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Lothar Streblow

Robbi, der Heuler vom Wattenmeer

Saga Egmont

Robbi, der Heuler vom Wattenmeer

Copyright © 1986, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711807521

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus- und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Leben sein mag.“

Donald R. Griffin

„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen.

Vitus B. Dröscher

Robbis erster Tag

Es war eine stürmische Nacht, düster und wolkenverhangen. Ein steifer Nordwestwind peitschte Schaumkronen aus den Wogen, bevor sie an der Küste brachen, Stunden um Stunden. Nun lag Dämmerung über dem Watt, eine fahle Helligkeit. Der Sturm ließ nach, flaute mehr und mehr ab. Die Ebbe hatte eingesetzt, aber noch gab das Meer die Sandbänke nicht frei. Immer wieder rollten die Brecher dagegen, überrollten das kaum sichtbar gewordene Land. Und der Gischt schäumte in den Prielen.

Weiter draußen, im tieferen Wasser, glitt ein Seehundrudel durch die hochgehenden Wogen. Hin und wieder hob einer den runden dunklen Kopf aus der aufgewühlten See, um nach einer trockengefallenen Sandbank auszuspähen. Vor allem einer tat es mit Ungeduld. Es war ein Weibchen, ein trächtiges Weibchen. Es spürte, daß seine Zeit gekommen war: die Zeit der Geburt, und es brauchte die Sandbank, die Ruhe und die wärmende Sonne für ihr Junges.

Endlich zogen sich die Wasser zurück, leckten nur mehr spielerisch gegen die Prallhänge. Es war still geworden, der Sturm vorüber. Nasser Sand glitzerte im Morgenlicht.

Die Hündin kannte das Watt. Sie wußte, welche Sandbänke am längsten trocken lagen. Sie brauchte Zeit. Und sie wußte, daß ihre Zeit begrenzt war durch die wiederkehrende Flut. Dann mußte alles geschehen sein.

Mit kraftvollen Bewegungen ihrer Hinterflossen schwamm sie einen Priel aufwärts, durchglitt fast mühelos die starke Strömung des zurückflutenden Wassers. Der Druck machte ihr nichts aus. Sie war eine gewandte Schwimmerin. Dann robbte sie schwerfällig über den Sand und legte sich nieder, etwas abseits des Rudels, und wartete, wartete keuchend auf den Schmerz.

Als die ersten Strahlen der Morgensonne das Watt in ein gleißendes Licht tauchten, hatte sie es geschafft. Neben ihr lag ihr Junges: ein Männchen. Kopfüber war es in sein neues Leben gestürzt. Es quäkte leise an ihrem Bauch. Sie atmete schwer, durchbiß die Nabelschnur und leckte das Junge ab, immer wieder.

Es war ein gutes, zärtliches Gefühl. Das Kleine grunzte zufrieden.

Plötzlich spürte sie die weiche Schnauze des kleinen Seehundes gegen ihren Bauch stoßen. Er hatte Hunger. Behutsam wälzte sie sich auf die Seite. Instinktiv suchte er nach der mütterlichen Milchquelle. Und er fand sie, stupste immer wieder dagegen und fing gierig an zu trinken.

So begann Robbis erster Tag. Als er satt war, schlief er ein, die kleine Schnauze im Sand. Sein weißlichgraues Fell mit den dunklen Flecken war noch feucht. Doch die höher steigende Sonne leckte es allmählich trocken. Und sie wärmte ihn.

Robbis große runde Augen blickten erstaunt in die noch unbekannte Welt. Alles war neu für ihn: der Sand und die Sonne und die flatternden Schatten der kreischenden Möwen und Seeschwalben über ihm. Nur der mächtige dunkle Leib seiner Mutter versprach Geborgenheit. Robbi kroch näher heran. Und er spürte die zärtlich streichelnde Berührung ihrer Vorderflosse in seinem kleinen Nacken.

Von See her kam Wind auf. Eine sanfte warme Junibrise wehte winzige Sandkörner vor sich her. Das interessierte Robbi. Er hob seine feuchte dunkle Nase in den Wind. Und der warme Wind verfing sich in seinem Fell. Es war wie ein Streicheln. Wohlig wälzte er sich ein wenig zur Seite und kratzte sich mit seiner zierlichen Vorderflosse am Bauch.

Eine Weile lag er so und genoß die wärmenden Strahlen der Sonne und das Streicheln des Windes. Dann verspürte er ein seltsames Gefühl im Magen: Er hatte schon wieder Hunger. Doch jetzt brauchte er nicht mehr lange zu suchen. Er stupste energisch seine dösende Mutter, die ihm bereitwillig ihren Bauch zukehrte. Und Robbi trank in vollen Zügen.

Die ungewohnte Anstrengung machte ihn müde. Endlich hatte er genug getrunken. Er ließ den kleinen Kopf in den Sand sinken und schloß schläfrig seine Augen.

Als Robbi das nächste Mal erwachte, trieben bauschige Wolken am Himmel und verdeckten die Sonne. Er vermißte ihre wärmenden Strahlen. Noch etwas träge vom Schlaf robbte er langsam um seine Mutter herum und verbarg sich behaglich im Windschatten ihres Körpers.

Ein Stück entfernt lagen die anderen Seehunde des Rudels auf der Sandbank und dösten geruhsam vor sich hin. Nur einer hob ab und zu seinen Kopf wachsam gegen den Wind. Aber zwischen den Großen bewegte sich etwas, etwas viel Kleineres, bewegte sich auf Robbi zu. Und es bewegte sich sehr schnell. Er stutzte. Da Seehunde außerhalb des Wassers ziemlich kurzsichtig sind, konnte er es nicht erkennen. Und er hatte so ein Tier ja noch nie gesehen. Robbi erschrak.

Aber dann siegte seine Neugier. Aufmerksam hob er ein wenig den Kopf. Das seltsame Tier lief auf flinken Beinen. Und es lief seitwärts, kam dabei immer näher. Plötzlich bog es ab und flitzte haarscharf an Robbis Nase vorbei.

Erstaunt blickte Robbi dem sonderbaren Tier nach, bis es hinter einer Unebenheit der Sandbank verschwunden war. Robbi hatte seine erste Strandkrabbe gesehen.

Als sein kleiner Magen wieder knurrte, begann Robbi zu trinken. Das kannte er jetzt schon. Die fette Milch schmeckte ihm, und er trank sehr viel. Es war, als wisse er, daß ihm nur noch wenig Zeit dazu blieb.

Robbi und das Meer

Die Flut kam, langsam, aber unaufhaltsam. Erst waren es nur winzig kleine Rinnsale, die in den Prielen strandwärts trieben, das weitverzweigte Adernetz mählich mit Wasser füllten. Dann begann es zu strömen, immer breiter werdend. Noch lagen die Sandbänke trocken. Aber das Wasser stieg weiter. Da und dort leckte es schon über die sandigen Ränder.

Robbi sah auf. Ein leises Erschrecken spiegelte sich in seinen großen Augen. Das war wieder etwas Neues, Unbekanntes. Und es drang auf ihn ein. Einzelne flache Wellen näßten sein Fell. Es wurde kühl an seinem kleinen Bauch. Unbeholfen platschte Robbi mit seinen winzigen Vorderflossen. Wasser spritzte ihm ins Gesicht und perlte von seinem Schnurrbart.

Beunruhigt blickte er zu seiner Mutter hinüber. Aber sie rührte sich nicht, sah ihn nur aufmerksam an, während die Wellen um ihren massigen Körper schwappten. Sie schien das alles nicht zu stören. Robbi beruhigte sich wieder.

Doch dann wurde es ihm unheimlich. Plötzlich spürte er keinen Sand mehr unter seinem Bauch. Sein kleiner Körper sank hilflos ab. Luftblasen stiegen gurgelnd auf. Und eine Welle klatschte über seinen Kopf.

Als er auftauchte, stieß seine Mutter ihn mit der Flosse erneut unter Wasser. Er kam hoch, schnappte verzweifelt nach Luft, versuchte sein Köpfchen über Wasser zu halten und ruderte instinktiv mit den Flossen. Und wieder bekam er einen leichten Flossenschlag, der ihn unter Wasser drückte – immer wieder. Robbi bekam panische Angst. Doch jedesmal unterstützte ihn seine Mutter rechtzeitig, damit er genug Luft holen konnte. So lernte Robbi schwimmen, auf eine etwas rabiate Weise. Doch das war notwendig, denn es mußte ja schnell gehen, damit er in der auflaufenden Flut nicht ertrank.

Und es gelang. Robbi schwamm. Zwar noch unbeholfen, aber er schwamm: zum ersten Mal in seinem Leben, schwamm auf den sanft schaukelnden Wellen. Es war ein seltsames Gefühl, und noch machte es ihm keinen Spaß.

Jetzt war auch seine Mutter dicht bei ihm, glitt neben ihm vorbei in das tiefere Wasser des Priels und schob sich unter seinen kleinen Körper. Und Robbi folgte ihr, ganz nah über ihrem Rücken und klammerte sich mit seinen winzigen Vorderflossen an ihr fest. So fühlte er sich sicherer. Und auch die anderen Seehunde kamen. Das Rudel blieb zusammen und schwamm gemeinsam der Flut entgegen.

Robbi beobachtete sie. Und er sah, wie ihre runden, dunklen Köpfe plötzlich im Wasser verschwanden und an anderer Stelle wieder auftauchten, nun ein zappelndes Etwas zwischen den Zähnen haltend. Nach der langen Ruhepause im Watt gingen die Seehunde auf Jagd nach Fisch.

Nur Robbis Mutter jagte nicht. Sie wachte über ihr Junges, ließ es keinen Moment aus den Augen. Erst wenn es etwas selbständiger geworden war, würde sie es für kurze Jagdausflüge allein lassen. So lange lebte sie von ihrer Speckschicht. Doch das alles wußte Robbi noch nicht.

Inzwischen war die Sonne hinter den Wolkenbänken hervorgekommen. Das Wasser schimmerte hell über dem sandigen Meeresboden. Robbi wurde neugierig. Er sah nach unten, spürte, wie die Wellen über seinem Kopf zusammenschlugen. Und er bemerkte, daß er unter Wasser viel besser sehen konnte als draußen. Schatten glitten unter ihm hinweg und seltsame Tiere. Er hätte gern damit gespielt, aber noch traute er sich nicht. Alles war so fremd. Und er brauchte die Nähe seiner Mutter.

Plötzlich verfing sich etwas in seinem Bart, klebte ihm an der kleinen Schnauze. Robbi erschrak. Aber es war nur ein abgerissenes Stückchen Blasentang. Und die nächste Welle bereits spülte es weg. Seine Schnauze kam frei. Er hatte wieder eine neue Erfahrung gemacht.

Robbi lernte noch eine ganze Menge an diesem ersten Tag. Er lernte, daß es große Wellen gab und kleine, daß man nur außerhalb des Wassers Luft holen konnte und daß man sehr vielen verschiedenartigen Dingen im Meer begegnete: lebendigen, die ihm auswichen, und anderen, denen man ausweichen mußte.

Diese Erfahrung war ein wenig schmerzhaft. Als Robbi wieder einmal einen Wellenkamm durchteilte, stieß er mit dem Kopf gegen etwas längliches Durchsichtiges. Das war sehr hart. Und es tat weh über seinem rechten Auge. Es war eine treibende Glasflasche. Und sie trieb achtlos weiter. Robbi sah ihr nach; dieses Ding mochte er gar nicht.

Stunden schon schwamm Robbi, festgeklammert auf dem Rücken seiner Mutter, durch die endlosen Weiten des Meeres. Ein paarmal rutschte er von ihrem naßglatten Fell ab, wenn er sich gegen den Druck einer größeren Welle nicht halten konnte. Dann mußte er selber schwimmen, zappelnd und noch ein wenig ängstlich. Doch seine Mutter hielt sofort an, wandte ihm ihren Kopf zu. Tröstend und zärtlich rieb sie ihre Nase an der seinen und ließ ihn dann wieder aufreiten. Erst wenn er Halt gefunden hatte, schwamm sie weiter.

Allmählich spürte Robbi ein beunruhigendes Gefühl in seinem Bauch. Sein Magen knurrte vor Hunger. Und er wollte trinken. Aber er sah keine Möglichkeit, an seine mütterliche Milchquelle zu kommen. Überall war nur Wasser, wellenbewegtes, endloses Wasser. Und darüber gleitende Wolken vor einem blaßblauen Himmel. Nirgendwo zeigte sich Land, nirgendwo eine trockene Sandbank für eine nahrhafte Rast.

Robbi mußte schwimmen, mit knurrendem Magen, immer weiter schwimmen. Und er wurde müde.

Ein unheimliches Geräusch

Als die Sonne sich dem fernen Horizont zuneigte, strömten die Wasser langsam seewärts. Zwischen den kräuselnden Wellen erhoben sich vereinzelt schmale Sandstreifen.

Robbis Mutter war die erste ihres Rudels, die sich auf dem naß schimmernden Sand niederließ und seitwärts rollte. Neben ihr lag Robbi. Ungestüm stieß er sie mit seiner weichen Schnauze vor den Bauch. Und er trank, bis sein Bäuchlein sich rundete und ein Bart aus Milchschaum auf seinen Lippen klebte. Dann fiel er erschöpft in einen tiefen Schlaf.

Auch seine Mutter spürte die Müdigkeit. Noch hatte sie die Anstrengung der Geburt nicht ganz überwunden. Sie genoß die letzten wärmenden Strahlen der Abendsonne, und sie sehnte sich nach der Ruhe der Nacht, in der nichts Fremdes die Stille des Watts störte.

Plötzlich horchte sie auf. In der Ferne erklang ein eigenartiges Geräusch: das langsam sich nähernde Dröhnen eines Motors. Dieses Geräusch kannte sie. Ein verspätetes Sportboot kehrte zurück, suchte seinen Weg durch die Priele. Es bedeutete Gefahr, Gefahr auch für ihr Junges, das arglos neben ihr schlief und noch nichts von der Bedrohung ahnte. Aufmerksam sicherte sie nach allen Seiten. Falls das Boot noch näher kam, blieb nur die Flucht in den rettenden Priel. Und es mußte sehr schnell gehen.

Ringsum hoben die Seehunde wachsam ihre runden Köpfe. Einige robbten schon dichter an den Prallhang, um sofort abtauchen zu können. Unruhe erfaßte das Rudel. Aber noch verharrte es in vorsichtiger Gespanntheit. Dann ließ Harrso, ein altes erfahrenes Männchen, den Kopf sinken. Das Motorengeräusch entfernte sich. Die Gefahr war vorüber.

Aufatmend legte Robbis Mutter sich nieder. Das Junge durfte weiterschlafen, mußte nicht gewaltsam geweckt werden, seine noch schwachen Kräfte durch die Flucht verbrauchen. Es brauchte die Ruhe auf der nur für wenige Stunden trockengefallenen Sandbank. Und es brauchte den Schlaf.

Endlich versank die Sonne hinter dem Horizont. Dämmerung fiel über das Watt, wich allmählich dem Dunkel der Nacht. Robbi schlief noch immer. Und er schlief, bis der Mond das Watt in seinen blassen Schein tauchte.

Es war der Hunger, der Robbi weckte. Neugierig blickte er sich um. Alles sah anders aus. Am nachtschwarzen Himmel funkelte das kalte Licht der Sterne, und die mageren Strahlen des bleichen Mondes wärmten nicht. Robbi suchte die schützende Nähe seiner Mutter. Und er trank, bis er vor Müdigkeit einschlief.

Doch lange blieb ihm nicht mehr für seinen Verdauungsschlaf. Die Flut kehrte zurück, trat unaufhaltsam über die Ränder der Priele und glitt die Sandbänke hinauf. Das steigende Wasser näßte Robbis Bauch; sein hell schimmerndes Haar färbte sich dunkel. Er spürte die Kühle der Wellen. Und er blickte auf seine Mutter, die ihn aufmerksam beobachtete.

Sie wartete, bis er seine winzigen Flossen bewegte und zu schwimmen begann. Und sie folgte ihm und überwachte jede seiner Bewegungen. Robbi schwamm hinaus in das weite nächtliche Meer. Er hatte schnell gelernt. Die umsorgende Nähe seiner Mutter machte ihn sicher. Und die See war friedlich, hob und senkte sich nur in einer schwachen Dünung.

Allmählich verblaßten die Sterne. Der Horizont bekam ein orangenes Fell. Morgenröte überflutete das Meer, tauchte die flachen, langrollenden Wogen in ein unwirkliches Licht.

Robbis zweiter Tag begann.

Lehrzeit

Tage und Nächte vergingen im ewigen Wechsel von Ebbe und Flut. Robbi war gewachsen, größer und schwerer geworden. Aber noch war er ein Baby, blieb auf seine Mutter angewiesen. Und das würde er auch noch eine Weile bleiben.

Doch er war schon ein wenig selbständiger. Das Schwimmen machte ihm Spaß, auch bei Nacht, unter dem fernen Glitzern der Sterne. Pfeilschnell schoß er dann durch die dunklen Fluten, dicht bei seiner Mutter.

Wenn eine Welle ihn abtrieb und er für Augenblicke den Kontakt zu ihr verlor, heulte er kläglich auf. Einsamkeit konnte er nicht ertragen. Erst wenn seine Mutter herbeischwamm und ihm einen tröstenden Nasenkuß gab, fühlte er sich beruhigt.

Dafür war er auf der trockenen Sandbank um so neugieriger. Hier konnte er seine Mutter nicht verlieren. Auf jedes unbekannte Wesen robbte er vertrauensvoll zu, um damit zu spielen.

Inzwischen wußte er, daß die Strandkrabben viel schneller waren als er. Trotzdem mußte er es immer wieder versuchen. Aber es gab ja noch mehr seltsame Tiere im Watt: Muscheln und Einsiedlerkrebse, die mit ihrem Hinterleib im Gehäuse einer Wellhornschnecke steckten. Die waren längst nicht so schnell. Und in den angespülten Tanghaufen trieben sich Sandhüpfer und Strandflöhe herum und verfingen sich mitunter in seinen Barthaaren.

Robbi stutzte und robbte weiter. Ein heller Schlangenstern, der mit seinen fünf Armen in einer flachen Wasserpfütze langsam dahinkroch, interessierte ihn. Den mußte er genauer betrachten. Vorsichtig stieß er ihn mit seiner kleinen Nase an. Seine Mutter ließ ihn gewähren.

Aber nicht alle Tiere waren für den kleinen Robbi so harmlos. Bei Ebbe kamen auch allerlei Vögel, um mit ihren spitzen Schnäbeln im Watt nach Nahrung zu stochern: Austernfischer und Säbelschnäbler, Lachmöwen und Strandläufer. Gegen die hatte Robbis Mutter nichts einzuwenden. Wenn er sich aber den großen Silbermöwen nähern wollte, hielt sie ihn mit ihrer Vorderflosse energisch zurück. Diese riesigen Vögel waren kein Spielzeug für kleine Seehunde.

Nicht immer aber fiel das Watt trocken, bei bewegter See oft tagelang nicht. Und wenn kurz nach Neu- und Vollmond die Springtiden kamen und ein Windstau vor der Küste das Hochwasser nicht ablaufen ließ, blieben auch die großen Sandbänke überflutet. Dann gab es keine Ruhepausen in der wärmenden Sonne. Auch das mußte Robbi lernen. Zwar konnte er sich, wenn er müde war, mit seinen kleinen Flossen auf dem Rücken der Mutter festklammern, doch auch sie mußte irgendwann einmal schlafen. Das ging, wie Robbi bald merkte, auch im Wasser. Seine Mutter legte sich dann waagerecht flach zur Wasseroberfläche und hob zum Atmen nur ab und zu die Nase. Und das tat Robbi dann auch. Hauptsache, seine Mutter war bei ihm.

Erst später lernte er, daß man auch senkrecht im Wasser oder auf dem Meeresgrund schlafen konnte. Das Atmen an der Oberfläche ging dann ganz automatisch vor sich. Eigentlich war es nicht viel anders als beim Tauchen. Und das konnte Robbi schließlich.

Tauchen hatte ihm schon am ersten Tag Spaß gemacht. Nur hatte er sich da noch nicht so recht getraut. Inzwischen spürte er keine Angst mehr vor dem tiefen Meer. Er wußte, daß seine Mutter ihm überallhin folgte und ihn auch unter Wasser nicht aus den Augen ließ. Das war ein beruhigendes Gefühl.

Verspielt jagte er hinter den silbrig schimmernden Fischen her, die eiligst vor ihm davonstoben. Das hatte er seiner Mutter abgesehen, wenn sie ihre Nahrung im Meer suchte. Aber Robbi spielte nur. Er folgte dem Urtrieb, spielend das Überleben zu lernen. Noch hatte er keinen Appetit auf Fisch. Robbi war ja noch ein Säugling.

Und auch darin hatte Robbi etwas dazugelernt. Das Milchtrinken gelang auch unter Wasser. Seine kleine Zun ge war so geformt, daß er damit die Milchquelle seiner Mutter fest genug umschließen konnte, ohne dabei Wasser zu schlucken. Er brauchte also nicht zu hungern, wenn es nirgendwo eine trockene Sandbank gab.

Das fand Robbi tröstlich, trotzdem zog er seine Mahlzeiten auf der Sandbank vor. Er döste danach gern in der warmen Sonne, ließ sie sich genießerisch auf den Pelz brennen. Und Sonne gab es nur auf dem Sand.

Die Welt des kleinen Robbi schien in Ordnung. Aber noch wußte er ja nicht viel von der Welt, hatte noch keine bösen Erfahrungen gemacht.

Wasserspiele

Es war ein schöner, klarer Sommertag. Strahlend stand die Sonne hoch am Himmel. Robbi lag dösend auf der Sandbank. Eine leichte Brise wehte von See her gegen die Strände und verfing sich spielerisch in seinem trockenen Pelz. Das mochte er, dieses sanfte Streicheln. Wohlig wälzte Robbi sich auf den Rücken und kratzte sich mit seiner kleinen Vorderflosse den Sand vom Bauch. Er fühlte sich schläfrig. Und er schlief ein.

Als Robbi erwachte, schien ihm die Sonne direkt ins Gesicht. Und eine Strandfliege krabbelte ihm kitzelnd auf der Nase. Noch etwas dösig rollte er sich auf die Seite und blickte sich um – und erschrak. Seine Mutter lag nicht mehr neben ihm. Er war allein.

Verwirrt suchte er die Sandbank ab. Aber da lagen nur die anderen Seehunde des Rudels, ziemlich weit entfernt. Einige schwammen in dem nahen, tiefen Priel, der auch bei Ebbe Wasser führte. Es war ihnen wohl zu heiß geworden, und sie suchten Abkühlung. Und dann entdeckte er auch seine Mutter unter ihnen. Sie hatte die Zeit, in der er schlief, genutzt, um sich eine kleine Zwischenmahlzeit zu erjagen.

Robbi beruhigte sich wieder. Sicher würde sie gleich zurückkommen. Ab und zu sah er ihren runden Kopf auftauchen, doch sie kam nicht. Nach einiger Zeit wurde es Robbi zu langweilig. Die Wasserspiele der anderen Seehunde reizten ihn. Das mußte er auch mal probieren.

Vorsichtig robbte er auf den Prallhang zu, zögerte einen Moment und ließ sich dann kopfüber ins Wasser plumpsen. Er blieb einige Sekunden unter Wasser. Es war ganz hell hier unten am Grund des sonnendurchfluteten Priels. Alles hob sich ganz deutlich vom Boden ab. Neugierig stupste er mit der Nase gegen die Schale einer leeren Miesmuschel. Die Muschelschale trieb ein Stückchen weiter und scheuchte eine kleine Garnele auf, die fluchtartig davonflitzte. Verspielt jagte Robbi hinter ihr her. Das machte ihm Spaß. Dann entdeckte er einen Seestern, der gemächlich über den sandigen Grund zog. Doch den stupste Robbi nicht. Dieses fünfarmige Ding war ihm zu groß.

Zwischendurch tauchte er auf, um Luft zu holen. Dabei reckte er seinen Oberkörper weit aus dem Wasser. Er wollte sehen, wo seine Mutter steckte. Und er sah, wie ihr runder dunkler Kopf die Fluten teilend auf ihn zusteuerte. Sie hatte ihn entdeckt. Bald würde sie bei ihm sein.

Robbi schwamm ihr entgegen: unter Wasser. Das war viel interessanter. Seine Mutter würde ihn auch hier unten sehen, sogar viel besser. Und auch er sah mehr. Ganz dicht schwamm er über eine wie leblos daliegende Strandkrabbe hinweg. Sie blieb liegen, rührte sich nicht vom Fleck, war wohl schon tot angetrieben worden. Doch das konnte Robbi nicht wissen.

Plötzlich hob sich ein großes flaches Tier aus dem Sand, wedelte heftig mit den Flossen und stob davon. Zurück blieb eine aufgewirbelte Sandwolke.

Robbi stutzte verblüfft. Er hatte keine Ahnung, daß er mit seinen am Grund langstreifenden Barthaaren einen im Sand vergrabenen Plattfisch aufgescheucht hatte. Er fand das nur alles ziemlich aufregend. Mit einemmal sah er dicht vor sich im Wasser seine Mutter, die den zappelnden Plattfisch zwischen den Zähnen trug. Unbewußt hatte Robbi ihr eine fette Beute zugetrieben.

Die Mutter gab Robbi einen kurzen Nasenstüber und tauchte auf, um den großen Fisch an der Oberfläche hinunterzuschlucken. Unmißverständlich scheuchte sie Robbi zurück auf die Sandbank. Solche selbständigen Ausflüge schienen ihr wohl noch nicht angebracht; dazu war Robbi noch zu klein. Außerdem brauchte er die Sonne. Und Robbi war brav und fügte sich, denn er war froh, seine Mutter endlich wieder bei sich zu haben.

Gefährliche Gesellschaft

In den folgenden Tagen ließ die Mutter Robbi immer öfter allein auf der Sandbank, allerdings nur für kurze Zeit. Er wußte ja, was er durfte und was nicht. Er sollte sich ausruhen und sonnen, weil Sonnenbäder sehr wichtig waren für seine Gesundheit.

Eigentlich hatte Robbi auch nichts dagegen. Jagen brauchte er ja noch nicht. Und seine Milchquelle kam immer pünktlich zu ihm. So konnte er sich Faulheit leisten. Nur zu lange durfte es nicht dauern.

An diesem Tag aber dauerte es lange, für Robbi viel zu lange. Die Sonne schien warm, und der laue Wind wehte ihm kleine Sandkörnchen ins Gesicht. Nur fern über der See stand eine dicke schwarze Wolkenwand. Die Köpfe der Seehunde im Priel waren weit fort. Und sie entfernten sich immer weiter. Auch die anderen Seehunde waren nicht zu sehen, keiner lag mehr auf der Sandbank.

Das beunruhigte Robbi. So was war noch nie passiert. Alleinsein mochte er gar nicht. Einsamkeit war überhaupt das Schlimmste für einen kleinen Seehund. Und Robbi war ja noch ein Baby. Traurig blickten seine großen Augen über den leeren Sand, wo nur ein paar aufgeregte Möwen kreischten.

Robbi wußte noch nicht, daß ihre schrillen Schreie ein Warnsignal bedeuteten. Ein Klagelaut drang aus seiner Kehle. Dann heulte er, daß es weithin übers Watt schallte. Und er hörte nicht auf mit Heulen. Doch seine Mutter kam nicht zurück.

Dafür kam etwas anderes: etwas, das Robbi noch nie gesehen hatte. Von weitem sah das Ding aus wie ein großer weißer Vogel. Und es flatterte auch ein wenig, nur sehr sonderbar. Es kam immer näher, kam den Priel heraufgeschwommen und stieß knirschend gegen die Sandbank, auf der Robbi lag. Er wunderte sich. Es war wohl doch kein Vogel.

Plötzlich ließ das seltsame Ding knatternd seinen großen weißen Flügel fallen. Nun lag es ganz nackt da. Etwas Hartes scheuerte über den nassen Sand. Fremdartige, langbeinige Gestalten sprangen heraus, bewegten sich langsam auf Robbi zu, blieben dann aber stehen. Und Robbi hörte Stimmen, fremde, sehr eigenartige Stimmen, die er nicht verstand.

„Es ist ein Heuler“, sagte eine tiefe Stimme. „Ein echter Heuler. Sonst läge er nicht so allein auf der Sandbank.“

„Das habe ich schon von weitem gehört“, erwiderte eine forsche Knabenstimme. „Aber ihr wolltet mir ja erst nicht glauben.“

„Stimmt“, sagte die tiefe Stimme wieder. „Ich habe das anfangs für einen Witz gehalten.“

„Das ist aber ein niedlicher Witz“, mischte sich jetzt eine helle, freundliche Stimme ein. „Ganz entzückend! Die großen Augen! Und der Mund sieht aus, als ob er lachte. Ein süßes Tierchen. So richtig zum Liebhaben.“

„Und solche süßen Tierchen hat man hier noch vor kurzer Zeit abgeschossen!“ sagte die forsche Knabenstim me.

„Werdet nicht sentimental“, brummte der Mann mit der tiefen Stimme. „Laßt uns lieber überlegen, was wir jetzt machen.“

„Mitnehmen natürlich!“ forderte die forsche Stimme. „Heuler soll man in der Seehundstation abliefern.“

„Das sagst du so leicht“, knurrte der Mann ärgerlich. „Diese süßen Tierchen haben ein ziemlich scharfes Gebiß. Damit können sie schon recht kräftig zuschnappen. Und ich habe keine Lust, mich beißen zu lassen.“

„Dann hätten wir gar nicht erst herfahren sollen“, wandte die Frau mit der hellen Stimme ein. „Ich habe euch doch auf der Karte deutlich gezeigt, daß wir hier im Seehundschutzgebiet sind.“

„Eben!“ sagte die forsche Knabenstimme heftig. „Ich wollte aber mal einen Seehund draußen im Meer sehen. Und unser Segelboot macht keinen Krach.“

„Außerdem hat er tatsächlich geheult“, bestätigte der Mann.

„Wahrscheinlich haben wir ihn durch unsere Herumkurverei im Schutzgebiet erst zum Heuler gemacht!“ sagte die Frau gar nicht mehr freundlich. „Sicher haben wir dadurch seine Mutter verscheucht. Und auch die anderen Seehunde. Einige haben wir ja von fern im Wasser gesehen. Nur der Kleine konnte noch nicht folgen. Aber ihr wolltet ja nicht auf mich hören.“

„Hmmm“, räusperte sich die forsche Knabenstimme ziemlich bedrückt. „Daran habe ich natürlich nicht gedacht. Und was nun?“

„Ich weiß nicht“, murmelte der Mann. „Viel Zeit haben wir ohnehin nicht mehr. Das Gewitter kommt immer näher. Und das möchte ich nicht auf See erleben.“

„Dann laß uns schnell heimfahren“, sagte die Knabenstimme ängstlich.

„Na gut“, erklärte die helle Frauenstimme. „Das scheint mir jetzt auch das beste zu sein. Auf jeden Fall aber müssen wir den Heulerfund melden; das Kleine muß gerettet werden. Ohne seine Mutter würde es hier draußen verhungern. Und wir wären schuld an seinem Tod.“

Aber die tiefe Stimme schnaubte wütend: „Das hätte mir gerade noch gefehlt! Damit wir noch im nachhinein eine Strafanzeige bekommen. Doch jetzt los ins Boot!“

Robbi sah, wie die fremdartig langbeinigen Gestalten in das seltsame Ding kletterten und mit dem großen weißen Flügel davonfuhren. Und er war sehr traurig. Er hätte gern ein wenig mit ihnen gespielt. Dann wäre er nicht mehr so einsam gewesen. Jetzt aber war er wieder allein auf der leeren Sandbank. Und er heulte seinen Kummer weit hinaus übers Meer.

Gewitter

Der Wind hatte aufgefrischt; kühl strich er um Robbis Flanken. Inzwischen waren die Möwen mit wüstem Geflatter zurückgekehrt und pickten hastig nach allerlei Gewürm. Sie trösteten Robbi nicht. Er heulte noch immer, ohne Unterlaß. Und er bemerkte nicht, wie der Himmel sich allmählich veränderte. Blauschwarze Wolken türmten sich zu finsteren Gebirgen und schoben sich mehr und mehr vor die Sonne. Es wurde dämmerig. Aus der Ferne tönte ein dumpfes Grollen.

Robbi hob vorsichtig den Kopf und schnupperte mit seiner kleinen Nase in den Wind, der ihm Sandfahnen ins Gesicht wehte. Aber sonst war da nichts. Nur eine große Strandkrabbe strebte eilig dem nahen Priel zu und verschwand darin. Robbi sah, daß das Wasser stieg und schon die Prallhänge netzte. Und das Wasser war unruhig. Die Wellen im Priel trugen winzige Schaumkronen. Bald würde die Flut kommen und das Watt überspülen. Und Robbi war noch immer allein.

Plötzlich zerriß ein langhallendes Dröhnen die Stille des Watts. Robbi sah sich erschrocken um und blickte seewärts. Gewitter kannte er noch nicht, diesen unheimlichen Lärm. Eine Böe peitschte ihm seinen Schnurrbart um die Wangen. Dann schlug etwas anderes auf ihn ein. Dicke Regentropfen trommelten auf sein Fell, zerplatzten auf seiner Nase und spritzten ihm in die Augen.

Aber es wurde noch schlimmer. Ein wahrer Wolkenbruch ergoß sich über seinen kleinen Körper, rann in aufschäumenden Rinnsalen über den Sand.

Wasser von oben war neu für Robbi. Sein Fell troff vor Nässe. Er fand Regen scheußlich, und er wäre gern ins Wasser geflüchtet. Doch er traute sich nicht. Ein unwirklich gelbliches Licht faserte durch die treibenden Wolkenfetzen, Blitze zuckten grell über die aufgewühlten Wasser des Priels und das im Regen bleigrau wogende Meer. Robbi duckte sich instinktiv auf die Sandbank. Der endlos rollende Donner machte ihm Angst. Robbi heulte laut auf. Und für Augenblicke übertönte sein Geheul die Gewalt des Unwetters.

Inzwischen war er völlig durchnäßt. Wie ein winziges, pitschnasses Häufchen Elend lag er flach im Sand, kaum sichtbar im strömenden Regen. Rings um ihn rauschte und gurgelte das Wasser, mischte sich schon mit überschlagenden Wellen. Und Robbi heulte verzweifelt in die tobenden Elemente.

Dann sah er durch die windgepeitschten Regenschleier etwas Dunkles auf den gischtsprühenden Wogen. Ein runder Kopf teilte die schäumenden Wasser, kam näher und näher. Dann robbte ein massiger Körper spritzend über die schon handbreit überflutete Sandbank direkt auf ihn zu.

Es war Robbis Mutter. Gewitter machten ihr nichts aus; das kannte sie. Liebevoll stupste sie ihr Kind vor die Nase, immer wieder. Robbi war glücklich, seine Mutter wieder bei sich zu haben. Jetzt hatte er keine Angst mehr. Wohlig genoß er das zärtliche Tätscheln ihrer Flossen.

Er hatte noch einmal Glück gehabt. Durch das Gewitter waren die fremden Eindringlinge rechtzeitig von der Sandbank verscheucht worden. Seine Mutter, die, wie alle erfahrenen Seehunde, Boote von Robbenfängern und Touristenboote genau unterscheiden konnte, hatte sich in der Nähe aufgehalten und sein Heulen gehört. Sie wußte also, daß er noch auf der Sandbank lag. Und sie hatte das Segelboot davonfahren und die Möwen zurückkehren sehen, die ihr und dem Seehundrudel durch ihr Warngeschrei vorhin die Gefahr längst signalisiert hatten. So hatte sie Robbi noch rechtzeitig erreichen können, bevor die auflaufende Flut ihn hilflos abgetrieben hätte.

Robbi hatte wirklich Glück gehabt, ein für Robbenbabys seltenes Glück. Unter den wachsamen Augen seiner Mutter schwamm er nun mit ihr der Flut entgegen.

Wirri und Senko

Nach dem Gewitter blieb das Wetter regnerisch. Selten nur brach die Sonne durch das tiefliegende Gewölk. Dann nutzte Robbi ihre schwachen Strahlen, um sich ein wenig aufzuwärmen. Meist aber lagen die Sandbänke bei Ebbe im Wolkenschatten, und der Wind strich kühl übers Watt. Doch das trübe Wetter machte ihm nicht viel aus.

Robbi war wohlgenährt, sein kleines Bäuchlein stattlich gerundet. Und er war wieder ein Stück gewachsen. Jetzt nahm seine Mutter ihn immer häufiger mit auf ihre Fischzüge. Mitunter trieb sie ihm einen Hering oder einen kleinen Plattfisch zu. Er sollte allmählich lernen, sich selbst seine Nahrung zu fangen.

Für Robbi aber war das nur ein aufregendes Spiel. Die vor seiner Nase herumwedelnden Fischschwänze reizten ihn. Pfeilschnell jagte er hinter ihnen her. Und manchmal schnappte er zu, biß auch mal ein Stückchen ab, spuckte es aber gleich wieder aus, um es mit der Nase vor sich herzustupsen. Nun konnte das Spielzeug nicht mehr ausreißen. Geschickt wirbelte er es hoch, schwamm ihm nach, schnappte es wieder und hielt es für Augenblicke zwischen seinen Zähnen. Aber noch schluckte er es nicht hinunter. Er war noch satt von der Milch seiner Mutter, und Fisch brauchte er noch nicht. Doch das Spiel machte ihm Spaß.

Seine Mutter war zufrieden. Wenn ihre Milch zu versiegen begann, würde Robbi sich allein ernähren müssen. Und bis dahin mußte er es können. Noch aber war Zeit: Zeit zum Spiel. Und Robbi war ein sehr verspieltes Robbenkind.

Allmählich lernte er beim Jagen im Meer auch die anderen Mitglieder des Rudels kennen; bei Ebbe lag er ja immer noch getrennt von ihnen bei der Mutter auf der Sandbank. Im Meer aber schlossen sich beide dem Rudel wieder an.

Vor allem hielt sich seine Mutter oft in der Nähe von Harrso auf. Er war der Älteste des Rudels, weit über dreißig Jahre alt und von mächtiger Gestalt. Sein Fell war bedeckt von zahllosen Narben: Bißwunden blutiger Rivalenkämpfe. Diese Narben hatten ihn vor dem Abschuß bewahrt. Trophäenjäger schätzten keine zernarbten Felle, sie bevorzugten die glatten Felle der Jungtiere.

Harrso hatte so seine Erfahrungen mit den Menschen gemacht. Und er besaß ein untrügliches Gespür für ziehende Fischschwärme. Wo Harrso jagte, gab es immer genügend Beute. So folgten die anderen stets dem erfahrenen Alten.

Robbi mochte den alten Harrso, auch wenn er immer respektvollen Abstand hielt. Mehr noch aber mochte er die kleine Wirri. Dieses zierliche Seehundmädchen war ein paar Tage nach ihm geboren worden, am anderen Ende der Sandbank, wo ihre Mutter sie bei Niedrigwasser säugte. Nur selten traf Robbi sie im Wasser an. Auch Wirri war noch ein Milchkind, sorgsam bewacht von ihrer Mutter. Manchmal aber begegneten sie sich. Auch Wirri jagte Fische nur zum Spaß. Das gefiel Robbi. Und er suchte ihre Nähe.

An diesem Tag war das Meer grau und glatt wie gegossenes Blei, nur ab und zu gekräuselt von einer trägen Welle. Robbi schwamm gerade in Kiellinie hinter seiner Mutter, da entdeckte er über der Wasseroberfläche Wirris kleinen runden Kopf mit den großen Augen. Auch sie blickte zu ihm hinüber, blieb aber brav bei ihrer Mutter.

Robbi tauchte kurz ab, um nach Fischen Ausschau zu halten. Da war auch schon einer, ein kleiner Hering. Spielerisch jagte Robbi Wirri den Hering zu, schnitt ihm geschickt den Fluchtweg ab und trieb ihn immer näher. Wirri ging auf das Spiel ein und jagte den Hering zurück zu ihm. So ging das eine ganze Weile; der Hering aber suchte verzweifelt nach einem Ausweg.

Plötzlich tauchte Senko zwischen ihnen auf. Er war etwas älter und größer als Robbi. Und Senko jagte den beiden ihren Fisch ab und schnappte zu. Schwanzlos trieb der Hering davon. Die beiden stutzten. Senko spuckte den Fischschwanz aus. Auch er hatte noch keinen Appetit auf Fisch.

Robbi suchte nach einem anderen Hering, während Wirri ihm unter Wasser folgte und lautlos an seine Seite glitt. Aber da war nichts, keine Bewegung. Die Fische waren geflüchtet. Robbi schnappte nach dem davontreibenden Heringsschwanz. Damit zu spielen machte nur halb so viel Spaß. Doch dann stupste Senko den schwanzlosen Hering mit der Nase vor sich her, den beiden entgegen. Sofort schwammen sie auf ihn los.

In diesem Augenblick wurden die drei jäh unterbrochen. Im Spieleifer waren sie zu weit hinter dem Rudel zurückgeblieben, kaum sichtbar noch in der bleigrauen See. Jetzt preschte Wirris Mutter heran und scheuchte ihre kleine Tochter, die sich folgsam Huckepack nehmen ließ. Dann verschwanden die beiden seewärts.

Robbi blieb mit Senko allein zurück. Aber nicht lange. Gemächlich folgten die zwei Seehundknaben dem Rudel. Das Spiel war zu Ende.

Blutige Spur

Das Leben aber besteht nicht nur aus Spiel, auch für kleine Seehunde nicht. Robbi sollte das sehr bald erfahren. Er war nun fast fünf Wochen alt. Und immer häufiger drang seine Mutter darauf, daß er selbständig jagen lernte.

Zwar machte Robbi das Jagen Spaß, und ab und zu erwischte er auch mal einen Fisch, aber er dachte gar nicht daran, ihn auch hinunterzuschlucken. Mitunter kaute er nur lustlos ein wenig darauf herum, spuckte das Fischstückchen aber gleich wieder ins Wasser. Er wollte nur seine Milch. Die schmeckte ihm besser.

An diesem Abend setzte die Flut mit der Dämmerung ein. Robbis Mutter jagte im Priel. Und sie trieb Robbi immer wieder Plattfische zu, die sie mit ihren Barthaaren vom Grund aufscheuchte. Das kannte Robbi schon. Nur hielt er auch heute noch nichts von einer Fischmahlzeit.

Aufmerksam beobachtete er seine Mutter, wie sie mit ihrem spindelförmigen Körper dicht über den sandigen Grund dahinglitt. Garnelen und Kleinfische stoben in überstürzter Flucht davon.

Mit einemmal sah er, daß seine Mutter schmerzlich zusammenzuckte. Unter ihr, halb verborgen im Sand, schimmerte der schartige Rand einer Konservenbüchse im Dämmerlicht. Und von einer klaffenden Wunde am Bauch zog sich eine blutige Spur durch das Wasser.

Robbi erschrak, spürte dumpf die Gefahr. Noch wußte er nicht, was das bedeutete. Er sah nur den Schmerz in den Augen seiner Mutter. Und er begriff, daß die Jagd zu Ende war. Seine Mutter schwamm den Priel hinab seewärts, dem offenen Meer zu. Er folgte ihr.

Sie schwamm sehr schnell, viel schneller, als Robbi es von ihr gewohnt war. Und sie jagte nicht, sondern schien vielmehr in gerader Linie ein bestimmtes Ziel anzusteuern. Robbi hatte Mühe, ihr zu folgen. Aber die Blutspur im Wasser zeigte deutlich den Weg. Seine Mutter verlor viel Blut.

Längst schon hatten sie das offene Meer erreicht. Die See wurde bewegter. Und noch immer hielt seine Mutter ihren Kurs. Plötzlich aber tauchte sie ab in Tiefen, wo Robbi noch nie gewesen war. Hier war der Grund dunkel. Lange Bänder von Seetang trieben in der Unterwasserströmung, wedelten ihm wie unheimliche Wesen um den Kopf.

Robbi zögerte kurz. Dann sah er, wie seine Mutter anhielt. Und sie tat etwas, das er noch nie gesehen hatte. Sie kaute die Tangblätter, kaute den ganzen Strang entlang. Dabei drehte sie sich langsam um sich selbst, wand sich die Tangschlingen um den Körper, immer wieder, bis die zerkauten Blätter ihre Bauchwunde dicht verschlossen. Endlich schwamm sie nach oben, um Luft zu holen.

Robbi blieb nahe bei ihr und tauchte mit ihr auf. Hier oben war es heller, hier herrschte ein trübes Dämmerlicht. Doch es war hell genug zu erkennen, daß die Blutung aufgehört hatte. Jetzt schwamm seine Mutter langsamer, mit äußerster Vorsicht, damit die Tangbänder sich nicht durch die Strömung lösten. Es dauerte lange, bis sie die Sandbank erreichten.

Nur wenige erhöhte Stellen lagen noch trocken. Die meisten Seehunde waren schon im Wasser und blickten ihnen aufmerksam entgegen. Dann folgten auch die anderen. Das Rudel wandte sich seewärts. Gemeinsam schwammen sie hinaus in die anbrandende Flut.

Robbi verspürte Hunger. Aber in dieser Nacht mußte er hungrig bleiben. Diesmal gab es keine Milch für ihn. Und das gefiel ihm gar nicht.

Robbis erste Garnele

Stunden später glimmte das erste Morgenlicht über den allmählich trockenfallenden Sandbänken. Schwerfällig robbte Robbis Mutter über den rauhen Sand. Sie war noch geschwächt vom Blutverlust. Und sie hatte Schmerzen. Durch die robbende Bewegung hatte sich der Tangverband teilweise gelöst und gab ein kleines Stück von ihrem Bauch frei.

Robbi suchte zwischen dem Blättergewirr seine Milchquelle und trank gierig. Aber er spürte, daß seine Mutter ihn nur widerwillig duldete. Kaum war Robbi fertig, stieß sie ihn mit der Nase ein wenig höher hinauf auf die Sandbank. Dann glitt sie in den Priel und hinaus ins Meer. Robbi wartete. Er mußte lange warten, seine kläglichen Rufe verhallten ungehört. Als seine Mutter wiederkam, trug sie einen neuen Verband.

So vergingen mehrmals Ebbe und Flut. Robbis Mutter erholte sich wieder, die Schnittwunde verheilte allmählich. Zurück blieb nur eine Narbe.

Robbi aber hatte begriffen, daß er seinen Hunger nicht immer an der mütterlichen Milchquelle stillen konnte. Ein paarmal schon war er gar nicht mehr richtig satt geworden. Und seine Mutter schien das zu wissen. Kaum begann die Flut ihre trockenen Felle auf der Sandbank zu netzen, scheuchte sie ihn ins Wasser und trieb ihm unermüdlich Fische zu. Und Robbi spielte mit.

Inzwischen wußte er, daß die Fische sofort abdrehten, wenn er ihnen den Weg verstellte. Dann wedelten sie ihm mit ihren Schwänzen vor der Nase herum. Und das reizte ihn. Verspielt schnappte er danach, und mitunter erwischte er auch mal einen. Doch viel konnte er damit noch nicht anfangen.

Immerhin versuchte er, einmal ein Stückchen Fischschwanz hinunterzuwürgen. Das Ding aber war ziemlich widerspenstig und blieb ihm auf halbem Wege im Hals stecken. Er war froh, als er es wieder draußen hatte.

Bei seiner Mutter dagegen klappte das ohne Schwierigkeiten. Nur verschluckte sie immer gleich ganze Fische. Sie packte sie zwar beim Schwanz, drehte sie dann aber im Maul herum, damit die Schuppen sich nicht gegen den Strich spreizten, und schluckte sie kopfüber hinunter. Diese komplizierte Technik aber beherrschte Robbi noch nicht.

Dafür machte er eines Abends eine Entdeckung. Es war schon dämmerig über dem Watt. Der Mond schien durch ein paar Zirruswolken auf das dunkle Wasser. Und eine dicke Ohrenqualle trieb mit ihren Mundfahnen wedelnd träge an Robbi vorbei. Jetzt wurden die Nachttiere des Watts munter.

Schon immer hatten Robbi die kleinen Garnelen gereizt, die auf ihren fünf Beinpaaren über den Grund der Priele stelzten, sich tagsüber aber im weichen Schlick eingruben. Bei Tag war so ein Kleinkrebs selten zu entdecken. Nachts aber gingen sie auf Jagd nach kleineren Artgenossen, nach Weichtieren und Würmern. Das hatte Robbi inzwischen herausgefunden. Und da bei Dunkelheit die Garnelen in großen Mengen die Priele bevölkerten, preschte er wie eine Rakete dazwischen und wirbelte sie durcheinander. Das machte ihm Spaß.

Auch an diesem Abend spielte Robbi wieder. Ganze Heerscharen von Garnelen trieb er durch die Priele. Diesmal jedoch blieb es nicht beim Spiel. Gerade hatte er wieder mal einige der zehnbeinigen Krabbeltiere aufgescheucht, da geriet ihm unversehens eine kleine Garnele zwischen die Zähne. Sie zappelte aufgeregt und wollte eiligst flüchten. Robbi schnappte zu – und hatte sie plötzlich verschluckt.

Er erkannte, daß Garnelen sich wesentlich leichter fangen ließen als Fische. Zum erstenmal hatte er jetzt etwas anderes im Magen als die Milch seiner Mutter.

Man konnte beim Spiel also auch seinen Hunger stillen. Das war für den kleinen Robbi eine sehr wichtige Entdeckung.

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9788711807521
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