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Lisbeth Pahnke

Britta und die Pferde

SAGA Egmont

Britta und die Pferde

Aus dem Schwedischem von Herta Weber-Stumfohl nach

Copyright © 1988, 2018 Lisbeth Pahnke und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711520833

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Britta rettet ein Pferd

Ein lustiger Ritt im Schnee

„Britta! Hilfe! Ich stürze …“

Typisch, dachte ich. Immer wieder müssen wir wegen Pia den schönsten Galopp unterbrechen. „Halte wenigstens die Zügel fest“, warnte ich sie und brachte mein Pony widerwillig zum Stehen. Ich drehte mich im Sattel um. Im Gestrüpp entdeckte ich Pia, die mit ihrer Nase mitten im weichen Schnee steckte.

Wie jeden Sonntag ritt ich als Reitlehrerin mit meiner Gruppe aus. Es war Dezember. Die Luft war mild und feucht. Sie schien in uns hineinzukriechen. Ich hatte einen viel zu warmen Pullover angezogen. Es tropfte von den Tannen, und halbgeschmolzene Schneebrocken fielen sanft auf uns und unsere Pferde.

„Was für ein ekelhaftes Wetter“, schimpfte Pia, als sie endlich wieder auf den Weg stapfte. Wütend befreite sie ihr sommersprossiges Gesicht von dem weißen Schnee. „Ein riesiger Schneeklumpen traf mein Pferd mitten im Galopp genau auf sein Hinterteil. Klatsch! Kein Wunder, daß es sich furchtbar erschreckt hatte.“

Pia schüttelte sich wie eine nasse Katze und krabbelte dann wieder auf ihr kleines, braunes Pony hinauf, das sie wie immer ohne Sattel ritt.

„Du lieber Himmel, bin ich naß geworden“, jammerte sie. „Na, macht nichts. Oder wißt ihr etwas Schöneres, als wenn einem eiskaltes, nasses Wasser langsam den Rücken hinunterrinnt …?“

Wir ritten weiter. Mein Pferd holte weit und schnell aus. Ich mußte es immer wieder zügeln, damit die anderen folgen konnten.

„Wie fühlst du dich auf Rauhbein?“ fragte ich Ann, die auf dem kräftigen Fjordpferd neben mir ritt.

„Ein bißchen ungewohnt“, antwortete sie. „Schließlich habe ich fast immer nur Silber geritten. Hoffentlich geht es ihm bald wieder besser!“

„Das hoffe ich auch“, erwiderte ich besorgt. „Es ist eine Qual, Billy zu reiten, wenn ich gleichzeitig auf euch aufpassen muß. Du siehst ja, wie er sich aufführt, wenn er auch nur einen Augenblick auf die anderen Pferde warten muß. Er beißt auf die Trense, schüttelt ungeduldig den Kopf und stampft verdrossen auf der Stelle.“

„Das stimmt. Ich möchte nicht mit dir tauschen“, erklärte Ann.

Sie klopfte liebevoll den Pferdehals mit ihren weichen Handschuhen. Ihr Pferd spielte mit den Ohren und trottete zufrieden weiter.

Billy blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Er mußte irgend etwas Merkwürdiges gesehen oder gehört haben. Ein leichtes Zittern lief über seinen Körper. Er hob den Kopf und spitzte die Ohren. Dann machte er ein paar schnelle Schritte vorwärts und wollte lostraben. Aber weil ich ihn zurückhielt, schüttelte er mißmutig seine dichte, unbändige Mähne. Billy war ein ausgesprochen kräftiges Pony. Ich konnte ihn kaum halten.

„Hallo!“ Kicki kam uns überraschend im Schrittempo entgegen.

„Donnerwetter! Sie reitet ja auf Lord Peter“, staunte Pia.

Kicki ritt den schwarzen Vollbluthengst am langen Zügel. Als sie uns sah, straffte sie die Zügel und hielt an.

„Hoffentlich habe ich euch nicht zu sehr erschreckt“, begrüßte sie uns und sah besorgt auf Billy, der versuchte, mit mir einen wahren Affentanz aufzuführen. Lord Peter neigte vornehm seinen Kopf ein wenig und wirkte natürlich im Vergleich zu den Ponys zierlich und elegant.

„Nein, nein“, beruhigte ich Kicki. „Aber ich bin dir doch dankbar, daß du nicht im Galopp auf uns zukamst …“

„Thomas hat mir für heute das Galoppieren verboten“, antwortete Kicki und spielte vielsagend mit ihrem rechten Zopf. „Er meint, daß Lord Peter Rückenschmerzen hat. Ich habe also strengste Anweisung, nur im Schritt zu reiten. Von wegen Rückenschmerzen. Lord Peter tänzelt und wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich in einen befreienden Galopp zu fallen. Stimmt’s nicht, alter Junge?“ flüsterte sie dem Pferd sanft schmeichelnd ins Ohr.

Dann blickte Kicki verwundert auf Billy und mich. „Das sind doch nicht Billys Zügel, oder?“

„Nein, ich habe die von Silber ausgeliehen“, antwortete ich. „Billys Zügel können jeden Augenblick reißen. Ich muß sie heute abend flicken.“

„Ja, ich möchte Billy auch nicht mit abgerissenen Zügeln reiten“, lachte Kicki. „Aber warum reitest du eigentlich nicht Silber?“

„Er hustet“, sagte ich bekümmert. „Dabei ist Silber sonst nie krank. Siboney geht es noch viel schlechter. Ich mache mir ernste Sorgen um sie. Sie hat Nasenausfluß und ist völlig teilnahmslos. Wahrscheinlich hat sie Silber angesteckt.“

„Du mußt unbedingt den Tierarzt anrufen“, mahnte Kicki.

„Das werde ich auch tun“, beteuerte ich. „Es ist nur … na ja, du weißt doch, Siboney, sie …“

Ich schwieg und sah meine Freundin hilfesuchend an. „Ich glaube“, fuhr ich leise fort und wich Kickis Blicken aus, „ich glaube, es geht jetzt nicht mehr länger. Siboney …“

Nein. Ich konnte nicht darüber sprechen. Auch nicht mit meiner besten Freundin. Das war einzig und allein mein Problem. Und ich mußte es lösen. Ich mußte die Entscheidung fällen. Ich ganz allein.

„Du, Kicki, sei mir nicht bös, aber ich muß jetzt mit den Kleinen weiterreiten“, sagte ich schnell. „Sonst gerät Billy noch außer Rand und Band. Außerdem müssen wir in einer Viertelstunde wieder zurück zur Reitschule.“

Kicki sah mich mit großen Augen an und schüttelte verwundert den Kopf. „Nun, wir sehen uns nachher“, sagte sie nur und ritt auf dem schwarzen Hengst davon.

Ich wandte mich meinen jungen Schülern zu und fragte: „Habt ihr Lust auf einen kleinen Galopp?“

„Jaa!“ riefen Cilla, Pia, Lillan und Ann begeistert.

Die Ponys freuten sich genauso wie wir und stürmten mit ausgelassenen Sprüngen davon. Ich mußte mich andauernd umdrehen um zu prüfen, ob auch noch alle im Sattel saßen. Pia war schon wieder fast neben die Ohren von Lillebror gerutscht und kreischte um Hilfe. Zugegeben, das sah wahnsinnig komisch aus. Die anderen konnten sich vor Lachen kaum noch auf ihren Pferden halten. Ich mußte das Tempo drosseln und wir ritten im Schritt weiter.

Die Kinder lachten und kicherten und schienen sich herrlich zu amüsieren.

Ich hörte ihnen nur mit halbem Ohr zu. Meine Gedanken kreisten um Silber und Siboney … Aber ich mußte mich zusammenreißen. Ich durfte Billy nicht eine Sekunde unbeobachtet lassen. Er würde das sofort ausnutzen, und dann konnte es mir passieren, daß ich zu Fuß nach Hause gehen mußte.

In den letzten Tagen hatte ich so oft an die beiden Ponys gedacht, daß ich auch nachts wach lag und grübelte. Am nächsten Morgen war ich dann wie gerädert. Obgleich ich blaß und traurig war, schien niemand zu bemerken, daß mit mir irgend etwas nicht in Ordnung war.

Ich gab mir alle Mühe, mich auf Billy zu konzentrieren. Aber der Kloß in meinem Hals wuchs, und meine Augen brannten. Ich wollte nicht weinen. Nicht jetzt. Ich mußte immer wieder an heute morgen denken, als ich die Stalltür öffnete: Silber, mein fröhliches, graues Waliser Pony hustete und krächzte. Ihn schien das weniger zu stören als mich, denn er machte sich mit ungemindertem Appetit über den Hafer her. Aber Siboney. Rundlich war sie nie gewesen. Im Gegenteil. Ich kannte kein knochigeres Fohlen als Siboney. Aber sie gehörte mir. Ich liebte sie. Ich hoffte immer … Und nun stand sie da mit hängendem Kopf. Sie sah erbärmlich aus. Der Husten erschütterte ihren abgemagerten Körper. Nahrung verweigerte sie. Ich durfte die Entscheidung nicht länger hinausschieben …

Wir waren gleich zu Hause. Zu Hause auf der Reitschule. Billy überquerte gerade einen kleinen Graben.

„Hilfe, mein Sattel!“ schrie Cilla plötzlich. Ich wandte mich blitzschnell um und sah gerade noch, wie sie mit dem Kopf voran im Graben landete. Sessan drehte sich mit dem Sattel, der ihm um die Ohren schlackerte, aufgeregt im Kreis. Das passierte leider nicht zum erstenmal … Sessans Sattelgurt konnte man so fest wie möglich schnallen, und nach einer Weile war er auf unerklärliche Weise wieder locker. „Ist das gemütlich im Schnee“, lachte Cilla und kletterte als Schneemann aus dem Graben.

„Kannst du den Sattel selber wieder in Ordnung bringen?“ fragte ich.

„Klar“, erwiderte Cilla seelenruhig wie immer.

„Pia“, rief ich erschrocken. Lillebror streckte die Vorderbeine in die Luft und ließ sich genüßlich in den Schnee fallen. Pia lachte aus vollem Hals. Es sah ulkig aus, aber mir war heute nicht zum Lachen zumute. Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Ihr mit euren Streichen habt mir gerade noch gefehlt. Falls du Lillebror höflich bittest, sich zu erheben, können wir vielleicht weiterreiten.“

„Bist du heute komisch“, kicherte Lillan.

Pia kletterte immer noch lachend auf ihr Pony, und wir schritten über die Wiesen heimwärts. Man konnte die Reitschule jetzt sehen: den Stall, das Wohngebäude, das uns als Klubhaus diente, und das kleine Häuschen, in dem ich wohnte.

Auf einer der Koppeln galoppierte Lord Peter mit wehender Mähne und begrüßte uns wiehernd. Auf dem Übungsplatz ritt Hasse Organdie in kurzem Galopp. Vor dem Stall standen wie immer viele Neugierige herum. Es waren immer dieselben. Kicki schleppte einen Sack Sägespäne, und Thomas bastelte an seinem Auto herum.

All das spielte sich vor meinen Augen ab. Aber ich sah es nicht. Jeder war mit irgend etwas beschäftigt – genau wie immer. Aber zum erstenmal, seit ich vor ungefähr fünf Monaten als Reitlehrerin nach Dalen gekommen war, schien es mich nichts anzugehen, schien ich nicht dazuzugehören. Wie einsam ist man doch, wenn niemand die Sorgen kennt, die einen erdrücken.

Ich ritt auf den Hof. Ich hatte einen Entschluß gefaßt. Einen sehr schweren Entschluß.

Was soll aus Siboney werden?

Wir hielten vor der Stalltür und stiegen von unseren Ponys. Automatisch schnallte ich die Steigbügel hoch und brachte Billy zu seinem Platz.

Der Stall besaß nur vier Boxen, ansonsten Verschläge. Aber er war sehr originell und gemütlich. Wir hatten in dem ehemaligen Kuhstall alles selber gemacht.

Sonst kam ich gern in den Stall und redete lange mit den Pferden. Aber heute sattelte ich Billy so schnell wie möglich ab, überprüfte routinemäßig seine Hufe und wusch mit einem Schwamm die Sattellage aus. Billy versuchte nach mir zu schnappen, aber ich merkte es kaum. Er sah sehr lustig aus: außer einem braunen Kopf mit einer weißen Blesse und einem großen braunen Fleck auf der einen Seite war er schneeweiß.

„Kommst du in die Sattelkammer, wenn du fertig bist?“ fragte mich Kicki, während sie Lord Peter in seine Box führte. „Wir wollen über das Luciafest reden.“

„Kann ich, ja“, antwortete ich ohne große Begeisterung. Ach ja, das traditionelle Vorweihnachtsfest kam immer näher. Und ich hatte gar keine Lust für den Trubel, den Festumzug mit Lichterkranz und Schellengeläut.

In der Sattelkammer roch es nach Pferden und Leder. Heute duftete es zusätzlich verlockend nach warmem Kakao, den eines der Mädchen in einer Thermosflasche mitgebracht hatte. Kicki und ich platzten mitten in eine lebhafte Diskussion hinein.

„Natürlich muß sie reiten“, behauptete Martin, der Besitzer von Billy. „Lucia hoch zu Pferd. Etwas anderes kommt gar nicht in Frage.“

„Ich finde, sie sollte im Schlitten sitzen“, mischte sich Cilla vorsichtig ein. „Dann können einige von uns als Heinzelmännchen mitfahren und Fackeln tragen.“

„Nein, sie soll reiten“, widersprach Martin energisch. „Ich überlasse ihr sogar Billy …“

„Dann scheide ich als Lucia aus“, rief Agneta. „Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich mich auf deinen verrückten Billy setze? Wenn ich Lucia werde, reite ich nur Kurre.“

Darüber mußten alle furchtbar lachen und Thomas sagte: „Als ob das weniger verrückt wäre. Wir wollen doch keine Lucia haben, die auf einem Pferd sitzt, das mit ihr durchgeht. Das Vernünftigste ist wirklich, Lucia fährt mit dem Schlitten. Zwei reiten mit Fackeln voran und …“

„Wer?“ riefen alle gleichzeitig.

Kicki und ich fragten: „Und wer zieht den Schlitten?“

„Welche Ponys dürfen denn überhaupt dabeisein?“ wollte Cilla wissen.

„Wir nehmen doch keine Ponys für den Luciazug“, antwortete Thomas entrüstet. Aber sein Gesicht sah so verschmitzt aus, daß wir nicht wußten, ob er das ernst meinte.

„Was? Überhaupt keine Ponys?“ Cilla war beleidigt. „Das ist wohl das Dümmste, was ich je gehört habe. Ein Luciazug nur mit vier Pferden!“

Ich muß zugeben, daß mich die Sache jetzt doch interessierte.

„Silber und Billy sollten nebeneinander hinter dem Schlitten laufen“, schlug ich vor. „Anschließend Lillebror und Sessan. Als letzter Scheck. Jemand sollte, als Heinzelmännchen verkleidet, ihn führen und eine Fackel in der Hand halten …“

„Ich will das Heinzelmännchen sein“, meldete sich Lillan.

„Du bist doch viel zu klein, um Scheck zu führen“, wandte ihre älteste Schwester Mia sofort überlegen ein. „Ich brauche dich wohl nicht daran zu erinnern, was passierte, als du im Sommer Lillebror von der Weide holen solltest und …“

„Das war doch Lillebror, und das war im Sommer, und der Sommer ist schon furchtbar lange vorbei. Jetzt bin ich viel größer.“

„Du bist aber immer noch nicht groß genug“, behauptete ihre große Schwester.

„Das bin ich doch“, rief Lillan wütend. „Vielleicht erinnerst du dich mal, wer beim Sprungwettbewerb am besten war.“

„Hier geht es nicht um einen Sprungwettbewerb, sondern um einen Luciazug, du Dummerchen.“ Mia war ziemlich sauer.

An dieses Springturnier wollte sie nicht gern erinnert werden. Alle zogen sie damit auf. Als ob sie etwas dafür konnte, daß Lillebror ausgerechnet an diesem wichtigen Tag nur zu Streichen aufgelegt war und so lange an ihrem Hosenbein zerrte, bis sie auf den Boden plumpste. Lillan und Scheck dagegen waren ohne einen einzigen Fehler über den Parcours gekommen.

„In welcher Reihenfolge sollen wir reiten?“ wollte Kicki wissen.

„Wieso wir?“ neckte Thomas sie. „Worauf gedenkst du denn zu reiten?“

„Auf Rauhbein natürlich. Wie immer.“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Entschuldige, aber Rauhbein ist der einzige, der den Schlitten ziehen kann.“

Kicki machte ein langes Gesicht.

„Wieder mal typisch“, sagte sie und zuckte mit den Schultern.

Thomas fuhr fort: „Ich denke mir das so: Zwei reiten mit Fackeln vorweg. Hinter dem Schlitten mit Lucia folgen zwei große Pferde und daran anschließend alle Ponys. Britta, du als Reitlehrerin kannst am besten beurteilen, welche Kinder auf den Ponys reiten dürfen. Ich kümmere mich um die großen Pferde.“

Die Vorfreude auf das Luciafest und auf Weihnachten hatte uns gepackt. Einige fingen an, „Kling, Glöckchen“ zu singen. Und so kamen wir auf die Idee, daß es wunderbar wäre, wenn wir einen Schellenkranz hätten.

Einige der Mädchen, die auf alten Bauernhöfen lebten, versprachen, in jeder Scheune und in jedem Winkel unter den Dächern danach zu suchen.

In der warmen Sattelkammer hatte ich für kurze Zeit vergessen, was mich bedrückte und welch schweren Entschluß ich heute gefaßt hatte. Als ich wieder auf den Hof hinaustrat, war die vorweihnachtliche Stimmung wie weggewischt, wurden die Pläne für das Luciafest belanglos. Es goß in Strömen. Ich zitterte vor Kälte und wagte kaum an morgen zu denken. Es war Abend geworden und schon ganz dunkel. Ich mußte meine Pferde noch füttern. Ich selbst hatte auch noch nichts gegessen. Und dann schlafen – falls ich es konnte.

Früh am nächsten Morgen klingelte ich an Kickis Tür. Sie wohnte nicht weit entfernt von der Reitschule. In Hausschuhen und einem knallroten Morgenrock öffnete sie verschlafen die Tür.

„Hei! Entschuldige bitte, daß ich dich so früh störe“, begann ich leise, „aber ich muß sofort den Tierarzt anrufen.“

„Macht nichts“, antwortete Kicki. „Ich mußte sowieso aus den Federn. Du weißt ja, wo das Telefon steht. Auf dem Notizblock daneben findest du die Nummer vom Tierarzt.“

Ich wählte, ohne genau zu wissen, was ich sagen wollte. Kicki bürstete unterdessen ihre kastanienbraunen Haare.

„Bitte rufen Sie die Auskunft unter der Nummer 90120 an. – Bitte rufen Sie die Auskunft unter der Nummer 90120 an. – Bitte rufen Sie …“

Eine teilnahmslose Stimme wiederholte diesen stupiden Satz immer wieder.

„So was Dummes“, murmelte ich und legte den Hörer auf. „Was hat das denn zu bedeuten?“

Irritiert wählte ich die neue Nummer.

„Der Tierarzt Dr. Andersson ist verzogen. Den neuen Tierarzt Dr. Södergren erreichen Sie unter der Nummer …“

„So ist das meistens“, seufzte Kicki. „Das reinste Versteckspiel, wenn man mal einen Tierarzt braucht.“

Unsicher wählte ich die Nummer von Dr. Södergren. Was sollte ich ihm sagen? Es ging ja nicht nur darum, daß meine beiden Pferde Husten und Schnupfen hatten …

Guten Tag. Ich habe ein kleines Fohlen, das nicht wachsen will. Jetzt hat es auch noch einen furchtbaren Husten, und ich glaube, es gibt keine Hoffnung mehr …

Konnte ich das so kalt sagen, als ginge es mich nichts an? Wieder spürte ich einen großen Kloß in meinem Hals. Ich schluckte und schluckte und versuchte verzweifelt, die Tränen zu unterdrücken, die über meine Wangen rannen.

„Bitte, Kicki“, schluchzte ich und reichte ihr den Telefonhörer. Dann sank ich auf einen Stuhl und verbarg mein Gesicht in den Händen. Ich hatte mich noch nie so elend gefühlt.

„Guten Morgen. Hier spricht Kicki Berggren von der Reitschule in Dalen. Zwei unserer Pferde husten. Eins davon ist noch ein Fohlen, und wir glauben, daß ihm noch etwas anderes fehlt. Es wächst nicht und entwickelt sich nicht wie ein normales Pferd. Vielleicht könnten Sie vorbeikommen und sich die Pferde ansehen … Gut. Vielen Dank. Bis dann.“

Kicki legte den Hörer auf und wandte sich zu mir: „Er kommt heute nachmittag. Er muß erst noch einige andere Krankenbesuche machen. Kopf hoch! Ich koche uns jetzt erst einmal eine Kanne heißen Tee.“

Der Vormittag zog sich in die Länge. Ich ging in den Stall. Silber begrüßte mich wie immer freudig wiehernd. Ich nahm Striegel und Kardätsche vom Regal und ging in seine Box. Ich redete leise mit ihm, während ich sein dichtes, graues Fell striegelte, das jetzt im Winter matter glänzte.

„Was hast du nur für einen dicken Pelz bekommen, alter Junge. Du siehst ja aus wie ein Eisbär. Ob ich wohl deinen Bauch bürsten darf, ohne daß du protestierst? Oder bist du heute kitzlig?“

Silber spielte mit den Ohren. Das bedeutete, daß er gern gebürstet werden wollte. Ich kämmte seinen strähnigen Schopf, bis er in weichen Wellen über die Stirn fiel und bürstete vorsichtig Mähne und Schweif, die fast weiß waren. In diesem Winter war Silber nicht so dunkel geworden wie im vorigen Jahr. Im Sommer wird er sicher wieder ganz weiß werden. Ich dachte daran, wie edel sein Kopf aussah ohne diesen „Winterbart“ und ohne diese ulkigen Büschel in den Ohren.

Silber hustete kaum noch. Aber was ich von Siboney hörte, klang so furchtbar, daß ich es einfach nicht länger aushielt. Ich zäumte Silber und ritt mit ihm in den Wald. Ich nahm mir gar nicht erst die Zeit, ihn zu satteln. Ich wollte nur im Schritt reiten. Sicherlich machte ich keine gute Reiterfigur. Aber das war mir im Augenblick egal. Ich saß traurig und zusammengesunken, mit Tränen in den Augen, auf meinem Pony.

Eine unerwartete Hilfe

„Aber Silber, was hast du denn?“

Ich wäre beinahe heruntergepurzelt, weil mein Pony völlig überraschend stutzte und sich quer stellte. Silber war bisher ruhig und an langen Zügeln durch den Wald getrottet und hatte nur hier und da, ohne seine sonstige Begeisterung, nach ein paar Tannenzweigen geschnappt. Meine Stimmung hatte sich wohl auf ihn übertragen. Aber jetzt blähte er die Nüstern und schnaubte aufgeregt. Ich wußte nicht warum, bis ich den Hund sah.

Ein ungewöhnlich großer und kräftiger Schäferhund mit schwarzer und goldbrauner Zeichnung blinzelte uns an und wedelte freundlich mit dem Schwanz. Er war so urplötzlich vor uns aufgetaucht, daß mein armes Pony völlig überrumpelt wurde.

Im gleichen Augenblick hörten wir das Stampfen eines galoppierenden Pferdes, und wenige Sekunden später kam uns ein Reiter auf einem stolzen Fuchs entgegen.

„Goldie, komm sofort her!“

Der Schäferhund wedelte noch einmal kurz mit seinem Schwanz und lief dann gehorsam zu seinem Herrn zurück.

Ich traute meinen Ohren nicht. Die Stimme kannte ich gut, aber die Stute hatte ich noch nie gesehen.

Der Reiter schaute mich genauso verblüfft an wie ich ihn.

„Lasse!“, rief ich erstaunt. „Was machst du denn hier?“

„Reiten“, antwortete Lasse und lachte.

„Typisch. Du mußt einen immer auf den Arm nehmen. Ich meine: wieso bist du hier?“

„Lernen. In der Stadt. Ich wohne bei meinem Onkel. Er hat einen Hof hier in Dalen gekauft.“

Silber tänzelte und wollte das fremde Pferd begrüßen. Ich warnte Lasse: „Komm lieber nicht näher. Silber ist erkältet und hustet.“

Lasse schaute belustigt von seinem hohen Fuchs auf mein kleines Pony hinunter: „Du hältst dich immer noch an das kleinere Format, wie ich sehe.“

Ich mußte lachen. Nein, Lasse hatte sich nicht verändert. Und dabei hatte ich ihn eine Ewigkeit nicht gesehen.

„Was ist eigentlich aus dieser Schimmelstute geworden, die du zusammen mit Madeleine gekauft hast?“

Das Lachen blieb mir im Hals stecken. Ich hatte mich riesig gefreut, Lasse so unerwartet im Wald zu treffen, und ich hatte für einen Augenblick alles andere vergessen. Aber nun wurde ich wieder an Siboney erinnert, denn sie war das Fohlen „dieser Schimmelstute“. Ich brachte kein Wort heraus.

„Hier in der Gegend scheinen noch andere Pferde erkältet zu sein“, meinte Lasse. „Heute morgen rief jemand meinen Onkel an und sagte, sie hätten zwei kranke Pferde auf dem Hof …“

Ich konnte Lasse nicht ansehen, weil ich dann sofort wie ein kleines Kind losgeheult hätte. Aber ich war ihm eine Erklärung schuldig: „Wir haben heute morgen angerufen. Kicki und ich. Oh, Lasse, wenn du wüßtest, wie furchtbar alles ist.“

Wir ritten Seite an Seite durch den Wald. Lasse kannte ich fast mein ganzes Leben lang. Wir besuchten als Kinder dieselbe Reitschule. Mein Onkel Magnus war dort Reitlehrer.

Eines Tages wurde die Reitschule geschlossen. Alle, die ich gern hatte – Menschen und Pferde –, wurden in alle Winde zerstreut.

Lasse hatte sich kaum verändert. Nur seine dunklen Haare waren etwas länger und seine Augen hatten etwas von ihrem schelmischen Glanz verloren, waren ein wenig ernster geworden.

Merkwürdig! Plötzlich konnte ich über alles sprechen. Ich erzählte von Siboney, und wie alles angefangen hatte, damals vor zwei Jahren, als Lasse mir einen Job auf dem Hof seines Bruders verschafft hatte …

Ich berichtete über Gazelle, die Schimmelstute, und wie Madeleine und ich uns nach dem Fohlen gesehnt hatten.

„Dieses Fohlen ist Siboney. Du hättest sie sehen müssen, als sie auf die Welt kam. Das knochigste Häufchen Elend, das man sich vorstellen kann. Sie war dunkelbraun, fast schwarz. Sie hatte übergroße, lange Ohren und sah furchtbar mürrisch aus. Wahrscheinlich war sie das häßlichste Fohlen der Welt. Aber ich war überglücklich. Ich liebte sie vom ersten Augenblick an.“

Lasse schwieg, und ich fuhr fort: „Du kannst dir meine Träume, meine Hoffnungen und Pläne vorstellen. Ich dachte immer daran, daß sie groß wird und ich sie eines Tages reite …“

„Und was passierte dann?“ fragte Lasse.

„Das ist es ja gerade. Es passierte nichts. Ich gab ihr Heu und Kraftfutter und Vitamine. Ich tat alles für sie. Aber sie wuchs nicht. Ich wollte es zuerst nicht wahrhaben, daß mit ihr etwas nicht in Ordnung sei. Jetzt muß ich es wohl einsehen … Und seit sie diesen Husten hat, frißt sie gar nichts mehr. Sie steht nur da und läßt den Kopf hängen.“

Ich schwieg. Ich hatte alles gesagt. Lasse schwieg auch. Aber ich spürte, daß er mich verstand und fühlte mich ein bißchen erleichtert.

Dann fiel mir etwas ein: „Sagtest du nicht, daß wir heute morgen mit deinem Onkel telefoniert haben?“

„Hmhm“, antwortete Lasse lächelnd. „Der neue Tierarzt ist mein Onkel.“

Wir näherten uns jetzt der Reitschule.

„Hast du etwas dagegen, wenn ich mit dir komme und auf meinen Onkel warte?“ fragte Lasse.

„Glaubst du vielleicht, es ist schöner allein zu warten?“

Lasse brachte seinen Fuchs auf eine der Koppeln und folgte mir in den Stall. Siboney lag in ihrer Box. Als wir mit Silber hereinkamen, raffte sie sich mühsam hoch. Den Hafer hatte sie nicht angerührt.

Eine Stunde später kam der Tierarzt. Er machte einen ruhigen, sympathischen Eindruck und war noch nicht so schrecklich alt. Zuerst untersuchte er Silber.

„Das Pony ist in guter Verfassung“, meinte er und schrieb nur eine Flasche Hustensaft auf.

Dann gingen wir zu Siboney.

„Ist das Pferd versichert?“ lautete die erste Frage des Tierarztes, nachdem er sich das Fohlen eine Weile angeschaut hatte. Das wirkte so kalt und nüchtern auf mich, daß ich mit Mühe und Not ein schwaches „Ja“ stammeln konnte.

„Ist sie schon immer so mager gewesen?“

Ich erklärte ihm, daß das gerade das Problem sei. Der Tierarzt murmelte irgend etwas Unverständliches und untersuchte Siboneys Zähne gründlich. Daß sie einen Unterbiß hatte, wußte ich. Aber der andere Tierarzt hatte gesagt, das sei nicht von Bedeutung.

„Lasse, sei so nett und hole mir aus meiner Tasche im Auto eine Mundklammer und eine Taschenlampe.“

„Wollen Sie Siboneys Zähne feilen?“ fragte ich vorsichtig. Dr. Södergren machte ein besorgtes Gesicht. „Ich fürchte, das würde in diesem Fall nichts nützen. Aber ich will mir ihr Gebiß doch noch genauer ansehen.“

Die Klammer hielt Siboneys Kiefer auseinander. Der Tierarzt leuchtete lange mit seiner Taschenlampe in das Maul meines Fohlens.

„Tja! Das habe ich befürchtet. Ein Unterbiß bedeutet, daß die Kaufläche verschoben ist. Das allein ist schon schlimm genug. Aber hier kommt noch ein anderer Fehler hinzu, den man Scherenbiß nennt. Ihr könnt selbst sehen, daß Oberund Unterkiefer sich kaum berühren. Die Kaumöglichkeit ist minimal. Dieses Pferd kann sein Fressen nicht verdauungsgerecht zerkleinern. Die Zähne beißen nicht aufeinander …“

Ich wollte nichts mehr hören. In meinem Kopf schien sich alles zu drehen.

„Kann man denn nichts machen?“ stammelte ich verzweifelt.

Doktor Södergren schaute mich teilnahmsvoll an und sagte: „Man soll ein Tier nicht unnötigen Qualen aussetzen. Die Antwort auf deine Frage – und ich weiß, daß das sehr hart klingt – ist, daß dieses Pferd verhungern muß. Es leidet schon lange. Das siehst du ja selbst. Es gibt keinen Grund, das arme Tier noch länger zu quälen.“

Am nächsten Tag sollte ein Auto kommen und Siboney abholen.

Ich wußte nicht mehr ein noch aus. Ich führte mein Fohlen ein letztes Mal über den Hof. Ich stolperte, und fiel hin. Meine Knie bluteten. Aber das merkte ich erst später.

Das Auto kam. Der Fahrer tauschte Siboneys weiches Lederhalfter mit geübter Hand gegen eine Kette aus. Eine kalte Eisenkette, wie Kühe sie haben. Dann zerrte er mein kleines Fohlen über die Ladebrücke in das Dunkel seines Wagens.

Eine Kette als Halfter. Ich glaube, das war das Schlimmste. Ich stand noch lange auf dem Hof. Endlich ging ich mit schweren Schritten zu meiner Wohnung.

Mit Lasse und Goldie auf vier Rädern

Am nächsten Nachmittag kurz nach vier Uhr klopfte es an meiner Tür.

„He“, sagte Kicki und steckte vorsichtig ihren Kopf herein. „Wie geht es dir?“

Meine Wohnung bestand aus einem gemütlichen Zimmer, einer riesengroßen Küche und einem winzigen Bad. Nebenan befand sich der Stall für meine Pferde – das heißt, jetzt besaß ich nur noch ein Pferd.

„Wie soll es mir schon gehen“, antwortete ich. Ich lag auf meinem Bett und starrte an die Decke.

„Hast du etwas gegessen?“ wollte Kicki wissen.

„Ich habe keinen Hunger.“

Kicki setzte sich auf einen Stuhl neben mich: „Soll ich deinen Reitunterricht heute abend übernehmen?“

„Wieso? Ach ja, Reitunterricht …“ Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Ich hatte auch nichts vorbereitet. „Willst du das? Das ist sehr lieb von dir“, sagte ich dankbar. „Das Reitbuch mit den Namen liegt auf dem Küchentisch.“

Kicki schloß die Tür hinter sich. Ich war wieder allein.

Ich hörte Autos, die ankamen und wieder wegfuhren: Eltern brachten ihre Kinder. Abends wimmelte es immer von Menschen in der Reitschule. Ich dachte an meine kleinen Schüler, deren Reitunterricht jetzt begann. Ich stellte mir vor, wie sie anschließend sorglos und glücklich ihre Lieblingspferde verwöhnten …

Wieder knarrte meine Tür. Ehe ich aufstehen konnte, sprang Lasses Schäferhündin herein und leckte mir vor Freude das Gesicht.

„Hör auf! Das kitzelt.“

Lasse stiefelte in die Küche.

„Aufstehen! Wir wollen etwas Eßbares für dich machen!“

„Sieh mich bitte nicht an“, murmelte ich verlegen und flüchtete ins Badezimmer. Meine Haare waren zerzaust und meine Augen rotgeweint.

„Ich kann nichts essen“, rief ich und bürstete meine Haare.

„Unsinn“, widersprach Lasse. „Ich brate jetzt Eier, Wurst und Kartoffeln mit Kümmel. Dazu trinken wir Hagebuttentee.“

„Ist das meine oder deine Küche?“ brummte ich.

„Jemand muß sich schließlich um dich kümmern“, meinte Lasse und stellte die Bratpfanne auf den Herd.

Es schmeckte herrlich. Erstaunlicherweise fühlte ich mich viel besser, nachdem ich etwas gegessen hatte.

„Du kannst richtig gut kochen“, gab ich neidvoll zu.

„Ich habe eine Idee“, antwortete Lasse. „Wir fahren jetzt zu mir. Dann kannst du Cayenne näher kennenlernen.“

„Meinetwegen“, sagte ich. Es war wunderbar, daß Lasse sich so um mich kümmerte. Aber das könnte ich ihm nie sagen. „Heißt dein Fuchs Cayenne? Hatte dein Bruder nicht vor ein paar Jahren ein braunes Vollblut, das so hieß?“

„Ja“, nickte Lasse. „Das wird jetzt auf Jägersruh trainiert. Mir gefiel der Name so gut.“

Draußen war es kalt und stürmisch.

„Ist das dein Auto?“ fragte ich.

„Nein“, Lasse schüttelte entrüstet den Kopf. „Glaubst du vielleicht, ich bin über Nacht Millionär geworden? Ich verbrauche fast mein ganzes Geld für Cayenne. Das Auto gehört meinem Onkel. Er wollte es mir eigentlich nicht geben. Ich mußte ihm versprechen, so schnell wie möglich zurückzukommen. Hoffentlich hat inzwischen niemand angerufen, daß ein Schwein niest, eine Kuh kalbt oder ein Schaf sich nicht scheren lassen will. Komm, wir müssen uns beeilen. Ich habe nur einen uralten Volkswagen. Aber der hatte heute keine Lust anzuspringen.“

Goldie kletterte auf den Rücksitz, und ich setzte mich neben Lasse.

„Warum heißt sie Goldie?“ wollte ich wissen. „Das klingt so sanft für einen Schäferhund.“

„Schäferhunde sind sanft“, wandte Lasse ein. „Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber leider glauben viele Menschen, alle Schäferhunde seien unzuverlässig und bissig.“

„Ich mag Schäferhunde sehr“, antwortete ich und kraulte Goldie hinter den Ohren.

Wir bogen in eine Allee mit alten knorrigen Bäumen ein. Ich konnte nicht erkennen, was es für Bäume waren. Es war dunkel und die Äste waren laublos.

Rechts vor uns tauchte im Scheinwerferlicht ein Warnschild auf: „Vorsicht Wildwechsel!“

Lasse fuhr langsamer. Die mächtigen Baumstämme zogen wie stumme, geisterhafte Zeugen einer längst vergangenen Zeit an uns vorüber.

„Im Sommer muß die Allee wunderschön aussehen“, sagte ich verträumt zu Lasse.

Ehe Lasse antworten konnte, versuchte plötzlich etwas Dunkles unmittelbar vor uns über die Straße zu laufen. Lasse trat voll auf die Bremse. Aber der Asphalt bot den Reifen keinen Widerstand: Der beißende Wind mußte die nasse Straße in eine spiegelglatte, verhängnisvolle Eisbahn verwandelt haben. Der rechte Straßengraben schien drohend auf uns zuzukommen. Plötzlich traf ein dumpfer Schlag den rechten, vorderen Kotflügel, und der Wagen wurde in die andere Richtung geschleudert. Ich klammerte mich verzweifelt an das Armaturenbrett, um mich irgendwo festzuhalten. Im gleichen Augenblick stieß ich mit dem Kopf gegen eine kalte und harte Kante.

Das Auto wurde zu einem Karussell, das sich in wahnsinniger Geschwindigkeit um die eigene Achse drehte. Es drehte sich immer schneller, bis es vom Boden abhob und sich den Baumkronen näherte, über sie hinausstieg und schließlich – langsamer werdend – über den Wald schwebte.

„Britta! Britta! Ist dir etwas passiert?“

Was war das für eine Stimme? Befand sich noch jemand in meinem Karussell?

„Bitte, liebe Britta, mach doch endlich die Augen auf!“

So ein Unsinn. Meine Augen waren doch offen: Ich sah ganz deutlich den dunklen Wald tief unter mir. Warum klang die Stimme eigentlich so aufgeregt?

„Nicht doch! Was soll denn das?“ schimpfte ich. Etwas Nasses und Kaltes bedeckte plötzlich mein Gesicht. Dieses nasse und kalte Etwas hüllte auch mein Karussell ein, so daß es die Balance verlor und zur Erde stürzte.

Ich schrie und – schlug die Augen auf. Lasse beugte sich über mich und rieb mein Gesicht mit einem Stückchen Eis ab …

„Lasse“, flüsterte ich.

„Britta! Gott sei Dank! Du lebst!“

„Ich friere. Warum hast du mich denn mit Eis eingerieben?“ fragte ich verwundert.

„Weil du ohnmächtig warst“, erklärte Lasse. „Oder wäre es dir lieber gewesen, ich hätte dir ein paar Ohrfeigen verabreicht, um dich wieder zur Besinnung zu bringen?“

Wir mußten beide lachen.

„Was ist denn eigentlich passiert?“ wollte ich wissen und richtete mich auf.

„Ich mußte plötzlich scharf bremsen“, berichtete Lasse. „Ich hatte keine Ahnung, daß die Straße hier vereist war, und kam ins Schleudern. Ich habe natürlich durch Gegenlenken versucht, das Schlimmste zu verhüten. Aber viel konnte ich nicht ausrichten. Es war spiegelglatt. Der Wagen drehte sich im Kreis und rutschte schließlich auf einen dicken Baumstamm zu, der ihn zum Stehen brachte. Du bist offenbar mit dem Kopf aufgeschlagen. Hast du Kopfschmerzen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Aber mir ist schrecklich kalt“

Während Lasse auf dem Rücksitz nach einer Decke suchte, hörte ich plötzlich ein leises Winseln und eine warme, feuchte Zunge leckte mein kaltes Gesicht.

„Goldie“, rief ich glücklich und kraulte sie hinter den Ohren. „Wie geht es dir?“

„Sie scheint den Unfall gut überstanden zu haben“, antwortete Lasse und hüllte mich in eine warme Wolldecke ein. „Ist es so besser?“

„Wunderbar“, nickte ich dankbar. Ich kuschelte mich in die Decke und versuchte, meine Gedanken und die vielen Eindrücke der letzten Minuten zu ordnen. Lasse, Goldie und ich schienen wohlauf zu sein. Das war das Wichtigste.

„Was ist mit dem Wagen?“ fragte ich erschrocken. „Er gehört doch deinem Onkel und …“

„Du darfst dich jetzt nicht aufregen“, unterbrach mich Lasse. „Ich hoffe, das Auto ist noch fahrtauglich. Ich sehe gleich einmal nach.“

Nachdem Lasse den Wagen mit Hilfe einer Taschenlampe gründlich untersucht hatte, kam er wieder herein und setzte sich neben mich auf den Fahrersitz.

„Sieht schlimmer aus, als ich dachte“, berichtete er und runzelte die Stirn. „Hinten ist alles in Ordnung. Aber die beiden vorderen Kotflügel … Der linke ist so eingedrückt, daß er das Rad blockiert. Wir können nicht fahren.“

Ich stellte mir das Auto als total verbeultes Wrack vor, und vor meinen Augen erschien Lasses Onkel überlebensgroß: er schimpfte wild und drohte wütend mit dem Zeigefinger.

Ich mußte ein ziemlich entsetztes Gesicht machen, denn Lasse fragte: „Siehst du Gespenster?“

„Nein, nur deinen Onkel“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Tja, erfreut wird er nicht gerade sein“, seufzte Lasse. „Ich muß eben versuchen, die Reparaturkosten von meinem Taschengeld abzustottern.“

„Dabei helfe ich dir“, erklärte ich sofort. „Reich bin ich nicht, aber …“

„Kommt gar nicht in Frage“, protestierte Lasse. „Schließlich habe ich den Unfall verursacht. Du kleines Küken besitzt ja noch nicht einmal den Führerschein“, hänselte er mich.

„Aber du hast den Unfall doch gar nicht verschuldet.“ Ich erinnerte mich wieder ganz genau an die Minuten vor dem Unfall. „Du hast das Warnschild beachtet und fuhrst langsam, als überraschend irgend etwas Dunkles über die Straße wollte …“

„Natürlich“, rief Lasse erschrocken. „Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Wir müssen sofort nachsehen, ob jemand verletzt ist. Komm, Goldie.“

Wir kletterten alle drei aus dem Auto, und während Lasse und ich mit der Taschenlampe die Straße ableuchteten, rannte Goldie schnüffelnd und zielstrebig zum Straßenrand. Plötzlich blieb sie stehen und bellte ganz aufgeregt. Wir eilten zu ihr. Im Licht der Taschenlampe erblickten wir ein Rehkitz, das verzweifelt darum kämpfte, sich auf seine kleinen Läufe zu erheben. Nach kurzer Anstrengung sank es erschöpft zu Boden und sah uns aus großen, ängstlichen Augen hilfesuchend an.

„Ruhig, Goldie“, sagte Lasse und beugte sich über das Reh. „Die Hinterläufe sind blutig. Und wahrscheinlich auch gebrochen“, stellte er fest. „Es muß mit ihnen unter die Räder gekommen sein.“

Das Reh unternahm einen weiteren hoffnungslosen Versuch aufzustehen.

„Na, na, schon gut“, sagte Lasse mit sanfter Stimme und strich dem armen Tier beruhigend über das Fell. „Wir müssen es so schnell wie möglich zu meinem Onkel bringen. Aber wie? Mit bloßen Händen schaffe ich es unmöglich, den verbeulten linken Kotflügel so weit zurechtzubiegen, daß er das Rad nicht mehr behindert.“

„Liegt nicht vielleicht irgendein Stock oder eine Zange im Kofferraum?“ überlegte ich.

„Britta, du bist ein Genie“, lobte Lasse. „Warum bin ich darauf nicht selbst gekommen? Mit dem Wagenheber müßte es gehen.“

„Halt“, rief ich Lasse nach, der schon zum Auto zurücklaufen wollte. „Erst müssen wir uns um das Kitz kümmern. Oder hast du alles vergessen, was du im Erste-Hilfe-Kurs gelernt hast?“

„Britta, du hast schon wieder recht“, staunte Lasse. „Ich hole schnell den Verbandskasten und versuche, das Auto etwas näher heranzuschieben, damit wir im Scheinwerferlicht besser sehen können.“

Ich kniete mich neben das Reh und streichelte den kleinen, hilflosen Körper. Dabei spürte ich, wie sein Herz unter meinen Händen noch aufgeregter klopfte.

„Du brauchst doch keine Angst zu haben“, flüsterte ich. „Ich bin nicht dein Feind. Ich tue dir nichts.“

Goldie schlich näher.

Zuerst beschnupperte sie das fremde Wesen neugierig, dann winselte sie leise und stupste es ganz vorsichtig. Als das Kitz daraufhin vor Schreck wieder zu entkommen versuchte, leckte Goldie es zart und sanft mit ihrer Zunge, um es zu beruhigen. Das kleine Reh hatte Goldies Mutterinstinkte geweckt.

Lasse traute seinen Augen nicht, als er im Scheinwerferlicht des Autos, das er auf der glatten Straße ohne allzugroße Mühe näherschieben konnte, diese zärtliche Hilfsbereitschaft erblickte.

„Ist Goldie nicht wunderbar?“ strahlte ich. „Sie hat das Kleine in wenigen Minuten so beruhigt, daß es nicht mehr zittert und beinahe eingeschlafen ist.“

„Dann wird es dir ja nicht mehr schwerfallen, deine Erste-Hilfe-Kenntnisse sachkundig und perfekt wie eine richtige Krankenschwester anzuwenden“, neckte Lasse mich und überreichte mir den Verbandskasten.

„Spotte nicht, sondern bring mir lieber vier kräftige Zweige, damit ich die Läufe schienen kann“, erwiderte ich.

Während Lasse gehorsam mit seiner Taschenlampe in den Wald stapfte, zerschnitt ich zwei Mullbinden in mehrere gleichlange Stücke.

Dank Goldie hatte sich das Kitz so weit entspannt, daß es sich kaum noch wehrte, als wir seine Läufe notdürftig schienten. Ich bildete mir ein, fast so etwas wie Zutrauen und Dankbarkeit in seinen immer noch ängstlichen Augen zu sehen.

„Ich messe jetzt meine Kräfte mit dem verbeulten Kotflügel“, meinte Lasse. „Gehe ich als Sieger hervor, betten wir das Reh in den Kofferraum und transportieren es so schnell wie möglich zu meinem Onkel.“

„Ich setze auf Sieg“, sagte ich zuversichtlich. Ich ging ebenfalls zum Wagen und richtete im Kofferraum ein behelfsmäßiges, aber weiches Lager ein. Goldie bewachte unterdessen unseren kleinen Patienten.

Lasse wurde rasch mit dem Kotflügel fertig. Aber als wir das Reh gemeinsam hochhoben, erwartete uns eine böse Überraschung: Das Tier blutete heftig aus einer offenbar tiefen Wunde am Oberlauf. Bisher hatte das Reh nur auf einer Seite gelegen und deshalb hatte ich diese Verletzung nicht gesehen. Vielleicht blutete die Wunde auch nur durch die Bewegung stärker.

„Desinfizieren und abbinden“, schlug Lasse vor. „So können wir nicht fahren.“

„Desinfizieren?“ rief ich entrüstet. „Man sollte nicht glauben, daß du der Neffe eines Tierarztes bist. Falls die Wunde so tief ist, daß sie genäht werden muß, kann der Arzt das nach Verwendung eines Desinfektionsmittels unter Umständen nicht mehr tun. Aber bring bitte schnell noch eine Mullbinde, und laß uns sicherheitshalber den Lauf oberhalb der Wunde abbinden.“

Endlich hatten wir es geschafft: Das Rehkitz lag in eine alte Decke gehüllt im Kofferraum. Neben ihm saß Goldie, die das Kleine nicht aus den Augen lassen wollte.

„Und nun?“ fragte ich ratlos. „Wir können den Kofferraum nicht offen lassen. Aber wir können ihn auch nicht schließen, weil die beiden Tiere dann keine Luft mehr bekommen.“

„Daran habe ich längst gedacht“, antwortete Lasse. „Wir ziehen das Abschleppseil einfach durch die beiden halb geöffneten Seitenfenster und schlingen es um den Kofferraumdeckel, damit er beim Fahren nicht zuklappen kann.“

„Diesmal bist du das Genie“, lobte ich ihn anerkennend.

Lasse und ich kletterten auf unsere Sitze.

„Wie viele Stunden sind eigentlich seit dem Unfall vergangen?“ fragte ich und merkte erst jetzt, wie erschöpft ich war.

Lasse sah auf die Uhr und grinste: „Genau zwanzig Minuten. Mit deinem Zeitgefühl scheint es nicht weit her zu sein.“

Ich schüttelte verwundert den Kopf. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, aber ich war zu müde, um noch weiter darüber nachzudenken.

Der Wagen rollte langsam und vorsichtig durch die Dunkelheit. Das leise, gleichmäßige Surren des Motors schläferte mich ein. Aber immer wieder zogen die Aufregungen der letzten Minuten an mir vorüber.

Wie hoch würde der Schaden am Auto wohl sein …? Wenigstens kein Totalschaden, es fuhr ja wieder. Und Lasses Onkel …? Wie würde er reagieren …? Mußte Lasse die Reparaturen von seinem Taschengeld bezahlen …? Wovon sollte er dann noch Cayenne ernähren …?

Ich habe Freunde gefunden

Der Wagen holperte über das Kopfsteinpflaster und hielt vor dem Haupteingang.

Doktor Södergren hatte den Hof erst vor kurzem gekauft. Die Nacht verschluckte das Haus, nur hinter den Fenstern leuchtete es hell und einladend. In der Diele roch es nach Kerzen und gebratenen Äpfeln. Lasses Onkel und Tante saßen in der Küche. Es war eine große, altmodische, urgemütliche Küche. Tisch und Stühle standen in der Mitte. An der Wand lud eine lange, weißgestrichene Bank mit rotweiß-karierten Baumwollkissen zum Sitzen ein. Kaffeeduft stieg in unsere Nasen.

„Euch treibt wohl der Hunger endlich nach Hause“, begrüßte uns Lasses Tante freundlich. „Setzt euch. Der Kaffee ist gerade fertig. Und Bratäpfel gibt es auch.“

„Ich wußte nicht, daß es so weit zur Reitschule ist“, sagte Doktor Södergren mit gespielter Überraschung und schaute von seiner Zeitung auf. „Gestern nachmittag kam mir der Weg ziemlich kurz vor.“

Lasse und ich blickten uns verstohlen an. Wie konnten wir ihm möglichst schonend von dem Unfall berichten?

„Ja …“, begann Lasse vorsichtig, „die Sache ist nämlich so … Wir wurden aufgehalten … Aber wir haben etwas mitgebracht …“

„Es liegt im Kofferraum und braucht dringend Hilfe.“

In meiner Stimme lag die Aufregung der letzten Stunde, und vor allem die Angst um das verletzte Reh.

Lasses Onkel legte sofort seine Zeitung zur Seite, stand auf und sah mich mit ernsten Augen an.

„Mir ist ein Reh ins Auto gelaufen“, erklärte Lasse. „Es lebt, aber …“

„Lasse konnte nichts dafür“, unterbrach ich ihn schnell. „Er drosselte nach dem Warnschild das Tempo und fuhr wirklich ganz langsam …“

„Und das soll ich euch glauben?“ fragte Doktor Södergren und schaute uns über den Rand seiner Brille mißtrauisch an. „Warum ist das Reh dann verletzt? Ihr hättet doch bremsen oder ausweichen können.“

„Das habe ich ja auch versucht“, erwiderte Lasse. „Aber der Wagen kam ins Rutschen, als ich auf die Bremse trat. Spiegelndes Glatteis.“

„Also doch zu schnell gefahren“, entschied der Tierarzt.

Er hatte natürlich recht.

Weitere Erklärungen waren zwecklos. Wir machten ein zerknirschtes Gesicht und gingen gemeinsam hinaus. Lasse und sein Onkel trugen das arme Reh behutsam in die Praxis.

„Die Wunde muß ich gleich nähen“, stellte Doktor Södergren fest, während er das Reh untersuchte. „Ihr habt die Arterie gut abgebunden. Auch die gebrochenen Läufe sind fast perfekt geschient. Unter den gegebenen Umständen hätte ich es nicht besser machen können. Wer von euch beiden war denn der Wunderdoktor?“

Ich errötete, als Lasse mich lobte, und murmelte etwas wie: … doch ganz einfach … selbstverständlich …

„Wird das Rehlein wieder laufen können?“ fragte ich dann und streichelte den kleinen, zitternden Körper.

„Das hoffe ich. Die beiden Brüche sind unkompliziert. Das Tier ist nur durch den Blutverlust ziemlich geschwächt. Aber wenn es Nahrung annimmt, kann es in zwei bis drei Monaten wieder durch die Wälder springen.“

Lasses Onkel zog zwei Spritzen auf. „Die eine ist gegen Wundstarrkrampf und die andere ist eine Betäubungsspritze“, erklärte er. „Und nun macht, daß ihr verschwindet. Ich kann euch hier nicht gebrauchen. Und nehmt vor allem Goldie mit.“

Goldie protestierte heftig, als Lasse sie am Halsband auf den Hof hinauszog.

„Komm, Goldie. Komm mit in den Stall“, sagte Lasse. „Ich muß Cayenne füttern.“

„Was für ein riesiger, alter Stall“, staunte ich. Ich erwartete mindestens zwanzig Pferde darin zu finden. Aber nur eine einzige Box war bewohnt. Cayenne wieherte zur Begrüßung. Ich sprach mit ihm und klopfte ihn freundlich, während Lasse Futter holte.

„Onkel Jonas hat sein ganzes Leben davon geträumt, auf dem Land zu leben“, erzählte Lasse und öffnete einen Ballen Heu. „Jetzt möchte er sich gern Pferde anschaffen. Er findet es jammerschade, daß der Stall so leer steht. Wer weiß, vielleicht kauft er im Frühjahr ein paar Stuten.“

Ich setzte mich auf einen alten Hocker und dachte wieder an Siboney, meine kleine Stute. Würde ich je ein eigenes großes Pferd besitzen?

„Was hast du, Britta?“ fragte Lasse besorgt und legte eine Hand auf meine Schulter. „Geht es dir nicht gut?“

„Doch, doch“, antwortete ich ausweichend. „Ich bin nur ein bißchen müde.“

„Wir gehen gleich zu meiner Tante und stärken uns mit Kaffee“, schlug Lasse vor.

„Wie alt ist eigentlich das Rehlein?“ fragte ich, um mich abzulenken und nicht mehr an Siboney zu denken.

„Soviel ich weiß, werden Rehe Anfang Juni geboren“, überlegte Lasse. „Es muß also ungefähr ein halbes Jahr alt sein.“

„Es sah noch so klein und hilflos aus“, seufzte ich. „Ich möchte oft kommen und euch bei der Pflege helfen.“

„Darüber wird sich mein Onkel bestimmt freuen. Ich natürlich auch“, lachte Lasse. „Und das Rehlein hat sich sowieso schon an dich gewöhnt.“

„Sicher gibt es eine Unmenge alter, aufregender Dinge auf diesem Hof“, überlegte ich.

„Und ob“, versicherte Lasse und brachte Cayenne frisches Wasser. „Du solltest nur den Wagenschuppen sehen. Er quillt über von abenteuerlichem Gerümpel. Ich zeige ihn dir mal bei Tageslicht.“

Das brachte mich auf eine Idee.

„Habt ihr vielleicht auch irgendwo einen alten Schellenkranz? So einen, wie man ihn früher den Pferden umhängte? Wir hätten so gern einen für unseren Luciazug.“

„Schon möglich“, meinte Lasse. „Ich werde morgen ein bißchen kramen. Vielleicht haben wir Glück …“

Der dampfende Kaffee erweckte uns zu neuem Leben, und die Bratäpfel schmeckten köstlich. Für einen Augenblick vergaßen wir sogar die Frage, die die ganze Zeit in unseren Köpfen spukte: Was würde Dr. Södergren zu seinem zerbeulten Auto sagen? Selbst im Stall hatten wir es vermieden, über dieses Thema zu sprechen.

In diesem Augenblick trat Lasses Onkel in die Küche. Er sah abgespannt aus und bat um eine Tasse Kaffee. Wir versuchten, in seinem Gesicht zu lesen, aber er verzog keine Miene. Er setzte sich zu uns an den Tisch und schwieg. Erst nachdem er einen kräftigen Schluck Kaffee getrunken hatte, begann er seinen Bericht.

„Das Reh schläft noch. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Die Wunde war nicht so schlimm, wie sie aussah.“

Ich atmete erleichtert auf.

„Und nun zu dir, Lasse“, fuhr Dr. Södergren fort. „Ich habe mir gerade mein Auto angesehen. Der linke Kotflügel läßt sich vielleicht ausbeulen. Aber der rechte muß ausgewechselt werden. Und eine neue Stoßstange ist auch fällig. Ich kann nur hoffen, daß sich bei der Vermessung kein Achsenbruch herausstellt. Dann kann ich mir für die Reparaturkosten schon fast ein neues Auto kaufen.“ Er machte eine kurze Pause und sah Lasse in die Augen. „Wie willst du für den Schaden aufkommen?“

„Ich würde dir jeden Monat mein ganzes Taschengeld geben“, murmelte Lasse. „Aber dann müßte Cayenne verhungern …“

„Typisch Mann“, mischte sich jetzt Lasses Tante energisch dazwischen. „Statt dankbar zu sein, daß die beiden noch leben und sie nach dem schweren Schock in die Arme zu nehmen und zu trösten, denkst du nur an dein Auto. Dabei fährt es sogar noch. Auf ein paar lächerliche Beulen mehr oder weniger kommt es doch wirklich nicht an.“

Lasses Onkel schmunzelte. „Kennst du mich nach so vielen Ehejahren immer noch nicht? Ich bin völlig deiner Meinung. Ich wollte dem Jungen nur eine Lehre erteilen.“

Lasse und ich schauten uns fassungslos an. Wir trauten unseren Ohren nicht.

„Bilde dir nur nicht ein, daß du völlig ungeschoren davonkommst“, warnte Dr. Södergren. Er versuchte, sehr streng zu wirken, aber in seinen Augen lauerte ein vielsagendes Lächeln. „Du wirst morgen hinter dem Stall ein kleines Gehege für das Reh bauen. Maschendraht mußt du kaufen und von deinem Taschengeld bezahlen, aber alte Bretter findest du sicher genug im Schuppen. Das Reh braucht eine Futterkrippe und vor allem eine Hütte, in der es warm und sicher liegt. Außerdem wirst du für seine Verpflegung aufkommen. Ich glaube nicht, daß Cayenne deshalb verhungern muß“, meinte Lasses Onkel, der ein verschmitztes Lächeln jetzt nicht mehr verbergen konnte.

Nach diesem unerwartet glücklichen Ausgang schmeckte der Kaffee noch mal so gut. Wir saßen noch lange um den Tisch und plauderten über alles mögliche.

„Meinen Wagen kann ich dir vorläufig wohl nicht mehr anvertrauen“, bemerkte Dr. Södergren und sah Lasse leicht strafend an. „Also werde ich die junge Dame nach Hause fahren.“

„Was meinst du?“ fragte Lasse seine Tante augenzwinkernd. „Können wir ihm Britta mit ruhigem Gewissen überlassen?“

Ich verabschiedete mich und bedankte mich herzlich bei Lasse und seiner Tante. Als Dr. Södergren mich nach Hause fuhr, kam mir die Welt nicht mehr so schwarz und traurig vor: Ich hatte Freunde gefunden. Ich war mit meinen Problemen nicht mehr allein.

Silber stand nun schon zwei Tage allein im Stall. Seit Siboney weg war, hatte er keinen Hafer mehr angerührt. Dabei war er sonst das verfressenste Pferd, das ich kannte. Er schlang den Hafer in sich hinein und hob den Kopf erst wieder, wenn auch das letzte, kleinste Haferkorn in seinem großen Bauch verschwunden war. Jetzt zertrampelte er den Hafer und verstreute ihn wütend über den ganzen Boden. Er sprang ungeduldig in der Box vor und zurück, wieherte laut und bäumte sich gegen die Boxtür auf. Er ließ sich durch nichts besänftigen.

Ich verstand sehr gut, wie Silber zumute war. Er vermißte Siboney genauso wie ich. Schließlich wußte ich mir keinen Rat mehr. Ich bat Hasse und Thomas um Hilfe. Die beiden trugen die Verantwortung für den Reitstall und bestimmten alles. Sie schlugen mir vor, Billy aus dem großen Stall zu holen und in Siboneys Box zu stellen, damit Silber nicht so allein sei. Tatsächlich. Silber beruhigte sich und begann wieder zu fressen. Ich freute mich auch darüber, daß Billy jetzt in meinem Stall stand. Es war nicht gerade angenehm gewesen, jeden Morgen zum Ausmisten und Füttern in den Stall zu kommen und immer wieder auf die leere Box neben Silber zu starren …

Am Tag vor dem Luciafest kam Lasse. Er erzählte vom Rehlein, dem es mit jedem Tag besser ging. Es entwickelte schon einen recht beachtlichen Appetit.

„Goldie ist immer noch verrückt nach ihm“, berichtete Lasse. „Die beiden sind unzertrennlich. Goldie gab keine Ruhe, bis ich ihre Hundehütte ins Gehege stellte, damit sie auch nachts auf ihren neuen Freund aufpassen konnte.“

„Und das Auto?“ fragte ich.

„Zum Glück kein Achsenbruch“, antwortete Lasse erleichtert.

„Zwei gute Nachrichten auf einmal“, freute ich mich. „Ein Glück kommt selten allein.“

„Oder: Alle guten Dinge sind drei“, lachte Lasse. „Ich habe euch nämlich noch etwas mitgebracht: Einen Schellenkranz!“

„Du hast tatsächlich einen richtigen Schellenkranz gefunden“, rief ich begeistert. Am liebsten hätte ich ihn vor Freude umarmt. „Thomas! Sieh mal! Diesen wunderbaren Schellenkranz können wir morgen Rauhbein umhängen.“

Alle liefen herbei, um den Schellenkranz zu schütteln und den Klang seiner Glocken zu bewundern.

„Was hast du dir da für einen netten Jungen geangelt“, hänselte mich Kicki später.

„Wieso geangelt“, murmelte ich mit hochrotem Kopf. „Lasse kenne ich schon seit vielen Jahren.“

„Verdammt“, sagte Thomas. „Jetzt hätte ich beinahe etwas Wichtiges vergessen.“

„Was denn?“ wollten Kicki und ich gleichzeitig wissen.

„Ich muß Lasse noch fragen, ob er morgen mitreitet. Dann hätten wir zwei Füchse an der Spitze des Zuges und Kicki kann auf Lord Peter neben Patrik hinter dem Schlitten reiten …“

„Ich soll Lord Peter reiten? Und wen willst du reiten?“

Kicki sah aus wie ein lebendes Fragezeichen.

„Ich wollte mir die große Ehre zuteil werden lassen, den Schlitten mit Lucia zu lenken“, grinste Thomas. „Du kannst natürlich auch Agnetas Pferd reiten …“

„Niemals“, protestierte Kicki.

„Also abgemacht“, entschied Thomas. „Dann brauche ich nur noch Lasses Zustimmung.“

„Hoffentlich fällt bis morgen noch etwas Schnee“, meinte ich besorgt. „Sonst wird es für Rauhbein schwer, den Schlitten zu ziehen.“

„Dafür muß Thomas sorgen.“ Kicki war immer noch ziemlich sauer. „Er kann doch sonst alles so vorzüglich organisieren.“

In diesem Augenblick kam Hasse zu uns in den Stall.

„Ich habe die Fackeln für morgen“, berichtete er. „Und für diejenigen, die auf den großen Pferden reiten, weiße Zottelpelze.“

„Ich als Kutscher kann meinen grauen Pelz anziehen“, schlug Thomas vor. „Britta und die Ponyreiter sollten nach Möglichkeit rote Jacken tragen.“

„Damit wir wie Heinzelmännchen aussehen“, lachte ich. „Aber das läßt sich machen. Die meisten haben rote Jacken und die anderen können sich welche ausleihen.“

„Apropos Heinzelmännchen. Wir brauchen einen starken Heinzeimann, der Billy am Zügel führt.“

„Pah“, widersprach Martin bockig. „Wieso darf ich plötzlich nicht allein reiten?“

Hasse und Thomas hielten an ihrer Meinung fest. Ich stimmte ihnen auch zu.

„Wenn du nicht einverstanden bist, bleibt Billy im Stall“, bestimmte Hasse. „Wir wissen alle nur zu gut, wie unberechenbar Billy ist. Wenn er Lust hat, brennt er plötzlich in Richtung Stall durch und reißt die anderen Pferde mit sich. Den Luciazug können wir dann streichen.“

Martin murrte zwar, aber er mußte sich fügen.

„Ich fahre schnell zu Dr. Södergren und spreche mit Lasse“, erklärte Thomas. „Kommst du mit, Kicki?“

Ein nächtlicher Festzug hoch zu Roß

„Hat jemand ein Paar alte braune Fingerhandschuhe gesehen?“ rief ein aufgeregtes Heinzelmännchen und suchte in allen Ecken.

„Dort liegen welche.“ Ich zeigte auf den Fußboden vor Organdies Box.

„Nein, die sind viel zu schön“, lachte das Heinzelmännchen. „Die Handschuhe, die ich suche, habe ich für meinen Vater gestrickt, aber er wollte sie nicht haben. Sie waren ihm zu häßlich …“

Der Stall wimmelte von erwartungsvollen Kindern, die Pferde striegelten und Hufe auskratzten. Noch hatte niemand mit dem Satteln angefangen.

Ich ging schnell zurück in meinen kleinen Stall, um Silber weiterzubürsten. In der anderen Box kümmerte sich Martin um Billy. Um ihn herum lungerten seine schlaksigen Mopedfreunde. Sie folgten ihm immer auf Schritt und Tritt, wie ein zweiter Schatten.

Ich holte Silbers alten, abgenutzten Passiersattel. Ich liebte diesen Sattel. Ich würde ihn nicht gegen einen neuen eintauschen, denn es dauert lange, bis ein Sattel richtig eingeritten ist.

Es machte immer wieder Spaß, Silber zu zäumen. Er sperrte sein Maul bereitwillig auf, sobald er das Klirren der Trense hörte. Er konnte es kaum erwarten, hinausgeführt zu werden, so neugierig war er. Er ging mit mir durch dick und dünn – wie ein richtiger Freund.

Allmählich versammelten sich alle auf dem Hof. Es war schon dunkel draußen. Im Schein der Lampe über der Stalltür sah alles ein bißchen unwirklich, beinahe geisterhaft aus. Hasse und Thomas spannten Rauhbein vor den Schlitten. Das war nicht schwierig, denn das Fjordpferd war daran gewöhnt. Es zog den Schlitten sogar gern. Und heute – mit dem Schellenkranz um den Hals – war es besonders stolz.

Zum Schluß kam Agneta. Es war ein feierlicher Anblick, als sie in ihrem langen weißen Pelz und mit einem Lichterkranz auf dem Kopf neben Thomas Platz nahm. Den Schlitten hatten wir mit Tannenzweigen und Lametta geschmückt. Das sah nicht nur hübsch aus, sondern roch auch gut.

„Kommt Patrik nicht zu nah. Er könnte ausschlagen“, warnte Lotta. Sie war nervös, weil die Kleinen mit ihren Ponys überall umherwirbelten. Patrik war Hasses junger Halbblutwallach, und Lotta war sein Stallknecht. Sie war überglücklich, daß sie im Luciazug mitreiten durfte.

Martin hatte schon einen kräftigen Heinzelmann zugeteilt bekommen, der den unruhigen Billy am Halfter führte. Die blaßgelbe Sessan mit ihren verspielten Ohren wollte nicht Stillstehen, als Susanne in den Sattel kletterte. Der Russe Lillebror, ein richtiger kleiner Strolch, sauste mit Pia von einem Pferd zum anderen und neckte sie, bis alle böse auf ihn wurden. Der alte Scheck sprang erschrocken zur Seite, wenn die großen Pferde ihm zu nahe kamen.

Der Hof wimmelte von Pferden und Menschen, als Lasse in raschem Trab auf uns zukam. Die Pferde hoben ihre Köpfe und spitzten neugierig die Ohren.

„He, willst du auch noch zur allgemeinen Kopflosigkeit beitragen?“ rief ich fröhlich. Lasse lachte. Seine Augen strahlten. Das taten sie oft. Wahrscheinlich fühlte ich mich deshalb in seiner Nähe so geborgen.

„Kannst du eine Fackel in der Hand halten, oder scheut dein Pferd dann?“ fragte Hasse, der mit einer brennenden Fackel auf Organdie saß Die nervöse Stute vertraute Hasse und kümmerte sich nicht um das knisternde, funkensprühende Feuer.

„Cayenne hat keine Angst“, antwortete Lasse und klopfte anerkennend den Hals seines Pferdes. „Er läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.“

„Gut“, meinte Hasse. „Dann versuche ich jetzt, aus diesem Tohuwabohu einen Luciazug zu bilden …“

Er dirigierte seine heiße Vollblutstute lässig durch das Gewühl aufgeregt schnatternder Kinder. Organdie verhielt sich völlig ruhig. Das lag nur an Hasse. Ich bewunderte ihn. Er war der beste Reiter, den ich kannte. Es war egal, was für ein Pferd er ritt, er verstand sie alle. Und die Pferde taten für ihn immer ihr Bestes.

„Es schneit“, erzählte Lasse. „Den ganzen Weg hierher fielen winzige Schneeflocken auf mein Gesicht.“

Tatsächlich. Es schneite. Kleine, eisige Flocken.

Lasse nahm eine Fackel und ritt mit Hasse an die Spitze des Zuges. Dahinter kam Thomas im Schlitten mit Lucia – Agneta war eine wunderschöne Lucia, mit der Lichterkrone auf ihren langen blonden Haaren.

Als der Zug sich in Gang setzte, und die Glöckchen des Schellenkranzes fröhlich läuteten, verstummte das Schnattern der Kleinen. Kicki und Lotta ritten auf ihren dunklen Pferden hinter der strahlendhellen Lucia. Auf den Kufen des Schlittens standen kleine, rote Heinzelmännchen – alle mit Fackeln in den Händen. Sie bildeten auch den Schluß hinter Sessan, Lillebror und Scheck.

Ich wünschte, ich könnte den Luciazug in seiner vollen Länge sehen. Es mußte herrlich sein, aus der Ferne den näher kommenden Klang der Glocken zu hören, und dann die vielen Fackeln und Pferde, die Heinzelmännchen und schließlich die leuchtende Lucia zu sehen.

Wir ritten auf der großen, breiten Straße, die durch die Vororte führte. In einigen Geschäften hatten wir Plakate ausgehängt. Deshalb standen auf den Treppen überall Menschen und erwarteten uns. Aus beinahe allen Fenstern grüßten uns freundlich lächelnde Gesichter. Agneta lächelte nicht weniger freundlich zurück und winkte den Zuschauern wie eine Königin aus ihrer Kutsche zu.

Billy beunruhigten die vielen Menschen, und der Heinzelmann, der ihn führte, hatte viel Mühe mit ihm.

Der Wind ließ nach und die Luft schien milder zu werden. Der Schnee fiel jetzt wohlwollend in großen, weichen Flocken auf uns herab. Die Straße wurde zu einer ausgezeichneten Bahn für unseren Schlitten.

„Wir sollten ein Lied singen“, schlug jemand vor.

Einige der kleinen, roten Wichte kletterten vom Ende des Zuges in den Schlitten. Anfangs drohte ihr Gesang in albernem Kichern unterzugehen. Aber dann wurden sie von der ernsten Feierlichkeit gepackt und nahmen ihren ganzen Mut zusammen. Ihre hellen, reinen Kinderstimmen drangen durch die Nacht: „Kling Glöckchen, kling“ und „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Das war so stimmungsvoll und ergreifend, daß es mir vorkam, als schwebten wir. Der Alltag war vergessen, die Wirklichkeit unwirklich. Dieses Idyll einer schönen Weihnacht spostkarte verflog schnell.

Hinter mir schimpfte Pia laut auf Lillebror: „Hör auf, verrückt zu spielen! Bleib hier! Benimm dich!“

„Schscht! Du machst ja die ganze Stimmung kaputt.“ Ich flüsterte wie eine Souffleuse im Theater.

In diesem Augenblick passierte es. Ein Heinzelmännchen verlor seine halbabgebrannte Fackel genau vor Billys Nase. Billy schnaubte empört und stellte sich auf die Hinterbeine. Armer Martin. Die anderen Pferde wurden ebenfalls unruhig und wollten am liebsten davongaloppieren. Nur Lucia blieb gelassen. Sie lächelte und winkte und lächelte.

Überall am Straßenrand standen Menschen und schauten uns zu. Kinder liefen über die Straße und wollten die Ponys streicheln. Allen schien unser Luciazug zu gefallen. Zum Glück wissen sie nicht, daß einige von uns ihre Pferde kaum noch halten können, dachte ich.

Als wir wieder nach Hause ritten, hatte es aufgehört zu schneien. Der Himmel war sternenklar. Eine wunderbare Nacht. Alle waren still. Vielleicht schläferte sie auch der langsame Schritt ein.

Im Klubhaus brannte hinter allen Fenstern Licht. Eine freundliche Mutter überraschte uns mit Zimtsternen und Pfefferkuchen, die sie extra für uns gebacken hatte. Einige Mädchen, die nicht am Luciazug teilgenommen hatten, kochten in großen Töpfen duftenden Kakao.

Kuchen und Kakao verschwanden in Windeseile. Wir waren alle ein bißchen durchgefroren und sehnten uns danach, etwas Warmes in unsere Bäuche zu bekommen.

Ich neckte Agneta und fragte sie, wie das denn sei: immer nur lächeln und winken.

„Danke“, antwortete sie. „Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch einen rechten Arm besitze …“

Alle lachten, stopften die letzten Pfefferkuchen in sich hinein und tranken die letzten Tropfen Kakao. Das Luciafest ging seinem Ende entgegen.

„Das müssen wir nächstes Jahr unbedingt wieder machen“, rief Thomas. Wir stimmten alle begeistert zu.

Festschtmuck für die Pferdebox

Es fiel bald noch mehr Schnee. Kalten, glitzernden Neuschnee wirbelten die Pferdehufe auf, wenn sie trabten oder galoppierten. Die Pferde schnaubten, wenn sie die reine und klare Luft einatmeten.

Wenn meine Schüler vom Pferd purzelten, lachten sie nur und kletterten als kleine Schneemänner wieder auf ihre Ponys. Der Winter war eine herrliche Zeit zum Reiten. Man mußte sich nur warm genug anziehen. Aber natürlich gab es auch viele Probleme …

Heute war der erste Sonntag nach dem Luciafest. Wir hatten die Pferde nach einem Ritt durch den Wald gerade in den Stall gebracht. Ich bürstete immer wieder Silbers Brust, denn wenn er schwitzte, kräuselte sich sein Fell besonders stark.

„Britta, komm schnell! Draußen auf dem Hof steht ein fremder Mann und schimpft fürchterlich.“

Martin war mit hängender Zunge aufgeregt in den Stall gestürzt.

Ich war neugierig und folgte ihm sofort auf den Hof. Dort standen Kicki und einige meiner kleinen Reitschülerinnen um einen wild gestikulierenden Skifahrer herum. Er gehörte schon zum älteren Eisen. Auf seinem Kopf wippte eine ulkige, rote Zipfelmütze hin und her. Er war so aufgeregt, daß er mitsamt seinen riesigen, altmodischen Langlaufskiern auf- und niederhüpfte. Dabei schwenkte er seine spitzen Skistöcke drohend vor den Gesichtern der Kinder. Das sah gefährlich aus.

„Schließlich ist das nicht Ihr Wald“, protestierte Kicki. Sie schien nicht weniger wütend zu sein. Der Skifahrer hatte vor Zorn einen knallroten Kopf und seine Augen blitzten. Er hüpfte auf Kicki zu, als wollte er sie mit seinen Skistöcken erschlagen.

„Seit zwanzig Jahren laufe ich in diesem Wald Ski“, schnaubte er. „Seit zwanzig Jahren hinterlasse ich meine akuraten Skispuren im Schnee. Zwanzig Jahre lang konnte ich ungestört trainieren. Aber jetzt … Ich habe gewußt, was es bedeutete, als diese verdammte Reitschule hierherkam. Eine Brutstätte für Herumtreiber. Jawohl!“

Wieder fuchtelte er grimmig mit seinen Skistöcken vor Kickis Augen. Aber Kicki ließ sich nicht einschüchtern.

„Und wir sind den ganzen Sommer und den ganzen Herbst durch den Wald geritten“, widersprach sie energisch. „Warum sollten wir aufhören zu reiten, nur weil es ein bißchen geschneit hat? Es ist ebensogut unser Wald. Und wir können auch unsere Wege markieren. Merken Sie sich das!“

Der Skifahrer sah aus, als würde er jeden Augenblick in die Luft gehen.

„Was ist denn passiert?“ fragte ich ruhig.

„Wir sind wahrscheinlich in seinen, heiligen‘ Skispuren geritten“, empörte sich Kicki.

„Jawohl, das seid ihr“, schrie der Fremde und zielte jetzt mit seinen Skistöcken auf mich. „Ich sage es zum letztenmal: Niemand hat das Recht, meine Skispuren zu zertrampeln. Wenn ihr das noch einmal tut, dann … dann gnade euch Gott! Unerzogene Herumtreiber! Angeber! Streunt herum und macht alles kaputt. Jawohl!“

„Aber nein“, widersprach ich. „Niemand hat absichtlich Ihre Skispuren zerstört …“

Der Skifahrer regte sich nur noch mehr auf. Es war unmöglich, mit ihm vernünftig zu reden. In seiner Wut stieß er immer neue Beschimpfungen aus. Plötzlich drehte er sich um und hastete über die Felder. Wir atmeten erleichtert auf, als seine rote Zipfelmütze schließlich im Wald verschwand.

„So ein Spinner“, meinte Martin verächtlich.

„Ein lebensgefährlicher Kerl“, kicherte eines der Mädchen. „Ich hatte Angst, er würde uns alle mit seinen ekelhaften Skistöcken aufspießen.“

Kicki machte kein glückliches Gesicht.

„Zu dumm“, sagte sie ärgerlich. „Ich hätte mich beherrschen müssen. Wenn ich wütend bin, sage ich oft etwas, was ich hinterher bereue. Aber er brauchte sich auch nicht aufzuspielen, als gehöre ihm der ganze Wald.“

„Du kannst nichts dafür“, tröstete ich sie. „Er hat sich unmöglich benommen. Er hätte uns doch ruhig bitten können, nicht mehr in seinen Skispuren zu reiten. Dann hätten wir wie erwachsene Menschen vernünftig darüber geredet. Der Wald ist groß genug für Skifahrer und Reiter.“

Kicki regte sich immer noch auf.

„Jeder weiß doch, wie wichtig eine Reitschule für Kinder ist. Sollen sie sich vielleicht lieber auf der Straße herumtreiben? Aber das kann so ein Kinder- und Pferdehasser wohl nicht verstehen.“

„Hoffentlich kommt er nie mehr zurück“, wünschte Martin. Das hoffte ich auch.

„Wir werden seinen Skispuren in Zukunft einfach ausweichen“, schlug ich vor.

Ich hatte noch andere Sorgen. So kurz vor Weihnachten hatten plötzlich viele Kinder keine Zeit mehr zum Reiten. Dadurch bekamen die Pferde weniger Bewegung. Sie wurden unruhig und streitsüchtig. Organdie benahm sich besonders merkwürdig. Sie wurde immer schwieriger beim Reiten. Eines Abends ging sie während des Unterrichts mit einem Kind durch und raste mehrere Minuten über den Übungsplatz. Als sie endlich stehenblieb, rutschte das Mädchen mit kreidebleichem Gesicht verstört aus dem Sattel.

In solchen Augenblicken war es nicht leicht, Reitlehrerin zu sein. Ich nahm Organdies Zügel und schwang mich in den Sattel.

„Sieh mal genau zu. Ich fange ganz ruhig mit einem kurzen Trab an. Ich lasse das Pferd schneller werden. Dann achte ich darauf, daß das Gebiß im Maul beweglich bleibt. Sonst sind die Zügelhilfen zu hart, und das Pferd versucht auszubrechen. Jetzt verfalle ich in einen verhaltenen Galopp. Ich sitze ruhig im Sattel und achte immer wieder auf die Beweglichkeit des Gebisses.“ Organdie beruhigte sich allmählich. Wir galoppierten noch einige Runden.

„Hast du alles verstanden?“ fragte ich.

Das Mädchen nickte. „Ja. Aber ich kann es trotzdem nicht.“

„Das weiß ich“, antwortete ich. „Es genügt nicht, daß jemand einem erklärt, wie man es macht. Reiten kann man nur auf eine Art lernen: Man muß reiten und nochmals reiten. Bis man schmiegsam im Sattel sitzt, bis man die Hilfen richtig anwendet, bis man weiß, wie das Pferd, das man reitet, behandelt werden will … Verstehst du, was ich meine?“

„Schon. Aber es dauert tausend Jahre, bis ich das kann“, seufzte die Kleine niedergeschlagen.

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, tröstete ich sie.

Billy bereitete mir noch mehr Kummer als Organdie. Ich mußte ihn oft reiten und ihm eine Lektion erteilen, wenn er wieder ein armes Kind abgeworfen hatte. Billy hatte sich in den Kopf gesetzt, alle seine Reiter auf ihr Können zu prüfen. Wenn er seinen Reiter nicht gleich beim ersten Versuch loswurde, gab er manchmal auf und verhielt sich lieb und brav bis zum Ende der Reitstunde. Aber meistens gab er sich die größte Mühe, meinen Unterricht zu sabotieren.

Patrik und Rauhbein waren geduldig. Mit Kurre hatte ich auch keine großen Schwierigkeiten. Allerdings war er ein launischer Nordschwede. Er konnte furchtbar dickköpfig und ungehorsam sein.

Während ich mich täglich mit dem Unterricht abmühte, näherte sich Weihnachten mit Siebenmeilenstiefeln. Die Mädchen, die uns als Stallknechte halfen, schmückten den Stall. Sie wetteiferten miteinander. Jede wollte, daß ihr Pferd die schönste und festlichste Box hatte. Sie hängten Glöckchen auf und befestigten Tannenzweige mit Lametta. Auf die Namensschilder klebten sie rote Heinzelmännchen.

Ann half mir, Silbers Box zu schmücken. Sie hängte zwei große, runde Brotkuchen an rote Seidenbänder über die Tür. Frohe Weihnachten, Silber! hatte sie mit roter Glasur darauf gemalt.

„Am Weihnachtsabend schenke ich sie ihm“, erzählte sie stolz.

Der Gedanke an den Weihnachtsabend stimmte mich ein bißchen traurig. Ich würde nicht hier sein. Ann mußte sich allein um Silber kümmern. Ich feierte Weihnachten zu Hause bei meinen Eltern, meiner Schwester Nirre und meinem kleinen Bruder Lasse. Eigentlich war die Reitschule mein Zuhause. Ich hatte mich schon so daran gewöhnt, mein eigenes Leben zu leben.

Es fiel mir schwer, Weihnachtsgeschenke auszusuchen. Ich war so lange von meiner Familie weg, daß ich keine Ahnung hatte, was sie sich wünschten.

Wenige Tage vor Weihnachten fuhr ich in die Stadt. Die Straßen und die Geschäfte waren voller Menschen. Wie sollte ich in diesem Gewühl Geschenke finden? Plötzlich entdeckte ich eine herrliche, cremefarbene Jacke mit einem großen Polokragen. Sie mußte Lasse – ich meine natürlich nicht meinen kleinen Bruder, sondern dem Lasse – zu seinen dunklen Haaren wunderbar stehen. Es wäre verrückt, die Jacke zu kaufen. Sie war viel zu teuer. Und außerdem würde ich nie den Mut aufbringen, sie ihm zu schenken …

Lasse fuhr Weihnachten auch zu seinen Eltern. Er hatte versprochen, mich in seinem Auto mitzunehmen. So mußte ich nicht viele Stunden in einem überfüllten Zug verbringen. War das nicht Grund genug, ihm die Jacke zu schenken? Schnell entschlossen wandte ich mich an einen Verkäufer. So entstand ein tiefes Loch in meinem Geldbeutel.

Mit meinem ersten Weihnachtspaket unter dem Arm stieg meine Laune. Die Geschäfte schienen jetzt voller Geschenke für meine Eltern und für meine Geschwister zu sein.

Das Einkaufen machte mir jetzt richtig Spaß. Und als ich alle Weihnachtsüberraschungen beisammen hatte, ging ich erleichtert und fröhlich nach Hause.

Eine besondere Weihnachtsüberraschung

„Versorgst du Silber auch gut?“

„Jaaaa doch“, versicherte Ann.

„Wenn etwas passiert, mußt du mich sofort anrufen. Versprich mir das.“ Ich gab ihr einen Zettel mit meiner Telefonnummer. „Wenn du irgendwelche Probleme hast, kannst du dich jederzeit an Kicki, Thomas oder Hasse wenden.“

„Jaaaa doch“, versicherte Ann noch einmal. „Aber was sollte ich in den paar Tagen für Probleme haben?“

Ann stand mit Striegel und Kardätsche in der Stalltür und strahlte über das ganze Gesicht. Ihr kam es vor, als wäre Silber ganz besonders gut zu pflegen. Ich brauchte mir wirklich keine Sorgen zu machen. Außerdem wollte ich noch vor Silvester zurückkommen.

„Also dann … Adieu! Und fröhliche Weihnachten.“ Ich wäre am liebsten im Stall geblieben.

„Adieu! Fröhliche Weihnachten.“

Ann winkte mir mit der Kardätsche nach. Ich ging zum Auto, in dem Lasse auf mich wartete. Meine Reisetasche hatten wir schon im Kofferraum verstaut, und meine Weihnachtspakete lagen neben Goldie auf dem Rücksitz. Lasse öffnete mir die Tür. Ich trug meinen dunkelblauen Hosenanzug, der mir besonders gut stand. Meinen Kopf wärmte eine herrliche, große, graue Angoramütze, und über meiner Schulter hing eine handgewebte, indische Tasche, die ich in einem winzigen Laden erstanden hatte.

Es machte Spaß, zur Abwechslung einmal sauber und schick angezogen zu sein. Die meisten Menschen trugen jeden Tag saubere, ordentliche Kleidung und kannten nicht die Bequemlichkeit alter, verwaschener Jeans. Sie kamen auch nie in die Nähe eines Stalls, der ausgemistet werden mußte oder eines Ponys, das gestriegelt werden wollte. Ich konnte solche Menschen nur bedauern.

„Was sagst du?“ fragte Lasse und bog in eine schmale Landstraße ein.

„Ach nichts. Wahrscheinlich habe ich laut gedacht … Wer kümmert sich eigentlich um Cayenne?“

„Mein Onkel. Er hat versprochen, ihn jeden Tag für ein paar Stunden auf die Koppel zu bringen.“

„Dann hat er ja genug zu tun. Das Rehlein erfordert bestimmt auch ziemlich viel Arbeit.“

„Ums Rehlein kümmert sich meine Tante“, berichtete Lasse. „Sie hat das Kleine so in ihr Herz geschlossen, daß sie sich das nicht nehmen läßt. Diese Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Nach Goldie mag Rehlein am liebsten meine Tante.“

„Und was wird aus Rehlein, wenn es wieder ganz gesund ist?“ erkundigte ich mich.

„Darüber haben wir bisher noch nicht gesprochen“, antwortete Lasse. „Freilassen können wir es wahrscheinlich nicht. Das Rehlein hat die Angst vor den Menschen verloren. Es würde zutraulich dem ersten besten Jäger direkt in die Kugel laufen. Meine Tante möchte es behalten. Sie findet, wir haben Platz genug. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß mein Onkel damit einverstanden sein wird.“

„Hat er immer noch vor, im Frühjahr Zuchtstuten zu kaufen?“

„Das weiß man bei ihm nie so genau. Er spricht wenig darüber.“

Es war herrlich, mit Lasse zu verreisen. Wir hatten uns so viel zu erzählen.

„Hast du eigentlich nie daran gedacht, dir einen Hund anzuschaffen?“ wunderte sich Lasse.

„Doch, oft. Aber ich fürchte, ich habe zuwenig Zeit. Ein Tier muß man richtig erziehen. Schließlich übernimmt man eine große Verantwortung.“

Um Lasses Mundwinkel spielte schon wieder ein verschmitztes Lächeln. Nahm er mich nicht ernst?

„Du brauchst einen Hund“, behauptete er ohne die Augen von der Straße zu lassen. „Du wohnst doch ganz allein auf der Reitschule.“

Ich war glücklich: Lasse machte sich Gedanken über mich, über mein Leben.

„Dann möchte ich einen großen Hund haben. Am liebsten so einen treuen Schäferhund wie Goldie.“

Lasse sagte nichts mehr dazu. Aber seine Augen lachten. Was führte er diesmal im Schilde?

Bis zum Ende der Fahrt überlegte ich krampfhaft, wie ich Lasse die Jacke schenken konnte, ohne rot zu werden. Ich wünschte beinahe, ich hätte ihm nichts gekauft. Lasse konzentrierte sich darauf, das Auto auf der eisglatten Straße zu halten.

Jetzt konnte ich das große, weiße, alte Haus sehen, wo meine Eltern und die Zwillinge wohnten. Es lag auf einer Anhöhe. Dahinter erstreckte sich schweigend ein tiefer, dunkler Tannenwald. Zu Hause, dachte ich. Aber das stimmte nicht ganz. Denn zu Hause, das war auch auf der Reitschule.

Ich bedankte mich für die Fahrt und kletterte aus dem Auto.

Lasse half mir beim Ausladen meiner Reisetasche und der vielen Weihnachtspakete.

„Warte noch einen Augenblick“, rief Lasse. Sein Kopf verschwand im Kofferraum.

„Hier. Ein Weihnachtsgeschenk für dich.“ Lasse überreichte mir ein großes, unregelmäßiges Paket, das in grünes Weihnachtspapier eingewickelt war. Er blickte mich erwartungsvoll an. Jetzt waren seine Augen nicht spöttisch.

„Ich habe auch etwas für dich.“ Erleichtert, daß es so einfach war, gab ich ihm sein Weihnachtsgeschenk. Lasse war überrascht, aber er schien sich sehr zu freuen. Er umarmte mich hastig, flüsterte „Fröhliche Weihnachten“ in mein Ohr und fuhr weg. Ich schaute zum Balkonfenster hinauf. Hatte uns jemand beobachtet? Dann konnte ich mich vor dem Spott der Zwillinge nicht retten. Zum Glück sah ich niemanden.

Weihnachten verlief ruhig und friedlich. Nur Silber fehlte mir sehr. Als ich mir seinen alten Stall anguckte, der jetzt mit nutzlosem Gerümpel angefüllt war, standen mir die Tränen in den Augen. Diesen Stall hatte mein Vater damals selbst gebaut, als ich Silber bekam. Es schien eine Ewigkeit her zu sein.

Meine Eltern schenkten mir einen weißen, zotteligen Fellmantel zu Weihnachten. Ich war sprachlos vor Überraschung.

„Wir dachten, unser armes Kind muß doch schrecklich frieren“, erklärten sie. „Bist du es denn nicht leid, den ganzen Winter draußen zu stehen und Reitunterricht zu geben?“

„Nein“, entgegnete ich. „Ich habe einen wunderbaren Job. Ich bewege mich viel an der frischen Luft. Ich bin wirklich kerngesund. Und dann habe ich mit Kindern und Pferden zu tun. Das war immer mein Wunsch. Einen Job zu haben, den man gern ausübt, ist wohl das größte Glück, das man sich vorstellen kann …“

Das fanden meine Eltern auch.

Ehe ich Lasses Paket öffnete, drehte ich es hin und her, aber ich konnte unmöglich erraten, was es enthielt. Es war richtig spannend. Vorsichtig entfernte ich das grüne Weihnachtspapier und enthüllte ein Durcheinander von hellbraunen Lederriemen und ein Stück Holz, das wie ein Staffelstab aussah. Ich traute meinen Augen nicht: Es war ein Geschirr, um sich auf Skiern von einem Pferd ziehen zu lassen.

Wir waren schon oft hinter Silber Ski gelaufen. Dafür hatte ich ein provisorisches Geschirr gebastelt: ein alter Sattelgurt als Brustriemen, ein Steigbügelriemen kam um den Widerrist, und ein paar besonders lange Zügel dienten als Leine zum Festhalten. Jetzt besaß ich ein richtiges Geschirr aus weichem Leder. Ich hätte es zu gern sofort mit Silber ausprobiert.

Nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag rief Lasse mich morgens an und erklärte, er müsse zurückfahren. Er sagte kein Wort über die Jacke. Als er mich abholte, hatte er sie an. Dazu trug er neue, rostfarbene Jeans. Das stand ihm so gut, daß ich ihn bewundernd anstarrte.

„Dein guter Geschmack bezieht sich nicht nur auf Pferde …“, scherzte Lasse und schaute mir lange in die Augen. „Vielen Dank!“ Er lachte – und dann schien das Leben so einfach zu sein.

Auch ich bedankte mich herzlich für das wunderbare Geschirr.

„Hast du etwas dagegen, wenn Nirre mit uns fährt?“ Ich hätte beinahe vergessen, ihn danach zu fragen. „Sie möchte Neujahr bei mir feiern und anschließend mit dem Zug zurückfahren.“

Lasse hatte nichts dagegen. Sie mußte sich nur den Rücksitz mit Goldie teilen.

Meine Schwester und ich waren grundverschieden. Nirre war lang und dünn, hatte schwarze Haare und grüne Augen. Sie bemalte ihr Gesicht wie ein Indianer. Warum weiß ich nicht. Vielleicht um älter auszusehen. Ich war verhältnismäßig klein geraten, hatte blonde Haare und blaue Augen. Ich tuschte mir höchstens ab und zu die Wimpern, wenn ich gerade Zeit und Lust hatte.

Nirre brauchte eine Ewigkeit im Bad. Sie drehte sich die Haare ein, schminkte und manikürte sich und was weiß ich alles. Für mich war das Badezimmer ein unumgängliches Übel, das mich morgens auf dem Weg zu den Pferden nur aufhielt.

Nirre starb tausend Tode, wenn sie sich einen ihrer wohlgefeilten, frischlackierten Fingernägel brach – für mich war das so unwichtig, daß ich nicht eine Sekunde darüber nachdachte.

Können Schwestern sich weniger gleichen als Nirre und ich? Trotzdem freute ich mich darauf, ihr die Pferde, den Stall und meine kleine Wohnung zu zeigen.

„Ich hätte auch gern einen Hund“, überlegte Nirre und kraulte Goldie hinter den Ohren. „Aber ich kenne mich. Spätestens nach vierzehn Tagen wäre er mir lästig.“

„Wie kann dir ein Hund lästig werden?“ fragte ich bestürzt. „Tiere gewinnt man doch lieb.“

„Schon. Aber sie zu füttern und bei Wind und Wetter mit ihnen auf die Straße zu gehen … das mache ich nicht lange mit.“

„Man gewöhnt sich schnell daran, wenn man ein Tier liebhat“, wandte Lasse ein. „Ich möchte Goldie jedenfalls nicht mehr missen.“

Dann verabschiedeten wir uns von Lasse. Ich war wieder zu Hause in meiner Reitschule. Ich zerrte sofort meine Schwester hinter mir her, rannte zum Stall und rief: „Silber! Silber!“

Silber wieherte zur Begrüßung. Das war für mich der schönste Willkommensgruß.

„Wie klein Silber ist“, knurrte Nirre. „Ich hatte ihn viel größer in Erinnerung.“

„Das liegt daran, daß du gewachsen bist, seit du ihn zum letztenmal gesehen hast“, erklärte ich lachend. „Hast du Lust, ihn zu reiten?“

„Ja, gern. Hoffentlich trifft dich nicht der Schlag, wenn du mich reiten siehst. Seit du weg bist, habe ich kein Pferd mehr bestiegen. Du kannst dir also vorstellen, daß …“

Meine kleine Wohnung gefiel Nirre auf Anhieb. In der Küche hatte ich die sommerlichen blauweißkarierten Baumwollgardinen gegen schwere, rote Gardinen ausgetauscht. Dadurch wirkte die Küche warm und gemütlich.

„Wirklich, ein hübsche kleine Wohnung“, urteilte Nirre. „Aber fühlst du dich auf die Dauer nicht schrecklich einsam?“

„Ich habe ja nicht vor, mein ganzes Leben hier zu verbringen.“

„Das beste wäre, du heiratest einen reichen Knaben, der viele Pferde und einen großen Hof besitzt“, schlug Nirre vor.

„Nichts einfacher als das“, antwortete ich bissig. „Ich kenne unheimlich viele reiche Knaben. Ich brauche nur zwischen ihnen zu wählen.“

Nirre wechselte das Thema.

„Was hast du eigentlich Silvester vor?“

„Tja“, antwortete ich zögernd. „Du möchtest sicher ausgehen und tanzen. Andererseits hat der Reitklub vor, einen Neujahrsritt zu veranstalten …“

„Mitten in der Nacht?“ fragte Nirre ungläubig. „Seid ihr verrückt geworden?“

Ein aufregender Geländeritt

Die Mädchen der Freitagsgruppe hatten mir lange in den Ohren gelegen. Sie wollten in den Weihnachtsferien unbedingt zusammen mit den großen Pferden ausreiten. Ich schob die Entscheidung immer wieder hinaus. Waren sie dazu überhaupt schon in der Lage? Aber irgendwann mußten sie es ja doch versuchen. Ich gab schließlich nach.

„Darf ich mitkommen?“ bat Nirre. Sie saß am Küchentisch und bemalte ihre Fingernägel mit einem gräßlichen braunroten Lack. Sicherlich der letzte Schrei. „Ich kann nur Silber reiten … Die anderen Pferde kenne ich nicht, aber sie machen einen streitsüchtigen Eindruck.“

Lasse streckte seine langen Beine unter den Tisch, wo Goldie mit hängender Zunge lag. Es war warm in der Küche, und Goldie konnte ihren dichten Winterpelz ja nicht ausziehen.

„Willst du nicht auch mitreiten?“ fragte ich Lasse scherzhaft.

„Gern“, antwortete Lasse. „Nur morgen muß ich leider in die Stadt. Aber ich habe eine glänzende Idee: Du reitest für mich Cayenne. Dann kann Nirre Silber haben, und alle sind zufrieden.“

Unter anderen Umständen wäre ich über sein Angebot seelig gewesen. Lasses Fuchs hatte so freundliche, liebe Augen. Aber morgen auf einem fremden Pferd? Der Gedanke gefiel mir gar nicht.

„Hast du Angst?“ fragte Lasse. „Cayenne ist das treueste und zuverlässigste Pferd der Welt.“

„Das glaube ich dir sogar“, antwortete ich. „Ich möchte ihn auch schrecklich gern reiten. Aber morgen trage ich die Verantwortung für die ganze Truppe. Da will ich nicht auf einem Pferd sitzen, das ich noch nie geritten habe.“

„Er tut niemandem etwas“, beharrte Lasse. „Vor dem Straßenverkehr hat er auch keine Angst.“

„Na gut.“ Was blieb mir anderes übrig, als einzuwilligen. „Aber wundere dich nicht, wenn Cayenne ohne mich nach Hause kommt.“

„Das tut er nicht“, versicherte Lasse. „Holst du Cayenne selbst ab?“

„Ich kann mit dem Fahrrad …“

„Bist du verrückt? Das ist doch zu weit. Du solltest den Führerschein machen.“

„Was tut man nicht alles für die große Ehre, Cayenne reiten zu dürfen“, lachte ich.

Am nächsten Morgen strampelte ich zum Hof von Lasses Onkel. Der Weg war beschwerlich und matschig. Ein paarmal wäre ich beinahe gestürzt. Als ich endlich ankam, schien niemand zu Hause zu sein. Ich schloß mein Fahrrad ab und ging sofort in den Stall. Cayenne sah mich überrascht an und wieherte leise, so wie ein einsames Pferd einen Fremden begrüßt, der unerwartet seinen Stall betritt.

Lasse hatte eine Nachricht für mich hinterlassen: „Vergiß die Taschenlampe nicht“, stand auf einem Zettel, der am Sattel befestigt war. Sicher, es würde wahrscheinlich dunkel sein, wenn ich zurückkam. Aber das machte mir nichts aus. Ich war schon oft nachts geritten.

Cayenne gefiel mir vom ersten Augenblick an. Frei und raumgreifend schritt er durch die Allee. Dabei beobachtete er alles und richtete seine Ohren neugierig geradeaus. Nur einmal wurde ich unruhig und war auf alles gefaßt: auf der Landstraße überholte uns ein großer Bagger mit ohrenbetäubendem Lärm. Silber wäre schon beim Anblick dieses Ungeheuers vor Schreck in den Graben gesprungen. Aber Cayenne hob nur den Kopf, blähte die Nüstern und schnaubte verächtlich. Jetzt war ich überzeugt, daß Cayenne sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ.

In der Reitschule warteten bereits alle auf mich. Mit einer Ausnahme ritten die Teilnehmer ruhig und erwartungsvoll über den Hof: Billy vollführte wieder einmal seine Bocksprünge. Aber diesmal hatte Billy eine energische Reiterin, die nicht ängstlich, sondern böse wurde, wenn er seine Tricks anwandte. Das spürte Billy bald und gab überraschend schnell auf.

Vor dem Stall standen diejenigen, die nicht mitreiten durften und verspotteten uns: „Es muß ja jemand hier sein, um die reiterlosen Pferde in Empfang zu nehmen“, riefen sie uns nach.

Ich hoffte, daß dieser Scherz ein Scherz bleiben würde.

Direkt hinter mir ritt Marie auf Organdie. Dann folgte der Nordschwede Kurre mit einem Mädchen, das gern schnell ritt, aber nicht die Geduld besaß, richtig Reiten zu lernen. Auf Patrik saß Lotta. Sie war zwar groß und kräftig, aber immer ein bißchen nervös. Sie schielte oft zurück, um aufzupassen, daß Billy nicht zu nahe kam. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren ritt das geduldige Fjordpferd Rauhbein. Das Schlußlicht bildete meine Schwester.

Organdie spielte gleich zu Beginn verrückt. Sie sträubte sich und wollte immer alles anders machen als wir. Ich ließ abwechselnd traben und schreiten, damit Organdie keine Möglichkeit bekam, allzu hitzig zu werden. Marie war bleich und schien es zu bereuen, daß sie mitgeritten war.

Wir durchquerten ohne Zwischenfälle unseren vertrauten Wald, der oben auf dem Höhenzug bei der Kiesgrube endete. Von hier aus hatten wir eine wunderbare Sicht über den Sund, der weiß und zugefroren unter uns lag.

„Eine tolle Aussicht“, staunte Lotta und hielt Patrik an.

„Ich habe keine Zeit, die Aussicht zu genießen“, murmelte Marie. Organdie wollte sich immer noch nicht beruhigen. Marie tat mir leid.

Wir ritten einen ziemlich steilen Abhang hinunter. Ich forderte alle auf, langsam im Schritt hinter mir her zu reiten. Für Silber war das unmöglich. Aber weil er der letzte war, machte es nichts, daß er ausgelassen und fröhlich abwärts galoppierte.

Wir überquerten eine breite Straße. Vor uns forderte ein wunderschöner, verschneiter Weg zum Galopp auf.

„Halt! Wartet!“ rief Marie.

Ich schaute sehnsüchtig auf den weichen Waldweg. Ich spürte, daß auch Cayenne endlich galoppieren wollte.

„Ich reite zurück“, erklärte Marie traurig. „Ich mache euch sonst alles kaputt.“

Sie hatte recht. Alle hatten sich so lange auf diesen Ritt gefreut. Und was war ein Geländeritt ohne Galopp?

„Wirst du allein mit Organdie fertig?“ fragte ich besorgt.

„Klar. Wenn ich sie an langen Zügeln schreiten lasse, bleibt sie einigermaßen ruhig.“

Die arme Marie. Nachdem sie uns verlassen hatte, war unsere Stimmung nicht mehr so fröhlich. Wie würde es ihr wohl auf dem Heimritt ergehen?

Wir ritten jetzt auf einer schmalen Landstraße, auf der unsere Pferde zügig traben konnten. Ich drehte mich um und sah glückliche Gesichter.

Wir erreichten das Ufer. Vorsichtig wagten wir uns am Rand auf das dicke Eis, das unter den Hufen furchteinflößend und hohl dröhnte. Ich wußte, daß es hier sehr flach und vollkommen ungefährlich war. Aber die Kinder fanden es spannend und ein bißchen unheimlich.

Wir ritten lange am Ufer entlang. Als wir endlich wieder den herrlichen Waldweg vor uns hatten, durften alle galoppieren. Ich drosselte das Tempo anfangs, um sicher zu sein, daß meine Schülerinnen ohne Schwierigkeit folgen konnten.

Cayenne holte weit aus. Dadurch hatte ich das Gefühl, wir galoppierten langsam. Erst als ich mich umdrehte und das schnelle, dumpfe Schlagen der anderen Hufe hörte, wußte ich, daß wir bereits mit hoher Geschwindigkeit durch den Wald jagten. Ich hob mich aus dem Sattel und ließ Cayenne laufen. Ein Tannenzweig peitschte mein Gesicht, aber ich merkte es kaum. Seit langem war ich nicht mehr so frei und schnell geritten. Ich war glücklich und vergaß beinahe die Kinder. Dann hörte ich sie „Oh“ und „Ah“ rufen, weil ihre Pferde vor lauter Übermut ausgelassene Sprünge vollführten.

Ich hob meine rechte Hand hoch und rief: „Langsamer! Halt!“

Ein strahlendes Durcheinander umringte Cayenne und mich. Die Mädchen waren außer Atem und redeten alle gleichzeitig. Die Pferde schnaubten, warfen die Köpfe hoch und wollten weitergaloppieren.

„So schnell bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht geritten.“

„Habt ihr Billy gesehen? Du lieber Himmel. Ich glaubte, ich würde jeden Augenblick vom Pferd fallen.“

„Kurre ist ganz ausgelassen. Ich konnte ihn kaum noch halten.“

Allmählich beruhigten sich die Mädchen und auch die Pferde. Ich hatte den Eindruck, meine Schülerinnen träumten schon von dem nächsten abenteuerlichen Geländeritt, als wir schweigend heimwärts ritten. Ich sollte diese Ausflüge öfter mit ihnen wagen. Immer nur in der Nähe des Stalles zu reiten war ein bißchen eintönig für Pferd und Reiter.

Als wir auf unserem Rückweg die breite Straße kaum überquert hatten, kamen aus beiden Richtungen zwei große Lastwagen angefahren. Billy und Kurre rasten erschrocken an mir vorbei. Bevor ich reagieren konnte, schloß Cayenne sich ihnen an. Wenn es mir nicht sofort gelang, ihn und die beiden anderen Pferde anzuhalten, würden alle Pferde hinter uns herjagen. Die Situation war mehr als kritisch.

Ich zerrte mit aller Kraft an den Zügeln und brachte Cayenne dazu, sich einmal um sich selbst zu drehen. Das war meine einzige Chance. Ich kannte Cayenne nicht und wußte nicht, wie er sich sonst verhalten hätte.

Die anderen Pferde stutzten, als Cayenne so plötzlich kehrt machte: Patrik tänzelte nervös auf der Stelle, Rauhbein und Silber verhielten sich ruhig. Aber ihre Augen blitzten so unternehmungslustig, als hätten sie Lust zu einem Galopp …

Kurre und Billy kamen nicht weit. Als sie merkten, daß die anderen Pferde ihnen nicht folgten, gelang es den Mädchen, sie anzuhalten. Ein wenig verdutzt trabten sie zu uns zurück.

„Ich hatte mir geschworen, daß Billy heute nicht mit mir durchgehen würde.“ Das Mädchen, das Billy ritt, war wütend.

Was für ein Glück, daß Marie mit Organdie schon vorher nach Hause geritten war, dachte ich. Organdie war früher ein Rennpferd. Sie wäre um keinen Preis stehengeblieben. „Bei diesem Tempo holen wir Marie schnell ein“, meinte Lotta, als könne sie meine Gedanken lesen.

„Wir reiten jetzt in der gleichen Reihenfolge wie vorher weiter“, rief ich. Gehorsam reihten sich alle hinter mir auf. Wir gingen mit dem Oberkörper nach vorn, um Hinterhand und Rücken unserer Pferde zu entlasten und kletterten die steile Böschung hinauf. Als wir unseren vertrauten Wald wieder erreichten, wurde es schon dunkel. Die Mädchen verhielten sich merkwürdig still.

„Seid ihr etwa müde?“ wollte ich wissen.

„Nein, aber hungrig“, jammerte Lotta. Sie war immer hungrig. „Hoffentlich empfängt uns zu Hause jemand mit warmem Kakao.“

„Ich habe keine Arme mehr“, beschwerte sich ein anderes Mädchen. „Billy legt sich schrecklich in die Zügel. Er will seinen Kopf durchsetzen. Sobald ich ihm nachgebe, läuft er direkt hinter Patriks Schweif her.“

Wir näherten uns der Reitschule. Wir mußten nur noch über den kleinen Graben springen und über einige Felder traben. Das warme Licht hinter den Fenstern unseres Klubhauses leuchtete uns schon entgegen.

Cayenne zeigte keine Spur von Müdigkeit. Er war wunderbar zu reiten. Vor dem Graben blieb er stehen und schaute nachdenklich hinüber. Dann schnaubte er und wollte rückwärts gehen. Wahrscheinlich konnte er im Dunkeln nicht erkennen, wie klein und harmlos der Graben war.

„Nun komm schon“, forderte ich und klopfte aufmunternd seinen Hals. Widerwillig schritt Cayenne auf den Graben zu. Er spannte seine Muskeln und setzte mit einem riesigen Sprung hinüber. Das mußte komisch ausgesehen haben. Ich lachte innerlich. Ich lenkte Cayenne automatisch weg vom Stall nach rechts, damit er nicht zum Stall galoppierte … Das war ja gar nicht Cayennes Stall. Aber daran dachte ich in diesem Augenblick nicht. Ich schlug einfach aus Gewohnheit diese Richtung ein.

Cayennes gewaltiger Sprung über den Graben war zuviel für Kurre und Billy. Sie machten es ihm nach und stürzten dann in rasendem Galopp über die Felder.

„Nach rechts! Reitet nach rechts!“ schrie ich so laut ich konnte. Hoffentlich gelang es mir, Cayenne zu halten. Er kratzte ungeduldig mit den Vorderhufen im Schnee. Kurre stampfte wie eine rasende Dampfmaschine an mir vorbei. Es schien hoffnungslos, ihn beeinflussen zu wollen. Und Billy ging mit seiner Reiterin durch. Es sah lebensgefährlich aus. Aber kurz vor dem Stall beruhigte er sich: Aus dieser Entfernung lohnte es sich nicht mehr zu galoppieren. Kurre folgte Billys Beispiel.

Ich atmete auf.

Wir waren wieder in der Reitschule. Die Mädchen stiegen erschöpft und glücklich von ihren Pferden. Ich saß auf Cayenne und ermahnte sie: „Kümmert euch gut um die Pferde. Gebt ihnen Wasser und überprüft vor allem die Hufe – und zwar bevor ihr Kakao trinkt.“

„Das ist doch selbstverständlich“, riefen alle. Sie waren ein wenig beleidigt, „Wofür hältst du uns eigentlich?“

Ich sagte schnell, daß ich nur Spaß gemacht hätte. „Schließlich weiß ich genau, daß ihr die zuverlässigsten und ordentlichsten Kinder der Welt seid. Zufrieden?“

„Schon. Aber wieso Kinder …?“

Ich lachte nur.

Ich war froh, daß Nirre nicht allein mit Silber im Stall war. Billys Reiterin würde schon auf sie aufpassen. Marie kam zu mir und berichtete, daß Organdie sie brav zurückgebracht hätte. Diese Sorge war ich also auch los.

Ich ließ Cayenne an langen Zügeln zu seinem Stall schreiten. Er zeigte immer noch keine Anzeichen von Müdigkeit. Ein solches Pferd muß jeden Tag mindestens zwei Stunden geritten werden, überlegte ich. Ob Lasse mir Cayenne wieder überlassen wird?

Auf dem Heimweg wieherte Cayenne ein paarmal sehnsüchtig. Ich glaube, er vermißte die anderen Pferde. Wenn Lasses Onkel seinen Plan ausführte, mußte Cayenne bald nicht mehr einsam in seinem großen Stall stehen …

Im Stall brannte Licht. Als ich den Fuchs in seine Box führte, sah ich, daß jemand ausgemistet und frische Sägespäne gestreut hatte. Frisches Wasser stand bereit und die Futterkrippe strotzte vor Heu und Hafer. Cayenne stürzte sich sofort gierig auf den Hafer, noch ehe ich ihm die Trense abnehmen konnte.

„Hei! Ist alles gutgegangen?“

Lasse stand plötzlich in der Stalltür, und Goldie schwänzelte um mich herum.

„Dein Pferd ist herrlich“, schwärmte ich. „Vielen Dank, daß du es mir anvertraut hast …“

Während ich Cayenne striegelte, erzählte ich Lasse von unserer Reittour.

„Hör mal, du mußt hungrig sein“, meinte Lasse. „Wir wollen gerade essen. Komm doch mit herein.“

Jetzt merkte ich erst, daß ich tatsächlich furchtbaren Hunger hatte. Und ein Essen, das Lasses Tante zubereitete, schmeckte sicher tausendmal besser als alles, was ich zustande brachte.

„Vielen Dank“, antwortete ich zögernd, „aber meine Schwester wartet auf mich. Sie ist bestimmt genauso hungrig wie ich. Es wäre nicht fair, sie warten zu lassen. Am besten strample ich jetzt auf meinem Fahrrad durch die Dunkelheit zurück …“

Das sagte ich so, als ob ich hundert Kilometer zurücklegen mußte. Meine kleine List hatte Erfolg …

„Ich fahre dich schnell nach Hause“, schlug Lasse vor. „Das Fahrrad kannst du dir ein anderes Mal abholen.“

Und so war ich schnell bei meiner Schwester, die hungrig auf mich wartete.

Rettung in letzter Minute

Es gibt Tage, an denen man zu nichts Lust hat. Alles kommt einem trist und langweilig vor. Nicht einmal der Gedanke an ein wunderbares Pony im Stall kann einen aufheitern. Zum Glück sind solche Tage selten. Aber heute morgen … uff! Draußen herrschten bestimmt fünfzehn Grad minus. Ich hatte keine Lust, aus meinem warmen Bett zu kriechen und den Stall auszumisten.

„Huh, bin ich steif“, jammerte Nirre und versuchte, sich im Bett aufzusetzen. „Mir tut alles weh. Ich wußte gar nicht, daß ich so viele Muskeln habe.“

„Muskelkater“, lachte ich. „Der verschwindet, wenn du dich wieder auf ein Pferd setzt. Ich muß nachher mit einigen Schülern ausreiten. Kommst du mit?“

Nirre machte ein verzweifeltes Gesicht.

„Nicht einmal für Geld komme ich in diesem Zustand auf einen Pferderücken hinauf. Ich bin froh, wenn ich überhaupt aus dem Bett krabbeln kann …“

„Du Ärmste! Wenn es so schlimm ist …“ Ich konnte mir das Lachen nicht mehr verkneifen. Meine Schwester schaute mich wütend an.

„Du kannst gut lachen. Schließlich habe ich jahrelang nicht mehr im Sattel gesessen. Und dann gleich so ein langer Ritt.“

Nirre kroch wieder unter die Bettdecke. Sie murmelte irgend etwas vor sich hin, was ich nur halb verstand: „… und das ausgerechnet in den Weihnachtsferien … mal richtig faulenzen … frühstücken … falls ich nicht wieder einschlafe …“

„Wie gut es manche Menschen haben“, seufzte ich und stieg zitternd aus dem Bett. Huh! Der Fußboden war eiskalt. Reich müßte man sein, dachte ich. Und viele Diener haben, die einem die Arbeit abnehmen.

Als ich in den Stall kam, war die Welt wieder in Ordnung. Ich hatte mich warm angezogen, einen dicken, langen Schal um den Hals gewickelt und eine Wollmütze über die Ohren gezogen. Ich war wieder Britta, der es Spaß machte, frühmorgens die Pferde zu füttern und den Stall auszumisten.

Als ich zurückkam, hatte Nirre Spiegeleier für uns zum Frühstück gebraten.

„Heute gehe ich nicht aus dem Haus“, erklärte sie fröstelnd. „Mußt du heute unterrichten?“

„Ja. Aber es werden nicht viele kommen. Zwischen Weihnachten und Neujahr verreisen die meisten.“

Aber gegen zwölf Uhr war der Stall beinahe so voll wie immer.

Die Mädchen drängten sich und mußten unbedingt ihre neuen Weihnachtsgeschenke vorführen: einen Reithelm, eine Reitgerte oder auch Gummireitstiefel, die für diese Jahreszeit viel zu dünn waren.

„Ihr seid leichtsinnig, Kinder“, schimpfte ich. „Ihr könnt euch die Zehen erfrieren.“

„Meine Mutter verbietet mir, im Stall meine guten Lederstiefel anzuziehen“, verteidigte sich eines der Mädchen.

„Meine auch“, fügte eine andere hinzu. „Die guten Stiefel darf ich nur in die Schule anziehen.“

Was sollte ich dazu sagen? Einige unvernünftige Mütter hatten offenbar keine Ahnung, wie wichtig warme und zweckmäßige Freizeitkleidung ist.

Unser Ausritt wurde das reinste Durcheinander. Aber ich hatte ja schon beim Aufstehen gewußt, daß heute alles schiefging. Lillebror steckte den Kopf zwischen die Vorderbeine und warf seinen Reiter bereits auf dem Hof ab. Dann wurde Sessan, die sonst faul und träge war, plötzlich dickköpfig. Wenn wir trabten, wollte sie um jeden Preis galoppieren. Als sie merkte, daß ihre Reiterin ihr nicht gewachsen war, versuchte sie an mir vorbeizujagen. Aber ich versperrte ihr mit Silber den Weg, ergriff ihre Zügel und zwang Sessan anzuhalten.

Plötzlich hörten wir ein merkwürdiges Geräusch …

Die Ponys spitzten die Ohren. Sie spannten ihre Muskeln, um blitzschnell vor diesem seltsamen Geräusch davonlaufen zu können.

Das Geräusch – ein undefinierbares Rumpeln – kam auf uns zu …

„Da fährt jemand“, rief eines der Mädchen. Tatsächlich. Das Rumpeln kam von einem klapprigen, alten Wagen. Ich fiel vor Überraschung beinahe vom Pferd, als ich sah, daß es Lasse war, der sich von Cayenne ziehen ließ. Die Ponys beruhigten sich ein wenig. Aber am liebsten wären sie rückwärts ausgewichen.

„Du meine Güte“, staunte ich. „Willst du etwa sagen, daß Cayenne schon daran gewöhnt ist, einen Wagen zu ziehen?“

„Na ja“, meinte Lasse zögernd, „um ehrlich zu sein: ich fange gerade an, ihn daran zu gewöhnen. Cayenne hatte gestern so viel Auslauf, daß er heute hoffentlich besonders brav und geduldig ist.“

Ich dachte an meine niederschmetternden Ergebnisse, als ich versucht hatte, Silber vor einen Wagen zu spannen: Mein Pony war jedesmal mit mir durchgegangen.

„Es sieht aber schon so gekonnt aus bei euch“, staunte ich.

Lasse lachte über mein verdutztes Gesicht.

„Tja, es sind eben nicht alle Pferde so veranlagt wie Silber“, stichelte er.

„Vielen Dank“, erwiderte ich ärgerlich. „Aber wer hat denn gesagt, daß so ein ,kleines‘ Pferd kinderleicht einzufahren sei? Und wer hat bei dem ersten Versuch sogar die Deichsel verloren, so daß das ,kleine‘ Pferd außer sich vor Schreck mehrere Stunden umherirrte?“

„Schließlich habe ich alles getan, um Silber zu finden“, antwortete Lasse gereizt.

„Aber wer hat behauptet, Silber einzufahren sei ein Kinderspiel?“ bohrte ich weiter.

„Okay.“ Lasse gab sich geschlagen. „Mit Cayenne habe ich jedenfalls keine Schwierigkeiten.“

Wir ritten in entgegengesetzte Richtungen weiter. Lasse fuhr offenbar hin und her, denn nach einer Weile begegnete er uns wieder. Ich war gerade vom Pferd gestiegen, um Sessan zu beruhigen, die ihre Reiterin schon wieder abwerfen wollte. Lasse grinste, als er an uns vorüberfuhr. Kurz darauf gelang es Sessan endlich, ihre Reiterin loszuwerden und in Richtung Stall auf und davon zu galoppieren.

Zum Glück war Kicki mit Rauhbein unterwegs. Sie versperrte Sessan den Weg und brachte sie zu uns zurück. Ich tauschte die Pferde aus: Sessans Reiterin bekam Silber und ich übernahm Sessan.

Trotzdem kamen wir nicht weit: Lillebror wollte beim Galoppieren seine Kraft beweisen. Er bäumte sich auf, warf seine Reiterin aus dem Sattel und lief in den Wald.

„Ihr macht mich noch verrückt“, seufzte ich kopfschüttelnd. „Wenn ihr unbedingt immer wieder hinunterpurzeln müßt, haltet doch wenigstens die Zügel fest.“

In diesem Augenblick rumpelte Lasse zum drittenmal an uns vorüber. Er schaute uns mit großen Augen an und fragte sich sicher, was das für ein komischer Unterricht sei.

Wir hatten noch einmal Glück: Lillebror verfing sich in den Zügeln. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten, bis wir ihn befreiten.

„Mit euch zu reiten ist aufregender und anstrengender als eine Himalaya-Expedition“, erklärte ich lachend. „Kommt, wir galoppieren nach Hause, bevor ihr noch mehr anstellen könnt. Außerdem wird es bald dunkel.“

Es kam mir vor, als würde es von Minute zu Minute kälter. Ich sehnte mich nach meiner warmen, gemütlichen Küche und nach einer Tasse heißem Kaffee.

Plötzlich hörte ich das ferne Donnern eines Hubschraubers. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Die Pferde warfen ihre Köpfe zurück und wurden unruhig. Sie schnaubten und wollten schneller laufen, um dem seltsamen Grollen zu entkommen. Ich durfte keine Panik aufkommen lassen, weder bei den Pferden noch bei den kleinen, teilweise unerfahrenen Reitern. Die Folgen wären nicht auszudenken. Die Pferde waren heute sowieso schon dickköpfig und schwer zu zügeln. Der Hubschrauber konnte eine Katastrophe auslösen.

„Keine Angst, Kinder“, rief ich. „Reitet langsamer und versucht, eure Pferde zu beruhigen. Sie hören nicht zum erstenmal einen Hubschrauber. Auch wenn sie das laute Dröhnen nicht gerade gern mögen.“

Sessan schüttelte nervös den Kopf, und ich spürte, wie sie zitterte.

„Ruhig, Sessan. Ganz ruhig“, beschwichtigte ich sie. „Das Geräusch kennst du doch.“

Ich beugte mich vor und klopfte ihren kräftigen, blaßgelben Hals. Dann schaute ich mich nach den anderen Pferden um. Silber und Lillebror legten ihre Ohren zurück und lauschten angespannt auf das langsam näherkommende, bedrohliche Knattern des Hubschraubers. Die beiden Pferde sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick vor diesem gewaltigen, lauten Vogel in der Luft die Flucht ergreifen und mit ihren Reitern auf und davon galoppieren. Billy war noch unruhiger. Er bockte und versuchte mit allen Mitteln, seinen Reiter loszuwerden. Aber Martin kannte sein Pony inzwischen gut. Er saß wie ein Klammeraffe im Sattel und ließ sich nicht abschütteln.

Wir ritten jetzt durch einen dichten Wald, der den Lärm des Motors etwas dämpfte. Die Pferde beruhigten sich ein wenig. Aber sie blieben wachsam und mißtrauisch. Ich konnte nur hoffen, daß es dem Hubschrauberpiloten nicht plötzlich einfiel, sich die Erde aus größerer Nähe anzusehen und im Tiefflug über uns hinwegzudonnern.

Als wir wieder offenes Feld erreichten, stellte ich mich in die Steigbügel und hielt Ausschau nach dem Krachvogel. Erleichtert stellte ich fest, daß der Hubschrauber abgebogen war und in weitem Kreis zurückflog.

„Und wenn er zurückkommt?“ fragte Martin besorgt.

„Dann sind wir hoffentlich längst zu Hause und versorgen unsere Pferde mit köstlichem Hafer und uns selbst mit warmem Kakao“, antwortete ich zuversichtlich.

„Seht mal, was für ein wunderschönes Abendrot“, staunte das Mädchen, das hinter mir auf Silber ritt.

„Au fein“, rief ein anderes begeistert. „Dann fällt morgen bestimmt ganz viel Schnee.“

Ich schaute gedankenverloren auf den farbenprächtigen Himmel. Es war eine wunderschöne Stimmung … Aber irgend etwas störte mich,,,

„Ihr dummen Gänse“, spottete Martin. „Seit wann geht denn die Sonne im Osten unter?“

„Natürlich“, rief ich erschrocken. „Das ist kein Abendrot. Das ist der Widerschein eines Feuers.“

„Es brennt … Es brennt …“, schrien die Mädchen aufgeregt.

„Wo denn?“

„Das weiß ich nicht.“

„Jedenfalls nicht auf der Reitschule“, stellte ich fest. „Sie liegt viel weiter westlich.“

„Vielleicht hat noch niemand das Feuer entdeckt“, überlegte Martin. „Wir müssen sofort hinreiten.“

„Ist das nicht gefährlich?“ Silbers Reiterin sah mich ängstlich an. „Ich habe noch nie ein richtiges Feuer gesehen. Nur einmal in einem Cowboyfilm.“

„Dann reite nach Hause und krieche unter den Rock deiner Mutter, du Bleichgesicht. Der große Häuptling kennt keine Furcht, wenn es gilt, Menschenleben zu retten“, prahlte Martin und klopfte sich auf die Brust.

Vielleicht war tatsächlich jemand in Gefahr. Vielleicht brannte ein Stall und die Tiere versuchten verzweifelt sich loszureißen. Oder es war nur ein dummer Jungenstreich, ein harmloses Lagerfeuer mitten auf dem Feld. Aber nein, dafür war der Widerschein zu groß …

„Ich reite auf Silber voran“, entschied ich. „Ihr haltet euch dicht hinter mir. Sollten die Pferde unruhig werden, weil sie Flammen sehen oder Rauch wittern, dann halten wir sofort an.“

Sicher wäre es vernünftiger gewesen, die mir anvertrauten Schüler erst zur Reitschule zurückzubringen. Aber darüber wäre viel zuviel Zeit vergangen. Allein konnte ich sie auch nicht nach Hause reiten lassen. Ich hoffte, unweit der Brandstelle eine Koppel zu finden, wo ich die Kleinen mit ihren Ponys sicher zurücklassen konnte.

Silbers Mähne flatterte im Wind, während seine Hufe auf den hartgefrorenen Schnee hämmerten. Ich versuchte mich zu erinnern, welche Höfe oder Siedlungen in Richtung des Feuers lagen. Mir fiel nur ein alter, verlassener Hof ein, der wenige Kilometer von der Reitschule entfernt lag. Der Hof stand schon lange zum Verkauf. Ich wußte nicht, ob ihn inzwischen jemand erworben hatte.

Plötzlich warf Silber den Kopf hoch und wieherte. Gleichzeitig spürte ich, wie ein Zittern über den Körper meines Pferdes lief.

„Was hast du, Silber? Was ist los?“ flüsterte ich.

Silber wieherte noch einmal leise und drehte den Kopf zurück. Jetzt roch ich es auch: Ein kräftiger Windstoß trieb Rauch in meine Nase. Ich hielt Silber sofort an und gab den anderen ein Zeichen, ebenfalls stehenzubleiben.

„Es riecht nach Feuer“, stellte Martin fest und steckte seine Nase wie ein aufgeregt schnuppernder Hund in die Luft.

„O ja, ich rieche es auch“, rief ein Mädchen erschrocken.

„Ich glaube, ich weiß wo das Feuer herkommt“, meldete sich Martin. „Da oben, hinter dem Hügel, liegt doch dieser verlassene Hof …“

„Daran habe ich auch schon gedacht. Kennst du den Hof?“ fragte ich überrascht.

„Ich war mal mit dem Moped dort. In den Scheunen kann man herrlich Räuber und Gendarm spielen.“

Ich schaute mich um. Es war noch nicht ganz dunkel. Außerdem wurde der Schein des Feuers hinter dem Hügel immer heller. Ein paar Meter vor uns entdeckte ich eine Koppel. Der Zaun war hoch genug und schien intakt zu sein.

„Bringt die Ponys hier hinein“, forderte ich meine Schüler auf und öffnete das Gatter.

„Warum denn?“ protestierte Martin.

„Willst du, daß die Ponys aus Angst vor den Flammen mit euch durchgehen?“ fragte ich.

„Und wenn ich Billy am Halfter führe?“

„Du weißt genau, daß er stärker ist als du.“

„Na ja, vielleicht“, gab Martin zu. „Dann laufe ich eben zu Fuß.“

„Hör mal gut zu, Martin. Wir können doch die kleinen Mädchen hier nicht allein zurücklassen. Sie haben viel zuviel Angst. Du mußt sie beschützen, während ich schnell zum Hof reite. In ein paar Minuten bin ich wieder hier. Dann beratschlagen wir gemeinsam, was wir tun.“

Martin murmelte noch irgend etwas Unverständliches vor sich hin. Aber schließlich war er einverstanden. Er sah wohl ein, daß er als Beschützer eine wichtige Aufgabe hatte.

Ich hatte kaum mit Silber den Hügel erreicht, da sah ich das Feuer: Eine große Scheune stand lichterloh in Flammen und erhellte gespenstisch den dunklen Himmel. Der Hof lag ganz verlassen. Der Brand war noch nicht bemerkt worden.

Obwohl ich weder Menschen noch Tiere entdecken konnte, wollte ich doch sichergehen. Ich band Silbers Halfter an einen Baum und rannte zur Scheune.

In diesem Augenblick stürzte die Scheune krachend in sich zusammen. Ein gewaltiger Funkenregen ergoß sich über den angrenzenden Stall. Sofort fing das Dach an zu brennen. An den Balken leckten Flammenzungen. Die Heuballen, die neben dem Stall gestapelt waren, brannten lichterloh.

Plötzlich übertönten kurze, schnell aufeinanderfolgende Donnerschläge das laute Prasseln des Feuers. Irgend etwas schlug von innen wild gegen die Stalltür. Es klang wie … Um Gottes willen …! Wie Hufe, die gegen Holz trommelten …

Ich traute meinen Ohren nicht. War in dem brennenden Stall vielleicht ein Pferd gefangen? Verzweifeltes Wiehern bestätigte meine furchtbare Vermutung. So schnell ich konnte, rannte ich zur Stalltür. Ich kam nicht weit: Der Rauch brannte mir in Augen und Nase. Ich schützte mein Gesicht mit den Armen, aber das genügte nicht. Der beißende Rauch drang weiter in meine Lunge. Das Trommeln der Hufe wurde immer heftiger. Wie konnte ich dem armen Tier nur helfen?

Ich hustete und wischte mir mit meinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Das Taschentuch! Das war die Lösung. Ich drückte das Taschentuch in den Schnee, bis es ganz naß war. Sicherheitshalber machte ich mit meiner Pudelmütze das gleiche.

Ich prägte mir die Verriegelung der Stalltür ein, hielt das Taschentuch schützend vors Gesicht und stapfte durch Hitze und Rauch die wenigen Meter zur Stalltür. Der Riegel ließ sich mühelos zur Seite schieben. Ich riß die Tür auf und erwartete, daß ein Pferd in Todesangst herausstürmte. Nichts dergleichen geschah. Nur das Wiehern und das Schlagen der Hufe wurde lauter.

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9788711520833
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