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Lutz Hatop

MONAS BRAUNE AUGEN

Roman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in

der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Covergestaltung Tino Hemmann unter Verwendung

Namib © TEMISTOCLE LUCARELLI - Fotolia.com

Augen © Jeanette Dietl - Fotolia.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Kapitel 1 – Verliebt

Erste Begegnung

Mona

Mühsamer Beginn

Ein folgenreicher Anruf

Monas Familie

Angelika

Verschmäht und ausgeschlossen

Eine entwürdigende Erfahrung

Auftritt eines Rassisten

Letzte Hoffnung

Melanies Drohung

Thelma

Der Opernbesuch

Thelmas Geheimnis

Kapitel 2 - Vergangenheit

Eine verhängnisvolle Anschuldigung

Die Farben der Sonne

Rückhalt für Thelma

Eine unglaubliche Geschichte

Als alles begann

Martin

Die Nachfolgerin

Der Brief

Das Geständnis

Friederike

Eine dunkle Bedrohung

Endlich verbunden

Ein unerwartetes Bekenntnis

Die Prüfung

Kapitel 3 – Vorsehung

Die Staatsmacht greift ein

Namibia

Wiedersehen mit einer Vertrauten

Liebeserklärung an zwei Frauen

Fluchtversuch

In den Dünen

Zwischen Himmel und Erde

Im Koma

Das Netz schlägt zurück

Ende der dunklen Zeit

Thelma wird verschleppt

Eine unheilvolle Nachricht

Die Staatsanwältin

Um Haaresbreite

Fast wieder vereint

Der Waterberg oder die Geschichte einer deutschen Kolonie

Alina

Die Fährte ist aufgenommen

Thandiwe

Ein unvergessliches Erlebnis

Ein Bad im Pool

Hinweise nach Tsumeb

Die Tankstelle in der Wüste

Zerbricht die Liebe?

Reißende Wasser

Abschied für immer

Kapitel 4 – Vergebung

Zurück in Berlin

Der Bunker

Der letzte Abend

Heimkehr

Vergebung

Treffen im Kreuzgang

Denise

Ein Brief aus Namibia

Langersehntes Wiedersehen

Endlich Vater

Ein letzter Besuch am Grab

Ein unvergesslicher Markttag

Die Himbafrau

Aufnahme bei den Himba

Die Umstände verändern sich

Thambas Rückkehr

Vineta – Siedlung am Meer

Weihnachten am Meer

Das schönste Geschenk

Neue Heimat Berlin

Das Zerwürfnis

Eine neue Arbeit?

Letztes Aufbäumen

Schloss Wulkow

Ein neuer Anfang – oder ein neues Leben

KAPITEL 1 – VERLIEBT
Erste Begegnung

Anfang Februar, kurz vor acht Uhr. Ein dunkler kalter Tag, das Thermometer zeigte sieben Grad Minus. Mike zog sich die Mütze einige Zentimeter tiefer ins Gesicht, klappte den Mantelkragen nach oben und streifte sich den Schal über den Mund. So geschützt verließ er die U-Bahn am Bahnhof Potsdamer Platz und erreichte nach langem Aufstieg die freie Fläche vor dem gläsernen Turm der Zentrale der deutschen Bahn. Kaum aus dem Schutz des Aufgangs gekommen, blies ihm der eiskalte Wind heftig ins Gesicht. Sein Atem stockte.

Sieben Grad, dass ich nicht lache, fühlen sich an wie fünfzehn Grad. Aber was macht man nicht alles für eine Frau. Eine Frau? Nein, seine zukünftige Frau, Angelika. Bei diesen Gedanken musste er unwillkürlich lächeln, vor seinen Augen entstand ihr Bild mit den langen rotblonden Haaren, die er so liebte.

Schnell lief er über die Straße, blieb kurz auf dem Mittelstreifen stehen und blickte zu einem Stern am Boden. Darunter stand: Marlene Dietrich. Also auch hier in Berlin, nach dem großen Vorbild Los Angeles: der Weg des Ruhmes. Das passte auch zum heutigen Tag, denn der Kartenverkauf für die Berlinale begann genau um neun Uhr. Endlich erreichte er die Potsdamer Platz Arkaden, ein typisches Einkaufszentrum nach amerikanischem Vorbild. Er drückte die große Glastür auf und betrat das Erdgeschoss.

Die Temperaturen waren jetzt mehr als erträglich, er nahm seine Mütze ab, stopfte sie in die linke Manteltasche und ging zielstrebig zum Ende einer der langen Schlangen, die sich schon jetzt, eine Stunde vor Öffnung der Kartenhäuschen in den Arkaden gebildet hatten. Er musste nur noch jemanden finden, mit dem er sich austauschen konnte. Das war nicht einfach, musste aber sein, benötigte er doch vier Eintrittskarten, denn nur zwei konnte er pro Film erwerben.

Mike fragte herum, wer noch zwei Karten mehr erstehen könnte, im Gegenzug bot er das gleiche an. Keiner, weder vor, hinter oder neben ihm ging auf sein Angebot ein. In diesem Augenblick wandte sich eine Frau, die gerade mal zwei Meter von ihm entfernt stand, um. Sie trug einen blauen Wintermantel, passend dazu eine adrette blaue Strickmütze mit rosa Band.

Seine Blicke trafen die ihren für wenige Sekundenbruchteile. Er musste schlucken. Was für eine Schönheit. Sie besaß eine fast schwarze Hautfarbe. Woher stammte sie, aus Ghana, Kenia oder gar Brasilien? Diese Gedanken kamen Mike in den Kopf. Schon hatte sie ihm wieder den Rücken zugewandt. Mike blieb stehen, versuchte sich wieder auf den Kartenkauf zu konzentrieren. Jedoch blickte er wieder und wieder verstohlen zu der Frau, die immer noch keine zwei Meter von ihm entfernt stand.

Auch sie versuchte mit den umstehenden Personen ins Gespräch zu kommen. Doch jeder schüttelte nur den Kopf oder verneinte. So wandte sie sich dem älteren Herrn direkt vor Mike zu, wollte wissen, ob er nicht ebenfalls zwei Karten für sie kaufen könnte. Als Mike das hörte, packte ihn eine leichte Nervosität.

Hoffentlich sagt er nein, dann kann ich mich anbieten. In seinem Eifer, seine Bereitwilligkeit zu zeigen, schubste er von hinten versehentlich den älteren Herrn. Der ließ vor Schreck seine gesammelten Prospekte und Broschüren fallen. Mike entschuldigte sich sofort und beeilte sich, diese wieder aufzusammeln. Die junge Frau half ihm dabei. Sie reichte Mike ihre aufgehobenen Prospekte. Bei der Übergabe berührte er ihre Hand.

In dieser Sekunde trafen sich ihre Blicke zum zweiten Mal. Für eine gefühlte Ewigkeit schauten sich beide tief in die Augen. Mike konnte seine Augen überhaupt nicht mehr von den ihren lösen. Wow, was für Augen! So was hab ich noch nie …

Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen: „Entschuldigung, können Sie jeweils zwei zusätzliche Karten kaufen?“ Das war die Frage, die er sich vor wenigen Minuten noch gewünscht hatte. „Ja“, erwiderte er lachend. „Super, ich dachte schon, ich finde niemanden mehr. Klar kann ich!“

Auch sie lachte ihn an: „Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen.“

Mike stellte sich mit zu ihr in die Warteschlange, beide ließen dem Herrn den Vortritt.

„Da habe ich mich gerade wohl etwas ungeschickt angestellt. Es war aber keine Absicht.“ Die Antwort kam herausfordernd. „Wer weiß? Vielleicht war es ja doch Absicht und Sie wollten mich kennenlernen, oder warum haben Sie mich gerade so angestarrt, hm?“

Absichtlich blickte sie ihn direkt an. Und wieder, diese Augen faszinierten ihn unendlich, so hielt er ihren Blicken auch stand. Leise murmelte er vor sich hin: „Ich hatte auch gute Gründe.“

Ihr Blick wurde unsicher, schnell wechselte sie das Thema. „Sollen wir zuerst mal die Filme abgleichen?“

„Ja, natürlich. Ich habe ‚Barbara‘, ‚Coming home‘ und ‚Was bleibt‘. Welche haben Sie?“

„Die gleichen und noch ein paar andere!“

„Wie, die gleichen! Das gibt es doch nicht!“ Sie musste lachen.

„Doch, scheint so zu sein.“ Mike wurde immer unruhiger.

„Wenn wir jetzt noch die gleichen Uhrzeiten haben, war das wohl Schicksal!“

Auch bei ihr wuchs die Neugier. „Jetzt bin ich aber gespannt.“ Beide schauten gegenseitig auf ihre Listen und stellten aber nur eine Übereinstimmung bei zwei Filmen fest. Das war jedoch für die Kartenbeschaffung von großem Vorteil.

Die fünfzig Minuten Wartezeit, bis sie den Schalter erreichten, vergingen wie im Fluge. Beide tauschten sich über ihre Vorlieben bei den ausgesuchten Filmen und über ihre Interessen aus. Dabei stellten sie viele Gemeinsamkeiten fest. Sie kauften sämtliche Karten für alle Filme. Triumphierend nahm Mike die Karten in die Hand, ließ sie auseinanderfallen, sodass sich ein langes Band ergab und hing sich dieses wie einen Schal um den Hals.

„Na denn, danke für die Unterstützung“, hörte er die junge Frau sagen. In diesem Moment schoss ihm nur ein Gedanke durch den Kopf: Sag irgendetwas, damit sie nicht einfach wegläuft. „Ähm, ich würde mit Ihnen gerne einen Film anschauen. Schließlich haben wir so viele gemeinsame Neigungen festgestellt. Und hinterher tauschen wir uns aus.“ Er machte eine kurze Pause. „Bei einem Glas Wein?“

Sie zögerte. „Hm, ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass die Idee so gut ist.“ In Mikes Gesicht schlich sich Enttäuschung. „Schade! Na dann, … ich sag mal …“

In diesem Augenblick trafen sich ihre Augen zum dritten Mal. Die junge Frau war irritiert. Was für ein helles Blau. Tu was, lass ihn nicht gehen. Bist doch sonst nicht so schüchtern. Sie ergriff die Initiative. „Warten Sie! Wie wäre es jetzt mit einer Tasse Kaffee. Ich hätte nach der Ansteherei ziemlich Appetit darauf.“

Mike wusste nicht, wie ihm geschah. „Sehr gerne. Hier in den Arkaden ist da oben eine amerikanische Bar, die haben hervorragende Erfrischungsgetränke und guten Kaffee!“

„Auch Latte?“

„Auch Latte, aber ich lade Sie ein. … Wenn Sie schon nicht mit mir ins Kino wollen.“

Sie lächelte ihn an. „Einverstanden, ich gehe nämlich noch zur Schule.“

„Schule? Oder Uni?“

„Weder noch, Schauspielschule. Ich werde dieses Jahr fertig.“

„Da muss ich aber aufpassen, dass sie mir nichts vorspielen!“

„Vielleicht!“ Sie lachten.

Beide fuhren mit der Rolltreppe in die obere Etage und setzten sich an einen Zweiertisch. Mittlerweile war es halb zwölf. Mike und die junge Frau unterhielten sich angeregt. Berlinale, Filme, Vorlieben, Interessen, Hobbys, Schauspiel, Theater und vieles andere mehr. Sie fanden beinahe kein Ende. Und es war kein Monolog von einem der beiden, sondern ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Mittlerweile war die Zeit weit fortgeschritten. Verstohlen blickte die junge Frau auf ihre Uhr.

„Wow, wir sitzen schon seit drei Stunden hier. Danke, so gut habe ich mich schon lange nicht mehr unterhalten.“

„Das Kompliment kann ich zurückgeben.“

Mike merkte, dass die Zeit knapp wurde. So startete er einen neuen Anlauf, wusste er doch immer noch nicht wie sie hieß. „Jetzt sitzen wir hier schon so lange und ich weiß noch nicht einmal Ihren Namen, außerdem sind wir immer noch beim Sie, sollen wir nicht Du zueinander sagen?“ Die junge Frau spürte, dass die Unverbindlichkeit der Unterhaltung verloren gehen könnte, schob ihre Bedenken dann jedoch schnell beiseite.

„Okay, warum nicht, ich heiße Mona!“ Fassungslos schaute Mike sie an. „W…w…wie b…bitte, Mona?“ Er kam ins Stottern und plusterte die Backen auf. Mona sah ihn überrascht und fragend zugleich an.

„Ist das schlimm, hast du ein Problem damit?“

„Nein, natürlich nicht, das ist aber eine andere Geschichte.“

„Eine andere Geschichte? Würdest du sie mir erzählen?“

Ihre noch vorhandenen Bedenken waren plötzlich weg, die Neugier hatte die Oberhand bekommen. „Schließlich heiße ich Mona. Und du bläst bei dem Namen die Backen auf. Ich glaube, ich darf erfahren, was es mit dem Namen auf sich hat. Meinst du nicht?“

Mike wurde verlegen. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das tun soll, vielleicht lachst Du dann über mich.“ Er schaute sie dabei an, ihre Blicke begegneten sich zum vierten Mal. Aus ihren Augen blitzte der Schalk.

Mike wich ihren Blicken nicht aus, er konnte sich nicht genug satt sehen an diesen rehbraunen Augen. „Jetzt machst du mich aber richtig neugierig, warum sollte ich denn über dich lachen, hmm?“ Mike wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte sich selbst in diese Lage gebracht, entschied sich dann für die Wahrheit ohne Schönfärberei. „Vielleicht, weil ich dann ein Weichei für dich bin und kein richtiger Kerl!“

Mona verdrehte ihre Augen und stöhnte. Mike dachte für sich: Mist. Ist ja auch nicht wichtig, was soll’s, ich bin ja in einer festen Beziehung. In diesem Moment legte Mona ihre Hand auf die seine und sagte leise: „Unsinn! Glaubst du, dass ich keine Gefühle habe?“

„Nein, natürlich nicht“, beeilte sich Mike zu sagen, seine Hand aber zog er nicht weg. „Aber du machst mich ganz nervös!“

„Oh, das ist nicht meine Absicht und nein, ich werde dich nicht auslachen. Versprochen! Sag bitte endlich, was es mit meinem Namen auf sich hat.“ Mona schaute Mike lächelnd und unwiderstehlich an.

In diesem Augenblick kam die Kellnerin an den Tisch. „Darf ich Ihnen noch etwas bringen.“ Keine Reaktion, im Gegenteil die beiden ignorierten sie.

„Bitte, du hast mir doch schon so viel über dich erzählt, so schlimm kann es doch wohl nicht sein. Sag, wieso hast du mich denn vorhin so angeschaut, was für gute Gründe gab es denn?“

Diesmal blickte er ihr direkt in die Augen. „Ich konnte nicht anders, es war wie Magie. So was ist mir noch nie passiert.“ Er machte ein kurze Pause und blickte sie dabei direkt an: „Du hast hinreißend schöne Augen. Da leuchten zwei Sterne am Firmament.“

Mona senkte ihre Blicke. „Danke für das schöne Kompliment.“ Anstatt eine weitere Reaktion von Mona abzuwarten, redete Mike sofort weiter. „Stimmt, wir haben uns so gut unterhalten, also …“ Die Bedienung stand immer noch daneben, sah von einem zu anderen und trommelte mit den Fingern auf ihrem Tablett. Leicht genervt unterbrach sie Mike.

„Hallo, ihr beiden Hübschen, möchtet Ihr noch was haben?“ Aufgeschreckt schauten Mike und Mona auf. Mike war völlig aus dem Konzept. „Bitte wie?“

„Möchten … Sie … noch … etwas … bestellen?“ Sie betonte dabei Wort für Wort. Mona schaute verdutzt zuerst die Bedienung an und dann Mike, lachte kurz auf. „Danke für die freundliche Berliner Art, aber wir möchten nichts mehr.“

Sie wandte sich an Mike. „Wolltest du mir nicht noch etwas erzählen? Deinen Namen weiß ich auch noch nicht.“ Sie setzte einen Schmollmund auf. „Ähm ja, Mike.“

„Und weiter, ich warte, spann mich nicht so auf die Folter.“

Mike nahm Anlauf und sprach mit betont bedächtiger Stimme. „Sagt dir der Name Mike Batt etwas?“ Mona dachte kurz nach. „Nein, nie gehört.“

„Mike Batt ist Musiker und Songwriter von Pop Balladen insbesondere der achtziger Jahre. Und er hat ein sehr stimmungsvolles Musikstück namens Mona geschrieben.“

Erwartungsvoll schaute sie ihn an: „Ja und weiter, war das schon alles?“ Mike legte eine kurze Pause ein und antwortete leise. „Nein, das war ja auch der sachliche Teil.“

„Aha“, sagte sie mit der Betonung auf dem zweiten a. Sie stützte dabei ihr Kinn auf die Handfläche und schaute lächelnd dem unsicheren Mike dabei wiederum direkt in die Augen. Mit diesem Wissen spielend, setzte sie ihn ein bisschen unter Zugzwang. Er konnte sich diesen Augen beim besten Willen nicht entziehen.

Und das brachte ihn nur noch mehr durcheinander, so dass der nächste Satz des sonst so redseligen Mike „verhackstückt“ und mit vielen Räuspern daher kam. „Das ist so, … immer dann, wenn ich das Musikstück gehört habe, … ähm, habe ich mir diese Mona, oh je … wie soll ich sagen … vorgestellt.“ Mike wurde noch leiser, als ob es ihm unheimlich schwer fallen würde, den Satz zu vollenden … und mir insgeheim eine solche Mona gewünscht!“

Mike brachte keinen Ton mehr heraus. Er schaute auf sein fast leeres Glas. Ganz langsam hob er seinen Kopf, Mona lächelte ihn an, „und inwieweit kommen deine Vorstellungen nun der vor dir sitzenden Mona nahe?“, fragte sie ebenfalls leise Mike.

„Meine Vorstellungen haben aber auch gar nichts mit dir zu tun.“ Diesmal schlich sich in Monas Gesicht Enttäuschung. Typisch, wieder so ein blöder weißer Heini. Ich hätte es wissen müssen. Mike war aber noch nicht fertig und beendete seinen Satz kaum hörbar mit: „… soweit reichte meine Phantasie einfach nicht, um mir so was, … so etwas Schönes wie du es bist, vorstellen zu können.“ Überraschung stand in ihrem Gesicht, ihre Augen wurden noch größer. Mike blickte auf den Tisch, wagte es nicht, Mona direkt anzusehen.

Sie fasste seine Hand. „Kannst du mir diese Ballade vorspielen?“ Erst jetzt hob er seinen Kopf und blickte sie wieder an, lachte dabei. „Gerne, das würde ich sehr gerne. Hier kann ich es aber nicht. Ich hab sie im Handy nicht gespeichert, hab sie aber zuhause.“ Sie hielt seine Hand immer noch fest und blickte ihn an. „Spielst Du sie mir?“

„Wann?“ Sie lächelte und ließ seine Hand los. „Na, jetzt?“ Mike hatte sich wieder gefangen. Seine Augen leuchteten. „Sehr gerne, nichts lieber als das!“ Jetzt ging alles sehr schnell. Sie riefen nach der Bedienung, zahlten die Rechnung und machten sich auf den Weg.

Mona

Mike fuhr einen knallroten Citroen DS 3 mit Schachbrettdach in schwarz-gelb. Als sie auf das Auto zugingen, sagte sie überrascht: „Hey, ist das deiner und auch noch in Rot. Wow!“ Mona umrundete das Auto. Als Mike die Autotür öffnete, flippte sie fast aus. „Und innen schwarz-weiß, wie geil ist das denn?“ Am liebsten würde sie sich an das Steuer setzen, traute sich aber nicht, Mike zu fragen. Der ging zur Beifahrerseite, öffnete die Tür und schaute sie lachend an. „Möchtest du?“ Er hielt dabei den Autoschlüssel in die Höhe.

„Ehrlich, du lässt mich fahren? Sofort, gib her! … Ehe du dir’s anders überlegst.“ Mike schloss wieder die Tür, kam zu ihr auf die Fahrerseite und übergab den Schlüssel.

Mit dem Wagen fuhren sie zur Wohnung in Friedrichshain. Während der Fahrt dämmerte es Mike, dass er Karten für seine Verlobte Angelika und Freunde gekauft hatte. Nun saß Mona neben ihm auf dem Fahrersitz und bereitete ihm ein schlechtes Gewissen. Die unterschiedlichsten Gedanken kamen ihm in den Kopf. Was mach ich bloß, lasse eine wildfremde Frau mit meinem Auto fahren. Frauen und Autos tauscht man nicht. Ich muss dem ein Ende setzen.

Mona wiederum dachte an ihren Freund und daran, dass sie sich geschworen hatte, mit weißen Männern nie wieder etwas anzufangen. Was sollte sie also hier im Auto, aber ihr gefiel der junge Mann. Sie musste an die Begegnung in den Potsdamer Platz Arkaden denken. Noch nie hatte sie einen Mann beim ersten Mal so lange angeschaut, ohne etwas zu sagen. Sie musste an die dreistündige Unterhaltung im Café denken. Selten hatte sie sich so kurzweilig unterhalten und sie musste an den Vergleich mit der „Phantasiemona“ denken. Ihr lief noch jetzt ein wohliger Schauer über den Rücken. Wow! War das eine Bemerkung – So was Schönes – und damit hat er mich gemeint! Dann noch dieses Auto, ist genau mein Geschmack. Und er lässt mich auch noch fahren.

Außerdem wollte sie unbedingt diese Ballade kennenlernen. Ein lautes Knurren im Magen signalisierte ihr, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte und es zwischenzeitlich halb vier nachmittags war.

„Na, Hunger? Wenn du möchtest, koche ich uns was Leckeres. Was magst du denn besonders gerne?“

„Spaghetti“, war die kurze Antwort. „Sag mal, du kannst kochen?“

„Ich denke schon und auch recht gut, bilde ich mir jedenfalls ein.“

Mona schaute Mike von der Seite an und dachte für sich: Der Typ macht mich immer neugieriger, mal sehen ob das nur Sprüche sind und er kippt nachher die fertige Tomatensauce aus der Dose über die Nudeln.

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie sich mit ihrem Freund Tom um sieben verabredet hatte. Sie musste sich entscheiden. Zu Mike oder mit Tom? „Ich muss mal schnell telefonieren.“ Sie fuhr an die Seite und rief ihren Freund an. „Hallo Tom, hier ist Mona. Du, ich muss heute Abend unser Date absagen. Habe heute eine ehemalige gute Schulkameradin getroffen, die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe. … Nein, du kannst nicht dazu kommen. … Das ist ein Mädchenabend, da können wir keine Jungs brauchen … Tom, bitte beherrsch dich. Es reicht, … Ende der Durchsage!“ Sie drückte Tom weg. „So ein Blödmann“, murmelte sie. Was für ein Unterschied zwischen den beiden, dachte sie. Tom sieht zwar viel besser aus, kann aber wie es scheint mit Mike nicht mithalten. Diesen Mike, nahm sie sich vor, möchte ich besser kennenlernen.

Während dieses Telefonates bekam Mike erst recht ein schlechtes Gewissen gegenüber Angelika. Was würde er ihr wohl am Telefon sagen? Sie wohnte zwar 600 km entfernt von Berlin, was aber völlig zweitrangig war. Denn die Entfernung spielte in diesem Fall keine Rolle. Aber Mona schien es genauso zu gehen.

„Ein Date? Abgesagt? Wegen mir?“ Etwas unwirsch reagierte sie. „Kluger Junge, und? … Bild dir bloß nichts ein!“ In diesem Moment klingelte Mikes Telefon.

„Geh ruhig ran.“ Auf dem Display leuchtete der Name Angelika. „Deine Freundin?“, grinste sie.

„So ähnlich.“ Mike nahm das Gespräch an.

„Jaaa, Hallo Geli!“

„Hallo Schatz, hascht du die Karten für die Berlinale? Hat’s klappt?“

„Ja!“

„Was machscht du heut Abend, am liebschta wär ich jetzt bei dir. Weischt du, was ich jetzt gerne mit dir machen tät, … hallooo, bischt du noch da?“

„Ja“

„Hey, du bischt so einsilbig, ischt jemand bei dir?“

„Ja, Harald sitzt neben mir.“ In diesem Moment fing Mona an, leise zu kichern. „Ruhig!“, zischte Mike. „Du Geli, lass uns morgen weiter telefonieren, wir treffen uns gleich mit ein paar Leuten, ich ruf dich an, ja!“

„Wart a mal, des Lachen da hat sich aber grad nach einer Frauenstimme angehört?“

„Ja, in meinem Auto sitzen noch mehr Leute und fangen schon an mit lachen, bitte lass uns morgen weiterschwätzen. Ich ruf an, versprochen!“

„Wenn’s sein muss, bis Morgen, ade!“

Mona schaute Mike direkt an und sagte ganz langsam. „Na, gelogen? Wegen mir?“ Er drehte sich zu Mona. „Wir haben beide gerade unsere Partner angelogen, ist doch richtig oder? Tolle Voraussetzung!“

„Für was?“, ihre Augen funkelten. „Für den weiteren Abend.“ Seine Stimme wurde weich, „den ich trotzdem gerne mit dir fortsetzen würde.“

Oh, Sch…, was rede ich denn da, das wäre die Chance zum Abbruch gewesen. Wie wird sie wohl antworten? „Du möchtest den Abend also gerne fortsetzen, hmm?“ Sie machte eine kurze Pause um seine Reaktion abzuwarten. Mike blickte sie erwartungsvoll an, sie lächelte ihn an.

„Das möchte ich auch und ich würde gerne endlich das Lied hören. Außerdem hab ich Hunger. Lass uns einfach sehen, was aus dem Abend wird, wenn du dich nicht wohl fühlst, kannst du es jederzeit sagen. … Würdest du mich nach dem Essen dann nach Hause fahren?“

Mike wusste nicht wie ihm geschah, er war vollkommen durcheinander. Was mach ich hier bloß. Ich bin auf dem besten Weg, Angelika zu … Verdammter Mist, ich kann aber nicht nein sagen. Diese Frau fasziniert mich dermaßen. Geli, verzeih mir.

Schnell antwortete er: „Natürlich, selbstverständlich. Warum sollte ich mich nicht wohlfühlen, es geht mir bestens, … kann ja nicht anders sein, … neben dir!“ Mona lächelte ihn nur an. Nach weiteren fünfzehn Minuten kamen sie endlich vor dem Haus an. Es gab sogar einen freien Parkplatz.

Mikes Wohnung lag im zweiten Obergeschoss des Vorderhauses eines typischen Berliner Altbaus mit zwei Höfen aus der Jahrhundertwende. Von außen war nicht zu erkennen, wie groß diese Wohnung war. Vier Zimmer mit fast 140 Quadratmetern und zwei Balkonen. Der Zugang erfolgte über ein großes Treppenhaus, dessen Treppe um einen Aufzug herumlief. Dadurch fuhr der Aufzug in die jeweilige Etage und ermöglichte einen ebenen Zugang. Dieses Treppenhaus war besonders prächtig ausgestattet mit seinen Stuckdecken und dem mit zahlreichen Jugendstilsymbolen verziertem Geländer. Am aufwändigsten waren aber die Wohnungseingangstüren gestaltet mit sechs Feldern, darinnen Pflanzen- und Blumenmotive. Der Fahrstuhl selbst stammte noch aus der Erbauungszeit, sogar die alte hölzerne Fahrgastzelle war noch erhalten.

Die Wohnung selbst lag in der sogenannten Beletage, zur Erbauungszeit das bevorzugte Hauptgeschoss eines Gebäudes mit einer Raumhöhe von 3,50 Meter. Alle Innenräume besaßen noch die ursprünglichen Stuckdecken und Dielenböden. Eine große zweiflügelige Tür führte in den Hauptraum der Wohnung, dem ‚Berliner Zimmer‘. Dieser war besonders hervorgehoben durch einen schönen Kamin, einem riesigen über drei Meter hohen Fenster, welches zugleich Tür zu einem Balkon war und einer besonders reichhaltigen Stuckdecke.

Sie betraten die Wohnung. Mike half Mona aus dem Mantel. Sie nahm die Strickmütze ab und legte sie auf die Hutablage. Nun erst entdeckte er ihre ganze Schönheit: Ihre schwarzbraunen Haare waren zu zahllosen kleinen langen Rastazöpfen geflochten. Direkt am Kopf lagen sie jedoch dicht an, wie sauber aufgereihte Schnüre. Dadurch kam ihre Gesichtspartie voll zur Geltung. Er bewunderte die alles in ihren Bann ziehenden braunen Augen, ihre feine ebenmäßige Nase und ihren wunderbar geformten Mund mit den ausdrucksvollen Lippen. Ihre Haut schimmerte wie dunkler Samt.

„Was darf ich Dir anbieten?“, fragte Mike und führte sie in das Berliner Zimmer. Sie setzte sich in die Ecke des zweisitzigen Sofas, welches den direkten Blick auf den Kamin gestattete. „Machst du ihn an? So ein Feuer find ich urgemütlich.“ Während Mike sich noch mit dem Kamin beschäftigte, schaute ihn Mona genau an.

Er war kein Riese, 1,75 Meter groß, von schlanker Gestalt, dabei wirkte er sportlich trainiert. Dunkelblonde kurze Haare mit einer markanten natürlichen Locke über der Stirn setzten einen besonderen Akzent. Interessant machte ihn sein kurzer hellblonder Bart, der das eckige Gesicht einrahmte. Die Linien wurden dadurch weicher. Besonders gut gefielen ihr aber die hellen blauen Augen, die offen und neugierig in die Welt blickten. Sie fragte sich, was er wohl als nächstes tun würde.

Knisternd schlugen die Flammen aus dem Holz. Endlich konnte sich Mike wieder Mona zuwenden. „Was möchtest du trinken?“, seine Anspannung stieg. „Hast du einen Rotwein? Ich kann nachher auch mit dem Taxi nach Hause fahren, dann kannst du mit trinken. Legst du bitte erst mal die Musik auf?“

„Sofort, was für einen Wein trinkst du am liebsten?“

„Italiener aus der Toskana, keinen Chianti bitte“. „Damit kann ich dienen, wie wär’s mit einem Nobile di Montepulciano?“

„Super, einer meiner Lieblingsweine!“ Ihr schossen viele Gedanken durch den Kopf. Da lerne ich heute einen weißen Mann kennen mit so vielen Gemeinsamkeiten, guten Manieren, der vielleicht auch noch kochen kann? So übel sieht er nun auch nicht aus. Mal sehen, was noch so alles passiert, ich lass mich überraschen.

Nachdem Mike den Wein eingeschenkt hatte, legte er die CD von Mike Batt auf. Wo sollte er sich nun hinsetzen, zu Mona auf das Sofa oder in einen der beiden Herrensessel. Diese Entscheidung wurde ihm sogleich abgenommen. „Setzt du dich zu mir?“

„Ja, gerne!“ Mona lehnte sich zurück und schloss die Augen, gespannt wartend auf die Musik. Mike dagegen konnte nicht mehr die Augen von ihr lassen.

Endlich setzte die Musik ein. Mike merkte ihr an, dass sie die Musik sehr genoss. Ein wunderbares langes Gitarrensolo schloss das Musikstück.

Nachdem die Musik zu Ende war, schaute Mike Mona erwartungsvoll an. „Das war wunderschön!“, hauchte sie dahin. „Soll ich uns was kochen?“

„Nein, spiel den Song bitte noch einmal“, sagte sie ganz leise und etwas energischer: „Und bleib endlich sitzen!“

Nochmals setzte die Musik ein. Sie drehte ihren Kopf langsam zu Mike und kam ihm immer näher. Ihre Blicke begegneten sich wieder wie beim ersten Mal. Da spürte er ihre weichen Lippen auf den seinen. Er löste sich schnell von ihr, aber nur für wenige Sekunden. „Was machst du bloß mit mir?“, flüsterte er und nahm ihr Gesicht zärtlich in beide Hände, zog sie an sich. Es folgte ein langer leidenschaftlicher Kuss. Die Musik war längst verstummt.

„Das … das war traumhaft.“ Sie nickte. „Ja, das war es.“ Er hielt sie im Arm und schaute sie verliebt an. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Mona unschlüssig. „Mona, ich muss dich was fragen?“

„Ja?“, fragend blickte sie zu ihm. „Glaubst du an die Liebe auf den ersten Blick?“ Sie zögerte. „Nein, eigentlich nicht.“

„Ich tat es bis heute auch nicht, aber wenn ich dich so anschaue, ich glaube, ich habe mich …“

Mona legte ihren Zeigefinger auf Mikes Mund und schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt, küss mich bitte noch einmal.“ Mike drückte Mona förmlich auf das Sofa. Es wurde nicht nur ein Kuss, sondern viele. Hörte Mike auf, fing Mona wieder an und umgekehrt. Sie konnten beide nicht voneinander lassen.

Aber Mike hatte ein schlechtes Gewissen. Es war nun ja passiert. Er wusste, wenn es jetzt weiter geht, hatte das unabsehbare Folgen. „Mona? Ich will ehrlich zu dir sein, nicht wie vorhin im Auto am Telefon, das war echt besch…eiden. Ich bin seit zwei Jahren verlobt und seit vier Jahren mit einer anderen Frau zusammen.“

„Diese Geli?“

„Ja genau. Und das ist noch nicht alles! Wir wollen in drei Wochen heiraten!“

Mona schaute Mike fassungslos an. Vor ein paar Sekunden noch war sie sich fast sicher, diesen Mann lieben zu können. Innerhalb von Sekunden brach alles zusammen. Sie sprang auf, aber Mike ließ sich nicht beirren. Diese Frau bezauberte ihn dermaßen, dass er eine Entscheidung traf, an die er noch vor wenigen Stunden nie gedacht, geschweige denn sie ausgesprochen hätte.

Mona stand vor ihm, er sah ihren Zorn. Auch er erhob sich, fasste sie sanft an beiden Händen und blickte sie dabei dermaßen liebevoll an, dass ihr Zorn verflog. Was kommt denn jetzt, schau ihn dir an, sieh in seine Augen? Sie lügen nicht, er meint es tatsächlich ernst! Mona, warte ab. Mal sehen, was noch kommt.

„Ich bin mir jetzt sicher, dass ich Angelika nicht mehr heiraten kann und das auch nicht mehr will. Ich kann keine Frau heiraten, und ständig nur an dich denken, oder? Ich wollte dir das vorhin schon sagen, bin mir jetzt hundertprozentig sicher. Ich habe mich in dich verliebt!“ Das war für Mona „Achterbahn pur“. Sie brachte keinen Ton mehr heraus, schüttelte ihren Kopf. Lange Sekunden passierte nichts. Nie gekannte Gefühle überkamen sie und sie ließ sich mitreißen. Ihre Zweifel und ihr Zorn verflogen.

Sie umarmte Mike und flüsterte ihm ins Ohr. „Ich liebe dich auch. Bitte schlaf mit mir, jetzt! Ich will dich!“

„Und unser Essen?“

„Keinen Hunger.“ Mike musste schlucken. Er zögerte einige Sekunden, es gab kein Zurück mehr. „Ich will dich auch!“ Mona lachte Mike an. Er nahm ihre Hand und zog sie sanft in das Schlafzimmer. Im Kamin wurden die Flammen kleiner und kleiner.

Mühsamer Beginn

Am nächsten Morgen, es war ein trüber typischer Berliner Februartag, kalt und ungemütlich. Mike war bereits aufgestanden und hatte beim Bäcker frische Schrippen und Croissants geholt. Dann ging er ins Schlafzimmer. „Guten Morgen Mona, aufstehn, Frühstück ist fertig.“ Mike drückte Mona einen Kuss auf die Stirn und sie schnurrte wie eine Katze.

Der Frühstückstisch war bereits angerichtet, zwei Kerzen brannten, als Mona sich an den Tisch setzte. „Der ist aber schön gedeckt.“

„Das war die schönste Nacht meines Lebens, … bisher!“, betonte Mike. Mona lächelte und biss dabei genüsslich in einen Croissant mit Erdbeermarmelade. „Am kommenden Wochenende fahre ich nach Lorch und löse die Verlobung. Die Hochzeit sage ich auch ab! Es geht nicht anders.“ Mike schaute dabei Mona an, ihr Mienenspiel veränderte sich, während er sprach.

Ihr gingen so einige Gedanken durch den Kopf. Zweifel kamen in ihr hoch. Soll ich mich wirklich darauf einlassen? Es war schön, sehr schön sogar. Wenn er zu seiner Verlobten zurückfährt, werden alle auf ihn einreden und er wird schwach werden, das weiß ich. Das ist mal wieder die „A-Karte“ für mich. Da drüben steht das Bild von ihr, eine hübsche junge Frau mit langen rotblonden Haaren. Mona, spinnst du? Er hat dich fallen gelassen, eh du dich versiehst. Lass es einfach bleiben, lieber ein Ende jetzt, als später. Liebe hin, Liebe her. Später tut es dann wieder richtig weh. Nein, ich will das alles nicht noch einmal. Ich setz dem jetzt ein Ende.

„Äh, was ist, soll ich nicht?“

„Das musst du für dich entscheiden. Stimmt, es war eine schöne Nacht, gebe ich zu. Aber …“

„Was heißt hier aber?“, Mike wurde etwas lauter. „War das für dich nur ein One-Night-Stand?“ Mona stand auf und begann vor dem Tisch auf und ab zu gehen.

„Sieh mal, es war eine, ich betone, eine Nacht. Woher soll ich wissen wie das weitergeht, du bist weiß und ich bin schwarz, eigentlich steh ich nur auf Schwarze, deine Spezies hat mich bis jetzt nur enttäuscht. Ich habe keine Lust auf noch mehr negative Erfahrungen. … Da steht das Bild von deiner Verlobten. Das ist sie doch, oder? Schau sie dir an, die willst du aufgeben und gegen eine wie mich eintauschen? Wir kennen uns jetzt ein paar Stunden und du willst ernsthaft deine Hochzeit absagen? Nach einer Nacht? Denk an den Ärger, auch mit deiner Familie. Überlege dir genau, ob sich das lohnt.“ Sie machte eine kurze Pause. Mike schaute sie entgeistert an.

„Außerdem werden wir es auch in Zukunft nicht leicht haben. Wir werden angefeindet werden von Menschen, denen du das vorher nie zugetraut hast. Sie werden sich von dir abwenden. Ich weiß das von meinen Eltern. Meine Mutter ist auch Afrikanerin und mein Vater ein weißer Deutscher. Bei vielen Veranstaltungen ist sie bis heute nicht dabei. Ich muss als Frau sowieso besser sein als ein Mann und als Schwarze kommen noch mal einige Prozentpunkte dazu. Tu dir das nicht an. Vergiss die letzten vierundzwanzig Stunden. Es ist besser für uns beide.“ Mit ernster Miene blieb sie vor Mike stehen. „Es war schön, auch für mich, aber sieh es doch ein“, sie setzte sich wieder hin. Ansehen konnte sie Mike nicht.

Mike hatte ihre letzten Worte nur noch teilweise wahrgenommen, seine Gedanken kreisten um sich selbst. War es für sie nur ein Spiel. Ich habe mich doch nicht so getäuscht. So steigerte er sich immer mehr hinein. Sein Ton war brüsk, als es aus ihm herausbrach. „So, es war schön für dich. Was war es denn? Sex? Hat es wenigstens Spaß gemacht?“

Mona stand auf, ihr Blick verfinsterte sich. Ihre Stimme war leise und messerscharf. „Du bist genauso, wie ich mir das vorgestellt habe. Nein, falsch, viel schlimmer. Dein ganzes Gesülze. Alles nur Show, was? Deswegen lass es sein. Ich gehe!“ Sie machte eine schnelle Drehung, stand auf und ging zur Garderobe.

Mike sprang auf, rannte abkürzend durch die Küche und stellte sich vor die Eingangstür. Seine Wut war wie weggeblasen, jetzt hatte er nur noch Angst vor dem Verlust. Verzweiflung lag in seiner Stimme.

„Aber eins musst du dir noch anhören. Vorher kommst du hier nicht raus. Für mich war es nicht nur Sex, für mich war es Liebe. Sollte ich mich bei dir so getäuscht haben?“ In Monas Gesicht zuckte es. „Du willst es ganz genau wissen, was? Es war Sex, nichts weiter. Nur Sex!“ Sie begleitete dabei mit eindeutigen Bewegungen ihre Worte und lachte noch dabei.

Das machte Mike wütend. „Du solltest dich mal im Spiegel sehen.“ Er zeigte dabei auf den großen Wandspiegel im Flur und redete sofort weiter. „Hörst du dich da reden? Glaubst du, was du sagst? Das ist so ein dummes Zeug, auf schwäbisch ein ‚saudommes Lettagschwätz‘! Es ist mir völlig egal ob du lila, rot, gelb oder schwarz bist! Ich liebe dich, das merke ich jetzt besonders, wo du mir das Gegenteil einzureden versuchst. Dein Gerede von purem Sex kannst du dir sparen, du belügst dich nur selbst. Und wenn du mit anderen Zeitgenossen negative Erfahrungen gesammelt hast, weil … weil sie dich nur ins Bett kriegen wollten, so tut es mir echt leid.“

Monas Nasenflügel fingen an zu beben: „Ganz genau so ist es. So seid ihr weißen Typen nämlich. Kannst ja jetzt auch damit angeben, ich hab ’ne schwarze gef…“

Mike unterbrach Mona, das Blut schoss ihm in den Kopf. Zorn, Frust und Angst wechselten ab. „Das traust du mir zu? Habe ich einen solchen Eindruck bei dir hinterlassen?“ Mona wich zurück. Sie merkte, dass sie überzogen hatte, wollte jetzt endgültig einen Schlusspunkt setzen.

„Sonst kapierst du es ja nicht!“ Mike gab sich noch nicht geschlagen, ihn trieb die schiere Ausweglosigkeit. „Ich kapiere sehr wohl. Niemals werde ich über dich so reden, dafür war es viel zu schön. Vor was hast du Angst, vor einer Beziehung mit einem Weißen? Wir leben doch nicht mehr im 20. Jahrhundert.

Noch mal: ich will dich, nur dich, versteh das doch! Ich will und werde nicht zurück zu Angelika gehen, egal wie das Ganze jetzt endet. Warum bist du so hässlich zu mir, was habe ich dir getan?“

Er zitterte am ganzen Körper. Mona stand vor ihm. Lange blickte sie ihn wortlos an. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich wieder und völlig ruhig fragte sie Mike. „Meinst du das ernst mit der Absage? Du sagst wegen mir deine Hochzeit ab?“ Sie betonte dabei deutlich das „mir“. Mike nickte, die Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Tränen. „Ich habe Angst, dass du jetzt hier raus gehst und ich dich nicht mehr wiedersehe.“ Sie kam ihm sehr nahe. „So schlimm?“ Wieder nickte Mike nur, er war außerstande, irgendetwas zu sagen.

Mona umarmte Mike und drückte ihn fest an sich. „Bitte verzeih mir, ich habe dich schlecht behandelt, sehr schlecht sogar. Ich habe dir wehgetan, das tut mir aufrichtig leid. … Auch bei mir ist es Liebe. Mir ging es wie dir, es war da, von Anfang an. Aber ich habe einfach Angst vor einer ernsthaften Beziehung und ich spüre deutlich, dass mit dir so was passieren wird. Ich habe auch noch nie so empfunden wie gestern Nacht, ich wollte mir das nur nicht eingestehen. Kannst du mir verzeihen?“ Mike nickte und flüsterte ihr zu: „Das kann ich. … Ich liebe dich.“

„Schsch, sei still.“

Sie küsste ihn, nahm seine Hände und zog ihn in das Schlafzimmer. „Komm, ich habe was gutzumachen.“ Mona drückte Mike sanft in das Bett, setzte sich auf ihn und begann sein Hemd aufzuknöpfen. „Bitte hör auf damit, ich kann nicht.“ Sie war betroffen von seiner Reaktion. „Was ist mit dir? Ich wollte dich nicht verletzen. Was soll ich tun? Bitte!“

Mike drehte den Kopf zu ihr hin und atmete tief durch. „Ich will einfach nur wissen, soll ich absagen oder nicht?“ Mona kniff die Augen zusammen, die Tonlage veränderte sich. „Wie soll ich das denn verstehen? Sag ich nein, hältst du sie dir warm, oder wie?“

Mike wehrte mit den Händen ab. „Nein, nein. Es geht einfach darum, ob ich jetzt am Wochenende nach Süddeutschland fahre und Nägel mit Köpfen mache. Ich will keinen schwebenden Zustand mit Angelika. Das halte ich nicht aus.“ Sie verstand ihn immer noch nicht. „Dann fahr und mach Schluss, ich hab nichts dagegen!“ Mike druckste herum. „So mein ich das nicht.“

Sie wurde sehr eindringlich, ihr Gesicht war Mike ganz nah. „Wie meinst du es dann? Hör auf, hier herum zu eiern. Was willst du dann, ich kann dir nicht folgen.“ Mike zögerte immer noch. „Was willst du? Rede!“

„Begleite mich!“ Ihre Augen wurden groß. „Dich begleiten? Hältst du das für eine gute Idee? Deine Verlobte wird sich freuen, wenn du den Grund für die Entlobung gleich mitbringst. Mike, denk bitte nach. Du gießt Öl ins Feuer. … Und fliegt uns beiden dann um die Ohren.“

„Ich weiß das auch. Aber vielleicht bist du die einzige Fürsprecherin, die einzige, an die ich mich hinterher wenden kann. Zu Angelika musst du auf keinen Fall mit, aber bei meinen Eltern will ich klare Verhältnisse. Sie müssen wissen warum und weswegen. Sie haben mich zu Toleranz erzogen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dich ablehnen.“

Mona dachte nach und legte sich neben Mike. „Hast du deine Verlobte in den Jahren, als ihr zusammen wart, mal betrogen?“ Mike richtete sich auf. Verständnislos blickte er sie an. „Was soll diese Frage? Nein, niemals!“

Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Dann nach einer kurzen Unterbrechung sagte er langsam. „Ich will ehrlich zu dir sein. Doch, ein einziges Mal habe ich sie betrogen. Mein Gewissen hat mich auch geplagt.“ Mona richtete sich auf. „Du warst ihr untreu? Ich will keinen Freund, der nicht treu ist.“ Während sie das sagte, ließ er sich zurückfallen und schaute dabei verträumt an die Decke.

„Sie war meine große Liebe. Nie zuvor hatte ich so gefühlt.“

„Sag mal, spinnst du? Und was bin ich jetzt?“

„Moment, du wolltest doch, dass ich ehrlich zu dir bin, oder? … Sie hatte wunderbare Augen, wie zwei Polarsterne.“ Mike blickte immer noch an die Decke und Monas Stirn zog sich langsam aber sicher in Falten.

Sie war kurz vor dem Aufspringen, so redete Mike schnell weiter. „Na ja, und sie war natürlich auch was ganz besonderes. Schon ein kleines bisschen eigensinnig und sie war“, Mike blickte ihr jetzt direkt in die Augen, „schwarz!“ Mona bekam große Augen und sprang wie eine Wildkatze auf Mike. „Ah, du Schuft, verkohlst mich hier die ganze Zeit. Na warte, mein Lieber.“ Der wehrte sich. „Wieso denn, ich habe nichts als die Wahrheit gesagt. Nichts war gelogen.“

Ihre Stimme wurde weich. „Kannst du das noch mal wiederholen?“

„Ich glaube nicht.“ Mona reagierte enttäuscht: „Und warum nicht?“

„Weil du das Gesülze nicht magst. Ich will’s mir mit dir doch nicht verderben.“ Mike grinste. Mona rollte aus dem Bett und ging ohne ein weiteres Wort ins Berliner Zimmer, nahm sich eine Decke und setzte sich in einen der Herrensessel. Mike blieb verdattert zurück, besann sich kurz und lief zu Mona.

Die hatte Tränen in den Augen. „Bist du jetzt zufrieden?“ Mike ging neben dem Sessel auf die Knie. „Tut mir leid. Ich hab das vorhin ernst gemeint. Du bist meine große Liebe. Deine Augen leuchten wie zwei Polarsterne, aber nur wenn sie glücklich sind. Mona, bitte sieh mich an.“ Mona drehte sich langsam zu ihm, umfasste ihn und rutschte aus dem Sessel. Keine Worte fielen mehr. Sie küssten sich.

Nach einiger Zeit sagte Mona leise zu Mike. „Ich fahre mit nach Süddeutschland. Außerdem habe ich keine Angst weder vor deiner Familie noch vor deiner Verlobten.“ Mike lächelte: „Ich bin froh, wenn du dabei bist. Übernachtet wird aber im Hotel!“

So geschah es. Mona wusste jetzt endgültig, das er es ernst mit der Auflösung der Hochzeit meinte.

Ein folgenreicher Anruf

Am Abend 19 Uhr. Mike hatte sich endlich durchgerungen, in Lorch anzurufen. Mona hatte bereits am Vormittag die Wohnung verlassen und war direkt in die Schauspielschule gefahren. Mike fühlte sich äußerst unwohl in seiner Haut, als er den Hörer abnahm und Angelikas Nummer wählte.

Vor allem: Es war das Festnetz und nicht die mobile Rufnummer wie sonst immer. „Hallo Marianne, Mike hier, ist Geli zu sprechen?“

„Ja, die ischt da, wieso rufscht du denn auf dem Feschtnetz an? Geeliii, kommscht du mal bitte ans Telefon, Mike ist dran!“ Angelika kam im Laufschritt an.

„Wieso denn am Telefon, hat der Hutsimpel meine Handynummer vergessa!“ Angelikas Mutter zuckte mit den Schultern. „Kei Ahnung.“ Sie reichte ihrer Tochter das Telefon. „So Mike, ich bin da. Was gibt’s, weischt du meine Handynummer nicht mehr, es sind grad einmal zwei Tag her.“ Mikes Stimme zitterte. „Geli, hör mir zu, ich komme am Samstag nach Lorch.“

„Wieso schwätzt du jetzt hochdeutsch mit mir?“

„Ich werde so gegen fünfzehn Uhr bei dir sein, bist du dann da?“

„Du hörscht dich so andersch an, sag a mal, hat’s mit der Hochzeit zum tun?“

„Ja, aber bitte nicht mehr am Telefon, ich will das persönlich mit dir besprechen, also dann bis Samstag!“

„Wart, halt …, so ein Grasdackel aber au.“

Mike hatte den Hörer schon aufgelegt und ging auch nicht mehr ans Telefon, obwohl es noch mehrere Male klingelte. Daraufhin schickte er noch eine SMS hinterher, dass er sich telefonisch nicht mehr melden und am Samstag alles persönlich erklären werde.

Der nächste Anruf galt seinen Eltern. „Hallo Mama, du ich wollt euch sagen, dass ich am Samstag nach Lorch komme. Ab fünf könnt ihr mit mir rechnen.“

„Oh, was für eine Überraschung, da freuen wir uns aber! Aber so kurz vor der Hochzeit, gibt es einen Grund?“

„Ja den gibt es, aber alles am Samstag, bis dann!“

Mike hatte mit seinen Anrufen für heftige Verwirrung und Spekulationen gesorgt. Angelika ahnte schlimmes, Christiane, Mikes Mutter, dagegen machte sich keine weiteren Gedanken, sie war glücklich, dass just an diesem Tag auch ihre Tochter Melanie mit Mann Michael auf ihrer Heimreise aus dem Winterurlaub kurz in Lorch Station machen wollten und so völlig überraschend die ganze Familie beisammen wäre.

Als Christiane Uwe, Mikes Vater, von dem Anruf erzählte, bemerkte dieser nur trocken. „Wenn der Mike mal nicht die Hochzeit absagen will.“

„Uwe, das glaube ich nicht, unser Sohn sagt nicht zwei Wochen vorher eine Hochzeit ab, die zwei mögen sich doch!“

„Vielleicht hat er eine andere gefunden, bei dem Wankelmut unseres Sohnes würde mich das nicht verwundern.“

„Du siehst Gespenster, ich kenne ihn, dass würde er uns niemals antun.“

„Er hat auch ohne Not einen guten Job aufgegeben um nach Berlin zu gehen. Dafür könnte ich ihn heute noch …“

Christiane unterbrach Uwe. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Er ist jung und da macht man eben manchmal Dinge, die den Eltern nicht gefallen. Eine Hochzeit ist was anderes. Alles ist organisiert und bestellt, alle Termine stehen. Da kann man nicht mehr absagen. Das ist genauso, wenn jemand vor dem Traualtar nein sagt. Ich habe so was bisher noch nicht gehört. So was gibt es nur in schlechten Filmen und noch schlechteren Büchern. Außerdem können sich so einen Mist nur Männer ausdenken.“

Damit war die Diskussion beendet. Für Christiane war die Bemerkung von Uwe außerhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Monas Familie

Am Abend des gleichen Tages kam Mona heim ins Elternhaus. „Haus“ ist eine zu bescheidene Umschreibung für eine neobarocke Villa aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Villa lag in der Villenvorstadt Grunewald, einem noblen Wohngebiet im Westen des Bezirkes Wilmersdorf. Die gesamte Nachbarschaft bestand aus ähnlichen Gebäuden mit großen Grundstücken.

Fast die gesamte Familie Rösler saß beim Abendessen. Ihre Mutter Thelma, ihre Halbschwester Denise und ihr Halbbruder Kevin. Es fehlten ihr Vater Martin, der sich beruflich im Ausland aufhielt, und ihr Stiefbruder Kai.

Kai hasste seine Stiefmutter Thelma wie auch seine Stiefschwester Mona. Es war eine Mischung aus Neid, Arroganz und Fremdenhass. Mit ein Grund war aber das Verhalten seines Vaters Martin, der seine Geschwister, insbesondere Mona, ihm gegenüber immer als vorbildlich hinstellte. Er, der ewige Student, bekam weder die Stellung noch die Anerkennung bei seinem Vater, die er für sich als ältester Sohn beanspruchte.

Mona schloss die Tür auf, legte Mütze und Mantel ab und begrüßte fast überschäumend ihre Familie. Sie setzte sich mit an den Tisch. Es sprudelte förmlich aus ihr heraus. „Hört mal alle zu! … Ich habe mich verliebt und …“

„Wissen wir, in Tom, ist doch nichts Neues!“, unterbrach sie Denise. „Der alte Vollhorst, nichts in der Birne aber dafür viel in der Hose.“ Das war schon eine heftige Beleidigung. Kevin konnte Tom – Monas Freund – überhaupt nicht leiden. Er hielt ihn für ungebildet und oberflächlich. „Kinder, beherrscht euch alle mal ein bisschen und du Kevin weißt genau, dass ich solch abfälliges Gerede hier im Haus nicht hören will. Dass Kai ständig so dumm daher redet, ist schon schlimm genug, ihr müsst euch nicht auch noch diesem Niveau anschließen.“

Das war für Mona die Chance wiederum das Wort zu ergreifen. „Nein es ist nicht Tom, der ist Vergangenheit.“

„Welch weiser Entschluss.“

„Kevin, lass mich endlich mal ausreden, ja. Ich habe auf der Berlinale einen Mann kennengelernt. Der ist so nett, gebildet, einfühlsam, hat gute Manieren und ist ein … Weißer!“

„Oh, ich dachte du stehst nur auf schwarze Jungs oder zumindest Latinos. Der muss ja wirklich was ganz Besonderes sein“, gab Kevin zum Besten. „Ist er auch.“ Mona zögerte und stellte fast beiläufig fest, nicht ohne alle genau zu beobachten: „Stellt euch vor, er heiratet in drei Wochen!“

Alle drei reagierten betroffen. „Wen, dich?“, wollte Denise wissen. „Wie, was, du heiratest?“, auch Kevin dachte in die gleiche Richtung. „Nun redet mal nicht alle durcheinander. Mona, dein neuer Freund heiratet also, nicht dich nehme ich an. Wie kannst du dich in so einen verlieben? Hast du dir das auch überlegt? Denk an deine bisher gemachten Erfahrungen! Ich weiß jetzt nicht ob ich lachen oder weinen soll?“, warf Thelma ein und schüttelte den Kopf. „Ich habe dich für besonnener gehalten.“

Mona genoss das Schauspiel und wartete darauf, bis ihre Mutter ausgeredet hatte. Amüsiert lehnte sie sich zurück. „Ja, und das ist noch nicht alles!“

„Nein?“

„Nein! Ich fahre am Wochenende mit ihm zusammen nach Süddeutschland. Er wird wegen mir, … habt ihr gehört, nur wegen mir seine Hochzeit absagen! Ach, übrigens, er heißt Mike und ist Schwabe.“ Thelma nickte wohlwollend. „Alle Achtung, na dann kann er so verkehrt nicht sein! Das ist ein sehr mutiger und nicht alltäglicher Schritt, der viel Ärger einbringen kann. Hoffentlich fällt er nicht um. Du solltest dich auf einiges gefasst machen, aber damit hast du ja Erfahrung.“

Thelma spielte dabei auf eine sehr negative Erfahrung Monas mit einem früheren ebenfalls weißen Freund an, der sie vor seiner Familie zutiefst gedemütigt hatte. Damals hatte sich Mona geschworen, nie mehr eine Beziehung mit einem Weißen einzugehen. „Mit Mike passiert das nicht. Da bin ich mir sicher.“

„Ich wünsche es dir von ganzem Herzen.“ Thelma stand auf und umarmte ihre Tochter. Der Abend endete schließlich in einer fröhlichen Runde. Mona verteilte die übrigen Kinotickets der Berlinale an ihre Geschwister, Tom brauchte sie jetzt nicht mehr.

Angelika

Es war soweit, der von Mike gefürchtete Tag war gekommen. Die Absage der Hochzeit und die Aufhebung der Verlobung standen bevor. Ziel der Fahrt war die typisch schwäbische Kleinstadt Lorch im Remstal, 40 km östlich der Landeshauptstadt Stuttgart gelegen. Zahlreiche Fachwerkhäuser prägen das Stadtbild. Stolz ist die Stadt auf ihre Vergangenheit, die mit sehenswerten Denkmälern schon in der Römerzeit beginnt, über die Stauferära mit seinem romanisch-gotischem Kloster reicht und in der Neuzeit Friedrich Schiller als Kind beherbergte. Seinem damaligen Lehrer, dem Pfarrer Phillip Moser setzte er mit seinem Drama ‘Die Räuber’ ein literarisches Denkmal.

Mona hielt ihr Versprechen und begleitete Mike. Gekleidet, wie einem Modemagazin soeben entsprungen, mit beigefarbener Stoffmütze und einer eleganten beigefarbenen Jacke, machte sie auf Mike mächtig Eindruck. Nach kurzer aber umso intensiverer Begrüßung nahm sie ihre Mütze ab, warf diese auf den Rücksitz und schüttelte ihre Haare. Mike saß neben ihr mit offenem Mund. „Was ist, gefallen dir meine Haare nicht?“ Sie genoss die gelungene Überraschung.

Glatte lange – fast schwarze – Haare umrahmten ihr Gesicht. Ein durch die Windschutzscheibe des Autos fallender Sonnenstrahl ließ einen türkisfarbenen Schimmer erahnen. Ihre Haare umspielten ihre Wangen, eine Strähne hing keck ins Gesicht. Die Lippen hatten einen ähnlichen Farbton wie die Haare. Mike liebte lange Haare bei Frauen, nur mit einer solchen Länge hatte er nicht gerechnet. Sie reichten ihr weit über die Schulter hinab.

Mike musste sich erst wieder fassen. „Mein Gott, bist du schön!“, sagte er leise. „Und so was sitzt nun neben Mike und ist seine Freundin, unglaublich!“

„Dann gefalle ich dir also, ich habe gedacht, ich geh mal weg vom Black-Beauty-Outfit. Lass uns endlich losfahren, sonst kommen wir nie an!“ Nichts passierte. Mike sah sie weiterhin fasziniert an, außerdem wollte er noch was von ihr. „Darf ich mal anfassen?“ Lächelnd sagte sie leise. „Na, mach schon!“ Vorsichtig fuhr Mike mit seiner rechten Hand durch ihre Haare. „Die fühlen sich an wie Seide. Wahnsinn!“

Sie fuhren die A9 über Nürnberg nach Süden. In der Höhe von Ansbach legten sie auf einer Raststätte eine kurze Kaffeepause ein, um einen Fahrerwechsel vorzunehmen. Nach der Pause fuhr Mona weiter, so hatte Mike viel Zeit, sie in aller Ruhe zu betrachten. „Und, zufrieden mit deiner schwarzen Freundin?“

„Mona, mir fehlen die Worte.“

„Das glaube ich nicht, du kannst doch gar nicht still sein.“

„Ist ja auch nur eine Redewendung. Ich versteh das gar nicht, du wirst bei jedem Wiedersehen immer noch schöner.“

„Mike, nicht übertreiben. Du kannst so wunderbare Komplimente machen, nur überziehen darfst du nicht. Verstanden?“

„Okay, auch wenn’s schwer fällt. Trotzdem gefallen mir deine Haare so viel besser.“

Nach sechs Stunden Fahrzeit erreichten sie endlich ihr erstes Ziel in Lorch, das Haus von Angelikas Eltern auf dem Kellerberg, einer Neubausiedlung in Halbhöhen- und Höhenlage mit herrlichem Ausblick über das gesamte Remstal in Richtung Stuttgart. Die Sonne schickte ihre ersten wärmenden Strahlen auf dieses schöne Fleckchen Erde.

„Du wartest im Auto, wie besprochen.“

„Ich möchte aber mit.“

„Ist besser so, glaub es bitte!“

„Nur unter Protest, ich wünsch dir viel Glück.“ Ein Kuss zur Stärkung und das „Unternehmen Entlobung“ begann. Mike ging langsam mit schweren Beinen durch das Gartentor zum Hauseingang. Er klingelte, nichts passierte. Heimlich hoffte er, dass sie ihn vielleicht überhaupt nicht sehen wollte. Er klingelte ein zweites Mal. Die Tür öffnete sich langsam. Es war Angelikas Mutter. „Grüß Gott Mike. Komm rein. Kannscht gleich nach oben gehen, Angelika wartet schon auf dich.“

Mike klopfte. „Herein!“ Er öffnete langsam die Tür und trat sichtlich gehemmt ein. Vor ihm saß Angelika mit verheulten Augen und schaute ihn traurig an. Wenn sie nicht so vergrämt ausgesehen hätte, käme die Schönheit dieser jungen Frau mit ihren langen welligen rotblonden Haaren und den grünen Augen viel besser zur Geltung. Mike versuchte ein zaghaftes „Grüß dich“ auszusprechen, welches er aber halb verschluckte. Sie reagierte nicht, kein Gruß kam über ihre Lippen. „Und, was willscht du mir persönlich saga?“ Mike nahm beide Hände von Angelika in die seinen und schaute sie direkt an. Er sprach ganz leise. „Geli, es fällt mir unsagbar schwer, dir das zu sagen. Ich weiß auch, dass du das nicht verdient hast. Aber ich … ich kann dich nicht heiraten!“

Angelika riss sich los und sprang auf, wurde laut. „So, es fällt dir schwer mir so was zu saga. Aber die Trennung, die fällt dir leicht, mal schnell so zwei Wocha vor der Hochzeit. Des Kleid ischt auch schon kauft, des kann ich jetzt in die Tonne haua. Was denkscht du dir eigentlich dabei?“

„Ich zahl’s dir!“ Angelika wurde laut. „Was bisch du bloß für ein Scheißkerl. Glaubscht du vielleicht, mit dem bissle Geld ischt es getan? Warum tuscht du das, gibt’s eine andere?“ Mike merkte, dass er das mit dem Geld nicht hätte sagen sollen. Was sollte er jetzt erwidern?

„Ja!“ Angelika wurde immer wütender „Ich glaub’s ja net. Und damit kommscht du jetzt daher? Hätt dir des net früher einfalla könna. Wie lange geht des schon?“

„Fünf Tage.“ Angelikas Stimme fing an, sich fast zu überschlagen. „Was, net einmal eine Woche, spinnscht du? Du schmeißt vier Jahre Beziehung einfach weg! So mir nix dir nix. Und ich bekomme kei Chance. Du schtellst mich einfach vor vollendete Tatsacha? Was hab ich falsch gmacht, sag’s.“

„Nichts, es liegt nur an mir.“

„An dir, ach so! Na denn isch ja alles in Ordnung. Du kennsch die andere grad eine Woche. Habt ihr zusammen durchgvögelt, dass du dir so sicher bischt. … Halt einmal, als ich dich angrufa hab, am Montag …“

„Ja, da haben wir uns kennengelernt, sie saß mit im Auto.“

Jetzt wurde Angelika ganz leise und zischte, ihre Blicke durchbohrten Mike förmlich. Er dagegen fühlte sich immer kleiner und hilfloser. „Und du hascht mich gnadenlos am Telefon anglogen und zurückgrufen hascht du erscht gar nicht. Du bischt so ein fieser Feigling!“

In diesem Augenblick erhielt er eine krachende Ohrfeige. Ihre Finger brannten auf seiner Wange, die sich bereits langsam rötlich färbte. „Geli, das hat nichts mit dir zu tun, du bist völlig unschuldig. Aber was soll ich machen, ich hab sie gesehen und mich verliebt. Am Tag darauf wusste ich schon, dass es nur noch diese Frau für mich gab. Ich kann dich doch nicht heiraten, wenn ich eine andere liebe.“

„Nach einem Tag, ich fass es nicht. So was geht doch gar net, du ticksch doch nicht mehr richtig.“ Angelika holte tief Luft. „Und, ischt sie wenigschtens hübsch, blond und blauäugig? Oder was hat se, was ich net hab?“

„Nein, das ist doch überhaupt nicht wichtig.“

„Doch, des ischt für mich wichtig, ich hab ein Recht drauf zu erfahra, wer mich in nur ein paar Tagen aus dem Feld haut!“ Mike zögerte kurz. Ungeduldig und wütend blickte sie ihn an. „Du erfährst es ja später sowieso. Sie stammt aus Afrika und ist nicht blond.“

Angelika schaute Mike völlig entgeistert an. Erst leise und dann sich langsam steigernd sprudelte es aus ihr heraus: „Willsch du mir etwa grad klarmacha, dass du es mit einer Negerin trieba hascht und dass du mich wegen so einer nicht heirata kannscht?“ Mike nickte und schluckte trocken. „Eine Schwarze? Mit krause Haar und dicke Lippa? Kann se überhaupt deutsch?“

Sie drehte sich weg, um sich im nächsten Augenblick wieder anders zu besinnen. Ihre Stimme wurde sehr eindringlich. Mit bettelnden Augen sah sie ihn an. „Mike, bitte. Bin ich so hässlich? Ich lieb dich. Mir wollten eine Familie gründen. Du hascht zu mir mal gsagt, ich sei deine Traumfrau. Alles weg? Nach einer Woch? Bitte gib mir noch eine Chance. Wir können die Hochzeit auch verschieba. … Bitte gib mir eine letzte Chance!“ Genau das hatte Mike befürchtet. Wenn sie ihn nur angeschrien hätte, wäre es leichter gefallen. Er wusste, dass er sie schwer verletzen wird, unverdient. Angelika kniete vor ihm mit Tränen in den Augen. Mitleid stieg in ihm auf, er kämpfte mit sich.

Wollte er Angelika tatsächlich so viel Leid zufügen, oder sollte er doch nachgeben. Sie hatte zu dieser Situation nichts beigetragen, er alleine war der Urheber. Er stürzte sie in diese schwere Krise ohne einen Funken Rücksicht zu nehmen. Das zu verhindern ging nur, wenn er Mona verstieß. Er schloss die Augen, da erschien Mona vor seinem geistigen Auge. Ihm wurde zum ersten Mal in seinem Leben bewusst, wie sehr man eine Frau lieben konnte. Er begriff, dass diese Frau Mona war. Das zu verstehen, hieß auch einzutreten für Mona. Leise, aber sehr deutlich flehte er Angelika an: „Ich kann das nicht. Bitte verzeih mir.“ Die stieß einen durchdringenden Schrei aus, fiel auf ihren Stuhl zurück und vergrub das Gesicht in ihre Hände. Die Tränen rannen ihr über die Wangen.

Angelikas Geschrei hatten natürlich auch ihre Eltern gehört. Ihr Vater rannte die Treppe hoch, riss die Tür mit so einer Gewalt auf, dass sie krachend gegen die Wand flog und dort Putz und Tapete beschädigte. Als Mike Angelikas wutschnaubenden Vater sah, bekam er es mit der Angst zu tun, denn er kannte ihn als aufbrausenden cholerischen Menschen, der bei seinen Ausbrüchen immer unberechenbar blieb.

Mike stellte sich auf alles ein. „Was hascht du Saukerl mit meiner Tochter gmacht?“, brüllte Angelikas Vater, als er seine Tochter völlig aufgelöst auf dem Stuhl sitzen sah. „Er hat mich mit einer Negerin betroga!“, wimmerte leise Angelika. Ihr Vater griff zu einem Pokal, der im Schrank stand und schleuderte diesen in Richtung Mike. Der duckte sich geistesgegenwärtig weg und das Geschoss durchschlug klirrend die Fensterscheibe. „Was, eine Niggerin? Jetzt kannscht du was erleba! Ich mach dich so was von fertig! Ich schlag dich ungspitzt in den Boden rein.“ Währenddessen saß Angelika immer noch apathisch da, unfähig zu reagieren. Sie hatte verstanden, dass es endgültig aus war.

Den Krach und das klirrende Glas hörte man auch auf der Straße und bei den Nachbarn. Auch Mona hörte und sah die Scheibe in die Brüche gehen. Sie riss die Autotür auf, rannte zum Haus, klingelte und trommelte gleichzeitig mit den Fäusten gegen die Haustür. Nichts rührte sich. „Sofort aufmachen!“ Keine Reaktion. Sie schaute nach rechts und nach links, lief den schmalen Plattenweg um das Haus herum zur Rückseite in den Garten so schnell sie konnte. Blitzschnell war sie auf der Terrasse, aber auch hier waren alle Türen verschlossen.

Kurz entschlossen griff sie nach einer leeren tönernen Blumenschale und warf diese durch die Balkontür. Unter lautem Getöse ging die Türscheibe zu Bruch. Angelikas Mutter stand wie angewurzelt im Zimmer und schrie um Hilfe. Mona ließ sie einfach stehen und stürmte an ihr vorbei die Treppe hinauf, immer dem Lärm nach. Angelikas Mutter, nachdem sie sich vom ersten Schock erholt hatte, hinterher.

Angelikas Vater, größer und stärker als Mike, hatte diesen inzwischen auf den Boden geworfen und am Hals gepackt. Mikes Abwehrversuche waren nur halbherzig und deswegen zum Scheitern verurteilt. Angelika schaute nur teilnahmslos zu. Als Mona in der Tür stand, ließ Angelikas Vater sofort von Mike ab. Der lag noch röchelnd am Boden und schnappte nach Luft. Alle konzentrierten sich auf Mona. Die schien überhaupt keine Angst zu haben, ihre Augen suchten Mike.

Mit bedrohlicher Stimme herrschte sie Angelikas Vater an. „Rühren Sie ihn nicht mehr an. Ich warne Sie ausdrücklich.“ Sie wollte sich schon zu Mike hinwenden, als eine starke Hand sich um ihren Arm krallte. „Da ischt ja die schwarze Hur! Soll ich jetzt Angscht bekomma?“ Er fühlte sich überlegen und lachte dabei. „Jetzt bischt du dran.“

„Ich habe Sie gewarnt, Finger weg!“ Mona fuhr ihn in einer ungeheuren Schärfe an.

In diesem Augenblick kam Angelikas Mutter in das Zimmer. Angelika fiel ihr um den Hals. Während der ganzen Zeit standen beide nur da und schauten ungläubig zu. Mona fauchte Angelikas Vater an. „Loslassen, sofort!“ Ein Grinsen war die Antwort. Mona machte eine schnelle Drehung, löste sich aus der Umklammerung und versetzte ihrem Widersacher bei einer weiteren Drehung einen mächtigen Kinnhaken mit dem Fuß. Das passierte innerhalb weniger Sekunden. Der Angreifer ging benommen zu Boden.

„Bleib liegen, oder du erlebst die nächste Stunde nicht mehr!“, herrschte sie ihn an, ging auf Mike zu und half ihm aufzustehen. „Ich gebe dir Recht, war doch gut, dass ich mitgekommen bin. Diese Seite kanntest du noch nicht von mir. Ich bin kampfsporterprobt, dient der Selbstverteidigung. Wie man sieht, ist es auch für so was gut.“ Mike brachte kein Wort heraus, nur ein unverständliches Glucksen. „Hey, wie geht es dir? Musst du zum Arzt?“ Ihre Stimme war voller Sorge.

Angelikas Vater hatte sich wieder aufgerappelt und war im Begriff, erneut auf Mona loszugehen. „Hör auf!“ Angelikas Mutter griff ein. Sie riss an ihrem Mann mit aller Kraft. Widerwillig ließ er von Mona ab. Mike wandte sich an Angelika. Seine Stimme krächzte. „Geli, es tut mir aufrichtig leid mit dir, es war keine Absicht dich zu verletzen. Es ist einfach passiert. Bitte verzeih mir!“ Angelika konnte ihre Augen nicht von Mona lösen, leise sagte sie, während Mona Mike stützte. „Doch keine hässliche Schwarze. Langsam begreif ich, ob ich dir irgendwann verzeiha kann, weiß ich nicht. Aber nachvollzieha kann ich des langsam, leider! Bitte geht!“ Mona musste Mike stützen, als sie Treppe hinunter gingen. Er war immer noch benommen.

Am Auto angekommen, setzte sie Mike auf den Beifahrersitz. Sie schaute sich die Würgemale am Hals von Mike an. Er atmete immer noch schwer, stand auch unter Schock. Bevor sie weitere Entscheidungen treffen konnte, kam ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht und stoppte direkt vor dem Haus. Besorgte Nachbarn, die den Lärm gehört hatten, hatten den Notruf abgesetzt.

Ein Polizist ging zum Haus und klingelte, eine Polizistin kam zu Mikes Auto. „Oh, Sie send aus Berlin. Was ischt hier los? Send sie beteiligt an dem Krach. Nachbarn hen uns alarmiert.“ Mona antwortete für Mike. „Ja, wir waren in dem Haus. Der Hausherr hat meinem Freund etwas zugesetzt.“

„Wollet Sie Anzeige erstatta?“

„Nein, wir sehen von einer Anzeige ab. Bitte lassen sie uns fahren, ich will ihn zur Sicherheit im Krankenhaus untersuchen lassen. Können Sie mir sagen, wo hier das nächste ist?“

Zur gleichen Zeit kam der Kollege. „Nichts, die wollen auch keine Anzeige erstatten. … Fahret Se nach Schorndorf, da ischt die Notaufnahme. Wartet Se, wir fahret vor ihne her und meldet Sie auch gleich an. Ihrem Freund geht’s aber gar net gut. Und sie wollet wirklich keine Anzeige erstatten?“ Mona schüttelte den Kopf. „Aber danke, dass Sie uns den Weg zeigen!“

„Des ischt doch selbstverständlich.“ Die Polizistin ließ sich noch Ausweis und Führerschein zeigen und fuhr – gefolgt von Mona – zum Krankenhaus in Schorndorf.

Dort angekommen, wurde Mike untersucht und sollte über Nacht zur weiteren Beobachtung bleiben. Er wollte aber unbedingt zu seinen Eltern und alles hinter sich bringen. Nach einigem Hin und Her setzte sich Mike durch und sie begaben sich gegen den ärztlichen Rat doch noch zu seinen Eltern.

Verschmäht und ausgeschlossen

Gegen 19.30 Uhr erreichten sie sein Elternhaus, das Haus der Familie Häußler. Melanie, Mikes Schwester und ihr Mann Michael waren gerade im Begriff zu gehen, als sie ankamen. Als Melanie Mikes Auto sah, musste Michael anhalten, auch Mike stieg sofort aus. Beide umarmten sich herzlich. Mona merkte sofort, dass sich beide wohl sehr gut verstanden.

„Mike, was ist los? Du bist verletzt! Was ist passiert?“

„Kannst du bitte hierbleiben, ich brauch dich ganz dringend. Ganz kurz, hör zu! Ich habe die Hochzeit abgesagt. Meine neue Freundin ist eine Afrikanerin und sitzt bei mir im Auto.“

„Wie bitte? Erklärst Du es mir?“ Noch immer hatte sie ihre Arme um seinen Hals gelegt. Mike rang nach Worten. „Mike, du kennst mich doch. Vertrau mir!“ Mona merkte, wie sich Mike entspannte. So schilderte er in kurzen Sätzen die Gründe für die Absage.

Melanie schüttelte nachdenklich ihren Kopf. „Und das willst du jetzt unseren Eltern beibringen? Da mach dich mal auf einiges gefasst.“ Mike nickte. „Es muss sein! Melanie, vielleicht bist du die einzige die im schlimmsten Fall zu mir steht. Bitte, lass du mich nicht auch hängen!“ Melanie umarmte ihn erneut, „natürlich helfe ich dir! Du bist doch mein Bruder. Wenn ich im Moment auch noch etwas zweifle, ich kenne ja deine neue Freundin noch nicht, so halte ich doch zu dir. Wie früher. Du kannst dich auf mich verlassen.“ Mike war sehr erleichtert über Melanies Reaktion.

Zwischenzeitlich standen Mikes Eltern in der Tür und schauten neugierig zu beiden Autos. Mike bedeutete Mona auszusteigen und zu ihm zu kommen. Die Überraschung beim Anblick von Mona war beiden deutlich anzusehen. Mike nahm Monas Hand. Melanie begrüßte zuvor Mona und umarmte sie. „Ich bin Melanie, Mikes Schwester. Ich wünsch Euch viel Glück und jetzt viel Kraft.“ Mona lächelte und bedankte sich. Damit hatte sie nicht gerechnet. Melanie und Michael gingen voraus.

Melanie ergriff das Wort: „Hallo, wir kommen noch mal mit rein!“ Mikes Mutter wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte. „Ja, nur zu, grüß Gott alle zusammen. Mike, würdest Du deine Begleiterin kurz vorstellen? … Junge, was ist denn mit dir passiert, warst du in Berlin in eine Schlägerei verwickelt? Ich hab schon immer gesagt, dass solche Großstädte zu gefährlich sind.“

„Nein, Mama, die Schlägerei war hier in Lorch und wenn Mona nicht gewesen wäre, würde ich wahrscheinlich im Krankenhaus liegen. … Und jetzt für alle, das ist Mona Rösler aus Berlin.“ Mikes Vater forderte erst mal alle auf im Wohnzimmer Platz zu nehmen.

Ein Feuer brannte im Kamin. Getränke wurden gereicht, alle schauten erwartungsvoll auf Mike und Mona. Sie suchte Mikes Nähe und rutschte dicht an ihn bis auf Tuchfühlung heran. Mike hatte seine Hände in einem offenen Dreieck mit sich berührenden Fingerspitzen auf den Tisch gelegt.

„Also gut, Mama. Du weißt ja, ich hatte dir am Telefon schon angekündigt, das es um die anstehende Hochzeit geht.“ Mike legte eine kurze Pause ein. „Die Hochzeit findet nicht statt. Ich habe diese Hochzeit abgesagt! Ich werde Angelika nicht heiraten. Wir haben uns heute getrennt.“

Die Wirkung dieser Worte war unterschiedlich. Uwe, Mikes Vater, schlug sich auf das Knie. „Aha, wie ich es gesagt habe.“ Christiane, Mikes Mutter, wollte es nicht glauben. „Ich hör wohl nicht richtig, hat dein Vater doch Recht gehabt. Das kannst du doch nicht machen, zwei Wochen vor dem Termin! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

Michael sah die Sache ganz anders. „Mutig, mutig, lieber Mike. Ha, ha, das macht dir so schnell keiner nach!“ Melanie giftete ihn von der Seite an. „Halt du dich da raus. Mama, Papa. Vielleicht sollte Mike erklären, warum es so gekommen ist.“

Mikes Mutter fixierte Mona. „Das ist wohl nicht so schwer zu erraten. Der Grund dafür sitzt direkt neben meinem Sohn. Stimmt doch, oder? Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht? Von sich aus würde er so etwas niemals tun. Ich versteh nicht, was er an Ihnen findet. Wie kommen …“ Mike unterbrach seine Mutter. „Mama, stopp. Wir beide haben uns in Berlin kennen und lieben gelernt. Sie ist heute ausdrücklich auf meinen Wunsch dabei, worüber ich sehr glücklich bin.“ Mike blickte lächelnd zu Mona, die ihre Hand zwischen Mikes Hände schob. Sofort umschlossen seine Hände Monas Hand. Christiane beobachtete das genau und es brachte sie erst so richtig in Rage.

Mike war jetzt der Gescholtene. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wie kannst du alle so vor den Kopf stoßen. Und Angelika, weiß sie Bescheid? Natürlich weiß sie Bescheid, du hast dich ja von ihr getrennt. Ich bin fassungslos. Wenn ich mir vorstelle, wie sich das hier in Lorch herumspricht. Ich mag gar nicht daran denken. Und dann noch eine Schwarze. Angelika ist so ein hübsches Mädchen, da kann die doch gar nicht mithalten.“ Christiane redete so schnell wie ein Maschinengewehr.

Melanie sagte ruhig aber eindringlich, „Mama, halt die Luft an. Du musst auch mal die anderen zu Wort kommen lassen.“ Christiane warf ihrer Tochter einen bösen Blick zu. „Du scheinst dich ja schon wieder mit deinem Bruder arrangiert zu haben. Was anderes war auch nicht zu erwarten!“

Vater Uwe wollte die Situation auf keinen Fall eskalieren lassen und versuchte mäßigend einzuwirken. „Mir gefällt das gar nicht, seit wann kennt ihr euch denn schon, hättet ihr das nicht etwas früher sagen können!“ Mike war froh, dass er wieder normal antworten konnte. „Nein, konnten wir leider nicht, es war die früheste Möglichkeit. Mona und ich haben uns am Montag auf der Berlinale kennengelernt. Wir haben uns von Anfang an super gut verstanden und ich liebe sie!“

Christiane schlug ihre Hände zusammen. „Ihr kennt euch noch nicht mal eine Woche und sagt eine Hochzeit ab? Ihr wisst doch überhaupt nicht, ob das mit Euch beiden überhaupt funktioniert! Was sagen denn Angelika und ihre Eltern dazu?“

„Ich war gerade wegen Angelikas Vater im Krankenhaus, die Polizei war auch da. Wir haben übrigens keine Anzeige erstattet.“

Christiane war in einem Stadium höchster Erregung. Mikes Antwort hatte sie überhaupt nicht mehr registriert. „Frau Rösler, oder wie Sie auch immer heißen mögen, wie kommen Sie dazu, bei meinem Sohn alles kaputt zu machen? Eine Verlobung ist ein Heiratsversprechen, da haut man nicht einfach dazwischen.“

Mona antwortete ganz ruhig. „Ich habe nicht dazwischengehauen. Wir haben uns ganz einfach verliebt. Nur damit es keine Irritationen gibt, auch ich liebe ihren Sohn und das mehr, als Sie sich vorstellen können.“ Mike lächelte Mona an und nickte unterstützend. „Unsinn, nach einer Woche wissen Sie gar nichts. Eine Liebe muss wachsen. Das glaube ich Ihnen nicht. Sie können hier viel erzählen. Da kommt mir gerade ein anderer Gedanke. Haben Sie überhaupt eine Aufenthaltsgenehmigung oder suchen Sie nur einen Dummen, damit sie hier leben können!“

Totenstille legte sich in den Raum.

Nach kurzer Pause antwortete Mona mit spannungsgeladener Stimme in ungewöhnlicher Schärfe und stand dabei auf. „Ich bin Deutsche und in diesem Land geboren. Mein Vater ist Deutscher und Weißer. Meine Mutter kam aber als Flüchtling nach Deutschland und war hochschwanger mit mir. Es gibt keinen Grund sich hierfür zu schämen. Mein Vater hat sie geheiratet um die Abschiebung zu verhindern. Und hören Sie mir jetzt genau zu: Ichliebe Ihren Sohn! Dass können Sie akzeptieren oder auch nicht, es ändert nichts an der Tatsache, dass es so ist.“ Christiane sprang ebenfalls auf. „Wie reden Sie mit mir. Das muss ich mir nicht sagen lassen und erst recht nicht von einer, … einer Schwarzen aus dem Busch!“

Mike war ebenfalls aufgesprungen. „Mama, was soll das, reiß dich bitte zusammen!“ Mona hatte sich wieder im Griff. „Warum, ist da ein Unterschied zwischen schwarz und weiß?“

„Das ist ein Unterschied, jawohl.“

Christiane drehte sich um, ging zum Buffet und griff nach einem Foto auf der Ablage. Auf diesem Foto waren Angelika und Mike abgebildet: beide Köpfe dicht aneinander geschmiegt und glücklich lächelnd. Ihre rotblonden Haare wehten im Wind. „Schauen Sie sich dieses Bild an!“ Christiane hielt das Foto Mona direkt unter die Nase. „Das haben Sie allein zerstört!“ Sie tauschten giftige Blicke aus. „Zu einer Beziehung gehören immer noch zwei. Wir beide, ich betone nochmals, wir beide wollen diese Beziehung …“ Christiane schnaubte vor Wut und unterbrach brüsk Mona. „So ein Blödsinn. Was haben Sie, was Angelika nicht hat. Ich kann hier nirgendwo auch nur einen klitzekleinen Vorteil für Sie erkennen. Eine Schwarze, ich fass es nicht. Für eine Schwarze lässt mein Sohn dieses bildhübsche Mädchen im Stich. Was soll das mit euch zwei werden? Wo wollt ihr leben? In Afrika?“

Mike hatte sich das Rededuell sprachlos angeschaut, er wollte dazwischen gehen, nur seine Mutter war dermaßen in Fahrt, dass sie sich nicht unterbrechen ließ. „Und wenn ihr dann mal Kinder habt, was wird dann? Alle dunkelbraun oder vielleicht hellbraun? Mischlinge, damit man gar nicht mehr weiß, wo sie hingehören? Immer irgendwelchen Vorurteilen ausgesetzt. Eure Kinder tun mir jetzt schon leid. Womöglich will mein Sohn Sie eines Tages noch heiraten. Er scheint Ihnen ja völlig verfallen zu sein.“ Christiane schrie fast. „Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht?“ Das war zu viel für Mike, er explodierte. „Mama, bist du noch ganz bei Trost, was redest du da? Das geht zu weit, was bist du nur für ein Mensch. Ist das dein wahres Gesicht, meine Mutter ist eine Rassistin?“ Mike hatte ohne zu Zögern Partei für Mona ergriffen. Er schaute seine Mutter dermaßen wütend an, dass die unwillkürlich zurückwich.

Melanie packte Mike an der Schulter. Sie wollte verhindern, dass er auf seine Mutter losging. Mike stand mit geballten Fäusten vor seiner Mutter. „Hört sofort auf damit, euch gegenseitig zu kränken. Mama, siehst du, wie weit Mike bereit ist zu gehen? Er ist dein Sohn, willst du ihn verlieren? Es ist doch völlig egal, was sie für eine Hautfarbe hat. Mama, bitte, wenn Mike doch Mona liebt. Und das tut er, glaub mir! Dazu kenne ich ihn viel zu gut. Ich denke, wenn Mike nach einer Woche mit Mona zusammen seine Hochzeit absagt, steckt doch mehr dahinter, meinst du nicht?“

Christiane hatte sich keinesfalls beruhigt, im Gegenteil: ihr Zorn wandte sich voll gegen ihren Sohn, „Ja, jede Menge Dummheit, fehlende Reife und Rücksichtslosigkeit gegenüber seiner Familie. Ganz zu schweigen von Angelika und ihrer Familie. Du Mike, du bist ein Egoist der Extraklasse, denkst nur an dich. Deine Familie ist dir völlig egal, ich bin dir egal, Melanie und dein Vater auch. Für so eine würdest du uns aufgeben? Antworte!“

Mike musste schlucken. Mona blickte ihn verstohlen an. Das darf nicht wahr sein. Jetzt knickt er ein. Mona, du hast es doch gewusst und Mami auch. Sie hat mich noch gewarnt.

Mike war plötzlich die Ruhe selbst. „Du willst allen Ernstes eine Entscheidung zwischen euch und Mona?“ Mit dieser Frage hatte Mike seine Mutter in die Enge getrieben. Auch sie zögerte. Alle standen mit großen Augen und offenen Mündern da, ohne zu reagieren.

Melanie fing sich als erste wieder. „Mama, sag’s nicht. Du kannst das nicht von Mike verlangen!“

„Oh doch, das kann ich!“ Mit grimmiger Miene forderte sie die Entscheidung ein. „Sie oder wir. Entscheide dich!“ Mona wollte schon einlenken. Mike wies sie zurück. „Kein Wort von dir, das ist meine Sache!“ Er sagte dies scharf, einen Widerspruch nicht zulassend. Mona ließ sich auf das Sofa fallen. Alles aus. Wieder die „A-Karte“. Ihre Selbstsicherheit war weg. Ängstlich sah sie zu Mike, das Schlimmste erwartend.

Mike holte tief Luft. „Also gut, ihr alle sollt sie haben. Hier ist meine Entscheidung. Für Mona! Ich liebe diese Frau hier über alles.“ Seine Hand ging dabei zu Mona und fasste die ihre. Er zog sie eng an sich und legte seinen Arm um ihre Hüfte. „Und damit du es weißt, Mama. Es ist mir leicht gefallen. Gar keine Entscheidung, das hätte ich mir gewünscht. Wenn aber eine Entscheidung, dann nur Mona und nochmals Mona und niemand anders. Ich hoffe, es ist bei dir jetzt angekommen, dass ich sie liebe.“ Mona schaute Mike nur liebevoll an, tiefe Dankbarkeit strahlten ihre Augen aus. Sie sprach kein Wort, umschloss Mikes Arm mit festem Griff.

Schweigen legte sich über den Raum. Christiane war erst rot und dann blass geworden. Uwe war fassungslos. Auch Melanie brachte keinen Ton mehr heraus. Christiane lachte schrill auf, brach abrupt ab und antwortete mit schneidender eiskalter Stimme. „Mir reicht es auch, endgültig. Verschwindet, beide. Mike, ich will dich hier nicht mehr sehen. … Uwe sag auch mal was.“ Nun ergriff auch Uwe das Wort. Er versuchte aus seiner Sicht noch einzulenken, zumindest was Mike betraf. „Es ist alles gesagt, heute kommen wir nicht mehr weiter. Mike, denk noch mal über dein Tun nach! Wir, deine Mutter und ich, können dein Handeln nicht gutheißen. Geht jetzt bitte. Mike, wenn du möchtest, kannst du natürlich bleiben, aber allein!“

Uwe meinte, er würde damit seinem Sohn die „goldene Brücke“ bauen. Mike war entsetzt. Er ließ Mona nicht mehr los. Sie spürte, dass er nach einem Halt suchte. Enttäuscht erwiderte er seinem Vater. „Papa, wo bleibt deine so hochgelobte Toleranz, das ist unwürdig, was du hier ablieferst.“

Mike packte Mona bei der Hand und zog sie mit sich. „Bloß weg hier, ich hab aber so was von die Schnauze voll.“ Mit lautem Knall flogen die Türen ins Schloss. Melanie lief Mike noch hinterher. „Du bleibst hier!“, hörte sie noch ihre Mutter rufen. Es kümmerte sie in keinster Weise. „Mike, Mona, wartet einen Moment.“ Vor dem Haus holte Melanie sie ein. „Mike, lass uns bitte den Kontakt halten.“ Mike nahm sie in den Arm. „Sehr gerne, Melanie.“ Dann umarmte Melanie noch Mona. „Ihr gehört zusammen, das habe ich gesehen. Werdet glücklich. Lasst uns miteinander telefonieren.“

Eine entwürdigende Erfahrung

Beide stiegen ins Auto und fuhren ins Hotel. Mike war froh, im Auto zu sitzen. Auf der Fahrt sagte er kein Wort, Tränen schimmerten auf beiden Wangen. Er wusste, er hatte soeben seine Familie verloren. Mit vielem hatte er gerechnet, aber nicht damit. Wie würde Mona sich weiter verhalten? Seine Mutter hatte sie zutiefst verletzt. Und ihn auch.

Als sie im Hotel ankamen, gingen sie zuerst auf ihr Zimmer. Mike hatte sich immer noch nicht beruhigt. Mona legte ihren Arm um seine Schulter.

„Mike, lass es gut sein. Damit konnte niemand rechnen. Außerdem geht das alles gegen mich. Das war auch nicht das erste Mal für mich. Nur gab es diesmal einen riesigen Unterschied, mein weißer Freund hat zu mir gehalten! Als deine Mutter dich vor die Entscheidung stellte, dachte ich: Aus, vorbei. Wie schon einmal, nur wesentlich schlimmer.“ Mike bekam große Augen. „Du hast das schon mal erlebt?“

„Ja, Mike. Das ist auch der Grund, warum ich weiße Jungs bisher immer abgelehnt habe. Ich hatte schon einmal einen weißen Freund. Er hielt unsere Beziehung gegenüber seinen Eltern immer geheim. Sein Vater war ein enger Freund und Geschäftspartner von meinem Vater. Nachdem wir es publik gemacht hatten, stellten sich seine Eltern voll gegen mich. Er hat sich für seine Eltern entschieden und einen Satz gesagt, den ich bis heute nicht vergessen habe.“

„Jetzt verstehe ich auch deine Reaktion nach unserer ersten Nacht. Was hat er denn zu dir gesagt?“

„Es gibt auch noch andere Mütter mit schöneren … und weißen Töchtern.“

„Das hat er so gesagt? Was für ein Kotzbrocken! Sei froh, dass nichts aus euch geworden ist. Lang hätte die Beziehung nicht gehalten. Außerdem wären wir dann auch nicht zusammen.“

Mona atmete tief durch, „und wie ich nun festgestellt habe, gibt es noch andere auch weiße Söhne, die zuverlässig sind. Meine Mutter hat mich noch genau vor dieser Situation gewarnt. Gott sei Dank! Sie hatte in einer Beziehung Unrecht.“

„Oh, wie meinst du das?“ Er stockte, „du, mich treibt aber was ganz anderes um. Was wirst du jetzt tun? Wirst du weiterhin zu mir halten oder mich auch verlassen, nach allem was man dir an den Kopf geworfen hat.“

Mona nahm Mikes Hände in die ihren, legte ihren Kopf leicht auf die Seite, lächelte und sagte leise, „ich bin bei dir an deiner Seite, ich lass dich nicht im Stich, jetzt nicht und später auch nicht! Ich liebe dich viel zu sehr. Die Worte deiner Mutter konnten mich nicht verletzen, weil du mit ungeheurer Stärke dazwischen gegangen bist und mich geschützt hast. Und genau da sind die Befürchtungen meiner Mutter nicht eingetroffen. Ich war mir in Berlin schon sicher, dass du mich schützen wirst. Ich habe mich nicht getäuscht, dafür bin ich dir sehr, sehr dankbar!“ Mona blickte Mike liebevoll an und drückte ihn fest an sich.

Mike hatte Tränen in den Augen und sagte kaum hörbar. „Bitte bleib bei mir. … Und danke, dass du mitgekommen bist. Ich muss dir auch noch was gestehen. Als ich bei Angelika war, hat sie mich angefleht, bei ihr zu bleiben. Mir sind tatsächlich Zweifel gekommen, ob ich das Richtige mache.“

„Oh, und dann?“

„Dann ist mir bewusst geworden, wie sehr ich dich liebe. Dein Bild erschien vor meinem Augen mit einer unglaublichen Präsenz. Von da an wusste ich, wohin ich gehöre. Bitte verzeih mir meine Schwäche, aber das war echt hart.“ Mona lächelte ihn an. „Es ist alles in Ordnung. Ich weiß, dass das sehr schwer für dich war. Ich bin dir auch unendlich dankbar für deine Standhaftigkeit. Komm, lass uns ins Restaurant gehen und was essen.“

„Ich hab aber keinen Hunger.“

„Bitte, mir zuliebe, hm?“

„Okay, hast ja Recht. Ein gutes Viertele Trollinger wird mir jetzt nicht schaden.“ Das Restaurant lag im kleinen, aber berühmten Ort Hohenstaufen unterhalb des gleichnamigen Berges, der heute noch Mauerreste der Stammburg der berühmten Stauferkaiser trägt.

Es war bereits dunkel geworden und so konnte man vom herrlichen Panorama leider nichts sehen, nur ein paar Lichter zeigten den Standort von Gehöften oder Häusern. Bei Tageslicht hatte man einen weiten Blick über das Land auf die beiden Kaiserberge Hohenrechberg und Stuifen.

Sie saßen bereits einige Zeit im Restaurant und hatten schon gegessen. Mike hatte schon sein zweites Viertele bekommen, da wechselte Mona die Tischseite und setzte sich neben ihn. „Wie fühlst du Dich?“

„Das ging wesentlich schlimmer aus, als ich dachte. Es gibt aber einen großen Lichtblick für mich, du bist bei mir und das macht mich sehr glücklich.“ Mona sagte kein Wort, schaute ihn nur an.

Mike bestellte die Rechnung, dann gingen sie gemeinsam in ihr Zimmer. In dieser Nacht war nur Kuscheln angesagt. Nach den Erlebnissen der letzten vierundzwanzig Stunden wussten beide nun sicher, dass sie sich ineinander verliebt hatten. Mike war innerlich zerrissen, einerseits war er unendlich glücklich, dass Mona seine Liebe erwiderte, zum anderen wütend, aber noch mehr traurig, wie seine Eltern reagiert hatten.

Insbesondere seine Mutter war ihm ein Rätsel. Christiane war eine Frau, die mit beiden Beinen mitten im Leben stand. Er kannte sie nur als rücksichtsvoll, tolerant und hilfsbereit. Wer auf der Karriereleiter aber so steigt, musste hart gegen sich selbst und auch gegen seine Umwelt sein, das wurde ihm jetzt erst bewusst. Diese Härte, aber auch eine große Portion nicht gekannter Vorurteile, bekam er jetzt zu spüren. Niemals hätte er seiner Mutter eine solche Einstellung zugetraut.

So lag er die Nacht lange wach, drehte sich zu Mona hin, die friedlich schlief. Als er sie so eine Zeitlang im Dunkeln ansah, öffnete sie plötzlich die Augen. „Kannst du nicht schlafen?“

„Nein, ich hab immer noch Tohuwabohu im Kopf.“ Mona schlüpfte zu Mike, kuschelte sich dich an ihn und flüsterte: „Habe Mut. Wir schaffen das, gemeinsam.“

Auftritt eines Rassisten

Am nächsten Tag ging es zurück nach Berlin. Mona fuhr die gesamte Strecke alleine, dies tat sie sehr gerne. Mike hatte noch versucht mit seinen Eltern zu telefonieren, was aber gründlich misslang. Mikes Vater lehnte jegliche Kontaktaufnahme ab, seine Mutter ging erst gar nicht ans Telefon. Da er sich immer noch nicht ganz von der Prügelei mit Angelikas Vater erholt hatte, blieb Mona am Abend und über Nacht bei ihm.

Mona war am darauffolgenden Abend wieder in ihr Elternhaus gefahren. Anwesend war jetzt auch Martin, ihr Vater. 55 Jahre alt, schlank und recht groß mit silbergrauen Haaren. Immer war er gekleidet mit Anzug und Krawatte. Die Begrüßung war herzlich.

Voller Begeisterung erzählte sie beim Abendessen von ihrem Ausflug nach Süddeutschland, der Standhaftigkeit von Mike. Da ertönte laut ihr Handy. Sie kramte es aus der Tasche und blickte auf das Display, brach ihren Redefluss abrupt ab.

„Entschuldigt bitte. Es ist Mike. Hallo Mike! … Langsam, du klingst schlecht … Hm, ja ich höre dir zu … ja … oh … ist das nicht ein bisschen schnell? Warte, ich geh mal kurz raus. Hier hören mir gerade alle zu neugierig hin. … Ich will aber nicht … ja, Mike, natürlich will ich. Wir reden morgen darüber. … Nein, du kannst dich auf mich verlassen. Ich lasse dich nicht hängen. … Ich komme morgen Abend.“ Mona ging wieder zurück in das Esszimmer. Alle schauten sie erwartungsvoll an.

Sie setzte sich und holte tief Luft. „Mami, Papa, ich werde morgen bei Mike einziehen. Ihm geht es sehr schlecht. Er braucht mich dringend, er ist total am Boden.“

„Ist das nicht etwas überstürzt? Wie lange kennt ihr euch jetzt? Eine Woche? Er ist doch kein Kind mehr. Was ist denn das für ein Mann“, warf Martin ein. In Monas Stimme schwang ein bisschen Zorn über die unsensible Äußerung ihres Vaters, obwohl er doch vorher die ganze Geschichte, wenn auch nicht im Detail, gehört hatte.

„Papa, den letzten Satz kannst du dir sparen, das ist Machogehabe. Was ihm dort widerfahren ist, ist schon mehr als heftig. Zuerst wird er fast erschlagen und dann von seiner Familie verstoßen. Dass er sich mit seiner Familie angelegt hat, ist wegen mir. Versteht ihr das?“ Sie blickte dabei in die ganze Runde. „Die haben mich angegriffen und er wurde vor die Entscheidung gestellt. Entweder seine Familie oder ich. Ohne zu zögern, hat er sich für mich entschieden. Da ist es wohl klar, dass ich ihm jetzt beistehe. Oder ist hier jemand anderer Meinung?“

Denise bewunderte ihre Schwester, so hatte sie Mona noch nicht erlebt, auch ihr Vater zuckte zusammen. Ihre Mutter reagierte mäßigend und beruhigte dadurch die Situation. „Nun lasst Mona mal machen, sie ist keine fünfzehn Jahre mehr alt, sondern fast fünfundzwanzig und kann jederzeit selbst entscheiden, wohin sie geht. Akzeptiert das bitte. Außerdem, mein lieber Martin, hat sich der junge Mann vorbehaltlos zu unserer Tochter bekannt. Du kennst da auch ein anderes Beispiel, oder?“ Thelma liebte ihre Tochter über alles. Beide waren sich sehr ähnlich, hatten einen starken Willen und wussten sich zu behaupten.

„Hast ja Recht“, pflichtete Martin bei. „Entschuldige bitte, Mona. Ich nehme meine Sätze zurück. Geh zu deinem Mike und hilf ihm. Wenn ihr irgendetwas braucht, wie Geld oder was anderes, melde dich bitte.“

Die Familienidylle wurde jäh unterbrochen. „Das kann es wohl nicht sein, der schmeißt du dein Geld förmlich hinterher und wenn ich mal was brauche, willst du genau wissen, für was ich jeden Cent ausgebe!“ Es war Kai, der dem Gespräch gelauscht hatte. Kai ging an den Tisch und stellte sich an die abgewandte Seite von Thelma und Mona. Er lehnte es grundsätzlich ab, mit seiner schwarzen Verwandtschaft an einem Tisch zu sitzen.

Kai klatschte Beifall. „Gut finde ich, dass du endlich ausziehst. Kann dich ja dein Neuer durchfüttern!“

„Oh, Kai, das sagt der richtige, du bist, erinnere ich mich richtig, fünf Jahre älter, hast keine Ausbildung, keinen Beruf, geschweige denn eine Arbeit, fährst ein dickes Auto und wirfst dein Geld für Frauen und Partys aus dem Fenster!“ Mona wurde sehr energisch.

„Wer hat denn das bezahlt? Du? Nein, wenn dein Vater nicht wäre, könntest du unter der Brücke schlafen!“

„Schluss ihr zwei.“ Martin versuchte, den aufkommenden Streit zu unterbinden, hatte aber keinerlei Erfolg damit.

„Mona, ich mache drei Kreuze, wenn du endlich weg bist, du solltest zurück nach Afrika in so eine Blechhütte, da gehörst du nämlich hin. Da fällst du zwischen dem dunklen Dreck mit deiner schwarzen Haut überhaupt nicht auf.“ Kai lachte dabei noch hämisch. „Nimm am besten deinen Neuen mit, da gehört ihr Schwarzen doch alle hin.“ Kai schaute Mona mit vernichtenden Blicken an.

„He! Kai, Mike ist weiß und Deutscher, ich glaube sogar Schwabe! Was ich bisher mitbekommen habe, hat der mit Afrika nichts am Hut. Und rhetorisch hast du gegen den keine Chance.“ Kevin kannte zwar Mike nicht, stellte aber diese Behauptung auf, um Kai zu ärgern. Er lachte dabei lauthals, als ob er einen besonders guten Scherz gemacht hätte.

Denise lachte nicht, sie bemerkte nur ganz kurz: „Kai, du bist so ein rassistisches Arschloch, nur krank im Kopf. Du solltest von hier verschwinden und zwar auf Nimmerwiedersehen! Am besten dorthin, wo du hergekommen bist.“

Thelma war aufgesprungen. „Ich will solche Schimpfworte hier nicht hören. Denise beherrsch dich bitte und du Kai geh, sofort! Ich habe deine Provokationen satt. Wenn es dir hier nicht gefällt, dann zieh endlich die notwendigen Konsequenzen und geh!“

Kai hatte einen hochroten Kopf bekommen. Ehe Martin eingreifen konnte, war Mona aufgestanden und ging langsam auf Kai zu. „Mami, lass mich das machen. Denn das war der berühmte Tropfen!“ Sie hatte ihre Stirn in Falten gelegt, ihre Stimme bebte vor Zorn.

„Du kannst froh sein, dass dein Vater hier sitzt, sonst würde die schwarze dreckige Schlampe dem weißen arroganten, nichtsnutzigen, rassistischen Kotzbrocken mal ordentlich Manieren beibringen. Das fängt mit einer körperlichen Züchtigung an. … Oh, Entschuldigung, das war ja viel zu edel ausgedrückt, das verstehst du ja gar nicht. Um in deinem Jargon zu bleiben“, und mit einem Seitenblick zu Thelma, „Mami, bitte verzeih mir die Ausdrucksweise, … werde ich dir jetzt deine Fresse polieren!“

Kai war einen Schritt zurückgewichen, er wusste über Monas Kampfsport Bescheid, den Capoeira. Dieser Kampfstil stammt im Ursprung von den brasilianischen Sklaven ab, ist hochakrobatisch und etwas tänzerisch. Selbst tödliche Schläge sind enthalten. Das Besondere dabei ist, dass der Angreifer lange Zeit im Ungewissen bleibt, wer ihm gegenübersteht.

„Vater, halt sie auf!“ Martin schüttelte den Kopf. „Nein, das hast du dir selbst zuzuschreiben.“ Alle verfolgten gebannt das Geschehen. „Ach ja, ich muss dich ja warnen, bevor ich tätlich werde. … Hiermit weise ich dich Kai, darauf hin, dass du schwer verletzt werden kannst!“

Mona bewegte sich weiter auf Kai zu. Sie hatte Ähnlichkeit mit einer Großkatze, die in jedem Moment ihre Beute erlegen wollte. Kai war immer weiter zurückgewichen und stand schließlich mit dem Rücken zur Wand, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Er hatte Angst, Schweiß stand auf seiner Stirn.

„Mona, halt ein, ich nehme alles zurück.“

„Du feige Kakerlake, kommst aus der Deckung, wenn du dich sicher fühlst und wenn’s brenzlig wird, verziehst du dich.“ Mona zischte wie eine Schlange.

„Geh mir aus den Augen, hau ab. Wenn du mir noch einmal näher als zehn Meter kommst, mach ich Hackfleisch aus dir, kapiert?“

„Ihr werdet alle schon noch sehen!“ Kai heulte fast, machte kehrt und rannte hinaus aus dem Speisesaal.

Mona drehte sich um und ging zurück zu den anderen. „Fast hätte ich mich vergessen. Jetzt versteht ihr auch, warum ich für weiße Männer null Verständnis habe.“

„Ah ja, und was ist mit Mike?“ Als Thelma den Namen Mike erwähnte, entspannte sich Mona sichtlich.

„Stimmt, an den habe ich gar nicht mehr gedacht. Der ist das totale Gegenteil von Kai und ich mag ihn.“

„Du magst ihn?“

„Ach, Mami, du weißt schon, wie ich das meine, hm?“

„Was ist jetzt mit Kai. Papa, was wirst du tun? Das ging eindeutig zu weit. Ich möchte mal wissen, woher er diese Einstellung hat. Der hat bei uns nichts zu suchen.“ Denise konnte sich kaum beruhigen. „Er ist, ich muss es leider sagen, immer noch mein Sohn“, stellte Martin fest.

„Das ist richtig. Ich habe ihn gerade sehr genau beobachtet. Er wird sich an dir, Mona und auch an mir rächen wollen. Denn ausgerechnet wir beide haben ihn hinausgeworfen. Seine Augen haben es mir gesagt.“ Alle schauten sie überrascht und besorgt an.

„Wie meinst du das?“, fragte Martin. „Wir müssen abwarten, ich weiß es nicht! Aber eins weiß ich. Es fängt erst an. Martin, wir müssen reden. Ich habe Angst um Mona.“ Mona wehrte sich.

„Mami, ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen. Und mit Kai werde ich noch allemal fertig.“ Martin pflichtete ihr bei. Thelma schüttelte den Kopf. „Nein, ich spüre die Gefahr hier drinnen.“ Sie zeigte dabei auf ihr Herz.

„Ihr versteht mich nicht. Das könnt ihr auch nicht. Ich bin jetzt müde, mir geht es auch nicht gut. Ich muss mich hinlegen.“ Sie stand auf verabschiedete sich von ihrer ganzen Familie. Als sie in der Tür stand, drehte sie sich nochmals um. „Eines Tages werdet ihr mich verstehen, noch ist die Zeit nicht reif.“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum.

Was wollte Thelma damit sagen? Alle waren betroffen und einer nach dem anderen stand auf und verließ mit mehr oder minder guten Ausreden ebenfalls den Raum. Übrig blieb Martin, der sich fragte, was hier gerade passiert sei. Ihm kam alles plötzlich sehr fremd vor. Seine Familie war zerrissen. Es war ihm heute klar geworden, dass sein ältester Sohn sich niemals mit dem Rest der Familie arrangieren würde. Zu weiteren Überlegungen kam er jedoch nicht. Kai kam wieder zurück und stürzte zur Tür herein. Er sah seinen Vater allein im Raum sitzen.

Diese Gelegenheit nutzend setzte er sich zu ihm. „Vater, ich bin dein Sohn! Stehst du noch zu mir?“

„Dein Auftritt war nicht gerade eine Empfehlung. Natürlich bist du mein Sohn. Aber so geht das nicht weiter.“

„Wieso nur ich? Und Mona, die kann tun und lassen, was sie will? Wenn ihr nicht alle im Raum gewesen wärt, würde ich jetzt im Krankenhaus liegen, oder schlimmer!“

„Kai, was du ihr an den Kopf geworfen hast, war menschenverachtend, sie hat sich nur gewehrt.“

„Gewehrt, ich fass es nicht, ich habe sie nicht angerührt!“

„Auch Worte können verletzend sein und das weißt du!“

„Vater, es gibt eine andere Lösung: sag dich endlich von denen los. Mona ist noch nicht einmal deine Tochter. Merkst du nicht, dass meine sogenannte Stiefmutter sie ständig bevorzugt? Mona tanzt dir auf der Nase herum, dein Angebot hat sie ebenfalls ausgeschlagen. Mich hast du nicht einmal gefragt.“

Martin blickte seinen Sohn durchdringend an. „Du weißt auch sehr wohl warum. Sie hat vor drei Jahren eine so negative Erfahrung mit ihrem Freund und seiner Familie gemacht. Erinnerst du dich? Der Vater war ein persönlicher Freund von mir. Sie haben aber meine dunkelhäutige Tochter nicht anerkannt und ihr Freund ist dann umgefallen wie ein Strohhalm im Wind. Das scheint mir bei diesem Mike wohl nicht der Fall zu sein. Sie wollte mit solchen Leuten nie mehr etwas zu tun haben. Liebend gerne hätte ich sie bei mir in die Firma aufgenommen.“

„Ich wäre gerne in deine Firma gekommen, aber mich hast du ja nicht mal gefragt.“ Das klang schon sehr vorwurfsvoll.

Martin war erbost. „Auch das weißt du, wir haben schon oft genug darüber gesprochen. Bring erst mal was zu Ende und zeig mir deinen Willen. Dann bin ich durchaus bereit.“ Martin war gleichzeitig traurig über dieses Gespräch, das er so oder so ähnlich schon zigmal geführt hatte. Beide saßen sich gegenüber und fixierten sich.

„Meine Mutter würde dich gerne wiedersehen!“

„Was redest du da, sie hat mich damals verlassen, übrigens mit dir, ohne ein Wort zu sagen. Ich will sie nicht wiedersehen. Thelma ist meine Frau.“

„Was soll das? Okay, du hast Thelma gerettet, aber die passt doch überhaupt nicht zu dir. Du kannst doch wieder zu Mutter zurück!“

„Aha, und wie stellst du dir das mit Denise und Kevin vor, sie sind meine Kinder, und noch mal, Thelma ist meine Frau, nicht Gabriele. Wir sind geschieden.“

„Vergiss diese Bastarde, sie sind Kinder von dieser schwarzen Frau. Ich bin dein Sohn!“

Martins Blick verfinsterte sich. Wut stieg in ihm hoch. „Pass mal auf, mein Freund! Ich denke, es reicht, du hast mich lange genug ausgenutzt. Heute ist das Fass endgültig übergelaufen. Ich gebe dir zwei Wochen Zeit, dann ziehst du aus. Haben wir uns verstanden. Das ist endgültig, ich habe dir lange genug Zeit gegeben, auch ich habe die Nase voll! Du ziehst deine Geschwister und deine Stiefmutter nicht länger durch den Schmutz!“ Er stand auf und ging ebenfalls. „Mein lieber Vater, hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“ Leise sprach Kai zu sich selbst.

Letzte Hoffnung

Drei vollgepackte Koffer mit Kleidung und zwei Kartons mit persönlichen Dingen waren der ganze Umzug. Am Abend konnte Mike endlich seine geliebte Mona in die Arme schließen. Er war erleichtert, dass er mit ihr zusammen war und dass sie fest zu ihm stand. Sie waren jetzt seit knapp drei Wochen ein Paar.

Am Samstag hätte die Hochzeit mit Angelika sein sollen. Zu seinen Eltern hatte er bis jetzt keinen Kontakt mehr, nur mit Melanie telefonierte er regelmäßig. An diesem Samstagvormittag klingelte das Telefon, am anderen Ende war seine Mutter. Mike schöpfte Hoffnung, freute sich sehr über den Anruf. Der Tag jedoch irritierte ihn, es wäre der Tag der Hochzeit gewesen.

„Hallo Mama, das ist mal eine tolle Überraschung.“

„Hallo Mike, freust du dich über meinen Anruf?“

„Ja ich freue mich sehr über deinen Anruf“. Mona kam mit hinzu. Mit Hilfe von Gestik wies er auf seine Mutter hin. Mona schaltete den Lautsprecher ein, um mitzuhören.

„Wie geht es dir?“

„Nicht so besonders nach der Trennung. Kannst du dir sicherlich vorstellen. Aber ich bin so enttäuscht. Ich hätte nie gedacht, dass du eine solche Rassistin bist. Wie war es euch überhaupt möglich, mich vor diesem Hintergrund zur Toleranz zu erziehen.“ Mike redete sich schon wieder leicht in Rage.

„Mike, hör mir bitte zu. Du weißt ganz genau, dass ich keine Rassistin bin. Aber deine … deine neue Freundin hat mich dermaßen provoziert und du gleich mit, das ich einfach ausgerastet bin. Dein Verhalten, alles einfach wegzuschmeißen nach nur ein paar Tagen hat mich dermaßen aufgeregt, ich bin bis heute noch nicht darüber hinweggekommen. Es geht mir nicht um deine neue Freundin, die Beziehung ist eh viel zu frisch. Da muss man noch sehen, wo das hingeht. Aber was anderes, ich habe mit Angelika ein langes Gespräch gehabt. Übrigens, hast du ihren Vater angezeigt?“

„Nein, haben wir nicht. Das hatte ich aber schon an dem Abend gesagt. Sag mal, du hast mit Angelika gesprochen, bevor du mit mir redest? Ich fass es nicht!“

„Mike, nun mach mal einen Punkt, ja. Ich habe mit ihr gesprochen, weil ich wissen wollte, wie schwer du sie vor den Kopf gestoßen hast.“

„Mama, das weiß ich selbst. Ich habe sie schlimm verletzt. Sie kann für meine Liebe zu Mona gar nichts, hat absolut nichts zum Scheitern beigetragen. Das war ich alleine.“

„Genau so hat sie mir es auch erzählt. Sie ist getroffen, sehr tief. Aber, hör genau zu! Sie gibt dir noch mal eine Chance. Auch zu uns kannst du zurückkommen, schließlich bist du mein Junge.“ Mike musste tief Luft holen. Mona blickte ängstlich zu Mike. „Wie bitte? Was, bitteschön, war bei meiner Entscheidung für Mona nicht zu verstehen? Was soll ich denn noch sagen. Es gibt für mich keinen Weg zurück zu Angelika, kapiert?“ Mike wurde laut.

Mona besänftigte ihn leise. „Ist da jemand bei dir? Etwa deine neue Freundin? Hat sie alles mitgehört?“

„Ja. Warum? Schlechtes Gewissen?“

„Nein, mit Sicherheit nicht, es macht es nur nicht gerade leichter. Ist sie immer bei dir?“

„Du willst wissen, ob sie bei mir wohnt? Ja, sie ist seit fast zwei Wochen bei mir eingezogen. Mama, du hast gesagt, ich kann zu euch zurückkommen? Das würde ich gerne …“

„Ihr wohnt schon zusammen. Hast du dir das auch gut überlegt? Es geht doch nicht nur um dich, denk auch zur Abwechslung mal an die anderen.“

„Doch Mama, das habe ich mir sehr gut überlegt und ich bin wahnsinnig glücklich, dass sie hier ist.“ Am anderen Ende war zuerst Schweigen. „Dein letztes Wort? Ich habe mit allen gesprochen, mit Papa, Angelika und sogar ihren Eltern. Du kannst das alles noch retten, nur wollen musst du!“

„Und Melanie, wie steht sie dazu?“

„Melanie, nein, mit der habe ich nicht gesprochen, die ist zu weit weg. Außerdem ist sie bezüglich deiner Person nie objektiv.“

„Ach ja, auf gut Deutsch steht ihr kein Urteil zu. Ich werde sie selber fragen. Mal angenommen, ich geh auf deinen Vorschlag ein, wo bleibt dabei Mona? … Keine Antwort ist auch eine Antwort. Mama, noch mal. Ich verlass Mona nicht.“

Wieder kurzes Schweigen. „Dann haben wir uns nichts mehr zu sagen. Denn beides geht nicht. Entweder oder! Du hast dich entschieden. Ich verstehe. Leb wohl.“ Mike hörte nur noch ein Knacken in der Leitung. Seine Mutter hatte, ohne die Antwort abzuwarten, aufgelegt.

Mona war nachdenklich. „Ich verstehe deine Mutter nicht. Ich denke, sie hat nichts gegen mich als Schwarze, zumindest nicht viel. Sie muss ja wahnsinnig an dieser Angelika hängen.“ Mike nickte. „Die beiden waren ein Herz und eine Seele, du kannst dir das nicht vorstellen. Na ja, das war’s dann wohl mit meinen Eltern. Wenigstens tickt Melanie anders. Meine Mutter hätte sie mit keinem Wort erwähnt.“

„Es ist schon traurig, wie sie deine Schwester abgebürstet hat. Damit weißt du aber, dass sie zu dir steht. Gib deiner Mutter Zeit, es wird sich schon noch einrenken.“

„Ich hoffe, Mona. Stell dir nur einfach vor, es wäre deine Familie.“

„Bei meiner Familie stimmt auch einiges nicht.“ Mona erzählte Mike von dem Vorfall mit Kai und der Reaktion von ihrer Mutter.

Melanies Drohung

Das Elternhaus von Mike war eine Doppelhaushälfte im Wohngebiet Breitwiese aus den 70er Jahren mit Garage und Garten an der Rückseite, direkt am Fluss Rems gelegen. Schönster Raum im Innern war das Wohnzimmer mit offenem Kamin. Die übrigen Räume waren klein und verhältnismäßig niedrig. Auffallend waren die vielen Blumen und Pflanzen um das Haus herum wie auch im Haus.

Dort diskutierte Familie Häußler, wie mit der gesamten Situation umzugehen ist. Mike hatte umgehend nach dem Telefonat mit seiner Mutter mit Melanie gesprochen. So zornig und wütend hatte er bisher seine Schwester noch nicht erlebt.

Melanie fuhr am Wochenende ohne ihren Mann Michael nach Lorch. Bitterböse stellte sie besonders ihre Mutter zur Rede und ermahnte sie mehrfach, ihren Sohn wieder in den Familienkreis aufzunehmen. Ihre Mutter war aber nicht zu erweichen. Im Gegenteil, der Mahnruf mündete in einen offenen Streit. Melanie konnte nicht verstehen, dass ihre Mutter Angelika höher stellte als Mike. Schließlich eskalierte die Auseinandersetzung derart, dass sie ihrer Mutter regelrecht drohte. Wenn sie nicht einlenkt, hat sie bald keine Kinder mehr. Auch sie, Melanie würde sich dann von ihr abwenden. Jetzt bekam es Uwe, der Vater, mit der Angst zu tun, das wollte er auf keinen Fall. Er bat aber um Zeit. Melanie verstand und billigte ihrer Mutter diese Zeit zu. Zugleich machte sie ihr deutlich, dass dieses Zeitfenster auf keinen Fall über das Jahr hinausgehen wird.

Nachdem Melanie wieder abgefahren war, machte sich die Mutter Luft. Sie sah sich als das Opfer. Leid tat ihr, dass sie so heftig auf die Rassismus-Schiene aufgesprungen war. Noch war sie nicht bereit, hier auch nur etwas zurückzustecken oder sich gar zu entschuldigen.

Sie konnte sich nur nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Mike für eine farbige Frau Angelika in die Wüste geschickt hatte. Im Prinzip hätte sie auch keine andere Frau für ihren Sohn akzeptiert, Angelika war für sie die Wunschpartnerin für ihren Sohn schlechthin. Christiane und Angelika hatten sich blendend verstanden und das wollte sie nicht aufgeben.

Mike hatte das durchaus richtig erkannt. Dass Mikes neue Freundin eine …, sie wusste noch nicht einmal, wo seine Freundin überhaupt herkam. Nur das ihre Mutter Migrantin war, wusste sie. Als ihr Mann Uwe für sie überflüssigerweise noch bemerkte, dass die neue Freundin doch für sein Selbstverständnis ungewöhnlich hübsch sei, verbot sie sich jedes weitere Gespräch zu diesem Thema. Womöglich wollte er diese Frau eines Tages auch noch heiraten, da sie schon zusammengezogen waren.

Die Geschwindigkeit, mit der diese Beziehung sich entwickelte, bereitete ihr Unbehagen. Christiane hatte eine fast panische Angst davor, dass Nachbarn und Bekannte über sie schlecht reden könnten und das noch in einer Kleinstadt wie Lorch. Das Horrorszenario zum Gespött aller Leute zu werden, bereitete ihr große Sorge. Die Auflösung der Hochzeit hatte sich natürlich in der Stadt in Windeseile verbreitet, auch das Mike mit einer „Negerin“ zusammen war. Wenn sie zum Einkaufen und auf den Markt ging, wurde sie ab und zu darauf angesprochen. Ihr Mann versuchte sich mit Sprüchen herauszuhalten oder auszuweichen.

Thelma

An einem Morgen im März bekam Mike Post von einer Rechtsanwaltskanzlei aus Schwäbisch Gmünd. Angelikas Vater wollte sein Geld für die Wohnung zurück. 50.000 Euro sollten in vierzehn Tagen beglichen werden, ansonsten werde gepfändet. Nachdem Mike sich mit Mona besprochen hatte, war er entschlossen, die Wohnung zu verkaufen, doch dafür brauchte er mehr Zeit. In diesen zwei Wochen setzte nun ein heftiger Schriftwechsel ein, der aber im Ergebnis keine wesentlichen Änderungen brachte, außer einer Fristverlängerung mit vier Wochen. Eine Klage wollte er nicht riskieren, da hier weitere Kosten zu erwarten waren.

Und wieder half einmal mehr Mona! Sie informierte ihren Vater, worauf sich ihre Eltern zu einem Sonntagsbesuch einladen ließen. Der Antrittsbesuch war in den Augen von Thelma und Martin überfällig, wollten sie doch endlich den neuen Freund ihrer Tochter kennenlernen. Beide waren sehr gespannt auf Mike.

Martin überraschte das sehr gepflegte Haus mit den gedrechselten hölzernen Eingangstüren. Nachbar Otto Schulze aus dem Hinterhaus war gerade im Hof, um wie immer nach dem Rechten zu sehen. Er war bereits seit mehreren Jahren Rentner und mit dem Zuzug im Haus überhaupt nicht einverstanden. Seitdem das Haus an eine Immobiliengesellschaft verkauft und erst vor wenigen Jahren aufwändig saniert worden war, hatte sich die Klientel stark verändert.

Die alten Mieter waren ausgezogen bis auf ihn. Er wohnte im Erdgeschoss in der einzigen nur oberflächlich renovierten Wohnung zur Miete. Besonders auf dem Kieker hatte er alle, die nicht in sein Weltbild passten. Das war über die Hälfte der Bewohner. Die Bewohner waren nicht nur unterschiedlicher Herkunft, so eine österreichische Familie, ein französisches und ein italienisches Paar, zwei irische Familien und eine iranische Arztfamilie. Es gab auch gleichgeschlechtliche Paare. Die alte Wohnkultur war für ihn verlorengegangen.

Mit Mike hatte er sich anfangs gut verstanden, da er Verständnis für seine Situation zeigte und viel hinterfragte. Seit Mona jedoch eingezogen war, kühlte sich dieses Verhältnis stark ab. Sie passte für ihn einfach nicht in das Haus. Glücklicherweise war die übrige Nachbarschaft tolerant und aufgeschlossen. Es herrschte sogar ein ausgesprochen gutes Verhältnis, insbesondere der Bewohner in der direkten Nachbarschaft. Man konnte es als freundschaftlich bezeichnen.

Als Herr Schulze nun Martin mit Thelma hereinkommen sah, stürzte er auf sie zu. „Wat wollen sie hier. Ick hab Sie hier noch nie jesehn!“

„Wir sind Gäste von Herrn Häußler, der wohnt doch hier?“, sagte Martin ganz ruhig. „Jawoll, der wohnt hier, woll’n se hier etwa ooch einziehn?“ Bei dieser Frage musterte er insbesondere Thelma.

Diese, eine zierliche attraktive Frau Anfang vierzig, bemerkte sehr wohl den Unterton in seiner Frage. Sie hatte es satt und antwortete deswegen auch etwas provozierend. „Das ist ein sehr schönes Haus. Herr Häußler hat es uns empfohlen.“ In diesem Moment kam Mike schon die Treppe herunter.

„Na, Herr Schulze, jetzt freuen Sie sich aber, wir werden immer mehr ‚multikulti‘ im Haus!“, sagte Mike lachend, während er Otto Schulze mit offenem Mund stehenließ und sich seinen Gästen zuwandte. „Guten Tag, meine Name ist Mike Häußler. Seien Sie willkommen.“ Mike begrüßte zuerst Thelma.

Sie trug einen weinroten Ledermantel und darunter ein helles Kleid. Ihre fast schwarzen Haare hatte sie zu einem Dutt zusammengebunden. Sie umrahmten ein ebenmäßiges Gesicht. Mund, Nase und Hautfarbe stimmten mit Mona überein.

„Sie müssen Monas Mutter sein. Wow, hab ich ein Glück!“

„Schön für Sie, verraten Sie mir auch warum?“ Thelma lachte dabei, sie hatte eine Ahnung. Martin dagegen verfolgte überrascht die Konversation.

„Ich weiß jetzt, dass Mona immer wunderschön sein wird.“ Thelma lächelte Mike an. „Vielen Dank für das Kompliment, so etwas höre ich gerne. Mein Name ist Thelma Rösler und das ist mein Mann Martin.“ Mike gab beiden die Hand und verneigte sich leicht. „Angenehm. Mir wäre es sehr recht, wenn Sie mich mit Mike und du anreden würden.“ Martin erwiderte kurz: „Bitte auch mich mit Martin.“ Und auch Thelma: „… und mich mit Thelma.“

Mike ging mit beiden in den ersten Hof, erzählte kurz die Geschichte des Hauses und zeigte dabei den Innenhof. Dieser war von den Bewohnern als Gartenanlage mit vielen Blumen und Grünpflanzen gestaltet worden. Als Mike mitten im Redefluss war, sah er im Augenwinkel Mona auf dem Balkon. Er unterbrach und winkte ihr zu. Mona lachte.

„Passt auf, dass er euch nicht zutextet. Mike redet furchtbar gerne.“

„Ich hab schon verstanden, wir kommen gleich rauf.“ Zwei Minuten später war Mona schon unten im Hof und begrüßte ihre Eltern. „Oh, ihr seid schon per du. Da hast du bei mir damals aber länger gebraucht.“

„Da war ich auch noch schüchtern.“

Thelma schob Mona zu ihrem Vater. „Geht schon mal hoch, ich muss mit Mike kurz unter vier Augen reden.“

„Mami? Muss ich mir Sorgen machen?“

„Nein, mein Kind. Musst du nicht.“ Thelma wandte sich an Mike, der sich fragte, was jetzt wohl auf ihn zukommt. Thelma legte ihren Arm um Mikes Schultern. „Wie lange kennt ihr euch jetzt?“

„Knapp fünf Wochen.“

„Und wie entwickelt sich aus deiner Sicht eure Beziehung?“ Mikes Augen bekamen bei der Antwort einen besonderen Glanz, der Thelma beeindruckte. „Darf ich offen sein?“

„Ich bitte darum.“

Mike fasste sofort tiefes Vertrauen zu Thelma und hatte keine Bedenken, ihr seine Gefühle mitzuteilen. „Ich liebe Ihre, Entschuldigung, deine Tochter über alles und ich lasse das mir von niemandem kaputtmachen. Weder von meinen Eltern, irgendwelchen uneinsichtigen Nachbarn oder falschen Freunden. Auch nicht von euch! … Entschuldigung, diese Bemerkung war dumm von mir. Ich wollte damit nur sagen, dass Mona für mich der wichtigste Mensch auf der Welt ist.“ Thelma war beeindruckt von Mikes Offenheit.

„Ich, und auch Martin werden euch mit allen Möglichkeiten unterstützen. Du bist willkommen bei uns. Ich denke, auch Mona kann sich glücklich schätzen.“ Mike umarmte spontan Thelma. „Danke. Es tut gut, wenigstens in einer Familie freundlich aufgenommen zu werden.“ Auch Thelma schloss diesen jungen Mann sofort in ihr Herz.

Anschließend gingen sie zum Fahrstuhl und fuhren nach oben. In der Wohnungstür wartete schon ungeduldig Mona. „Wo bleibt ihr denn so lange? Was war denn so wichtig?“ Thelma nahm ihrer Tochter schnell die Bedenken. „Ich denke, nicht nur Mike hat einen guten Griff getan, sondern auch du. Kann es sein, dass er ein kleiner Charmeur ist?“

Mona lachte. „Oh ja, das kann er sehr gut. Ist aber auch schön.“ Flüsternd wandte sie sich ihrer Mutter zu. „So was kannte ich bis jetzt gar nicht.“

Mike zeigte seinen Gästen die gesamte Wohnung. Nachdem sie die Wohnung besichtigt hatten, nahmen alle vier am Esstisch Platz. Mike hatte zusammen mit Mona gekocht. Ein viergängiges schwäbisch - französisches Menu hatten sie vorbereitet. Flädlesuppe aus Schwaben, Kross gebratenen, innen rohen Thunfisch auf Rucola - Papaya Salat als Vorspeise, Lammcarré mit grünen Spätzle, getrockneten Tomaten und Oliven als Hauptspeise und warme halbflüssige Schokoladentorte mit Vanilleeis und Basilikumhimbeersoße zum Dessert. Dazu gab es korrespondierende Weine. Man begann mit dem Aperitif, einem Kir.

„Mike, du hattest einen guten Geschmack und ein gutes Händchen bei der Wahl der Wohnung“, sagte anerkennend Martin. „Dann gefällt dir die Wohnung. Ich habe auch lange gesucht, ich steh nun mal auf alt, insbesondere auf Jugendstil. Angelika …, Entschuldigt bitte, meine frühere Verlobte konnte dieser Wohnung nicht ganz so viel abgewinnen, sie hätte lieber eine moderne Wohnung gehabt. Aber das ist jetzt ja nicht mehr wichtig.“

„Du kannst hervorragend kochen, ich bin überrascht. Mona, hilft sie dir?“, Thelma wechselte schnell das Thema. „Viel mehr, sie macht selber fleißig mit und hat ganz schön viel gelernt in der kurzen Zeit. Wir verbringen zusammen viel Zeit in der Küche, reden nebenher, probieren, es macht richtig Spaß!“

Mona bestätigte das und ergänzte noch: „Ja, und nicht das ihr meint, die vier Gänge sind heute was Besonderes. Wenn wir am Sonntag zu Hause sind, kochen wir immer so. Na ja, nicht ganz so aufwändig, oft gibt’s auch nur einen Salat als Vorspeise.“ Worauf Thelma sich die Bemerkung nicht verkneifen konnte, dass auch ihr Martin in der Küche eine gute Figur abgeben würde, wenn er denn nur wollte. Alle mussten lachen, als Martin ungeschickt versuchte sich herauszureden.

Als man schließlich beim Dessert angekommen war, betonte Martin nochmals, dass er die Beziehung zwischen beiden begrüßt.

„Schön, dass du das so siehst Papa, Mike braucht dringend Geld. Sein Ex-Schwiegervater will sein eingezahltes Geld für die Wohnung zurück.“ Mona überfiel mit dieser Ansage förmlich ihren Vater.

„Ah, haben dich deine Eltern an der Stelle auch gesponsert?“

„Natürlich Thelma, ich kann mir doch als neunundzwanzigjähriger nicht eine solche Wohnung ohne Eigenkapital leisten.“ Und zu Mona gewandt: „Mona musste das sein, hättest du damit nicht noch warten können. Irgendwie …“

„Irgendwie schaffen wir es vielleicht, aber möchtest du tatsächlich ausziehen? Das ist doch eine tolle Wohnung und ich fühle mich hier richtig wohl.“

Dann schaute sie ihren Vater so unwiderstehlich an, dass er sich verlegen räusperte. Thelma legte auch noch mal nach: „Nun gib dir schon einen Ruck, komm, bitte. Das ist doch eine Leichtes für dich!“

„Bei so viel Fürsprache kann ich überhaupt nicht mehr nein sagen. Wie viel?“

„50.000 Euro.“ Mona war schnell. „Mike hat 100.000 Euro von seinen beiden Elternteilen bekommen, seine Eltern haben bis jetzt das Geld noch nicht zurückgefordert.“

Martin überlegte kurz, jetzt kam der Geschäftsmann durch. „Okay, was kostet die Wohnung so wie sie jetzt ist.“

„250.000“, sagte Mike. „Gut Mike, du bekommst 280.000 Euro für die Wohnung, aber ich bin der zukünftige Eigentümer. Ihr beide habt kostenloses Wohnrecht, solange ihr zusammen seid. Wenn ihr euch trennt, muss Mike raus. Ist das ein Angebot?“

Mike überlegte kurz. „Ja, das ist absolut okay.“

„Wunderbar, dann lass ich nächste Woche die Verträge vorbereiten und du teilst mir die Kontonummer dieser Anwälte mit. Die 50.000 überweise ich sofort.“

Das Essen schmeckte allen Beteiligten jetzt noch besser. Als man beim Digestiv angekommen war, ging Mike kurz hinaus und kehrte mit vier Eintrittskarten zurück. „Martin, Mona sagte mir, dass du ein Opernfan bist.“

„Ja das stimmt.“

„Ich hoffe, dass euch das gefallen wird. Ich habe hier vier Eintrittskarten für die Komische Oper. Der Freischütz von Weber wird am kommenden Freitagabend gespielt.“

„Oh Mona, seit wann magst du Oper?“ Martin stellte die Frage lachend. „Mike, was hast du mit meiner Tochter gemacht, die hat bis jetzt nur Buschmusik gehört!“

„Papa, du übertreibst maßlos, stimmt doch Mami, oder?“, verteidigte sich Mona. „Und warum soll ich nicht mit in die Oper gehen, wenn es mir nicht gefällt, werde ich euch das schon sagen. Ihr tut ja gerade so, als ob ich ein Kulturbanause bin!“

„Bist du nicht?“

„Nein, bin ich nicht!“

Thelma meinte daraufhin nur noch: „Ich kann mich nicht erinnern, dass du mit uns mal in die Oper gehen wolltest und dazu noch freiwillig.“

„Es kommt eben immer darauf an, wer fragt.“ Sie lächelte dabei Mike an. Am Ende des Besuches verabredeten sie sich im Foyer in der Komischen Oper am Freitagabend.

Der Opernbesuch

Am Freitag rief Mona Mike an, dass sie zur Oper mit ihren Eltern direkt fahren werde. Mike wartete bereits ungeduldig im Foyer. Eine Viertelstunde vor Beginn kamen sie dann endlich an. Mike war überwältigt, als er beide Frauen erblickte. Sie boten einen hinreißenden Anblick: Thelma trug ein kurzärmeliges schlichtes knöchellanges Abendkleid in kräftigem Altrosa mit etwas dunklerer Stola. Mona ein ebensolches, aber ärmelloses Abendkleid in ebenfalls kräftigem Altrosa mit weißen Applikationen, darüber eine weiße Stola. Ihre Haare hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr über die Schulter nach vorne fiel. Am oberen Anfang des Zopfes setzte eine rosafarbene Schärpe eine besondere Note. Eine rote glitzernde Kette von Swarowski umspielte ihren schlanken Hals und funkelte mit ihren Augen um die Wette. Mike begrüßte die drei Ankömmlinge.

„Ich muss den Damen ein Riesenkompliment machen, ihr seht beide wunderbar aus. Tolles Outfit, ganz fantastisch. Mona, darf ich neben dir gehen?“

„Nein, Mike du kommst in die Mitte von uns beiden“, legte Thelma kurz fest. Martin ging voraus. Zahlreiche Augen waren auf die drei gerichtet, als sie den Zuschauerraum betraten und ihre Plätze einnahmen. Nach der Vorstellung gingen alle noch in eine Bar. Martin war sehr neugierig und wollte unbedingt wissen, wie Mona die Oper gefallen hat.

Typisch Mona, Mike sah schon daran, wie Mona ihre Lippen spitzte, dass diese Antwort nicht ernst zu nehmen war. „Ja, Papa, war nicht schlecht, aber so ein richtiger Soul ist doch was anderes!“

„Ich habe es befürchtet. Mike, ich glaube das war das erste und letzte Mal eines Opernbesuches für Mona. Vielleicht war auch die Wahl nicht ganz glücklich, denn es 'wagnert' ja schon ganz heftig darin.“ Thelma schüttelte den Kopf und lächelte ihren Mann an. „Da kennst du deine Tochter aber schlecht, mein lieber Martin, schau sie doch einmal ganz genau an.“

Mike kam Martin zu Hilfe, wandte sich an Mona und fragte herausfordernd. „Bei der Wolfsschluchtszene hattest du aber so einen sinnlichen Ausdruck. Oder habe ich das falsch gesehen?“ Mona schaute Mike schmollend an. „Ich dachte du schaust auf die Bühne und nicht zu mir. Hast du denn von der Oper überhaupt was mitbekommen, hm? … Ja, okay Leute, ich geb es zu. Wie soll ich sagen, es war wunderbar und hat mir sehr gut gefallen. Mit Sicherheit nicht mein letzter Opernbesuch!“ Im Hochgefühl einen wunderbaren Abend erlebt zu haben gingen alle nach Hause.

„Und Mike, was machen wir jetzt? Es war so wunderschön!“

„Möchtest du etwas trinken?“

„Ein Gläschen Sekt wäre nicht schlecht. Ich habe ein bisschen Durst!“

„Dem kann abgeholfen werden.“ Mike holte Gläser und Getränk und setzte sich zu Mona auf das Sofa. Er legte seinen Arm um ihre Schulter „Mona, ich wollte es vorhin im Theater schon sagen. Du bist so schön, mir fällt nichts dazu ein.“

„Wenn das so ist“, sagte sie lächelnd, stand auf und baute sich vor ihm auf. Mike schaute sie fragend an. Sie löste ihren Zopf und ihre langen Haare fielen offen über ihre Schultern. Ganz langsam streifte sie erst den linken Träger ihres Kleides und dann den rechten herunter, dass ihr Kleid zu Boden rutschte. Mike musste schlucken, sie hatte keinen BH an. „Mona, mir fehlen die Worte.“

„Dann halt einfach den Mund.“ Und sie machte weiter, mit wippenden Hüften streifte sie ihren Slip ab.

Langsam kam sie lächelnd auf Mike zu, drückte ihn sanft rückwärts in das Sofa hinein, zog ihn langsam aus und begann ihn am ganzen Körper zu liebkosen. Mike schloss die Augen und genoss die Situation. Er spürte ihren Atem und öffnete die Augen. Mona war ihm ganz nah. Sie küssten sich wieder und wieder. Er zog sie vollkommen an sich, streichelte sie. Sie warf ihren Kopf zurück, dass die Haare wild durch die Luft wirbelten. „Mona, du machst mich noch wahnsinnig.“ Ein liebevoller Blick traf ihn.

Thelmas Geheimnis

Mike wusste, was er zu tun hatte. Er war fest entschlossen, Fakten zu schaffen. Beide verließen am Morgen die Wohnung. Mike hatte Kundentermine, Mona ging zur Schauspielschule. Bevor sie am Abend in die gemeinsame Wohnung zurückkehrte, besuchte sie noch kurz ihre Mutter. Eine SMS auf ihrem Handy beunruhigte sie.

Als sie ankam, nahm Thelma ihre Hand und zog sie in die Küche, anschließend verschloss sie die Tür. „Mami, was ist los? Du machst mir Angst!“

„Mona, hör mir zu, es ist wichtig, sehr wichtig. Du weißt, dass ich dir voll und ganz vertraue und ich muss eine Person hinzuziehen, auf die ich mich hundertprozentig verlassen kann, falls mir denn etwas zustoßen sollte!“

„Zustoßen? … Aber warum sprichst du nicht mit Papa?“

„Das geht nicht!“

„Warum denn nicht?“

„Weil dein Stiefbruder Kai eine kriminelle Tour vorhat, erstens will er mich und auch dich aus dem Weg haben und zweitens will er an das Geld deines Vaters. Noch weiß ich nicht viel, aber ich fahre heute noch in die Schweiz und soll dort einiges an Informationen bekommen. In zwei Tagen bin ich zurück. Und jetzt kommt dein Part. Wenn jemand nachfragt, wir zwei waren zusammen unterwegs, du solltest eine Rolle in einem Film bekommen und deswegen sind wir beide kurz zwei Tage weggefahren.“

„Aber Mami, ich kann doch nicht Papa anlügen; und was soll ich denn Mike sagen?“

„Mona, kein Wort zu beiden, das musst du mir versprechen, bitte!“ Mona zögerte, stimmte aber auf Drängen ihrer Mutter dann doch zu.

Mike kam mit Absicht früher nach Hause, er hatte Monas Lieblingsblumen, zwei Zweige Strelitzien mitgebracht. Mona war immer noch etwas durcheinander. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, da sie doch schweigen sollte. Mike würde bestimmt etwas merken. Als Mona in die Wohnung kam, begrüßte Mike sie überschwänglich, umarmte und küsste sie.

Er zog sie in das Berliner Zimmer und übersah in seinem Eifer Monas trauriges Gesicht. „Mike, was ist denn, hast du im Lotto gewonnen?“

„Nein, viel besser! Setz dich doch erst mal hin.“ Er überreichte ihr die Blumen.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Wofür sind die denn? Hast du was angestellt?“ Neugierig schaute sie ihn an und dachte für sich, was jetzt wohl kommt. „Mona, ich muss mit dir reden.“

Mike wurde plötzlich ernst, der Enthusiasmus war aus seinem Gesicht gewichen. Nicht noch so ein Ding wie heute Nachmittag. Doch Mike fuhr unbeirrt fort. „Mona, wie lange sind wir jetzt zusammen?“

„Fünf Wochen?“

„Stimmt genau. An einem Montag haben wir uns kennengelernt. Und wie lange kommt es dir gefühlt vor?“

„Länger, viel länger“ und ganz leise, „fast wie fünf Jahre, als würde ich dich schon ewig kennen.“

„Ja, Mona, mir geht es genauso. Ich habe mir aber so meine Gedanken gemacht: Wir sind doch recht unterschiedlich, nicht nur in der Hautfarbe, wir werden mit Sicherheit in Zukunft auch Streit miteinander haben und es wird nicht alles einfach und geradeaus laufen. Meine Familie hat mich verstoßen. Ich hatte mich für dich entschieden, damals …“

Mike schaute Mona direkt in die Augen, die sie weit aufgerissen hatte und ängstlich fragte: „Hatte, wieso hatte? Was … was willst du damit sagen?“

„Mona, ich habe mich nach kurzer und reiflicher Überlegung nun endgültig entschieden“,

oh Gott bitte nicht.

„… für Dich, ich habe keinen Augenblick bereut, bin mir tausendprozentig sicher und darum …“ Mike ging vor Mona mit einem Knie auf den Boden. Mona schlug die Hände vor den Mund.

„Mona, ich liebe dich mehr wie alles andere auf der Welt. Ich werde zu dir stehen in guten wie in schlechten Zeiten. Willst du meine Frau werden?“ Mona zögerte, ihr ging das Gespräch mit ihrer Mutter durch den Kopf. Sie wusste, Mike kann sie vertrauen, nein, sie muss ihm vertrauen. Alles andere wäre ein Bruch.

„Mona?“ Mike wurde nervös, als sie nicht reagierte. Die Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Du musst ihm vertrauen. Er macht dir gerade einen Heiratsantrag. „Ja, Mike, von ganzem Herzen!“

Mike sprang auf, sie küssten sich. „Hier habe ich noch etwas für dich.“ Und zog ein kleines Schmuckkästchen mit zwei Ringen heraus. Den kleineren steckte er Mona an. „Die sind aus Silber und nur für den Übergang gedacht. Wenn wir heiraten, suchen wir die Ringe zusammen aus. Zur Feier des Tages habe ich für uns schon einen Tisch bei Hartmanns bestellt!“

„Was hättest du getan, wenn ich nein gesagt hätte.“

„Daran wage ich jetzt nicht zu denken. Ich hatte keinen 'Plan B'. Ich hoffe, ich habe dir gerade nicht zu viel Angst gemacht.“

„Einen Augenblick dachte ich, das war’s. Nein, schon verziehen, alles in Ordnung. Dann lass uns gehen, ich habe dir sehr viel zu erzählen!“, sagte sie geheimnisvoll.

Beim Essen erzählte Mona von ihrem Gespräch mit ihrer Mutter. „Hoffentlich unternimmt sie keine unbedachten Schritte, ich habe ein bisschen Angst um sie. Mir kommt das alles so unwirklich vor. Was will sie ausgerechnet in der Schweiz. Außerdem hat sie mich verpflichtet zu niemandem darüber zu sprechen, auch mit dir nicht!“

„Dann hast du ja gerade Wortbruch begangen. Danke, dass du mich trotzdem mit einbeziehst. Ich denke, das ist sehr wichtig. Du weißt, ich helfe dir und ich verspreche dir auch, dass ich ohne dein Wissen es niemandem weitersagen werde. Ist schon alles etwas seltsam! Wenn das mit Kai stimmt, dann ist deine Mutter in großer Gefahr.“ Sie diskutierten noch lange weiter, kamen dann aber zu dem Ergebnis, abzuwarten, bis Thelma zurück ist.

Die nächsten Wochen verliefen ruhig ohne besondere Vorkommnisse. Thelma ließ nichts verlauten, auch nicht zu ihrer Tochter. Sie ließ sich nichts anmerken, vielleicht war sie etwas verschlossener und einsilbiger. In der Woche nach ihrer Verlobung rief Mike seine Eltern an und teilte ihnen diese mit.

Auch Melanie, die Schwester, wurde informiert. Die Reaktionen der beiden hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können. Melanie freute sich, gratulierte und wollte wissen, wann gefeiert wird. In diesem Zusammenhang erzählte sie Mike von ihrem Auftritt in Lorch und ihrer Drohung. Mike war überrascht, bedankte sich bei ihr und hatte wieder einen Funken Hoffnung. Noch löste diese Mitteilung bei seinen Eltern gelinde formuliert Unverständnis aus. Uwe nahm die Mitteilung ohne Kommentar zur Kenntnis und Christiane redete Mike in das Gewissen, es sich noch einmal zu überlegen, worauf Mike nur kurz meinte, sie könnten es akzeptieren oder bleiben lassen. Die Hochzeit werde auf jeden Fall stattfinden.

Hier aber irrte Mike, denn es sollte anders kommen, wie er es sich in seinen kühnsten Gedanken nicht vorstellen konnte.

KAPITEL 2 - VERGANGENHEIT
Eine verhängnisvolle Anschuldigung

Zwei Wochen nach diesen Ereignissen waren Mike und Mona bei den Röslers am Sonntag zum Mittagessen eingeladen. Thelma hatte afrikanisch gekocht. Es war ein warmer, sonniger Tag, das erste Grün zeigte sich in den Bäumen am See. Im Windschatten konnte man bereits auf der Terrasse sitzen.

Die Villa selbst war eingeschossig mit einem runden Pavillon in der Mitte. Die Terrasse nahm die gleiche geschwungene Linie auf, die schon die neobarocke Fassade zeigte. Sie lag allerdings ungefähr zwanzig Meter oberhalb des Sees. Über eine steinerne gewundene Treppe konnte man zum See hinabsteigen. Die nächsten Grundstücke, ebenfalls mit Villen aus dem 19.Jahrhundert, lagen in größerer Entfernung.

Im Erdgeschoss befanden sich die Wohnräume, die noch die Originaltäfelung aus der Erbauungszeit besaßen. Der schönste Raum war das sogenannte Kaminzimmer oder Bibliothek im westlichen Flügel der Villa mit großen verglasten Bücherschränken an allen Wänden und einem dominierenden Kamin an der westlichen Seite. Vier Meter hohe vielfach unterteilte Sprossenfenster wiesen auf die Terrasse. Die weiteren Räume waren, neben dem Kaminzimmer das Wohnzimmer und das sogenannte Herrenzimmer, ein kleiner Salon mit Billardtisch, Clubsesseln, Bar und einem Tischfußballspiel. Etwas abgesetzt lag der Salon oder Speisesaal, der wie ein Anbau wirkte und dessen Fundamente bis zum See reichten. In diesem Raum stand der Esstisch, an dem bei Bedarf bis zu zwanzig Personen Platz fanden.

Heute war der Tisch allerdings nur für sechs Personen gedeckt. Ein riesiger venezianischer Kristallleuchter hing im Zentrum der Decke. Vor dem Speisesaal lag die hochmodern eingerichtete Küche. Zentrum der Villa war das ovale Foyer mit Granitwänden im Schinkelschen Stil. Jenseits des Foyers Richtung Osten schlossen sich Schlafräume, Kinderzimmer und drei Bäder an. Das Dachgeschoss war nur in Teilen ausgebaut. Es enthielt Gästezimmer und Bäder.

Kurz vor dem Mittagessen standen alle auf der Terrasse beim Aperitif. Martin hatte Mike auf die Seite genommen, um mit ihm über seinen Beruf zu sprechen. „Mike, was ich dich schon immer fragen wollte, du arbeitest doch, oder?“

„Ja, natürlich. Ich bin, wie man so schön sagt ‚Vertriebler‘, also Verkäufer für Dienstleistungen.“

Martin war überrascht, „Verkäufer? Gefällt dir dein Job?“

„Ja, schon. Meine Eltern wollten mich damals, nach Abschluss der Hochschule ins Bankenfach drängen. Zuerst war ich bei der Landesbank Stuttgart. Habe auch gut verdient. Es hat mir aber nicht gefallen. Weißt du, ich brauche Kommunikation, Menschen. Nur Zahlen entscheiden zu lassen, ist nicht mein Ding. Natürlich geht es noch besser, ich fühle mich aber ganz wohl.“

Martin bohrte nach, Mike begann ihn zu interessieren. „Bist du erfolgreich in deinem Job?“

„Da solltest du meinen Chef fragen. Na ja, hier in Berlin gehöre ich schon zum Stamm. Über sich selbst zu urteilen, ist immer ein bisschen schwierig. Ich könnte mit Sicherheit noch besser sein.“

„Wie viel Leute seid ihr in Berlin im Vertrieb? Versteh mich bitte nicht falsch, aber die Fragen haben durchaus ihren Sinn.“

„Wir sind im Moment knapp unter dreißig für den Raum Berlin und Brandenburg.“

„Was für eine Ausbildung hast du denn?“ Mike lächelte verlegen. „Es wird dir nicht gefallen, nur den Bachelor in Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft. Zum Master hat’s nicht mehr gereicht. Den Bankkaufmann hab ich auch noch.“

Martin fasste Mike freundschaftlich auf die Schulter. „Da täuscht du dich aber, ich wäre froh, wenn mein ältester …, lassen wir das lieber.“ Martin räusperte sich. „Was hältst du davon, in meiner Firma anzufangen, zuständig für den Verkauf und bei Erfolg zusätzlich als mein Stellvertreter.“

„Ist das dein Ernst?“

„Über solche Dinge scherzt man nicht, ich meine es ernst!“

„Das kommt überraschend, ich muss mir das erst noch überlegen …“

In diesem Moment stellte sich Mona an die Balustrade der Terrasse und schlug an ihr Glas, dass es hell erklang. „Ich bitte um eure ungeteilte Aufmerksamkeit. Hallo, auch du Kevin. … Danke! Mike, kommst du bitte zu mir?“, was Mike auch sofort tat.

„Wir haben Euch etwas mitzuteilen.“ Mike rückte dicht an Mona und legte seinen Arm um ihre Hüfte. „Wir haben uns verlobt und wollen noch dieses Jahr heiraten.“ Thelma umarmte ihre Tochter und auch Mike.

Leise flüsterte sie ihm ins Ohr. „Mach sie glücklich, ich verlasse mich auf dich.“ Martin war hellauf begeistert, schränkte jedoch ein, zumindest versuchte er den Eindruck zu erwecken.

„Was sind das bloß für Zeiten, früher wurden die Väter …“ Weiter kam er jedoch nicht. Mike hatte sich schnell von Mona gelöst und ließ sie verdutzt stehen. Er ging direkt auf Martin zu, während dieser noch seine persönliche 'Kränkung' kundtun wollte.

Martin verstummte, als Mike vor ihm stehenblieb und sich verneigte. „Herr Rösler, ich möchte ganz offiziell und mit Ehrerbietung um die Hand Ihrer Tochter Mona anhalten. Bitte gewähren Sie mir diese Ehre?“ Mike hatte sich immer noch verneigt und zeigte eine ernste Miene. Mona stand die Überraschung im Gesicht, sie brachte keinen Ton heraus. Mit großen Augen blickte sie zu ihrer Mutter. Thelma sah sie lächelnd an und nickte. Und Martin, er strahlte über das ganze Gesicht und spielte mit.

So ging er zu Mona, nahm ihre Hand und führte seine Tochter zu Mike. Dann legte er ihre Hand in seine. „Werdet glücklich miteinander, meinen Segen habt ihr.“

„Und meinen! Lieber Mike, das war gelungen, vielen Dank.“ Thelma gab Mike einen Kuss auf die Wange.

Denise verfolgte neugierig das Schauspiel. Auch sie gratulierte Mona und Mike und dachte für sich: Da hat sich Mona wirklich was Besonderes geangelt. So wünsche ich mir das auch einmal.

„Du musst dich bei deinem Vater und deiner Mutter bedanken“, flüsterte Mike Mona zu. Mona hatte nun aber kein bisschen Lust, hier weiter zu spielen.

„Mike, ich denke du hast alle überrascht. Ich frage mich gerade, ob du nicht die Reihenfolge vertauscht hast, hm? Dann war unsere Verlobung zuvor gar nicht gültig und du hast mir das bewusst verschwiegen. Mike, so was macht man nicht mit seiner Angebeteten, ich erwarte deine Entschuldigung!“ Sie verschränkte die Arme und blickte ihn mit 'Verachtung' an.

Thelma musste lachen. „Ja, Mike. So ist das, wenn man mit dem Feuer, besser mit meiner Tochter spielt.“ Mike wollte gerade ansetzen, als Denise dazwischen platzte.

„He! Mona, Mike. Merkt ihr noch was? Ihr habt so schön angefangen und jetzt macht ihr so ein Kasperles Theater der untersten Schublade daraus. Echt krass. Ihr seid schlimmer als Kevin.“ Kevin protestierte kurz.

Mike schreckte auf. „Denise, … ähm ja, da hast du Recht. Mona, Thelma, Martin. Entschuldigt bitte. Natürlich meine ich es ernst mit Mona. Mona bitte, natürlich war unsere Verlobung echt und rechtens! Ich wollte nur die Tradition wahren.“ Sie wollte zu einer Antwort ansetzen, als Denise sie unvermittelt sehr energisch unterbrach.

„Mona, treib es nicht auf die Spitze. Du machst sonst alles kaputt!“ Mona blickte ungehalten zu Denise. „Was mischt du dich da ein. Ich …“

Wieder unterbrach sie Denise. „Ich kenne dich schon ein paar Jahre und ich weiß, was bei dir hier oben gerade abgeht.“ Sie tippte dabei an ihre Stirn. „Halt dich einmal zurück, auch wenn’s schwerfällt. Bitte! Mike, deine Ansprache fand ich sehr schön.“

Jetzt griff auch Thelma ein. „Mona, strafe nicht deinen Verlobten für eine Handlung, die es leider heute viel zu selten gibt. Mike, das hast du sehr gut gemacht.“ Mona schaute empört in die Runde, sie war keinesfalls gewillt klein beizugeben.

Bevor sie jedoch loslegen konnte, ergriff Mike die Initiative und nahm ihre linke Hand. „Mona, das ist u n s e r Tag heute. Wir sollten uns darüber freuen. Deine Eltern haben uns beiden ihren Segen gegeben. Das ist doch wunderbar. Von meinen Eltern haben wir keinen bekommen.“

Mona neigte leicht ihren Kopf. Sie lächelte, ihre Augen glänzten. „Hast ja Recht.“ Martin erhob sein Glas. „Sind jetzt alle zufrieden? Dann lasst uns auf das Verlobungspaar anstoßen.“

Thelma verschwand wortlos und kehrte nach einer Viertelstunde in einem traditionellen afrikanischen Kleid zurück. Es war ein einfaches dunkelbraunes Leinenkleid mit dreiviertellangem Ärmel. Darüber hatte sie ein breites hellblaues Tuch wie einen Schal gelegt, der sich vor ihrer Brust kreuzte. „Es ist aufgetragen, kommt bitte alle zum Essen herein!“ Während sie beim Essen saßen, klingelte es an der Tür.

Kevin öffnete und herein traten Kai, Monas Stiefbruder, und ein weiterer Mann, der aber kaum älter war als er selbst. Beide trugen dunkle Anzüge mit grellen Krawatten, was die Seriosität sehr beeinträchtigte. Kai selbst war 1,85m groß und hatte lange glatte dunkelblonde Haare, die ihm im Nacken bis zur Schulter reichten. Seine graublauen Augen strahlten eine gewisse Kälte aus. Arrogant traten er und sein Begleiter auf.

„Da kommen wir ja gerade richtig, gibt es hier etwas zu feiern?“ Kai blickte verächtlich auf das Essen. „Oh, pfui Daibel, afrikanischer Fraß. Ist was für Tiere!“ Martin stand auf und reagierte gereizt. „Ich wüsste nicht, dass wir dich eingeladen haben. Du bist hier nicht willkommen!“

„Ist mir bekannt, aber du bist mein Vater und ich werde dich jetzt vor dieser Brut hier retten!“ Er deutete auf Thelma und Mona. Dann wandte er sich Mike zu. „Wer bist du denn, der Neue von Mona? Wie kann man sich bloß mit einer Niggerin einlassen!“

Mona sprang auf, doch Mike hielt sie zurück. „Der macht unsere Feier kaputt, das lasse ich mir nicht bieten!“ Mike erhob sich von seinem Stuhl und trat dicht vor Kai. Beide fixierten sich.

„Es ist mir nicht bewusst, dass wir ein Bier miteinander getrunken und auf das 'du' angestoßen haben. So was mache ich nur mit sympathischen Zeitgenossen und dazu zählen Sie mit Sicherheit nicht! Und übrigens, Mona ist im Gegenteil zu Ihnen eine gebildete wohl erzogene junge Frau, die ich heiraten werde. Gute Umgangsformen sind Ihnen wohl unbekannt.“

Mike legte seine Stirn in Falten und ballte die Fäuste. „Und eine Niggerin sehe ich hier nirgends, höchstens einen Rassisten der untersten Schublade. Noch mal so eine Bemerkung und es hat Folgen.“ Mike packte Kai am Kragen. „Entschuldige dich bei Mona und zwar auf der Stelle.“

Kai schüttelte sich verächtlich und ließ Mike wie einen dummen Jungen stehen. Er wandte sich von Mike ab. „Du interessierst mich einen Dreck. Nun zu dir Vater! Ich habe hier Beweise.“ Kai zeigte dabei auf die Tasche seines Begleiters, „dass deine ach so geliebte Thelma dich betrügt, ein großes Vermögen unterschlagen hat und mit einem Afrikaner schon seit Jahren verheiratet ist!“ Alle waren entsetzt aufgrund dieser Behauptungen.

Thelma aber senkte den Kopf und sagte kein Wort. „Mami, sag was!“

„Thelma, Liebes, was ist los?“ Alle redeten durcheinander. Martin legte seinen Arm schützend um Thelma.

Mike hatte sich als erster von dieser Ansage erholt und ging wieder auf Kai zu. Er war fast zehn Zentimeter kleiner gegenüber diesem. „Zeig mir deine Beweise und zwar pronto!“ Kai stand wie ein Triumphator in der Mitte des Raumes. „Mein Anwalt, Herr Acis hat alle Beweise dabei!“

„So, so, Anwalt, hm?“ Und an den zweiten jungen Mann gewandt: „Können Sie sich ausweisen?“

„Selbstverständlich, hier ist meine Visitenkarte!“

„Visitenkarte, so was kann sich heute jeder selbst drucken. Ich möchte Ihren Personalausweis, Namen und Adresse Ihrer Kanzlei sehen.“ Martin ließ Thelma los und kam Mike zu Hilfe.

„Hier auf der Visitenkarte stehen Namen und Kanzlei, Sie können gerne im Internet nachschauen. Sie werden die Bestätigung finden.“

„Da bin ich mir sicher, deswegen will ich ihren Ausweis sehen, ob sie tatsächlich die hier angegebene Person sind.“

„Fassen Sie mich nicht an, ich bin nicht verpflichtet, mich hier auszuweisen!“, wehrte sich Kais Begleiter.

Kai wurde laut. „Vater, frag doch deine Frau mal, was sie vor zwei Wochen in der Schweiz gemacht hat. Du wirst sehen, sie lügt! … Und deine so tolle Tochter Mona hat alles gewusst. Die beiden haben hunderttausende Euro auf die Seite geschafft, dein Geld! Denen glaubst du natürlich.“

Mike war außer sich, unterbrach Kai und packte ihn an der Krawatte. „Woher bist du denn so genau informiert über Höhe und ob überhaupt Geld unterschlagen wurde. Du kannst da nur Bescheid wissen, wenn du selbst mit dahintersteckst. Keine Bank würde dir Auskünfte erteilen!“

„Kai macht doch mit Mami keine gemeinsame Sache, niemals“, warf Mona ein. „Das sehe ich auch so.“ Martin beobachte fassungslos die gesamte Szenerie.

Seine Frau Thelma saß mit gesenktem Kopf und Tränen in den Augen auf einem Stuhl. Mike und Mona hatten sich mit Kevin und Denise vor Kai aufgebaut, während sein Begleiter schon in der Tür stand, um schnell das Weite suchen zu können.

„Schluss jetzt. Ich will wissen, was hier los ist.“ Und zum sogenannten Rechtsanwalt gewandt: „Sie verlassen augenblicklich das Haus und du Kai bleibst hier, das ist eine Familienangelegenheit.“ Martin ging zu Thelma und setzte sich neben sie. „Thelma, ist da was Wahres dran?“ Thelma schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht verheiratet mit einem Afrikaner, das ist eine dreiste Lüge.“ Dann fing sie an zu schluchzen und schwieg. „Mama, bitte sag was!“, bettelte Denise. Aber Thelma schwieg weiter, Tränen rannen über ihre Wangen.

„Mami, wenn du nicht redest, tu ich es. Mike ist sowieso informiert.“ Thelma schreckte hoch. „Mona, warum hast du das getan, du hast es mir versprochen …“, wimmerte Thelma leise. „Ja, aber ich vertraue Mike und es geht doch jetzt um dich. Wir halten doch alle zu dir, bitte sag endlich was.“

Thelmas Stimme überschlug sich, sie schrie auf. „Lasst mich alle in Ruhe, ich kann und darf nichts sagen und dir Mona, sag ich in Zukunft auch nichts mehr, du hast mich schamlos verraten!“ Sie stand auf, riss sich von Martin los und rannte aus dem Zimmer.

Aufgewühlt und geschockt suchte Mona Schutz bei Mike. Martin verstand die Welt nicht mehr, Kai grinste triumphierend. Als Mike dies sah, ging er auf Kai los und verabreichte ihm einen so heftigen Fausthieb, dass seine Knöchel schmerzten. Kai ging zu Boden, seine Nase blutete. Er rappelte sich aber schnell wieder auf und hielt sich seine Nase. „Du hast mir die Nase gebrochen“, heulte Kai und wollte sich auf Mike stürzen. Kevin und Martin konnten die beiden Kampfhähne gerade noch auseinanderbringen.

Mona saß zusammengesunken auf einem Stuhl. Und Martin befahl: „Alle setzen sich jetzt bitte an diesen Tisch, Denise hol bitte ein Taschentuch für Kai. Keine Gewalt mehr, haben wir uns verstanden! So, Mona du bist jetzt wohl außer Kai die einzige, die hier etwas Licht in die Angelegenheit bringen kann.“ Martin war ganz der Geschäftsmann.

„Ich weiß nicht viel, Mami hat mir nur gesagt, dass Kai eine große Schweinerei vorhat, um sie und mich endlich von dir zu trennen und dass es auch um dein Geld geht, das er sich anscheinend unter den Nagel reißen will. In der Schweiz sollte sie Informationen dazu erhalten. Das ist alles! Sie ist dann auch die zwei Tage in die Schweiz gefahren. Was dabei herausgekommen ist, weiß ich nicht.“

„Das ist alles?“, Mona nickte stumm. Mike stand jetzt direkt hinter ihr. Er bestätigte nochmals Monas Angaben.

„Gut, Kai, jetzt du … ich warte!“ Kai hielt sich immer noch die Nase. „Ich hab keine Ahnung, was sie da redet. Sie will sich doch nur rechtfertigen. Thelmas Abgang beweist doch alles. Ich habe stichfestes Beweismaterial. Ich stelle dir das aber gerne zur Verfügung.“ Martin versteinerte fast. „Das will ich jetzt genau wissen!“ Der Tag endete in einer Art und Weise, womit keiner rechnen konnte.

Die Farben der Sonne

Mona wollte ihre Mutter nochmals sehen, die hatte sich aber eingeschlossen. Sie versuchte es anschließend noch bei ihrem Vater. Er wollte sich jedoch zuerst Klarheit verschaffen, insbesondere nachdem Thelma auch ihn nicht zu sich ließ.

So verließen Mike und Mona traurig und verunsichert die Villa. Der schöne warme Frühlingstag ging langsam zur Neige. Schon jetzt war abzusehen, dass es einen wunderbaren Sonnenuntergang geben würde. Während der Heimfahrt nach Friedrichshain fing Mona an zu weinen. „Sie hat mich als Verräterin bezeichnet, meine eigene Mutter. Das macht mich total fertig. So habe ich mir diesen Tag nicht vorgestellt. Alles ist kaputt!“

Mike tröstete sie. „Gar nichts ist kaputt. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Siehst du Mona, zuerst ich und jetzt du. Das ist wohl vom Schicksal so bestimmt. Aber wir beide halten zusammen und wir schaffen das.“

„Meinst du?“

„Ja, sicher!“

„Ich weiß nicht.“ Mona war einfach nur traurig. „Mona, ich habe eine Idee, wir fahren jetzt zur Modersohnbrücke. Schließlich wollten wir heute unsere Verlobung feiern. So haben wir wenigstens einen würdigen Abschluss. Ich glaube, dass es sich heute besonders lohnt.“ Was denn?“

„Lass dich überraschen.“

Als sie dort ankamen, waren sie nicht die einzigen. Mindestens hundert Menschen hatten sich zum Schauspiel ‘Sonnenuntergang’ versammelt. Die Brücke ist berühmt für ihre Sonnenuntergänge. Sie liegt im Stadtbezirk Friedrichshain.

Beide suchten sich ein freies Plätzchen am Geländer. „Mike, ich weiß nicht, was mit meiner Mutter los ist. Irgendetwas stimmt nicht. Was glaubst du denn?“

„Oh, Mona, wenn ich das wüsste. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie was Böses getan hat. Ich habe sie bei Kais Auftritt heute von Anfang an beobachtet. In ihren Augen stand meiner Meinung nach die pure Angst. Ich glaube, sie versucht uns zu schützen! Dein Stiefbruder ist in meinen Augen ein ganz großes A…Punkt, Punkt, Punkt.“

„Ja, du hast Recht, meine Mutter sagte noch, dass sie mit dem Schlimmsten rechnet. Und das wir es noch nicht verstehen würden. Vielleicht war das heute der Anfang?“

„Ich weiß es nicht, Mona. Ich verspreche dir aber heute und hier, dass ich deiner Mutter helfen werde, soweit es eben in meiner Macht steht.“

„Danke Mike, lass uns weiterhin so zusammenhalten. Ich liebe dich!“

„Ich liebe dich auch, Mona. Mehr als alles andere auf der Welt“ Sie küssten sich und die Welt wie die vielen Menschen um sie herum verschwanden einfach.

Als sie beide voneinander ließen, stand die Sonne im Westen wie ein orangeroter Ball über der Silhouette von Berlin. Die Bahngleise unter ihnen schimmerten um die Wette in orange, rot, pink und lila. Der Himmel leuchtete von hellgelb bis dunkelrosa. Alles tauchte in ein wunderbares warmes Licht.

Rückhalt für Thelma

An einem Dienstag um die Mittagszeit. Mike war zu Hause und hatte seinen Bürotag. Weder von Martin oder Thelma hatten sie zwischenzeitlich gehört. Die Telefonanrufe liefen alle ins Leere. Mike fiel es schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Da klingelte es an der Haustür. Wieder Werbung, dachte Mike bei sich und reagierte nicht. Es klingelte ein zweites und drittes Mal, diesmal nur heftiger und länger. Mike ging zum Türöffner, keine Antwort.

Er wollte sich gerade wieder schimpfend in sein Arbeitszimmer begeben, als es an der Wohnungstür klingelte. Mike schaute durch den Spion und traute seinen Augen nicht, Thelma stand vor der Tür. Er öffnete und war im ersten Moment schockiert.

Sie stand gesenkten Hauptes mit verheulten Augen da, inmitten von zwei großen Koffern und einer riesigen Reisetasche. „Thelma? Was ist passiert? Komm rein!“ Er stand vor ihr, wollte sie in den Arm nehmen, zögerte aber dabei. „Hallo Mike, danke dass du mich einlässt.“ Thelma trat ein, Mike beeilte sich das Gepäck hineinzutragen.

Nachdem er alles abgestellt hatte, drehte er sich zu ihr hin und umarmte sie spontan. „Thelma?“ Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und er drückte sie fest an sich. „Warum sollte ich das nicht tun?“

„Ich überfalle dich hier ohne Vorwarnung mit Koffern, das ist doch wohl eher abschreckend.“

„Nie und nimmer, du bist bei mir immer willkommen. Sollte ich das noch nicht ausdrücklich gesagt haben, so tue ich das heute.“ Thelma sagte kein Wort und folgte Mike.

Er führte sie in das große Eckzimmer, bot ihr auch etwas zu trinken an. „Ähm, Entschuldigung, Thelma das ich frage, kommst du von zuhause?“

„Nein, ich war bis heute Morgen im Hotel, habe aber jetzt kein Geld mehr und muss mir das erst wieder besorgen.“

Mike war bestürzt. „Wie lange warst du denn schon im Hotel, warum hast du nicht angerufen? Wir haben uns schon Sorgen gemacht, weil wir die ganze Zeit nichts von dir gehört haben.“

„Ja, ich weiß, aber ich habe mich so geschämt. Ich habe euch alle hintergangen und den Zeitpunkt, mit euch zu sprechen, verpasst. Ich dachte, ihr seid wütend auf mich.“

„Wie kommst du denn darauf. Hat dir das irgendjemand so gesagt?“ Thelma schüttelte den Kopf. „Fast drei Wochen war ich im Hotel, habe niemanden von der Familie gesprochen, geschweige denn gesehen, ich vermisse meine Kinder.“

„Drei Wochen? Mach das nie wieder, hörst du! Mona und ich lassen dich nicht im Stich. Möchtest du gleich reden oder warten, bis Mona zurückkommt?“

„Warten wir auf Mona, kann ich mich bitte etwas hinlegen?“

„Natürlich, du bleibst auf jeden Fall jetzt bei uns und keine Widerrede. Ich richte dir unser Gästebett.“

„Danke Mike.“ Mit Tränen in den Augen umarmte sie ihn.

Während sie sich hinlegte, telefonierte Mike mit Mona. Knapp eine Stunde später war sie zuhause. Sie stürmte an Mike vorbei. „Wo ist sie?“

„Im Gästezimmer, sie schläft.“

„Ah, gut, entschuldige bitte, dass ich dich nicht begrüßt habe, aber dein Anruf hat mich total konfus gemacht.“ Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss. „Erzähl!“ Nach wenigen Minuten war alles berichtet.

„Danke, Mike. Ist es dir wirklich recht, wenn sie bei uns bleibt?“ Mike nickte. „Was dachtest du denn? Ich habe deine Mutter vom ersten Augenblick an gemocht.“ Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und schaute ihr lange tief in die Augen, ehe er ihr einen Kuss gab.

„Danke, Mike, genau dafür liebe ich dich.“

„Nur dafür?“

„Du weißt ganz genau, wie ich das meine, hm?“ Als Thelma aus dem Gästezimmer kam, begrüßte sie ihre Tochter überschwänglich. Mona bedrängte sie, endlich zu erzählen, was passiert war.

Eine unglaubliche Geschichte

Es war ein kühler Abend. Mike machte im Kamin Feuer. Vor dem Kamin hatte er eine kleine gemütliche Sitzgruppe mit einem Zweisitzer und zwei Herrensesseln um einen runden Glastisch aufgebaut. Hier nahmen sie Platz. Dazu servierte er einen italienischen Rotwein.

„Sehr schön habt ihr es hier. Das ist genau die richtige Atmosphäre für das, was ich euch zu erzählen habe. Es wird ein langer Abend werden, ihr sollt alles erfahren. Denn Mona, eines weiß ich sicher, ich möchte dich nicht verlieren. Es tut mir auch sehr leid, dass ich dich als Verräterin beschimpft habe, kannst du mir verzeihen?“

„Ach Mami, ist schon längst passiert.“

„Du bist das einzige, was ich noch habe. … Mike, du gehörst natürlich mit dazu!“ Mike und Mona nahmen Platz auf dem Zweisitzer. Mike hatte Monas rechte Hand fest umschlossen. „Okay, zuerst die letzten drei Wochen.“

Thelma fing an zu erzählen: „Nachdem ihr fort wart, wollte Martin mich natürlich zur Rede stellen. Ich hatte mich aber eingeschlossen und ihn nicht zu mir gelassen. Das war mein größter Fehler! Martin ging aus dem Haus und hat sich drei Tage nicht sehen lassen.

Dann kam er mit Kai, einem richtigen Anwalt“, ihre Stimme stockte, tief atmete sie durch, „… und seiner Ex, Gabriele, zurück. Sie konfrontierten mich mit vielen Papieren. Kaum hatte ich eines in die Hand genommen, um es zu lesen, hat man mir es wieder abgenommen. Das sei Beweismaterial für die anstehende Gerichtsverhandlung. Martin hat mich angezeigt wegen Veruntreuung und Unterschlagung. Ich hatte keinerlei Möglichkeit, mich zu rechtfertigen, geschweige denn zu verteidigen.“

„Martin hat seine geschiedene Frau gleich mitgebracht, das ist starker Tobak!“, stellte Mike mit grimmigem Unterton fest. „Wohnt die jetzt etwa in der Villa?“ Thelma nickte.

„Was waren das denn nun für Beweise?“, Mona wollte sich Klarheit verschaffen.

„In meinen Augen gefälschte Papiere. Das ging schon los mit der sogenannten Heiratsurkunde. Es ist richtig, sie trug einen Stempel aus Swakopmund und war unterschrieben. Aber wie leicht kann man solche Urkunden fälschen und geprüft auf die Echtheit hat das Papier bis jetzt niemand. Außerdem soll die Urkunde 25 Jahre alt sein, fühlte sich aber ziemlich neu an. Ich soll also mit 17 verheiratet gewesen sein mit einem Thamba Kumukele. Ich kenne diesen Thamba, aber dazu später.

Ich habe tatsächlich Geld, viel Geld. Seit unserer Heirat damals vor 24 Jahren habe ich ab dem vierten Jahr, jetzt also seit 20 Jahren, jeden Monat Geld auf ein Schweizer Konto überwiesen für den Fall der Fälle. Am Anfang 500 DM, zuletzt dann fast 1500 Euro. Durch diese Regelmäßigkeit ist das auch niemandem aufgefallen. Dein Vater hat mir, nachdem er gut verdiente, monatlich 2800 DM Haushaltsgeld gezahlt. Ich durfte davon für mich persönlich so viel nehmen, wie ich wollte. Es musste nur für die Familie und die Gäste reichen. Zuletzt waren es 3500 Euro. Inzwischen sind daraus 350.000 Euro geworden. Ich habe aber noch ein zweites Konto mit über 650.000 Euro Kapital und das haben sie gefunden, Kai und seine Kumpane.“

„Wow, uns sitzt eine Millionärin gegenüber, wer hätte das gedacht. Ich dachte, du hattest kein Geld mehr um das Hotel zu bezahlen?“ Für Mike passte das nicht zusammen. „Das ist auch richtig, ich muss an die Konten erst mal ran kommen. Sie überwachen und verfolgen mich, um genau das zu verhindern.“

„Wo kommen denn die zweiten 600.000 her?“, wollte Mona wissen.

„Das, mein Kind, habe ich deinem Vater tatsächlich vor zehn Jahren gestohlen. Damals hat er mich mit einer anderen Frau betrogen und wollte mich verlassen. Wir haben uns zwar wieder zusammengerauft und auch versöhnt, ich wusste aber, dass ich niemals wieder mittellos dastehen wollte. Von euch Kindern hat das niemand mitbekommen, du warst 14 Jahre alt, Denise und Kevin 12 und 7. Darum habe ich damals von dem Verkauf einer Hotelkette 450.000 Euro abgezweigt, es sollte auch für euch sein. Es hat keiner gemerkt, die Verkaufssumme betrug 500 Millionen Dollar. Ich habe das Vertrauen von Martin durch mein Verhalten verloren und ich kann ihn verstehen. Er hat mich aus dem Haus geworfen und mir jeden Umgang mit Kevin und Denise verboten!“

Mona war bestürzt. „Papa hat dich betrogen? Und wie lange ging das?“

„Ungefähr ein Jahr. Mich wundert heute noch, dass er zu mir zurückkam, denn sie muss sehr attraktiv gewesen sein und auch noch jünger als ich. Außerdem war sie eine Weiße.“ Mona war aufgewühlt, „was ist dann passiert?“

Thelma lächelte. „Er kam reumütig zu mir zurück, schwor mir seine Treue und beteuerte mir seine Liebe. Seitdem gab es auch nicht mehr den kleinsten Ausrutscher.“

„Jetzt versteh ich, warum mich Papa vor einer Woche angerufen und so komisch hinterfragt hat. Und jetzt?“

Mike griff in die Unterhaltung ein. „Hier bist du sicher und wir beide werden auch niemandem das auf die Nase binden. Du solltest dich beim Verlassen des Hauses vergewissern, dass dir niemand folgt.“

„Die Wohnung gehört doch jetzt meinem Vater, und wenn er uns nun zwingt hier auszuziehen?“, fragte Mona sorgenvoll. Mike grinste breit. „Da wird er Pech haben, ich habe den Kaufvertrag schon zwei Tage nach der Bekanntgabe unserer Verlobung an besagtem Tag widerrufen. Er kann zwar jetzt seine 50.000 Euro zurückverlangen, mehr Geld ist noch nicht geflossen. Mir geht es da wie deiner Mutter, ich lasse mich nur ungern vertreiben und mittellos wollte auch ich nicht sein. Wobei ich nicht weiß, wo wir jetzt das fehlende Geld hernehmen sollen.“

„Das Geld bekommt ihr von mir, ihr werdet die Wohnung nicht verlieren.“

Thelma legte eine kurze Pause ein. „Mona, Liebes. Ich werde dir und Mike jetzt meine Lebensgeschichte erzählen. Ihr seid die ersten Menschen, die sie zu hören bekommen. Niemand weiß darüber Bescheid. Nicht einmal Martin. Bisher habe ich mich zu sehr geschämt, darüber zu reden, denn wer will schon eine Prostituierte als Mutter haben.“ Thelma unterbrach an dieser Stelle und blickte Mona und Mike fragend an.

Als alles begann

Mona war erschüttert. „Mami …?“ Mike stand auf und ging zu Thelma. „Das ist Vergangenheit. Heute zählt das Jetzt und Hier.“ Gleichzeitig nahm er Monas Hand und zog sie zu sich. „Mami, bitte erzähl uns deine Geschichte. Ich werde dich nicht einfach verurteilen, und Mike mit Sicherheit auch nicht. Hab keine Angst.“ Thelma holte tief Luft und sprach ein leises „Danke“. Jeder nahm wieder seinen Platz ein. Mona und Mike hatten sich aufgesetzt und hörten gespannt zu.

Thelma setzte sich aufrecht in den Sessel, sie schien sich an den Armlehnen festzuhalten, als sie anfing zu erzählen:

„Es begann alles vor 30 Jahren in Namibia. Damals hieß es noch Südwestafrika. Ich war 12. Meine Eltern lebten zu dieser Zeit in Swakopmund, einer Küstenstadt am atlantischen Ozean. Mein Vater stammte aus Namibia, meine Mutter war aber eine Zulufrau aus Südafrika. Erst nach mehreren Jahren konnte sie mit mir zu meinem Vater ziehen. Das gemeinsame Familienglück muss nur von sehr kurzer Dauer gewesen sein.

Mein Vater verlor nach ein paar Jahren seine Arbeit und konnte in Namibia auch keine mehr finden. Er ging deswegen als Gastarbeiter nach Südafrika in eine Diamantenmine. Die Arbeit war hart und schlecht bezahlt. Nachdem er sich an einem der zahlreichen Proteste beteiligt hatte, wurde ihm gekündigt. Arbeitslosengeld bekam er nicht. Mit zahlreichen kleinen Nebenjobs schlug er sich durch, um wenigstens etwas Geld nach Swakopmund zu meiner Mutter überweisen zu können. Irgendwann hat es dann nicht mehr gereicht und wir zogen zu ihm nach Südafrika.

So landeten wir dann in Soweto, denn das wurde ausschließlich von Schwarzen bewohnt. Soweto sagt euch was?“

Beide bejahten die Frage, Mona antwortete für Mike gleich mit. „Das war doch die berühmte Township, die durch die Aufstände in den 70ger Jahren berühmt wurde. Gab es dort nicht auch den Schüleraufstand?“ Thelma bestätigte, „ja damals kamen bei den Aufständen über fünfhundert Menschen zu Tode. Die Regierung von Botha hat den Aufstand mit äußerster Brutalität niedergeschlagen. Selbst vor Folterungen haben sie nicht zurückgeschreckt.“

Mike ergänzte noch: „Aber, ganz wichtig! Mit diesem Aufstand wurde das Ende der Apartheitsära eingeläutet. Und einer der bedeutendsten Menschen unserer Zeit hat das geschafft, einen Menschen den ich zutiefst bewundere, … Nelson Mandela!“ Mona konnte sich nicht verkneifen, Mike an dieser Stelle zu provozieren. „Oh, ein Weißer bewundert einen schwarzen Mann.“

Ein strafender Blick traf sie. „Liebe Mona, das war jetzt unqualifiziert, und das weißt du genau! Viele Deutsche schätzen Nelson Mandela.“

„Da muss ich Mike beipflichten, das war nicht angebracht. Aber vielleicht darf ich ja fortfahren, falls es euch noch interessiert?“

Mona blickte beide nur an, murmelte ein „Entschuldigung, war nicht so gemeint.“ Mike legte seinen Arm um die Schulter der sichtlich geknickten Mona, zog sie an sich und flüsterte ihr zu: „Ist schon okay.“ Und lauter zu Thelma, „mach bitte weiter.“

„Na gut. … Bisher hatten wir immer in festen Häusern gelebt, jetzt mussten wir aber in eine Behausung primitivster Art, zusammengezimmert aus Wellblech, Pappe und anderem Müll. Wir hatten weder fließend Wasser noch Möbel, geschlafen haben wir auf dem Boden, gegessen auch. Als ich 14 war, starb meine Mutter infolge einer schweren Lungenentzündung und ungenügender medizinischer Versorgung. Sie war mein absoluter Bezugspunkt, mein Vater war ein Schwein. Nach ihrem Tod brachen bei ihm alle Dämme.

Er brauchte Geld, so verkaufte er mich an einen stadtbekannten Zuhälter. Ich hatte nie mehr Kontakt zu ihm.“

Mona hatte ihre Augen weit aufgerissen. „Müssen denn alle Männer so sein, auch mein Vater hat dich einfach rausgeschmissen.“

„Nein, Mona. Nicht alle. Ich denke, Mike würde so etwas niemals tun.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort:

„Seit dieser Zeit musste ich als Prostituierte arbeiten. Delani Mungu, mein Zuhälter, war gnadenlos. Man hat mich geschlagen und erniedrigt. Details erspare ich euch lieber. Ich habe stark abgenommen und wollte mehrmals fliehen. Das ist mir jedes Mal misslungen, ich war wahrscheinlich nicht konsequent genug. Dann haben sie mich wie eine Gefangene gehalten, mir aber auch mehr zu essen gegeben, denn ich war wohl eine sehr lukrative Einnahmequelle. Ich muss den Männern wohl sehr gefallen haben. Irgendwann hab ich mich mit meinem Schicksal arrangiert und mit Delani Mungu zusammengearbeitet. Mir ging es dadurch wesentlich besser, ich wurde seine Geliebte. … Um eure fragenden Blicke zu beantworten. Ich musste trotzdem immer noch andere Männer bedienen, nur waren die jetzt von Delani ausgesucht.

Mit 16 habe ich Thamba kennengelernt, einen engen Freund von Delani. Genau, den Thamba Kumukele. Er buchte mich dann regelmäßig. Eines Tages habe ich ein Gespräch der beiden belauscht, Thamba wollte mich kaufen. Delanie war aber strikt dagegen. Ich sah damals in Thamba die Rettung für mich und bestärkte ihn, mich dort heraus zu holen.

Er war dreißig Jahre alt, lebte in Windhoek. Er war ein durchtrainierter Athlet, sehr gut aussehend. Später erst habe ich sein wahres Ich kennengelernt: Sein Traum war es, eine Frau zu besitzen, die nur ihm gehörte. Er wollte seine eigene Sklavin.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich das noch nicht und so holte er mich in einer Nacht mit einem Freund ab und wir flüchteten gemeinsam nach Südwestafrika, bis Windhoek.

Thamba besorgte mir eine kleine Wohnung, ich glaubte immer noch, dass er es gut mit mir meinte. Dass ich ihm immer zu Diensten sein musste, war mir klar. Jedoch nicht, dass ich dann tatsächlich in einem Gefängnis saß mit vergitterten Fenstern und einer Tür, die immer abgeschlossen wart. Ich hatte keine Identität, kein Geld, nichts. Ich war ein Niemand. Keiner vermisste mich, vielleicht Delani Mungu.

Inzwischen war ich 17 Jahre, wollte aber unbedingt überleben. Durch das Fenster konnte ich Häuser und Bäume sehen, keinen Slum. Ich habe Fluchtpläne geschmiedet, konnte keinen einzigen umsetzen. Ich glaube auch, dass Thamba wahnsinnige Angst vor Delani Mungu hatte, denn er wollte schon Windhuk verlassen. Da erfuhr ich, dass er sogar Familie hatte, eine Frau und zwei Kinder.“ Thelma unterbrach und trank einen Schluck Wein.

„Ja, und dann kam der Wendepunkt meines Lebens. Es war im Juli, die Temperaturen lagen bei angenehmen 22 bis 25 Grad, denn es war Winter in Windhoek. Ich durfte in Begleitung von Thamba erstmals seit Monaten die Wohnung verlassen. Ich sollte neue Kleidung bekommen. In einem Anflug von Gutmütigkeit sollte ich mir diese auch selbst aussuchen.

Wir gingen in eine Boutique an der Haupteinkaufsstraße in Windhoek. Ich war begeistert von der Straße. Kein Dreck, alles einladend und freundlich. Im Geschäft wurde ich sofort in eine Umkleidekabine geschickt. Kleider wurden mir hineingereicht. Als ich das erste angezogen hatte und vor den Spiegel trat, kam ein Mädchen mit hinzu. Sie war ungefähr gleich alt. Wir machten uns einen Heidenspaß, probierten ein Teil nach dem anderen an und begutachteten uns gegenseitig.“ Thelma bekam einen Glanz in ihre Augen, während sie sich erinnerte.

„Ich weiß es noch wie heute, ich war glücklich. Als wir, ich weiß nicht mehr beim wievielten Kleid gemeinsam vor dem Spiegel standen, flüsterte ich ihr zu, dass ich Hilfe brauchte. Auch meine Adresse gab ich an.

Thamba wurde schon unruhig und drängte zum Abschluss. Sein Verständnis und seine Gutmütigkeit hatten ein Ende. Er schnappte, ohne mich zu fragen drei Kleider. Packte mich am Arm und zog mich aus dem Laden. Ich sah noch die überraschten und auch ängstlichen Blicke des Mädchens. Eine Woche nach der Einkaufstour klingelte es an der Wohnungstür. Ich hab sofort aus dem Fenster geschaut, zuerst dachte ich an Delani Mungu, aber es war das Mädchen aus dem Geschäft. Ich konnte das Fenster nur einen Spalt breit öffnen, mehr ging nicht.

Dann rief ich nach ihr. Sie hatte mich wohl Anfangs nicht gehört, kam dann aber doch zum Fenster. Wir haben erstmal unsere Namen ausgetauscht. Ich sagte ihr, dass sie mich herausholen sollte und dass ich gefangen gehalten werde.“ Mona unterbrach ihre Mutter. „Und wie hieß sie, weißt du das noch?“

„Wie könnte ich das vergessen. Ihr Name war Meeke. Ich würde sie so gerne wiedersehen …“

„Und wie ging es weiter?“ Mike stand die Anspannung im Gesicht. „Sie sicherte mir Hilfe zu. In diesem Augenblick fuhr ein Auto vors Haus, mir fuhr dermaßen der Schreck in die Glieder, dass ich ihr nur zurufen konnte, zu verschwinden und sich ja nicht erwischen zu lassen.

Es war Thambas Freund, der sich auch sein Recht holen wollte. Später habe ich erfahren, dass Meeke alles ihrer Mutter erzählte und die sich an ihren Arbeitgeber, Hermann Voskamp wandte. Auch diesen Namen werde ich nie vergessen, denn er hat mir das Leben gerettet.“

„Ein Weißer?“, bemerkte Mike mit einem Seitenblick auf Mona. „Ja Mike, ein Weißer, auch da gibt es unterschiedliche Menschen. Die Bemerkung hättest auch du dir sparen können, das war überflüssig.“ Mike schluckte, „Ja, danke für den Hinweis.“

„Lasst mich weiter erzählen. Meeke besuchte mich noch zwei Mal und hielt mich auf dem Laufenden, erzählte mir auch von Voskamp. Bevor dieser jedoch bei mir war, hatte ich noch anderen Besuch. Die Tür wurde aufgebrochen und vor mir standen Delani Mungus Männer. Sie packten und fesselten mich. Vor dem Haus jedoch sprangen plötzlich hinter der Gartenmauer lauernde Männer hervor und überwältigten in wenigen Sekunden Delanis Handlanger.

Sie schoben mich in einen Transporter und fuhren zum Haus von Meekes Eltern. Die ganze Nacht habe ich mit Meeke geredet. Wir mochten uns auf Anhieb. Am nächsten Morgen bekam ich noch neue Kleidung und was zu essen. Dann fuhren wir mit dem Transporter nach Walvis Bay. Voskamp hatte dort mit dem Kapitän eines deutschen Frachters verhandelt. Der sollte mich außer Landes nach Deutschland bringen.

Und dann musste ich von Meeke Abschied nehmen. Ihr könnt mir glauben, dass ist mir sehr schwer gefallen. Ihr müsst wissen, sie war der einzige Mensch in dieser Zeit, der mir geholfen hatte. … Wie gerne würde ich sie wiedersehen.“ Thelma hielt mitten in ihrer Erzählung inne. Ihre Blicke gingen ins Leere.

Mona sah Mike hilfesuchend an, doch der zuckte nur mit seinen Schultern.

Thelmas Blick traf die beiden. „Entschuldigt bitte, ich war kurz abgelenkt. Ich mach mal weiter, oder wollt ihr nicht mehr?“

„Doch Mami, bitte erzähl weiter. Wie bist du nach Deutschland gekommen und wie hast du Papa kennengelernt, … und wer ist dann mein leiblicher Vater?“

Thelma nahm beide Hände Monas: „Mona, Liebes. Wer dein Vater ist, kann ich dir nicht sagen. Du hast mich das schon oft gefragt und an der Antwort hat sich nichts geändert. Die beiden anderen Fragen kann ich dir aber beantworten.

Dann höre zu: Meeke und ich haben am Fuß der Gangway Abschied genommen. Dabei drückte sie mir ein kleines Amulett, einen sogenannten ‚Zulu Love Letter‘ zum Andenken in die Hand. Er sollte mir Glück, Zuwendung und Liebe für die Zukunft bringen. Ich weiß es noch, als wäre es erst gestern gewesen, „daran erkenne ich dich wieder“, rief sie ihr auf dem Weg nach oben zum Schiff noch zu.“

Heftig unterbrach Mona ihre Mutter: „Hast du diesen ‘Love Letter’ noch? Sind das die bunten zusammengeknüpften Perlen, die um deinen Hals trägst?“ Thelma nickte zur Bestätigung, griff nach dem Halsband und hob es an.

„Ja, das ist der ‘Zulu Love Letter’, ich trage ihn fast immer. Der Frachter, auf dem ich jetzt war, fuhr unter panamaischer Flagge und war ein relativ kleines aber typisches Containerschiff. Voskamp hatte Wort gehalten und übergab mich an den Kapitän des Schiffes mit Namen Klenke. Es war ein kleiner untersetzter Mann, Mitte fünfzig, dem man auf den ersten Blick eine solche Rolle überhaupt nicht zutraute. Man brachte mich in eine separate Kabine. Ich bekam Kleidung der Besatzung und nahm am gemeinsamen Essen teil. Mir ging es überhaupt nicht gut, Übelkeit und Durchfall haben mir ziemlich zugesetzt. Kapitän Klenke hielt die Seekrankheit für die Ursache.

Zuerst dachte ich, ich sei auf dem Schiff in Sicherheit. Das war aber ein Irrtum. Drei Besatzungsmitglieder haben mich die ersten Tage jeden Abend ‘beehrt’. Schließlich machte Kapitän Klenke dem ganzen ein Ende. Anfangs dachte ich, als er plötzlich in der Tür stand und die drei bei mir überraschte, er wollte sich auch beteiligen. Da habe ich mich getäuscht, er war grundanständig, hat alle drei gefangen gesetzt und mich geschützt.

Von da an verlief die Überfahrt ohne Probleme, ich hatte auch keine Angst mehr. Nur mein Gesundheitszustand wurde immer schlechter, obwohl sich Kapitän Klenke rührend um mich kümmerte. Unser Ziel war Hamburg, die Einfahrt in den Hafen und die Stadt bekam ich überhaupt nicht mit, lag die ganze Zeit nur in meiner Kabine.

Irgendwann kam dann Polizei und auch ein Notarzt. Sie brachten mich ins Krankenhaus. Und da haben sie es dann schnell festgestellt: ich war schwanger! Das war der Grund für mein Unwohlsein. Nur, ich war schon am Beginn des 6. Monates. Ich hatte nichts gemerkt.

Unglaublich, denkt ihr sicher. Ich habe tatsächlich überhaupt nichts gemerkt, auch nicht geahnt, wahrscheinlich habe ich alles ignoriert.“ Thelma stockte.

„Aber Mami, das sieht man doch schon rein äußerlich. Außerdem ist doch deine Periode ausgeblieben. So was kann man doch nicht ignorieren?“

„Doch Mona, das kann man. Mir ging es schlecht, ich hatte nicht ausreichend zu essen, außerdem nur sehr einseitig. Und einen Bauch hatte ich nicht.“ Ungläubig schaute Mona sie an.

„Ja Mona. Das Kind, das ich unter meinem Herzen trug, warst natürlich du. Mein Leben hatte plötzlich wieder einen Sinn. Du warst gerade mal 46 cm groß, hast dich doch aber ganz gut entwickelt, oder nicht?“

Mike pflichtete ihr sofort bei. „Das kann ich nur unterstreichen, du hast dich sogar ganz hervorragend entwickelt, da stimmt einfach alles und Gott sei Dank bist du kein Hungerhaken …“ Ein strafender Blick traf ihn. „Was willst du damit sagen, hmm? Doch nicht etwa …“ Mona konnte nicht ausreden, denn Mike lenkte sofort ein.

„Mona, du must mir zuhören! Ich habe gesagt: du hast dich ganz hervorragend entwickelt und das war weder ironisch noch sonst wie negativ gemeint, sondern ehrlich gesagt.“ Die Antwort kam in ihrer typischen Art. „Das will ich auch gehofft haben, mein Lieber.“ Thelma gebot Mike mit einer Handbewegung Einhalt und fuhr einfach fort:

„Mit dem Kind konnten sie mich auch nicht mehr abschieben. Ich durfte vorerst in Deutschland bleiben. Ich kam in ein Mutter-Kind-Heim, war dort mit meinen 18 Jahren noch nicht einmal die Jüngste. Alle die dort unterkamen, waren irgendwie auf der Flucht. Ein Jahr durfte ich dort bleiben. Ich hatte mich schon richtig an dieses Land gewöhnt. Nachdem ich volljährig war, sollte ich tatsächlich ausgewiesen werden.“

Mona war aufgewühlt. „Warte mal, wie bist du auf den Namen Mona gekommen? Ist der Name afrikanisch?“

„Nein, Mona. Bei uns im Heim war eine junge Araberin, die vor ihrer Familie geflohen war. Und die hatte eine kleine Tochter mit dem Namen Mona. Das bedeutet ‘Hoffnung’ und hat mir so gut gefallen, das ich dich auch so genannt habe.“

Monas Augen wurden feucht. „Ja, Mona. Denn du warst meine Hoffnung, für dich war ich bereit zu leben und alles zu geben. Ich wollte auf keinen Fall zurück nach Südafrika. Ich habe versucht zu fliehen, sie haben mich aber jedes Mal wieder eingefangen. Als Schwarze bist du damals eben doch aufgefallen.

Schließlich kam der Tag, sie holten mich ab. Ich hatte dich fest in einem Tuch an meinen Körper gebunden. Und dann kam sie, die Chance! Wir fuhren in einem Kleinbus Richtung Flughafen, quer durch Charlottenburg. Neben mir saß eine Beamtin, die ganze Zeit behandelte sie mich mit Verachtung. Ein Zweiter Polizist, in Zivil, saß mir gegenüber. Er war nett, versuchte mich aufzumuntern.

Vollkommen unerwartet legten wir eine so heftige Vollbremsung hin, dass meine Bewacherin vom Sitz rutschte, ich konnte mich gerade noch festhalten. Der Mann wandte sich nach vorne zum Fahrer, auch die Frau tat es. Das war die Gelegenheit. Ich nahm alle Kraft zusammen, riss die Tür auf und sprang nach draußen, rannte was Beine und Lunge hergaben.

Meine Verfolgerin holte auf, da sah ich vor mir einen riesigen Torbogen. Ohne nachzudenken, rannte ich hinein und stand vor einer Kirche. Später erfuhr ich dann, es war das Kloster Karmel Regina Martyrium in Charlottenburg, ein Frauenkloster der Karmeliterinnen. Nur war die Tür zur Kirche leider verschlossen. Ich schrie so laut ich konnte um Hilfe. Endlich, eine Nonne stand vor mir. Die Polizistin war dicht hinter mir, doch ehe ich es mir versah, hatte sich die Nonne vor mich gestellt. Sie stand da wie ein Standbild, ich zwei Meter dahinter, und sie wich keinen Zentimeter auf die Seite. Sie hat die beiden Polizisten einfach abgewiesen. Ich konnte sie noch hören, als sie feststellte, dass es unwürdig sei eine Mutter mit Kleinkind zu jagen.

Dann kam sie zu mir und sagte mir, dass ich im Kloster sicher sei und mir niemand etwas anhaben könne. Ich kann mich noch gut daran erinnern, sie nannte sich Schwester Marie, später haben wir uns sogar angefreundet. Ich bekam ein Zimmer zugewiesen, alle Schwestern haben sich rührend um mich gekümmert. Die haben das Motto ‘Liebe deinen Nächsten’ wahrlich umgesetzt.

Sechs Monate war ich im Kloster, verlassen durfte ich es nicht. Sie hätten mich sofort verhaftet. Die Presse hatte sich inzwischen auf meine Seite geschlagen. Ich sollte bleiben dürfen, nur leider geschah nichts dergleichen. Eine Initiative stellte mir einen Rechtsanwalt, aber auch das hat nichts genützt. Was sollte ich machen: zurück nach Afrika, niemals! Ins Kloster eintreten? Dann hätte ich auf dich, Mona, verzichten müssen. Niemals!

Ja, und dann kam Martin ins Spiel. Er hatte sich damals gerade selbstständig gemacht, war noch nicht der erfolgreiche Immobilienmakler von heute. Drei Jahren zuvor hatte ihn seine Frau verlassen, da er ihr kein angemessenes Einkommen bieten konnte. Sie hatte sich einen reichen älteren Unternehmer geangelt. Seit zwei Jahren geschieden, machte er auch während dieser Zeit nur negative Erfahrungen mit weiblichen Bekanntschaften. Er hatte wahrhaftig auch kein Glückslos gezogen.

Schwester Marie teilte mir mit, dass draußen ein junger Mann warten würde und mich kennenlernen wolle. Ich habe eingewilligt, denn im Kloster konnte mir nichts passieren. An dem von der Priorin genehmigten Gespräch nahmen Schwester Marie, Martin und ich teil. Wir haben lange miteinander geredet. Er bot mir an, seinen Haushalt zu führen und bei Bedarf Gäste zu bewirten. An Haushaltsgeld stellte er mir anfangs 1000 DM zur Verfügung, von dem ich aber auch leben musste. Ich war einverstanden, um die Abschiebung zu verhindern, gab es schlussendlich nur eine Lösung: er musste mich heiraten.

Schließlich haben wir tatsächlich im Kloster geheiratet und wie ihr seht, bin ich bei Martin geblieben. Aus uns beiden wurde ein echtes Paar. Zwei Jahre später wurde Denise geboren. Eine Abschiebung war jetzt nicht mehr möglich. Martin hat dann auch dich adoptiert.

Und jetzt hat er mich einfach rausgeschmissen. Nein, er hat mich regelrecht verstoßen. Das werde ich ihm nie verzeihen!“

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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490 стр. 1 иллюстрация
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9783957444073
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