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SAMANTHA ZAUGG
JUNG
& ALT
LUDWIG HASLER
Der rüffer&rub Sachbuchverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2024 unterstützt.
Der Verlag bedankt sich bei Verleger Peter Wanner für die kollegiale Unterstützung.
Erste Auflage Frühjahr 2022
Alle Rechte vorbehalten
© 2022 by rüffer & rub Sachbuchverlag GmbH, Zürich
info@ruefferundrub.ch | www.ruefferundrub.ch
Bildnachweis Cover:
© Zutik by Andoni | stocksy.com
Bildnachweis Autorenporträts:
Hasler: © Tanja Gschwandl
Zaugg: © Samantha Zaugg
E-Book-Konvertierung: Bookwire GmbH
ISBN 978-3-907351-01-7
eISBN 978-3-907351-06-2
Inhalt
»Manchmal reden wir gründlich aneinander vorbei«
Insgeheim erwarten wir von euch Jungen Dankbarkeit
Ihr macht euch die falschen Sorgen
Ist denn dieses Alter nüchtern zu ertragen?
Wer gar nicht mehr weiß, wohin mit sich, bucht eine Weinreise
Ja, komplett Verheiratetsein kann anspruchsvoll werden
Vater, Mutter, Kind: Könnt ihr Alten euch nichts anderes vorstellen?
Sind denn nicht wir Alten die Eheveredler?
Warum backen alte Männer keine Kuchen?
Ist nicht ganz gebacken, wer nicht selber backt?
Die Männerquote
Wie dankbar bin ich Eva, dass sie in den Apfel biss
Ich kann die alten Männer nie auseinanderhalten
Was ist nun wichtiger – die Flanke oder die Frisur?
I’m like the other girls
Zwischen uns eine Weltpremiere: der Pillenknick
Wie gut war eigentlich früher die Schulzeit?
Meine Schule damals? Schluss mit lustig, fertig Kindheit!
Wer bestimmt schon, was normal ist?
Warum soll es mir unangenehm sein, Glück zu haben?
Gratulation, Sie haben im Kapitalismus gewonnen
Schlaraffenland für alle? Dann gut Nacht, Schlaraffenland
Gestatten, ich bin Verlegerin
Für uns ist das Versteckspiel zu Ende
Digitale Überforderung
Das Glück beim Stauen des Baches
In den Wald gehen, dass ich nicht lache!
Nein, ich mach hier nicht auf Lebensberater
Wer kauft mir Schnaps?
Wie das war mit analogem Dating? Mühsam halt
Die Schmach des Onlinedatings
Wollt ihr nicht erlöst werden vom Ichselbersein?
Monolog 1 Samantha
Monolog 2 Ludwig
Selbstdarstellung, Tanzkurs und Lehrstunde in Popkultur
Nichts gegen Blödeln, doch am Ende hilft nur Galgenhumor
Lach doch mal!
Bei Lachanfall bitte die Ethikkommission anrufen
Schwank mit Ratte
Deine Ratte ist ja reif zur Einbürgerung
Ich wär gern mehr wie ein Fuchs
Seit wann ist die Evolution eine Toleranz-Party?
Fleisch und Tod und Sprache
Fleisch? Schmeckte nach Sex, Sünde, Wollust
Krampf mit Penis
Muss nun alles gesund sein? Sogar Sex?
Einmal Schwank über sexuelle Befreiung bitte!
Abservieren, was stört? Macht schlaff
Die Jugend ist verweichlicht – na und?
Schon das Vokabular kann einen flachlegen
Warum seid ihr so hart?
Für Erfahrung gibt es null Credit Points
Habt ihr was an den Ohren?
Gar nicht abwegig, wie ihr die Arbeit dreht
Weniger Arbeit, mehr Vergnügen!
Ich aber will das pure Gegenteil: Arbeitserotik
Bitte nicht ausschaffen!
Du meinst: Ob ich noch lebe – oder schon wohne?
Schöftland? Nein danke, ist grad gut so
Ist halt so. Statt geistiger werden wir Alten körperlicher
Der alte Mann als Stilikone
Und die Freiheit zu vertrotteln? Wäre die nicht attraktiver?
Das schlimmste Gericht der Nation
So etwas wie Sinn kann man nicht kochen
Der ultimative Haushaltstipp
Biografien
»Manchmal reden wir gründlich aneinander vorbei«
Samantha: Lieber Ludwig, so fangen unsere Briefe ja jeweils an.
Ludwig: Wirkt manchmal etwas angestrengt, liebe Samantha. Oder nicht?
Samantha: Hast du vielleicht recht. Aber wir bleiben jetzt dabei. Also, lieber Ludwig, am Anfang müssen wir was Spannendes schreiben. Der Anfang muss die Leute reinziehen. Weißt du was Spannendes?
Ludwig: Vielleicht so: Wie Corona das Verhältnis der Generationen aufmischt. Plötzlich sind die Jungen die Geprügelten, und wir Alten die Privilegierten. Aber ist das spannend?
Samantha: Weiß nicht so recht. Ich dachte mehr so an was Spektakuläres. Vielleicht können wir was abschauen bei Film oder Literatur. Da gibt’s ja oft gute Anfänge.
Ludwig: Du kennst den Film »Les Intouchables«. Der famose kleinkriminelle junge Nordafrikaner »pflegt« den reichen invaliden Alten. Er verführt ihn einfach zum Leben! Das ließe ich mir gern gefallen.
Samantha: Recht gut, ja. Mir fällt Hemingway ein, seine Novelle »Der alte Mann und das Meer«: Die fängt so an: »Er war ein alter Mann und er fischte allein in seinem Boot im Golfstrom und seit 84 Tagen hatte er keinen Fisch mehr gefangen.« Das fasst meine Vorstellung von Alter ziemlich gut zusammen.
Ludwig: Immerhin fischt der alte Mann unverdrossen weiter. Was wäre mit euch Jungen? Therapie? Burnout?
Samantha: Ja, Therapie ist schon ein Ding in meiner Generation. Aber wir schweifen ab, das soll ja hier ein Vorwort werden. Also erzähl mal, was ist das für ein Buch?
Ludwig: Es ist der Briefwechsel zwischen zwei, die sich kaum kennen, also keine Brieffreundschaft, eher ein Akt der Tapferkeit, im Gespräch zu bleiben, auch wenn die Mentalitäten krass auseinanderlaufen.
Samantha: Obwohl so krass auseinander war’s dann oft manchmal auch gar nicht. Jedenfalls heißt das Buch »Jung & Alt«, weil unsere Kolumne so heißt. Die schreiben wir seit Herbst 2020 in der »Schweiz am Wochenende« der CH Media Gruppe.
Ludwig: Zwischen uns liegen exakt 50 Jahre. Bleibt da genug Gemeinsamkeit für ein interessantes Gespräch? Das testen wir. Nicht von Opa zu Enkelin, ist geschenkt. Wir gehören nicht zur Sippe, aber zur selben Gesellschaft. Und die sollten wir irgendwie zusammen weiterbringen.
Samantha: Genau. Drum schreiben wir über alle möglichen Themen. Gesellschaftsthemen, zum Beispiel Wein und Sex, alte Zeiten oder über die Schule.
Ludwig: Manchmal reden wir gründlich aneinander vorbei, etwa über Erfahrung, Arbeit, Weihnachten. Kein Vergnügen, aber gut gegen Illusionen. Und gegen Rechthaberei.
Samantha: Ich war meistens schon vergnügt! Zum Beispiel wenn wir über alte Männer und kleine Badehosen geschrieben haben. Das wär ein guter Anfang gewesen!
Ludwig: Warum sprachen wir nie über Humor? Trägt nicht er uns durch alles, was uns trennt?
Samantha: Hör mal, über Humor haben wir doch geschrieben, hast du schon vergessen? Über Galgenhumor, und Memes, und Männer, die sagen, man soll mal lachen.
Ludwig: Stimmt. Zur Sicherheit schieben wir jedenfalls je einen Monolog dazwischen, extra für dieses Buch geschrieben. In meinem Essay forsche ich nach Gründen, uns Alte ernst zu nehmen. Und du?
Samantha: Ich schreib was über die Leserinnen und Leser. Die hab ich unterdessen ganz gut kennengelernt. Nicht selten hab ich erzürnte Zuschriften erhalten. Die Leute fanden, ich sei zu frech. Fandest du jeweils, ich war zu frech?
Ludwig: Ach wo. Manchmal auffällig selbstsicher. Ich glaube, in deinem Alter war ich das auch. Seither hatte ich oft Gelegenheit, mir zu misstrauen.
Samantha: Auffällig selbstsicher! Das gefällt mir. So heißt dann unser nächstes Buch.
Insgeheim erwarten wir von euch Jungen Dankbarkeit
#1 Liebe Samantha
Du bist 26, ich bin 76. Ideal fürs Gespräch zwischen Jung und Alt, finde ich. Sind wir auch repräsentativ? Du, die exemplarisch Junge? Ich, der typische Alte? Ich eher nicht. Manchen gelte ich als Nestbeschmutzer – nur weil es für mich wenig Sinn macht, es jahrzehntelang nichts als »schön zu haben«.
Und du? Lupenrein jung? Oder auch schon etwas angejahrt – aus Sicht der »Generation Greta«? Auf Twitter las ich, wie 18-jährige Klimabewegte herziehen über die Y-Generation, zu der du irgendwie ja gehörst; »Okay, Schnarchnase!«, war noch das Freundlichste. Uns Alte winken sie eh resigniert ab (»Okay, Boomer!«), wenn wir es wieder mal besser wissen wollen. Wird die Luft dicker zwischen den Generationen?
Oder bilden die gar keine homogene Gruppen? Verlaufen die Trennlinien eher vertikal? Es gibt ja Schnarchnasen und Engagierte in allen Generationen – so wie es in jedem Alter Charmante und Kotzbrocken gibt, Engagierte und Motzer. Hast du im September die Besetzung des Bundesplatzes beobachtet? Die lief unter der Marke »Klimajugend«. Doch so ergraut, wie manche da aussahen, wird man erst mit 70. Und die Cleverness, mit der das organisiert wurde, lernt man definitiv nicht im Gymi, dazu brauchte es ein paar Abgebrühte mindestens aus der Y-Gruppe. »Klimajugend« gleich Generation Z? Wo waren in Bern Lehrlinge? Am Arbeiten, klar. Spricht alles nicht gegen die Klimajugend. Gegen Generationen-Pauschalen schon.
Und doch. Warum ticke ich so oft synchron mit Gleichaltrigen? Hat uns die Zeit, in der wir aufwuchsen, quasi programmiert? Menschen halten sich an das, was sie kennen. Was kennen wir Alten? Wir sind in den Nachkriegsjahren aufgewachsen, da war alles eher knapp, also packten wir fleißig an, wirtschafteten sparsam, hielten unseren Triebhaushalt in Grenzen. Es sollte ja aufwärtsgehen, es sollte uns zügig besser gehen. Haben wir geschafft. Wir haben den sagenhaften Wohlstand erarbeitet. Die Genugtuung darüber verbindet uns. Auch Selbstgerechtigkeit? Möglich, manchmal.
Jedenfalls erwarten wir – zumindest insgeheim – von euch Jungen: Dankbarkeit, logisch. Und was kriegen wir? Vorwürfe. Für euch ist Wohlstand geschenkt, also könnt ihr ihn unbefangen kritisch betrachten – und erblickt dann seine Kehrseiten, mit denen ihr euch künftig herumschlagen müsst: Klima, zerstörte Natur, Müllberge. Das sind zwei unterschiedliche Positionen: Für uns ist die Welt, die ihr übernehmt, stets auch unser Lebenswerk. Für euch eine Art Erbschaft. Die gehört – wie ein geerbtes Haus – gründlich entrümpelt. Nur dass wir halt auch noch drin sind.
Schluss mit Monolog, Samantha. Ich hol mal eine Flasche Rotwein – gespannt, wie du das Haus siehst, wie du uns alte Mitbewohner erlebst.
Ludwig
Ihr macht euch die falschen Sorgen
#2 Lieber Ludwig
Du hast in deinem letzten Brief die Metapher des Hauses benutzt. Die Alten und Jungen als eine Art Wohngemeinschaft. Ein spannendes Thema, denn beim Wohnen zeigen sich deutliche Generationenunterschiede. Lass uns unbedingt darüber schreiben. Aber nicht jetzt. Denn zuerst will ich auf eine deiner Fragen eingehen. Wie ich euch Alten erlebe.
Ich habe das Gefühl, dass die Alten konstant besorgt sind. Aber einfach wegen den falschen Sachen. Die alten Menschen, die ich gut kenne, das sind meine Großeltern und einige Verwandte und Bekannte. Die jedenfalls machen sich allerhand Sorgen. Darüber, dass ich alleine nach Zürich gehe zum Beispiel. Dass ich keine Festanstellung habe und dass ich immer noch zur Schule muss. Und darüber, dass ich kein Fleisch esse und deshalb ganz bestimmt zu wenig Proteine bekomme und man das auch sieht, weil ich ganz blass bin.
Und genau diese Sorgen verstehe ich nicht. Denn die Alten müssten ja wissen, dass das alles nicht so wild ist. Das schließe ich aus ihren Geschichten, die sie erzählen. Sie sagen, sie mussten früher kilometerweit zur Schule laufen in Schuhen mit Holzböden. Und im Winter mussten sie sogar noch eine Stunde früher los und eine Schaufel mitnehmen, um den Weg zu pfaden. Sie erzählen auch, dass sie immer gearbeitet haben, dass sie nie Ferien hatten und dass der Samstag auch ein Werktag war. Und dass sie nichts als Rösti gegessen haben. Zum Zmorge Rösti, zum Zmittag Rösti, zum Znacht Rösti. Immer nur Rösti mit Rösti, gebraten in Schweineschmalz. Tönt nicht so spaßig. Und trotzdem sind sie alt geworden.
Das alles erzählen sie und bedauern mich, weil ich meinen Karton mit dem Velo zur Sammelstelle fahren muss. Und weil ich so viel arbeite. Und sie befürchten, dass ich wegen meiner vegetarischen Ernährung Mangelerscheinungen bekomme.
Ich mache mir auch Sorgen. Aber ganz andere. Weil die Alten so viel Auto fahren und reisen und Fleisch essen und Häuser haben und Zeug kaufen. Genau aus diesen Sorgen heraus kommt mein Verhalten. Und das wiederum bereitet den Alten Sorgen. Ein endloser Sorgenstrudel.
Was sagst du zu diesen Sorgen? Hast du selber welche? Kannst du den Widerspruch erklären, selbst ein Leben voller Arbeit und Entbehrung gehabt zu haben und trotzdem die Jungen zu bedauern? Und was soll eigentlich das mit dem Wein? In deinem letzten Brief hast du von einer Flasche Rotwein geschrieben. Das ist auch so was, was ich nicht verstehe. Ich habe den Eindruck, je älter die Menschen werden, desto mehr interessieren sie sich für Wein. Ich habe da eine Theorie. Aber ich frage lieber dich: Was ist mit dem Wein?
Samantha
Ist denn dieses Alter nüchtern zu ertragen?
#3 Liebe Samantha
Was das mit dem Wein soll? Na ja, ich wollte anstoßen auf unser Gespräch. Typisch alt, findest du. Je älter, umso interessierter an Wein. Seit du es sagst, fällt mir auf: Wo ich bin, ist auch Wein, in der Küche, im Restaurant, als Geschenk. Auch in Romanen, die ich lese, werden Flaschen geleert, gern hinein in die Verzweiflung.
Ist das die Spur? Das Alter als zunehmendes Verzweiflungsdrama? Es sei »nichts für Weicheier«, sagte Marianne Faithfull, eine regelrechte Verlustgeschichte. Bei mir begann es beim Gehör, die übrigen Sinne geben auch schon nach, Vitalkräfte sowieso. Dafür kriegen wir die Seelenruhe? Ja? Glückwunsch! Manche aber fragen sich: Ist das nüchtern zu ertragen? Zu körperlichen Ausfällen kommen oft soziale, am Ende die Tristesse der Vereinsamung. In Statistiken schlagen Depression und Alkoholismus ab 65 aus, besonders verbreitet das »Pegel-Trinken«, das macht nicht betrunken, bloß leicht betäubt, aber konstant, wirkt wie ein Schleier vor der eigenen Realität. Ist bei mir nicht so weit.
Wozu brauchen manche Jugendliche ihr Bier? Zum Durstlöschen? Welchen Durst? Den nach mehr Leben, nach Rausch, Entgrenzung? Das wäre ein Thema, Samantha: Wie brechen wir – Junge, Alte – aus dem Alltag aus? Später mal.
Das mit dem Wein läuft wohl harmloser. Oft als soziales Ritual. Wer zusammen trinkt, beißt sich nicht. Brachte ich darum eine Flasche mit zum Gespräch? Zur Auflockerung der Unterschiede? Ich bin nicht so unkompliziert aufgewachsen. Und ihr Jungen tickt manchmal schon auffällig anders. Entspannter, scheint mir, irgendwie freier, auch ohne Wein. Vermutlich weckt genau diese Freiheit bei manchen Alten die Sorgen, die dich befremden. Ich höre sie auch. Als eine Enkelin ein Jahr durch Europa tourte, im VW-Bus, mit allerlei Gelegenheitsjobs beschäftigt, da ging es gleich los mit der Sorgenmacherei: Passt sie auch auf? Isst sie ordentlich? Kann sie sich das überhaupt leisten? Verspielt sie den Anschluss im Beruf? Gratis mitgeliefert: unser Besserwissen. Wir Alten haben es ja geschafft, wir haben das Leben bestanden. Ergo wissen wir, wie man es macht. Und nun sehen wir, ihr macht manches anders. Also Stirnrunzeln – hmm, wenn das bloß nicht schiefgeht!
Es sind die falschen Sorgen, da stimme ich dir zu. Die richtigen jedoch – Sorgen über den Zustand der Welt – wären halt lästig. Am Zustand der Welt sind wir Alten direkt beteiligt, jedenfalls mehr als ihr. Und da dieser Zustand, gelinde gesagt, durchzogen aussieht, steht unser Besserwissen auf wackligen Füßen. Brauchen wir etwa darum Wein? Doch wenn ihr unsere Agenda der Sorgen nun auswechselt, könnten wir aufatmen: Mit Glück, junge Leute!
Aber spielen wir Alten in eurem Stück überhaupt noch eine Rolle?
Ludwig
Wer gar nicht mehr weiß, wohin mit sich, bucht eine Weinreise
#4 Lieber Ludwig
Um es gleich am Anfang zu sagen, gegen anstoßen hab ich nichts. Auch nicht gegen Wein. Aber ich bin bekennende Nicht-Wein-Kennerin. Denn wenig langweilt mich mehr, als Leute, die sich mit Wein auskennen.
Damit meine ich nicht Winzerinnen und Winzer, sondern die Menschen, die über Wein sprechen. Wer länger als 20 Minuten über Wein sprechen kann, hat einfach keinen Sex mehr.
Du hast deine Theorie zum Wein geäußert. Das Gleiche will ich auch tun. So wie ich das erlebe, haben Konsum und Status für ältere Menschen einen höheren Stellenwert. Und beide Bedürfnisse lassen sich durch Wein befriedigen.
Beginnen wir beim banalen: Den Wein kann man konsumieren. Und ich sag, wie’s ist, manches ist mit einem gepflegten Räuschlein einfach erträglicher.
Dann ist auch schon das Kaufen des Weins ein Happening. Weinhändler, Weingut, Weinmesse, Weinschiff. Und wenn man wirklich gar nicht mehr weiß, wohin mit sich, dann macht man eine Weinreise. Rheinhessisches Hügelland, Piemont, Toskana, Südafrika.
Es wird sogar noch besser: Man kauft sich nicht nur Wein, sondern man kann auch seinem Wein gleich noch Sachen kaufen. Weingläser, Dekantierkaraffe, Weinthermometer oder einen Weinklimaschrank. Mit eingebautem Sichtfenster und beleuchtetem Innenraum, damit man den ganzen Tag seine wohltemperierten Weinflaschen anschauen kann.
Wein ist eben auch Statussymbol. Man definiert sich über Wein, zeigt, dass man Geschmack hat. Das ist für Leute wie mich recht nützlich. Anhand der Art, wie jemand über Wein spricht, kann ich die Person recht zuverlässig einer soziokulturellen Klasse zuordnen.
Ich weiß genau, was das für Leute sind, die sagen, für einen gelungenen Abend brauchen sie ein gutes Glas Wein und ein feines Stück Fleisch. Sie heißen Monika und Christian, sind länger verheiratet als nicht und haben sich auch sonst nichts mehr zu sagen. Darum der Wein, über irgendwas muss man ja sprechen. Und sonst ist man immerhin betrunken, das macht ja auch vieles leichter.
Insofern sind wir uns wohl einig: Wein gehört ab einem gewissen Alter dazu, taugt wunderbar zur Ersatzhandlung. Weil es lästig wäre, sich mit seinen wirklichen Problemen zu konfrontieren.
Du fragst, wozu wir Jungen unser Bier brauchen. Ja, Durst nach mehr hätten wir schon. Doch im Moment haben wir andere Probleme. Die Pandemie zieht wieder an, und verstärkt ein Lebensgefühl, dass viele von uns ohnehin schon kennen. Wir haben keinen Plan, wie wir durch das Heute kommen, und wissen gleichzeitig, dass das Morgen erst das ist, was richtig zäh wird.
Vielleicht war ich deshalb etwas zynisch mit der ganzen Weingeschichte. Du siehst mir das nach, ja?
Wie ist das bei dir? Wird dein Leben auch grad wieder enger, erlebst du auch ein unangenehmes Déjà-vu?
Samantha
Ja, komplett Verheiratetsein kann anspruchsvoll werden
#5 Liebe Samantha
Jetzt kommst du aber zur Sache. »Wer länger als 20 Minuten über Wein sprechen kann, hat einfach keinen Sex mehr.« Ich konnte nie länger als zwei Minuten über Wein reden, kann also nicht mitreden.
Dafür hier: »Sie heißen Monika und Christian, sind länger verheiratet als nicht und haben sich auch sonst nichts mehr zu sagen.« Ja, was sollte sich ein Paar nach 30 oder 50 Jahren unaufhörlich zu sagen haben? Wie das Wetter morgen wird? Wie das Hüftgelenk sich heute anfühlt? Wo sie am Sonntag hinwollen? Bloß, jetzt geht es nirgends wohin. Corona wird zum Härtetest älterer Paare.
Ich kenne welche, die wirken verliebt wie am ersten Tage. Spezies rara. Und manche, die sich freundschaftlich das Leben erleichtern, gar steigern. In Hotels sehe ich die verzweifelt Tapferen beim Morgenessen, es gibt nichts zu erzählen, zu lachen schon gar nicht, sie schweigen in sich hinein, sehen aneinander vorbei. Harte Kost.
Ich bin selber verheiratet. Oft solo unterwegs. Wie meine Frau, übrigens. Wir merkten früh: Treten wir stets als Paar auf, haben wir weniger vom Leben, werden seltener angesprochen, können nicht einmal flunkern, wir sind, was wir sind, genauer: was wir waren. Also machen wir nie komplett auf verheiratet, es gibt auch mehr zu erzählen. Um 1900, als die Leute im Durchschnitt 46 wurden, war die Ehe keine Hexerei. Bei 30 Rentnerjahren wird sie anspruchsvoll.
Zumal im Alter immer weniger passiert, egal, wie aktiv wir drauf sind: Immer häufiger wiederholt sich, was wir erleben. Nun ja, kennen wir, kaum der Rede wert. Wie anders die jungen Jahre, wo alles neu ist, voller Erwartung, Angst und Hoffnung, wo jeder Abend das Leben umstürzen kann. So ein Sommer mit 16 dehnt sich zur halben Ewigkeit, ein Jahr mit 76 kann fast eindrucksfrei verstreichen. Ein Zeitforscher klärte mich mal auf: Ich könne glatt 90 werden – und hätte doch mit 20 meine Lebensmitte überschritten. Huch. Wir werden also stets älter, doch in die Länge gerät nur die Phase, die – mangels Neuigkeiten – im Hui vorbeirauscht? Wie reagieren? Neue Pubertät, neues Glück, neue Ehe? Oder die Zeit heiter dahinfließen lassen, erleichtert, nicht mehr zu allem etwas sagen zu müssen?
Für dich ferne Zukunft. Wie packst du sie an? Laut Umfragen (aktuell: Berner Generationenhaus) seid ihr Jungen skeptisch gegen monogame Ambitionen, offen für sogenannt polyamorische Varianten. In der Praxis scheinen die Partnervorlieben dann erstaunlich stabil: Aschenputtel schnappt sich den Prinzen. Sie ist jung und schön, er ist reich und arriviert, das passt zusammen. So las ich es grad in »Psychological Science«, Forscher aus 45 Ländern bilanzieren da geltende Partnervorlieben.
Unverschämte Frage: Prinz in Sicht, Samantha?
Ludwig
Vater, Mutter, Kind: Könnt ihr Alten euch nichts anderes vorstellen?
#6 Lieber Ludwig
Was freue ich mich, dass du Partnerschaft und Ehe anschneidest. Ich finde es sehr interessant, wie sich diese Themen in den letzten zwei Generationen entwickelt haben.
Früher war das ja ganz einfach. Ein Mann und eine Frau haben geheiratet, Kinder gekriegt, fertig. Irgendwie auch einleuchtend. Sozialer Druck und Kirche waren stark, Verhütung schwierig. Und es gab auch einfach keine schlauen Optionen. Vor allem für die Frauen.
Berufstätig sein und eigenes Geld verdienen war zwar möglich, aber schwierig. Für viele Frauen aus deiner Generation war es eine Realität, dass für sie keine Ausbildung vorgesehen war.
Und da sind wir auch schon bei der Studie, die du erwähnt hast. Dass junge Frauen alte reiche Männer mögen und umgekehrt. Diese Studie ist mir auch begegnet, und ich habe mich sehr darüber geärgert. Weil die Ergebnisse verkürzt dargestellt werden und weil wieder einmal mehr die Evolutionstheorie genötigt wird, um sexistische Strukturen zu verargumentieren. Dabei ist die Evolution hier das völlig falsche Gerät.
Vielmehr müsste man die Ergebnisse der Studie in Kontext setzen. Eine wichtige Information in diesem Zusammenhang wäre etwa, dass es weltweit einfach viel mehr reiche Männer als Frauen gibt. Männer sind durchschnittlich sogar doppelt so reich wie Frauen, das belegen unzählige Studien. Nicht nur haben die Männer mehr Geld, sondern auch mehr Macht. Von 193 Staaten sind nur bei gerade mal 15 Frauen an der Spitze. Weiter werden Frauen von klein auf nach Äußerlichkeiten beurteilt, erotisches Kapital wird ihnen als Ressource zugeschrieben. Die junge schöne Frau als Statussymbol.
Frauen haben nicht die gleichen Möglichkeiten wie Männer, werden schon ganz anders sozialisiert. Und hier liegt doch der Hase im Pfeffer! Vor diesem Hintergrund müssten wir solche Studien anschauen. Aber das wäre halt auch ungemütlich. Denn es hieße, dass wir anerkennen, dass wir in einer strukturell ungleichen Gesellschaft leben. Und es hieße auch, dass vor allem die Männer über ihre Privilegien nachdenken und sich ihrer bewusst werden müssten.
Hm, lieber nicht. Lieber mal wieder mit der Evolutionstheorie anschwirren. Mammut, Höhle, Beeren, war halt schon immer so, kann man nichts machen.
So, fertig Studienpamphlet. Zum Schluss will ich dir noch in zwei Punkten recht geben. Erstens stimme ich völlig zu, dass wir Jungen in Beziehungsformen freier sind, als ihr es wart. Und darüber bin ich sehr froh.
Und mit noch was hast du völlig recht: Ob ein Prinz in Aussicht ist, das ist tatsächlich eine unverschämte Frage. Darum gebe ich sie zurück und frage: Wieso Prinz? Wieso nicht Prinzessin? Ist die Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind das Einzige, was ihr Alten euch vorstellen könnt? Hättest du diese Frage auch einem Mann gestellt?
Samantha
Sind denn nicht wir Alten die Eheveredler?
#7 Liebe Samantha
Meine Frage, ob bei dir ein Prinz in Sicht sei, kommt bei dir mäßig lustig an. Sie war ironisch gestellt, dennoch hast du recht, sie verrät auch, wie der Absender tickt. Wieso nicht Prinzessin?, gibst du zurück und hältst mich in Sachen Ehe und Partnerschaft wohl für vernagelt, fixiert auf Hetero. Jedenfalls schiebst du die Frage nach, ob die Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind das Einzige sei, was wir Alten uns vorstellen können.
Also vorstellen konnten wir uns immer allerlei. Schon meine Mutter stellte sich ihr Leben ganz anders vor. Sie träumte vom eigenen Schneider-Atelier. Stattdessen kriegte sie sechs Kinder, einen Haushalt ohne Heizung, Waschmaschine, Warmwasser. Eine Ausbildung hatten ihre Eltern verwehrt. Was blieb? Mann und Kinder. Anders war real nicht zu existieren, es kam mit der Zeit sogar recht gut heraus – wenngleich komplett gegen ihre Vorstellung.
So ging es vielen auch meiner Generation. Das Leben war kein Wunschkonzert. Selbstverwirklichung stand weit unten im Programm, wir hatten genug zu tun, im Leben Fuß zu fassen, ökonomisch zu bestehen. Institutionen wie die Ehe dienten als Stützen, sie schützten vor unstetem Wandel, Ruin, Elend. Scheidungen leisteten sich vielleicht Reiche. Alleinerziehen lag ökonomisch nicht drin. Die Kirche gab den Segen, Regie führte die Ökonomie.
Und doch – was haben wir seither die Ehe entschlackt! Eigentlich müssten alle, denen die traditionelle Kernfamilie Erstickungsgefühle auslöst, uns Alten um den Hals fallen. Wir zogen ihr die Zwangsjacken aus, lösten sie aus ihrer existenziellen Notwendigkeit, entkoppelten sie nach und nach von sozialen und moralischen Konventionen. Ehe und Kirche – vorbei. Ehe und Mitgift – war einmal. Ehe und Männervorrechte – Schluss jetzt. Ehe und Kinder – nach Wunsch. Ehe und lebenslange Monogamie – überholt. Ehe und Sex – fakultativ. Gerade fällt die letzte Verbindung: Ehe und heterogene Geschlechter.
Auch wenn die »Ehe für alle« kaum unser dringendstes Anliegen ist: Die historische Rolle als Eheveredler gehört uns. Nach und nach entkalkten wir sie, bis heute bleibt, was die meisten erstreben: das Glück einer dauerhaften Beziehung – frei von konventionellen Anpassungshürden. Wie lebt ihr Jungen mit der Freiheit? Macht sie auch Druck? Ich lese: »Bindungskrise«. Erzeugt Freiheit Erwartungsdruck? Ein 28-Jähriger erzählt, er habe ungezählte Beziehungen hinter sich, dito Trennungen, jedesmal ein Schlag fürs Ego, verletztes Selbstwertgefühl, Beziehungsüberdruss. Hatte ich es am Ende leichter? Beziehungen waren für mich mehr Schicksal als Absicht und Plan. Mit dem Schicksal muss man zusammenarbeiten, klar, aber man braucht auch etwas Glück.
Wie es im wirklichen Leben läuft, das wirst du mir sagen.
Ludwig
Warum backen alte Männer keine Kuchen?
#8 Lieber Ludwig
Du sagst, die Rolle der Eheveredler gehört deiner Generation. Da stimme ich zu. Gleichzeitig muss ich aber auch widersprechen.
Die Eheveredelung, wie du es nennst, ist den Frauen deiner Generation zuzuschreiben. Denn die Männer hatten gar keinen Anreiz, etwas zu ändern.
Als Mann muss es sogar ziemlich cool gewesen sein, in einer klassischen Kernfamilie zu leben. Man war per Gesetz das Oberhaupt der Familie und konnte mehr oder weniger tun, was einem passte.
Die Frauen durften nicht so viel. Nur schon das mit dem Wählen und Stimmen war ja ein fürchterlicher Krampf. Appenzell Innerhoden musste gar vom Bundesgericht zum Frauenstimmrecht gezwungen werden. Letzte Woche hat sich das gejährt, es sind seither erst dreißig Jahre vergangen. Jesses.
Zurück zu den Frauen deiner Generation. Sie waren streitlustig und hartnäckig, haben damit viel erreicht. Dennoch scheint sich etwas über all die Jahre nicht geändert zu haben. In der Vorweihnachtszeit wird das besonders deutlich. Backen ist offenbar noch immer Frauensache. Warum eigentlich? Ich habe mich schon mit einigen älteren Männern darüber unterhalten. Viele von ihnen haben tatsächlich in ihrem ganzen Leben noch nie einen Kuchen gebacken.
Ich für meinen Teil bin im Moment sehr damit beschäftigt, Guetzlizutaten zu besorgen. Nicht für mich, sondern für die Großmutter. Wegen der Pandemie darf sie nicht aus dem Haus, trotzdem will die Guetzliversorgung sichergestellt werden.
Ich werde also entsandt, um Unmengen an Zutaten herbeizuschaffen. Vor allem Butter. Das bringe ich dann der Großmutter, die daheim im Reduit gegen die Pandemie anguetzlet. Und damit ist sie offenbar nicht allein.
Der Butterbedarf ist in der Schweiz derart gestiegen, dass sogar die Importkontingente erhöht werden mussten. Schon im Frühsommer alarmierte die Branchenorganisation Milch, dass es im Hinblick auf das nationale Guetzlibacken ein größeres Lager brauche. Der Bundesrat reagiert prompt, es dürfen zusätzliche 2000 Tonnen importiert werden.
Ganz ehrlich, was wollen wir mit so viel Butter? Ich hab mal eine Milchbüechlirechnung gemacht. Geht man von einem durchschnittlichen Kalorienbedarf aus, kann man mit 2000 Tonnen Butter fast acht Millionen Leute einen Tag lang durchfüttern. Das ist fast die ganze Schweiz! Und die 2000 Tonnen, das ist ja nicht mal der Gesamtbedarf. Laut dem Schweizer Bauern beträgt der jedes Jahr 43.000 Tonnen. Wer soll das alles essen?
Item. Der Bundesrat wird schon wissen, was er tut. Oder so.
Zum Schluss noch eine Frage, du ahnst es schon: Wie hast du’s mit dem Backen? Hast du schon je einen Kuchen gebacken? Warum backen alte Männer nicht?
Samantha
Ist nicht ganz gebacken, wer nicht selber backt?
#9 Liebe Samantha
Ertappt! Es geht auf meine 77. Weihnachten zu – und noch nie habe ich selber gebacken, keinen Kuchen, keine Guetzli, nichts. Massenhaft gegessen, klar. Da bin ich ein Fossil, nie wollte mir in den Kopf, was es bringen soll, wenn alle alles machen. Ich mag Arbeitsteilung. Macht jede und jeder, was sie richtig gut können, profitieren alle gegenseitig. Was ich richtig gut kann? Den Christbaum herrichten. Mache ich seit Jahrzehnten, stundenlang hänge ich ihn voll mit Kugeln, Glocken, Barockengeln, Robotern, Kerzen, bis er seine geheimnisvollen Geschichten erzählt.
Also ja: Backen = Frauensache, in meiner Generation sicher. Mit Backen lässt sich spielend assoziieren: Küche, Ofen, Wärme, Weizen, Hefe, Butter, Ei – quasi die Backstube des Lebens, traditionell typisch weiblich. Typisch für alte Männer dagegen: durch den Wald stiefeln, Tannenbaum fällen, Reh erlegen – und den Rest als Familienoberhaupt herumsitzen. Du stellst dir vor, das wäre für uns »cool« gewesen, so cool, dass wir null Anreiz verspürten, die Ehe, also die Machtverhältnisse zu modernisieren.
Hat etwas. Nur: Wer zu cool drauf, ist bald weg vom Fenster. Das »Oberhaupt« geriet in die sogenannte »Dialektik von Herr und Knecht«: Der Herr regiert, der Knecht schuftet. Ist praktisch für den Herrn, mühsam für den Knecht. Die Mühe aber lohnt sich, langfristig beherrscht der Knecht all die Techniken, die das Leben braucht und liebt. Der Herr beherrscht nur den Knecht – und auch ihn stets weniger; da er selber nichts kann, wird er komplett abhängig vom Können des Knechts. Am Ende kippt das Verhältnis – es bestimmt der Knecht, der Herr wird pensioniert, bestenfalls.
Kippt auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau? Weil der Mann zu cool war, nicht backen wollte? Heute backen Buben, aber reicht das? Die Frau hat Vorsprung, sagen Hirnforscher: Das Corpus callosum, der kleine feine Steg zwischen den beiden Hemisphären unseres Hirns, sei bei Frauen auffällig dicker. Das heißt leitfähiger, es läuft mehr hin und her, zwischen rationalen und emotionalen Kräften, zwischen Analyse und Inspiration, zwischen Geradeaus und Abschweifung.
Kurz: Frauen switchen besser. Im 21. Jahrhundert matchentscheidend. Da wird alles derart komplex, dass cooler Verstand nicht mehr hinreicht, jetzt brauchen wir ein situatives Gespür fürs Zufällige, Unberechenbare. Mit dem Unberechenbaren aber – Kinder! Kunst! Kuchen! – haben Frauen mehr Übung, sind besser trainiert im kreativen Handeln. Inzwischen mehrheitlich auch besser ausgebildet. Warum übernehmt ihr nicht einfach?
Weißt du, was ich glaube? Ihr seid zu schlau, ihr hütet euch vor der Rolle als Oberhaupt. Ihr wisst, was blüht. Siehe Landesmuseum, aktuelle Schau: »Der erschöpfte Mann«.
Ludwig
Die Männerquote
#10 Lieber Ludwig
Hab ich’s mir gedacht mit dem Backen. Ich muss zwar zugeben, ich bin auch keine große Bäckerin. Backen macht Freude, sagt vielleicht Dr. Oetker. Backen macht hässig, sage ich. Damit bin ich wohl eher generationenuntypisch. Mein Insta-Feed ist jedenfalls voller Bananenbrot und Sauerteig.
Aber nun zum eigentlichen Thema. Du glaubst, Frauen hätten mehr Fähigkeiten, die heute wichtig sind und seien mittlerweile oft besser ausgebildet.
Kann ich alles bestätigen. Woher kommt es also, dass nicht sämtliche Unternehmen von Frauen geführt werden? Dass nur noch Frauen in den Verwaltungsräten sitzen? Dass es im Bundesrat überhaupt noch Männer gibt?
Du stellst die Vermutung auf, wir seien zu schlau. Wir wollten die ganze Verantwortung gar nicht und würden uns vor der Rolle als Oberhaupt drücken. Chabis.
Es ist vielmehr so, dass die echte Chancengleichheit noch immer weit weg ist. Dass in der Berufswelt noch immer Bedingungen herrschen, die Frauen Karriere schwer machen.
Sie würden übrigens auch Männern die Karriere schwer machen, wenn nicht die Frauen üblicherweise den Löwinnenateil der Familienarbeit leisten würden. Darum sträube ich mich auch gegen den Begriff frauenfreundlich. Item. Dass Frauen einfach nicht wollen, ist jedenfalls eine faule Ausrede.
Unter dem Hashtag #ichwill ging im Herbst in Deutschland ein Video viral. Mehr als 50 Frauen aus verschiedenen Branchen forderten darin eine verbindliche Frauenquote.
Damit wollten sie Druck ausüben auf die Politik. Und sie hatten Erfolg: 30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten von Unternehmen des Bundes und Vorgaben zu den Vorständen von börsenkotierten Unternehmen. Die Frauenquote ist quasi Fakt.
Und das ist gut. Denn wie weit wir mit Freiwilligkeit kommen, haben wir in den letzten 50 Jahren ja gesehen.
»Aber dann bekommt nicht mehr die Person den Job, die am besten qualifiziert ist«, sagen Kritiker. Unangenehme Überraschung: Das ist schon jetzt nicht der Fall. Wenn Menschen anhand ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe benachteiligt werden, bedeutet das automatisch einen Vorteil für alle, die der Norm entsprechen. Sprich: Weiße Männer haben Jobs nicht, weil sie am besten qualifiziert sind, sondern weil sie weiße Männer sind.
Meritokratie, die Idee, dass harte Arbeit automatisch zu Erfolg führt, ist ein Mythos. Ich denke, wir sollten über Privilegien sprechen. Das Thema ist zugegebenermaßen unangenehm. Aber ich erlebe, wie meine Generation zunehmend beginnt, sich damit zu beschäftigen. Bist du dir deiner Privilegien bewusst?
Samantha
Wie dankbar bin ich Eva, dass sie in den Apfel biss
#11 Liebe Samantha
Unser Wortwechsel rutschte Ende Jahr von Jung & Alt zu Frau & Mann. Begann mit Backen. Landete bei Verwaltungsräten. Der Generationendialog als Genderdebatte? Siehst du das so? Weil der Typ Mann retro aussieht, Typ Frau eher nach Futur? Seh ich manchmal selber so, der Spur nach. Ergo gehören mehr Frauen nicht nur ans Ruder, sondern ans Steuer, logisch. Nur dass da immer schon Männer sitzen, auch solche, die auf mirakulöse Weise Karriere machten, jedenfalls kaum dank Meriten – und sich umso hartnäckiger an ihre Privilegien krallen. Das nervt nicht nur dich, es ist jedoch menschlich, den Besitzstand wahren zu wollen, was heißt, es dauert seine Zeit.
Was ich weniger verstehe: die Fixierung auf Verwaltungsräte. Glaubst du im Ernst, dort sei die Schaltzentrale der Gesellschaft daheim? Nur als Reminder: Eine junge Frau namens Greta hat mit 18 mehr bewegt als jeder aktuelle VR-Präsident der Schweiz. Aufbruch beginnt im Kopf. Macht hat, wer die Köpfe bewegt, mit Vorstellungen, Gedanken, Bildern. Und da sind Frauen schon tüchtig vorn, in Kunst, Literatur, Film, sogar in Medien. Auch in meiner Branche, der Philosophie. Du fragst, ob ich mir meiner Privilegien als Mann bewusst sei. Gegenfrage: Meinst du, ich hätte eine Chance gegen eine junge Philosophin, sagen wir, Barbara Bleisch? Da dreht sich etwas. Mir soll es recht sein.
War ich doch schon Eva stets dankbar, dass sie in den Apfel biss und den Auszug aus dem bescheuerten Paradies provozierte. Mit Adam, fürchte ich, säßen wir noch heute drin. Aufbruchslust ist eher weiblich, Charles Darwin sah in ihr die Triebkraft der Evolution: Tierischer Sex ist meist Damenwahl, dabei setze sich die »Sehnsucht nach Variation« durch, nämlich das weibliche Verlangen nach Ästhetik, nach Verwandlung naturhafter Plumpheit durch Schönheit. Das Weibchen sucht Variation (Fantasie, Farbe, Eleganz, Wandel), das Männchen macht, was es kann; selber hat es nicht viel anderes im Kopf als Sex, dazu kommt es aber nur, wenn es sich und das Nest so luxusartig schön herrichtet, dass ein Weibchen davon begeistert ist. Siehe Pfau. Siehe Zaunkönig, der baut gleich drei Nester, eines feudaler als das andere, das Weibchen wählt – wenn überhaupt …
Was das nun bedeuten soll? Es fiel mir halt ein, wir schreiben ja Briefe, keine Leitartikel. Mit Fallen da und dort. Tappte ich grad in die Biologiefalle? Die Frau ist fürs Schöne da, der Mann für die Tatsachen? Gar nicht mein Ding. Eher interessiert mich: Sind Menschenmänner so viel bockiger gegen weibliche »Sehnsucht nach Variation«? Oder leben wir generell sehnsuchtsfreier, stets datenbasiert, also pragmatisch? Beißt auch Eva vorsichtshalber nicht mehr in den Apfel? Dann wäre es am Ende gar egal, wer im VR sitzt.
Ludwig
Ich kann die alten Männer nie auseinanderhalten
#12 Lieber Ludwig
Zuerst zum Apfel. Es ist die beste Frucht überhaupt. Ich dulde keine Widerrede. Äpfel schmecken gut, sind gesund und wachsen regional. Ich liebe Äpfel sehr, habe sogar dezidierte Haltungen zu den verschiedenen Apfelsorten. Ich bin sozusagen ein wandelndes Thurgauerinnenklischee. Wenn ich nur ein bisschen netter wäre, ich bin sicher, ich wäre längst Thurgauer Apfelkönigin geworden.
Du schreibst über Eva, den Apfel und über die Erbsünde. Und da bin ich ganz deiner Meinung: Auf ewig im Paradies wäre wohl recht öde gewesen. Auszug also ein gute Sache, Freude herrscht. Um es mit den Worten von Ueli Maurer zu sagen. Oder war es Adolf Ogi? Oder doch Gilbert Gress? Keine Ahnung, ich kann die alten Männer nie auseinanderhalten. Es gibt so viele von ihnen, und sie sehen einfach alle gleich aus.
Das kann man von meiner Generation sicher nicht behaupten. Wir sind überhaupt nicht alle gleich. Wir sind alle sehr besonders.
Individualismus ist in meiner Generation ein großes Thema. Wohin wir auch schauen in der Gesellschaft der Gegenwart: Was immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere. Das sage nicht ich, sondern Andreas Reckwitz. Er ist Soziologe und hat ein ziemlich interessantes Buch geschrieben mit dem Titel »Die Gesellschaft der Singularitäten«.
Er schreibt, wir lebten nicht mehr im industriellen, sondern im kulturellen Kapitalismus. Es gehe um die Logik des Besonderen. Erlebnisse und Güter müssten nicht mehr in erster Linie funktional sein, sondern dazu dienen, uns selbst zu definieren. Dieser Wunsch nach Besonderheit durchdringt dabei jeden Bereich unseres Lebens. Wie wir wohnen, wie wir essen, wohin wir reisen, wie wir unsere Körper, Karrieren oder Freundeskreise gestalten.
Und darin erkenne ich mich und meine Generation wieder. Wir richten unsere Wohnungen mit Vintage-Möbeln ein, züchten Sauerteig, backen veganes Bananenbrot, formen unsere Körper mit Fitness, gestalten sie mit Tätowierungen. Unsere Leben werden nicht gelebt, sie werden kuratiert. Alles mit der Intention, möglichst individuell zu sein. Das Paradox: Genau damit werden wir immer gleicher. Unseren vermeintlichen Individualismus reproduzieren wir mit den sozialen Medien sogar immer weiter und weiter und schaffen damit eine universelle globale Ästhetik.
Wir entwickeln Leidenschaften für alltägliche Güter wie Brot oder Kaffee, wie man sie eigentlich nur von Weinliebhabern kennt. Das mit dem Wein haben wir ja bereits abgehandelt, das ist Part deiner Generation. Aber ansonsten finde ich alles sehr zutreffend, fühle mich beinahe ertappt von dieser Theorie. Da bin ich definitiv Kind meiner Zeit. Sonst hätte ich wohl nicht zu Beginn einen ganzen Absatz über Äpfel geschrieben.
Was soll man davon halten? Ist es gut? Ist es schlecht? Keine Ahnung. Was denkst du?
Samantha
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