Читать книгу: «Little Pearl»

Шрифт:

Madlen Schaffhauser

Little Pearl

verraten

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Danksagung

Über die Autorin

Weitere Bücher von Madlen Schaffhauser Kim & Liam – Für immer Du

I fight for you – Gefährliches Spiel

Damian – Falsche Hoffnung

Damian – Vertrauen

Tödliches Verlangen

Gesucht Gefunden

Machtspiel

Impressum neobooks

Zu diesem Buch

»Wenn ich dazu geboren wäre, jemanden zu lieben, wärst du diejenige, der ich mein Herz schenken würde.«

Cécile Johnson lebt in einer Kleinstadt, wo sie ein erfolgreiches Bed & Breakfast leitet. Eines Tages bittet sie Dylan um einen Gefallen - den größten Bad Boy von Little Pearl. Bestimmt nicht hat sie erwartet, dass sie sich in ihn verlieben würde. Sie wurde von allen gewarnt, doch sie wollte nichts davon hören. Sie war zu blind von seinem Aussehen, von seinen geheimnisvollen Augen. Zu sehr versuchte sie, ihn zu retten.

Nie hat sie damit gerechnet, dass ihr Herz in einzelne Stücke zerteilt werden würde.

Von ihm.

Widmung

Für meine Leser

Kapitel 1

O Mannomann, wenn meine Eltern wüssten, wohin ich auf dem Weg bin, würden sie mich sofort knebeln und mich in meinem Haus einsperren. Egal, dass ich schon sechsundzwanzig bin und seit drei Jahren erfolgreich ein Bed and Breakfast führe. Meine Mom und mein Dad würden in diesem Punkt keine Ausrede dulden. Allerdings ist es Dads Reaktion, vor der ich mich am meisten fürchte. Dabei möchte ich bloß den antiken Kasten, der noch von meiner Urgroßmutter stammt, restaurieren lassen. Ich möchte ihm wieder etwas vom Glanz und der Schönheit zurückgeben, in denen er vor Jahren gestrahlt haben muss. Aber das verstehen weder meine Eltern noch meine Brüder nicht. Sie würden das alte Möbelstück eher ersetzen, als aufzufrischen. Nur können sie mich nicht von meinen Plänen abhalten, weshalb ich jetzt meinen alten, verbeulten roten Toyota Yaris zu Mr. Moores Grundstück steuere.

Draußen herrschen nicht mal zehn Grad und der Wind bläst heute besonders stark um die Häuser, trotzdem ist mir heiß. Wahrscheinlich sind es nur meine Nerven, die Blank liegen. Ja, das muss es sein, denn auch mein Herz schlägt etwas zu schnell gegen den Brustkorb. Aber das würde ich natürlich meiner Familie gegenüber nie zugeben.

Ich höre meine vier Brüder gleichzeitig entsetzt fragen: »Was hast du dir dabei nur gedacht? Bist du verrückt, zu diesem Spinner zu fahren? Willst du Ärger mit mir? Ich habe dir doch gesagt, du hast bei diesem Typ nichts verloren. Was davon hast du nicht verstanden?«

Wenn ich ehrlich bin, habe ich nur daran gedacht, Urgroßmutters Erbe aufzupolieren. Und auch wenn mich wegen der Stimmen meiner Brüder plötzlich Zweifel überkommen, so gibt es kein Zurück mehr. Ich bin schon viel zu nah an meinem Ziel, als dass ich umkehren könnte.

Seine Werkstatt liegt etwas außerhalb des Dorfkerns, was eher ungewöhnlich ist. Normalerweise streiten sich die Geschäfte von Little Pearl darum, einen Platz an der Main Street zu ergattern. Doch anscheinend mag es Dylan Sawyer lieber abgelegen und einsam, wie mir der Weg zu Mr. Moores Grundstück eben zeigt.

Obwohl ich Mr. Moore seit zehn Jahren kenne, bin ich noch kein einziges Mal zu seinem Haus gefahren. Ich hatte bis heute auch noch nie einen Grund dazu.

Ich biege nach rechts und nach wenigen Metern überquere ich einen kleinen Bach. Dann folge ich längere Zeit einem Waldrand, bis ich schließlich am Ende der Straße ankomme. Und somit vor dem Haus meines Gärtners stehe.

Ich bin nicht sicher, was ich erwartet habe, aber das, was ich hier zu sehen bekomme, überrascht mich. Vor mir steht ein ziemlich großes, zwar altes, dennoch gepflegtes Haus. Die Fassade ist aus hellbraunem Holz, während die Fensterrahmen und die Tür in hellem weiß sind. Es macht den Anschein, als wäre es vor gar nicht langer Zeit renoviert worden.

Vor dem Eingang geht eine Treppe hoch auf eine gedeckte Veranda. Sie erstreckt sich über die ganze Breite und die gesamte Linksseite. Das Haus ist zweistöckig. Und ich frage mich sofort, was Mr. Moore mit all diesem Platz macht. Soweit ich weiß, lebt er allein, seit seine Frau vor fünf Jahren gestorben ist.

Ich halte auf der linken Seite des Grundstücks neben einem schwarzen Pick-up, der unter einer Eiche steht, und mit großer Wahrscheinlichkeit Sawyer gehört. Bevor ich mich überwinden kann auszusteigen, klappe ich meine Sonnenblende nach unten und öffne die Abdeckung des Spiegels, um meinen Anblick zu kontrollieren. Ich befeuchte meinen Zeigefinger und wische damit etwas schwarzen Kajal, durch den meine blauen Augen besonders hervorstechen, unter den äußeren Augenwinkel weg. Schnell kämme ich mir mit den Fingern noch durch meine blonden Haare, die mir knapp bis zur Schulter reichen. Ich atme nochmals tief durch, ehe ich die Autotür aufmache, meine Unterlagen unter den Arm klemme und mich zu Sawyers Werkstatt aufmache, die rechts an Moores Haus angrenzt.

Sawyers Werkstatt war ursprünglich eine Garage, wie mir Moore mal erklärt hat, und die er nun Dylan vermietet. Sie hat ein weißes Doppeltor. Auf der linken Seite gibt es eine Tür, die einen Spalt offen steht. Über der Garage entdecke ich zwei Gauben. Ich wundere mich über den weiteren Platz.

Hinter dem Grundstück folgt dichter Wald. Es wäre nichts für mich, hier zu wohnen, umzingelt von Bäumen, die schnell Dunkelheit bringen. Außerdem diese Abgeschiedenheit ... Moores Nachbar liegt Meilen zurück. Das letzte Haus sah ich, ehe ich am Bach die Brücke überquert habe. Aber wenn sich Mr. Moore hier wohl fühlt ... Ich zucke innerlich mit den Schultern. Jedem das Seine.

Nur, mache ich das Richtige, alleine hier zu sein, obwohl mich alle vor Sawyer gewarnt haben?

Ich schüttle meine aufkeimenden Gedanken ab. Mr. Moore hat nur in den besten Tönen von Dylan Sawyer und seiner Arbeit gesprochen, also, warum sollte ich vor diesem jungen Mann Angst haben?

Mit Fotos von dem Möbelstück, das ich gerne restauriert haben möchte und wegen dem ich hier bin, gehe ich zum Seiteneingang, aus dem Schleifgeräusche dringen. Als ich sie aufziehe, gibt sie keinen Mucks von sich. Ich bin überrascht über diesen makellosen Zustand. Wie ich Moore kenne, hat er bei der Renovation alles, was er kann, selbst gemacht. Doch er ist bald siebzig, und ich glaube nicht, dass er all diese Erneuerungen am Haus und diesem Nebengebäude alleine gemacht hat. Ich bin fast davon überzeugt, dass ihm Sawyer dabei geholfen hat. Daher kann dieser seltsame Kerl, wie ihn alle nennen, gar kein so übler Typ sein.

Es kursieren viele Gerüchte über ihn, auch Pru, eine Freundin aus der Schulzeit, und die gerne ein großes Maul führt, hat schon manches über ihn erzählt. Aber ich glaube eher, diese Geschichten sind alle frei erfunden. Trotzdem haben sie eine gewisse Unsicherheit hinterlassen, und ich versuche mich ständig davon zu überzeugen, dass er ein ganz normaler Mann ist, der einfach lieber für sich ist, als unter die Leute zu gehen. Denn soviel ich weiß, gibt er sich nur mit seinem Vermieter ab. In den zwei Jahren, die er nun in unserer Kleinstadt lebt, hat er sich so gut wie noch nie blicken lassen. Er geht nicht in die örtlichen Pubs, lässt sich nicht an unseren verrückten Stadtfesten blicken, und auch im Kino habe ich ihn noch nie gesehen.

Vielleicht steht er schlicht nicht auf Unterhaltung oder darauf mit Kumpels ein Bier trinken zu gehen.

Das Schleifen hat aufgehört, als ich die Tür hinter mir zuziehe. Sawyer steht mit dem Rücken zu mir, gebeugt vor einer Werkbank. Er hat mich nicht bemerkt, wie mir seine Haltung zeigt, und so nutze ich den Moment, um seine Werkstatt in Augenschein zu nehmen. Sie ist vollgestellt mit Regalen und Werkbänken. Und es riecht ein wenig nach Sägemehl und Politur. Der Raum ist größer, als ich erwartet habe. Ein großes Fenster sowie einige Lampen an der Decke sorgen für Licht. Verschiedenste Werkzeuge hängen an der Wand. Auf Regalen reihen sich unzählige Farb-, Lackier-, Holzöl- und was weiß ich noch für Dosen. Ich habe ein riesiges Chaos erwartet, doch hier scheint alles seinen genauen Platz zu haben. Es gibt eine zweite Tür. Wahrscheinlich führt dahinter eine Treppe nach oben. In einer Ecke stapelt sich Holz. Daneben steht ein antikes Sofa. Der Stoff ist völlig durchgesessen. Das Holz der gebogenen Beine und der kunstvollen Rückenlehne ist nur noch ein schwaches Braun.

Schließlich schweift mein Blick zurück zu Dylan, der in seine Arbeit versunken scheint. Gerade pustet er über das Holz und Staub fliegt durch die Luft. Er trägt eine verwaschene Jeans und ein schwarzes Langarmshirt. Auf der Schulter ist ein kleines Loch, die Ärmel hat er über die Ellbogen hochgeschoben. Sein Bizeps wölbt sich, als er mit dem Schleifpapier über die Holzplatte fährt. Er hat auf beiden Armen Tattoos, die unter dem Stoff seines Oberteils weiterlaufen. Links ein Drache in schwarz und grau, wenn mich nicht alles täuscht. Das auf dem anderen Arm kann ich nicht erkennen.

Ich wage einen Schritt, um ihn auf mich aufmerksam zu machen und wandere mit meinem Blick weiter über seinen durchtrainierten Körper. Sein Haar ist braunschwarz, an den Seiten und im Nacken kurz, oben etwas länger, das ihm jetzt in die Stirn fällt.

Mein Herz setzt einen Moment aus. Ich kann kaum noch atmen.

Seine braunen Augen blicken geradewegs in meine. Sie durchbohren mich.

»Hast du noch nie etwas von Anklopfen gehört?« Eine Menge Feindseligkeit schwingt in seiner Stimme mit, trotzdem entgeht mir nicht, wie tief sie ist. Wie angenehm tief.

Ich habe mich bereits seit längerer Zeit auf dieses Treffen vorbereitet, bin meine Begrüßung immer und immer wieder durchgegangen. Doch jetzt wo ich den Mann, der in meinem Alter sein muss und mich ansieht, als wäre ich ein Eindringling, fällt mir nichts Besseres ein, wie ihn zu fragen: »Sind Sie Mr. Sawyer? Dylan Sawyer?«

Er zieht seine dicken Brauen hoch. »Willst du mich verarschen?«

»N... nein«, stammle ich verlegen und verlagere mein Gewicht von einem Bein aufs andere.

Als ich nichts weiter anfüge, legt er sein Schleifpapier aus der Hand und klopft den Staub von seinen Fingern, ehe er sie in seine Hüfte stemmt. Er hat eine beeindruckende Statur. Mir sollte sowas nicht auffallen, dennoch gleitet mein Blick auf seine breiten Schultern und wie sich sein eng anliegendes Oberteil über der Brust spannt.

»Was willst du hier?«

Sofort laufe ich rot an und fühle mich ertappt. Ich schlage die Augen nieder und starre auf den grauen Betonboden. »Ich ... ich.« Herrgott nochmal, dieser Typ bringt mich mit seiner schroffen Art ganz durcheinander und katapultiert mich ins Schulzimmer zurück. Mir ist, als wäre ich wieder ein kleines Mädchen, das vor ihrer Klasse einen Vortrag halten muss. Ich habe es gehasst. »Nun ... ich habe Sie gesucht.«

»Könntest du dich klarer ausdrücken?«

Ich hebe den Kopf und halte seinem kalten Blick stand.

Nach wie vor steht er mit seinen Händen in die Seite gestemmt vor mir und sieht mich mit missbilligender Miene an.

Ich frage mich, wie er zu seinen Aufträgen kommt. So mürrisch kann er doch nichts an Land ziehen. Oder ist er nur zu mir so?

»Verhältst du dich immer so unfreundlich?« Ich verschränke meine Arme vor der Brust, die Fotos dazwischen geklemmt. Endlich habe ich meine Stimme wieder. Auch kann er meine Höflichkeit vergessen.

Ein amüsierter Ausdruck huscht über sein Gesicht. Aber so schnell, dass ich glaube, es mir nur eingebildet zu haben.

Er zieht seine Augen zu schmalen Schlitzen. »Du nennst das unfreundlich? Du hast mich noch nicht erlebt, wenn ich das wirklich bin.« Sawyer zieht seine Mundwinkel hoch und grinst mir hämisch zu. »Na, sag schon, Blondchen, was willst du hier?«

Auch wenn er sich aufführt wie ein arroganter Mistkerl, kann ich seinem Blick nicht ausweichen. Seine Augen rauben mir den Atem.

Die Papiere in meinen Armen rascheln und erinnern mich daran, aus welchem Grund ich in seiner Werkstatt stehe. »Ich wollte dich fragen, ob du mir einen Kasten auffrischen könntest.« Es ist besser, ich komme schnell auf den Punkt und verschwinde wieder, ehe er noch mehr Gemeinheiten von sich schleudert. »Er stammt von meiner Urgroßmutter und steht seit Jahren im Esszimmer ohne einmal geölt worden zu sein, oder was auch immer nötig ist, um ihm seinen Glanz zurückzugeben. Das möchte ich ändern lassen. Nur verstehe ich nichts davon. Mr. Moore ...«

»Der gute alte Mr. Moore, war ja klar«, unterbricht er mich. »Was hat er denn so schönes gesagt?«

Ich bin schockiert über seinen Sarkasmus, aber davon lasse ich mich nicht unterkriegen. Wusste ich doch, dass dieses Gespräch nicht einfach werden würde. »Du wärst ein richtiges Genie. Etwas ungehobelt im Umgang mit Menschen, doch sonst ein unschlagbarer Künstler in diesem Metier.«

Für eine winzige Sekunde glaube ich so etwas wie Verblüffung in seinen Augen zu lesen. Aber bei seinem kalten Blick, der wieder seine Mimik beherrscht, schüttle ich innerlich den Kopf und sage mir, dass meine Brüder mit ihren Annahmen vielleicht doch recht hatten. Dieser Mr. Eisig ist auf jeden Fall schwierig.

»Dylan, richtig?« Als er nickt, frage ich: »Würdest du dir eventuell mal die Fotos ansehen?«

Einen Augenblick lang starrt er mich bloß an und als ich schon denke, er setze mich vor die Tür, obwohl ich gar nichts getan habe, winkt er mich zu sich. »Klar.«

Ich breite die Fotos vor uns auf der Holzplatte aus, die er vorhin bearbeitet hat. Ich habe den Schrank von drei Seiten fotografiert, damit sich Sawyer ein Bild machen kann.

Dylan hat eine Hand an seinem Kinn, mit der anderen nimmt er ein Blatt nach dem anderen und betrachtet es eingehend.

Ich sollte mich auf etwas anderes konzentrieren als auf seine langen Finger und seinen männlichen Duft, der leicht nach einem Aftershave und Zigarette riecht. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Diese Mischung ist betörend. Sie macht mich benommen.

»... genügen die Fotos nicht.«

Erschrocken reiße ich die Lider auf, um gleich ins schönste Kaffeebraun zu blicken, das ich je gesehen habe - und das sofort ein Kribbeln durch meinen Körper jagt.

Was hat er gesagt? Ich suche in meinem Hirn nach Dylans Worten, die er in den letzten Sekunden zu mir gesagt hat, aber mir entzieht sich alles, bis auf seine gepflegten Hände und dass er einen ganzen Kopf größer ist als ich.

O Gott, O Gott, ich schäme mich. Warum hat dieser Kerl solch eine Wirkung auf mich?

»Wie?«, frage ich nach. Dabei bin ich selbst überrascht, wie gelassen ich klinge.

»Hättest du womöglich die Güte, mir zuzuhören?« Sein Mundwinkel zuckt, als müsse er ein Lächeln zurückhalten. Aber wahrscheinlich täusche ich mich bloß. Denn nach wie vor wirkt seine Mimik grimmig.

Ich spüre, wie mir die Röte in die Wange steigt. Schon das zweite Mal, seit ich mich in dieser Werkstatt befinde. »Sicher, sicher«, sage ich und streiche mir eine Haarsträhne hinters Ohr.

»Und, was habe ich gesagt?« Er hört sich wie ein Lehrer an. Als er dann noch seine Arme vor der Brust verschränkt, vervollständigt er mein Bild.

»Könntest du es möglicherweise wiederholen?«, bitte ich ihn mit einem schwachen Lächeln.

»Ihn zu restaurieren ist im Grunde keine große Sache. Wenn du aber eine genaue Offerte haben möchtest, muss ich ihn mir ansehen.«

Oh, oh. Da kommen wir zum ersten meiner Probleme. Wenn meine Familie Dylan im Bed and Breakfast sieht, macht sie mir die Hölle heiß.

Ich denke einen Augenblick nach und entscheide mich dann für den einfacheren Weg. »Das geht schon. Wann kannst du ihn abholen?« Ich sollte ihm eine Zeit vorschlagen, dann wenn alle in der Arbeit sind oder ihre Einkäufe machen, und ich nicht dem Risiko ausgesetzt bin, dass sie ihm im B&B über den Weg laufen. Stattdessen überlasse ich ihm die Planung.

»In den nächsten zwei Wochen habe ich noch zu tun.« Er zeigt auf die rotweiße Couch, die ich schon gesehen habe, als ich reingekommen bin. »Danach könnte ich mich um deinen Schrank kümmern.«

Ich nicke und lächle ihn an. »Okay, danke«, meine ich, wende den Blick ab und sammle die Blätter ein.

»Sag erst danke, wenn ich meine Arbeit gemacht habe.«

Warum habe ich geglaubt, er würde mir ebenfalls ein Lächeln oder wenigstens eine Andeutung davon schenken? Oder mir für den Auftrag danken? Und warum überrascht mich seine letzte Bemerkung noch? Habe ich wirklich gedacht, die Auftragserteilung würde ihn freundlicher stimmen? Innerlich verdrehe ich die Augen.

»Wirst du bei der Verladung Hilfe brauchen?«

Dylan verneint mit einem kurzen Kopfschütteln, dabei fallen ihm die Haare ins Gesicht. Mit einer Hand streicht er sie zurück und ich ertappe mich dabei, wie ich diese Aufgabe gerne übernommen hätte.

Ojeojeoje. Was hat er nur an sich, dass ich mir wünsche in sein Haar zu fassen? Oder mich frage, wann ich ihn das nächste Mal wiedersehen werde? Wie kann ich mich nur zu einem Mann hingezogen fühlen, der kälter ist als ein Stück Eis? Wahrscheinlich spielen einfach meine Hormone verrückt, da meine letzte Beziehung schon etwas länger her ist. Dass Monate vergangen sind, seit ich einen Mann berührt habe, oder von einem berührt wurde.

»Falls ich Hilfe benötige, wird mir Moore behilflich sein.« Dylan hat wieder seine Hände in die Hüften gestemmt. »Sonst noch was?«, fragt er genervt, dabei sieht er auf sein Schleifpapier.

Ich verstehe nicht, was ihn an mir aufregt, aber ich sehe zu, dass ich Land gewinne. Anscheinend will er wieder allein sein.

»Nein.« Ich drehe mich auf dem Absatz um und laufe zur Tür.

»Gib mir deine Nummer, dann kann ich mich bei dir melden, sobald ich Zeit habe.« Dylan steht in kleinem Abstand hinter mir, als ich über die Schulter zurücksehe. Er streckt mir einen kleinen Spiralblock und Stift hin.

Ich mache kehrt und gehe zwei Schritte, bis ich den Block nehmen kann. Flüchtig berühren sich unsere Finger, während sich unsere Blicke treffen. Ein sonderbares Prickeln durchläuft meinen gesamten Körper. Schnell wende ich den Kopf ab.

Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, was unsere kaum nennenswerte Berührung für Gefühle in mir ausgelöst hat. Und auf keinen Fall probiere ich es, zu begreifen.

»Ich gebe dir noch meine Adresse. Brauchst du eine Wegbeschreibung?«, frage ich, nachdem ich meine Nummer vom Handy, sowie vom Bed and Breakfast aufgeschrieben habe.

»Nicht nötig«, meint Dylan, und ich achte darauf, ihn nicht noch einmal anzufassen – auch wenn das momentan mein größter Wunsch ist -, als ich ihm den Stift zurückgebe. »Ich weiß, wer du bist, Cécile Johnson.«

Ich blinzle. Einmal. Zweimal. Ich kann nicht glauben, was er da gerade gesagt hat. Und wie himmlisch mein Name aus seinem Mund geklungen hat.

Mir liegen plötzlich unzählige Fragen auf der Zunge, aber ich gebe keinen Mucks von mir. Statt mich zu erkundigen, woher er meinen Namen kennt, nicke ich, drehe mich zur Tür und verlasse ohne Verabschiedung die Werkstatt.

Kapitel 2

Es sind bald drei Wochen vergangen, als ich bei Dylan war. Ich dachte, er würde sich melden, was er allerdings nicht getan hat. Ich war knapp davor meinen Gärtner auszufragen, wollte wissen, ob mit Dylan alles in Ordnung ist. Ob er mit seinem letzten Auftrag noch nicht zu Ende ist und ob das der Grund ist, warum er mich bis heute nicht angerufen hat. Doch das habe ich schließlich bleiben lassen. Ich wollte bei Mr. Moore nicht den Eindruck erwecken, ich würde auf Dylans Anruf warten. Oder gar jeden verdammten Tag an ihn denken.

Denn genau das mache ich. Warum? Gott, wenn ich das doch nur selbst wüsste. Aber es vergeht kaum ein Moment, an dem ich nicht seine wunderschönen braunen Augen, in denen etwas Verletztes schimmert, vor mir sehe. Es vergeht kein Morgen, an dem ich nicht wünsche, seine Stimme zu hören. Es vergeht kein Abend, an dem ich mir überlege, zu ihm zu fahren. Gott sei Dank habe ich noch so viel Verstand und lasse das sein.

Gerade als ich draußen frische Wäsche aufhängen will, kommt mir mein Gärtner entgegen. Er kennt mich schon, seit ich sechzehn war und er für meine Eltern anfing zu arbeiten, trotzdem hat er mich von Anfang an gesiezt.

»Kann ich Ihnen etwas abnehmen?« Er zeigt auf den Wäschekorb unter meinem Arm.

»Nein, nein, das schaffe ich schon.«

»Wenn Sie meinen.« Mr. Moore, ein Mann mit Glatze und einem weißen Rund-um-den-Mund-Bart bückt sich und hebt einen Rechen auf. Er legt sein Werkzeug in einen Schubkarren, der voller geschnittenem Gras ist. »Ich komme morgen wieder und werde mich um die Rosen kümmern.«

Seine grünen Augen warten offensichtlich auf ein Einverständnis von mir. Dabei überlasse ich es ihm, wann er den Rasen mäht, die Blumen tränkt, die Wege wischt oder das Laub zusammennimmt.

»Ich danke Ihnen, Mr. Moore.«

Er schenkt mir ein schwaches Lächeln, ehe er den Schubkarren ergreift. »Wie geht es Ihren Eltern?« Mein Gärtner ist ein ziemlich wortkarger Mann, dennoch fragt er praktisch täglich nach meinen Eltern, was ich unheimlich rührend von ihm finde.

»Sie haben gestern einen Ausflug ins National Aquarium gemacht.«

»Schön, schön«, meint er leicht brummend. »Dann geh ich mal.«

»Haben Sie noch einen schönen Tag.«

»Ihnen auch.«

Eigentlich hat Mr. Moore schon vor Jahren das Rentenalter erreicht, aber irgendwie scheint er es zu lieben, den Garten rund um das Bed and Breakfast instand zu halten und ihn zu pflegen. Und es scheint ihn von seinem Kummer über den Tod seiner Frau hinwegzuhelfen, weshalb ich es nicht über mich bringe, ihm zu kündigen, obwohl ich finde, dass manche Arbeiten zu schwer für ihn sind, besonders, wenn ich ihn wie jetzt mit einem gekrümmten Rücken über den Weg gehen sehe.

Seit dem Tod seiner Frau ist er etwas in sich gekehrt und hat sich von seinen Freunden zurückgezogen, aber er ist ein sehr liebenswürdiger alter Mann. Wie ein Großvater, den ich auch nach zehn Jahr noch mit Sie anrede.

Ich gehe zur Wäscheleine, die sich auf der Rückseite des Blue House Inn befindet. Meine Eltern haben das Bed and Breakfast bei der Eröffnung vor über zwanzig Jahren auf diesen Namen getauft. Er ist passend zur Fassade. Sie ist hellblau wie der Himmel. Die Veranda, die um das gesamte Haus führt und die Säulen, die das Dach über der Veranda halten, sind weiß, sowie auch die Fensterrahmen. Wenn es nach mir ginge, hätte ich dem dreistöckigen Gebäude längst eine andere Farbe verpasst. Aber es gehört nun mal meinen Eltern, sie sind die Chefs. Ich leite das B&B lediglich. Zwar einiges früher als geplant war, was mich im Großen und Ganzen nicht stört, nur hätte der Grund ein anderer sein dürfen.

Ich sehe über den großen Rasen, der zum Grundstück des Blue House Inn gehört. An verschiedenen Stellen haben wir Bänke aufgestellt, damit sich unsere Gäste ungestört unterhalten können - wenn sie das wollen. Es wirkt wie ein kleiner Park.

Vögel zwitschern munter in den Bäumen, die in der Nähe stehen. Ich liebe diese Jahreszeit, in der alles von neuem zu blühen und zu leben beginnt, und es endlich wieder wärmer wird.

Nacheinander hänge ich die Bettlaken auf. Und als mein Korb leer ist, gehe ich wieder hinein. Ich werde noch zwei Zimmer richten müssen, denn in wenigen Stunden erwarte ich vier neue Gäste - zwei Ehepaare. Für die nächsten drei Tage bin ich ausgebucht, was viel Arbeit mit sich bringt. Das ist gut, so komme ich sehr wahrscheinlich weniger dazu, an den ungehobelten Restaurator zu denken.

Im Moment bin ich allein, alle meine Gäste sind unterwegs, was ich begrüße. So kann ich ohne große Unterbrüche meinen Job erledigen. Aufräumen, noch mehr Wäsche waschen, Betten frisch beziehen, für morgen einkaufen, und, und, und. Die Liste ist unendlich lang. Aber bis am Abend werde ich alles erledigt haben und mit meiner engsten Freundin Emily etwas Essen gehen.

Am besten fange ich mit dem an, auf das ich ganz gut verzichten könnte: Toiletten putzen. Eigentlich ist es das Einzige, was mich in meinem Beruf anwidert. Ich hole also die Putzmittel hervor, ziehe Handschuhe an und beginne zu sprühen und zu schruppen. Das Telefon klingelt, als ich gerade eine Kloschüssel bearbeite. Doch ich lasse es einfach weiterläuten. Wenn es wichtig ist, wird dieser Jemand auf den AB sprechen oder es später nochmals versuchen. Ich will das Putzen so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Eine gute Stunde später stehe ich im obersten Stock. Hier gibt es zwei Zimmer. Eines davon war mal Moms Kinderzimmer. Das daneben Daniel, meinem Onkel. Nach dem Tod meiner Großmutter hat Mom das Haus geerbt und ihren Wunsch von einem Bed and Breakfast, der später auch zu meinem Traum wurde, in die Tat umgesetzt.

Ich öffne die Fenster, um ein wenig frische Luft hereinzulassen und beziehe ein Bett nach dem anderen mit neuen Laken, ehe ich den Boden sauge. Ich gehe rückwärts aus dem Zimmer, und stoße gegen eine Wand.

Erschrocken drehe ich mich um und gebe einen schrillen Schrei von mir.

Ich starre mit rasendem Herzen auf mein Hindernis.

Dylan beugt sich vor, um den Sauger abzustellen, weil ich es nicht fertigbringe, mich zu bewegen.

Erst als sich mein Puls wieder normalisiert und sich der erste Schock gelegt hat, finde ich meine Stimme wieder. »Was machst du hier?«

»Du solltest abschließen«, meint Dylan anklagend. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und funkelt mich zornig an.

Verdutzt starre ich ihn an. Ich müsste doch diejenige sein, die wütend ist? Schließlich ist er es, der sich an mich rangeschlichen hat.

Ich schlucke meinen Zorn hinunter, dabei reibe ich mir über die Stirn, auf der sich ein kleiner Schweißfilm gebildet hat. »Das ist schwierig in einem B&B.« Am Abend bestehe ich darauf, dass alle Türen verschlossen sind. Aber tagsüber ist das schier unmöglich. »War das nötig?«

»Was?«, fragt er ungerührt.

»Mir einen Schrecken einjagen!«

»Nur so lernt man aus Fehlern.«

Die Wut kriecht langsam wieder hoch. Woher nimmt er sich die Frechheit einfach so ins Haus zu kommen und mich dann noch so von oben herab zu behandeln? »Warum hast du nicht geklingelt?«

»Habe ich, aber du hast nicht aufgemacht.«

»Und dann glaubst du, du könntest so mir nichts dir nichts hereinspazieren?«

Einen Moment sieht er mich schweigsam an. Sein Mund ist zu einer schmalen Linie gepresst. »Ich wollte den Schrank holen. Es hat mich angegurkt, vergebens hierher gekurvt zu sein, also habe ich nachgesehen, ob irgendwo offen ist. Wenn du von jetzt an abschließt, wird es nicht noch einmal passieren, dass ich unangemeldet in deinem Heiligtum stehe.« Damit macht er kehrt und geht.

Verblüfft sehe ich ihm nach, wie er die Treppe runtersteigt. »Du hast gesagt, du würdest anrufen!«, krähe ich ihm nach, nachdem ich mich aus der Starre befreit habe.

»Es läuft nicht immer alles nach Plan, Prinzessin!«

Erst als ich über den Sauger steige und Dylan nach unten folge, spüre ich mein wild hämmerndes Herz. Allein Sawyers Auftauchen ist der Grund dafür. Plötzlich bekomme ich Panik, dass er schon wieder verschwinden könnte. »Wo gehst du hin?«

»Ich hole den Schrank.«

»Du weißt gar nicht, wo er steht«, rufe ich und sehe ihn gerade noch, um die Ecke ins Esszimmer biegen.

»Doch!«, kommt es zurück.

Als ich auch endlich in den ehemaligen Wohnraum komme, der zu einem Esszimmer umfunktioniert wurde, öffnet Dylan gerade die Schranktür. Sie gibt ein lautes Knarren von sich.

»Warum ist der noch voll?« Sichtlich genervt dreht er sich zu mir.

Was er kann, kann ich auch. Alles muss ich mir nicht gefallen lassen. »Wenn du angerufen hättest, hätte ich ihn vorher leerräumen können.« Ich stelle mich zwischen ihn und dem Schrank. »Außerdem bin ich keine Prinzessin«, fauche ich ihn an.

Dylan ignoriert mich geflissentlich und greift hinter mich. »Was ist das denn für Schnickschnack?« Er breitet eine weiße Spitzendtischdecke aus und rümpft die Nase. »Oder das?« Schon hat er eine zweite und eine dritte in der Hand. »Für was brauchst du das alles?«, fragt er und deutet auf den mit Decken und anderen alten Sachen vollgestopften Schrank.

»Das geht dich nichts an.« Ehrlich gesagt, überlege ich mir schon lange, was ich mit all dem Zeug machen soll. Ich finde sie zu altmodisch, als dass ich sie meinen Gästen auflegen würde. Vielleicht sollte ich es Mom überlassen, was sie damit tun will. Schließlich stammen diese Dinger von ihr und meiner Großmutter.

«Wo soll ich sie hinlegen?«

Überrascht sehe ich auf Dylans Hände, in denen er einen Stapel Stoff hält. Jetzt erkenne ich auch das Tattoo, das ich bei unserem ersten Treffen nicht richtig sehen konnte. Eigentlich sind es mehrere, die ineinander verschlungen sind. Ein Frauengesicht, das von stacheligen Ranken umrandet ist. Ich öffne schon den Mund, um ihn zu fragen, wer das ist, stattdessen sage ich: »Was machst du da?«

»Nach was sieht es denn aus?« Er schaut mich abwartend an. Als ich mich weder bewege, noch ihm sage, wo er die Sachen hinpacken soll, hebt er eine Augenbraue. »Also?«

Ich kann nicht anders, meine Mundwinkel verziehen sich zu einem breiten Grinsen.

»Was?«, fragt Dylan verärgert.

Aber seine Stimme klingt nicht so gehässig, wie ich es eigentlich von ihm gewohnt bin. Was mich dazu bringt, in sein Gesicht zu sehen. Zum ersten Mal wirken seine markanten Züge weicher. Mir bleibt fast die Luft weg, als ich seinen Augen begegne. Doch sobald er meinen Blick bemerkt, wird seine Miene wieder hart.

»Nichts, nichts.« Du siehst zum Anbeißen aus.

Solche Gedanken sollte ich nicht haben, ich weiß. Dennoch fühle ich mich zu ihm hingezogen, obwohl er sich eher wie ein Arschloch als ein Kavalier verhält.

»Du kannst sie auf den Tisch hier legen.« Ich nehme ebenfalls einen Berg weißer Deckchen und staple sie auf den uns am nächsten stehenden quadratischen Esstisch. »Aber du brauchst das nicht machen. Ich kann dich anrufen oder eine Nachricht schicken, sobald ich hier fertig bin.« Insgeheim hoffe ich, er möge meinen Vorschlag ablehnen, damit ich noch ein wenig seine Gesellschaft genießen kann.

Andererseits habe ich Angst, einer meiner Brüder könnte auftauchen. Sie wären von Dylans Anwesenheit nicht gerade begeistert. Große Untertreibung. Es würde Ärger geben zwischen ihnen und mir, was ich überhaupt nicht leiden kann.

»Keine Sache, wenn du auch etwas mehr anpacken würdest.«

Erwischt hebe ich ruckartig den Kopf, um nicht weiter auf seinen Bizeps zu starren, der sich, wenn er etwas hochhebt, deutlich unter dem feinen Baumwollstoff seines T-Shirts abzeichnet.

Dylan steht keine zwei Schritte vor mir und sieht mich mit kritischem Ausdruck auf dem Gesicht an.

»Tut mir leid«, entschuldige ich mich schnell und wende mich ab. Meine Wangen fühlen sich warm an. Hoffentlich hat er nicht bemerkt, wie peinlich es mir ist, dass er mich beim Gaffen erwischt hat. »Was glaubst du, wie lange du für die Restauration brauchst?« Ich möchte ihn so viele andere Dinge fragen, wie zum Beispiel: Was hat dich nach Little Pearl geführt? Wie alt bist du? Wo wohnen deine Eltern? Hast du eine Freundin? Allerdings getraue ich mich nicht. Ich bin neugierig aber nicht aufdringlich.

»Eine Woche.«

»Was, nur? Das ist schnell.«

»Nicht wirklich«, sagt er, als er sich bückt und abermals in den Schrank greift. »Ach du meine Fresse«, schnauft Dylan. »Was ist denn hier noch drin?« Er nimmt eine anscheinend schwere Kartonschachtel aus dem Kasten und stellt sie auf den Boden.

»Keine Ahnung«, sage ich und sehe mich im Raum um. »O je.« Ich rolle mit den Augen. Mittlerweile sind neun der zwölf Stühle und alle sechs Tische, die um den Kamin stehen, mit Krams aus dem Schrank belegt. »Wo sollen denn jetzt die Gäste frühstücken?«

Es ist mehr ein Pusten als ein Lachen, das durchs Esszimmer geht. Während ich mir verzweifelt Gedanken über das herrschende Chaos mache, scheint sich Dylan köstlich zu amüsieren, auch wenn in seinem Gesicht nichts von Erheiterung zu lesen ist.

Ich habe ihn noch nie wirklich lachen gehört oder ihn Lächeln sehen. Und mit einem Mal frage ich mich, warum er sich verbietet, glücklich zu sein.

Er klopft sich die Hände an der Hose ab und dreht sich zum Durchgang, der in den Flur führt. »Hab ich Glück, dass das nicht mein Problem ist«, reißt mich Dylan aus meinen Überlegungen. »Ich hole den Hubroller und werde mal das Prachtstück aufladen. Wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin, werde ich dir Bescheid geben.«

»Dieses Mal wirst du mich aber erst anrufen, ehe du hier auftauchst«, sage ich bevor Dylan aus dem Raum verschwinden kann.

»Klar, Prinzessin.«

Ich stemme meine Hände in die Hüfte und werfe ihm giftige Pfeile zu. »Ich. Bin. Keine. Prinzessin. Es definiert mich mit etwas, was ich nicht bin. Kapiert?«

Er hebt bloß die Augenbrauen. »Wie du meinst, Clé.«

Verdutzt über den neuen Spitznamen, der sich irgendwie wie ein Kosewort anhört, sehe ich seinem breiten Rücken nach. Normalerweise nennen mich die anderen Cee oder Céc. Na auch egal, Hauptsache er sagt mir nicht mehr Prinzessin.

Ich muss mir unbedingt überlegen, wo ich mit den Sachen aus dem Schrank hinwill. Ich kann wohl schlecht alles liegen lassen. Also hole ich ein paar Kisten aus dem Keller, stopfe sie nacheinander voll und stelle sie im Flur unter die Treppe, wo sie weniger auffallen. Sobald ich Zeit habe, werde ich sie in den Keller verfrachten. Während ich meiner Arbeit nachgehe, kommt Dylan wieder. Vor sich her stoßend einen Transportroller. Gerade als er das Möbelstück befestigt, klingelt das Telefon.

Ich renne in den Flur, wo sich das Haustelefon auf einem Tresen, das gleichzeitig mein Empfangsbereich bildet, befindet und nehme ab. »Blue House Inn, Cécile am Apparat. Was kann ich für Sie tun?« Um in Ruhe telefonieren zu können, gehe ich in die Küche. Bevor ich mich in den angrenzenden Raum begebe, schnappe ich mir noch schnell meinen Kalender.

»Hallo, ich würde gern ein Zimmer buchen«, sagt eine männliche Stimme.

»Da sind Sie bei mir genau richtig. Wann und für wie lange möchten Sie kommen?« Während ich das frage, ziehe ich den Deckel meines Schreibers ab.

»Am achten Juli. Ich weiß, ich bin etwas spät«, fügt er schnell an, »aber ich hoffe, Sie haben dann noch ein Zimmer für mich und meine Freundin.«

»Warten Sie bitte einen kurzen Moment. Ich muss in meiner Agenda nachsehen«, sage ich dem Mann am anderen Ende der Leitung und blättere währenddessen im Kalender. »Sie haben Glück. Ich habe da noch ein Zimmer. Es wird Ihnen gefallen.« Ich lächle in den Hörer, weil nun alle sechs Zimmer für den gesamten Monat vermietet sind. »Für wen darf ich also die Buchung aufnehmen?«

Nachdem mir der Mann seinen Namen und Adresse durchgegeben hat, lege ich auf und gehe grinsend ins Esszimmer, um mit Dylan meine Freude zu teilen, obwohl es ihm wahrscheinlich am Hintern vorbeigeht, dass ich mich freue.

Doch als ich in den Raum trete, ist er leer. Keine Spur von Sawyer, wie auch vom alten Holzschrank nicht.

Ich hatte so sehr damit gerechnet, ihn nochmals zu sehen, ehe er das B&B verlässt. Umso enttäuschter bin ich jetzt, dass er es nicht für nötig gehalten hat, mir tschüss zu sagen. Und weil ich weitere sieben Tage warten muss, bis ich ihn wiedersehen werde.

Und danach? Dann hat er die Arbeit gemacht und wird wieder aus meinem Leben verschwinden. Ich werde ihn nicht mehr sehen oder hören, so wie vor meinem Auftrag. Als hätten wir nie miteinander gesprochen. Dieser Gedanke stimmt mich traurig.

Mit etwas weniger Enthusiasmus räume ich noch den Rest des Durcheinanders weg, das Dylan und ich angerichtet haben. Anschließend hole ich die Wäsche rein, lege sie zusammen und verstaue sie. Ich mache einen Rundgang und sehe nach, ob alle Türen verschlossen sind, bevor ich nach Hause gehe.

Gerade als ich das Blue House Inn verlassen will, kommen meine derzeit ältesten Gäste über die Auffahrt. Mr. und Mrs. Franklin.

»Hatten Sie einen schönen Ausflug?«, frage ich die beiden und halte ihnen die Tür auf.

Mrs. Franklin lächelt mich herzlich an. »Einen schönen Ort haben Sie hier. Wir sind so viel herumgelaufen, haben Gebäude und Geschäfte angesehen, dass mir jetzt die Füße wehtun.«

»Oh, das tut mir leid.«

»Ach Kindchen.« Die Frau über sechzig legt eine Hand auf meinen Arm. »Das braucht Ihnen bestimmt nicht leidtun. Ich bedauere nur, dass wir nicht schon früher hergefunden haben.« Sie lächelt mir zwinkernd zu. »Und dass Sie nicht kochen, denn dann könnten wir unsere müden Knochen etwas ausruhen. Nicht wahr, Harris?«

Der Mann nickt und gibt ein zustimmendes Brummen von sich.

»Glauben Sie mir, meine Kochkünste wollen Sie gar nicht probieren«, sage ich lachend. »Waren Sie schon im Sea Fish, gleich am Meer?«

Beide schütteln zeitgleich den Kopf.

»Ich persönlich finde das Essen da ganz fein. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen einen Tisch reservieren und ein Taxi kommen lassen.«

»Nicht nötig, Liebes, wir schaffen das schon. Sie haben schon genug für uns getan.«

»Wie Sie meinen. Wenn Sie etwas brauchen, wissen Sie ja, wie Sie mich erreichen können. Jederzeit.«

»Machen wir. Aber Sie sind noch jung, also genießen Sie endlich Ihren Feierabend.« Mrs. Franklin lächelt mich abermals an, dann geht sie hinein, gefolgt von ihrem Mann.

Ich habe noch eine gute halbe Stunde, dann erwartet mich Emily im Hometown Diner. Also laufe ich schnell nach Hause und stelle mich rasch unter die Dusche. Mein Haus liegt gleich neben dem Bed and Breakfast. Nur einen kleinen Weg über den Rasen und schon bin ich da.

Ich hätte mir ein Zimmer im B&B einrichten können, aber auch wenn ich meine Gäste mag – jedenfalls die meisten – so brauche ich doch ein Stück Privatsphäre.

Mein Haus ist nichts Weltbewegendes, ein Bungalow mit zwei Zimmer und Küche. Für mich genügt es, da ich die meiste Zeit sowieso drüben bin. Vielleicht ändert sich das ja, wenn ich eine Familie habe. Denn davon träume ich. Ich wünsche mir eine Familie mit mindestens vier Kindern. Allerdings müsste ich dazu erst einmal den Richtigen finden.

Kapitel 3

Mit noch feuchten Haaren schlüpfe ich in ein paar Jeans und ein bequemes rosa Langarmshirt. Gerade als ich die Knöpfe an der Hose schließe, läutet es an der Tür. Etwas genervt, weil ich schon spät dran bin, sehe ich durch den Spion. Das hat mir Mom beigebracht, als ich noch klein war. Niemals die Tür öffnen, wenn man nicht weiß, wer draußen steht. Obwohl mir das Ganze etwas absurd erscheint, wenn man bedenkt, welchen Job ich habe, mache ich es doch ganz vorbildlich.

Als ich die dunkelbraunen, kinnlangen Haare mit Pony meiner besten Freundin erkenne und sie mich durchs Guckloch mit einer Grimasse begrüßt, entferne ich die Sicherheitskette.

»Was machst du denn hier? Ich dachte, wir würden uns im Diner treffen.« Wir umarmen uns, ehe ich ins Bad zurückgehe, um mich fertig zu machen.

»Da ich mir fast sicher war, dass du nicht rechtzeitig da sein würdest, dachte ich mir, ich könnte auch bei dir warten, statt alleine in einem Restaurant und dabei von allen angegafft zu werden, weil man ohne Begleitung dasitzt. Und siehe da, ich hatte recht.« Sie zupft an meinem Haar. »Die sind ja noch ganz feucht.«

»Wie war dein Tag?«, frage ich, ohne auf ihre Neckereien einzugehen.

Emily lehnt sich mit dem Hintern an den Waschtisch und stützt die Hände darauf. »Ganz in Ordnung.«

Ich höre auf meine Haare zu kämmen und blicke zu meiner Freundin. Etwas in ihrer Stimme lässt mich aufhorchen. »Das klingt nicht gerade begeistert. Lässt dich Matthew immer noch nicht in Ruhe?«

Emily winkt lässig ab, doch ihre grünen Augen sagen etwas anderes.

»Das ist der eigentliche Grund, warum du jetzt hier bist, stimmt’s?«

Ihre Mundwinkel wölben sich ein klein wenig. »Schon unglaublich, wie gut wir uns kennen, nicht?«

Emily und ich sind seit der Grundschule engste Freundinnen. Ich war etwas die Lautere, sie die Scheue. Doch wir verstanden uns auf Anhieb. Haben uns alles erzählt, nie etwas voreinander verheimlicht. Manchmal brauchte es nur einen Blick oder eine Stimmlage und wir wussten, wie es dem anderen geht. So auch jetzt.

»Was hat er getan?«

»Eigentlich nichts«, seufzt sie. »Er hat nur einen großen Blumenstrauß mit meinen Lieblingsblumen vor die Tür gestellt.«

Ihre Mimik gefällt mir nicht. Sie liebt Matthew immer noch. Kein Wunder schließlich waren sie acht Jahre ein Paar. Das Traumpaar von Little Pearl. Sie hatten schon genaue Zukunftspläne. Doch dann, während eines Streits, schlug er ihr mehrmals mitten ins Gesicht.

Mich schüttelt es, wenn ich bloß daran denke. Wie kann man einem Menschen, den man angeblich über alles liebt, nur so etwas antun? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, ohne auf eine Antwort zu kommen.

Ich habe Emilys geschwollene Wange und das blaue Auge gesehen, was vollkommen ausreicht, um sie vor ihrem Ex beschützen zu wollen. Und leider auch vor sich selbst, wie sich in diesem Moment wieder zeigt.

Sie sieht mich nicht an und ihre Stimme ist ziemlich leise. »Es ist doch nur einmal passiert.«

»Einmal zu viel.« Es macht mich traurig, dass sie immer noch versucht, Matthews Handgreiflichkeiten schönzureden.

Ohne ein weiteres Wort gehe ich in die Küche, nehme mein Handy vom Tisch, scrolle durch die Galerie und kehre ins Bad zurück, wo Emily immer noch ans Waschbecken gelehnt dasteht.

Sie weiß ganz genau, was jetzt kommt. Ich erkenne es an ihren glänzenden Augen. Meine Methode, ihr ins Gedächtnis zu rufen, was Matthew mit ihr gemacht hat, ist vielleicht etwas brutal, aber sehr erfolgreich.

Ich drehe mein Smartphone um, das ich an meine Brust gedrückt hatte und zeige ihr das Foto, das ich damals aus einem Impuls heraus, geschossen habe. »Siehst du dich?«

Emily nickt, mittlerweile rollen ihr Tränen über die Wangen.

Ich ziehe sie in eine feste Umarmung, muss mich beherrschen, nicht ebenfalls zu weinen. »Du wirst einen Besseren finden. Einen der sich nicht an dir vergreift. Der dich schätz und liebt, wie du es verdient hast«, flüstere ich ihr ins Ohr und fahre ihr sanft über die Haare.

»Du bist die tollste Freundin, die man sich wünschen kann, weißt du das?«, murmelt sie irgendwann in mein Shirt, ehe sie sich aus meinen Armen löst.

Ich lächle sie an, ziehe ein Taschentuch aus der Kleenex-Box, die auf dem Waschbecken steht und reiche es ihr. »Das ist gar keine Frage«, antworte ich spöttisch.

Als Emily herzhaft lacht und mich versucht in den Oberarm zu knuffen, ich ihr jedoch gerade noch ausweichen kann, weiß ich, dass wir das große Übel für heute abwenden konnten.

»Vielleicht solltest du ein anderes Shirt anziehen«, meint sie lässig, ehe sie sich zum Spiegel über dem Waschbecken dreht und den verschmierten Mascara wegwischt.

Mein rosa Oberteil ist voll schwarzer Wimperntusche.

Emily sieht mich über den Spiegel entschuldigend an.

»Kein Ding.« Ich gehe über den Flur in mein Schlafzimmer. »Wenigstens muss ich mir die Haare nicht mehr föhnen«, rufe ich, während ich im Schrank nach einem neuen Kleidungsstück suche. Letztendlich ziehe ich meine schwarze Lieblingsbluse an. »Wollen wir? Ich habe einen Mordshunger.« Emily wirft eben das gebrauchte Taschentuch weg, als ich wieder zu ihr gehe und den letzten Knopf zumache.

»Meiner knurrt auch schon.« Wie zur Unterstreichung legt sie ihre Hände auf den Bauch.

Das Hometown Diner ist höchstens zehn Gehminuten von meinem Haus entfernt, weshalb wir uns entschließen zu Fuß zu gehen. Bevor wir um die Ecke biegen, werfe ich noch einen Blick auf mein B&B. Einen Kontrollblick, wie Emily mich immer aufzieht. Alles scheint in Ordnung zu sein. Also hake mich bei meiner Freundin ein und ziehe sie die Straße entlang. Im Zentrum herrscht noch reges Treiben, als wir in die Main Street kommen. Während im Winter nur vereinzelte Touristen hierher finden, verhält es sich in den anderen Jahreszeiten genau andersrum. Von Frühling bis Herbst verdoppelt - wenn nicht gar verdreifacht - sich hier die Einwohnerzahl. Die Häuser aus rotem Backstein und viktorianischem Baustil und die überdachten Fußwege vor den Ladenfenstern ziehen jedes Jahr tausende Urlauber an. Was gut für mein Geschäft ist.

Emily betritt vor mir das Diner - es ist so etwas wie unser Stammlokal -, und ich folge ihr an einen freien Tisch. Die Einrichtung stammt aus den Fünfzigern. Sitzbänke aus roten Polstern. Graue Tische und schwarz, weiße Fliesen. Es gibt sogar noch eine alte Jukebox, die regelmäßig bedient wird.

Praktisch alle Plätze sind besetzt. Ich gönne es Dan - ein alter Freund meiner Eltern -, dass sein Restaurant auch nach Jahren noch einen so großen Erfolg bei den Touristen hat. Was bestimmt nicht allein an der Lage liegt. Er und seine Frau versprühen eine angenehme Atmosphäre, wissen, wie man die Gäste behandeln muss, damit sie wiederkommen. Das beste Beispiel dafür sind Emily und ich. Seit ich zurückdenken kann, komme ich mindestens einmal in der Woche hierher, um einen riesigen Burger zu verschlingen.

»Na ihr zwei.« Leyla, Dans Adoptivtochter steht an unserem Tisch und lächelt uns freundlich an. In der Hand hält sie schon ihren Block und Stift, obwohl sie unsere Bestellung auswendig kann. Denn wir nehmen immer dasselbe. »Ich habe mich schon gefragt, wann ihr vorbeikommt.« Sie zwinkert uns belustigt zu.

Leyla ist vier oder fünf Jahre älter als wir. So viel mir meine Eltern erzählt haben, wurde sie, nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, mit sechs Jahren von ihrem Onkel adoptiert. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Der hat sich vom Acker gemacht, als Leylas Mom noch schwanger war.

Trotz ihrer Vergangenheit sieht man sie eigentlich ständig strahlen.

»Wow, wo sind deine Haare geblieben?«, fragt Emily und sieht Leyla mit großen Augen an.

Unsere Bedienung fährt sich durch die neue Frisur. »Ich wollte mal etwas anderes ausprobieren.«

Seit ich sie kenne, hatte sie lange schwarze Haare, die ihr bis über die Mitte des Rückens reichten. Jetzt fallen sie ihr nicht mal mehr über die Schulter.

»Steht dir«, sage ich.

»Danke.« Sie macht eine kleine Verbeugung. »Also, was darf’s sein?«

»Wie immer«, antworten Emily und ich wie aus einem Mund.

»War ja klar.« Leyla verdreht amüsiert die Augen. »Kommt sofort.« Damit macht sie auf ihren hohen Absätzen kehrt.

Em und ich grinsen, als wir hören, wie Leyla unsere Namen in die Küche ruft. Anscheinend genügt das Dan, um zu wissen, was er als nächstes zubereiten muss.

Emily lässt sich in die Polster sinken und sieht mich aufmerksam an. Ihr Blick durchbohrt mich fast und ich frage mich, was sie sucht.

Sie braucht nicht mal etwas zu sagen, damit meine Wangen zu glühen beginnen.

»Raus mit der Sprache.«

»Mit was?«

»Warum deine Backen gerötet sind.«

Ich wische mit der Hand über mein Gesicht, als wäre ich schmutzig.

»Ist immer noch da«, sagt meine Freundin vergnügt. »Also?«

»Ich weiß nicht, was du meinst.« Dabei bin ich es, die nicht versteht, warum ich gerade jetzt an den Typ denken muss, der mir seit gut drei Wochen den Kopf verdreht.

Emily lehnt sich nach vorn, stützt ihre Unterarme auf den Tisch und legt den Kopf schräg. »Wer ist es?«

Ich habe niemandem verraten, dass ich bei Sawyer war und ihn für einen Auftrag angeheuert habe. Vielleicht weiß es Mr. Moore, dann aber nur, weil es ihm Dylan erzählt hat.

»Ich war bei Dylan Sawyer.« Ich knete meine Hände, weil ich auf einmal nervös bin. Em und ich haben uns geschworen, uns von Bad Boys fernzuhalten. Besonders nach dem Zwischenfall mit Matthew. Über Dylan wird nicht sehr viel Schmeichelhaftes erzählt. Obwohl die meisten Gerüchte vermutlich erfunden und erlogen sind, und ich sie nicht wirklich glaube, sind sie doch in meinem Hinterkopf. Und wenn ich an die Begegnungen mit ihm denke, ist mehr als klar, dass er kein einfacher Mensch ist.

Emily reißt die Augen auf. Ich befürchte schon, sie fallen raus, wenn sie sie nicht bald wieder kleiner macht. »Du warst bei Sawyer? Bei dem, der bei deinem Gärtner seine Werkstatt hat?«

Ich nicke mehrmals. »Genau bei dem.«

»Was hast du denn bei dem gesucht?« Sie klingt schockiert.

Wäre ich wahrscheinlich auch, wenn sie mir erzählt hätte, sie wäre bei Dylan gewesen. Nein, ich weiß, ich wäre sprachlos und hätte den Mund offen stehen, so wie Em gerade.

»Du kannst ihn wieder schließen.«

Leyla, die mit unseren Getränken zurück ist, sieht irritiert zu Emily. »Wie guckst du denn aus der Wäsche?«

Auch wenn ich es versuche, gelingt es mir nicht das Lachen zu verkneifen. Erst als ich Ems zusammengekniffenen Augen sehe, werde ich wieder mucksmäuschenstill.

»Oh, oh, ich lasse euch lieber wieder allein«, sagt Leyla rasch. »Hier dein Mountain Dew.« Sie stellt eine Flasche und ein Glas vor mich. Emily bekommt ihre Coke, dann verlässt sie unseren Tisch, nicht ohne mir vorher noch aufmunternd zuzuzwinkern.

»Du machst den anderen Angst, wenn du weiter so dreinschaust«, versuche ich Emily zu besänftigen, doch sie starrt mich weiterhin entgeistert an. »Em, bitte hör auf so eine grantige Grimasse zu ziehen. Ich war bloß bei ihm, weil ich einen antiken Schrank renovieren lassen wollte. Heute hat er ihn abgeholt.« O je, das hätte ich wohl lieber für mich behalten. Jedenfalls fürs Erste.

Denn Emilys Augenbrauen verschwinden unter ihrem Pony. »Er war bei dir?«

Ich nicke.

»Und warum hast du mir nie davon erzählt?«

»Weil es nicht wichtig ist.«

»So, so.« Sie tippt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, dabei sieht sie mir geradewegs in die Augen. Ich winde mich unter ihrem durchdringenden Blick. »Magst du ihn?«

»Was?!«, kommt es wie aus der Pistole geschossen aus meinem Mund. »Ich habe mich genau zweimal mit ihm unterhalten. Und beide Male war er ziemlich abweisend.« Trotzdem muss ich immer wieder an ihn denken. Sehe ständig seine braunen Augen. Möchte seine tiefe Stimme hören. Verspüre den Wunsch, zu ihm zu gehen, ihn zu berühren, ihm durch seine dunklen Haare zu fahren.

Emilys leises Aufseufzen reißt mich aus meinem Kopfkino und holt mich zurück in die Gegenwart. »Anscheinend haben diese zwei Treffen gereicht, um dir den Kopf zu verdrehen. Wie man sieht, gefällt dir seine rüpelhafte Art. Hast du wirklich gedacht, du könntest mir was vormachen?«

»Nein«, gebe ich geschlagen zu, »aber ich möchte nicht, dass ich so fühle.«

»Wie fühlst du denn?«

»Er ist interessant«, antworte ich ausweichend.

»So, so, interessant.«

»Guck nicht so, als wäre es falsch, jemanden attraktiv zu finden.«

»Mach ich nicht. Ich bin nur überrascht. Und wenn hier jemand irgendwie guckt, dann du.«

»Wie denn?«

»Verliebt?«

Ich verdrehe die Augen. »Du hast sie doch nicht mehr alle.«

»Ach ja? Du bist verliebt, ich lese es in deinen Augen.«

»In meinen Augen liest du gar nichts, außer vielleicht, dass du einen Knall hast.«

»Findest du?«

»Auf jeden Fall.«

»Deine Augen leuchten, seit du seinen Namen erwähnt hast. Jetzt rück mal mit der Wahrheit raus.«

Ich schlucke, will die Worte nicht aussprechen, denn wenn sie einmal gesagt worden sind, kann ich sie nicht mehr zurücknehmen. Nur ist meine Zunge schneller als mein Verstand. »Ich glaube, ich habe mich verguckt.«

»Na endlich.« Emily sieht mich mit einem frechen Grinsen an. »Wer ist jetzt verrückt?«

»Ich.«

»Da gebe ich dir ausnahmsweise recht. Ich könnte dir eins auf die Birne geben. Vielleicht funktioniert dann dein Hirn wieder.«

»Ja, das könnte klappen.«

Emily wird plötzlich nachdenklich. »Okay, lassen wir mal die Frotzeleien. Erzähl.«

Ich betrachte mein Getränk. Das Kondenswasser an der Flasche läuft in feinen Rinnsalen langsam nach unten. »Er hat etwas an sich, das mich berührt.« Ich seufze. »Ich kann es nicht erklären. Voll behämmert, nicht wahr?«

Sie lacht, wird aber gleich wieder ernst. »Jetzt mal ehrlich, hast du vergessen, was man alles über ihn sagt?«

Selten, sehr selten werde ich auf meine Freundin wütend. Jetzt ist einer dieser wenigen Momente. »Seit wann hörst du auf Gerüchte?«

»Tu ich nicht, aber ...«

»Was aber? Ich versteh dich nicht. Wir sind doch beide keine die vorschnell beurteilen. Wir kennen ihn nicht. Also, was gibt uns das Recht, ihn in eine Schublade zu stecken, in die er wahrscheinlich gar nicht hineingehört?«, frage ich aufgebracht.

Erst als ich mich im Lokal umsehe, bemerke ich die ungewöhnliche Stille, und dass alle in unsere Richtung starren. Nach und nach nehmen sie ihre Gespräche wieder auf.

»Du brauchst dich nicht so aufzuregen, ich habe verstanden.« Emily nimmt einen weiteren Schluck von ihrer Coke. »Du hast recht, man sollte niemanden nach irgendwelchem Gerede beurteilen. Es ist nur so ...«, sie befeuchtet ihre Lippen mit der Zunge, »er macht mir irgendwie Angst.«

Ich atme laut aus und verziehe dabei mein Gesicht. »Glaub mir, mir auch. Nicht, weil ich denke, er könnte gewalttätig sein, sondern vor dem was sich hinter seiner harten Schale verbirgt.«

Emily sieht mich etwas skeptisch an. »Du meinst, er spielt nur den Bad Boy?«

»Vielleicht nicht bei allem«, gebe ich meine Zweifel zu. In Gerüchten steckt immer ein Funke Wahrheit. »Dennoch bin ich überzeugt, dass es ihm mehr darum geht, mit seiner unnahbaren Art die Leute von sich fernzuhalten. Wieso sollte Mr. Moore ihm sonst die Garage vermieten? Wieso hat er mir heute geholfen den Schrank auszuräumen, obwohl er ganz eindeutig keine Lust dazu hatte?«

Emily legt ihre Arme auf den Tisch und rutscht nach vorn, bis sie mir ziemlich nah ist. »Was haben deine Eltern gesagt, dass Dylan bei dir war? Oder Evan? Oder Kyle?«, bringt sie zwei meiner aufbrausenden Brüder ins Spiel.

Ich ziehe die Schultern hoch und lasse sie gleich wieder sinken. »Sie wissen es nicht.«

»Dass er bei dir war oder dass du ihn beauftragt hast?«

»Beides«, gebe ich zu.

»Uiuiui«, meint sie händeschüttelnd, als hätte sie sich verbrannt. »Da ist Ärger vorprogrammiert.«

»Sie brauchen es ja nicht zu erfahren. Insbesondere meine Brüder.« Ich zeige mit dem Finger auf sie. »Sei also ganz still. Wenn sie dich fragen, du weißt von nichts.« Mit einem imaginären Schlüssel verschließe ich meinen Mund. »Okay?«

Em bewegt den Kopf hin und her. »Das wird nicht klappen. Spätestens dann, wenn deine Mutter bemerkt, dass der Schrank nicht mehr an seinem Platz steht, wird alles auffliegen.«

»Das wird schon«, tue ich locker und setze ein Lächeln auf.

Emily lächelt mit, dabei zieht sie ihre Stirn kraus. »Hoffen wir’s.«

»Da kommt euer Essen.« Leyla trägt in jeder Hand einen Teller mit extragroßen Burgern und Pommes. »Für die Dame in grünweißer Tunika ein Fischburger.« Der erste Teller stellt sie vor Emily. »Und der Cheesburger mit viel Zwiebeln für die bezaubernde Dame in Schwarz.«

»Charmant wie immer«, entgegne ich schmunzelnd.

Kaum steht der Burger vor mir, merke ich, was für einen Hunger ich habe.

»Könntest du mir nochmals eine Cola bringen?« Emily streckt Leyla ihr leeres Glas hin.

»Aber sicher. Lasst es euch schmecken.«

»Danke«, brumme ich, weil ich bereits den Mund voll habe.

»Du machst dich ja über den Burger her, als wärst du auf Entzug«, zieht mich meine Busenfreundin auf.

»Lass mich essen, ich bin am Verhungern«, sage ich, ehe ich abermals in den Burger beiße. »Fantastisch«, stöhne ich.

Ihr Blick gleitet über mein Gesicht, dann verziehen sich ihre Mundwinkel zu einem frechen Grinsen.

»Was?«

»Ich glaube eher, du hast nach etwas ganz anderem Appetit? Dunkle Haare ...«

»Du ...« Ich schmeiße meine Serviette, an der etwas Käse klebt, nach ihr.

Emily duckt sich gerade noch rechtzeitig zur Seite. »Dunkle oder helle Augen?«

Ich rolle genervt die Augen, kann mir aber ein Schmunzeln nicht verkneifen.

»Da komme ich ja genau richtig. Ihr scheint es ja extrem lustig zu haben.« Pru schlüpft auf die Bank neben Emily und greift nach den Pommes. »Erzählt, was habe ich verpasst?« Sie streicht eine Strähne ihrer schwarzen Haare hinters Ohr, ehe sie abermals eine Fritte stibitzt.

»Cee hat sich verliebt.«

»Stimmt gar nicht«, sage ich, obwohl ich etwas in der Art eben noch zugegeben habe.

Emilys Augenbrauen sind nach oben gebogen. Ihr Blick heißt so viel wie: »Wem willst du jetzt noch was vormachen?«

»Wer ist es?«, möchte Pru sofort wissen.

Ich sehe zu Emily. Kaum merklich schüttle ich den Kopf und bitte sie stumm, das mit Dylan für sich zu behalten.

»Sawyer«, schießt es schon aus Emily heraus.

»Mann, Em«, seufze ich.

»Was?!« Prus blaue Augen werden riesengroß. »Sawyer? Der Sawyer? Der unnahbare, geheimnisvolle Sawyer?«

»Es ist ...«, setze ich an.

»Genau der«, unterbricht mich Emily und zwinkert mir zu, als sie Pru antwortet.

»Wie das?«, fragt Pru mit einer Pommes im Mund.

»Wie was?« Ich verdrücke den letzten Biss von meinem Burger.

»Wie kommt es, dass du dich in einen Kerl verliebst, der niemand an sich heranlässt? Der mit niemandem redet oder sich um andere schert? Er ist ein heißer Typ und wenn ich die Gelegenheit hätte, ich würde sofort mit ihm in die Kiste steigen. Aber vom bloßen ansehen kann man doch keine Gefühle entwickeln?«

»Ich habe ihn nicht bloß angesehen. Ich habe ihn in seiner Werkstatt aufgesucht und später hat er einen antiken Schrank bei mir im B&B abgeholt. So sind wir ins Gespräch gekommen. Außerdem bin ich nicht verliebt. Ich finde ihn vielleicht interessant, mehr nicht.« Langsam bin ich genervt. Ich möchte nicht mehr über Dylan reden.

»Du hast dich verguckt.«

Oh, ich könnte Em würgen. Ich funkle sie böse an, doch sie schnappt sich bloß ein Kartoffelstäbchen und kaut herzhaft drauf herum.

»Verliebt, verguckt, schlussendlich läuft doch beides aufs Gleiche raus.« Pru stützt die Ellbogen auf den Tisch und lässt den Kopf in die Hände fallen. »Und, wie ist er so?«

Es ist kein Geheimnis für mich, wie angetan Pru von Sawyer ist. Und ich kenne ihren Männerverschleiß. Auch geistert mir ihre vorherige Bemerkung, dass sie sofort mit Dylan ins Bett gehen würde, hätte sie die Chance dazu, im Kopf herum. Weshalb ich weniger Lust habe, ihr von ihm zu erzählen.

»Wie du vorhin angedeutet hast: Unzugänglich und verschlossen.« Wahnsinns braune Augen. Eine Stimme, die ein Kribbeln in meinem Körper verursacht. Arme so muskulös, dass ich jede Nacht davon träume von ihnen gehalten zu werden, seit ich in seiner Werkstatt war. »Er ist kein Typ, der gerne Konversation führt.«

»Und trotzdem denkst du ständig an ihn«, wirft Emily ein.

Jetzt bin ich wirklich kurz davor, ihr den Hals umzudrehen. »Lasst uns von etwas anderem reden. Hast du den Little-Pearl-Auftrag endlich an Land gezogen?« Emily strahlt, als ich mit in Ketchup getunkter Pommes zwischen den Finger zu ihr rübersehe. »Das heißt wohl ja?«

»Es war knapp, aber ja, wir haben den Job.« Emily arbeitet in einer der größten Werbeagenturen von Maryland. Sie ist eine hervorragende Marketingfachfrau und hat mir mit ihrem Wissen und ihren grandiosen Ideen schon oft bei der Reklame für das B&B geholfen. Ich bin ihr unheimlich dankbar, dass sie meine Website von Zeit zu Zeit auf Vordermann bringt. Für solche Sachen habe ich einfach keine Geduld.

»Von was quatscht ihr?«

Em sieht voller Stolz zu Pru. »Mein Team und ich planen die Werbung für das nächste Pfirsichfest.«

Jedes Jahr wird im August ein Riesenfest ausgerichtet, an dem an die tausend Touristen in unserer Kleinstadt strömen. Und jedes Mal findet unter den Agenturen ein erbitterter Wettkampf statt, wer die Werbekampagne dafür ausführen wird.

»Cool.«

Wahnsinnig begeistert hat das eben nicht geklungen. Pru wirkt eher angepisst, als dass sie sich für ihre Freundin freuen würde. Vielleicht liegt es daran, dass sie in einem Souvenirladen arbeitet, während Emily einem interessanten Beruf nachgeht und ich ein eigenes Bed and Breakfast führe. Dieses Thema sorgt immer mal wieder für Spannung.

Nur können weder Em noch ich Pru helfen. Wir haben ihr während der Highschool immer wieder zugeredet, ebenfalls aufs College zu gehen. So wie es Emily und ich geplant hatten, um später einen besseren Job zu bekommen. Oder wählen zu können und nicht jeden beliebigen Job annehmen zu müssen. Na gut, ich hatte das Glück – im Unglück -, dass ich für meine Eltern das Blue House Inn habe weiterführen können. Ich brauchte nicht nach einer Arbeitsstelle suchen, dazu ist es noch mein Traumberuf. Das war aber erst, nachdem ich mit dem College fertig war. Für mich war eine Hochschule immer schon wichtig.

Pru wollte vom College oder der Uni nichts wissen, obwohl sie die Chance dazu gehabt hätte. Lieber lebte sie in den Tag hinein. Jobbte mal da mal dort. Auch heute noch wechselt sie fast jährlich ihre Stelle. Ob sie freiwillig geht oder ob sie gehen muss, werde ich wahrscheinlich nie erfahren.

Ich habe ihr einmal angeboten, bei mir auszuhelfen, als sie gerade einen Durchhänger und keine Arbeit hatte. Es wird bei diesem einen Mal bleiben. Hundertprozentig. Denn den Augenblick, wie sie mich wie eine Furie angefaucht und mich beschuldigt hatte, ich wolle sie nur für die Drecksarbeit anstellen, werde ich nicht mehr so schnell vergessen.

»Ich bin total happy, dass ich unseren Bürgermeister von meinen Vorschlägen begeistern konnte.«

»Klar. Aber warum macht ihr Werbefuzzis so ein Ding aus dem Pfirsichfest? Was ist mit dem Badewannenrennen oder dem High-Heels-Race?«

»Die mögen für Little Pearl interessant sein, doch das Pfirsichfest geht weit über die Grenze hinaus, und deshalb viel lukrativer für uns Werbefuzzis, wie du uns so schön nennst.«

Pru grummelt irgendwas, was ich nicht verstehen kann und greift nach den Fritten.

Em verpasst Pru eins auf die Hände. »Du kannst dir selbst eine Portion bestellen. Ich habe Hunger.«

»Sei nicht so geizig.«

»Bin ich nicht, aber du hast mir schon fast die Hälfte weggefuttert.« Wenn es um ihr Essen geht, oh, da kann Emily richtig zur Bestie werden. Ständig hat sie Panik, sie könnte zu wenig bekommen. »Ruf nach Leyla.«

»Ich habe meinen Namen gehört?« Kaum hat Emily den Namen der Kellnerin ausgesprochen, steht sie neben uns.

»Was für verdammte Lauscher hast du denn?« Pru sieht mit zusammengekniffenen Augen zu Leyla.

»Ich war gerade einen Tisch hinter euch.« Es klingt, als wolle sich Leyla für ihr schnelles Auftauchen entschuldigen.

Ich rolle mit den Augen. Pru ist meine Freundin, was aber nicht bedeutet, dass ich all ihre Macken gutheiße.

»Bring mir eine Portion Pommes und ein Fanta.«

»Kommt sofort.«

Ich sehe Leyla hinterher, wie sie mit leicht verspanntem Rücken in die Küche geht.

»Was ist denn dir über die Leber gelaufen?«, frage ich Pru. »Du brauchst nicht herablassend zu sein, sie hat dir nichts getan.«

»Ich bin nicht herablassend. Leyla ist unsere Bedienung und basta.«

»Alles gut bei dir?«, erkundigt sich nun Emily, die die vergangenen Minuten stumm auf ihrem Platz gesessen hat.

Pru gibt einen genervten Seufzer von sich. »Es war ein langer Tag. Mir tun die Füße weh, und als wäre das nicht genug, nerven die Touris.«

»Aber wir sind auf sie angewiesen.« Ich denke, da kann mir niemand widersprechen.

»Ja, leider.« Pru lässt den Kopf in ihre aufgestützte Hand fallen. »Wollen wir nachher noch ins Planet? Ich muss etwas Dampf ablassen.«

Planet ist das bekannteste Pub in Little Pearl. Mindestens drei Mal die Woche spielt dort eine Band. Die meisten sind unbekannt, aber gut. Ich glaube, ich habe erst ein einziges Mal erlebt, wo ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

»Gute Idee.« Ablenkung kann nicht schaden. Wer weiß, vielleicht habe ich ja Glück und kann einen gewissen geheimnisvollen Typ für einen Abend lang vergessen. Wenn ich enormes Glück habe, sogar ganz aus meinen Gedanken streichen.

Kapitel 4

Mann, bin ich müde. Gestern ist es richtig spät geworden. Ich muss mir ständig über die Augen reiben, während ich meinen Toyota zum Supermarkt lenke. Ich hätte wohl etwas weniger tief ins Glas schauen und mich früher ins Bett legen sollen. Es steht ein riesiges Programm auf dem Plan. Zudem müssten am Nachmittag noch neue Gäste einchecken.

Glücklicherweise habe ich die liebe Mrs. Harsen, die praktisch jeden Morgen das Frühstück für die Besucher von Blue House Inn zubereitet, und die außerdem sehr flexibel ist. Wenn ich sie brauche, ist sie zur Stelle. So konnte ich heute Morgen wenigstens eine Stunde länger schlafen.

Ich renne fast durch den Laden, schnappe mir die dringendsten Sachen. Schließlich packe ich etliche Einkaufstüten in den Kofferraum. Gerade als ich den Deckel zuschlage, erregt ein Paar, das über den Platz geht, meine Aufmerksamkeit. Er hat den Arm über ihre Schulter gelegt, sie hält ihn um die Taille fest. Ein dunkelblaues Cap verdeckt sein Gesicht, dennoch erkenne ich ihn. Es gefällt mir nicht, wie sie ihn an sich drückt, als sie bei seinem Pick-up stehen bleiben. Wie sie sich streckt, um ihn auf den Mund zu küssen.

Ich habe überhaupt kein Anrecht auf ihn. Ich kenne ihn kaum, habe erst wenige Worte mit ihm gesprochen. Trotzdem möchte ich es sein, die dort steht und die Lippen auf seine senkt.

Obwohl ich mich gestern prächtig amüsiert und obendrein einen netten Kerl kennengelernt habe, so wollte Dylan trotz allem nicht aus meinem Kopf.

Jetzt sehe ich ihn mitten auf einem Parkplatz mit einer anderen herumknutschen. Warum jetzt? Warum nicht früher? Warum nicht bevor ich bei ihm in der Werkstatt war? Dann hätte mich dieser Anblick kaltgelassen. Oder? »Ja, bestimmt.« Ich nicke mit dem Kopf. »Bestimmt wäre es mir da am Arsch vorbeigegangen.«

Gott, jetzt halte ich schon Selbstgespräche und gaffe das Paar an, das es zwischen den Autos fast miteinander treibt.

Schnell schließe ich den Deckel des Kofferraums und schlüpfe hinters Steuer. Ich werfe meine Tasche auf den Beifahrersitz und setze zurück. Als ich nochmals einen Blick zu ihnen werfe, trifft mich fast der Schlag. Er hat die Augen offen und starrt mich an, während die Zunge der Schwarzhaarigen in seinem Mund steckt.

Es kratzt, als ich einen Gang höher schalte. Mein ältester Bruder würde jetzt sagen: Schönen Gruß vom Getriebe. Meine Wangen färben sich rot, ich fühle die Wärme. Ich getraue mich nicht nochmals in seine Richtung zu schauen. Vermutlich lacht er sich über meine Fahrfähigkeit kaputt. Oder er hat mich gar nicht bemerkt und ich habe mir seinen Blick nur eingebildet. Das Zweite wäre mir momentan lieber.

Ich fahre auf die Main Street und mache mich auf den Heimweg. Auf der Strecke lege ich noch einen Zwischenstopp bei meinen Eltern ein. Es ist angenehm warm, sicherlich sitzen sie draußen auf der Veranda. Sie sind die meiste Zeit irgendwo im Freien - besonders Dad.

Ihr einstöckiges Haus ist beinahe dreimal so groß wie meins. Es verfügt über so viel Platz, dass meine kleine Schwester zwischen drei Zimmern wählen könnte, wäre nicht eins zu einem Gästezimmer und eins für Dad für seine Physiostunden und Krafttrainings umfunktioniert worden.

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, haben meine Eltern vor knapp drei Jahren verkauft. Alle waren traurig darüber, aber es hätte keinen Sinn gemacht, noch länger darin wohnen zu bleiben. Das hat irgendwann jeder verstanden.

»Cee! Cee!« Meine Schwester kommt ums Haus gelaufen. Ein riesiges Grinsen auf dem Gesicht.

»Hannah!« Ich breite die Arme aus und drücke sie an mich, sobald sie bei mir ist. Ich gebe ihr einen Kuss auf den Scheitel und fahre ihr einmal über das blonde Haar. Es hat fast die gleiche Farbe wie meins. Vielleicht eine Nuance heller. »Musst du nicht in der Schule sein?«

»Mein Englischlehrer ist krank.«

»Zu deinem Glück, nehme ich an. Nun ist mir auch klar, warum du so grinst.«

»Klar doch.« Ihre braunen Augen leuchten. »Kann ich dir helfen?«, fragt sie, als ich den Kofferraum öffne.

»Du könntest diese Tüte nehmen.« Ich reiche ihr eine der vielen Einkaufstaschen. »Halte sie unten, nicht dass sie reißt.«

Mit ebenfalls einer Tasche in der Hand gehe ich neben meiner vierzehnjährigen Schwester über eine Rampe auf die Veranda zum Hintereingang.

Hannah ist ein Spätling. Es war ein ziemlicher Schock für mich und meine Brüder, als unsere Eltern uns mit dem Baby vor Augen führten, dass sie es immer noch miteinander tun. Aber das habe ich vergessen, sobald Hannah auf der Welt war. Ich habe es genossen, mit ihr auf dem Boden zu liegen oder ihr den Schoppen zu geben, als sie noch ein Baby war. Ich habe ihr ständig die Haare geflochten, das mache ich heute noch ab und zu. Sie ist ein wahrer Sonnenschein.

»Gehen wir mal wieder zusammen ins Kino? Es läuft gerade ein lustiger Trickfilm, den ich mir unbedingt ansehen möchte.«

»Klar doch. Aber willst du denn nicht mit deinen Freundinnen hin?«

Hannah schüttelt den Kopf. »Ich möchte mit meiner coolen Schwester ausgehen. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.«

»Stimmt. Und wann würdest du denn gern gehen? Ich bin mir sicher, du hast dir bereits einen Tag ausgesucht.«

Sie rümpft die Nase, auf der sie ganz viele Sommersprossen hat. Dann grinst sie. »Sonntag?«

»Gebongt. Sag mir welchen Film und ich reserviere für uns.«

»Supi«, freut sich meine Schwester. Ich bin mir sicher, sie würde klatschen, würde sie nichts in den Händen halten.

Ich lache. Wir biegen um die Ecke und kommen auf die Rückseite. »Wo sind Mom und Dad?«

»Hallo, meine Kleine.« Mein Vater kommt soeben aus dem Haus gerollt. »Was machst du denn hier?«

»Hey Dad.« Ich reiche Hannah die Tüte, ehe ich mich nach vorne beuge, um Dad einen Kuss auf die Wange zu geben. Dann gehe ich vor ihm in die Knie. »Ich habe für Mom ein paar Besorgungen gemacht. Außerdem habt ihr mir gefehlt.«

»Und sehen, ob alles in Ordnung ist?«

Meine Schwester verschwindet im Hausinnern.

»Na logo.«

»Es ist alles bestens.«

»Ich sehe es.« Heute sieht Dad wirklich gut aus. Er mag sogar Witze reißen. Aber es gibt Tage, an denen er kaum ein Ton herausbringt. Es sind nicht viele, dennoch gibt es sie.

Ich lege meine Hände auf seine Beine und stütze mich darauf ab. Ich könnte ihn kneifen, er würde es nicht spüren. Vor vier Jahren war er und Evan mit dem Rennrad unterwegs, als Dad von einem Auto von der Seite erfasst wurde. Seit da hat er keine Gefühle mehr in den Beinen. Wenigstens kann er noch den Oberkörper und die Arme bewegen. Das sage ich mir fast täglich, um bei seinem Anblick nicht in Tränen auszubrechen. Er war immer so sportlich. Für ihn waren die Radtouren, sowie das morgendliche Jogging sowas wie Yoga. Er hat es gebraucht, um abzuschalten und Energie zu tanken. Jetzt kann er nur noch im Rollstuhl herumfahren.

Es wäre aber nicht mein Dad, wenn er gar keinen Sport mehr machen würde. Er hat ein ganzes Zimmer voll mit Geräten, an denen er Gewichte stemmt, um seinen Oberkörper in Form zu halten. Außerdem hat er eine Leidenschaft fürs Rollstuhlrennen entwickelt. Er macht sogar an Wettkämpfen mit.

»Kommst du gerade von deinen Übungen?«

Er hat ein Handtuch um den Hals, das ihn verrät. Zudem sind seine kurzen, schwarzen Haare, die immer mehr grau werden, leicht feucht.

Dad legt seine Hände auf meine und drückt sie leicht. »Ich muss trainieren, am Samstag habe ich in Annapolis einen Wettkampf.«

»Warum sagst du mir das erst jetzt? Ich muss doch sehen, dass ich mir dann freinehmen kann.«

»Du brauchst doch nicht jedes Mal mitkommen. Ich habe sowieso keine Chance gegen die anderen.«

»Nein?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Was war denn beim letzten Mal? Da wurdest du Fünfter.«

»Siehst du?«

»Hast du auch schon bemerkt, dass du bei jedem Rennen besser wirst?«, frage ich ihn, lächle ihn dabei mit schräggelegtem Kopf an.

Seine blauen Augen beginnen zu leuchten, trotzdem sehe ich die tiefen Spuren, die das Leben in sein Gesicht gezeichnet hat. »Ich gebe mir Mühe.«

»Würden wir etwas anderes von ihm erwarten?« Mom betritt die Veranda und zwinkert mir amüsiert zu.

»Natürlich nicht«, antworte ich. »Hey, Mom.«

Sie drückt kurz Dads Schulter, ehe sie zu mir kommt.

Ich erhebe mich und lasse mich von Mom in die Arme ziehen. Wir sind praktisch gleich groß.

»Hey, Kleines, du siehst müde aus.«

»Ich war gestern wohl ein wenig zu lange unterwegs.«

»So, so.« Mom streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr, dabei lächelt sie mich liebevoll an. »Danke, dass du für mich den Einkauf erledigt hast.«

»Gern geschehen. Dad hat mir soeben gesagt, dass er am Samstag einen Wettkampf hat. Wann fährt ihr los?«

»Du brauchst wirklich nicht mitkommen«, wirft Dad ein.

Mom tätschelt Dads Schulter. Ihre braunen Augen strahlen ihn voller Liebe an. »Du kennst doch unsere Tochter?« Sie wendet sich an mich. »Um sechs.«

»Gut, dann werde ich sehen, ob mir Everly aushelfen kann. Wir sehen uns also spätestens am Samstag wieder. Jetzt muss ich los. Es kommen bald neue Gäste und ich habe noch irre viel zu tun.«

»Sagst du mir, wenn du meine Hilfe brauchst?«, fragt mich Mom, während sie ihre langen dunkelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz zurückbindet.

»Klar doch.«

Vor drei Jahren hat sie mir die Führung des Blue House Inns übergeben, weil ihr das B&B und die Sorge um Dad zu viel wurden. Doch wenn Not am Mann ist, kann ich auf sie zählen. Und ich weiß, dass mein Dad mir ebenso gerne behilflich wäre, nur es leider nicht kann, was, wie ich eben sehe, ihm immer wieder von Neuem zusetzt. Er sieht betrübt zu Boden, als ich mich abermals vor ihn kniee.

»Du wirst am Samstag unter den ersten drei sein. Das fühle ich.« Umso stärker er in den Wettkämpfen wird, umso besser kann er mit seinem Schicksal umgehen.

»Danke.« Seine Mundwinkel zucken.

Ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange, ehe ich mich auch bei Mom verabschiede. »Bis bald.« Ich wende mich ab. Noch bevor ich um die Ecke bin, drehe ich mich nochmals um. »Sagt Hannah Bescheid, dass ich sie am Sonntag abholen komme«, rufe ich während ich rückwärtsgehe. Dann winke ich und laufe zu meinem Auto.

Ich hebe den Kopf, als ich einen tiefen Motor höre, der sich dem Haus meiner Eltern nähert. Ein schwarzer Pick-up fährt die Straße entlang. Auf meiner Höhe wendet der Fahrer seinen Kopf in meine Richtung. Ich schnappe hörbar nach Luft und mein Herz macht kleine Hüpfer, sowie sich unsere Blicke treffen. Gott, Dylan sieht so unverschämt gut aus. Freudig stelle ich fest, dass der Platz neben ihm leer ist und er alleine unterwegs sein muss. Ich lächle, doch das bemerkt er nicht, denn er ist schon an mir vorbei und ich sehe bloß noch, wie er um die nächste Kurve biegt.

Ich verdrehe die Augen und schüttle den Kopf, weil ich auf jemanden, den ich im Grunde genommen nicht kenne, wie ein verknallter Teenie reagiere. Und weil sich meine Libido nach jemandem sehnt, der mir keine große Beachtung schenkt.

Verstohlen sehe ich zum Haus meiner Eltern. Hoffentlich hat mich von ihnen niemand beobachtet, wie ich einem Bad Boy, der ständig für skandalöse Gerüchte sorgt, hinterhergegeifert habe.

Mit einer Sehnsucht in der Brust, die ich nicht beschreiben und deren Ursache ich nicht nachgehen will, fahre ich ins Bed and Breakfast, wo mich Everly Harsen bereits sehnsüchtig erwartet.

»Tut mir leid, dass ich heute so lange gebraucht habe«, begrüße ich meine gute Fee, sobald ich aus dem Auto gestiegen bin und zum Kofferraum gehe.

»Hör auf, dich jedes Mal zu entschuldigen, wenn ich für dich einspringen soll.« Sie kommt zum mir und langt ins Auto, um sich zwei Tüten zu schnappen.

Everly Harsen ist fünf Jahre jünger als meine Mom, aber manchmal denke ich, sie ist kaum älter als ich. Sie ist unheimlich jung geblieben. Fit wie ein Turnschuh. Aber wenn ich die Erlaubnis hätte, würde ich ihr mal eine andere Frisur verpassen. Ständig trägt sie ihre blondgefärbten Haare in einem Dutt und hat eine goldene Retrobrille auf der Nase, was sie wie eine Oma aussehen lässt.

»Haben die Franklins schon ausgecheckt?«

»Vor zwanzig Minuten. Sie hatten gehofft, dich nochmals zu sehen, ehe sie abreisen würden, weil sie im Herbst wiederkommen wollen. Ich habe dir in der Küche einen Zettel hinterlassen, auf dem du alle nötigen Daten findest.«

»Wow.« Das ist das beste Kompliment das man kriegen kann, wenn die Gäste zurückkommen. Ich grinse vor Freude.

Everly nickt wissend mit dem Kopf, wobei sie ebenso lächelt wie ich. »Jetzt lass uns die Tüten hineinbringen. Was hast du denn wieder alles eingekauft?«, fragt sie mit großen grünblauen Augen, als sie beladen durch den Hintereingang in die Küche geht.

Ich folge ihr - ebenfalls voll bepackt. »Das was du mir auf die Einkaufsliste geschrieben hast.«

»Ja, ja«, sagt sie mit einem Lächeln in der Stimme. Everly stellt die Sachen neben das Kochfeld auf den langen, hellen Holztresen und beginnt sie auszupacken.

»Du kannst ruhig gehen. Das schaffe ich jetzt auch allein.«

Sie rückt sich ihre Brille zurecht. »Sicher?«

»Du hast bereits genug getan. Wir sehen uns morgen.« Ich gehe zum Tisch, der gegenüber des Tresens steht und lege die Tüten ab.

»Zum Frühstück?«

»Soll das eine Anspielung sein, Mrs. Harsen?« Ich drehe mich zu ihr und kneife die Augen zusammen.

Sie hebt die Hände in die Höhe. »Nein, worauf auch?«, zieht sie mich auf.

»Ich habe verstanden. Heute werde ich nicht wieder so lange ausgehen.« Als ich ein Gähnen unterdrücken muss, korrigiere ich mich. »Heute werde ich definitiv zu Hause bleiben und früh ins Bett gehen, damit ich Morgen pünktlich bin.«

»Gut so, Mädchen.« Everly tätschelt mir lachend die Hand. »Bis morgen dann.«

»Grüß Sean von mir.«

»Mach ich.«

Nachdem meine Hilfskraft verschwunden ist, räume ich die Tüten weg und mache mich dann an die Zimmer und an die Wäsche. Als alle Räume wieder präsentabel sind und die eine Wäsche aufgehängt ist, bereite ich mir eine Schüssel Salat zu. Mit meinem Mittagessen lasse ich mich hinter dem Haus auf eine Bank sinken und genieße die Sonne auf dem Gesicht.

Ich habe kaum einen Bissen genommen, da klingelt mein Handy. Etwas verärgert, weil ich in meiner Pause gestört werde, greife ich in meine hintere Hosentasche. Da ich für meine Freunde und meine Familie einen eigenen Klingelton habe, weiß ich, dass es jemand Fremdes sein muss. Kurz überlege ich mir, ob ich es einfach weiterläuten lassen soll. Jeder hat ein Anrecht auf einen Moment Ruhe. Doch dann überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Ich will nicht riskieren, dass ich es mir mit einem Gast verspiele. Sobald ich das Telefon in der Hand halte, drücke ich auf den grünen Knopf, ohne vorher auf das Display geguckt zu haben.

Ich lasse mein Essen stehen und gehe ins Haus, während ich den Anrufer begrüße. »Blue House Inn, Cécile am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«

»Bin ich richtig beim B&B der Johnsons aus Little Pearl?«, fragt mich eine eher junge Frau, wie ich sie nach ihrer Stimme einschätze.

»Ja, das sind sie.«

»Mir hat Sie ein Freund empfohlen. Er war letzten Sommer bei Ihnen und hat mir seit da immer wieder von Ihrem Kaff vorgeschwärmt.«

Dass sie Little Pearl als Kaff bezeichnet, nervt mich ein wenig. Aber ich halte lieber den Mund, nicht, dass ich noch etwas sage, was ich nachher bereuen würde. Stattdessen antworte ich: »Das freut mich.«

»Er hat mich so weit gebracht, dass ich mir mal selbst ein Bild machen will. Darum habe ich Sie angerufen. Haben Sie Ende August noch ein Zimmer frei?«

»Da muss ich in meinem Kalender nachsehen. Für wie lange würden Sie denn kommen wollen?«

»Mindestens zwei Nächte. Je nachdem wie es mir gefällt, würde ich vielleicht noch ein, zwei Tage dranhängen.«

Ich blättere in meiner Agenda zum Monat August. »Ich hätte vom zwanzigstens bis zweiundzwanzigstens noch ein Zimmer frei.«

»Super, das nehme ich.«

»Sehr gern. Auf welchen Namen darf ich es reservieren?«

»Tara Anderson.«

Nachdem ich mir ihre Personalien aufgeschrieben habe, gehe ich wieder nach draußen, um endlich meinen Salat zu essen. Mein Magen knurrt laut, sobald ich mich neben die Schüssel auf die Bank setze. Ich gable mir gerade meinen dritten Bissen auf, als mein Handy abermals klingelt. Hungrig schließe ich für eine Sekunde die Augen, bevor ich nach dem Telefon lange und abnehme.

»Blue House Inn, Cécile am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«

»Du klingst genervt.«

Beinahe lasse ich mein Smartphone fallen. Gleich wenn ich aufgelegt habe, werde ich Dylan einen Klingelton zuordnen, damit ich das nächste Mal, wenn er mich anruft auf seine Stimme gefasst bin.

»Hey, Dylan. Das bin ich vielleicht auch.«

»Dann ruf mich zurück, wenn du es nicht mehr bist.«

»Nein!« Ich schnappe nach Luft. Habe ich jetzt wirklich so verzweifelt geklungen, wie ich es glaube? Ich denke schon und laufe rot an. Bin ich froh, dass mich niemand sehen kann.

Ich will nicht, dass er schon wieder auflegt, jetzt wo ich endlich wieder den Klang seiner Stimme höre. »Warum hast du mich angerufen?«

»Warum bist du angepisst?«

Ich seufze. »Weil ich Hunger habe und ich immer wieder beim Essen unterbrochen werde.«

»Dann solltest du vielleicht das Telefon nicht abnehmen, wenn du nicht gestört werden willst.«

»Kann ich nicht. Ich habe ein B&B, schon vergessen? Also, was wolltest du?«

»Iss weiter.«

»Wie?« Verdutzt starre ich auf die umliegenden Bäume.

»Ich kann reden und du isst währenddem.«

Bei seinem Vorschlag wölben sich meine Mundwinkel. Trotzdem ... »Das ist unanständig.«

»Warum?«

»Sind wir hier in einem Fragespiel?«

»Vielleicht. Jetzt beiß endlich in dein Steak, oder was immer du zu Mittagessen hast.«

»Es ist nur Salat.«

»War ja klar.«

»Wieso?«

»Typische Frauenkost. Magst du kein Fleisch?«

»Doch, hatte nur keine Zeit mir ein richtiges Essen zuzubereiten.« Ich hebe die Gabel, an der nach wie vor Salatblätter hängen und stopfe sie mir in den Mund, auch wenn es mir etwas peinlich ist, dass mir jemand beim Essen zuhört. Aber ich hab echt Megahunger, außerdem wird der Salat langsam schlapp.

»Willst du morgen vorbeikommen und dir den Schrank ansehen?«, möchte er wissen, als ich einen weiteren Biss nehme.

»Bist du etwa schon fertig?«, frage ich überrascht, nachdem ich heruntergeschluckt habe.

»Nein, das geht noch ein paar Tage. Ich dachte, es würde dich vielleicht interessieren, wie er mittlerweile aussieht.«

Zum Glück habe ich im Moment nichts im Mund, ich hätte mich bestimmt verschluckt.

Dylan fragt mich doch tatsächlich, ob ich bei ihm vorbeikommen will. Klar, es geht nur um seine Arbeit, dennoch habe ich nie im Leben mit so etwas gerechnet. Mir erscheint er eher so, als könne er es kaum erwarten, dass die Kundschaft wieder raus aus seiner Werkstatt ist und ihn seine Arbeit tun lassen.

»Sehr gern«, antworte ich, als ich meine Stimme widergefunden habe. »Wann soll ich kommen?«

»Wann du willst.«

»Okay, dann ...« Ich nehme das Handy vom Ohr und starre auf das Display. Dylan hat schon aufgelegt. Verwirrt über den Typ schüttle ich den Kopf – aber mit einem riesigen Grinsen auf dem Gesicht. Ich ordne ihm einen persönlichen Klingelton zu, ehe ich das Telefon in meine Hosentasche zurückstecke und schließlich fertig esse.

Kapitel 5

Everly ist schon wieder weg, als ich das Frühstückszimmer aufräume. Ich habe sie früher nach Hause geschickt, weil sie gestern für mich eingesprungen ist. Das B&B ist mindestens die nächsten fünf Tage ausgebucht, was viel Arbeit von mir abverlangt. Doch ich bin froh darüber. Vor allem heute, da ich eine Verabredung mit Dylan habe. Er würde es nie als solches bezeichnen, aber insgeheim wünsche ich mir, dass er es auch ein bisschen als Date ansehen mag.

Die Arbeit lenkt mich ab und sorgt dafür, dass ich nicht wie ein großes Nervenbündel im Haus herumirre. Ich schinde extra noch etwas Zeit heraus, damit Dylan nicht das Gefühl bekommt, ich hätte das Treffen nicht erwarten können. In Wahrheit wäre ich am liebsten schon zu ihm gefahren, als mich mein Wecker aus dem Schlaf gerissen hat.

Es ist fast elf, als ich saubergemacht und die Betten frisch bezogen habe. Wäsche ist in der Waschmaschine, die in einer guten Stunde fertig sein wird. Miss Winkel hat ausgecheckt und kurz nach dem Mittag müsste ein junges Paar eintreffen.

Ich schnappe mir den Schlüsselbund, schließe hinter mir ab und gehe aufgeregt zum Toyota.

Mein Herz beginnt zu hämmern, als ich die Brücke überquere und schlägt immer schneller, während ich nun am Waldrand entlangfahre und meinem Ziel näher komme. Mit stetem Blick auf den Tacho ermahne ich mich, das Gaspedal nicht zu sehr durchzudrücken. Ich möchte endlich bei ihm sein und doch brauche ich noch Zeit, um mich zu sammeln.

Ich glaube, ich war das letzte Mal so nervös, als ich aufs College kam. Alles war neu. Ich kannte niemanden und war zum allerersten Mal weg von Little Pearl, von meiner Familie. Ich habe mir fast in die Hose gemacht, als ich vor das Wohnheim gefahren bin und mich andauernd gefragt habe, was für eine Mitbewohnerin ich wohl bekommen würde.

Jetzt braucht es nur einen Kerl, der mich auf die gleiche Weise verunsichert.

Ich biege auf Mr. Moores Grundstück. Wie schon vor ein paar Wochen steht Dylans Pick-up unter der Eiche. Ich parke neben ihm und gehe zur Werkstatt. Dieses Mal klopfe ich an, ehe ich eintrete. Aber Dylan hat mich gar nicht gehört. Er hat einen

Gehörschutz auf und schleift irgendwas. Ich nehme an, es handelt sich um etwas von meinem Kasten.

Unschlüssig was ich tun soll, bleibe ich schließlich beim Eingang stehen und sehe mich um. Das Sofa, das ich das letzte Mal schon gesehen habe, glänzt mit dem Tisch daneben um die Wette. Der rotweiße Stoff wurde durch einen weißen ersetzt. Ich sehe Cleopatra, wie sie auf einer solchen Couch die Beine von sich gestreckt hat. Was vor wenigen Tagen wie ein Möbelstück für den Müll ausgesehen hat, wirkt auf einmal wieder wertvoll und exquisit. Es ist wunderschön geworden.

Ich bewundere Dylans Arbeit. Man sieht, er versteht was davon. Mr. Moore hat mir nicht zu viel versprochen.

Mein Kasten – ohne Schranktür -, sieht neben dem polierten Tisch und dem frisch gepolsterten Sofa alles andere als pompös aus. Er wirkt blass. Ich schätze, Dylan hat ihn rundum abgeschliffen, um ihn später wieder anzustreichen.

»Ich werde heute mit malen beginnen.«

Erschrocken drehe ich mich um und schlage mir die Hand auf die Brust. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er aufgehört hat zu schleifen.

»So schreckhaft?« Dylan zieht für eine Millisekunde einen Mundwinkel hoch, dann ist sein amüsierter Gesichtsausdruck auch schon wieder verschwunden. »Leider siehst du noch nicht, wie er nachher scheinen soll.«

Ich begegne Dylans braunen Augen, weshalb ich kaum genug Luft in meine Lunge kriege. Er ist so unverschämt schön. Seine markanten Gesichtszüge, sein geschwungener Mund, seine Augen ... O diese Augen, die ständig finster dreinblicken. Ich könnte darin versinken, wenn er mich nicht wie jedes Mal aus meinem Starren herausholen würde.

»Vielleicht hätte ich dich erst morgen herbitten sollen. Dann hättest du mehr von meiner Arbeit sehen können.« Er fährt sich durch sein widerspenstiges Haar.

Vielleicht hättest du dich weniger mit der Schwarzhaarigen abgeben sollen, dann wärst du jetzt weiter. Und ich wäre nicht eifersüchtig auf sie, weil sie dich küssen durfte, während du bei mir auf Abstand gehst.

»Nein, nein«, sage ich schnell, um meine Gedanken zu stoppen. Womöglich kamen meine Worte etwas zu schnell, denn Dylan sieht mich mit schräggelegtem Kopf aufmerksam an. »Es ist interessant zu sehen, wie du arbeitest. Bist du gerade an der Tür?« Ich gehe zur Werkbank, an der er vorhin gestanden hat, um Dylan von mir abzulenken. Sein eindringlicher Blick treibt mir nämlich eine unangenehme Röte ins Gesicht.

»Ich bin soeben mit dem ersten Schliff fertiggeworden.« Er ist mir zum Tisch gefolgt. Mit seinen Händen fährt er über das Türblatt, um es vom Holzstaub zu befreien, der durchs Schleifen entstanden ist. »Es gibt noch ein paar Kerben zu füllen.« Dylan zeigt auf einige Vertiefungen.

»Dann ist er fertig?«

»Nicht ganz. Ich muss ihn lackieren, dann gibt es ein paar Zwischenschliffe. Danach wird nochmals Lack aufgetragen, um eine glatte Oberfläche zu erhalten. Zum Schluss wird noch eine Politur vorgenommen. Die verschnörkelte Schlossblende werde ich mit einer speziellen Farbe frisch anstreichen.«

Ich hänge an seinen Lippen, so sehr bin ich von seiner Stimme gefesselt. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so viel reden hören.

»Hast du Fragen?«

Ich verneine kopfschüttelnd. Momentan bin ich unfähig etwas zu sagen. Aber ich möchte, dass er weiterspricht. Egal was, Hauptsache ich kann weiter seinem tiefen Ton lauschen.

»Er wird in deinem Esszimmer Hammer aussehen. Aber versprich mir, dass du ihn nicht mehr mit diesen schrecklichen Sachen vollstopfen wirst. Das wäre eine Schande für ihn.«

Ich muss lächeln, während Dylan liebevoll über das Holz fährt.

Als mich Dylan abwartend ansieht, nicke ich und antworte: »Versprochen.«

»Gut.«

»Hast du viele Aufträge?«

»Ich kann mich nicht beklagen.«

»Das Sofa da sieht fantastisch aus.« Ich zeige auf die Couch in der linken Ecke.

»War eine Menge Stück Arbeit. Aber es hat sich gelohnt.«

»Ich würde es sofort kaufen, wenn es nicht schon jemandem gehören würde.«

»Es ist meins.«

»Wow.« Ich sehe ihn entsetzt an. Ich glaube, dass ich ihn so ansehe, denn er zieht die Augen zusammen.

»Was?«

»Ich dachte ... ich habe nur nicht erwartet, dass du einen solchen Geschmack hast.«

»Wieso nicht? Ich mag antike Möbel. Sie haben Charakter, nicht so wie das moderne Zeug, das man heute überall kaufen kann.«

»Da haben wir etwas gemeinsam.«

Sein Blick ist mit einem Mal stählern. Gerne würde ich wissen, was gerade in seinem Kopf vor sich geht. Doch er bleibt still.

»Wie bist du zu diesem Beruf gekommen?«, frage ich weiter.

»Per Zufall.«

Er bleibt wortkarg. Eigentlich so, wie ich ihn kenne. Aber er hat mir vor wenigen Minuten gezeigt, dass er auch recht gesprächig sein kann. Man muss nur die richtigen Fragen stellen. Bloß denke ich, dass es davon nicht sehr viele geben wird.

»Was meinst du, wann du fertig bist?« Ich atme sein Aftershave und den schwachen Geruch nach Zigarette ein. Unsere Finger berühren sich, als ich wie er übers Türblatt fahre.

Wie von einem Blitz getroffen, zieht er seine Hand zurück. »In zwei, drei Tagen, vielleicht.« Er geht auf die andere Seite der Werkbank. »Du solltest jetzt gehen.«

Das feine Kribbeln, das seine Berührung ausgelöst hat, verschwindet von jetzt auf gleich. Verwundert, über seinen plötzlichen eisigen Ton, hebe ich den Kopf und sehe zu ihm. Doch er hat sich weggedreht, so dass ich ihm nicht in die Augen sehen kann.

Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, aber Dylan kommt mir zuvor.

»Ich werde dich anrufen, wenn ich fertig bin.« Er befestigt sich einen Mundschutz hinter den Ohren.

»Warum hast du mich hergebeten?« Ich werde nicht schlau aus ihm.

»Keine Ahnung.« Er zuckt mit den Schultern. »Jedenfalls war es eine blöde Idee. Du findest den Ausgang.«

Es sollte nicht und trotzdem ist es verletzend, wie er mich auf einmal behandelt. So abweisend und als wäre ich diejenige, die sich ihm aufgezwungen hat. Es ist eigenartig, dass er mich aus der Werkstatt jagen will. Okay, es sind seine Räumlichkeiten, dennoch kann er doch nicht so unhöflich sein? Vor allem, da er mich herbestellt hat.

»Hab ich was falsch gemacht?«, frage ich mit angehaltenem Atem.

»Nein, ich will nur mit meiner Arbeit weitermachen.« Er sieht nicht mal auf, als er antwortet. Mit der Schutzmaske über dem Mund und einem kleinen Besen in der Hand fährt er über das Türblatt.

Perplex bleibe ich noch ein paar Sekunden stehen, bis ich die Kraft gefunden habe, auf meinen wackligen Beinen zu verschwinden.

Ich bin nicht wütend, als ich ins Freie trete. Ich bin gekränkt. Ich würde ihm jetzt gerne meine Meinung an den Kopf werfen, aber dann würde ich ihm meine Gefühle verraten. Das darf ich auf keinen Fall. Niemals darf er erfahren, dass ich trotz allem davon träume, von ihm gehalten zu werden. Von ihm geküsst zu werden.

Wo ich auf der Hinfahrt noch nervös und aufgeregt war, bin ich jetzt auf dem Weg nach Hause verstört und niedergeschlagen.

Was ist in seinem Leben passiert, dass er meine Berührung, so kurz sie auch gewesen sein mag, nicht aushalten kann?

Ständig frage ich mich, was seine Unzugänglichkeit, seine Distanziertheit bedeuten soll. Irgendwas muss in seinem Leben passiert sein, dass er sich benimmt, als würde ihn nichts und niemand interessieren, außer sich selbst.

Oder findet er mich einfach abstoßend? Denn als sich unsere Hände sich flüchtig berührt haben, hat sich seine Stimmung von einer Sekunde auf die andere umgeschlagen. Dieser Gedanke tut weh, weil ich den kurzen Kontakt zwischen uns noch immer in meinen Fingerspitzen spüre und ich ihn mir sehnlichst zurückwünsche.

Ich schüttle den Kopf, weil ich so dumm bin, sich zu jemanden hingezogen zu fühlen, der kalt wie ein Eisklotz ist. Ich muss diese albernen Gefühle unbedingt und so schnell wie möglich abstellen.

Auf dem Parkplatz des Blue House Inns steht ein weißes Auto, das ich nicht zuordnen kann. Hoffentlich sind es nicht schon meine neuen Gäste. Ich brauche noch ein paar Minuten, um meinen Kopf von Dylans eigenartigem Benehmen freizukriegen.

Gerade als ich die Tür ins B&B aufschließen will, drückt jemand hinter mir auf die Hupe.

Erschreckt wirble ich herum.

»Mann, muss das sein?!«, rufe ich aus, als ich meinen zwei Jahre älteren Bruder hinter dem Steuer seines blauen Chevys entdecke. Fertig ist meine Kopf-freibekommen-Zeit.

»Was ist denn mit dir los?«, fragt mich Evan aus dem offenen Fahrerfenster.

»Alle haben Freude daran, mir einen Schreck einzujagen.« Ich bin wahnsinnig schreckhaft, das weiß jeder aus meinem Bekanntenkreis, aber dass sie es auch noch ausnutzen müssen, ärgert mich manchmal.

Doch als ich Evans herzhaftes Lachen höre, vergeht mein Ärger so schnell, wie er gekommen ist.

»Was machst du hier? Hast du frei?« Ich muss meine Augen mit der Hand abschirmen, da mich die Sonne blendet.

Evan schlägt die Autotür zu und schlendert zu mir. Er hat ein enganliegendes T-Shirt und kurze Sportshorts an. Seine Füße stecken in Laufschuhen. Die Stufe auf die Veranda nimmt er mit einem großen Schritt. »Ich habe gerade einen Kunden nach Hause gebracht und da dachte ich, ich könnte einen kleinen Abstecher zu meiner Schwester machen.«

Mein Bruder ist Personaltrainer. Das sieht man seinem Körper von Weitem an. Er hat Oberarme so breit wie meine Waden. Mit seinen Kunden trainiert er im Freien sowie in seinem Fitnessstudio, das an der Main Street liegt. Je nachdem, was seine Kundschaft wünscht.

Wir umarmen uns, sobald er bei mir ist.

»Du siehst gut aus.«

»Danke.« Evan hebt sein dunkelblaues New York Yankees Cap vom Kopf, fährt sich über seine kurzgeschorenen dunkelbraunen Haare und setzt die Mütze verkehrtherum wieder auf. Seine schwarzbraunen Augen lächeln sanft. »Kann ich nur zurückgeben.« Er legt einen Arm um meine Schulter. »Hast du mir etwas zu trinken? Ich verdurste fast.«

»Klar. Du weißt, wo die Küche ist.« Während mein Bruder in der Küche verschwindet, bleibe ich im Flur und checke das Haustelefon. Drei verpasste Anrufe werden angezeigt und eine Sprachnachricht auf dem AB. Ich nehme das Telefon mit und gehe zu Evan.

»Hast du Hunger?«

»Kochst du etwas?«

Ich grinse ihn an. »Nein. Du kannst dir ein Brot machen.«

»Was für eine Gastfreundschaft hier wieder herrscht.«

»Nicht wahr?«

»Willst du auch was?«, möchte Evan wissen, während er in den vollen Kühlschrank sieht.

»Machst du mir ein Putensandwich und einen gemischten Salat?«

»Sonst noch was?« Evan schnaubt, dann nimmt er ein paar Sachen aus dem Schrank.

»Du hast gefragt, ob ich etwas will. Selbst schuld.« Ich gehe zum Tisch und starte den Laptop. Die Küche ist gleichzeitig mein Büro. Dann mache ich mich an die Waschmaschine, die am Ende der Küchenzeile steht und räume sie aus. Gleichzeitig höre ich den Anrufbeantworter ab.

»Hier ist Mr. Linkin. Ich möchte ein Zimmer buchen. Könnten Sie mich bitte zurückrufen.«

Werde ich gleich als erstes tun, wenn ich die Wäsche aufgehängt, die E-Mails gecheckt und mich mit meinem Bruder unterhalten habe.

»Hier.« Evan legt ein belegtes Brot und eine Schüssel Mais neben mich auf die Anrichte. »Das muss genügen.«

»Danke.« Ich grinse meinem Bruder zu, der sogleich in sein Essen beißt. »Wollen wir uns auf die Veranda setzen?«

Er nickt, während er kaut und geht zur Hintertür, die auf die Veranda führt.

»Könntest du mir etwas abnehmen?« Ich deute auf mein Essen und auf den vollen Wäschekorb vor meinen Füßen.

»Kann das nicht warten?«

»Bist du ein Stinkepeter.« Ich hebe den Korb, doch Evan nimmt ihn mir sofort ab. »Oh, du machst mir die Wäsche?«, frage ich scherzend.

»Vergiss es. Ich trag sie nur raus. Bring mir mein selbstgemachtes Brot mit.«

Ich nehme das Essen, lege meins auf den Tisch auf der Veranda und gehe zur Wäscheleine, an der schon diverse Bettbezüge hängen. Ich überreiche Evan sein Sandwich.

»Wie lief es mit deinem Kunden?«

»Gut. Es ist eine Sie. Ich habe sie durch den Wald gejagt.« Wieder beißt er von seinem Brot ab.

»Oh«, mache ich. Mit meinem Kopf in Schräglage sehe ich zu Evan. »Du vermischst aber nicht Arbeit mit Vergnügen, oder?«

Er zuckt bloß mit den Achseln und nimmt einen weiteren Biss.

»Du weißt, dass das nicht gut gehen kann?« Ich nehme ein Kissenbezug und hänge es über die Leine.

»So wie bei dir?«, erwidert er mit halbvollen Mund.

»Wie?«

Evan fährt sich über den Dreitagebart, als ich zum ihm rüberblinzle. »Du hast mich schon richtig verstanden.«

Ich schüttle den Kopf. Ich habe noch nie etwas mit meinen Gästen angefangen. Und das werde ich auch nicht.

Meint er möglicherweise Dylan? Niemals. Er weiß nicht, dass ich Dylan beauftragt habe, ein antikes Möbelstück zu restaurieren. Oder? Absolut unmöglich.

Außerdem läuft nichts zwischen Dylan und mir. Und ein Arbeitsverhältnis haben wir auch nicht. Jedenfalls nicht so eins wie Evan mit seinen Kundinnen.

Ich nehme das nächste Stück Wäsche und lege es über eine freie Leine.

»Ich hab dich gesehen.«

»Wo? Wann?«, frage ich so gleichgültig wie möglich und lenke mich mit einem Laken ab.

»Tu nicht so scheinheilig.«

Er ist wütend auf mich. Das bin ich mir gar nicht gewohnt. Klar, als Kinder haben wir uns gezankt und gestritten, und uns mit wüsten Beschimpfungen angeschrien. Doch das ist Jahre her. Was das hier nur eins bedeuten kann: Er weiß, dass ich bei Dylan war.

Als ich mich bücke und nach einem weiteren Wäschestück greife, reißt es mir Evan aus der Hand und wirft es in den Korb zurück.

»Was hattest du bei ihm zu suchen? Ja, ich weiß, du warst bei Sawyer. Ich habe dich heute Morgen in Richtung Moores Grundstück fahren sehen. Erst dachte ich, du würdest zu deinem Gärtner gehen. Aber als ich vorhin durch das Esszimmer gegangen bin, ist mir gleich aufgefallen, dass der alte Kasten fehlt. Hast du wirklich gedacht, ich würde es nicht bemerken?«

Ich versuche an einem dicken Kloß im Hals vorbeizuschlucken. Mir war von Anfang an bewusst, dass ich mit dem Feuer spiele, wenn ich Dylan beauftrage, mein Möbelstück aufzufrischen. Ich habe es ignoriert, obwohl ich wusste, dass mir meine Familie die Hölle heiß macht, sobald sie davon erfährt.

Gott, ich fühle mich wie ein kleines Mädchen, als ich jetzt in Evans Gesicht sehe. Seine Kiefermuskeln sind angespannt.

»Was ist daran schon schlimm?«, frage ich etwas unsicher. »Dylan macht mir einen Gefallen und er verdient etwas dabei. Fertig.« Ich will nicht, dass Evan meine Mimik sieht und drehe mich weg, auch wenn es zu spät ist.

»Deine Augen glühen, wenn du von ihm sprichst.«

»So ein Quatsch.« Selbst in meinen Ohren klingt meine Stimme falsch.

»Du warst schon immer eine schlechte Lügnerin.«

»Und du sollst nicht zu viel in etwas hineininterpretieren. Da ist nichts. Gar nichts.«

»Hat er dich angefasst?«

»Nein. Weit davon entfernt.« Ich muss mich beschäftigen. Evan darf nicht sehen, wie sehr ich mir wünsche, Dylan hätte mich berührt, oder etwa geküsst. Sobald ich ein Laken in der Hand habe, nimmt es mir Evan wieder aus der Hand und lässt es in den Korb zurückfallen. Sein halbes Sandwich bettet er obendrauf.

Er legt seine Hände auf meine Schultern. »Du bist meine Schwester. Ich will nur, dass dir nicht so ein Arschloch wie Sawyer dir wehtut.«

»Ich bin erwachsen. Ich kann auf mich selbst aufpassen.«

»Du weißt nicht, wie er zu Frauen ist.«

»Aber du?« Plötzlich werde ich wütend. Ich schlage Evans Hände weg und verschränke meine Arme vor der Brust. »Niemand hat doch wirklich eine Ahnung, wie Dylan tatsächlich ist. Wie willst du ihn kennen, wenn er sich nie blicken lässt? Hast du überhaupt schon mal ein Wort mit ihm gewechselt?«

»Little Pearl ist nicht der einzige Ort, wo man ausgehen kann. Und ich brauche mich nicht mit ihm zu unterhalten, um zu wissen, was für ein mieser Kerl er ist. Er reißt Frauen auf, legt sie flach und wirf sie dann weg.«

Sofort schießt mir das Bild von gestern durch den Kopf. Wie Dylan eine Schwarzhaarigen an seinen Pick-up gedrückt und sie geküsst hat. Ich blinzle mehrmals, will Dylan nicht mit einer anderen zusammen sehen. Sondern wünsche mir mich in seinen Armen.

Ich muss den Kopf in den Nacken legen, damit ich Evan in die Augen sehen kann. »So wie du?«, scherze ich, um die Stimmung aufzulockern und mich von der Erinnerung an das knutschenden Paar abzulenken. Doch das geht völlig nach hinten los.

Evan beobachtet mich mit finsterer Miene. »Steck mich niemals mehr mit Sawyer in einen Topf. Hast du gehört?«

»Sorry.« Ich hebe die Hände in die Höhe. »Ich werde es mir merken. Aber überlass meine Entscheidungen mir.«

Habe ich soeben vor meinem Bruder zugegeben, dass ich mir mehr von Dylan erhoffe, als nur den restaurierten Schrank? Scheiße, das kommt nicht gut.

»Kann ich nicht.« Evan nimmt sein Sandwich wieder in die Hand, mit dem er jetzt auf mich zeigt. »Sawyer ist ein Mistkerl. Er benutzt Frauen.«

»Ich lasse mich nicht benutzen.«

»Du gibst es also zu, du willst mit ihm in die Kiste.«

Ich versuche nicht zu eingeschnappt dreinzuschauen. »Und wenn es so wäre? Vielleicht habe ich ja einfach Bock, mal mit ihm zu schlafen und das war’s dann.«

Wieder zeigt er mit seinem Essen auf mich. Seine Augen sind nur noch zwei enge Schlitze. »Sicher. Wenn du nur mit ihm Sex haben möchtest, würdest du erstens: Nicht das Wort schlafen benutzen. Und zweitens: Hättest du einen anderen Gesichtsausdruck.«

»Okay, jetzt reichts. Ich habe keine Lust mehr, noch weiter mit dir über dieses Thema zu diskutieren.«

»Über welches? Sex oder Dylan Sawyer?«

Ich seufze, bevor ich mich weiter um die Wäsche kümmere. Dieses Mal lässt mich Evan weitermachen.

»Bitte pass auf dich auf, Cee.« Sein Ton klingt versöhnlich, weshalb ich den Blick von den Klammern nehme, die ich gerade befestigen wollte und sehe meinen Bruder an. »Er hat keinen guten Ruf, das weißt du. Tu dir einen Gefallen und sei vorsichtig.«

»Immer.« Ich schenke Evan ein Lächeln, um ihn zu beruhigen und um das, was ich gleich sagen werde, abzuschwächen. »Behältst du es bitte für dich?«

Mein Bruder hebt sein Cap, fährt sich durch die kurzen Haare und sieht mich fast schon verzweifelt an. »Dir ist schon klar, dass das etwas viel verlangt ist?«

»Ich werde es Mom und Dad erzählen, wenn der Kasten wieder an seinem Platz ist. Dann brauchen sie sich nicht unnötig aufregen. Du übrigens auch nicht.«

»Und was ist mit den anderen? Sobald sie erfahren, dass ich dich gedeckt habe, werden sie mir den Hals umdrehen.«

Ich zucke mit den Achseln. »Du musst dich ja nicht verraten.«

»Ich hab dich auch lieb, Schwesterherz.« Evans Mundwinkel wandern kurz nach oben, dann wird er gleich wieder ernst. »Ich werde still sein, wenn du mir versprichst, dich nicht mehr mit ihm abzugeben, sobald er seine Arbeit getan hat.«

Das kann ich nicht. Das will ich nicht. »Ich verspreche dir, auf mich aufzupassen«, antworte ich ausweichend.

»Das ist nicht ganz das, was ich hören will.«

»Ja, ich weiß.«

Evan holt tief Atem. »Was soll ich nur mit dir machen?«

»Weißt du, dass du mein Lieblingsbruder bist?«

»Klar, elende Heuchlerin.«

Kapitel 6

Ich lese eine Mail nach der anderen. Beantworte Anfrage um Anfrage. Mr. Linkin habe ich vor ein paar Minuten zurückgerufen und eine Reservierung von zwei Nächten entgegengenommen. Mr. und Mrs. Franklin, die laut ihrer Nachricht gut nach Hause gekommen sind, haben mir eine reizende Mail geschickt. Darin haben sie von meiner und Everlys Gastfreundschaft und von unserem Service geschwärmt. In einer Antwort habe ich sie darum gebeten, ihre Worte auf meiner Website publizieren zu dürfen. Solche Feedbacks wie die ihre sind gute Werbung. Mal sehen, was sie mir zurückschreiben.

Gerade als ich das Internet öffnen will, drückt vorne jemand auf die Glocke. Wahrscheinlich sind es meine neuen Gäste. Schnell schließe ich den Laptop und gehe in den Flur, wo mich ein junges Paar erwartet.

»Sie müssen Mrs. Wayne und Mr. Stone sein. Willkommen im Blue House Inn«, begrüße ich die beiden. »Haben Sie gut hergefunden?« Ich schätze sie in meinem Alter.

»Mit dem Navi war das überhaupt kein Problem«, antwortet mir der Mann.

»Wir sind schon durch die Main Street geschlendert«, meint Mrs. Wayne. »Schön haben Sie’s hier. Die Bilder auf ihrer Homepage haben nicht gelogen.«

Ich lache herzlich. »Danke. Dann gehört das weiße Auto also Ihnen?«

»Der Honda? Ja.«

Somit wäre die Frage nach dem SUV, den ich vorhin noch niemandem zuordnen konnte, auch schon geklärt.

Die Neuankömmlinge wirken erschöpft. »Ich gebe Ihnen doch gleich den Schlüssel und zeige Ihnen das Zimmer. Das Check-in können wir noch später erledigen.« Ich hole den Schlüssel vom Brett und zeige der Frau mit den megalangen, blonden Haaren und dem Mann mit Glatze zur Treppe. Im ersten Stock bleibe ich bei der zweiten Tür stehen und schließe sie auf. »Hier, ihr Reich für die nächsten drei Tage.« Mit einer Handbewegung umfasse ich den Raum. Ich gehe weiter ins Badezimmer und mache Licht, wo ich einen Kontrollblick hineinwerfe, ehe ich mich meinen Gästen zuwende. »Frühstück gibt es von halb acht bis zehn Uhr. Die Haustür ist oft verschlossen. Also bitte immer den Schlüssel mitnehmen, wenn sie aus dem Haus gehen. Alle nötigen Informationen sowie meine Handynummer finden Sie in der Informationsmappe auf der Kommode.«

Ich werfe einen kurzen Blick zum antiken Möbelstück. Ein Gedanke flitzt durch meinen Kopf, doch ich unterdrücke ihn schnell. Es ist besser so.

»Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.«

»Danke.«

»Werden wir haben.«

Die Urlauber lächeln sich verliebt an.

Als ich in den Flur trete, ziehe ich leise die Tür hinter mir zu und gehe nach unten. In der Küche lege ich die Unterlagen bereit, die mir Mrs. Wayne und Mr. Stone noch ausfüllen müssen. Gerade als ich nach draußen die Wäsche reinholen will, summt mein Handy in der hinteren Hosentasche.

»Hey, Em. Was gibt’s?«

»Lust auf Gesellschaft heute Abend?«, fragt mich Emily auf der anderen Seite der Leitung.

»Immer. Kommst du zu mir?«

»Ich bring Wein mit.«

»Aber dieses Mal einen Besseren. Der letzte war katastrophal. Von dem war mir am nächsten Morgen noch schlecht.«

»He, etwas netter, bitte.«

Ich grinse. »Liebe Emily Rose Thompson dieses Mal einen feinen Rotwein, bitte. Gut so?«

»Ach, ich dich auch«, schnaubt Emily, doch ich kann das Lachen in ihrer Stimme hören. »Kommt eventuell Kyle oder Evan noch vorbei?«

»Heute Abend?«

Ein Seufzen geht durch die Leitung. »Nö, im nächsten Jahrhundert. Natürlich heute Abend.«

»Werd nicht frech.«

»Und?«, fragt Em, ohne auf meine Zurechtweisung einzugehen.

Zwar kann sie mich nicht sehen, trotzdem rolle ich mit den Augen. »Also echt, Em. Dass du auf einen meiner Brüder abfährst, ist ja schon schlimm, aber gleich auf zwei ... das ist widerlich.«

»Nein, sie sind heiß. Und irgendwie muss ich mich ja von Matt ablenken.«

»Bin ich ganz deiner Meinung, was das Ablenken betrifft. Aber doch nicht mit meinen Brüdern. Außerdem ... Evan war am Mittag schon hier. Das reicht für heute.«

»Ist etwas passiert?«, fragt Emily alarmiert.

Ich setze mich auf die Verandastufe und stütze den Kopf in die Hände. »Er hat das mit Dylan herausgefunden.«

»Oh, oh.«

»Ja, das kannst du laut sagen. Er hat mir die Hölle heiß gemacht.«

»Hast du etwas anderes erwartet?«

»Nein. Trotzdem ...«

»Was, trotzdem?«, bohrt Em nach, als ich nicht weiterrede.

Ich streiche mir die Haare hinter die Ohren, lasse mir mit der Antwort ein wenig Zeit. »Warum müssen alle so auf ihm herumhacken.«

»Auf Dylan?«

»Ja, auf wem denn sonst?«, entgegne ich etwas genervt.

Emily räuspert sich. »Kannst du es ihm verübeln?«

»Ja und nein.« Ich wechsle das Telefon von einer Hand in die andere. »Wir kennen ihn doch gar nicht. Sollten wir ihm nicht eine Chance geben? Ist es nicht unfair, ihn zu verurteilen, obwohl wir ihn nicht kennen?«

Ich höre Emily tief Luft schnappen. »Dich hat es ja voll erwischt.«

»Warum? Weil ich ihn in Schutz nehme?«

»Wahrscheinlich.«

Ich reibe mir die Augen. »Ich weiß nicht, was es ist, was ich für ihn empfinde. Vielleicht sollte ich mich von ihm durchvögeln lassen, damit der Druck zwischen meinen Beinen nachlässt. Und wenn ich Glück habe, verpuffen ja meine Gefühle für ihn.«

»Was?!« Em prustet voller Lautstärke los.

Entsetzt schlage ich mir die Hand an die Stirn. »Habe ich das jetzt wirklich laut ausgesprochen?«

»So was von.«

Ich bin mir sicher, sie nickt eifrig und tupft sich Lachtränen weg. Von meiner besten Freundin, die sich im Moment bestimmt kugelt vor Lachen, kann ich wohl in den nächsten Sekunden keine Antwort erwarten. Auch wenn ich es nicht lustig finde, muss ich ebenfalls grinsen.

»Cee?«, fragt mich Emily, nachdem sie sich wieder beruhigt hat. »Ich weiß nicht, ob ich deine Idee gut oder absolut bescheuert finden soll.«

»Ich auch nicht. Wahrscheinlich bin ich gar nicht sein Typ.«

»Wie kommst du darauf?«

»Nur so ein Gefühl.«

»Schwachsinn. Hat er etwas gesagt oder getan?«

Mir stiehlt sich das Treffen von heute Morgen vor mein inneres Auge. Ich sehe Dylan, wie er ruckartig seine Hand weggezogen hat, als sich unsere Finger berührt haben.

Ich bin hübsch, aber keine wahre Schönheit. Und solche Typen wie Sawyer stehen bestimmt auf makellose, schlanke Frauenkörper. So wie die auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt.

»Ich glaube, er mag es nicht, wenn ich ihm zu nahe komme.«

»Wie das? Warte ...« Ich weiß, dass Em in diesem Augenblick einen Finger in die Höhe hält und die Brauen zusammenzieht. Das macht sie immer, wenn ihr etwas durch den Kopf geht und sie versucht den Gedanken zu fassen. »Hast du ihn etwa schon wieder getroffen?«

»Er hat mich gefragt, ob ich mir seine Arbeit ansehen will.«

»Das hast du dir natürlich nicht entgehen lassen.«

Ich zucke mit den Schultern, obwohl Emily mich nicht sehen kann. »Warum sollte ich?«

»Weil er irgendwie schräg ist?«

»Ich finde ihn interessant. Allerdings ... Er hat mich nach kurzer Zeit rausgeworfen.«

»Wie bitte?«

»Er hatte plötzlich keine Lust mehr auf meine Gesellschaft. Ich wüsste gern warum.«

»Das heißt, du lässt ihm das einfach so durchgehen?«

Wieder zucke ich mit den Schultern. »Mag sein.«

Als ich Schritte höre, hebe ich den Kopf und sehe meinen Singelgast über die Wiese kommen. »Bis nachher, okay? Ich muss mich um Miguel kümmern.«

»Miguel? Wer ist denn das nun wieder?«

»Er übernachtet im Blue House Inn.«

»Ist er heiß? Wie sieht er aus?«

Ich muss mir ein Lachen verkneifen. »Groß, schlank, blonde Haare, blaue Augen. Nicht von schlechten Eltern.«

»Lass dich doch von ihm durchnudeln. Der kann dich bestimmt auch auf andere Gedanken bringen. Weg von einem gewissen Sawyer.«

»Geht’s noch?«

»War nur so ein Vorschlag.«

»Du weißt ganz genau, dass ich nichts mit meinen Gästen anfange. Und jetzt lege ich auf.«

Ich erhebe mich und schiebe mein Handy in die Hose zurück. In dem Moment kommt Miguel auf die Veranda.

»Hallo Miguel.«

»Hey Cécile. Ein schöner Tag heute, nicht?«

Ich nicke.

Miguel ist zwei Jahre jünger als ich – gleich alt wie mein Bruder Chase. Aber Miguel erscheint mir gesetzter als mein Brüderchen. Vielleicht liegt es daran, dass Miguel kaum lächelt. Dennoch ist er nett und interessiert sich für verschiedenste Dinge.

»Und was hast du dir heute angesehen?«

»Ich war in der Kunstgalerie und habe mir ein paar Souvenirs in der Main Street gekauft. Danach habe ich im Hometown Diner einen Burger verdrückt. So, wie du es empfohlen hast.«

»Und, hat er geschmeckt?«

Miguel bildet mit drei Fingern einen Kreis und küsst deren Fingerspitzen. »Exquisit.«

Ich lächle. »Ich werde es Dan weiterleiten. Morgen geht es also weiter?«

»Ja, mein nächster Stopp ist in Delaware.«

»Hast du schon Pläne da?«

»Ich muss unbedingt durch den Park mit den wilden Pferden fahren. Stimmt es, dass die Pferde frei herumlaufen? Auch zwischen den Badegästen am Strand?«

»Absolut. Ich kann dir versichern, das ist kein Fake. Du wirst Augen machen, glaub mir. So«, seufze ich und sehe zur Wäsche rüber, »ich muss weitermachen.«

»Es war echt schön hier. Wer weiß, vielleicht komme ich mal wieder.«

»Würde mich freuen.« Ich wende den Blick ab, als mir Miguel etwas zu lange in die Augen sieht. Er ist hübsch - kein Thema -, aber nicht mein Typ und obendrein mein Gast. »Genieß deinen letzten Abend in Little Pearl.«

Miguel fährt sich durch den blonden Wuschelkopf. Wahrscheinlich sucht er nach Worten, um mich zu fragen, ob ich den Abend mit ihm verbringen will. Es wäre nicht das erste und bestimmt nicht das letzte Mal, wo ich einem meiner Kunden eine Abfuhr erteilen müsste.

Ehe es peinlich werden kann, gehe ich zur Wäscheleine, um die trockenen Bettbezüge abzunehmen. Als ich höre, dass die Fliegengittertür geht, atme ich erleichtert aus.

Meine heutige Arbeit ist erledigt. Ich habe noch etwas Zeit, bis Emily auftaucht, weshalb ich jetzt meine Badesachen einpacke, um meinem Hobby nachzugehen: Ein paar Bahnen schwimmen. Ich liebe es eine Länge nach der anderen kraulend zurückzulegen. Durchs Wasser zu gleiten, während meine Arme und Beine in gleichmäßigem Rhythmus in Bewegung sind. Zum Schluss versuche ich immer, meinen Rekord im Tauchen zu brechen. Einunddreißig Meter ist meine Bestleistung.

Seit Dads Unfall gehen wir oft zusammen schwimmen. Doch heute möchte ich mich kurz auspowern. Außerdem habe ich Angst, ich könnte mich verraten, ich könnte ihm von Dylan erzählen. Dad hat so etwas wie einen sechsten Sinn. Und da ich schon den ganzen Tag an einen gewissen Restaurator denken muss, ist es besser, ich gehe allein.

Mit meiner vollen Tasche sause ich nach draußen und steige in mein Auto. Schon nach kurzer Fahrt bin ich beim Hallenbad. Es ist ziemlich voll und jede Bahn besetzt. Das ist immer so. Das und dass das Wasser anfangs kalt ist, sind für mich die einzigen Nachteile in diesem Sport. Schnell ziehe ich mich um, fasse meine Haare zusammen und binde sie zu einem Knoten.

Die ersten zwei Bahnen bringe ich in gemütlichem Brustschwimmen hinter mich, um mich aufzuwärmen. Danach wechsle ich ab zwischen Kraul-, Rücken- und Brustschwimmen. Ab und zu versuche ich den Schmetterling. Aber auch nach Jahren üben, ist er für mich nach wie vor die schwierigste und kräftezehrendste Schwimmtechnik.

Zwei Kilometer und ein Tauchgang von dreißig Metern später steige ich aus dem Becken. Ich bin erschöpft, aber zufrieden mit meiner Leistung, und wie sich meine Muskeln anfühlen.

Nach einer kurzen Dusche steige ich in mein Auto und mache mich auf den Heimweg. Als ich mich einer bestimmten Abzweigung nähere, beginnt mein Puls zu rasen und mein Hirn zu arbeiten. Ich zähle schnell die Pro- gegen die Kontrapunkte auf und schon setze ich den Blinker. Auch wenn viel mehr dagegen- statt dafürspricht, zu Dylan zu fahren.

Gerade als ich abbiegen will, erscheinen weit hinten Scheinwerfer. Erschrocken, als würde ich etwas Verbotenes tun wollen, steuere ich auf die rechte Fahrspur zurück und fahre mit wild pochendem Herzen nach Hause.

Zuhause parke ich meinen Toyota auf dem Parkplatz vor dem Blue House Inn. Ich gehe in meinen Bungalow, um meine Tasche zu leeren, die nassen Sachen aufzuhängen und meine Nerven zu beruhigen, ehe Emily auftaucht. Weil das nicht so einfach ist, gehe ich nochmals rüber ins B&B und sehe nach dem Rechten. Vielleicht braucht ja jemand meine Hilfe.

Ständig verdrehe ich die Augen, weil ich so nah dran war eine große Dummheit zu machen. Nicht nur wegen meiner Familie, Dylan hat mir am Morgen deutlich zu verstehen gegeben, dass er mich nicht mehr sehen will, bis er meinen Kasten fertig hat. Das muss ich akzeptieren, auch wenn es mir schwerfällt.

Seufzend laufe ich über den schmalen Weg. Im Esszimmer brennt Licht und als ich durch die Tür gehe, höre ich mehrere Stimmen und ausgelassenes Gelächter. Neugierig laufe ich zum Durchgang. Vier meiner Gäste sitzen an einem Tisch und spielen Karten.

»Guten Abend«, begrüße ich sie freundlich und trete an ihren Tisch. »Wie ich sehe, spielen Sie Hearts.«

»Wollen Sie mitmachen?«, fragt mich eine der beiden Damen.

Ich muss kurz überlegen, wie ihr Name ist, bis mein Blick auf die weißen Haare ihres Mannes fällt, die eine gute Eselsbrücke bilden. »Nein danke, Mrs. White. Ich wollte mich nur versichern, dass alles in Ordnung ist. Wollen Sie vielleicht ein Glas Wein? Ich hätte im Keller eine feine Flasche Merlot«, sage ich, als ich ihre leeren Wassergläser sehe. »Oder lieber ein Bier?«

»Sie müssen uns doch nicht bewirten«, meint Mrs. White.

Als ich in die glitzernden Augen der Männer sehe, lächle ich und sage: »Ich bin gleich zurück.«

In der Küche entkorke ich den Rotwein und stelle ihn mit vier Weingläsern auf ein Tablett. Aus einem Hängeschrank hole ich Chips und salzige Erdnüsse und fülle beides in kleine Glasschalen ab.

Ich führe ein Bed and Breakfast und das Bewirten am Abend gehört in Normalfall nicht zu meinem Service. Aber ich möchte, dass sich meine Gäste wohlfühlen und das Blue House Inn in guter Erinnerung behalten.

Mit meinem befüllten Servierbrett kehre ich zu meinen Gästen zurück, stelle es auf den Tisch neben ihnen und schenke in die vier Gläser Wein ein. »Wahrscheinlich ist er noch etwas kühl. Wenn Sie ihn ein wenig stehenlassen, wird er bestimmt bald wunderbar schmecken.« Danach stelle ich ihnen noch die Glasschalen mit den Knabbereien hin und verabschiede mich von ihnen. Nicht ohne vorher in ihre strahlenden Gesichter zu sehen und ihr Dankeschön entgegenzunehmen.

Ich öffne gerade meine Haustür, als ich einen Motor aufheulen höre. Ruckartig drehe ich mich nach dem Lärm um und sehe gerade noch Rücklichter eines großen Autos, ehe es hinter der nächsten Biegung verschwindet.

Noch bevor ich mir einbilden kann, es könnte Dylan gewesen sein, taucht Emily auf und parkt ihren Wagen hinter meinem Toyota.

»Hast du etwa erst jetzt Feierabend gemacht?«, fragt sie mich, als sie bei mir ist.

Ich bitte meine Freundin herein und schließe ab. »Nein, ich war nur noch mal schnell drüben, um nach dem Rechten zu sehen.«

»Und, alles in Ordnung?«

»Alles bestens. Zwei ältere Ehepaare spielen Karten und ich habe Ihnen eine Flasche Wein gebracht.«

Em zwinkert plötzlich mit den Augen und betrachtet mich mit einem frechen Grinsen.

»Hast du etwas im Auge?«, erkundige ich mich, weil ich aus ihrem Zwinkern nicht schlau werde.

»Und bei Manuel auch alles in Ordnung?«

Ich ziehe meine Brauen hoch. »Meinst du vielleicht Miguel?«

Sie schnippt mit den Fingern, bevor sie auf mich zeigt. »Ja, genau der. Und?«

Etwas genervt gehe ich in die Küche. Em folgt mir. »Ich fange nichts mit meinen Gästen an. Wie oft muss ich dir das denn noch erklären? Außerdem ist er nicht mein Typ.«

»Ich wollte mich nur erkundigen, ob du vielleicht unterdessen einen anderen Kerl vergessen hast.«

Abermals seufze ich. »Nee, ich ... ich war ... Ach vergiss es. Hast du Wein mitgebracht?«

Sie zaubert eine Flasche hervor und stellt sie vor mich auf den Tisch. »Wenn ich gewusst hätte, dass du drüben deine Gäste bewirtest, hätte ich mir nicht extra die Mühe gemacht, um noch in den Supermarkt zu flitzen«, witzelt sie, geht zu den Schränken und nimmt zwei Gläser heraus, während ich den Korkenzieher aus einer Schublade hole.

Ich hebe den Kopf vom Korken, weil ich Ems durchdringenden Blick auf mir spüre. »Was?«

»Ich habe Dylan im Walmart gesehen. Er ist kurz vor mir vom Parkplatz und in diese Richtung gefahren.«

»Bist du ihm etwa gefolgt?«, frage ich mit riesigen Augen.

»Indirekt.«

»Aber?« Ich weiß, dass sie mir etwas verheimlicht.

Sie grübelt, ich sehe es an ihrem Gesichtsausdruck. Wahrscheinlich überlegt sie, was sie mir sagen soll. Das hätte sie vorher überlegen sollen. Bevor sie damit begonnen hat, dass sie Dylan gesehen hat.

»Es herrschte zwar eine relativ große Distanz zwischen uns, trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass er vor deinem Haus eine Pause eingelegt hat.«

Ich lege mir eine Hand auf die Brust und spüre mein Herz, wie es mit einem Mal schneller schlägt. »Du meinst ... er ist ...« Ich gerate ins Stammeln.

»Er hat dich beobachtet.«

Das müsste mich verschrecken und mir Angst einjagen. Ich kenne Dylan nicht und wegen all den Gerüchten, die über ihn kursieren, sollte ich zweimal nachsehen, ob meine Tür verschlossen ist. Aber so ist es nicht. Der Gedanke, dass er ein Auge auf mich geworfen hat ... freut mich und lässt meine Mundwinkel nach oben ziehen.

Mag er mich vielleicht doch? Bedeute ich ihm sogar etwas?

»Dir ist echt nicht mehr zu helfen«, reißt mich Emily aus meinen Überlegungen und nimmt mir die geöffnete Weinflasche ab, um uns beiden einzuschenken.

»Ich weiß gar nicht, was du hast«, sage ich mit Unschuldsmiene, nehme mein Glas und gehe ins Wohnzimmer. Kaum sinke ich in die Polster der Couch, probiere ich den Wein.

»Du bist so verknallt, dass du gar nicht mehr richtig sehen kannst.«

»Dieses Thema hatten wir doch schon.« Ich nehme einen weiteren Schluck. »Übrigens«, sage ich auf den Wein deutend, »gute Wahl.«

»Der war sauteuer, also gieß ihn nicht runter, als wäre er Wasser«, erklärt mir Em, die sich neben mich gesetzt und ein Bein untergeschlagen hat. Sie hebt das Glas und nimmt selbst einen tiefen Zug.

»Sagt die Richtige.«

»Ich habe ihn bezahlt, ich darf das.«

Ich proste ihr zu. »Merk ich mir.«

»Und jetzt zurück zu Sawyer«, meint Em ernst. »Pass auf dich auf. Wir kennen ihn nicht und dass er vorhin vor deinem Haus gestanden hat, ist irgendwie unheimlich.«

Seit Matthew sie geschlagen hat, ist Emily allen Männern gegenüber skeptisch. Außer vielleicht meinen Brüdern.

»Dylan mag etwas ungehobelt sein, dennoch bin ich mir sicher, dass er immer noch besser ist als dein Ex. Das fühle ich.«

»Manchmal lassen die Gefühle einen blind werden. Ich kann ein Lied davon singen.« Ems Blick ist auf ihre Hände gerichtet, in der sie ihr Glas hält. Die plötzliche Anspannung und Traurigkeit in ihrer Stimme, brechen mir beinahe das Herz. »Es gab so viele Anzeichen, die mich vor Matt gewarnt hätten, hätte ich sie richtig gedeutet. Aber ich wollte nicht hinsehen und es nicht wahrhaben. Bis es dann zu spät war.« Sie hebt ihren Kopf, um mich anzusehen. »Ich möchte nicht, dass dir dasselbe passiert.«

»Ach, Süße.« Ich stelle mein Glas auf den Couchtisch, der aus einfachem hellen Holz besteht und lege meiner Freundin die Arme um die Schultern. »Ich werde vorsichtig sein. In Ordnung?«

»Das weiß ich«, murmelt sie in mein Haar, »und trotzdem habe ich immer wieder den Drang, dich zu warnen.«

Für einen Moment sitzen wir da, halten uns umarmt und wiegen uns sanft hin und her. Nach und nach kommt meine lebensfrohe Freundin zurück.

Emily schnuppert an meinem Haar. »Warst du schwimmen?«

»Ja, ich musste ein paar Bahnen machen.«

»Ist John mitgekommen?«

»Heute nicht. Dad macht am Samstag wieder bei einem Rennen mit.«

»Wow, schon wieder?«

»Ja. Anscheinend braucht er die vielen Wettkämpfe, um mit seiner Behinderung klarzukommen.«

»Ich bewundere deinen Vater, ehrlich. Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ich in seiner Lage wäre.«

»Ich auch nicht. Glaub mir, ich auch nicht.« Ich greife nach meinem Glas.

Bevor ich einen Schluck nehmen kann, streckt Em ihr Glas in die Luft, um einen Toast auszusprechen. »Auf deinen Vater, der sich nicht unterkriegen lässt.«

»Auf Dad, der früher oder später auf einem der ersten drei Plätze sitzen wird.« Ich leere mein Glas halbleer.

»Ich könnte ein Plakat von ihm gestalten, das du dann am Rennen in die Höhe halten und ihn damit anfeuern könntest.«

»Ich bezweifle, dass das Dad gefallen würde«, winke ich ab. »Aber du könntest dich um meine Website kümmern. Eine Auffrischung wäre meiner Meinung nach mal nötig. Vielleicht ein paar neue Bilder. Oder was meinst du?«

»Darüber wollte ich mit dir schon lange mal sprechen. Ich hätte da eine Superidee.«

»Oh, oh, was kommt jetzt?«, frage ich lachend, als ich in ihre Augen sehe, die vor lauter Begeisterung richtig leuchten.

»Vielleicht könntest du ein paar deiner Gäste fragen, ob du sie fotografieren dürftest, wenn sie einchecken oder die Treppe zum Zimmer hochgehen. Vielleicht lässt sich auch jemand beim Frühstücken ablichten. Eventuell würde jemand einen Film mit sich drehen lassen. Zum Beispiel Miguel mit einem Handtuch um die Hüfte, als er aus der Dusche kommt.«

»Mann, Em.« Ich verpasse ihr einen Knuff in die Seite, doch sie fängt bloß an, wie ein Huhn zu gackern.

»Okay, lassen wir meinen letzten Vorschlag. Aber gut war er, oder?« Sie tupft sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln und hat anscheinend noch immer Mühe, sich von ihrem Witz zu erholen.

Ihr Gag lässt plötzlich ein anderes Kino in meinem Kopf starten. Dylan mit feuchten, braunschwarzen Haaren und tätowierten Armen taucht halbnackt vor mir auf. Sein Blick aus seinen kaffeebraunen Augen brennt sich in meinen, gleichzeitig hat er seine Hände am Handtuch. Ich folge seinen langen Fingern und wünsche mir, er würde das Tuch fallen lassen.

Die Seifenblase zerplatzt, in dem Augenblick, wo Em mit ihren Händen vor meinem Gesicht herumfuchtelt.

Kapitel 7

Immer wieder sage ich mir, ich solle umdrehen. Ständig hoffe ich, es möge ein Anruf kommen und ich müsse ins Bed and Breakfast zurück. Keine Meile vergeht, wo ich mir sage, dass es ein Fehler ist, was ich vorhabe. Aber ich kann nicht zurück. Ich kann nicht umdrehen. Ich werde wie von Geisterhand geführt.

Keine Ahnung, was ich ihm sagen werde, sobald ich vor ihm in der Werkstatt stehe. Dass ich nur sehen will, was er mittlerweile geschafft hat, wird er mir vermutlich nicht abkaufen.

Schon überquere ich den kleinen Bach und fahre am Waldrand entlang zu Moores Grundstück. Als ich auf den großen Kiesplatz komme, stehen ausnahmsweise drei Autos darauf. Moores SUV parkt vor dem Haus, während Dylans Pick-up an der gleichen Stelle steht wie immer. Links davon ist ein dunkelblauer Oldtimer. Vermutlich gehört der einem Kunden Sawyers.

Ich lege den Rückwärtsgang ein und überlege mir, ob ich zurückfahren soll. Ich will Dylan nicht bei seinen Geschäften stören. Doch dann fällt mein Blick auf die zwei Pappbecher von Starbucks auf dem Beifahrersitz. Also stelle ich meinen Toyota rechts von Dylans Auto ab, nehme die zwei Kaffees und gehe zur Werkstatt.

Ich öffne die Tür und trete in den Raum. Es ist erstaunlich still. Erst als ich mich umgesehen habe, bemerke ich, dass ich alleine bin. Fragend drehe ich mich im Kreis. Kein Dylan und auch kein Kunde weit und breit.

Ich sehe auf meine Armbanduhr. Es ist kurz nach neun. Macht er soeben Pause? Ist er nebenan in Moores Haus? Oder irgendwo draußen? Gerade als ich ins Freie gehen will, um zu sehen, ob ich ihn irgendwo entdecken kann, höre ich leises Gemurmel. Dann ein Kichern. Ich verharre an Ort und Stelle und lausche den Geräuschen. Sie kommen von oben. Ich kann es durch die spaltbreit offenstehende Tür in der linken Ecke hören. Ich bringe keinen Schritt zustande, aber ich erkenne eine Treppe, die nach oben führt.

Stöhnen. Ein hohes. Ein tiefes. Jemand stößt Dylans Namen aus. Eindeutig eine Frau. Mir wird ganz heiß und kalt zugleich.

»Geh auf die Knie. Ja, das ist gut.« Es ist unverkennbar Dylans kehlige Stimme.

Ich lasse beinahe die Pappbecher fallen, weil ich mir die Ohren zuhalten möchte. Ich will nicht mitbekommen, wie Dylan eine andere Frau vögelt. Das ist zu viel.

Neben mir steht ein Tisch. Schnell stelle ich den Kaffee ab und renne ins Freie. Ich blinzle ein paar Mal gegen das helle Sonnenlicht, als ich zu meinem Auto flüchte.

Ich wusste, dass Dylan einen hohen Frauenverschleiß hat, aber Zeuge davon zu werden, war zu keiner Zeit ein Ziel von mir. Wenn ich auf meine innere Stimme gehört hätte, wäre ich jetzt Zuhause und hätte nie etwas von dieser Nummer mitbekommen.

Es fühlt sich an, als hätte ich einen Schlag in die Magengrube verpasst bekommen. Irgendwie hatte ich gehofft, Dylan würde auch etwas für mich empfinden. So wie ich für ihn.

Ich hätte es besser wissen müssen.

Moore kommt mir entgegen, als ich auf meinen roten Toyota zusteuere. Ich setze ein Lächeln auf, obwohl mir im Augenblick gar nicht danach ist. Und ich mich viel lieber ins Auto setzen und davonrasen würde, statt mich mit meinem Gärtner zu unterhalten.

»Hallo Mr. Moore.«

»Hallo Miss Cécile. Was führt Sie denn hierher?«

»Ich wollte sehen, wie weit Dylan mit seiner Arbeit ist. Allerdings konnte ich ihn nicht finden.«

»Hmm«, Moore reibt sich über den Bart. Dann fällt sein Blick auf den Oldtimer. »Er macht bestimmt Pause«, sagt er nach kurzer Überlegung. Aber in seinen Augen sehe ich, dass er genau weiß, was Dylan in diesem Moment treibt.

Sein Blick wandert zu den Gauben über der Werkstatt. Ich folge ihm. Als ich glaube, einen Schatten hinter dem Vorhang zu sehen, schnellt mein Kopf nach vorn.

Ich schiebe meinen Pulloverärmel ein Stück nach oben, damit ich auf meine Uhr sehen kann. »Ich muss zurück.« Ich muss hier weg und zwar schnell.

Mr. Moore nickt. »Soll ich ihm etwas ausrichten?«

»Nein, schon in Ordnung.«

»Wie Sie meinen.« Ich möchte mich schon abwenden, doch Mr. Moore hält mich ein weiteres Mal auf. »Ich habe gehört, Ihr Vater nimmt morgen wieder an einem Wettkampf teil.«

»Stimmt, ja.«

»Wünschen Sie ihm viel Glück von mir.«

»Mach ich.«

Und jetzt sehe ich zu, dass ich von hier verschwinde. Ich fische meinen Schlüssel aus der Hosentasche und öffne den Toyota. Gerade als ich ins Auto steigen will, legt sich eine Hand auf den Türrahmen.

»Wo willst du hin?«

Mein Puls jagt in die Höhe und für eine Sekunde glaube ich mein Herz in der Kehle zu haben. Langsam drehe ich mich zu Dylan, der dicht hinter mir steht.

»Nach Hause«, antworte ich etwas schwach, weil sein Haar unverschämt sexy aussieht, das leider nicht ich so verwuschelt habe.

»Und warum bist du hier aufgetaucht?« Dylan funkelt mich mit seinen kaffeebraunen Augen grimmig an. Seine Lippen bilden eine gerade Linie.

»Warum bist du so stinkig?« Fast hätte ich gefragt, ob der Sex so übel war, dass er jetzt seine schlechte Laune an mir auslassen muss. Gott sei Dank konnte ich noch rechtzeitig die Worte zurückhalten.

»Ich bin immer so. Nun?«

»Was, nun?«

»Beantworte meine Frage.«

»Ich wollte«, dich sehen, »etwas mit Mr. Moore besprechen.«

»Ja klar.«

Der Motor des Oldtimers springt an und eine schwarzhaarige – eine andere, als die, mit der ich Dylan auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt gesehen habe – lenkt ihn über den Platz.

Dylan schenkt ihr keine Beachtung, sondern sieht die ganze Zeit zu mir. »Ich habe etwas nachzuholen.«

Er klingt, als müsse er sich rechtfertigen. Aber das bilde ich mir bestimmt nur ein.

»Ich ... das geht mich nichts an.«

»Genau. Also, was hast du hier zu suchen?«

Ich möchte einen Schritt zurückgehen, aber mein Rücken drückt jetzt schon gegen das Auto. »Ich ...« Ich sehe mich nach Moore um, in der Hoffnung, er würde mich aus dieser Situation befreien, doch der ist wie vom Erdboden verschluckt.

Dylan folgt meinem Blick. Als ich wieder ihn ansehe, hat er die Arme vor der Brust verschränkt. »Komm mir nicht noch mal mit ‘ner Lüge.«

»Ich wollte dir einen Kaffee bringen.«

»Und weiter?«

Mit offenem Mund, weil er mich so leicht durchschaut hat, starre ich ihn an. Dann rutschen mir die Worte einfach heraus. »Ich wollte dich sehen.« Gott, mein Gesicht ist bestimmt knallrot, wie eine überreife Tomate. Wie konnte ich ihm das bloß sagen? Bestimmt fängt er gleich an zu lachen und schickt mich weg.

Doch das passiert nicht. Zumindest eines davon nicht.

Dylan beobachtet mich mit gefährlich dunklen Augen. »Du kennst mich nicht.«

»Nein, aber ich möchte das ändern.« Ich schlucke hart, als ich auf seine Antwort warte.

Nach vorn gebeugt und mit kalter Stimme sagt er: »Das willst du nicht, glaub mir.« Er macht einen Schritt zurück. »Steig ein und geh nach Hause.«

»Warum ...«

»Geh«, unterbricht er mich. Seine Augen wirken hart, aber auch irgendwie traurig und gequält.

Ich möchte eine Hand an seine Wange legen, um diesen Ausdruck aus seinen Augen zu vertreiben. Stattdessen steige ich in mein Auto und setze zurück.

Als ich vom Platz fahre, bemerke ich Dylan im Rückspiegel, wie er mir hinterhersieht. Erst als ich aus seinem Blickfeld bin, wage ich es meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Seine Zurückweisung ist unheimlich schmerzhaft.

Ziellos kurve ich durch die Gegend. Ich sollte ins B&B – aufräumen und putzen. Eben das machen gehen, was mein Job ist. Doch mir fehlt gerade die Kraft und die Motivation dazu.

Ständig wiederhole ich Dylans Worte in meinem Kopf. Wobei ich mich dauernd frage, vor was er davonrennt. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass er das tut. Etwas muss in seinem Leben passiert sein, wieso er so verschlossen und kalt ist. Oder ist er nur zu mir so? Ich schüttle den Kopf. Nein, das glaube ich nicht.

Ja, er hat mich schockiert. Er hat meinem Herzen einen Stich versetzt. Trotzdem werde ich herausfinden, was ihn quält, was ihm widerfahren ist. Und seine abweisende Art wird mich nicht davon abbringen.

Mein Telefon klingelt auf dem Beifahrersitz. Ich fahre rechts ran und schaue aufs Display. Everlys Name leuchtet auf, wodurch ich sofort an meine eigentlichen Aufgaben erinnert werde.

»Hallo Everly, tut mir leid, ich bin gleich da«, sage ich rasch in den Hörer, nachdem ich abgenommen habe. Ich habe ihr nicht verraten, wo ich hinwollte, als ich am Morgen aus dem B&B gestürmt bin. Everly wäre sofort zu meiner Mom gerannt. Aber jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich sie so lange eingespannt und ihr etwas vorgegaukelt habe, nur damit ich zu Dylan fahren konnte. Und der nichts Besseres wusste, als mit einer anderen zu vögeln. Hoffentlich werde ich die Geräusche, die ich unfreiwillig mitangehört habe, schnell aus meinem Kopf bringen.

»Kein Problem, Liebes. Ich kann noch ein wenig die Stellung halten, wenn du noch Zeit für deine Besorgungen brauchst.«

»Nein, ich habe alles erledigt.«

»Gut, dann sehen wir uns ja in ein paar Minuten.«

»Warum hast du mich angerufen?«, frage ich meine Angestellte, ehe sie auflegen kann.

»LeAnn ist da.«

»Mom? Was macht sie da? Und warum ruft sie mich nicht selbst an?«

»Ich wollte dich nur vorwarnen.«

»Vorwarnen? Vor was?«

»Es fehlt ein altes Möbelstück.«

Oje, oje. Bestimmt hat Mom eins und eins zusammengezählt. Warum bloß musste ich ihr vor Wochen von meinen Plänen erzählen? Ich schlage mir gegen die Stirn. Das gibt Ärger, ich fühle es.

»Ich bin schon unterwegs.«

Mit einem unguten Gefühl fahre ich zum Blue House Inn zurück, und überlege mir, wie ich meiner Mutter erklären kann, dass ich trotz ihrer Bedenken den Kasten zu Dylan gebracht habe. Als ich aussteige, habe ich noch immer keine sinnvolle Erklärung. Doch dann laufe ich an Moms Auto vorbei auf die Veranda und ich weiß sofort, dass ich ihr einfach die Wahrheit sagen werde. Details kann ich ja auslassen.

Sie ist in der Küche und räumt gerade den Geschirrspüler aus, als ich den Raum betrete. »Hey Mom«, sage ich fröhlich. Auch wenn ich nervös wegen unserer kommenden Unterhaltung bin, so freue ich mich doch, sie zu sehen.

»Cécile, da bist du ja«, begrüßt mich Mom mit einem Lächeln.

Kann unser Gespräch doch nicht so schlimm werden? Meine Hoffnung steigt.

»Das brauchst du doch nicht zu machen.« Ich gehe zu ihr, drücke ihr einen Kuss auf die Wange.

»Kein Problem. Aber ich habe dir schon oft gesagt, du sollst mich anrufen, wenn du mit der Arbeit nicht nachkommst.«

»Ich habe alles im Griff.« Warum musste sie gerade diesen Tag für einen Besuch aussuchen? Gerade heute, wo ich alles stehen und liegen lassen habe, um zu einem Kerl zu fahren, dem niemand traut und ihn alle für einen üblen Typ halten - außer vielleicht Mr. Moore -, muss natürlich Mom auftauchen und mich dabei erwischen, wie ich meine Aufgaben vernachlässige. Was sonst noch nie der Fall war.

»Und warum musste Everly dann heute länger machen?«

Ich verstaue die Gläser, während sie die Teller wegräumt.

»Wo ist sie überhaupt?«

»Ich habe sie nach Hause geschickt. Schließlich hätte sie schon vor zwei Stunden Feierabend gehabt.« In ihrer Stimme schwingt ein unausgesprochener Vorwurf mit. Als die Spülmaschine leer ist, lehnt sich Mom an den Tresen. »Wann wolltest du mir erzählen, dass du den alten Kasten im Esszimmer renovieren lässt?«

Ich gehe zum Kühlschrank und hole mir ein Mountain Dew heraus, um Moms Blick auszuweichen, und mir etwas Zeit zu verschaffen. »Willst du auch etwas?«

»Diese Masche zieht nicht, meine liebe Tochter.« Als ich wieder Mom ansehe, hält sie ihre Arme vor der Brust verschränkt. »Raus mit der Sprache.«

Mit meinem Getränk gehe ich an den Tisch, ziehe einen Stuhl hervor und setze mich. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich ihn restaurieren lassen werde.«

Mom kommt zu mir und nimmt gegenüber von mir Platz. »Bei diesem Sawyer?«

»Kennst du einen anderen Restaurator in der Gegend?«, frage ich mürrisch, weil ich mich in die Ecke getrieben fühle. Aber das hat sie nicht verdient. Und so rudere ich sofort zurück. »Tut mir leid.«

»Wie ist er so?«

Steile Falten bilden sich auf meiner Stirn, als ich sie überrascht ansehe. »Was?«

Mom verzieht keine Miene. »Ich möchte nur wissen, wie Mr. Sawyer so ist. Ob er es verdient, den Auftrag für dich auszuführen.«

»Mom!«

»Was? Wir hatten schon vor einer Weile dieses Gespräch, wo ich dir gesagt habe, dass ich nicht möchte, dass du ihn beauftragst. Trotzdem hast du es getan. Ich will nur erfahren, ob die Gerüchte wahr sind.« Sie legt ihren Kopf schief. »Und ich mir Angst um meine Tochter machen muss.«

»Ich habe kaum mit ihm geredet. Aber Dylan ist schwer in Ordnung«, antworte ich, dann verdrehe ich die Augen. »Und Sorgen musst du dir um mich bestimmt nicht machen. Warum auch?«

»Dylan? Seid ihr also schon beim Du?«

Ein weiteres Augenrollen. »Er ist in meinem Alter. Weshalb sollte ich ihn dann noch mit Sie ansprechen? Wir sind im einundzwanzigsten Jahrhundert, Mom.«

Mom gibt sich geschlagen. »Wann ist er denn mit der Arbeit fertig?«

»Weiß nicht genau. In einer Woche, vielleicht auch zwei.« Ich werde ihr nicht sagen, dass Dylan seinen Job wahrscheinlich heute, eventuell am Morgen beendet haben wird. Ich will nicht, dass sie dann hier auftaucht und ihn unter die Lupe nimmt.

»Gibst du ihm dann ein weiteres Möbelstück mit?«

Ich verschlucke mich fast an meinem Mountain Dew. Nicht, weil sie mich mit ihrer Frage überrascht, sondern weil sie ins Schwarze getroffen hat. Sie kennt mich besser, als mir im Moment lieb ist.

»Neiiin?«, sage ich gedehnt, wobei sich meine Antwort mehr wie eine Frage anhört.

»Wie oft hast du ihn denn schon besucht?«

Mit ihm geredet: fünf Mal. Ihn besucht: drei Mal. Er hier gewesen: ein Mal.

Ich zucke mit den Achseln. »Womöglich zweimal.«

»Womöglich?« Sie zieht die Augenbrauen zusammen. »Was ist das denn für eine Aussage? Du bist eine der wenigen Personen, die sich genau merkt, wann sie mit wem telefoniert oder wann sie wen getroffen hat. Wie oft warst du bei ihm?« In ihren Augen blitzt etwas auf, als würde ihr ein Licht aufgehen. »Wo sind deine Einkäufe?«

»Einkäufe?«, frage ich irritiert.

»Hast du nicht Everly gebeten, länger zu arbeiten, damit du in die Mall gehen konntest?«

Ihr kann ich leider nichts vormachen. »Mom, warum stellst du mir so dämliche Fragen?«, sage ich, statt ihr zu antworten.

»Dämlich sagst du dem?« Sie stemmt ihre Hände auf den Tisch und funkelt mich böse an. »Ich mache mir Sorgen um meine Tochter. Ist das etwa verboten?«

Ich werfe meine Hände in die Höhe und stehe auf. »Es gibt keinen Grund dazu!« Langsam bin ich genervt.

Mom steht ebenfalls auf. Unsere Augen sind auf gleicher Höhe, als wir uns gegenüberstehen. »Du hast dich verliebt.«

Mir bleibt fast das Herz stehen. »Unsinn.«

»Du brauchst es nicht zu leugnen.«

»Und was jetzt? Soll ich das jetzt einfach abstellen? Willst du mir verbieten, zu ihm zu gehen?« Meine angestauten Gefühle brechen sich Bahn. Dylans Zurückweisung hat mir mehr zugesetzt, als ich wahrhaben möchte. Und ich bin wütend. Aber auf die falsche Person.

»Ach, Liebes.« Mom kommt zu mir, möchte mich in die Arme nehmen, doch ich weiche zurück. Sie lässt ihre Hände an den Seiten heruntersinken. »Ich kann dir nicht vorschreiben, was du tun sollst. Ich will nur, dass du vorsichtig bist.«

»So wie du, als du Dad kennengelernt hast?«

»Das ist was ganz anderes.«

»Tatsächlich? Wieso? Laut deinen Erzählungen war Dad kein heiliger, bevor du ihn getroffen hast.«

»Das mag stimmen, aber ...« Mom verstummt, sieht mich bloß mit ihren braunen Augen an. Als ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht auftaucht, entspanne ich mich. »Wir haben wohl beide eine Schwäche für Bad Boys.«

Ich muss lachen, als ich sie Bad Boys sagen höre. Auch sie grinst. Doch dann werde ich wieder ernst. »Ich bin mir nicht sicher, ob Dylan wirklich so ein harter Kerl ist, wie er tut, oder ob er sich einfach nur schützen will«, gestehe ich ihr.

»Mom sieht mich fragend an. »Schützen, vor was?«

»Das will ich herausfinden.«

»Ich weiß nicht, ob das gut ist.«

»Hast du auch auf deine Eltern gehört, als du angefangen hast Dad zu daten?«

»Nein«, gibt Mom mit funkelnden Augen zu.

»Außerdem glaube ich nicht, dass Dylan bei Mr. Moore seine Werkstatt haben könnte, wenn die Gerüchte um ihn wahr wären. Denkst du nicht auch?«

»Damit könntest du recht haben«, stimmt mir Mom zu.

»Machst du mir einen Gefallen?«, frage ich sie dann.

Mom zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne, ehe sie die Nase rümpft. »Wieso bekomme ich das Gefühl, dass mich das in Teufelsküche bringen wird?«

»Sag Dad nichts davon.« Moms Brustkorb hebt sich, als sie tief Atem holt. Es ist viel verlangt, das ist mir bewusst. Aber ich will nicht auch noch mit Dad über Dylan streiten. »Auch meine Brüder brauchen nichts davon zu erfahren. Obwohl, Evan hat mich bereits erwischt, wie ich von Moores Grundstück gefahren kam und hat mich zur Rede gestellt. Doch vom Rest brauche ich mir nicht auch noch eine Moralpredigt anhören. Du weißt, wie sie sein können, wie ihr Beschützerinstinkt funktioniert.«

Ein flüchtiges Lächeln zupft an Moms Mundwinkeln. »Der ist manchmal ein wenig zu ausgeprägt. Aber, Kleines«, seufzt Mom und ihre kurze Fröhlichkeit ist wieder verschwunden, »etwas vor deinem Vater zu verschweigen, das ist fast unmöglich und obendrein falsch.«

»Trotzdem braucht er nichts von Dylan und meinen Aufträgen zu wissen.«

»So, so, jetzt sind es schon Aufträge.«

Unbeabsichtigt habe ich gerade eine ihrer vorher gestellten Fragen beantwortet. Ich zucke bloß mit der Schulter.

»Ich werde deinem Dad nichts sagen, außer wenn er mich fragt. Dann werde ich ihn nicht anlügen.«

»Das habe ich mir schon gedacht.«

»Gut. Und jetzt verrat mir, was du mit meinen Sachen und Grossmutters Deckchen gemacht hast, die im Kasten aufbewahrt wurden.«

»Sie sind im Keller. Ich habe sie in Kisten gepackt. Willst du sie durchsehen?«

»Ein andermal. Ich muss noch ein paar Besorgungen machen. Wir sehen uns morgen.«

»Hab dich lieb, Mom. Und danke.«

Wir drücken uns.

»Ich dich auch, mein Schatz.« Sie nimmt ihre Tasche vom Tresen und winkt mir nochmals zu, ehe die Tür hinter ihr zugeht.

Kapitel 8

Die Schlafräume sowie die Badezimmer sind aufgeräumt und geputzt. Die Wäsche hängt draußen, um zu trocknen. Das Frühstücksgeschirr ist wieder sauber in den Schränken. Mein neuer Gast hat vor wenigen Stunden eingecheckt. Jetzt muss ich nur noch den Boden im Esszimmer fertigsäubern und in den Supermarkt fahren. Danach kann ich mir eine Pause gönnen.

Gerade als ich die hochgestellten Stühle von den Tischen nehmen will, klopft es hinter mir. Ich drehe mich um und sehe meinen Gärtner im Türrahmen stehen.

Überrascht ziehe ich meine Stirn kraus. »Mr. Moore, was machen denn Sie noch hier? Ist irgendwas passiert?« Wir haben uns doch vor einer Weile einen schönen Abend gewünscht?

»Nein, nein, Miss Cécile, alles in bester Ordnung. Ich warte nur auf Dylan, er hat mich gebeten ihm mit dem Kasten zu helfen. Er müsste jeden Moment kommen.« Moore fährt sich über den Bart, eine alte Angewohnheit.

»Dylan? Kasten?«

Hinter Mr. Moore tauchen braunschwarze Haare auf. Gleich darauf sehe ich in Augen, die mich seit Wochen nicht mehr in Ruhe lassen. Dylan überragt meinen Gärtner um einen ganzen Kopf, als er neben ihm steht.

»Ich hoffe, wir stören nicht«, meint er in seiner tiefen Stimme.

»Nein, kein Problem.« Du störst mich nie. »Ich habe eben noch den Boden gewischt.« Mann Cee, das interessiert ihn doch nicht. Ich würde mir gerne eine gegen die Stirn klatschen. »Ist mein Schrank denn schon fertig?«, frage ich ihn, nachdem ich seinen Anblick in mich aufgesogen habe.

»Ja, ich habe ihn draußen auf meinem Pick-up. Moore hat mir angeboten, mir beim Abladen zu helfen.«

Ich muss schmunzeln, als ich erfahre, dass auch Dylan meinen Gärtner siezt. Ich finde es irgendwie süß und beweist mir, dass hinter Dylans harter Schale ein weicher Kern stecken muss.

Eigentlich sollte ich Dylan darauf hinweisen, dass er bereits das zweite Mal unangemeldet in meinem B&B aufgetaucht ist. Aber mein Herz macht einen Salto nach dem anderen, dass ich lieber den Mund halte. Ich möchte ihn nicht verärgern, besonders nach dem Treffen von heute Morgen nicht.

»Kann ich euch irgendwie behilflich sein?«, frage ich stattdessen.

»Es geht schon.«

Täusche ich mich oder hat er mich eben von oben bis unten mit seinem Blick abgecheckt, ehe er im Flur verschwunden ist?

Ich schüttle den Kopf. Mach dir keine falschen Hoffnungen, Cee.

Obwohl mir Dylan gesagt hat, sie würden ohne mich zurechtkommen, gehe ich auf die Veranda und sehe den beiden Männer zu, wie sie mein Möbelstück von Dylans Pick-up hieven. Ein feiner Schauer durchrieselt meinen Körper, als ich Dylan dabei beobachte, wie er den antiken Kasten anhebt und sich sein Bizeps unter seinem schwarzen T-Shirt wölbt. Seine Beine stecken in Jeans und seine Füße in Boots – beides ebenfalls schwarz.

Ich lecke mir über die Lippen, als er von der Laderampe springt und sich die Haare aus der Stirn schiebt. Er sieht so teuflisch sexy aus, ich kann einfach nicht mehr von ihm wegsehen. Ich glaube, neben mir könnte eine Bombe einschlagen, ich würde es nicht bemerken, so sehr bin ich von Dylan angetan.

»Dürften wir mal durch?«

Vor Schreck stolpere ich zwei Schritte zurück und laufe rot an. Ich habe gar nicht bemerkt, wie sich Dylan mir genähert hat.

Ein Lächeln - ein klitzekleines, aber es ist da - umspielt seinen Mund, sowie er mich am Arm festhält, damit ich nicht umfalle.

Lacht er mich etwa aus? Schon möchte ich mich aus seinem sanften Griff losreißen und ihm sagen, was für ein Arschloch er ist. Doch dann begegnen sich unsere Blicke und alles tritt in den Hintergrund. Seine Augen haben noch nie so lebendig gewirkt wie in diesem Moment. Ich weiß, ich starre ihn an, trotzdem kann ich mich nicht von seinem strahlenden Funkeln oder von seinem lächelnden Mund lösen, der so gut wie immer zu einem geraden Strich gezogen ist.

»Nochmals Glück gehabt«, meint Dylan und lässt mich los.

Schon vermisse ich seine Berührung – die bisher längste. Ich überlege mir schon, ob ich extra Stolpern soll, damit er mich erneut anfasst. Zweifellos wäre das zu kindisch. Und so gehe ich mit einem tiefen Sehnen ins Haus zurück.

Gleich darauf schiebt Dylan mein renoviertes Möbelstück ins Esszimmer. Gleichzeitig achtet Mr. Moore darauf, dass Dylan nirgends dagegen stößt.

Ich schlage meine Hände vor den Mund, sobald der antike Kasten wieder an seinem alten Ort steht. »Ich kann nicht glauben, was du aus ihm herausgeholt hast. Wunderschön«, flüstere ich.

Mit ausgestreckter Hand gehe ich rüber und berühre das feine, glänzende Holz mit meinen Fingerspitzen. Ich drehe den Schlüssel und öffne die Tür, die nun lautlos aufgeht, spähe ins Innere und schließe sie dann wieder. Jetzt würde ich meinen Eltern und meinen Brüdern gerne zeigen, wie recht ich mit der Restauration hatte. Doch das kann warten, bis sie mal hier sind und es mit eigenen Augen sehen können.

»Ich werde dann mal gehen«, höre ich Mr. Moore irgendwoher sagen.

Ich habe nur Augen für den Kasten, und dem Mann neben mir. »Danke, er sieht aus wie neu.« Ohne nachzudenken, was ich tue, drehe ich mich zu Dylan und umarme ihn.

Sofort steigt mir sein männlicher Duft in die Nase. Sein Körper fühlt sich so gut, so fest an unter meinen Händen. Doch ehe ich mit meinen Fingern über seinen Rücken fahren und seine Muskeln ertasten kann, spüre ich, wie er sich mit einem Mal verspannt.

Im nächsten Augenblick hat er mich schon von sich geschoben. Ich schließe kurz die Augen, ehe ich mich getraue ihm ins Gesicht zu sehen. Es ist wieder so wie immer, verschlossen und kalt.

»Tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich ...« Abrupt halte ich inne. Was soll ich ihm schon sagen? Belügen will ich ihn nicht und die Wahrheit, dass ich ihm um den Hals fallen wollte, kann ich ihm nicht anvertrauen.

Erleichtert atme ich auf, als mich Dylan aus der peinlichen Situation erlöst, in die ich mich unweigerlich gestürzt hätte. »Du hast eine eigenartige Art, danke zu sagen«, brummt er.

»Kann schon sein«, erwidere ich mit einem unsicheren Lächeln.

Ich muss mich beschäftigen, nicht dass ich mich abermals auf ihn stürze. Deshalb drehe ich mich zu den Tischen, und stelle nacheinander die Stühle auf den Boden zurück. Zu meinem großen Erstaunen räumt Dylan am Nachbartisch die Stühle ab und als diese alle unten sind, geht er zum nächsten Tisch.

Meine Mundwinkel zucken und mein Herz rast schon wieder, während ich ihn beobachte. Ich kann nicht glauben, was er da macht. Als er sich in meine Richtung dreht, wende ich mich schnell ab und mache mit meiner Arbeit weiter.

Er räuspert sich. »Ich war heute Morgen etwas neben der Spur.«

Weil er auch nach längerer Zeit noch immer nichts anfügt, drehe ich mich zu ihm und frage ihn mit hochgezogenen Augenbrauen: »Willst du dich etwa bei mir entschuldigen?«

»Nenn es wie du willst«, meint er mit einem gleichgültigen Schulterzucken.

Ich kann nicht sagen, dass ich ihn kenne – beileibe nicht -, trotzdem habe ich irgendwie das Gefühl, dass er sein Verhalten vom Morgen bereut.

»Ah, da haben wir deine Kratzbürstigkeit wieder.«

Dylan lacht. Er lacht aus vollem Hals. Was für ein schöner Klang.

Ich stehe da, glotze ihn mit aufgesperrtem Mund an und kann es nicht fassen, dass ich ihn zum Lachen gebracht habe. Gott, ich könnte für immer hier stehen bleiben und ihm zuhören. Beim Anblick seiner entspannten Gesichtszüge, die sonst immer verkrampft wirken, wird mir ganz warm ums Herz.

»Willst du ein Bier?«

Auf einen Schlag wird Dylan wieder ernst. Er verstummt, als hätte es ihm die Stimme verschlagen. Seine Miene ist wieder hart und die Schutzwälle, die er um sich errichtet hat, wieder hochgezogen.

Als ich schon denke, er würde sich verabschieden, überrascht er mich mit einem Kopfnicken. »Warum nicht?«

Er folgt mir in die Küche und nachdem ich zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank genommen habe, setzen wir uns hinter dem Haus auf eine Bank.

Ich habe Dylan auf ein Bier eingeladen, ohne mir Gedanken darüber zu machen, was passieren würde, wenn auf einmal mein Dad oder einer meiner Brüder – besser noch gleich alle vier – hier auftauchen würden. Ganz klar, es gäbe riesigen Ärger. Doch im Augenblick ist mir das völlig egal. Nichts und niemand kann mir diesen Moment nehmen.

Meine Beine fühlen sich ganz weich an, während ich neben Dylan sitze und seiner Nähe mehr als bewusst bin. Mir gehen tausend Fragen durch den Kopf, nur getraue ich mich keine davon zu stellen. Alle sind ziemlich persönlich und ich bin mir ziemlich sicher, dass er sofort Reißaus nimmt, sobald ich beginne, ihn über sein Leben auszufragen. Also suche ich lieber ein harmloseres Thema.

»Wie viel schulde ich dir?«

»Ich habe die Rechnung noch nicht fertig.« Er schielt kurz zu mir, ehe er mit seinem Blick zurück zu seiner Flasche wandert, die er in seinen Händen hin- und herdreht. Dann hebt er sie an seinen Mund.

Ich folge seinen Bewegungen und starre auf seinen Hals, sowie er das Bier ansetzt und einen tiefen Zug nimmt.

Ich muss ebenfalls schlucken, aber aus einem ganz anderen Grund. Verlegen drücke ich meine Beine zusammen, weil ich dort plötzlich ein sanftes Ziehen verspüre.

Um mich abzulenken, versuche ich das Etikette von der Bierflasche zu lösen. Bringt nichts. Ich muss ständig daran denken, was er mit seinem Mund alles anstellen könnte – insbesondere mit meinem Körper.

»Eilt nicht«, versuche ich zu spaßen.

Er dreht den Kopf zu mir und tatsächlich umspielt ein leichtes Lächeln seine Mundwinkel. Er ist so wahnsinnig schön. Seine Haare stehen in alle Richtungen. Wie gerne würde ich durch seine Haare fahren und sie aus seiner Stirn streichen. Fast seufze ich auf, kann mich zum Glück gerade noch rechtzeitig zurückhalten.

Er nimmt eine Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche und zündet sich eine an. Als er mir eine anbietet, schüttle ich den Kopf. »Du wirst hoffentlich keinen Anfall bekommen, wenn du sie siehst.«

Ich lächle. »Ich werde schon nicht auf dich losgehen.«

Dylans eben noch heitere Miene hat sich von einer Sekunde auf die andere verdüstert. Ein Schatten liegt auf seinem Gesicht, als er mich aus zusammengekniffenen Augen ansieht.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?« Nervös halte ich seinem kalten Blick stand und frage mich, was ich verkehrt gemacht habe.

»Werden wir dann ja sehen«, knurrt er bloß und leert seine Flasche.

Ich verstehe nicht, was soeben geschehen ist, aber ich lasse mich nicht unterkriegen. Dylan mag kompliziert sein, dennoch will ich ihn näher kennenlernen. »Wenn du Zeit hast, würde ich dir gerne noch weitere Aufträge geben. Im Haus stehen viele antike Möbel herum, die unbedingt eine Auffrischung gebrauchen könnten.«

»Ich kann sie mir ja mal ansehen.«

»Gern. Willst du noch eins?«

»Wenn du noch hast.« Er nimmt einen letzten Zug seiner Zigarette und lässt den Filter in die Flasche fallen.

»Ich bin gleich wieder da.« Ich stelle meine Flasche auf den Boden, nehme seine leere und gehe ins Haus, um ein frisches Bier zu holen.

»Du hast es schön hier«, bemerkt Dylan, als ich zu ihm zurückkomme und mich wieder neben ihn auf die Bank setze.

»Danke.«

»Wie kommt es, dass du schon so jung ein Bed and Breakfast führst?«

Sofort sehe ich meinen Dad, wie er an den Rollstuhl gefesselt ist. Ich liebe meine Arbeit, das B&B zu leiten ist mein Traum. Doch wenn ich daran denke, warum ich das Blue House Inn jetzt schon betreibe und nicht erst in etwa zwanzig Jahren wie geplant, werde ich von einer unangenehmen Traurigkeit erfasst. »Mein Vater hatte vor vier Jahren einen Unfall und ist seit da von der Hüfte an abwärts gelähmt. Meiner Mom wurden die Sorge um Dad und das Führen des Bed and Breakfasts zu viel, weshalb ich kurz nach meinem Collegeabschluss das Blue House Inn übernommen habe.«

Бесплатный фрагмент закончился.

450,31 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
405 стр. 9 иллюстраций
ISBN:
9783742724793
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:
Первая книга в серии "Little Pearl"
Все книги серии

Похожие книги