Читать книгу: «Little Women. Beth und ihre Schwestern»
Louisa May Alcott
Little Women
Beth und ihre Schwestern
Aus dem Englischen übersetzt von Monika Baark
Mit Illustrationen von Kera Till
Reclam
Die Übersetzung der vorliegenden Ausgabe folgt der Originalausgabe:Louisa May Alcott: Part I: Little Women. Part II: Good wives. Boston: Roberts Brothers, 1869.
Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Förderung ihrer Arbeit an diesem Buch.
2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung
Illustrationen: Kera Till
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961942-2
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011357-8
www.reclam.de
Inhalt
Little Women Das Pilgerinnenspiel Ein fröhliches Weihnachtsfest Der Laurence-Junge Bündel Gute Nachbarschaft Beth findet den Palast der Schönheit Amy im Tal der Demütigung Jo ringt mit Apollyon Meg besucht den Jahrmarkt der Eitelkeiten Der P.-K. und das P. A. Experimente Camp Laurence Luftschlösser Geheimnisse Ein Telegramm Briefe Treue Seele Dunkle Tage Amys Testament Vertraulich Laurie treibt Unfug und Jo schließt Frieden Saftige Wiesen Tante March spricht ein Machtwort
Good Wives Klatsch und Tratsch Die erste Hochzeit Künstlerische Versuche Literarische Lektionen Häusliche Erfahrungen Besuche Konsequenzen Unsere Auslandskorrespondentin Zarter Kummer Jos Tagebuch Ein Freund Herzschmerz Beths Geheimnis Neue Eindrücke Auf dem Abstellgleis Lauries Lotterleben Das Tal der Schatten Vergessen lernen Ganz allein Überraschungen Mylord und Mylady Daisy und Demi Unter dem Regenschirm Erntezeit
Anmerkungen
Zeittafel
Nun geh, mein Büchlein, allen sollst du sagen,
Die dich mit großer Freude aufgeschlagen,
Was tief in deinem Herzen sich verbirgt;
Und wünsch dir, dass Gesagtes auf sie wirkt,
Dass sie es als Geschenk von uns begreifen
Und so zu vorbildlichen Pilgern reifen.
Erzähle ihnen von der Gnade, denn
Die Gnade war die früheste Pilgerin.
Die jungen Damen sollen sich von ihr leiten
Und lenken lassen für künftige Zeiten.
Mit Klugheit sollen die Mädchen fortan handeln
Und stetig auf gerechten Pfaden wandeln.
Frei nach John Bunyan
Teil I
Little Women
1
Das Pilgerinnenspiel
»Weihnachten ohne Geschenke ist kein Weihnachten«, grummelte Jo, die auf dem Teppich lag.
»Es ist so schrecklich, arm zu sein!«, sagte Meg seufzend und an ihrem alten Kleid herunterblickend.
»Ich finde es unfair, dass manche Mädchen lauter hübsche Sachen bekommen und andere überhaupt nichts«, fügte die kleine Amy gekränkt hinzu.
»Immerhin haben wir Vater und Mutter, und einander«, sagte Beth zufrieden aus ihrer Ecke.
Bei diesen munteren Worten hellten sich die vier jungen Gesichter im Schein des Kaminfeuers auf, verdüsterten sich aber wieder, als Jo mit trauriger Miene sagte:
»Wir haben Vater nicht und werden ihn noch sehr lange nicht haben.« Sie sagte nicht ›vielleicht nie wieder‹, aber alle fügten es im Stillen hinzu und dachten an ihren Vater, der weit weg war, im Krieg.
Kurze Zeit sprach niemand. Dann sagte Meg in verändertem Ton:
»Ihr wisst doch, warum Mutter vorgeschlagen hat, dieses Jahr Weihnachten auf Geschenke zu verzichten – weil es für alle ein harter Winter werden wird und sie findet, dass wir kein Geld für Unnötiges ausgeben sollten, während unsere Soldaten so viel leiden müssen. Viel können wir nicht tun, aber wir können unsere kleinen Opfer bringen und sollten es gern tun. Was bei mir leider nicht der Fall ist«, sagte Meg und schüttelte den Kopf. Mit Bedauern dachte sie an all die schönen Dinge, die sie haben wollte.
»Wobei ich nicht glaube, dass wir viel ausrichten könnten mit unserem bisschen Geld. Wir haben jede einen Dollar, und damit wäre der Armee wohl kaum geholfen. Ich bin einverstanden, von euch oder Mutter nichts zu erwarten, aber ich würde mir so gern Undine und Sintram kaufen. Das Buch will ich schon seit Ewigkeiten haben«, sagte Jo, ein Bücherwurm.
»Ich wollte mir eigentlich neue Noten besorgen«, sagte Beth mit einem kleinen Seufzer, den niemand hörte außer dem Kaminbesen und dem Topflappen.
»Ich werde mir eine schöne Schachtel Malstifte zulegen. Die brauche ich wirklich«, sagte Amy entschlossen.
»Von unserem eigenen Geld war keine Rede, und Mutter möchte bestimmt nicht, dass wir auf alles verzichten. Lasst uns kaufen, was wir wollen, und ein bisschen Spaß haben. Ich finde, wir schuften hart genug und haben’s uns verdient«, rief Jo und betrachtete wie ein Gentleman die Absätze ihrer Stiefel.
»Ich auf jeden Fall – fast den ganzen Tag lang diese schrecklichen Kinder unterrichten, wo ich nichts lieber täte, als mich zu Hause zu vergnügen«, begann Meg erneut in ihrem klagenden Tonfall.
»Du hast es nicht halb so schwer wie ich«, sagte Jo. »Oder hättest du Lust, stundenlang mit einer nervösen, pingeligen alten Dame eingesperrt zu sein, die dich herumscheucht, nie zufrieden ist und dir auf die Nerven geht, bis du kurz davor bist, aus dem Fenster zu springen oder sie zu ohrfeigen?«
»Ich weiß, es ist ungezogen – aber ich finde, es gibt nichts Schlimmeres als Abwaschen und Aufräumen. Es ist so lästig. Und meine Hände werden so steif, dass ich nicht mehr richtig üben kann.« Beth betrachtete ihre rauen Hände mit einem Seufzer, den diesmal jeder hören konnte.
»Ich glaube nicht, dass jemand von euch so leidet wie ich«, rief Amy. »Ihr müsst nicht mit fiesen Mädchen zur Schule gehen, die euch ärgern, wenn ihr was nicht wisst, und die euch wegen eurer Sachen auslachen, gegen euren Vater pökeln, weil er nicht reich ist, und euch beleidigen, weil eure Nase nicht schön ist.«
»Wenn du pöbeln meinst, solltest du’s sagen, nicht pökeln. Papa ist doch keine Einmachgurke«, sagte Jo lachend.
»Ich weiß schon, was ich meine, du brauchst dich gar nicht so über mich zu morkieren. Man soll schwierige Wörter benutzen, um sein Vokabellar zu verbessern«, gab Amy würdevoll zurück.
»Kinder, hört auf zu zanken. Wünschtest du dir nicht auch, wir hätten das Geld, das Papa damals verloren hat, als wir noch klein waren, Jo? Meine Güte, wie glücklich und wie brav wir wären, wenn wir keine Geldsorgen hätten«, sagte Meg, die sich noch an bessere Zeiten erinnern konnte.
»Neulich hast du gesagt, wir seien um Längen glücklicher als die Kinder der Kings, denn die lägen sich ständig in der Wolle, obwohl sie Geld haben.«
»Ja, Beth, das habe ich gesagt. Tja, es stimmt wohl wirklich. Wir müssen zwar arbeiten, aber wir haben immer Spaß zusammen und sind eine lustige Truppe, wie Jo sagen würde.«
»Ja, der Ausdruck klingt nach Jo«, stellte Amy fest und warf einen tadelnden Blick auf die lange Gestalt, die ausgestreckt auf dem Teppich lag. Jo setzte sich sofort auf, schob die Hände in die Taschen ihrer Schürze und begann zu pfeifen.
»Hör auf, Jo. Das machen nur Jungs.«
»Eben.«
»Ich mag keine flegelhaften Mädchen.«
»Ich mag keine affektierten Püppchen.«
»Die Vöglein im Nest sind sich gut«, sang Friedensstifterin Beth mit einem so lustigen Gesicht, dass die beiden Streithähne lachen mussten. Damit hatte das Zanken fürs Erste ein Ende.
»Also wirklich, Mädels, ihr seid beide schuld«, begann Meg, ganz die älteste Schwester. »Du bist alt genug, um dich nicht wie ein Junge zu benehmen, Josephine. Als du noch klein warst, war das nicht so schlimm, aber jetzt bist du groß, und du steckst dir die Haare hoch, du solltest also daran denken, dass du eine junge Dame bist.«
»Das bin ich nicht! Und wenn hochgesteckte Haare mich zu einer Dame machen, trag ich lieber Zöpfe, bis ich zwanzig bin«, rief Jo, zog ihr Haarnetz vom Kopf und schüttelte ihre rotbraune Mähne. »Ich mag gar nicht dran denken, irgendwann die erwachsene Miss March sein zu müssen, mit langen Röcken und aufgerüscht wie eine Sommeraster. Es ist so schon schlimm genug, ein Mädchen zu sein, wo mir Jungenspiele und Jungenarbeit viel lieber sind, und Jungen überhaupt. Ich komm einfach nicht drüber hinweg, dass ich kein Junge geworden bin, und im Moment ist es schlimmer als je zuvor, weil ich so gern mit Papa zusammen im Krieg kämpfen würde. Stattdessen kann ich nur zu Hause sitzen und Socken stricken – wie eine alte Oma.« Und Jo schüttelte den blauen Soldatenstrumpf, dass die Stricknadeln wie Kastagnetten klapperten und ihr Wollknäuel durchs Zimmer hüpfte.
»Arme Jo, wirklich schade! Aber es ist nicht zu ändern, also musst du dich wohl mit deinem jungenhaften Namen zufriedengeben und so tun, als wärst du unser Bruder«, sagte Beth und streichelte den zerzausten Kopf auf ihrem Schoß mit einer Hand, die alles Geschirrspülen und Staubwischen dieser Welt nicht weniger sanft hätte machen können.
»Und was dich betrifft, Amy«, fuhr Meg fort, »du bist so ein Snob geworden. Noch sind deine Marotten lustig, aber wenn du nicht aufpasst, wird aus dir noch eine alberne Gans. Ich mag deine guten Manieren und deine vornehme Ausdrucksweise, solange du dich dabei nicht verstellst. Deine Versprecher sind aber genauso schlimm wie Jos Gossensprache.«
»Wenn Jo ein halber Junge und Amy eine Gans ist, was bin dann ich?«, fragte Beth, die ebenfalls kritisiert werden wollte.
»Du bist ein Schatz, und sonst gar nichts«, entgegnete Meg herzlich. Und niemand widersprach ihr, denn die ›Maus‹ war der Liebling der Familie.
Da junge Leserinnen immer wissen wollen, ›wie die Leute aussehen‹, wollen wir jetzt kurz die vier Schwestern skizzieren, die an diesem Dezemberabend im Halbdunkel saßen und strickten, während draußen der Schnee zur Erde rieselte und drinnen ein munteres Kaminfeuer brannte. Es war ein behaglicher alter Raum, obwohl der Teppich verblichen und das Mobiliar sehr einfach war, denn an den Wänden hing das ein oder andere schöne Bild, es gab Bücher in Hülle und Fülle, Chrysanthemen und Christblumen blühten in den Fenstern und die Atmosphäre war friedlich und heimelig.
Margaret, die älteste der vier, war sechzehn, sehr hübsch und wohlgestaltet, mit heller Haut, großen Augen, reichlich weichem braunem Haar, schönen Lippen und weißen Händen, auf die sie ziemlich stolz war. Die fünfzehnjährige Jo war hochgewachsen, dünn und braungebrannt. Sie erinnerte an ein Fohlen, und ihre langen Arme und Beine schienen ihr ständig im Weg zu sein. Sie hatte einen entschlossenen Zug um den Mund, eine lustige Nase und durchdringende graue Augen, denen nichts zu entgehen schien und die mal grimmig, mal vergnügt, mal nachdenklich schauten. Ihr langes dickes Haar war das einzig wirklich Schöne an ihr, aber meist wurde es in ein Haarnetz gestopft. Runde Schultern hatte Jo, große Hände und Füße, einen etwas nachlässigen Kleidungsstil und das unbehagliche Aussehen eines Mädchens, das gerade sehr viel schneller zur Frau wurde, als ihr lieb war. Elizabeth – oder Beth, wie sie von allen genannt wurde –, war ein rosiges, blauäugiges, glatthaariges Mädchen von dreizehn Jahren mit einer scheuen Art, einer schüchternen Stimme und einem zu allermeist friedlichen Blick. Ihr Vater nannte sie ›stilles Wasser‹, und die Bezeichnung passte hervorragend; sie schien in ihrer eigenen glücklichen Welt zu leben, die sie nur für ein paar geliebte und vertraute Menschen verließ. Amy, obgleich die Jüngste, war eine äußerst wichtige Person, zumindest glaubte sie das. Sie war eine regelrechte kleine Schneekönigin mit blauen Augen und schulterlangen strohblonden Locken. Sie war blass und schlank und trug sich immer wie eine vornehme junge Dame. Wie die vier Schwestern vom Charakter her waren, werden wir später genauer erfahren.
Die Uhr schlug sechs. Nachdem sie vor dem Kamin gefegt hatte, stellte Beth ein Paar Hausschuhe zum Anwärmen vors Feuer. Irgendwie wirkte der Anblick der alten Schuhe beruhigend auf die Mädchen, denn Mutter würde bald zu Hause sein, worauf sich schon alle freuten. Meg ließ das Predigen und zündete die Lampe an, Amy stand ungefragt vom Sessel auf, und Jo vergaß ihre Müdigkeit, setzte sich auf und hielt die Hausschuhe dichter vor die Flammen.
»Die sind ganz schön zerschlissen. Marmee braucht neue.«
»Ich dachte, ich nehme meinen Dollar und kaufe ihr welche«, sagte Beth.
»Nein, ich!«, rief Amy.
»Ich bin die älteste«, begann Meg, doch Jo fuhr dazwischen und sagte bestimmt:
»Jetzt, wo Papa nicht da ist, bin ich der Mann im Haus, also besorge ich die Hausschuhe, denn ich soll besonders auf Mutter aufpassen, solange er weg ist, hat er gesagt.«
»Ich weiß, wie wir’s machen«, sagte Beth. »Jede besorgt ihr ein Weihnachtsgeschenk, und nichts für sich selbst.«
»Das ist ja eine süße Idee! Was kaufen wir denn?«, rief Jo.
Alle dachten einen Moment ernst darüber nach, dann verkündete Meg, als wenn ihr die Idee beim Anblick ihrer eigenen schönen Hände gekommen wäre:
»Ich schenke ihr ein hübsches Paar Handschuhe.«
»Stiefel, die besten, die’s gibt«, rief Jo.
»Taschentücher mit einer schönen Borte«, sagte Beth.
»Und ich kaufe ihr ein kleines Fläschchen Kölnischwasser. Das mag sie, und es wird nicht viel kosten, so bleibt noch etwas Geld für mich übrig«, fügte Amy hinzu.
»Wie sollen wir ihr die Sachen schenken?«
»Wir legen alles auf den Tisch, holen sie rein und sehen ihr beim Auspacken zu. So wie wir früher an unseren Geburtstagen, wisst ihr nicht mehr?«, erwiderte Jo.
»Ich hatte immer schreckliche Angst, wenn ich dran war und mich mit der Krone auf dem Kopf hinsetzen musste, und dann seid ihr mit euren Geschenken und euren Küsschen gekommen. Die Sachen und die Küsschen mochte ich, aber es war schrecklich, vor aller Welt meine Geschenke auspacken zu müssen«, sagte Beth, die das Brot fürs Abendessen und zugleich ihr Gesicht röstete.
»Marmee soll denken, wir würden uns selbst was kaufen, und dann überraschen wir sie! Wir müssen morgen Nachmittag einkaufen gehen, Meg. Es gibt noch einiges für unsere Weihnachtsaufführung zu tun«, sagte Jo, auf und ab marschierend, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Nase in der Luft.
»Das wird das letzte Mal sein, dass ich mitmache. Allmählich bin ich aus dem Alter raus«, bemerkte Meg, die mit genauso kindlicher Begeisterung ›Verkleiden‹ spielte wie die anderen.
»Das stimmt nicht, das weiß ich, solange du im weißen Kleid mit offenen Haaren und Schmuck aus Goldpapier herumschweben kannst. Du bist die beste Schauspielerin, die wir haben, und wenn du hinschmeißt, ist alles vorbei«, sagte Jo. »Wir sollten heute Abend noch mal proben. Komm her, Amy, und spiel die Szene, in der du in Ohnmacht fällst, du bist dabei nämlich immer noch stocksteif.«
»Ich kann nichts dafür, ich hab noch nie jemanden in Ohnmacht fallen sehen. Und ich hab keine Lust, mir so wie du blaue Flecken zu holen. Wenn’s geht, lasse ich mich vorsichtig fallen. Ansonsten sinke ich auf einen Stuhl, ganz graziös – da kann mich Hugo noch so sehr mit seiner Pistole bedrohen«, entgegnete Amy, die keinerlei schauspielerisches Talent besaß und nur deshalb die Rolle bekommen hatte, weil sie klein genug war, um vom Schurken kreischend von der Bühne getragen zu werden.
»Mach es so: Du faltest die Hände, taumelst durchs Zimmer und rufst verzweifelt: ›Roderigo! Rette mich! Rette mich!‹« Und mit wahrhaft mitreißendem, melodramatischem Schrei trat Jo von der imaginären Bühne ab.
Amy folgte ihr, streckte aber steif die Arme von sich und zuckte beim Gehen wie ein Automat. Selbst ihr »Au!« klang weniger nach Angst und Verzweiflung und mehr danach, als würde sie mit Nadeln gepikst. Jo stöhnte, Meg lachte laut auf und Beth, die die Szene mit Interesse verfolgte, ließ das Brot anbrennen.
»Es ist sinnlos! Tu einfach dein Bestes, wenn’s soweit ist, und wenn du ausgebuht wirst, gib nicht mir die Schuld. Los, Meg.«
Danach lief alles glatt. Don Pedro trotzte der Welt mit einem zwei Seiten langen Monolog, und die Hexe Hagar saß an ihrem blubbernden Kessel voller Kröten und sprach einen schrecklichen Zauberspruch, der eine seltsame Wirkung hatte: Roderigo befreite sich mit männlich-kraftvoller Geste aus seinen Ketten, und Hugo starb unter furiosem Gelächter einen qualvollen Tod durch Arsen.
»So gut waren wir noch nie«, sagte Meg, während sich der tote Schurke aufsetzte und sich die Ellenbogen rieb.
»Ich verstehe gar nicht, wie man so großartige Sachen schreiben und spielen kann, Jo. Du bist ein richtiger Shakespeare!«, rief Beth in der festen Überzeugung, dass ihre Schwestern in allen Dingen außerordentlich begabt waren.
»Na ja«, entgegnete Jo bescheiden. »Ich finde zwar auch, dass Der Hexenfluch. Eine Operntragödie ganz nett geworden ist, aber ich würde mich gern mal an Macbeth versuchen – wenn wir für Banquo nur eine Falltür hätten. Die Sterbeszene wollte ich schon immer mal spielen. ›Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke?‹«, murmelte Jo, verdrehte die Augen und griff in die Luft, wie sie es einem großen Tragödienschauspieler abgeguckt hatte.
»Nein, es ist die Röstgabel, und zwar mit Mutters Schuh drauf statt des Brots. Du hast Beth die Sinne verwirrt!«, rief Meg, und die Probe endete in einem kollektiven Lachanfall.
»Na, das freut mich ja, dass meine Mädchen so fröhlich sind«, sagte eine muntere Stimme. Schauspielerinnen und Publikum drehten sich zur Tür, um eine rundliche, mütterliche Frau mit einer freundlichen, gütigen Miene zu begrüßen. Sie war keine sonderlich gutaussehende Frau, aber Kinder finden ihre Mütter immer schön, und auch die Mädchen waren der Meinung, dass sich unter dem grauen Umhang und der unmodernen Haube die wunderbarste Mutter auf Erden befand.
»Na, ihr Lieben, wie ist es euch heute ergangen? Es gab so viel zu tun beim Kistenpacken für morgen, dass ich es zum Mittagessen nicht nach Hause geschafft habe. Hatten wir Besuch, Beth? Wie geht’s deiner Erkältung, Meg? Jo, du siehst todmüde aus. Komm, Liebes, gib mir einen Kuss.«
Während sie diese typischen Fragen einer Mutter stellte, schälte sich Mrs March aus ihren nassen Sachen, schlüpfte in die warmen Pantoffeln und setzte sich in den Sessel. Sie zog Amy zu sich auf den Schoß und freute sich auf die schönste Stunde ihres arbeitsamen Tages. Die Mädchen rannten hin und her, um alles gemütlich herzurichten, jede auf ihre Art. Meg deckte den Abendbrottisch, Jo brachte Holz und rückte die Stühle zurecht, ließ hier etwas fallen, warf dort jenes um und klapperte mit allem, womit sie in Berührung kam. Beth trabte still und emsig zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her, während Amy mit gefalteten Händen dasaß und Anweisungen gab.
Als sie sich am Tisch versammelt hatten, sagte Mrs March mit von Glück erfüllter Miene: »Nach dem Essen habe ich was für euch.«
Ein schnelles, munteres Lächeln machte wie ein Sonnenstrahl die Runde. Beth klatschte mitsamt ihrem Cracker in die Hände. Jo warf ihre Serviette in die Luft und rief: »Ein Brief! Ein Brief von Vater! Hipp hipp hurra!«
»Ja, ein schöner langer Brief. Es geht ihm gut, und er geht davon aus, dass er die kalte Jahreszeit besser überstehen wird, als wir befürchtet hatten. Er wünscht uns von Herzen schöne Weihnachten, und euch Mädchen hat er etwas ganz Besonderes mitzuteilen«, sagte Mrs March und tätschelte ihre Tasche, als befände sich darin ein Schatz.
»Beeilt euch und seht zu, dass ihr fertig werdet! Amy, lass das mit dem abgespreizten kleinen Finger und diesem zimperlichen Gehabe«, rief Jo, verschluckte sich fast an ihrem Tee und ließ ihr Brot mit der gebutterten Seite auf den Teppich fallen, so eilig hatte sie es, an den versprochenen Schatz zu kommen.
Beth hörte auf zu essen und schlich sich davon, um in ihrer schummrigen Ecke auf die anderen zu warten und sich still und heimlich auf das kommende Vergnügen zu freuen.
»Ich finde es wunderbar von Vater, dass er sich freiwillig als Kaplan gemeldet hat, weil er zu alt war, um eingezogen zu werden, und nicht stark genug, um an der Front zu kämpfen«, sagte Meg herzlich.
»Ach, ich wär so gern Trommler, oder Marketender – heißt das so? Oder Krankenschwester, dann könnte ich in seiner Nähe sein und ihm helfen«, rief Jo ächzend.
»Es muss sehr unangenehm sein, in einem Zelt zu schlafen, alle möglichen unappetitlichen Sachen essen zu müssen und aus einer Blechtasse zu trinken«, sagte Amy seufzend.
»Wann kommt er wieder nach Hause, Marmee?«, fragte Beth mit einem kleinen Beben in der Stimme.
»Das wird noch Monate dauern, mein Schatz, es sei denn, er wird krank. Er wird bleiben und so lange wie möglich seine Pflicht tun, und wir werden ihn nicht eine Minute früher bitten, zurückzukommen, bis man ihn entbehren kann. Nun kommt und hört euch den Brief an.«

Alle setzten sich ans Feuer, Mutter in ihrem großen Sessel mit Beth zu Füßen, Meg und Amy zu beiden Seiten auf den Armlehnen und Jo über die Rückenlehne gebeugt, wo niemand ihre Rührung sehen würde, falls es ein bewegender Brief war. In den harten Zeiten damals gab es nur wenige Briefe, die nicht bewegend waren, vor allem vonseiten der Väter. Doch in diesem war kaum die Rede von Entbehrungen, Gefahren oder Heimweh; es war ein munterer, zuversichtlicher Brief voll lebhafter Schilderungen vom Lagerleben, von Märschen und Militärnachrichten. Und erst am Ende ging dem Verfasser das Herz über vor väterlicher Liebe und Sehnsucht nach den kleinen Mädchen daheim.
Richte ihnen liebe Grüße aus und gib jeder einen Kuss von mir. Sag ihnen, dass ich jeden Tag an sie denke, abends für sie bete und mich von ihrer Zuneigung am meisten getröstet fühle. Ein Jahr bis zu unserem Wiedersehen zu warten, kommt mir sehr lang vor, aber sie sollen sich immer wieder bewusst machen, dass wir währenddessen viel Sinnvolles schaffen können, damit diese schweren Tage nicht ungenutzt bleiben. Ich weiß, dass sie sich an alles, was ich gesagt habe, erinnern und dass sie Dir liebende Kinder sein werden, die ihre Pflicht erfüllen, ihre Widerstände überwinden und hart an sich arbeiten, damit ich bei meiner Rückkehr meine kleinen Frauen noch lieber haben und noch stolzer auf sie sein kann als je zuvor.
An dieser Stelle mussten alle schniefen. Jo schämte sich der großen Träne nicht, die von ihrer Nasenspitze tropfte, und Amy dachte nicht mehr an ihre sorgsam frisierten Locken, als sie das Gesicht in der Schulter ihrer Mutter verbarg und schluchzte: »Ich bin so egoistisch! Ich werde aber wirklich versuchen, mich zu bessern, damit er nie wieder von mir enttäuscht sein wird.«
»Das werden wir alle«, rief Meg. »Ich denke viel zu viel über mein Aussehen nach und mag nicht arbeiten, aber es soll nie wieder vorkommen, wenn ich es vermeiden kann.«
»Ich werde versuchen, nie wieder wild und stürmisch zu sein, sondern eine ›kleine Frau‹, wie er so gern zu mir sagt, und hier meine Pflicht tun, anstatt mich woandershin zu wünschen«, sagte Jo, wobei sie fand, dass es viel schwerer war, zu Hause sein Temperament zu zügeln, als sich unten im Süden dem einen oder anderen Rebellen entgegenzuwerfen.
Beth schwieg, trocknete sich aber mit dem blauen Armeestrumpf die Tränen und begann mit aller Macht zu stricken, um bloß keine Zeit zu verlieren und das zu tun, was am Nächsten lag, denn in ihrer stillen kleinen Seele hatte sie bereits den Entschluss gefasst, all das zu sein, worauf Vater hoffte, wenn das Jahr endlich seine glückliche Heimkehr brächte.
Mrs March unterbrach das Schweigen, das Jos Worten gefolgt war, indem sie mit ihrer fröhlichen Stimme sagte: »Erinnert ihr euch, wie ihr ›Pilgerreise‹ gespielt habt, als ihr noch ganz klein wart? Ich habe euch meinen Flickenbeutel auf den Rücken gebunden und euch Hüte, Stöcke und Papierrollen gegeben und euch vom Keller aus, der ›Stadt der Zerstörung‹, durchs ganze Haus reisen lassen, immer weiter hinauf bis aufs Dach, wo ihr all die schönen Dinge sammeln konntet, um eine ›Himmlische Stadt‹ zu bauen.«
»Das war so lustig, vor allem an den Löwen vorbeizugehen, gegen Apollyon zu kämpfen und das Tal mit den bösen Geistern zu durchqueren«, sagte Jo.
»Ich fand die Stelle immer schön, bei der die Bündel abgegangen und die Treppen runtergefallen sind«, sagte Meg.
»Ich mochte es am liebsten, wenn wir auf das flache Dach gestiegen sind, wo unsere Blumen, Lauben und die schönen Sachen waren, und alle dagestanden und da oben in der Sonne vor lauter Freude gesungen haben«, sagte Beth lächelnd, als erlebte sie im Geiste diesen schönen Moment nochmal neu.
»Ich erinnere mich kaum noch daran, außer, dass ich Angst vor dem Keller und dem dunklen Eingang hatte, und dass ich den Kuchen und die Milch mochte, die es oben gab. Wenn ich nicht schon zu alt für so was wäre, würde ich es gern nochmal spielen«, sagte Amy, die bereits im reifen Alter von zwölf begann, sich vom Kinderkram zu distanzieren.
»Dafür sind wir nie zu alt, mein Schatz, denn es ist ein Spiel, das wir auf die eine oder andere Weise die ganze Zeit spielen. Unsere Bündel sind hier, unser Weg liegt vor uns, und die Sehnsucht nach dem Guten und dem Glück ist das, was uns durch viele Schwierigkeiten und Irrtümer hindurch zum Frieden führt, der eine wahre Himmlische Stadt ist. Was haltet ihr davon, meine kleinen Pilgerinnen, wenn ihr damit nochmal anfangt, aber nicht als Spiel, sondern im Ernst, und schaut, wie weit ihr kommt, bevor Vater wieder hier ist?«
»Wirklich, Mutter? Wo sind denn unsere Bündel?«, fragte Amy, ganz die junge Dame, die alles sehr wörtlich nahm.
»Gerade habt ihr alle von euren Bündeln erzählt, außer Beth. Ich denke fast, sie hat gar keins«, sagte ihre Mutter.
»Doch, das habe ich. Meine sind Geschirr und Staubtücher, und mein Neid auf andere Mädchen mit schönen Klavieren, und vielleicht noch die Angst vor fremden Menschen.«
Beths Bündel waren so lustig, dass sie alle am liebsten gelacht hätten. Doch sie ließen es sein, da es Beth sehr gekränkt hätte.
»Lass es uns machen«, sagte Meg nachdenklich. »Es ist nur ein anderer Ausdruck für den Versuch, brav zu sein. Und die Geschichte könnte uns helfen, denn wir wollen zwar Gutes tun, aber es ist harte Arbeit, und manchmal vergessen wir es und geben nicht unser Bestes.«
»Heute Abend waren wir im Sumpf der Verzagtheit, und Mutter kam und zog uns raus, wie der Erlöser aus dem Buch. Wir bräuchten Anweisungen wie Christian. Wie kriegen wir das hin?«, fragte Jo, die begeistert von der Vorstellung war, den sehr langweiligen Pflichten ein wenig Romantik zu verleihen.
»Schaut an Weihnachten unter eure Kopfkissen, dort findet ihr euren Wegweiser«, entgegnete Mrs March.
Sie besprachen den neuen Plan, während die alte Hannah den Tisch abräumte. Anschließend wurden die vier kleinen Handarbeitskörbe hervorgeholt und die Nadeln flogen beim Nähen nur so über das Bettzeug für Tante March. Es war eine ermüdende Näharbeit, aber an diesem Abend beschwerte sich niemand. Sie übernahmen Jos Plan, die langen Säume zu vierteln und die Teile Europa, Asien, Afrika und Amerika zu nennen. Auf diese Weise kamen sie großartig voran, vor allem, wenn sich ihre Gespräche um die verschiedenen Länder drehten, durch die sie sich hindurchnähten.
Um neun ließen sie die Arbeit ruhen und sangen wie üblich, bevor sie zu Bett gingen. Niemand außer Beth war in der Lage, dem alten Klavier ein paar Töne zu entlocken. Beth schlug die vergilbten Tasten sanft an und konnte die einfachen Lieder wunderbar begleiten. Meg hatte eine Stimme so hell wie eine Flöte, und sie und ihre Mutter führten den kleinen Chor an. Amy zirpte wie eine Grille, und Jo spazierte nach Lust und Laune durch die Lieder und schien immer an der falschen Stelle ein Krächzen oder Quaken von sich zu geben, womit sie die besinnlichste Melodie ruinierte. Seit Kindesbeinen hatten sie gemeinsam Twinkle twinkle little star gesungen. Das Lied war im Hause March zu einem schönen Brauch geworden, denn die Mutter war eine geborene Sängerin. Ihre Stimme war morgens das Erste, was sie hörten, wenn sie singend wie eine Lerche durchs Haus ging; und auch abends war ihr munterer Gesang der letzte Laut, den sie vernahmen. Für dieses vertraute Schlaflied wurden die Mädchen nie zu alt.
2
Ein fröhliches Weihnachtsfest
Jo war die Erste, die an Weihnachten im grauen Morgenlicht erwachte. Es hingen keine Strümpfe am Kamin, und für einen Augenblick war sie genauso enttäuscht wie vor langer Zeit, als ihr kleiner Strumpf vor lauter Leckereien aus den Nähten platzte. Dann fiel ihr das Versprechen ihrer Mutter wieder ein. Sie griff unter ihr Kopfkissen und zog ein Buch in einem dunkelroten Einband hervor. Sie kannte es nur zu gut, denn es war die wunderbare alte Geschichte vom besten aller Leben, und Jo fand, dass es das beste Lehrbuch für jede Pilgerin auf ihrer langen Reise war. Sie weckte Meg, wünschte ihr fröhliche Weihnachten und bat sie, unter ihr Kopfkissen zu schauen. Ein grünes Buch kam zum Vorschein, darin dasselbe Bild und ein paar Zeilen in der Handschrift ihrer Mutter, wodurch ihnen ihr einziges Geschenk sehr kostbar erschien. Irgendwann wurden auch Beth und Amy wach, um ebenfalls ihre kleinen Bücher zu suchen und zu finden, das eine taubenblau, das andere dunkelblau. Alle saßen sie da, betrachteten die Bücher und sprachen über sie, während im Osten der neue Tag rosig heraufzog.
Trotz ihrer kleinen Eitelkeiten hatte Margaret ein gutmütiges und frommes Wesen, mit dem sie unbewusst auch ihre Schwestern beeinflusste, vor allem Jo, die ihre Schwester sehr lieb hatte und auf ihre sanftmütig erteilten Ratschläge gerne hörte.
»Mädchen«, sagte Meg ernst und ließ den Blick über den zerzausten Haarschopf an ihrer Seite und dann über die beiden haubenbedeckten Köpfe im angrenzenden Zimmer schweifen, »Mutter möchte, dass wir diese Bücher lesen und lieben und befolgen. Wir sollen sofort damit anfangen. Früher sind wir dem immer nachgekommen, aber seit Vater weg ist und dieser Krieg uns so aufwühlt, haben wir vieles vernachlässigt. Ihr könnt machen, was ihr wollt; ich jedenfalls werde mein Buch hier auf dem Tisch liegen lassen und jeden Morgen nach dem Aufwachen ein bisschen drin lesen. Ich weiß, es wird mir gut tun und mir durch den Tag helfen.«
Dann schlug sie ihr neues Buch auf und begann zu lesen. Jo legte ihr den Arm um die Schultern, beugte sich vor, Wange an Wange, und las ebenfalls mit einer ruhigen Miene, die ihr Gesicht so selten zeigte.
»Wie gut Meg ist! Los, Amy, das machen wir auch. Ich helfe dir mit den schwierigen Wörtern, und die beiden erklären uns alles, was wir nicht verstehen«, flüsterte Beth, beeindruckt von den hübschen Büchern und dem Vorbild ihrer Schwestern.
»Bin ich froh, dass ich ein blaues habe«, sagte Amy. Dann war es in den Zimmern sehr still, während leise geblättert wurde und die Wintersonne langsam hereinfiel, um die hellen Köpfe und ernsten Gesichter mit einem weihnachtlichen Gruß in ihr Licht zu tauchen.
»Wo ist Mutter?«, fragte Meg, als sie und Jo eine halbe Stunde später nach unten rannten, um ihr für die Geschenke zu danken.
»Weiß der Himmel. Irgendein armes Ding stand gerade vor der Tür und hat gebettelt, und eure Mama ist sofort los, um zu sehen, was fehlt. Noch nie hab ich eine Frau gesehen, die so schnell dabei ist, Essen und Trinken, Kleidung und Holz zu verschenken«, entgegnete Hannah, die seit Megs Geburt im Haus der Familie lebte und von allen eher als Vertraute denn als Angestellte angesehen wurde.
»Sie ist bestimmt gleich zurück, also fang ruhig schon an zu backen und alles vorzubereiten«, sagte Meg mit einem Blick auf die Geschenke im Korb unter dem Sofa, der im richtigen Moment hervorgezaubert werden sollte. »Aber – wo ist denn Amys Kölnischwasser?«, fügte sie hinzu, als sie kein Fläschchen sah.
»Sie hat es gerade genommen und ist damit weggelaufen, um eine Schleife drumzubinden oder so was«, entgegnete Jo durch den Raum tanzend, um die neuen Hausschuhe schon mal etwas einzulaufen.
»Sehen meine Taschentücher nicht schön aus? Hannah hat sie mir gewaschen und gebügelt, und ich hab sie ganz alleine bestickt«, sagte Beth und betrachtete stolz die etwas schief geratenen Buchstaben, die sie solche Mühe gekostet hatten.
»Ich lach mich tot, sie hat sie mit ›Mutter‹ bestickt statt mit ›M. March.‹ Wie lustig!«, rief Jo und nahm eins in die Hand.
»Ist das falsch? Ich dachte, es wäre besser so. M. M. sind doch Megs Initialen, und ich wollte, dass sie von niemandem benutzt werden außer Marmee«, sagte Beth mit sorgenvoller Miene.
»Alles gut, Süße, eine sehr schöne Idee, und gar nicht so dumm, denn so wird es sicher zu keiner Verwechslung kommen. Sie wird sich wahnsinnig freuen, da bin ich mir sicher«, sagte Meg mit einem kritischen Blick auf Jo und einem Lächeln für Beth.

»Mutter kommt. Versteckt den Korb, schnell!«, rief Jo, als eine Tür ins Schloss fiel und Schritte im Flur zu hören waren.
Amy stürzte herein und wirkte ziemlich betreten, als sie sah, dass die Schwestern schon auf sie warteten.
»Wo warst du, und was hast du da hinter deinem Rücken?«, fragte Meg, sich darüber wundernd, dass die bequeme Amy so früh schon unterwegs gewesen war, wie man unschwer an Mantel und Haube erkennen konnte.
»Lach mich nicht aus, Jo! Ich wollte nicht, dass es jemand mitbekam, bis es so weit war. Ich wollte nur die kleine Flasche gegen eine große umtauschen. Dafür hab ich mein ganzes Geld ausgegeben. Ich versuche ehrlich, nicht mehr so egoistisch zu sein.«
Und dabei zeigte Amy die hübsche Flasche herum, mit der sie die preiswerte ersetzt hatte. Bei ihrem kleinen Versuch, ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen, sah sie so ernst und bescheiden aus, dass Meg sie spontan in die Arme schloss und Jo sie einen ›feinen Kerl‹ nannte, während Beth ans Fenster rannte und ihre schönste Rose pflückte, um die stattliche Flasche zu schmücken.
»Mein Geschenk war mir peinlich, nachdem wir heute Morgen davon gelesen und darüber geredet haben, ein guter Mensch zu sein, also bin ich als Allererstes ans Eck gelaufen und hab es umgetauscht, und ich bin so froh, weil ich jetzt das schönste Geschenk habe.«
Erneut fiel die Haustür ins Schloss, rasch landeten die Geschenke unter dem Sofa und die Mädchen am Tisch, begierig aufs Frühstück.
»Fröhliche Weihnachten, Marmee! Und noch viele mehr davon! Danke für die Bücher; wir haben schon angefangen und wollen jeden Tag ein bisschen drin lesen!«, riefen sie im Chor.
»Fröhliche Weihnachten, liebe Töchter! Das freut mich, und ich hoffe, ihr bleibt dabei. Eins will ich aber noch erzählen, bevor wir mit dem Frühstück beginnen. Ganz in der Nähe liegt eine arme Frau mit einem neugeborenen kleinen Baby. Sechs Kinder kauern in einem einzigen Bett, um nicht zu erfrieren, sie haben nämlich keinen Ofen. Die Leute haben nichts zu essen. Der älteste Junge war hier, um mir zu sagen, dass sie Hunger haben und frieren. Liebe Mädchen, wollt ihr ihnen nicht als Weihnachtsgeschenk euer Frühstück spenden?«
Da sie fast eine Stunde gewartet hatten, waren sie alle ungewöhnlich hungrig, und kurz sagte niemand etwas – aber nur ganz kurz, denn dann rief Jo stürmisch:
»Bin ich froh, dass wir noch nicht angefangen haben!«
»Darf ich mitkommen und helfen, die Sachen zu den armen kleinen Kindern rüberzutragen?«, fragte Beth eifrig.
»Ich nehm die Sahne und die Muffins«, fügte Amy hinzu und verzichtete heldenhaft auf das, was sie am liebsten aß.
Meg war schon dabei, den Buchweizen abzudecken und das Brot auf einen großen Teller zu häufen.
»Dachte ich’s mir doch, dass ihr einverstanden wärt«, sagte Mrs March und lächelte zufrieden. »Ihr dürft alle mitkommen und mir helfen, und wenn wir wieder hier sind, gibt es Brot und Milch, und beim Abendessen machen wir alles wieder gut.«
Bald waren sie so weit, und sie marschierten los. Zum Glück war es noch früh, so dass sie unbemerkt durch die kleinen Gassen gehen und niemand über die sonderbare Truppe lachen konnte.
Ein armes, kahles, elendes Zimmer erwartete sie, mit kaputten Fensterscheiben, ohne Herd, mit zerlumptem Bettzeug, einer kranken Mutter, einem weinenden Baby und einem Haufen blasser, hungriger Kinder, die sich unter einer einzigen Steppdecke aneinander gekuschelt hatten, um warm zu bleiben.
Was sie für große Augen machten und mit ihren blauen Lippen lächelten, als die Mädchen durch die Tür kamen!
»Ach, mein Gott! Es kommen Engel zu uns!«, rief die arme Mutter und weinte vor Freude.
»Komische Engel in Hauben und Handschuhen«, sagte Jo, womit sie alle zum Lachen brachte.
Doch wenige Minuten später wirkte es tatsächlich so, als wären gute Geister am Werk gewesen. Hannah, die das Holz getragen hatte, machte Feuer und verstopfte die kaputten Scheiben mit alten Mützen und ihrem eigenen Umhang. Mrs March gab der Mutter Tee und Haferschleim und beruhigte sie mit Hilfsversprechen, während sie das kleine Baby so zärtlich wickelte, als wäre es ihr eigenes. Unterdessen deckten die Mädchen den Tisch, setzten die Kinder vors Feuer und fütterten sie wie hungrige Vögel. Sie lachten, plauderten und versuchten, das lustige gebrochene Englisch zu verstehen.
»Schmeckt gut!« »Die Engelskinder!«, riefen die armen Dinger, und sie aßen und wärmten ihre blau gefrorenen Hände wohlig am Feuer. Die Mädchen waren noch nie als Engelskinder bezeichnet worden, doch es gefiel ihnen sehr, vor allem Jo, die seit ihrer Geburt als Kratzbürste galt. Es war ein glückliches Frühstück, auch wenn sie nichts davon abbekamen. Und als sie wieder gingen und ihren Trost zurückließen, gab es in der ganzen Stadt wohl keine fröhlicheren Menschen als die hungrigen kleinen Mädchen, die ihr Frühstück verschenkt und sich am Weihnachtsmorgen mit Brot und Milch zufriedengegeben hatten.
»Das bedeutet es also, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, und ich find’s schön«, sagte Meg, während sie ihre Geschenke auslegten und ihre Mutter oben war, um Kleidung für die armen Hummels zusammenzusuchen.
Sie machten zwar nicht viel her, doch es steckte sehr viel Liebe in den kleinen Päckchen. Und die große Vase mit den roten Rosen, weißen Chrysanthemen und grünen Ranken, die in der Mitte stand, verlieh dem Tisch etwas Elegantes.
»Sie kommt! Fang an, Beth. Mach die Tür auf, Amy! Ein Hoch auf Marmee!«, rief Jo und hüpfte vor Aufregung, während Meg ihre Mutter zu ihrem Ehrenplatz führte.
Beth spielte ihren fröhlichsten Marsch, Amy warf die Tür auf, und Meg gab mit großer Andacht die Eskorte. Mrs March war überrascht und gerührt. Sie lächelte unter Tränen, besah ihre Geschenke und las die kleinen beigelegten Briefchen. Die Hausschuhe wurden sofort angezogen, ein neues, mit Amys Parfüm großzügig benetztes Taschentuch wanderte in ihre Tasche, die Rose wurde an ihre Brust geheftet und die schönen Handschuhe wurden als ›perfekt‹ befunden.
Es wurde viel gelacht, geküsst und erläutert, und das auf jene einfache, liebevolle Art, die solche Feiertage so gemütlich macht und für so wunderbare Erinnerungen sorgt. Anschließend begaben sich alle an die Arbeit.
Die morgendliche Wohltätigkeitsaktion und die Zeremonie hatten so viel Zeit in Anspruch genommen, dass der Rest des Tages den Vorbereitungen für die abendlichen Feierlichkeiten gewidmet war. Da sie noch zu jung fürs Theater waren und nicht wohlhabend genug für aufwändige Privatvorführungen, hatten sich die Mädchen selbst etwas überlegt. Not macht bekanntlich erfinderisch, und so hatten sie alles, was sie brauchten, selbst hergestellt. Herausgekommen waren geschickte Bastelarbeiten: Gitarren aus Karton, antike Lampen in Form von altmodischen Butterdosen unter silbernem Papier, prächtige Roben aus altem Baumwollstoff verziert mit glitzernden Zinnpailletten aus der Gurkenfabrik sowie eine Ritterrüstung, ebenfalls mit Pailletten versehen, einem Abfallprodukt bei der Herstellung von Konservendosendeckeln. Die Möbel waren es gewohnt, auf den Kopf gedreht zu werden, und das Wohnzimmer hatte zuvor schon vielen unschuldigen Träumereien als Schauplatz gedient.
Herren waren nicht zugelassen, also spielte Jo nach Herzenslust die männlichen Rollen. Sie erfreute sich besonders an ihren rotbraunen Lederstiefeln, dem Geschenk einer Freundin, die eine Dame kannte, die einen Schauspieler kannte. Diese Stiefel, ein altes Florett und ein zerrissenes Wams, das irgendein Künstler für ein Gemälde verwendet hatte, waren Jos größten Schätze und kamen bei jeder Gelegenheit zum Einsatz. Da die Schauspieltruppe so klein war, mussten die beiden Hauptdarstellerinnen gleich mehrere Rollen spielen – und sie verdienten durchaus etwas Beifall für die harte Arbeit, die das Lernen von drei oder vier verschiedenen Rollen, das Wechseln von einem Kostüm ins andere und die Organisation des gesamten Bühnenablaufs mit sich brachte. Die Aufführungen waren ein ideales Gedächtnistraining, ein harmloser Zeitvertreib und füllten viele Stunden, die andernfalls müßig, einsam oder in weniger erbaulicher Gesellschaft verbracht worden wären.
Am Weihnachtsabend kletterte ein Dutzend Mädchen aufs Bett – in den ersten Rang – und saß in höchst schmeichelhafter gespannter Erwartung vor dem blau-gelben Chintzvorhang. Hinter dem Vorhang herrschte Geraschel und Geflüster, eine Spur Lampenrauch und das gelegentliche Kichern von Amy, die geneigt war, in der Hitze des Gefechts die Nerven zu verlieren. Schließlich läutete ein Glöckchen, der Vorhang schwang auf und die tragische Oper begann.
Der (laut dem einzigen Programmheft) ›düstere Wald‹ bestand aus eingetopftem Gebüsch, grünem Stoff auf dem Boden und einer Höhle in der Ferne. Die Höhle hatte einen Wäscheständer als Dach, Kommoden als Wände und beherbergte einen kleinen, kräftig lodernden Ofen sowie eine alte Hexe, die sich über einen schwarzen Kessel beugte. Die Bühne war dunkel, und das Glühen des Ofens hatte eine stimmungsvolle Wirkung, vor allem als beim Abnehmen des Deckels echter Rauch aus dem Kessel trat. Man ließ dem Publikum einen Moment Zeit, um den ersten Nervenkitzel zu verdauen, dann stapfte Hugo, der Schurke, mit rasselndem Schwert, Schlapphut, schwarzem Bart und geheimnisvollem Umhang auf die Bühne. Nachdem er sehr aufgewühlt hin und hergelaufen war, schlug er sich gegen die Stirn, schmetterte drauflos und sang von seinem Hass auf Roderigo, seiner Liebe für Zara und seinem festen Vorhaben, dem einen das Leben zu nehmen und die Liebe der anderen zu gewinnen. Hugos barsche Stimme, seine Schreie, wenn ihn hier und da die Gefühle übermannten, waren beeindruckend, und das Publikum applaudierte in dem Moment, als er innehielt, um Luft zu schnappen. Er verbeugte sich wie jemand, der öffentliches Lob gewohnt war, schlich sich nach hinten und beorderte Hagar aus ihrer Höhle, indem er rief: »He da, Gevatterin, ich brauche Euch!«
Auftritt Meg mit wildem schimmelgrauem Rosshaar auf dem Kopf, schwarzrotem Gewand, Stock und einem Umhang voller kabbalistischer Zeichen. Hugo verlangte von ihr einen Zaubertrank, um Zaras Liebe zu gewinnen, und einen zweiten, um Roderigo zu vernichten. Mit anmutig dramatischer Stimme versprach ihm Hagar beides und fuhr fort, den Geist heraufzubeschwören, der den Liebestrank liefern sollte:
Komm zu mir, aus deinem Reich
Geist der Lüfte, komm sogleich!
Rosenkind, mit Tau gelabt
Bist mit Zauberkraft begabt!
Bring mir rasch mit Elfenkuss
Den Trank, den ich jetzt haben muss.
Und mach ihn wirksam, süß und stramm,
Geist der Lüfte, hör mich an!
Eine zarte Melodie erklang, dann trat hinter der Höhle eine kleine Gestalt in wolkigem Weiß mit glitzernden Flügeln, goldenem Haar und einer Rosengirlande hervor. Die Gestalt wedelte mit ihrem Zauberstab und sang:
Hier komm ich aus
Meinem luftigen Haus
Im schimmernden Mondenlicht,
Nimm dieses Gebräue,
Gebrauch es mit Schläue,
Sonst wirkt es leider nicht!
Und nachdem sie der Hexe ein kleines vergoldetes Fläschchen vor die Füße geworfen hatte, löste sich die Gestalt in Luft auf. Ein zweiter Zauberspruch Hagars beschwor eine weitere Erscheinung herauf – jedoch keine schöne, denn mit einem Poltern und Krächzen erschien ein hässlicher schwarzer Kobold, der Hugo mit einer schwarzen Flasche bewarf, ehe er unter Hohngelächter entschwand. Hugo flötete seinen Dank, steckte sich die Fläschchen in die Stiefel und ging ab. Hagar teilte dem Publikum mit, dass sie einen Fluch über ihn ausgesprochen habe und sich mit der Absicht trage, seine Pläne zu durchkreuzen sowie Rache an ihm zu üben, da er einige ihrer Freundinnen auf dem Gewissen habe. Dann fiel der Vorhang und das Publikum erholte sich mit Süßigkeiten, während die Vorzüge des Stückes diskutiert wurden.
Bevor der Vorhang erneut aufging, war ein ausgiebiges Hämmern zu vernehmen. Und als klar wurde, welches Glanzstück von einem Bühnenbild geschaffen worden war, grollte niemand mehr der Verzögerung. Was für eine Pracht! Ein Turm erhob sich bis zur Decke, auf dessen halber Höhe ein Fenster mit einer Lampe war. Hinter dem weißen Vorhang erschien Zara, die in einem entzückenden blau-silbernen Kleid auf Rodrigo wartete. Er kam, herrlich anzusehen, mit einer Feder am Hut, rotem Umhang, rotbrauner Schmachtlocke, Gitarre und natürlich besagten Stiefeln. Er kniete sich vor den Turm und sang mit schmelzender Stimme eine Serenade. Zara antwortete, und nach einem musikalischen Dialog willigte sie in die gemeinsame Flucht ein. Dann kam der Clou. Roderigo zog eine fünfsprossige Strickleiter hervor, warf ein Ende hoch und forderte Zara auf, hinabzusteigen. Ängstlich kletterte sie daran hinunter, stützte sich auf Roderigos Schulter und wollte anmutig zu Boden springen, doch leider hatte die arme Zara nicht an ihre Schleppe gedacht – die sich im Fenster verfangen hatte. Der Turm wankte, kippte nach vorn, stürzte krachend zu Boden und begrub das unglückliche Paar unter den Trümmern.
Alles schrie auf, während die rotbraunen Stiefel sich unter dem Wrack hervorstrampelten, ein goldblonder Schopf auftauchte und rief: »Ich hab’s ja gesagt! Ich hab’s ja gesagt!« Mit grandioser Geistesgegenwart kam seine grausame Majestät Don Pedro herbeigeeilt, befreite seine Tochter und sprach hastig murmelnd zur Seite: »Nicht lachen! Tut so, als wär’s Absicht!« Er befahl Roderigo aufzustehen und verbannte ihn voller Zorn und Verachtung aus dem Königreich. Roderigo, vom Einsturz des Turmes sichtlich mitgenommen, trotzte dem älteren Herrn und rührte sich nicht vom Fleck. Diese Kühnheit befeuerte wiederum Zara. Auch sie trotzte ihrem Vater, der die beiden sodann in den tiefsten Kerker des Schlosses werfen ließ. Ein rundlicher kleiner Dienstbote kam mit Ketten und führte sie weg. Er hatte dabei aber äußerst ängstlich gewirkt und offenbar den Text vergessen, den er hätte sprechen sollen.
Der dritte Akt spielte in der Halle des Schlosses. Hagar erschien, um das Liebespaar zu befreien und Hugo den Garaus zu machen. Sie hört ihn kommen und versteckt sich. Sie sieht, wie er den Zaubertrank in zwei Weinkelche füllt und den verhuschten kleinen Lakaien bittet: »Bring den Gefangenen diese Kelche in ihre Zellen und sag ihnen, ich käme sogleich.« Der Diener nimmt Hugo zur Seite und raunt ihm etwas zu. Hagar ergreift die Kelche und tauscht sie gegen zwei neue mit harmlosem Inhalt aus. Der Diener Ferdinando trägt sie weg, und Hagar stellt den Giftkelch zurück, der eigentlich Roderigo gilt. Nach einem langen Tirilieren dürstet es Hugo, er trinkt, wird besinnungslos, und nach reichlichem Gestikulieren und Taumeln fällt er sterbend zu Boden, während Hagar ihn mit einem Lied von exquisiter Kraft und Melodiösität von ihrer Tat unterrichtet.
Dies war eine wirklich aufregende Szene gewesen – wobei man hätte einwenden können, dass das plötzliche Hervorquellen einer üppigen Haarmähne die Dramatik des sterbenden Schurken womöglich etwas geschmälert hatte. Er wurde vor den Vorhang gerufen und erschien sehr sittsam mit Hagar an der Hand, deren Gesang als wundervoller angesehen wurde als die ganze Aufführung zusammen.
Im vierten Akt steht der verzweifelte Roderigo kurz davor, sich den Dolch ins Herz zu jagen, denn man hat ihm mitgeteilt, dass Zara ihn verlassen habe. Gerade als die Dolchspitze sein Herz berührt, ertönt unter seinem Fenster ein lieblicher Gesang, der ihm mitteilt, dass Zara ihm treu, jedoch in Gefahr sei – aber er könne sie retten. Ein Schlüssel landet vor seinen Füßen, die Tür geht auf, er wirft verzückt seine Ketten ab und saust los, um seine Herzdame zu finden und zu erlösen.
Der fünfte Akt öffnet mit einer stürmischen Szene zwischen Zara und Don Pedro. Er will sie ins Kloster schicken, aber sie weigert sich. Nach einem rührenden Appell will sie gerade in Ohnmacht fallen, als Roderigo auf die Bühne stürmt und um ihre Hand anhält. Don Pedro verweigert sie ihm, da er ihm nicht reich genug ist. Sie schreien und gestikulieren wie wild, und Roderigo ist kurz davor, mit der erschöpften Zara zu entfliehen, als der ängstliche Diener mit einem Brief und einer Tasche von Hagar auftaucht, die mysteriöserweise verschwunden ist. Der Diener teilt der Gruppe mit, dass Hagar dem jungen Paar unsagbare Reichtümer schenke, Don Pedro dagegen ein schreckliches Schicksal, wenn er sie nicht glücklich mache. Die Tasche wird geöffnet, und mehrere Liter Blechgeld regnen auf die Bühne herab, die sich in ein einziges Glitzermeer verwandelt. Diese Aktion erweicht die strenge Majestät. Ohne zu murren willigt sie ein, gemeinsam stimmen sie einen Freudengesang an und der Vorhang fällt vor dem niederknieenden Liebespaar, das mit vollkommener romantischer Anmut Don Pedros Segen empfängt.
Was folgte, war tosender Applaus, der aber unerwartet unterbrochen wurde, denn die zum ersten Rang umgebaute Pritsche brach plötzlich zusammen und verschlang das begeisterte Publikum. Roderigo und Don Pedro eilten zu Hilfe, und alle konnten unverletzt geborgen werden, wobei es vielen vor Lachen die Sprache verschlagen hatte. Die Aufregung verebbte nur langsam, als Hannah auftauchte und sagte: »Mrs March lässt bitten, die Damen möchten jetzt nach unten kommen.«
Dies war eine Überraschung, selbst für die Schauspielerinnen. Und als sie den Tisch sahen, tauschten sie verzückte Blicke aus. Es sah Marmee ähnlich, ihnen eine kleine Freude zu machen, aber etwas so Feines hatten sie seit den längst vergangenen Tagen des Wohlstands nicht gesehen. Es gab Eiscreme, zwei Schüsseln sogar, einmal rosa, einmal weiß, und Kuchen und Früchte, und hinreißende französische Bonbons – und in der Tischmitte standen vier große Sträuße Treibhausblumen!
Es war ein atemberaubender Anblick. Sie starrten erst auf den Tisch und dann auf ihre Mutter, die sich köstlich zu amüsieren schien.
»Waren es Feen?«, fragte Amy.
»Der Weihnachtsmann«, sagte Beth.
»Das war Mutter«, sagte Meg und lächelte ihr süßestes Lächeln, trotz grauem Bart und weißen Brauen.
»Tante March hat einen Anfall von Freundlichkeit gehabt und das Essen geschickt«, rief Jo aus einer spontanen Eingebung heraus.
»Alles falsch. Der alte Mr Laurence hat es kommen lassen«, entgegnete Mrs March.
»Der Großvater des ›Laurence-Jungen‹! Wie in aller Welt kommt er auf so eine Idee? Wir kennen ihn doch gar nicht!«, rief Meg.
»Hannah hat einem seiner Dienstboten von eurer Frühstücksgesellschaft erzählt. Er ist ein alter Kauz, aber das hat ihm gefallen. Er kannte meinen Vater, vor vielen Jahren, und hat mir heute Nachmittag einen höflichen Brief geschickt und gefragt, ob ich ihm gestatte, meinen Kindern mit ein paar Leckereien seine Zuneigung zu bekunden, zur Feier des Tages. Ich konnte unmöglich ›Nein‹ sagen, und so habt ihr nun ein festliches kleines Nachtmahl – zum Ausgleich für unser einfaches Frühstück.«
»Dieser Junge hat ihm das in den Kopf gesetzt, ich weiß es genau! Der ist toll, ich wünschte, wir könnten uns anfreunden. Er sieht aus, als würde er uns gern kennenlernen. Aber er ist schüchtern, und Meg ist immer so etepetete und erlaubt mir nicht, ihn anzusprechen, wenn wir vorbeigehen«, sagte Jo, während die Teller herumgereicht wurden und sich die Eiscreme unter genüsslichen Ohs und Ahs in Wohlgefallen auflöste.
»Redet ihr von den Leuten, die nebenan in dem großen Haus wohnen?«, fragte eines der Mädchen. »Meine Mutter kennt den alten Mr Laurence, aber sie sagt, er sei sehr stolz und wolle mit seinen Nachbarn nichts zu tun haben. Er lässt seinen Enkel nie rausgehen, außer mit seinem Hauslehrer oder zum Reiten, und der Junge muss furchtbar viel lernen. Wir haben ihn zu einer Gesellschaft eingeladen, aber er ist nicht gekommen. Mutter meint, er sei sehr nett, auch wenn er nie mit uns Mädchen redete.«
»Einmal ist die Katze abgehauen, und er hat sie zurückgebracht. Wir haben uns am Gartenzaun unterhalten und sind wunderbar miteinander ausgekommen, es ging um Kricket, und dann hat er Meg kommen sehen und ist gegangen. Ich werde demnächst mit ihm Freundschaft schließen, da könnt ihr sicher sein«, sagte Jo bestimmt.
»Ich mag seine guten Manieren, er sieht aus wie ein kleiner Gentleman. Ihr könnt euch gern anfreunden, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Er hat die Blumen hergebracht, ich hätte ihn hereinbitten sollen, aber ich war mir nicht ganz sicher, was da oben los war. Er hörte den Krach und sah beim Gehen sehr wehmütig aus. Offenbar fehlt ihm ein bisschen Vergnügen.«
»Ein Glück, dass du’s nicht getan hast, Mutter!«, sagte Jo lachend und auf ihre Stiefel blickend. »Aber irgendwann werden wir ein neues Stück aufführen, das er sich ansehen kann. Vielleicht kann er sogar mitspielen. Wär das nicht witzig?«
»Ich habe noch nie einen so schönen Strauß bekommen – er ist einfach traumhaft!«, sagte Meg und inspizierte mit großem Interesse ihre Blumen.
»Sie sind wirklich wunderschön, aber Beths Rosen finde ich persönlich noch viel schöner«, sagte Mrs March und schnupperte an dem halbverwelkten Sträußchen an ihrem Gürtel.
Beth kuschelte sich an sie und flüsterte leise: »Ich wünschte, ich könnte meinen Strauß zu Vater schicken. Er hat bestimmt kein so fröhliches Weihnachten wie wir.«
3
Der Laurence-Junge
»Jo! Jo! Wo bist du?«, rief Meg am Fuß der Dachbodentreppe.
»Hier«, entgegnete eine heisere Stimme von oben. Meg rannte hinauf und fand ihre Schwester in eine Decke gehüllt auf einem alten dreibeinigen Sofa am sonnigen Fenster apfelessend und weinend über dem Erben von Redclyffe. Dies war Jos bevorzugter Zufluchtsort, hierhin zog sie sich am liebsten mit einem halben Dutzend Renetten und einem guten Buch zurück, um die Ruhe zu genießen – einzig in der Gesellschaft einer zahmen Ratte, die dort oben wohnte und sich nicht im Geringsten stören ließ. Als Meg auftauchte, huschte Scrabble in sein Loch. Jo schüttelte sich die Tränen von den Wangen und wartete gespannt auf die Neuigkeiten.
»Was für ein Spaß! Siehst du das! Eine offizielle Einladung von Mrs Gardiner für morgen Abend!«, rief Meg, wedelte mit dem kostbaren Blatt Papier und las mit mädchenhaftem Entzücken weiter.
»›Mrs Gardiner gibt sich die Ehre, Miss March und Miss Josephine zu einer kleinen Silvesterfeier einzuladen.‹ Marmee hat gesagt, wir dürfen – aber was sollen wir nur anziehen?«
»Was soll die Frage, du weißt genau, dass wir unsere Popelinkleider anziehen werden. Wir haben ja nichts anderes«, erwiderte Jo mit vollem Mund.
»Hätte ich doch nur ein Seidenkleid!«, sagte Meg seufzend. »Mutter sagt, wenn ich achtzehn bin, bekomme ich eins, aber wie soll ich denn noch zwei Jahre warten?«
»Unsere Kleider sehen doch aus wie Seide, das reicht vollkommen. Deins ist so gut wie neu. Wobei – ich hab ganz vergessen, dass ich ein Brandloch in meinem hab, und einen Riss. Was nun? Das Brandloch ist nicht zu übersehen, und ich kann nichts mehr rauslassen.«
»Du musst so viel sitzen wie möglich und darfst niemandem deinen Rücken zeigen. Vorne ist das Kleid ja in Ordnung. Ich bekomme eine neue Schleife für meine Haare, und Marmee leiht mir ihre kleine Perlenbrosche. Meine neuen Schuhe sind ein Traum, und meine Handschuhe tun’s noch, auch wenn sie nicht so schön sind, wie ich es gern hätte.«
»Meine haben Limonadenflecken, aber ich kann mir keine neuen kaufen, also werde ich ohne gehen müssen«, sagte Jo, die sich um ihre Kleidung wenig Gedanken machte.
»Du musst aber Handschuhe haben, sonst geh ich nicht«, rief Meg bestimmt. »Handschuhe sind wichtiger als alles andere; ohne kannst du nicht tanzen. Und wenn du nicht tanzt, schäme ich mich in Grund in Boden.«
»Dann bleibe ich halt sitzen. Ich mach mir ohnehin nicht viel aus Gesellschaftstanz. Es macht keinen Spaß, so herumgewirbelt zu werden. Ich lauf lieber rum und treibe Unfug.«
»Du kannst Mutter nicht um neue bitten, sie sind so teuer, und du bist so schlampig. Als du deine ruiniert hast, hat sie gesagt, sie kauft dir diesen Winter keine neuen mehr. Kannst du sie denn nicht irgendwie herrichten?«
»Ich kann sie zusammengebauscht in der Hand halten, dann sieht man nicht, wie fleckig sie sind. Mehr ist nicht drin. Oder nein! Ich sag dir, was wir machen – wir ziehen beide einen guten an und nehmen einen schlechten in die Hand. Verstehst du?«
»Aber du hast viel größere Hände als ich und dehnst mir meine aus«, begann Meg – die eine besondere Schwäche für Handschuhe hatte.
»Dann geh ich halt ohne. Mir doch egal, was die Leute sagen!«, rief Jo und nahm wieder ihr Buch zur Hand.
»Du darfst einen haben, ja, gut, du darfst! Aber mach mir keine Flecken rein, und benimm dich. Nicht die Hände hinterm Rücken verschränken, und nicht glotzen oder ›heiliges Kanonenrohr!‹ sagen, hörst du?«
»Nur keine Sorge. Ich werde so damenhaft sein wie nur möglich und brenzlige Situationen nach Möglichkeit vermeiden. Jetzt lauf und schreib zurück, und lass mich diese grandiose Geschichte zu Ende lesen.«
Also ging Meg, um ›dankend zuzusagen‹, ihr Kleid in Augenschein zu nehmen und unbekümmert singend ihren einzigen echten Spitzenkragen zurechtzulegen, während Jo ihr Buch zu Ende las, ihre restlichen vier Äpfel aß und eine Weile mit Scrabble herumtollte.
Am Silvesterabend war das Wohnzimmer leer, denn die zwei jüngeren Mädchen spielten Kammerzofe und die zwei älteren waren in überaus wichtige ›Silvesterfeier-Vorbereitungen‹ vertieft. So schlicht ihre Aufmachung auch war, es gab jede Menge Treppauf-Treppab, Lachen und Plaudern, und einmal zog ein intensiver Geruch von verbrannten Haaren durchs Haus. Meg wollte ein paar Locken um ihr Gesicht haben, und Jo besorgte mit der Brennschere das Ondulieren der mit Papier umwickelten Strähnen.
»Müssen die so qualmen?«, fragte Beth von ihrem Bett aus.
»Die Feuchtigkeit muss trocknen«, entgegnete Jo.
»Komischer Geruch! Riecht nach verbrannten Federn«, meinte Amy und strich hochmütig die eigenen hübschen Locken glatt.
»Alles klar, jetzt nehme ich die Papierchen ab, und du wirst eine Wolke von Ringellöckchen haben«, sagte Jo und legte die Brennschere hin.
Ja, sie nahm die Papierchen ab, doch von einer Ringellöckchenwolke konnte keine Rede sein, denn zusammen mit den Papierchen lösten sich die Haare gleich mit vom Kopf, und die entsetzte Friseurin legte ihrem Opfer eine Reihe versengter Kringel auf den Tisch.
»Oh oh oh! Was hast du gemacht? Wie seh ich aus?! Meine Haare, oh nein, meine Haare!«, heulte Meg und betrachtete verzweifelt das ungleichmäßige Gekräusel über ihrer Stirn.
»Na, großartig! Du hättest mich nicht fragen dürfen. Ich schaffe es wirklich immer, alles zu versauen. Tut mir wahnsinnig leid, aber die Brennschere war einfach zu heiß«, stöhnte die arme Jo und betrachtete mit reumütigen Augen die kleinen schwarzen Häufchen.
»Sie sind nicht versaut. Bausch sie dir einfach auf und binde dir die Schleife so, dass die Enden über deiner Stirn zusammenkommen, dann sieht’s aus wie der letzte Schrei. Ich hab schon viele Mädchen mit sowas gesehen«, sagte Amy beschwichtigend.
»Geschieht mir recht, so auf Dame zu machen. Hätte ich meine Haare doch nur in Ruhe gelassen«, rief Meg verdrossen.
»Finde ich auch, sie waren so schön glatt und hübsch. Aber sie wachsen ja wieder«, sagte Beth und ging zu dem geschorenen Schaf, um es zu küssen und trösten.
Nach diversen weniger schlimmen Missgeschicken war Meg endlich fertig, und mit Hilfe der ganzen Familie war Jos Haar endlich hochgesteckt und ihr Kleid angezogen. Sie sahen wirklich gut in ihren einfachen Kostümen aus: Meg in einem silbrigen Wollstoff mit einem Haarnetz aus blauem Samt, ihrem Spitzenkragen und der Perlenbrosche; Jo ganz in Braun mit einem steifen Leinenkragen wie ein junger Gentleman und als einzigen Schmuck ein paar weiße Chrysanthemen. Jede zog einen hübschen hellen Handschuh an und trug den verschmutzten zweiten in der Hand. Die Aufmachung wurde von allen für ›schlicht und edel‹ befunden. Nur Megs hochhackige Schuhe waren viel zu eng, auch wenn sie es nicht zugeben wollte, und Jos neunzehn Haarnadeln schienen sich direkt in ihren Kopf zu bohren, was ebenfalls kein Spaß war – aber, nun ja, wer schön sein will, muss leiden.
»Amüsiert euch, meine Lieblinge!«, sagte Mrs March, während die Schwestern mit zierlichen Schritten den Pfad hinunter gingen. »Esst nicht zu viel, und um elf ist Schluss, dann schicke ich Hannah, um euch abzuholen.« Als das Tor hinter ihnen zufiel, hörten sie eine Stimme aus dem Fenster:
»Mädchen! Mädchen! Habt ihr auch beide ein frisches Taschentuch dabei?«
»Ja, ja, blitzsauber! Meg hat ihrs sogar mit Kölnischwasser benetzt«, rief Jo und fügte lachend hinzu: »Ich glaube wirklich, selbst bei einem Erdbeben würde uns Marmee diese Frage stellen.«
»Es ist eine ihrer aristokratischen Vorlieben und es gehört sich so, denn eine echte Dame erkennt man immer an sauberen Stiefeln, Handschuhen und einem Taschentuch«, entgegnete Meg, die selbst eine ganze Reihe von ›aristokratischen Vorlieben‹ besaß.
»Achte darauf, dass niemand deinen kaputten Rock sieht, Jo. Sitzt meine Schärpe richtig? Sehen meine Haare sehr schlimm aus?«, fragte Meg und wandte sich nach ausgiebigem Gezupfe vom Spiegel in Mrs Gardiners Ankleidezimmer ab.
»Ich weiß, irgendwas werde ich vergessen. Wenn du siehst, dass ich was falsch mache, dann zwinkerst du mir zu, ja?«, sagte Jo, rückte ihren Kragen zurecht und fuhr sich hastig mit der Bürste über den Kopf.
»Nein, Zwinkern gehört sich nicht für eine Dame. Ich ziehe die Augenbrauen hoch, wenn irgendwas nicht stimmt, und ich nicke, wenn alles in Ordnung ist. Jetzt halte dich gerade, mach kleine Schritte und gib niemandem die Hand, der dir vorgestellt wird. Das macht man nicht.«
»Woher weiß man bloß immer, was sich gehört und was nicht? Ich kann mir das nie merken. Oh, was für schöne Musik!«
Und dann gingen sie ein wenig schüchtern nach unten, denn sie waren nicht oft auf Feiern eingeladen, und so informell diese Versammlung auch sein mochte, für die beiden war sie ein großes Ereignis. Mrs Gardiner, eine stattliche ältere Dame, begrüßte sie freundlich und übergab sie der ältesten ihrer sechs Töchter. Meg kannte Sallie und legte sofort ihre Hemmungen ab, aber Jo, die sich wenig aus Mädchen und Mädchentratsch machte, stand herum, den Rücken sorgsam zur Wand gedreht, und fühlte sich so fehl am Platz wie ein Fohlen in einem Blumengarten. Ein halbes Dutzend gut gelaunter Jungen unterhielt sich in einem anderen Teil des Raums über Schlittschuhe, und sie wünschte sich nichts lieber, als sich dazuzugesellen, denn sie lief für ihr Leben gerne Schlittschuh. Sie telegraphierte Meg ihren Wunsch, doch die zog die Augenbrauen auf so alarmierende Weise hoch, dass Jo sich nicht vom Fleck zu rühren wagte. Niemand kam, um sich mit ihr zu unterhalten, und nach und nach löste sich die Gruppe in ihrer Nähe auf, bis sie ganz allein dastand. Sie konnte nicht umherspazieren und sich vergnügen, denn dann wäre das Brandloch zu sehen gewesen, also starrte sie etwas verloren die Leute an, bis der erste Tanz anfing. Meg wurde sofort aufgefordert und bewegte sich so flink in ihren zu engen Schuhen, dass niemand hätte ahnen können, wie sehr sich die lächelnde Trägerin quälte. Jo sah einen großen Rotschopf auf sich zumarschieren, und aus lauter Angst, zum Tanzen aufgefordert zu werden, verzog sie sich in eine Nische hinter einem Vorhang, von wo aus sie das Geschehen verfolgen und in Ruhe ihren Spaß haben konnte. Dummerweise hatte bereits eine andere schüchterne Person dort Zuflucht gesucht, und als der Vorhang hinter ihr zufiel, stand sie plötzlich von Angesicht zu Angesicht mit dem ›kleinen Laurence‹.
»Oh weh, ich wusste nicht, dass hier besetzt ist«, stammelte Jo und wollte schnellstens den Rückzug antreten.
Doch der Junge lachte und sagte freundlich, wenn auch leicht erschrocken:
»Bleib ruhig, wenn’s dir nichts ausmacht.«
»Stör ich dich nicht?«
»Überhaupt nicht, ich hab mich nur zurückgezogen, weil ich nicht so viele Leute kenne und anfangs ein komisches Gefühl hatte, weißt du.«
»Ging mir genauso. Bitte geh nicht, es sei denn, es ist dir lieber.«
Der Junge setzte sich wieder und sah auf seine Stiefel, bis Jo, die sich höflich und ungezwungen geben wollte, zu ihm sagte: »Ich glaube, wir hatten bereits das Vergnügen – du wohnst doch bei uns in der Nähe, stimmt’s?«
»Direkt nebenan.« Er sah hoch und lachte ihr ins Gesicht, denn Jos Gehabe war ziemlich albern, wo die beiden doch schon bei dem Vorfall mit der Katze über Kricket geplaudert hatten.
Das nahm Jo die Befangenheit. Auch sie lachte und sagte auf ihre typisch herzliche Art:
»Wir haben uns wahnsinnig über dein Weihnachtsgeschenk gefreut.«
»Das war von Großpapa.«
»Aber du hast ihn doch bestimmt darauf gebracht, nicht wahr?«
»Wie geht es Ihrer Katze, Miss March?«, fragte der Junge mit gespieltem Ernst, wobei seine schwarzen Augen vor Heiterkeit strahlten.
»Sehr gut, danke der Nachfrage, Mr Laurence, aber ich bin nicht Miss March, nur Jo«, entgegnete die junge Dame.
»Und ich bin nicht Mr Laurence, nur Laurie.«
»Laurie Laurence; seltsamer Name.«
»Eigentlich heiße ich Theodore, aber ich mag den Namen nicht, weil die Jungs immer Dora zu mir gesagt haben, also hab ich drauf bestanden, dass sie mich Laurie nennen.«
»Ich finde meinen Namen auch schrecklich – so sentimental! Ich wünschte, alle würden Jo zu mir sagen statt Josephine. Wie hast du die Jungs dazu gebracht, dich nicht mehr Dora zu nennen?«
»Ich hab sie verdroschen.«
»Tante March kann ich nicht verdreschen. Also muss ich wohl damit leben.« Und Jo seufzte resigniert.
»Tanzt du nicht gern, Miss Jo?«, fragte Laurie, der ihren Namen offenbar passend fand.
»Doch, schon, wenn genug Platz und viel los ist. Aber hier schmeiße ich bestimmt nur was um oder trete jemandem auf die Füße oder in sonst irgendeinen Fettnapf, deswegen halte ich mich lieber raus. Soll Meg sich alleine aufplustern. Tanzt du nicht gern?«
»Manchmal. Weißt du, ich war einige Jahre im Ausland und noch nicht oft genug unter Leuten, um zu wissen, wie hier bei euch die Dinge laufen.«
»Im Ausland!«, rief Jo, »oh, erzähl! Ich liebe Reiseberichte.«
Laurie schien nicht zu wissen, wo er anfangen sollte. Doch Jos eifrige Fragen brachten ihn bald in Schwung, und er erzählte ihr von Vevey, wo er zur Schule gegangen war, wo die Jungen nie Hüte getragen und eine eigene Bootsflotte besessen hatten und in ihrer Freizeit mit den Lehrern kreuz und quer durch die Schweiz gewandert waren.
»Das hätte ich auch gern erlebt!«, rief Jo. »Warst du auch in Paris?«
»Wir haben den letzten Winter dort verbracht.
»Sprichst du Französisch?«
»In Vevey durften wir nichts anderes sprechen.«
»Sag doch mal was! Ich kann es lesen, aber nicht sprechen.«
»Quel nom a cette jeune demoiselle en les pantoufles jolis?«, sagte Laurie gutmütig.
»Das klingt schön! Lass mich überlegen – du hast gesagt: ›Wer ist die junge Dame in den hübschen Schuhen?‹, stimmt’s?«
»Oui, mademoiselle.«
»Das ist meine Schwester Margaret, das wusstest du genau! Findest du sie hübsch?«
»Ja, sie erinnert mich an die Mädchen in Deutschland, sie wirkt so frisch und ruhig und tanzt wie eine Dame.«
Jo glühte vor Freude über dieses Lob und prägte es sich ein, um es später mit ihrer Schwester zu teilen. Beide spähten sie durch den Vorhang, lästerten und plauderten, bis sie sich wie alte Bekannte fühlten. Die Schüchternheit fiel bald von Laurie ab, denn Jos kumpelhaftes Benehmen amüsierte ihn und nahm ihm die Nervosität, und Jo war wieder lustig wie eh und je, denn sie dachte nicht mehr an ihr Kleid und niemand zog ihretwegen die Augenbrauen hoch. Sie mochte den ›Laurence Jungen‹ mehr denn je und sah ihn sich ganz genau an, um ihn den Mädchen beschreiben zu können. Sie hatten keine Brüder, nur wenige Cousins, und Jungen waren für sie mehr oder weniger unbekannte Wesen.
›Schwarze Locken, dunkler Teint, große schwarze Augen, lange Nase, schöne Zähne, kleine Hände und Füße, so groß wie ich; sehr höflich für einen Jungen, und insgesamt sehr lustig. Wie alt mag er sein?‹, dachte sie.
Die Frage lag Jo auf der Zunge, aber sie konnte sich rechtzeitig zurückhalten und versuchte es mit ungewohntem Anstand durch die Blume herauszufinden.
»Dann gehst du wahrscheinlich bald studieren? Ich seh dich ständig beim Büffeln – ich meine, beim Lernen.« Jo wurde rot, weil ihr das unschickliche Wort ›Büffeln‹ herausgerutscht war.
Laurie lächelte, wirkte aber nicht schockiert und antwortete achselzuckend: »Das dauert noch zwei, drei Jahre; jedenfalls nicht, bevor ich siebzehn bin.«
»Du bist erst fünfzehn?«, fragte Jo und betrachtete den großgewachsenen Jungen, den sie bereits auf siebzehn geschätzt hatte.
»Nächsten Monat werde ich sechzehn.«
»Du glaubst ja gar nicht, wie gern ich studieren würde – du siehst allerdings nicht begeistert aus.«
»Ich hab darauf überhaupt keine Lust! Nichts als Plackerei und Partys. Und ich find’s nicht gut, wie die Studenten hierzulande so sind.«
»Was wäre dir denn lieber?«
»In Italien leben und mich auf meine Art vergnügen.«
Jo hätte ihn gerne nach seiner Art des Sichvergnügens gefragt, doch sein Stirnrunzeln mit den schwarzen Brauen wirkte leicht bedrohlich, also wechselte sie das Thema, klopfte mit dem Fuß im Takt und sagte: »Das ist eine großartige Polka. Warum gehst du nicht tanzen?«
»Nur wenn du mitkommst«, erwiderte er mit einer seltsamen kleinen französischen Verbeugung.
»Ich darf nicht, ich hab’s Meg versprochen, weil –« Jo hielt inne und schien nicht zu wissen, ob sie es erzählen oder lachen sollte.
»Weil was?«, fragte Laurie neugierig.
»Du erzählst es nicht weiter?«
»Niemals!«
»Na ja, ich hab die blöde Angewohnheit, vorm Feuer zu stehen, also kriegen meine Kleider immer Brandlöcher, und dieses hier habe ich versengt – ist zwar schön geflickt, aber man sieht’s trotzdem, und Meg meinte, ich soll mich nicht bewegen, damit’s niemand sieht. Du kannst ruhig lachen, wenn du willst. Es ist lustig, ich weiß.«
Aber Laurie lachte nicht. Er sah nur einen Moment zu Boden. Sein Blick verwirrte Jo, ehe er mit sehr sanfter Stimme sagte: »Das macht nichts, ich weiß, wie es trotzdem geht. Draußen ist ein langer Flur, dort können wir großartig tanzen, und kein Mensch kann uns sehen. Darf ich bitten?«
Jo dankte ihm, ging voller Vorfreude mit und wünschte sich, sie hätte zwei ordentliche Handschuhe, als sie die schönen perlmuttfarbenen sah, die sich ihr Tanzpartner überzog. Der Flur war leer, und sie tanzten eine grandiose Polka. Laurie war ein hervorragender Tänzer und brachte Jo zu ihrem Entzücken den so beschwingten deutschen Hüpfschritt bei. Als die Musik endete, setzten sie sich zum Verschnaufen auf die Treppe. Laurie erzählte gerade von einer Studentenfeier in Heidelberg, als Meg auf der Suche nach ihrer Schwester auftauchte. Sie winkte sie zu sich heran, und widerwillig folgte ihr Jo in ein Nebenzimmer. Meg setzte sich mit blassem Gesicht aufs Sofa und rieb einen ihrer Füße mit beiden Händen.
»Ich hab mir den Knöchel ganz schlimm verstaucht. Ich bin in diesen blöden Schuhen umgeknickt. Es tut so weh, ich kann kaum stehen – keine Ahnung, wie ich damit nach Hause kommen soll«, sagte sie und wiegte sich vor Schmerzen hin und her.
»War ja klar, dass du dir in diesen albernen Dingern wehtun würdest. Das tut mir leid, aber ich weiß auch nicht, was du machen sollst, außer dir einen Wagen zu nehmen oder hier zu übernachten«, erwiderte Jo und massierte dabei sanft den armen Knöchel.
»Ich kann keinen Wagen nehmen, das ist viel zu teuer – vermutlich würde ich auch gar keinen finden, die meisten sind mit dem eigenen Wagen hier, und der Stall ist ganz am anderen Ende und es gibt keinen, den man schicken könnte«, sagte Meg.
»Ich gehe.«
»Auf keinen Fall, es ist nach neun und stockdunkel. Ich kann hier nicht übernachten, das Haus ist voll. Sallie hat ein paar Mädchen zu Besuch. Ich ruhe mich aus, bis Hannah kommt, und dann tu ich mein Bestes.«
»Ich frag Laurie; er geht bestimmt«, sagte Jo und wirkte erleichtert, auf diese Idee gekommen zu sein.
»Nein, bloß nicht! Frag niemanden und erzähl’s nicht weiter. Hol mir meine Überschuhe und tu die Schuhe zu unseren Sachen. Ich kann nicht mehr tanzen. Aber sobald das Abendessen vorbei ist, musst du nach Hannah Ausschau halten und mir sofort Bescheid geben, wenn sie hier ist.«
»Sie gehen jetzt raus zum Essen. Ich bleibe bei dir; ist mir lieber.«
»Nein, Süße, lauf los und hol mir eine Tasse Kaffee. Ich bin so müde, ich kann mich nicht rühren.«
Also legte Meg sich hin, die Überschuhe gut versteckt, während Jo davonstolperte, um das Speisezimmer zu suchen. Doch erst nachdem sie sich in eine Vorratskammer verirrt und anschließend die Tür zu einem Zimmer geöffnet hatte, in dem der alte Mr Gardiner gerade einen kleinen privaten Imbiss zu sich nahm, fand sie das Speisezimmer. Sie stürzte zum Tisch und sicherte sich den Kaffee, den sie sofort verschüttete, so dass die Vorderseite ihres Kleides genauso ruiniert war wie das Rückenteil.
»Große Güte! Ich bin aber auch ein Tollpatsch!«, rief Jo und gab Megs Handschuh den Rest, indem sie damit über ihr Kleid wischte.
»Kann ich dir helfen?«, fragte eine freundliche Stimme. Und da stand Laurie mit einer gefüllten Tasse in der einen Hand und einem Teller Eiscreme in der anderen.
»Ich wollte Meg was zu essen holen, weil sie so müde ist, und dann hat mich jemand angerempelt, und schau, wie ich jetzt aussehe«, erwiderte Jo und blickte missmutig von ihrem Rock mit den Kaffeeflecken zu ihrem kaffeefarbenen Handschuh.
»Das ist ja ärgerlich! Ich suche jemanden, der mir das hier abnimmt. Darf ich es deiner Schwester bringen?«
»Oh, danke! Ich zeig dir, wo sie ist. Ich trag’s lieber nicht selbst, sonst passiert mir gleich das nächste Malheur.«
Jo zeigte ihm den Weg; und als wäre er das Bedienen von Damen gewohnt, zog Laurie ein Tischchen heran, holte einen zweiten Kaffee sowie Eiscreme für Jo und war dabei so zuvorkommend, dass selbst die anspruchsvolle Meg ihn zu einem ›netten Jungen‹ erklärte. Sie vergnügten sich mit den Sprüchen aus ihren Knallbonbons und spielten gerade mit ein paar anderen jungen Leuten eine ruhige Runde Buzz, als Hannah auftauchte. Meg vergaß ihren Fuß und sprang so plötzlich auf, dass sie sich mit einem kleinen Schmerzensschrei an Jo klammern musste.
»Still! Sag nichts«, flüsterte sie und fügte laut hinzu: »Es ist nichts. Ich hab mir etwas den Fuß verrenkt – das ist alles.« Und sie humpelte nach oben, um sich anzuziehen.
Hannah schimpfte, Meg weinte, und Jo wusste weder ein noch aus, ehe sie beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie schlüpfte hinaus, rannte nach unten, wo sie einen Dienstboten bat, einen Wagen für sie zu besorgen. Dummerweise war er bloß eine Hilfskraft und kannte sich mit den Gegebenheiten nicht aus. Jo war gerade dabei, anderweitig nach Hilfe zu suchen, als Laurie, der alles mitbekommen hatte, sie ansprach und den Wagen seines Großvaters anbot – er sei gerade eingetroffen, um ihn abzuholen.
»Es ist doch noch so früh – du willst doch nicht jetzt schon gehen?«, begann Jo, die erleichtert wirkte, aber unsicher war, ob sie das Angebot annehmen sollte.
»Ich geh immer früh – wirklich! Bitte lasst euch nach Hause fahren. Es liegt auf dem Weg, und außerdem scheint es zu regnen.«
Damit war die Sache entschieden. Nachdem sie ihn über Megs Missgeschick aufgeklärt hatte, nahm Jo das Angebot dankbar an und rannte nach oben, um die anderen zu holen. Da Hannah Regen hasste wie eine Katze, hatte sie keinerlei Einwände. Und so rollten sie komfortabel im geschlossenen Wagen davon und fühlten sich überaus vornehm und elegant. Laurie setzte sich auf den Dienstbotensitz, damit Meg den Fuß hochlegen konnte, und die Mädchen plauderten ungezwungen über den Tanzabend.
»Ich fand den Abend toll – und du?«, fragte Jo, lockerte ihre Haare und machte es sich bequem.
»Ja, bis ich mir wehgetan habe. Annie Moffat, Sallies Freundin, mochte mich und hat mich zu sich eingeladen, zusammen mit Sallie, für eine ganze Woche. Und zwar im Frühling, wenn die Opernsaison anfängt. Es wäre einfach traumhaft, wenn Mutter es mir erlauben würde«, erwiderte Meg, die beim Gedanken daran putzmunter wurde.
»Ich hab gesehen, dass du mit dem rothaarigen Mann getanzt hast, vor dem ich geflüchtet bin. War er nett?«
»Oh ja, sehr! Seine Haare sind rotbraun, nicht rot; und er war sehr höflich. Ich hab eine phantastische Redowa mit ihm getanzt.«
»Er sah aus wie ein wildgewordener Grashüpfer. Laurie und ich haben uns gebogen vor Lachen – hast du uns gehört?«
»Nein, aber sowas macht man nicht. Was habt ihr da überhaupt so lange getrieben, in eurem Versteck?«
Jo erzählte von ihren Abenteuern, und gerade als sie fertig wurde, waren sie zu Hause. Sie bedankten sich mehrmals, wünschten gute Nacht und schlichen sich auf Zehenspitzen ins Haus, in der Hoffnung, niemanden zu stören. Doch sobald sie die knarrende Zimmertür aufgeschoben hatten, rührten sich zwei kleine Nachthauben, und zwei schläfrige, aber eifrige Stimmen riefen:
»Erzählt uns von der Feier! Erzählt!«
Unangemessenerweise, wie Meg sagte, hatte Jo zwei Knallbonbons für die kleinen Mädchen eingesteckt, und nachdem sie die aufregendsten Ereignisse des Abends erfahren hatten, wurden sie wieder ruhig.
»Du liebe Güte, ich komme mir vor wie eine feine junge Dame – mit einem Wagen von einer Feier nach Hause gebracht zu werden und im Morgenmantel dazusitzen und von einer Zofe bedient zu werden«, sagte Meg, während Jo ihr einen Arnikawickel machte und ihr die Haare kämmte.
»Ich glaube, wir hatten genauso viel Spaß wie echte feine junge Damen, trotz versengter Haare, alter Kleider, einzelner Handschuhe und verstauchter Knöchel wegen zu enger Schuhe, die wir so albern sind anzuziehen«, sagte Jo. Und damit hatte sie vollkommen Recht.
4
Bündel
»Oh weh, wie schwer es einem fällt, sein Bündel zu packen und weiterzuziehen«, sagte Meg seufzend am Morgen nach der Feier. Die Ferien waren vorbei, und nach einer Woche voller Festivitäten fiel es ihr alles andere als leicht, ihre ungeliebten Pflichten wieder aufzunehmen.
»Ich wünschte, es wäre immer Weihnachten oder Neujahr; wäre das nicht lustig?«, erwiderte Jo und gähnte betrübt.
»Wir würden es nicht halb so sehr genießen wie jetzt. Aber es ist wirklich schön, vornehme Abendessen spendiert und Blumensträuße geschenkt zu bekommen, auf Feiern zu gehen und in einem Wagen nach Hause zu fahren, zu lesen, sich auszuruhen und nicht schuften zu müssen. Ein Leben, wie es andere führen, weißt du, und ich beneide die Mädchen, die sich sowas erlauben können. Luxus ist wirklich was Feines«, sagte Meg und überlegte, welches ihrer beiden schäbigen Kleider das weniger schäbige war.
»Tja, wir können’s nun mal nicht, also lass uns nicht murren, sondern unsere Bündel schultern und so frohen Mutes weitermachen wie Marmee. Keine Frage, Tante March ist für mich ein unberechenbarer Meeresgott, aber ich vermute, sobald ich gelernt habe, sie klaglos auf mich zu nehmen, wird sie von mir abfallen, oder zumindest so leicht werden, dass sie mir gar nichts mehr ausmacht.«
Dieser Gedanke gefiel Jo und hob ihre Laune, aber Megs Stimmung hellte sich kein bisschen auf, denn ihr Bündel, bestehend aus vier verwöhnten Kindern, schien ihr schwerer als je zuvor. Sie hatte nicht einmal Lust, sich wie sonst hübsch zu machen, sich eine blaue Schleife um den Hals zu binden und sich zu frisieren.
»Was soll ich mich zurechtmachen, wenn mich ohnehin keiner sieht, außer diese nervtötenden Zwerge. Niemanden kümmert’s, ob ich hübsch aussehe oder nicht«, murmelte sie und schob mit einem Ruck ihre Schublade zu. »Ich werde bis ans Ende meiner Tage schuften müssen, und nur hier und da ein bisschen Spaß haben. Dann werde ich alt, hässlich und verbittert, nur weil ich arm bin und mein Leben nicht so genießen kann wie andere Mädchen. Es ist zum Heulen!«
So ging Meg mit gekränkter Miene nach unten und war beim Frühstück sehr unleidlich. Alle wirkten ein wenig neben sich und unzufrieden.
Beth lag mit Kopfschmerzen auf dem Sofa und versuchte sich mit der Katze und ihren drei kleinen Jungen zu trösten; Amy war aufgebracht, weil sie nicht gelernt hatte und ihre Überschuhe verschwunden waren; klar, dass Jo ein Liedchen pfiff und beim Anziehen jede Menge Lärm machte; Mrs March war damit beschäftigt, einen Brief zu Ende zu schreiben, der dringend in die Post musste; und Hannah war unausgeschlafen und übellaunig.
»Mein Gott, sind wir alle unleidlich!«, rief Jo wütend, nachdem sie ein Tintenfass umgeworfen, beide Schnürsenkel ihrer Stiefel abgerissen und sich auf ihren Hut gesetzt hatte.
»Du aber am schlimmsten!«, gab Amy zurück und löschte das – natürlich falsche – Ergebnis auf ihrer Schiefertafel mit ihren Tränen.
»Beth, wenn du diese grässlichen Katzen nicht im Keller lässt, sorge ich dafür, dass sie ertränkt werden,«, rief Meg gereizt und versuchte vergeblich, das Kätzchen zu packen, das an ihrem Rücken hochgeklettert war und sich festgekrallt hatte wie eine Klette.
Jo lachte, Meg schimpfte, Beth flehte und Amy jammerte, weil sie nicht mehr wusste, wie viel 9 mal 12 war.
»Mädchen! Mädchen! Bitte! Seid leise! Das hier muss in die Morgenpost, und ich kann mich so nicht konzentrieren«, rief Mrs March, die schon zum dritten Mal einen Satz durchstreichen musste.
Dann war es still, bis Hannah hereinstürzte, zwei heiße Teigtaschen auf den Tisch legte und wieder hinausstürzte. Diese Teigtaschen waren eine Institution, und die Mädchen nannten sie scherzhaft ihre ›Muffe‹, da sie keine richtigen Muffe besaßen und es liebten, sich an kalten Morgen an den heißen Küchlein die Hände zu wärmen.
Hannah vergaß nie, welche zu backen, egal wie viel sie zu tun hatte oder wie grantig sie war, denn der Fußweg der armen Dinger war lang und trostlos; sie bekamen kein Mittagessen und waren selten vor drei Uhr nachmittags zu Hause.
»Knuddel deine Katzen und gute Besserung, Betty. Mach’s gut, Marmee. Wir waren schlimm heute Morgen, aber nachher kommen wir als Engel zurück. Auf geht’s, Meg!« Und Jo stapfte los. Anscheinend waren die Pilgerinnen heute allesamt mit dem falschen Fuß aufgestanden, dachte sie.
Vor der Biegung warfen sie noch einen letzten Blick zurück, denn wie immer stand ihre Mutter nickend und lächelnd am Fenster und winkte ihnen zum Abschied zu. Irgendwie war es so, als würden sie den Tag sonst nicht überstehen, denn schlechte Laune hin oder her, das Gesicht ihrer Mutter hatte jedes Mal etwas von einem Sonnenstrahl.
»Marmee sollte uns eher mit der Faust drohen, als uns Kusshände zuzuwerfen – wir sind so ein undankbares Pack«, rief Jo und empfand eine gewisse Genugtuung, im bitteren Wind durch den Matsch stiefeln zu müssen.
»Benutz doch nicht immer solche schrecklichen Ausdrücke«, entgegnete Meg aus den Tiefen ihres Schals, in dem sie eingemummelt war wie eine Nonne, die vom weltlichen Dasein genug hat.
»Ich mag Begriffe, die stark und aussagekräftig sind«, erwiderte Jo und packte gerade noch rechtzeitig ihre Mütze, bevor sie ihr vom Kopf geweht und davongehüpft wäre.
»Bezeichne dich selbst, wie du willst. Ich bin aber weder schlimm noch undankbar, und ich möchte auch nicht so genannt werden.«
»Du bist ein ganz armes Kind, und nur deshalb so schlecht gelaunt heute, weil du nicht jeden Tag in Luxus schwelgen kannst. Armer Liebling! Warte nur, bis ich reich bin, dann kannst du dich nicht mehr retten vor Kutschen, Eiscreme, hochhackigen Schuhen, Blumensträußen und rothaarigen Tanzpartnern.«
»Du bist so albern!«, sagte Meg, aber sie lachte über diesen Blödsinn und fühlte sich wider Willen besser.
»Dein Glück! Wenn ich nämlich versuchen würde, genauso bedrückt und elend zu sein wie du, stünden wir alle dumm da. Gott sei Dank finde ich immer was Witziges, das mich bei der Stange hält. Jetzt hör auf zu jammern und komm mit guter Laune nach Hause, ja?«
Jo gab ihrer Schwester einen aufmunternden Klaps auf die Schulter, und sie trennten sich, um in entgegengesetzte Richtungen weiterzugehen. Beide drückten ihre warme kleine Teigtasche an sich und nahmen sich vor, trotz des winterlichen Wetters, der harten Arbeit und der unbefriedigten Lust auf jugendliche Vergnügungen fröhlich zu sein.
Als Mr March bei seinem Versuch, einem Freund finanziell aus der Patsche zu helfen, sein Vermögen verloren hatte, hatten ihn die beiden ältesten Mädchen angefleht, zumindest für den eigenen Unterhalt selbst sorgen zu dürfen. Da ihre Eltern der Meinung waren, dass man nicht früh genug damit anfangen konnte, Tatkraft, Fleiß und Unabhängigkeit zu lernen, hatten sie eingewilligt, und beide Mädchen hatten sich ins Erwerbsleben gestürzt, wacker und mit bestem Willen, der trotz aller Schwierigkeiten am Ende eigentlich immer mit Erfolg belohnt wurde. Margaret hatte eine Stelle als Gouvernante gefunden und fühlte sich mit ihrem kleinen Gehalt sehr wohlhabend. Wie gesagt war Luxus für sie etwas sehr ›Feines‹, und ihr größtes Problem war die Armut. Arm zu sein war für sie schwerer zu ertragen als für die anderen, da sie sich noch an eine Zeit erinnern konnte, als zu Hause alles sehr vornehm, das Leben leicht und fröhlich gewesen war und kein Mangel geherrscht hatte. Sie gab sich alle Mühe, nicht neidisch oder unzufrieden zu sein, aber es war ja nur normal, dass sich das Mädchen nach schönen Dingen, unbeschwerten Freundinnen, Erfolg und einem glücklichen Leben sehnte. Bei den Kings sah sie tagtäglich alles, was sie selbst haben wollte. Die älteren Schwestern der Kinder waren immer unterwegs, und Meg erhaschte ständig einen Blick auf zarte Ballkleider und üppige Sträuße und hörte angeregte Gespräche über Theater, Konzerte, Schlittenfahrten und allerlei Vergnügungen. Sie sah, wie kostbares Geld für Unwichtigkeiten verschwendet wurde. Die arme Meg klagte selten, aber die Ungerechtigkeit des Ganzen löste manchmal Bitterkeit in ihr aus. Sie hatte noch nicht erkannt, wie reich sie gesegnet war mit den Dingen, die das Leben eigentlich wertvoll machten.

Tante March indessen, die nicht gut zu Fuß war und jemand Tatkräftiges brauchte, um sie zu bedienen, hatte in Jo eine passende Kandidatin gefunden. Zu Beginn der finanziellen Misere der Marches hatte die kinderlose alte Dame vorgeschlagen, eines der Mädchen zu adoptieren, und sie war ziemlich gekränkt gewesen, als ihr Angebot abgelehnt wurde. Bekannte wiesen die Familie darauf hin, dass sie sich ihre Chancen gründlich vertan hätte, im Testament der reichen Dame genannt zu werden, doch die weltfremden Marches erwiderten darauf bloß:
»Nicht mal für das dutzendfache Vermögen würden wir unsere Mädchen hergeben. Ob reich oder arm, wir gehören zusammen und werden uns gegenseitig glücklich machen.«
Eine Zeitlang hatte die alte Dame kein Wort mehr mit den Marches gesprochen, doch als Jo ihr zufällig bei Bekannten über den Weg gelaufen war, hatte die alte Dame Gefallen an ihrem fröhlichen Gesicht und ihrer direkten Art gefunden und ihr eine Stelle als Gesellschafterin angeboten. Jo hatte das ganz und gar nicht gepasst, doch aus Ermangelung eines Besseren hatte sie die Stelle angenommen – und zu aller Verwunderung kam sie mit ihrer temperamentvollen Tante gut aus. Hin und wieder krachte es, und einmal war Jo nach Haus marschiert und hatte verkündet, sie halte es nicht länger bei ihr aus. Doch Tante March beruhigte sich stets schnell und hatte sie erneut mit solcher Dringlichkeit herbeigerufen, dass Jo nicht anders konnte.
Vermutlich war aber einfach die große Bibliothek voll wunderschöner Bücher zu verlockend, die seit dem Tod von Onkel March dem Staub und den Spinnen anheimfiel. Jo erinnerte sich gut an den freundlichen alten Herrn mit seinen Wörterbüchern, mit denen sie Eisenbahntrassen und Brücken bauen durfte, der ihr Geschichten zu den seltsamen Bildern in den lateinischen Büchern erzählte und ihr Lebkuchen kaufte, wann immer sie sich auf der Straße begegneten. Das schummrige, staubige Zimmer mit den Büsten, die von den hohen Regalen herabblickten, den gemütlichen Sesseln, den Weltkugeln und vor allem der Unmenge Bücher, zwischen denen sie nach Herzenslust umherstreifen konnte, war für Jo das Paradies auf Erden. Kaum dass sich Tante March aufs Ohr gelegt oder Besuch bekommen hatte, eilte Jo in diesen stillen Raum, machte es sich in dem dicken Sessel bequem und verschlang Gedichte, Romane, Geschichtsbücher, Reiseberichte und Bildbände wie ein echter Bücherwurm. Aber wie jedes Glück war auch dieses nie von langer Dauer, denn immer dann, wenn sie gerade bei der Schlüsselszene einer Geschichte, beim schönsten Vers oder brenzligsten Abenteuer ihres Reiseberichts angekommen war, rief eine schrille Stimme: »Jose-phine, Jose-phine!«, und sie musste ihr Himmelreich verlassen, um stundenlang Wolle aufzuwickeln, den Pudel zu waschen oder aus Belshams Essays vorzulesen.

Jo hatte den Ehrgeiz, irgendwann einmal etwas ganz Großartiges zu tun. Noch hatte sie keine exakte Vorstellung davon – doch die würde mit der Zeit kommen. Unterdessen machte es ihr furchtbaren Kummer, dass sie nicht so viel lesen, herumtollen und reiten konnte, wie sie wollte. Ihr hitziges Temperament, ihre spitze Zunge und ihr unruhiger Geist brachten sie immer wieder in Schwierigkeiten, und ihr Leben war ein Auf und Ab, mal lustig, mal traurig. Doch das, was sie bei Tante March lernte, war genau das, was sie brauchte, und der Gedanke, dass sie selbst für ihren Unterhalt aufkam, machte sie glücklich – trotz der ständigen Rufe ihrer Tante.

Beth war zu schüchtern, um zur Schule zu gehen. Man hatte einen Versuch gestartet, aber sie hatte so gelitten, dass man es aufgegeben hatte. Stattdessen lernte sie zu Hause bei ihrem Vater. Sogar als er wegging und ihre Mutter ihre ganze Energie und Fertigkeit in diverse Hilfsvereine für Soldaten steckte, setzte Beth in Eigenregie ihre Lektionen fort und gab ihr Bestes. Sie war ein häusliches kleines Geschöpf und half Hannah, das Zuhause für den arbeitenden Teil der Familie ordentlich und gemütlich zu machen, ohne jemals an irgendeinen Lohn zu denken. Sie wollte einfach nur geliebt werden. Ihre langen stillen Tage waren aber weder einsam noch müßig, denn ihre kleine Welt war voller imaginärer Freunde, und sie war von Natur aus fürsorglich. Es waren sechs Puppen, die jeden Morgen angezogen werden mussten, denn Beth war noch immer ein Kind und liebte ihr Spielzeug wie eh und je. Keine einzige Puppe war intakt oder schön anzusehen – es waren allesamt Außenseiter, die Beth anstelle von Amy, die nichts haben wollte, was alt oder hässlich war, von ihren Schwestern geerbt hatte. Doch gerade darum liebte Beth sie umso zärtlicher und machte sogar eine Puppenklinik auf. Niemals wurden sie mit Stecknadeln traktiert, niemals gab es Schimpfe oder gar Schläge. Selbst die Hässlichsten wurden geachtet und alle mit ungeteilter Zuneigung gefüttert und angezogen, gehegt und gepflegt. Ein besonders elendes Exemplar hatte einmal Jo gehört und war nach einem stürmischen Leben als Wrack im Flickenbeutel gestrandet. Aus diesem traurigen Armenhaus hatte sie Beth erlöst. Da die Puppe keine Schädeldecke mehr besaß, setzte Beth ihr ein hübsches Käppchen auf, und da ihr sowohl Arme als auch Beine fehlten, überspielte Beth diese kleinen Mängel, indem sie sie in eine Decke einschlug und der chronisch Kranken ihr bestes Bettchen gab. Hätte irgendjemand mitbekommen, mit wie viel Liebe diese kleine Puppe überhäuft wurde, wäre er – bei aller Belustigung – gerührt gewesen. Beth brachte ihr Blümchen, las ihr vor, nahm sie unter ihrem Mantel mit nach draußen an die frische Luft, sang ihr Wiegenlieder und ging nie zu Bett, ohne ihr einen Kuss auf das schmutzige Gesicht zu pflanzen und ihr liebevoll zuzuflüstern:
»Hoffentlich schläfst du gut, du arme Kleine.«
Beth hatte genauso ihre Sorgen wie alle anderen, und da auch sie kein Engel war, sondern ein sehr menschliches kleines Mädchen, ›verdrückte sie die eine oder andere Träne‹, wie Jo sagte, weil sie keine Musikstunden nehmen konnte, obwohl sie so gerne ein schönes Klavier gehabt hätte. Sie liebte die Musik so sehr, versuchte so eifrig zu lernen und übte so geduldig an dem klapprigen alten Instrument, dass man einfach zu der Überzeugung kommen musste, ihr helfen zu müssen (ohne Tante March zu behelligen). Aber niemand fand sich und niemand sah, wie Beth, wenn sie allein war, ihre Tränen von den immerzu verstimmten und vergilbten Tasten wischte. Bei der Arbeit trällerte sie wie eine kleine Lerche und wurde nie zu müde, Marmee und den Mädchen etwas vorzusingen. Jeden Tag sagte sie voller Zuversicht zu sich selbst: ›Ich muss nur brav genug sein, dann bekomme ich irgendwann mein Klavier, ganz bestimmt!‹
Es gibt viele Beths auf dieser Welt, die schüchtern und still in ihrer Ecke sitzen und warten, bis sie gebraucht werden, die sich unbemerkt solange freudig für andere aufopfern, bis eines Tages die kleine Grille auf dem Ofen aufhört zu zirpen und die liebe Sonne für immer versinkt und nichts als Stille und Schatten zurücklässt.

Wäre Amy nach ihrem größten Problem im Leben gefragt worden, hätte sie sofort erwidert: »Meine Nase.« Als Kleinkind war Amy von Jo aus Versehen in einen Kohleeimer fallengelassen worden, und sie beharrte darauf, dass ihre Nase dabei für immer ruiniert worden sei. Sie war nicht groß und rot wie die der armen ›Petrea‹, sie war nur ein bisschen flach geraten, doch alles Kneifen der Welt konnte ihr keine aristokratische Spitze geben. Niemand außer Amy störte sich daran, und sie wuchs, so gut sie konnte, doch Amy litt schwer unter der fehlenden griechischen Nase, und um sich zu trösten, zeichnete sie seitenweise edlere Exemplare.
»Klein-Raphael«, wie sie von den Schwestern genannt wurde, hatte ein ausgesprochenes Talent fürs Zeichnen und war nie glücklicher als beim Skizzieren von Blumen oder Elfen oder beim farbenfrohen Illustrieren von Geschichten. Ihre Lehrer klagten, dass ihre Schiefertafel voller Tiere statt Rechenaufgaben sei, auf den leeren Seiten ihres Atlasses wurden Landkarten kopiert, und Karikaturen der aberwitzigsten Art kamen in unpassenden Momenten aus all ihren Schulbüchern geflattert. Sie mogelte sich durch ihre Schulstunden und schaffte es, unbestraft zu bleiben, indem sie ein beispielhaftes Betragen an den Tag legte. Sie war sehr beliebt bei ihren Schulkameradinnen, da sie freundlich war und die Kunst beherrschte, mühelos zu gefallen. Ihre kleinen Marotten und Talente wurden ebenso bewundert wie ihre Erfolge, denn neben ihrem zeichnerischen Talent konnte sie zwölf Lieder spielen, häkeln und einen französischen Text lesen, ohne mehr als zwei Drittel der Wörter falsch auszusprechen. Sie sagte gerne etwas leidend: ›Als Papa noch reich war, haben wir immer dieses und jenes gemacht‹, was sehr anrührend war, und ihre gedehnten Wörter wurden von den Freundinnen als ›äußerst elegant‹ bezeichnet.
Amy war auf bestem Wege, sich in ein verwöhntes Gör zu verwandeln, denn alle schmierten ihr Honig um den Mund, so dass ihre kleinen Eitelkeiten und ihr Egoismus wuchsen und gediehen. Eine Sache stellte sich ihrer Eitelkeit jedoch entgegen: Sie musste die Kleider ihrer Cousine auftragen. Nun war es aber so, dass die Mutter von Florence nicht einen Hauch von Geschmack besaß, und Amy litt fürchterlich, eine rote statt einer blauen Haube, unvorteilhafte Kleider und blöde Rüschenschürzen tragen zu müssen, die nicht mal passten. Die Sachen waren gepflegt, von guter Qualität und fast neu, doch Amys künstlerisches Auge wurde sehr strapaziert – vor allem diesen Winter, da ihr Schulkleid matt lila mit gelben Punkten und ohne Spitzenbesatz war.
»Mein einziger Trost«, sagte sie zu Meg mit Tränen in den Augen, »ist, dass Mutter meine Kleider nicht kürzt wie die Mutter von Maria Parks. Meine Güte, das ist so schrecklich. Manchmal ist sie so böse, dass ihr das Kleid bis zu den Knien geht, und dann kann sie nicht in die Schule. Wenn ich an diese Erniederigung denke, hab ich das Gefühl, selbst meine flache Nase und mein gelbgekleckstes lila Kleid ertragen zu können.«
Meg war Amys Vertraute und Beschützerin, und aufgrund jener seltsamen Anziehung von Gegensätzen war Jo die Vertraute der sanftmütigen Beth. Nur ihrer Jo erzählte das scheue Kind von ihren Gedanken; und sie übte auf ihre tollkühne große Schwester unbewusst mehr Einfluss aus als sonst jemand in der Familie. Die beiden älteren Mädchen waren einander sehr zugetan, doch jede nahm eine der jüngeren Schwestern unter ihre Fittiche und passte auf ihre besondere Art auf sie auf. Mit dem Mutterinstinkt kleiner Frauen legten sie ihre Puppen beiseite und sorgten stattdessen für ihre jüngeren Schwestern.
»Hat jemand was zu erzählen? Heute war ein so trüber Tag, dass ich dringend was zum Lachen brauche«, sagte Meg, als sie an jenem Abend zusammensaßen und nähten.
»Ich hatte ein seltsames Erlebnis mit unserer Tante, aber da es für mich gut ausging, kann ich dich damit unterhalten«, begann Jo, die für ihr Leben gerne Geschichten erzählte. »Ich war gerade dabei, ihr aus diesem endlosen Belsham vorzulesen, wie immer sehr monoton, denn Tante March schläft immer gleich ein, und dann nehme ich mir irgendein schönes Buch und lese wie verrückt, bis sie wieder aufwacht. Dieses Mal wurde ich vom Lesen selbst schläfrig, und bevor sie einnickte, musste ich so gähnen, dass sie mich fragte, was das soll, den Mund so weit aufzureißen, dass ich gleich das ganze Buch verschlingen könnte.
›Ich wünschte, ich könnte es, dann wär die Sache endlich gegessen‹, sage ich, und ich wollte wirklich nicht frech sein. Doch sie hält mir einen langen Vortrag über meine Sünden, und ich solle stillsitzen und darüber nachdenken, während sie sich mal eben ›verliert‹. Bis sie sich wiederfindet, kann es dauern – und kaum, dass ihre Haube anfängt zu wippen wie eine kopflastige Dahlie, zaubere ich den Pfarrer von Wakefield aus meiner Tasche und beginne draufloszulesen, ein Auge auf dem Pfarrer, ein Auge auf Tante March. Gerade komme ich an die Stelle, in der sie ins Wasser stürzen, da lache ich aus Versehen laut auf. Tante March erwacht. Aber weil sie nach ihrem Schläfchen immer besser gelaunt ist, bittet sie mich, ihr ein bisschen aus dem Buch vorzulesen und ihr zu zeigen, welches frivole Werk ich dem würdigen und lehrreichen Belsham vorziehe. Ich gebe mir alle Mühe, und es gefällt ihr, auch wenn sie nur sagt … ›Ich versteh nicht, worum es geht. Fang von vorne an, Kind.‹
Gesagt, getan. Ich mache die Primroses so interessant wie nur möglich. Einmal bin ich so gemein und höre an einer spannenden Stelle auf zu lesen und frage vorsichtig: ›Ich fürchte, es ermüdet dich, Tante March. Soll ich lieber aufhören?‹ Da nimmt sie ihr fallengelassenes Strickzeug wieder in die Hand, wirft mir durch ihre Brille einen scharfen Blick zu und meint auf ihre knappe Art: ›Lies das Kapitel zu Ende, und werde mir nicht frech, Fräulein.‹«
»Hat sie zugegeben, dass es ihr gefallen hat?«, fragte Meg.
»Oh nein, um Gottes Willen! Aber sie ließ den alten Belsham ruhen. Und als ich nachmittags noch mal zurückgelaufen bin, um meine Handschuhe zu holen, saß sie da und war so vertieft in den Pfarrer, dass sie gar nicht mitbekam, wie ich gelacht und in der Vorhalle ein kleines Tänzchen aufgeführt habe, wegen der guten Zeiten, die auf mich zukommen. Was für ein schönes Leben sie haben könnte, wenn sie nur wollen würde! Ich beneide sie nicht besonders, trotz ihres Geldes. Ich nehme an, am Ende haben reiche Leute genauso viele Sorgen wie arme.«
»Apropos«, sagte Meg, »ich hab auch was zu erzählen. Es ist nicht lustig wie Jos Geschichte, aber auf dem Heimweg musste ich noch lange drüber nachdenken. Heute bei den Kings waren alle in heller Aufregung, und eines der Kinder sagte, der älteste Bruder hätte irgendwas Schlimmes angestellt und Papa hätte ihn rausgeworfen. Ich hörte Mrs King weinen und Mr King sehr laut sprechen, und Grace und Ellen schauten zur Seite, als sie an mir vorbeikamen, damit ich ihre verweinten Augen nicht sehen konnte. Natürlich hab ich keine Fragen gestellt, aber sie taten mir schrecklich leid und ich war fast froh, dass ich keine wilden Brüder habe, die schlimme Sachen machen und die Familie entehren.«
»Ich finde, in der Schule in Ungnade zu fallen ist viel aufreibenderer als alles, was freche Jungen anstellen können«, sagte Amy kopfschüttelnd und schöpfte aus den Tiefen ihrer Lebenserfahrung. »Susie Perkens kam heute mit einem schönen roten Karneol-Ring in die Schule. Diesen Ring hätte ich furchtbar gern gehabt. Ich hab mir so gewünscht, an ihrer Stelle zu sein. Na ja, sie hat eine Karikatur von Mr Davis gemacht, mit riesengroßer Nase und Buckel und Sprechblase, in der stand: ›Meine Damen, ich sehe alles!‹. Wir lachten gerade darüber, als er plötzlich tatsächlich alles sah, und Susie musste mit ihrer Schiefertafel nach vorne kommen. Sie war vor Angst fast parrilisiert, aber sie ist hingegangen, und was glaubt ihr, was er gemacht hat? Er hat sie am Ohr gepackt – am Ohr! Das müsst ihr euch mal vorstellen! – und zum Lehrerpodest gezerrt, wo sie eine halbe Stunde lang dastehen und ihre Schiefertafel so halten musste, dass alle sie sehen konnten.«
»Haben die Mädchen denn nicht über das Bild gelacht?«, fragte Jo, die von dem Vorfall entzückt war.
»Gelacht? Keine einzige. Sie saßen mucksmäuschenstill, und Susie hat sich die Augen aus dem Kopf geheult, das konnte ich sehen. Da hab ich sie überhaupt nicht mehr beneidet, sondern mir gedacht, dass mich danach nicht mal tausend Karneol-Ringe hätten trösten können. Niemals, niemals wäre ich über eine so hochrotpeinliche Herabwürdigung hinweggekommen.« Und Amy fuhr mit ihrer Arbeit fort, im stolzen Bewusstsein ihrer Tugendhaftigkeit und der zwei äußerst schwierigen Wörter, die sie in einem Atemzug verwendet hatte.
»Heute Morgen habe ich was Schönes gesehen, und ich wollte es schon beim Essen erzählen, aber da hatte ich es vergessen«, sagte Beth, die gerade dabei war, in Jos Handarbeitskorb für Ordnung zu sorgen. »Als ich für Hannah Austern besorgen sollte, war Mr Laurence im Fischladen, aber er konnte mich nicht sehen, weil ich hinter einem Fass stand, während er mit Mr Cutter, dem Verkäufer, redete. Eine arme Frau kam mit Eimer und Putzzeug in den Laden und fragte, ob sie für ein bisschen Fisch den Boden schrubben könne. Sie habe nichts zu essen für ihre Kinder und heute keine Arbeit bekommen. Mr Cutter war sehr beschäftigt und sagte ziemlich mürrisch ›Nein‹. Also wollte sie wieder gehen, hungrig und traurig, doch da hat Mr Laurence mit dem krummen Ende seines Spazierstocks einen großen Fisch geangelt und ihn ihr hingehalten. Sie war so glücklich und überrascht, dass sie den Fisch in die Arme nahm und sich tausendmal bei Mr Laurence bedankt hat. ›Dann mal ab an den Herd‹, sagte er, und sie rannte sofort los, sie war überglücklich! War das nicht nett von ihm? Und sie sah so lustig aus, wie sie diesen großen glitschigen Fisch an sich drückte und Mr Laurence ›Gott segne Sie‹ zurief.«
Nachdem sie über Beths Erzählung gelacht hatten, baten sie ihre Mutter um eine Geschichte. Nach kurzer Überlegung sagte sie ernst:
»Als ich heute in den Räumlichkeiten unseres Vereins saß und blaue Flanelljacken zuschnitt, überkam mich eine große Angst um Vater, und ich dachte daran, wie einsam und hilflos wir wären, wenn ihm etwas zustoßen würde. Das war nicht besonders klug von mir, aber ich sorgte mich immer mehr, bis ein alter Mann eintrat, der ein paar Sachen brauchte. Er setzte sich zu mir, und ich fing ein Gespräch mit ihm an, weil er so arm, müde und besorgt wirkte.
›Haben Sie Söhne in der Armee?‹, fragte ich, denn der Brief, den er dabei hatte, war nicht für mich.
›Ja, Ma’am. Ich hatte vier Söhne, aber zwei sind gefallen, einer ist in Gefangenschaft, und ich fahre jetzt zu dem anderen, der schwer krank in Washington im Krankenhaus liegt‹, erwiderte er mit ruhiger Stimme. ›Sie haben viel für Ihr Land getan, Sir‹, sagte ich, jetzt mit Hochachtung statt Mitleid. ›Keinen Deut mehr, als sich’s gehört, Ma’am. Ich würde ja selbst in den Kampf ziehen, wenn ich noch zu was nutze wäre. Da ich’s nicht bin, gebe ich mit freien Stücken meine Jungen.‹ Er sprach so gefasst, wirkte so aufrichtig und schien so glücklich darüber, alles zu geben, was er hatte, dass ich mich geschämt habe. Ich hatte an einen einzigen Mann so viele Gedanken verschwendet, während er ohne Groll gleich vier Männer hergegeben hatte. Ich hatte all meine Mädchen zu Hause, um mich zu trösten, und sein letzter Sohn wartete in der Fremde auf ihn, um vielleicht für immer von ihm Abschied zu nehmen! Ich fühlte mich so reich, so glücklich in dem Wissen, wie gesegnet ich war, dass ich ihm ein schönes Bündel schnürte und ihm für das dankte, was ich von ihm gelernt hatte.«
»Erzähl uns noch eine Geschichte, Mutter. Mit einer Moral, so wie diese. Ich lasse sie mir danach immer gern noch mal durch den Kopf gehen, das heißt, wenn sie echt ist und nicht zu sehr wie eine Predigt klingt«, sagte Jo nach kurzem Schweigen.
Mrs March lächelte und legte sofort los. Sie erzählte diesem kleinen Publikum schon seit langem Geschichten und wusste genau, was ihm gefiel.
»Es waren einmal vier Mädchen, die alle genug zu essen, zu trinken und anzuziehen hatten. Sie hatten ein gutes und leichtes Leben mit Freunden und Eltern, die sie sehr lieb hatten. Dennoch waren sie unzufrieden.« (Hier warfen sich die Zuhörerinnen verstohlene Blicke zu und begannen, angestrengt zu nähen.) »Diese Mädchen wollten unbedingt brav sein und nahmen es sich fest vor, schafften es aber irgendwie nicht so richtig, sich an ihr Vorhaben zu halten und sagten ständig: ›Hätten wir nur dieses‹ oder ›Könnten wir doch nur jenes tun‹. Darüber vergaßen sie, wie viel sie schon besaßen und wie viel schöne Dinge sie schon unternehmen konnten. Also baten sie eine alte Frau um einen Zauberspruch, der sie glücklich machen sollte, und die Frau sagte: ›Wenn ihr unzufrieden seid, denkt darüber nach, wie gut ihr es habt und seid dankbar.‹« (An dieser Stelle schaute Jo abrupt hoch, als wollte sie etwas sagen, besann sich aber, da sie merkte, dass die Geschichte noch nicht zu Ende war.)
»Da es vernünftige Mädchen waren, beschlossen sie, den Rat der Frau zu befolgen, und sie erkannten bald, wie gut es ihnen ging. Eine stellte fest, dass auch Geld nicht half, die Reichen vor Schande und Trauer zu bewahren; eine andere begriff, dass sie zwar arm war, doch mit ihrer Jugend, ihrer Gesundheit und ihrem Optimismus besser dran war als eine gewisse unleidliche, gebrechliche alte Dame, die nicht imstande war, ihren Wohlstand zu genießen; eine dritte erkannte, dass es vielleicht mühsam war, beim Essenmachen zu helfen, aber dass es weitaus anstrengender wäre, dafür betteln gehen zu müssen; und die vierte sah ein, dass selbst Karneol-Ringe nicht so wertvoll waren wie gute Manieren. Also einigten sie sich, weniger zu klagen und stattdessen das zu genießen, womit sie bereits gesegnet waren. Sie wollten sich ihres Glückes würdig erweisen, damit es ihnen nicht genommen würde, sondern sich stattdessen mehrte. Ich glaube, sie waren nie enttäuscht oder traurig darüber, dass sie den Rat der alten Frau angenommen hatten.«
»Also, Marmee, das ist wirklich sehr gewieft von dir, unsere eigenen Geschichten gegen uns zu verwenden und sie in eine Predigt zu packen!«, rief Meg.
»Ich mag diese Art von Predigt. So etwas Ähnliches hat Vater uns auch immer erzählt«, sagte Beth nachdenklich und ordnete Jos Nadelkissen.
»Ich beschwere mich längst nicht so viel wie die anderen, und ich werde achtsamer sein als je zuvor. Susies Niedergang ist mir ein Beispiel gewesen«, sagte Amy rechtschaffen.
»Wir haben diese Lektion gebraucht und werden sie nicht so schnell vergessen. Und wenn doch, sag uns einfach dasselbe wie Tante Chloe aus Onkel Toms Hütte: ›Wir wollen an Gottes Gnade denken‹«, fügte Jo hinzu, die der Versuchung nicht widerstehen konnte, sich ein kleines bisschen über die kurze Predigt lustig zu machen, auch wenn sie sich diese genauso zu Herzen nahm wie die anderen.
5
Gute Nachbarschaft
»Was in aller Welt hast du vor, Jo?«, fragte Meg eines verschneiten Nachmittags, als ihre Schwester in Gummistiefeln, altem Mantel und alter Haube durch den Flur stapfte, in der einen Hand einen Besen und in der anderen einen Spaten.
»Ich geh raus, ich brauch Bewegung«, erwiderte Jo mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
»Ich hätte gedacht, zwei lange Spaziergänge heute Morgen wären genug. Es ist kalt und trübe draußen. Bleib doch lieber so wie ich hier am Feuer, im Warmen und Trockenen«, sagte Meg fröstelnd.
»Ich will keine Ratschläge. Ich kann nicht den ganzen Tag rumsitzen, und da ich keine Katze bin, hab ich auch keine Lust, vorm Feuer zu dösen. Ich will Abenteuer, und ich geh jetzt los und such mir welche.«
Meg ging zurück, um sich die Füße zu wärmen und Ivanhoe zu lesen, und Jo begann mit großer Tatkraft, Schnee zu schippen. Der Schnee war leicht, und mit ihrem Besen hatte sie bald einen Pfad durch den ganzen Garten freigelegt, so dass Beth spazieren gehen konnte, sobald die Sonne hervorkam und die kranken Püppchen an die Luft mussten. Der Garten lag zwischen dem Haus der Marches und dem von Mr Laurence. Beide befanden sich in einem Vorort der Stadt, der immer noch sehr ländlich war, mit kleinen Wäldchen und Rasenflächen, großen Gärten und stillen Straßen. Eine niedrige Hecke trennte die beiden Grundstücke. Auf der einen Seite stand ein altes braunes Haus, das ohne die Ranken, die im Sommer die Fassade bedeckten, und die Blumen, die ringsherum wuchsen, ein wenig nackt und schäbig aussah. Auf der anderen Seite stand ein stattliches steinernes Herrenhaus, das jederart Komfort und Luxus zu bieten schien, vom großen Kutscherhaus und der gepflegten Anlage bis hin zum Wintergarten und den schönen Möbeln, die man zwischen den üppigen Vorhängen erspähen konnte.

Dennoch schien es ein einsames, lebloses Haus zu sein, denn es tollten keine Kinder auf dem Rasen, keine Mutter stand lächelnd im Fenster, und nur wenige Menschen gingen ein und aus, nur der alte Herr und sein Enkelsohn.
In Jos lebhafter Phantasie war dieses vornehme Haus eine Art verzauberter Palast voller wunderbarer Reichtümer, an denen sich jedoch niemand erfreute. Schon lange hatte sie Lust, diese versteckten Herrlichkeiten zu entdecken und den ›Laurence-Jungen‹ näher kennenzulernen, der durchaus den Eindruck machte, als wollte auch er kennengelernt werden, aber wüsste nicht, wie man es anstellen sollte. Seit dem Tanzabend war sie eifriger als je zuvor gewesen und hatte allerhand Möglichkeiten ersonnen, um sich mit ihm anzufreunden, doch er hatte sich in letzter Zeit kaum blicken lassen. Jo hatte allmählich schon zu befürchten begonnen, er sei verreist, bis sie eines Tages in einem der Fenster des oberen Stockwerks das dunkle Gesicht eines Jungen entdeckt hatte, der wehmütig hinunter in ihren Garten sah, wo sich Beth und Amy eine Schneeballschlacht lieferten.
›Dieser Junge braucht Freunde und Spaß‹, hatte sie zu sich gesagt. ›Sein Großvater weiß nicht, was gut für ihn ist, und sperrt ihn zu Hause ein. Er braucht ein paar lustige Jungen zum Spielen oder jemand Junges und Lebhaftes. Am liebsten würde ich rübergehen und dem alten Herrn mal die Meinung sagen!‹
Diese Idee hatte Jo, die gerne gewagte Dinge tat und Meg mit ihren eigenwilligen Auftritten schockierte, belustigt. Der Plan war keineswegs in Vergessenheit geraten. Und als der verschneite Nachmittag kam, nahm Jo sich vor, einen Vorstoß zu wagen. Sie sah Mr Laurence davonfahren und spazierte hinaus, um sich ihren Weg bis zur Hecke zu bahnen, an der sie stehenblieb und die Lage sondierte. Alles war ruhig, vor den Erdgeschossfenstern waren die Vorhänge zugezogen, Dienstboten waren keine in Sicht und auch sonst niemand, bis auf den schwarzen Lockenkopf, der sich oben an einem der Fenster auf eine schmale Hand stützte.
›Da ist er‹, dachte Jo, ›der arme Junge! Ganz allein und krank an einem so trüben Tag. Schlimme Sache! Ich werd einen Schneeball zu ihm raufwerfen, damit er rausguckt, und dann sag ich irgendwas Nettes.‹
Und schon flog eine Handvoll weicher Schnee hinauf. Sofort drehte sich der Kopf des Jungen, sein Gesicht verlor seinen lustlosen Ausdruck, die großen Augen hellten sich auf und der Mund formte sich zu einem Lächeln. Jo nickte und lachte, schwenkte ihren Besen und rief:
»Guten Tag! Bist du krank?«
Laurie öffnete das Fenster und krächzte wie ein Rabe:
»Schon besser, danke. Ich hatte eine furchtbare Erkältung und sitze schon die ganze Woche zu Hause.«
»Das tut mir leid. Was machst du, um dich zu vergnügen?«
»Nichts, es ist sterbenslangweilig hier.«
»Liest du nicht?«
»Nicht viel, ich soll nicht lesen.«
»Kann dir nicht jemand vorlesen?«
»Großvater macht das manchmal, aber meine Bücher interessieren ihn nicht, und Brooke will ich nicht ständig fragen.«
»Dann lass dich doch von jemandem besuchen.«
»Es gibt aber niemanden, den ich sehen möchte. Jungen machen immer so viel Lärm, und mir tut der Kopf weh.«
»Gibt es nicht irgendein nettes Mädchen, das dir vorlesen und dich ein bisschen bespaßen könnte? Mädchen sind ruhig und spielen gern Krankenschwester.«
»Ich kenn keine.«
»Du kennst uns«, begann Jo lachend, hielt dann aber inne.
»Das stimmt! Würdest du kommen?«, rief Laurie.
»Ich bin zwar nicht ruhig und nett, aber ich komme gern, wenn Mutter mich lässt. Ich geh mal fragen. Sei ein braver Junge, mach das Fenster zu und warte auf mich.«
Und damit schulterte Jo ihren Besen, marschierte ins Haus und fragte sich, was die anderen wohl sagen würden. Laurie war ein bisschen aufgeregt bei dem Gedanken, Besuch zu bekommen, und rannte herum, um sich darauf vorzubereiten. Er war, wie Mrs March richtig festgestellt hatte, eben ein ›kleiner Gentleman‹ und erwies dem Gast die Ehre, indem er sich die Locken bürstete, einen frischen Kragen anlegte und versuchte, sein Zimmer in Ordnung zu bringen, das trotz einer Handvoll Dienstboten alles andere als aufgeräumt war. Kurz darauf klingelte es laut an der Haustür, eine entschlossene Stimme fragte nach ›Mr Laurie‹ und ein überraschtes Hausmädchen kam nach oben gelaufen, um eine junge Dame anzukündigen.
»Gut, sie soll raufkommen, das ist Miss Jo«, sagte Laurie und ging an die Tür seines kleinen Wohnzimmers, um Jo in Empfang zu nehmen, rosig, freundlich und ziemlich unbefangen, in der einen Hand einen zugedeckten Teller und in der anderen Beths drei Kätzchen.
»Da bin ich, mit Kind und Kegel«, sagte sie energisch. »Mutter lässt herzlich grüßen und freut sich, dass ich was für dich tun kann. Meg hat mir etwas von ihrem Mandelpudding für dich mitgegeben, ihre Spezialität, und Beth dachte, ihre Katzen würden dich trösten. Ich wusste, du würdest dich totlachen, aber ich konnte nicht ›Nein‹ sagen, sie wollte halt unbedingt helfen.«
Beths witzige Leihgabe entpuppte sich als goldrichtig, denn beim Lachen über die Kätzchen vergaß Laurie seine Scheu und fasste sofort Vertrauen.
»Das ist doch viel zu schön zum Essen«, sagte er und lächelte erfreut, als Jo den Pudding enthüllte, der mit einer Girlande aus grünen Blättern und roten Blüten von Amys privater Geranie garniert war.
»Ist nur eine Kleinigkeit, um zu zeigen, dass sie an dich denken. Das Mädchen soll ihn bis zum Tee wegstellen. Er ist leicht zu essen, er rutscht einfach durch – gut bei Halsschmerzen. So ein gemütliches Zimmer!«
»Das wäre wohl der Fall, wenn es aufgeräumt wäre, aber die Dienstmädchen sind faul und ich weiß einfach nicht, wie ich sie zum Arbeiten bringe. Wirklich anstrengend.«
»Ich räum es dir in zwei Minuten auf, denn eigentlich muss man nur mal den Kamin fegen, so –, und die Sachen auf dem Kaminsims zurechtrücken –, und die Bücher hierhin legen und die Flaschen dorthin stellen, und dein Sofa aus dem Licht drehen, und die Kissen etwas aufschütteln. Guck, fertig.«
Und so war es, denn beim Lachen und Plaudern hatte Jo alles im Handumdrehen auf seinen Platz gestellt, was dem Raum eine ganz andere Atmosphäre gab. Laurie beobachtete sie mit ehrfürchtigem Schweigen. Und als sie ihn auf sein Sofa winkte, setzte er sich mit einem zufriedenen Seufzer und den dankbaren Worten:
»Das ist aber sehr nett vor dir! Ja, genau das hat gefehlt. Jetzt setz du dich in den großen Sessel und lass mich etwas tun, um meinen Besuch zu unterhalten.«
»Nein, ich bin gekommen, um dich zu unterhalten. Soll ich dir was vorlesen?«, fragte Jo mit einem liebevollen Blick auf einige Bücher, die einladend in der Nähe lagen.
»Danke; die hab ich alle schon gelesen, und wenn’s dir nichts ausmacht, würde ich mich lieber unterhalten«, erwiderte Laurie.
»Kein bisschen. Ich kann den ganzen Tag reden, wenn ich erstmal in Fahrt bin. Beth meint, ich wüsste nie, wann es genug ist.«
»Ist Beth die mit den rosigen Wangen, die viel zu Hause ist und ab und zu mit einem kleinen Körbchen rausgeht?«
»Ja, das ist Beth. Sie ist mein Schatz und ein wahnsinnig liebes Mädchen obendrein.«
»Die Hübsche ist Meg, und die mit den Locken ist Amy, hab ich Recht?«
»Wie hast du das denn rausgefunden?«
Laurie errötete, erwiderte aber aufrichtig: »Na ja, weißt du, ich höre oft, wie ihr euch was zuruft. Und wenn ich hier oben allein bin, kann ich nicht anders, als zu euch rüberzuschauen, ihr scheint immer so viel Spaß zu haben. Entschuldige, dass ich so direkt bin, aber manchmal vergesst ihr, dort am Fenster, wo die Blumen stehen, die Vorhänge zuzuziehen. Und wenn das Licht brennt, seid ihr wie ein Gemälde – das Kaminfeuer, und ihr alle am Tisch mit eurer Mutter. Ihr Gesicht ist genau gegenüber, und sie sieht hinter den Blumen so lieb aus. Ich muss immer wieder hinschauen. Ich selbst hab ja keine Mutter, weißt du.«
Und Laurie stocherte mit dem Schürhaken im Feuer herum, um vor Jo das unkontrollierbare leichte Zucken seiner Lippen zu verbergen.
Der einsame leere Blick in seinen Augen ging Jo ans Herz. Sie war so aufrichtig erzogen, dass sie keinen Blödsinn im Kopf hatte, und mit ihren fünfzehn Jahren war sie so unschuldig und offen wie ein Kind. Laurie war krank und einsam. Und wohl wissend, wie reich sie an familiärer Liebe und Glück war, wollte sie ihn nur zu gerne daran teilhaben lassen. Sie blickte sehr freundlich, und ihre scharfe Stimme war ungewöhnlich sanft, als sie sagte:
»Wir werden nie wieder den Vorhang zuziehen, und meinetwegen darfst du so viel rüberschauen, wie du willst. Ich wünschte nur, du würdest vorbeikommen, statt uns zu beobachten. Mutter ist so wunderbar, sie wird dir unendlich gut tun, Beth würde für dich singen, wenn ich sie auf Knien darum bitte, und Amy würde tanzen. Wir hätten so viel Spaß. Dein Großvater würde es dir doch bestimmt erlauben?«
»Ich denke schon, wenn deine Mutter ihn fragt. Er ist sehr nett, auch wenn er nicht so aussieht, und eigentlich darf ich tun und lassen, was ich will. Er hat nur Angst, dass ich wildfremden Leuten auf die Nerven gehen könnte«, begann Laurie, dessen Miene sich immer mehr aufhellte.
»Wir sind doch keine wildfremden Leute, wir sind Nachbarn, und du darfst niemals denken, du würdest uns auf die Nerven gehen. Wir wollen dich ja kennenlernen, das hab ich mir schon lange gewünscht. Weißt du, wir wohnen zwar noch nicht allzu lange hier, aber wir kennen inzwischen alle unsere Nachbarn, nur euch nicht.«
»Du musst verstehen, Großvater lebt in seiner Bücherwelt, und was draußen passiert, ist ihm ziemlich egal. Mein Hauslehrer, Mr Brooke, wohnt nicht bei uns, weißt du, und ich hab niemanden, der mit mir rumzieht, also bleibe ich einfach zu Hause und schaue, wie ich allein zurechtkomme.«
»Das ist nicht gut. Du solltest dich trauen und allen einen Besuch abstatten, die dich einladen. Dann hast du viele Freunde und kannst dorthin gehen, wo es schön ist. Und das mit der Schüchternheit, das gibt sich schnell, du musst es nur machen.«
Wieder errötete Laurie. Doch er fühlte sich nicht angegriffen, denn Jo strahlte so viel Wohlwollen aus, dass es unmöglich war, ihr ihre unverblümte Rede krumm zu nehmen.
»Gehst du gern zur Schule?«, fragte der Junge, um nach einer kleinen Pause das Thema zu wechseln. Er starrte ins Feuer, während sich Jo zufrieden im Zimmer umsah.
»Ich geh nicht zur Schule. Ich bin Geschäftsmann – Geschäftsmädchen, meine ich. Ich kümmere mich um meine alte Tante, ein ziemliches Stück Arbeit«, entgegnete Jo.
Laurie lag die nächste Frage auf der Zunge, doch ihm fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass es unhöflich war, zu viele persönliche Fragen zu stellen. Also klappte er den Mund wieder zu, wobei er aussah, als wäre ihm unbehaglich zumute. Jo mochte seine guten Umgangsformen und fand nichts dabei, sich ein bisschen über Tante March lustig zu machen, also schilderte sie ihm lebhaft die nervöse alte Dame mit ihrem übergewichtigen Pudel, dem Spanisch sprechenden Papagei und der himmlischen Bibliothek. Laurie amüsierte sich königlich. Und als sie von dem steifen alten Gentleman erzählte, der einmal aufgetaucht war, um Tante March den Hof zu machen, und wie Polly ihm zu seinem großen Verdruss inmitten seiner vornehmen Rede das Toupet vom Kopf gezwackt hatte, lehnte sich der Junge Tränen lachend zurück, bis ein Hausmädchen ins Zimmer sah und fragte, ob alles in Ordnung sei.
»Oh! Das tut so gut, mach weiter, bitte«, sagte er und löste sein vor Heiterkeit rotglänzendes Gesicht vom Sofakissen.
Angeregt durch ihren Erfolg erzählte Jo tatsächlich weiter – von ihren Theaterstücken und Plänen, ihren Hoffnungen und Ängsten wegen Vater, und von den interessantesten Ereignissen aus der kleinen Welt der vier Schwestern. Sie kamen auf Bücher zu sprechen, und zu ihrem Entzücken stellte Jo fest, dass Laurie genauso ein Bücherwurm war wie sie, und sogar weit mehr gelesen hatte als sie selbst.
»Wenn du so gern liest, komm mit nach unten und schau dir unsere Bibliothek an. Keine Angst, Großvater ist nicht da«, sagte Laurie und stand auf.
»Ich hab vor gar nichts Angst«, erwiderte Jo und warf den Kopf zurück.
»Das glaub ich gern!«, rief der Junge und sah sie bewundernd an, wobei er insgeheim dachte, dass sie allen Grund gehabt hätte, wenigstens ein klein wenig Angst vor dem alten Herrn zu haben, zumindest dann, wenn er schlechte Laune hatte.
Das ganze Haus hatte eine sommerliche Atmosphäre. Laurie führte sie von Zimmer zu Zimmer, und Jo durfte nach Lust und Laune stehenbleiben und alles betrachten. Auf diese Weise erreichten sie schließlich die Bibliothek, wo sie hüpfend in die Hände klatschte, wie immer, wenn sie besonders entzückt war. Es gab regalweise Bücher sowie Bilder, Statuen und verwirrende kleine Vitrinen voller Münzen und Kuriositäten, bequeme Sessel, merkwürdige Tische, Bronzestatuen und – das Beste – einen großen offenen Kamin mit altmodischen Kacheln.
»Ist das eine Pracht!«, seufzte Jo und ließ sich behaglich in einen weichen Samtsessel sinken. »Theodore Laurence, du musst der glücklichste Junge auf Erden sein«, fügte sie gewichtig hinzu.
»Der Mensch lebt nicht von Büchern allein«, sagte Laurie und hockte sich kopfschüttelnd auf einen Tisch gegenüber.
Bevor er noch mehr sagen konnte, läutete eine Glocke. Jo sprang hoch und rief erschrocken: »Ach herrje! Dein Großvater kommt!«
»Na, und wenn schon. Du hast doch vor nichts Angst, oder wie war das noch gleich?«, entgegnete der Junge verschmitzt.
»Ich glaube, ein bisschen Angst hab ich doch vor ihm, dabei weiß ich gar nicht, wieso. Ich habe Marmees Erlaubnis, hier zu sein, und nicht den Eindruck, dass es dir geschadet hat«, sagte Jo Haltung annehmend, ohne die Tür aus den Augen zu lassen.
»Mir hat es sogar gut getan, und ich bin dir sehr verbunden. Ich fürchte nur, du bist es jetzt leid, dich mit mir zu unterhalten. Es war so schön, ich will gar nicht mehr aufhören«, sagte Laurie dankbar.
»Der Doktor ist hier, um Sie zu sehen«, sagte das Hausmädchen und winkte Laurie zu sich.
»Würde es dir was ausmachen, wenn ich dich kurz allein lasse? Ich muss zu ihm«, sagte Laurie.
»Keine Sorge. Ich fühl mich hier pudelwohl«, erwiderte Jo.
Laurie ging, und die Besucherin vergnügte sich auf ihre Art. Gerade stand sie vor einem edlen Portrait des alten Herrn, als die Tür wieder aufging und sie, ohne sich umzudrehen, sagte: »Ich bin sicher, dass ich doch keine Angst vor ihm haben muss. Er hat zwar einen bitteren Zug um den Mund, aber freundliche Augen, und er wirkt extrem willensstark. Er ist nicht so gutaussehend wie mein Großvater, aber ich mag ihn.«
»Danke sehr, Ma’am«, sagte eine schroffe Stimme hinter ihr. Und dort stand zu ihrem Entsetzen der alte Mr Laurence.
Die arme Jo wurde rot und röter, und beim Gedanken an das, was sie da gerade gesagt hatte, begann ihr Herz unbehaglich zu wummern. Kurz wurde sie von dem Wunsch gepackt, einfach wegzulaufen, aber das wäre feige gewesen, und die Mädchen hätten sie ausgelacht. Sie blieb und beschloss, sich irgendwie aus dem Schlamassel zu befreien. Ein zweiter Blick verriet ihr, dass die echten Augen unter den buschigen Brauen noch freundlicher waren als die gemalten, und das verschmitzte Funkeln nahm ihr ein wenig ihre Angst. Seine Stimme war schroffer denn je, als der alte Herr nach dieser schrecklichen Pause auf einmal sagte: »Du hast also keine Angst vor mir, wie?«
»Nicht viel, Sir.«
»Und du findest mich nicht so gutaussehend wie deinen Großvater?«
»Nicht ganz, Sir.«
»Und ich bin extrem willensstark, ja?«
»Ich hab nur gesagt, dass es mir so vorkommt.«
»Aber du magst mich trotzdem?«
»Ja, Sir, das tu ich.«
Diese Antwort erfreute den alten Herrn. Er stieß einen kurzen Lacher aus, schüttelte ihr die Hand, hob mit einem Finger ihr Kinn und sagte nickend: »Du hast den Schneid deines Großvaters, wenn auch nicht sein Gesicht. Er war wirklich ein feiner Kerl, meine Liebe. Aber vor allem war er ein tapferer und ehrlicher Kerl, und ich war stolz darauf, mit ihm befreundet gewesen zu sein.«
»Danke, Sir«, sagte Jo glücklich, denn sie war ganz seiner Meinung.
»Was hast du bloß mit meinem Jungen angestellt?«, lautete die nächste scharfe Frage.
»Es ging mir nur um gute Nachbarschaft, Sir«, sagte Jo und erklärte ihm, wie es zu dem Besuch gekommen war.
»Du meinst also, er muss ein bisschen aufgeheitert werden?«
»Ja, Sir, er scheint mir etwas einsam zu sein, und junge Leute würden ihm vielleicht gut tun. Wir sind nur Mädchen, aber wir würden uns freuen, wenn wir helfen könnten, denn wir haben keinesfalls Ihr großartiges Weihnachtsgeschenk vergessen«, sagte Jo eifrig.
»Ach was, der Junge hatte die Idee. Wie geht’s der armen Frau?«
»Ganz gut, Sir.« Und Jo erzählte hastig von den Hummels, auf deren Schicksal ihre Mutter noch andere, reichere Bekannte aufmerksam gemacht hatte.
»Sie ist da genau wie ihr Vater. Eines schönen Tages werde ich deiner Mutter einen Besuch abstatten. Sag ihr das. Da, es läutet zum Tee. Wir nehmen ihn wegen des Jungen immer sehr früh. Du bleibst doch, als gute Nachbarin?«
»Wenn ich darf, Sir.«
»Sonst hätte ich dich nicht gefragt«, sagte Mr Laurence und bot ihr ganz altmodisch höflich seinen Arm.
›Meg wird total baff sein‹, dachte Jo und marschierte mit ihm davon. Ihre Augen tanzten vor Vergnügen beim Gedanken daran, nachher zu Hause von ihren Erlebnissen zu erzählen.
»Na sowas! Was ist denn in dich gefahren, junger Mann?«, sagte der alte Herr, als Laurie die Treppe hinunterstürzte und zu seinem größten Erstaunen sah, wie Jo und der gefürchtete Großvater untergehakt dastanden.
»Ich hab gar nicht mitbekommen, dass du schon da bist, Großvater«, begann er, während Jo ihm einen triumphierenden Blick zuwarf.
»Das dachte ich mir, so, wie du die Treppe runterpolterst. Komm, es gibt Tee, und benimm dich wie ein Gentleman.« Und nachdem er dem Jungen wohlwollend durchs Haar gefahren war, ging Mr Laurence voran, während Laurie hinter dem Rücken der beiden eine ganze Reihe von Faxen machte, die Jo vor Lachen fast platzen ließen.
Der alte Herr redete während seiner vier Tassen Tee nicht viel, doch er beobachtete die jungen Leute, die bald wie alte Freunde drauflos plauderten. Die Veränderung in seinem Enkelsohn entging ihm nicht. Farbe, Licht und Leben spiegelten sich im Gesicht des Jungen, in seinen Gesten war Schwung und in seinem Lachen echte Fröhlichkeit.
›Sie hat Recht, der Junge ist wirklich einsam. Mal sehen, was diese kleinen Mädchen für ihn tun können‹, dachte Mr Laurence beim Zuschauen und Zuhören. Er mochte Jo mit ihrer ungewöhnlichen und direkten Art. Und den Jungen schien sie so gut zu verstehen, als wäre sie selbst einer.
Wären die Laurences das gewesen, was Jo ›steif und spröde‹ nannte, hätte sie sich wohl nicht mit ihnen verstanden, denn solche Menschen machten sie schüchtern und verkrampft. Aber da sie sich offen und ungezwungen zeigten, gab sich auch Jo so, wodurch sie einen guten Eindruck hinterließ. Als man vom Tisch aufstand, wollte Jo Abschied nehmen, doch Laurie sagte, er müsse ihr noch etwas zeigen, und er nahm sie mit in die Orangerie, wo eigens Licht gemacht worden war. Jo kam sich vor wie im Märchen. Sie schlenderte durch die Gänge und bestaunte die blühenden Wände um sie herum – das weiche Licht, die feuchte süße Luft, die wundervollen Ranken und Bäume über ihr –, und ihr neuer Freund begann so viele der schönsten Blumen abzuschneiden, bis seine Hände voll waren. Er band sie zu einem Strauß und sagte mit jenem glücklichen Gesicht, das Jo so gut gefiel: »Gib ihn bitte deiner Mutter und richte ihr aus, dass mir die Medizin, die sie geschickt hat, sehr guttut.«
Sie fanden Mr Laurence im großen Salon vor dem Kamin, doch Jo hatte nur Augen für den Flügel, der aufgeklappt dastand.
»Spielst du?«, fragte sie und drehte sich mit ehrfürchtigem Blick zu Laurie.
»Manchmal«, erwiderte er bescheiden.
»Spiel doch bitte was. Ich möchte es hören, damit ich Beth davon erzählen kann.«
»Nach dir.«
»Ich kann nicht spielen – viel zu unbegabt, aber ich liebe Musik über alles.«
Also spielte Laurie, und Jo lauschte, die Nase tief vergraben in den herrlichen Vanilleblumen und Teerosen. Ihre Achtung vor dem ›Laurence-Jungen‹ wuchs in beträchtlichem Maße, denn er spielte erstaunlich gut, und ganz ohne Aufhebens. Sie wünschte, Beth könnte ihn hören, aber sie sagte nichts. Sie lobte ihn nur, so dass er ganz verlegen wurde und sein Großvater rettend eingreifen musste.
»Genug jetzt, junge Dame, sonst steigt’s ihm noch zu Kopf. Er spielt nicht schlecht, ich hoffe allerdings, dass er in wichtigeren Dingen genauso erfolgreich wird. Willst du gehen? Nun, ich danke dir sehr, hoffentlich kommst du bald wieder. Beste Grüße an deine Mutter. Gute Nacht, Doktor Jo.«
Er gab ihr freundlich die Hand, sah dabei aber so aus, als wäre irgendetwas zu seiner Unzufriedenheit. Als sie in die Halle traten, fragte Jo, ob sie etwas Falsches gesagt habe. Laurie schüttelte den Kopf.
»Nein, ich war’s. Er hört mich nicht gern spielen.«
»Warum nicht?«
»Erzähl ich dir ein andermal. John begleitet dich nach Hause. Ich darf ja nicht.«
»Nicht nötig. Ich bin keine junge Dame, und es ist nicht weit. Pass auf dich auf, ja?«
»Ja, aber du kommst doch wieder, hoffe ich?«
»Nur wenn du versprichst, bei uns vorbeizukommen, sobald du wieder gesund bist.«
»Werde ich.«
»Gute Nacht, Laurie!«
»Gute Nacht, Jo, gute Nacht!«
Als sämtliche Abenteuer des Nachmittags erzählt waren, fühlte sich die Familie geneigt, den Nachbarn geschlossen einen Besuch abzustatten, denn jede sah etwas sehr Reizvolles in dem großen Haus auf der anderen Seite der Hecke. Mrs March wollte mit dem alten Herrn über ihren Vater reden, an den er sich noch so gut erinnerte; Meg sehnte sich nach einem Streifzug durch die Orangerie; Beth lechzte nach dem Flügel; und Amy wollte unbedingt die schönen Gemälde und Statuen sehen.
»Mutter, warum wollte Mr Laurence nicht, dass Laurie uns was vorspielt?«, fragte Jo, wie immer neugierig.
»Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, weil sein Sohn, Lauries Vater, eine Italienerin geheiratet hat, eine Musikerin, was dem alten Herrn gegen den Strich ging. Die Dame war lieb und reizend und sehr versiert, aber er mochte sie nicht, und nach der Hochzeit brach er mit seinem Sohn. Beide starben, als Laurie noch ein kleines Kind war. Sein Großvater nahm ihn dann bei sich auf. Ich vermute, dass der Junge, der in Italien geboren wurde, sehr zart ist, und dass der alte Mann Angst hat, ihn zu verlieren. Daher seine Vorsicht. Laurie liegt die Musik im Blut, er ähnelt eben seiner Mutter, und ich denke, sein Großvater befürchtet, der Junge könnte ebenfalls Musiker werden wollen. Jedenfalls erinnert er ihn mit seinem Talent an die ungeliebte Schwiegertochter – daher wahrscheinlich der ›finstere Blick‹, wie Jo meinte.«
»Meine Güte, wie romantisch!«, rief Meg.
»Wie albern«, sagte Jo, »wenn er will, soll er doch Musiker werden, anstatt sich durch ein Studium zu quälen.«
»Deswegen hat er also so schöne schwarze Augen und gute Manieren. Italiener sind immer höflich«, sagte Meg, die ein wenig gefühlsselig war.
»Was weißt du denn von seinen Augen und Manieren? Du hast doch kaum mit ihm gesprochen«, rief Jo, die überhaupt nicht gefühlsselig war.
»Ich hab ihn auf der Feier gesehen, und was du erzählst, beweist ja, dass er sich benehmen kann. Es war doch nett, was er über Mutters Medizin gesagt hat.«
»Er meinte wohl den Mandelpudding.«
»Du bist aber wirklich dämlich, Kleine. Er meinte natürlich dich.«
»Ja?« Und Jo riss die Augen auf, als wäre ihr das gar nicht in den Sinn gekommen.
»Wo gibt’s denn so was! Man macht dir ein Kompliment, und du merkst es nicht mal«, sagte Meg und tat wie eine junge Dame, die mit allen Wassern gewaschen ist.
»Komplimente sind Blödsinn, und du sei nicht albern und verdirb mir nicht den Spaß. Laurie ist ein netter Junge, und ich mag ihn. Ich will nichts hören über Gefühle und Komplimente und solchen Quatsch. Wir werden ihn alle gut behandeln, weil er keine Mutter hat, und er darf doch vorbeikommen, stimmt’s, Marmee?«
»Ja, Jo, dein kleiner Freund ist herzlich willkommen, und ich hoffe, Meg denkt daran, dass Kinder Kinder sein sollten, solange es geht.«
»Ich betrachte mich nicht mehr als Kind, obwohl ich nicht mal dreizehn bin«, meinte Amy. »Was sagst du dazu, Beth?«
»Ich musste gerade an unsere ›Pilgerreise‹ denken«, erwiderte Beth, die überhaupt nicht zugehört hatte. »Wie wir aus dem Sumpf kamen, durch die Pforte gingen und uns vornahmen, gute Menschen zu sein, und mit unserem guten Willen den steilen Berg meistern wollten. Vielleicht wird das Haus da drüben mit all den wunderbaren Sachen unser Palast der Schönheit sein.«
»Aber erst müssen wir an den Löwen vorbei«, sagte Jo, als würde ihr diese Aussicht gar nicht schlecht gefallen.
6
Beth findet den Palast der Schönheit
Das große Haus entpuppte sich tatsächlich als Palast der Schönheit, obwohl es etwas dauern sollte, bis alle eintreten konnten, und Beth sich mit den Löwen sehr schwertat. Der größte Löwe war der alte Mr Laurence. Doch nachdem er zu Besuch gewesen war, mit jedem Mädchen ein lustiges oder freundliches Wort gewechselt und mit ihrer Mutter über alte Zeiten geredet hatte, war er kaum noch sonderlich furchteinflößend, außer für die scheue Beth. Der andere Löwe war der Umstand, dass sie arm waren und Laurie reich, denn sie wollten ungern Gefälligkeiten annehmen, die sie nicht zurückgeben konnten. Irgendwann aber stellten sie fest, dass er sie für die Wohltäter hielt und gar nicht genug tun konnte, um Mrs March seine Dankbarkeit für ihren liebevollen Empfang zu erweisen, für die fröhliche Gesellschaft und den Trost, den er in ihrem bescheidenen Heim fand. Also legten sie bald ihren Stolz ab und tauschten Freundlichkeiten aus, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welche nun die größere war.
Um diese Zeit herum passierten viele schöne Dinge, denn die neue Freundschaft gedieh wie das Gras im Frühling. Alle mochten Laurie, und er teilte seinem Lehrer unter vier Augen mit, dass ›die Marches ganz großartige Mädchen‹ seien. Mit dem entzückenden Enthusiasmus der Jugend machten sie den einsamen Jungen zu ihrem Hahn im Korb, und er genoss in vollen Zügen die unschuldige Gesellschaft dieser bodenständigen Mädchen. Da er selbst ohne Mutter oder Schwestern aufgewachsen war, bekam er bald schon ihren Einfluss zu spüren. Angesichts ihrer Rührigkeit und Lebhaftigkeit war ihm sein untätiges Leben peinlich. Er hatte genug von seinen Lehrbüchern und fand Menschen auf einmal so interessant, dass Mr Brooke gezwungen war, Schlechtes über ihn zu berichten, denn ständig schwänzte Laurie den Unterricht und lief stattdessen hinüber zu den Marches.
»Ach, lassen Sie ihn, soll er ruhig mal frei machen, er kann den Stoff ja später nachholen«, sagte der alte Herr. »Die gute Dame von nebenan ist der Meinung, er lerne zu viel und brauche die Gesellschaft junger Leute, Vergnügen und Bewegung. Wahrscheinlich hat sie Recht und ich habe den Jungen wie eine Großmutter verwöhnt. Soll er machen, was er will, solange er glücklich ist. In dem kleinen Kloster da drüben wird er keinen Blödsinn machen, und Mrs March tut mehr für ihn, als wir es können.«
Und wie lustig sie es hatten, gar keine Frage! Theaterstücke und Tableaux vivants, Schlittenfahren und Schlittschuhlaufen, gesellige Abende im Wohnzimmer der Marches und hin und wieder ein fröhliches kleines Fest im Herrenhaus. Meg konnte durch die Orangerie spazieren und sich an den Düften erfreuen, wann immer sie wollte; Jo stürzte sich auf die neue Bibliothek und sorgte mit ihren Buchkritiken bei dem alten Herrn für große Heiterkeit; Amy kopierte die Gemälde und genoss nach Herzenslust die Schönheit; und Laurie spielte auf charmanteste Weise den Schlossherrn.
Nur Beth brachte trotz ihrer Sehnsucht nach dem Flügel nicht den Mut auf, die ›himmlische Villa‹, wie Meg sie nannte, zu besuchen. Einmal nahm Jo sie mit, doch der alte Herr, der nichts von ihrer Empfindsamkeit wusste, sah sie unter seinen buschigen Augenbrauen so durchdringend an, sagte mit so lauter Stimme »Na, wen haben wir denn da?« und jagte ihr damit einen solchen Schreck ein, dass ihr ›die Knie zitterten‹, wie sie ihrer Mutter später erzählte. Sie lief davon und erklärte, sie werde nie wieder hingehen, nicht mal für das schöne Klavier. Es half kein Überreden und kein Bezirzen, bis Mr Laurence auf mysteriöse Weise von der Angelegenheit erfuhr und sich daran begab, die Sache auszubügeln. Während einer seiner kurzen Besuche lenkte er geschickt das Gespräch auf die Musik und erzählte von den großen Sängern, die er gesehen, und den edlen Orgeln, die er gehört hatte, und er gab so bezaubernde Anekdoten zum Besten, dass Beth unmöglich in ihrem fernen Winkel sitzenbleiben konnte und stattdessen wie gebannt immer näher rücken musste. Sie blieb hinter seinem Sessel stehen und lauschte mit großen Augen, die Wangen rot vor Aufregung angesichts dieses ungewöhnlichen Auftritts. Mr Laurence, der ihr in etwa so viel Beachtung schenkte wie einer Fliege an der Wand, erzählte weiter von Lauries Unterricht und seinen Lehrern. Und als käme ihm der Gedanke gerade erst in den Sinn, sagte er schließlich zu Mrs March:
»Der Junge vernachlässigt seine Musik, und ich bin ganz froh, denn sie ist ihm allmählich zu sehr ans Herz gewachsen. Das Klavier steht jetzt nutzlos herum. Könnte das ein oder andere ihrer Mädchen nicht mal rüberkommen und hin und wieder darauf üben, damit es sich nicht verstimmt? Sie verstehen, Ma’am?«
Beth machte einen Schritt nach vorn, drückte fest die Handflächen aufeinander, um nicht in die Hände zu klatschen, denn einer solchen Versuchung konnte sie nicht widerstehen – allein der Gedanke, auf diesem traumhaft schönen Instrument zu üben, nahm ihr fast den Atem. Noch ehe Mrs March etwas entgegnen konnte, fuhr Mr Laurence mit merkwürdigem kleinem Nicken und Lächeln fort:
»Sie bräuchten niemanden zu sehen und mit niemandem zu reden, sie könnten einfach ins Haus kommen. Ich sitze ohnehin in meinem Arbeitszimmer im anderen Flügel. Laurie ist viel draußen, und nach neun sind die Dienstboten nie in der Nähe des Salons.«
Und damit stand er auf, als wollte er gehen, und Beth beschloss, sich zu Wort zu melden, denn das ließ nichts zu wünschen übrig. »Bitte geben Sie das den jungen Damen weiter. Und wenn sie nicht wollen – na, auch nicht schlimm.« Da griff eine kleine Hand nach seiner. Beth sah mit unendlich dankbarem Gesicht zu ihm hoch und sagte auf ihre ernste und scheue Art:
»Oh doch, Sir, sie wollen, sehr sogar!«
»Bist du das musikalische Mädchen?«, fragte er ganz ohne sein gruseliges ›Na!‹, und sah freundlich zu ihr hinunter.
»Ich bin Beth. Ich liebe die Musik, und ich komme gern, wenn Sie sagen, dass auch wirklich niemand zuhört – und sich gestört fühlt«, fügte sie hinzu, um nicht unhöflich zu sein, und sie zitterte im Anbetracht ihrer eigenen Courage.
»Keine Seele hört zu, meine Liebe. Das Haus steht den halben Tag leer, also komm und klimpere, so viel du willst. Du würdest mir einen großen Gefallen tun.«
»Das ist schrecklich nett von Ihnen, Sir!«
Beth errötete unter dem freundlichen Blick wie eine Rose, doch sie war jetzt nicht mehr ängstlich. Stattdessen drückte sie ihm die Hand, da ihr die Worte fehlten, um ihm für das kostbare Geschenk zu danken, das er ihr gemacht hatte. Der alte Herr strich ihr sanft das Haar aus der Stirn, beugte sich nieder, gab ihr einen Kuss und sagte in einem Ton, den die wenigsten jemals bei ihm gehört hatten:
»Ich hatte selbst mal ein kleines Mädchen mit solchen Augen. Gott segne dich, mein Kind! Guten Tag, Ma’am« – und weg war er.
Beth brach vor ihrer Mutter in Begeisterungsstürme aus und rannte nach oben, um ihrer kranken Puppenfamilie die glorreiche Neuigkeit zu überbringen, denn von den Mädchen war niemand zu Hause. Wie unbeschwert sie an diesem Abend sang, und wie alle über sie lachten, als sie nachts von Amy geweckt wurde, weil sie auf ihren Wangen Klavier spielte.
Nachdem sie am nächsten Tag den alten und den jungen Herrn hinausgehen sehen hatte, gelangte Beth nach zwei oder drei Fehlversuchen durch die Seitentür ins Haus und huschte wie ein Mäuschen in den Salon zu ihrem Schatz. Natürlich lagen auf dem Flügel rein zufällig ein paar hübsche einfache Klaviernoten. Mit bebenden Fingern und immer wieder stockend, um zu horchen und sich umzusehen, berührte Beth endlich das große Instrument. Sofort vergaß sie ihre Angst, sich selbst und alles andere, nur nicht das unbeschreibliche Entzücken, in das die Musik sie versetzte, denn für sie war der Klang des Klaviers wie die Stimme eines geliebten Freundes.
Sie blieb, bis Hannah kam, um sie zum Essen abzuholen, aber sie hatte keinen Appetit und konnte nur dasitzen und in einem Zustand vollendeter Glückseligkeit die anderen anlächeln.
Von nun an konnte man die kleine braune Haube fast jeden Tag durch die Hecke schlüpfen sehen, und der große Salon wurde von einem musikalischen Geist heimgesucht, der ungesehen kam und ging. Sie sollte nie erfahren, dass Mr Laurence oft die Tür seines Arbeitszimmers öffnete, um den altmodischen Liedern zu lauschen, die er so liebte. Sie sah nie, wie Laurie in der Halle Wache stand, um die Dienstboten wegzuscheuchen. Sie hatte nie den Verdacht, dass die Hefte mit den Etüden und Liedern, die sie auf dem Notenpult fand, eigens für sie dort platziert worden waren. Und wenn er sich bei seinen Besuchen mit ihr über Musik unterhielt, fand sie es nur sehr nett von ihm, dass er ihr Dinge erzählte, die so hilfreich für sie waren. Sie war im siebten Himmel und stellte fest, dass der in Erfüllung gegangene Wunsch sie vollkommen beseelte, was ja nicht immer der Fall ist. Vielleicht lag es an ihrer Dankbarkeit für diesen Segen, dass ihr ein noch größerer beschert wurde – verdient hatte sie jedenfalls beide.
»Mutter, ich werde Mr Laurence ein Paar Hausschuhe nähen. Er ist so lieb zu mir, dass ich ihm danken muss, und was anderes fällt mir nicht ein. Darf ich?«, fragte Beth wenige Wochen nach seinem ereignisreichen Besuch.
»Ja, Liebes, er freut sich bestimmt, und es ist eine schöne Art, Danke zu sagen. Die Mädchen werden dir helfen, und ich bezahle dir das Material«, entgegnete Mrs March, die Beths Bitten immer gerne nachkam, weil das Mädchen so selten um etwas bat.
Nach vielen gewichtigen Diskussionen mit Meg und Jo wurde das Muster ausgewählt, das Material beschafft und die Arbeit an den Hausschuhen begonnen. Ein Büschel andächtiger und doch fröhlicher Stiefmütterchen auf dunkel-purpurnem Grund wurde für sehr angemessen und hübsch befunden, und Beth arbeitete von früh bis spät mit gelegentlicher Unterstützung, wenn es zu kompliziert wurde. Sie war eine flinke kleine Handarbeiterin, und die Schuhe waren fertig, bevor jemandem die Lust abhandenkam. Dann schrieb sie einen kurzen einfachen Brief, und mit Lauries Hilfe wurden die Schuhe auf den Schreibtisch des alten Herrn geschmuggelt, bevor er auf den Beinen war.
Als diese Aufregung vorbei war, wartete Beth. Es verging ein ganzer Tag, und dann noch ein halber, bevor sie eine Antwort erhielt, und sie hatte schon befürchtet, ihren brummigen Freund gekränkt zu haben. Am Nachmittag des zweiten Tages ging sie hinaus, um Besorgungen zu machen und der armen Joanna, der kranken Puppe, ihre tägliche Bewegung zu verschaffen. Als sie auf dem Heimweg die Straße hochkam, sah sie drei, nein, vier Köpfe, die immer wieder aus den Wohnzimmerfenstern schauten. Und als man sie sah, winkten mehrere Hände und riefen mehrere fröhliche Stimmen:
»Hier ist ein Brief von dem alten Herrn. Komm schnell und lies ihn!«
»Ach, Beth! Er hat dir –«, begann Amy und gestikulierte wild in ihrer wenig damenhaften Aufgeregtheit. Aber sie kam nicht weiter, denn Jo knallte ihr das Fenster vor der Nase zu.
Gespannt lief Beth mit eiligen Schritten weiter. An der Tür wurde sie von ihren Schwestern gepackt und mit einem wahren Triumphzug ins Wohnzimmer geleitet. Alle zeigten auf etwas und sagten wie aus einem Mund: »Guck mal! Guck mal! Guck mal!« Und Beth guckte und wurde blass vor Freude und Erstaunen – denn dort stand ein kleines Schrankklavier. Auf dem glänzenden Deckel lag ein Brief, der wie ein Klingelschild an ›Miss Elizabeth March‹ adressiert war.
»Für mich?«, sagte Beth atemlos, klammerte sich an Jo und hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihren Füßen nachgeben, so überwältigend war das Ganze.
»Für dich allein, mein Herz! Ist das nicht hinreißend von ihm? Ist er nicht der liebste alte Mann auf Erden? Hier ist der Schlüssel, hier im Umschlag. Wir haben ihn nicht aufgemacht, aber wir sterben fast vor Neugier«, rief Jo. Sie drückte ihre Schwester an sich und hielt ihr den Brief hin.
»Lies du ihn, ich kann nicht, mir ist ganz flau. Ach, wie wunderschön!«, sagte Beth und verbarg ihr Gesicht in Jos Schürze, so verstört war sie von dem Geschenk.
Jo öffnete den Brief und fing an zu lachen, denn die ersten Worte, die sie sah, lauteten:
MISS MARCH:
Verehrte Dame –
»Das klingt aber nett! Ich wünschte, mir würde auch jemand so was schreiben!«, sagte Amy, die die altmodische Anrede für überaus elegant hielt.
»›Ich habe im Leben schon viele Hausschuhe besessen, aber noch keine, die mir so gut gefallen haben wie Deine‹«, fuhr Jo fort.
Das Ackerveilchen ist meine Lieblingsblume und wird mich immer an die liebe Schenkende erinnern. Ich möchte mich dafür erkenntlich zeigen, und ich weiß, dass Du es ›dem alten Herrn‹ erlauben wirst, Dir etwas zukommen zu lassen, was einst der kleinen Enkeltochter gehörte, die ihm genommen wurde. Mit herzlichstem Dank und den besten Wünschen verbleibe ich
Dein dankbarer Freund und ergebener Diener
JAMES LAURENCE
»Also, Beth, wenn das keine Ehre ist. Du kannst stolz auf dich sein! Laurie hat mir davon erzählt, wie sehr ihm das verstorbene Kind am Herzen lag und wie sorgsam er all ihre kleinen Habseligkeiten aufbewahrt hat. Denk nur, er hat dir ihr Klavier geschenkt! Das kommt davon, wenn man große blaue Augen hat und Musik liebt«, sagte Jo und versuchte Beth zu beruhigen, die am ganzen Leib zitterte und aufgeregter aussah als je zuvor in ihrem Leben.
»Schau mal hier, diese raffinierten Kerzenhalter, und die hübsche grüne Seide mit der goldenen Stickrose in der Mitte, und das schöne Notenpult, und der Hocker, alles komplett«, fügte Meg hinzu, öffnete das Instrument und enthüllte seine ganze Schönheit.
»›Dein ergebener Diener, James Laurence‹ – dass er dir so was schreibt! Ich muss es gleich den Mädchen erzählen, die werden umfallen«, sagte Amy, die der Brief außerordentlich beeindruckt hatte.
»Na los, ran an den Speck, lass mal hören, wie es klingt, dein Klavierchen«, sagte Hannah, die stets an allen Freuden und Sorgen der Familie teilhatte.
Und Beth gehorchte. Alle erklärten es zum bemerkenswertesten Klavier, das sie je gehört hatten. Es war offenkundig frisch gestimmt und tipptopp in Ordnung gebracht worden. Ich denke aber, dass bei aller Vollkommenheit der wahre Zauber in den glücklichsten aller glücklichen Gesichter lag, die sich darüber beugten, während Beth liebevoll die herrlichen schwarzen und weißen Tasten anschlug und mit dem Fuß die glänzenden Pedale drückte.

»Du wirst rübergehen und dich bedanken müssen«, sagte Jo eher im Scherz, denn dass das Kind tatsächlich loslaufen würde, war unvorstellbar.
»Das hab ich auch vor. Am besten geh ich wohl sofort, bevor ich zu viel Angst bekomme« – und zur größten Verblüffung der versammelten Familie lief Beth mit entschlossenen Schritten durch den Garten, schlüpfte durch die Hecke und trat bei Laurences durch die Tür.
»Na, jetzt schlägt’s aber dreizehn, ich seh wohl nicht recht! Das Klavierchen hat ihr den Kopf verdreht. Das gibt’s doch gar nicht«, rief Hannah und starrte Beth hinterher, während im Angesicht dieses Wunders sämtlichen Mädchen die Kinnlade herunterfiel.
Und sie wären sogar noch verblüffter gewesen, hätten sie gesehen, was Beth dann tat. Ob ihr mir glauben wollt oder nicht: Sie ging zum Arbeitszimmer und klopfte, ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken, an die Tür. Als eine schroffe Stimme »Herein!« rief, ging sie zu Mr Laurence ins Zimmer, der nicht wusste, wie ihm geschah. Sie streckte ihm die Hand entgegen und sagte mit nur ganz leicht zitternder Stimme: »Ich bin gekommen, um Ihnen zu danken, Sir, für –« Doch sie kam nicht weiter, denn er sah so gütig aus, dass sie den Rest ihrer Rede vergaß. Und da sie an nichts anderes denken konnte, als daran, dass er das inniglich geliebte kleine Mädchen verloren hatte, schlang sie beide Arme um seinen Hals und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Wäre plötzlich das Dach vom Haus geflogen, hätte der alte Herr nicht überraschter sein können, aber er freute sich – du liebe Güte, ja! – er freute sich außerordentlich. Er war so gerührt und beglückt von diesem vertrauensvollen Küsschen, dass sich all seine Brummigkeit in Luft auflöste. Er hob sie auf sein Knie und schmiegte seine faltige Wange an ihre glatte, so dass er das Gefühl hatte, seine Enkeltochter wiederzuhaben. In diesem Moment hörte Beth auf, sich vor ihm zu fürchten. Sie saß da und plauderte so inniglich drauflos, als hätte sie ihn ihr Leben lang gekannt – denn die Liebe kann die Angst vertreiben und Dankbarkeit den Stolz besiegen. Als sie nach Hause kam, begleitete er sie bis vors Tor, schüttelte herzlich ihre Hand und tippte sich an den Hut, bevor er zurückmarschierte, stattlich und aufrecht wie der schöne soldatische Gentleman, der er war.
Beim Anblick dieser Szene begann Jo ein Tänzchen aufzuführen, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen; Amy fiel vor Verblüffung fast aus dem Fenster; und Meg rief mit erhobenen Händen: »Jetzt hört sich aber wirklich alles auf!«
7
Amy im Tal der Demütigung
»Dieser Junge ist ein regelrechter Zyklop, oder?«, sagte Amy eines Tages, als Laurie peitschenschwingend auf einem Pferd vorbeidonnerte.
»Wie kannst du so was behaupten, wo er doch beide Augen hat? Und dazu noch sehr hübsche«, rief Jo, die kein schlechtes Wort über ihren Freund duldete.
»Ich hab doch gar nichts über seine Augen gesagt! Ich verstehe nicht, wieso du dich so aufregst, nur weil ich seine Reitkünste bewundere?«
»Ach du grüne Neune! Sie meint einen Zentauren, sagt aber Zyklop, die dumme Gans«, rief Jo und lachte laut auf.
»Du brauchst nicht so grob zu sein, das war nur eine Linguslapsuli, wie Mr Davis immer sagt«, gab Amy zurück, um Jo mit ihren Lateinkenntnissen den Wind aus den Segeln zu nehmen. »Ach, ich wünschte, ich hätte einen Bruchteil von dem Geld, das Laurie in dieses Pferd steckt«, fügte sie hinzu, scheinbar zu sich selbst, aber doch in der Hoffnung, von den Schwestern gehört zu werden.
»Warum?«, fragte Meg freundlich, denn Amys zweiter Fehler hatte Jo erneut in größte Heiterkeit versetzt.
»Ich könnte es gut gebrauchen. Ich habe schrecklich viel Schulden, und ich muss noch einen Monat warten, bis ich mit dem Lumpengeld an der Reihe bin.«
»Schulden? Was für Schulden?«, fragte Meg mit nüchternem Blick.
»Na ja, ich schulde mindestens ein Dutzend eingemachte Limetten, aber ich kann mich nicht revanchieren, bis ich Geld habe, verstehst du, weil Marmee mir verboten hat, im Laden auf Pump zu kaufen.«
»Erzähl mehr davon. Sind Limetten jetzt die neue Mode? Früher waren es Flummis«, sagte Meg und gab sich alle Mühe, nicht loszulachen, da Amy so ernst und gewichtig aussah.
»Na ja, weißt du, die Mädchen kaufen sich immer welche, und dann muss man es auch tun, sonst halten sie einen für gemein. Limetten sind das Größte, und alle lutschen sie im Unterricht unter der Bank oder tauschen sie in der Pause gegen Bleistifte, Perlen, Kleiderpuppen oder so was. Wenn man ein Mädchen gern mag, schenkt man ihm eine Limette. Wenn man böse auf ein Mädchen ist, isst man vor seiner Nase eine Limette und lässt es nicht mal dran lecken. Alle wechseln sich ab, und ich hab schon so viele bekommen, aber ich konnte mich nie revanchieren, doch ich muss, es ist eine Frage der Ehre, verstehst du.«
»Wie viel brauchst du, um deine Ehre wiederherzustellen?«, fragte Meg und holte ihre Geldbörse hervor.
»Ein Vierteldollar wäre mehr als genug, dann hätte ich sogar noch ein bisschen übrig und könnte dir was Leckeres mitbringen. Magst du keine Limetten?«
»Nicht sehr, du kannst meinen Anteil haben. Hier ist das Geld – teil’s dir gut ein, es ist nicht viel, hörst du?«
»Oh, danke! Taschengeld muss was Schönes sein. Ich werde in Limetten schwelgen, diese Woche hatte ich nämlich noch keine einzige. Ich hatte Bedenken, welche anzunehmen, weil ich mich nicht revanchieren konnte, dabei hatte ich solche Lust drauf.«
Am nächsten Tag kam Amy etwas zu spät zur Schule, konnte der Versuchung aber nicht widerstehen, mit großem und nachvollziehbarem Stolz ein feuchtes braunes Papierpäckchen vor sich abzulegen, bevor sie es in den abgelegensten Winkel ihrer Bank schob. In den folgenden paar Minuten machte das Gerücht die Runde, dass Amy March vierundzwanzig köstliche Limetten gekauft habe (eine war unterwegs verspeist worden) und spendieren wolle, und das Interesse der Freundinnen wurde beinahe überwältigend. Katy Brown lud sie auf der Stelle zu ihrer nächsten Feier ein; Mary Kingley bestand darauf, ihr bis zur Pause ihre Armbanduhr zu leihen; und Jenny Snow, eine echte Lästerzunge, die Amy wegen ihres chronischen Limettenmangels zum Gespött gemacht hatte, begrub prompt das Kriegsbeil und erbot sich, die Lösung für einige besonders knifflige Rechenaufgaben bereitzustellen. Amy aber hatte die bissigen Bemerkungen Miss Snows über ›gewisse Personen, deren Nasen nicht zu flach sind, um anderer Leute Limetten auszuschnüffeln‹ und ›hochnäsige Personen, die sich nicht zu fein sind, andere Leute um Limetten anzubetteln‹ nicht vergessen und machte sogleich die Hoffnung Miss Snows zunichte, indem sie ihr zu verstehen gab: ›Du brauchst gar nicht so höflich zu tun, du bekommst sowieso keine.‹
Zufällig war es so, dass an diesem Morgen irgendeine bedeutende Persönlichkeit die Schule besuchte. Amys gelungenen Landkarten wurden gelobt, und dieses Lob fraß ihrer Feindin Miss Snow gehörig an den Nieren, was Miss March wiederum anhielt, sich wie ein strebsamer junger Pfau aufzuführen. Aber, ach! Hochmut kommt vor dem Fall, und das rachsüchtige Fräulein Snow drehte erfolgreich den Spieß um. Kaum hatte der Gast die üblichen schalen Komplimente ausgesprochen und sich hinausgeleiten lassen, da teilte Jenny Mr Davis unter dem Vorwand einer wichtigen Frage mit, dass Amy March eingelegte Limetten unter ihrer Bank habe.
Leider hatte Mr Davis striktes Limettenverbot ausgesprochen und gedroht, jede bei einer Zuwiderhandlung Ertappte einer öffentlichen Züchtigung auszusetzen. Der leidgeprüfte Mann hatte nach langem und zähem Kampf erfolgreich das Kaugummi aus dem Klassenzimmer verbannt, er hatte konfiszierte Novellen und Zeitungen ins Feuer geworfen und ein privates Postamt geschlossen, er hatte Fratzenschneiden, Spitznamen und Karikaturen verboten und alles getan, was ein Mann tun konnte, um rund fünfzig rebellische Mädchen in Schach zu halten. Jungen sind Prüfung genug für die Geduld eines Menschen, weiß Gott! Aber Mädchen sind um ein Vielfaches schlimmer, vor allem für überreizte Herren mit tyrannischem Temperament und dem pädagogischen Geschick eines Dr. Blimber. Mr Davis war des Griechischen, Lateinischen, Mathematischen und diverser -logien leidlich mächtig, also galt er als guter Lehrer. Manieren, Wertvorstellungen, Gefühlen und Vorbildern wurde keine allzu große Bedeutung beigemessen. Amys Denunziation geschah zu einem höchst unglücklichen Zeitpunkt, und das war Jenny klar. Mr Davis hatte offensichtlich morgens zu starken Kaffee gehabt, der Wind kam von Osten und zerrte an seinen Nerven, und seine Schülerinnen hatten ihm nicht den verdienten Respekt gezollt. Daher war er also, um es mit den Worten der Schülerinnen wenig vornehm auszudrücken, ›ein einziges Nervenbündel‹. Das Wort ›Limette‹ war der Funke, der das Pulverfass zum Explodieren brachte, sein gelbliches Gesicht lief rot an, und er knallte mit der Faust so heftig auf sein Lehrerpult, dass Jenny mit ungewöhnlicher Hast auf ihren Platz zurücksprang.
»Meine Damen, wenn ich bitten darf!«
Bei diesem strengen Befehl verstummte der Geräuschpegel, und fünfzig blaue, schwarze, graue und braune Augenpaare fixierten sein furchterregendes Antlitz.
»Miss March, nach vorne.«
Amy kam der Aufforderung mit scheinbarer Ruhe nach, doch heimlich bebte sie vor Angst, denn die Limetten wogen schwer auf ihrem Gewissen.
»Und bring die Limetten mit, die du unter der Bank hast«, lautete der unerwartete Befehl, der sie traf wie der Schlag, noch ehe sie sich von ihrem Stuhl erhoben hatte.
»Nimm nicht alle«, flüsterte die Nachbarin, eine junge Dame von großer Geistesgegenwart.
Hastig schüttelte Amy ein halbes Dutzend aus der Tüte und legte den Rest vor Mr Davis auf den Tisch. Sie war überzeugt, dass jeder, bei dem ein menschliches Herz in der Brust schlug, kapitulieren würde, sobald der köstliche Duft in seine Nase stieg. Leider hasste Mr Davis nichts so sehr wie den Duft dieser eingemachten Modefrucht, und zu seinem Zorn gesellte sich Ekel.
»Ist das alles?«
»Na ja«, stammelte Amy.
»Bring den Rest her, auf der Stelle.«
Mit verzweifeltem Blick auf ihre Freundinnen gehorchte sie.
»Bist du sicher, dass das alles ist?«
»Ich lüge nie, Sir.«
»Das sehe ich. Und jetzt nimm diese widerwärtigen Dinger, paarweise, und wirf sie aus dem Fenster.«
Es folgte ein kollektiver Seufzer, der für einen regelrechten Luftzug sorgte, mit dem auch die letzte Hoffnung schwand, die herrlichen Leckerbissen genießen zu können. Tiefrot vor Wut und Scham ging Amy sechs entsetzliche Male hin und her, und während jedes saftstrotzende Limettenpaar ihre unwilligen Hände verließ, machten die Rufe von der Straße her die Qualen der Mädchen komplett, denn damit war klar, dass ihre eingeschworenen Feinde, die irischen Kinder, gerade das Fest ihres Lebens feierten. Das – war einfach zu viel. Geschlossen warfen die Mädchen dem unerbittlichen Davis empörte und flehende Blicke zu, und eine passionierte Limettenfreundin brach sogar in Tränen aus.
Als Amy von ihrem letzten Gang zurückkehrte, stieß Mr Davis ein unheilvolles Räuspern aus und sprach so eindrucksvoll er konnte:
»Meine Damen, ihr erinnert euch, was ich letzte Woche zu euch gesagt habe. Ich bedaure diesen Vorfall, aber ich lasse es nicht zu, dass meine Regeln missachtet werden, und ich breche niemals mein Wort. Miss March, streck die Hand aus.«
Amy erschrak, versteckte beide Hände hinter ihrem Rücken und warf ihm einen bittenden Blick zu, der mehr sagte als die unaussprechlichen Worte. Eigentlich war sie eine Lieblingsschülerin des ›alten Davis‹, wie er gerne genannt wurde, und unter uns gesagt, ich glaube, er hätte sehr wohl sein Wort gebrochen, wenn sich die Empörung irgendeiner störrischen jungen Dame nicht durch ein Zischen Luft gemacht hätte. Dieses Zischen, so leise es auch war, reizte den hitzköpfigen Herrn und besiegelte das Schicksal der Schuldigen.
»Deine Hand, Miss March!«, war die einzige Antwort auf ihren stummen Appell, und Amy, die viel zu stolz war, um zu weinen oder zu betteln, biss die Zähne zusammen, warf trotzig den Kopf zurück und ertrug, ohne mit der Wimper zu zucken, mehrere schmerzende Schläge auf ihre kleine Handfläche. Es waren weder viele noch harte Schläge, aber das spielte für sie keine Rolle. Sie war noch nie zuvor in ihrem Leben geschlagen worden, und in ihren Augen war die Schande ebenso groß, als wenn er sie zu Boden gestoßen hätte.
»Und jetzt stellst du dich bis zur Pause vor die Klasse«, sagte Mr Davis, der entschlossen war, die Sache gründlich abzuwickeln.
Das war der Alptraum schlechthin! Es wäre schon schlimm genug gewesen, unter den mitleidigen Blicken ihrer Freundinnen und der Schadenfreude ihrer wenigen Feindinnen zu ihrer Bank zurückzugehen – aber mit dieser noch frischen Schande vor der ganzen Klasse stehen zu müssen, schien ihr ein Ding der Unmöglichkeit. Und kurzzeitig hatte sie das Gefühl, sie könnte nur noch im Boden versinken und heulen wie ein Schlosshund. Doch die Überzeugung, ein Unrecht erfahren zu haben, und der Gedanke an Jenny Snow halfen ihr, auch diese Strafe zu ertragen. Sie nahm ihren ruhmlosen Platz ein, richtete den Blick auf das Kaminrohr über dem, was ihr jetzt wie ein Meer von Gesichtern vorkam, und stand so unbewegt und bleich, dass es den Mädchen äußerst schwerfiel, sich mit dieser mitleiderregenden Gestalt vor Augen auf den Unterricht zu konzentrieren.
Während der nachfolgenden Viertelstunde erduldete das stolze, empfindsame Mädchen Schmach und Schmerzen, die sie nie vergessen sollte. Für die anderen mochte es eine lächerliche oder triviale Sache gewesen sein, für sie aber war es eine bittere Erfahrung, denn in ihrem zwölfjährigen Leben hatte sie ausschließlich Liebe erfahren – so etwas Grausames hatte sie noch nie erlebt. Doch sie vergaß ihre schmerzende Hand und ihr blutendes Herz und hatte nur einen qualvollen Gedanken:
›Ich werde es zu Hause erzählen müssen, und sie werden schrecklich enttäuscht von mir sein!‹
Die Viertelstunde kam ihr vor wie eine ganze, doch dann war sie endlich vorbei, und noch nie war ihr das Wort ›Pause‹ willkommener gewesen.
»Du kannst gehen, Amy March«, sagte Mr Davis und sah dabei genauso aus wie ihm zumute war: unbehaglich.
Den vorwurfsvollen Blick, den Amy ihm zuwarf, als sie wortlos in den Vorraum verschwand, sollte er lange nicht vergessen. Sie schnappte ihre Sachen und ging, und zwar ›für immer‹, wie sie inbrünstig zu sich sagte.
Als sie zu Hause ankam, war sie in einem solch beklagenswerten Zustand, dass sofort, als die älteren Mädchen einige Zeit später eintrafen, eine Krisensitzung einberufen wurde. Mrs March sagte nicht viel, sah aber verstört aus und tröstete zärtlich ihre gequälte kleine Tochter. Meg badete die gekränkte Hand in Glyzerin und Tränen; Beth glaubte bei solch einem Kummer nicht mal an die tröstende Kraft ihrer geliebten Kätzchen; Jo schlug zornentbrannt vor, Mr Davis unverzüglich festnehmen zu lassen; und Hannah schüttelte die Faust, nannte den Mann einen Schurken und stampfte die Kartoffeln für das Abendessen so kraftvoll, als wäre er eine davon.
Amys Flucht aus der Schule wurde unkommentiert gelassen, außer von ihren Mitschülerinnen – wobei die scharfäugigen Damen feststellten, dass Mr Davis am Nachmittag ziemlich zahm war, und auch ungewöhnlich nervös. Kurz vor Schulschluss erschien Jo mit grimmiger Miene, stapfte ans Lehrerpult und übergab ihm einen Brief von ihrer Mutter. Dann sammelte sie Amys Sachen ein und ging, wobei sie sorgsam ihre schlammigen Stiefel auf der Fußmatte abtrat, so als wollte sie den Staub des Ortes von ihren Füßen loswerden.
»Ja, du darfst dir freinehmen, aber ich möchte, dass du trotzdem jeden Tag mit Beth ein bisschen zusammen lernst«, sagte Mrs March an diesem Abend. »Ich halte nichts von Züchtigung, schon gar nicht bei Mädchen. Ich halte Mr Davis für keinen guten Lehrer, und die Mädchen, mit denen du verkehrst, tun dir nicht gut. Ich werde euren Vater um Rat fragen, bevor ich dich woanders hinschicke.«
»Sehr gut! Ich wünschte, alle Mädchen würden abgehen, dann wär’s das mit seiner blöden Schule gewesen. Wenn ich an diese traumhaften Limetten denke – es ist so ärgerlich«, sagte Amy seufzend mit Märtyrermiene.
»Dass du sie aufgeben musstest, tut mir nicht leid, du hast schließlich gegen die Regeln verstoßen, und Ungehorsam muss bestraft werden«, lautete die strenge Antwort, die die junge Dame ziemlich enttäuschte, die ausschließlich auf Verständnis gehofft hatte.
»Willst du damit sagen, du bist froh, dass ich vor der ganzen Schule blamiert wurde?«, rief Amy.
»Ich selbst hätte diesen Weg nicht gewählt, um dich zurechtzuweisen«, erwiderte ihre Mutter, »ich bin aber nicht sicher, ob dir eine mildere Strafe geholfen hätte. Allmählich wirst du mir ein bisschen zu hochmütig und aufgeblasen, mein Kind, und es wird Zeit, dass du dich besserst. Du hast allerlei kleine Talente und Tugenden, aber man muss damit nicht hausieren gehen, denn Einbildung verdirbt den größten Geist. Es besteht keine Gefahr, dass echtes Talent oder ein gutes Herz lange übersehen werden. Und selbst wenn, sollte es einem reichen, sich selbst dieser Dinge bewusst zu sein und sie zu nutzen. Bescheidenheit ist eine Kunst.«
»Genau!«, rief Laurie, der in der Ecke mit Jo Schach spielte. »Ich kannte mal ein Mädchen, das außerordentlich musikalisch war, aber nichts davon wusste. Es hatte keine Ahnung, wie hübsch die kleinen Lieder waren, die es im stillen Kämmerlein komponierte, und es hätte es auch nicht geglaubt, wenn es darauf hingewiesen worden wäre.«
»Das nette Mädchen hätte ich gern kennengelernt, vielleicht hätte es mir geholfen. Ich muss ja noch so viel lernen«, sagte Beth, die neben ihm stand und eifrig seinen Worten lauschte.
»Du kennst es, und es hilft dir mehr als alle anderen«, entgegnete Laurie und sah sie mit seinen fröhlichen schwarzen Augen so schelmisch an, dass Beth plötzlich rot anlief und ihr Gesicht im Sofakissen versteckte, denn sie war ganz überwältigt von dieser überraschenden Erkenntnis.
Jo ließ Laurie gewinnen, als Belohnung dafür, dass er ihre liebe Beth so gelobt hatte, die sich nach diesem Kompliment wiederum strikt weigerte, ihnen etwas vorzuspielen. Also tat Laurie sein Bestes und sang ganz wunderbar, denn er war bestens aufgelegt – den Marches zeigte er nur selten seine launische Seite. Als er weg war, sagte Amy, die den ganzen Abend über irgendetwas gebrütet zu haben schien, plötzlich:
»Ist Laurie ein vornehmer Junge?«
»Ja, er war auf sehr guten Schulen und hat jede Menge Talent. Aus ihm wird mal ein vornehmer Mann – wenn man ihm nicht zu sehr schmeichelt«, erwiderte ihre Mutter.
»Und er ist nicht eingebildet, oder?«, fragte Amy.
»Nicht im Geringsten. Deshalb ist er ja so charmant, und deshalb mögen wir ihn alle so gern.«
»Ich verstehe. Viel zu können und vornehm zu sein, ohne sich damit aufzuspielen, ist eigentlich was Schönes«, sagte Amy nachdenklich.
»Bescheidenheit erkennt man am Verhalten eines Menschen und an seiner Art zu sprechen. Man muss nichts zur Schau stellen«, sagte Mrs March.
»Genauso überflüssig wäre es, all deine Hauben, Kleider und Schleifen auf einmal anzuziehen, nur damit die Leute sehen, was du alles besitzt«, fügte Jo hinzu, und der Vortrag endete im Gelächter.
8
Jo ringt mit Apollyon
»Wo wollt ihr hin?«, fragte Amy neugierig, als sie eines Samstagnachmittags zu ihren Schwestern ins Zimmer kam und sah, dass sich die beiden auf geheimnistuerische Art zum Ausgehen bereitmachten.
»Muss dich nicht kümmern. Kleine Mädchen sollten nicht so viel fragen«, erwiderte Jo schroff.
Wenn es nun aber irgendetwas gibt, das uns als junge Menschen kränkt, dann sind es diese Worte – und wenn es dann noch ›geh spielen‹ heißt, ist das noch gemeiner. Amy fasste es als persönliche Beleidigung auf und nahm sich vor, hinter das Geheimnis zu kommen, selbst wenn sie ihren Schwestern eine ganze Stunde lang auf die Nerven gehen musste. Sie drehte sich zu Meg, die ihr nie lange etwas vorenthalten konnte, und säuselte: »Jetzt sag doch mal! Ich finde, ihr solltet mich mitnehmen; Beth ist mit ihren Puppen beschäftigt, und ich hab nichts zu tun und bin schrecklich allein.«
»Das geht nicht, meine Süße, du bist nicht eingeladen«, begann Meg, aber Jo fuhr ungeduldig dazwischen. »Meg, jetzt sei still, sonst machst du noch alles kaputt. Du kannst nicht mit, Amy. Also benimm dich nicht wie ein kleines Kind und hör auf zu jammern.«
»Ihr geht mit Laurie irgendwohin, das weiß ich genau. Gestern habt ihr zusammen auf dem Sofa gesessen, getuschelt und gelacht, und als ich reinkam, habt ihr aufgehört zu reden. Geht ihr mit ihm irgendwohin?«
»Ja, tun wir. Jetzt sei still und hör auf, so ein Plagegeist zu sein.«
Amy hielt den Mund, sah aber ganz genau, wie Meg sich einen Fächer in die Tasche steckte.
»Ich weiß es! Ich weiß es! Ihr geht ins Theater und guckt euch Die sieben Schlösser an!«, rief sie und fügte resolut hinzu: »Und ich geh mit, Mutter hat nämlich gesagt, ich darf, und ich hab mein Lumpengeld, und es war gemein von euch, mir nicht rechtzeitig Bescheid zu sagen.«
»Jetzt hör mir mal zu, und sei schön lieb«, sagte Meg mit beruhigender Stimme. »Mutter möchte nicht, dass du diese Woche gehst, weil deine Augen noch nicht gesund genug sind für das helle Licht bei diesem Märchenstück. Du kannst nächste Woche mit Beth und Hannah gehen, das wird sehr nett.«
»Ich will aber viel lieber mit euch und Laurie gehen. Bitte! Ich war so lange erkältet und hab nur zu Hause gesessen, ich brauche dringend ein bisschen Spaß. Bitte, Meg! Ich bin auch ganz, ganz lieb«, bettelte Amy so herzzerreißend wie nur möglich.
»Und wenn wir sie mitnehmen? Ich denke nicht, dass Mutter was dagegen hätte, wenn wir sie schön dick einmummeln«, begann Meg.
»Wenn sie geht, geh ich nicht; und wenn ich nicht gehe, wird es Laurie nicht gefallen. Und es wäre sehr unhöflich, Amy mitzuschleppen, wo er doch nur uns eingeladen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich aufdrängen will, wo sie nicht erwünscht ist«, sagte Jo gereizt, denn wenn sie sich vergnügen wollte, hatte sie keine Lust, auch noch auf ein zappeliges Kind aufzupassen.
Ihr Tonfall und ihr Gehabe ärgerten Amy, und sie begann, in ihre Stiefel zu schlüpfen, und sagte auf ihre nervtötendste Art: »Ich gehe wohl mit. Meg hat gesagt, ich darf; und wenn ich’s selbst bezahle, hat Laurie damit überhaupt nichts zu tun.«
»Du kannst nicht neben uns sitzen, wir haben reservierte Plätze, und du darfst nicht alleine sitzen; also wird Laurie dir seinen Platz abtreten, und das wird uns den Spaß verderben. Oder er kauft dir extra eine Karte, was sich nicht gehört, denn du warst nicht eingeladen. Du bewegst dich keinen Zentimeter von der Stelle. Du bleibst schön hier«, sagte Jo in scharfem Ton und noch gereizter, weil sie sich in ihrer Eile gerade in den Finger gestochen hatte.
Amy, die mit einem angezogenen Stiefel auf dem Boden saß, fing an zu weinen, und Meg begann, auf sie einzureden, da rief Laurie von unten. Die beiden Mädchen rannten hinunter und ließen ihre Schwester heulend zurück – denn hin und wieder vergaß sie ihre erwachsene Art und benahm sich wie ein verwöhntes Kind. Als die Gruppe loszog, rief Amy mit drohender Stimme übers Treppengeländer: »Das wird dir noch leidtun, Jo March! Das sag ich dir.«
»Du spinnst ja«, gab Jo zurück und knallte die Tür zu.
Sie hatten einen bezaubernden Abend, denn Die sieben Schlösser am Diamantsee war so geistreich und wundervoll, wie man es sich nur wünschen konnte. Doch trotz der lustigen roten Kobolde, funkelnden Elfen und traumhaft schönen Prinzen und Prinzessinnen hatte Jos Freude einen Wermutstropfen: Die blonden Locken der Elfenkönigin erinnerten sie an Amy, und nach jedem Akt überlegte sie belustigt, was ihre Schwester wohl vorhaben könnte, um sich an ihr zu rächen. Sie und Amy hatten im Laufe ihres Lebens schon viele heftige Auseinandersetzungen gehabt, denn beide waren impulsiv und neigten schlimmstenfalls zur Gewalt. Jo zog Amy auf, und Amy ging Jo auf die Nerven, und dann und wann gab es Wutausbrüche, die den beiden danach immer sehr peinlich waren. Obwohl sie die Ältere war, hatte Jo weniger Selbstbeherrschung, und es fiel ihr schwer, ihr feuriges Temperament zu bändigen, das sie ständig in Schwierigkeiten brachte; aber ihre Wut war nie von Dauer, und wenn sie ihren Fehler eingestanden hatte, war sie aufrichtig zerknirscht und gewillt, sich zu bessern. Ihre Schwestern sagten immer, sie brächten Jo gerne zur Weißglut, weil sie anschließend immer so ein Engel sei. Die arme Jo versuchte verzweifelt, brav zu sein, doch ihr Erzfeind war immer bereit, aufzuflammen und sie zu bezwingen – es brauchte jahrelange Geduld und Mühe, ihn in den Griff zu bekommen.
Als sie nach Hause kamen, fanden sie Amy lesend im Wohnzimmer. Sie schaute beleidigt, als die Schwestern durch die Tür kamen, sah kein einziges Mal von ihrem Buch auf und stellte keine einzige Frage. Vielleicht hätte die Neugier über ihren Groll gesiegt, wäre da nicht Beth gewesen, auf deren Nachfrage hin das Stück in den leuchtendsten Farben geschildert wurde. Als Jo nach oben ging, um ihren besten Hut wegzupacken, galt ihr erster Blick ihrem Schreibtisch. Bei ihrem letzten Streit hatte Amy nämlich aus Wut die oberste Schublade herausgezogen und über dem Boden ausgeleert. Aber alles war an seinem Platz, und nach einem raschen Blick in ihre diversen Schränke, Taschen und Kisten entschied Jo, dass Amy vergeben und vergessen hatte.
Doch da lag Jo leider falsch, denn tags darauf machte sie eine Entdeckung, die einen Sturm der Entrüstung entfachte. Am späten Nachmittag saßen Meg, Beth und Amy zusammen, als Jo aufgewühlt ins Zimmer platzte und atemlos fragte: »Hat jemand mein Buch weggenommen?«
Meg und Beth verneinten sofort und sahen überrascht aus. Amy stocherte im Feuer und sagte nichts. Jo sah, wie sie errötete und stürzte auf sie zu.
»Amy, du hast es!«
»Nein, hab ich nicht.«
»Dann weißt du, wo es ist!«
»Nein, tu ich nicht.«
»Du lügst doch!«, rief Jo, packte sie an den Schultern und sah so zornig aus, dass sie einem weitaus furchtloseren Kind als Amy Angst gemacht hätte.
»Tu ich nicht. Ich hab’s nicht, ich weiß nicht, wo es jetzt ist, und außerdem ist es mir egal.«
»Du weißt was, und ich rate dir, es mir sofort zu sagen, sonst zwinge ich dich«, sagte Jo und schüttelte sie leicht.
»Du kannst schimpfen, so viel du willst, du wirst dein blödes Buch nie wiedersehen«, rief Amy, die jetzt ebenfalls aufgebracht war.
»Warum nicht?«
»Ich hab’s verbrannt.«
»Was!? Mein kleines Buch, das mir so am Herzen liegt, an dem ich so lange gearbeitet habe und das ich fertigkriegen wollte, bevor Vater nach Hause kommt? Du hast es allen Ernstes verbrannt?«, fragte Jo und wurde blass. Ihr Blick wurde noch wütender, und sie hielt Amy mit nervösen Händen gepackt.
»Ja, hab ich! Ich hab dir doch gesagt, das wirst du mir büßen, dass du gestern so gemein zu mir warst, und ich hab’s gemacht, von daher –«
Weiter als hierhin kam Amy nicht, denn Jos Temperament gewann die Überhand, und sie schüttelte Amy, bis ihr die Zähne klapperten. Sie heulte in einem Anfall von Kummer und Wut:
»Du böses, böses Mädchen! Ich krieg das nie wieder zusammen, das werde ich dir niemals verzeihen!«
Meg eilte Amy zur Hilfe, und Beth kam hinzu, um Jo zu beruhigen, aber Jo war völlig außer sich, und nachdem sie Amy eine kräftige Ohrfeige verpasst hatte, rannte sie aus dem Zimmer und hinauf auf den Dachboden zu ihrem alten Sofa, um allein ihren Kampf auszutragen.
Im Erdgeschoss legte sich der Sturm, denn Mrs March war nach Hause gekommen, und nachdem sie sich die Geschichte angehört hatte, macht sie Amy klar, was sie ihrer Schwester damit angetan hatte. Jos Buch war ihr ganzer Stolz und galt in der Familie als literarisch überaus vielversprechend. Es waren nur ein halbes Dutzend kleiner Märchengeschichten, aber Jo hatte geduldig daran gearbeitet und ihr ganzes Herzblut in diese Arbeit gegossen, in der Hoffnung, sie vielleicht eines Tages veröffentlichen zu können. Sie hatte sie gerade mit großer Sorgfalt kopiert und das alte Manuskript zerstört, so dass Amys Freudenfeuer das liebevolle Werk mehrerer Jahre verzehrt hatte. Für die anderen mochte es kein großer Verlust sein, für Jo aber war es eine Katastrophe, die ihrer Meinung nach niemals wiedergutzumachen war. Beth trauerte wie um ein weggelaufenes Kätzchen, und nicht einmal Meg nahm ihren Liebling in Schutz. Mrs March sah ernst und betrübt aus, und Amy war überzeugt, dass sie niemand mehr lieb haben würde, bevor sie nicht alle um Vergebung gebeten hatte für die Tat, die sie jetzt am meisten von allen bereute.
Als es zum Tee läutete, erschien Jo mit so grimmiger und unnahbarer Miene, dass Amy ihren ganzen Mut zusammennehmen musste, um kleinlaut zu sagen:
»Bitte verzeih mir, Jo. Es tut mir sehr, sehr leid.«
»Ich werde dir niemals verzeihen«, lautete Jos gestrenge Antwort, und von dem Moment an wurde Amy komplett ignoriert.
Niemand brachte die Sache zur Sprache – nicht mal Mrs March –, denn alle wussten aus Erfahrung, dass Worte nichts ausrichten konnten, wenn Jo in dieser Stimmung war. Am klügsten war es, auf irgendeinen Zufall oder Jos eigene Großzügigkeit zu hoffen, die ihren Groll abmildern und den Streit beheben würde. Es war kein glücklicher Abend, denn obwohl sie wie üblich zusammensaßen und nähten, während ihre Mutter ihnen aus Bremer, Scott oder Edgeworth vorlas, fehlte etwas, und der Haussegen hing gewaltig schief. Das machte sich vor allem bemerkbar, als es Zeit zum Musizieren wurde. Beth konnte nur spielen, aber nicht singen; Jo blieb hingegen stumm; und Amy brach in Tränen aus, so dass nur Meg und Mutter sangen. Doch trotz ihrer Bemühungen, fröhlich zu sein wie zwei Lerchen, schienen die beiden hellen Stimmen nicht so gut wie sonst zu harmonieren, und das Ganze fühlte sich schief an.
Als sich Jo ihren Gutenachtkuss abholte, flüsterte Mrs March leise:
»Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen, mein Schatz. Vergebt einander, helft einander und fangt morgen noch mal von vorne an.«
Am liebsten hätte sich Jo an ihre Mutter geschmiegt und sich allen Kummer und Zorn von der Seele geweint, doch Tränen waren unmännlich und ein Zeichen von Schwäche. Sie war so tief verletzt, dass sie sich einfach noch nicht in der Lage sah, zu verzeihen. Also blinzelte sie nur kräftig mit den Augen, schüttelte den Kopf und sagte schroff – wohl wissend, dass Amy zuhörte:
»Es war abscheulich von ihr, und sie hat es nicht verdient, dass man ihr vergibt.«
Und damit marschierte sie hoch, um ins Bett zu gehen, und an diesem Abend gab es kein fröhliches oder vertrauliches Geplauder.
Amy war zutiefst gekränkt, dass ihr Friedensangebot abgewiesen worden war, und begann sich zu wünschen, sie hätte sich nicht dazu herabgelassen, nur um noch mehr gekränkt zu werden. Stattdessen plusterte sie sich angesichts ihrer Tugendhaftigkeit auf die altbekannte und besonders aufreibende Weise auf. Jo sah noch immer aus wie eine Gewitterwolke, und den ganzen Tag wollte ihr nichts gelingen: Morgens herrschte bittere Kälte, sie ließ ihre kostbare Teigtasche aus Versehen in den Rinnstein fallen, Tante March war nervöser als je zuvor, Meg war nachdenklich, Beth sah beim Heimkehren natürlich furchtbar traurig und wehmütig aus, und Amy ließ ständig Bemerkungen fallen über Leute, die immer nur davon redeten, ein guter Mensch zu sein, sich aber dann nicht mal darum bemühten, wenn ihnen andere mit leuchtendem Beispiel vorangingen.
›Alle sind so gehässig. Ich werde Laurie fragen, ob er mit mir Schlittschuhlaufen geht. Er ist immer nett und lustig, und er wird mich bestimmt wieder ins Lot bringen‹, sagte Jo zu sich und zog los.
Amy hörte das Klackern der Schlittschuhe, sah aus dem Fenster und rief ungeduldig:
»Da! Sie hat mir versprochen, dass ich beim nächsten Mal mitdarf, es ist das letzte Eis in diesem Jahr. Aber es hat ja keinen Sinn, so eine böse Hexe zu fragen, ob sie mich mitnimmt.«
»Sag sowas nicht. Du warst wirklich sehr ungezogen, und es fällt ihr schwer, dir für den Verlust ihres kostbaren Büchleins zu verzeihen. Aber ich glaube, es könnte heute passieren, wenn du sie im richtigen Moment erwischst«, rief Meg. »Lauf hinterher, sag nichts, bevor Jo wieder bessere Laune hat, dann wartest du auf einen ruhigen Moment und gibst ihr einfach einen Kuss oder tust was Nettes, und ich bin sicher, dass sie dir von ganzem Herzen wieder gut sein wird.«
»Ich versuch’s«, sagte Amy, denn der Vorschlag kam ihr wie gerufen. Und nachdem sie sich in aller Eile angezogen hatte, rannte sie den Freunden nach, die gerade über den Hügel verschwanden.
Es war nicht weit bis zum Fluss, doch als Amy die beiden einholte, waren sie auf ihren Schlittschuhen schon losgelaufen. Jo sah sie kommen und drehte ihr den Rücken zu; Laurie sah nichts, sondern lief vorsichtig am Ufer entlang und testete das Eis, da dem plötzlichen Kälteeinfall eine Warmwetterperiode vorangegangen war.
»Ich fahr mal weiter bis zur ersten Biegung und schau nach, ob alles in Ordnung ist, bevor wir das Rennen starten«, hörte Amy ihn sagen, und er schoss davon und sah in seinem Mantel mit Pelzkragen und Pelzmütze aus wie ein junger Russe.
Jo hörte, wie Amy nach ihrem Lauf japste, wie sie mit den Füßen stampfte, sich die Finger warm pustete und mit ihren Schlittschuhen kämpfte, aber Jo drehte sich kein einziges Mal um, sondern fuhr im Zickzack langsam den Fluss hinunter, eine bittere unglückliche Schadenfreude angesichts der Anstrengungen ihrer Schwester empfindend. Sie hatte ihren Zorn so lange kultiviert, bis er stark geworden war und von ihr Besitz ergriffen hatte, wie es boshafte Gedanken und Gefühle immer tun, die man nicht sofort vertreibt. Kurz vor der Biegung rief Laurie nach hinten:
»Bleib in Ufernähe, in der Mitte ist es nicht sicher.«
Jo hörte ihn, doch Amy mühte sich gerade auf die Füße und bekam nichts mit. Jo warf einen Blick über ihre Schulter, und der kleine Teufel in ihrem Ohr sagte:
›Ist mir egal, ob sie’s gehört hat oder nicht, soll sie doch auf sich selbst aufpassen.‹
Laurie war um die Biegung verschwunden, Jo war kurz davor. Amy, weit hinten, steuerte auf das glattere Eis in der Flussmitte zu. Jo blieb einen Moment stehen, sie hatte ein ungutes Gefühl, dann beschloss sie, weiterzufahren, aber irgendetwas hielt sie zurück. Sie drehte sich noch einmal um und konnte gerade noch sehen, wie Amy die Hände hochwarf und platschend und schreiend durch das dünne Eis brach. Jo blieb vor Angst fast das Herz stehen. Sie versuchte, Laurie zu rufen, doch ihre Stimme war weg. Sie wollte losfahren, doch sie hatte keine Kraft in den Füßen, und eine Sekunde lang konnte sie nur reglos dastehen und mit Entsetzen auf die kleine blaue Haube im schwarzen Wasser starren. Irgendetwas rauschte an ihr vorbei, und Lauries Stimme rief:
»Hol eine Latte. Schnell, schnell!«
Wie sie das hinbekam, blieb ihr ein Rätsel, doch in den folgenden Minuten handelte sie wie besessen. Sie gehorchte Laurie blind, der ziemlich beherrscht auf dem Eis lag und Amy mit der Hand und seinem Hockeyschläger festhielt, bis Jo eine Latte vom Zaun gebrochen und herangeschleppt hatte. Gemeinsam zogen sie das Kind aus dem Wasser, das mit dem Schreck davongekommen war.
»Los, wir müssen sie so schnell wie möglich nach Hause schaffen. Pack sie in unsere Sachen ein; ich zieh ihr erstmal diese verflixten Schlittschuhe aus«, rief Laurie, hüllte Amy in seinen Mantel und machte sich an den Riemen zu schaffen, die ihm noch nie so unhandlich vorgekommen waren.
So brachten sie die zitternde, tropfnasse und weinende Amy nach Hause – und nach sehr viel Aufregung schlief sie unter dicken Decken vor dem lodernden Feuer ein. Die ganze Zeit hatte Jo kaum gesprochen, war bleich und verstört hin- und hergerannt, halb ausgezogen, mit zerrissenem Kleid und Schnittwunden an den Händen vom Eis, dem Lattenzaun und den widerspenstigen Schnallen. Als Amy gemütlich schlief, das Haus still war und Mrs March an ihrem Bett saß, rief sie Jo zu sich, um ihr die verletzten Hände zu verbinden.
»Bist du sicher, dass sie außer Gefahr ist?«, flüsterte Jo, reumütig den goldenen Kopf betrachtend, der unter dem trügerischen Eis für immer hätte davontreiben können.
»Aber ja, mein Schatz. Sie hat sich nichts getan und wird sich nicht mal erkälten, denke ich, nachdem ihr so vernünftig wart, sie eingepackt und gleich nach Hause gebracht habt«, erwiderte ihre Mutter munter.
»Das hat alles Laurie gemacht. Ich hab sie nur gehen lassen. Mutter, wenn sie doch stirbt, wäre es meine Schuld.« Und Jo ließ sich in einem Rausch von reumütigen Tränen neben dem Bett nieder und schilderte ihr den ganzen Vorfall, warf sich voller Bitterkeit Herzenskälte vor und schluchzte sich ihre Dankbarkeit von der Seele, dass ihr die schwere Strafe, die sie hätte treffen können, erspart geblieben war.
»Ich mit meiner schrecklichen Wut! Ich versuche sie ja in den Griff zu bekommen; ich dachte, ich hätte sie ihm Griff, und dann bricht sie umso schlimmer wieder hervor. Ach Mutter, was soll ich nur machen? Was soll ich denn nur machen?«, rief die arme Jo verzweifelt.
»Wachsam sein und beten, Liebling, immer wieder daran arbeiten und niemals denken, es sei unmöglich, deiner Fehler Herr zu werden«, sagte Mrs March, zog den zerzausten Kopf an ihre Schulter und küsste so zärtlich die nasse Wange, dass Jo noch viel lauter schluchzen musste.
»Du weißt nicht, du ahnst nicht, wie schlimm es ist! Mir scheint, ich wäre zu allem fähig, wenn ich so blindwütig bin. Ich werde so grausam, ich könnte jedem wehtun. Ich hab Angst, dass ich wirklich eines Tages irgendwas Schreckliches tue und mein Leben ruiniere und von allen gehasst werde. Oh Mutter, hilf mir, hilf mir bitte!«
»Das werde ich, mein Kind, das werde ich. Weine nicht so bitterlich, sondern denk immer an diesen Tag und nimm dir mit ganzem Herzen vor, so einen Tag nie wieder zu erleben. Jo, Liebes, wir alle haben unsere Fehler, manche haben sogar noch schlimmere, und manchmal braucht man sein ganzes Leben, um sie zu besiegen. Du glaubst, deine Wut wäre die schlimmste auf der Welt, aber meine war mal genauso schlimm.«
»Deine, Mutter? Aber du bist doch nie wütend!«, sagte Jo und vergaß vor lauter Überraschung für den Augenblick ihre Reue.
»Seit vierzig Jahren versuche ich mich davon zu heilen, aber es ist mir allenfalls gelungen, sie unter Kontrolle zu bringen. Ich bin fast jeden Tag meines Lebens wütend, Jo, aber ich habe gelernt, mir nichts davon anmerken zu lassen, und ich hoffe immer noch, dass ich irgendwann lerne, gar nicht mehr wütend zu sein, auch wenn mich das noch mal vierzig Jahre kosten könnte.«
Die Geduld und die Hingabe in dem innig geliebten Gesicht waren eine bessere Lektion für Jo als der klügste Vortrag, der schärfste Tadel. Sie fühlte sich sofort getröstet durch das Mitgefühl und das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wurde. Das Wissen, dass ihre Mutter einen ähnlichen Fehler hatte wie sie und stetig daran arbeitete, machte den eigenen leichter zu ertragen und bestärkte sie in ihrem Vorhaben, ihn loszuwerden – auch wenn vierzig Jahre für ein fünfzehnjähriges Mädchen eine ganz schön lange Zeit war.
»Mutter, wenn du manchmal die Lippen zusammenpresst und rausgehst, zum Beispiel wenn Tante March schimpft oder dir Leute auf die Nerven gehen – bist du dann wütend?«, fragte Jo, die sich ihrer Mutter näher fühlte als je zuvor.
»Ja, ich habe gelernt, nichts Unüberlegtes zu sagen, und wenn ich das Gefühl habe, nicht an mich halten zu können, verlasse ich den Raum und rüge mich kurz selbst, dass ich so schwach und böse bin«, erwiderte Mrs March, strich seufzend und lächelnd Jos zerzaustes Haar glatt und steckte die losen Strähnen wieder hoch.
»Wie hast du gelernt, einfach zu schweigen? Genau das ist es, was mir solche Sorgen macht. Die spitzen Bemerkungen sprudeln einfach aus mir raus, bevor ich was dagegen tun kann. Und je mehr ich sage, desto schlimmer wird’s, bis es mir Spaß macht, andere zu kränken und schreckliche Dinge zu sagen. Sag mir, liebste Marmee, wie machst du das?«
»Meine gute Mutter hat mir immer dabei geholfen –«
»So wie du uns immer hilfst –«, fuhr Jo dazwischen und gab ihrer Mutter einen dankbaren Kuss.
»Nur habe ich sie verloren, da war ich kaum älter als du heute, und ich musste jahrelang allein zurechtkommen, weil ich zu stolz war, um mich jemandem mit meiner Schwäche anzuvertrauen. Es war eine schwere Zeit für mich, Jo, und ich habe über mein Versagen manch eine Träne vergossen, denn trotz meiner Bemühungen kam ich offenbar irgendwie nicht weiter. Dann tauchte euer Vater auf, und ich war so glücklich, dass es mir nicht mehr schwerfiel, ein guter Mensch zu sein. Aber später, als plötzlich vier wuselige kleine Töchter da waren und wir kein Geld hatten, tauchte das alte Problem wieder auf, denn ich bin nicht von Natur aus geduldig, und mitanzusehen, wenn es meinen Kindern an irgendetwas fehlte, stellte mich sehr auf die Probe.«
»Arme Mutter! Was hat dir dann geholfen?«
»Dein Vater, Jo. Er verliert nie die Geduld – zweifelt nie und klagt nie –, sondern hofft, arbeitet und wartet mit so viel Heiterkeit, dass man sich schämt, anders zu sein als er. Er hat mir geholfen, mich getröstet und mir gezeigt, dass ich versuchen muss, alle Tugenden, die ich meinen Mädchen wünsche, selbst zu praktizieren, schließlich bin ich ihr Vorbild. Es fiel mir leichter, mir euretwillen Mühe zu geben als meinetwillen. Ein erschrockener oder überraschter Blick von einer von euch, wenn mein Tonfall scharf wurde, war für mich mehr Tadel als jedes Wort – und die Liebe, der Respekt und das Vertrauen meiner Kinder waren der schönste Lohn, den ich für meine Anstrengungen hätte bekommen können, die Frau zu sein, der sie nacheifern.«
»Ach, Mutter, wenn ich ein nur halb so guter Mensch werde wie du, bin ich schon zufrieden«, rief Jo ganz gerührt.
»Ich hoffe, du wirst um einiges besser, Liebes, aber du musst achtgeben auf deinen ›Erzfeind‹, wie Vater immer sagt, sonst wird er dein gesamtes Leben überschatten, wenn nicht gar verderben. Du hast deine Warnung bekommen. Behalte sie im Blick und versuche, mit Herz und Seele dein Temperament zu zügeln, bevor es dir noch größere Trauer und Reue bringt als heute.«
»Ich werd’s versuchen, Mutter, ehrlich. Aber du musst mir helfen. Mich erinnern und mich zügeln. Ich weiß noch, dass Vater früher manchmal den Finger auf die Lippen gelegt und dich freundlich, aber sehr ernst angesehen hat; und du hast immer die Lippen zusammengepresst oder den Raum verlassen. War das eine Ermahnung?«, fragte Jo leise.
»Ja, auch ich habe ihn um Hilfe gebeten, und er hat es nie vergessen, er hat mich immer mit dieser kleinen Geste und dem freundlichen Blick vor manch einem scharfen Wort bewahrt.«
Jo sah, dass ihre Mutter Tränen in den Augen hatte und dass ihre Lippen beim Sprechen bebten, und weil sie Angst hatte, zu viel gesagt zu haben, flüsterte sie beklommen: »War es falsch, dich zu beobachten und darauf anzusprechen? Ich wollte nicht unverschämt sein, aber es tut so gut, dir alles zu erzählen, und ich fühle mich gerade so geborgen und glücklich.«
»Meine liebe Jo, du darfst deiner Mutter alles erzählen, denn es ist meine größte Freude und mein ganzer Stolz, das Gefühl zu haben, dass mir meine Mädchen alles anvertrauen und dass sie wissen, wie sehr ich sie liebe.«
»Ich dachte, ich hätte dich traurig gemacht.«
»Nein, mein Schatz. Mir ist nur gerade wieder bewusst geworden, wie sehr ich deinen Vater vermisse, wie viel ich ihm schuldig bin, und wie gut ich aufpassen und bemüht sein muss, damit seinen kleinen Töchtern bis zu seiner Rückkehr nichts zustößt.«
»Aber du hast ihn doch gehen lassen, Mutter, du hast nicht mal geweint. Und du klagst nie und scheinst nie Hilfe zu brauchen«, sagte Jo verwundert.
»Ich habe meinem geliebten Vaterland mein Bestes gegeben und meine Tränen zurückgehalten, bis er abgereist war. Warum soll ich klagen, wo wir beide nur unsere Pflicht getan haben und am Ende sicher umso glücklicher sein werden? Wenn es den Anschein macht, als bräuchte ich keine Hilfe, dann liegt das daran, dass ich einen noch besseren Freund habe als Vater, der mich tröstet und mir Halt gibt. Mein liebes Kind, die Probleme und Versuchungen deines Lebens fangen gerade erst an, und es mögen viele sein, aber du kannst sie alle überwinden und meistern, wenn du lernst, die Kraft und Zärtlichkeit deines himmlischen Vaters ebenso zu spüren wie die deines irdischen. Je mehr Liebe und Vertrauen du ihm schenkst, desto näher wirst du dich ihm fühlen und desto weniger wirst du dich auf menschliche Kraft und Weisheit verlassen müssen. Seine Liebe und Fürsorge ermüden nicht, verändern sich nicht und können dir nie genommen werden, können aber zu einer nie versiegenden Quelle des Friedens, des Glückes und der Kraft werden. Glaube das mit ganzem Herzen und geh mit all deinen Sorgen, Hoffnungen, Sünden und Kümmernissen so frei und vertrauensvoll zu Gott, wie du zu deiner Mutter gehst.«
Jos Antwort bestand lediglich daraus, ihre Mutter fest an sich zu drücken, und in der darauffolgenden Stille verließ das aufrichtigste Gebet, das sie je gesprochen hatte, wortlos ihr Herz. Denn in dieser traurigen, aber doch frohen Stunde hatte sie nicht nur die Bitterkeit von Reue und Verzweiflung, sondern auch die Schönheit der Selbstaufgabe und Selbstbeherrschung erfahren. Geführt von der Hand ihrer Mutter war sie dem Freund nähergekommen, der stets jedes Kind mit einer Liebe aufnimmt, die stärker ist als die jedes Vaters, zärtlicher als die jeder Mutter.
Amy rührte sich und seufzte im Schlaf, und in ihrem Eifer, ihren Fehler sofort wiedergutzumachen, sah Jo hoch, mit einem Ausdruck im Gesicht wie noch nie zuvor in ihrem Leben.
›Ich habe die Sonne über meinem Zorn untergehen lassen. Ich wollte ihr nicht verzeihen, und wenn Laurie nicht gewesen wäre, hätte es heute zu spät sein zu können! Wie konnte ich nur so böse sein?‹, sagte Jo zu sich, beugte sich über ihre Schwester und strich ihr sanft über die feuchten Haarsträhnen, die über dem Kopfkissen verteilt lagen.
Als hätte sie mitgehört, schlug Amy die Augen auf und streckte ihr mit herzerwärmendem Lächeln die Arme entgegen. Niemand sagte ein Wort, doch sie umarmten sich mitsamt der vielen Decken ganz fest, und mit einem einzigen herzlichen Kuss war alles vergeben und vergessen.
9
Meg besucht den Jahrmarkt der Eitelkeiten
»Ich glaube wirklich, es war das größte Glück überhaupt, dass diese Kinder ausgerechnet jetzt die Masern bekommen haben«, sagte Meg eines Tages im April, als sie umringt von ihren Schwestern in ihrem Zimmer stand und die Reisetruhe packte.
»Und es ist so nett von Annie Moffat, dass sie ihr Versprechen nicht vergessen hat. Zwei Wochen Spaß, das wird sicher grandios«, gab Jo zurück, die beim Zusammenlegen der Röcke mit ihren langen Armen wie eine Windmühle aussah.
»Und es ist solch schönes Wetter. Eine wahre Freude«, fügte Beth hinzu und sortierte Hals- und Haarschleifen in ihre beste Schachtel, die sie Meg für das große Ereignis geliehen hatte.
»Ich wünschte, ich könnte auch wegfahren und mich vergnügen und so schöne Sachen anziehen«, sagte Amy, die den Mund voller Stecknadeln hatte, während sie kunstvoll das Nadelkissen ihrer Schwester auffüllte.
»Ich wünschte, ihr könntet alle mitkommen, aber da das nicht geht, werde ich mir meine Abenteuer genau einprägen, um euch davon zu erzählen, wenn ich wieder hier bin. Das ist ja wohl das Mindeste, wo ihr alle so lieb seid, mir Sachen leiht und mir beim Packen helft«, sagte Meg und warf einen Blick durchs Zimmer auf die sehr einfache Ausstattung, die in ihren Augen nahezu vollkommen schien.
»Was hat dir Mutter aus der Schatzkiste geschenkt?«, fragte Amy, die nicht dabei gewesen war, als eine gewisse Zedernholzkommode geöffnet wurde, in der Mrs March ein paar Relikte vergangener Pracht aufbewahrte, die sie zum richtigen Zeitpunkt ihren Mädchen vermachen wollte.
»Ein paar Seidenstrümpfe, den hübschen geschnitzten Fächer und eine traumhafte blaue Schärpe. Ich wollte das lila Seidenkleid haben, aber wir hatten keine Zeit, es umzunähen, also muss ich mich mit meinem alten Tarlatankleid begnügen.«
»Über meinem neuen Musselinrock wird es sich gut machen, und die Schärpe wird wunderbar damit kontrastieren. Ich wünschte, ich hätte mein Korallenarmband nicht zertrümmert, sonst hättest du das auch haben können«, sagte Jo, die liebend gerne schenkte oder verlieh, deren Sachen aber meistens zu ramponiert dafür waren.
»In der Schatztruhe gibt es eine wunderschöne altmodische Perlengarnitur, aber Mutter meinte, echte Blumen seien der schönste Schmuck für ein junges Mädchen, und Laurie hat mir versprochen, mir so viele Blumen zu schicken, wie ich will«, erwiderte Meg. »So, lasst mich überlegen. Da ist mein neues graues Straßenkostüm – leg die Feder einfach in den Hut rein, Beth –, da ist das Popelinkleid für Sonntag und die kleine Feier – scheint mir ein bisschen zu dick für einen Frühlingstag, oder? Das lila Seidenkleid wäre so schön gewesen. Ach, schade!«
»Ist doch egal, du hast das Tarlatankleid für die große Feier, und in Weiß siehst du immer aus wie ein Engel«, sagte Amy, die angestrengt über all die eleganten Sachen nachdachte, an denen auch sie ihre Freude hatte.
»Es hat keinen tiefen Ausschnitt und schwingt nicht so schön, aber es muss reichen. Mein blaues Hauskleid sieht so gut aus, gewendet und mit neuem Besatz, dass ich das Gefühl habe, es sei nagelneu. Nur mein Seidenjäckchen ist völlig aus der Mode, und meine Haube sieht nicht so aus wie die von Sallie. Ich wollte nichts sagen, aber mein Regenschirm war eine schreckliche Enttäuschung. Ich hab Mutter gesagt, schwarz mit weißem Griff, aber sie hat’s vergessen und mir einen grünen mit hässlichem gelbem Griff gekauft. Er ist stabil und ordentlich, ich hab also keinen Grund, mich zu beschweren, aber ich weiß trotzdem, ich werde mich damit neben Annie und ihrem Seidenschirm mit der goldenen Spitze schämen«, sagte Meg seufzend und inspizierte den kleinen Schirm mit großem Missfallen.
»Tausch ihn doch um«, riet Jo.
»Ich will mich nicht so anstellen oder Marmee kränken, wo sie sich so viel Mühe gemacht hat, mir die Sachen zu besorgen. Es ist blöd von mir und ich werde mich nicht verrückt machen. Meine Seidenstrümpfe und zwei Paar nagelneue Handschuhe sind mein Trost. Du bist ein Schatz, mir deine zu leihen, Jo. Ich komme mir so reich und richtig elegant vor mit zwei Paar neuen Handschuhen und einem Paar sauberen für tagsüber«, und damit warf Meg nochmal einen raschen Blick in ihre Handschuhschachtel.
»Annie Moffat hat blau-rosa Schleifen an ihren Nachthauben, würdest du mir an meine auch welche annähen?«, fragte sie, als Beth einen Haufen schneeweißer Musselinröcke brachte, die Hannah gerade frisch gewaschen hatte.
»Nein, würde ich nicht. So schicke Mützen würden nicht zu den schlichten Sachen passen. Arme Leute sollten’s nicht übertreiben«, sagte Jo bestimmt.
»Ich frage mich, ob ich jemals das Glück erleben werde, echte Spitze an den Kleidern und Schleifen an den Mützen zu haben«, sagte Meg ungeduldig.
»Neulich hast du noch gesagt, dass du völlig glücklich wärst, wenn du überhaupt zu Annie Moffat gehen dürftest«, bemerkte Beth auf ihre ruhige Art.
»Das stimmt! Na ja, ich bin ja glücklich und werde keinen Aufstand machen. Mir scheint nur, je mehr man bekommt, desto mehr will man haben, oder? So, jetzt sind alle Lagen gepackt, nur mein Ballkleid fehlt noch, aber das überlasse ich Mutter«, sagte Meg, und ihre Stimmung hellte sich auf, als sie mit gewichtiger Miene von der halbvollen Reisetruhe zu dem viele Male gebügelten und geflickten weißen Tarlatankleid blickte, ihrem sogenannten ›Ballkleid‹.
Am nächsten Tag war herrliches Wetter, und Meg reiste stilvoll ab, um vierzehn Tage lang Neues zu erleben und Spaß zu haben. Mrs March hatte dem Besuch eher widerwillig zugestimmt, denn sie hatte Angst, dass Margaret unzufrieden nach Hause komme würde. Meg hatte aber so gebettelt, und Sallie hatte versprochen, gut auf sie aufzupassen – und ein bisschen Vergnügen war nach einem Winter voll harter Arbeit sicherlich nicht verkehrt, so dass die Mutter nachgab und die Tochter loszog, um eine erste Kostprobe vom mondänen Leben zu nehmen.
Die Moffats waren sehr mondän, und die bodenständige Meg war von dem prachtvollen Haus und der Eleganz seiner Bewohner zunächst etwas eingeschüchtert. Doch bei allem Chichi waren es freundliche Leute, die ihrem Gast schnell seine Befangenheit nahmen. Vielleicht spürte Meg instinktiv, dass es keine sonderlich kultivierten oder intelligenten Leute waren, dass ihr ganzer Glanz nicht darüber hinwegtäuschen konnte, wie einfach gestrickt sie eigentlich waren. Zweifellos war es aber angenehm, gut zu essen, in einem schönen Wagen zu fahren, jeden Tag sein bestes Kleid zu tragen und sich einfach nur zu amüsieren. Es gefiel ihr bestens, und bald begann sie, das Verhalten und die Ausdrucksformen ihrer Umgebung nachzuahmen – vornehm zu tun, französische Begriffe einzustreuen, sich Locken zu drehen, ihre Taille enger zu tragen und über Mode zu plaudern, so gut sie eben konnte. Je mehr sie von Annie Moffats hübschen Sachen sah, desto größer wurde ihr Neid und desto sehnlicher ihr Wunsch, reich zu sein. Das eigene Zuhause kam ihr im Vergleich dazu karg und deprimierend vor, die Arbeit schwerer denn je, und trotz der neuen Handschuhe und Seidenstrümpfe fühlte sie sich wie ein bettelarmes und unvollkommenes Mädchen.
Viel Zeit zum Trübsal blasen hatte sie allerdings nicht, denn die drei jungen Mädchen waren sehr damit beschäftigt, ›sich zu vergnügen‹. Den ganzen Tag lang machten sie Einkaufsbummel, Spaziergänge sowie Spazierritte und Besuche, sie gingen ins Theater und in die Oper oder verbrachten lustige Abende zu Hause, denn Annie hatte einen großen Freundeskreis, den sie zu unterhalten wusste. Ihre älteren Schwestern waren sehr elegante junge Damen, von denen eine verlobt war, was Meg äußerst interessant und romantisch fand. Mr Moffat war ein dicker lustiger alter Herr, der ihren Vater kannte, und Mrs Moffat eine dicke lustige alte Dame, die Meg ebenso ins Herz schloss, wie es ihre Tochter getan hatte. Alle verwöhnten sie, und ›Daisy‹, wie man sie nannte, war drauf und dran, sich den Kopf verdrehen zu lassen.
Am Abend der ›kleinen Feier‹ stellte sie fest, dass das Popelinkleid überhaupt nicht taugen würde, denn die anderen Mädchen hatten feine Kleider und machten sich unglaublich schick. Also wurde das Tarlatankleid aus der Truhe geholt, das neben Sallies nagelneuem Kleid älter, schlabbriger und schäbiger als je zuvor wirkte. Meg sah, wie es die Mädchen in Augenschein nahmen und kurze Blicke austauschten, und ihre Wangen begannen zu glühen – denn bei aller Sanftmut hatte sie durchaus ihren Stolz. Niemand ließ ein Wort darüber fallen, doch Sallie schlug vor, sie zu frisieren, Annie erbot sich, ihr die Schärpe zu binden, und Belle, die verlobte Schwester, pries ihre weißen Arme. In all der Freundlichkeit sah Meg aber nur Mitleid für ihre Armut, und ihr wurde das Herz sehr schwer, als sie alleine dastand, während die anderen lachten und plauderten, sich hübsch machten und umherflatterten wie filigrane Schmetterlinge. Das harte, bittere Gefühl wurde immer schlimmer, doch da brachte das Hausmädchen eine Schachtel Blumen herein. Noch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Annie den Deckel abgenommen, und alle begeisterten sich für die traumhaften Rosen, das Heidekraut und das Farnkraut darin.
»Die sind bestimmt für Belle. George schickt ihr immer Blumen, wobei diese wirklich hinreißend sind«, rief Annie atemlos.
»Für Miss March«, war mitgeteilt worden. »Und hier ist ein Brief«, fügte das Mädchen hinzu und reichte ihn Meg.
»Ach, wie schön! Von wem sind sie? Ich wusste ja gar nicht, dass du einen Verehrer hast«, riefen die Mädchen und umschwärmten Meg mit Neugier und Verblüffung.
»Der Brief ist von Mutter, und die Blumen sind von Laurie«, sagte Meg unaufgeregt, und doch war sie sehr dankbar, dass er sie nicht vergessen hatte.
»Ach, sieh an!«, sagte Annie mit listigem Blick, während Meg das Briefchen einsteckte wie eine Art Talisman gegen Neid, Eitelkeit und falschen Stolz. Die liebevollen Zeilen hatten ihr gut getan und die Schönheit der Blumen heiterte sie auf.
Sie war nun geradezu glücklich, legte etwas Farnkraut und ein paar Rosen für sich beiseite und schnürte für ihre Freundinnen schnell den Rest zu zarten Sträußchen zum Anstecken oder für die Haare zusammen. Dabei war sie so charmant, dass Clara, die ältere Schwester, zu ihr sagte, sie sei das ›herzallerliebste kleine Ding‹. Alle waren ganz bezaubert von ihrer kleinen Aufmerksamkeit. Irgendwie vertrieb die nette Geste ihren Missmut, und als die anderen gingen, um Mrs Moffat ihre Garderobe vorzuführen, sah sie in ein hübsches Gesicht mit leuchtenden Augen, als sie sich vor dem Spiegel das Farnkraut ins gewellte Haar steckte und die Rosen an ihrem Kleid befestigte, das ihr jetzt gar nicht mehr so schäbig vorkam.
Sie hatte sehr viel Spaß an diesem Abend und tanzte nach Herzenslust. Alle waren äußerst freundlich, und sie bekam drei Komplimente: Nachdem Annie sie zum Singen überredet hatte, sagte jemand, sie habe eine auffallend schöne Stimme; Major Lincoln erkundigte sich nach dem ›frischen jungen Mädchen mit den schönen Augen‹; und Mr Moffat bestand darauf, mit ihr zu tanzen, weil sie ›nicht bummelte, sondern ordentlich Schwung hatte‹, wie er sich auszudrücken beliebte. So verbrachte sie insgesamt einen sehr schönen Abend, bis sie zufällig ein extrem verstörendes Gespräch mitbekam. Sie saß im Wintergarten und wartete auf die Eiscreme, die ihr Tanzpartner ihr bringen wollte, als sie hörte, wie eine Stimme auf der anderen Seite der Gewächshausblumen sagte:
»Wie alt ist er?«
»Sechzehn, siebzehn, würde ich sagen«, erwiderte eine andere Stimme.
»Das wäre doch grandios für eines der Mädchen, oder? Sallie sagt, sie seien jetzt schon alle unzertrennlich, und der alte Herr verwöhnt sie nach Strich nach Faden.«
»Mrs M scheint ihre Pläne zu haben, und sie wird die Karten geschickt spielen, so früh es noch sein mag. Das Mädchen macht sich selbst wohl noch gar keine Gedanken«, sagte Mrs Moffat.
»Das mit ihrer Mutter war geflunkert, und sie ist ganz schön rot geworden, als die Blumen kamen. Das arme Ding! Sie wäre so nett anzuschauen, wenn sie nur ein bisschen modischer zurechtgemacht wäre. Meint ihr, sie wäre gekränkt, wenn wir ihr anbieten würden, ihr für Donnerstag ein Kleid zu leihen?«, fragte eine andere Stimme.
»Sie hat ihren Stolz, aber ich denke nicht, dass sie etwas dagegen hätte, denn dieses abgewetzte Tarlatankleid ist alles, was sie hat. Sie könnte es sich heute Abend einreißen, das wäre ein guter Vorwand, um ihr ein vernünftiges Kleid anzubieten.«
»Wir werden sehen. Ich werde ihr zu Ehren diesen Laurence einladen, und dann wird’s was zu lachen geben.«
An dieser Stelle tauchte Megs Tanzpartner auf, der sie errötet und ziemlich aufgewühlt vorfand. Ja, sie hatte ihren Stolz, und dieser Stolz kam ihr gerade sehr gelegen, denn er half ihr, ihre Beschämung, Wut und Empörung über das belauschte Gespräch zu überspielen. So unschuldig und gutgläubig sie auch war, den Tratsch ihrer Freundinnen wusste sie durchaus einzuordnen. Sie versuchte ihn zu vergessen, doch es ging nicht. Immer wieder hörte sie im Kopf die Worte: ›Mrs M scheint ihre Pläne zu haben‹ und ›es war geflunkert‹ und ›dieses abgewetzte Tarlatankleid‹, bis sie den Tränen nahe war und am liebsten nach Hause gelaufen wäre, um ihr Herz auszuschütten und sich Rat zu holen. Da das aber unmöglich war, gab sie sich alle Mühe, um fröhlich zu wirken – und derart aufgewühlt, wie sie war, gelang ihr das so gut, dass niemand im Traum darauf gekommen wäre, welch Mühe es sie kostete. Sie war sehr froh, als alles vorbei war und sie still in ihrem Bett lag, wo sie nachdenken, staunen und vor Wut schäumen konnte, bis ihr der Kopf schmerzte und ihre heißen Wangen von ein paar unschuldigen Tränen gekühlt wurden. Diese törichten und doch gutgemeinten Worte hatten Meg eine neue Welt eröffnet und den Frieden der alten, in der sie bis dahin glücklich wie ein Kind gelebt hatte, beträchtlich gestört. Ihre unschuldige Freundschaft mit Laurie war durch das alberne Gerede durch den Schmutz gezogen worden; ihr Glaube an ihre Mutter war von den weltlichen Plänen, die Mrs Moffat ihr unterstellte, indem sie von sich auf andere schloss, ins Wanken geraten; und das vernünftige Ansinnen, mit der schlichten, für die Tochter eines armen Mannes angemessenen Garderobe zufrieden zu sein, wurde untergraben durch das unnötige Mitleid der Mädchen, für die ein schäbiges Kleid zu den größten Katastrophen unter der Sonne zählte.
Die arme Meg hatte eine unruhige Nacht und erwachte unglücklich mit schweren Lidern. Einerseits grollte sie ihren Freundinnen, andererseits schämte sie sich, weil sie sich nicht offen zu Wort gemeldet und die Sache klargestellt hatte. Alle ließen sich an diesem Morgen Zeit, und erst mittags fühlten sich die Mädchen in der Lage, ihre Stickarbeiten aufzunehmen. Irgendetwas im Verhalten ihrer Freundinnen fiel Meg sofort auf. Sie fand, dass sie ihr mehr Achtung entgegenbrachten, herzliches Interesse an allem zeigten, was sie sagte, und sie mit deutlich neugierigen Blicken ansahen. Das alles erstaunte sie und schmeichelte ihr, auch wenn sie es nicht begriff, bis Miss Belle von einem Brief hochschaute und mit gefühlsseliger Miene sagte:
»Daisy, meine Liebe, ich habe deinem Freund, Mr Laurence, für Donnerstag eine Einladung geschickt. Wir würden ihn so gern kennenlernen. Das sind wir dir doch schuldig.«
Meg wurde rot, doch der Schalk saß ihr im Nacken, und so erwiderte sie sittsam:
»Das ist sehr lieb von euch, aber ich fürchte, er wird nicht kommen.«
»Warum nicht, chérie?«, fragte Miss Belle.
»Er ist zu alt.«
»Mein Kind, was meinst du? Wie alt ist er denn, sag?«, rief Miss Clara.
»Fast siebzig, glaube ich«, erwiderte Meg und zählte ihre Stiche, damit niemand ihre lachenden Augen sah.
»Du kleine Schlange! Natürlich meinen wir den jungen Laurence«, rief Miss Belle kichernd.
»Den gibt’s nicht. Laurie ist noch ein kleiner Junge«, sagte Meg, amüsiert über den Blick, den die Schwestern austauschten, da es um Megs vermeintlichen Verehrer ging.
»Er ist doch ungefähr in deinem Alter«, sagte Nan.
»Eher im Alter meiner Schwester Jo. Ich werde im August siebzehn«, erwiderte Meg und warf den Kopf zurück.
»Es war doch sehr nett von ihm, dir Blumen zu schicken, oder?«, sagte Annie, die aus der ganzen Sache nicht schlau wurde.
»Ja, das tut er öfters, uns allen. Sein Haus ist voll davon, und wir lieben Blumen über alles. Weißt du, meine Mutter und der alte Mr Laurence sind befreundet, also ist es normal, dass wir Kinder zusammen spielen.«
Und Meg hoffte, damit wäre alles gesagt.
»Man merkt, dass Daisy noch nicht debütiert hat«, sagte Clara und nickte Belle zu.
»Die Unschuld vom Lande, durch und durch«, erwiderte Miss Belle mit einem Achselzucken.
»Ich will in die Stadt und meinen Mädchen ein paar Kleinigkeiten besorgen. Kann ich irgendetwas für euch tun, meine Damen?«, fragte Mrs Moffat, die in Seide und Spitze wie ein Elefant hereingetrampelt kam.
»Nein, danke, Ma’am«, erwiderte Sallie. »Ich habe mein neues rosa Seidenkleid für Donnerstag, ich brauche sonst nichts.«
»Ich auch nicht –«, begann Meg, hielt aber inne, als ihr aufging, dass sie sehr wohl einige Dinge haben wollte, aber nicht haben konnte.
»Was ziehst du an?«, fragte Sallie.
»Wieder mein altes Weißes, wenn ich es so weit flicken kann. Ich hab’s mir gestern schlimm zerrissen«, sagte Meg und versuchte trotz ihres Unbehagens unbekümmert zu klingen.
»Warum lässt du dir nicht von zu Hause ein anderes schicken?«, fragte Sallie wenig feinfühlig.
»Ich habe kein anderes.« Dieser Satz kostete Meg einige Mühe, aber Sallie merkte nichts und rief mit liebenswürdiger Verblüffung:
»Nur das eine? Du bist ja lustig –« Sie sprach nicht zu Ende, denn Belle sah sie kopfschüttelnd an und schaltete sich freundlich ein.
»Wozu denn? Was sollte sie mit so vielen Kleidern, wenn sie nie ausgeht? Du musst dir nichts schicken lassen, Daisy, selbst wenn du ein Dutzend Kleider hättest, ich hätte da nämlich noch ein ganz süßes Blauseidenes, das mir nicht mehr passt. Das ziehst du doch an, für mich, oder?«
»Sehr lieb von dir, aber mein altes Kleid macht mir nichts aus – wenn es euch nichts ausmacht. Es passt doch gut zu einem jungen Mädchen wie mir«, sagte Meg.
»Ach, gönn mir doch bitte die Freude und lass dich mal richtig schick machen. Ich tu’s gern, und du wärst eine echte Schönheit, wenn man hier und da ein bisschen nachhilft. Ich werde dich niemandem zeigen, bis du fertig bist, und dann überraschen wir sie, wie Cinderella auf dem Ball«, säuselte Belle.
Meg konnte das freundliche Angebot nicht ausschlagen, denn auch sie war neugierig, ob aus ihr mit etwas Nachhilfe ›eine echte Schönheit‹ werden würde. So willigte sie ein und vergaß vollkommen ihr ungutes Gefühl gegenüber den Moffats.
Am Donnerstagabend schloss sich Belle zusammen mit ihrem Hausmädchen ein, und die beiden verwandelten Meg in eine vornehme Dame. Sie drehten ihr Löckchen, bestäubten ihren Hals und ihre Arme mit duftendem Puder, betupften ihre Lippen mit korallfarbener Creme, um sie röter zu machen, und wäre Meg nicht dagegen gewesen, hätte Hortense noch ›einen Hauch Rouge‹ hinzugefügt. Sie schnürten sie in ein himmelblaues Kleid, das so eng war, dass sie kaum Luft bekam und einen so tiefen Ausschnitt hatte, dass die sittsame Meg bei ihrem eigenen Anblick im Spiegel rot wurde. Dazu gab es eine Garnitur silbernen Filigranschmuck: Armbänder, Halskette, Brosche und sogar Ohrringe, die Hortense mit unsichtbarer rosafarbener Seide befestigte. Ein Sträußchen Teerosen am Dekolleté und ein gerüschtes Schultertuch versöhnten Meg mit der Zurschaustellung ihrer feinen weißen Schultern, und ein Paar hochhackige blaue Seidenstiefeletten erfüllten ihren letzten Herzenswunsch. Ein Spitzentaschentuch, ein fedriger Fächer und ein Bukett im Schulterhalter bildeten das i-Tüpfelchen. Miss Belle betrachtete sie zufrieden wie ein kleines Mädchen ihre neu eingekleidete Puppe.
»Mademoiselle ist charmante, très jolie, nicht wahr?«, rief Hortense und faltete mit gekünsteltem Entzücken die Hände.
»Komm und zeig dich«, sagte Miss Belle und führte sie in das Zimmer, in dem die anderen warteten.

Als Meg ihr mit ihren langen Röcken, klimpernden Ohrringen, wehenden Locken und klopfendem Herzen hinterherraschelte, war ihr, als ginge jetzt das eigentliche ›Vergnügen‹ los, denn der Spiegel hatte ihr klipp und klar gesagt, dass sie wirklich eine ›kleine Schönheit‹ war. Ihre Freundinnen wiederholten den gefälligen Satz mit Begeisterung – und eine Zeitlang stand sie da wie die Dohle aus der Fabel, die sich ihrer geborgten Federn erfreut, während die anderen Mädchen schwatzten wie ein Schwarm Elstern.
»Ich ziehe mich jetzt um. Nan, zeig du ihr solange, wie man in solchen Röcken und in den französischen Stiefeln geht, sonst legt sie sich noch auf die Nase. Mach deinen silbernen Schmetterling in der Mitte ihres Haarschmucks fest, Clara, und steck links noch diese lange Strähne hoch, und wehe, ihr zerstört mein bezauberndes Werk«, sagte Belle, eilte davon und schien mit ihrer Leistung sehr zufrieden zu sein.
»Ich trau mich gar nicht, nach unten zu gehen, ich fühl mich so komisch und steif, und nur halb bekleidet«, sagte Meg zu Sallie, als es läutete und Mrs Moffat die Mädchen rufen ließ, unverzüglich nach unten zu kommen.
»Du siehst überhaupt nicht aus wie du selbst, aber sehr anmutig. Da kann ich nicht mithalten, Belle hat nämlich einen sehr guten Geschmack, und du siehst richtig französisch aus, glaub mir. Lass deine Blumen hängen, denk nicht zu viel darüber nach, und pass auf, dass du nicht stolperst«, entgegnete Sallie, bemüht, sich nichts daraus zu machen, dass Meg hübscher aussah als sie selbst.
Mit dieser Warnung im Hinterkopf schaffte es Margaret nach unten. Sie schwebte in den Salon, wo die Moffats und ein paar frühe Gäste versammelt waren. Sehr schnell erkannte sie, dass schöne Kleider einen Zauber haben, der Leute aus bestimmten Kreisen reizt und für deren Anerkennung sorgt. Einige junge Damen, die sie zuvor nicht beachtet hatten, waren plötzlich die Liebenswürdigkeit in Person. Einige junge Herren, die sie auf der vorigen Feier nur angestarrt hatten, starrten jetzt nicht nur, sondern wollten ihr vorgestellt werden, um ihr alberne, wenn auch sehr charmante Dinge zu sagen. Einige alte Damen, die auf den Sofas saßen und über die Anwesenden herzogen, fragten mit offensichtlichem Interesse, wer sie sei. Sie hörte, wie Mrs Moffat zu einer der Damen sagte:
»Daisy March – der Vater ist Oberst in der Armee – eine unserer besten Familien, leider verarmt, nun ja. Intimfreunde der Laurences. Ein liebes Ding, glauben Sie mir. Mein Ned ist ganz verrückt nach ihr.«
»Du liebe Güte!«, sagte die alte Dame und hielt sich erneut die Sehhilfe vors Gesicht, um Meg noch eingehender zu betrachten, die sich wiederum alle Mühe gab, angesichts Mrs Moffats schockierendem Geflunker ahnungslos zu tun.
Das ›komische Gefühl‹ hielt an, doch sie stellte sich vor, sie spiele die Rolle einer vornehmen Dame. So kam sie ganz gut über die Runden, auch wenn sie Seitenstiche von ihrem engen Kleid hatte, die Schleppe ständig unter ihre Füße geriet, und sie andauernd Angst hatte, ihre Ohrringe würden im hohen Bogen davonfliegen, verloren oder kaputt gehen. Gerade spielte sie mit ihrem Fächer und lachte über die schwachen Witze eines jungen Herrn, der unbedingt amüsant sein wollte, als sie plötzlich verstummte und ganz durcheinander wirkte. Genau gegenüber, auf der anderen Seite des Saales, sah sie Laurie. Er starrte sie mit unverhohlener Verblüffung an – und mit Missbilligung, wie sie dachte, denn obwohl er sich verbeugte und lächelte, war da irgendetwas in seinem offenen Blick, das sie erröteten und sich wünschen ließ, sie hätte ihr altes Kleid an. Um ihre Verwirrung komplett zu machen, sah sie, wie Belle Annie einen kleinen Stupser gab und wie beide zwischen ihr und Laurie hin- und herschauten, der zu ihrer großen Freude ungewöhnlich jungenhaft und unbeholfen aussah.
›Diese albernen Geschöpfe, mir so etwas einzureden! Ich lass mich nicht verrückt machen und bleibe genau, wie ich bin‹, dachte Meg und raschelte durch den Raum, um ihrem Freund die Hand zu geben.
»Freut mich, dich zu sehen, ich hatte schon Sorge, du würdest nicht kommen«, sagte sie so erwachsen wie möglich.
»Jo wollte es so, damit ich ihr erzähle, wie du ausgesehen hast, also bin ich gekommen«, erwiderte Laurie, ohne ihr in die Augen zu schauen, wobei er über ihren mütterlichen Tonfall ein bisschen lächeln musste.
»Und was erzählst du ihr?«, fragte Meg, die zwar neugierig auf seine Meinung über sie war, sich aber zum ersten Mal in seiner Gesellschaft unwohl fühlte.
»Ich werde sagen, ich hätte dich kaum wiedererkannt. Du siehst so erwachsen aus und gar nicht wie du selbst, ich hab richtig Angst vor dir«, sagte er und hantierte an seinem Handschuhknopf herum.
»Aber das ist doch Quatsch! Die Mädchen haben mich nur zum Spaß verkleidet, und mir gefällt’s recht gut. Jo würde ganz schön gucken, wenn sie mich sehen würde, oder?«, fragte Meg, die unbedingt herausfinden wollte, ob er sie schön fand oder nicht.
»Ja, glaub ich auch«, erwiderte Laurie ernst.
»Gefall ich dir so nicht?«
»Nein«, sagte er sehr direkt.
»Warum nicht?«, fragte Meg nervös.
Er betrachtete ihre gekräuselten Haare, die nackten Schultern und das übermäßig verspielte Kleid mit einer Miene, die sie mehr beschämte als seine Antwort, in der kein bisschen von seiner üblichen Höflichkeit zu finden war.
»Ich mag dieses ganze Rüschenzeug nicht.«
Das war nun wirklich zu viel von einem Jungen, der jünger war als sie – und Meg stolzierte davon, wobei sie noch trotzig sagte:
»Du bist der größte Flegel, den ich je erlebt habe.«
Ziemlich aufgewühlt ließ sie ihn stehen und ging an ein ruhiges Fenster, um sich die Wangen zu kühlen, denn das enge Kleid sorgte für eine ungesunde Gesichtsröte. Während sie dort stand, ging Major Lincoln vorbei, und kurz darauf hörte sie, wie er zu seiner Mutter sagte:
»Was haben sie nur mit dieser armen Person gemacht. Ich wollte sie dir eigentlich vorstellen, aber sie haben sie total ruiniert. Heute Abend ist sie nichts als ein Püppchen.«
»Ach herrje!«, seufzte Meg. »Wäre ich doch bloß vernünftig gewesen und hätte meine eigenen Sachen angezogen. Dann hätte sich niemand mit Grausen von mir abgewendet, und ich hätte mich nicht so unwohl gefühlt und geschämt.«
Sie lehnte ihre Stirn gegen die kühle Scheibe und stand von den Vorhängen halb verdeckt da, ohne sich darum zu scheren, dass ihr Lieblingswalzer begonnen hatte – bis ihr jemand auf die Schulter tippte. Sie drehte sich um und schaute in Lauries zerknirschtes Gesicht. Mit seiner schönsten Verbeugung und ausgestreckter Hand sagte er:
»Bitte verzeih mir meine Grobheit und komm mit mir tanzen.«
»Aber das ist dir doch sicher unangenehm«, sagte Meg, der es partout nicht gelingen wollte, beleidigt auszusehen.
»Überhaupt nicht. Ich kann’s kaum erwarten. Komm, ich bin auch ganz brav. Ich mag dein Kleid nicht, aber dich finde ich – ganz wunderbar.« Und er wedelte mit den Händen in der Luft, als fehlten ihm die Worte für seine Bewunderung.
Meg gab lächelnd nach, und beim Warten auf den Einstiegstakt flüsterte sie ihm zu:
»Pass auf, dass du nicht über meine Röcke stolperst. Sie sind eine einzige Plage und es war albern von mir, sie anzuziehen.«
»Steck sie dir um den Hals, dann sind sie zumindest zu irgendwas nütze«, sagte Laurie mit Blick auf die kleinen blauen Stiefelchen, mit denen er offensichtlich einverstanden war.
Und so flogen sie flink und anmutig dahin, denn da sie zu Hause bereits geübt hatten, wirkten sie zusammen sehr harmonisch. Das unbeschwert und fröhlich wirbelnde junge Pärchen bot einen schönen Anblick. Nach ihrem kleinen Streit waren die beiden bessere Freunde als je zuvor.
»Laurie, ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust. Würdest du?«, fragte Meg, während er ihr beim Verschnaufen Luft zufächelte, was sehr bald nötig geworden war, auch wenn sie nicht zugeben wollte, woran es lag.
»Na klar!«, sagt Laurie eifrig.
»Bitte erzähl zu Hause nichts von meinem Kleid heute Abend. Sie würden den Witz nicht verstehen, und Mutter würde sich nur Sorgen machen.«
›Wieso hast du’s dann überhaupt getan?‹, fragten Lauries Augen so eindeutig, dass Meg hastig hinzufügte:
»Ich erzähl’s selbst und beichte Mutter, wie blöd ich war. Aber ich möchte es selbst tun, also sag bitte nichts, ja?«
»Ich geb dir mein Wort, dass ich nichts sagen werde. Aber was sage ich, wenn sie mich fragen?«
»Sag einfach, ich hätte nett ausgesehen und mich amüsiert.«
»Das Erste sage ich aus vollem Herzen, aber das andere? Du siehst gerade nicht so aus, als würdest du dich amüsieren, oder?«, fragte Laurie und sah sie so eindringlich an, dass sie sich zu einer ehrlichen Antwort genötigt sah. Sie flüsterte:
»Nein, im Moment nicht. Du darfst mich nicht grässlich finden. Ich wollte nur ein bisschen Spaß, aber ich finde, diese Sorte zahlt sich nicht aus, und langsam wird’s mir zu viel.«
»Da kommt Ned Moffat. Was will er wohl?«, fragte Laurie und zog seine schwarzen Brauen zusammen, als sähe er den jungen Gastgeber nicht unbedingt als willkommene Ergänzung.
»Er hat sich für drei Tänze bei mir eingetragen, vermutlich will er sie sich jetzt einfordern. Wie langweilig!«, sagte Meg und setzte eine blasierte Miene auf, die Laurie ungemein komisch fand.
Erst beim Abendessen konnte er wieder mit ihr sprechen, als er sie mit Ned und seinem Freund Fisher Champagner trinken sah. Die beiden führten sich auf ›wie zwei Idioten‹, wie Laurie zu sich sagte, denn er fühlte sich gewissermaßen auf brüderliche Art im Recht, auf die March-Mädchen aufzupassen und sie, wenn nötig, zu verteidigen.
»Du wirst morgen schreckliche Kopfschmerzen haben, wenn du zu viel von dem Zeug trinkst. Ich würd’s lassen, Meg. Deine Mutter hält nichts davon, das weißt du«, flüsterte er ihr über ihren Stuhl gebeugt zu, als Ned sich abwandte, um ihr Glas aufzufüllen, und Fisher sich bückte, um ihren Fächer aufzuheben.
»Ich bin heute Abend aber nicht Meg, ich bin ein Püppchen, das allerhand verrückte Dinge tut. Morgen lege ich mein ›Rüschenzeug‹ ab und bin wieder stockbrav«, erwiderte sie mit einem affektierten kleinen Lacher.
»Wär’s doch bloß schon morgen«, murmelte Laurie und ging davon. Ihre Veränderung gefiel ihm gar nicht.
Meg tanzte und flirtete, plauderte und kicherte wie die anderen Mädchen. Nach dem Essen wagte sie sich an einen deutschen Tanz und torkelte sich hindurch, wobei sie ihren Partner mit ihren langen Röcken fast zu Fall brachte. Sie war so ausgelassen, dass Laurie regelrecht empört war und schon eine Moralpredigt erwog. Aber er sollte dazu keine Gelegenheit haben, da sich Meg von ihm fernhielt, bis er sie aufsuchte, um ihr gute Nacht zu wünschen.
»Denk dran!«, sagte sie und lächelte gequält, denn die bohrenden Kopfschmerzen hatten schon eingesetzt.
»Silence à la mort«, erwiderte Laurie mit schwungvoll melodramatischer Geste, und damit ging er.
Dieses kleine Zwischenspiel erregte Annies Neugier, aber Meg war zu müde zum Tratschen und ging gleich zu Bett. Sie kam sich vor, als wäre sie auf einem Maskenball gewesen, der weniger Spaß gemacht hatte als gedacht. Den ganzen darauffolgenden Tag war sie unpässlich, und am Samstag fuhr sie nach Hause, reichlich erschöpft von ihren zweiwöchigen Vergnügungen und mit dem Gefühl, lange genug in Luxus geschwelgt zu haben.
»Es tut wirklich gut, still sein zu können und nicht die ganze Zeit gesellig tun zu müssen. Zu Hause ist es wirklich schön, auch wenn wir kein Herrenhaus haben«, sagte Meg und sah sich mit geruhsamer Miene um, als sie am Sonntagabend mit ihrer Mutter und Jo zusammensaß.
»Freut mich, dass du das sagst, mein Schatz, denn ich hatte schon Angst, dein Zuhause würde dir jetzt trist und ärmlich vorkommen, nachdem du so vornehm gewohnt hast«, entgegnete ihre Mutter, die ihr über den Tag hinweg viele besorgte Blicke zugeworfen hatte. Den Augen einer Mutter entgehen Veränderungen in den Gesichtern ihrer Kinder nie.
Meg hatte munter von ihren Abenteuern berichtet und immer wieder beteuert, wie traumhaft die Zeit gewesen sei – aber irgendetwas schien ihr noch auf der Seele zu liegen, und als die beiden jüngeren Mädchen ins Bett gegangen waren, saß sie nachdenklich da und starrte ins Feuer, schweigend und sorgenvoll. Als die Uhr neun schlug und Jo ankündigte, schlafen zu gehen, stand Meg plötzlich von ihrem Sessel auf, nahm sich Beths Hocker, stützte sich mit beiden Armen auf den Schoß ihrer Mutter und sagte tapfer:
»Marmee, ich muss dir was beichten.«
»Das dachte ich mir; was ist es denn, mein Schatz?«
»Soll ich lieber gehen?«, fragte Jo diskret.
»Natürlich nicht. Erzähle ich dir nicht immer alles? Es war mir peinlich wegen der Kleinen, aber ich möchte, dass du Bescheid weißt über all die schrecklichen Dinge, die ich bei den Moffats getan habe.«
»Dann schieß los«, sagte Mrs March lächelnd, wenn auch eine Spur beunruhigt.
»Ich hab dir zwar erzählt, dass sie mich schick angezogen haben, aber nicht, dass sie mich gepudert und eingeschnürt und mir Locken gedreht haben, bis ich aussah wie ein Abziehbildchen. Laurie fand es unanständig, das weiß ich, auch wenn er’s nicht direkt gesagt hat, und ein Mann hat mich als ›Püppchen‹ bezeichnet. Ich wusste ja, dass es albern war, aber sie haben mir geschmeichelt und lauter so dummes Zeug gesagt, dass ich eine Schönheit sei. Also hab ich’s mit mir machen lassen.«
»Das war’s schon?«, fragte Jo, und Mrs March betrachtete wortlos das betrübte Gesicht ihrer hübschen Tochter und brachte es nicht übers Herz, sie wegen ihrer kleinen Dummheiten zu tadeln.
»Nein, ich hab Champagner getrunken, war ausgelassen, hab versucht zu flirten und war alles in allem ziemlich scheußlich«, sagte Meg reumütig.
»Aber da ist doch noch etwas«, sagte Mrs March und strich über die zarte Wange, die plötzlich rosig wurde, als Meg langsam erwiderte:
»Ja, es ist völlig albern, aber ich wollte es dir erzählen, weil ich es schlimm finde, dass die Leute solche Dinge über uns und Laurie sagen und denken.«
Dann gab sie das Getratsche wieder, das sie bei den Moffats aufgeschnappt hatte. Jo sah, wie ihre Mutter die Lippen zusammenpresste, als wäre sie verstimmt darüber, dass man Meg solche Flausen in ihren unschuldigen Kopf gesetzt hatte.
»Na, wenn das nicht der größte Quark ist, den ich je gehört habe«, rief Jo empört. »Warum bist du nicht aus deinem Versteck gekommen und hast ihnen auf der Stelle die Meinung gesagt?«
»Ich konnte nicht, es war mir so peinlich. Erst konnte ich es nicht glauben, und dann war ich so wütend und beschämt, dass ich gar nicht dran gedacht habe, einfach zu gehen.«
»Annie Moffat soll mir mal unter die Augen kommen, dann zeig ich dir, wie man so einem Unfug ein Ende macht. Diese Vorstellung, dass wir ›Pläne‹ hätten und nur zu Laurie nett sind, weil er reich ist und irgendwann eine von uns heiraten könnte! Er wird sich total aufregen, wenn ich ihm erzähle, was diese albernen Hühner über uns arme Kinder sagen!« Und Jo lachte, als hielte sie die Sache bei genauerem Hinsehen für einen guten Witz.
»Wenn du Laurie davon erzählst, verzeih ich dir das nie! Das darf sie nicht, stimmt’s, Mutter?«, fragte Meg verzweifelt.
»Nein. Wiederhole diesen albernen Tratsch auf keinen Fall und vergiss ihn so schnell wie möglich wieder«, sagte Mrs March ernst. »Es war sehr unklug von mir, dich zu Leuten gehen zu lassen, von denen ich so wenig weiß. Sie sind bestimmt nicht böse, aber oberflächlich, schlecht erzogen und voller vulgärer Ideen über junge Menschen. Es tut mir furchtbar leid, Meg, dieser Besuch war vielleicht eine ganz schlechte Idee.«
»Das muss dir nicht leidtun, ich nehm’s mir nicht zu Herzen. Ich werde das Schlechte vergessen und mich nur an das Gute erinnern. Ich hatte ja wirklich sehr viel Spaß und danke dir, dass ich hingehen durfte. Ich werde jetzt nicht sentimental oder unzufrieden, Mutter. Ich weiß, ich bin ein albernes kleines Mädchen, und ich werde bei dir bleiben, bis ich auf mich selbst aufpassen kann. Aber es ist wirklich schön, gelobt und bewundert zu werden, das muss ich zugeben«, sagte Meg und wirkte bei diesem Geständnis leicht beschämt.
»Das ist völlig normal und ganz harmlos, solange das Gefallen nicht zur Sucht wird und einen dazu bewegt, dumme oder unmädchenhafte Dinge zu tun. Man muss lernen, ein Lob richtig einzuordnen und die Bewunderung der richtigen Leute zu wecken, indem man nicht nur hübsch, sondern auch bescheiden ist, Meg.«
Margaret saß still und dachte einen Augenblick nach, während Jo mit verschränkten Händen hinter dem Rücken dastand und sowohl interessiert als auch leicht perplex wirkte – denn es war für sie etwas ganz Neues, Meg erröten zu sehen und sie von Bewunderungen, Verehrern und dergleichen reden zu hören. Jo fand, dass ihre Schwester während dieser vierzehn Tage erstaunlich erwachsen geworden war und Anstalten machte, in eine Welt abzudriften, in die sie ihr nicht folgen konnte.
»Mutter, hast du ›Pläne‹, wie Mrs Moffat meinte?«, fragte Meg verschämt.
»Ja, mein Schatz, jede Menge. Das haben alle Mütter, aber vermutlich ganz andere als Mrs Moffat. Ich werde sie dir erzählen, denn es wird Zeit, dass dir jemand dein romantisches Köpfchen zurechtrückt – und damit ist es mir sehr ernst. Du bist jung, Meg, aber alt genug, um mich zu verstehen, und über solche Dinge spricht ein Mädchen wie du am besten mit seiner Mutter. Jo, auch du wirst irgendwann so weit sein, also hör dir ruhig meine ›Pläne‹ an und hilf mir, wenn sie gut sind, bei der Ausführung.«
Jo setzte sich auf die Armlehne des Sessels und sah aus, als erwartete sie, in eine sehr wichtige Sache eingeweiht zu werden. Mrs March nahm je eine Hand und betrachtete wehmütig die beiden jungen Gesichter. Auf ihre ernste und doch heitere Art sagte sie:
»Ich möchte, dass meine Töchter schöne, erfolgreiche und gute Menschen werden, dass man sie bewundert, liebt und achtet, dass sie eine glückliche Jugend verleben, dass sie so klug sind, den richtigen Mann zu heiraten, dass sie ein sinnvolles und angenehmes Leben führen und dass Gott ihnen möglichst wenig Kummer und Sorgen aufbürdet. Von einem guten Mann geliebt und geheiratet zu werden, ist das Beste und Schönste, was einer Frau passieren kann, und ich hoffe aufrichtig, dass meine Töchter in den Genuss dieser wundervollen Erfahrung kommen werden. Es ist nur normal, darüber nachzudenken, Meg. Es ist richtig, darauf zu hoffen und zu warten, und es ist klug, sich darauf vorzubereiten, damit ihr, wenn die glückliche Zeit kommt, den Herausforderungen gewachsen und der Freude würdig seid. Meine lieben Mädchen, ja, ich habe ehrgeizige Pläne mit euch, aber ihr sollt nicht in die Welt hinausstürmen und reiche Männer heiraten, nur weil sie reich sind oder schöne Häuser haben, die dann kein Zuhause sind, weil die Liebe darin fehlt. Geld ist notwendig und wichtig – und nichts Ehrenrühriges, wenn es mit Sinn und Verstand ausgegeben wird –, aber ich möchte nicht, dass ihr jemals auf die Idee kommt, es sei das Erste und Einzige, wonach man streben sollte. Mir ist es lieber, ihr werdet als Frauen an der Seite armer Männer glücklich, geliebt und zufrieden, als Königinnen auf einem Thron, aber ohne Selbstachtung und inneren Frieden.«
»Belle meinte, arme Mädchen hätten keine Chance, es sei denn, sie spielen sich auf«, sagte Meg seufzend.
»Dann werden wir lieber alte Jungfern«, sagte Jo beherzt.
»Richtig, Jo. Lieber glückliche alte Jungfern als unglückliche Ehefrauen oder sittenlose Mädchen, die herumrennen und verzweifelt nach einem Mann suchen«, sagte Mrs March entschlossen. »Keine Sorge, Meg, Armut schreckt selten einen Mann ab, der es ernst meint. Einige der besten und angesehensten Frauen, die ich kenne, waren arme Mädchen, aber so liebenswert, dass es ihnen nicht gestattet wurde, alte Jungfern zu werden. Überlasst diese Dinge der Zeit. Macht dieses Zuhause zu einem glücklichen Ort, damit ihr gewappnet seid, wenn euch ein eigenes geboten wird, oder damit ihr hier zufrieden seid, wenn nicht. Eins dürft ihr nicht vergessen, meine Mädchen: Eure Mutter ist immer hier, um eure Vertraute zu sein, und Vater ist hier, um euer Freund zu sein – und wir beide hoffen und vertrauen darauf, dass unsere Töchter, ob verheiratet oder alleinstehend, der Stolz und der Trost unseres Lebens sein werden.«
»Das werden wir, Marmee, das werden wir«, riefen beide aus ganzem Herzen, und dann wünschte sie ihnen Gute Nacht.
10
Der P.-K. und das P. A.
Mit dem Frühling kamen neue Freuden. Die Tage wurden länger und die Nachmittage ließen sich für Arbeiten und Vergnügungen aller Art nutzen. Der Garten musste in Ordnung gebracht werden, und jeder Schwester gehörte ein Viertel der kleinen Parzelle, mit dem sie machen konnte, was sie wollte. Hannah sagte immer: »Ich könnt euch genau sagen, wem die Gärtchen gehören, auch wenn sie in China wären« – und sie hatte wohl Recht, denn die Geschmäcker der Mädchen waren so unterschiedlich wie sie selbst. Meg hatte Rosen, Vanilleblumen, Myrte und in der Mitte einen kleinen Orangenbaum gepflanzt. Jos Beet sah jede Saison anders aus, denn sie probierte ständig etwas Neues – dieses Jahr sollten es Sonnenblumen sein, und mit den Kernen dieser heiteren und aufstrebenden Pflanze sollten Tante Cockletop und ihre Küken gefüttert werden. Bei Beth wuchsen altmodische duftende Blumen wie Gartenwicke, Reseda, Rittersporn, Nelken, Stiefmütterchen und Beifuß, sowie Vogelmiere für die Vögel und Katzenminze für die Katzen. Amy hatte eine Laube – eher klein und voller Ohrenkneifer, aber sehr hübsch anzusehen – mit Geißblatt und anmutig rankender Ackerwinde mit leuchtenden Trichtern und Glocken, hochgewachsenen weißen Lilien, zartem Farnkraut und allem, was an schillernden, malerischen Pflanzen Lust hatte, dort zu blühen.

Gartenarbeit, Spaziergänge, Rudern auf dem Fluss und Blumenpflücken füllten die schönen Tage aus, und für die verregneten hatten sie Beschäftigungen im Haus, manche alt, manche neu – alle mehr oder minder originell. Eine davon war der P.-K. – denn Geheimbünde waren gerade in Mode, weswegen es nur recht und billig schien, ebenfalls einem anzugehören. Und weil alle vier Mädchen Dickens liebten, gründeten sie den Pickwick-Klub. Mit kleinen Unterbrechungen blieben sie ein Jahr lang dabei, trafen sich jeden Samstagabend auf dem großen Dachboden, wo ihre Sitzungen jedes Mal gleich abliefen: Drei Stühle wurden in einer Reihe vor einen Tisch gestellt, darauf eine Lampe, vier weiße Abzeichen mit den Großbuchstaben ›P.-K.‹ in verschiedenen Farben sowie Die Pickwicker Wochenschrift, zu der alle mit Artikeln beitrugen – wobei Jo, die nichts so sehr liebte wie Feder und Tinte, als Herausgeberin fungierte. Um sieben Uhr abends begaben sich die vier Klubmitglieder nach oben in ihren Klubraum, banden sich ihre Abzeichen um und nahmen mit großer Andacht Platz. Meg, als Älteste, war Samuel Pickwick; Jo, die Literatin, war Augustus Snodgrass; Beth, weil rund und rosig, war Tracy Tupman; und Amy, die ständig zu tun versuchte, was sie nicht konnte, war Nathaniel Winkle. Klubpräsident Pickwick las die Zeitung vor, die voller origineller Geschichten, Gedichte, Lokalnachrichten, lustiger Reklameanzeigen und Ratschläge war, mit denen man sich freundlich auf etwaige Versäumnisse aufmerksam machte. Einmal setzte Mr Pickwick seine Brille ohne Gläser auf, klopfte auf den Tisch, räusperte sich, und begann, nach einem strengen Blick auf Mr Snodgrass, der auf seinem Stuhl kippelte und sich erst dann vernünftig hinsetzte, zu lesen:
DIE PICKWICKER WOCHENSCHRIFT
20. Mai 18 – Literaturecke
Jubiläums-Ode
Wir finden uns zusammen
Hier in vollzähligen Reihen,
Um zweiundfünfzig lange Jahre
Pickwick-Klub zu feiern.
Wir freu’n uns, dass wir hier sind,
Geben höflich uns die Hand,
Gesund und munter sind wir
Und vor allem sehr gespannt.
Wir grüßen Pickwick, lauschen
Wie auch Pickwick uns begrüßt,
Und, Brille auf der Nase,
Unser Wochenblatt verliest.
Obwohl er einen Schnupfen hat,
Ist’s wichtig, was er sagt,
Denn klug und weise ist der Mann,
Auch wenn er ganz schön quakt.
Der große Snodgrass mit
Elefantöser Eleganz
Sieht strahlend in die Runde,
Das Gesicht in braunem Glanz.
Das Dichterfeuer lodert,
ach, er kämpft sich in Ekstase,
Der Ehrgeiz prangt ihm auf der Stirn,
Und Tinte an der Nase.
Danach kommt Tupman, rosig, rund,
Der friedlichste von allen,
Doch droht der Mann vor Heiterkeit
Vom Stuhle uns zu fallen.
Wie aus dem Ei gepellt wirkt Winkle,
Optisch eine Pracht,
Obwohl er nur, und nur im Notfall,
Katzenwäsche macht.
Das Jahr ist fort, nun lasst uns
Folgen, wie es uns gebührt,
Dem Pfad der Literaten, der
Zu Ruhm und Ehre führt.
Lang möge unser Blatt besteh’n,
Der Pickwick-Klub gedeih’n,
Das nächste Jahr erfolgreich,
Fröhlich und gesegnet sein.
A. Snodgrass
***
Die maskierte Hochzeit
Eine venezianische Erzählung
Eine Gondel nach der anderen hielt vor den marmornen Stufen und entließ ihre herrliche Ladung in das bunte Menschengedränge, das in den prächtigen Räumen des Grafen de Adalon herrschte. Ritter und Damen, Elfen und Pagen, Mönche und Blumenmädchen, alle waren fröhlich beim Tanze. Liebliche Stimmen und klangvolle Lieder erfüllten die Luft, und mit Munterkeit und Musik ging der Maskenball seinen Gang.
»Haben Eure Hoheit heute Abend schon Lady Viola gesehen?«, fragte ein galanter Troubadour die Elfenkönigin, die an seinem Arm durch die Halle schwebte.
»Ja, ist sie nicht bildschön, wenn auch schrecklich traurig! Auch ihr Kleid ist eine gute Wahl, denn in einer Woche heiratet sie den Grafen Antonio, den sie aus ganzem Herzen hasst.«
»Ich muss gestehen, ich beneide ihn. Dort kommt er, angetan wie ein Bräutigam, bis auf die schwarze Maske. Sobald er sie absetzt, werden wir sehen, wie er die holde Jungfer anschaut, deren Herz er nicht gewinnen kann, auch wenn ihr strenger Vater ihm ihre Hand versprochen hat«, versetzte der Troubadour.
»Man munkelt, sie liebe den jungen englischen Künstler, der ihr auf Schritt und Tritt folgt und von dem alten Grafen sogar noch angespornt wird«, sagte die Dame, während sie zum Tanze zurückkehrten.
Das Fest war auf seinem Höhepunkt angelangt, da erschien ein Priester, und indem er das junge Paar in eine mit purpurrotem Samt bezogene Nische zog, bedeutete er ihnen, sich hinzuknien. Sogleich verstummte die fröhliche Menge, und es ward mucksmäuschenstill, bis auf das Rauschen der Brunnen und das Blätterrascheln der im Mondschein schlummernden Orangenbäume, und Graf de Adelon sprach:
»Mylords und Myladys möchten mir die List verzeihen, mit der ich Euch hier zusammengerufen habe, um der Hochzeit meiner Tochter beizuwohnen. Hochwürden, fahre Er fort.«
Aller Augen lagen jetzt auf dem Brautpaar, und ein verblüfftes Murmeln ging durch die Menge, denn weder Braut noch Bräutigam nahmen ihre Masken hab. Neugier und Verwunderung bemächtigte sich sämtlicher Herzen, doch die Ehrfurcht hielt ihre Zungen im Zaum, bis der heilige Ritus beendet war. Danach scharten sich die eifrigen Zuschauer um den Grafen und verlangten nach einer Erklärung.
»Gern gäbe ich euch eine, wenn ich könnte, aber ich weiß nur, dass die Idee von meiner scheuen Viola stammt, und ich habe ihr den Gefallen getan. Nun, meine Kinder, lasst uns das Schauspiel beenden. Nehmt die Masken ab und meinen Segen entgegen.«
Doch keiner der beiden machte einen Kniefall, denn der junge Bräutigam ließ die Maske fallen, und das edle Antlitz des verliebten Künstlers Ferdinand Devereux kam zum Vorschein, an seine Brust gedrückt, wo nun der Stern eines englischen Grafen prangte, war die reizende Viola, die vor Glück und Schönheit strahlte. Er antwortete in einem Ton, der die Zuschauer erschaudern ließ:
»Mylord, Ihr habt mir aufs Schmählichste die Hand Eurer Tochter verweigert, wo ich doch einen ebenso ehrenhaften Namen trage und ein ebenso ansehnliches Vermögen zu bieten habe wie Graf Antonio. Ich kann noch mehr, denn selbst Eure ehrgeizige Seele kann den Grafen von Devereux und De Vere nicht ablehnen, wenn er seinen uralten Namen und grenzenlosen Wohlstand im Tausch gegen die geliebte Hand dieser zarten Dame hergibt, die nun meine Ehefrau ist.«
Der Graf stand wie versteinert da, und indem er sich der verwirrten Menge zuwandte, fügte Ferdinand mit fröhlichem und siegreichem Lächeln hinzu: »Euch, meinen galanten Freunden, kann ich nur wünschen, dass euer Werben ähnlich gedeihlich sei und dass ihr eine so holde Braut gewinnt wie ich bei dieser maskierten Hochzeit.«
S. Pickwick
***
Warum ist der P.-K. wie der Turm von Babel?
Er ist voller verwirrter Mitglieder.
***
Die Geschichte vom Kürbis
Es war einmal ein Farmer, der pflanzte in seinem Garten einen kleinen Kern, und nach einer Weile keimte der Kern und wurde zu einer Ranke mit vielen neuen Kürbissen. Eines Tages im Oktober waren die Kürbisse reif, und er pflückte einen und trug ihn zum Markt. Ein Gemüsehändler kaufte ihn und stellte ihn in seinen Laden. Am selben Morgen kam ein kleines Mädchen im blauen Kleid mit braunem Hut, rundem Gesicht und Stupsnase und kaufte ihn für seine Mutter. Das Mädchen schleppte ihn nach Hause, schnippelte ihn in Stücke und kochte ihn in einem großen Topf. Einen Teil pürierte es mit Salz und Butter fürs Abendessen. Dem restlichen Kürbis fügte es einen halben Liter Milch, zwei Eier, vier Löffel Zucker, Muskatnuss und ein paar Cracker hinzu, gab ihn in eine Backform und schob ihn in den Ofen, bis er schön goldbraun war. Am nächsten Tag wurde er von einer Familie namens March gegessen.
T. Tupman
***
SEHR GEEHRTER MR PICKWICK,
ich schreibe Ihnen zum Thema Sünde. Der Sünder um den es geht ist ein Mann namens Winkle der in seinem Klub für Unruhe sorgt weil er immer lacht und manchmal für diese wichtige Wochenschrift seinen Artikel nicht schreibt, Ich hoffe Sie entschuldigen ihm dass er nicht brav war und erlauben ihm eine französische Fabel einzureichen weil er sich nichts ausdenken kann weil er so viel Schularbeiten hat und keinen Platz im Kopf für andere Sachen, In Zukunft werde ich versuchen die Zeit bei den Hörnern zu packen und etwas vorzubereiten comm la fo, das heißt ›richtig‹, Jetzt muss ich los denn gleich fängt die Schule an.
Hochachtungsvoll
N. WINKLE
[Bei Obigem handelt es sich um ein mannhaftes und beherztes Eingeständnis vergangener Saumseligkeit. Noch besser wäre es gewesen, unser junger Freund hätte seine Punkt- und Kommaregeln gelernt.]
***
Ein trauriger Unfall
Am letzten Freitag erschraken wir über ein heftiges Poltern im Keller unseres Hauses, gefolgt von verzweifeltem Geschrei. Wir eilten geschlossen nach unten und fanden unseren geliebten Präsidenten bäuchlings auf dem Boden, da er gestolpert und hingefallen war, während er für häusliche Zwecke Holz geholt hatte. Es war ein verheerender Anblick, denn Mr Pickwick war mit Kopf und Schultern in einen Bottich mit Wasser gestürzt, hatte sich ein Fässchen Flüssigseife über seine männliche Gestalt gekippt und seine Kleidung auf übelste Weise zerrissen. Nachdem er aus dieser hochgefährlichen Lage befreit worden war, stellte man fest, dass er weitgehend unverletzt geblieben war und lediglich ein paar Prellungen davongetragen hat. Mit Freude können wir hinzufügen, dass er jetzt wieder wohlauf ist.
Der Hrsg.
***
Öffentlicher Verlust
Es ist unsere schmerzliche Pflicht, vom plötzlichen und mysteriösen Verschwinden unserer hochgeschätzten Freundin Mrs Snowball zu berichten. Diese allseits geliebte und zauberhafte Katze besaß einen großen Kreis von Bewunderinnen. Ihre Schönheit war für alle ersichtlich, und mit ihren Tugenden eroberte sie die Herzen. Die gesamte Gemeinde ist in tiefer Trauer ob ihres Verlustes.
Zuletzt gesehen wurde sie auf dem Torpfosten, den Blick auf den Wagen des Schlachters gerichtet. Es steht zu befürchten, dass irgendein Schurke ihren Reizen nicht widerstehen konnte und sie niederträchtigerweise entwendet hat. Seitdem sind Wochen vergangen, aber sie bleibt spurlos verschwunden. Wir haben nun alle Hoffnung aufgegeben, binden einen Trauerflor an ihr Körbchen, stellen ihren Napf zur Seite und weinen ihr nach wie einer, die für immer von uns gegangen ist.
***
Ein Anteil nehmender Freund schickte uns das folgende Kleinod:
Ein Klagelied
(Für Mrs Snowball)
Wir trauern, ach, sind alle vier
Betrübt wie nie zuvor,
Denn nimmermehr sitzt Snowball hier
Vor unsrem grünen Tor.
Das Grabmal, wo ihr Kindlein ruht,
Ist am Kastanienbaum.
Doch wo sie schläft, ob schlecht, ob gut,
Das weiß man leider kaum.
Ihr Bett steht leer, ihr Ball liegt flach,
Verlassen wohl für immer.
Kein Tapsen und kein Schnurren, ach,
In keinem einz’gen Zimmer.
Auf Mäusejagd geht jetzt ein Tier
Mit Schmuddel im Gesicht.
Doch so wie Snowball, so versiert,
Jagt dieses wahrlich nicht.
So sieht in Haus und Hofe man
Sie ihre Runden drehen:
Sie spuckt und faucht die Hunde an,
Die Snowball bat zu gehen.
Sie mag von Nutzen sein und sie
Verdient wohl ihren Platz,
Doch dich ersetzen wird sie nie,
Du flauschig weißer Schatz.
A. S.
***
Bekanntmachungen
Die vielbeachtete unbeugsame Rednerin MISS ORANTHY BLUGGAGE wird ihren berühmten Vortrag über Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft halten. Ort: Pickwick Hall, am nächsten Samstag, im Anschluss an die üblichen Tagesordnungspunkte.
Ein ALLWÖCHENTLICHES TREFFEN unter der Leitung Hannah Browns wird auf dem Place de la Cuisine stattfinden, um junge Damen in die Kunst des Kochens einzuweihen. Hannah Brown wird persönlich anwesend sein. Eintritt frei.
Der ARBEITSKREIS ›KEHRSCHAUFEL‹ trifft sich am kommenden Mittwoch und wird im oberen Stock des Klubhauses einen Parademarsch abhalten. Alle Mitglieder mögen um Punkt neun in Uniform mit geschultertem Besen erscheinen.
MRS BETH BOUNCER wird in der kommenden Woche der Öffentlichkeit ihr neues Sortiment an Puppenzubehör präsentieren. Die neuesten Pariser Modelle sind eingetroffen, Bestellungen werden gern entgegengenommen.
In wenigen Wochen wird EIN NEUES THEATERSTÜCK am Barnville Theatre gegeben, das alles übertreffen wird, was man jemals auf einer amerikanischen Bühne gesehen hat. Der griechische Sklave oder Konstantin der Rächer lautet der Name dieses mitreißenden Stückes!!!
***
Hinweise
Würde S. P. nicht so viel Seife verwenden, käme er nicht jedes Mal zu spät zum Frühstück.
A. S. wird gebeten, nicht auf der Straße zu pfeifen.
T. T. vergisst bitte Amys Serviette nicht.
N. W. darf nicht klagen, weil sein Kleid keine neun Volants hat.
***
Betragen der Klubmitglieder in dieser Woche
Meg – Gut.
Jo – Schlecht.
Beth – Sehr gut.
Amy – Mittel.
Als der Präsident mit dem Verlesen des Blattes fertig war (wobei ich meinen Leserinnen aufrichtig versichern möchte, dass es sich um eine wortgetreue Kopie derjenigen einstmals von den Mädchen verfassten Wochenschrift handelt), folgte eine Runde Applaus, und dann erhob sich Mr Snodgrass, um den übrigen Klubmitgliedern einen Vorschlag zu unterbreiten.
»Herr Präsident, meine Herren«, begann er und nahm eine parlamentarische Haltung sowie einen ebensolchen Tonfall an. »Ich möchte die Zulassung eines neuen Mitglieds beantragen – einer Person, die dieser Ehre unbedingt würdig ist, die überaus dankbar wäre, zum Geiste des Klubs und dem literarischen Wert unserer Zeitschrift einen unschätzbaren Beitrag leisten zu dürfen, und ungemein lustig und nett wäre. Ich schlage Herrn Theodore Laurence als Ehrenmitglied des P.-K. vor. Nun kommt schon, sagt ›Ja‹.«
Jos plötzlicher Wechsel im Tonfall brachte die Mädchen zum Lachen. Dennoch wirkten alle etwas nervös, und niemand sprach, als Snodgrass wieder Platz nahm.
»Wir werden darüber abstimmen«, sagte der Präsident. »Alle, die diesem Antrag zustimmen, sagen bitte ›Ja.‹«
Einem lauten ›Ja‹ von Snodgrass folgte zur allgemeinen Verblüffung eine schüchterne Zusage von Beth.
»Alle, die dagegen stimmen, sagen ›Nein.‹«
Meg und Amy stimmten dagegen, und Mr Winkle stand auf, um mit großer Eleganz zu sagen: »Wir möchten keine Jungen dabeihaben, sie haben nur Flausen im Kopf. Das hier ist ein Damenklub und wir möchten unter uns bleiben.«
»Ich hab Angst, dass er sich über unsere Wochenschrift lustig macht, und danach über uns«, bemerkte Pickwick und zupfte an der kleinen Locke über ihrer Stirn, wie immer, wenn sie unentschlossen war.
Snodgrass sprang auf und sagte mit großem Ernst:
»Sir! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Laurie wird nichts dergleichen tun. Er schreibt gern, er wird unseren Beiträgen den angemessenen Ton geben und uns davor bewahren, zu gefühlsselig zu werden, verstehen Sie nicht? Wir können so wenig für ihn tun, und er tut so viel für uns, ich finde, es wäre das Mindeste, ihm einen Platz hier anzubieten und ihn willkommen zu heißen.«
Nach dieser geschickten Anspielung auf vergangene Genüsse stand Tupman auf und sah aus, als habe er eine Entscheidung gefällt.
»Ja, wir sollten es tun, selbst wenn wir Angst haben. Ich sage, er darf kommen, und sein Großvater auch, wenn er Lust hat.«
Beths beherzter Ausspruch löste Begeisterungsstürme unter den Klubmitgliedern aus, und Jo verließ ihren Platz, um dem Herrn anerkennend die Hand zu schütteln. »Nun denn, stimmen wir noch mal ab. Denkt dran, es ist unser Laurie, also sagt ›Ja‹«, rief Snodgrass aufgeregt.
»Ja! Ja! Ja!«, erwiderten drei Stimmen auf einmal.
»Gut! Wunderbar! Und weil es nichts Besseres gibt, als ›die Zeit bei den Hörnern zu packen‹, wie Winkle bezeichnenderweise anmerkte, erlaube ich mir, das neue Klubmitglied vorzustellen.« Und zum Verdruss der restlichen Mitglieder warf Jo die Tür zur Kammer auf, in der auf einem Lumpensack ein rotgesichtiger Laurie hockte, der vor unterdrücktem Lachen beinahe platzte.
»Du Schurke! Du Verräter! Jo, wie konntest du nur?«, riefen die drei Mädchen, während Snodgrass ihren Freund triumphierend hinausführte. Sie zauberte sowohl Stuhl als auch Abzeichen hervor und hatte ihm im Nu einen Platz zugewiesen.
»Ihr seid mir ja welche«, begann Mr Pickwick, sich an einem bedrohlichen Stirnrunzeln versuchend, aber nur ein freundliches Lächeln zustande bringend. Das neue Mitglied aber war der Situation durchaus gewachsen, wandte sich dankbar an den Vorsitzenden und sagte auf einnehmendste Weise: »Herr Präsident und meine Damen – Verzeihung – meine Herren –, erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Mein Name ist Sam Weller, getreuer Diener des Klubs.«
»Gut! Gut!«, rief Jo und klapperte mit dem Griff der alten Wärmflasche, auf der sie lehnte.
»Mein treuer Freund und ehrenwerter Unterstützer«, fuhr Laurie mit ausladender Geste fort, »der mich auf so schmeichelhafte Weise eingeführt hat, trägt keine Schuld an der niederträchtigen Strategie des heutigen Abends. Ich selbst habe sie ausgeheckt, und sie hat nur nach sehr viel gutem Zureden zugestimmt.«
»Komm, jetzt nimm nicht alles auf deine Kappe. Du weißt, dass der Vorschlag mit der Kammer von mir kam«, unterbrach ihn Snodgrass, der sich über den Streich noch immer köstlich amüsierte.
»Hört nicht auf sie. Ich bin der Schuft, der’s getan hat«, sagte das neue Mitglied mit Weller’schem Nicken in Richtung Mr Pickwicks. »Aber, bei meiner Ehre, es soll nie wieder vorkommen und ich werde mich fortan nur noch den Interessen dieses unsterblichen Klubs widmen.«
»Hört! Hört!«, rief Jo und trommelte erneut mit dem Henkel der Wärmflasche wie mit einem Becken.
»Weiter! Weiter!«, riefen auch Winkle und Tupman, und der Präsident verbeugte sich wohlwollend.
»Ich möchte nur gesagt haben, dass ich als Zeichen meiner Dankbarkeit für die erbrachte Ehre und als Mittel, die freundlichen Beziehungen zwischen den benachbarten Ländern zu fördern, ein Postamt an der Hecke im unteren Teil des Gartens installiert habe; ein vornehmes, geräumiges Gebäude mit Schlössern an den Türen für Sendungen aus aller Herren Länder – und Damen Länder, natürlich. Es war mal ein Schwalbenhaus, aber ich habe die Tür verstopft und das Dach geöffnet, damit alles Mögliche hineinpasst, so bleibt uns kostbare Zeit erspart. Briefe, Manuskripte, Bücher und Pakete können dort den Besitzer wechseln, und da jede Nation über einen Schlüssel verfügt, wird das, so denke ich, eine großartige Sache werden. Erlauben Sie mir, Ihnen den Klubschlüssel zu überreichen und mit nochmaligem Dank für Ihre Gunst jetzt Platz zu nehmen.«
Großer Applaus, als Mr Weller einen kleinen Schlüssel auf den Tisch legte und sich fallen ließ. Die Wärmflasche klapperte und schlackerte wild hin und her, und es dauerte einen Moment, bis die Ordnung wiederhergestellt war. Es folgte eine lange Diskussion, in der sich alle erstaunlich gut schlugen, denn alle taten ihr Bestes. So war es eine ungewöhnlich lebhafte Sitzung, die erst zu später Stunde aufgehoben wurde und mit drei schrillen Jubelrufen für das neue Mitglied endete. Niemand sollte je die Aufnahme Sam Wellers bereuen, denn ein ergebeneres, höflicheres und jovialeres Mitglied hätte sich ein Klub nicht wünschen können. Er gab den Sitzungen zweifellos Schwung, und der Wochenschrift einen ›angemessenen Ton‹, denn seine Reden lösten Lachkrämpfe bei den Zuhörerinnen aus und seine Beiträge waren exzellent, da patriotisch, klassisch, komisch oder dramatisch, aber niemals gefühlsselig. Jo fand, dass sie eines Bacon, Milton oder Shakespeare würdig waren – und ein guter Einfluss für das eigene Schreiben.
Das ›P. A.‹ war eine glänzende kleine Einrichtung und gedieh prächtig, denn es wurden fast so seltsame Dinge hindurchgeschleust wie durch ein echtes Postamt. Tragödien und Krawatten, Gedichte und Gurkengläser, Sämlinge und lange Briefe, Musik und Lebkuchen, Radiergummis, Einladungen, Ermahnungen und junge Hunde. Auch der alte Herr hatte seinen Spaß damit und versandte sonderbare Päckchen, mysteriöse Botschaften und lustige Telegramme, und sein Gärtner, der für Hannah schwärmte, schickte ihr sage und schreibe zu Händen Jos einen Liebesbrief. Wie sie lachten, als es herauskam – nie hätten sie sich träumen lassen, wie viele Liebesbriefe in den kommenden Jahren noch in diesem kleinen Postamt landen würden.
11
Experimente
»Erster Juni – morgen fahren die Kings an die Küste, und ich hab frei! Drei Monate Ferien! Oh, wie werde ich sie genießen!«, rief Meg, die eines Sommertages nach Hause kam und Jo ungewöhnlich erschöpft auf dem Sofa vorfand, während Beth gerade aus ihren staubigen Stiefeln schlüpfte und Amy für die ganze Mannschaft Limonade machte.
»Tante March ist heute schon los, welch ein Glück!«, sagte Jo. »Ich hatte schreckliche Angst, dass sie mich bitten würde, mitzufahren. Ich hätte mich verpflichtet gefühlt, dabei finde ich Plumfield ungefähr so aufregend wie einen Friedhof – da verzichte ich lieber. Es war eine ziemliche Hetze, die alte Dame reisefertig zu machen, und jedes Mal, wenn sie mich ansprach, hab ich einen Schreck gekriegt, denn ich hatte es so eilig, fertig zu werden, dass ich ungewöhnlich hilfsbereit und lieb war, und ich hatte Angst, sie würde sich nicht von mir trennen können. Ich hab gezittert, bis sie in ihrem Wagen saß, und dann zu guter Letzt nochmal einen Schreck gekriegt, denn beim Losfahren hat sie den Kopf durchs Fenster gesteckt und gerufen: ›Jose-phine, würdest du bitte –?‹ Mehr hab ich nicht mitgekriegt, denn ich hab mich niederträchtigerweise umgedreht und die Beine in die Hand genommen. Ich bin gerannt, bis ich um die Ecke war, wo ich mich in Sicherheit fühlte.«
»Unsere arme Jo! Sie kam rein und sah aus, als wären Bären hinter ihr her«, sagte Beth und knuddelte mit fürsorglicher Miene die Füße ihrer Schwester.
»Tante March ist ein richtiger Vamp, stimmt’s?«, bemerkte Amy und kostete kritisch ihre Zitronenmixtur.
»Sie meint Vampir, aber was soll’s. Es ist viel zu warm, um auf sprachliche Genauigkeiten zu achten«, murmelte Jo.
»Was hast du in deinen Ferien vor?«, fragte Amy und wechselte geschickt das Thema.
»Ich werde bis mittags schlafen und nichts tun«, erwiderte Meg aus den Tiefen ihres Schaukelstuhls. »Ich musste den ganzen Winter früh aufstehen und mich jeden Tag für andere Leute abplagen. Jetzt werde ich mich mal richtig ausruhen.«
»Pah«, sagte Jo, »auf der faulen Haut liegen, das wär nichts für mich. Ich hab mir einen Stapel Bücher zurechtgelegt und werde damit meine Sternstunden auf meinem Ausguck im alten Apfelbaum versüßen, wenn ich nicht gerade mit Laurie zusammen –«
»Jetzt sag bloß nicht ›auf den Pudding hauen‹!«, flehte Amy als Rache für die Vampir-Korrektur.
»Dann eben auf den Haferschleim, zusammen mit Laurie. Das passt genauso gut, weil er ein ziemliches Schleckermaul ist.«
»Lass uns eine Weile mit dem Unterricht pausieren, Beth, und stattdessen auch die ganze Zeit spielen und entspannen«, schlug Amy vor.
»Ja, einverstanden, wenn Mutter nichts dagegen hat. Ich will ein paar neue Lieder einstudieren, und meine Kinder müssen für den Sommer zurechtgemacht werden. Sie sehen verheerend aus und brauchen dringend neue Kleider.«
»Dürfen wir, Marmee?«, fragte Meg und drehte sich zu Mrs March, die in der sogenannten ›Marmee-Ecke‹ saß und nähte.
»Ihr dürft euer Experiment eine Woche lang ausprobieren und sehen, wie es euch gefällt. Ich denke, bis Samstag werdet ihr feststellen, dass nichts als Spiel und Spaß genauso schlimm ist wie nichts als Arbeit.«
»Meine Güte, nein! Es wird wundervoll werden, da bin ich mir sicher«, sagte Meg.
»Ich möchte jetzt einen Trost aussprechen. Wie meine liebe Freundin Sarah Gamp zu sagen pflegt: Nichts als Spaß, und keine Schufterei!«, rief Jo und stand auf, das Glas in der Hand, während die Limonade die Runde machte.
Sie prosteten sich fröhlich zu und begannen das Experiment, indem sie den Rest des Tages nur herumlagen. Am nächsten Morgen erschien Meg erst nach zehn Uhr. Ihr gesondertes Frühstück schmeckte nicht, und der Raum wirkte einsam und unaufgeräumt, denn Jo hatte keine frischen Blumen in die Vasen gestellt, Beth hatte das Staubwischen seinlassen, und überall lagen Amys Schulbücher herum. Nichts war ordentlich und schön bis auf die Marmee-Ecke, die aussah wie immer. Und dort saß Meg, um sich ›auszuruhen und zu lesen‹, das heißt, um zu gähnen und sich die schönen Sommerkleider vorzustellen, die sie sich von ihrem Gehalt kaufen würde. Jo verbrachte den Vormittag mit Laurie auf dem Fluss und den Nachmittag in ihrem Apfelbaum, wo sie Die weite, weite Welt las und weinte. Beth fing damit an, alles aus ihrem großen Schrank auszuräumen, wo ihre Puppenfamilie residierte, brach aber mittendrin ab, ließ alles stehen und liegen, begab sich an ihr Klavier und war froh, nicht abwaschen zu müssen. Amy räumte ihre Laube aus, zog ihr bestes weißes Kleid an, strich sich die Locken glatt und setzte sich zum Zeichnen unter die Heckenkirsche, in der Hoffnung, gesehen und gefragt zu werden, wer die junge Künstlerin sei. Da niemand auftauchte außer einem neugierigen Weberknecht, der ihre Arbeit mit Interesse untersuchte, ging sie spazieren, geriet in einen Regenschauer und kam triefnass nach Hause.
Beim Abendbrot tauschten sie sich aus, und alle waren sich einig, dass es ein zauberhafter, wenn auch ungewöhnlich langer Tag gewesen war. Meg, die den Nachmittag in der Stadt verbrachte hatte, um sich einen ›süßen blauen Musselin-Stoff‹ zu kaufen, hatte nach dem Zuschneiden feststellen müssen, dass er nicht waschbar war, was sie ein bisschen ärgerte. Jo hatte sich beim Rudern einen Sonnenbrand auf der Nase geholt und Kopfschmerzen vom stundenlangen Lesen. Beth kam mit dem Chaos in ihrem Kleiderschrank nicht klar, ebenso wenig damit, drei oder vier Lieder auf einmal einzustudieren. Und Amy bedauerte zutiefst ihr ramponiertes Kleid, denn am nächsten Tag war Katy Browns Feier und jetzt hatte sie genau wie Flora McFlimsey ›nichts anzuziehen‹. Aber das waren nur Lappalien, und sie versicherten ihrer Mutter, dass das Experiment hervorragend lief. Diese lächelte, schwieg, und erledigte mit Hannahs Hilfe die Arbeit der Mädchen, damit es zu Hause gemütlich blieb und der Haushalt reibungslos weiterlief.
Es war erstaunlich, zu welch eigentümlichem und unbehaglichem Zustand das ›Entspannen und Genießen‹ führte. Die Tage wurden immer länger, das Wetter war ungewöhnlich wechselhaft und so auch die Laune. Allesamt befiel sie ein Gefühl der Rastlosigkeit, und aller Laster Anfang durch Müßigkeit war an sämtlichen Ecken und Enden zu spüren. Auf dem Höhepunkt des Luxuslebens legte sich Meg ihr Nähzeug zurecht, wobei ihr die Zeit so lang wurde, dass sie anfing, an ihren Kleidern herumzuschnippeln, und bei dem Versuch, sie à la Moffat aufzumöbeln, ruinierte. Jo las, bis ihre Augen nicht mehr konnten, sie genug von ihren Büchern hatte und so zappelig wurde, dass selbst der gutmütige Laurie einen Streit mit ihr vom Zaun brach – was sie so deprimierte, dass sie sich wünschte, sie wäre doch mit Tante March in den Urlaub gefahren. Beth dagegen kam einigermaßen zurecht, denn sie vergaß ständig, dass nur Vergnügen und keine Arbeit auf dem Programm stand und fiel hin und wieder zurück in ihre alten Gewohnheiten – doch irgendetwas lag in der Luft und störte ihren Seelenfrieden so sehr, dass sie einmal sogar die arme liebe Joanna schüttelte und als ›grässliches Mädchen‹ beschimpfte. Amy ging es am schlechtesten, denn ihre Ressourcen waren knapp, und wenn ihre Schwestern loszogen, um sich zu vergnügen und um sich selbst zu kümmern, stellte sie schnell fest, dass das erfolgreiche und wichtige Persönchen, das sie war, eine große Bürde darstellte. Sie spielte nicht gerne mit Puppen, Märchen waren Kinderkram und kein Mensch konnte pausenlos zeichnen. Teekränzchen führten zu nichts, ebenso wenig Picknicks, außer sehr feudale. »Wenn man ein vornehmes Haus und viele nette Mädchen zu Besuch hätte oder verreisen könnte, wäre der Sommer ein Traum, aber mit drei egoistischen Schwestern und einem erwachsenen Jungen zu Hause zu hocken – da hätte selbst Boas die Geduld verloren«, klagte Miss Malaprop nach mehreren Tagen Spiel, Spannung und ennui.
Keine der Schwestern wollte zugeben, dass sie genug von dem Experiment hatte – und Freitagabend waren alle insgeheim froh, die Woche fast überstanden zu haben. In der Hoffnung, die Lektion noch eindrucksvoller zu gestalten, wollte Mrs March, der es durchaus nicht an Humor fehlte, den Versuch gerne angemessen abschließen, also gab sie Hannah frei und ließ die Mädchen in den vollen Genuss ihres Vorhabens kommen.
Als sie am Samstagmorgen aufstanden, brannte in der Küche kein Feuer, es stand kein Frühstück auf dem Tisch und weit und breit war keine Mutter.
»Große Güte! Was ist denn hier los?«, rief Jo und sah sich entgeistert um.
Meg rannte nach oben und war sofort zurück, sie wirkte erleichtert, aber ziemlich verwirrt und ein wenig beschämt.
»Mutter ist nicht krank, nur sehr müde, und sie sagt, sie bleibt heute mal in ihrem Zimmer. Wir sollen einfach machen, so gut es geht. Sehr seltsam, sie benimmt sich überhaupt nicht wie sie selbst, aber sie meint, es sei eine harte Woche für sie gewesen, also dürften wir uns nicht beschweren und sollten gut auf uns aufpassen.«
»Kein Problem, ich finde die Idee gut. Ich brauche unbedingt was zu tun – ich meine natürlich, irgendein neues Vergnügen«, fügte Jo rasch hinzu.
Tatsächlich war es eine immense Erleichterung für alle, eine Aufgabe zu haben, und sie legten sofort los, erkannten aber bald die Wahrheit hinter Hannahs Spruch, der da lautete: »Ein Haushalt ist kein Kinderspiel.«
In der Speisekammer war reichlich zu essen, und während Beth und Amy den Tisch deckten, machten Meg und Jo Frühstück – und sie alle fragten sich, warum die Dienstboten so oft über die Arbeit klagten.
»Ich werde Mutter was raufbringen, auch wenn sie meinte, wir sollen uns nicht um sie kümmern«, verkündete Meg, die das Sagen hatte und sich hinter der Teekanne wie eine richtige Hausfrau vorkam.
Vor dem Essen wurde also ein Tablett hergerichtet und mit Grüßen aus der Küche nach oben getragen. Der Tee war sehr bitter, das Omelette angebrannt und das Gebäck mit Backpulver bestreut, doch Mrs March nahm ihre Mahlzeit dankend entgegen und musste herzlich darüber lachen, kaum dass Jo aus dem Raum war.
»Die armen Seelen. Ich fürchte, sie werden es schwer haben, aber schaden wird’s ihnen nicht, im Gegenteil«, sagte sie, holte die eigens besorgten, leckereren Speisen hervor und beseitigte diskret das misslungene Frühstück – eine kleine Täuschung, damit niemand gekränkt war.
Unten waren der Klagen viele, und groß war das Unglück der Chefköchin angesichts ihres Scheiterns. »Keine Angst, ich kümmere mich um das Mittagessen und bin Dienstmädchen. Du bist die Dame des Hauses, also halte dir die Hände sauber, sorge dich um die Gäste und gib die Kommandos«, sagte Jo, die von kulinarischen Dingen noch weniger Ahnung hatte als Meg.
Dieses liebenswürdige Angebot wurde gerne angenommen. Margaret zog sich ins Wohnzimmer zurück und brachte es schnell in Ordnung, indem sie alles, was herumlag, unters Sofa fegte und die Fensterläden schloss, um sich das Staubwischen zu ersparen. Mit vollendetem Vertrauen in ihr Können und dem freundlichen Wunsch nach Versöhnung legte Jo sogleich einen Brief in die Post und lud Laurie zum Essen ein.
»Du solltest besser erstmal nachschauen, was du dahast, bevor du Einladungen verschickst«, sagte Meg, als sie von der gastlichen, doch überstürzten Aktion erfuhr.
»Ach, es gibt Corned Beef und jede Menge Kartoffeln, und ich besorge Spargel und einen Hummer als ›Gaumenschmaus‹, wie Hannah immer sagt. Dazu gibt es Salat. Ich weiß zwar nicht, wie das geht, aber es steht ja alles im Kochbuch. Zum Nachtisch mache ich Mandelpudding mit Erdbeeren, und meinetwegen auch Kaffee, wenn’s elegant sein soll.«
»Übertreib’s nicht, Jo, du kannst doch gar nichts außer Gewürzkekse. Ich halte mich raus aus dem Festmahl. Du lädst Laurie auf deine Verantwortung ein, also musst du dich auch um ihn kümmern.«
»Du sollst ja gar nichts machen, außer geistreiche Gespräche mit Laurie führen und beim Pudding helfen. Du gibst mir doch deinen Rat, wenn ich nicht weiterweiß, oder?«, fragte Jo leicht gekränkt.
»Ja, aber ich kenn mich nicht gut aus, außer mit Brot und ein paar Kleinigkeiten. Du solltest Mutter um Erlaubnis fragen, bevor du irgendwas bestellst«, entgegnete Meg vernünftig.
»Natürlich werd ich das, ich bin doch nicht blöd«, sagte Jo, um nach dieser harschen Kritik an ihren Fähigkeiten grummelnd davonzustapfen.
»Kauft, was ihr wollt, und stört mich nicht. Ich esse heute auswärts und kann mich nicht kümmern«, sagte Mrs March, als Jo sie ansprach. »Hausarbeit hat mir noch nie Spaß gemacht, also werde ich mir heute frei nehmen, lesen und schreiben, ein paar Besuche machen und mich amüsieren.«
Der ungewohnte Anblick ihrer sonst so rührigen Mutter frühmorgens mit einem Buch im Schaukelstuhl gab Jo das Gefühl, einer Naturkatastrophe beizuwohnen – eine Sonnenfinsternis, ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch hätten sie kaum mehr verwundert.
»Irgendwie ist alles aus dem Lot«, sagte sie zu sich auf dem Weg nach unten. »Beth weint – das ist das untrügliche Zeichen, dass irgendwas in dieser Familie nicht stimmt. Wenn Amy sie geärgert hat, dann ist aber was los.«
Jo, die sich selbst nicht im Lot fühlte, eilte ins Wohnzimmer. Dort saß Beth und weinte um Pip, den Kanarienvogel, der tot in seinem Käfig lag, die kleinen Krallen herzzerreißend von sich gestreckt, als bitte er um das Futter, an dessen Mangel er eingegangen war.
»Das ist alles meine Schuld – ich hab ihn vergessen – er hat ja nicht mal mehr ein Körnchen in seinem Napf, und keinen Tropfen Wasser. Ach, Pip! Pip! Wie konnte ich nur so grausam zu dir sein?«, weinte Beth, nahm das arme Tier in beide Hände und versuchte es wieder zum Leben zu erwecken.
Jo schaute in sein halbgeöffnetes Auge, fühlte nach seinem kleinen Herz und stellte fest, dass er steif und kalt war. Sie schüttelte den Kopf und stellte ihre Dominoschachtel als Sarg zur Verfügung.
»Leg ihn doch in den Ofen, vielleicht wird ihm dann warm und er wacht wieder auf«, sagte Amy zuversichtlich.
»Er ist verhungert, und er wird nicht gebacken, jetzt, wo er tot ist. Ich nähe ihm ein Leichentuch und begrabe ihn im Garten – und ich will nie wieder einen Vogel haben, nie wieder, mein Pip! Ich bin ein viel zu schlechter Mensch«, murmelte Beth, die auf dem Fußboden saß und ihr Haustier in den Händen hielt.
»Die Beerdigung ist heute Nachmittag, und wir werden alle hingehen. Nicht weinen, Betty. Es ist ein großer Verlust, aber diese Woche läuft alles schief, und Pip war der Leidtragende bei diesem Experiment. Näh ihm das Tuch, leg ihn in meine Schachtel, und nach dem Essen halten wir ein nettes kleines Begräbnis ab«, sagte Jo. Allmählich hatte sie das Gefühl, heute schon sehr viel getan zu haben.
Sie überließ es den anderen, Beth zu trösten, und begab sich in die Küche, die in verheerendem Zustand war. Sie band sich eine große Schürze um, machte sich an die Arbeit und räumte das Geschirr zusammen, um abzuwaschen. Da stellte sie fest, dass das Feuer ausgegangen war.
»Das fängt ja gut an!«, murmelte Jo, riss die Ofentür auf und stocherte energisch in der Glut.
Nachdem sie das Feuer geschürt hatte, beschloss sie, solange auf den Markt zu gehen, bis das Wasser kochte. Der kleine Marsch weckte ihre Lebensgeister. Und nachdem sie einen sehr jungen Hummer, sehr alten Spargel und zwei Körbchen saure Erdbeeren erstanden hatte, war sie der Meinung, ein paar echte Schnäppchen gemacht zu haben und nach Hause gehen zu können. Als die Küche endlich aufgeräumt war, wurden die Lebensmittel geliefert und der Herd war glühend heiß. Hannah hatte einen Teig zum Gehen dagelassen, Meg hatte ihn durchgeknetet und auf den Herd gestellt, um ihn ein zweites Mal gehen zu lassen – und dann vergessen. Sie saß mit Sallie Gardiner im Wohnzimmer, als plötzlich eine mehlige, rußige, rotgesichtige und derangierte Gestalt in der Tür auftauchte und mit scharfer Stimme fragte:
»Sag mal, wenn das Brot aus der Form quillt, ist es doch lange genug gegangen, oder?«
Sallie fing an zu lachen, Meg aber nickte und zog die Augenbrauen so hoch wie nur möglich, worauf der Geist verpuffte und den Sauerteig selbst in den Ofen schob. Mrs March verließ das Haus, nachdem sie hier und da nach dem Stand der Dinge geschaut hatte und um Beth ein wenig zu trösten, die dasaß und ein Leichentuch nähte, während der liebe Verstorbene in seiner Dominoschachtel aufgebahrt lag. Die Mädchen überkam ein seltsames Gefühl der Hilflosigkeit, als die graue Haube um die Ecke verschwand, und es packte sie die Verzweiflung, als kurz darauf Miss Crocker eintraf und erklärte, sie sei zum Essen gekommen. Diese Dame war eine magere gelbgesichtige Junggesellin mit einer spitzen Nase und neugierigen Augen. Sie sah alles und tratschte über alles, was sie sah. Die Mädchen mochten sie nicht, hatten aber beigebracht bekommen, nett zu ihr zu sein, schließlich war sie alt und arm und hatte kaum Freunde. Also bot Meg ihr den bequemen Sessel an und versuchte sie zu unterhalten, während Miss Crocker Fragen stellte, herumnörgelte und von gemeinsamen Bekannten erzählte.
Es gibt keine Worte für die Qualen, die Jo an diesem Vormittag durchlebte – und die Mahlzeit, die sie servierte, sollte zu einer Lachnummer werden. Da es ihr unangenehm war, weiter um Rat zu fragen, gab sie einfach ihr Bestes und erkannte, dass es etwas mehr als Tatkraft und guten Willen erforderte, um eine gute Köchin zu sein. Sie kochte den Spargel gut eine Stunde und stellte dann bekümmert fest, dass die Köpfe verkocht und die Stangen härter waren als zuvor. Das Brot verbrannte im Ofen, denn die Salatsoße hatte ihr so zu schaffen gemacht, dass sie alles andere vergessen hatte, bis sie zu der Überzeugung gelangt war, kein genießbares Dressing zubereiten zu können. Der Hummer war ihr ein hochrotes Rätsel, doch sie hämmerte und stocherte so lange auf ihm herum, bis sie ihn aus der Schale gelöst und die mageren Fleischstücke in einem Wäldchen aus Salatblättern versteckt hatte. Die Kartoffeln mussten schnell gehen, um den Spargel nicht warten zu lassen, und waren am Ende nicht durch. Der Pudding hatte Klumpen und die Erdbeeren, eine Mogelpackung, waren längst nicht so reif wie sie aussahen.
›Na ja, sollen sie eben Corned Beef und Brot mit Butter essen, wenn sie noch Hunger haben. Es ist aber wirklich frustrierend, den ganzen Vormittag für nichts und wieder nichts in der Küche zu stehen‹, dachte Jo, als sie mit halbstündiger Verspätung zum Essen läutete. Schweißgebadet, erschöpft und entmutigt stand sie da und musterte das festliche Mahl für Laurie, bei dem zu Hause immer alles vom Feinsten war, und für Miss Crocker, die mit ihren neugierigen Augen keinen Fehler übersehen und mit ihrem Plappermaul der halben Welt davon erzählen würde.
Die arme Jo hätte sich gerne unter den Tisch verkrochen, als eine Speise nach der anderen probiert und liegen gelassen wurde. Amy kicherte, Meg sah verzweifelt aus, Miss Crocker schürzte die Lippen und Laurie redete und lachte was das Zeug hielt, um die Peinlichkeit der Szenerie zu überspielen. Jos einzige Stärke war das Obst, denn sie hatte es gut gezuckert, und dazu gab es einen Krug mit Rahm. Ihre heißen Wangen kühlten ein wenig ab und sie atmete tief durch, während die hübschen gläsernen Schalen herumgingen und alle höflich auf die kleinen rosa Inseln in ihrem Sahnemeer blickten. Miss Crocker probierte als Erste, verzog das Gesicht und trank hastig einen Schluck Wasser. Jo, die auf Nachtisch verzichtet hatte, aus Angst, dass er nicht für alle reichen würde – denn nach dem Waschen waren kaum noch essbare Früchte übrig gewesen –, warf Laurie einen Blick zu, doch der aß tapfer vor sich hin, wobei er leicht geschürzte Lippen und den Blick fest auf seinen Teller gerichtet hatte. Amy, die gerne gut aß, schob sich einen gehäuften Löffel in den Mund, würgte, verbarg das Gesicht in ihrer Serviette und verließ eilends den Tisch.
»Oje, was ist denn?«, fragte Jo bebend.
»Salz statt Zucker, und die Sahne ist schlecht«, erwiderte Meg mit tragischer Geste.
Jo stieß ein Stöhnen aus, ließ sich auf ihren Stuhl plumpsen und erinnerte sich, wie sie eine der beiden Schachteln auf dem Küchentisch gegriffen hatte, um die Beeren zum Schluss noch mal schnell zu ›zuckern‹, und dass sie vergessen hatte, die Sahne in den Eisschrank zu stellen. Sie wurde knallrot und wäre fast in Tränen ausgebrochen, da begegnete sie Lauries Blick, der trotz seiner heldenhaften Anstrengungen natürlich ausgesprochen vergnügt wirkte – und auf einmal erkannte sie die komische Seite der Situation, und sie lachte, bis ihr die Tränen über die Wangen liefen. Alle anderen stimmten mit ein – sogar ›der alte Cracker‹, wie die alte Dame bei den Mädchen hieß. Das desaströse Essen endete heiter mit Brot und Butter, Oliven und Scherzen.
»Ich bin viel zu mitgenommen, um jetzt die Küche aufzuräumen, also lasst uns ernst werden und die Beerdigung abhalten«, sagte Jo beim Aufstehen, und Miss Crocker verabschiedete sich, da sie es kaum erwarten konnte, die Geschichte brühwarm weiterzuerzählen.
Sie wurden tatsächlich ernst, Beths wegen. Laurie hob im Wäldchen unter dem Farn ein Grab aus, der kleine Pip wurde hineingelegt, reichlich von seiner zartbesaiteten Herrin beweint und mit Moos bedeckt. Ein Kranz aus Veilchen und Vogelmiere wurde über dem Stein drapiert, auf dem die Grabinschrift stand, die Jo während des Kochens verfasst hatte:
Hier ruht Pip March
Entschlafen im Juni, dem siebten.
Todtraurig gedenken wir unsrem Geliebten.
Überwältigt von Kummer und Hummer zog sich Beth nach der Zeremonie in ihr Zimmer zurück, doch sie fand keine Ruhe, denn die Betten waren nicht gemacht – und beim Aufschütteln der Kissen und beim Ordnungschaffen merkte sie, dass ihrer Trauer abgeholfen wurde. Meg half Jo die Reste des Festmahls zu entsorgen, was den halben Nachmittag in Anspruch nahm und beide so entkräftete, dass sie sich auf Toastbrot und Tee zum Abendessen einigten.
Laurie fuhr mit Amy spazieren, was einen Akt der Nächstenliebe darstellte, denn die saure Sahne war Amy offenbar aufs Gemüt geschlagen. Mrs March kam nach Hause und fand ihre drei älteren Mädchen am helllichten Tage bei harter Arbeit. Ein Blick in die Speisekammer genügte, um eine Ahnung zu haben, wie erfolgreich dieser Teil des Experiments gewesen war.
Bevor die fleißigen Hausfrauen eine Ruhepause einlegen konnten, kündigten sich mehrere Besucherinnen an, und es wurde hektisch, da sich die Mädchen fein machen mussten. Danach mussten das Abendbrot und Besorgungen gemacht sowie das eine oder andere genäht werden – was aber erst in letzter Minute erledigt wurde. Als die Dämmerung fiel, das Gras feucht und die Luft ruhig wurde, versammelten sie sich auf der Veranda, auf der die Junirosen herrlich blühten. Alle setzten sich stöhnend und seufzend hin, erschöpft und bekümmert zugleich.
»Was war das für ein schrecklicher Tag!«, begann Jo, die sich wie immer als Erste zu Wort meldete.
»Er kam mir viel kürzer vor als sonst, aber schrecklich anstrengend«, sagte Meg.
»Es war überhaupt nicht wie zu Hause«, fügte Amy hinzu.
»Kann ja gar nicht, ohne Marmee und den kleinen Pip«, sagte Beth seufzend. Und mit Tränen in den Augen warf sie einen Blick auf den leeren Käfig über ihrem Kopf.
»Da kommt Mutter. Und wenn du willst, kannst du morgen einen neuen Vogel bekommen, Süße.«
Mrs March kam, nahm zwischen ihnen Platz und sah aus, als wäre auch ihr freier Tag nicht viel angenehmer verlaufen.
»Na, Mädchen, seid ihr zufrieden mit eurem Experiment, oder braucht ihr noch eine Woche?«, fragte sie. Beth schmiegte sich an sie, und die anderen drehten sich mit aufhellender Miene zu ihr wie Blumen zur Sonne.
»Ich nicht!«, rief Jo entschlossen.
»Ich auch nicht!«, wiederholten die anderen.
»Glaubt ihr also, dass es besser ist, ein paar Pflichten zu haben und ein bisschen auch für andere da zu sein?«
»Rumliegen und Unfug treiben zahlt sich nicht aus«, meinte Jo kopfschüttelnd. »Ich hab’s gründlich satt, und ich hab mir vorgenommen, sofort an irgendwas zu arbeiten.«
»Wie wär’s, wenn du lernen würdest, einfache Gerichte zu kochen? Das ist sehr nützlich, und kochen können sollte jede Frau«, sagte Mrs March und musste laut lachen, als sie an Jos Essen dachte, denn unterwegs war sie Miss Crocker begegnet und hatte alles von ihr erfahren.
»Mutter! Bist du deshalb weggegangen und hast alles liegen lassen, um zu sehen, wie wir zurechtkommen?«, rief Meg, die schon den ganzen Tag diesen Verdacht hegte.
»Ja, ich wollte euch klarmachen, dass unser aller Komfort davon abhängt, dass jeder seinen Beitrag leistet. Als Hannah und ich eure Arbeit gemacht haben, seid ihr einigermaßen zurechtgekommen, wobei ich nicht glaube, dass ihr sehr glücklich oder gut gelaunt wart. Also dachte ich mir als kleine Lektion, ich zeige euch mal, was passiert, wenn alle nur an sich denken. Habt ihr nicht gemerkt, dass alles viel angenehmer ist, wenn man sich gegenseitig hilft? Dass die Freizeit umso kostbarer ist, wenn man jeden Tag seine Aufgaben macht? Und dass man geduldig sein und Nachsicht üben muss, um für alle ein gemütliches Zuhause zu schaffen?«
»Doch, Mutter, das haben wir!«, riefen die Mädchen.
»Dann rate ich euch, eure kleinen Bürden wiederaufzunehmen, denn auch wenn sie uns manchmal schwer vorkommen, sind sie gut für uns und werden beim Tragen leichter. Arbeit ist gesund, und es gibt genug für alle. Sie bewahrt uns vor Langeweile und Unsinn, tut Körper und Seele gut und gibt uns ein viel größeres Gefühl von Macht und Unabhängigkeit als Geld oder Mode.«
»Wir werden fleißig sein wie die Bienen, und zwar mit Begeisterung. Du wirst sehen!«, sagte Jo. »Ich werde in den Ferien kochen lernen, und mein nächstes Essen wird ein voller Erfolg werden.«
Бесплатный фрагмент закончился.
