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Lise Gast

Randi und Michael

SAGA Egmont

Randi und Michael

Copyright © 1982, 2018 Lise Gast und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711509944

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Randi sprang die Schultreppe hinunter, immer drei Stufen auf einmal. Sie hatte es erreicht, sie hatte frei bekommen, ihr atemloses Gestammel hatte genützt! Der Klassenlehrer war im Grunde doch ein netter Kerl, gottlob hatte sie Deutsch bei ihm, ihr Lieblingsfach, so daß er sie mochte. Und obwohl er erst den Kopf geschüttelt und gesagt hatte, eigentlich müßte er zum Rektor gehen und dort die Erlaubnis einholen, hatte er schließlich gesagt: „Na, da lauf halt!“

Zwei Stunden eher aus, das mußte reichen! Sie rannte in den Fahrradkeller und riß die alte Mühle aus dem Ständer. Natürlich reichte es! So weit war es nicht bis Taucha, vor allem, wenn man wie sie im Osten von Leipzig wohnte. In Taucha war heute Turnfest der Nikolaischule, das mußte sie miterleben! Eigentlich war die Nikolaischule „ihre“ Schule, drei Jahre war sie als einziges Mädchen ihrer Klasse dort gewesen; die Schule war ein Jungengymnasium und nahm Mädchen nur ausnahmsweise. Randis Vater hatte die Erlaubnis erwirkt, weil er unbedingt wollte, daß seine Tochter Latein lernte. Aber als es später in der Stadt eine Mädchenschule mit einem humanistischen Zweig gab, schulten Randis Eltern die Tochter um. Noch jetzt war ihr Kummer nicht verheilt, daß sie in den „blöden Gänsestall“ gesperrt worden war. Aber gegen die Ansicht der Eltern war nicht Sturm zu laufen. „Sie ist sowieso schon ein halber Junge“, hatte Mutter oft geseufzt, und Vater stimmte zu.

„Dort wird sie auch Freundinnen finden und nicht nur mit Jungen herumlaufen“, hatte Mutter hoffnungsvoll geäußert. Sie wollte nun einmal ein „richtiges Mädchen“ zur Tochter. Aber Randi fand keine Freundin, sie wünschte sich auch keine. Sie hatte Ralph, den zwei Jahre älteren Bruder, den sie liebte und bewunderte und mit dem sie sich herrlich verstand, aber damit Schluß. Allerdings hätte sie gern ein bestimmtes Mädchen als Freundin gehabt, eine Blonde mit Zöpfen, braungebrannt und mit Kleidern, wie sie sonst keine Schülerin hatte: weiter weißer Nesselrock und buntes, enganliegendes Mieder, dazu Sandalen an den nackten Füßen. Sie war stets umlagert von anderen, nein, da traute sich Randi nicht heran!

Randi radelte die Liebigstraße entlang, während ihr dies alles durch den Kopf huschte, halb unbewußt, denn heute tat es nicht weh. Heute war sie so froh, daß sie frei bekommen hatte und nach Taucha radeln konnte, dem größten Fest ihrer geliebten Schule entgegen, dem alljährlichen Turnfest. Ob Ralph eine Urkunde bekam? Sicherlich nicht, aber dabeisein würde er, ihr Bruder! Nicht jeder kann siegen, aber dabeisein ist alles — beim Weitsprung, beim Schlag-ball-Werfen, beim Hundertmeterlauf und schließlich beim Ringkampf, der die letzte Ausscheidung brachte. Voriges Jahr waren es die beiden Klassenbesten der Oberprima und der Unterprima gewesen, die gegeneinander antraten. Daß es das gab, daß Klassenbeste nicht mehr wie früher blasse, bebrillte Streber waren, sondern handfeste Jungen, das war doch schön! Überhaupt war es schön auf der Welt! Randi trat in die Pedale und legte noch an Tempo zu. Sie hatte sich gerade überlegt, daß sie doch noch schnell nach Hause fahren und sich umziehen könnte, ihr helles Kleid, und das Turnzeug einpacken. Vielleicht ergab sich die Gelegenheit, in Taucha mitzutun, es gingen ja auch ein paar Mädchen in die Nikolaischule. Mutter öffnete, in der Küchenschürze, sehr erstaunt. „Was willst denn du um diese Zeit?“ Randi überstürzte ihren Bericht. Aber Mutter hatte andere Sorgen. „Du, Randi, du könntest noch mal schnell zu Graupners laufen. Ich habe noch keine Milch geholt, und ich brauche geriebenen Käse.“

Das fehlte noch, zu Graupners! Dort mußte man um diese Zeit ewig warten zwischen all den Hausfrauen. Dazu war man nun mit aller List und Überredungskunst aus der Schule entkommen! Aber Mutters Wille war wie Gottes Wille. Randi stopfte Turnschuhe und Anzug in einen Beutel, warf ihn auf die Kommode und lief zur Küche, ein Einkaufsnetz und die Geldbörse holen. „Und vom Bäcker bringst du ein frisches Brot mit.“

Meine Kinder brauchen mal nicht zu Graupners zu gehen, wenn sie in Eile sind und was Wunderbares vorhaben, knirschte Randi und rannte die Treppe hinunter, um nicht noch mehr Aufträge aufgehalst zu bekommen. Meine Kinder wachsen hoffentlich nicht in einer Vorstadtstraße auf, sondern im Grünen, das war ihr Wunsch seit langem. Sie wollte hinaus, sie liebte Sonne und Bäume, Wiese und Bach. Deshalb freute sie sich ja so sehr, heute einmal weit hinausradeln zu können. Im Laden stand sie wie auf heißen Kohlen, trat von einem Bein aufs andere. Mußte es denn so lange dauern!

„Ich bin eilig, Frau Graupner“, sagte sie bittend, „ich muß zum Sportplatz. Mein Bruder hat heute Turnfest in Taucha.“

„Jaja. Eile mit Weile“, sagte die Verkäuferin, „wenn man vormittags schon zum Sport gehen kann, hat man’s gut. Unsereiner durfte nie“, Randi entfloh. Nun noch um die Ecke in den Bäckerladen. Das frische Brot roch herrlich, sie brach sich an dem aufgeplatzten Ende ein Stück ab und zerknirschte es im Laufen. Wenn Mutter nur nicht noch auf eine neue Idee kam … Nein. „Nun lauf, mein Mädchen, aber zurück kommst du mit Ralph, nicht allein, und nicht erst, wenn es dunkel wird“ … das mußte unbedingt noch kommen. Randi rief: „Jaja!“ und war schon aus der Haustür hinaus. Aufs Rad und los. Endlich!

Sie warf die Zöpfe über die Schultern nach hinten und faßte die Lenkstange mit einem Untergriff, als wäre sie ein Gegner. Vorwärts! Schnell war sie in Taucha. Der Sportplatz wimmelte von Jungen jeden Alters, man sah blonde und braune Schöpfe, kurzgeschorene Köpfe und solche mit wehenden Haaren, nackte Beine mit kurzen, bunten Hosen und hellhäutige Körper. Noch war es Frühsommer, richtig gebräunt konnte bisher keiner sein, der nicht in südlicher Sonne verreist gewesen war, und wer sollte das wohl können! Man ging „auf Fahrt“, schwamm in Teichen und in der Mulde, auch wenn es barbarisch kalt war, aber braun wurde man davon nicht. Trotzdem war es ein hübsches und lebendiges Bild, diese vielen jungen, sportbegeisterten Menschen. Randi lehnte ihr Fahrrad an den Pfosten des Fußballtors, den hinteren selbstverständlich, damit es nicht im Wege war. Wo fand sie Ralph in dem Gewimmel?

„Ralph Hansen? Du suchst doch sicher deinen Bruder.“ Sie wandte sich um, da stand Benno, einer aus Ralphs Klasse, der manchmal zu ihnen nach Hause kam, „der ist dort drüben, soll ich ihn herschicken?“ Benno war groß, er hatte das ganze Gesicht voller Sommersprossen. „Nein, bloß nicht! Was glaubst du, wie er sich ärgern würde. Hauptsache, er ist hier. Ich guck erst mal hier beim Hundertmeterlauf zu.“ Es war ein Rennen über nur fünfzig Meter für die Kleinen, aber sie liefen die Strecke mit nicht weniger Ernst und Eifer als die Großen. „Ja, hier werden Rekorde aufgestellt“, plauderte Benno und lehnte sich neben sie auf die Barriere, „sieh nur, der Kleine dort! Wie er schaufelt, aus dem wird mal ein Olympiasieger.“ Sie lachten beide.

Der höchstens Zehnjährige lief, ohne nach rechts oder links zu sehen, die Bahn entlang, als ginge es ums Leben, er erreichte den etwas Größeren, der mit seinen längeren Beinen natürlich mehr Chancen hatte, und ließ ihn wahrhaftig um einen Meter hinter sich.

„Bravo, bravo, das gefällt mir!“ schrie Benno und klatschte in die Hände, „der Wille macht es! Nicht die Lunge oder die längeren Beine, der Wille —“

„Gut gelaufen“, lobte auch der Lehrer und notierte die Zeit auf seinem Block, „Rainer Quint, wenn du im Ballweitwurf ebenso gut bist …“ „Ballweitwurf … kann ich …“ japste der Kleine, herankommend, stellte sich auf die Zehen und versuchte, dem Lehrer in den Notizblock zu gucken. Dabei mußte er sich sehr recken, klein wie er war. In diesem Augenblick kam ein größerer Schüler über den Platz gerannt — hier rannte eigentlich jeder — prallte auf Rainer und warf ihn einfach über den Haufen. Der Kleine, noch atemlos von seinem Rekordlauf, flog mit dem Gesicht gegen den Eckpfosten der Barriere, daß es krachte — es war ein scheußliches, ein ekelhaftes Geräusch. Randi schauderte es, während sie schon zugesprungen war und bei dem Kleinen kniete. Der lag auf der Erde, und die rechte Seite seines kleinen, eben noch so vergnügten Gesichtes begann sofort anzuschwellen.

„Beiß die Zähne zusammen, es wird gleich besser“, redete ihm Randi zu. „So, so — siehst du, jetzt liegst du besser —“ Eine kleine Gruppe stand bei Rainer. Der Lehrer, der große Junge, der ihn überrannt hatte, das Gesicht weiß vor Schreck, Benno, und noch ein großer Schüler, der sogleich behutsam und geschickt zugriff. Er und Benno hoben den Kleinen auf und trugen ihn vorsichtig zum Sanitätszelt. Randi lief hinter ihnen drein. Im Zelt legten sie ihn auf eine Trage. „Gibt’s denn hier keine kreuzrote Schwester?“ raunzte Benno, gewollt barsch, und hatte damit auch den beabsichtigten Erfolg: der kleine Rainer mußte lachen. „Das heißt doch —“

„Schwester, rotkariert! Zum Teufel noch mal …“ „Nicht fluchen“, lachte Randi erlöst, wenn der Kleine lachte, konnte es nicht allzu schlimm sein. Sie hatte bereits Joch- und Wangenbeinbruch gefürchtet; in der Schule waren sie in Biologie gerade bei diesen vielen, schwer zu behaltenen Beinen, aus denen der Schädel bestand. Jetzt erschien auch ein Sanitäter, keine kreuzrote Schwester. Man merkte jedoch sofort, daß Rainer in bester Hut bei ihm sein würde. Alles ging wie am Schnürchen. Der Sanitäter hatte gleich die richtige Salbe in der Hand, strich sie zärtlich und gekonnt über die geschwollene Gesichtshälfte und gab dem Kleinen eine Tablette zu schlucken. „Gegen die Schmerzen. Kriegst dann noch eine Spritze, aber die tut nur wie eine Mücke, ich meine: den Stich merkst du gar nicht.“ „Spritzen hab ich schon viele gekriegt, die machen mir nichts aus“, sagte Rainer stolz, „Tetanus und einmal fünfzehn gegen Tollwut, weil ich unsere Katze angefaßt hatte. Alle in den Bauch.“

„Wirklich? Fünfzehn?“ fragte Randi, nun doch ein bißchen schaudernd, „und alle in den Bauch? Das tut sicher sehr weh. Da ist die, die du hier kriegst, bestimmt ein Vergnügen dagegen.“ Sie lachten alle. Der Übeltäter schrieb sich Rainers Adresse auf und versprach, ihn zu besuchen. „Nächstes Mal gehe ich ganz langsam“, beteuerte er. „Jetzt muß ich los, sonst verpasse ich den Wettkampf.“ Er rannte. „Na, wenn das langsam ist“, seufzte Rainer und verzog das Gesicht, so gut er es mit dem Verband konnte. Auch Benno verabschiedete sich. Nur der Sanitäter und der junge Mann, den Randi nicht kannte, waren geblieben. „Bleibst du noch hier?“ Der Kleine sah bittend zu Randi auf. „Erzähl mir was!“ Randi streifte den Sanitäter mit einem fragenden Blick. Der nickte ein wenig. Da setzte sie sich auf den Rand der Trage und lächelte Rainer an. „Was willst du hören?“

„Was du halt kannst. Aber kein Märchen bitte.“

Natürlich kein Märchen. Was aber? Randi kramte in ihrem Gedächtnis. Es mußte etwas Spannendes sein und etwas zum Lachen. Auf einmal wußte sie es: keine Geschichte, sondern eine Begebenheit, über die man in ihrer Familie viel gelacht hatte. Randi kam großartig an mit ihrer Geschichte. Rainer hörte atemlos zu und vergaß seine Schmerzen. Randi hatte kaum zu Ende erzählt, da schlief er schon. Sie strich ihm ganz leise über den Kopf. „Ich komme dann noch mal. Schlaf inzwischen — ich gehe jetzt meinen Bruder suchen.“ Fragend schaute sie den Sanitäter an. Der nickte ihr zu: „Ich bin ja bei ihm.“ Sie ging zum Zeltausgang. Der junge Mann war auch aufgestanden.

„Darf ich …“ er stockte. Dann fuhr er mit einem Entschluß fort: „Darf ich helfen, Ihren Bruder zu suchen? Peters. Sie sind Randi Hansen? Ralph geht in meine Klasse.“ „Ach? Ja, danke.“ Randi fühlte sich verlegen, sonst sagten Ralphs Freunde du zu ihr. Sie gingen nebeneinander her. „Er ist, soviel ich weiß, gerade beim Umziehen. Jetzt kommt das große Fußballspiel, Primaner gegen Pauker.“

„Richtig. Na wie wird das ausgehen?“ fragte Randi und ging schneller. Ralph hatte oft davon gesprochen. Die jungen Lehrer des Kollegiums pflegten in Taucha gegen die jeweilige Oberprima zu spielen, ein ganz großer Jux, auf den sich alle freuten. Richtig, da kam Ralph ihr entgegen, mit Fußballschuhen und im Dress der Schule. „Randi? Ja, es geht gleich los.“ Randi lachte ihm zu und ging zum Platz. Alles drängte, ihr Begleiter war verschwunden. Sie sah sich nach ihm um, vergaß ihn aber gleich darauf, als jetzt unter begeistertem Johlen die Mannschaft des Kollegiums im Dauerlauf zum Feld gelaufen kam.

Es wurde ungeheuer spannend. Spannender als je, fand Randi, und das lag nicht nur daran, daß sich hier die Älteren mit den Jüngeren maßen, sondern daß im Kreis der Lehrer ein neues Gesicht auftauchte. Diesen jungen Lehrer hatte sie noch nie gesehen. „Wer ist denn das?“ fragte eine Schülermutter neben ihr, und es war wohl kein Wunder, daß diese fragte. Der „neue“ Mann war groß, breit in den Schultern, im Gegensatz zu den meisten Schülern ringsum tief gebräunt und dabei sehr blond. Ein Jungsiegfried, wie man ihn auf den Bildern der deutschen Heldensage sehen konnte. Es verschlug Randi regelrecht den Atem. Wunderschön sah dieser junge Mann aus, und er erinnerte sie an jemanden! Sie kam nur nicht darauf, an wen.

Das Spiel wurde angepfiffen. Und dann gab es für zweimal dreiviertel Stunden nichts anderes mehr auf der Welt als das Fußballspiel Pauker gegen Primaner auf dem Turnfest in Taucha. Die Zuschauer, bestehend aus sämtlichen nicht mitspielenden Schülern, den älteren Kollegen und allen anwesenden Schülereltern, erlebten dieses Ereignis mit, als ginge es um die Weltmeisterschaft. Das lag tatsächlich am Auftreten des neuen Lehrers. Randi starrte mit offenen Augen. Übrigens schien die Oberprima vorher gewußt zu haben, was für ein neuer Mitspieler bei ihren Gegnern war. Jedenfalls ging der Sturm los wie ein einziger Mann. Kaum hatte das Kollegium begriffen, daß das Spiel anfing, da war die Prima schon vor seinem Tor. Es wurde ein atemloses Spiel. Randi bekam fast ebensowenig Luft wie die unentwegt stürmenden Primaner; das Kollegium blieb, jedenfalls in der ersten Halbzeit, eigentlich nur in der Abwehr. Als zur Halbzeit abgepfiffen wurde, ging ein so tiefes Seufzen durch die Zuschauer, daß es direkt zum Lachen war. Die Oberprima versammelte sich, man trank rasch einen Sprudel, wischte sich Gesicht und Oberkörper trocken — „Mein Gott, ihr spielt ja …“ Randi hatte Ralph erwischt, „wer ist denn dieser Lehrer, den hab ich doch noch nie gesehen?“ „Ein neuer. Na, zum Schuß ist er noch nicht gekommen. Im Kollegium ist er nur zur Vertretung. Aber wenn sie denken, der macht es für sie alle …“ Randi lachte. „Aber jetzt“, Ralph zuckte ein wenig die Achseln, „jetzt haben die anderen Reserven — und wir …“

„Ihr werdet doch nicht klein beigeben?“ fragte Randi empört. „In Atem gehalten habt ihr die andern ja auch!“ Es kam aber, wie Ralph gefürchtet hatte. Die Oberprima hatte sich in der ersten Halbzeit verausgabt. Sie hielt sich noch wacker, aber der erste, glühende Vorstoß war nicht zu wiederholen. Trotzdem siegte die Oberprima, und die Siegerehrung verlief wie immer, schön und feierlich.

Randi hatte die ganze Zeit kein einziges Mal auf die Uhr gesehen. Jetzt war es spät. Du liebe Zeit, sie mußte heim! Schnell lief sie noch ins Sanitätszelt, um Rainer auf Wiedersehn zu sagen. Er war aber von seinen Eltern schon abgeholt worden. Randi stand betrübt da, sie hätte den Kleinen gern noch einmal gesprochen. Vielleicht konnte sie ihn einmal besuchen, da mußte sie sich um seine Adresse kümmern. Sie holte ihr Fahrrad aus dem Ständer. Ralph fuhr mit seiner Klasse mit der Bahn zurück, das war immer so. Randi sah einen Familienkrach auf sich zukommen. Es fing schon an zu dämmern.

„Fahren Sie allein heim?“ fragte jetzt jemand neben ihr. Randi drehte sich um: Peters. „Ja. Warum?“ fragte sie abwesend. Er lächelte ein wenig verlegen. „Wenn ich Sie begleiten darf …“

„Das ist ja rührend“, sagte Randi etwas geniert. Dann aber kam ihr ein Gedanke. „O ja, warten Sie, da ruf ich daheim an, daß ich später komme, aber in Begleitung. Wissen Sie, meine Eltern sind entsetzlich ängstlich und denken immer, mir passiert etwas.“ Sie hatte Glück. Als Mutter hörte, daß sie beschützt und begleitet heimkäme, „einer aus Ralphs Klasse fährt mit mir“, hatte Randi gesagt, seufzte Mutter erleichtert auf. „Sehr gut, Randi, daß du anrufst, Vater und ich sind heute abend eingeladen, und Vater wollte nicht weg, ehe du daheim bist. Einer aus Ralphs Klasse? Gut. Ich lege den Schlüssel, damit du hereinkannst.“

„Alles in Ordnung?“ fragte Peters, als Randi vom Telefon kam. Sie strahlte. „Mehr als zu hoffen war.“ Sie war plötzlich in allerbester Laune. Erstens keinen Elternkrach, und zweitens … Ihre Gedanken flitzten. Peters war bei der Geschichte mit dem kleinen Rainer Quint dabeigewesen. Nun hatte sie einen Grund, gelegentlich an der Nikolaischule zu warten, um ihn nach Rainer zu fragen. Und wenn sie an der Schule wartete, gab es vielleicht eine Gelegenheit, durch diesen oder jenen Zufall, den jungen Lehrer kennenzulernen, der heute in dem Fußballspiel mitgespielt und ihr so sehr, sehr gut gefallen hatte. Aber man kann sich nicht allein auf Zufälle verlassen, man muß ihnen auf die Beine helfen, wenn man verliebt ist. Randi war fest entschlossen, das zu tun. Unwahrscheinlich tief war der Eindruck gewesen, den dieser junge Mann auf sie gemacht hatte. Sie mußte ihn kennenlernen!

„Ja, meine Eltern sind leider der Ansicht, daß unser Leipzig gefährlicher ist als der wilde Westen und jeder auf der Straße es darauf abgesehen hat, Randi Hansen umzubringen“, sagte sie, während sie neben Peters herradelte und ihm endlich antworten mußte, er hatte schon ein paar Ansätze zu einer Unterhaltung gemacht, und sie hatte nicht reagiert. Das hatte er nicht verdient! „Sie sind sozusagen mein Lebensretter, weil Sie mich heute heimbegleiten und vor allem Ungemach schützen. Warum bin ich nur als Mädchen auf die Welt gekommen, Männer haben es viel besser!“ Das letzte entschlüpfte ihr eigentlich ungewollt. „Ich fände das schade“, sagte Peters und sah geradeaus. Randi, die nicht recht bei der Sache war, registrierte diesen Satz erst gar nicht, dann aber erreichte er sie sozusagen innen, und sie horchte auf. „Wieso?“ fragte sie und sah nach links. „Weil es, wenn Sie ein Junge wären, lange nicht so hübsch wäre“, sagte er. Randi schwieg. Sie war sich nicht ganz sicher: sollte das nun ein Kompliment sein? Immerhin konnte sie ja nichts dafür, daß sie ein Mädchen war. So antwortete sie erst einmal gar nicht. Sie fuhren schweigend nebeneinander her, aber das konnte ja nicht so bleiben, fand Randi. Sie mußte sich etwas ausdenken, worüber man sprechen konnte. „Spielen Sie Schach?“ fragte sie endlich mit einem Entschluß. „Ja, weshalb? Suchen Sie einen Schachpartner?“ fragte Peters aufhorchend. Randi lachte ein bißchen. „Nein, aber Ralph. Mein Bruder. Er hätte gern jemanden, mit dem er spielen kann.“ Das stimmte nicht ganz. Ralph kannte genug Leute, mit denen er spielen konnte, aber vielleicht freute er sich trotzdem über einen neuen Gegner. „Wissen Sie was, ich frag ihn heute abend, und morgen komm ich zur Nikolaischule. Wir haben immer etwas eher aus, ich hole Ralph manchmal ab. Wenn Sie auch da sind.“

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
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70 стр. 1 иллюстрация
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9788711509944
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