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Lise Gast
Grosse Schwester Schimmel
Mädchenroman
Saga
Grosse Schwester Schimmel
© 1965 Lise Gast Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509463
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I
Eigentlich hätte Schimmel mit der Bahn fahren sollen, um die beiden kleinen Zwillingsschwestern aus dem Kinderheim abzuholen und nach Hause zu bringen; nun aber saß sie auf dem Rad und rollte die Landstraße entlang. Die Mutter war zuerst mit dem Plan nicht ganz einverstanden gewesen, obwohl Schimmel ihr die Billigkeit des Radfahrens immer wieder vorgehalten hatte, schließlich aber hatte sie die Fahrt genehmigt, um ihrer großen Tochter nicht die Freude zu verderben. So würden die Zwillinge also nicht eigentlich abgeholt, sondern in Harzburg nur mit den von Schimmel gepackten Koffern in die Bahn gesetzt werden; aber weil die Bahnfahrt ohne Umsteigen möglich war, würde man die beiden Zehnjährigen schon allein nach Holdershausen reisen lassen können, und Schimmel machte eine vergnügliche Sommerfahrt.
Schimmel – eigentlich hieß das sechzehnjährige Mädchen zwar Inge, jedoch ihre weißblonden Haare hatten ihr schon als kleinem Kind den Spitznamen eingebracht, der nun seit langem ihren schönen Rufnamen völlig verdrängt hatte, sie strampelte die Landstraße entlang, bis sie Hunger bekam. An einer Straßenkreuzung setzte sie sich an den Graben und betrachtete, ein Wurstbrot kauend, die Landkarte. Ja, sie würde doch zu Uli, dem älteren Bruder im Landerziehungsheim, fahren. Eigentlich war der Umweg nur ein Katzensprung; und sie mußte über sich selbst lachen, weil sie noch zögerte; denn im Grunde war ihr Entschluß ja längst gefaßt gewesen. Zu Hause schon!
Er war zwei Jahre im Internat, der Uli; noch ehe die Mutter und die übrigen Geschwister nach dem Krieg eine rechte Heimat gefunden hatten, war er dorthin gekommen. Jetzt lebten sie in Holdershausen, der Heimat ihres gefallenen Vaters, bei den Großeltern auf dem Gut. Großvater war so lieb und gütig, und „Neuchen“ ein wahres Prachtexemplar. Obwohl sie gar nicht großmütterlich war, nicht die Spur, dabei war sie ja auch nicht die richtige Großmutter, sondern die zweite, die „neue“ Frau von Großvater, viel jünger als er und so liebenswert in ihrer rheinländischen Lebhaftigkeit! Neuchen war es auch gewesen, die Schimmel zugeredet hatte, die Zwillinge aus dem Kinderheim zu holen, damit alle Kinder, außer Uli, wieder daheim beisammen wären. Ursprünglich hatte der „Familienrat“ beschlossen, die beiden Kleinen in ein Heim zu stecken, um nicht alle Kinder auf einmal auf die armen Großeltern loszulassen. So waren bisher nur Schimmel, Brita, die mit ihren zwölf Jahren schon zu den Großen zählte, und Johannes nach Holdershausen gekommen. Johannes, der kleine Punkt, hatte sich sofort bei Großvater einen ersten Platz im Herzen gesichert. Ach, er hatte viel entbehren müssen, in den fünf Jahren seines Lebens, infolge Krieg und Hunger, durch den Verlust des Vaters. – Was würde aus ihnen allen einmal werden?
Schimmel war wieder aufgestiegen und radelte, in Gedanken versunken, der kleinen ehemaligen Herzogsstadt zu, in der Uli wohnte. Plötzlich mußte sie über ihr eigenes sorgenvolles Herz lachen. Mutter hatte schon recht: Wer keine Sorgen hat, macht sich welche. Freilich kam das wohl auch daher, daß Mutter sich vielleicht zu wenig Sorgen machte. Mutter sagte bei allem: Das wird schon gehen! – und darüber ärgerte sich Schimmel oft. Aber das war dumm, wie sie sich jetzt wieder einmal klar machte, jetzt, da sie über die trockene Landstraße dahinrollte, ohne unmittelbare Sorgen, den Geschwistern entgegen, satt gegessen und in ihrem neuen Dirndelkleid, das so hübsch geworden war mit weißen bauschigen Ärmeln und einem roten Rock, der weithin wie ein Fanal des Sommers leuchtete. Es würde schon alles gut gehen. Schließlich war sie selbst auch noch da und sie würde die Zwillinge schon im Schach halten, damit sie Neuchen und den Großvater mit ihrer Lebhaftigkeit nicht verärgerten.
Schimmel hatte ein starkes Tempo vorgelegt und fuhr am zeitigen Nachmittag in die kleine Stadt ein, fragte sich nach Ulis Schule durch und stieg an einer Straßenecke vor dem Heim der Jungen vom Rad, um sich ordentlich zu machen. Uli sollte durch seine Schwester nicht blamiert werden, sagte sie sich, als sie in den Spiegel sah. Ihr weißblondes Haar ringelte sich ein bißchen zu wild um das Gesicht. Sie versuchte, es glatt zu streichen. Ihre Backen waren jetzt nach der Fahrt rot wie Klatschmohn, leider rot und nicht braun. Schimmel gehörte zu der Sorte Menschen, deren Haut immer nur rot wird, während Uli sozusagen am ersten Sonnentag des Jahres braun wurde, haselnußbraun. Ach ja, beneidenswert war das, aber man konnte es nicht ändern, und schließlich: geradezu häßlich war sie nun auch wieder nicht. Mit sechzehn ist jeder Besen hübsch, sagte Neuchen immer. Übrigens war „Besen“ ein zu harter Ausdruck, alles was recht war.
Das Heim lag mit der Front an der Straße, aber an beiden Längsseiten zog sich ein Garten hin. Weiße Birkenstämme und Gebüsch und ein Rasen, von vielen Jungenfüßen zertreten und zerstampft. Schimmel gab sich einen Ruck und klingelte. Sie mußte sich immer überwinden, ehe sie das erstemal an einem ihr unbekannten Haus klingelte. Ein jüngerer Mann in kurzer Hose und einem Janker öffnete ihr. „Gerstenberg“, sagte er und drückte ihr die Hand so hart, daß sie die Zähne ein bißchen zusammenbeißen mußte. Dann lachte er. Schimmel nannte ihren Namen.
„Ach, das ist natürlich die Schwester von Uli Goetz! Nur herein, wir haben hier gar keine Mädel, da freuen wir uns immer, wenn eins kommt. Ich bin nämlich Ulis Klassenlehrer.“
Das war ein freundlicher Empfang. Gerstenberg rief „Uli!“ durchs Haus, daß es in dem hellen, kühlen Flur hallte, und brachte Schimmel in ein einfach eingerichtetes Besuchszimmer.
Schimmel setzte sich in einen schilfgeflochtenen Sessel und streckte ihre müden Beine lang. Nun merkte sie doch die vielen geradelten Kilometer.
Gleich darauf trat Uli ein; er mußte sich ein wenig bücken, um durch die niedrige Tür zu kommen. Nein, wie unmöglich lang er war! Auch Gerstenberg, der keineswegs klein zu nennen war, wirkte neben ihm wie ein Zwerg.
„Du wächst ja immer noch“, sagte Schimmel statt einer Begrüßung ordentlich stolz. Der Bruder hatte Vaters klares, gescheites Gesicht und Mutters dichtes Haar. „Ich will Plisch und Plum heute abholen und nach Holdershausen befördern, und da habe ich einen Abstecher zu dir gemacht. Mit dem Rad, es ist doch so schön draußen!“
„Die lange Strecke mit dem Rad? Na, großartig, kleines Fräulein“, sagte Gerstenberg. „Sie wollen tatsächlich heute schon weiter? Das ist aber schade, wo doch morgen Sonntag ist und wir so viel unternehmen könnten.“
Er ließ dann die beiden Geschwister allein, die sich nun viel zu erzählen hatten. Seit ihrer frühesten Kindheit bestand ein sehr gutes Verhältnis zwischen ihnen, und Schimmel empfand die Trennung von dem Bruder oft als sehr hart. – Damit Schimmel daheim berichten konnte, wie Uli lebte, durfte sie flink einmal in seine Stube gucken: sechs Doppelbetten, zwölf Spinde, alles nüchtern und einfach; aber seine Mitschüler waren nette und frische Jungen, die alle sehr höflich grüßten, so daß sie etwas verlegen wurde.
Als Gerstenberg wiederkam, versuchte Schimmel zu erklären, warum sie weiter müsse. Sie wurde fast ein bißchen nervös, denn sie fürchtete, daß der junge Lehrer ihre eigenen Pläne über den Haufen werfen könnte. Aber sie mußte unbedingt heute noch den kleinen Harzort erreichen, wo die Zwillinge waren; es gab doch vielerlei zu packen und zu erledigen.
„Nur die Buchhandlungen hätte ich noch gern gesehen“, schloß sie ein wenig ärgerlich; „wir wohnen auf dem Lande und haben gar nichts Derartiges. Aber auch das darf nicht lange dauern!“
„Natürlich, Sie wollen in die Stadt. Weißt du, Uli, du läßt dich vom Direktor beurlauben und fährst natürlich mit. Und ich wollte sowieso nachher in die Stadt, da schließe ich mich euch an, wenn ihr damit einverstanden seid. Dann sind wir einmal ganz furchtbar leichtsinnig. Vielleicht nehmen wir auch eine Konditorei mit?“ Es war ihm nicht zu widerstehen. Schimmel mußte sich fügen. Als die beiden dann vom Direktor zurückkamen, hatte nicht nur Uli sich seinen Urlaub erfochten, sondern auch Gerstenberg. Mit dem strahlendsten Lächeln verkündete er: „Wissen Sie was? Wir haben uns beide bis morgen abend frei geben lassen. Das Wetter ist schön, wir alle sind so jung, da fahren wir mit in den Harz. – Aber erst genießen wir die Großstadt. Ja, das müssen wir, wo doch gerade der Erste gewesen ist!“
Schnell hatten die Männer ihre Sachen zusammengesucht, und dann radelten sie zu dritt der Stadt zu.
„Ich werde Buchhändlerin, jedenfalls ist das mein größter Wunsch“, erzählte Schimmel, als sie vor dem ersten Buchladen abstiegen; „deshalb will ich auch unbedingt das Abitur machen.“ Sie traten in den Laden, und Schimmel war für eine Viertelstunde für die anderen verloren. Was gibt es Schöneres, als in Büchern zu kramen, Titel zu lesen und Zeitschriften durchzusehen? Wahrscheinlich hätte sie den ganzen Nachmittag so verbracht, wenn die beiden Männer nicht erst sanft, dann dringlicher gemahnt hätten. Gerstenberg kaufte eine Harzkarte, Schimmel verließ den Laden hochbeglückt, sie hatte auch Verschiedenes bestellt. „Für Weihnachten“, sagte sie und verstand nicht, daß die beiden anderen laut lachten: Im Juni Weihnachtsbesorgungen! „Aber wir sind eine große Familie, da muß man zeitig anfangen“, sagte sie halb entschuldigend, halb verlegen; „jeder muß doch ein Buch haben, das ist bei uns so üblich.“
Während die Geschwister sich in einem Café stärkten, erledigte Gerstenberg geschwind seine Besorgungen. Und dann machten sie sich gemeinsam auf die Fahrt.
Schimmel war froh, daß die beiden mitfuhren. Nun brauchte sie sich nicht vor den fremden Schwestern zu fürchten, bei denen die Kleinen vier Wochen verbracht hatten. Munter ging die Unterhaltung von Rad zu Rad. „Wo gehen Sie in die Schule“, fragte Gerstenberg.
„Augenblicklich gar nicht; aber ich hoffe, ich komme nach den großen Ferien wieder rein, wenn auch bei uns die Gelegenheit sehr ungünstig ist.“ Sie schilderte ihren Wohnort, das einsame, wunderschön gelegene Gut Holdershausen, fünf Kilometer von der Kreisstation entfernt, und diese wieder zehn Kilometer von der Kreisstadt, in der die höhere Schule war. Gerstenberg hörte aufmerksam zu, sagte aber nichts weiter, und so fuhren sie manchen Kilometer dahin, sich nur ab und zu einmal ein fröhliches Wort zurufend. Die Sonne brannte jetzt, die Landschaft wurde hügeliger, und manchesmal mußten die drei von den Rädern absteigen und schieben. Aber schön war’s dann wieder, wenn man mit Freilauf bergab rollen konnte. Als sie sich für eine Weile im Gras lagerten, um ein bißchen zu verschnaufen – weit ging der Blick über das Land dahin, über Felder und Wiesen, über Dörfer, die mit ihren leuchtenden Farben so friedlich dalagen –, da nahm Gerstenberg das frühere Gespräch wieder auf: „In Harzburg ist ein ähnliches Heim wie unseres, für Mädel, sozusagen ein Schwesterunternehmen. Dort könnten Sie doch hin, wenn Sie gut in der Schule sind. Vielleicht bekommen Sie auch – wie so viele Schüler heutzutage – eine Ermäßigung, besonders da Uli ja auch auf die höhere Schule geht. Ein solches Internat ist ja nicht mehr so wie früher ausschließlich eine Angelegenheit für vermögende Leute. Ich kenne den Leiter dort und könnte gut mit ihm sprechen.“ – „O Herr Doktor“, sagte Schimmel mit weit aufgerissenen Augen, „das wäre ja großartig! Wird man da ohne Schwierigkeiten aufgenommen? Könnten wir nicht schon gleich einmal fragen?“ –
„Das können wir gern, ich werde nachher einmal hingehen‘, sagte er freundlich, „es wäre doch sehr schön für Sie. Das Heim liegt wunderbar, und Sie könnten sich öfter mit Uli treffen. Wir haben verschiedene Geschwisterpaare in den beiden Schulen. Aber kommen Sie denn so ohne weiteres von zu Hause fort? Eigentlich sind Sie dort doch wohl unentbehrlich.“ – „Aber wieso denn?“ fragte Schimmel und wurde dunkelrot.
„Nun, ich meine, Ihre Mutter hat in Ihnen doch wohl ein rechtes Hausmütterchen. Ob sie das entbehren kann?“
„Ich muß aber doch etwas werden“, sagte Schimmel erschrocken; „wir Mädel müssen doch alle einen Beruf haben.“ – „Ich kann das verstehen“, sagte er freundlich; „und wenn Ihnen daran liegt, spreche ich mit dem Direktor. Die Gelegenheit ist doch sehr günstig.“ –
Es war Abend, als sie in Harzburg ankamen. Sie fuhren gleich in das Kinderheim. Gerstenberg klingelte und sprach mit der öffnenden Schwester. Schimmel stand hinter ihm, während Uli an der Gartentür bei den Rädern geblieben war. Und dann hörte Schimmel, wie die Schwester rief: „Sagt Petra und Claudia Goetz, ihre Eltern seien da, sie abzuholen.“ Gerstenberg lachte; Schimmel war das doch etwas peinlich. Und dann überfiel sie plötzlich der schmerzliche Gedanke, daß die Kleinen niemals richtig wissen würden, was es heißt, Eltern zu haben. Einen warmen Unterschlupf, eine Mutter, die für sie sorgte, Geschwister, ja, die hatten sie, aber Eltern – nein, seit der Vater gefallen war, nicht mehr.
Da waren auch schon die Kleinen. „Sagt mal Guten Tag, ihr seht ja prächtig aus!“
Wirklich, sie hatten sich großartig herausgefuttert, die beiden Zehnjährigen. Petra oder Plisch, wie die ganze Familie sie nannte, strahlte vor Lebendigkeit und Frische, ihre Augen waren so dunkelveilchenblau wie bei keinem der anderen Geschwister, und ihre hellen Zöpfe ringelten sich an den Enden und im Nacken. Sie war sehr hübsch, vielleicht das hübscheste Kind der Familie. Das machte aber auch ihr Temperament. Sie war gleich mitten in einer wichtigen Erzählung, Schimmel hörte nur halb hin und betrachtete dabei Claudia, die zweite.
Auch sie sah gut aus, braun und rotbäckig, dunkler im Haar, aber noch blond wirkend. Sie hatte als einzige dunkle Augenbrauen und darunter hellgraue, ein klein wenig auseinanderstehende Augen. Ganz besondere Augen übrigens: sie konnte sie aufschlagen, so scheinheilig und fromm, daß jeder darauf hereinfiel. Dabei war Plum wahrhaftig kein Tugendbold, sondern in einer Art noch wilder als Plisch und von einer Zähigkeit, sich ihre Freiheit zu sichern, daß selbst die Strenge einer großen Schwester daran scheiterte.
Das Heim war des Lobes voll über das Betragen der Zwillinge Gottlob!
Schimmel durfte über Nacht im Heim bleiben, während die beiden Männer in der Jugendherberge nächtigen wollten. Am anderen Morgen sollten die Kleinen dann in den Zug gesetzt werden und nach Holdershausen fahren, allein! Sie funkelten vor Wonne, als sie das hörten. Als die Männer gegangen waren, ließ sich Schimmel gern durch das Heim führen; sie bewunderte alles, die Turngeräte, den Eßraum, die Schlafsäle. Bis in die Nacht hinein stand Plischs Mundwerk nicht still, und auch Plum hatte viel zu erzählen. Schimmel ertappte sich immer wieder dabei, daß ihre Gedanken andere Wege liefen: Wenn es nun tatsächlich gelingen würde, in die Schule zu kommen, von der Gerstenberg gesprochen hatte?
„Du hörst ja gar nicht zu“, beschwerte sich Plum, und Plisch wollte genau wissen, durch welche Städte sie führen und wie man gehen müßte, wenn Brita vielleicht nicht auf dem Bahnhof wäre.
„Ich finde mich schon nach Holdershausen“, versicherte sie und war in Gedanken bereits auf der Reise. „Wir geben das Gepäck auf und laufen.“ – „Brita ist bestimmt an der Bahn“, sagte Schimmel und hörte nun wieder den Kleinen zu. „Sie holt euch mit dem Handwagen ab. Johannes kommt auch mit, er ist dort schon ganz zu Hause.“
Sie kam spät zum Schlafen; denn obwohl der Reisetag seit langem feststand, mußte noch vieles gepackt werden, Schimmel spürte die vielen Kilometer doch in ihren Beinen, und so kam sie lange nicht zur Ruhe. Das Wiedersehen mit Uli und den Zwillingen hatte manches wachgerufen, was sich im Lauf der Jahre und im Alltagsleben schon ein wenig verwischt hatte.
Uli und sie, die beiden Ältesten, hatten glücklicherweise noch eine lebendige Erinnerung an das Leben im Elternhaus vor dem Kriege in der rheinischen Großstadt, an die Wohnung nicht weit vom Strom und an die vielen grünen Uferanlagen. Der Vater hatte sein Architektenatelier in der Wohnung gehabt, und sehr selten, natürlich nur, wenn man artig war, durfte man mit ihm in den großen hellen Raum gehen, in dem so viele geheimnisvolle Papiere und Zeichnungen umherlagen. – Und dann kam der Krieg, der alles zerstörte. Das Haus verbrannte, ein Jahr später fiel der Vater.
Erst lange nach Beendigung des Krieges hatte die Mutter sich entschlossen, zu ihrem Schwiegervater auf das westfälische Gut zu ziehen. Man gibt nicht leicht eine Selbständigkeit auf, hatte sie einmal zu Schimmel gesagt, besonders nicht, wenn man fünf Kinder mitbringt. Nun war es doch gut gegangen, so gut, daß man es eben wagen konnte, die Zwillinge aus dem Kinderheim in das alte Gutshaus nach Holdershausen zu holen. – Schließlich schlief Schimmel ein; aber ihre letzten Gedanken waren doch beim Internat. Sollte sie wirklich noch einmal die Möglichkeit haben, ihre Schulbildung abzuschließen? Es wäre unwahrscheinlich schön!
*
Am nächsten Morgen stand Schimmel mit klopfendem Herzen neben Doktor Gerstenberg vor dem großen Internatshaus, das an einem Hang lag und dessen Garten in die wunderschönen Harzwälder überging. „Und wenn es hier nichts wird, will ich auch nicht meutern“, gelobte Schimmel sich. Sie gingen einige Stufen hinauf, und durch einen Windfang gelangte man in eine hohe getäfelte Halle. Dem Eingang gegenüber stand ein Flügel. Ein Mädel, wohl ebenso alt wie Schimmel, saß davor und spielte. Schimmel erkannte das Stück sofort, ein Impromptu von Schubert. Fast traten ihr Tränen in die Augen: wie oft hatte Vater es gespielt. Ob man hier auch Musikstunden haben konnte?
Sie wurden vor den Direktor geführt. Es war ein großer, breiter, älterer Herr mit Augen, die einem hätten Angst machen können – weil man merkte, daß sie durch und durch sahen –, wenn sie nicht so gütig geblickt hätten. Schimmel machte einen für eine Sechzehnjährige viel zu tiefen Knicks. Und dann hörte sie Doktor Gerstenberg sprechen! Wie gut, daß er hier war. Wieder wie schon oft in ihrem Leben fühlte sie, daß sie überall jemand fand, der ihr half, ganz von sich aus half.
Der Direktor hörte den jungen Kollegen freundlich und geduldig an. Sicherlich, es wäre schon möglich, das Mädel nach den großen Ferien aufzunehmen, probeweise zunächst, für vier Wochen. Sie müßten natürlich einen schriftlichen Antrag einreichen. Ob sie ihn schon mit hätten? Und einige Angaben der Mutter über die Lage der Familie seien auch notwendig.
„Meine Mutter weiß noch gar nichts davon“, stammelte Schimmel, als er schwieg. Sie sah ängstlich einen Augenblick auf, da bemerkte sie, daß es um den Mund des Gewaltigen zuckte, belustigt und wohlwollend. Er nahm es nicht krumm, im Gegenteil.
„Na, dann sprechen Sie mal schleunigst mit Muttern, das tut man eigentlich vorher“, sagte er gutmütig; „aber sagen Sie immerhin, der alte Direktor freut sich, daß es noch so mutige Frauenzimmer gibt. Meine Fürsprache haben Sie, und wenn Sie in der Schule so wacker sind wie im Leben, dann wird’s nicht fehlen.“ –
„Wir haben es geschafft!“ Doktor Gerstenberg lachte, als sie, Schimmel leicht taumelig vor Aufregung, gleich darauf den steilen Gartenweg hinunterliefen. „Wenn wir diese Fürsprache haben, kann es nicht mehr schief gehen!“
„Sie sind ein Optimist“, sagte Schimmel und fuhr sich übers Gesicht. „Von ‚geschafft‘ kann noch gar keine Rede sein! Wenn ich jetzt versage?“ –
„Sie und versagen“? rief der junge Lehrer entrüstet. „Das wäre ja noch schöner. Er sagt doch selbst: Wenn Sie in der Schule so wacker sind wie im Leben, geht alles großartig.“
„Sie überschätzen mich“, seufzte Schimmel, „alle überschätzen mich. Ohne Sie hätte ich mich gar nicht hergetraut.“
„Jetzt aber wird ein Eis gegessen, so wahr ich Karl Gerstenberg heiße.“ Gemeinsam berichteten sie dann Uli über den Hergang der Unterredung.
Während Uli und sein Lehrer sich ein wenig in der Stadt umhertrieben, fuhr Schimmel zu dem Kinderheim zurück, um die Zwillinge in Fahrt zu setzen.
Gemeinsam verbrachten sie dann die Mittagszeit, eingehend erörterte Schimmel noch einmal die ganze Lage mit ihrem Bruder, sie war glücklich, sich mit ihm, dem Vertrauten ihrer Kindheit, mal wieder aussprechen zu dürfen: die neue Heimat in Holdershausen, die Mutter, die sich ihrer Wesensart entsprechend mit ganzer Kraft der landwirtschaftlichen Arbeit zugewendet hatte, um dem langsam alternden Großvater zur Seite zu stehen, ihre eigene Stellung unter den Geschwistern, denen sie sich mehr als bisher widmen mußte, und schließlich ihre Berufshoffnungen. Sie hatten Gesprächsstoff genug und empfanden Gerstenbergs Anwesenheit dabei keineswegs als störend, im Gegenteil, er konnte manchen einleuchtenden Rat beisteuern. Mit Verwunderung bemerkte Schimmel dabei erneut das zwanglos kameradschaftliche Verhalten zwischen Uli und seinem Lehrer. Ob sie es auch einmal so schön haben würde? –
Und doch war ihr nicht ganz wohl zumute, als sie dann am Nachmittag wieder allein auf der Landstraße dahinradelte. Sie hatte sich von den beiden Männern getrennt, die wieder in ihr Heim zurückkehrten, während sie jetzt ohne Umweg unmittelbar auf Holdershausen zufuhr. Sie hatte kaum ein Auge für die sommerlich im Sonntagsfrieden daliegende Landschaft, die immer wieder an ihr vorbeihuschenden Autos und Räder vermochten sie nicht zu stören. Denn unaufhörlich ging es ihr im Kopf herum, was sie sich nun durch den Besuch bei dem Direktor eigentlich eingebrockt hatte, zumal da sie ja – abgesehen von allem anderem – große Lücken in ihren Schulkenntnissen hatte. Es war natürlich günstig, vier Wochen zum Probeunterricht kommen zu dürfen, viel besser, als eine Aufnahmeprüfung zu machen. Es sah wirklich so aus, als sollte es etwas werden.
Man soll sich nichts im Leben erschleichen wollen, hatte der Vater immer gesagt. Vater hatte sicherlich recht gehabt. Aber heute, wo die Verhältnisse so schwierig waren, wo es um die Zukunft ging, um die Ausbildung, um den Beruf? – Aber sie wollte ja auch arbeiten, wollte so fleißig sein wie nur irgendeine, sie wollte alles tun was nur irgend verlangt werden würde. – Als sie spät am Abend heimkehrte, waren schon alle zur Ruhe gegangen. lediglich die Mutter erwartete sie, der sie nun noch eingehend berichten mußte, von Uli, von Gerstenberg, von den Zwillingen. Es kam ihr wie ein Unrecht vor: aber von der Besprechung mit dem Direktor schwieg sie. –
II
Schimmel hörte den Wecker und tippte ihm wütend auf den Knopf, um die Glocke abzustellen. Sie war schrecklich müde. Gestern hatte sie noch so lange an der Fertigstellung der Girlanden und Sträuße gesessen, bis nach eins; Neuchen hatte schließlich energisch „Hüttenruhe“ geboten. Jetzt mußte sie aber schleunigst aufstehen. Eine reine Freude war das Aufstehen nicht immer; aber heute war ja ein großer Feiertag!
Ein ganz großer sogar: Großvaters siebzigster Geburtstag, dazu Sonntag und Sonnenwende. Auf, auf, es war höchste Zeit! Denn an diesem Tag ging die Sonne so zeitig auf wie sonst nie im Jahr, und Großvater war immer mit der Sonne wach. Sie aber wollten ihm zuvorkommen, sonst fiel der ganze Plan ins Wasser.
Schimmel huschte ins Bad und wurde nun völlig munter. Es war doch wieder ein herrliches Gefühl unter der Dusche zu stehen. Rasch die Haare durchgebürstet und hinüber zu den Kleinen! Na, das würde ein Theater geben, ehe man die wach bekam! Sie mußten hinterher wieder ins Bett, sonst würden sie überall nur Unheil anrichten. Schimmel ahnte dumpf, daß dieses „Ins-Bett-müssen“ wesentlich schwieriger sein würde als das an sich schon mühsame „Ausdem-Bett“. Denn wenn die Mädel erst einmal wach waren, waren sie meist allzu wach.
Brita zeigte sich am nachgiebigsten. Sie rutschte gutwillig aus dem kurzen Kinderbett und knotete sich die aufgegangenen Zöpfe im Nacken zusammen. Plisch knurrte wütend, als ihr Schimmel das Deckbett wegzog, und Plum fing sogar an zu weinen. Aber Plums Blockflöte war nicht zu entbehren; Schimmel bemühte sich, die Schwester durch gute Worte zu ermuntern, obwohl sie selbst etwas ungeduldig war.
Endlich standen sie alle zusammen im Flur, die Kleinen in den Nachthemden, Mutter im Bademantel, nur Schimmel angezogen. Du großer Schreck, jetzt hatte sie doch wirklich die Rosen vergessen!
Sie stürzte davon. Zum Glück war die Haustür schon offen. Der Rasen vor dem Haus war weiß betaut, und eine herrliche Luft schlug ihr entgegen. Ach, man konnte ja an einem so schönen Morgen nicht schlechter Laune bleiben!
Sie lief über das Rondell zu den Rosen, pflückte nur drei, die noch halbgeschlossen waren. Ihr war, als sehe sie zum erstenmal, wie überirdisch schön solche Knospen sind. Die Blätter wie zart gefaltet, mit silbernen Perlen an den Spitzen.
Ganz vorsichtig und beinahe feierlich kam sie zurück, die Rosen in der Hand, und es war, als würden die andern von ihr angesteckt. Sie zankten sich nicht mehr halblaut und stießen sich nicht gegenseitig um den angeblich besten Platz, sondern stellten sich lautlos vor Großvaters Tür auf, und dann gab Mutter den Ton an.
Großvaters Lieblingschoral: „Bis hierher hat mich Gott gebracht.“ Eigentlich müssen Choräle wohl tief und stark gesungen werden, aber das ging mit den Kinderstimmen nicht. Sie hatten ihn dreistimmig eingeübt, Mutter sang dritte Stimme, Schimmel zweite, und am schönsten klang der Gesang von Brita und Plisch, die zart und silbern die erste Stimme sangen, gehalten von Plums Flöte. Es klang so, wie die Luft draußen war und die Rosen, die Schimmel in der Hand hielt, neu und jung und zukunftsgläubig und dankbar. Schimmel fühlte, wie ihre Stimme zu schwanken begann. Es ging ja nicht nur Großvater an, dieses Lied: „Bis hierher hat mich Gott gebracht mit seiner großen Güte!“
Sie sangen drei Strophen. Dann, als sie schwiegen, ging die Tür auf und Großvater trat heraus. Er stand einen Augenblick im Licht der hinter ihm durchs Fenster fallenden Sonne; man sah nur seinen Umriß, golden überstrahlt. Schimmel ging ihm einen Schritt entgegen, und dann tat sie etwas, was sie noch nie getan hatte und was in der Familie eigentlich nicht üblich gewesen war: sie küßte ihm die Hand. Und auf die alte, ein wenig runzlige und doch noch starke Männerhand fiel ein warmer Tropfen.
Großvater beugte sich zu Schimmel hinunter und küßte sie auf die Wange.
„Danke“, sagte er leise, „danke. Ihr meine Lieben, Lieben ...“ er schwieg. Dann warf Plisch sich ihm an den Hals, und die andern folgten. Großvater hob Johannes zu sich auf, den kleinen, dummen und nichtsahnenden Jungen, der den Namen des ältesten Sohnes trug, der auch Großvaters Name war, Johannes Goetz.
„Das habt ihr wunderbar gemacht, wirklich wunderbar“, sagte Neuchen und mußte sich geräuschvoll die Nase putzen; „ihr seid eine großartige Bande. Nein so was, niemand hätte im Leben daran gedacht, ich jedenfalls nicht. Jetzt aber wollen wir frühstücken, ganz unter uns, nur wir, ehe der Strom der Gäste hereinbricht.“
Schimmel und Brita liefen und sprangen. Es war noch früh am Morgen, und ehe die Mamsell und die Mädchen auftauchten, war das Feuer schnell in Gang gebracht, in einer Viertelstunde duftete es bereits bitter und stark nach Kaffee, und Neuchen erschien mit einer Riesenplatte Kuchen.
„Ich wollte ihn ja erst am Nachmittag anschneiden; aber nun muß ich es doch jetzt schon tun. Kommt, kommt. So schön haben wir es den ganzen Tag nicht wieder!“
Sie hatte wirklich recht! Jetzt war das Eßzimmer durchflutet von einer hellen, silbernen Sonne, und vor Großvaters Platz stand ein schönes Glas, in dem die drei Rosen funkelten.
„Schimmel, mein Kind“, sagte der Großvater leise, als sie alle schon fröhlich gegessen und getrunken hatten, „drei Rosen hast du mir gebracht. Drei Kinder habe ich gehabt. Maria lebt noch. Euer Vater ist gefallen, er lebt in Uli fort, mit dem Namen, und, so Gott will, auch im Geist. Johannes, mein ältester ist in Rußland vermißt, niemand weiß von seinem Schicksal. Vielleicht lebt er noch –“ Großvater schwieg einen Augenblick. Dann fuhr er ruhig und in seiner milden, gütigen Art fort: „Ob er lebt oder nicht, ihr habt euern jüngsten Sohn nach ihm genannt. Aber nicht nur in den Söhnen und in den Namen lebt das Blut der alten Familie, auch in den Enkelinnen, Schimmel und Brita, Petra und Claudia.“
Sie schwiegen alle.
„Daß ihr da seid und da bleibt, nie werde ich dankbar genug sein können“, schloß Großvater still und legte seine Hand auf die seiner Schwiegertochter. –
Es wurde ein unruhiger Festtag. Alle halfen nach Kräften, auch Schimmel und Brita taten, was sie konnten; aber es gab doch eine Anzahl schwieriger Situationen. Denn es kam viel Besuch. Die ganze Umgebung wallfahrtete nach Holdershausen, und die Kleinen liefen unbeaufsichtigt dazwischen umher. Johannes war eine Zeitlang verschwunden; Brita fand ihn schließlich in der Speisekammer, wo er Kuchen und Wurst in sich hineinstopfte. Sie schalt und führte ihn ab, während Neuchen nur lachte. Mochte der Bengel nur essen! Am Nachmittag kam Uli; er war mit dem Rad gefahren und wollte am Abend wieder fort, aber dagewesen wollte er eben doch sein. Er brachte einen Aufsatz mit, für den er einen ersten Preis erhalten hatte. Der Aufsatz war sogar gedruckt und honoriert worden.
Mitten in die Aufregung hinein, die diese Neuigkeit verursachte, platzte neuer Besuch, sehr zu Schimmels Ärger, denn sie fürchtete, daß Ulis Verdienst dadurch geschmälert werden könnte. Uli selbst jedoch war es viel lieber so, wie man deutlich merkte; er war kein Mensch, der mit seinen Erfolgen „angab“. Daß er Großvater gerade an diesem Tage eine Freude hatte machen können, freute ihn, damit aber auch genug.
So ging der Nachmittag hin. Man tanzte viel, denn es kam viel neuer Besuch; auch Neuchen tanzte manchen Walzer und Rheinländer.
Schimmel dachte mit Kummer daran, daß Uli bald wieder aufbrechen müßte. Viele Kilometer lagen vor ihm, und er sollte am anderen Morgen wieder in der Schule sitzen.
„Mache dir keine Gedanken, die Nacht ist lang“, sagte er, „und dann ist’s auch kühler. Einen so schönen Tag muß man genießen. Hast du übrigens mit Mutter gesprochen? Was sagt sie denn zu unserm Plan mit der Harzburger Schule?“
Sie tanzten gerade den Walzer „Die schöne blaue Donau“, linksherum und rechtsherum, Schimmel sah im Drehen zu ihm auf.
„Ich habe noch nichts davon gesagt, so feige bin ich. Ich konnte nicht. Es kam dauernd was anderes, und Mutter ist ja den ganzen Tag draußen. Abends hat sie dann noch so viel mit Großvater zu besprechen. Ich hoffte, du würdest einspringen und mir das abnehmen.“
„Heute schwerlich“, sagte Uli – sie tanzten immer noch –. „Du, Schimmel, in den Ferien habe ich was vor, ich will mit ein paar anderen und Gerstenberg eine Radtour machen. Es kostet Mutter nichts, ich habe doch Geld verdient. Es geht nicht einmal alles dabei drauf. Natürlich nicht die ganzen Ferien.“
„Das wird sicher sehr schön für dich“, sagte Schimmel leise, ohne aufzublicken; sie war enttäuscht, denn sie hatte sich so sehr auf die Ferien mit Uli gefreut; aber das wollte sie nicht merken lassen. „Fahrt ihr gleich von dort aus los?“
„Nein, ich komme erst her, einige Tage. Wir treffen uns dann wieder auf halbem Wege, es liegt ja an der Strecke. Wir wollen an den Main. Oder was meinst du? Sollen die andern mich hier abholen? Es sind nette Jungen, alle miteinander.“
„Aus deiner Klasse? Alle? Sicher, das wäre schön“, sagte Schimmel.
„Gerstenberg fragte mich nämlich“, fuhr Uli fort, „als ich hierherfuhr, ob er mich mit den andern hier abholen sollte. Ich konnte es ihm ja nicht versprechen, ich wußte ja nicht, ob das geht. Aber Großvater hat sicher nichts dagegen, wenn die Jungen kommen, was meinst du?“
„Aber bestimmt nicht!“ – Sie tanzten immer noch rundum, als einziges Paar, so daß Schimmels Kleid wehte.
„Du, da kann doch Gerstenberg mit Mutter reden, von ihm stammt ja auch der Gedanke, daß du auf die Schule in Harzburg kommen sollst. Oder? – Na also, ich hatte es so in Erinnerung. Das wäre doch sehr günstig, wenn du Mutter sowieso noch nichts gesagt hast.“
„Es wäre sogar fabelhaft günstig“, sagte Schimmel leise, „Uli, jetzt muß ich aber zu Neuchen in die Küche und helfen.“
Als Schimmel endlich erhitzt und erschöpft in die Küche kam, merkte sie, daß Neuchen doch ärgerlich war. Die beiden Küchenmädel zeigten sich dem Ansturm nicht gewachsen, und sie hatten doch mit Schimmel gerechnet. Mutter war in ein landwirtschaftliches Gespräch mit einem Besuch verwickelt, sie konnte nicht herauskommen. Schimmel war sehr bestürzt, nichts war ihr schrecklicher, als Neuchen heute zu enttäuschen, und so versuchte sie denn, ihr Versäumnis durch doppelten Eifer wieder wett zu machen. Wo steckte übrigens Brita, und wo mochten um Himmels willen die drei Kleinen sein? Sicher waren sie auf Abwegen, und man müßte sich eigentlich nach ihnen umsehen.
Aber es gelang Schimmel nicht einmal, nur einen Augenblick zu entkommen, um Uli auf die Spur der Zwillinge zu setzen. Es ging jetzt hintereinander weiter. Abendbrot mußte gerichtet, der Tisch frisch gedeckt und das Eßzimmer in Ordnung gebracht werden, Neuchen flitzte und war überall und nirgends, und Schimmel konnte nicht fort.
Über dem siebzigsten Geburtstag schien ein guter Stern zu stehen. Als sie den Tisch fertig gedeckt hatten, waren sogar die beiden kleinen Schwestern plötzlich zur Stelle, sauber gewaschen und glatt gekämmt, ja, sie hatten sogar Johannes bei sich. Auch er war übermäßig abgeschrubbt, sein Gesicht glühte, und der Scheitel war mit Wasser angepappt, so daß der kleine Kerl ganz fremd aussah, weil man seine weiße, sonst von den Haaren verdeckte und unverbrannte Stirn sah.
Sie setzten sich alle drei artig und gesittet an den Tisch – Petra hatte manchmal pädagogische Anwandlungen. Großvater brach selbst eine Lanze für die Zwillinge, wie er sie so sitzen sah, als es später hieß, sie sollten ins Bett. Und dabei wollten sie zum Johannisfeuer gehen, und es wäre doch traurig gewesen, die Kleinen davon auszuschließen! Ach, wie ihre Augen strahlten, als Großvater der Mutter zuredete, sie mitzunehmen. Es sei doch nur einmal im Jahr Sonnenwende und dazu noch siebzigster Geburtstag! So durften sie wirklich mitgehen.
Im ehemaligen Klosterpark war der Holzstoß errichtet, und Großvater selbst setzte ihn in Brand, indem er die Fackel hineinstieß. Wunderbar, wie die Funken in einem goldenen Strudel zwischen den hohen Laubbäumen hindurch in den dunkeln Himmel stoben. Schimmel stand neben Uli, der den Arm um ihre Schulter gelegt hatte. Als der Holzstoß schon stark heruntergebrannt war, sprangen sie darüber, zusammen mit den anderen Jungen und Mädels aus dem Dorf, die sich nach und nach eingefunden hatten, und das war für die Kleinen das Signal! Petra wollte auch sofort springen.
„Komm, wir nehmen dich mit“, sagte einer der Jungen, sie faßten sie an beiden Händen und nahmen Anlauf. Hopp, waren sie drüben. Petras weißes Kleid wehte.
„Ich auch! Ich auch!“ rief Claudia, und nun wurde auch sie mitgenommen, nachdem die großen Jungen Brita darübergeschwungen hatten. Bei den großen und gewandten Kerlen brauchte man keine Angst zu haben, daß den kleinen Mädeln etwas zustoßen könnte.
„Und jetzt wir noch einmal“, sagte Uli nach einer Weile des Zuschauens; Schimmel nickte. Sie liefen ein paar Schritte, dann schlug ihnen die Glut ins Gesicht. – „Hopp“! rief Uli halblaut, und dann waren sie darüber weg.
„Schön“, sagte jemand, als sie um den Kreis der Zuschauenden herum auf ihren Platz zugingen, atemlos und noch erregt von dem Sprung. Es war Großvaters Stimme, die diese Worte gesprochen hatte, es klang verträumt und glücklich.
III
Schimmel zählte die Tage bis zu den großen Ferien. Wenn sie es einmal laut tat und unversehens sagte: „Nun sind es nur noch sechzehn“, oder etwas Ähnliches, dann lachten die andern sie aus.
„Du hast es nötig“, sagte Plisch frech, „du als einzige ohne Schulsorgen!“ Schimmel schwieg. Woher sollten auch die andern wissen, was sie bedrückte; denn außer Johannes war sie ja tatsächlich die einzige, die nicht in die Schule ging. Daß man sich nach der Schule sehnen, daß man sich nichts heißer wünschen kann als wieder in die „Fron“ hineinzukommen, das konnte sich solch ein Kind nicht vorstellen. Daß aber auch Mutter davon überhaupt nichts zu merken schien, das verdachte sie ihr zuweilen.
Mutter war sehr angespannt, das war kein Zweifel, sie war den ganzen Tag mit Großvater in der Wirtschaft draußen, von früh bis spät, sie war schon kaffeebraun verbrannt, und dünn war sie geworden, trotz der so guten Kost. Schimmel achtete darauf, daß sie früh wenigstens ein Stück Brot einsteckte, wenn sie mit Großvater hinausging; aber meistens brachte sie es wieder mit. Im Grunde hatte sie nur noch die Wirtschaft, das Gut, die Arbeit im Sinn, die die ihre werden würden. Großvater hatte beschlossen, ihr das Gut später zu übergeben, und das war eine große Aufgabe für eine Frau, die zwar auf dem Lande groß geworden, aber doch auf diesem Gebiet nicht besonders ausgebildet war.
Mutter nahm es ernst. Sie war früh die erste, die wach war, sie kümmerte sich um den Stall und die Futterausgabe, sie war bei der Arbeitsverteilung dabei und saß abends noch über den Büchern, bis selbst Großvater mahnte, Schluß zu machen. Er meinte, man könne nicht alles auf einmal tun, und vieles lerne man unmerklich, einfach durch die Wiederholung jedes Jahr, gerade in diesem Beruf!
Aber es war ein Wille in ihr, zu lernen und aufzunehmen, der an Fanatismus grenzte. Schimmel bewunderte das, weil sie selber zu solchem Fanatismus neigte. Es hatte manchmal den Anschein, als wenn die Mutter, die mit Vater zusammen ein so glückliches Familienleben geführt hatte, sich bewußt von der Vergangenheit losmachen wollte. Wenn sie sich nur etwas mehr Zeit nähme, sich um die Kinder zu kümmern! Aber das überließ sie ganz ihrem Schimmel, obwohl die Mutter doch natürlich nicht ersetzt werden konnte. Die Kleinen gehorchten der großen Schwester nicht immer so, wie es wohl nötig wäre, in der Schule waren sie auch nicht besonders gut, bis auf Petra, der das Lernen leicht fiel. Aber Claudia war unverantwortlich faul, und auch Brita ließ gern fünf Grade sein, bis auf die Handarbeit, ihr Lieblingsfach, in dem sie die Beste der Klasse, ja, der ganzen Schule war.
Und abgesehen von der Schule, die auf dem Lande im Sommer manche Unterbrechung erfuhr durch die verschiedenen Ferien, lag auch sonst viel im argen. Die Mädel verwilderten, da gab es keinen Zweifel. Sie waren nicht da, wenn es zum Essen ging, und erschienen zu Haus, wann es ihnen paßte.
Neuchen, so gern sie vergnügt und freundlich war, hielt sehr genau auf die Tischzeiten. Das muß eine Landfrau ja, sonst läuft die ganze Wirtschaft durcheinander; Schimmel versuchte allerdings dauernd, durch ihre Leistungen in Küche und Haus das wieder auszugleichen, was die Kleinen an Ärger verursachten.
Seit ein Küchenmädel ganz plötzlich gegangen war, war Schimmel eingesprungen, schon um Neuchen zu zeigen, daß sie nicht nur unnütze Brotesser, sondern sich auch einzusetzen bereit waren. Neuchen war damit ganz einverstanden gewesen. Das hieß nun von früh um 5 bis zum späten Abend bereit zu sein. Dazu kam noch etwas anderes. Schimmel wußte nur zu gut, daß sie in der Schule große Lücken hatte. Nun versuchte sie, abends die Schulbücher vorzunehmen. Sie wollte doch, wenn sie wirklich wieder zur Schule gehen durfte, auch mitkommen. Dazu aber reichte es einfach nicht mehr, denn leider war sie des Abends todmüde und schlief über dem Geschichts- oder Physikbuch nach kurzer Zeit ein. Das war ein großer Kummer. Mit Uli würde sie über das alles reden können, deshalb zählte sie die Tage bis zu seiner Heimkehr. Ihm ihre Schwierigkeiten anvertrauen zu dürfen, wie herrlich würde das sein! Und dann gab es auch Kleidersorgen! Mutter war es gleichgültig, was sie selbst anhatte, und ebensowenig kümmerte sie sich um die Kleidung ihrer Kinder. Aber die Leute auf dem Lande waren gerade in diesem Punkt besonders eigen, sie hielten sehr aufs Äußere. Darum kaufte Schimmel Baumwolle zum Stricken, und Brita setzte sich brav hin und strickte weiße Strümpfe für die Geschwister. Prachtvoll schauten sie aus mit dem Zöpfelmuster, nur anziehen konnte man sie nicht, weil Schimmel – natürlich aus Sparsamkeit – Baumwolle gekauft hatte, die sich nicht dehnte. Das war ein großer Fehler.
Endlich kam der Tag, an dem Schimmel beim Aufwachen wußte: Heute kommt Uli! Und auch Doktor Gerstenberg! Ob Schimmel sich auf ihn freute? Neuchen hatte erlaubt, Kuchen zu backen, einen großen Streuselkuchen über mehrere Bleche hinweg. Und Beeren sollten an diesem Tag auch gepflückt werden, damit die Jungen sich einmal so richtig daran voll futtern konnten. Das war nett ausgedacht, und Schimmel war froh, daß die Kleinen tüchtig am Pflücken waren. Sie selbst hatte sich den Kuchen vorgenommen, und Neuchen kochte eine Menge Nudelsuppe mit Huhn. Schimmel machte ein solcher Umtrieb Spaß, sie meinte, wenn sie nicht heiraten könnte, würde sie in eine Jugendherberge gehen, um dort zu kochen. Die Jungen sollten in der Scheune schlafen, jedenfalls nicht im Haus, mit Ausnahme von Doktor Gerstenberg. Uli hatte es nun doch so eingerichtet, daß er gleichzeitig mit den Kameraden zusammen fuhr, dafür aber am Schluß der Ferien noch einige freie Tage zu Hause verbringen würde. Sie hatten gerechnet, daß die Bande gegen Mittag kommen würde. Aber die Mittagszeit ging vorbei und niemand erschien. Die Suppe konnte ja warm gestellt und die Beeren aufgehoben werden. Schimmel tat es aber doch mit unruhigem Herzen. Am nächsten Tag war Wäsche, man hatte es nicht anders einrichten können. Wenn die Gesellschaft also heute nicht kam, war das Programm verdorben.
Endlich abends gegen zehn Uhr waren sie da, leider noch nicht einmal vollzählig, zwei waren wegen einer Panne zurückgeblieben und wurden noch erwartet. Großvater lag schon zu Bett, und Neuchen war gerade im Begriff gewesen, schlafen zu gehen. Die Jungen wurden im Bauernstübchen verpflegt. Das war ein neu ausgebauter, kleiner Raum, in dem die Leute, die auf dem Hof arbeiteten und mit verpflegt wurden, ihr Essen bekamen. Er war ganz bäuerlich eingerichtet mit braunen Deckenbalken, einem klobigen Tisch und bunten Gardinen. Er lag auch ziemlich weit ab von den andern Räumen, so daß man unbesorgt Krach machen konnte. Gerstenberg selbst war so vergnügt und munter, daß es nicht leise zugehen konnte. Er hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet, an diesem Tage bis hierher zu kommen, und war nun doppelt aufgeräumt, daß es doch geklappt hatte. Er und Mutter verstanden sich sofort, zumal da er vom Lande stammte und viel Fachliches wissen wollte. Schimmel schmorte etwas auf glühenden Kohlen, als sie die beiden in so eifriger Unterhaltung sah. Sie hatte der Mutter immer noch nichts von ihrem Schulplan verraten. Er würde doch nicht etwa davon anfangen?
Schließlich gelang es ihr, ihn beiseite zu ziehen. „Nichts von meinen Plänen sagen, bitte!“ flüsterte sie ihm zu. Doktor Gerstenberg sah sie erstaunt an. „Immer noch nichts gesagt?“ Schimmel schüttelte den Kopf, sie schämte sich ihrer Unentschlossenheit. „Schimmel, wo drückt denn der Schuh?“ fragte nun auch Uli leise. Er hatte den Augenblick abgepaßt, als sich die andern auf die Nudelsuppe stürzten und Schimmel eben die Schüssel genommen hatte, um neuen Vorrat aus der Küche zu holen. Uli kam ihr in den Flur nach.
„Ach nichts, Uli, wenigstens nichts Besonderes. Ich hätte so gern einmal ausführlich mit dir geredet; aber das wird ja wohl heute nicht möglich sein.“
„Kaum, Schwesterherz. Aber vielleicht morgen? Gar zu zeitig werden wir nach dieser kurzen Nacht wohl nicht weiterfahren.“
„Das wäre schön“, sagte Schimmel hastig, wenn auch nicht voll überzeugt, sie hatte gleich wieder Befürchtungen, ob der Besuch im Hause nicht zu viel werden würde. Man konnte sich hier nicht so gehen lassen, wie man wohl wollte. Gerade weil Neuchen so nett und verständnisvoll war, durfte man den Bogen nicht überspannen. Schimmel gehörte zu den Menschen, die sich ewig verpflichtet fühlen, auf die Gedanken der andern zu achten. Mutter war viel unbedenklicher. Aber Mutter war auch den ganzen Tag fort und merkte nicht, daß der große Betrieb, der durch den Einbruch der jungen Familie im Gutshaus entstanden war, Großvater und Neuchen eben mit der Zeit doch auf die Nerven ging.
Neuchen sah müde aus, so lebhaft ihr Mienenspiel auch war. Sie hatte Schatten unter den Augen, und morgen war Wäsche, da war sie schon von früh an auf den Beinen. Doch sie ließ sich einfach nicht ins Bett schicken.
Schimmel gab Uli einen Wink. Sie wollten die jungen Reisenden so schnell wie möglich in ihrer Scheune unterbringen, damit endlich Ruhe würde. Er verstand sie und wandte sich an seinen Lehrer. Da aber trafen gerade die beiden Vermißten ein. Nun zog sich die Sache doch noch in die Länge, und es war halb zwei, als endlich Ruhe im Hause herrschte. Gerstenberg hatte, ehe er sich verabschiedete, unbefangen zu Neuchen gesagt, ganz so früh würden sie morgen doch nicht loskommen. Ob er seinen und seiner Leute Kochpott morgen noch mal auf ihren gastlichen Herd setzen dürfe. Sie würden sich ihre Mahlzeit selbstverständlich selbst kochen, hätten alles mit, aber wie gesagt, der Aufbruch könnte ja nicht so zeitig stattfinden.
Neuchen erklärte sich natürlich einverstanden. Schimmel stellte ihren Wecker eine halbe Stunde früher als sonst. Wenn sie nur aufwachte! Im Grunde wäre es vernünftiger gewesen, überhaupt nichtschlafen zu gehen.
Sie überlegte das ernstlich, während sie sich das Haar vor dem Schlafengehen bürstete. Sie war so hellwach und aufgeräumt, daß sie bestimmt nicht gleich einschlafen würde.
Sie stand am Fenster und sah hinaus. Wurde es schon wieder hell oder bildete sie sich das nur ein? Im Garten knackte ein Zweig unter einem Schritt. Sie beugte sich über das Fensterbrett: „Uli?“
„Ja! Bist du noch wach?“
„Sehr. Viel zu schwach. Du, warte, ich komm’ hinunter.“
Sie schlüpfte in den Trainingsanzug und schlich barfuß durch den Flur. An der Hintertür stand Uli.
„Schimmel, ich kann nicht schlafen. Du sahst so versorgt aus.“
„Ach, ich bin doch eine dumme Pute. Daß man mir so was auch gleich ansehen muß.“ Am liebsten hätte sie geheult.
„Du mußt mir alles erzählen.“
„Ach, es ist ja nichts zu erzählen, gar nichts, nur Kleinigkeiten. Lauter kleine Nägel im Schuh. Sachen, die man eigentlich gar nicht auseinanderklauben kann! Ausgesprochen klingen sie so dumm und nichtig.“
„Ist denn hier nirgends ein Platz, wo man vernünftig reden kann?“ fragte Uli.
Sie gingen dem Klosterteich zu und setzten sich an das abfallende Ufer. Das Wasser leuchtete bleich, der Himmel war nicht dunkel, es wehte eine süße, milde Luft.
„Eine Linde blüht“, sagte Uli leise; riechst du es? Ach Schimmel, ist es nicht wunderbar, daß ihr hier seid, daß wir alle wieder eine Heimat haben, eine richtige mit Bäumen und Erde und allem, was zu einer Heimat gehört!“
Er hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt, und als er fühlte, daß sie weinte, nahm er ihren Kopf. So saßen sie eine Weile. Dann fragte Uli vorsichtig: „Willst du nicht sagen, was dich bedrückt?“
Sie schüttelte den Kopf. Das Schlimmste war schon vorbei, fand sie, nun da Uli neben ihr saß. Es fiel ihr ohnehin immer schwer, sich mitzuteilen.
„Ich krieg’ es schon von selbst hin, Uli“, sagte sie und versuchte, tapfer zu lächeln, „laß mir nur Zeit. Doktor Gerstenberg habe ich ja Bescheid gesagt, daß er mir nicht zuvorkommt. Ich habe nämlich mit Mutter noch nicht gesprochen.“
„Immer noch nicht?“ Uli wunderte sich. Sie sagte ein wenig hastig und bittend:
„Ich konnte noch nicht, Uli. Ich bin noch nicht mit mir im Reinen. Kommt ihr auf dem Rückweg nochmal vorbei?“
„Das ist eigentlich nicht vorgesehen, ich wollte mich auf der Rückfahrt ein oder zwei Tagereisen von hier entfernt von den anderen trennen. Aber wenn es für dich sehr nötig ist?“
„Ich will eure Pläne nicht stören“, sagte Schimmel angstvoll, „nein, Uli. Und ich könnte es Mutter ja auch selber sagen, oder du tätest es. Es ist nur das: Doktor Gerstenberg kennt doch den Direktor dort und könnte Mutter das alles so gut klarmachen. Aber –“
„Aber jetzt bist du dir doch noch nicht im Klaren darüber?“ fragte Uli mitleidig. Sie nickte schuldbewußt.
„Nein, Uli. Ich bin es noch nicht. Ich bin weder ja noch nein, weder Fleisch noch Fisch. Ich möchte und will doch nicht ...“ Sie brach ab, denn ihre Stimme schwankte schon wieder.
„Dann laß es doch, bis wir zurückkommen. Schlimmstenfalls rede ich dann mit Mutter darüber. Es ist dir doch recht so? Und vielleicht bringe ich Gerstenberg dazu, daß er auf der Rückfahrt noch den Umweg über Holdershausen macht. Er ist doch so nett.“
„Ach nein“, stammelte Schimmel kläglich. Sie war von der schlaflosen Nacht verwirrt und von den ungewohnten Tränen wie fiebrig. Sie fühlte genauer als sie wußte, daß sich jetzt etwas sehr Wichtiges für sie entschied. Aber es sollte sich noch nicht entscheiden, nein, jetzt nicht. Sie konnte noch nicht Abschied von ihrem liebsten Traum und heißesten Wunsch nehmen, und doch wagte sie nicht mehr, ihn zu verteidigen und durchzukämpfen.
„Komm, laß nur, wir entscheiden heute nichts mehr“, sagte der große Bruder jetzt, und es tat wohl, seine Stimme, die ein wenig dunkel klang, diese Worte sagen zu hören.
Schimmel drückte das tränennasse Gesicht an seine Schulter. Wie warm so eine Mittsommernacht war, und wie heimatlich es roch! Die Linde mit ihrem Duft, das unbewegte Wasser und Ulis Gegenwart, so vertraut und wunderbar beruhigend, das alles kam zusammen. „Tatsächlich, sie schläft“, stellte Uli nach einem Weilchen fest, als er Schimmel gleichmäßig und ruhig atmen hörte und sich ein wenig gerührt hatte, um zu sehen, ob sie wach war. „Schläft das Mädel hier ein. Und ich? Und meine müden Knochen überläßt Schimmel ihrem Schicksal!“
Aber er blieb sitzen. Er mußte ja, es wäre doch geradezu gemein gewesen, sie jetzt wachzurütteln und ins Haus zu scheuchen, den armen kummervollen Schimmel.
Es wurde schon hell, als die Schwester erwachte, und der Teich blinkte wie gleißendes Silber, so hell, daß er ihr durch die geschlossenen Lider geleuchtet und sie aufgeweckt haben mochte.
„Nein, aber Uli, habe ich geschlafen? Und du weckst mich nicht?“
„Nein, Mäken. Du schliefst so sehr schön. Und siehst jetzt auch schon ganz anders als vorhin aus, wie ausgetauscht.“
Es war wirklich so. Schimmel hatte in diesen wenigen Stunden so herrlich geschlafen, wie man das nur in ihrem Alter kann. Ihr war so wohl und frisch und mutig zu Sinn, geradezu wie neugeboren.
„Ich hole jetzt den Badeanzug, und wir baden noch fix, und dann kriechst du noch schnell ins Stroh.“
„Und du?“
„Ich nicht, bewahre. Ich muß in die Küche, schnell noch das Geschirr von gestern abwaschen. Erst mache ich aber in der Waschküche Feuer. Ach du, Uli, ich kann jetzt wieder alles, mir ist so wohl. Danke, du hast mir einen herrlichen Schlaf beschert!“
Sie gab ihm einen flüchtigen Kuß, dann war sie auf und davon, ein schmaler dunkler Strich in ihrem blauen Trainingsanzug, über dem das helle Haar leuchtete.
Uli sah ihr nach und lächelte, wurde dann ernst. Langsam und nachdenklich ging er ums Gutshaus herum und dem Stall zu, in dem die Kameraden schliefen. Schimmel würde es schon richtig machen, er war davon überzeugt. Und er fühlte auch, daß er ihr geholfen hatte, einfach durch sein Dasein; aber er fühlte gleichzeitig noch etwas anderes. Wie sie es auch immer anpacken würde mit ihren jungen Händen, das Leben, es würde nie leicht für sie sein, trotz ihrem Mut, ihrer Zuversicht, ihrem tapferen Willen. Sie gehörte nun einmal zu den Menschen, die es sich nirgends leicht machen können.
IV
Neuchen war an diesem Morgen sehr gerührt, als sie in die blanke Küche trat, und vollends, als sie Schimmel mit den anderen Mädchen zusammen in der Waschküche vorfand und schließlich aus ihr herausfragte, daß sie überhaupt nicht im Bett gewesen war.
„Nein, so was! Dafür tust du aber nun keinen Handschlag, solange die Jungen da sind. Wir werden schon fertig werden!“ sagte sie großmütig. Schimmel war etwas beklommen zumute; sie fürchtete, Doktor Gerstenberg werde so bald nicht wieder wegfinden.
„Aber solange sie noch schlafen, mache ich mit.“ Sie krempelte die Ärmel höher und verkniff sich ein Gähnen. Es war ja gut möglich, daß die müden Wandersleute bis neun oder zehn Uhr nachholten, was sie am Anfang der Nacht versäumt hatten, und bis dahin ist man auf dem Lande schon weit mit der täglichen Arbeit. Sie jedenfalls war gewillt, mitzumachen.
Großvater kam vorbei und beobachtete ein Weilchen, auf seinen Stock gestützt, Schimmel und das Küchenmädel, wie sie sich bei der Wäsche tummelten. Er hatte so seine Gedanken dabei.
Er liebte Schimmel. Natürlich liebte er alle seine Enkel, das war klar; aber wo eine Mutter oder ein Vater gleichmäßig und gerecht lieben dürfen, da darf doch ein Großvater – so sagte er sich und lächelte dabei vor sich hin – auch einmal eine besondere Vorliebe haben. Die Kinder brauchten davon nichts zu wissen und wußten es auch nicht, im Gegenteil, sie glaubten, er bevorzuge Johannes. Vielleicht um dessen Namen willen, der auch der seine war, oder aber Claudia sei sein besonderer Liebling, die sich um seine Gunst bemühte. O ihr Dummköpfe! Großväter sind nicht so kritiklos, wie ihr denkt!
Seine Liebe zu Schimmel aber hatte einen andern Ursprung, sie ging weiter zurück. Schimmel erinnerte ihn weniger an seinen Sohn Ulrich, dem sie äußerlich ähnlich sah, als an seine eigene Mutter, auf die er sich aus seiner ersten, bewußten Kindheit her noch sehr gut besann.
Und sie war reizend anzusehen in ihrem Eifer, so hübsch und blühend in ihrer noch ganz unbewußten Jugend.
Doktor Gerstenberg war, aller Erwartung zuwider, zeitig aufgestanden. Er erschien fröhlich und unbekümmert in kurzer Hose im Hof, wusch sich am Brunnen und rasierte sich auch dort. Claudia kam mit dieser Nachricht zu Schimmel gerannt und wollte sich darüber totlachen. Aber Schimmel nannte das ein albernes Gehabe. Natürlich mußte er sich rasieren, er konnte ja nicht wie der Nikolaus umherlaufen.
„Du bist wohl schlechter Laune?“ fragte Claudia spitz. Schimmel wandte ihr verächtlich den Rücken. Sie merkte, daß ihre Verteidigung etwas zu feurig ausgefallen war. So nahm sie einen Stapel Taschentücher, drückte ihn Plum in die Hand und sagte barsch:
„Bitte, hänge auf, aber ordentlich, verstanden?“
Neuchen hatte angeordnet, daß für die Jungen im Garten gedeckt würde, aber Doktor Gerstenberg hatte himmelhoch gebeten, keine Umstände zu machen. Sie hätten ja jeder einen Fahrtenbecher, und den würden sie auf den Tisch stellen und nachher am Brunnen ausspülen. Brot hätten sie auch.
„Brot!“ lachte Neuchen. „Hier!“, und sie drückte dem jungen Lehrer die Riesenplatte Kuchen in die Hand, die sie soeben in der Speisekammer aufgeschnitten hatte. Sein Gesicht verklärte sich. Er gönnte seinen Internatsjungen, die doch im größten „Freßalter“ waren, das Beste. Nach dem Frühstück verlangten die Jungen stürmisch nach einem Völkerballspiel. Die beiden Kleinen, Plisch und Plum, sprangen hoch vor Begeisterung. Man zog gemeinsam zum Holzplatz, und nun ging es los.
Die Geschwister pflegten sonst „Familie Goetz“ gegen das Dorf zu spielen und zu siegen. Schimmel meinte, es sei nur recht und billig, wenn auch jetzt die Familie Goetz zusammenspiele. Aber dann war sie auch einverstanden, als die beiden größten Jungen, Uli und Rüdiger, der älteste der Fahrtteilnehmer, zum Wählen bestimmt wurden. Man stand im Kreis, und es wurde blitzschnell gewählt, erst die besten Jungen, die sich und ihre Fähigkeiten gut kannten, dann Gerstenberg und dann die Mädel, mehr dem Alter nach, weil die Jungen ja nicht wußten, wie sie spielen würden. Oh, die Jungen sollten was erleben!
Aber wer etwas erleben sollte, das waren überraschenderweise die Goetzschen Geschwister. Die Jungen spielten derart scharf und schnell, daß man den Atem verlor; bereits in der ersten Minute waren von Schimmels Partei drei Mann abgeschossen. Zum Glück war Plisch noch im Feld. Und an Plisch, die nach der ersten Verblüffung sich auf ihren Ruhm und Ehrgeiz besann, bissen sich die Jungen nun doch einige Zähne heraus.
Plisch war so gut wie nicht zu treffen. Sie war noch klein, biegsam und sehr wendig. Als der Ball einmal etwas weiter weg in die Brennesseln flog, hatte sie Zeit, das Kleid, das sie noch trug, über den Kopf zu ziehen und seitlich wegzuwerfen. Nun, im Turnzeug, war sie erst richtig in ihrem Element. Trotzdem mußte sie ungeheuer aufpassen.
Die Jungen spielten so, daß man nicht nur von hinten, wo der Spion stand, sondern ringsum vom feindlichen Feld aus abschießen durfte. Plisch, als die einzige „Überlebende“, mußte also nach drei Seiten hin achtgeben. Und die Jungen warfen so, daß Treffer nicht nur blaue, sondern feuerrote Flecke hinterließen.
Aber sie hielt sich. Sie fegte umher, wich seitlich aus mit großer Gewandtheit und überschlug sich auf der Erde, wenn sie einem flachen Schuß ausweichen mußte, schnellte wieder hoch. Ihre Zöpfe hingen halboffen um die Schultern, und ihre Augen funkelten.
Jetzt – das war ein Schuß, dem nicht auszuweichen war. Mitten auf den Mann, von ganz nahe – jetzt war es aus. Schimmel wollte schon ins andere Feld hinübergehen, damit das Revanchespiel beginnen sollte, da sah sie, daß Plisch den Schuß, der sie mitten auf den Bauch getroffen hatte, hielt. Ihre Hände mußten brennen, aber sie hielt fest, der Ball fiel nicht herunter. Und nun wurde aus dem gejagten Hasen im Augenblick der Jäger.
Schuß, weg war der eine Junge, Plisch hatte ihn am Knie getroffen. Diese Bälle waren nicht zu halten. Der Ball prallte zurück in ihr eigenes Feld, sie warf sich nach vorn und erwischte ihn um Haaresbreite, ehe er in den Außenraum rollte. Schuß, der nächste Junge, der sich vor der „Kleinen“ nicht in acht genommen hatte, und nun stand es tatsächlich eins zu eins, auf jeder Seite ein letzter Mann. Plisch gegenüber allerdings ein wirklicher Mann, ein Junge, der ungefähr doppelt so lang war wie sie.
Das sah so komisch aus, daß sie alle laut loslachten, nur Plisch und der Junge nicht.
Das Spiel wurde tatsächlich zum Schauspiel. Die anderen hatten nichts mehr zu tun, die beiden bepfefferten sich mit Bällen, die sie fast alle hielten. Wenn die Außenmänner eingegriffen hätten, wäre es ja kein Zweikampf mehr gewesen, der ihnen aber gerade Spaß machte.
Der Ball verließ die beiden Felder nicht mehr. Plisch rollte auf der Erde und der Junge machte große Sprünge, angelte den Ball aus den unwahrscheinlichsten Gegenden und schoß, so scharf er konnte. Es ging lange hin und her; von Schonung oder Kavaliersrücksichten war nicht die Rede. Schließlich landete der Junge einen Volltreffer zwar nicht auf Plisch, aber doch auf ihren Zopf, der gerade waagerecht seitlich flog.
„Tot“, schrien die rauhen Jungenkehlen, aber Plisch protestierte gellend. Einen Zopf könne man abschneiden, ohne daß es weh tue; der Schuß sei höchstens ein Streifer gewesen. So, wie wenn der Ball einen flatternden Rock treffe.
„Ja, immer wollt ihr Vorteile haben“, pustete der Siegreiche, „wir haben keine Zöpfe, natürlich!“
Das klang so unbeschreiblich komisch in seiner anklagenden Wut, daß sie alle brüllend loslachten. Wolf war ja im Grunde froh, daß er wenigstens so weit gesiegt hatte; denn wie blamiert wäre er sich vorgekommen, wenn dieses zehnjährige Mädel ihn doch, was durchaus möglich gewesen wäre, getroffen hätte. Damit war die bedrohlich ernst gewordene Lage gerettet, und man einigte sich auf unentschieden.
Als Doktor Gerstenberg gleich nach dem Mittagessen von Wegfahren sprach, widersprach Schimmel nicht, obwohl sie es so schön gefunden hätte, wenn der Besuch noch einen Abend geblieben wäre. Wirklich zünftig sah die Kolonne aus, als sie dann endlich mit Rucksäcken und Packtaschen, mit Reserveschläuchen und Zeltbahnen ausgerüstet, abrückte. Als sie alle aufsaßen, packte Uli Schimmel und setzte sie vorn seitlich auf seine Stange.
„Jetzt wirst du entführt, los, du mußt mitkommen“, bestimmte er, und alle jubelten Beifall; auch Neuchen, die es sich natürlich nicht hatte nehmen lassen, beim Start dabei zu sein. Sie rief vergnügt: „Nehmt sie nur mit. Wollt ihr sie nicht überhaupt mitnehmen?“
„Los, ja, das wäre prima“, riefen die Jungen, und auch Gerstenberg war sehr einverstanden.
„Sie müßte uns kochen und die Knöpfe annähen, so was fehlt uns gerade“, sagte er. Schimmel lachte und sträubte sich, wenn auch nicht sehr, denn sie wäre doch sehr gern mitgefahren.
So guckte sie nur ein wenig verlegen zu Doktor Gerstenberg hin.
An der Waldecke, wo Großvaters Flur endete und der lange Berg anfing, bat Schimmel, abgesetzt zu werden. Die Jungen überlegten ernsthaft, ob man sie nicht mit Gewalt zwingen solle, mitzukommen. So was gab es früher, sagten sie und fanden, sie seien doch in ein ziemlich fades Zeitalter hineingeboren. Gerstenberg lachte. Einen Umbruch hatten die Jungen erlebt, wie er wohl seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht dagewesen war, Flucht und Elend, Grenzübertritte und primitives Lagerleben, nicht aus Romantik, sondern aus bitterster Notwendigkeit, schwere Arbeit in jugendlichem Alter, Kampf ums Dasein – und sie fanden, daß sie doch allzu bürgerlich lebten! Aber es war doch gut so, daß Jugend so etwas genießt, statt darunter zu leiden.
Sie setzten sich noch ein wenig ins Gras an den Waldrand, und einer der Jungen knipste sie alle. Die Sonne stand schon schräg. Wie schön war doch die Heimat, auch hier! Schimmel ließ sich auf der Karte zeigen, wo sie überall hinwollten. Bamberg und Würzburg, Wertheim und Miltenberg standen auf dem Programm.
„Vielleicht fährst du nächstes Jahr mit, wenn du ein eigenes Rad hast“, tröstete Uli, und Schimmel nickte. Natürlich, die Möglichkeit gab es vielleicht später noch.
Schimmel stand noch eine Weile und winkte ihnen nach. Aber nicht Uli war der letzte, der sich zu ihr umdrehte, sondern Gerstenberg. Dann wandte sie sich schnell um und ging rasch los, als wollte sie diesen Gedanken entkommen. Gleich darauf hörte sie sich angerufen. Sie sah auf und erkannte unten an der Chaussee Großvaters Wagen, die „Spinne“, den hochräderigen Einspänner, mit dem er um die Felder zu fahren pflegte. Rasch lief sie die Wiese hinunter, ihm entgegen.
Er saß im Wagen und hatte die Zügel in seinen guten, alten Händen und sah ihr freundlich entgegen.
„Komm, steig ein, da brauchst du nicht zu laufen.“
Sie tat es. Sie war nur selten mit Großvater um die Felder gefahren, und es war ihr ein wenig feierlich zumute, als sie es jetzt wieder einmal durfte. So neben ihm zu sitzen war eine Auszeichnung, und sie wagte kein Wort zu sagen.
„Siehst du, das ist Saatweizen. Steht er nicht großartig?“ fragte Großvater nach einer Weile. „Er muß ganz rein sein, dort sieht man zum Beispiel noch einige Roggenähren. Voriges Jahr stand hier Roggen. Die müssen wir noch alle herausreißen, ehe geerntet wird.“
„Großvater“, fragte Schimmel, „wie kommt man eigentlich zu neuen Getreidesorten? Das habe ich mir schon immer überlegt. Warum nehmt ihr immer neue?“
„Neue Sorten entstehen durch Kreuzung. Das macht die Saatzucht, so wie die Tierzucht neue Leistungstiere hervorbringt, indem sie Rassen kreuzt“, sagte Großvater. „Saatzucht ist etwas sehr Interessantes und Wichtiges. Und neue Sorten braucht man, weil die alten, auch die bewährten, sich erschöpfen. Man muß viele Fachzeitschriften lesen und Vorträge hören, und auf anderen Gütern muß man sich umsehen, herumhorchen und fragen, damit man auf der Höhe bleibt. Wäre das nicht einmal ein Beruf für einen von euch, Saatzucht oder auch Tierzucht?“
„Vielleicht für Uli“, sagte Schimmel ein wenig hastig. „Uli ist ja doch der geborene Landwirt, er ist auch so froh, daß wir hier sind.“
„Du auch?“ fragte Großvater.
„Ich? Ach, Großvater, du kannst dir nicht vorstellen, wie gern ich hier bin!“ Schimmel schwieg. Sie waren jetzt so weit gefahren, daß sie Holdershausen vor sich liegen sahen, in der sanften Talmulde, in die es gebettet lag, mit den alten Gebäuden und Ställen, den riesenhaften Linden, dem Kornhaus, das kühn und steil aufragte. Es war schon vor dem Dreißigjährigen Krieg gebaut worden und es erinnerte fast an ein Schiff in seiner schmalen, steilen Art. Wie es über der Schmiedetür dunkel angeraucht war, alles so echtso wie gewachsen, so unverfälscht und stark.
Noch vor zwei Jahren hatte sich Schimmel keinen rechten Begriff von Westfalen machen können, und nun liebte sie dieses Land schon mit seinen welligen grünen Hügeln, den fruchtbaren Feldern und den vielen Koppeln mit buntem Vieh. Ja, und die breitgiebeligen alten Bauernhäuser und Gutshöfe, die nur selten von einer geschmacklosen Zeit in ihrem niedersächsischen Stil verschandelt wurden. Viele Häuser trugen noch immer die gekreuzten Pferdeköpfe am Giebel, und die roten Backsteinmauern stachen rot und freundlich vom dunklen Fachwerk der Eichenbalken ab. Viele riesige Eichen gibt es in Westfalen, wie wohl nirgends sonst mehr in Deutschland. Sie stehen dicht um die Höfe und bilden zusammen mit den niedrigen Mauern aus unbehauenen Feldsteinen einen wuchtigen Schutz, der von außen jeden Bauernhof zu einem Herrenhof macht.
Schimmel konnte sich eine ganze Weile nicht von dem schönen Blick über das Dorf trennen. Kein Gebäude, das nicht in das Bild hineinpaßte. Vom alten Klosterhaus angefangen bis zu der neuen Schule, die links von der Einfahrt lag, etwas hingekuschelt am Hang. Nicht einmal das Gasthaus, das etwas abseits vor nicht allzu langer Zeit erbaut worden war, störte das Bild, vom alten Forsthaus gar nicht zu reden. Das war in seiner behäbigen Breite mit den vier Steinputten davor, die Frühling, Sommer, Herbst und Winter darstellten, so echt und bodenständig wie nur möglich; es war einmal das Haus der Äbte gewesen. Und dahinter der Wald, sanft ansteigend bis zu einem wirklichen Berg, auf dem, haarscharf hingezeichnet, ein hölzerner Turm stand, die „Nadel“.
„Hat Vater Holdershausen auch so geliebt?“ fragte Schimmel endlich.
Großvater hörte das „auch“, das ihr unbewußt entschlüpft war, und fühlte das kleine Wort warm in sein Herz fallen.
„Sehr“, sagte er ruhig, „obwohl er ja fortging. „Johannes hätte das Gut übernommen, wenn er wiedergekommen wäre. Aber dein Vater liebte seine Heimat auch sehr, und er wäre sicher froh, wenn er wüßte, daß ihr jetzt hier seid.“
Jetzt, ja, jetzt sollte er es wissen. – „Großvater“, fuhr Schimmel nach einer kleinen Pause fort, „Großvater, sag, glaubst du, daß etwas, was man tun muß – nein, tun will, aus eigenem Antrieb, daß das weniger wert ist, wenn man es gern tut?“
„Eine merkwürdige Frage“, sagte Großvater und lachte, aber nicht überlegen spöttisch wie andere Erwachsene manchmal, sondern sehr verständnisvoll. „Eine Frage, die einem oft im Leben begegnet. Muß der Pfad der Pflicht immer und überall dornenvoll sein? Du meinst wie viele andere auch, die allzuviel nachdenken, ein Opfer, das man bringen will, müsse weh tun, sonst sei es kein Opfer. Ich aber bin anderer Meinung, Schimmel, und da du mich fragst, antworte ich dir offen. Das Wort Opfer klingt so großartig; aber es ist besser, man tut es gern, mit frohem Herzen. Deshalb, kleiner Schimmel, wenn du etwas tust, dann tu es gern und freundlich, soweit es in deiner Macht steht. Und die Art, in der wir handeln, steht immer in unserer Macht. Kennst du den Spruch:
Wohltun und nicht freundlich sein,
reicht ein Brot und macht’s zu Stein.“
„Nein, Großvater, ich hab ihn nie gehört. Aber erlebt haben wir das im Krieg allzu oft.“
Sie sah ihn einen Augenblick an. Er erblickte eine Dunkelheit im Grunde ihrer Augen, die er sonst nie bemerkt hatte. Ganz folgenlos, wie es manchmal schien, war die wilde Zeit an diesem jungen Menschen also doch nicht vorübergegangen.
„Sicher, Schimmel. Und du hast es nicht vergessen. Vergiß es auch nicht, wenn es auch weh tut. Es bewahrt uns davor, selbst so zu werden, wie andere waren, oft nur aus Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit.“
Sie fuhren nach Holdershausen zurück, schweigend, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Aber es war doch hell und froh in Schimmels Herzen, obwohl der Traum darin ausgeträumt war – – – der Traum vom Internat in Harzburg. Sie wußte, daß sie zu Hause jetzt nicht zu ersetzen war, und wollte das Opfer bringen. Freundlich und guter Laune wollte sie es tun.
V
Schimmel war sehr erstaunt, am übernächsten Tag beim Frühstück einen Brief mit einer ihr unbekannten Handschrift zu erhalten, mit Bleistift gekritzelt, Poststempel nicht zu erkennen. Sie riß ihn auf und sah nach der Unterschrift. K. G. – Nanu, wer war denn das?
Sie las, obwohl sie dauernd von den Kleinen gestört wurde, die eine Schnitte gestrichen oder Milch nachgeschenkt haben wollten. Das ging so lange, bis sogar Mutter aufmerksam wurde.
„Laßt Schimmel doch mal lesen, sie hat nicht eine Sekunde Zeit!
Schimmel ging ins Herrenzimmer hinüber und stellte sich zum Lesen ans Fenster. Von draußen klang der morgendliche Gutshoflärm herein, der Bulldog puffte und der Schmiedehammer erklang, Kannen klapperten. Sie las:
„Lieber Schimmel,
es ist vielleicht komisch, daß ich Ihnen schreibe, wo ich doch mit Ihnen hätte reden können. Aber es kam ja nicht dazu. Mir ist bange um Ihren ‚Sternenkurs‘. Ich habe schon gemerkt, wie der Hase läuft. Aber ich weiß nicht, ob er in der richtigen Richtung läuft. Es handelt sich ja um nicht mehr und nicht weniger als um Ihre Zukunft.
Es ist kein Egoismus, sich einen Beruf zu erkämpfen, im Gegenteil. In ihrem Falle um so mehr, da Sie keinen Vater mehr haben. Ihre Mutter wird es Ihnen eines Tages danken, wenn Sie jetzt fest bleiben. Manchmal ist es leichter, zu verzichten, weil man da Unannehmlichkeiten aus dem Wege geht; leichter, als sich das zu erstreiten, was einem für später wichtig ist.
Ich will Sie nicht beeinflussen. Ich will Sie nur zu sich selbst führen. Ich habe viel an Sie und Ihre Entscheidung gedacht, sonst wäre ich nicht mit den Jungen über Holdershausen gefahren. Nun habe ich gesehen, in welche Richtung Sie sich gewendet haben. – Schon endgültig? Überlegen Sie gut, ehe Sie es aussprechen. Entscheiden Sie selbst.
Ich bin, wie Sie auch entscheiden, immer da, wenn Sie einmal einen Berater brauchen. Und ich grüße Sie herzlich.
Ihr K. G.“
Karl Gerstenberg. Es fiel ihr ein, daß er mit Vornamen Karl hieß. Karl der Große sagten die Jungen manchmal, wenn sie ihn neckten. Er war ja nicht übermäßig groß, vielleicht eine Handbreit größer als sie, das war für einen Mann nicht erheblich. Aber er war, so jungenhaft er sich gab, doch ein ernster und richtiger Mann.
Schimmel stand sehr nachdenklich mit dem Brief in der Hand und sah hinaus in den Hof. Er hatte alles sehr genau gesehen und erkannt, was ihr selbst noch gar nicht klar geworden war.
Merkwürdig. Mit keinem hatte sie gesprochen, mit Uli nicht, mit Gerstenberg nicht, mit Großvater nicht. Und alle drei hatten genau gefühlt, worum es ihr ging.
Ich muß allein durch, sagte sie sich, ich muß es selber entscheiden. Gestern war ich so nahe daran, daß ich glaubte, es wäre schon entschieden. Und heute? Gerstenberg hat recht, es ist wichtig, und Mutter wird es mir eines Tages vielleicht danken. Aber sie braucht mich doch jetzt!
„Seht doch mal Schimmel an“, sagte Mutter drüben am Tisch halblaut. Sie sagte es freundlich und belustigt, während sie Neuchen die letzte Tasse Kaffee eingoß. „Seit mindestens fünf Minuten steht sie dort am Fenster und guckt hinaus.“
Mutter lachte mit ihren blanken braunen Augen. „Sie schlägt mit ihrem ruhigen Temperament ganz in eure Familie hinein, Vater, Gott sei Dank. Es ist ja auch typisch, daß sie alle eure blauen oder doch wenigstens hellen Augen haben, alle sechs, keins meine dunklen.“
„Darum ist es nun wieder schade“, sagte Großvater in seiner unnachahmlich ritterlichen Art und legte seine Hand auf die der Schwiegertochter, „ich teile deine Meinung durchaus nicht, wenn du dich freust, daß die Kinder wenig von dir mitbekommen haben. Du bist ein sehr ‚ordentlicher Kerl‘, um einmal in der burschikosen Sprache der heutigen Zeit zu reden. Ich habe noch kaum je einen so tüchtigen Mitarbeiter gehabt.“
Schimmel war gerade an den Tisch getreten und hatte Großvaters letzte Worte gehört. Sie sah zu Mutter hin, die rot geworden war wie ein junges Mädel. Schimmel verstand das vollauf. Großvater gab es eben nur einmal auf der Welt.
In diesem Augenblick zeigte es sich, daß Schimmel doch einiges von Mutter mitbekommen hatte, von Mutters lustiger und unverwüstlicher Art. Sie war plötzlich nur noch froh, daß Gerstenberg ihr geschrieben hatte. Es war so nett von ihm, daß er sich um sie kümmerte. Schimmel, die bis dahin so stumm und nachdenklich gewesen war, setzte sich strahlend und vergnügt vor ihre längst kalt gewordene Tasse Kaffee und begann so morgenhungrig zu futtern, daß Großvater still in sich hineinlachte. – –
Ein paar Tage später bekam Großvater einen Brief, über den er sehr befriedigt zu sein schien. Er las ihn und legte ihn dann offen vor sich hin.
„Sag, Neuchen, könntest du Schimmel für einige Zeit entbehren?“ fragte er. „Da fragt mich eben Hans Steffens aus Hamburg, du weißt doch – ob ich nicht unter meinen zahlreichen Enkeln ein Mädel hätte, das im Alter seiner Frauke stünde. Siebzehn ist Frauke, schreibt er. Sie hat nur Brüder und möchte so gern mal eine größere Segelfahrt mit einigen Jungen machen, aber nicht ganz allein unter der Männlichkeit. Wäre das nicht was für Schimmel?“
Plisch und Plum rissen die Augen weit auf. Eine Segelfahrt, wunderbar! Wenn nur jemand mal nach ihnen verlangte für eine solche Gelegenheit!
„Wo denn? Auf der Elbe oder auf dem Meer? Und allein mit den Jungen? Ohne Erwachsene?“ sprudelte Plisch heraus, und Plum setzte sofort ihr beleidigtes Gesicht auf:
„Immer Schimmel“, brummte sie vorwurfsvoll, „immer bloß Schimmel!“
„Na, wißt ihr, was hat denn Schimmel dauernd vor euch voraus, möchte ich wissen“, sagte Neuchen ärgerlich, sie mochte nichts so wenig leiden wie beleidigte Gesichter. „Bitte, sag’ mir, Claudia, was Schimmel einmal hatte, was ihr nicht bekommen habt.“
„Doch! Doktor Gerstenberg wollte auch sie mitnehmen auf die Radfahrt und nicht uns ...“
„Wollte. Aber ist sie etwa mitgefahren?“
„Bloß weil sie kein Rad hatte!“
„Das ist nicht wahr“, fuhr Schimmel heftig auf, „ich bin nicht mitgefahren, weil –“
„Doch, du wärst, wenn du eins gehabt hättest. Und nächstes Jahr –“
„Ihr seid Neidhämmel!“ –
Der tugendhafte Schimmel – Plum, das freche Mädchen, nannte ihn sogar manchmal im Zorn „einen unerträglichen Tugendbold“ – hatte natürlich tausend Bedenken und wollte die Einladung nach Hamburg nicht annehmen. Wer sollte die Kleinen versorgen? Gerade in den Ferien waren sie nicht einmal in der Schule untergebracht. Wer würde Neuchen beim Einkochen helfen? Mutter war in der Ernte noch beschäftigter als sonst.
Doch dieses Mal halfen Schimmel keine Ausreden, sie mußte reisen. Mutter und Neuchen und Großvater, alle zerstreuten sie Schimmels Einwände. Na, sie freute sich natürlich doch. Sie freute sich sogar ganz mächtig, als die Reise nun beschlossene Tatsache war, und sie machte sich überstürzt ans Packen. Rür die nötigsten Anschaffungen hatte Großvater etwas gespendet, er meinte, eine Segelhose müsse sie doch wohl mit an die Elbe nehmen.
Eines Nachmittags fuhren Schimmel und Brita in den kleinen Ort, an dem die Bahn lag. Ein Städtchen war es nicht, vielmehr ein großes Dorf mit einigen Läden.
„Wir müssen Johannes was mitbringen“, sagte Schimmel, als sie am Anfang des Ortes vom Rad stieg. Sie hatten nur ein einziges Rad, das des Gutseleven, und Schimmel hatte Brita verbotenerweise hinten auf dem Gepäckhalter genommen. Das ging ganz gut.
„Ja, ein Eimerle. Oder einen Ball, einen recht bunten!“
„Den verkullert er“, sagte Schimmel überlegend. „Lieber etwas, was nicht so leicht verloren geht. Einen Bären?“ Aber Bären gab es hier in den Läden nicht.
Und so mußten sie für den Einkauf doch nach Warenburg fahren. Warum nicht? Zeit hatten sie, und ein Bär wäre eben doch sehr schön für Johannes. In Warenburg würden überhaupt alle Einkäufe besser zu machen sein.
In der Kreisstadt stellten sie das Rad auf dem Marktplatz ein und begannen einen großen Stadtbummel. Schimmel lud zunächst einmal Brita zu einem Eis für zehn Pfennig ein. Dann besorgten sie den Bären, der war ja das Wichtigste, und sie bekamen einen puschligen, braunen mit dem verschmitztesten Bärengesicht der Welt.
„Wenn wir aber Johannes etwas mitbringen, müssen auch Plisch und Plum was haben“, sagte Schimmel, „Plisch wünscht sich eine Laubsäge. Ob das sehr teuer ist?“
Eine Laubsäge war durchaus erschwinglich, wenigstens eine ohne Zubehör, aber Schimmel nahm eine, die mit Bohrern, Sägeblättchen, Zange und allem sonstigen Zubehör großartig auf eine Pappe geheftet war, aber freilich mehr kostete.
Plum? Plum sollte Kamm und Spiegel haben, weil sie immer umherlief wie ein Indianer. Vielleicht lernte sie dadurch auf sich achten. Sie fanden ein schönes rotes Etui. Eigentlich war es ja zu schön für Plum, aber einmal würde ja auch aus ihr ein richtiges Mädel werden.
Wozu eigentlich jetzt alle die Geschenke? Es war doch gar kein Geburtstag fällig. Ach, Schenken machte ja solche Freude!
„Mutter muß auch was bekommen“, bestimmte Schimmel. „Vielleicht ein Notizbuch mit Bleistift? Damit sie sich immer aufschreiben kann, was nötig ist. Und Großvater bekommt einen Drehbleistift. Er hat keinen, das weiß ich.“
Sie kauften einen silbernen. Er war sehr teuer, aber man bekam sofort den Namen unentgeltlich hineingraviert. Und Neuchen? „Weißt du, es ist besser, Neuchen bekommt das Etui mit Kamm und Spiegel, für Plum ist das doch noch nichts“, sagte Schimmel nachdenklich. „Plum schenken wir eine Sparbüchse“. Sie hatte eine entdeckt, die ganz lustig war. Man konnte Zehnpfennigstücke hineinwerfen, und vorn zeigte eine Uhr an, wieviele darin waren.
„Aber Uli muß auch was bekommen!“
„Du, wollen wir nicht erst besorgen, was sein muß?“ Brita hatte das Geld nicht in den Händen, sie bekam jetzt leichte Befürchtungen, daß es nicht reichen könnte. Schimmel aber war nicht zu bremsen. „Wenn alle was kriegen, muß auch Uli was haben“, sagte sie nachdrücklich und öffnete entschlossen die Tür einer Buchhandlung. Dort blieben sie sehr lange. Und als sie wieder herauskamen, war Schimmel wie benommen. Immer ging ihr das so in Buchläden.
„Weißt du“, sagte Schimmel und schob ihren Arm unter den Britas, während sie über den Marktplatz gingen, „ich habe mir schon überlegt: eine weiße Segelhose ist doch eigentlich Unsinn. Furchtbar unpraktisch. Oder? Eine richtige derbe Trainingshose tut es auch, und dazu kann man einen Pullover tragen, auch zu Hause. Überhaupt sind abgewetzte Sachen viel zünftiger. Wenn ich nach Hamburg käme und hätte alles nagelneu, wäre mir das peinlich. Du borgst mir doch deine weiße Bluse, nicht wahr?“
„Wieviel Geld hast du eigentlich noch?“ fragte Brita schüchtern. Schimmel gestand, daß sie es nicht ganz genau wisse, aber nun zählte sie wenigstens die Scheine, die großen und die kleinen, die sie zusammengepackt in der Hand hielt. Dann lachte sie erleichtert. „Du, es reicht. Für eine Trainingshose reicht es noch. Aber –“
„Was denn?“
„Wir haben ja noch nichts für dich!“
„Für mich? Was willst du denn für mich? Mir brauchst du doch nichts mitzubringen, ich bin doch mit hier“, sagte Brita. Schimmel sah sie nachdenklich an.
„Meinst du? Aber –“
„Unsinn!“
„Dann komm“, lachte Schimmel, zog sie mit sich in den Laden, in dem sie sich kurz umsah. Schnell hatte sie das entdeckt, was sie suchte. „Von dieser roten Wolle da“, sagte sie bestimmt, „ja, und Stricknadeln dazu. Nun noch eine Trainingshose, aber die gibt es wohl da drüben?“
„Du bist verrückt, nun reicht es nicht mehr“, jammerte Brita, die so leidenschaftlich gern strickte und daher wußte, was Wolle kostete.
„Es reicht, es reicht“, summte Schimmel vor sich hin, und wahrhaftig, es reichte. Sie kriegten es hin, wie der schöne Ausdruck lautet. Eine etwas verblichene, weil lange im Fenster gelegene Hose, gerade in Schimmels Länge, und großartige Qualität, konnten sie mit den letzten Pfennigen noch bezahlen.
„Das haben wir toll hingekriegt“, seufzte Schimmel und warf einen Blick auf die Kirchturmuhr, während sie dem Radwächter zuschlenderten, „mehr hätte sie aber wahrhaftig nicht kosten dürfen.“
Brita erschrak, denn Schimmel war stehen geblieben und starrte ihr entgeistert ins Gesicht. „Was ist denn los?“
„Wir haben doch das Rad noch nicht geholt! Das kostet doch auch etwas! Und man muß bezahlen, wenn man es abholt!“
Richtig. Du lieber Himmel, natürlich! Sie hatten das Rad nicht angeschlossen, sondern zum Parkwächter in einen Ständer gestellt, wo man eine Nummer als Quittung bekam. Da es nicht ihr eigenes war, hatten sie das für nötig befunden. Jetzt saßen sie da.
„Hast du gar nichts mehr?“ fragte Brita. Schimmel schüttelte die Mähne.
„Bis auf fünf Pfennig. Du warst ja dabei.“
„Na, so was. Und jetzt?“
Ja, und jetzt? Jetzt war guter Rat teuer. Es handelte sich um fünfundzwanzig Pfennige, und zum erstenmal im Leben merkten die Mädel, was für ein Unterschied besteht zwischen Geld, das man hat, und Geld, das einem fehlt. Fünfundzwanzig Pfennig, doch wahrhaftig nicht viel, wenn man es hat! Was kann man schon groß dafür kaufen? Ein paar Brötchen, zwei Postkarten; ein Mann würde sagen: zwei Zigaretten. Wenn man sie aber nicht hatte, da bedeuteten sie in ihrem Fall wenigstens dreißig Kilometer Fußmarsch. Sie mußten, fremd wie sie hier in der Stadt waren, zu Fuß nach Hause laufen, das waren fünfzehn Kilometer. Dort das Geld erbitten – was dabei herauskommen würde, wenn sie mit Geschenken beladen und ohne Rad ankamen, konnten sie sich lebhaft vorstellen – und wieder fünfzehn Kilometer zurück.
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