam Abend. Nachdem ich etwas früher von der Arbeit gegangen bin, habe ich mich zu Hause zurecht gemacht. Gerade als ich mich anzog, klingelte es an der Tür. Und nun liege ich hier. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin. Pam teilte mir mit, dass sie mich am Ende der Treppe gefunden und sofort den Notruf gerufen hat.“
„Sie müssen einen ziemlichen Schock erlitten haben, dass Sie sich nicht mehr an den Unfall erinnern können. Sie leiden an einer sogenannten retrograde Amnesie. Ihr Gedächtnis versucht dadurch das Erlebte zu verdrängen.“
„Das hat mir Dr. Stevens ebenfalls mitgeteilt.“
„Durch konkrete Gedächtnisübungen können wir vielleicht die Erinnerungen zurückgewinnen. Ich werde ein gezieltes Training für Sie zusammenstellen. Wenn es Ihnen passt, können wir am Donnerstag damit beginnen.“
„Ich habe nichts vor, ausser hier im Bett zu liegen. Viel mehr bleibt mir nicht zu tun. Eigentlich habe ich gehofft, bald möglichst nach Hause gehen zu können. Ich wäre viel lieber in meiner gewohnten Umgebung.“
„Ich kann Sie vollkommen verstehen, aber Ihr Zustand lässt es leider noch nicht zu, dass Sie schon alleine für sich sorgen können.“ Die Ärztin erhebt sich, mit einem Block aus Papier und einem Stift in der Hand und schüttelt mir die Hand. „Also, bis in zwei Tagen. Erholen Sie sich bis dahin gut. Essen Sie genug. So kommen Sie am schnellsten wieder auf die Beine.“
Gerade als Dr. Christensen aus dem Zimmer tritt, taucht eine Krankenschwester, in einen weissen Kittel gekleidet, auf. Diese junge Frau habe ich bis jetzt noch nicht kennengelernt.
„Schön Sie wach zu sehen. Guten Tag Frau Berner. Darf ich mich vorstellen?“
Auch wenn ich ihren Namen gar nicht wissen möchte, kann ich doch wohl schlecht nein sagen, oder? Erschreckt über meine unverschämten Gedanken, versuche ich ein unverkrampftes Lächeln an den Tag zu bringen.
„Mein Name ist Nadja Wulst.“ fährt die Krankenschwester fort „Wie fühlen Sie sich?“
„Besser als noch vor ein paar Stunden.“
„Ich werde Sie jetzt von diesen Schläuchen, die in Ihrem Arm stecken befreien. Diese Infusionen benötigen Sie wohl nicht mehr. Was meinen Sie, kommen Sie ohne diese Gehhilfe zurecht?“ versucht die Krankenpflegerin zu witzeln und lächelt mich voller Freundschaft an. Nur kann ich ihr nicht ganz folgen.
„Wie?“
„Der Infusionsständer war sicher eine gute Stütze.“
„Ach so. Ja das war er. Aber ich bin froh, wenn ich diese Infusionsnadel“ und zeige auf meine linken Arm „nicht mehr benötige. Sie ist äusserst lästig, wenn man sich drehen möchte.“
„Das kann ich Ihnen gut nachvollziehen. Dann werde ich Sie jetzt einmal davon befreien.“
Behutsam löst sie den Kleber, durch den die Nadel an meinem Arm befestigt ist. Danach zieht sie sorgfältig die dünne Nadel heraus, drückt mir eine Mullbinde auf den Einstich und schiebt den Infusionsständer weg. Sie holt ein Pflaster aus dem Schrank und bringt es auf meinem Arm an.
„Das wäre geschafft. Wie sieht es mit Ihren Blutungen aus? Haben Sie nachgelassen?“
Völlig baff, dass sie mich auf die Blutungen anspricht, starre ich sie an. „Ähm, ja.“
„Sie brauchen sich nicht dafür zu schämen.“
„Ich schäme mich nicht. Es ist nur so, dass hier jeder von meinem Missgeschick Bescheid weiss und dass ich dabei mein Baby verloren habe. Jeder wusste es schon, bevor ich es überhaupt erfahren habe.“
„Das braucht Sie keinesfalls zu beunruhigen. Am wichtigsten ist, dass Sie wieder auf die Beine kommen. Alles andere wird sich ergeben.“
„Das sagen Sie so leicht.“
„Ich kann nicht leugnen, dass Sie etwas sehr schicksalhaftes erlebt haben, aber lassen Sie sich bitte nicht unterkriegen. Sie sind noch sehr jung und man weiss nie, was einem das Leben noch alles bringen kann.“
„Leider hat mir der Arzt keine so rosige Zukunft vorausgesagt.“
„Wenn Ihr Kinderwunsch so gross ist, können Sie sich immer noch überlegen, ob Sie allenfalls für eine Adoption fähig sind. Oder ob eine Leihmutter in Frage käme. Aber lassen Sie sich Zeit und verdauen Sie zuerst das, was Ihnen widerfahren ist.“
„Woher nehmen Sie bloss diese Zuversicht?“
„Mein Beruf lehrt es mich. Kommt Ihr Freund noch vorbei?“
„Ich habe keinen Freund.“
„Bin ich etwa schon wieder in ein Fettnäpfchen getreten?“ schuldbewusst schaut mich die Krankenschwester an.
„Ist schon gut. Es stimmte schon seit längerer Zeit nicht mehr zwischen uns. Nur will er es nicht wahrhaben.“ und ich schaue auf die vielen Rosensträusse, die anscheinend von ihm sind. Ich muss zugeben, dass er in diesem Fall Geschmack bewiesen hat. Nur ist das noch lange kein Grund, bei ihm zu bleiben.
„Eine weitere Patientin wartet auf mich. Sie drücken den Knopf, wenn irgendwas ist?“
Ich nicke nur mit dem Kopf. „Darf ich das Zimmer verlassen?“ Ich spüre plötzlich eine innere Unruhe und habe das Verlangen aus diesen vier Wänden zu kommen, in denen ich mich nun schon seit über vier Tagen befinde.
„Wenn Sie sich stark genug fühlen, dürfen Sie das gerne tun. Bitte teilen Sie jeweils mir oder einer anderen Krankenschwester mit, wenn Sie die Etage verlassen.“
„Ich brauche etwas Abwechslung. Wo befindet sich das Café?“
„Im Erdgeschoss. Warten Sie kurz. Ich bin gleich zurück.“
In der Zwischenzeit gehe ich kurz ins Bad und werfe einen Blick in den Spiegel. Mein geschwollenes Auge sieht nicht mehr so schlimm aus wie gestern, aber es ist immer noch ziemlich dick und der Bluterguss verfärbt sich ganz langsam gelblich. Meine Haare stehen wirr von meinem Kopf ab. Mit ein paar Bürstenstriche bringe ich es einigermassen in Ordnung. Nun noch ein Haargummi um meine langen, braunen Haare und ich sehe gleich etwas präsentabler aus.
Gerade als ich mich auf die Bettkante zurücksetzte, kommt die nette Krankenpflegerin mit einer Krücke in der Hand zu mir zurück. Ich erwarte sie bereits sitzend auf meinem Bett und starre sie entgeistert an. „Muss das sein?“
„Da Sie jetzt den Infusionsständer nicht mehr als Stütze haben, bleibt ihnen wohl nichts anderes übrig, als diese hier zu nehmen. Ich kann auch einen Rollstuhl besorgen, wenn Ihnen das lieber ist.“
Mir wird schnell klar, dass ich ohne diese Krücke nicht weit kommen werde. Wenn ich also mein Zimmer endlich mal verlassen möchte, habe ich keine andere Wahl, als diese Gehhilfe zu benützen. „Sie haben mich überredet.“ Ich schenke der Frau vor mir ein schwaches Lächeln, schnappe meine Handtasche, die sich im Beistelltisch befindet und folge mit vorsichtigen Schritten der Krankenschwester zum Aufzug.
„Kommen Sie alleine klar?“
„Ich denke schon.“ Die Pflegering verlässt mich, während ich auf den Lift warte und mich auf dem Flur umsehe. Ein langer nicht enden wollender Gang erstreckt sich vor mir und etliche Türen gehen davon ab. Ich vermute, dass hinter jeder dieser Tür mindestens eine Patientin liegt. Plötzlich frage ich mich, was diese Frauen wohl gerade durchmachen müssen. Haben Sie vielleicht ein ähnliches Schicksal wie ich zu verdauen? Mir wird es eng um die Brust, als ich mich wieder an meinen Verlust denken muss und bin froh, dass sich endlich die Aufzugtüren vor mir öffnen, damit niemand meine gläserne Augen sehen kann. So schnell es meine Kraft und mein Körper zulässt, gehe ich hinein und drücke auf den Knopf, der das Erdgeschoss anzeigt. Zum Glück habe ich mir noch schnell die Etage gemerkt, auf der sich mein Zimmer befindet. Wäre schön peinlich, wenn ich beim Empfang nach meinem Zimmer fragen müsste.
Unten angekommen sehe ich mich zuerst einmal in alle Richtungen um. In die eine Richtung sieht dieser Flur fast so aus, wie meiner. In die andere Richtung deutet ein Pfeil, der das Café und den Ausgang anzeigt, was ich auch am Ende des Ganges entdecke. Wie soll ich nur diesen weiten Weg schaffen? Meine Kraft droht mich jetzt schon zu verlassen. Langsam mache ich einen Schritt vor den Anderen und komme meinem Ziel immer näher.
Ich sehe einige leere Tische. Also gehe ich gleich zum Getränkeautomaten und suche mir etwas schmackhaftes aus. In meiner Tasche suche ich nach meinem Portemonnaie, um mir ein paar Münzen herauszunehmen, damit ich den Automaten damit füttern kann. Nur zu blöd, dass sich darin kein Kleingeld befindet. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig als mich an der Theke bedienen zu lassen.
„Was darfs sein?“
„Ich möchte ein Rivella.“
„Gerne.“ Die Frau hinter der Kasse kommt sogleich mit einer Flasche Rivella und einem Glas zurück.
„Darfs sonst noch was sein?“
„Den Blick. Das wäre dann alles.“ Ich drücke ihr eine Zehnernote in die Hand und verstaue das Portemonnaie wieder in meiner Tasche.
„Ich bringe Ihnen die Sachen zum Tisch.“
„Oh. Vielen Dank.“
„Wo möchten Sie sitzen?“
Eigentlich habe ich gehofft, auf dem Gartensitzplatz sitzen zu können, um etwas frische Luft einatmen zu können. Aber da es aus allen Eimern zu regnen scheint, entschliesse ich mich im Innern zu bleiben. Also deute ich auf einen freien Tisch, der sich neben einem Fenster befindet. So kann ich wenigstens hinaussehen.
Endlich kann ich wieder sitzen. Diese wenigen Minuten, die ich auf den Beinen waren, kosteten mich mehr Kraft, als ich gedacht habe. Ich nehme einen kräftigen Schluck von meinem Rivella und schlage die Zeitung auf. Obwohl ich versuche mich auf den Text zu konzentrieren, schweifen meine Gedanken immer wieder zu meinem nicht vorhandenen Unfall zurück. Irgendwann bin ich soweit, dass ich es aufgebe und die Zeitung zur Seite lege. Stattdessen krame ich ein weiteres Mal in meiner Handtasche und nehme mein iPhone in die Hand.
Schockiert sehe ich eine ganze Menge ungelesener SMS. Während ich mich durch die Meldungen lese, bemerke ich, dass mich ein Mann, der mit einer Frau und zwei düster dreinblickenden Muskelprotz an einem Tisch sitzt, unverhohlen beobachtet. Unbeeindruckt tippe ich mich durch die Nachrichten. Die meisten sind gute Genesungswünsche. Sogar mein Chef hat sich gestern gemeldet. Es sind nur noch drei ungelesene Nachrichten. Die drittletzte ist von Pam. Bin nun unterwegs zu dir. Die zweitletzte von Janosch. Hai Sista. Morgen um ein Uhr bei dir. In Ordnung? Ach ja, wir waren ja am Samstag zum shoppen verabredet. Mein Bruder braucht wieder einmal eine Beratung beim Kleider kaufen.
Nun noch die Letzte und Älteste. Sorry Zoe, aber es wird etwas später. Ich mache so schnell ich kann. Jetzt hast du wenigstens noch Zeit deine Lieblingsserie anzusehen. Bis später. Pam.
Müde schaue von meinem iPhone auf und blicke aus dem Fenster. Irgendwann fangen meine Gedanken an, sich zu überschlagen. Irgendwas erscheint mir merkwürdig an Pams SMS. Ich lese es ein drittes und viertes Mal durch. Plötzlich klingelt es in meinem Kopf und ich weiss, was mich an der Nachricht stört. Wann hat mir Pam gesimst? Ich schaue auf die Uhrzeit. Sie hat mir kurz nach halb sieben geschrieben. Aber um diese Zeit war sie doch schon lange bei mir? Ich bin mir fast sicher, dass ich auf meine Uhr sah, bevor ich zur Tür ging. Und diese zeigte knapp nach sechs an.
Ich schliesse meine Augen, um meine Gedanken so besser festhalten zu können und um sie neu zu ordnen. Das Bild steigt mir vor das innere Auge, wie ich mich in mein Lieblingsoutfit schäle und aufsehe, als es klingelt. Ich sehe, wie ich die Treppe hinuntergehe und mit leichtem Schritt zur Tür gehe und sie öffne.
Mit einem Mal wird mir speiübel. Mein Körper fängt an zu zittern. Nur mühsam tippe ich eine SMS an Pam. Meine Finger wollen mir kaum gehorchen. Obwohl ich mir nun über einiges im Klaren bin, möchte ich mich trotzdem versichern.
Kaum habe ich die Nachricht gesendet, vibriert mein Smartphone in meiner Hand. Ich muss mich richtig konzentrieren, damit die Buchstaben nicht vor meinem Augen verschwinden.
„Es war mindestens halb acht, als ich bei dir war. Warum willst du das wissen?“
Mein Herz fängt wie wild an zu rasen. Meine Befürchtung hat sich nun bewahrheitet. Ich kriege kaum Luft und versuche mich ganz normal zu verhalten. Da höre ich schon eine Stimme neben mir.
„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“
Es ist der Mann, der mich vorher schon begafft hat. Was wollte denn der jetzt von mir?
„Ja alles bestens.“ bringe ich leise heraus.
„Ist Ihnen nicht gut?“
Mir ist überhaupt nicht wohl. Ich suche das Café nach einem WC ab und erhebe mich von meinem Stuhl.
„Entschuldigen Sie mich.“ Ich schnappe meine Krücke und versuche so rasch wie möglich zur Toilette zu kommen. Ich gerate langsam in Panik. Mein Zufluchtsort befindet sich viel zu weit weg. Zu meiner Überraschung hebt mich der fremde Mann auf seine Arme, als würde ich keine fünfundfünfzig Kilo wiegen und läuft mit schnellen Schritten zu meinem Ziel. Ich bemerke gar nicht, wie uns die anderen Besucher des Cafés anstarren und wie die zwei Männer von seinem Tisch, uns in kurzem Abstand folgen.
Eigentlich müsste ich mich gegen diesen Unbekannten wehren und ihm deutlich machen, dass er mich wieder auf den Boden stellen soll, aber ich habe absolut keine Kraft dazu. Ich bin sogar enorm froh, dass mich der dunkelblonde Fremde zur Toilette trägt. Er stösst die Tür auf und lässt mich auf meine Füsse nieder. Ich stürze in die erstbeste Kabine und kann gerade noch den Deckel heben, bevor ich mich übergeben muss.
Ich habe keine Ahnung wie lange ich schon vor dieser Schüssel knie und mich meinen niederschmetternden Gefühlen hingebe. Umso deutlicher spüre ich die Schmerzen, die meinen ganzen Körper beherrschen. Langsam löse ich mich aus meiner verzweifelten Position und hebe mich auf die Füsse. Überraschenderweise befindet sich meine Krücke an der Wand gegenüber meiner Toilette. Ich bin mir sicher, dass ich die irgendwo unterwegs habe liegen lassen. Wie kam sie also hierher? Hat sie etwa der Mann, der mir vorhin geholfen hat, hierher gebracht? Ist ja auch egal. Ich bin nur dankbar, dass ich meine Gehilfe wieder habe und mich nicht an einen anderen Menschen wenden muss.
Vor dem Waschbecken und dem darüber hängendem Spiegel bleibe ich stehen. Ich drehe den Wasserhahn auf und spritze mir mehrmals kaltes Wasser ins Gesicht und wische dann mit einem Papiertuch mein Gesicht ab. Danach trinke ich ein paar Schlucke und richte meine Haare. Ich versuche meine Gedanken und Ängste auszublenden, die mich vor wenigen Minuten überfielen, was mir überhaupt nicht gelingen will. Nachdem ich mich etwas erholter und präsentabler fühle, verlasse ich die Damentoilette und hoffe ungesehen in mein Zimmer zu kommen. Aber noch bevor sich die Tür hinter mir schliesst, steht der dunkelblonde Mann neben mir.
„Geht es Ihnen besser?“
„Alles bestens.“ und gehe weiter.
„Wem wollen Sie etwas vormachen?“
„Niemandem.“
„Haben Sie einen Wunsch?“
„Ich möchte nur auf mein Zimmer.“
„Darf ich Sie begleiten?“
„Warum?
„Ich möchte Ihnen nur behilflich sein. Seien Sie mir nicht böse, aber Sie sehen so aus, als würden Sie nächstens in Ohnmacht fallen.“
„Das kann Ihnen doch egal sein.“
„Da haben Sie vollkommen recht.“
Wir gehen ein paar Schritte nebeneinander her, bis er das Schweigen abermals unterbricht.
„Übrigens, ich heisse Alexander.“ Er streckt mir die Hand entgegen und ich nicke nur leicht mit dem Kopf. Als er merkt, dass ich nicht weiter darauf reagiere, nimmt er seine Hand zurück und steckt sie in seine Hosentasche.
„Wollen Sie etwas Gesellschaft?“
„Nein.“ antworte ich etwas zu schroff und füge besänftigend hinzu. „Ich brauche meine Ruhe.“
„Wer hat Ihnen das angetan?“
Verblüfft über Alexanders Frage, starre ich ihn an. Obwohl ich genau weiss, was er meint, stelle ich mich so an, als hätte ich keine Ahnung. „Was meinen Sie damit?“
Er deutet auf meine bandagierte Hand und mein linkes Auge. „Das sind noch lange nicht die schlimmsten Verletzungen, stimmts?“
Mein Mund klappt auf, aber es kommt kein Ton heraus. Ich bin einfach zu verblüfft über seine Wahrnehmungsfähigkeit.
„Ich bin anscheinend die Treppe hinuntergestürzt.“ Das wurde mir jedenfalls erzählt, füge ich stumm dazu.
„Anscheinend?“
„Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was passiert ist. Ich muss einen ziemlichen Schock erlitten haben.“ Hoffentlich spürt er nicht, wie ich ihm etwas verheimliche. Aber warum sollte mich das auch stören, denn schliesslich bin ich diesem Mann keine Rechenschaft schuldig. Wir sind uns ja erst gerade das erste Mal begegnet.
Noch ein paar Schritte, dann bin ich beim Lift, denke ich mir. Danach kann ich endlich seinen Fragen und diesen wunderschönen, olivgrünen Augen entkommen, die mich zu durchlöchern versuchen. Ich betrachte ihn eingehender. Erst jetzt sehe ich, was für ein bildschöner Mann mir vor Kurzem geholfen hat. In diesen Armen habe ich gelegen, geht es mir durch den Kopf und ich fühle, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. Ein Räuspern holt mich zurück auf den Boden.
„Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Zoe.“
„In welchem Stock befindet sich ihr Zimmer, Zoe?“
„Im siebten.“ Ich habe nicht einmal bemerkt, dass der Lift schon angekommen ist, da ich keine Taste gedrückt habe.
„Ich wünsche Ihnen eine gute und schnelle Genesung. Passen Sie gut auf sich auf.“ Er drückt nochmals meinen linken Arm und lässt mich alleine im Fahrstuhl zurück. Während sich die Aufzugtüren schliessen, überkommt mich eine seltsame Enttäuschung, dass sich dieser gutaussehende Mann schon jetzt von mir verabschiedet hat. Noch bevor mir bewusst wird, was ich tue, hebe ich die Krücke, um zu verhindern, dass sich die Türen ganz schliessen. Ich bringe ein verlegenes „Danke“ heraus.
„Für was?“
Beschämt schaue ich zu Boden. „Für Ihre Hilfe. Ich wüsste nicht, was geschehen wäre, wenn Sie nicht dagewesen wären.“ Ich hebe meinen Kopf und schaue ihm direkt in die Augen. „Vielen Dank.“ hauche ich kaum hörbar und bin froh, dass sich der Fahrstuhl in dem Augenblick schliesst, in dem er die Hand nach mir ausstrecken möchte. Erst jetzt spüre ich, wie mein Herz wild zu pochen angefangen hat. Aber warum? Was ist nur plötzlich los mit mir? Ich bin etwas enttäuscht darüber, dass mich der Lift langsam nach oben bringt, statt dass er nochmals aufgeht und ich abermals Alexander vor mir sehen kann. Aber was habe ich auch erwartet? Schliesslich bin ich diejenige, die vor ihm geflüchtet ist und sich auf ihr Zimmer zurückzieht.
3.
Völlig erschöpft lasse ich mich aufs Bett sinken und schliesse meine Augen. Sofort zucke ich zusammen, als Bilderfetzen vor mir auftauchen. Bilder, die ich verloren geglaubt hatte. Wieder überkommt mich eine gewisse Panik. Beim Versuch die Bilder zu verscheuchen, indem ich die Augen aufreisse, scheitere ich kläglich. Ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Alles bricht ganz plötzlich über mich herein. Wie konnte ich mich nur so gewaltig in dieser Person täuschen? Ich sehe nach links zum Fenstersims, wo sich die vielen Sträusse stehen und es überkommt mich ein erschreckendes Gefühl der Leere. Erst als ich die Blumen kaum noch erkennen kann, merke ich, dass mir schon wieder Tränen über meine Wangen kullern. Sorgsam stütze ich mich auf die Krücke, die ich vorhin neben das Bett gestellt habe und gehe ins Bad, um mich unter die Dusche zu stellen. Die habe ich dringendst nötig. Ich fühle mich unheimlich schmutzig und möchte mich nur noch von dem erschreckenden Blick in die Vergangenheit befreien.
Frisch geduscht kehre ich in mein Zimmer zurück. Unterdessen wurde mein Mittagessen serviert. Ein gewisser Hunger überkommt mich, aber als ich mich an den Tisch setzte, der sich am Fenster befindet, auf dem das Tablett steht, verfliegt mein Hungergefühl wie von Geisterhand. Ich starre auf das köstliche Essen. Nur kann ich mich nicht dazu durchringen, etwas davon in meinen Mund zu schieben.
„Wie lange sitzt du schon da und starrst dein fünf Gang Menü an, ohne einen Bissen davon genommen zu haben?“
Verwirrt und nicht in der Lage etwas zu erwähnen, blicke ich auf die offene Zimmertür, in der ich Pam erkenne, die schwerbeladen dasteht.
In der einen Hand hält sie meine Laptoptasche und in der Anderen einen kleinen Koffer.
„Hai Süsse. Wie gehts dir heute?“ stellt die Taschen neben meinen Beistelltisch und setzt sich gegenüber von mir hin.
„Mein Kopf brummt nicht mehr so arg, wie gestern.“
„Immerhin.“ und Pam lächelt mich zuversichtlich an. „Und sonst?“
„Ich wäre gerne woanders.“
„Wenn man bedenkt, wie es dir noch vor ein paar Tagen erging, können wir uns glücklich schätzen, dass du nun schon so munter am Tisch sitzen kannst.“
„Na ja.“ und zucke mit meinen Schultern.
„Ich habe dir deine gewünschten Sachen mitgebracht.“
„Echt lieb von dir, dass du mir extra die Sachen vorbeibringst.“
„Keine Ursache und ausserdem wäre ich sowieso nochmals vorbeigekommen. Hast du noch grosse Schmerzen?“
„Ich fühle mich so, als wäre ich von einem Lastwagen überrollt worden. Das Gehen ist zwar noch ziemlich erschöpfend, trotzdem war ich schon unten im Café.“
Plötzlich überkommt mich wieder die Trauer über mein verlorenes Baby und ich habe keine Chance die Tränen zurückzuhalten. Ich versuche meinen Blick noch rechtzeitig von Pam abzuwenden. Jedoch vergebens.
„Zoe?“ Ich spüre ihre Hand an meiner Wange und mit einem leichten Druck bringt sie mich dazu meinen Kopf in ihre Richtung zu drehen. „Was ist los? Warum weinst du? Deine Verletzungen verschwinden mit der Zeit wieder.“
Ich erhebe mich und krieche in mein Bett. Während ich mich ins Kissen zurückfallen lasse, schliesse ich meine Augen. Eine Zeit lang sagt niemand von uns etwas, bis Pam das Schweigen durchbricht.
„Zoe? Was verheimlichst du mir?“
„Ich war schwanger.“ platzt es aus mir heraus.
„Wie?“
„Ja, du hast mich richtig verstanden, obwohl ich es selbst nicht wirklich glauben kann.“
„Von Noah?“
„Natürlich. Von wem denn sonst?“
„Sorry, Süsse. Ich dachte nur...“
„Was dachtest du? Nur weil Noah und ich uns zankten, hätte ich ihn betrogen?“ meine Stimme hört sich ganz schrill an.
Pam legt ihre Hand behutsam auf meinen Arm. „Nein. So war das nicht gemeint. Ich dachte nur, ihr hättet schon länger nicht mehr miteinander geschlafen.“
„Das haben wir auch nicht. Ich war in der achten Woche.“
„Oh.“
„Genau. Oh.“
„Es tut mir wirklich leid.“
Durch meinen Tränenschleier erkenne ich, dass sogar meine Freundin wegen mir feuchte Augen hat. „Wahrscheinlich muss es so sein. Ich war noch nicht bereit für ein Kind.“
„Du bist noch jung und kannst noch ganz viele süsse Zoes bekommen.“
„Wenn es bloss so wäre.“
Die stumm gestellte Frage steht ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Ihre Stirn zieht sich in Falten, als sie mich fragend anstarrt. „Ich weiss nicht, ob ich es nicht verstehen kann oder nicht verstehen will.“
„Der Arzt meinte, dass ich mit grosser Wahrscheinlichkeit keine Kinder mehr bekommen kann. Ich habe mein Kind verloren, als ich die Treppe hinuntergestürzt bin und mir dabei anscheinend schwere Verletzungen zugezogen.“ Meine Stimme erstickt fast, als ich an den angeblichen Unfall denke. Mich überkommt abermals eine gewisse Beklemmung, die mich in einen Zustand versetzt, der mir gar nicht behagt.
„Hey Zoe.“ Pam hält mit einem leichten Druck meine Hand.
Als ich ihr in die Augen schaue, erkenne ich, dass sie nur mit grosser Mühe ihre Tränen zurück halten kann.
Mit sorgfältig gewählten Worten fährt sie fort. „Es tut mir wirklich schrecklich leid, dass ich so spät gekommen bin.“
„Mach dir keine Sorgen. Ich gehe nirgendwohin. Fast den lieben, langen Tag befinde ich mich in diesem Zimmer. Also kannst du kommen, wann immer du willst.“
„Ich meine nicht heute.“
Verwirrt betrachte ich sie. „Aber...“
„Wenn ich letzten Freitag zur verabredeten Zeit bei dir gewesen wäre, wäre das alles gar nicht passiert.“ Pam lässt den Kopf sinken und starrt auf ihre Knie. „Es tut mir leid Zoe. Alles ist nur meine Schuld.“ Sie kämpft hoffnungslos gegen ihre Tränen an. „Ich habe ein so schlechtes Gewissen. Nur weil ich mich nicht von Ayden lösen konnte, musstest du diesen schweren Sturz erleben.“
„Was redest du bloss für einen Unsinn.“ Noch immer starrt meine beste Freundin auf den Boden. „Pam, bitte sieh mich an.“
Wo soll ich nur anfangen? Ich habe bis jetzt mit niemandem darüber geredet. Irgendwie hege ich immer noch eine gewisse Hoffnung, dass es nicht wahr ist, was ich erlebt habe und mich überkommt eine gewisse Angst, dass wenn ich darüber rede, dass es tatsächlich geschah. Ich spüre wie der Blick von meiner Freundin an mir heftet.
„Du kannst überhaupt nichts dafür. Wag es ja nicht, dir so etwas einzureden.“ Ich mache eine lange Pause, bevor ich weiter reden kann, hole ich einige Male tief Luft. „Ich kann mich wieder an den angeblichen Unfall erinnern.“
„Wie... wie... ich verstehe nicht ganz. Du kannst dich an den angeblichen Unfall erinnern? Was willst du damit sagen?“
„Ich bin heute Morgen alle Nachrichten auf meinem iPhone durchgegangen, die ich noch nicht gelesen habe. Deine letzte SMS half mir auf wundersame Weise auf die Sprünge. Es überfielen mich plötzlich vergessen geglaubte Erinnerungen.“ Einen kurzen Blick auf meine Freundin, die völlig ahnungslos dasitzt, gibt mir zu verstehen, dass ich sie endlich aufklären soll. „Ich bin nicht die Treppe hinunter gestürzt. Ich bin auch nicht gefallen.“ Meine Stimme ist nur noch ein leises Flüstern. Es benötigt all meine Kraft das Nächste über meine Lippen zu bringen. „Um kurz nach sechs Uhr klingelte es an der Tür. Ich dachte du wärst es. Aber du warst es nicht. Sondern...“
„Noah.“ kommt mir Pam zuvor.
„Ja genau.“
„Was hat dir dieses Schwein angetan?“
„Er sah mich in meinem schwarzen Lieblingssommerkleid und ist total ausgerastet. Ich habe ihn gefragt, was er hier wolle. Ich habe mich zu dem Zeitpunkt schon von ihm getrennt, aber er dachte immer noch, ich wäre sein Eigentum. Er wollte nicht wahrhaben, dass wir keine gemeinsame Zukunft haben werden.“ Mit einem Schlag kann ich mich deutlich an unseren Streit erinnern. Ich sehe, wie er auf mich zukommt und mich fest an den Armen packt und schüttelt, als wäre ich eine blöde Puppe. Er schreit mich mit einer Stimme an, die mir richtig Angst einjagt.
„Mit welchem Kerl bist du verabredet? Kaum denkst du, du hättest mich los, fickst du schon einen Anderen!“
„Noah, bitte hör auf. Du tust mir weh.“
„Ich tu dir weh? Das ich nicht lache. Du weisst doch gar nicht, was es bedeutet Kummer zu haben. Für wen hast du dich so aufgegeilt? Du Schlampe! Sag schon!“
„Ich bin mit Pam verabredet. Und ausserdem geht dich das nichts mehr an. Ich will, dass du jetzt sofort aus meiner Wohnung verschwindest und dich nie mehr blicken lässt. Lass mich in Ruhe!“
Ich kann nichts gegen die aufkommenden Tränen unternehmen, die sich in meinen Augen bilden, als sich die schreckliche Szene vergegenwärtigt.
Noah steht vor mir und hebt drohend seine Faust. „Sag schon, wen triffst du?“
Ich sehe, wie ich vor ihm zurückweiche und obwohl ich vor Angst zittere, ihn anschreie. „Raus hier!“
Seine geballte Hand trifft fest auf mein linkes Auge. Schon folgt sein nächster Schlag in meine rechte Seite. Ich taumle nach hinten und falle zu Boden. Noah holt mit seinem Fuss aus und tritt mich mit voller Kraft in meinen Oberkörper. Kraftlos bleibe ich zusammengekrümmt liegen. Ich habe höllische Angst vor dem Mann, den ich einst geliebt habe. Er steht, wie von einem Dämon besessen, über mir und sieht mich mit hasserfülltem Blick an.
„Willst du immer noch ausgehen?“ Er beäugt mich mit einem bösartigen Lächeln und bückt sich zu mir hinunter. „Ich bringe dich nach oben ins Bett.“
Als mir bewusst wird, dass er mich hochheben möchte, versuche ich vor ihm zurückzuweichen. Doch die Schmerzen durchzucken meinen Körper. Ich habe keine Chance, vor ihm zu fliehen. Er hebt mich hoch, trägt mich in den oberen Stock und legt mich auf mein Bett. Daraufhin verschwindet er ins Badezimmer. Immer wieder frage ich mich, was er vorhat, aber ich komme zu keinem Entschluss. Ich sehe mich in meinem Zimmer um, ob ich irgendwas finde, mit dem ich mich verteidigen könnte. Nichts.
Ich sehe keinen anderen Ausweg, als von hier zu verschwinden. Langsam erhebe ich mich und versuche nicht an meine Schmerzen zu denken. Mit vorsichtigen Schritten gehe ich in den Flur und auf die Treppe zu. Doch noch bevor ich auf der ersten Stufe bin, ertönt seine harte, angsteinflössende Stimme hinter mir.
„Du willst also immer noch zu deinem neuen Lover?“
„Glaub mir, ich habe keinen neuen Freund.“ sage ich schwach zu meiner Verteidigung.
„Wie lange belügst und betrügst du mich schon?“
„Wir sind kein Paar mehr. Aber ich habe dich nie betrogen.“
Er steht nun ganz dicht vor mir und ich klammere mich am Treppengeländer fest.
„Du miese, kleine Schlampe.“
Noah holt abermals mit seiner Faust aus und trifft mich mit solch einer Wucht, dass ich das Gleichgewicht verliere und die Holzstufen hinunterfalle.
„Zoe. Zoe.“ flüstert jemand an meinem Ohr.
Mir ist schon wieder übel und mein ganzer Körper bebt vor einer mir langsam bekannter Panik. Ich spüre die starken Armen, die mich halten und mir einen gewissen Trost spenden wollen. Durch einen Tränenschleier blicke ich geradewegs ins Gesicht meiner besten Freundin, die mich ebenfalls mit Tränen in den Augen ansieht. Ich atme tief ein und aus, um mich zu beruhigen und sehe mich um. Ich bin im Krankenhaus. Der Vorfall zwischen Noah und mir erschien mir so real, dass ich schon geglaubt habe, das Ganze ein zweites Mal erlebt zu haben.
„Es tut mir so leid, Zoe.“ Pam nimmt mich ein weiteres mal fest in ihre Arme und flüstert mir aufmunternde Worte zu. „Ich bin immer für dich da. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Sie werden ihn hinter Gitter bringen.“
Erschrocken löse ich mich aus der Umarmung. „Wer sind sie?“
„Ich werde die Polizei benachrichtigen, damit du eine Anzeige machen kannst.“
„Pam.“ Ich umklammere den Arm meiner Freundin. „Ich werde keine Anzeige machen.“
„Was?“ fährt sie mir dazwischen.
„Du hast mich richtig verstanden. Ich will das alleine klären.“
„Bist du noch bei Trost?“
„Warum er so ausser sich geraten ist, weiss ich nicht. Aber ich werde das mit ihm selbst klären. Ich habe es noch niemanden, ausser dir erzählt. Also behalte es bitte für dich. Kein Wort zu meiner Familie. Versprichst du mir das?“
„Du bist verrückt, weisst du das? Aber du wärst nicht Zoe, wenn du nicht so reagieren würdest. Ich werde niemandem etwas davon erzählen. Sorry, aber ich muss los. Ayden wartet bestimmt schon mit dem Essen auf mich. Du weisst, wie du mich erreichen kannst. Ruf mich an, wenn du mich brauchst. Egal um welche Uhrzeit.“ Pam drückt mich nochmals fest an sich, bevor sie das Zimmer verlässt.
Der Abend schleicht langsam dahin. Ich versuche mich in mein Buch zu vertiefen, das mir Pam netterweise mitgebracht hat, aber ich kann mich nicht auf den Roman konzentrieren. Immer wieder tauchen die schrecklichen Bilder von meinem Streit mit Noah auf. Also nehme ich meinen Laptop zur Hand und blättere in den Onlinezeitungen herum. Da fällt mir ein, dass es vielleicht klug wäre, wenn ich mich mal bei meinem Chef melden würde. Gerade als sich das E-Mail-Programm öffnet, geht die Tür auf.
Mir bleibt der Mund offen stehen, als ich meinen Besuch erkenne. Mit ihm hätte ich am allerwenigsten gerechnet.
„Warum bist du hier? War ich nicht deutlich genug?“
„Ich wollte sehen, wie es dir geht.“
„Willst du das zu Ende bringen, was du angefangen hast?“
Erschrocken sieht er mich an. „Wie soll ich das verstehen?“
„Genau so, wie ich es gesagt habe. Willst du mich nochmals attackieren? Vielleicht so lange, bis ich gar nicht mehr aufstehen kann?“ brülle ich ihn an.
Plötzlich klopft ein Gespräch mit dem Arzt an mein Gehirn. „Du hast mir die verdammten Schuhe angezogen, dass es so aussah, als wäre ich wegen den hohen Absätzen die Treppe hinuntergestürzt.“
Ich sehe, wie Noah fieberhaft nach einer Ausrede sucht. „Ich wollte dir doch niemals wehtun. Das musst du mir glauben.“
„Auch wenn es so sein soll und ich dir gern glauben möchte, hast du es trotzdem getan. Sieh mich an. Ich war tagelang nicht bei Bewusstsein und ich habe immer noch schreckliche Schmerzen. Heute konnte ich wenigstens wieder einmal ein paar Schritte gehen. Und das nur mit einer Krücke. Ich habe gedacht, du liebst mich. Aber man tut doch niemandem so etwas an, wenn einem diese Person am Herzen liegt?“ Verzweifelt versuche ich meine Tränen zu unterdrücken. Noah soll mich nicht so schwach, wie ich in Wirklichkeit bin, sehen.
„Zoe.“ Er versucht nach meiner Hand zu greifen, die ich schnell wegziehe.
„Fass mich nie mehr an! Das ist mein Ernst. Du hast mich geschlagen, getreten und dann noch gestossen. Das kann ich dir niemals verzeihen. Ich habe dich wirklich geliebt. Du warst ein wichtiger Mensch in meinem Leben und hast mich aufgebaut, wenn es mir schlecht ging. Nur fühlte ich mich in den letzten Monaten total eingeengt. Du hast mich nichts mehr alleine unternehmen lassen. Du wolltest, dass ich dich über jeden meiner Schritte informiere. Wenn ich mit Pam verabredet war, hast du mir die Hölle heiss gemacht. Ich habe dir immer und immer wieder gesagt, dass ich meine Freiheiten brauche, aber du wolltest nicht hören. Ich habe mich von dir getrennt, weil du ein totaler Kontrollfreak bist und ich möchte mein Leben wieder zurück. Das kann ich anscheinend nur, wenn wir nicht mehr zusammen sind.“ Erst jetzt bemerke ich, dass meine Stimme immer lauter wurde, während ich auf Noah einredete. Hoffentlich hat niemand unser Gespräch mit angehört.
„Zoe. Lass...“
„Nein!“ unterbreche ich ihn und hebe meine Hand in die Höhe, als er wieder danach greifen möchte. „Ich will das du jetzt gehst und dich niemals mehr blicken lässt, sonst gehe ich zur Polizei und erzähle ihnen, was du mir angetan hast.“
„Du drohst mir?“ Seine Augen blitzen gefährlich auf, was mich zusammenzucken lässt. Die Angst, die mich vor dem ersten Schlag heimsuchte, kehrt augenblicklich zurück. Dieses Mal jedoch bleibt seine Faust dort, wo sie hingehört. In seiner Hosentasche. Er dreht sich ohne ein weiteres Wort um und geht mit grossen Schritten Richtung Tür. Plötzlich bekomme ich das Bedürfnis ihm wehzutun.
„Noah.“ sage ich mit einer festen Stimme, die selbst in meinen Ohren fremd klingt und warte ab, bis er mich ansieht. „Ich war schwanger und das bereits in der achten Woche. Es war dein Kind. Du hast es umgebracht! Du allein bist schuld daran, dass das Baby nicht mehr lebt! Nun hast du nicht nur mich verloren, sondern auch noch dein eigenes Kind.“ Eigentlich wollte ich ihm nichts davon erzählen, aber der Wunsch ihm wehzutun, war grösser.
Ich kann den Schmerz, der ihn heimsucht, in seinen Augen erkennen. Doch das was er mir angetan hat, ist schlimmer, als das was ich eben getan habe.
„Ich an deiner Stelle würde mir gut überlegen, was du tust. Schau mal auf deinem iPhone nach.“ ohne ein weiteres Wort verlässt er den Raum und ich kann mich endlich meiner Trauer hingeben. Die Tränen laufen mir über die Wangen, bis sie irgendwann versiegen.
Nachdem ich mich wieder gefangen habe, erinnere ich mich an Noahs letzte Worte. Was hatte er damit gemeint, dass ich mir gut überlegen soll, ihn anzuzeigen? Mit einer bösen Vorahnung nehme ich mein Telefon zur Hand und entsperre das Display. Zwei neue Nachrichten von Noah. Ich drücke auf die Erste, um sie zu öffnen. „Nein!“ schreie ich laut heraus. Eine Übelkeit steigt in mir auf, wie ich sie noch nie empfunden hatte. Ich lasse meine Hand sinken und schliesse geschlagen meine Augen.
4.
Draussen fegt der Wind. Es sieht grau und nass aus. Das Wetter passt genau zu meiner Stimmung. Ich fühle mich zerschlagen und leer. Letzte Nacht bin ich ständig von schrecklichen Albträumen geweckt worden. Immer wieder schreckte ich schweissnass auf und wusste anfangs nicht, ob ich wirklich geträumt habe oder ob es real war. Wann hört das endlich auf? Ich möchte vergessen können, was geschehen ist und mich wieder auf meine Zukunft konzentrieren. Eines weiss ich nun, dass ich mein Leben ohne ein eigenes Kind planen muss. Bei diesem Gedanken zieht sich schon wieder mein Herz zusammen. Schau nach vorne. Schau nach vorne, versuche ich mir einzutrichtern und höre die Stimme meiner Schwester. Es wird sich schon eine Lösung finden, wenn du bereit dazu bist. Ich hoffe sie hat recht. Momentan aber zweifle ich eher daran.
In meine trüben Gedanken vertieft, höre ich gar nicht, wie jemand an die Tür klopft. Erst als die Morgenkrankenschwester mit einem Tablett, das mit Brötchen, Konfitüre, Butter, heisser Milch und Kakaopulver beladen ist, eintritt, wird mir bewusst, wie sehr mich meine Gefühle und Gedanken gefangen halten. Ich muss etwas ändern und zwar schnell. Es reisst mich sonst in einen riesigen Graben.
„Guten Morgen Frau Berner. Wie fühlen Sie sich?“
„Besser. Danke.“ belüge ich die Krankenschwester.
„Wo soll ich Ihr Frühstück hinstellen?“
„Auf den Tisch neben dem Fenster.“ mich überkommt auf einmal ein Hunger, den ich schon seit Tagen verloren geglaubt hatte und setzte mich vor die köstlich duftenden Brötchen. „Ich werde später ins Café gehen.“ sage ich zur Schwester, während sie meine Bettdecke und das Kissen ausschüttet.
„Die Krücke haben Sie ja. Brauchen Sie noch Schmerztabletten?“
Gegen die Schmerzen in meinem Herzen bräuchte ich was, schiesst es mir durch den Kopf. „Ich habe noch welche. Danke.“
„Gut. Sonst drücken Sie den Knopf oder kommen in unser Schwesternzimmer, wenn Sie etwas benötigen.“
Irgendwie schaffe ich es doch noch in meinem Buch zu lesen oder habe ich nur die Seiten umgeblättert? Denn ich kann mich nicht wirklich an den Inhalt erinnern.
Ich schaue auf die Uhr. Es ist kaum nach zehn Uhr. An der Wand rechts von mir, steht die Krücke, die schon darauf wartet, mich irgendwohin zu begleiten. In diesem Zimmer fühle ich mich eingesperrt und verlassen. Was ja gar nicht so falsch ist. Aber bin ich nach dem gestrigen Vorfall dazu bereit, mich wieder im Café blicken zu lassen? Ich kann mir nur wünschen, dass mich niemand erkennt. Unter keinen Umständen möchte ich diesem Alexander begegnen. Das wäre mir zu peinlich. Im Badezimmer kämme ich meine Haare durch, lege etwas Make-Up auf mein Gesicht und decke das farbige Auge damit ab. Etwas Wimperntusche und frische Kleider. Nun fühle ich mich bereit, unter die Menschen zu gehen.
Unten im Café sehe ich mich nach einem freien Tisch um. Eigentlich bräuchte ich nicht so lange danach zu suchen, wie ich es tue. Es gibt etliche freie Plätze, aber ich stehe da und sehe mich um. Nur nach was oder besser gesagt wem halte ich Ausschau, frage ich mich. Verwirrt hole ich eine Zeitung am Kiosk und ein Rivella. In der einen Hand halte ich die Krücke und stütze mich darauf ab, in der Anderen eine Plastiktüte, in die mir die nette Verkäuferin die gekauften Sachen getan hat. Hinkend begebe ich mich an den erstbesten Tisch und setze mich so hin, dass ich aus dem Fenster blicken kann, obwohl es ausser dem Regen nichts zu sehen gibt. Die meisten anderen Tisch befinden sich hinter meinem Rücken. Obwohl ich niemand erkannt habe, befürchte ich, dass trotzdem über mich getuschelt wird. So brauche ich wenigstens das Gerede nicht mitanzusehen. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon hier sitze und Zeitung lese, als mich irgendwas meine Aufmerksamkeit erweckt.
Aus den Augenwinkeln sehe ich ihn, wie er einen Rollstuhl vor sich hinschiebt. Darin sitzt die Frau, mit der er gestern schon zusammensass und hinter ihnen erkenne ich die beiden Herren, die am vergangenem Tag ebenfalls anwesend waren.
Er würdigt mich keines Blickes, worüber ich ein wenig enttäuscht zu sein scheine. Warum nur muss ich bloss ständig zu ihm hinübersehen? Aber ich muss mir eingestehen, dass ich lieber diesen schönen Mann mit seinen kurzen, dunkelblonden Haaren betrachte, als mich meiner jüngsten Vergangenheit ergebe.
Als ich gerade wieder einen Blick zu ihm werfe, stelle ich fest, dass er mich ansieht. Wow, diese Augen. Ich habe das Gefühl, als würde ich mich in diesem olivgrün verlieren. Gerade in dem Moment bemerke ich, dass mich die Frau, die neben ihm sitzt, beobachtet. Gleich darauf wendet sie ihren Kopf zu Alexander und flüstert ihm irgendwas zu, worauf er sich von mir abwendet und seine Tischnachbarin ansieht und beide zu lächeln beginnen. Ich möchte es mir nicht eingestehen, aber dieser Anblick versetzt mir einen ziemlichen Stich in mein Herz. Warum plagt mich das so? Habe ich nicht genug mit meiner Misshandlung von Noah zu ertragen? Machen sie sich vielleicht über mich lustig?
Eilig packe ich meine Sachen zusammen und gehe, so schnell es mein Körper zulässt, Richtung Fahrstuhl. Ich möchte nur noch in mein Zimmer. Diese Demütigung brauche ich nicht länger hinzunehmen. Ich drücke auf den Knopf und warte ungeduldig, bis die Aufzugtüren sich endlich öffnen.
„Hallo Zoe. Ich habe gehofft Sie wiederzusehen.“
Mich überrieselt ein wohliger Schauer, als ich die unverkennbare, tiefe, sanfte Stimme hinter mir wahrnehme und drehe mich im selben Moment um. Obwohl ich mich darüber freue, dass er mich angesprochen hat, bin ich zu keiner Erwiderung fähig und bleibe stocksteif stehen. Diese olivgrünen Augen ziehen mich vollends in seinen Bann.
In einem kleinen Abstand sehe ich die beiden Männer, die vorhin mit Alexander an den Tisch traten und immer wieder verstohlene Blicke auf uns zuwerfen. Warum sind die hier und beobachten uns? Obwohl ich keine Gefahr von Alexander befürchte, wird es mir etwas unheimlich.
„Wie fühlen Sie sich heute?“ reisst er mich aus meiner Starre.
„Hallo... Alexander. Gut... danke.“ stammle ich verlegen herum.
„Wollen Sie schon wieder in Ihr Zimmer?“
„Mein Mittagessen wird sicher gleich gebracht. Ich sollte dann mal weiter.“ Obwohl ich kein Verlangen nach Essen verspüre bin ich heilfroh, auf mein Zimmer fliehen zu können. Nur vor was will ich mich in Sicherheit bringen? Etwa vor den wirren Gefühlen, die dieser attraktive Mann in mir auslöst? Ein leichtes Ziehen in meiner Magengrube lässt mich leicht erröten. Ich wünsche mir, dass Alexander das nicht sieht.
„Schade. Ich habe mir gewünscht, Sie zum Essen einladen zu können.“
„Vielleicht ein ander Mal.“ Als ich mich umdrehen möchte, fasst plötzlich eine Hand nach meinem Arm. Ich kann nichts dafür, aber ich zucke sofort zusammen und eine beklemmende Angst ergreift mich. Ich wage kaum zu atmen und sehe Alexander mit weit aufgerissenen Augen direkt an. Mein Blick muss ihn so erschüttern, dass er seine Hand von meinem Arm nimmt und sich bei mir entschuldigt.
„Habe ich Ihnen wehgetan?“ fragt er mich mit seiner charmanten Stimme.
„Nein.“ Sie nicht, aber jemand anders, fährt es durch meine Gedanken. Ich brauche meine ganze Kraft, nicht in Tränen auszubrechen.
Soll das jetzt immer so weitergehen? Habe ich von jetzt an ständig Angst, wenn mich jemand berührt?
„Was machen die beiden Herren dort in der Ecke? Warum beobachten die uns?“
Er sieht über seine Schulter und nickt den beiden zu. Diese jedoch machen keine einzige Bewegung. Alexander blickt wieder zu mir und schenkt mir seine Aufmerksamkeit.
„Ach die. Die sind nur für meine Sicherheit zuständig.“
„Für Ihre Sicherheit?“
Fast lautlos öffnen sich hinter mir die Aufzugtüren und eine Frau in einem weissen Kittel tritt neben mich. Erst als sie auf meiner Höhe stehen bleibt, wird mir bewusst, dass sie mit mir gesprochen hat. Aber ich habe keine Ahnung, was sie von mir will.
„Frau Berner? Ist alles in Ordnung?“ fragend blickt sie mich an.
„Ja.“
„Sind Sie sich auch sicher?“
„Ich habe sie nur nicht gehört. Das ist alles.“ Sie sieht mich mit einem Ausdruck an, der mir beweist, dass sie nicht überzeugt davon ist, dass alles gut ist.
„Herr Dr. Stevens sucht Sie. Könnten Sie mir bitte folgen?“
„Natürlich.“ Ich wende mich an Alexander, der immer noch vor mir steht. „Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“
„Darf ich Sie heute Abend zum Essen einladen? Auch wenn es nur in der Kantine von diesem Krankenhaus ist?“
Ich fühle mich geschmeichelt, von diesem bezaubernden Mann zum Essen eingeladen zu werden. Aber was ist mit der Frau, die im Café auf ihn wartet?“
„Ich würde Ihre Einladung gerne annehmen, wenn nicht schon eine Frau im Café auf Sie warten würde. Machen Sie es gut, Alexander.“
Er zieht seine Stirn in Falten und überlegt angestrengt, was ich wohl damit gemeint haben könnte. Ich stehe schon im Fahrstuhl und die Türen schliessen sich langsam, als er zu verstehen glaubt.
„Sie ist nicht meine Freundin oder Frau, wenn Sie das denken.“
Ich trete auf den siebten Stock hinaus. Warum habe ich ihm keine Gelegenheit gegeben, um alles erklären zu können? Vielleicht ist es ja seine Schwester oder Cousine? Wer weiss. Warum bin ich einfach davon ausgegangen, dass es seine Partnerin sein müsse? Umso näher ich meinem Zimmer komme, umso wütender bin ich auf mich selbst. Wiederum habe ich für eine Zeit lang genug von dem männlichen Geschlecht. Zuerst muss ich mit dem umgehen können, was mir Noah angetan hat. Ich habe ihm vertraut und ihn einst geliebt. Nie hätte ich geglaubt, dass er mir so etwas schreckliches, wie vor ein paar Tagen, antun könnte. Wie soll ich je wieder das Vertrauen in einen anderen Mann gewinnen?
„Einen sehr attraktiven Mann haben Sie da kennengelernt.“
„Wie?“
Die etwa fünfzigjährige Krankenschwester, die neben mir hergeht, sieht mich mit einem verschmitzten Lächeln an. „Der Mann von vorhin.“
„Ach so. Ja das ist er.“
„Warum wollen Sie dann die Einladung nicht annehmen?“
Musste diese Schwester alles mit anhören? „Ich bin noch nicht bereit dazu.“ Jetzt ist es die Frau im weissen Kittel, die mich verdutzt ansieht.
„Es geht mich zwar nichts an,...“ Da hat sie verdammt noch mal Recht. „...aber lassen Sie ihn nicht zu lange warten. Es gibt zu viele andere Frauen auf dieser Welt, die diesen Schönling sicherlich auch interessant finden.“
Dann soll doch jemand anderes ihn schnappen. Auch wenn sie es nur gut mit mir meint, gehen mir ihre Ratschläge langsam auf die Nerven. Ich habe momentan weiss Gott genug andere Unannehmlichkeiten zu verdauen, als dass ich mich gleich dem erstbesten Mann an den Hals werfen möchte. Schweigsam gehe ich weiter auf mein Zimmer.
„Frau Berner, wie geht es Ihnen heute?“
„Den Umständen entsprechend.“
Dr. Stevens tritt zu mir und nimmt ein Gerät nach dem Anderen aus seiner Kitteltasche, um mich zu untersuchen. „Soweit ich es äusserlich beurteilen kann, sind sie auf dem besten Weg zur Besserung.“ Er greift nach meiner linken Hand und nimmt die Bandage ab, um sie sorgfältig abzutasten. „Die sieht auch schon ganz gut aus. Ich denke, wir können den Verband weglassen. Wie kommen Sie mit der Krücke zurecht?“
„Mit jedem Spaziergang besser.“
„Es ist nur förderlich, dass Sie sich etwas Bewegung gönnen, aber bitte belasten Sie noch nicht allzu sehr Ihre Beine. Jetzt würde ich gerne noch die gebrochenen Rippen abtasten. Bitte legen Sie sich kurz auf den Rücken.“
Mir wird ganz anders zumute. Nachdem ich weiss, was vorgefallen ist, habe ich plötzlich ein eigenartiges Gefühl. Was hat der Arzt nun vor? Will er mich berühren? Mein ganzer Körper fängt an zu zittern und ich kann nichts dagegen unternehmen. Hoffentlich bemerkt es Dr. Stevens nicht, wie ich mich anspanne und mich kaum getraue Luft zu holen, während er mein Kopfteil nach unten lässt.
„Entspannen Sie sich. Ich taste nur kurz die verletzten Stellen ab. Sagen Sie mir, wenn es Ihnen wehtut.“
Als ich die Krankenschwester neben meinem Bett bemerke, kann ich mich von meiner inneren Anspannung ein klein wenig befreien.
Er schiebt meinen schwarzen, lockeren Pullover nach oben und begutachtet die blauen Flecken, die auf dem ganzen Körper verteilt, zu sehen sind. Am liebsten würde ich laut herausschreien, er solle seine Finger von mir lassen, als er sie behutsam auf meine Haut legt.
„Autsch!“ Verdammt, tut das weh.
„Entschuldigung.“ Dr. Stevens schiebt mein Oberteil wieder nach unten und sieht mich mit einem überaus bemitleidendem Blick an. „So wie es scheint, braucht die Heilung einiges länger, als ich erwartet habe.“
„Und was soll das jetzt bedeuten?“
„Sie müssen noch mindestens drei Tage hier bleiben.“
Oh nein. Nicht auch das noch. Ich möchte in meine eigenen vier Wände zurück.
„Aber ich kann doch zu Hause genauso gut in meinem Bett liegen, wie hier.“
„Wohnen Sie mit jemandem zusammen?“
„Nein.“ Meine Stimme fängt leicht an zu beben. Wieder muss ich gegen die Tränen ankämpfen. Ich hatte einen Freund, der mich misshandelt hat und von dem ich schwanger war. Jetzt, jetzt bin ich ganz alleine.
„Hier ist rund um die Uhr jemand für Sie da. Machen Sie einen kleinen Spaziergang in unserem Park. Oder gehen Sie ins Café und bestimmt kommt Ihre Verwandtschaft Sie besuchen. Sie werden sehen, die Zeit hier vergeht ganz schnell.“
„Bei diesem scheusslichen Regen und mit der Krücke habe ich keine Lust hinauszugehen.“
„Die Sonne wird sich morgen wieder von ihrer schönsten Seite zeigen. Wie sieht es mit ihren Erinnerungen aus? War Frau Christensen schon bei Ihnen?“
Mein Herz setzt einen kurzen Moment aus. Was soll ich ihm bloss erzählen? Ich starre auf meine Beine, die in eine lockere Trainerhose gekleidet sind. Die Wahrheit?
„Sie war gestern hier und kommt morgen wieder, um ein paar Gedächtnisübungen zu machen.“ Wenigstens musste ich ihn so nicht belügen. Aber kann ich Dr. Christensen etwas vorspielen?
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg morgen. Ich werde am Donnerstag wieder nach Ihnen sehen.“
Der Arzt verabschiedet sich von mir und verschwindet im Flur.
„Ich bringe Ihnen in wenigen Minuten das Mittagessen. Brauchen Sie noch irgendwas?“ Vor Schreck entflieht mir beinahe ein Schrei. Obwohl ich sie die ganze Zeit gesehen habe, habe ich ihre Anwesenheit vollständig verdrängt.
„Danke, nein.“
„Sie sehen bedrückt aus? Die paar Tage, die Sie hier verbringen müssen, gehen schnell vorüber. Sie werden schon sehen. Und Frau Christensen ist wahrhaftig eine Spezialistin auf ihrem Gebiet. Sie kann Ihnen bestimmt Erinnerungen von Ihrem Unfall hervorlocken.“
Wenn die Krankenschwester wüsste, was mich in Wirklichkeit belastet, würde Sie nicht mehr so unbeschwert reagieren. Warum erzähle ich eigentlich niemandem die Wahrheit darüber, was Noah mir angetan hat? Schäme ich mich dafür? Oder habe ich Angst davor, dass er nochmals auf mich losgehen könnte?
„Sie haben bestimmt recht.“ Ich möchte, dass sie mich alleine lässt und schaue sie eindringlich an. Ich sehe ihr nach, wie sie mit schnellen Schritten aus dem Zimmer schreitet, wobei ich ihre schwarzen Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden waren, hin und her wippen sehe. Gleich darauf kehrt sie mit meinem Essen zurück und verabschiedet sich mit wenigen Worten.
Ich sitze am Tisch und stochere lustlos in meinem Teller herum. Wenngleich mein Magen zu rebellieren versucht, bringe ich keinen Bissen herunter.
Die Faust, die sich um mein Herz gelegt hat, drückt immer mehr zu. Mich ergreift das Gefühl, als würde mir das Leben herausgerissen. Ich möchte nicht ständig an das Unglück denken, das mir widerfahren ist. Wann kann ich endlich wieder ein ungetrübtes Leben führen?
Mit dreissig habe ich mein Leben wahrlich anders vorgestellt. Ich dachte einst, bis dahin wäre ich verheiratet und hätte Kinder. Kein bisschen ist von all dem in Erfüllung gegangen. Wenigstens habe ich einen Beruf, den ich liebend gerne ausübe. Nun bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich meinem Job voll und ganz hinzugeben. Etwas anderes wird es für mich nicht mehr geben. Bei diesem Gedanken kullern mir schon wieder Tränen über meine Wangen. Ich bin über mich selbst enttäuscht, wie ich in so einer kurzen Zeit ein völliges Frack werden konnte. Ich war immer gut gelaunt und hatte ein enormes Selbstwertgefühl. Wo ist all das hin? Ich spüre von all dem nichts mehr in mir. Ich habe keinen Grund fröhlich oder glücklich zu sein. Wenn jemand etwas zu laut mit mir spricht, zucke ich gleich zusammen und bebe vor Angst. Kein Stolz, keine Würde scheint geblieben zu sein.
Einen Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass sich immerhin das Wetter aufgehellt.
Ich muss eingeschlafen sein, denn draussen scheint die Sonne und blendet mich mit ihren hellen Strahlen. Sofort beschliesse ich ein wenig in den Krankenhauspark zu gehen. Ich wackle ins Bad und putze mir kurz die Zähne. Gerade als ich mein Buch in meine Handtasche packen möchte, klopft es an die Tür, woraufhin sie vorsichtig geöffnet wird.
„Ich habe gehofft, Sie hier anzutreffen.“
Diesen Besuch hätte ich nie im Leben erwartet. Ich schnappe nach Luft und gaffe, etwas aus der Fassung gebracht, zu ihm hinüber. Alexander steht an den Türrahmen gelehnt da und sieht mich mit seinem anziehendem Lächeln, das seine makellosen Zähne freigibt, an. Ich bin zu keiner Erwiderung fähig und starre weiterhin wortlos in seine Augen.
„Ich möchte nicht aufdringlich sein, aber möchten Sie mit mir in den Park gehen?“
Eigentlich wollte ich alleine sein. Mich meinen wirren Gedanken und Gefühlen hingeben. Jedoch habe ich das mittlerweile genug getan, oder? Schon seit mehreren Tagen liege ich nun in diesem Krankenhaus und hatte reichlich Zeit, um all das was geschehen ist, zu verdauen. Ein wenig Ablenkung und dann noch mit so einem charmantem Typen, wie Alexander, zusammen zu sein, sollte ich mir vielleicht nicht entgehen lassen. Ich nehme meine Tasche und die Krücke zur Hand. „Da wollte ich sowieso hin.“ Ich kann in seinem Gesicht, für einen winzigen Augenblick, erkennen, dass er erstaunt über meine Antwort ist, sich aber gleich wieder fassen kann. Ein kleines Schmunzeln kann ich nicht verkneifen, sehe jedoch zu Boden, dass er es nicht sehen kann.
„Soll ich Sie stützen?“
„Nein, geht schon.“
Beim Aufenthaltsraum der Krankenschwester halte ich an und teile einer Pflegerin mit, dass ich mich draussen aufhalte. Schweigend gehen Alexander und ich nebeneinander weiter. Erst als wir uns unter freiem Himmel befinden, bricht er die Stille zwischen uns.
„Was ist Ihnen widerfahren, dass Sie in diesem Krankenhaus landeten?“ Offensichtlich ist ihm diese Frage nicht leichtgefallen, denn er spielt nervös mit seinen Fingern.
Nur was soll ich ihm dazu antworten? Etwa die grausame Realität? Ich bin noch nicht soweit, mich jemandem zu öffnen. Erst recht nicht jemandem, den ich kaum einen Tag lang kenne.
Er deutet mein Schweigen falsch und möchte sich sogleich für seine Frage entschuldigen. Ich komme ihm jedoch zuvor, indem ich meine Hand in die Höhe halte und ihn ansehe. Wir setzten uns auf eine Bank. Die Sonne tut mir gut. Es ist eine Wohltat, wie sie ihre Wärme auf meinen Körper strahlt.
„Ich bin die Treppe hinuntergestürzt.“ Während ich anfange zu erzählen, bin ich nicht fähig Alexander anzusehen. Ich richte meine Augen geradeaus und hafte meinen Blick an einer gelben Rose fest, die gegenüber von unserer Bank in voller Blüte steht. Mir ist unbehaglich dabei, dass ich ihn belüge. Aber es ist zu meiner eigenen Sicherheit? Verzweifelt versuche ich den Aufruhr in meinem Innern zu verdrängen. „Es scheint so, als hätte ich Schuhe mit zu hohen Absätzen getragen.“
„Warum sagen Sie scheint so? Wissen Sie das nicht mehr?“
Ich wende den Kopf zu ihm. „Ich leide an einem Gedächtnisverlust, was den Unfall betrifft. Erst letzten Montag habe ich mein Bewusstsein wieder erlangt.“ Ich kämpfe fest gegen meine Tränen an, die sich wieder in meine Augen stehlen. Ich senke meine Lider für einen kurzen Moment und blinzle die Tränen so gut es geht weg. Alexander darf nicht erfahren, dass mich etwas aus der Fassung zu werfen droht.
„Es tut mir Leid, dass Sie so etwas durchmachen müssen.“
Er sieht mich mit seinem warmen Blick an und wartet geduldig ab, bis ich weiter rede. Diese Augen machen es noch schwieriger für mich, ihm etwas vorzuspielen.
„Ich war zu Hause und habe mich für das Treffen mit meiner besten Freundin fertig gemacht. Sie war es auch, die mich gefunden hat und den Notarzt gerufen hat.“ Meine Stimme droht mir zu versagen.
„Was belastet Sie, dass Sie so sehr mit sich ringen müssen?“ Behutsam legt er eine Hand auf die Meine, die auf meinem Bein liegt. Ich zucke zusammen, als ich seine Berührung spüre und möchte sie schon zurückziehen. Doch er hält sie mit einem zärtlichen Druck fest. Meine Brust hebt und senkt sich heftig, als ich mich zu beruhigen versuche und mit einem Mal finde ich seine Berührung nicht mehr als eine Bedrohung, sondern als etwas Beschützendes. Aber ich bin nicht imstande ihn anzusehen. Aus meinem Augenwinkel bemerke ich eine langsame Bewegung. Seine andere Hand nähert sich meinem Gesicht. Vorsichtig streicht er meine Haare, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst haben, hinter mein Ohr und nimmt mein Kinn sanft zwischen Daumen und Zeigefinger. Er dreht mein Gesicht zartfühlend in seine Richtung. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn anzusehen. Diese olivgrünen Augen, die mich intensiv mustern, öffnen mein Herz und ich kann die heraufkommenden Tränen nicht mehr stoppen. Noch bevor ich weiss wie mir geschieht, liege ich in seinen Armen und weine hemmungslos an seiner Schulter. Mein Körper wird immer wieder durch meine Schluchzer geschüttelt, während ich mich an seinen muskulösen Oberarmen festkralle.
Ich möchte es mir nicht eingestehen, aber seine Umarmung spendet mir wahren Trost. Ein feiner Duft eines Eau de Toilette umhüllt ihn und riecht ganz schwach nach.... Ja nach was denn? Verbranntem Benzin? Nachdem die Tränen endlich versiegt sind, hole ich nochmals tief Luft und ziehe seinen Duft mit mir, als ich mich von ihm löse. Verlegen sehe ich ihn an und setze mich aufrecht hin.
„Geht es wieder?“
Ich zucke nur mit den Schultern und schaue zu Boden. „Im Moment schon, danke.“
Er fragt mich nicht mehr weiter aus, was mich beeindruckt und zugleich verwirrt und spüre seinen Blick auf mir.
„Irgendwann wirst du es mir erzählen.“ und streicht über meine Wange.
Überrascht über seine knappe Bemerkung, wie über seine Berührung sehe ich ihn befangen an. Hat er meine Notlüge etwa schon durchschaut?
Seine Hand liegt immer noch an meiner Wange und ich mache keine Anstalten, irgendwas daran zu ändern. Es fühlt sich so an, als würden wir uns schon lange kennen und seine Berührung ganz normal ist. Alexander reicht mir ein Taschentuch, um die letzten Tränenspuren von meinem Gesicht zu wischen.
„Zum Glück habe ich mich nicht so geschminkt, wie ich es normalerweise tue. Sonst wären meine Augen vom Mascara total verschmiert.“
„Du brauchst gar keine Schminke. Du bist wunderschön und besitzt eine warmherzige Natürlichkeit, die einen unverschämt anstrahlt.“
Mir bleibt der Mund offen stehen. Hat er das jetzt wirklich gesagt oder habe ich mir das nur eingebildet?
Ich möchte nicht, dass er das sagt. Ich bin nicht bereit, so was zu hören. Unwohl von diesem Kompliment, versuche ich mich von der Bank zu erheben, doch er hält mich sogleich zurück.
„Tut mir Leid. Es ist mir einfach so herausgerutscht. Es sollte ein Kompliment sein. Ich wollte dich auf keinen Fall bedrängen oder in Verlegenheit bringen. Ich habe nur das gesagt, was ich schon seit dem ersten Moment an denke.“ Seine Hand umschliesst immer noch meinen Arm, als ich mich wieder neben ihn setzte.
„Es ist schmeichelhaft, so etwas zu hören. Aber ich bin nicht bereit dazu, solche Komplimente zu hören. Noch nicht.“
„Ich werde es versuchen.“ und sieht mich mit seinem verführerischen Lächeln an.
Wir sassen noch lange auf der Bank und unterhielten uns über Gott und die Welt. Es war ein angenehmer Nachmittag, wie ich es seit längerer Zeit nicht mehr erlebt habe. Wir verstanden uns einfach wunderbar. Er brachte mich, mit seinen heiteren Spässen und seiner aufgeweckten Art sogar zum Lachen.
Ich erzählte ihm fast alles, was er wissen wollte, sogar dass ich mich erst kürzlich von meinem langjährigen Freund getrennt habe. Aber die Wahrheit über meinen “Unfall“ verschwieg ich ihm.
Jetzt, wo ich die letzten Stunden Revue passieren lasse, stelle ich fest, dass ich fast gar nichts von ihm erfahren habe. Er hat eine jüngere Schwester, die wie seine Eltern in der Ostschweiz wohnen. Offenbar sieht er seine Familie viel zu selten, da ihn sein Beruf ziemlich in Beschlag nimmt, was auch immer seine Arbeit sein mag. Er verriet mir nur so viel, dass er irgendwas mit Autos macht.
Wir schreiten Richtung Krankenhaus zurück. In dem Augenblick, in dem wir uns erheben, stehen die Leute auf der Nachbarbank gleichfalls auf. Nach einem genauen Blick erkenne ich die Männer, die Alexander schon an den vorigen Male begleiteten, an denen ich auf ihn traf. Mir wird es ein wenig unwohl in meiner Haut und spreche Alexander auf seine Begleiter an.
„Das sind meine Bodyguards.“
„Deine Bodyguards? Warum...?“ Ich verstehe nicht, warum er Leibwächter braucht und offenbar will er mich auch nicht aufklären.
„Das verrate ich dir zu einem späteren Zeitpunkt.“ Ein verschmitztes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht.
„Das ist nicht fair. Ich habe dir alles erzählt, was du wissen willst. Aber du.. Was verheimlichst du mir?“
„Auch du verheimlichst mir irgendwas. Und was es ist, werde ich irgendwann erfahren. So wie du irgendwann mein Geheimnis erfährst.“
„Du bist einfach unglaublich.“
„Nein du.“
Plötzlich stehen wir vor meiner Zimmertür. Ich möchte mich noch nicht von ihm verabschieden, aber ich bin vom langen sitzen ziemlich erschöpft und mir tun die Seiten weh, an denen meine gebrochene Rippen pochen. Noch bevor ich mich der Tür zuwenden kann, umschliesst er mit dem Daumen und Zeigefinger mein Kinn.
Er sieht mir tief in die Augen, bevor er sich meinem Gesicht nähert. „Ich wollte mich beherrschen, aber ich schaffe es einfach nicht.“ flüstert er dicht vor mir und seine Lippen streichen sanft über meinen Mund. Der Kuss ist viel zu kurz, aber intensiver als jeder vorherige Kuss, den ich bis jetzt erlebt habe.
Als er sich langsam von mir löst, kann ich die eine Frage, die sich in mir aufdrängt einfach nicht mehr ignorieren, vor deren Antwort ich mich schon eine ganze Weile fürchte. „Was ist mit der Frau, die du jeden Tag in diesem Spital besuchst?“
„Sie ist meine Managerin.“
„Wofür?“
Einer der Bodyguards kommt auf uns zu und bleibt dicht vor Alexander stehen. Beide haben eine beachtliche Grösse und sehen äusserst kräftig aus. Ihre Oberteile drohen an ihren Bizeps zu bersten. Ich frage mich, wie sie in ihre Kleider kommen, ohne dass diese zerreissen.
„Herr Drenk, entschuldigen Sie bitte die Störung, aber wir müssen gehen.“
Ich kann den kahlgeschorenen Mann, mit einem Headset an seinem linken Ohr, kaum verstehen. Warum hat er seine Stimme gesenkt. Was sollte ich oder sonst wer nicht hören?
Alexander reisst mich aus meinen Überlegungen. „Sorry Zoe. Aber ich muss gehen. Sehen wir uns morgen wieder?“
„Vielleicht treffen wir uns ja im Café wieder.“
Alexander nimmt meine freie Hand und hält sie fest. Dabei schaut er mich lange an. „Das hoffe ich sehr. Gute Genesung Zoe und gute Nacht.“ Er kehrt sich zu seinen Leibwächtern um und geht mit Ihnen davon. Bevor er um die Ecke verschwindet, schenkt er mir nochmals eines seiner bezaubernden Lächeln. Wie versteinert bleibe ich vor meiner Zimmertür stehen und lausche ihren schnellen Schritten, die auf dem Linoleumboden quietschen, bis sie verklingen.
Etwas gekränkt darüber, dass er sich so schnell von mir verabschiedet hat, gehe ich in mein verlassenes Zimmer und lege mich aufs Bett. Bei den Erinnerungen an an den kurzen Kuss, wird mir ganz warm ums Herz. Dabei streiche ich über meine Lippen, die, wie ich glaube, immer noch nach ihm schmecken. Sofort wünsche ich mir, dass ich ihn bald wieder sehen werde.
5.
Wenn mich nicht alles täuscht, ist heute Donnerstag. Ich strecke mich in meinem Bett alle Glieder von mir und fühle mich erstaunlich erholt und entspannt. Obwohl ich mich nicht in meinen eigenen vier Wänden befinde, habe ich letzte Nacht ziemlich gut geschlafen. Das kann ich von den vorherigen Nächten nicht gerade behaupten. Liegt es vielleicht an dem dunkelblonden Alexander? Schon nur bei den Gedanken an ihn, macht mein Herz einige Hüpfer. Ungeachtet der Tatsache, dass ich mir geschworen habe, keinen Mann mehr nahe an mich ran zu lassen und mich keinem mehr zu öffnen, kann ich nichts gegen meine Zuneigung für Alexander unternehmen.
Aber was sollte ich wiederum gegen einen Flirt haben? In Alexanders Anwesenheit kann ich vor meinen tiefen Verletzungen flüchten. Also gibt es doch nichts besseres, als die paar gemeinsamen Stunden zu geniessen. Wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen bin, trennen sich sowieso unsere Wege.
Hoffentlich ist Dr. Stevens immer noch der Ansicht, dass ich morgen nach Hause kann. Ich kann es kaum erwarten, von diesem Ort wegzukommen.
„Guten Morgen Frau Berner. Wie ich sehe, geht es Ihnen schon etwas besser.“ Frau Dr. Christensen reisst mich völlig unerwartet aus meinen Gedanken an gestern Nachmittag. Verdutzt sehe ich sie an.
„Es ist schön, Sie lächeln zu sehen.“ erwidert sie, sobald sie an meinem Bett steht.
„Guten Morgen Frau Dr. Christensen.“
„Haben Sie gut geschlafen?“
„Ja. Zum ersten Mal seit ich hier bin.“
„Und wie fühlen Sie sich?“
„Ziemlich gut.“ für den Moment jedenfalls, füge ich stumm dazu.
„Das freut mich. Wollen wir gleich beginnen?“ Sie nimmt ihren Laptop zur Hand. „Setzen wir uns doch an den Tisch.“ Mühsam stehe ich auf, um mich gleich darauf auf einen Stuhl zu setzten. Ich sehe die vielen Blumensträusse an, die immer noch unverrückt an ihrem alten Platz stehen. Die einen lassen schon die Köpfe hängen. Was mir nur recht ist, denn die von Noah hätte ich schon längst in den Eimer werfen sollen. Ich setzte mich links von der Ärztin hin. Sie öffnet ihren Laptop und startet ihn.
„Sind vielleicht schon irgendwelche Erinnerungen zurückgekommen?“
„Ich... ich...“ Was soll ich sagen? Es war ja klar, dass sie mich so etwas fragen würde. Warum habe ich mir keine plausible Antwort zurechtgelegt.
„Ja?“
„Ich habe einige Erinnerungsfetzen, aber ich kann sie noch nicht richtig miteinander verbinden.“ Ich fühle mich äusserst schlecht, meine Ärztin so anlügen zu müssen. Und das alles nur, wegen Noah. Warum mache ich das nur? Wäre es nicht viel einfacher, wenn ich ihn verraten würde? So reite ich mich nur selbst weiter in die Scheisse.
„Es muss Ihnen auf keinen Fall unangenehm sein. Wir machen jetzt ein paar Übungen. Danach gebe ich Ihnen Aufgaben, die Sie alleine bewältigen und lernen können. Sind Sie bereit?“
Ich kann nur hoffen, dass sie mir meine innere Unsicherheit und meine Lügen nicht anmerkt. Sie bemüht sich so, mir zu helfen und ich habe nichts besseres zu tun, als ihr etwas vorzuspielen.
„Okay. Dann legen wir mal los.“ Dr. Christensen dreht ihren Laptop zu mir. Es öffnet sich ein Programm, in dem ich verschiedene Gedankenübungen machen muss. Zwar habe ich meine Erinnerungen zurück, aber diese Übungen lenken mich, sehr zu meinem positiven Erstaunen, von meinen Sorgen und Problemen ab. Nach etwa dreissig Minuten brummt mir der Schädel und wir beenden die Sitzung. Bevor sie sich von mir verabschiedet, hinterlässt sie mir einige Bogen Papier, die ich für das tägliche Training benutzen kann. In einer Woche habe ich wieder einen Termin bei ihr. Dann möchte sie sehen, wie es um mein Erinnerungsvermögen steht.
Gerade als ich dabei bin die Blumensträusse, die von Noah stammen, in den Eimer zu werfen, erscheint mein Vater in der Tür.
„Hallo meine Kleine.“
Wie sehr ich seine warme Stimme vermisst habe. Ich bin so froh, dass er endlich Zeit gefunden hat, um mich zu besuchen. Unfähig irgendwas zu erwidern, schmiege ich mich in seine Umarmung.
„Wie fühlst du dich? Du siehst jedenfalls viel besser aus, als noch vor drei Tagen. Bin ich froh, dass du wieder bei Bewusstsein bist.“
„Danke. Es geht mir schon viel. Ich freue mich, dass du hier bist. Wo bist du gewesen?“
„Ich musste geschäftlich nach London. Ich habe alles versucht, den Termin zu verschieben, um so schnell wie möglich bei dir vorbeizukommen. Aber es war viel zu kurzfristig. Da gerade Ferienzeit ist, fehlen viele Mitarbeiter und so blieb mir nichts anderes übrig, als selbst zu gehen.“
„Paps. Natürlich habe ich dich vermisst und gehofft, dass du dich blicken lässt. Aber ich wusste auch, dass du so schnell wie möglich hierher kommst, sobald es dir geht. Mach dir deshalb keine Sorgen. Schliesslich bin ich kein kleines Kind mehr. Ich hatte jeden Tag genug Besuch und jetzt bist du ja hier.“
„Du wirst immer mein kleines Mädchen bleiben.“ Er gibt mir einen Kuss auf die Stirn und sieht mich dann eindringlich an. Mir scheint, als würde er jeden Zentimeter von mir abchecken.
„Und wie geht es dir wirklich?“
„Gut. Warum?“
„Warum wirfst du all die Blumen weg?“ Er deutet auf die Sträusse, deren Blüten noch in voller Pracht leuchten.
„Ach die. Ich will sie nicht mehr ansehen müssen.“
„Und warum? Die sind doch von Noah? Habt ihr euch gestritten?“
„Nicht wirklich. Aber ich habe mich von ihm getrennt und das will er offenbar nicht wahr haben.“
„Ach Kleine. Irgendwann findest du auch deinen Märchenprinzen.“
„Da wäre ich nicht so sicher.“ Ich kämpfe gegen die plötzlich aufkeimenden Tränen an. Ich dachte, ich hätte das Schlimmste überwunden, aber sobald ich mir eine Zukunft neben einem Mann vorstelle, bleibe ich ständig alleine stehen, da ich keine Kinder mehr bekommen kann.
„Jetzt mach dich nicht verrückt. Du bist noch ziemlich jung und bist wunderschön. Du machst eine schlimme Zeit durch, aber auch die vergeht irgendwann. Wir sind immer für dich da.“
„Ich weiss. Danke.“ Ich schmiege mich wieder an ihn und trauere still um mein ungeborenes Baby.
Mein Vater drückt mich an den Schultern von sich weg und sieht mich ernsthaft an. „Was verschweigst du mir?“ In seiner Stimme klingt eine gewisse Härte mit.
„N...Nichts.“ Ich wende meinen Blick von ihm weg und schaue aus dem Fenster. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen und ihn dabei belügen.
„Was hat er dir angetan?“ Nun klingt er gar nicht mehr so heiter, wie vor wenigen Minuten und zwingt mich ihn anzusehen. Ich habe ihn noch nie so ausser sich gesehen. Hat ihm Valerie erzählt, dass ich schwanger war? Oder war Pam bei meinen Eltern und hat sie über alles informiert, was mir zugestossen ist? Ich vertraue meiner Schwester, wie auch meiner besten Freundin. Ich würde ihnen nie unterstellen, dass sie mir in den Rücken fallen würden, aber warum ist mein Dad plötzlich so aufgewühlt?
„Er war nur etwas zerknirscht, als ich Schluss gemacht habe. Das ist alles. Ich habe gehofft, dass wir uns in aller Freundschaft trennen können.“ Es tut mir in der Seele weh, dass ich auch meinen Vater so anschwindeln muss, aber ich schweige eisern. Ich möchte und kann ihm einfach nicht die Wahrheit erzählen.
„Wir haben euch dazu erzogen, ehrlich zu sein. Aber ich kann dich nicht dazu zwingen mir deine Sorgen mitzuteilen, wenn du nicht bereit dazu bist. Also werde ich dich auch nicht länger bedrängen. Wenn du es dir anders überlegst und dich mir anvertrauen willst, weisst du hoffentlich, dass ich für dich da sein werde. Immer.“
Froh darüber, dass er nicht mehr länger nachzubohren versucht, drücke ich ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich hab dich lieb, Dad.“
„Ich dich auch, mein Schatz.“
Wir verfallen beide in ein unangenehmes Schweigen. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Ich versuche verzweifelt ein anderes Thema anzuschneiden. Mir fällt aber nichts Passendes ein, um ein Gespräch zu beginnen und bin noch so froh, dass er die Stille durchbricht.
„Kannst du morgen nach Hause?“
„Ich denke schon. Mein Arzt wird heute noch vorbeikommen. Dann weiss ich mehr.“
„Holt dich jemand ab?
„Janosch hat versprochen, dass er mich fährt.“
„Gut.“
Ich sehe meinem Vater nach, wie er mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern das Zimmer verlässt. Ihn so zu sehen, gibt mir noch mehr Schuldgefühle, als dass ich sowieso schon habe.
Mein iPhone, das neben mir auf dem Beistelltisch liegt, piepst vor sich hin. Es ist eine Nachricht von Janosch darauf eingegangen.
Liebes Schwesterherz, Sorry, aber ich schaffe es heute nicht mehr. Glaub mir, ich wäre jetzt viel lieber bei dir, als hier, wo ich mich in diesem Augenblick befinde. Ich stecke vor Bern im Stau und wie es aussieht, werde ich das noch in der nächsten Stunde sein. Gib mir Bescheid, wann ich dich Morgen abholen kann. Ich drück dich ganz fest. Janosch.
Als ich ihm eine kurze Antwort schreibe, bemerke ich erst, wie spät es schon ist.
Schockiert stelle ich fest, dass ich fast den ganzen Nachmittag im Internet gesirft habe, nachdem ich meinem Chef eine Nachricht geschickt habe. Ich war heute noch keinen Moment draussen. Das werde ich jetzt gleich ändern. Nach einer kurzen Dusche föhne ich mir noch schnell die Haare.
Ich bleibe, wie von einer Tarantel gestochen, stehen, als ich ins Zimmer trete. Mir weicht alle Farbe aus dem Gesicht. So fühlt es sich jedenfalls an.
„Was machst du hier!“ schreie ich Noah an, der seelenruhig auf der Bettkante sitzt und mich mit einem ausdruckslosen Gesicht mustert.
„Für wen machst du dich schön?“
„Für mich. Und ausserdem geht dich das nichts an. Schon vergessen?“
„Ich habe doch gesagt, dass wir noch nicht fertig miteinander sind.“
„Und ich habe dir gesagt, dass ich zur Polizei gehe, wenn du mich nicht in Ruhe lässt!“ Allmählich bekomme ich Angst vor ihm. Mir ist übel und mein Körper bebt vor einer gewissen Wut.
„Du brauchst nicht so laut zu werden.“
Ich habe gar nicht registriert, dass ich angefangen habe ihn anzuschreien. Humpelnd gehe ich ums Bett und lasse mich auf einem Stuhl am Fenster nieder. Ich versuche so viel Abstand wie nur möglich zwischen uns zu erhalten. Doch kaum bin ich auf der anderen Seite des Raums, steht er auf und kommt auf mich zu.
„Wie ich sehe, hast du schon etwas weggeräumt.“
Ich schaue ihn fragend an, denn mir will nicht in den Sinn kommen, was er damit meint. Aber als er auf die noch blühenden Sträusse deutet, fällt mir sogleich der Groschen.
„Ich konnte sie nicht mehr ertragen. So wie ich dich nicht mehr ertrage. Bitte verlass endlich dieses Zimmer und komm nie mehr zurück!“ Ich drehe mich von ihm weg und hoffe, dass er ohne weiteres geht. Zwar fühle ich mich überhaupt nicht wohl, ihn in meinem Rücken zu wissen, trotzdem bleibe ich beharrlich so stehen und schaue den Rotkehlchen zu, wie sie von einem Baum zum anderen fliegen.
Ich zucke so fest zusammen, als ich eine Hand auf meiner Schulter spüre, dass ich fast zu Boden falle. Er dreht mich mit einem eisernen Griff um und die Bilder vom vergangenem Freitag steigen in mir hoch. Ich habe grosse Mühe auf den Füssen stehen zu bleiben.
„Wenn du auch nur ein Sterbenswörtchen erzählst, bist du dran.“
„Verschwinde!“ Mein Körper zittert heftig und die Angst steigert sich ins Unermessliche.
„Zoe, ist alles in Ordnung?“
Völlig erschrocken sehe ich hinter Noah hervor. Ich habe seine Stimme sofort erkannt, aber bin dennoch erstaunt, Alexander in der Öffnung der Tür zu sehen. Noch nie war ich so froh ihn hier zu sehen. Unsere Blicke senken sich ineinander und lassen uns nicht mehr los. Er kommt mit schnellen Schritten auf uns zu und stellt sich zwischen mich und Noah. Ich kann endlich wieder aufatmen und die Angst die ich vorhin noch verspürt habe, verfliegt in einem Flug.
„Es ist alles okay.“
„Wenn du meinst.“ Er dreht sich zu Noah um, der ihn mit einem finsteren Blick mustert. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Das geht Sie rein gar nichts an. Und tun Sie nicht so, als ob ich nicht wüsste, wer Sie sind.“ gibt Noah sarkastisch zurück. „Nur frage ich mich, was Sie hier wollen.“
Noahs Augen wandern meinen Körper auf und ab. „Das ist er also, nicht wahr?“
„Was soll er sein?“
„Der Grund dass du mit mir Schluss gemacht hast. Gibs zu! Hat er dich schon ran genommen und dich so richtig durchgefickt?“
„Hör auf! Du bist ein verdammter Mistkerl. Geh!“
„Damit du dich mit ihm vergnügen kannst?“ Noah sieht mich mit einem herablassendem Grinsen an. Mir wird es ganz elend davon. Wie kann er nur plötzlich so grausam sein? Wie konnte ich ihn nur jemals lieben? Verzweifelt versuche ich gegen die Tränen anzukämpfen, die in meinen Augen brennen.
„Verschwinden Sie auf der Stelle aus diesem Zimmer.“
„Sie haben mir überhaupt nichts zu sagen.“
„Kuhn.“ Alexander winkt seinen Leibwächtern. „Dieser Herr hier möchte uns verlassen. Führen Sie ihn hinaus und sehen Sie zu, dass er auch wirklich in sein Auto steigt und sich von diesem Areal entfernt.
Einer der Bodyguards kommt auf uns zu und packt Noah an seinem Arm. „Kommen Sie doch bitte mit uns.“
Noah schüttelt den Leibwächter wie ein lästiges Insekt ab. „Ich kann alleine gehen.“ und sieht mich mit einem eisigen Blick an, der mich zu Tode erschrecken würde, wenn Alexander nicht neben mir stehen würde. Mit ausgestrecktem Finger zeigt Noah auf mich. „Versteck dich nur hinter diesem Angeber, du elende Heuchlerin. Aber ich schwöre dir, er wird dich nicht immer beschützen können und dann erwische ich dich.“
Bevor er mich mit seinen Beleidigungen noch mehr erniedrigen und verletzen kann, greift der Leibwächter nach ihm und führt ihn weg.
Ich kann sein Fluchen und sein kaltblütiges Lachen, das im Flur widerhallt, noch weit hören, aber sobald Noah aus meiner Bildfläche verschwunden ist, kann ich mich nicht mehr länger beherrschen und lasse mich gegen Alexanders Brust fallen, der mich sofort in eine starke Umarmung schliesst. Hilflos klammere ich mich an ihm fest. Die Tränen, die ich vorhin noch mühsam verdrängt habe, laufen mir bereits über die Wange und ich weine unkontrolliert an seiner Brust. Es bricht einfach alles aus mir heraus. Alles, was ich in den letzten Tagen versucht habe zu unterdrücken, die Angst, die Wut, die Hilflosigkeit, selbst das Verlorene, steigt in mir auf.
Alexanders Hand streicht behutsam über meinen Kopf und hält mich in seinen Armen, bis ich mich von Noahs groben Worten erholt habe. Erst als ich mich von ihm löse, sieht er mich besorgt an. In seinem Gesicht lese ich deutlich, dass ihm viele Fragen auf der Zunge brennen, auf die er gerne Antworten hätte, aber sich eisern zurückhält.
Er führt mich zu meinem Bett, woraufhin ich mich völlig ermattet darauf lege. Zu meinem Erstaunen setzt sich Alexander nicht auf einen Stuhl, sondern streckt sich hinter mir aus und hält mich ganz fest an sich gedrückt, mit seiner Brust an meinem Rücken. Eigentlich sollte mir das nach all den wüsten Vorfällen nicht gefallen, doch das Gegenteil ist der Fall. In diesem Moment kann ich mir nichts Tröstenderes vorstellen, als genauso hier zu liegen. Seinen warmen Körper ganz nah an meinem wahr zu nehmen.
Einige Zeit bleiben wir in dieser Position. Ich geniesse seine starke Umarmung, so wie sein Atem, der leicht meinen Hals liebkost. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, denn ich befürchte, dass diese Geborgenheit in sich zusammenfällt, sobald ich nur meine Hand etwas nach oben hebe. Still bleibe ich zusammengerollt an ihn gekuschelt liegen und höre seinem Atem zu, der ganz gleichmässig zu sein scheint.
„Wer war das?“
Ich habe mich schon davor gefürchtet, aber mir war schon von Anfang klar, dass dieses Gespräch unausweichlich sein wird. Obwohl es mir gleichgültig sein könnte, was Alexander von mir und all dem was hier passiert ist, denkt, möchte ich ihn nicht zurückweisen.
„Noah.“
„Dein Ex?“
Mein Herz krampft sich zusammen. „J...ja.“
„Was hat er dir angetan?“
Warum muss er mich diese Frage stellen? Ich kann und will ihm nicht die Wahrheit erzählen. Ich brauche Zeit, um mich all dem zu stellen, was mir widerfahren ist. Ausserdem befällt mich eine Angst, dass sich Alexander von mir zurückzieht, wenn er das tragische Ereignis zwischen mir und Noah, in seiner ganzen Tragweite erfährt.
„Nichts.“ flüstere ich kaum hörbar.
„Warum willst du es mir nicht sagen?“ Alexander dreht mich vorsichtig auf meinen Rücken und sieht mich mit einem finsteren Blick an, den ich noch nie an ihm gesehen habe. Was denkt er nur von mir? Ich möchte mich aus diesem Gespräch davonstehlen, aber Alexander hält mich eisern fest. Sein Körper drückt halb auf meinen Brustkorb, während er mich eingehend mustert. Dabei machen sich meine gebrochenen Rippen schlagartig bemerkbar und der Schmerz breitet sich in Windeseile in meinem ganzen Körper aus.
„Bitte lass mich los. Meine Rippen...“ hauch ich.
Völlig verschreckt lässt Alexander mich los und springt auf. „Es tut mir Leid, Zoe. Habe ich dir wehgetan? Das wollte ich nicht. Ehrenwort.“ Er starrt mich an, als hätte er mich soeben geschlagen. Er ist so fürsorglich und lieb. Er hat es nicht verdient, dass ich ihn so belüge, wie bisher, aber auch wenn ich ihm alles erzählen möchte, kann ich es einfach nicht. Langsam erhebe ich mich und setzte mich ebenfalls hin. All die aufgestauten Gefühle stürzen auf mich ein und schwirren wie ein Schwarm Bienen wild in meinem Kopf herum. Ich brauche unbedingt einen Moment, um mich wieder zu sammeln und flüchte ins Bad.
„Zoe?“
„Gib mir einen Augenblick, bitte.“ Ich kann ihn nicht ansehen, denn er soll meine Tränen nicht sehen. Kaum ist die Tür hinter mir verschlossen, sinke ich an der Wand hinunter auf den Boden und lasse meinen zurückgedrängten Tränen freien Lauf. Mein Körper wird ständig von meinen tiefen Schluchzern, die nicht enden wollen, durchzuckt.
Keine Ahnung, wie lange ich schon auf diesem kahlen Boden sitze, aber ich bekomme allmählich kalt.
Zum wiederholten Mal frage ich mich, ob sich Alexander noch in meinem Zimmer aufhält oder ob er bereits weggegangen ist. Es würde mich nicht verwundern, wenn er schon längstens verschwunden wäre. Jedes Mal wenn wir uns begegnen, breche ich in Tränen aus. Was sollte er schon von einer solchen Heulsuse wie mir halten? Geschieht mir recht oder? Frage ich mein Spiegelbild, sobald ich es erblicke. Meine Augen sind total gerötet, vom vielen Weinen, sowie meine Nasenspitze. Ich nehme ein Taschentuch und putze mir meine Nase. Danach wasche ich mein Gesicht und kämme kurz meine Haaren durch, die sich vollends aus dem Pferdeschwanz gelöst haben. Für wen mache ich mich überhaupt zurecht? Mein Zimmer ist bestimmt verlassen, denn es herrscht absolute Stille darin.
Leise drücke ich die Tür auf und gehe vorsichtig hinaus. Da steht er. Am Ende von meinem Bett steht er. In seiner Hand hält er eine grosse Sonnenblume.
„Ich wusste nicht, welche Blumen du magst, da habe ich mich für meine Lieblingsblume entschieden.“
Ich mache meinen Mund auf, doch es dringt kein Laut heraus. So überrascht darüber, dass er noch hier ist und mir eine Blume schenken möchte, bleiben die Worte in meiner Kehle stecken.
„Sie ist wunderschön.“ bringe ich schliesslich heraus.
„So wie du.“
Es stiehlt sich doch tatsächlich ein Lächeln auf mein Gesicht, obwohl ich noch vor kurzem geglaubt habe, dies nicht mehr tun zu können. Mein Blut steigt langsam in meinen Kopf und meine Wangen fangen an zu glühen. Verlegen schaue ich zu Boden.
Alexander kommt zu mir und legt seinen Daumen und Zeigefinger an mein Kinn und dreht mein Gesicht so, damit er mich ansehen kann.
„Ich hätte dich nicht so bedrängen sollen, aber ich dachte, dass du vielleicht reden möchtest. Ich kann es verstehen, wenn du es für dich behalten möchtest. Nur habe ich mir schreckliche Sorgen um dich gemacht. Ich sehe dir doch an, wie schlecht es dir geht, aber ich werde dich nicht mehr unter Druck setzten. Wenn du dich mir anvertrauen möchtest, kommt es aus deinem eigenen Impuls heraus.“
Seine herzliche Art lässt mein Herz wild gegen die Brust schlagen. Erstaunt sehe ich ihn an. Warum bin ich ihm nicht schon früher begegnet? Warum musste zuerst dieser Unfall geschehen, bevor ich diesen Mann kennenlernen durfte? Ist das wirklich mein Schicksal? Ich kann nicht anders und falle ihm um den Hals. Er schliesst mich in seine starke Arme und hält mich etliche Minuten so fest.
Seine Hand gleitet durch meine Haare und rückt etwas von mir ab, um mir wieder ins Gesicht sehen zu können.
„Du hast so wunderbar, feines Haar. Du bist wunderschön, Zoe.“
Seine Worte schmeicheln mir zutiefst. Noch bevor ich etwas erwidern kann, sind seine weichen Lippen auf den Meinen. Er schmeckt wunderbar und fühlt sich grossartig an. Erst zögernd und scheu, dann immer fordernder küssen wir uns, als könnten wir sonst etwas verlieren. Seine Zunge kitzelt meine Lippen, bis ich sie ein wenig öffne. Sanft drängt er in meinen Mund und umspielt gekonnt meine Zunge. Ein warmer Schauer durchrieselt meinen Körper. Solche Gefühle habe ich schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr empfunden. Eigentlich kann ich mich nicht daran erinnern, schon einmal so gefühlt zu haben, denn dieser Mann bringt mich auf eine angenehme Art noch um den Verstand.
Seine Berührungen auf meinem Rücken, wie er mit seinen Händen langsam nach oben und unten streicht, lösen ein sonderbares Kribbeln in mir aus. Er ist so rücksichtsvoll und fürsorglich, dass mich seine Liebkosungen total verwirren.
Alexander drückt mich behutsam nach hinten, bis ich die Bettkante in meiner Kniekehle spüre, ohne den Kuss zu unterbrechen. Wir gleiten auf das Krankenhausbett, worauf er achtet, dass er nicht auf mich zu liegen kommt. Meine Verletzungen hätten ganz bestimmt gleich angefangen zu protestieren und er, sowie ich wollen auf keinen Fall, dass diese intime Nähe aufhört.
In meiner Magengrube regt sich ein seltsames, brennendes Gefühl, das sich weiter nach unten ausbreitet, während seine Hände vorsichtig einen Weg unter mein T-Shirt bahnen und zögernd nach oben gleiten. Ich wünsche mir, dass er mich überall anfasst und mit mir das anstellt, was wir hier in diesem Zimmer nicht tun sollten. Niemals tun sollten. Noch nie hatte ich solche Sehnsucht nach einem Mann, wie nach diesem atemberaubendem Schönling, der hier neben mir liegt und mich berührt. Noch nie habe ich mich so sehr danach verzerrt, einen Mann ganz in mich aufzunehmen. Ein mir unbekannter, wohliger Seufzer dringt aus meiner Kehle, als er mit seinen Fingerspitzen meine Brustknospen kitzelt, die sich sogleich aufrichten, als er mit ihnen zu spielen beginnt.
Plötzlich hört er auf, mich zu liebkosen. Sein Mund entfernt sich von meinem und seine Finger bleiben ganz ruhig liegen. Verwirrt und etwas verlegen öffne ich meine Augen. Sein Blick senkt sich sogleich in den meinen und wir sehen uns stumm an. Niemand von uns wagt etwas zu sagen, bis sich einer von uns wieder gefasst hat.
„Ich würde dich am liebsten hier und jetzt vernaschen. Aber ich habe Angst, dass ich dir wehtun würde, wenn ich die Kontrolle über mich verliere.“
„Du tust mir bestimmt nicht weh.“
Es scheint mir, als hätte er meine Worte gar nicht gehört. Unbeirrt fährt er fort. „Ausserdem sind wir hier in einem Krankenhaus. Uns könnte jederzeit jemand erwischen.“ Ein Lächeln umspielt seinen ausgesprochen süssen Mund. „Und ich möchte dich ganz für mich alleine. Unser erstes Mal soll etwas besonderes werden. Ich möchte dich nach Strich und Faden verwöhnen und dich mit all meinem Können beglücken.“
Alexander wirft mich einfach um. Ich kann nicht anders und laufe, wie eine reife Tomate, rot an. Hat er das jetzt wirklich offen und ehrlich gemeint? Er will mich? Aber was ist mit dieser anderen Frau? Seiner angeblichen Managerin? Darüber hinaus möchte ich doch nur einen kurzen Flirt. Ich brauche keine Beziehung. Nie mehr. Traurig über diese Erkenntnis drehe ich mich von ihm weg. Ich möchte nicht, dass er diesen verstörten Ausdruck in meinem Gesicht sehen kann und allenfalls falsch deutet.
„Habe ich etwas Falsches gesagt?“ erklingt seine sanfte Stimme neben meinem Ohr.
„Nein.“
„Aber warum wendest du dich von mir ab?“
„Was machen wir hier?“
„Das was zwei erwachsene Menschen manchmal so tun.“
„Aber.“ Ich zögere kurz, ehe ich weiterspreche. „Ich weiss doch überhaupt nichts von dir.“
„Wir haben noch alle Zeit der Welt, um uns kennenzulernen.“
„Nur denke ich, dass ich dir nicht das bieten kann, was du dir wünschst.“
„Woher willst du das wissen?“
Ich zucke nur mit meinen Schultern. Unfähig etwas darauf zu erwidern.
„Er muss dir schrecklich wehgetan haben.“
Sofort drehe ich ihm mein Gesicht zu und schaue ihm direkt in die Augen. Was weiss er denn schon?
„Was auch immer er dir angetan hat, ich bin nicht so einer wie er.“ Er streicht mir sanft über die Wange und wischt eine Träne weg, die sich aus meinen Augenwinkel gelöst hat. Sein durchbohrender Blick haftet sich auf mein Gesicht.
„Was willst du von mir?“
„Ich will dich besser kennenlernen.“
„Warum?“
„Du faszinierst mich, seit ich dich das erste Mal gesehen habe.“
„Das kann nicht sein. Ich bin ein Häufchen Elend. Schau mich an.“
„Man braucht nicht immer eine deutliche Erklärung. Vor allem nicht, wenn es um Gefühle geht. Du machst vielleicht eine schwere Zeit durch, aber ich kann dir ansehen, dass du eine sehr starke Frau bist und diese Hürde überwinden wirst.“
„Ich kann dir nicht geben, was du dir wünschst.“ wiederhole ich abermals.
„Woher willst du das wissen?“
„Ich....“ Ich kann keine Einwände mehr hervorbringen. Doch wo führt das mit uns nur hin?
„Darf ich dich küssen?“
Ich muss einfach über ihn schmunzeln. Auch wenn ich noch vor Sekunden hätte weinen können, sind meine schlimmsten Ängste wie weggeblasen.
„Ja.“
Sein Gesicht nähert sich mir, wobei er seine Augen nicht von den meinen abwendet und sich sein Blick in mich bohrt. Wir küssen uns zuerst scheu und mit einer gewissen Unsicherheit, bis wir uns unseren Gefühlen heisshungrig hingeben.
Doch dieser Moment hält nicht lange an, da uns ein energisches Klopfen in die Wirklichkeit zurückbringt. Alexander richtet sich abrupt auf und streicht seine Kleider wieder in einen makellosen Zustand. Er sieht nochmals kurz zu mir hinab, um sich zu vergewissern, dass bei mir alles in Ordnung ist.
„Herein.“
Natürlich ist es wieder einer dieser Leibwächter. Eine Krankenschwester oder Arzt wäre schon längstens eingetreten. Wenn ich mich richtig entsinne, ist der Name von diesem Bodyguard Kuhn. Aber warum diese Männer nicht von Alexanders Seite weichen, weiss ich immer noch nicht.
„Was gibts?“
„Herr Drenk. Es ist bereits fünf Uhr. Wir müssen um sechs bei ihrem Termin sein. Vorher müssen wir noch bei Frau Fehrlin vorbei. Sie erwartet uns bestimmt schon.“
„Gut. Ich komme in fünf Minuten.“
Die Tür wird von aussen zugezogen und Alexander dreht sich wieder zu mir um.
„Wer bist du?“
„Alexander Drenk.“ Er schenkt mir ein Lächeln, womit seine ebenmässigen weissen Zähne zum Vorschein kommen.
„Jetzt bin ich genauso schlau, wie vor ein paar Minuten.“
„Wir haben alle Zeit der Welt, um uns kennenzulernen und um alles von einander zu erfahren. Aber leider rufen die Geschäfte. Auch wenn ich viel lieber hier bei dir bleiben würde, muss ich jetzt los.“
„Zu dieser Frau Fehrlin? Die Frau im Rollstuhl?“
„Ja.“
„Wer ist sie?“
Er hebt eine Braue in die Höhe und sieht mich fragend an. „Das habe ich dir doch schon gesagt? Sie ist meine Managerin.“
„Und....?“
„Nichts und? Du brauchst dich nicht zu beunruhigen. Sie ist meine beste Freundin und meine Managerin, die ihren Job hervorragend macht.“
„Warum ist sie hier?“
„Sie hatte einen Autounfall. Ein betrunkener Fahrer überfuhr ein Rotlicht.“
„Oh.“
„Ihr geht es den Umständen entsprechend gut. Aber jetzt möchte ich nicht über sie sprechen, sondern wissen, wann wir uns wiedersehen.“
„Ich hoffe, dass ich morgen Nachmittag das Krankenhaus verlassen kann.“
„Das freut mich.“
„Definitiv Bescheid erhalte ich erst morgen.“
„Darf ich dich abholen?“
„Mein Bruder hat sich schon angeboten.“
„Na dann.“ Seine Hände in den Hosentaschen, bleibt er reglos stehen und sieht mich lange an. „Sehen wir uns vorher noch?“
„Ja.“ flüstere ich.
Ein Lächeln huscht kurz über seine Lippen, bevor er sich zu mir beugt und mir einen zarten Kuss auf den Mund drückt.
„Ich freue mich darauf.“
„Ciao Alexander.“
Endlich bin ich draussen an der frischen Luft. Ich sitze auf derselben Bank, auf der ich gestern schon mit Alexander war. Ich konnte doch tatsächlich ohne Krücke gehen. Was mir ein gewisses Hochgefühl verlieh. Meine blauen Flecken sind nur noch gelbe kleine Kleckse, die man bald nicht mehr sehen wird und ich kann auch meine rechte Hand wieder gut bewegen. Die zwei gebrochenen Rippen werden auch irgendwann wieder geheilt sein. Aber das was mir Noah angetan hat und dass ich mein Baby wegen ihm verloren habe, wird wahrscheinlich mein Leben lang an mir zehren. Ich darf gar nicht daran denken, dass ich wegen ihm keine Kinder mehr bekommen kann. Das werde ich ihm niemals verzeihen können.
Man müsste meinen, ich könnte mich glücklich schätzen, dass ich kein Kind von so einem miesen Typen bekomme, aber es war trotz allem ein Teil von mir, das gestorben ist.
Ich darf nicht mehr an das ungeborene Baby denken, denn es stimmt mich unglaublich traurig und klemmt mein Herz zusammen. Ich versuche meine Gedanken auf etwas Erfreulicheres zu lenken, da taucht Alexander vor meinem geistigen Auge auf und tatsächlich geht es mir gleich besser. Dieser Mann ist so einfühlsam, dass es schon fast nicht mehr wahr zu sein scheint. Bilder von der letzten Begegnung mit ihm tauchen vor mir auf und ich kann nichts gegen meine aufkommendes Schamgefühl unternehmen. War ich das wirklich vorhin in meinem Zimmer? Es kommt mir so unwirklich vor. Noch nie habe ich mich so schnell auf einen Mann eingelassen, wie auf Alexander. Kann ich ihm wirklich vertrauen und all die Dinge, die er zu mir gesagt hat, glauben? Und was ist mit seiner besten Freundin? Seiner angeblichen Managerin, für was auch immer sie zuständig ist? Woher soll ich wissen, dass er mich nicht gründlich verarscht? Ich habe Angst davor, dass er es nicht ernst meint. Ich muss mich unbedingt davor hüten, echte Gefühle für ihn zu entwickeln. Bei einem Flirt bin ich dabei, aber mehr darf es nicht werden. Mein Unterbewusstsein weiss, dass es nicht gut enden würde. Also werde ich mich morgen von ihm für immer verabschieden. Obwohl mir jetzt schon klar ist, dass dies nicht einfach werden wird, muss ich es trotzdem tun. Es ist besser und einfacher so.
6.
Ich packe meine Sachen zusammen und lege sie in den Koffer, der offen auf meinem Bett liegt. Es fehlen nur noch meine Toilettenartikel, dann bin ich fertig und zur Abreise bereit. Vor einer guten Stunde war Dr. Stevens hier und teilte mir mit, dass ich nach Hause kann. Jedoch muss ich in wenigen Tagen zur Nachuntersuchung nochmals hierher kommen, um zu kontrollieren, wie gut meine Verletzungen bis dahin verheilt sind.
Obwohl ich es kaum erwarten kann, das Krankenhaus zu verlassen, schnürt sich mein Herz etwas zusammen, wenn ich an den bevorstehenden Abschied von Alexander denke. Ich nehme die wunderschöne Sonnenblume, die er mir gestern gebracht hat, in die Hand und betrachte sie. Aber statt die Blume wahrzunehmen, sehe ich seinen besorgten Gesichtsausdruck, den er mir gestern zuwarf, als er mich völlig aufgelöst vorgefunden hat. War er wirklich von einer solchen Sorge erfüllt? Nicht weiter darüber nachdenken, befiehlt mir mein Unterbewusstsein. Nicht weiter darüber nachdenken.
Ich hole die restlichen Sachen und schliesse meinen Koffer. Die Blume stecke ich behutsam in eine kleine Öffnung, oben an meiner Tasche und werfe noch kurz einen Blick durchs ganze Zimmer, froh darüber endlich hier herauszukommen.
Mit all meinen Sachen gehe ich hinunter ins Café und hoffe Alexander dort anzutreffen. Denn verabschieden möchte ich mich noch von ihm. Einfach zu verschwinden ohne auf Wiedersehen zu sagen, ist nicht meine Art. Da ich ihn nicht anders erreichen kann, als ihm hier in diesem Krankenhaus zu begegnen, hoffe ich ihn unten im Restaurant zu finden.
Mein Bruder kommt mich um elf Uhr abholen. Mit einem Blick auf meine Uhr stelle ich fest, dass ich noch über eine halbe Stunde Zeit habe. Ich sehe mich im ganzen Café um und hoffe mit jeder Drehung in sein anmutiges Gesicht zu blicken.
Ein kleiner Stich jagt durch meinen Körper, als ich mir sicher bin, dass er nicht hier ist. Keine Spur von Alexander, seiner Managerin oder von seinen Leibwächtern. Enttäuscht setzte ich mich an einen Tisch und nippe an meinem heissen Tee. Ständig hebe ich meinen Kopf und halte Ausschau nach ihm. Es ist wie verhext. Jetzt wo ich mir wünsche, ihn zu sehen, taucht er nicht auf. Dauernd sehe ich auf meine Uhr, nur um mir einzuhämmern, dass mir die Zeit davon läuft. Hat er gar nicht vor, mich noch einmal zu sehen? War all das, was er zu mir gesagt hat nur Theater? Mit jeder Minute, die verstreicht, ohne von ihm zu hören, fühle ich mich immer mehr niedergeschlagen.
„Hast du auf mich gewartet?“
Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass er es ist. Seine tiefe, sanfte Stimme hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt, so wie sein köstlicher Duft nach orientalischem Holz.
Seine festen Hände kommen auf meinen Schultern zu liegen, während er mir einen Kuss auf die Wange drückt. Geschmeidig setzt er sich neben mich und lächelt mich an.
Warum küsst er mich nicht auf den Mund, so wie er es gestern getan hat? Hat er sich ebenfalls vorgenommen, sich von mir zu verabschieden? Auch wenn ich seine Lippen noch so gerne auf den meinen spüren würde, ist es wahrscheinlich besser, das Unausweichliche nicht noch weiter herauszuschieben und an der Zeit Lebewohl zu sagen.
„Es kostet mich unendliche Kraft, mich nicht auf dich zu stürzen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dich an mich zu drücken und dich mit meinem Mund zu verschlingen. Aber es starren fast alle zu uns hinüber und ich möchte nicht, dass es irgendein dummes Gerede gibt.“
Ich kann nicht anders, als ihn anzustarren. Habe ich ihn richtig verstanden? Er möchte mich verschlingen? Warum sollten alle zu uns sehen? Um zu verstehen, was Alexander meint, sehe ich mich im Café um. Tatsächlich, fast alle haben ihre Augen auf uns gerichtet. Einen Tisch weiter erkenne ich seine Managerin mit seinen Bodyguards. Alle drei lächeln zu uns hinüber. Ich glaube sogar, dass die Frau mir kurz zugenickt hat, bevor ich den Blick wieder auf Alexander richte.
„Was geht hier vor sich? Warum mustern uns alle so, als wären wir Ausserirdische?“
Ein grosses Lächeln steht in sein Gesicht geschrieben.
„Ich glaub ich falle gleich in Ohnmacht. Alexander Drenk sitzt mit meiner Schwester am selben Tisch. Hallo Schwesterherz. Wie hast du das denn wieder angestellt?“
„Hallo Janosch.“ Mein Bruder beugt sich zu mir hinunter und begrüsst mich mit einem Kuss auf jede Wange.
Plötzlich stehen Alexanders Leibwächter hinter uns. „Alles in Ordnung.“ gibt Alexander ihnen mit einem Handwink zu verstehen.
„Ich kann es kaum glauben, dass ich je an einem Tisch mit Alexander Drenk sitzen werde.“ Janosch streckt ihm seine Hand entgegen. „Janosch Berner, Zoes Bruder.“
„Die Freude ist ganz meinerseits.“
Warum kennt mein Bruder Alexander und warum ist er so aus dem Häuschen? Verdutzt sehe ich von meinem Bruder zu Alexander und wieder zurück. Ich versuche das Ganze zu verstehen und suche jeden noch so kleinen Winkel meines Gehirns nach Informationen ab, woher Janosch Alexander kennen könnte. Gerade als ich glaube mich an etwas zu erinnern, stupst mich jemand in die Seite.
„Konntest du mich nicht früher Bescheid geben, dass Alexander Drenk hier ist?“
„Was?“
„Du weisst schon, dass ich sein grösster Fan bin oder?“
„Wie? Von wem redest du?“
„Tu jetzt nicht so schwer von Begriff. Alexander Drenk, natürlich.“
Erst jetzt bemerke ich, dass sich Alexander gar nicht mehr an unserem Tisch befindet. „Wo...?“
„Er musste kurz zu seiner Managerin und seinen Beschützern.“ Mit einem Kopfnicken deutet er in ihre Richtung.
„Woher kennst du ihn und wieso weisst du, wer diese drei sind?“
„Also Schwesterchen. Ist das dein Ernst?“
„Hör endlich auf damit und klär mich auf der Stelle auf!“
„Alexander Drenk ist der beste Formel 1 Rennfahrer der letzten fünf Jahren. Und er ist auf dem besten Weg es das sechste Mal zu werden.“
„Willst du mich zum Narren halten?“ Doch in seinen vor Freude glitzernden Augen erkenne ich, dass dies absolut nicht der Fall ist. „Das kann nicht sein oder? Ich dachte mir vorhin, dass mir dieser Name irgendwie bekannt vorkommt, aber es wollte mir nicht einfallen.“
„Einfach unglaublich. Meine Schwester schäkert mit dem weltbekanntesten Formel 1 Fahrer herum.“
„Unsinn.“ zögernd blicke ich mich zu Alexander um, der mich im selben Moment anlächelt. Mir scheint als erginge ihm nichts. Sofort lenke ich meine Aufmerksamkeit wieder meinem Bruder zu.
„Du kannst mir sagen, was du willst, aber ich kenne dich besser als sonst jemand. Und dein verträumter Blick verrät so einiges.“ und tätschelt meine Hand.
Jetzt wird mir auch klar, warum Alexander immer Bodyguards an seiner Seite hat und mein Bruder hat mir soeben bestätigt, dass die Frau an Alexanders Tisch wirklich seine Managerin ist. Aber warum macht er so ein Geheimnis daraus? Warum hat er mir nicht erzählt, wer er ist.
„Wie heisst seine Managerin?“
„Katharina Fehrlin. Eine heisse Braut nicht wahr?“
Typisch Bruder. Wieder mal besitzt er kein Taktgefühl. Aber er hat recht. Sie ist wirklich eine hinreissende Person, trotz den Bandagen und Pflaster, die auf ihren Armen und im Gesicht verteilt sind. Ihre langen, schwarzen Haare glänzen in der Sonne und ihre Augen sind wunderschön gross.
„Sie sehen so vertraut miteinander aus. Sind sie denn kein Paar?“
„Das war vielleicht einmal. Aber sie kennen sich schon fast ihr ganzes Leben und ich glaube sie nehmen ihre geschäftliche Beziehung viel zu ernst, als dies mit einem kurzen Techtel Mechtel zu zerstören.“
„Du weisst ja eine ganze Menge über ihn.“
„Ich sagte doch, dass ich sein grösster Fan bin.“
Es entsteht eine kleine Pause, bevor mein Bruder die Stille durchbricht und sieht mich eindringlich an. „Was ist mit Noah?“
„Noah?“
„Ja Noah. Hast du dein Freund etwa schon vergessen?“
„Ich habe Schluss gemacht.“
„Wann.“
„Letzte Woche.“
„Endlich.“
„Wie endlich?“
„Ich habe schon lange gehofft, dass du dich von ihm trennst. Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank.“
Es kostet mich ungeheure Kraft, mein Geheimnis nicht laut herauszuschreien. „Das habe ich nun auch erkannt.“
„Aber was hast du dann? Was beschäftigt dich?“
„Nichts.“
„Sag schon.“
„Bitte Janosch, lass gut sein.“
„Ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht.“
„Das sind nur die Schmerzen.“
„Bist du dir sicher?“
„J... ja.“ ich kann nur hoffen, dass er mein Zögern nicht bemerkt hat.
„Wir werden im Auto weiterreden. Sollen wir gehen?“
„Gerne. Ich war lange genug hier.“ Wir erheben uns und Janosch nimmt meine Tasche. Kaum habe ich einen Schritt gemacht, steht Alexander neben mir.
„Gehst du?“
„Ja. Ich möchte endlich nach Hause.“
„Darf ich dich bis zum Auto begleiten? Ich möchte mich noch kurz mit dir unterhalten.“
„Sicher.“ und sehe zu Janosch.
„Ich habe schon verstanden. Wir treffen uns beim Auto.“ Mit meinen Sachen in der Hand, geht er uns voran.
Natürlich begleiten uns die beiden Bodyguards in einem diskreten Abstand nach draussen.
„Ich wäre vorhin gerne bei dir geblieben, aber ich dachte, du möchtest dich alleine mit deinem Bruder unterhalten.“
„Warum hast du mir nicht erzählt, wer du bist? Warum hast du so ein Geheimnis daraus gemacht?“ Ich konnte einfach nicht mehr länger mit diesen Fragen warten. Sie platzten förmlich aus mir heraus.
„Mir war schnell klar, dass du nicht weisst, wer ich bin und was ich mache. Du hattest keine Vorurteile gegen mich oder sonst irgendwelche Ansprüche an mich. Ich wollte, dass du mich so kennenlernst, wie ich bin und nicht nur eine bekannte Persönlichkeit mit viel Ruhm in mir siehst, die obendrein noch viel Geld besitzt.“
„Das hätte ich sowieso nicht getan.“
„Leider habe ich bis jetzt immer eine andere Erfahrung gemacht.“
Wohin mag bloss dieses Gespräch verlaufen? Eigentlich möchte ich unseren kurzen Flirt beenden, denn ich möchte nicht, dass jemand von uns irgendwann zu sehr verletzt wird. Nur fällt es mir viel schwerer, als ich gedacht habe.
Inzwischen sind wir aus dem Krankenhaus gelangt und sofort begrüsst uns die heisse Sommersonne, die hoch oben am Himmel steht. Wir gehen weiter Richtung Parkplatz und lassen uns auf die nächste Bank nieder.
„Alexander....“ fragend sieht er mich an. Ich habe keine Ahnung, wie ich das, was ich ihm sagen möchte, in Worte fassen soll. Denn mir wird immer klarer, dass ich das, was ich ihm mitteilen möchte, nicht dem entspricht, was ich fühle. Aber es geht nun mal nicht anders. Es gibt für uns keine gemeinsame Zukunft. „Ich...“ ich starre ihn weiter an. Meine Lippen bewegen sich lautlos, weil ich unfähig bin etwas zu sagen.
„Zoe?“ In seinem Blick erkenne ich eine gewisse Besorgnis.
„Wir können uns nicht mehr weiterhin treffen?“ Jetzt ist es endlich raus. Ich kann ihn nicht länger ansehen, denn es tut mir zu sehr weh. Mich überkommt eine solche Traurigkeit, dass ich Mühe habe, meine Umgebung wirklich wahr zu nehmen. Ausser natürlich den Mann, der ganz dicht neben mir sitzt und mich intensiv betrachtet.
„Warum?“
„Das könnte ich auch fragen.“
„Warum willst du mich nicht mehr sehen? War ich nur ein kurzer Flirt für dich?“
„Nein. Ja...“ Mir schnürt es fast das Herz zu. Ich komme nicht gegen meine Gefühle an, aber ich muss jetzt stark bleiben. „Wir würden nie eine glückliche Zukunft miteinander haben können. Es ist also besser, wenn wir es gar nicht erst probieren.“
„Woher willst du das wissen? Wir kennen uns ja kaum.“
„Es geht einfach nicht.“
„Hat es mit deinem Ex zu tun?“
Nur zögernd bringe ich ein nein hervor. „Ich möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben.“
„Und das soll ich dir glauben?“
„Ja, verdammt!“ Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Meine zitternden Hände klemme ich zwischen meine Knie und starre darauf.
„Es tut mir leid.“
„Ich wüsste nicht was dir leid tun sollte!“
„Für das was er dir angetan hat.“
Schockiert sehe ich zu ihm hinauf. Ist es so offensichtlich, dass mich Noah zutiefst beleidigt und gedemütigt hat?
Ich habe gar nicht bemerkt, wie mir die Tränen in die Augen gestiegen sind. Erst als er sie mir mit seinen Fingern wegwischt, wird mir bewusst, dass ich stumm angefangen habe zu weinen.
„Was immer er dir zugefügt hat, ich könnte dir niemals etwas zu Leide tun, wenn es das ist, was dir Angst macht.“
„Sieh mich doch an!“ schreie ich aus mir heraus. „Ich bin nur noch ein Trümmerhaufen! Ständig breche ich in Tränen aus. Im Moment bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst und meine Verletzungen lassen mich wie ein Krüppel wirken. Also, was willst du von mir?“
„Jetzt bist du unfair. Nicht nur zu dir selbst, sondern auch zu mir. Jemand oder irgendwas hat dich zutiefst verletzt. Ich weiss, dass du eine schwere Zeit durchmachst. Aber du bist eine starke Frau und irgendwann wird dir dieses Schicksal nur noch wie ein böser Albtraum erscheinen.
Mach dich nicht selbst verrückt und schlechter, als du in Wahrheit bist. Denn ich sehe eine wunderschöne und einfühlsame Frau neben mir, die ich weiterhin sehen möchte. Und was deine körperlichen Verletzungen betrifft, die sind bald verschwunden.“
„Warum hast du mich ausgesucht? Warum willst du mich näher kennenlernen und mit mir zusammen sein? Ich bin nichts besonderes und du? Du bist der beste Formel 1 Fahrer seit den letzten fünf Jahren. Früher oder später wirst du genug von mir haben. Glaub mir!“ Obwohl ich es nicht beabsichtigt habe, klingt meine Stimme viel zu schroff. Ich möchte mich erheben, werde jedoch von Alexander zurückgehalten.
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