Читать книгу: «Little Pearl»

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Zu diesem Buch

»Ich bin nicht er.«

»Nein, bist du nicht, aber das macht keinen Unterschied.«

Evan und Beziehung? Auf keinen Fall.

Evan und Familie? Unmöglich.

Er hält nichts von ernsthaften Bindungen, er hat der Liebe abgeschworen. Nur so bleibt er vor größerem Verlust verschont. Das dachte er sich zumindest, bis ihm Avery gegenübersteht.

Avery, die das letzte Jahr durch die Staaten gereist war, um zu vergessen und um die schrecklichen Bilder ihrer Vergangenheit aus dem Kopf zu streichen, hat in Little Pearl endlich das Gefühl, angekommen zu sein. Und als sie dann noch Evan über den Weg läuft, erscheint es ihr, als würde sie wieder zu leben beginnen.

Doch kann sie über ihren Schatten springen und Evan in ihr Herz lassen?

Widmung

Für alle Averys und Evans da draußen.

Kapitel 1

Evan

Heilige Scheiße, mein linkes Auge ist praktisch zugeschwollen, ich kann im Moment nichts damit sehen. Dylan konnte zwar nur einen Haken landen, dafür aber einen recht schmerzhaften. Ihm dürfte jedoch viel mehr wehtun. Am liebsten hätte ich noch länger auf ihn eingeprügelt. Für das was er meiner Schwester angetan hat, waren meine Schläge verhältnismäßig milde. Wenn er nicht wie ein Schlappschwanz auf dem Boden gelegen hätte, nachdem ich ihm die Faust ins Gesicht gerammt hatte, würde er wahrscheinlich die nächsten Tage nicht mehr auf seinem Arsch sitzen können.

Cécile ist fast durchgedreht, als ich vorhin bei ihr war und sie erfahren hat, dass ich mich mit Dylan geprügelt habe. Wenn ich ehrlich bin, habe bloß ich auf ihn eingedroschen, während er nicht mal seine Hände zum Schutz gehoben hat. Unglaublich aber wahr, Cee hat sogar noch ihren Ex in Schutz genommen. Sie meinte, er hätte ihr nicht extra wehtun wollen.

Gott, wie kann sie nur so blind sein?! Allerdings dachte auch ich für eine kurze Zeit, Dylan wäre ganz in Ordnung. Er ist im Grunde genommen ziemlich witzig und klug, und versteht sein Handwerk. Dennoch, allem Anschein nach sollte man doch dem ersten Eindruck mehr Beachtung schenken.

Ich schleudere mein New York Yankees Cap zur Seite. Eigentlich habe ich auf die Couch gezielt, allerdings ist er knapp über die braune Kiste geflogen, die als Tisch dient, und zwischen ihr und der Couch zu Boden gesegelt. Statt ihn aufzuheben, gehe ich in die Küche, die gleich links neben dem Eingang ist, um mir ein Bier aus dem fast leeren Kühlschrank zu holen. Wäre vielleicht wieder mal an der Zeit einkaufen zu gehen.

Ich lehne mich an die weiße Arbeitsfläche und drehe den Kronkorken ab. Nachdem ich einen tiefen Zug genommen habe, halte ich mir die Flasche ans blaue Auge, um es zu kühlen. Das Veilchen wird Morgen bei der Arbeit nicht gerade einen guten Eindruck machen. Tja, auch egal. Jemand musste ja Dylan zeigen, dass man so wie er, meine Schwester nicht behandelt.

Nach einem weiteren Schluck schüttle ich den Kopf. Ich bin noch immer fassungslos, und das alles nur wegen diesem Scheißkerl Dylan. Ich muss mich irgendwie auf andere Gedanken bringen, Dampf ablassen. Ich kann nicht ständig an meine Schwester und an ihren verletzten Gesichtsausdruck denken.

Mein Handy steckt in meiner hinteren Jeanstasche, das ich jetzt hervorhole. Als ich das Display entsperrt habe, rufe ich meinen Freund Gordon an, mit dem ich schon seit der Highschool abhänge. Nach mehrmaligem Klingeln kommt die Mailbox. Ich hasse es draufzusprechen. Heute mache ich jedoch eine Ausnahme. »Hey, wo steckst du? Kommst du später ins Blue? Ich mach mich in wenigen Minuten auf den Weg.« Ohne Verabschiedung drücke ich auf auflegen und schmeiße das Telefon auf die Arbeitsfläche neben den Kühlschrank.

Mit der halbleeren Bierflasche gehe ich ins Bad und mache die Dusche an. Meine Wohnung ist kein Palast, sie hat bloß zweieinhalb Zimmer, dafür liegt sie an der beliebten Main Street von Little Pearl, und über meinem Fitnessstudio. Mehr brauche ich im Moment auch nicht, so wenig wie ich Zuhause bin.

Mein geschwollenes Auge schmerzt, als mir Seife übers Gesicht läuft. Ich ziehe scharf die Luft ein. Ich muss zugeben, Dylan hat einen harten rechten Haken. Wie würde ich wohl aussehen, wenn er sich gewehrt hätte? Ich denke besser nicht darüber nach, wie ich aussehen und mich fühlen würde, hätte er ein paar Mal richtig zugeschlagen.

Trotzdem frage ich mich immer wieder, warum er nicht seine Fäuste benutzt hat, um sich zu wehren. Warum er es sich gefallen ließ, wie ich auf ihn losgegangen bin. Doch dann sehe ich Cécile, und wie sie wegen ihm leidet. Und mein schlechtes Gewissen verpufft so schnell, wie es aufgetaucht ist.

Kurze Zeit später bin ich bereit, mich amüsieren zu gehen. Wer weiß, wenn ich eine gute Story wegen meinem blauen Auge erfinde, hat möglicherweise eine scharfe Braut Mitleid mit mir. Wenn ich es mir genau überlege, brauche ich gar nichts zu erfinden. Manche Frauen mögen es, wenn sich Männer prügeln.

Gerade als ich nach dem Smartphone greifen und in meiner Hosentasche verstauen will, taucht eine Nachricht von Kyle auf. Mein zweitältester Bruder will wissen, was ich heute noch für Pläne habe. Sein Date ist scheinbar ins Wasser gefallen.

Statt ihn anzurufen, texte ich ihm kurz, dass ich auf dem Weg ins Blue bin. Ich mag meinen Bruder - ich korrigiere mich: Ich mag meine Brüder. Leider leben mein ältester und mein jüngster in New York, sodass wir uns etwa bloß einmal im Monat sehen. Nur werden die Abstände zwischen ihren Besuchen hier meiner Ansicht nach immer größer. Coben, der älteste von uns Johnsons, ist wegen seiner Freundin weggezogen und Chase macht sein Medizinstudium dort.

Wenigstens machen Kyle und ich ziemlich oft was zusammen. Er arbeitet als Zimmermann und kommt regelmäßig in mein Fitnessstudio. Ich habe ja schon dicke Oberarme, aber der, der hat noch ein paar Zentimeter mehr.

Ich bin noch nicht mal in meinem Chevy, da meldet sich Kyle mit einem blinzelnden Smiley und Daumen hoch.

Das Blue ist ein angesagter Club in der Gegend. Eigentlich ist es nicht so mein Ding, den ganzen Abend Bumm-Bumm-Musik zu hören, aber es gibt da ziemlich heiße Mädels, die nur darauf warten, von einem Gentleman wie mir angebaggert zu werden. Ja, genau, ich kann ein wahrer Gentleman sein. Zumindest für eine Nacht.

Der Türsteher lässt mich gleich rein, als ich vor ihm stehe. Er ist ein guter Kunde von mir und wir trainieren ab und zu miteinander.

Ich suche den Club nach bekannten Gesichtern ab. Doch das Einzige, was mir ins Auge springt, sind die halbnackten Weiber auf der Tanzfläche. Ich lehne mich an die Theke und schaue zu, wie sie sich zur Musik bewegen. Wie sie ihre Hüften schwingen und ihre langen Beine zeigen. Eine süße Blondine in einem kurzen engen Kleid streckt ihre Hände in die Höhe, wobei ihr schier die Airbags aus dem Ausschnitt kullern.

»Was darf’s sein?«, fragt mich der Barkeeper, womit er zu meinem Missfallen mein Spannen unterbricht. Es wurde gerade interessant.

»Ein Bier.« Gleich darauf schiebt mir der Typ hinter der Theke eine Flasche zu und ich ihm einen Zehndollarschein. Ich drehe mich wieder zur Tanzfläche, um mich umzusehen. Um mich wieder der Blondine zu widmen.

»Hey, Kumpel.«

Ich verschütte fast mein Bier, als ich von hinten angerempelt werde. Ich balle schon meine Faust, um dem Kerl, der es gewagt hat, mich zu stoßen, eine reinzuhauen. Mann, bin ich noch immer aufgeladen. Normalerweise bin ich nicht der, der gleich zuschlägt oder auf andere losgeht. Doch scheinbar habe ich Mühe damit, die Wut auf Dylan niederzukämpfen. Ich brauche unbedingt eine scharfe Ablenkung.

Als ich mich umdrehe, stehen Gordon und Kyle mit einem frechen Grinsen vor mir. Gordons blauen Augen funkeln amüsiert. Er begrüßt mich mit einem kumpelhaften Schulterklopfen. »Wir könnten noch lange in der Ecke da hinten stehen«, Gordon zeigt nach rechts, wo sich ein paar einzelne Tische befinden, »du hättest uns morgen noch nicht gefunden, so sehr warst du mit glotzen beschä-«

»Wow, was hast du denn da für ein Veilchen eingefangen?«, unterbricht Kyle meinen Freund. »Warst du mal wieder auf eine Schlägerei aus?« Mein Bruder, der wie ich Einsneunzig groß ist, verzieht seinen linken Mundwinkel zu einem fiesen Schmunzeln. »Tut es sehr weh?«, fragt er in leicht spöttischem Ton.

Bevor Kyle mit einem ausgestreckten Finger mein blaues Auge berühren kann, schlage ich seine Hand weg. »Du kannst auch gleich eins haben, wenn du willst.«

Uns haben schon viele für Zwillinge gehalten, was ich für totalen Schwachsinn halte. Zwar haben wir beide ein kantiges Gesicht und schwarze Haare, doch seine Augen sind milchschokoladenbraun, während meine irgendwas zwischen schwarz und braun sind.

»Warum sieht dein Gesicht aus, als wärst du direkt in eine geballte Faust gelaufen?«

»Na darum«, sage ich schulterzuckend.

Kyle stupst mich mit dem Ellbogen. »Na komm, sag schon.«

Obwohl Dylan eine weitere Abreibung verdient hätte, braucht er nicht auch noch Kyles Zorn zu spüren. Cee würde uns zum Teufel jagen. Ich muss mir also schnell etwas überlegen. Dummerweise bin ich nicht gerade ein Hirsch in Ausreden erfinden. »Die Faust war eine Hantel. Als ich mich aufrichten wollte, hat neben mir gerade einer meiner Kunden eine Hantel gesenkt.«

Schallendes Gelächter bricht aus. War ja klar.

Gordon krümmt sich vor Lachen, weshalb ich ihm eins an den Dutt haue. Er macht praktisch jede Trendfrisur mit. Momentan ist es der Samurai Bun. Seine dunkelblonden Haare sind an den Seiten kurz rasiert, die oberen hat er am Hinterkopf zu einem strengen Knoten gebunden.

»He, lass meine Frisur.« Gordon greift sich an den Kopf, um seine Haare zu richten.

»Selber schuld, du brauchst ja nicht so dämlich zu gackern.«

»Und du solltest vielleicht etwas vorsichtiger sein. Wäre wahrscheinlich besser, wenn du von jetzt an mit einem Helm rumlaufen würdest. Nicht, dass du morgen wieder gegen eine Hantel läufst.«

»Du bist so ein Arsch«, sage ich knapp und lege die Bierflasche an meinen Mund, um einen tiefen Zug zu nehmen.

»Nicht wahr?«, fragt er sarkastisch. »Besonders, nachdem ich mitten in der Nacht eurer Schwester zu Hilfe eilte, weil ihr Auto liegengeblieben ist.«

Vor zwei Tagen wollte Cee zu Dylan. Auf dem Weg zu ihm hat ihr alter Toyota den Geist aufgegeben. Gordon betreibt eine Autowerkstatt und hat einen Abschleppdienst, weshalb ich ihn gebeten habe, meiner Schwester zu helfen.

»Das ist dein Job.«

»Natürlich«, meint er mit einem Augenrollen. »Hat sich Cécile schon überlegt, was sie wegen dem Auto machen will?«

»Sie überlegt sich ein Neues zu kaufen. Wir werden morgen bei dir vorbeischauen. Reparieren hat ja keinen Zweck mehr, oder?«

»Nicht wirklich. Ein Gebrauchtwagen wird nicht viel teurer kommen, als wenn ich ihr die Klapperkiste wieder zum Laufen bringen würde. Ich habe da etwas, was ihr gefallen könnte. So wie ich sie kenne, will sie wieder etwas Ähnliches. Diese Krankheit muss sie von dir haben.«

Wie recht Gordon damit hat. Cee und ich teilen die Leidenschaft für alte Autos. Obwohl ... während ihre eher auf den Schrotthaufen gehören, ist mein Baby ein richtiges Schmuckstück. Und wenn meine Freunde und Brüder ehrlich wären, würden sie zugeben, dass sie neidisch auf meinen blauen Chevy Impala aus dem Jahr 1965 sind. Besonders auf die breite Rückbank.

»Wollt ihr auch noch ein Bier?«, fragt Kyle, der dem Barkeeper ein Zeichen gibt.

Gordon und ich nicken gleichzeitig. Ehe Nachschub kommt, leere ich meine Flasche und stelle sie auf die Theke.

»Dad hat am Sonntag wieder ein Rennen. Kommst du auch?«, fragt mich mein Bruder, während er auf die Getränke wartet.

Dad sitzt seit vier Jahren im Rollstuhl. Wir waren mit dem Rennrad unterwegs, als ein verdammter Autofahrer ihn angefahren hat. Ich denke nicht gerne an jenen Morgen zurück. Jedenfalls hat er seit da keine Gefühle mehr in den Beinen. Wenigstens kann er noch den Oberkörper und die Arme bewegen. Wenn er das nicht mehr könnte, dann ... Ich will gar nicht weiterdenken.

Die erste Zeit war besonders schwer. Nicht nur für ihn, auch für den Rest der Familie. Wobei wir uns große Mühe gaben, Dad unseren Schmerz nicht zu deutlich spüren zu lassen. Und die Schuldgefühle.

Dad war immer sehr sportlich. Er brauchte die Radtouren, sowie das morgendliche Jogging, um abzuschalten und Energie zu tanken. Jetzt ist er an den Rollstuhl gefesselt. Aber ich bewundere ihn, wie er heute die Tage meistert. Wie er mit seiner Behinderung umgeht. Mit der Zeit hat er eine Leidenschaft fürs Rollstuhlrennen entwickelt. Er macht sehr häufig an Wettkämpfen mit – und ist nicht mal schlecht. Wenn er so weitermacht, sehe ich ihn bald unter den ersten drei.

Außerdem geht er ab und an mit Cee schwimmen. Und Zuhause hat er einen ganzen Raum mit Sportgeräten, an denen er täglich trainiert. Ich habe ihm schon mehrmals angeboten in mein Fitnesscenter zu kommen, doch das lehnt er partout ab. In meinem Studio laufen ihm scheinbar Männer mit zu vielen Muckis herum. Darüber hinaus würden ihn alle blöd angaffen – meint er. Leider kann ich ihn nicht vom Gegenteil überzeugen.

»Klar. Wo denn?« Wenn es klappt, geht die ganze Familie an Dads Rennen. Wir unterstützen ihn, wo wir können.

»Hab’s vergessen. Ich werde ihn morgen fragen.«

»Dann kannst du ihm auch gleich sagen, dass ich ebenfalls dabei bin.«

»Coben und Chase meinten, sie würden auch kommen.«

»Wird auch Zeit, dass die sich wieder mal blicken lassen.«

»Wem sagst du das. Ich finde, wir sollten sie mal überraschen und nachsehen, was die in New York so treiben. Vor allem bei Coben. Glaubst du wirklich, Cathy ist die Richtige für ihn?«

Ich zucke mit den Schultern. »Das muss er schon selbst herausfinden.«

»Ich denke, die nützt ihn nur aus.«

Wieder zucke ich mit den Schultern. Coben lässt sich nicht reinreden, sobald es um seine Freundin geht. Außerdem kann er selbst auf sich aufpassen. Deshalb wechsle ich das Thema. »Und was ist mit unseren Schwestern, kommen sie auch ans Rennen?«

Ja, wir sind ein schön großer Haufen. Unsere Eltern waren ziemlich produktiv. Vier Jungs, zwei Mädchen. Dazu kommt noch, dass Hannah vierzehn Jahre jünger ist als ich, ein richtiger Spätling. Ich bin stolz auf eine so große Familie, aber ich denke lieber nicht daran, wie es meine Eltern miteinander ... Ich verziehe angewidert das Gesicht.

»Hannah ist auch dabei, Cee konnte ich bis jetzt nicht erreichen. Du kannst sie ja morgen fragen, wenn du mit ihr unterwegs bist. Wäre schön, wenn wir wieder mal vollzählig wären.«

Ich nicke bloß. Cee hat momentan bestimmt ganz andere Sorgen, als Dad bei seinen Wettkämpfen anzufeuern. Trotzdem werde ich sie fragen. Ablenkung von ihrem Ex würde ihr sicherlich guttun.

»Endlich«, meint Kyle, als unsere Getränke kommen. Ich möchte ihm einen Schein hinschieben, doch er winkt lässig ab. »Diese Runde geht auf mich.«

»Danke Bro.« Ich schlage meine Flasche gegen Kyles, dann an Gordons. »Prost.«

»Was ist eigentlich aus deinem Date geworden?«, wende ich mich wieder an meinen Bruder.

Der runzelt die Nase. »Sie hat mich angefangen zu nerven«, klönt er. »Wir waren im Hometown Diner.« Das ist das beliebteste Schnellrestaurant von Little Pearl. Dan, der Koch und Inhaber des Diners ist ein guter Freund unserer Eltern. »Anfangs war es noch amüsant, doch dann hat sie nur noch über ihre Schönheitskuren gefaselt. Schließlich bat ich Leyla, einen Notfall zu inszenieren.«

»Die liebe Leyla«, zwinkert Gordon, »hilft einem immer gerne aus der Patsche. Date doch mal sie.«

Mein Bruder stöhnt. Wir liegen ihm schon lange in den Ohren, dass er mal mit Dans Patentochter ausgehen soll.

Mit einem Schmunzeln um den Mund und meinem neuen Bier drehe ich mich zur Tanzfläche. Die süße Blondine von vorhin ist zwar weg, allerdings tanzt nun an ihrer Stelle eine vollbusige Rothaarige, die eine heiße Show abzieht. Sofort schießen mir Bilder in den Kopf, von ihr und mir und wie sie ihre Tanzeinlagen in ihrem Schlafzimmer ausführt. In meiner Hose regt sich was.

Irgendwann bemerkt sie meinen Blick und erwidert ihn mit einem Lächeln. Nach wenigen Minuten winkt sie mich mit dem Zeigefinger zu sich. Dieses Angebot kann ich nicht ausschlagen, drücke Kyle meine Flasche in die Hand und mache mich auf den Weg, geradewegs in ihre Arme. Kaum bin ich bei ihr, legt sie mir ihre manikürten Hände auf die Schulter.

»Amüsierst du dich?«

Ihre Stimme ist etwas quietschig. Egal, ihr Körper macht es wett.

»Und selbst?«, frage ich zurück, ohne ihr eine Antwort zu liefern.

»Jetzt, auf jeden Fall«, meint sie und fährt sich mit der Zunge unanständig über die Lippen.

Ich verfolge ihre Zunge, das könnte interessant werden. Ich lege meine Hände auf ihren Rücken und bewege mich mit ihr zur wummernden Musik. Dabei streift ihr Busen ständig meinen Oberkörper. Ich senke den Blick von ihrem Gesicht in ihren Ausschnitt. Was sich da nur halbwegs verbirgt, gefällt mir. Ich kann es kaum erwarten, ihr den kleinen Fetzen Stoff auszuziehen. Aber ich muss es langsam angehen – wenigstens ein wenig. Meine Linke wandert zu ihrem Hintern. Sie schnurrt wie eine Katze, als ich zudrücke und schmiegt sich enger an mich. Das ist mein Zeichen. Meine Hände gehen weiter auf Erkundung. Mein Daumen berührt die Unterseite ihrer Brüste.

»Was ist mit deinem Auge passiert?« Sie fährt mir zärtlich über das Veilchen.

»Es gab da eine kleine Meinungsverschiedenheit.« Ihr tische ich sicher nicht die blöde Lüge von der Hantel auf. Ich will mich ja nicht zum Idioten machen.

»Das sieht echt übel aus.«

»Du müsstest mal den anderen sehen«, gebe ich an. Plötzlich regt sich ein schlechtes Gewissen in mir. Aber warum? Dylan hat es verdient. Schnell verdränge ich das miese Gefühl. Lieber konzentriere ich mich auf das kurvige Bunny in meinen Händen.

Sie lächelt und fährt mir mit ihren langen Fingernägeln über die Brust. »Du trainierst viel«, stellt sie fest, dabei gibt sie wieder ihr Schnurren von sich.

»Ein wenig.« Dass ich ein Fitnesscenter betreibe, braucht sie nicht zu wissen. Ich bin bloß auf einen geilen Fick aus.

Ihre Nägel schlüpfen unter mein schwarzes T-Shirt und befühlen meine Bauchmuskeln. »Das fühlt sich gut an«, raunt sie dicht an meinem Ohr.

Ich kneife ihr zur Antwort in ihr Hinterteil. Mit der anderen Hand wandere ich unauffällig nach oben, wobei ich mit dem Zeigefinger einen harten Nippel berühre. Das gefällt meinem Schwanz.

Die Braut in meinen Armen stöhnt, als ich ihr leicht in die Knospe kneife. »Wollen wir uns einen ruhigeren Ort suchen?«, fragt sie mich mit heiserer Stimme.

Ich nehme ihre Hand und führe sie nach draußen zu meinem Chevy. Heute kommt wieder mal die Rückbank zum Zug.

Kapitel 2

Evan

Ich schrecke aus einem traumlosen Schlaf hoch, als der Wecker auf dem Nachttisch losschrillt. Müde reibe ich mir die Augen, dabei berühre ich das linke kaum. Obwohl ich gestern Nacht relativ früh nach Hause kam, nachdem ich einen ziemlich heißen Quickie hatte, fühle ich mich heute irgendwie antriebslos. Ich habe keine Energie. Es fühlt sich an, als fehle mir irgendwas. Nur habe ich beim besten Willen keine Ahnung was.

Ich falle zurück ins Kissen und schnauze mich an, weil ich meiner Schwester versprochen habe, mit ihr auf Autokauf zu gehen. Heute hätte ich ausschlafen und herumhängen können, denn ich muss erst am Nachmittag ins Fitnessstudio. Aber nein, weil ich ein so hilfsbereiter, lieber Bruder bin, muss ich jetzt schon raus aus den Federn.

Bevor ich mich noch länger selbst bemitleide, werfe ich die Decke zurück und gehe in die Küche, um mir ein anständiges Frühstück zu machen.

Na super, der Kaffee ist alle. Und als ich die Kühlschranktür aufmache, fällt mir wieder ein, dass ich unbedingt einkaufen gehen muss. Das kann nachher Cee für mich erledigen. Ich helfe ihr schließlich beim Autokauf, und der braucht bestimmt mehr Zeit, als schnell durch den Supermarkt zu springen.

Ich nehme alles, was der Kühlschrank hergibt und setze mich an den Tisch, röste ein paar Toastscheiben und bestreiche sie mit Butter und belege sie mit Schinken.

Nachdem ich mich satt gegessen habe, ziehe ich mich an und mache mich auf den Weg zu meiner Schwester. Ich parke vor dem Blue House Inn, dem Bed & Breakfast, das unseren Eltern gehört, und das seit Jahren von Cee geführt wird. Kurz nach Dads Unfall, hat sie es übernommen, weil es für Mom zu viel wurde, sich um das B&B und gleichzeitig um Dad zu kümmern. Cee macht es hervorragend, ihr liegt das richtig im Blut.

Meine Brüder und ich waren irre erleichtert, als sie die Aufgaben und Verantwortung des B&B bereitwillig angenommen hat, um Moms Kindheitstraum weiterzuführen.

Das Blue House Inn ist, wie es der Name schon sagt: Blau. Hellblau wie der Himmel. Die Veranda, die um das gesamte Haus führt und die Säulen, die das Dach über der Veranda halten, sind weiß. Ich nehme die Stufe auf die Veranda mit einem großen Schritt und gehe rechts herum auf die Rückseite. Wenn es so schönes Wetter ist wie heute, ist Cee meistens draußen am Wäsche aufhängen.

Hinter dem B&B gibt es eine große Grünfläche. Meine Eltern haben damals an verschiedenen Stellen ein paar Bänke aufgestellt, die zum Verweilen einladen. Am Rand des Grundstücks steht eine Baumgruppe, von wo man jetzt gerade Vögel pfeifen hört. Es ist wie ein kleiner Park.

»Hey Schwesterherz!«, rufe ich, als ich Cécile entdecke, die gerade ein Laken aus dem Wäschekorb hebt, um es an einer Leine aufzuhängen.

Wie vom Blitz getroffen, fährt sie herum, wirft dabei fast den Korb voller Laken um. Sie fasst sich erschrocken ans Herz. »Ich bring dich noch um, ich schwöre!«, faucht sie wütend und zeigt mit dem Finger auf mich. Doch als ich sie in eine herzhafte Umarmung ziehe, vergisst sie gleich wieder, was sie mir gedroht hat.

Cee kann es nicht ausstehen, wenn man sie erschrickt. Aber da ihr schon bei dem leisesten Huh das Herz in die Hose fällt, kann ich einfach nicht widerstehen, ihr ab und zu einen Schrecken einzujagen. Gemein, ich weiß, aber das ist eben echte Geschwisterliebe.

»Ich bin gleich fertig«, meint meine Schwester mit in den Nacken gelegtem Kopf, damit sie mir ins Gesicht sehen kann. Sie ist über einen Kopf kleiner als ich. »Das sieht übel aus. Hast du es gekühlt?« Cee sieht mich mit besorgtem Blick an, der, wie ich mir sicher bin, nicht nur von meinem zugeschwollenen Auge herrührt. Ihre blauen Augen, die sonst immer vor Freude leuchten, wirken heute traurig, fast leblos.

»Ich spüre es kaum mehr.«

»Okay«, sagt sie bloß und dreht sich zum Korb, um weitere Laken aufzuhängen.

Ich könnte eine Bemerkung bringen, wie zum Beispiel, dass es Dylan hundertprozentig mieser geht, doch ich halte mich zurück. Ich glaube nicht, dass ich ihr damit ein besseres Gefühl geben würde. Es tut weh, sie so erschöpft und freudlos zu sehen. Weshalb ich mir überlege, wie ich sie von ihrem Kummer ablenken kann. »Ich hatte was mit Em.«

»Was?! Nein!« Cees blonde Haare, die ihr knapp bis zur Schulter reichen, fliegen mir fast um die Ohren, als sie sich auf mich stürzt. »Sag, dass das nicht dein Ernst ist. Du nimmst mich nur auf die Schippe, stimmt’s?«

Als ich ihren entsetzten Gesichtsausdruck sehe, pruste ich los, dabei zucke ich unschuldig mit den Schultern.

Sie schüttelt lachend den Kopf und widmet sich wieder der Wäsche. »Du bist so ein Dummkopf.«

Ich sage nichts, denn ich habe gerade mein Ziel erreicht: Meine Schwester hat gelächelt. Und wenigstens für einen Moment ihren Kummer vergessen.

Emily ist Cees beste Freundin. Und obwohl sie ein heißer Feger ist, wird zwischen uns nie etwas laufen. Denn sie ist wie eine Schwester für mich. Außerdem ist Em auf etwas Festes aus, wozu ich nicht bereit bin. Ich brauche Abwechslung. Ich will keine Verpflichtungen eingehen. Ich will Spaß, so wie letzte Nacht.

Ich mache keinem Mädchen Hoffnung. Nicht wie Dylan es bei meiner Schwester getan hat, nur um sie dann zu betrügen. Und das noch mit einer guten Freundin von ihr.

Meine Gedanken schweifen in eine Richtung, die ich mir verboten habe. Ich darf nicht mehr darüber nachdenken, warum die Schultern meiner Schwester nach unten hängen, warum ihr Gesicht schon wieder einen betrübten Ausdruck angenommen hat, sonst steige ich in mein Auto und fahre mit überhöhter Geschwindigkeit zu Dylans Werkstatt, um ihn ein weiteres Mal spüren zu lassen, was ich von seinem Betrug halte.

»Drinnen hat es Kaffee, falls du noch keinen gehabt hast.«

»Oh, ja«, stöhne ich fast.

»Deiner ist wohl ausgegangen, hmmm?«, zieht mich Cee auf.

»Du kennst mich eben«, sage ich bloß und mache mich auf den Weg in die Küche.

»Ein Danke wäre auch nicht schlecht gewesen!«, höre ich sie gerade noch rufen, ehe ich ins Haus trete.

Die Küche des B&Bs ist fast so groß, wie mein Wohnzimmer und Küche zusammen. Es gibt eine riesige Arbeitsfläche, auf der auch die topmoderne Kaffeemaschine steht. Die Tasse ist noch nicht ganz voll, da kommt Cee herein.

»Machst du mir bitte auch einen?« Sie geht an mir vorbei in die rechte Ecke, wo Waschmaschine und Wäschetrockner stehen.

»Warum benutzt du eigentlich nicht den Wäschetrockner? Würde viel schneller gehen, als ständig die Wäsche draußen aufzuhängen.«

»Das ist ja mal wieder eine typische Männerfrage.«

»Eine berechtigte«, verteidige ich mich. Ich verstehe nicht viel vom Waschen, außer vielleicht, dass weiße Kleidungsstücke nicht unbedingt mit farbigen gewaschen werden sollten. Und dass man alles in den Trockner stecken kann.

»Sie duftet viel feiner, wenn sie an der frischen Luft trocknet.«

Ich hebe eine Augenbraue und rolle die Augen. »Wenn du meinst.« Ich jedenfalls mache das, was am einfachsten und schnellsten geht. Bevor ich mir die volle Kaffeetasse nehmen kann, schnappt Cee sie mir vor der Nase weg. »He, was soll das?«

»Das ist für das Danke«, sagt sie. Normalerweise würde sie jetzt schmunzeln, doch heute bleibt ihr Mund ein gerader Strich. Sie setzt sich vor ihren Laptop, der aufgeklappt auf dem Tisch steht. »Noch einmal auf den Knopf drücken, wirst du ja wohl schaffen.« Wenigstens schwingt ein wenig Ironie in ihrer Stimme mit. Andernfalls müsste ich mir ein Aufmunterungsprogramm überlegen.

»Du musst mir einen Gefallen tun«, fange ich an, als ich auch endlich einen Kaffee in den Händen halte und mich Cee gegenüber niederlasse.

Meine kleine Schwester zieht skeptisch die Augenbrauen hoch. »Und das wäre?«

»Mein Kühlschrank ist leer.«

Ich brauche gar nichts mehr anzufügen, Cee zieht bereits die richtige Schlussfolgerung. »Und du willst, dass ich für dich einkaufen gehe?«

»Jepp«, sage ich nickend und puste in meinen Kaffee.

»Nur, wenn ich ein Auto gefunden habe.«

Ich winke lässig ab. »Bei deinen Ansprüchen finden wir schnell eins.«

»He, was soll das denn wieder bedeuten?« Sie boxt mich voll gegen die Schulter, wobei ich mir fast Kaffee über die Hand schütte.

»Pass doch auf, oder soll ich mich verbrennen?«

»Sei kein Weichei. Und ich habe sehr wohl Ansprüche.«

»Allerdings. Es muss vier Räder haben. Türen wären von Vorteil, sowie ein Lenkrad. Wenn es geht um die hundert PS. Vielleicht noch ein Radio und Klimaanlage. Und es muss anspringen. Ja, Gordon hat bestimmt etwas Passendes für dich«, sage ich lachend in den Kaffee.

»Nicht jeder braucht ein solch extravagantes Auto, wie du es hast oder ... Dylan.« Sie verschluckt sich fast, als sie seinen Namen sagt und stiert auf die Tischplatte.

Ich glaube, ich habe sie genug gepiesackt, weshalb ich über den Tisch greife und meine Hand auf ihre lege. »Das wird schon wieder.«

»Ich kann nicht glauben, dass mir Pru ... Ich habe ihr nichts getan. Warum musste sie sich ausgerechnet an meinen Freund ranschmeißen? Sie weiß ganz genau, was ich für ihn fühle.« Eine Träne läuft ihr über die Wange, die sie rasch mit dem Handrücken wegwischt. »Sie ist doch meine Freundin. Wie konnte sie nur?«

»Vergiss sie, sie ist eine falsche Schlange.«

»Das sagst du schon lange. Trotzdem wollte ich es nicht glauben.« Eine weitere Träne läuft ihr übers Gesicht. Dieses Mal lässt sie sie fließen. »Wenn ich es wenigstens verstehen könnte.«

»Was dann? Würdest du den beiden verzeihen?«

Cee schüttelt traurig den Kopf. »Nein. Ich liebe Dylan. Ich weiß nicht, wie ich ihn vergessen soll. Und Pru? Wir haben schon so viel miteinander durchgemacht. Aber das was sie mir angetan haben, ist unverzeihlich. So weh es auch tut, die beiden nicht mehr zu meinem Leben zu zählen ... Ich lasse mich nicht zum Narren halten.«

Ich drücke ihre Hand. »Das ist meine Sis«, sage ich und versuche ihr ein Lächeln abzuringen.

Tatsächlich, ihre Mundwinkel zucken ein kleines bisschen.

»Wollen wir uns auf den Weg machen?«

»Je früher, desto besser. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, wenn ich wieder einen eigenen fahrbaren Untersatz habe.«

»Dann mal los.« Ich trinke meinen Kaffee aus und warte an der Hintertür. Als Cécile endlich ihre tausend Sachen in die Tasche gepackt hat, folgt sie mir zum Chevy.

Ich bin noch nicht mal auf der Straße, da macht Cee irgendein komisches Würgegeräusch. Sobald ich in ihre Richtung schaue, weiß ich auch warum. »Igitt, was ist das?«, fragt sie angeekelt. An ihrem Zeigefinger baumelt ein kleiner Slip.

Es ist mir ein wenig peinlich, dass ausgerechnet meine Schwester einen Beweis von letzter Nacht finden musste. Dennoch tue ich so, als wäre es das Normalste auf der Welt, einen gebrauchten Tanga im Fußraum zu haben. »Den hat wohl jemand vergessen.«

Manchmal ist es erschreckend, wie leichtsinnig Frauen sind. Sie wollen lediglich ihren Spaß, genau wie ich. Nur dass sie eine viel größere Gefahr eingehen als wir Männer, wenn sie mit einem Fremden in ein Auto steigen.

Wenn Cee oder Hannah das tun würden, würde ich ihnen den Hals umdrehen.

Statt mir eine Moralpredig zu halten, wirft Cee den Slip nach hinten auf den Boden. Ich atme erleichtert auf, als sie das Thema wechselt. »Hast du schon gehört, dass eine Journalistin einen Bericht über das Blue House Inn geschrieben hat und ihn im Travel and Leisure veröffentlichen wird?«

»Im Ernst?«

Cee lächelt. Es ist das erste richtige Lächeln seit Tagen.

»Wow, das ist ja fantastisch.«

»Finde ich auch. Wenigstens etwas, das in meinem Leben gut läuft.« Ihre Gesichtszüge verdüstern sich sofort wieder.

Aber ich lasse ihr gar keine Zeit, um über Dylan oder Pru nachzudenken, sondern löchere sie darüber aus, wie es dazu gekommen ist, dass in einem der bekanntesten Reiseführer der USA über das Bed & Breakfast berichtet wird.

Wenig später fahren wir vor Gordons Werkstatt, die er von seinem Vater übernommen hat. Sie liegt im Industriegebiet von Little Pearl. Es ist die einzige Autowerkstatt in dieser Gegend, weswegen schon Hans vor Jahren und jetzt auch noch Gordon anbauen mussten.

Das einst kleine weiße Haus mit einem Garagentor, ist mittlerweile einem Gebäude gewichen, das aus drei Toren und einem geräumigen Büroteil besteht. Rechts und links stehen auf geteertem Boden Gebraucht- sowie Neuwagen.

Kaum sind wir ausgestiegen kommt uns Gordon entgegen. »Hey ihr zwei.« Er gibt Cee einen Kuss auf die Wange, dann wendet er sich an mich und wir schlagen uns die Fäuste aneinander. »Krass, sieht dein Auge Scheiße aus. Siehst du damit eigentlich noch was?«, witzelt er und dreht sich zu meiner Schwester. »Hat er dir schon erzählt, wie er das hingekriegt hat?«, fragt er sie, deutet dabei auf mein geschwollenes Auge. Bevor Cee überhaupt etwas sagen kann, plaudert Gordon schon weiter. »Er ist gegen eine Hantel gelaufen. Kannst du dir das vorstellen?« Gordon kullert sich fast bei der Vorstellung, genau wie letzte Nacht. Ich würde ihn am liebsten verkloppen, aber ich habe diese dämliche Ausrede aufgetischt. Jetzt muss ich da auch durch.

Ich schiele zu meiner Schwester, die mir einen ungläubigen Seitenblick zuwirft. Wahrscheinlich ist sie überrascht, weil ich niemandem von Dylans und meinem Zusammentreffen erzählt habe. Es verwundert mich ja selbst.

Cees Mundwinkel zucken leicht. Obwohl die Geschichte über mein blaues Auge eine Lüge ist, so bringt sie der Gedanke, wie ich mit einer Hantel zusammengestoßen sein könnte, doch zum Schmunzeln.

»Okay, wenn ihr genug über mich gelacht habt, hättest du dann mal die Güte und zeigst uns deine Autos?«

»Aber sicher doch«, meint Gordon immer noch grölend. Als er sich endlich beruhigt hat, zeigt er über den Platz zu ein paar Autos. »Ich dachte mir, dass du am ehesten wieder eines haben möchtest wie dein letztes. Da vorne habe ich gleich drei dieser Art.«

Cee und ich folgen ihm, bis er vor ein paar Gebrauchtwagen stehen bleibt.

»Ich habe einen Toyota, einen Honda und einen Ford. Das wären diese hier.« Er deutet auf drei Wagen, die auf den ersten Blick wie Cees alter Toyota aussehen. Als ich kritisch die Augenbrauen zusammenziehe, sagt er an Cee gewandt: »Ich habe auch noch weitere Modelle, falls du an etwas anderem interessiert bist.«

»Nein, die passen mir ganz gut.« Sie läuft an den Autos vorbei und wirft einen ersten Blick ins Wageninnere.

Ich folge ihr. Auch wenn Gordon ein gewissenhafter Autohändler und mich oder meine Familie niemals übers Ohr hauen würde, schaue ich auf sichtbare Schäden.

»Es sind absolute Babys«, höre ich Gordon hinter mir sagen. »Die machen dir in den nächsten Jahren bestimmt keine Probleme.«

»Ich finde alle ganz schnuckelig. Der vielleicht eine Spur mehr.« Cee zeigt auf den weißen Ford.

Wie ich muss auch Gordon ein Lachen unterdrücken. Ein Auto schnuckelig nennen, kann wohl nur eine Frau. »Willst du eine Probefahrt machen?«

Cee sieht mich an. »Hast du Zeit?«

»Sicher. Aber mach doch mit allen eine kurze Fahrt, dann kannst du vergleichen«, schlage ich vor.

»Das hätte ich ebenfalls gleich angeboten. Ich hole schnell die Schlüssel, dann könnt ihr eine Runde drehen.«

Nicht mal eine Stunde später hat sich Cee für den blauen Honda entschieden. Während sie darauf wartet, bis Gordon alle Papiere vorbereitet hat, mache ich mich auf den Weg ins Fitnesscenter. Jedoch nicht, bevor ich meiner Schwester eine Einkaufsliste überreicht habe.

Tyler ist gerade mit einem Kunden an der Klimmstange, als ich das Studio betrete. Eine Kundin ist auf dem Laufband und eine auf dem Hometrainer. Von der rechten Ecke höre ich, wie Gewichte gestemmt werden. Das Fitnesscenter ist nicht sonderlich groß, vielleicht mag meine Kundschaft gerade das. Denn über fehlende Mitgliedschaften kann ich mich nicht beklagen. Das Studio ist in drei Räume unterteilt. Im ersten stehen Geräte, um sich aufzuwärmen. Sowie zwei Klimmstangen und ein paar Matten für zum Beispiel Sit-ups zu machen. Im nächsten sind die Kraftgeräte. Dann gibt es links hinten noch einen Raum, in dem Sophia Bauch-Beine-Po und andere Aerobic Workouts durchführt. Nach der Musik zu urteilen, die durch die geschlossene Tür dringt, sind sich gerade ein paar Mädels am Abschwitzen.

Wie gesagt, nicht riesig, dafür habe ich noch den Hinterhof. Dort habe ich die Möglichkeit den neusten Trend anzubieten: Seilschwingen.

Ich winke Tyler und begrüße die Frauen auf den Aufwärmgeräten, als ich an ihnen vorbei in die Umkleide gehe, um mich umzuziehen. Obwohl ich nur einen Stock weiter oben wohne, habe ich hier die meisten meiner Sportsachen deponiert. Es hat sich einfach so ergeben. Womöglich auch, weil es unter der Dusche ab und an interessant wird.

Ich weiß, man sollte nichts mit Kundinnen anfangen, aber solange beide Seiten wissen, auf was sie sich einlassen, sehe ich das nicht so streng. Nicht wie meine Schwester, die mir deshalb schon mehr als einmal in den Ohren lag.

Als ich meine schwarzen Shorts und ein grünes Tanktop mit dem Schriftzug meines Fitnesscenters übergezogen habe, gehe ich wieder in den Trainingsraum hinaus. Gleich neben dem Eingang gibt es eine Bar, die als Anmeldung dient und an der wir gleichzeitig frische Fruchtsäfte wie auch Powerriegel und solches Zeug anbieten. Ich überlege mir schon seit längerem, ob ich dafür eine neue Hilfskraft einstellen soll. Lorena kann nur noch an drei Tagen die Woche. Die restliche Zeit müssen Tyler und Logan, meine zwei Fitnesstrainer, und Sophia und ich uns darum kümmern.

Bevor ich an die Bar gehe, um mir einen O-Saft zu machen, sage ich den restlichen Kunden noch hallo. Ich kenne praktisch alle mit Namen. Mit dem einen oder anderen führe ich Small Talk.

Ich habe noch nicht mal eine Orange ausgepresst, betritt Lucy das Studio. Eine heiße Schwarzhaarige Mitte dreißig, mit einem gigantischen Vorbau, den sie heute in einen rosa Sport-BH gequetscht hat. Mit ihr habe ich die nächste Trainingsstunde. Seit einem halben Jahr bin ich jetzt ihr Personaltrainer. Zwar finde ich, dass sie die Übungen auch gut ohne mich machen könnte, doch sie besteht darauf – besonders auf die Lauftrainings im nahegelegenen Wald, die ich auf Wunsch anbiete. Soll mir recht sein, gibt extra Kohle – und Spaß für meinen Schwanz.

»Hey Süßer. Machst du mir auch einen?«, fragt sie mich mit zuckersüßer Stimme und setzt sich auf einen der Barhocker.

»Klar.« Also presse ich noch weitere Orangen aus. Dabei entgeht mir nicht, wie sie meinen Bizeps anstarrt.

»He, was ist denn da passiert?« Sie zeigt auf mein demoliertes Auge. Da ich keine Lust habe, ihr eine Erklärung abzuliefern, zucke ich bloß mit den Schultern. Wie ich sie eingeschätzt habe, genügt ihr das als Antwort. »Und, hast du dir schon überlegt, wie du mich heute foltern wirst?« Mein Blick schnellt hoch. Lucy beobachtet mich mit einem lasziven Lächeln.

Ich versuche nicht zu stark auf ihren Flirt zu reagieren und darauf zu achten, wie ihre Zunge immer wieder über ihre Lippen fährt. Es hat mir zu viele Leute im Studio. Und ich will ja professionell rüberkommen, nicht wie ein notgeiler Hengst.

»Zuerst kannst du dich entweder auf dem Laufband oder dem Hometrainer aufwärmen. Danach gehen wir an den Butterfly.« Ich schiebe ihr ein Glas Saft über die Bar. »Hier, du kannst ihn ja mitnehmen.«

»Okay«, sagt sie lächelnd, zieht am Strohhalm, der im Glas steckt, ehe sie vom Stuhl hopst. »Bis gleich.«

»Bis gleich.«

Tyler stellt sich zu mir hinter die Bar. Wie immer stehen auch heute seine schwarzen Haare wie ein Igel vom Kopf ab. »Brauchst du mich noch?«, möchte er wissen und holt sich eine Dose Isostar aus dem Kühlschrank, während ich die Reste der ausgepressten Orangen in den Müll werfe.

»Nein, ich komme schon alleine zurecht.«

»Sicher?« Er schielt zu Lucy, die sich aufs Laufband gestellt hat.

Er weiß, dass hie und da etwas zwischen uns läuft, doch sollte er auch wissen, dass für mich das Studio und die Arbeit an erster Stelle stehen. Statt ihm eine Antwort zu liefern, frage ich ihn nach seiner Schicht. »Gab es irgendwelche Vorfälle?«

Tyler schüttelt den Kopf, er ist etwas größer als ich. »Es war ziemlich ...« Plötzlich leuchten seine grünen Augen. »Scheiße, was hast du denn gemacht? Gegen eine Faust gelaufen? Vielleicht gegen eine vom Lover von deiner momentan Auserwählten?«

Ich atme genervt aus. Ich habe es satt, dauernd blöd angemacht zu werden, auch wenn ich wusste, dass es so kommen würde. »Wenn du nochmals so einen Spruch fahren lässt, bekommst du auch gleich eine geklatscht. Na, noch Fragen? Und hör auf so bescheuert zu grinsen.«

Tyler hebt beschwichtigend die Hände, kann aber nicht aufhören eine amüsierte Fresse zu ziehen. »Zurück zu deiner Frage. Es war alles ruhig. Wahrscheinlich wirst du gegen Abend ein volles Studio haben, wenn es draußen nicht mehr so heiß und die Sonne untergegangen ist.« Er nimmt einen Schluck von seinem Isostar. »Dann bin ich mal weg, okay?«

»Alles klar.«

Er ist bereits auf der anderen Seite der Bar, als er sich nochmals umdreht. »Ehe ich’s vergesse, ich habe meine nächste Schicht mit Logan getauscht. Ich habe ganz vergessen, dass meine Nichte morgen Geburtstag hat. Sie wäre enttäuscht, wenn ich nicht käme.«

»Kein Problem. Dann also bis nächste Woche.«

Er holt seine Tasche aus der Umkleide und hebt die Hand zum Gruß, als er an mir vorbeigeht. In diesem Moment geht die Tür zum Aerobic-Raum auf. Sophia tritt heraus. Sie hat ein Tuch um den Hals, mit dem sie sich den Schweiß von der Stirn wischt. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt hin und her, als sie auf mich zukommt.

Sie fixiert mich mit ihren blauen Augen. »Hey Boss, auch schon da?«

»Nicht frech werden, Kleine.« Wir kennen uns seit dem College. Wir haben beide Sport studiert und uns auf Anhieb verstanden. Als ich plante, ein eigenes Fitnessstudio zu eröffnen, war sie die erste, die ich anrief, um ihr einen Job anzubieten.

»Was ist denn das?« Sie bleibt vor mir stehen und schaut auf mein geschwollenes Auge.

Ehe sie etwas sagen oder fragen kann, hebe ich einen Zeigefinger und lege ihn ihr auf den Mund. »Du nicht auch noch, bitte«, seufze ich.

Sie zuckt bloß mit der Schulter und schnappt sich einen Powerriegel. »Früher oder später werde ich es sowieso erfahren. Ist Tyler schon weg?«

»Ja, der ist eben raus. Wieso?«

»Ach, nur so«, meint sie mit einem selbstzufriedenen Lächeln und beißt von ihrem Riegel ab. »Ich werde mich dann für meinen nächsten Workout fertig machen.«

Gerade als ich sie zurückhalten und fragen will, was los ist, macht sich Lucy auf sich aufmerksam. Sie kann es nicht ausstehen, wenn sie warten muss - auch wenn es nur fünf Minuten sind. Und da ich meine Kundin nicht wütend machen will, sehe ich zu, dass Lucy ihr persönliches Training bekommt.

Kapitel 3

Avery

Ich laufe durch das Blue House Inn, bin auf der Suche nach der Inhaberin, Chefin, Angestellte. Keine Ahnung, was sie genau ist. Schlussendlich ist das auch egal. Aber womöglich habe ich Glück und sie kann mir weiterhelfen.

Wenn mich nicht alles täuscht, heißt sie Cécile. Ich war wohl in Gedanken, als sie sich mir gestern beim Check-in vorgestellt hat. Ich schätze sie etwas älter als mich. Drei, vier Jahre vielleicht.

Ich habe heute schon einmal versucht, mit – ich bleibe jetzt mal bei Namen Cécile – ihr zu reden, doch da kam gerade ein Typ zu ihr, und ich wollte sie nicht stören. Schließlich habe ich es nicht eilig. Zumindest nicht ganz so eilig.

Im Haus ist es ziemlich still, nehme mal an, dass die anderen Gäste unterwegs sind. Ich habe mich gestern ein bisschen im kleinen Little Pearl umgesehen. Es gefällt mir hier, die Leute, die Atmosphäre, das Kleinstadtleben, weshalb ich mich für den nächsten Schritt entschieden habe.

Ich komme an einem Spiegel vorbei. Aus Gewohnheit werfe ich einen Blick hinein. Ich bin gespenstisch blass. Das war nicht immer so, und liegt daran, dass ich mich mehr in den Häusern verkrieche, statt nach draußen zu gehen, um die Natur zu genießen, wie ich es früher getan habe.

Weil ich Cécile nirgends finden kann, gehe ich nach draußen, und laufe über die weiße Veranda ums Haus herum. Gerade als ich um die Ecke biege, zucke ich zusammen.

»Oh, habe ich sie erschreckt?« Ein Mann mit Glatze und einem weißen Rund-um-den-Mund-Bart steht urplötzlich vor mir. Nach seiner Kleidung und der Rosenschere in seiner Hand zu urteilen, muss er der Gärtner sein.

»Nein«, sage ich, obwohl ich fast zusammengeklappt wäre. Aber das braucht er nicht zu wissen. »Wissen Sie vielleicht, wo ich Miss ...«

Als ich den Satz nicht zu Ende führe, kommt mir der Gärtner zu Hilfe. »Wo Sie Cécile finden können?« Ich nicke und er lächelt mich an. Sein liebenswürdiges Lächeln sorgt dafür, dass meine Beine nicht mehr ganz so heftig zittern. »Sie nimmt gerade die Wäsche ab.« Er zeigt mit dem Daumen über seine Schulter. Als ich seinem Finger folge, sehe ich Cécile, wie sie soeben ein Laken zusammenlegt.

»Vielen Dank.«

»Nichts zu danken. Ich bin übrigens Mr. Moore, der Gärtner.« Er zwinkert mir zu. »Das hätten Sie nie erraten, stimmt’s?«

Ich schmunzle. »Nein, wahrscheinlich nicht.«

Er bückt sich und hebt einen Handschuh auf, der ihm runtergefallen sein muss. »Dann werde ich mal weiter meiner Arbeit nachgehen und Sie nicht länger aufhalten. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Aufenthalt in Little Pearl.«

»Danke, werde ich haben.«

Mr. Moore schenkt mir noch einmal sein angenehmes Lächeln und verschwindet in die Richtung, aus der eben ich gekommen bin.

Cécile kämpft mit einem Laken, als ich bei ihr bin. »Kann ich dir helfen?« Erschrocken dreht sie sich um, ihre Augen weit aufgerissen. »Anscheinend bin ich nicht die Einzige, die so schreckhaft ist«, sage ich entschuldigend.

»Ah, hallo Avery. Macht nichts, ich habe dich nur nicht kommen hören.« Cécile lächelt, es wirkt jedoch ziemlich gezwungen. Sie scheint traurig zu sein.

»Komm, gib mir einen Zipfel.« Ich strecke die Hände nach dem Laken aus. Doch ehe ich es in die Finger bekomme, zieht Cécile es schockiert weg.

»Kommt gar nicht infrage, du bist mein Gast«, sagt sie entsetzt.

»Ach was, das ist doch keine große Sache. Ich habe im Moment sowieso nichts Besseres vor. Außerdem wollte ich mit dir reden. Hast du Zeit?«

»Natürlich habe ich Zeit. Wie kann ich dir helfen?«

»Indem du mir das Laken reichst.«

Wieder taucht bloß ein vages Schmunzeln auf ihrem Gesicht auf. Doch dieses ist nicht mehr ganz so angespannt wie das vorherige. »Na gut.« Schon habe ich ein Laken zwischen den Fingern. »Wie gefällt es dir bisher hier?«

»Ganz gut, ist eine schöne Kleinstadt. Die Leute sind freundlich und zuvorkommend. Und ich habe den besten Burger aller Zeiten gegessen.«

»Im Hometown Diner?«, fragt sie mich.

»Ja, es ist wirklich lecker da. Danke für den Tipp.«

»Keine Ursache. Der Koch ist übrigens ein guter Freund meiner Eltern. Hast du Leyla kennengelernt?«

»Die Bedienung mit braunem, schulterlangem Haar?«

Cécile nickt und nimmt ein zweites Laken von der Leine. Daraufhin reicht sie mir wieder zwei Zipfel. »Sie ist die Adoptivtochter von Dan, dem Koch.«

Ich lache. »Hier kennt wohl jeder jeden. Das gefällt mir.«

»Leider bringt das auch jede Menge Tratsch mit sich und ...« Sie winkt schnell ab und setzt wieder ihr gekünsteltes Lächeln auf.

Ich würde sie gerne nach ihrem Kummer fragen, denn es ist ganz offensichtlich, dass sie etwas plagt. Aber wir kennen uns kaum. Obendrein ist sie meine Gastgeberin. Ganz bestimmt will sie nicht ihre Probleme einer ihrer Kundinnen anvertrauen. Wahrscheinlich ebenso wenig wie ich ihr meine Schwierigkeiten verraten will.

»Warum bist du überhaupt hier? Solltest du nicht Museen besuchen? Souvenirs kaufen? Die Gegend erkunden? An den Strand gehen oder etwas in der Art?«

Ich grinse. Wir wenden uns dem nächsten Laken zu. »Ich bin nicht so der Museums-Typ. Souvenirs verstauben bloß. Aber an den Strand werde ich auf jeden Fall noch gehen.« Mir rutscht fast der Stoff aus der Hand, als ich mich endlich dazu durchringe, ihr die Frage zu stellen, die mir schon längst auf der Zunge brennt. Ich werde etwas nervös. »Eigentlich wollte ich dich fragen, ob du jemanden wüsstest, der einen Job für eine Zweiundzwanzigjährige ohne Ausbildung hat?«

Erst sieht sie mich verwirrt an, dann fragt sie mich freundlich: »Wäre es für die Saison, für ein paar Wochen oder hast du vor, in Little Pearl zu bleiben?«

Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. Ich hoffe, es wirkt gleichgültig. »Ich dachte daran, hier sesshaft zu werden. Mir gefällt es in dieser Gegend und ich glaube, es könnte mir an diesem Ort durchaus gefallen.«

»Okay. Was schwebt dir denn so vor?«

»Ich bin nicht sehr wählerisch.« Mit abgebrochenem Studium kann ich das auch schlecht sein.

»Hmm, lass mich überlegen.« Sie legt das Laken zu den anderen gefalteten in den Wäschekorb. Als sie ihre Hände frei hat, klopft sie mit einem Zeigefinger an die Lippen, ehe sie am letzten Betttuch zieht, das noch an der Leine hängt.

Mir klopft das Herz bis zum Hals, während ich auf ihre Antwort warte, für die sie sich meiner Meinung nach viel zu viel Zeit lässt. Irgendwie hoffe ich, sie würde nein sagen und ich könnte weiterziehen. Andererseits, was bringt es mir, wenn ich weiterhin flüchte? Diese Frage hat mir mein Therapeut auch gestellt. Auch da hatte ich keine Antwort darauf.

Ich weiß, ich kann durch die ganze Welt ziehen, ich werde mich nirgendwo wohl fühlen, wenn ich nicht vergessen kann. Es wird also an der Zeit, mich irgendwo niederzulassen. Natürlich wäre es meinen Eltern und meiner Schwester Lea lieber, wenn ich in ihrer Nähe wäre. Aber dort wo ich aufgewachsen bin, erinnert mich zu viel an Andrew, und an das, was passiert ist. Und in all den Orten, durch die ich schon gereist bin, habe ich mich noch nirgends so gut aufgehoben gefühlt, wie in Little Pearl. Das muss ein Zeichen sein.

»Da gäbe es vielleicht jemanden«, meint Cécile und reicht mir einen Teil des Lakens. »Kennst du das Fit for Fun?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, was ist das?«

»Ein Fitnessstudio. Es liegt an der Main Street, ist sehr beliebt. Du musst eigentlich daran vorbeigekommen sein, als du ins Hometown Diner gegangen bist. Das Gebäude ist in viktorianischem Baustil gehalten und die Fassade aus rotem Backstein.«

»Okaaay«, sage ich gedehnt. In meinem Gedächtnis haben alle Häuser an der Hauptstraße rote Backsteinfassaden.

Scheinbar kann Cécile meine Gedanken lesen, denn sie lacht plötzlich und klatscht sich mit der flachen Hand an die Stirn, wobei ihr das Laken aus den Händen fällt. »Mann, wie kann ich nur so blöd sein?«, sagt sie mehr zu sich selbst, als zu mir. »Doofe Beschreibung, nicht?«

Darf ich eine freche Bemerkung machen? Lieber nicht, schließlich bin ich auf meinen Schlafplatz angewiesen. Zwar bin ich mir ziemlich sicher, dass Cécile nach dem Prinzip handelt: Der Kunde ist König. Trotzdem erlaube ich mir nicht, sie zu beleidigen, egal, ob es nur Spaß wäre.

»Ich werde es dir auf dem Stadtplan zeigen, falls du interessiert bist.«

»Weißt du denn, um was für einen Job es sich dabei handeln würde?«

»So viel mir ist, wärst du hauptsächlich hinter der Bar. Getränke machen und Anmeldungen annehmen, oder so.«

»Das müsste ich hinkriegen«, sage ich im Scherz.

»Dann lass mich dir zeigen, wie du hinkommst.« Wir falten das letzte Laken zusammen, danach hebt Cécile den vollen Wäschekorb hoch und ich folge ihr durch die Hintertür in die Küche. »Danke für deine Hilfe«, meint sie, als sie den Korb auf dem Tisch abstellt.

»Gern geschehen.«

»Warte kurz hier. Wenn du willst, kannst du dir einen Kaffee machen.« Sie deutet auf die Kaffeemaschine rechts von mir, schon ist sie verschwunden.

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Ich nehme eine der Tassen, die neben der Maschine aufgereiht dastehen und drücke auf einen der Knöpfe. Für Cécile lasse ich auch gleich einen raus. Irgendwas fällt auf der anderen Seite der Tür zu Boden. Dann höre ich Cécile leise eine Agenda oder so etwas zusammenstauchen. Ich grinse vor mich hin. Fluchen kann sie. Bald darauf kommt sie mit einem Stadtplan zurück. Weil auf dem Tisch kein Platz mehr ist, breitet sie die Karte auf der Arbeitsfläche aus, direkt neben der Kaffeemaschine.

Bevor sie sich über den Plan beugen kann, reiche ich ihr eine Tasse. »Ich habe dir auch gleich einen Kaffee gemacht. Du siehst so aus, als könntest du ebenfalls einen vertragen.«

»Oh, super.« Dankbar bläst sie in den Kaffee, ehe sie einen Schluck nimmt. »Dann wollen mir mal sehen.« Sie holt einen Stift aus ihrer Gesäßtasche und zieht die Verschlusskappe mit den Zähnen ab. Während sie die Karte studiert, trinke ich meinen Kaffee. Mit dem Faserschreiber malt sie ein X auf den Plan, unser Standort, wie ich gleich erfahren werde. »Das hier ist das Blue House Inn und das hier ...« Sie fährt mit dem Finger eine Straße nach, bis sie stehenbleibt und ein weiteres X zeichnet. »... das ist das Fitnessstudio. Wie du siehst, ist der Weg ganz einfach. Alles geradeaus und dann um die Linkskurve und schon bist du da.«

Ich nicke. »Werde ich finden.«

»Und was ist mit Wohnungssuche? Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?«

Ich habe bei ihr ein Zimmer für drei Nächte gebucht. Viel Zeit bleibt mir also nicht, um mir eine neue Bleibe zu suchen. Gut, im Notfall kann ich vorübergehend in ein Motel ziehen, was aber nicht unbedingt das ist, was ich will.

»Wenn du möchtest, kannst du fünf weitere Nächte hierbleiben. Ich würde dir auch einen Sonderpreis machen«, meint Cécile, als hätte ich soeben meine Überlegung laut ausgesprochen.

Für einen Moment bin ich zu nichts anderem fähig, als sie fassungslos anzustarren. »Im Ernst?«, frage ich, nachdem ich meine Stimme wiederhabe.

»Ja, warum nicht? Es würde sonst leer stehen. Also, was meinst du?«

Keine Ahnung, ob ich es Zufall, Schicksal oder Glück nennen soll. »Wow, das ist superlieb, danke.«

»Nichts zu danken, schließlich knöpfe ich dir Kohle ab.« Ihr Lächeln wirkt nicht mehr ganz so geknickt wie vorhin, was mich sehr freut.

»Dann will ich mich mal auf den Weg machen.«

»Ich drück dir die Daumen.«

»Das kann ich gebrauchen.« Ich stelle meine leere Tasse in den Abwasch und gehe zur Hintertür. »Wir sehen uns.«

»Den Schlüssel hast du, falls die Tür verschlossen ist, ja?«

Ich nicke und lange mir an die vordere Hosentasche. »Ja, Mami«, ziehe ich sie auf, um sie noch mehr aufzumuntern.

»He, nicht frech werden, sonst überlege ich mir das mit dem Sonderpreis nochmal.« Ihr Lächeln ist jetzt noch ein Stück breiter. Ich glaube, meine Taktik ging auf. Zumindest ein kleines bisschen. Ich drehe am Knauf, da meint meine Gastgeberin hinter mir: »Übrigens, meine Freunde nennen mich Cee.«

Zwar kann ich es immer noch nicht richtig fassen, dass ich hier meine Zelte aufschlagen will, aber mit jedem Schritt, der mich näher zum Fitnessstudio bringt, bekomme ich mehr und mehr das Gefühl, dass ich hier landen musste. Um wieder ins Leben zurückzufinden.

Das bedeutet allerdings nicht, mein Herz würde nicht bis zum Anschlag schlagen, als ich die grün, schwarzen Buchstaben vom Fit for Fun über dem Eingang lese. Für mich ist es eine große Entscheidung, mich für einen Job zu bewerben. Ich hatte gejobbt, war mehrmals Aushilfe in einem Café oder Diner, doch jedes Mal wusste ich, dass ich spätestens nach zwei Wochen wieder würde weiterziehen können. Das kann ich hier natürlich auch, nur will ich irgendwie, dass ich es endlich schaffe, standhaft zu bleiben. Ich will nicht weiter davonlaufen.

Meine Hände zittern bei jedem Zentimeter, mit dem ich mich dem Gebäude nähere, und ich schwitze. Ich reibe die feuchten Hände an meiner Jeans ab. Gerade als ich mich entschieden habe, die letzte Distanz hinter mich zu bringen und nach dem Türknauf zu greifen, kommt mir jemand zuvor und geht mit einer Sporttasche ins Innere. Leise Geräusche von Hanteln und anderen Fitnessgeräten dringen zu mir durch. Ich sehe dem Typ nach, der in Sportkleidung steckt, sodass die Tür vor meiner Nase wieder zufällt. Wahrscheinlich hat mich der Typ gefragt, ob ich auch hinein will, aber wie ich mich kenne, habe ich ihn nur wortlos angestarrt.

Ich schaue durch die Glastür, sehe aber nicht viel, weil sich die Sonne in der Scheibe spiegelt. Wieder putze ich mir die Hände an der Hose ab, atme zweimal tief durch und rede mir Mut zu, schelte mich gleichzeitig für eine Mimose. Es kann ja nicht so schwer sein, nach einem Job zu fragen. Schließlich habe ich das schon mehrfach getan.

Drinnen ist der Lärmpegel einiges höher als vor der Tür. Wummernde Musik kommt aus einem der Nebenräume. Keuchen, Ächzen, Seufzen ist zu hören. Sicher von muskelbepackten Typen, die Gewichte stemmen. Ich war nie sonderlich angetan von Fitnesscentern. Lieber war ich im Wald joggen - besonders mit Andrew.

Schnell schüttle ich die Gedanken an ihn ab und schließe vorsichtig die Tür. Ich hasse es, wenn Türen laut ins Schloss krachen.

Mehrere Frauen stehen auf Laufbändern oder sitzen auf Hometrainern und strampeln sich fit. Weiter hinten entdecke ich einen Mann, der einer Frau bei den Sit-ups hilft. Wozu braucht man Hilfe bei Sit-ups? Ich verdrehe die Augen.

Trotzdem kann ich den Blick nicht von ihnen lassen. Ich nehme an, er ist sowas wie ein Personaltrainer. Sein Tanktop hat die Aufschrift des Fitnesscenters. Also ist er mit Sicherheit ein Angestellter oder so.

Seine Haare sind ganz kurz – vier, fünf Millimeter vielleicht - und schwarz. Wenn ich es richtig erkenne, starrt er soeben auf die Brüste seiner Kundin, die in einem rosa Sport-BH stecken. Ich schüttle den Kopf. Doch dann kommt mir der Gedanke, dass es seine Freundin sein könnte. Ich tadle mich für meine voreiligen Schlüsse. Sie wären ein schönes Paar, beide wahnsinnig durchtrainiert. Sie straffe Beine und Po, von ihrer Oberweite will ich jetzt lieber nicht reden. Er einen irrsinnigen Body, der sich unter seinem enganliegenden Tanktop genau abzeichnet. Mannomann diese Oberarme. Beim Anblick läuft mir gleich das Wasser im Mund zusammen.

Eigenartig, das ist so untypisch für mich.

Ich will gerade wegsehen, als er den Kopf hebt und in meine Richtung sieht. Seine Augen nageln mich fest. Sie wirken dunkel, haben etwas Freches, Faszinierendes, aber auch etwas ... Anziehendes. Etwas das einem die Sprache verschlägt. Ich kann kaum noch klar denken, geschweige denn, mich bewegen, als sich unsere Blicke treffen.

Mir wird warm im Gesicht. Ich fühle, wie sich meine Wangen langsam mit Röte überziehen. Sein Blick macht mich ganz verlegen. Außerdem sollte ich nicht so glotzen, besonders nicht, wenn seine Eventuell-Freundin mich ansieht, als würde sie mich am liebsten mit ihren Blicken erdolchen wollen.

Kapitel 4

Evan

Lucy macht gerade Sit-ups. Mein Blick schweift unterdessen durch das Fitnessstudio. Kyle sitzt am Butterfly-Gerät und schwitzt wie ein Schwein, während er seinen Bizeps stärkt.

Zwei Frauen wärmen sich auf dem Laufband auf. Quasseln jedoch mehr, als dass sie laufen. Meine Augen bleiben bei einer Brünetten hängen, die vorne beim Eingang steht. Sie wirkt etwas verloren, während sie sich umsieht. Als wäre sie auf der Suche nach jemandem oder etwas. So viel ich mich erinnern kann, habe ich sie hier noch nie gesehen. Sie sieht hübsch aus.

Gordon betritt hinter ihr den Raum. Er winkt mir zu und die Tür fällt mit einem krachenden Knall ins Schloss. Die Kleine zuckt dermaßen zusammen, ich glaube schon, sie werfe sich zu Boden. Ich muss Lachen, doch als ich in ihr verängstigtes Gesicht sehe, bleibt es mir im Hals stecken.

Mein Gott, bricht sie etwa gleich in Tränen aus? Ich schüttle den Kopf, doch dann tut sie mir irgendwie leid, weil sie anscheinend nicht mehr weiß, wo vorne und wo hinten ist.

Als die Kleine rückwärts auf die Tür zugeht, stehe ich auf.

»Wo gehst du hin?«, fragt mich Lucy und hält mich am Arm fest.

»Entschuldige mich kurz, ich bin gleich wieder da. Mach in der Zwischenzeit noch zwanzig normale Sit-ups, danach fünfzig seitliche, indem du die Knie zu deinen Ellbogen ziehst.«

Lucy will noch etwas sagen, doch ich bin bereits auf den Füßen und auf dem Weg zur Unbekannten, die schon fast aus der Tür ist.

»Geht es dir gut?« Die Braunhaarige dreht sich erschrocken um. Sie ist aschfahl im Gesicht. Ihre stechend grünen Augen zucken hastig umher. Ziellos und doch so, als würde sie etwas suchen. Bei jeder anderen würde ich jetzt einen Schritt auf sie zugehen, meine Arme ausstrecken und sie ihr auf die Schultern legen. Aber bei diesem Mädchen, das über einen Kopf kleiner ist als ich, und am ganzen Körper zittert, als würde jemand hinter ihr her sein, bleibe ich wo ich bin. »Suchst du etwas? Oder irgendwen?« Ich weiß nicht, was ich sie sonst fragen soll. »Kann ich dir irgendwie behilflich sein?«

Sie scheint mich erst jetzt richtig wahrzunehmen. Ihre Augen bleiben auf meinem Gesicht und erwidern irgendwann meinen Blick. Ihr Mund öffnet sich mehrmals, ohne dass ein Ton dabei herauskommt. Ich sehe ihr an, dass sie fieberhaft nach Worten sucht.

Obwohl sie zusammenzuckt, als ich nun doch auf sie zugehe und meine Arme ausstrecke, lege ich ihr meine Hände an die Arme. Ich gehe etwas in die Knie, damit ich auf Augenhöhe mit ihr bin. »Brauchst du einen Arzt?« Weder schüttelt sie den Kopf, noch nickt sie, sondern schaut mich nur mit großen Augen an. »Sag doch etwas?« Meine Stimme hat fast etwas Flehendes. Als sie noch immer nicht reagiert, lege ich meine Finger um ihr Handgelenk und stütze sie, während wir das Studio durchqueren. Auf dem Weg in mein Büro winke ich Logan, der gerade aus dem Kraftraum kommt, und gebe ihm ein Zeichen, sich um Lucy zu kümmern.

Als ich mich mit der Unbekannten auf die Umkleide und den Flur, der zu meinem Büro führt, zubewege, zittert sie wie Espenlaub. »Ich bringe dich nur in einen Raum, wo es leiser ist«, beruhige ich sie. »Du kannst dich dort solange aufhalten, wie du willst. Wenn du ein Telefon brauchst, ich kann dir eins geben.« Ich rede einfach weiter, bis wir an der Tür zu meinem Büro sind. »Erschrick nicht, mein Büro gleicht mehr einer Abstellkammer als einem Arbeitsraum. Aber es hat eine bequeme Couch, wo du dich ausruhen kannst.«

Ich öffne die Tür und zeige ihr auf die abgewetzte Ledercouch. Außer dem Zweiersofa stehen noch ein schmaler Schrank, ein alter Küchenstuhl und eine dunkelbraune Holzplatte auf zwei Böcken, die mir als Schreibtisch dient im Raum. Und eine Menge Kartons mit Unterlagen, die ich mal in ein Regal packen sollte, nachdem ich sie eingeordnet habe - und nachdem ich ein Regal gekauft habe.

»Ich hole dir schnell etwas zu trinken.« Bevor ich aus dem Raum gehe, nehme ich die Wolldecke, die auf der Couchlehne liegt und breite sie über dem Mädchen aus, in das langsam wieder Leben zu kommen scheint. »Bin gleich zurück.«

Ich renne fast zur Bar. Weil ich mich nicht entscheiden kann, nehme ich eine Flasche Wasser und ein Glas Orangensaft, den ich vorhin frisch gepresst habe, aus dem Kühlschrank. Eben will ich mich wieder Richtung Büro aufmachen, da kommt Lucy zu mir. Ihr Schmollmund passt mir gerade gar nicht.

»Hast du mich etwa vergessen?«

Ich setze mein Entschuldigungslächeln auf. »Nein, bestimmt nicht. Nur habe ich da ein Mädchen im Büro, das irgendwie völlig neben der Spur ist.«

Lucy zuckt gleichgültig mit den Schultern. »Na und? Du kannst ja Logan oder Sophia schicken. Die können sich um sie kümmern. Schließlich bezahle ich dich dafür, dass du mich trainierst.«

Ich unterdrücke ein Seufzen. »Tut mir leid. Wir werden natürlich diese Stunde nachholen.«

Als ich mit den Getränken an ihr vorbeigehen will, legt sie ihre Finger an meine Brust. »Versprochen?«

Vielleicht hatte meine Schwester recht damit, als sie meinte, es wäre ein Fehler, etwas mit den Kundinnen anzufangen. Ich wollte nicht hinhören. Jetzt glaube ich aber langsam, dass ich womöglich doch auf sie hätte hören sollen.

»Versprochen«, antworte ich und mache einen Schritt zur Seite, um ihrer Hand zu entkommen. »Mach mit Logan einen neuen Termin aus.« Ohne ihre Worte abzuwarten, laufe ich schnell in mein Büro zurück.

Das Mädchen mit den langen dunkelbraunen Haaren sitzt noch genau in derselben Position auf dem Sofa, wie ich sie zurückgelassen habe. Die Hände hat sie in die bunte Wolldecke gekrallt. Ihr Blick ruht auf den farbigen Vierecken.

»Die hat meine Mutter gemacht.«

Erschrocken reißt sie den Kopf hoch. Als sie mich erkennt, zuckt ganz leicht ihr linker Mundwinkel. Sie wirkt nicht mehr ganz so blass wie noch vor wenigen Minuten.

»Geht’s besser?«, frage ich sie und strecke ihr die Getränke hin. »Ich wusste nicht, was dir lieber ist.«

»Danke«, sagt sie mit leiser Stimme und greift nach dem O-Saft. Es ist das erste Wort, das sie zu mir gesagt hat. Obwohl ihre Stimme leise und zerbrechlich klang, so geht mir ihr zarter Klang dennoch ziemlich unter die Haut.

»Gern geschehen.« Ich setze mich neben sie und strecke die Beine.

Weil ich nicht weiß, was ich zu dem Mädchen, das ich knapp über zwanzig schätze, sagen soll, schaue ich etwas verlegen auf meinen Papierkram, der verstreut auf dem Pult liegt. Normalerweise fliegen mir die Worte nur so zu, ich habe keine Probleme damit, mich mit Frauen zu unterhalten. Aber bei ihr ... ich will sie nicht mit einem faulen Spruch oder blöden Kommentar trösten – von was auch immer.

Und irgendwie ist das Schweigen zwischen uns ziemlich angenehm. Ich lege meine Knöchel übereinander und lasse den Kopf in den Nacken fallen. Dabei starre ich an die fleckige Decke. Die sollte ich vielleicht auch mal streichen. Die Liste der Dinge, die ich zu erledigen habe, wird täglich länger.

Ich könnte ja einen Maler engagieren. Eine Sachbearbeiterin oder sowas einstellen, um meinen Bürokram zu erledigen. Dylan fragen, ob er mir einen anständigen Schreibtisch zimmern könnte.

Den letzten Gedanken streiche ich sofort wieder.

»Verrätst du mir deinen Namen?« Ich schiele zum Mädchen.

Sie lächelt, es ist schwach und doch umwerfend. »Avery. Avery Ashburn.«

»Freut mich A A.« Ich lächle zurück. Als sie mich fragend ansieht, sage ich: »Evan.« Ich könnte anfügen, dass ich der Besitzer dieses Studios sei, aber das scheint mir im Moment zu überheblich.

»Evan, schöner Name.«

Flirtet sie etwa gerade mit mir? Wohl kaum. Sie erholt sich gerade von irgendeinem Schock. Da ist sie bestimmt nicht auf einen Flirt aus.

»Schlägst du dich oft?«

»Nein. Wieso?«, frage ich verwirrt.

»Wegen deinem Auge.«

Reflexartig greife ich mir ans Auge. »Ich bin mit einer Hantel zusammengestoßen.«

Avery zieht die Brauen hoch und verzieht ihren Mund zu einer missbilligenden Miene. »Und wer glaubt dir diesen Quatsch?«

Perplex sehe ich sie an, zucke dann aber bloß mit der Schulter, hat ja sowieso keinen Sinn es abzustreiten. »Und was hat dich hierhergeführt?«

Einen Moment sieht sie mich an, als müsse sie überlegen, was sie hier gewollt hat. Doch irgendwas an ihrem Blick verrät mir, dass sie ganz genau weiß, was sie wollte. »Ich habe mich verlaufen.«

»Ach so.« Es ist ganz offensichtlich, dass sie nicht die Wahrheit sagt. »Was hast du denn gesucht?«

»Das Hometown Diner.« Scheinbar fällt ihr das Lügen nicht leicht, wie ich ihr an ihren verkrampften Fingern und den angespannten Gesichtszügen ansehen kann.

»Wenn du willst, kann ich es dir zeigen.«

Wie von einer Tarantel gestochen, schießt sie aus den Polstern hoch, dabei fällt die Decke auf den Boden und bedeckt halbwegs ihre Füße, die in roten Converse stecken. Sie passen zu ihrem Oberteil.

»Nein, nein ... nicht nötig«, sagt sie schnell. »Ich werde dann mal gehen. Du hast bestimmt genug um die Ohren, als dich um mich zu kümmern. Es tut mir leid, dass ich dir deine Zeit gestohlen habe.« Sie findet einen Platz auf meinem Schreibtisch und stellt das leere Glas ab. »Ich danke dir vielmals.«

Ich lege den Kopf schräg. »Wofür?«

»Dass du mir einen Moment Zeit gegeben hast, um mich zu ... sammeln.«

»Willst du mir sagen, von was?« Ich bin ebenfalls aufgestanden und habe die Decke aufgehoben, um sie wieder auf die Rückenlehne zu legen. Eine Antwort, auf das was in ihrem süßen Kopf vor sich geht, was ihr so einen Schrecken eingejagt hat, möchte ich doch noch haben.

»Das ist schwierig, und eine lange Geschichte.«

»Ich habe Zeit.«

Avery schüttelt leicht den Kopf. »Vielleicht ein andermal.«

Ich gebe mich geschlagen, weshalb ich nicke. »Ja, vielleicht ein andermal«, sage ich, obwohl ich bezweifle, dass dieser Tag jemals kommen wird. »Ich bringe dich noch raus, A A.«

Ihr gefällt wohl mein Spitzname, denn sie lächelt. Ein vages Lächeln, das bloß eine kleine Andeutung dafür ist, wie ihr Gesicht strahlen kann, wenn sie tatsächlich lächelt.

Ich lege eine Hand auf ihren Rücken und führe sie durch den Flur zurück zum Eingang.

Mittlerweile sind mindestens doppelt so viele Kunden hier, um sich auszupowern. Vor der Bar steht Mark, mit dem ich gleich ein Training mit Seilschwingen habe. Er unterhält sich gerade mit Sophia. Sobald meine Angestellte mich und Avery, auf deren Rücken nach wie vor meine Hand liegt, sieht, zieht sie argwöhnisch die Brauen zusammen und mustert mich. Dabei versteinert sich ihre Miene ein kleines bisschen. Sie mag es genauso wenig wie Cee, wenn ich mit Kundinnen anbandle. Doch dieses Mal liegt sie völlig falsch – oder?

Eindeutig, schließlich ist Avery keine Kundin.

Ich lächle. »Ich komme gleich«, sage ich zu Mark, als ich an ihm vorbeigehe.

»Keine Eile. Ich habe hier erstklassige Unterhaltung.«

Als ich die Glastür geöffnet und mit Avery hinausgetreten bin, nehme ich meine Hand von ihrem Rücken. Ich würde sie am Liebsten wieder zurücklegen. »Sehen wir uns wieder?«

Gott, klinge ich erbärmlich. Was ist nur los mit mir? Sonst bin ich immer der lässige, coole Typ, der keine Scheu hat, eine Frau um ein Date, oder nach was Ähnlichem, zu fragen. Jetzt bettle ich fast darum.

»Bestimmt«, sagt sie, ehe sie sich umdreht und davongeht.

Der Anblick ihrer schwingenden Hüfte, erweckt ein gewisses Gefühl in meinem Schritt. Gut, dass ich ein hartes Training vor mir habe. Das lenkt mich garantiert von Averys hübschen Hinterteil ab.

»Sind wir bereit?«, frage ich Mark, als ich zurück im Studio bin. Und meine Gedanken wieder beisammen habe – und nicht mehr in meiner Hose.

Mark nickt, folgt mir durch die Hintertür, die gleich neben der Umkleide ist und so treten wir auf den Hinterhof hinaus. Die Seile habe ich schon vorhin an der hüfthohen Mauer, die den Hinterhof einzäunt und uns von den anderen Grundstücken abtrennt, angebracht.

»Wir werden uns heute mit einem Basketballspiel aufwärmen. Ist das in Ordnung für dich?«

»Wenn ich gewinne, schon«, meint Mark grinsend. Er ist eben erst zwanzig geworden. Und unglaublich fit. Manchmal frage ich mich, warum er mich überhaupt braucht. Wenn er aufdreht, habe ich keine Chance gegen ihn. Vielleicht spornt ihn das an, noch mehr Leistung aus sich rauszuholen.

»Das werden wir sehen.« Ich hole einen Ball aus der Garage, in der ich die Gerätschaften für draußen gelagert habe. »Wer zuerst fünf Körbe hat, hat gewonnen.« Ich werfe den Ball in die Luft und sofort sprinten wir los. Mark hat den Ball als erster erwischt und trippelt Richtung Korb. Ich atme erleichtert aus, als der Ball daneben geht. Danach bin ich dran. Leider geht auch der daneben. Mir kommt schon der Schweiß, bevor Mark den vierten Korb macht. Ich muss unbedingt aufholen. Ich habe erst drei. Ehe ich mich versehe, schießt Mark den Basketball und ... trifft.

»Jetzt nehme ich dich dafür an den Seilen härter dran«, meine ich, nachdem er eine Runde gejubelt hat.

»Los geht’s.« Er nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Trinkflasche und reibt sich dann die Hände.

Wir nehmen beide zwei dicke Seile, die zwölf Meter lang sind, an deren Enden in die Hände, halten sie fest umschlossen und bringen sie zum Schwingen. Rechts und links abwechslungsweise, sodass möglichst gleichmäßige Wellen entstehen. Mal stehen wir nur auf einem Bein. Mal stellen wir uns breitbeinig hin. Mal gehen wir in die Knie, ohne mit dem Schwingen aufzuhören. Mal halten wir beide Seile in einer Hand. Wiederum schwingen wir von unten nach oben. Bei der letzten Übung stehen wir seitwärts zu den Seilen, was uns die letzte Kraft kostet.

Obwohl es ein hartes Training ist, sehe ich dauernd Averys aschfahles Gesicht vor mir, wie sie zusammenzuckt und fast zu Boden geht, als die Tür hinter ihr ins Schloss fällt. Ich weiß nicht, warum sie mir nicht mehr aus den Gedanken geht, aber ich weiß, dass ich sie unbedingt wiedersehen muss.

Nach zwanzig Minuten legen Mark und ich erschöpft und schweißnass die Seile weg. Um uns langsam abzukühlen joggen wir drei lockere Runden im Hinterhof.

»Heute hast du ganz schön Gas gegeben. Wolltest mich wohl für meinen vorherigen Sieg bestrafen.« Mark dehnt neben mir seine Beine, indem er sich mit den Händen an der Wand abstützt, während ein Bein leicht angewinkelt und das andere gestreckt ist.

»Es war so wie immer«, meine ich achselzuckend, verschränke die Hände, halte sie über meinen Kopf und strecke die Arme, soweit ich kann. Vermutlich habe ich ein ganz wenig mehr von uns abverlangt als normalerweise. Ich wollte meine Gedanken an Avery vertreiben. Mittlerweile glaube ich aber, dass noch so ein hartes Training die süße Brünette nicht aus meinem Kopf verdrängen kann.

»Ja klar.« Ein wissendes Grinsen taucht auf Marks Gesicht auf.

»Kümmere du dich um deinen eigenen Kram.« Ich schnappe mir mein Handtuch, um mir den Schweiß von der Stirn und im Nacken abzuwischen.

Er lacht bloß. »Dienstag? Gleiche Zeit?«, fragt er mich, ehe wir ins Innere des Studios gehen.

»Wenn du dann keinen Muskelkater mehr hast«, ziehe ich in mit einer gehobenen Augenbraue auf.

Er legt einen Finger unter sein linkes Auge und zieht das Unterlid nach unten. »Von wegen. Bis dann.«

»Bis dann.«

Wir boxen uns die Fäuste ab. Er verschwindet unter die Dusche, ich schaue mal nach, was vorne läuft.

Weit komme ich nicht, schon hält mich Logan auf. Er ist ein richtiger Surfertyp. Nicht nur durch sein Aussehen - gewellte blonde Haare, blaue Augen, braungebrannte Haut. Er verbringt jede freie Minute mit Surfen. Auch geht er an viele Wettkämpfe. Mal schauen, wann er den Job hier an den Nagel hängt. Ich warte eigentlich jeden Tag darauf.

»Lucy war ziemlich angepisst, weil du nicht das Training mit ihr zu Ende geführt hast.«

Ich atme genervt aus. »Ich habe ihr doch gesagt, dass wir die Stunde nachholen würden.«

»Was sie nicht davon abhielt, zu meckern, wie eine verf-«

Mit einem strengen Blick warne ich ihn, seine Klappe zu halten. »Sie ist unsere Kundin.«

»Die auf Extrabehandlungen besteht.«

»Sie bezahlt dafür.«

»Trotzdem hat sie kein Recht, mich zu beschimpfen oder herumzukommandieren.«

»Natürlich nicht, ich rede mit ihr.«

»Mach das.« Logan sieht zur Eingangstür, wo ich vorhin Avery verabschiedet habe und wo jetzt gerade Nat – ein großer Afroamerikaner - hereinkommt. Abgesehen von meinem Bruder Kyle, war Nat mein erster Kunde. Er kommt mehrmals wöchentlich in den Kraftraum, um seine sonst schon gigantischen Muskeln weiter aufzubauen.

»Was war denn überhaupt los? Wer war die junge Frau?», will Logan wissen, nachdem wir Nat mit erhobener Hand begrüßt haben.

Ich zucke mit den Schultern. »Keine Ahnung, ganz ehrlich. Sie war schon angespannt und bleich, als sie das Studio betreten hat. Aber dann muss irgendwas passiert sein. Sie ist fast zusammengeklappt, und ich habe sie ins Büro gebracht, damit sie sich beruhigen konnte. Sie wollte mir nicht sagen, was los war. Na ja, auch egal.«

Logan boxt mich mit dem Ellbogen in den Arm. »Hat dein Charme wohl einmal nicht ausgereicht?«, feixt er.

»Ha, ha.« Ich boxe zurück. »Sieh zu, dass du verschwindest.« Nie im Leben würde ich zugeben, dass es mich wurmt, dass ich kein Wort aus Avery herausbekommen habe. Denn ich hätte sie gerne besser kennengelernt. Nicht nur, weil ich sie hübsch finde, ihre geheimnisvolle und verletzliche Art lässt mich einfach nicht mehr los.

»Jawoll, Boss. Wir sehen uns morgen.« Logan macht kehrt und geht in die Umkleide, um seine Sachen zu holen.

Währenddessen setze ich meinen Weg durchs Studio fort. Sophia kommt soeben aus ihrem Aerobic-Raum, als ich durch die Reihe mit Laufbändern gehe, um denjenigen Hallo zu sagen, die ich noch nicht gesehen habe. Etwa fünf Frauen mit roten Köpfen folgen Sophia. Und mindestens so viele verschwinden in Richtung Dusche.

Nat bringt an der Langhantel Gewichtscheiben an.

»Brauchst du Hilfe?«, frage ich ihn, sobald ich neben ihm stehe. Ich sehe es nicht gern, wenn jemand allein auf der Hantelbank Gewichte hochstemmt. Ich habe einmal erlebt, dass ein Kerl es mit dem Stemmen übertrieben und dabei beinahe mit dem Leben bezahlt hat, weil ihm die Hantelstange fast die Luft abgedrückt hatte.

»Wenn du Zeit hast.« Nat legt sich mit dem Rücken auf die Drückbank, stellt die Füße fest auf den Boden und positioniert seine Hände an der Stange.

Anfangs zähle ich noch, wie viele Male er sie hochhebt. Doch dann schweifen meine Gedanken, wie schon oft an diesem Nachmittag, zu einer rätselhaften Braunhaarigen.

Als Nat sich an ein anderes Gerät setzt, gehe ich zur Bar, um etwas zu trinken und um zu sehen, ob Sophia meine Hilfe braucht. Sophias Aerobic-Mädels sitzen noch immer da und plaudern aufgeregt. Die eine oder andere sehe ich nicht zum ersten Mal. Es ist auch nicht das erste Mal, bei dem sie mit mir flirten wollen. Normalerweise steige ich sofort darauf ein. Aber heute ... heute regt sich nichts, rein gar nichts, als mir die Ladies ihre Mädels wie auf dem Präsentierteller servieren.

Was hat Avery nur an sich, dass ich nicht mal mehr auf die Oberweite meiner Kundinnen starren will?

»Hallo Klara, Faith«, begrüße ich diejenigen, die ich mit Namen kenne, den anderen lächle ich höflich zu, und wende mich dann an Jada, eine alte Schulfreundin. »Wo hast du Tom gelassen?« Sie und Tom haben sich hier kennengelernt und sind jetzt seit gut einem Jahr ein Paar.

Sie dreht ihren Fruchtcocktail in den Händen. »Er und ein paar Kollegen sind nach Las Vegas gereist. Sein bester Freund feiert Junggesellenabschied.«

»Cool.«

»Cool?« Jana verdreht die Augen und schüttelt den Kopf. »Mal sehen, mit was für einem Kater Tom nach Hause kommt.«

»Die wissen nie, wann es genug ist«, meldet sich Faith zu Wort.

Ich nutze den Moment und stehle mich davon. Für dieses Thema bin ich ganz bestimmt die falsche Person. Ich hole mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Danach frage ich Sophia, ob sie Hilfe braucht. Dabei lehne ich mich seitwärts an die Theke und lege einen Arm auf die Bar.

Sophia wischt gerade ihre Hände an einem Tuch ab. »Eigentlich habe ich alles im Griff.«

Plötzlich liegt eine Hand auf meinem Arm. Wie vom Blitz getroffen, zucke ich zusammen und mache einen Schritt rückwärts.

»Was ist denn mit deinem Auge passiert?«, fragt mich Klara mitfühlend.

Ich hatte recht, das Veilchen beeindruckt die Frauen, nur anscheinend diejenige nicht, dich ich beeindrucken will.

»Ach das, das war bloß ein kleiner Unfall«, sage ich mit einem geheuchelten Lächeln, achte dabei nicht darauf, wie Klara ihre roten Haare um den Finger zwirbelt und mich anstiert, als würde sie mir am liebsten die Kleider vom Leib reißen, und wende mich an Sophia. »Dann lasse ich dich mal weitermachen. Ich bin im Büro, wenn was ist.«

Sophia sieht mich irritiert an, als ich nicht auf Klaras Flirt eingehe. Ich, der normalerweise keiner Anmache widerstehen kann, verkriecht sich in sein Büro. Das muss jedem, der mich besser kennt, seltsam erscheinen.

»Okay«, meint sie gedehnt, ehe sie sich wieder um die Kundschaft kümmert.

Kapitel 5

Evan

»Wo ist Cee?«

»Keine Ahnung«, antworte ich Kyle, der mich, kaum ist er in meinen Chevy gestiegen, nach unserer Schwester fragt. »Sie meinte, wir würden uns da treffen.«

Es ist kaum nach sechs, und ich fühle mich hundemüde. Außerdem haben wir eine fast dreistündige Fahrt vor uns. Ich seufze. Was man nicht alles für seine Familie macht. Wenigstens hatte ich ein großes, eiweißhaltiges Frühstück – dank Cécile, die gestern meinen Kühlschrank aufgefüllt hat.

»Gib endlich Gummi. Wir müssten schon längst unterwegs sein«, nörgelt Kyle, als ich auf die Straße biege. »Warum bist du eigentlich so spät?«

»Und warum musst du so früh am Morgen schon herumstressen? Wir haben genug Zeit«, antworte ich genervt, lasse dann aber den Motor aufheulen und presche über die noch fast menschenleere Straße.

»Du siehst ausgelutscht aus. Wohl zu wenig Schlaf bekommen. Oder bist du nochmal gegen eine Hantel getorkelt?« Bestimmt grinst er wie ein riesiger Idiot. Da ich gerade einen alten Opa in seinem Renault überhole, kann ich ihm keinen Du-kannst-mich-mal-am-Arsch Blick zuwerfen.

»Würde dich freuen, was?«, sage ich etwas wütender als beabsichtigt.

»Was ist denn mit dir los? Etwa keine abgekriegt?«

»Nichts dergleichen. Ich hatte keinen Bock auf irgendwelche Tussis. Nach der Arbeit bin ich in meine Wohnung, habe mich aufs Sofa fallen lassen und durch Netflix gezappt.«

Ich kann Kyles ungläubigen Blick regelrecht spüren. »Du willst mich wohl auf den Arm nehmen. Evan bleibt am Samstagabend freiwillig Zuhause? Alleine? Du willst mich definitiv verarschen.«

»Ich war müde, es war ein anstrengender Tag.«

Die Wahrheit ist, ich hatte nur eine im Kopf. Und die geistert noch immer in meinen Gedanken herum.

Kaum zu glauben, dass mich eine kurze Begegnung mit einer Unbekannten so aus der Bahn werfen kann.

»Und wo hast du dich herumgetrieben?«, lenke ich das Thema von mir ab. »Hattest du endlich ein Date mit Leyla?«

»Und wenn es so wäre?«

Mein Kopf ruckt in seine Richtung. »Im Ernst jetzt?«, frage ich mit einem riesigen Schmunzeln um den Mund.

»Nee.«

»Warum nicht?« Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee, den ich vorhin im Starbucks geholt hatte.

»Ich steh nicht auf Jüngere.«

Der Kaffee spritzt mir aus dem Mund gegen die Windschutzscheibe und ich baue fast einen Unfall, weil ich mich vor Lachen kaum mehr halten kann. Dabei boxt mir Evan noch eins in den Oberarm.

»Reiß dich gefälligst zusammen, oder willst du, dass wir im Straßengraben landen.«

»Dann schlag mich nicht.«

»Das war bloß eine feine Berührung.«

»Gib mir ein Tuch, damit ich die Sauerei wegwischen kann.«

»Woher soll ich ein Tuch haben?«

Ich stoße laut die Luft aus. »Dann gib mir eben ein Taschentuch oder sowas.«

Kyle wird im Handschuhfach fündig.

»Leyla ist mindestens ein Jahr älter als du, du Blödmann«, greife ich das Thema von vorhin wieder auf und putze meinen mit Kaffee verdünnten Sabber weg.

»Wirklich?«, nimmt mich Kyle auf den Arm. Sie sind zusammen zur Schule gegangen. Er kennt sie also einiges besser als ich.

»Hör auf, mich zu verscheißern.«

Er zuckt bloß mit den Schultern, ehe er meint: »Sie hasst mich.«

»Und trotzdem hat sie dich letztens aus einem schrecklich nervenaufreibenden Date gerettet.« Zwischen den beiden läuft irgendwas, ich weiß es.

»Ja, aber ...«

»Oh, jetzt kommt das große ABER.«

»Halt die Klappe.«

»Welche?«

»Wenn du nicht gerade am Steuer sitzen würdest, würde ich dir sofort ein zweites blaues Auge verpassen. Ach übrigens, hast du wirklich geglaubt, ich würde dir das mit der Hantel abkaufen?«

Meine Antwort besteht aus einem gleichgültigen Schulterzucken. »Für ein paar Stunden schon, ja.« Eigentlich war mir von Anfang an klar, dass er irgendwann dahinterkommen würde, was mein geschwollenes Auge anbelangt, mit dem ich endlich wieder normal sehen kann. Und mich Kyle dann zur Rede stellen würde.

»Also -« Mein Bruder sieht mich abwartend von der Seite an.

»Ich habe mich mit Sawyer geprügelt.«

»Sawyer? Dylan Sawyer, der Freund unserer Schwester?«

»Ex-Freund. Genau der.«

»Warum? Was ist ... Was hat er getan?« Für einen Moment herrscht Stille, bis Kyle tief ein- und ausatmet. »Geht es Cee gut?«

»Ich denke den Umständen entsprechend.« Kyle braucht nicht nochmal nachzufragen, was Sawyer verbrochen hat, ich erzähle ihm alles, was ich von Emily und Cee erfahren habe, und dass ich dann Dylan einen Besuch abgestattet hatte.

Gut, sind wir weit weg von Little Pearl. So ist Kyles Wut auf Dylan verraucht, bis wir wieder Zuhause sind – hoffentlich. Ich glaube nicht, dass uns Cee verzeihen würde, wenn auch noch Kyle auf Dylan losgehen würde.

Irgendwann tauchen die Schilder von Phillys auf. Schließlich, nach mehreren Minuten Suche, finden wir das Gelände, wo das Rollstuhlrennen ausgetragen wird. Und nach weiteren Minuten sehen wir den Rest der Familie. Außer Cécile.

»Bist du dir sicher, dass es ihr gut geht?« Kyle hat die Hände zu Fäusten geballt, als wir langsam über die Anlage gehen. Er ist sichtlich wütend, aber auch besorgt.

»Sie klang ganz okay, während ich mit ihr telefoniert habe.«

»Hoffentlich liegst du richtig damit.«

»Beruhige dich, Bruder, lass uns den Tag genießen und Dad anfeuern.« Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter und stoße ihn vorwärts.

Hannah sieht uns als Erste. »Da seid ihr ja endlich!«, ruft sie gut gelaunt. Ich fahre ihr über die blonden Haare, die sie an den Seiten nach hinten geflochten hat. Schnell bückt sie sich unter meinem Arm weg. »Mach meine Frisur nicht kaputt. Weißt du, wie lange ich dafür gebraucht habe?« Sie fährt sich behutsam über den Kopf.

»Hübsch«, antworte ich schmunzelnd und drücke ihr einen Kuss auf den Scheitel, bevor sie mir ganz entwischt. Sie reicht mir gerade mal bis zur Schulter. Sie hat ja noch etwas Zeit zu wachsen. Jedenfalls finde ich es richtig bequem, wie ich meinen Arm auf ihrer Schulter ablegen kann.

»Ich bin nicht deine Stütze.« Ihre Sommersprossen leuchten auf der Nase, wenn sie sich aufregt, während ihre braunen Augen zu Schlitzen gezogen sind.

»Ärgerst du mal wieder deine kleine Schwester?« Mom schnalzt mit der Zunge, doch sie lächelt mich liebevoll an. Sie ist es gewohnt, dass wir Geschwister uns kabbeln, wann immer es geht. »Habt ihr gut hergefunden?«

»Kyle hat ein bisschen genervt, sonst verlief alles ruhig.«

Kyle verpasst mir von hinten einen Stoß, sodass ich fast nach vorne kippe. »Du hast genervt, und bist hergerast wie ein Irrer.«

Ich drehe mich zu meinem Bruder um. »Du hast gesagt, ich solle Gas geben«, verteidige ich mich.

Wir benehmen uns wie zehnjährige, allerdings entlockt es Mom ein herzhaftes Schmunzeln. »Schön, dass ihr hier seid.« Sie drückt uns je einen Kuss auf die Wange, wobei mir ihre dunkelblonden Haare im Gesicht kitzeln. »Jetzt fehlt nur noch Cécile.« Mom blickt über meine Schulter. »Ist sie nicht mit euch hergefahren?« Ihre braunen Augen blicken fragend in meine.

»Sie meinte, wir würden sie hier treffen.«

»Kommt sie etwa mit Dylan?« Ihr Blick verharrt etwas zu lange auf meinem blauen Auge. Sie sieht mich an, als würde sich ein fehlendes Puzzleteilchen an seinen Platz fügen.

Ich schlucke angestrengt. Wieso müssen eigentlich alle mich nach Dylan und Cee fragen, verflixt. Ich will nicht der sein, der Mom erzählt, dass Dylan sich gegenüber Cee wie ein riesiges Arschloch verhalten hat. Ich will sie aber auch nicht anlügen. Was ich zwar gestern getan habe, als ich vor der Arbeit kurz bei ihnen vorbeigesehen habe. Ich konnte Mom und Dad nicht sagen, dass ich mich mit Dylan geprügelt habe.

Kyle neben mir zuckt mit den Achseln und ich atme erleichtert aus, weil sich somit eine Antwort meinerseits erübrigt hat. »Wo ist Dad? Und Coben und Chase? Die waren doch eben noch da, als wir ankamen?«

Mom schaut sich in der Menge um, wendet sich dann wieder an uns. »Dad musste sich für die Teilnahme anmelden. Chase begleitet ihn und Coben holt uns etwas zu trinken. Wie läuft es bei der Arbeit?«, fragt sie Kyle. Erst horcht sie ihn nach dem Job aus, danach wird sie wissen wollen, was in der Freizeit abgeht. Und wenn sie mit Kyle fertig ist, wird sie sich mich vorknöpfen.

»Wir haben soeben den Dachstuhl bei der Villa an der Azalea Lane aufgerichtet. Das wird ein Riesending, sag ich euch.« Die Azalea Lane ist das Reichenviertel von Little Pearl.

»Pass einfach auf, wenn du da oben stehst und die Balken festschraubst, ja?« Mom hat sich bei keiner Jobwahl ihrer Kinder eingemischt. Doch wenn sie mit Kyle über seine Arbeit redet, verzieht sich ihr Gesicht immer zu einer angstvollen Maske.

»Klar.« Was will er auch anderes antworten.

»Hey ihr.« Coben steht mit einem Mal vor uns. Er hält in der Linken einen Papphalter mit Kaffeebechern.

»Der kommt gerade richtig.« Kyle greift nach einem Kaffee.

»Wie wäre es mit einem ›Danke, großer Bruder‹?« Coben reicht Mom, Hannah und mir ebenfalls einen Pappbecher. »Wow, was hast denn du da für ein Auge einkassiert?«

»Bin gegen eine Hantel gelaufen«, sage ich schon fast automatisch. Außer Cee und Kyle weiß niemand, wie ich mir die Beule geholt habe. Dabei soll es auch bleiben. »Ja, ja, mach dich nur lustig über mich«, sage ich, als er sich vor Lachen fast in die Hose macht.

»Hast du vielleicht noch etwas zu Futtern dabei?« Kyle erntet dafür einen Hieb in den Magen. Keine Ahnung, wie das Coben bewerkstelligte, ohne Kaffee aus den restlichen zwei Pappbechern, die er noch in den Händen hält, zu verschütten.

»Sag danke, sonst packe ich dich bei den Haaren und klemme deinen Kopf unter meinen Arm.«

»Iih«, Kyle macht ein angewidertes Gesicht. »Deinen Achselschweiß brauch ich ganz bestimmt nicht in meiner Nase.«

»Damit meinst du wohl Zinke.«

»Haha. Übrigens, erst müsstest du meine Haare erwischen können. Dein Wuschelkopf hingegen wäre ein leichtes Ziel.«

Coben fährt sich durch sein schwarzes Haar und reckt sein markantes Kinn vor. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich ihn zum letzten Mal ohne Dreitagebart gesehen habe. »Du bist nur neidisch auf meine feinen Locken.«

»Ja, sicher. Und auf deine braungrünen Augen natürlich auch.«

»Sowieso. Wäre ich auch, wenn ich nur so braune hätte wie du.«

»Milchschokoladenbraun«, korrigiert Kyle ihn. »Evan würde jedenfalls gerne tauschen.«

Ich schüttle den Kopf, verdrehe dabei die Augen. »Lasst mich bloß raus aus eurem Mädchengezanke.«

»Mädchen zanken nicht so«, mischt sich jetzt auch noch Hannah ein.

»Wie denn?«, fragen meine Brüder und ich gleichzeitig.

»Anders halt.«

Mom stößt einen lauten Seufzer aus. »Könnt ihr die Kabbelei für einmal lassen?«

»Ist doch bloß Spaß, Mom«, meint Coben beruhigend.

»Ja, ja«, meint sie und sieht abermals über die Menge. Wahrscheinlich, um zu sehen, ob sie irgendwo Dad und Chase entdeckt.

Weit hinten sehe ich die beiden einen Weg zu uns bahnen. Als sie es geschafft haben, ist mein Kaffee, der nach Abspülwasser schmeckt, fast leer.

»Schon lange nicht mehr gesehen«, begrüßt mich Chase. Wir umarmen uns und klopfen uns gegenseitig auf den Rücken.

»Ihr lässt euch ja kaum mehr blicken.«

»Ich hatte gerade eine Menge Prüfungen. Außerdem könntest du mal wieder nach New York kommen und uns besuchen.«

»Vielleicht.« Ich strecke meine Hand aus, um seine aufgestellten hellbraunen Haare mit blonden Strähnen durcheinander zu bringen. Das ist irgendwie ein Tick von mir, die Frisur anderer zu verstrubbeln. Doch Chase reagiert zu schnell. Er macht einen Schritt zur Seite und meine Hand fasst ins Leere. Chase mag zwar der schmächtigste von uns Johnsons Brüdern sein, dafür der größte und eindeutig der flinkste.

»Fass die nicht an.« Er legt seine Hände schützend um seine Haare.

Ich lache. »Du kannst sie wieder wegnehmen, ich mach schon nichts.«

Chase blickt mich mit seinen blauen Augen misstrauisch an. Er hat die gleichen Augen wie Cee und Dad. Wir anderen haben etwas von braungrün bis schwarz. Meine sind weitaus die dunkelsten.

»Wie läuft es mit dem Studium?«

»Es ist schwieriger, als ich mir gedacht habe. Es ist nicht einfach, zu verstehen, wie der Körper funktioniert oder zu merken welche Symptome auf welche Krankheiten deuten. Welche Medikamente man wann geben darf. Manchmal habe ich einen Kopf mindestens so groß wie eine riesige Wassermelone.«

»Du packst das.«

»Hoffentlich, geht ja nur noch elf Monate.«

»Vielleicht wird es leichter, wenn du die Monate nicht zählst.«

»Sagt gerade der, der die Stunden gezählt hat, bis das Fitnessstudio endlich eröffnet wurde.«

»Das ist was ganz anderes.«

Chase grinst bloß. Was so viel bedeutet wie: Logisch.

Als Dad mit dem Rollstuhl vor mir steht, gehe ich in die Hocke. »Hey Dad, schon aufgeregt?« Ich umarme ihn kurz und klopfe ihm auf die Schulter.

»Geht so.« Trotz gleichgültigem Schulterzucken kann ich ihm seine Nervosität von der Miene ablesen. Tiefe Spuren, die das Leben gezeichnet haben, zieren sein Gesicht. Seine schwarzen Haare werden von Tag zu Tag grauer.

»Du wirst das Ding schon schaukeln.«

»Oh, schaukeln lieber nicht«, meint er schmunzelnd.

»Dann halt flitzen.«

»Das klingt schon besser.«

»Wann geht’s los?« Ich stehe wieder auf, weil mir die Gelenke anfangen zu schmerzen.

Dad schaut auf seine Uhr, die er um sein Handgelenk trägt. Eine Multifunktionsuhr, ein Weihnachtsgeschenk von uns Kindern letztes Jahr. »In fünfundfünfzig Minuten bin ich dran.«

Als Dads Start immer näher rückt, rollt er zur Startposition und wir anderen stellen uns irgendwo an die Seite, wo wir ihn anfeuern können. Dabei suche ich ständig die Menge nach Cécile ab. Ich frage mich wo sie bleibt, und ob mit ihr alles in Ordnung ist. Es macht mich fast wahnsinnig, dass sie nicht auf meine WhatsApp-Nachrichten reagiert, oder dass mein Anruf vor wenigen Minuten auf ihrer Mailbox landete. In meiner letzten Nachricht habe ich ihr geschworen, ihr den Kopf umzudrehen, wenn ich sie sehe.

Als ich schon glaube, die Nerven zu verlieren, tippt mir jemand auf die Schulter. Cee steht hinter mir und lächelt mich an. Sie wirkt glücklich, richtig glücklich, wie seit Tagen nicht mehr. Ihr Strahlen in den Augen hält mich davon ab, meinen Schwur in die Tat umzusetzen. Trotzdem soll sie erfahren, wie angepisst ich bin.

»Warum hast du dich nicht gemeldet oder meinen Anruf entgegengenommen? Verdammt nochmal«, zische ich.

»Tut mir leid, ich war am Fahren. Eigentlich wollten wir viel eher hier sein, sind aber in einen Stau geraten.«

»Wir?« Erst jetzt bemerke ich Emily, die soeben den anderen Hallo gesagt hat.

»Hey Evan.« Em scheint nicht überrascht zu sein, als sie mein blaues Auge entdeckt. Aber ihr Gesichtsausdruck erinnert mich an eine schreckliche Zeit zurück. An eine Zeit, in der Em selbst mit einem geschwollenen Auge herumlief. Sie ist nicht hingefallen oder hat sich an irgendwas gestoßen. Und sie hatte sich auch bestimmt nicht geprügelt. Lange Zeit konnte ich nur Vermutungen anstellen. Erst nach langer Zeit erzählte sie mir, wie ihr Ex auf sie losgegangen war.

»Tut’s noch sehr weh?«, fragt sie mich, nachdem wir uns zur Begrüßung umarmt hatten.

»Eigentlich nicht. Wahrscheinlich sieht es schlimmer aus, als es sich anfühlt.«

Emily streicht sich ein paar Strähnen ihres dunkelbraunen Haars, das praktisch die gleiche Länge wie Cees hat, hinter die Ohren. »Als ich dir das wegen Dylan erzählt habe ... ich wollte nicht, dass du zu ihm fährst und ihn verhaust.«

Fassungslos starre ich sie mit zusammengezogenen Brauen an. »Warum nicht? Er hat es verdient.«

»Mittlerweile bin ich anderer Ansicht.« Sie lächelt schwach, legt dabei den Kopf schräg und schielt zu Cécile, die sich gerade mit Mom unterhält. Dann sieht sie wieder mich an. Ihre grünen Augen haben einen flehenden Ausdruck angenommen. Warum werde ich gleich erfahren. »Sie haben sich wieder versöhnt –«

»Was?!« Ich wirble herum, damit ich meine Schwester zur Rede stellen kann.

Gerade als ich anfangen will, sie zusammenzustauchen, wird der Startschuss abgegeben. Die Rollstuhlfahrer sind gestartet und preschen über die Tartanbahn. Um mich herum beginnen die Zuschauer die Wettkämpfer anzufeuern.

Na warte Schwesterherz, nachher wirst du was zu hören bekommen.

Hat schon sein Vorteil so groß zu sein. Ich kann über die Köpfe der anderen sehen und entdecke Dad. In diesem Moment rauscht er an uns vorbei. Auf dem Rücken prangt seine Glückszahl in schwarzen Zahlen auf weißem Hintergrund.

»Hopp Vierundzwanzig!«

»Mach schon Dad!«

»Los, los, los John!«

»Zeig es ihnen, Schatz! Ich liebe dich!«

In ohrenbetäubender Lautstärke feuern wir ihn an, als ginge es hier um unser Leben. Oder eher um sein Leben? Diese Wettkämpfe retten ihn vor Depressionen. Sein größtes Ziel ist ein Platz auf dem Siegerpodest, und ich drücke ihm die Daumen, dass ihm sein Wunsch bald in Erfüllung geht. Vor einem Monat war er ja schon mal vierter – bis jetzt seine beste Leistung.

Chase streckt sein Handy in die Höhe und filmt. Cee steckt sich ein paar Finger zwischen die Lippen und gibt einen lauten Pfiff von sich, während ich mir die Hände vor den Mund halte und einen Trichter bilde. »Schneller Vierundzwanzig! Du schaffst das!« Ich würde gerne rufen: »Mach sie fertig!«. Allerdings befürchte ich, würde das bei den anderen Zuschauern nicht gut ankommen. Daher schreie ich einfach immer wieder dasselbe. Bis die letzte Kurve kommt, bin ich heiser. Egal, meine Hopp-Rufe werden schneller, wie auch das Tempo der sechs Teilnehmer. Wenn Dad jetzt unter den ersten drei durchs Ziel kommt, ist er eine Runde weiter. Ich halte die Luft an und drücke die Daumen. Der erste ist soeben über die Linie. Dad kämpft Kopf an Kopf mit zwei anderen um den zweiten, dritten und vierten Platz.

»Bitte Dad, bitte«, flüstere ich, bete beinahe.

Em boxt mir ihren Ellbogen in die Seite, als ich nicht reagiere. Verwundert sehe ich auf sie hinab. Sie strahlt mich an, und erst da merke ich, dass Dad auf dem zweiten Platz gelandet ist.

Die Zuschauer verteilen sich in alle Richtungen. Nach einigen Minuten kommt Dad mit feuchter Stirn zu uns. Mom reicht ihm sofort ein Handtuch, mit dem er sich den Schweiß abwischen kann, ehe sie ihn ganze fünf Minuten lang abknutscht.

»Lass ihn wieder mal Luft holen, Mom«, meint Coben mit verzogenem Gesicht.

Mom lächelt nur, drückt Dad nochmal einen langen Kuss auf den Mund und hält ihm dann eine Flasche Wasser hin. »Ich bin wahnsinnig stolz auf dich«, meint sie, fährt ihm mit der Hand über die Wange, bevor sie uns Platz macht.

Ich klopfe ihm stolz auf die Schulter. »Unglaublich, Dad. Das war vielleicht ein Rennen.«

Er strahlt, als er nickt. »Die letzten paar Metern waren ein hartes Stück. Ich dachte schon, ich würde mir trotz Handschuhe die Hände verbrennen, so heiß wurde es unter meinen Finger.«

»Angeber«, meint Kyle lachend.

Wir fallen alle in sein Lachen ein. Ich lasse meinen Blick über meine Familie schweifen. Mich überkommt ein warmes Gefühl, während ich in die erfreuten Gesichter blicke. Und zum allerersten Mal in meinem Leben frage ich mich, ob ich auch irgendwann eine eigene haben werde.

Sofort schüttle ich den Gedanken wieder ab. Ich liebe meine Familie, aber selbst eine? Nein. Dafür bin ich nicht stark genug - in vielerlei Hinsicht.

Da Dad erst wieder in neunzig Minuten antreten muss, suchen wir uns einen Platz, wo wir uns hinsetzen und etwas essen können. Es werden Witze gerissen, Sachen hin- und hergeworfen und Mahnungen von Mom ausgesprochen, die jedoch niemand ernst nimmt. Ich mag solche Sonntage, wo alle zusammensitzen und glücklich sind. Ich mag es, wie Cécile strahlt, trotzdem werde ich noch ein Hühnchen mit ihr rupfen müssen.

Dad macht sich fertig für seinen nächsten Wettkampf, wir anderen positionieren uns wieder an der Seite, um ihn mit unseren ohrenbetäubenden Schreien und Rufen anzuheizen.

An der Startlinie haben sich wieder sechs in Stellung gebracht, warten darauf, dass endlich der Startschuss fällt. Gegen den einen musste Dad schon in seinem ersten Lauf antreten. Der war richtig schnell. Ich denke, Dad hat keine Chance gegen den. Das macht nichts. Hauptsache er ist wieder unter den ersten drei, damit er eine Chance aufs Final hat.

»Hopp, mach schon!«, brüllt Kyle neben mir, dabei erleide ich beinahe einen Hörsturz.

Hannah hopst wie ein Hase auf der Stelle und ruft immer wieder Dads Startnummer, als er auf die erste Kurve zurast.

Em und Coben pfeifen, was das Zeug hält.

Mom dreht nervös an ihrem Ehering, beißt sich ständig in die Lippen und beobachtet Dad mit Argusaugen. »Bitte halte dich etwas zurück. Bitte nimm Abstand«, flüstert sie fast ehrfürchtig. »Bitte -«

Ich verstehe nicht, was sich vor meinen Augen abspielt. Ich verstehe nicht, warum zwei Rennfahrer mit ihren Rollstühlen durch die Luft fliegen. Ich verstehe nicht, wie Dad plötzlich unter seinem Rollstuhl liegt, statt auf ihm zu sitzen, um mit ihm über die Ziellinie zu rasen. Vielleicht will ich es auch einfach nicht wahrhaben. Ich will nicht glauben, dass Dad bewegungslos am Boden liegt.

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449,59 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
323 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783742769541
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:
Вторая книга в серии "Little Pearl"
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